Autor Thema: Different World, Same Story  (Gelesen 42 mal)

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Offline DAOGA

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Different World, Same Story
« am: 4. Februar 2021, 17:15:48 Uhr »
Und in noch einer weiteren Dimension trifft ein Tom Richards auf einen bestimmten Starman und die Agenten, die hinter ihm her sind. Diesmal auf deutsch, für alle die des Englischen nicht mächtig sind.  8)
Enjoy!


Thomas Adalmar Richards der Dritte, ein Doktor der Medizin und mit vielen weiteren Titeln versehen, war auf der Jagd.
 
Die betrieb er heute vom Beifahrersitz der “Angeberkutsche” aus, der größten Limousine in seinem Fuhrpark, die normalerweise wirklich nur zum Protzen und Angeben benutzt wurde, wenn man jemanden beeindrucken wollte, der Tom bisher noch nicht kannte -
denn jeder, der ihn kannte, wußte ganz genau, daß ein Tom Richards es nicht nötig hatte extra zu protzen, er war schon im normalen Leben beeindruckend ... oder verrückt ... genug.
 
Am Steuer des Wagens saß sein treuer Butler und Bodyguard Larry Kiromoto, ein Halbjapaner, ehemaliger Yakuza und Samurai aus Überzeugung.
Anfänglich hatte es Larry etwas entnervt, daß Tom außer zu besonderen Gelegenheiten darauf bestand, auf dem Beifahrersitz mitzufahren. Der geehrte Fahrgast hatte gefälligst hinten im bestens mit Minibar und Schlafmöglichkeit ausgestatteten Fond Platz zu nehmen!
Allerdings verstand Larry den Grund. Tom hatte den größten Teil seines Lebens in Zeiten verbracht, in denen eine Fahrt mit einem Wagen bedeutete, in eine enge, unbequeme Rappelkiste eingesperrt zu sein. Da hatte Tom es immer vorgezogen, sich lieber draußen neben dem Kutscher die frische Luft um die Nase wehen zu lassen, wenn es diese Möglichkeit gab.
Diese Angewohnheit hatte er bis heute nicht abgelegt, im übertragenen Sinn, weshalb der Beifahrersitz ihm gehörte, wenn kein weiterer Fahrgast anwesend war.
Und bis jetzt war noch keiner da, aber da Tom für die heutige Ausfahrt ausgerechnet dieses besonders ausladende und durstige Fahrzeug gewählt hatte und kein praktischeres und zugleich sparsameres Gefährt, war vermutlich mit einem baldigen Zugang zu rechnen, der beeindruckt werden sollte. Larry kannte seinen Arbeitgeber inzwischen, der tat nie etwas überflüssiges, und trotz seines immensen Reichtums blieb er sparsam, wo er konnte.
Zu Larrys Glück hatte Tom sich schon früh als sehr angenehmer Beifahrer erwiesen, der gleich nach Abfahrt in einen geradezu meditativen Zustand verfiel, die Welt draußen mit den großen Augen eines Kindes an sich vorbeiziehen ließ und kaum jemals ein Wort äußerte, außer vielleicht eine Kursänderung vorzugeben. Seine übliche Gesprächigkeit ersparte er sich hier in der einsamen Zweisamkeit mit Larry, denn plappern nur um des Geräusches willen, war keine Tugend in den Augen eines Samurai.
Nur das zeitweilige leichte Aufleuchten des mächtigen Zaubersteins im Knauf des Silberstocks, der selbstverständlich immer mit dabei war, zeigte an, daß er sich unterwegs Informationen einholte, zu Dingen an denen sie vorbei kamen, oder anderen, mit denen sein Herr sich gerade in Gedanken befaßte, und aus Quellen die Larry verborgen blieben und die mit hoher Wahrscheinlichkeit von übernatürlicher Art waren. Aber der treue Butler war es gewöhnt, daß Tom nicht nach normalen Maßstäben zu messen war.
Fahrten wie diese, in denen die anfänglichen mehr als dürftigen Kursangaben - erst mal geradeaus in diese Richtung, und dann irgendwann abbiegen, je nachdem wie die übernatürlichen Signale, die nur ein Tom Richards wahrnehmen konnte, ihn lenkten - hatte er bereits ein paar mitgemacht, und meistens hatte Tom sein Ziel gefunden, seine Beute erlegt, welcher Art sie auch gewesen sein mochte.
