Autor Thema: Fanfic Professor Zamorra  (Gelesen 306 mal)

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Offline DAOGA

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Fanfic Professor Zamorra
« am: 8. Juli 2020, 18:35:44 Uhr »
Eine neue und etwas ungewöhnliche Fanfic.

Vor vielen Jahren schon (Kenner der Serie erkennen das an einigen kleinen Details) habe ich mir aus Jux eine Fanfic-Story zur Gruselserie "Professor Zamorra" aus den Fingern gesaugt.
Eine Ausfertigung wurde dem damaligen Redakteur W. K. Giesa zur allfälligen Verwendung zugesandt, aber zu einer Veröffentlichung in irgendeiner Form kam es leider nie.

Damit sie trotzdem der Öffentlichkeit zur Kenntnis kommt - es war ein ähnliches Spaß- und Fanprodukt wie "Ready Player One" von Ernest Cline, wenn auch natürlich lange nicht so gut (wer Film und/oder Buch nicht kennt: unbedingt besorgen!) - stelle ich sie ab sofort hier ein.

Kommentare sind selbstverständlich erlaubt, und wie immer die Anmerkung, daß mir weder die Hauptfiguren aus der Serie PZ noch die meisten anderen erwähnten Figuren (bis auf drei) lizenzrechtlich gehören.

Und los geht's:

Zamorra hielt sich gerade in der Bibliothek vor dem Computer auf und versuchte, sich in die verabscheute, aber notwendige Aktualisierung des Archivs zu vertiefen, als das Telefon sich meldete. Der Bildschirm des Geräts blieb dunkel, weil der Anruf von draußen kam. Allerdings kam auch keine Angabe der fremden Telefonnummer, und das war schon ungewöhnlich. Das Telefonsystem von Chateau Montagne war nämlich so konstruiert, daß es sich von handelsüblichen Systemen zur Telefonnummer-Unterdrückung nicht beeindrucken ließ. Ob Olaf Hawk da eine Art Virus eingebaut hatte, der selbsttätig „ermittelte“, oder wie er das sonst hinbekommen hatte, hatte Zamorra nie wissen wollen und auch nie gefragt.
Eine Stimme, die in ihrer Gleichmäßigkeit und ihrem eiskalt-unerbittlichen Tonfall sofort an eine Maschine erinnerte, teilte mit: „Heute nacht wird in Lyon der Dämon Archon-Stath beschworen. Fahren Sie hin und verhindern Sie es.“ Ein Straßennamen und eine Hausnummer folgte, und bevor Zamorra einen Ton herausbekam, war schon aufgelegt worden. Langsam ließ er den Telefonhörer sinken und dachte erst einmal nach.
Seine Profession als Dämonenjäger war nicht geheim, es gab mittlerweile genug Leute, die für den Fall des Falles Kontakt mit ihm hielten und seine Telefonnummer auch an andere weitergaben, wenn sie der Meinung waren, von dort könnten wichtige Neuigkeiten kommen. Die Meldung konnte also durchaus von jemandem stammen, der etwas aufgeschnappt hatte und sich nicht zu erkennen geben wollte. Aber genauso konnte es ein Köder sein, ausgelegt von einem Feind, der sie an Ort und Stelle lotsen wollte. Diese merkwürdig maschinenhafte Stimme hatte jedenfalls sehr nach einem Cyborg der Ewigen geklungen...
Die angegebene Adresse in Lyon kannte Zamorra oberflächlich, eine Straße am Stadtrand mit altehrwürdigen Villen in reichlich großen Privatgrundstücken, wo regelmäßig die Parties der Alt- und Neureichen stattfanden und auch keiner die Polizei rief, wenn die Feiernden mal in altmodischen Mönchskutten oder ähnlichen Vermummungen anrückten, wie sie bei Dämonenbeschwörungen bekanntlich Sitte waren. 
Er befragte kurz sein Archiv, und ging dann los, um Nicoles Meinung zu hören. Der Anruf war selbstverständlich mitgeschnitten worden. 
„Archon-Stath.“ überlegte sie. Im Archiv war kein Dämon dieses Namens zu finden gewesen, aber das mußte nichts heißen. Vermutlich handelte es sich um einen niederen Dämon, wie sie die Hölle jährlich zu Millionen ausstieß, die meisten von ihnen geboren zu keinem anderen Zweck als jenem, postwendend in den Klauen, Zähnen oder sonstigen Extremitäten eines mächtigeren Wesens zu enden. Doch auch solch eine niedere Kreatur konnte gewaltige Schäden anrichten, wenn sie von unvorsichtigen Dämonenanbetern auf die Erde beschworen und auf die ahnungslose Menschheit losgelassen wurde.
Sie wußten, es war ihre Pflicht, der Sache nachzugehen, egal, wie verdächtig der Anruf gewesen war. Und allzuviel Zeit hatten sie nicht mehr, es war bereits Nachmittag, und die Fahrt bis Lyon dauerte eine Weile. Die Regenbogenblumen wollten sie nicht benutzen. Es war durchaus möglich, daß sie dringend auf einen fahrbaren Untersatz angewiesen sein würden, falls es beispielsweise zu einer Verfolgungsjagd oder ähnlichem kam, und so schnell bekamen sie in Lyon keinen Leihwagen mehr.
Sie statteten sich mit allem aus, was sie möglicherweise sonst noch brauchen konnten, Dhyarras, Blaster, natürlich das Amulett, und zur Sicherheit auch noch Zamorras Zauberköfferchen. Auf den ersten Blick eine regelrechte Overkill-Kapazität an Waffen. Doch zu oft in letzter Zeit hatten sich scheinbare Routinefälle in haarige Einsätze verwandelt, deshalb wollten sie für jede Eventualität gerüstet sein. 
Natürlich konnte der Anruf auch andere Hintergründe haben. Vielleicht war es nur ein Spaßanrufer, der von den Dämonenjägern auf Chateau Montagne erfahren hatte und sie ein wenig hinters Licht führen wollte, oder ein Gegner hatte die Absicht, während ihrer Abwesenheit das Schloß zu besetzen und die Anwesenden gefangen zu nehmen.
Es war Zamorra durchaus bewußt, daß die M-Abwehr nur gegen dämonische oder dämonisierte Feinde wirkte, nicht jedoch gegen menschliche Angreifer, die vielleicht mit reichlich Dämonengold geködert worden waren.
Im vollen Bewußtsein dieser Möglichkeit wandte er sich an Fooly. Der kleine Drache hatte Nicoles Abhören des Anrufs zufällig mitbekommen und war ganz begeistert von der Aussicht, einigen Kultisten und vielleicht auch einem leibhaftigen Dämon mit seinem Drachenfeuer die Kutten, Schwänze und sonstigen Bestandteile anzukokeln. Jetzt zog er allerdings das weinerliche Gesicht eines Kleinkindes, das mehr als alles andere an sein wahres Alter - in Drachenmaßstäben - gemahnte. Denn leider durfte er, wieder mal, nicht mit.
„Warum glaubst du, daß wir dich so oft alleine hierlassen, wenn wir auf spannende Abenteuer ausziehen?“ fragte Zamorra. Er hatte sich auf ein Knie herabsinken lassen, um auf Augenhöhe mit Fooly zu sein. „Weil wir wissen, daß du die Burg und alle, die hier leben, beschützen wirst, wenn es nötig ist. Mit deinem Drachenfeuer, deinem Mut, deiner Zauberkraft, und, wie ich hoffe, auch deinem Verstand.“
Und das stimmte. Seit Fooly auf dem Chateau lebte, ging Zamorra ganz selbstverständlich von der alten Zauberer-Weisheit aus, wonach ein leibhaftiger Drache zum besten Schutz gehörte, den eine Burg gegen menschliche Angreifer haben konnte. Vielleicht lag es auch daran, daß er die Schäden, die Fooly mit seiner plumpen Art ständig verursachte, letztlich immer hinnahm und sie niemals dem Lohnkonto von William, Foolys „Adoptivelter“, belastete... Ohne Fooly hätte er sich schon längst um professionelle und teuer bezahlte Wächter bemühen müssen, wußte er, denn die Feinde schliefen nicht.
„William hat andere Pflichten. Er kann nicht den ganzen Tag auf den Zinnen stehen und nach möglichen Feinden Ausschau halten.“ so sprach er ernst zu dem kleinen Drachen. „Deshalb zählen wir auf dich.“
Da schien Fooly gleich um einen halben Meter zu wachsen, die trübe Miene hellte sich auf. „Ist das wahr?“ fragte er nochmals. „Fooly, der treue Burgwächter! Das ist besser als Feuerwehrmann!“ Und machte sich sofort auf, den höchsten Turm des Chateaus zu entern, von dem aus er das ganze Land ringsum im Blick behalten konnte.
„Feuerwehrmann? Wo hat er das nur her?“ machte ein kopfschüttelnder Zamorra. Das mühsam unterdrückte Feixen von William im Hintergrund übersah er großzügig. Ganz beherrschte der Schotte die für Butler übliche Selbstkontrolle noch nicht, dazu fehlten ihm vielleicht noch ein paar Jahre. Raffael hätte sich niemals so gehen lassen...
Zamorra fiel auf, daß er schon seit einer Ewigkeit nicht mehr an Raffael Bois gedacht hatte, den alten Butler und Hausdiener, Williams Vorgänger im Amt, der vor Jahren umgekommen war, als er den kleinen Sir Rhett beschützte. In der Zeit danach war er mehrfach als hilfreicher Geist erschienen, doch in letzter Zeit nicht mehr. Vielleicht hatte er ja mittlerweile die ewige Ruhe gefunden, was Zamorra ihm sehr gegönnt hätte. Vielleicht tauchte er auch irgendwann einmal wieder auf, um in einer Zeit der Not zu mahnen und zu helfen. Geister gehörten nicht zu den Wesenheiten, nach denen man die Uhr stellen konnte, sie entschieden selbst darüber, welche Ereignisse ihres Erscheinens wert waren, und das konnte jahrelang, manchmal jahrzehntelang nicht der Fall sein.
Egal. Im Augenblick stand etwas anderes an. Sie packten ihre Sachen und fuhren los, Zamorra vorneweg, Nicole direkt dahinter im zweiten Wagen. Für alle Fälle hatten sie beiden noch ihre Handys eingesteckt. Sie verabscheuten die Dinger zwar, doch in diesem Fall mußte es sein, falls es doch ein Ablenkungsmanöver war, und William sie dringend zurückrufen mußte.

