Autor Thema: Different World, Same Story  (Gelesen 1246 mal)

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Offline DAOGA

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Re: Different World, Same Story
« Antwort #15 am: 13. April 2022, 15:04:02 Uhr »
Nach der Ankunft zwei Stunden später schließlich das übliche Staunen. Das riesige alte Herrenhaus mit seinen zahlreichen moderneren Seitenflügeln wirkte nach außen hin abweisend wie eine antike Burg, einschließlich schießschartenähnlich schmaler Außenfenster in den unteren Stockwerken, bizarrer Wasserspeier auf den Dächern und seltsamer Statuen und Schilderhäuschen entlang der Zufahrt, die aussahen wie vergessene Props aus einem Fantasyfilm, aber sehr effektive Abwehrwaffen gegen eindringende Feinde der natürlichen wie übernatürlichen Art bargen, wie Richards seinen Gästen erklärte.
„Bitte stellen Sie die Effektivität der Maßnahmen lieber nicht auf die Probe, Ladies and Gentlemen,“ sprach er dazu wie ein Fremdenführer. „Ich kann nicht garantieren, daß Sie den Erkenntnisgewinn überleben würden. Diese Anlagen sind für die Abwehr von sehr gefährlichen Kreaturen gemacht. Auch im Haus selbst gibt es eine No-Go-Area, in die selbst ich als Hausherr mich nicht verirre, wenn ich nicht eingeladen werde. Nämlich der Trakt, in dem meine Computerhacker residieren. Die sind Kreaturen der Nacht und werden selten vor Mitternacht lebendig. Das Zutrittsverbot dort gilt ganz besonders für Sie, meine Herren Agenten.“ Wylie hatte es problemlos geschafft, sich die ganze Zeit hinter der Limousine zu halten, und war wieder Teil der Gruppe.
Da jetzt beide Agenten wußten, wo das mysteriöse Zuhause des mysteriösen Mr. Richards lag, fühlten sie sich bereits bedeutend sicherer.
„Ich werde Ihnen später den Zugang zeigen, aber versuchen Sie bitte im eigenen Interesse niemals, sich dort unbefugten Zutritt zu verschaffen. Sonst kann ich nicht für Ihr Überleben garantieren, meine Computerfreaks haben eine angeborene Aversion gegen Bundesagenten. Ich weiß, daß sie dort drin Umbauten vorgenommen haben, aber selbst ich weiß nicht, welche Sicherheitsvorrichtungen dabei entstanden, mit ein paar Klassikern wie beweglichen Wänden oder Falltüren mit angespitzten Pfählen darunter müssen Sie in jedem Fall rechnen. Plus ein paar elektrischer Spielereien, die einen elektrischen Stuhl vermutlich wie einen Kindergeburtstag aussehen lassen. Unterschätzen Sie niemals die Kapazität für schwarzen Humor bei diesem Gesindel.“
Dabei grinste er schräg, weil er wußte, daß sie gerade in Reichweite eines Mikrophons und einer Kamera waren, die besagtes Gesindel zur besseren Überwachung des Hauses versteckt angebracht hatte. Im Trakt der Hacker amüsierte man sich wahrscheinlich gerade köstlich. Selbstverständlich nahm die Bande jeden Besuch von Tom genauestens unter die Lupe, das gehörte mit zu ihren Pflichten als Mitglieder des hauseigenen Sicherheitsteams.
„Der Bau des ältesten Traktes wurde im Jahr 1742 begonnen, daher gehört Lyonshome Manor mit zu den ältesten Gebäuden im Umkreis von Washington, DC. Da es sich aber immer im Privatbesitz befand und ohne Erlaubnis des Eigentümers, das ist moi, Mesdames et Messieurs, nicht besichtigt werden darf, taucht es kaum jemals in Veröffentlichungen auf. Es ist mehr oder weniger ein unbemerkter weißer Fleck auf allen Landkarten. Sogar Satelliten sind blind, sobald sie ihre Augen auf uns richten, dafür habe ich gesorgt. Außer meine Hacker wollen gezielt einen anfunken. Raus geht alles, rein nur das was wir erlauben. Dagegen können Ihre sicheren Häuser nicht anspucken, meine Herren Agenten.“
Er führte soeben die Gruppe durch das Haus, über Treppen und durch Flure, bis sie die Orientierung verloren, bis zu einer Tür, die er öffnete.
„Mein Arbeitszimmer. Dahinter sind meine privaten Gemächer, die aber sehr bescheiden sind, da ich sie kaum außer zum Umziehen und Schlafen benutze.“
Das definitiv auffälligste am Arbeitszimmer war neben den zahlreichen Antiquitäten, die Regale entlang der Wände füllten, das große Ölgemälde hinter dem geräumigen Schreibtisch aus poliertem antikem Holz, ein Brustbild eines Mannes, der Richards in geradezu unheimlicher Weise ähnelte, nur daß er einen Schnurrbart trug. Aber das Bild mußte mindestens schon zweihundert Jahre alt sein, da ein weiteres Exemplar, eine Kopie? Oder war es das Original und das hier die Kopie? - in der Nationalgalerie hing.
Zumindest Wylie erkannte den Abgebildeten sofort, dank seiner Kluft, soviel davon abgebildet war, und das war der Grund, warum er bei Richards schon die ganze Zeit das Gefühl gehabt hatte, ihn wiederzuerkennen. Aber nicht aus der Verbrecherkartei, sondern von woanders her.
Jetzt konnte sein Gesicht sein verblüfftes Grinsen gar nicht mehr fassen, denn in Verbindung mit dem, was Richards ihnen vor Stunden in dem Lokal erzählt hatte --
„Captain DeVille. Es ist mir eine Ehre.“ brachte er schließlich hervor.
„Ganz zu Ihrer Verfügung, Monsieur.“ entgegnete Tom geziert und tat so, als würde er mit höfischer Verbeugung einen altmodischen Hut schwenken.
Paul und Scott sahen verständnislos drein, Fox zwinkerte nur. Was war jetzt das wieder für ein Unfug?
„Sehen Sie doch. Captain Devil, alias Thomas DeVille.” sagte Wylie aufgeregt, aber er deutete nicht auf das Gemälde, sondern auf Tom. „Der berühmte Freibeuter! Von dem haben Sie doch sicher schon mal was gehört!“
„Der, der mitsamt seinem Schiff geradewegs in die Hölle fuhr?“ fragte Fox spöttisch, als ihm aufging, worauf Wylie hinauswollte.
„Die Berichte über mein Ableben waren stark übertrieben, wie üblich. Aber nützlich. So konnte ich problemlos als mein eigener Sohn, Thomas Mackerell der Erste, der angeblich in Europa aufgewachsen war, hier wieder auftauchen. Mein ganzer Hausstand und meine Freunde wußten natürlich alle, daß sie es mit dem gleichen alten Adam zu tun hatten, aber der damals noch unterentwickelten Bürokratie war damit Genüge getan, da jeder mich als meinen eigenen Sohn und Erben anerkannte. Zumal sie die Notwendigkeit des kleinen Betruges einsahen. Beinahe-Unsterbliche können und dürfen bekanntlich nicht existieren, daher muß ich so alle 60 bis 70 Jahre meine Identität erneuern.“ lächelte Tom.