Wobei das Wort Beute sich in keinem Fall auf unschuldige Tiere bezogen hatte, denn der herkömmlichen Jagd hatte Tom schon vor sehr langer Zeit abgeschworen.
Heute war er ein Jäger von ... Gelegenheiten. Von Potentialen, anders konnte Larry es nicht ausdrücken. Einmal hatte sein Spürsinn sie beispielsweise sicher zu einem gerade erst geschehenen schweren Unfall geführt, ein Unfall der noch gar nicht stattgefunden hatte, als sie losgefahren waren - was Toms regelmäßige Behauptungen, seine hellseherischen Fähigkeiten seien keinen rostigen Dime wert, ad absurdum führte.
Der Motorradfahrer, dem er damals auf blutigem Asphalt das Leben gerettet hatte, gehörte heute zu Toms besten und sicher wüstesten Freunden.
Ein anderes Mal hatte Toms Spürsinn Alarm geschlagen, als er von Problemen einer Baustelle von einer seiner vieler Firmen mit Umweltschützern erfuhr, die unbedingt ein schon den Indianern heiliges Naturdenkmal vor den allesfressenden Baumaschinen schützen wollten.
Wie durch Zauberei, oder wie ferngesteuert, erfuhr Larry später durch seinen eigenen Nachrichtendienst, hatte Tom gerade die Seiten dieses Berichtes aus Stapeln von anderen gezogen, als er wegen einer turnusmäßigen Überprüfung gerade in den Räumen dieser Baufirma weilte.
Ihre sofortige Inspektion vor Ort ergab, daß das Naturdenkmal in der Tat schutzwürdig war, weil es nichts geringeres als ein "Ruheplatz für Drachen“ war, zwischen einem Berg und einem nahen Fluß gelegen, jedenfalls nach der altehrwürden Kunst des Feng Shui, mit der sich Tom ebenfalls befaßte.
Einen solchen Ort, durch den angeblich die Energien der Erde strömten wie durch eine wichtige Schlagader, durch Baumaßnahmen zu zerstören oder auch nur zu stören, bedeutete ganz massives Unglück herbeizubeschwören.
Tom hatte in seinem langen Leben schon zu viel gesehen und erlebt, um dieses Risiko einzugehen, zumal wenn sein Spürsinn ihn sehr nachdrücklich auf diese Angelegenheit hinwies.
Als Ergebnis waren die Baupläne massiv überarbeitet worden und das schutzwürdige Denkmal zum grünen Zentrum der Neubausiedlung erklärt, mit der festen Auflage, es niemals zu bebauen oder sonstwie zu verändern. ... Und die Werbung für die Neubauwohnungen war um einige dezente Hinweise auf das günstige Feng Shui ergänzt worden, was finanziell potente chinesischstämmige Kunden angelockt hatte. So sorgte die gute Tat für ihre eigene Belohnung.
Da sich Toms Fahrten ins Blaue hinein somit immer als reinste Wundertüten erwiesen, Ergebnis vorher einfach nicht absehbar, war Larry auch diesmal gespannt, ob die unsichtbare Spur sie ans Ziel führen würde, und an welches, oder ob sie unterwegs aus unnennbaren Gründen versandete. Er war jedenfalls für alles bereit.
Sein Orientierungssinn samt Sonnenstand verrieten ihm, daß sie sich offenbar dem Ziel näherten, weil sie seit einiger Zeit eine immer enger werdende Spirale beschrieben, so gut es der Straßenverlauf zuließ.
Sie umkreisten ihren Bestimmungsort bereits, was auf einen Volltreffer hindeutete. Allzuviel gab es in dieser eher dünn besiedelten, ländlichen Gegend nämlich nicht, was einen Tom Richards interessieren konnte. Was immer es war, vermutlich stach es aus dieser Umgebung heraus wie der metaphorische kranke Daumen.
Ein Inn kam in Sicht. Eine kleine, verschlafene Raststätte für Durchreisende und den einen oder anderen müden Trucker, die nicht so aussah, als hätte sie jemals genug Kundschaft, um den Laden zu füllen.