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #1 am: 9. Juli 2020, 14:36:31 Uhr »
Nein, es war kein Ablenkungsmanöver. Hier schien sich tatsächlich etwas zu tun. Zamorra setzte den Feldstecher ab.
Nicht weit von der angegebenen Adresse entfernt, hatten sie einen Ort gefunden, an dem sie ihre Autos abstellen konnten und von dem aus sie obendrein einen idealen Einblick auf das Grundstück besaßen. In der letzten halben Stunde hatte er mindestens zehn Leute beobachtet, die sich in ziemlich konspirativer Weise, nach allen Seiten sichernd und jeden Schatten nutzend, dem alleinstehenden alten Haus genähert hatten und durch einen kleinen Nebeneingang darin verschwunden waren. Erkannt hatte er keinen von ihnen, sie hatten sich alle mit langen Mänteln und tief in die Stirn gedrückten Hüten oder Mützen so gut wie möglich vermummt. Mittlerweile war es auch stockfinster. Noch knapp eine Stunde bis Mitternacht. Es wurde Zeit, sich in die Höhle des Löwen zu wagen.
 „Wollen wir?“ fragte Nicole.
„Vorne, hinten, oben drüber?“
Die Vordertür war mit Sicherheit verschlossen, und an dem Nebeneingang konnte ein Türsteher warten, der die Ankömmlinge kontrollierte. Die Wahl fiel nicht schwer.
„Oben drüber natürlich.“ An einer Ecke des Gebäudes schloß sich ein niedrigeres an, offenbar eine alte Garage, und bildete mit dem ersten einen Winkel. Beide Gebäudewände waren mit stabil aussehenden Sprossengerüsten ausgestattet, an denen sich ein Gewirr wilder Efeu- oder Weinranken emporzog. Tagsüber bei Sonnenschein mochte die Ecke ein angenehm warmes Kleinklima bieten, doch jetzt in der Nacht war sie von einfallendem Licht weitgehend abgeschirmt und in tiefer Schwärze verborgen. Die wenigen Fenster dieser Gebäudeseite sahen altmodisch aus und waren vermutlich mit der Klinge eines Taschenmessers aufzubekommen.
Nicole kletterte als erste geschickt empor und wählte ein Fenster, dessen Staubschicht bewies, daß die Hauseigentümer eine regelmäßige Reinigung nicht für nötig hielten - wohl weil sie den dahinterliegenden Raum ohnehin nicht oft nutzten. Das Schlafzimmer dahinter war in der Tat seit längerem unbenutzt, wie die abgestandene Luft bewies.
Langsam tasteten sie sich durch das dunkle Haus nach unten. Alles war still. Wenn hier etwas ablief, dann im Keller. Dort fanden sie zuerst eine scheinbar normale Waschküche mit Waschmaschine, Trockner und nebenan liegender Heizungsanlage, brauchten aber nicht lange, die getarnte Tür zu entdecken. Der Gang, der sich dahinter anschloß, machte schon mehr her. Die Wände links und rechts waren kunstvoll mit großformatigen Motiven aus altägyptischen Gräbern bemalt, Säulenpaare trugen blakende Fackeln, und von strategisch günstigen Stellen der Gangdecke überblickten magische Symbole wie stumme Wächter den Weg.
Zamorra blieb sofort stehen und leuchtete die Symbole mit seiner Taschenlampe an. Bevor er sich in die Reichweite dieser Zeichen begab, wollte er lieber vorab wissen, mit welchen Überraschungen er zu rechnen hatte. Er studierte sie kurz und war erleichtert.
Der überwiegende Teil der Zeichen war zwar hübsch anzusehen, bestand aber aus reinen Phantasiemotiven ohne jede magische Wirkung, und der Rest war aus einigen öffentlich zu erwerbenden „Zauberbüchern“ abgepaust. Zamorra erkannte sie sofort wieder, die betreffenden Werke befanden sich selbstverständlich in seiner Bibliothek. Oder besser ausgedrückt, er erkannte die Fehler in den Zeichen wieder. Kein Dämonologe oder Zauberkundige, der seinen Verstand beisammen hatte, hätte jemals in einem für die breite Öffentlichkeit zugänglichen Werk korrekte Zauberzeichen oder Dämonensigille abgebildet, das Risiko des Mißbrauchs wäre viel zu groß gewesen. Alle einschlägigen Symbole in den einschlägigen Druckwerken enthielten deshalb mehr oder weniger viele absichtlich eingefügte Fehler, die jedem wahren Eingeweihten sofort als solche erkennbar waren, jedoch unbedarfte Möchtegern-Beschwörer schnell enttäuscht das Handtuch werfen ließen, denn die Zeichen waren infolge der Fehler magisch völlig wirkungslos. Alles in allem gab es in diesem Gang weniger echte Magie als in Zamorras Stillem Örtchen im Chateau. Das gab Anlaß zur Hoffnung. Zamorra war nicht so verbohrt, daß er jeden Bühnenzauberer, der sich in angemessener Dekoration mit Gleichgesinnten traf, um in aller Ruhe mal Hokuspokus zu treiben und eine Orgie zu feiern, gleich mit Feuer und Schwert verfolgt hätte. Mit etwas Glück war es nur das - eine harmlose Showeinlage.
Sie pirschten weiter. Irgendwohin mußten die Leute, die sie beobachtet hatten, doch verschwunden sein. Selbstverständlich war nicht auszuschließen, daß die hübsch-falsche Dekoration hier reine Täuschung war, und sich irgendwo, vielleicht in einem gut getarnten weiteren Kellergeschoß, eine echte Kultstätte befand. 
Der Gang endete scheinbar blind in einer kleinen Kammer, eine Art Altar mit einer auf alt getrimmten ägyptischen Götterfigur „Made in Hongkong“ versuchte vergeblich, die gesuchte Kultstätte vorzutäuschen. Und nirgendwo eine Menschenseele in Sicht. Also wieder eine Geheimtür, die weiterführte. Der Altar schied aus, überlegte Nicole im Flüsterton. „Wäre echt zu einfach.“ Sie fanden die Geheimtür schließlich ein paar Meter vor der kleinen Kammer, das Auge von einer der gemalten Figuren enthielt den Türöffner. Eine Doppeltür diente als Schleuse, die verhinderte, daß der typische Keller- und Höhlenmief verräterisch in den bemalten Gang vordrang. Hier unten, hinter der Doppeltür, müffelte es wirklich, es war kühl und feucht. Jeder Franzose hätte das typische Weinkeller-Aroma sofort wiedererkannt.
Bröselige gemauerte Stufen führten weiter nach unten, blakende Fackeln warfen mehr Schatten als Licht - und dann waren sie da. Sie hatten die wahre Kultstätte gefunden. Den schwingenden, von Echos gebrochenen murmelnden Sprechgesang hörten sie schon, bevor sie die lange Biegung des neuen Ganges nachvollzogen hatten.
Der Gang erweiterte sich zu einer großen Höhle, die vor langer Zeit sicher Weinfässer beherbergt hatte, der typische Geruch hing immer noch in der Luft. Doch die Fässer waren fort, gemauerte Raumteiler geschleift worden. Etwa ein Dutzend vermummter Gestalten hatte sich im Kreis anbetend zu Boden geworden, die Hinterteile als einziges Körperteil in die Höhe gereckt, und in ihrer Mitte, die Objekte ihrer Verehrung -
„Frechheit!“ zischte Nicole nach einem Augenblick des Staunens. „Das sind unsere!“

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #2 am: 10. Juli 2020, 12:05:28 Uhr »
Zamorra war fast genauso verdutzt wie sie. Reflexhaft fuhr er eine Hand aus, um sie davon abzuhalten, sich einfach auf die Kultisten zu stürzen. Hoffentlich hatte keiner von denen Nicoles Worte gehört...
„Bist du sicher?“ flüsterte er, um ihren Tatendrang zu bremsen. Bedeutend leiser natürlich.
„Natürlich. Siehst du die große da? Der kleine fehlende Zacken am Blattrand? An diese kleine Beschädigung erinnere ich mich genau. Der war schon da, als wir sie damals pflanzten, damals war sie noch ein Schößling. Jetzt ist sie die Mutter, und die anderen die Ableger.“
Das stimmte. Die anderen Regenbogenblumen waren deutlich kleiner, doch bereits groß genug, um funktionstüchtig zu sein.
Mittlerweile wußten Nicole und Zamorra, daß die Regenbogenblumen ein Transportsystem biologischer Transmitter darstellten, die praktisch überall hin reichen konnten - bis in andere Dimensionen, andere Zeiten, in die Spiegelwelt und sogar in die Hölle. Sie selbst hatten an mehreren strategisch günstigen Stellen für Anpflanzungen gesorgt, um diese Fähigkeit nutzen zu können.
Für die hier nicht. Da hatte sich jemand eine der Pflanzen aus der Lyoner Kolonie abgezweigt und seine eigene Zucht aufgezogen.
Natürlich waren sie nicht so dumm, zu glauben, daß die Verehrung der Vermummten den Pflanzen selber galt. Nein, die verehrten das, was da gleich erscheinen würde. Und wenn es wirklich ein Dämon sein sollte, frisch und schwefelduftend aus den tiefsten Abgründen der Hölle -   
Der Gesang der Vermummten endete abrupt, und sie erhoben sich. Gleichzeitig und mit völlig gleichartigen Bewegungen, wie ein gut trainierter Tanzverein - oder wie programmierte Roboter... und sie alle drehten sich dem Eingang zu, völlig unisono.
Ups, dachte sich Zamorra, und unterdrückte den lauten Kommentar gerade noch. Was natürlich nichts half. Sie waren entdeckt worden. Oder erwartet.
Letzteres, wußte er gleich darauf, als aus einem seltsam schwarzen Nebel, der auf einmal wie ein Rauchsignal zwischen den Blumen waberte, eine donnernde Stimme erklang. Der Dämon war pünktlich erschienen, aber nicht so dumm, sich blicken zu lassen. Weil er einfach feige war, wie alle seiner Spezies? Oder weil es einer war, den sie kannten, und nicht erkennen sollten, bevor sie tatsächlich den letzten Atemzug taten?
Das alles ging Zamorra in einem Sekundenbruchteil durch den Kopf, während er sich stöhnend die Hände auf die Ohren preßte. In seinem Triumph, die Erzfeinde der Hölle in diese simple Falle gelockt zu haben, erlegte sich die Höllenkreatur keinerlei Lautstärkenbeschränkung auf. Obendrein besaß die Dämonenstimme zahlreiche Untertöne im Infraschallbereich, die die Eingeweide der anwesenden Menschen in schmerzhafte Vibrationen versetzten. Noch etwas lauter, und die Wände ringsum wären zu Staub zerbröselt.
„Eindringlinge!“ donnerte die Stimme. „Entweiher dieser heiligen Stätte! Faßt sie, meine treuen Diener, und opfert mir ihre Herzen! Mich dürstet nach Blut!“
Klischeehafter ging es wirklich nicht mehr. Zamorra mußte an sich halten, um nicht verweisend den Kopf zu schütteln. Jetzt also eine kleine Kampfeinlage mit den Kultisten, die dank der Blaster ziemlich kurz ausfallen würde, und anschließend ein mit etwas Glück ebenso kurzer Showdown mit diesem lautstarken Möchtegern-Dämon... vielleicht hätten sie Fooly doch mitnehmen sollen. Dann wäre wenigstens einer von ihnen auf seine Kosten gekommen...
Die Kultisten rückten vor. Nur einen Schritt, absolut gleichförmig wie zuvor, eine unheimlich drohende Geste der schwarzvermummten, überlebensgroß wirkenden Gestalten - jedoch nur aus der Sicht von jemandem, der sich noch nie zuvor in solch einer Lage befunden hatte.
Einem altgedienten Dämonenjäger wie Zamorra jagte diese Szene den Blutdruck nicht mehr hoch, zumal wenn er den Blaster bereits schußbereit in Händen hielt. Es waren genau dreizehn Kuttenträger, hatte er nachgezählt. Dreizehn ist des Teufels Dutzend, eine magisch „wirksame“ Zahl.
Und gleich einer weniger... Er feuerte.
Der dünne, verästelte Lähmstrahl erfaßte einen der Vermummten. Doch der zeigte keine Wirkung, blieb unbeeindruckt stehen. Statt umzufallen, lachte er nur. Wie auf Kommando lachten alle anderen ebenfalls, und das auf eine höchst sonderbare Weise.
Ein solches dünnes, zirpendes, irgendwie elektronisch klingendes Lachen hatte Zamorra schon mal gehört, und ahnte sofort, womit er es zu tun hatte. Nicole gleichfalls. Sie schoß, und benutzte diesmal den Laserstrahl. Eine der Gestalten ging in Flammen auf, eines der dünnen Stimmchen änderte sich zu einem schrillen, immer noch dünnen Kreischen, und aus der brennenden, zusammenfallenden Kutte schoß ein winziges Etwas, das noch ganze zwei Sekunden lebte und ziellos hin- und herraste, bevor es den aus ihm züngelnden Flammen erlag und mitten in der Bewegung zu Asche zerfiel.
Ein Irrwisch! Eine der niedersten intelligenten Lebensformen der Höllendimensionen. Normalerweise verließen sie nie die Hölle, und wenn es sie doch einmal durch irgendeinen Zufall aus ihrer Heimat verschlug, verbargen sie sich in Mooren und anderen unzugänglichen Gebieten, wo sie nicht Gefahr liefen, einem Dämon oder Dämonenjäger zu begegnen, weil die gleichermaßen gerne ihr Mütchen an den schwachen Kreaturen kühlten.
Interessanterweise rührte sich keine der anderen Kreaturen vom Fleck. Zamorra hatte eigentlich erwartet, daß sie sich nach der Auslöschung des einen schleunigst in die hinterste und finsterste Ecke verdrückten, so krankhaft feige wie diese Wesen waren... vermutlich hatte der Dämon sie schlicht und einfach an ihre Plätze festgebannt. So wie er sie auch dazu gezwungen hatte, in Vermummung als Lockvögel zu fungieren und Kultisten zu imitieren. Das ließ durchaus Rückschlüsse auf den Dämon zu. Wer sich auf solche armseligen Helfer verließ und nicht einmal über menschliche Anbeter verfügte, konnte in der infernalischen Rangordnung nicht weit oben stehen.
Zamorra war stark versucht, auf dem Absatz kehrtzumachen und den Dämon samt Kohorten einfach stehenzulassen. Er fühlte sich etwas veralbert. Er, der Meister des Übersinnlichen, sollte sich mit einer Horde Irrwische und deren armseligem Herrn und Meister herumschlagen? Als ob er nichts wichtigeres zu tun hätte - wie zum Beispiel sein Archiv zu aktualisieren! Dann siegte aber doch sein Pflichtgefühl. Schließlich wußte er aus Erfahrung, wieviel Unheil selbst ein Irrwisch anrichten konnte, wenn er auf ahnungslose Menschen traf. Ein paar gutgezielte Laserschüsse und ein paar Blitze aus dem Amulett - daß es noch nicht von selber „losgegangen“ war, sagte auch etwas aus - und die Sache war schnell und schmerzlos erledigt. Mit etwas Glück versäumten sie nicht ihren Schönheitsschlaf, der bei Dämonenjägern und ähnlichen Nachtschwärmern irgendwann um fünf Uhr früh begann. 
Fast bedauernd, denn die Irrwische taten ihm irgendwie leid, drückte er auf den Abzug.

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #3 am: 13. Juli 2020, 11:20:23 Uhr »
Schlagartig waren es doppelt so viele Gegner.  Die enttarnten Irrwische warfen ihre Kutten ab - nein, die Kutten flogen von selbst davon, verwandelten sich in halb rauchförmige, fliegende Wesen, nicht Fledermäuse und nicht Vögel, einfach nur rauchschwarze, halbmaterielle Fetzen, die sich auf die beiden Dämonenjäger herabstürzten und mit den haifischartigen Gebissen auf ihren Unterseiten nach ihnen schnappten, während die fixen Irrwische von allen anderen Seiten angriffen... die unter Bann stehenden niederen Wesen hatten keine Chance, also nutzten sie sie.
Nicole und Zamorra mußten ihren stillschweigenden Plan, sofort auf den Dämon hinter der Rauchwolke loszugehen, sobald der unmittelbare Weg zu ihm „gesäubert“ war, fallenlassen. Nur wenige Laserschüsse fanden ihren Weg hinüber zu den Regenbogenblumen - immerhin sorgten sie dafür, daß der Dämon in Deckung blieb und nicht selbst eingriff. Aber vermutlich hatte der Unbekannte von Anfang an nicht vorgehabt, sich selber die Klauen schmutzig zu machen.
Nach wenigen Minuten Laserfeuer war kein Irrwisch in Sichtweite und keine „Kutte“ mehr am Leben. Jetzt also, der Initiator des Ganzen... in diesem Moment kam ein seltsames Kratzen von hinten, wie von den Beinen großer Insekten auf Stein.
Zamorra drehte den Kopf - und erstarrte. Der Gang hinter ihm wimmelte von schwarzen Dingen, die er auf den ersten Blick für Riesenspinnen oder bizarre, stockdürre Dämonenkreaturen hielt - aber nein! Das waren Schriftzeichen! Zeichen und Symbole - jene Zauberzeichen, die vorhin noch, harmlos und völlig wirkungslos, den bemalten Gang verziert hatten! Jetzt waren sie zu einem unheimlichen Leben erwacht, hatten sich von ihrer Unterlage gelöst und krochen auf unzähligen langen, tentakelähnlichen Auswüchsen auf sie zu. Und als Zamorra sich auf eines der vordersten konzentrierte und seine Bedeutung zu lesen versuchte, mußte er feststellen, daß das Zeichen sich vor seinen Augen umarrangierte - aus einem Phantasiesigill wurde schlagartig eine alte, echte, kompliziert geschlungene Dämonenrune, deren Aussage er instinktiv erkannte - sie las sich „Feuer“. Und auch die anderen, wie auch immer sie ursprünglich gestaltet gewesen sein mochten, sie alle begannen damit, ihr Aussehen der ersten anzupassen...
Er packte Nicole an der Schulter und sprang vorwärts. „Lauf! Die Blumen!“
Wo immer noch die schwefelstinkende schwarze Rauchwolke waberte, vermutlich der Dämon darauf wartete, daß sie ihm genau in die reißbereiten Krallen liefen.
Ihr einziger Weg zu entkommen...
Ein gleißender Blitz hinter ihnen, fast so grell wie eine Atomexplosion. Hitze, unglaubliche Hitze, die die Rückseite ihrer Körper versengte, als die Zauberzeichen gemeinsam die kritische Masse überschritten und zündeten, und dann -
Transport.
Zamorra wälzte sich am Boden, absolut sicher, daß seine Kleidung in Flammen stand. Nicole war schneller auf den Beinen, sie wußte um die Zähigkeit ihrer Lederkluft. Sie widmete sich sofort ihrem Gefährten.
„Dreh dich um. - Nein, du hast nichts abbekommen. Das war wirklich in allerletzter Sekunde...“
Er tastete sich trotzdem erst einmal ab, überzeugte sich davon, daß weder sein dunkler Anzug noch seine Haut darunter zu Asche zerfallen war. Er fühlte sich wie ein halbgegrilltes Toastbrot.
Um irgendwelche Irrwische, die sie vielleicht übersehen hatten, brauchten sie sich keine Sorgen mehr machen. Um die Blumen unter dem alten Haus auch nicht. Nichts davon konnte diese irrsinnige Hitze überstanden haben. Ob das Haus wohl noch stand? Sonst gab es morgen früh wieder eine Zeitungsmeldung über eine mysteriöse Gasexplosion, die ein ganzes Gebäude verwüstet hatte...
Sie lagen, natürlich, inmitten von Regenbogenblumen. Doch die blutrote Farbe des Himmels über ihnen und der beißende Geruch nach Schwefel und Bimsstein, der in der Luft hing, sagte ihnen genug.
Sie waren geradewegs in der Hölle gelandet.
Genauer gesagt in einer jener Zonen der riesigen, ewig veränderlichen Höllendimension, in denen roter Himmel und Schwefelgestank zur normalen Umgebung gehörten.
Mit gezückten Blastern schlichen sie aus der Blumenkolonie und sicherten erst einmal. Der Dämon in der Rauchwolke, wer immer er gewesen sein mochte, hatte sich spurlos abgesetzt. Die Umgebung war auf den ersten Blick dämonenleer. Menschenleer ohnehin. Die Blumenkolonie lag in einer Art kleiner Talsenke, ringsum umgeben von flachen Hügelkämmen. Der Boden war steinig, sandig, hier und da gab es Buschwerk von jener Art, das auf den ersten Blick aussah wie normaler, wenn auch bizarr geformter Pflanzenwuchs, jedoch beim Näherkommen griffbereite Tentakel, gierig schnappende Mäuler und abschußbereite Giftstacheln sehen ließ. Typische Höllenvegetation eben.
Zamorra war noch nicht darüber hinweg, wie der unbekannte Dämon sie aufs Kreuz gelegt hatte. „Talk about a low-tech attack!“ murrte er auf englisch und versuchte nicht mal, George W. Bush zu imitieren. „Irrwische als Köder, billige Symbole, mit denen man nicht einmal eine Fliege killen kann... wenn wir nicht zufällig gewußt hätten, wozu die Blumen gut sind, hätten wir das nicht überlebt.“
Welcher Dämonenjäger, der nicht um die Blumen wußte, wäre auf die Idee gekommen, daß der einzige Fluchtweg genau dort lag, wo der Dämon in seiner Rauchwolke residierte?
„Der Dämon hat offensichtlich nicht gewußt, daß wir`s wissen.“
„Wahrscheinlich hat er selber erst vor kurzem herausgefunden, wozu die Blumen gut sind. Und hat sich gedacht, er nutzt die Gelegenheit und macht sich einen Namen, indem er mit ihrer Hilfe zwei der gefährlichsten Feinde der Hölle ausschaltet.“
„Oder... er hat es nicht selber herausgefunden, sondern jemand hat es ihm gesteckt?“
Nicole hatte sofort einen verdächtigen Kandidaten bei der Hand.
„Garantiert Stygia. Da bin ich mir sicher. Wer sonst benutzt derartige Holzhammer-Methoden? Sie hat es wohl immer noch nicht verwunden, daß wir sie praktisch in der Hand haben.“
Zamorra war von dieser Theorie nicht so überzeugt, hielt aber erst einmal den Mund. Solange er auch nicht mehr wußte, war es sinnlos, sich um des Kaisers Bart zu streiten. 
„Sehen wir uns mal kurz um?“
„Nachdem wir schon mal hier sind...“
Sie waren voll ausgestattet mit Amulett, Dhyarras, Blastern und etlichen Hilfsmitteln aus Zamorras Zauberköfferchen, konnten es sich also leisten, die relative Sicherheit der Regenbogenblumen zu verlassen. Relativ deshalb, weil sie nur als Fluchtmöglichkeit dienen konnten, jedoch keinerlei Verteidigungswert besaßen, wenn irgendjemand oder -etwas angriff.
Sie waren sich bewußt, daß sie sich vor ihrer Abreise um die Blumenkolonie hier würden kümmern müssen. „Kümmern“ gleichbedeutend mit „zerstören“. Das Risiko war zu groß, daß weitere Höllenkreaturen entdeckten, wozu die Blumen gut waren.
Zamorra hatte zwar alle Blumenkolonien, die sie selber angepflanzt hatten oder die sie zumindest kannten, gegen das Durchkommen von schwarzmagischen Wesen gesichert, doch war anzunehmen, daß es zahlreiche weitere, ihm unbekannte Kolonien gab, die irgendwann von den Unsichtbaren angelegt worden waren. Sie konnten es einfach nicht riskieren, daß eine derartige Kolonie irgendwo auf der Erde zum Ausgangspunkt einer Hölleninvasion wurde. Eine kleine Dhyarrabombe mit Verzögerungszünder war die einfachste Methode, dem einen Riegel vorzuschieben.