„Halt dort an.“ befahl Tom, und Larry gehorchte. Noch bevor er selbst ausgestiegen war und Tom die Tür aufmachen konnte, wie es einem Butler zustand, war der schon selbst draußen, streckte kurz seine Muskeln und tigerte dann mit neuer Energie auf den Lokaleingang zu, so energisch als wolle er das einfache Gebäude gleich eigenhändig einreißen.
Larry beeilte sich ihm zu folgen, denn schließlich umfaßte seine Jobbeschreibung auch die des Leibwächters, und auch wenn er wußte, daß Tom sich besser selbst schützen konnte als jeder Leibwächter auf Erden es fertiggebracht hätte, so war doch der Halbjapaner immer darauf bedacht, wenigstens den Schein zu wahren.


Offline DAOGA

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Re: Different World, Same Story
« Antwort #1 am: 8. Februar 2021, 17:31:55 Uhr »
Sein wachsamer Blick durch die Schaufenster des Lokals konnte nur drei Personen ausmachen, ein Mann, der augenscheinlich der Wirt und vielleicht zugleich auch der Lokalbesitzer war, und ein etwas abgerissen aussehender Mittvierziger mit einem pubertären Jungen, die nach Vater und Sohn aussahen. Anwohner aus der Umgebung möglicherweise, denn auf dem Parkplatz vor dem Lokal stand im Moment kein anderer Wagen außer der „Angeberkutsche“. Aber vielleicht waren sie auch hierher getrampt, so abgerissen wie sie aussahen. 
In der offenen Tür blieb Tom stehen und orientierte sich, und Larry wußte genau, daß auch sämtliche übernatürlichen Sensoren des Mannes jetzt auf Hochtouren liefen. Und dann, ganz plötzlich, veränderte sich sowohl Toms Gesichtsausdruck als auch seine Haltung, aus offen sichtbarer, kaum gebändigter Energie wurde das lautlose, kraftvolle, konzentrierte Schleichen einer großen Raubkatze auf Beutezug. Doch ein Feind konnte es nicht sein, den Tom hier mit einem jähen Sprung zu überraschen dachte, weil er dabei nämlich über das ganze Gesicht strahlte.
Ein lange nicht mehr gesehener Bekannter oder Freund also, der gleich mit einer Überraschung rechnen konnte, dachte sich der Butler, dessen Brötchengeber nie Probleme damit hatte, neue Bekanntschaften in jeder nur denkbaren Umgebung oder Gesellschaft zu schließen.
Und noch etwas passierte, was Larry schon ein paarmal beobachtet hatte, daß Tom nämlich bei dieser Verwandlung unsichtbar zu werden schien, nicht indem er real verschwamm und mit seinem Hintergrund verschmolz, sondern es wirkte, als würden die Sinne von Zuschauern sich auf einmal weigern, seine Anwesenheit noch zur Kenntnis zu nehmen.
Ein Auratrick, hatte Tom diese Fähigkeit einmal erklärt, Menschen ließen sich davon täuschen, jedenfalls die meisten und wenn sie nicht darüber Bescheid wußten, Kameras und andere elektronische Geräte jedoch blieben unbestechlich.
„Das sind nicht die Droiden, die Sie suchen.“ hatte Tom das in seiner saloppen Art und mit lässiger Handbewegung erklärt. Ein Lob der Trivialkultur, die das Unerklärliche zum Selbstverständlichen werden ließ.
Larry wußte jedenfalls Bescheid und konnte daher Tom weiterhin im Auge behalten, während die drei Personen im Lokal, mehr waren tatsächlich nicht anwesend, ihre Ankunft draußen schon vorher ignoriert hatten, weil sie gerade miteinander beschäftigt waren. Und jetzt würden sie es erst mal schwer haben, den sich anschleichenden Mann überhaupt wahrzunehmen ...
Der abgerissene Mittvierziger und Sohn schienen typische Drifter zu sein, wohnsitzlose Gelegenheits- und Wanderarbeiter, von denen es viele in den Staaten gab.