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #4 am: 15. Juli 2020, 18:09:37 Uhr »
Sie hatten die nächste Hügelkette, die sie als Aussichtspunkt benutzen wollten, beinahe erreicht, als der Angriff begann. Winzige haarige Dinger, nicht größer als Zwergpinscher, aber mit gigantischen Mäulern ausgestattet, die die kleinen Körper kaum zu tragen vermochten, waren die Vorhut. Sie kamen den Hügelkamm herunter wie eine zahngespickte Sturzflut, und hinter ihnen folgten andere, größere Wesen. Mit einem Mal füllte sich die Luft mit wildem Angriffsgebrüll aus tausenden unterschiedlich geformten Kehlen, das ihnen entgegenkam wie eine beinahe materiell greifbare Wolke.
Ein kleiner Zauberbann, der Geräusche ausschloß, hatte wohl verhindert, daß die beiden Dämonenjäger durch den Lärm vorgewarnt wurden, bevor sie die herannahende Armee der dämonischen Wesen zu Gesicht bekamen. Laserblitze zuckten auf, verwandelten die heranschießenden Dämonenpinscher gleich zu Hunderten in zuckende, verschmorende Häufchen - doch das war ein Nichts angesichts der Massen erheblich größerer Gegner, die ihnen folgten.
Nicole und Zamorra war es gleich bewußt, daß hier nur beschleunigter Rückzug half. Sie begingen trotzdem nicht den Fehler, den Angreifern den Rücken zuzudrehen, schließlich wußten sie nicht, welche Überraschungen die nahenden Feinde aufbieten mochten. Um eine anfliegende Waffe abwehren zu können, mußten sie sie rechtzeitig sehen, und daß sie auf Anhieb keine weittragenden Waffensysteme wie etwa Bögen oder Armbrüste entdecken konnten, hatte absolut nichts zu bedeuten. Gerade bei Dämonen, von denen manche imstande waren, Teile des eigenen Körpers, wie Stacheln oder Schuppen, oder auch parasitierende Lebewesen, die auf ihnen hausten, wie Geschosse abzufeuern. Nein, die eilige Absetzbewegung konnten sie sich nur auf den letzten Metern erlauben. So schnell es eben ging, bewegten sie sich rückwärts auf die Regenbogenblumen zu und feuerten mit allem, was sie hatten.
Zamorra arbeitete mit Amulett und Blaster, Nicole setzte ihren Dhyarra ein. Längst hatte das Amulett sein Schutzfeld gebildet, in dem die bissigen Miniatur-Höllenhunde regelrecht verdampften, der Dhyarra spuckte Feuerlohen gegen alles, was größer war. Aber schnell endete die Flut der kleinen, flinken Gegner, und jetzt kamen die wirklich großen Kaliber, Monster aller Art, Skelette und amorphe, undefinierbare Gestalten...
„Clever ausgedacht, wirklich. Lockt uns mit einem scheinbaren Routinejob, und läßt dann die große, tumbe Masse die Arbeit machen.“ brummelte Nicole zwischen zusammengebissenen Zähnen. Der riesige, an etlichen Stellen brennende Holzkörper eines Baumdämons prallte genau zwischen ihnen zu Boden und trennte sie für ein paar angsterfüllte Sekunden.
„Wenn das nicht nach Stygia schreit... Wirklich mal was neues!“  Insgeheim gab Zamorra ihr mittlerweile recht. Das Intelligenzniveau der ganzen Szenerie lag weit unter dem, was sie eigentlich gewohnt waren, und schloß die meisten ihrer Gegner aus. Vielleicht waren die starken Dämonen einfach zu schlau für ihr eigenes Wohl, wollten es besonders idiotensicher machen, und scheiterten deshalb immer wieder. Aber so oder so - wenn diese Methode Erfolg hatte, würde der Urheber sich diesen triumphierend als Auszeichnung an die Brust heften, und wenn nicht - mit Schwund mußte man leben, gerade in der Hölle.
„Kann sein, muß nicht.“ brummte Zamorra und schoß zielsicher einige Dämonendrachen vom Himmel - keiner davon größer als Fooly, aber bedeutend mord- und angriffslustiger. Ruß und Asche der zerfallenden Reptilien regneten auf ihn nieder.
„Wir haben einfach zu viele Feinde hier. Vielleicht sind wir einfach nur am falschen Fleck gelandet, und diese ganzen Biester waren zufällig gerade zu einem Open-Air-Konzert versammelt. Schließlich sind wir Fremdkörper. Und die Hölle kennt nur eine Methode, mit Fremdkörpern fertigzuwerden.“ Nämlich die absolute Vernichtung, egal wie viele Opfer sie forderte. Die Laser mähten eine letzte Reihe Zombies nieder, deren halbverweste, mühsam dahintaumelnde Körper die erste Angriffswelle beinahe verpaßt hatten, und dann hatten Nicole und Zamorra ein paar Minuten Verschnaufpause, bis die fliegende Vorhut einer zweiten Welle eintraf. Die ersten schwarzen Punkte am feuerroten Himmel waren bereits sichtbar.
„Wie auch immer, hier werden wir nicht alt. Ich schlage einen taktischen Rückzug vor.“ Das war das einzig vernünftige, was sie in ihrer Lage machen konnten. Sorgfältig nach allen Seiten und nach oben sichernd, rannten sie in Richtung Regenbogenblumen - und wurden doch überrascht. Nach einer Richtung konnten sie nicht sichern, und das wurde ihnen beinahe zum Verhängnis.
Urplötzlich waren feuchte, bestialisch stinkende Flecken am Boden, genau da wo sie hinstrebten, und im nächsten Moment reckten sich schon tentakelartige, mit scharfen Klauen bewehrte Ghoularme aus den Flecken. Wie die Kastenteufel schossen die Leichenfresser aus dem Boden. Die Ghoule, feige Leichenfresser, die sich aber auch für einen Mord nicht zu schade waren, hatten auf ihre ureigenste Art reagiert. Während die beiden Menschen sich mit den anderen Monstern herumprügelten, hatten sie sich unterirdisch auf die Lauer gelegt, genau dort, wo die Menschen auf ihrer Flucht vorbeikommen mußten.
Ghoule - kein Problem, dachte Zamorra und schoß, ohne genau zu zielen. Diese Biester besaßen nämlich eine große Schwäche - Feuer. Der geringste Lasertreffer irgendwo am Körper, und sie gingen in Flammen auf, als wären sie mit Benzin übergossen. Leider besaßen diese hier ein paar kleine Helfer. „Klein“ im übertragenen Sinn.
Die Erde zitterte, es rumpelte um sie herum wie von einem Erdbeben, und dann schossen Fontänen von Dreck empor, riesige tonnenförmige Körper mit kreisrunden, ringsum mit armlangen Fangzähnen gespickten Mäulern schossen aus der Tiefe.
„Raketenwürmer! Paß auf!“ Auf diese Monster paßte nur der Name aus einem alten Action-Reißer. Zamorra mochte nicht ausschließen, daß die Würmer mit den Ghoulen in irgendeiner symbiotischen Beziehung lebten, aber das war Forschungsstoff für einen zukünftigen Höllenbesuch. Für den Augenblick hatte er die Schnauze gestrichen voll.
Nur noch wenige Schritte bis zu den Blumen. Direkt vor ihm zerplatzte ein Ghoul, getroffen von einem Silberblitz aus dem Amulett, überschüttete ihn mit ätzendem Blut und stinkenden, glitschigen Eingeweiden, und dann war Zamorra zwischen den makellos glänzenden Blüten, direkt neben Nicole, sah gerade noch, wie sich von oben ein gigantisches, höhlenartiges Maul über die Blumen stülpte, um das Gemüse samt der Fleischfüllung darin zu packen -  Transport!
Zamorra stolperte, brachte Nicole zu Fall. Sie rollten ein Stück und blieben auf weichem, grünen Gras liegen, inmitten freudig blühender Büsche. Allzugroß war die Blumenkolonie ja nicht... Gras? Büsche? In ihrem Keller? Worauf hatte Zamorra sich eigentlich konzentriert, als er zwischen die Blumen sprang? Er wußte es nicht mehr... Er sah sich um. In der Hölle waren sie jedenfalls nicht mehr.
Die Bäume und Büsche sahen normal aus, nicht wie jene bizarren, mehr dem Tier- als dem Pflanzenreich angehörenden Lebensformen, die in den meisten Höllendimensionen als Vegetation durchgingen. Aber wenn sie gerade noch glücklich entronnen waren, warum leuchtete dann alles in einen grellroten Widerschein? Sie sahen hoch, und...

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #5 am: 17. Juli 2020, 15:23:54 Uhr »
„Oh, Merde!“ entfuhr es Zamorra. Das war nicht die typische Höllenbeleuchtung, nein, diese in unmittelbarer Nähe emporstrebenden Feuermassen gehörten zu einem ausgewachsenen Vulkanausbruch. Der Vulkan mußte erst vor kürzester Zeit aktiv geworden sein, denn noch standen die Bäume grün, noch war das Unterholz nicht entflammt, aber wenn diese Glutströme, die beinahe über ihren Köpfen zu hängen schienen, herabstürzten... sie stolperten hoch und nahmen die Beine in die Hand. Nur weg von hier, bevor die Feuersäule zusammenbrach und ihre Glut in alle Richtungen verspritzte, bevor sich Lavamassen als unaufhaltsame Gewalt herbeiwälzten, oder bis eine der elektrischen Entladungen, die aus den aufsteigenden Energien hervorzuckten, sie erschlug... nach einigen Metern Hetzjagd quer durchs Unterholz fanden sie einen schmalen Trampelpfad. Keinen Tierwechsel, sondern einen von Menschen benutzten Pfad, denn ein Stück weiter entdeckten sie einen Wegweiser, dessen Pfeil unmißverständlich in die Richtung wies, in die sie strebten. Manchmal machte der Pfad ein paar Biegungen, aber nie genug, um sie wieder  in die Richtung des Vulkans zu bringen. Weitere Wegweiser tauchten auf, wiesen alle in die gleiche Richtung. Irgendwann verlangsamte sich ihre panische Flucht, vom Galopp fielen sie in einen schnellen Gang. Die Glutsäule war von hier aus nicht mehr zu erkennen, das Blätterdach des Waldes war zu dicht. Nur ein seltsames rötliches Zwielicht spielte im Laub der Bäume, gab allem ein sonderbar entrücktes, traumhaftes Aussehen. Und immer wieder hingen die kleinen Täfelchen mit den Pfeilen an den Bäumen. Auf jedem stand das gleiche geschrieben: „Zum Dorf“. Jedenfalls auf jenen, die sie lesen konnten, denn die Beschriftungen waren in den unterschiedlichsten Sprachen abgefaßt, und manche davon konnten sie nicht identifizieren, trotz ihrer jahrelangen Erfahrung mit Fremdsprachen.
Irgendwann erreichten sie eine Lichtung auf einem kleinen Hügel, von der aus man einen guten Blick zurück auf die Feuersäule hatte. Hier blieb Zamorra stehen und lauschte. Schon die ganze Zeit hatte ihn etwas gestört, und jetzt wußte er, was es war.
Für einen Vulkanausbruch in unmittelbarer Nähe war es viel zu still. Das typische Brüllen, Fauchen, Donnern, Blubbern, Klickern und Grollen, das bei einem aktiven speienden Vulkan ständig zu hören war, fehlte,  alles was sie wahrnahmen, war ein seltsam gleichmäßiges brummendes Zischen, wie von einem riesigen Elektrogerät, manchmal durchsetzt mit einem elektrischen Knacksen, wenn eine der Entladungen irgendwo in die Erde fuhr. Das Feuer, wenn es denn Feuer war, schien irgendwie in der Höhe einfach zu verschwinden, da stürzten keine flammenden Massen zurück in die Tiefe, keine Spur von Asche oder Schwefelgestank verpestete die Luft. Das einzige, was sie rochen, war das frische Aroma des Waldes, gemischt mit etwas Ozon, das zweifellos von den ständigen Entladungen stammte.
Auch stimmte die Farbe des Energiestromes nicht ganz. Sicher, auf Anhieb konnte man dieses seltsame Feuer tatsächlich für hochschießende Lava halten, doch auf den zweiten Blick gab es Unterschiede. Manchmal schien dieses Rot sich stellenweise regelrecht zu entfärben, färbte sich erst weiß, dann blau und nahm ein regelrecht ätherisches Aussehen an, gerade so als finde da ein Übergang in feinstoffliche Energieformen statt...
Statt der Geräusche, die Zamorra erwartet und nicht gefunden hatte, hörte er anderes. Vögel sangen, Insekten zirpten, irgendwelche unbekannten Kreaturen raschelten fröhlich im Laub, das dicht den Boden bedeckte. Die ganze Geräuschkulisse eines normalen, ungestörten Waldes. Tiere besaßen einen feinen Instinkt für Gefahren, das wußten sie. Aber die einheimischen Lebewesen schienen sich von der sonderbaren Feuersäule, die offenbar doch nicht vulkanischen Ursprungs war, nicht im mindesten beeindrucken zu lassen.
„Nici, was ist das? Hast du eine Ahnung?“ Sie schüttelte nur den Kopf. Ein derartiges Phänomen war ihnen auf allen ihren Reisen noch nie begegnet.
„Beeindruckend, was?“ fragte in diesem Moment eine Stimme hinter ihnen. Sie sprach Französisch, mit einem leichten englischen Akzent.
Der Mann war sehr schlank und hochgewachsen, und trotzdem erinnerte er Zamorra auf Anhieb irgendwie an den Gnom Gollum aus der „Herr der Ringe“-Verfilmung. Vielleicht lag es an den tiefliegenden dunklen Augen unter der vorgewölbten, ungewöhnlich hohen und sehr weißhäutigen Stirn - oder an der Angewohnheit des Mannes, ständig leicht den Kopf hin und her zu bewegen, was ihm in Verbindung mit seiner hellen Haut den Anschein einer angriffslustigen Albino-Kobra verlieh. Sein Anzug war von gutem Schnitt und aus einem Stoff, der jetzt abgenutzt war, aber einmal teuer gewesen sein mußte. Insgesamt wirkte er etwas altertümlich. So etwas hatte man in England Anfang des Zwanzigsten Jahrhunderts in besseren Kreisen getragen.
„In der Tat.“ antwortete Zamorra auf Englisch.
Damit hatte er nicht gerechnet. Erst dieser ungeplante Abstecher in die Hölle, dann dieser sonderbare Vulkan an einem bislang unbekanntem Ort, und jetzt ein Mann, der einem Wachsfigurenmuseum entsprungen zu sein schien. Was kam wohl als nächstes? Aber immerhin versuchte dieses Gegenüber wenigstens nicht, sie zu beißen, und das Amulett blieb inaktiv. Der Blasse schien also ein normaler Mensch zu sein, trotz der altmodischen Kleidung. Er war nicht einmal ein Vampir, denn er machte keine Anstalten, dem Sonnenlicht auszuweichen. Vielleicht stammte er einfach nur aus der falschen Epoche... oder waren sie selbst in der falschen Zeit gelandet, hatten die Regenbogenblumen für einen Zeitsprung gesorgt?
 „Mein Name ist Zamorra. Professor Zamorra.“ sagte der Meister des Übersinnlichen. Mit einer förmlichen Vorstellung startete man überall positiv, egal in welcher Zeit. „Und das ist meine Sekretärin, Miss Nicole Duval.“
„Wo sind meine Manieren? Mein Name ist Moriarty. Professor James Moriarty. Zu Ihren Diensten.“
Der Mann deutete eine leichte Verbeugung an. Seine Augen wieselten dabei ständig zwischen Zamorra und Nicole hin und her, zwischen Zamorras ehedem makellosem dunklem, jetzt jedoch von Ghoulinnereien, Ruß von Dämonendrachen und ähnlich angenehmen Dingen verunstalteten Anzug und Nicoles ledernem, schwarzem Kampfdress, der dank mehrerer frischer Risse noch offenherziger war als sonst.
Insbesondere an den Blastern, die Moriarty trotz ihrer Fremdartigkeit sofort als Waffen identifizierte, blieb sein Blick immer wieder hängen. Er wußte instinktiv, diese beiden Neuankömmlinge trugen diese Dinger nicht zum Vergnügen und auch nicht als nutzlose Zierde bei sich. Sein ewig pläneschmiedendes Gehirn erkannte die Gelegenheit sofort. Wenn es gelang, diese beiden auf ihre Seite zu ziehen...