Daß ein Mann seinen bestimmt noch schulpflichtigen Sohn mit auf Reisen nahm, kam eher selten vor, aber vielleicht hatten sie sich gerade erst in der Gegend niedergelassen, oder die Mutter des Jungen war verstorben oder hatte die beiden verlassen. Kam alles vor, Larry wollte nicht urteilen. Er hatte das „Aushilfe gesucht!“ - Schild draußen am Schaufenster registriert, der Rest erklärte sich von selbst.
Der Wirt schien aber nicht auf Anhieb von den Qualitäten der Bewerber überzeugt zu sein, hatte vermutlich schlechte Erfahrungen mit fremden Kräften ohne ortsansässige Fürsprecher gemacht. Deshalb war das Bewerbungsinterview wohl etwas ausgiebiger als sonst und noch längst nicht zur allgemeinen Zufriedenheit abgeschlossen, als sich Tom Richards gerade von hinten anpirschte.
Der Junge sprang vor Schreck bestimmt einen halben Meter hoch, als an passender Stelle eine Stimme scheinbar aus dem Nichts sich einmischte: „Ich engagiere Sie, für alles was Sie mir bieten können!“ und zugleich Tom Richards in aller langhaariger Pracht plötzlich rematerialisierte.
Auch der Wirt machte große Augen, nur der Bewerber nicht, als habe er Toms Annäherung trotzdem wahrgenommen, denn für jemanden, der sich erschreckt hätte, drehte er sich einen Tick zu langsam um. Eine blitzschnelle wachsame Musterung sagte dem dunkelhaarigen und bartstoppeligen Mann, daß sein Gegenüber erst mal kein Cop zu sein schien, und auch sonst keiner, der sich ohne Not mit Herumtreibern anlegte, das gleiche galt für den Mann mit dem unverkennbar asiatischen Einschlag, der wie ein Wächter am Eingang stehengeblieben war.
„Mein Name in dieser Inkarnation ist Thomas Adalmar Richards der Dritte, ich bin SO erfreut Sie kennenzulernen. Bitte nennen Sie Ihren Preis.“ sprach Tom betont aber ohne Unterbrechung weiter und streckte dem Fremden mit einer leichten Verbeugung die Hand entgegen, und Larry im Hintergrund staunte jetzt, denn wenn Tom schon mal selbst einen Bewerber für eine seiner vielen Unternehmungen annahm, dann bot er ihm kaum gleich Haus und Hof mit an, indem er die Lohnhöhe dem anderen zur Entscheidung überließ.
Was immer Tom in diesem Mann erkannte - es mußte verdammt wichtig oder wertvoll sein.
Der Mann tauschte mit seinem Jungen einen Blick aus, der zweifellos überrascht wirkte. Übrigens war der Junge ein paar Schritte zurückgewichen und hatte eine Hand in der Jackentasche versenkt, was Larry bei seinem früheren Arbeitgeber genötigt hätte einzuschreiten, weil auch ein Minderjähriger jederzeit ein Butterfly-Messer, eine Schußwaffe oder etwas ähnliches mitführen konnte.
Doch nicht bei einem Tom Richards, der sich sichtlich zusammenreißen mußte, um im Anblick seines Zielobjekts nicht höchst unwürdevoll übers ganze Gesicht zu grinsen wie ein Honigkuchenpferd. Im Moment konnte wirklich nichts Toms Freude über diesen Fang trüben, auch kein feindseliges Anhängsel.

Offline DAOGA

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Re: Different World, Same Story
« Antwort #2 am: 19. Februar 2021, 16:17:54 Uhr »
Tom und der Fremde blickten sich in die Augen, vollkommen aufeinander konzentriert, und nach einem kurzen Zögern nickte der Dunkelhaarige und nahm Toms Hand. Und sofort -
kaum daß ihre Hände sich berührten, zuckten sichtbar feine blaue Blitze hin und her, als würde mindestens einer der beiden unter Strom stehen - oder als würde einer von ihnen eine kleine Elektrisiermaschine, einen Scherzartikel, verwenden.
Doch keiner der beiden zog reflexhaft seine Hand zurück oder zeigte Anzeichen von Unbehagen, keiner sah auch nur hin, so fixiert waren sie aufeinander, es war als würden sie das Schauspiel gar nicht bemerken - oder aber es für selbstverständlich halten.
Was zumindest bei einem Tom Richards nicht ausgeschlossen war, und bei dem Fremden möglicherweise ebenso, überlegte Larry, dem spätestens jetzt aufging, daß sie es hier nicht mit gewöhnlichen Driftern zu tun hatten. Aber seit wann wäre etwas, was die Aufmerksamkeit eines Tom Richards auf sich zog, so ganz normal gewesen.
Der Händedruck dauerte. Zu lange. Es war kein Kräftemessen irgendeiner Art, die beiden blickten sich nur ruhig und lächelnd an, ohne eine Miene zu verziehen oder einen Muskel zu rühren, aber die kleinen Blitze zuckten und züngelten weiterhin, bis sie plötzlich schlagartig erloschen. Da hatte eine Form von Kommunikation stattgefunden, wußte Larry. Telepathisch oder in einer ähnlichen Form, und intensiver als jedes normale Gespräch je hätte sein können, diesen Trick kannte er - allerdings ohne Blitze - bereits von seinem Herrn.
Die beiden wußten jetzt, was sie voneinander zu halten hatten. Der Fremde trat einen Schritt zurück, lächelte breiter - mit diesem Lächeln mußte er viel Erfolg bei den Frauen haben, dachte Larry - und sagte: „Ich glaube, ich würde sehr gern für Sie arbeiten, Mr. Richards.“
Dann blickte er zu seinem Sohn, der immer noch in Habacht-Stellung auf die erste falsche Bewegung der Fremden lauerte, um zu tun was immer ihm möglich war.
„Er ist in Ordnung, Scott.“ sagte er beruhigend, und der junge Mann entspannte sich ein wenig, aber nicht ganz.
„Hat er dir wehgetan, Dad?“ fragte er besorgt. Die Hand war immer noch in seiner Jackentasche.
„Wir haben - kommuniziert. Er ist in Ordnung.“
„Was für ein Kompliment. Die meisten Leute sagen, ich bin hoffnungslos verrückt.“ bemerkte Tom mit seinem burschikosesten Grinsen.
„Und du bist sein Sohn, Scott Hayden, ja?“ freute er sich, die bedrohliche Haltung des Jungen scheinbar nicht bemerkend. „Freut mich auch, dich kennenzulernen. Ich hoffe, du schlägst zumindest ein wenig nach deinem Vater.“ Und streckte ihm die Hand entgegen.
„Ohne Lightshow diesmal,“ grinste er, als er die unwillkürliche Rückwärtsbewegung bemerkte, „diese Art von Unterhaltung hast du sowieso noch nicht zu lesen gelernt.“
„Woher wissen Sie das?“ fragte Scott etwas entgeistert. Daß dieser Mann in der Tat nicht normal war, vielleicht sogar von der gleichen Art wie sein Vater, so viel hatte er bereits begriffen, aber daß er auch noch in Anwesenheit Dritter, von denen zumindest der Lokalbesitzer nicht wußte was Sache war, so offen sprach und handelte - das konnte er nicht begreifen.
„Ich sehe es an deiner Aura. Wenn du in Auratechniken Erfahrung hättest, würde sie ganz anders aussehen. Dein Vater konnte dir das wohl nicht beibringen, weil er selbst in Auratechniken nach Menschenart nicht ausgebildet ist. Da habe ich mir wohl gleich zwei Lehrlinge zum Preis von einem eingefangen.“ Und dabei lachte er breit. Auch er hatte ein hübsches, anziehendes Lachen - und freundlich, selbst im Triumph über seine neuste Errungenschaft.
„Sind Sie - wie mein Vater?“ Mehr traute Scott sich nicht sagen. Gab es mehr von der Rasse seines Vaters auf der Erde, unentdeckt, in menschlichen Körpern, wie ein gewisser Agent namens Fox befürchtete?
„Nein, ich bin nicht von Algieba. Einer meiner Vorfahren stammte von Dhoan-Sek, einer ganz anderen Welt. Ich nenne ihn meinen fünfhundertfachen Großvater, weil er vor etwa fünfhundert Generationen lebte. Der Rest meiner Vorfahren war rein menschlich, aber meine eigene Herkunft macht mich zu etwas einzigartigem. So etwas wie mich gibt es kein zweites mal, weder hier noch auf irgendeiner anderen Welt.“
„Und wer ist das?“ Scotts freie Hand deutete vorsichtig auf den Mann an der Tür.