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #6 am: 20. Juli 2020, 16:46:11 Uhr »
Als erstes führte er sie fort. Nicht in die Richtung, in die die zahllosen Hinweisschilder wiesen. „Kommen Sie bitte. Ich möchte Sie meinen - Freunden - vorstellen. Gebildete Leute, wie Sie und ich. Das Dorf mit seinen Barbaren können Sie später immer noch besuchen. Dafür haben Sie alle Zeit der Welt...“ 
Moriarty führte sie etwa eine halbe Stunde lang durch naturbelassenen lichten Wald, in einem weiten Halbkreis um die gigantische Feuersäule herum, bis sie eine größere Lichtung erreichten, auf der eine Ansammlung armseliger Hütten stand. Einige Leute, die offenbar gerade in eine eifrige Diskussion vertieft gewesen waren, wandten sich neugierig den Neuankömmlingen zu. Ihre Zurufe riefen weitere Personen aus den Hütten. Offenbar herrschte gerade Siestazeit, denn die Sonne des fremden Ortes stand hoch am Himmel, und die wenigen primitiven Gerätschaften, die Nicole und Zamorra zu entdecken vermochten, lagen verwaist herum.
Ihnen fiel gleich die Zusammensetzung der Dorfbevölkerung auf. Die Anwesenden waren überwiegend Männer, die aus den verschiedensten Kulturkreisen zu stammen schienen, nur wenige Frauen waren anwesend, und nur ein einziges, älteres Kind ließ sich blicken. Absolut ungewöhnlich für eine natürlich gewachsene Bevölkerung in einem ländlichen Gebiet. Auch die Hütten sahen nicht so aus, als existierten sie längere Zeit, oder als würden sich ihre Bewohner ihren Unterhalt mit täglicher harter Arbeit verdienen. Der erste Eindruck auf Zamorra war der eines Übergangslagers, einer Notlösung für Flüchtlinge, die das Schicksal per Zufall zusammengewürfelt hatte. Flüchtlinge, die übrigens nicht alle der Gattung Mensch entstammten. Einige waren eindeutig nichtirdischen Ursprungs, standen jedoch völlig gleichberechtigt neben den anderen, gemeinsame Leidensgenossen eines bis jetzt noch unbekannten Schicksals... 
Nun, dieser Professor Moriarty - war das ein Deckname, oder warum kam er Zamorra so bekannt vor? - hatte ihnen Antworten auf ihre vielen Fragen versprochen, sobald sie das Dorf erreichten. Statt dessen wurde Zamorra mit Fragen überhäuft, kaum daß er sich, so wie gegenüber Moriarty, höflich als erstes vorgestellt hatte. Die vordersten Männer reihum - die Frauen hielten sich seltsamerweise zurück, und Zamorra hatte durchaus bemerkt, daß Nicole sich etwas hinter ihm parkte, wie um in seinem Windschatten zu bleiben - oder ihm den Rücken zu decken? - stellten sich gleichfalls vor, mit Namen wie Mabuse, Morton, Quorn und Saveen. Interessanterweise gaben die meisten einen Professor, Doktor oder ähnlichen Titel an. 
„Professor? Auf welchem Gebiet?“ wollte ein gewisser Dr. Glenn Morton von ihm wissen. Der Mann hatte sich selbst als Arzt und Forscher vorgestellt, doch Zamorra war sich auf Anhieb sicher, daß er niemals von diesem Mann ärztlich versorgt werden wollte. Nicht, daß er dessen Fachwissen mißtraute - aber er hatte so etwas an sich, etwas im Blick und im ganzen Verhalten, als habe er mehr als nur das bei normalen Ärzten übliche Maß an Blut an den Händen...
„Parapsychologie.“
„Oh.“ Das ganz unbewußte verächtliche Naserümpfen, das Zamorra schon bei so vielen Ärzten bemerkt hatte, und nicht nur bei Ärzten, blieb erstaunlicherweise aus. Statt dessen gab es reihum äußerst interessierte Blicke.
Morton machte den Anfang.
„Haben Sie Erfahrung mit bilokations-ähnlichen Zuständen?“
„Bilokations-ähnlich? Sie meinen, so etwas wie unbewußte Doppelgänger?“
„Oh, ganz im Gegenteil. Sehr bewußt sogar. Zwei Körper mit zwei Seelen, jedoch untrennbar miteinander verbunden. Im Leben und im Tod. Was der eine fühlt, fühlt der andere, wenn der eine verletzt wird, blutet der andere. Beide möchten gerne die Verbindung durchtrennen, weil sie einfach zu verschieden sind, aber es gelingt ihnen nicht.“
Zamorra und Nicole sahen sich nicht an, was sie in einer anderen Umgebung zweifellos getan hätten. Der Anfang war ihnen durchaus bekannt, denn sie fühlten ganz ähnlich. Bei ihnen war es erwünscht, weil es einer tiefen Liebe zueinander entsprang. Dieser Doktor Morton beschrieb das genaue Gegenteil, und in einer extrem verstärkten Variante. „Sie wollen wissen, wie man die Trennung erreicht, ohne beiden oder wenigstens einem der beiden zu schaden. - Nun, ich würde mit der Ursache für die Verbindung beginnen. Handelt es sich um eine Verbindung magischer Art?“ Kurzes Zögern, dann Kopfschütteln. „Welcher Art?“ Der Doktor beherrschte sich sichtlich, um sich sein Unbehagen nicht ansehen zu lassen. Er zögerte einen Sekundenbruchteil, bevor er sich einen Ruck gab. Den sprichwörtlichen Sekundenbruchteil zu lange. Die Anwesenden besaßen für fremde Schwächen einen geradezu wölfischen Spürsinn, sie wußten, daß Morton nicht einfach über einen abwesenden Patienten sprach, sondern über jemanden, der ihm sehr nahe stand - angesichts der Tatsache, daß sie allesamt unter die Rubrik „hemmungslose Egomanen“ fielen, mutmaßlich sich selbst.
„Technisch, gewissermaßen. Das Produkt eines mißglückten Genexperiments.“ Ein willenloser, jederzeit fernsteuerbarer Zwillingsbruder hätte es werden sollen, statt dessen entwickelte es sich zu einem eigenständigen menschlichen Wesen, das sich gegen Manipulationsversuche von Seiten Mortons durchaus zu wehren wußte - mit Mitteln, die dem Original abgingen und weit in den Bereich der Parapsychologie hineinreichten - aber gleichzeitig um der puren Selbsterhaltung willen geschützt werden mußte. Mehrere einschlägige Erfahrungen hatten Morton gelehrt, daß seine eigene Existenz unmittelbar an jene seines Klons geknüpft war, wenn der eine starb, bedeutete es auch das Ende des anderen. 
„Hm, das ist schwieriger. Ich könnte natürlich Experimente anstellen, doch nur, wenn ich beide Personen vor mir habe. Möglicherweise ist die Ursache für die Verbindung das Fehlen eines gewissen Ausgleichs. Beiden mangelt etwas, was der andere besitzt, und solange es nicht ausgeglichen ist, kann es keine endgültige Trennung geben - egal wie unterschiedlich die beiden sein mögen.“
Zamorra dachte an den Dhyarra in seiner Tasche, der viele scheinbar unmögliche Dinge bewirken konnte. Aber irgendwie war er äußerst zögerlich, diese Eigenschaft auch nur zu erwähnen. Vielleicht war diese seltsame Verbindung in Wahrheit sogar eine gezielte Maßnahme der erwähnten anderen Hälfte des Duos, sich vor der Auslöschung zu schützen. Die alte Jekyll- und Hyde-Geschichte ging ihm nicht aus dem Kopf, und er hatte schwer das Gefühl, daß der Andere nicht zwangsläufig der schlechtere der beiden sein mußte. Vielleicht hatte es sogar einen tieferen Sinn, wenn dieser sonderbare Doktor durch einen Klotz am Bein etwas gebremst wurde.
Wenn er zu sich ehrlich war, gefiel ihm dieser Morton, und diese ganze Gesellschaft nicht. Nicole ging es ähnlich, das sah er ihr an. An ihrer Stelle hätte er die telepathischen Lauscher weit geöffnet, und er war sich sicher, daß sie genau das in diesem Moment tat. Jene steile Falte stand auf ihrer Stirn, die nur erschien, wenn ihr etwas äußerst zuwider war. Sie sah aus, als müsse sie gerade durch eine gut gefüllte Jauchegrube waten und könne sich nicht einmal die Nase zuhalten. 

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #7 am: 24. August 2020, 18:33:40 Uhr »
Jetzt war die Reihe an „Mabuse“, und dessen gebeugte, vor unsichtbarem Schleim geradezu triefende Gestalt mit den bittenden Mauseäuglein war erst recht nicht geeignet, Vertrauen zu erwecken. Dieser Mann hatte seinen Decknamen, denn ein Decknamen konnte das doch nur sein, in der Tat treffend gewählt.
„Wie steht es mit Wiedererweckungen? Ägyptische Mumien, jahrelanger Todesschlaf, Sie wissen schon.“
Jahrelanger Todesschlaf war im Zusammenhang mit echten ägyptischen Mumien wohl eine Untertreibung... aber daß dieser „Mabuse“ die gleiche Faszination dafür empfand wie sein Vorbild im Film, erklärte wohl den Decknamen.
„Ohne genauere Daten kann ich da überhaupt nichts dazu sagen. Schließlich bin ich kein Scharlatan, der das Blaue vom Himmel herunterverspricht.“ erklärte Zamorra und legte so viel Arroganz in seine Stimme, wie er im Angesicht dieses menschlichen Wolfsrudels hinbekam. „Das mindeste wäre, daß ich die Mumie, oder was auch immer, selbst untersuchen könnte. Aber den Erfahrungen nach, die ich auf diesem Gebiet gemacht habe, bekommt man selten das, was man sich wünscht. Tut mir leid, wenn ich Ihnen damit vielleicht ein paar Hoffnungen raube, aber - so ist es. Der Tod läßt sich nur schwer betrügen.“
„Schwer, vielleicht. Aber nicht unmöglich.“ widersprach „Mabuse“ und kicherte, von Zamorras ernsten Worten keineswegs entmutigt. „Danke für die offenen Worte. Das bedeutet, daß Sie in der Tat kein Scharlatan sind - und daß Sie nicht sofort Nein gesagt haben, spricht auch für Sie.“
Aus diesem Mund war das mit Sicherheit kein Kompliment.
Nicoles Gesichtsfarbe wurde immer ungesünder. Zamorra brach weitere Fragen mit einer ungeduldigen und sehr theatralischen Handbewegung ab. „Ich bin sicher, wir haben später noch genügend Zeit für weitere Gespräche. Jetzt will ich erst einmal wissen, wo wir hier unterkommen. Ich könnte eine Reinigung vertragen, und eine neue Ausstattung, falls es hier so etwas gibt.“
Er zupfte an seiner arg derangierten Kleidung und warf einen bedeutsamen Blick auf die armseligen Hütten aus Schilf und Bambus, in denen wohl kaum mehr Komfort als eine Hängematte zu erwarten war.
„Schon gut. Die dritte Hütte von rechts ist meine. Benutzen Sie, was Sie dort vorfinden.“ erklärte „Moriarty“ würdevoll. „So wenig es auch sein mag, und eines Gentleman auf keinen Fall würdig.“
Zamorra bedankte sich mit der vollen Grazie seiner spanischen Vorfahren und stiefelte los, ohne sich extra an Nicole zu wenden. Von Mätressen und mordlüsternen Gespielinnen, oder für was auch immer diese Leute Nicole halten mochten, erwartete man, daß sie ihrem Herrn und Meister gehorsam auf dem Fuße folgten. 
„Uuuägh!“ machte Nicole, kaum daß sie aus unmittelbarer Hörweite waren. „Noch eine Minute, und ich hätte mich übergeben! Chef, du glaubst nicht, was für eine Räuberhöhle die Gedanken dieser Männer sind. Allesamt! Damit verglichen sind selbst ein paar von den Dämonen, die uns in letzter Zeit über den Weg gelaufen sind, reine Unschuldsengel. Die tun wenigstens nur das, wofür sie erschaffen wurden, aber das hier...“ Sie atmete tief durch, als versuche sie mit aller Macht die beginnende Übelkeit zu verdrängen. „Wenn sie uns nicht auf Anhieb für ihresgleichen gehalten hätten, wären sie wahrscheinlich über uns hergefallen wie ein tollwütiges Wolfsrudel. Wir müssen hier weg. Sofort!“
Eine so klare Analyse hatte Zamorra selten erlebt. „Wohin?“
„Sie hatten Interesse an uns. Alle. Sie hofften, wir würden ihre Reihen verstärken mit unseren Waffen, und wenn nicht, wollten sie uns die Waffen abnehmen. Sie haben etwas vor, einen Überfall. Auf eine größere Gruppe, die in einer festen Ansiedlung im Norden lebt, vermutlich in diesem Dorf, wo die Wegweiser hinführen, die aber schlecht bewaffnet ist. Sie rechnen nicht mit einem Angriff. Wir müssen sie warnen. - Und, Chef...“ sie drehte sich ihm zu, und die goldenen Tupfen in ihren Augen leuchteten vor Erregung, „ich glaube nicht, daß das Decknamen waren!“
„Keine Decknamen?“ Moriarty, Mabuse... die Namen Morton, Quorn und Saveen kannte er nicht, und die anderen hatten sich nicht vorgestellt. Die Gesichter waren ihm allesamt unbekannt, aber er wußte, daß man sich Romanfiguren meistens nach dem jeweiligen Schauspieler der prominentesten Verfilmung vorstellte.
Sie hatten die Hütte fast erreicht, als es passierte. Auf einmal wuchsen Gestalten aus dem Boden, tauchten hinter Büschen und den Hütten auf. Ihre Bewaffnung war armselig, Speere, landwirtschaftliches Gerät, Bögen und ein paar primitive Feuerwaffen, die wie selbst zusammengebastelt aussahen, doch sie reichten völlig für die total überraschten Personen am Lagerfeuer.
Zamorra griff reflexhaft zum Dhyarra, begann sich auf ein Abwehrfeld zu konzentrieren, das sie zumindest so lange vor einem Zugriff schützen sollte, bis die Fronten geklärt waren - aber in diesem Moment fühlte er einen schmerzhaften elektrischen Schlag, der ihm den Sternenstein aus den Fingern fliegen ließ. Nicole ging es nicht besser, ihr Blaster machte sich selbständig.
Ein Rupfen an seinem Gürtel zeigte Zamorra, daß auch seine Waffe davonflog. Beide Blaster landeten vor dem Urheber ihrer Unbotmäßigkeit am Boden, einem jungen Burschen mit schulterlanger blonder Haarmähne, der ein wenig an Gryf erinnerte und bestimmt noch keine zwanzig Jahre alt war. Allerdings waren seine Augen nicht schockgrün wie bei dem Silbermond-Druiden, sondern grünlichgrau. Die linke Faust des Jünglings war ausgestreckt, und dort steckte, in einem einfachen goldenen Herrenring eingelassen, ein aktiver Dhyarra.
Welcher Stärke? fragte Zamorra sich unwillkürlich. Die Stärke mußte an seinen eigenen Achter herankommen, denn mit einem Stein geringerer Stärke hätte er selbst es niemals gewagt, einen hochfahrenden Achter derart zur Seite zu schlagen. Erst später sollte er erfahren, daß er sich da entschieden täuschte.
Doch im Augenblick war er waffenlos. Sein Dhyarra lag im Gras, deaktiviert, weil der für die Aktivierung nötige Körperkontakt unterbrochen worden war, und als Zamorra einen Schritt in die Richtung tat, traf er auf ein unsichtbares Feld, das seinen Stein kuppelförmig einhüllte. Der blonde Junge grinste und bedeutete den Leuten ringsum, sie könnten die beiden nun einsammeln.
Sie mußten es sich gefallen lassen, daß sie gründlich gefesselt und zusammen mit Moriarty und den anderen auf einfache Ochsenkarren verladen wurden, die ein gutes Stück von den Hütten entfernt im Wald verborgen standen. Als sie abgeführt wurden, konnte Zamorra gerade noch beobachten, wie der Junge nach dem Achter griff, mit seiner rechten Hand, die sorgfältig mit einem gefalteten Tuch geschützt war. Und er fragte sich, wer das wohl sein konnte, wenn er in diesem Alter bereits solches Wissen über Dhyarras besaß. Vielleicht ein junger Ewiger? Wenn ja, dann fingen sie früh an, meldete sich eine spöttische Stimme in seinem Gehirn.
Die Karren fuhren in gemächlichem Tempo in nördlicher Richtung. Jeder war die ganze Zeit über von einer ganzen Gruppe äußerst wachsamer Personen umgeben, offenbar wußten sie, welchen Kalibers ihre Gefangenen waren. Nicole und Zamorra hatten reichlich Muße, sich diese Leute zu betrachten, und fanden eine sehr ungewöhnliche Mischung, neben den Menschen beiderlei Geschlechts und fast jeder erdenklichen Hautfarbe fanden sich wieder mehrere Wesen, die eindeutig außerirdischer Herkunft waren, allerdings von Spezies, die Zamorra noch nie gesehen hatte.
Sie ahnten natürlich, was das Ganze zu bedeuten hatte. Die Bewohner der anderen Siedlung, denen der geplante Überfall gegolten hätte, hatten rechtzeitig von den Plänen erfahren und einen Präventivschlag gelandet. Für sie beide galt jetzt der alte Spruch „mitgefangen, mitgehangen“, wenn es ihnen nicht gelang, diese Leute von ihrer Unschuld zu überzeugen.
Der blonde Junge mit dem Dhyarra-Ring fuhr auf einem der Karren mit, wechselte nach einiger Zeit auf den zweiten über und kam schließlich auch zu ihnen. Er versuchte nicht, mit einem der Gefangenen zu sprechen, und wenn er angesprochen wurde, mit Fragen oder Beschimpfungen, reagierte er nur kurz angebunden oder überhaupt nicht. Mehr als einmal verzog er unvermittelt und scheinbar grundlos das Gesicht, mit einem Ausdruck, wie ihn Nicole erst vor kurzer Zeit gezeigt hatte. Zamorra erkannte diesen verschleierten Blick, der junge Mann war in seine Matrix vertieft. Er mußte auch nicht lange überlegen, was der Blonde da gerade trieb, er sondierte die Gefangenen telepathisch. Als die Reihe an Zamorra war, öffnete er unaufgefordert seine Gedankensperre. Natürlich war das ein Risiko, insbesondere wenn es sich tatsächlich um einen Ewigen handelte. Er konnte nur hoffen, daß das Ergebnis den Einsatz wert war.
Seine Hoffnung trog nicht. Als sie das Dorf erreichten, das aus einfachen, aber größer und deutlich besser konstruierten Holzgebäuden mit steinernen, gemauerten Fundamenten bestand und die Gefangenen in eines dieser Häuser, das offensichtlich in aller Eile mit geflochtenen Bambusgittern in ein provisorisches Gefängnis verwandelt worden war, getrieben wurden, stoppte der Junge die Männer, die Zamorra und Nicole hineinführen wollten.
„Nein, die nicht. Das sind Neue. Mit denen will ich mich erst unterhalten.“
Unter den wachsamen Augen der Männer mußten die beiden ein paar Minuten warten. Der Junge war wieder in seine Matrix vertieft, er fixierte das Gefängnis. Leichte blaue Lichtreflexe, die kurz über die Mauern, das Dach und die krude eingefügten Bambusgitter liefen, zeigten an, was er trieb - er machte das Haus ausbruchssicher. Zamorra hatte sich schon gefragt, wie solch lächerliche Gitter, aus Holz gefertigte Wände und ein Strohdach allen Ernstes jemand am Ausbruch hindern sollten, jetzt konnte er sich die Frage selbst beantworten. Eine mit Matrixenergie verstärkte Hütte konnte man nicht einmal  mit einer Atombombe zerstören.