„Das ist Larry Kiromoto, mein Butler, Chauffeur und Mädchen für alles. Ihr braucht in seiner Nähe kein Blatt vor den Mund zu nehmen, er ist jede Art von Schwachsinn von mir gewöhnt, Außerirdische inklusive.“
Unwürdig das Gesicht zu verziehen gehörte sich nicht für einen Samurai, aber hin und wieder war es einfacher, sich wie ein amerikanischer Gaijin zu geben, eine gefällige Maske zu tragen wie im No-Theater, und so machte Larry eine passende vielsagende Geste „hinter Toms Rücken“, in Richtung des Jungen. Genau wissend, daß sein Herr genau das von ihm erwartete.
Der wandte sich unterdessen an den Wirt, der die ganze Szene mit Interesse und zunehmendem Kopfschütteln verfolgt hatte.
„Tut mir leid, Ihnen Ihre Aushilfe vor der Nase wegschnappen zu müssen, aber die beiden sind ein lebendiger Schatz und viel zu kostbar, um hier ihre Tage als Fleischklopswender und Tellerwäscher zu fristen. Was können Sie uns denn ohne Aushilfe so anbieten?“ Er guckte vielsagend auf die Angebotstafel, wo insbesondere ein Steak mit reichlich gebratenen Zwiebeln offeriert wurde, genau seine Kragenweite, und drehte dann den Kopf in Richtung Forrester.
„Geht auf meine Rechnung, ich konnte spüren daß Sie Hunger haben.“ sagte Tom in Richtung Paul Forrester. „Die Fahrt nach Lyonshome Manor, meinem bescheidenen Zuhause, wird ein wenig dauern, also suchen Sie sich was aus. Mit vollem Magen reist es sich besser.“
Die Aussicht auf einen kleinen Verdienst überzeugte den Wirt, die sonderbaren Gäste lieber doch nicht alle miteinander vor die Tür zu setzen, damit sie ihr Voodoo dort weitermachten.
Man orderte, ließ das was in der Auslage gerade servierfertig lag, gleich an den Tisch bringen, und setzte sich rund um einen Tisch. Bis auf Larry, der sich wie üblich abseits hielt, nahe der Tür und immer mit einem wachsamen Blick nach draußen, wie es sich für einen Bodyguard gehörte, er beschränkte sich standesgemäß, da im Blickfeld seines Arbeitgebers, auf einen Becher Kaffee.
Da die Kommunikation vorhin den Jungen ausgelassen hatte, hielt er die Unsicherheit sehr schnell nicht mehr aus.
„Sie sind reich, Mr. Richards?“ versuchte er sich an einem halbwegs unbefangenen Thema.
„Hm-hm.“ bestätigte Tom. „Definitiv mehr Geld als Verstand.“
„Aber wir können nicht für Sie arbeiten.“ Weil Scott sich ungut an gemachte Erfahrungen mit anderen Reichen erinnerte.
„Warum nicht?“ fragte Tom ganz unschuldig zurück. Und als Scott zögerte -
„Meine Ohren sind alle hier, junger Mann!“ Und hielt erwartungsvoll die Hand hinter eines, um auch ja jede Aussage auffangen zu können.
Das hätte Scott fast ein Lächeln entlockt, wenn das Thema nicht so heikel gewesen wäre.
„Na, wegen Dad.“ Mehr wollte wenigstens er nicht in Anwesenheit eines Fremden, des Lokalbesitzers nämlich, der seine Gäste mit weit aufgesperrten Ohren überwachte, verraten.
„Aber wegen ihm will ich euch beide doch. Ich weiß nämlich aus früheren Erfahrungen, was seine Artgenossen so drauf haben. Und du wirst das auch schon wissen, oder?“ Tom lächelte froh.
„Ja, schon. Aber wir können trotzdem nicht bei Ihnen bleiben.“
„Wegen der Suche nach deiner Mutter? Dein Dad hat mir davon erzählt. Aber ich kenne Leute, die darauf spezialisiert sind, Leute aufzuspüren, die nicht gefunden werden wollen. Das ist effektiver, als ziellos im Land herumzureisen und darauf zu vertrauen, daß ihr irgendwo per Zufall auf eine Spur stoßen werdet.“
Scott war immer noch nicht zufrieden. „Trotzdem.“
„Warum?“
Wieder die Hand hinter dem Ohr, Tom war nicht zufrieden, bevor der Junge offen mit der Sprache herausrückte. Egal wer gerade mithörte.
Larry im Hintergrund war mit dieser Taktik vertraut, es sollte diejenigen, die Tom gerade in der Mangel hatte, zu Offenheit und Ehrlichkeit ihm gegenüber erziehen - und im Lauf der Zeit, auch Vertrauen - während unbefugte Lauscher, die daraus unbefugten Nutzen zu ziehen versuchten, sich zu einer willkommenen Zielscheibe für Toms nach wie vor vorhandene Jagdinstinkte machten.
In den Augen eines Japaners war dieses Verhalten ein Beweis von Macht und Dominanz, denn nur wer sich seiner Macht sehr sicher war, konnte es sich so sorglos leisten, potentielle Gegner auf seine Fährte zu locken.
Andernfalls war er schlicht dumm, aber Larry wußte genau, daß ein Tom Richards weder dumm noch machtlos war. Er war ganz im Gegenteil sogar unglaublich mächtig und brauchte hin und wieder einen adäquaten Gegner, an dem er seine Zähne wetzen konnte, denn wenn ihm langweilig wurde, war er bald unausstehlich.
Seine nach westlichen Begriffen oft geradezu leichtsinnig wirkende Offenheit gegenüber Fremden entsprang in Wahrheit einer präzise kalkulierten Berechnung von Nutzen und Risiko, ergänzt um ein paar unberechenbare und nicht vorhersehbare Faktoren, die im Ergebnis einem kalkulierbaren Glücksspiel nahekamen. Denn erst ein paar unvorhersehbare Überraschungen hier und da sorgten richtig für Nervenkitzel.
In Kurzform, er warf Köder aus und wartete gespannt, was anzubeißen gedachte, ob kleiner Hering oder Monsterhai. 
„Ähm ... wir haben da ein paar Probleme. Mit der Regierung. Wegen Dad, Sie verstehen.“ druckste der Junge herum, beide Hände verschämt in den Hosentaschen versteckt, als hätte er selber etwas ausgefressen.
„Auch davon hat er mir erzählt, und das ist für mich ein zusätzlicher Bonus.“ Tom Richards freute sich übers ganze Gesicht. „Ich habe schon seit ewigen Zeiten keinen Strauß mehr mit den Behörden ausgefochten, seit ... den Fünfzigern, ist das schon so lange her?“ Er blickte ehrlich überrascht drein, als er sich anscheinend an etwas erinnerte.
„Nun ja, meine Buchhalter sind jedenfalls zu gut, um mir Ärger mit der Steuerfahndung zu bescheren, und andere staatliche Stellen sind mir bis heute nicht auf die Schliche gekommen. Was nicht gerade für ihre Fähigkeiten spricht.“ Er zwinkerte vergnügt.
Und es stimmte, was er sagte, denn auch bei anderen Gelegenheiten legte er sich selten ein Sprechverbot auf. Um so verwunderlicher, daß relativ selten jemand auf den Zug aufsprang, und sich insbesondere staatliche Stellen rar machten, anscheinend schreckte Toms Ruf als chronischer Irrer doch die meisten Interessenten ab.
„Aber die sind echt gefährlich. Die werden sich auch von Ihrem Reichtum nicht abhalten lassen.“ versuchte Scott die freundliche Übernahme noch zu verhindern.
„Ich denke, daß ich noch ein paar schlagfertigere Argumente habe, wenn Worte allein nicht überzeugen.“ lächelte Tom. „Lassen wir sie ruhig kommen.“
Der Junge unterdrückte ein Seufzen und sah unglücklich drein, er war sehr offensichtlich der Meinung, daß der neue Chef seines Vaters die Gefahr massiv unterschätzte, schließlich hatte Agent Fox schon früher bewiesen, daß er selbst für die Verhältnisse eines Bundesagenten nicht ganz zurechnungsfähig war.