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Re: Fanfic Professor Zamorra
« Antwort #8 am: 16. Oktober 2020, 17:37:45 Uhr »
Da ihnen der Einsatz eines Dhyarras nichts neues war, konzentrierten sich die beiden lieber auf die Personen, die die Ankunft der Gefangenen herbeigelockt hatte. Wieder fiel ihnen die ungewöhnliche Vielfalt an Rassen, Kleidungen und sonstigen Merkmalen auf, die weitgehende Abwesenheit von Kindern, dafür aber die Anwesenheit mehrer weiterer, ihnen unbekannter Aliens.
Es war gerade so, überlegte Zamorra, als habe jemand in einen „Star Wars“-Film hineingegriffen und auf gut Glück eine Kollektion von Personen herausgezogen.
Eines der Aliens kam näher. Es war von einem katzenartigen Typus, ein durchaus edel geschnittener, löwenartiger Kopf samt passender Mähne saß auf dem stämmigen, kurzbeinigen Körper eines halb verhungerten Grizzlys. Als einziges Bekleidungsstück trug das Alien eine Art Laborkittel, der eindeutig schon bessere Zeiten gesehen hatte.
Der größte, und sofort auffallende Unterschied zu irdischen Katzen waren die Augen, im Verhältnis deutlich größer als die eines irdischen Löwen, die mit ihrer seltsamen bunten Bänderung an die Facettenaugen von Bremsen erinnerten. Wo diese Augen jeweils genau hinschauten, war für Zamorra nicht erkennbar, vermutlich brauchte man eine gewisse Übung dazu, das zu definieren, doch irgendwie hatte er das Gefühl, daß der Katzenmann mit Erleichterung auf den blonden Jungen blickte.
Der deaktivierte gerade seine Matrix, lächelte leicht, als er das Alien neben sich stehen sah, und klopfte ihm mit einer beruhigenden Geste kurz auf den fellbedeckten Arm.
Nicole wußte natürlich mehr. Ihre telepathischen Lauscher waren weit ausgefahren. Sie wußte, daß der Alien sich Sorgen gemacht hatte um seinen jungen Freund, seinen „Rahne“, wie er es in Gedanken ausdrückte, und von seiner Erleichterung, daß alles so einfach und unblutig abgelaufen war. Jetzt war der Katzenmann neugierig, warum Siwa, wie der Junge offensichtlich hieß, sich diese beiden herausgefischt hatte.
Neugier schien eine sehr bedeutende Stellung in der Gefühlswelt des Aliens zu haben. Es fiel Nicole nicht schwer, ihn auf Anhieb in die Rubrik „Wissenschaftler“ einzusortieren. Und zwar in die von der aufrechten, ehrlichen Sorte, ganz anders als jene, die sie vor einer Stunde in der anderen Siedlung kennengelernt hatten. In den Gedanken dieses Wesens konnte sie kein Falsch finden. 
Der Junge, Siwa, winkte den beiden, sie sollten mit ihm gehen. Der Alien schloß sich ungefragt an. Als auch einer der Wächter mitkommen wollte, schüttelte Siwa nur den Kopf, und der Mann blieb ohne jeden Kommentar stehen, ließ sie einfach gehen. Offenbar hatte der junge Bursche trotz seines geringen Alters eine hohe Stellung in dieser Gemeinschaft, und bei einem Dhyarraträger war das auch nicht verwunderlich.
„Sie sind neu hier? Gerade erst angekommen, richtig?“
„Richtig.“ antwortete Zamorra, der entschieden hatte, erst einmal mitzuspielen. Daß Nicole deutlich entspannter aussah als noch vor einer Stunde, und seit einigen Minuten sogar unbewußt vor sich hin lächelte, stimmte ihn optimistisch.
„Wie es aussieht, sind wir zuerst auf der falschen Seite gelandet.“
Der Junge führte sie wenige Schritte hinter die Hütten. Dort befand sich ein Tümpel inmitten einer Wiese, vielleicht der Dorfteich und die Wasserversorgung der kleinen Ansiedlung, dann kam ein kleiner Waldstreifen, und scheinbar unmittelbar dahinter erhob sich die Feuersäule. Es war ein erhebender, gleichzeitig furchterregender Anblick. Die Säule war so nahe und so hoch, sie schien beinahe endlos, so hoch wie ein Atompilz in die Atmosphäre zu reichen, geradezu den Himmel zu tragen mit ihren unaufhörlichen, fast lautlos emporströmenden Energien ... sie mußten die Köpfe weit in den Nacken legen, um das obere Ende erkennen zu können.
Die Entladungen, die hin und wieder aus der Säule herauszuckten, schienen direkt auf den Waldstreifen jenseits der Wiese niederzugehen, es schien wie ein Wunder, daß der Wald noch dicht und saftiggrün stand, nicht längst entflammt und zu Asche zerfallen war.
Wie dick der Energiestrom war, ließ sich auch von hier aus nicht genau bestimmen, doch der Durchmesser mußte mindestens einen Kilometer betragen.
„Was ist das?“ wollte Zamorra wissen.
„Das,“ machte der Junge betont, „ist der Nexus. Eine Art Dimensionsriß. Durch ihn kamen Sie hierher, und wenn Sie Glück haben, bringt er Sie auch wieder zurück. Dorthin, woher Sie kamen.“ 
Nun ja, exakt dorthin wollten sie ja eigentlich nicht... 
„Was bedeutet das? Nexus?“ Dimensionsrisse in allen möglichen Formen kannten sie mittlerweile hinreichend, hatten selber schon einige geöffnet, geschlossen oder repariert. Aber einem derartigen Giganten waren sie bis jetzt noch nicht begegnet.
„Oh, wow!“ Eine besonders heftige, irgendwie materiell wirkende Entladung war in die Tiefe gesaust und in dem Waldstück verschwunden. Siwa deutete mit dem Finger. „Sehen Sie, da ist gerade jemand angekommen.“
„Sollte man dann nicht jemand hinschicken, der nachsieht?“ wollte Nicole wissen.
Der blonde Junge schüttelte nur den Kopf. „Nicht nötig. Wir haben Wegweiser aufgestellt. Und nachdem die Störenfriede hinter Gitter sitzen, wird auch keiner mehr die Neuen abfangen. Die kommen von selber. Wenn sich in einer Stunde noch keiner blicken läßt, schicken wir einen Trupp los, zum nachschauen. Könnte ja sein, daß sich jemand bei der Landung verletzt. Ist bis jetzt zwar noch nicht passiert, aber...“ Achselzuckend tat er das Thema ab.
Der Junge sprach amerikanisches Englisch, bemerkte Zamorra, allerdings mit einem seltsamen Akzent, und hin und wieder mischte er, vermutlich ganz unbewußt, unbekannte Wörter oder Slangausdrücke dazwischen, deren Sinn sich jedoch aus dem Zusammenhang leicht erschloß. Zamorra kehrte zum ursprünglichen Thema zurück.
„Also, nochmals: Was bedeutet Nexus? Und wer sind diese Leute?“ Er deutete nach hinten, zu der Ansiedlung, zu den Personen und den frischgebackenen Gefangenen gleichermaßen.
Siwa seufzte. Lange Erklärungen waren nicht sein Ding, dabei schien sich immer seine Zunge zu verknoten. Zu seiner Erleichterung mischte sich jetzt der Löwenmann ein, der bisher geschwiegen hatte.
Er sprach ein einigermaßen verständliches Englisch, auch wenn ihm seine langen Reißzähne dabei manchmal arg im Weg waren, und nachdem Zamorra die ersten Sätze gehört hatte, wußte er, wo der Junge den seltsamen Akzent, eine kurze, abgehackt wirkende Sprechweise mit einem tief in der Kehle knurrenden Unterton, her hatte. Offenbar beherrschte er neben Englisch auch die Muttersprache des Aliens, war vielleicht sogar zweisprachig aufgewachsen.
„Sie sind mit der Theorie der parallelen Welten vertraut? Mit Übergängen zwischen den Dimensionen, Dimensionsrissen und dergleichen?“
Nicole und der Professor nickten unisono. Das Gesicht des Aliens verknitterte sich etwas, wahrscheinlich seine Art, ein Lächeln zu zeigen. „Nun, das hier ist so ein Übergang. Aber keiner von den normalen, kleinen. Dies hier ist ein Super-Übergang. Er verbindet Dimensionen, die weit voneinander entfernt liegen und normalerweise niemals Kontakt miteinander hätten. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie viele es sind, aber es müssen Tausende sein. Und an manchen dieser tausenden von Dimensionen mögen weitere ungezählte Unter- und Miniuniversen dranhängen.
Sehen Sie diese aufsteigenden Energiebündel? Ich glaube, daß jedes dieser unzähligen Bündel für ein eigenes Universum steht, mit dem dieser Übergang einen Kontakt hält. Deshalb nennen wir es den Nexus. Den Schnittpunkt aller Universen. Wir haben noch nicht herausgefunden, wie das alles genau funktioniert. Aber wir arbeiten daran.“
Der Junge deutete mit dem Daumen auf ihn und kommentierte: „Das heißt, er arbeitet daran. An qualifizierten Wissenschaftlern, die sich mit hyperdimensionalen Vorgängen auskennen, haben wir leider akuten Mangel. Falls Sie irgendetwas dazu zu bieten haben, dann heraus damit.“
Dazu war Zamorra natürlich gerne bereit, sofern es in seiner Macht lag.
„Und der Nexus bringt Leute hierher. Aus den verschiedensten Dimensionen. Verstehe ich das richtig?“ Anders ließ sich die Vielfalt der Personen in der Siedlung nicht erklären.
„Korrekt.“ stimmte das Alien zu. „Sie landen hier. In diesen seltsam massiv aussehenden Entladungen, wie Sie vorhin eine gesehen haben. Sie bleiben aber nicht unbedingt hier. Manchmal blitzt es auf, und dann ist jemand wieder verschwunden. Der Nexus scheint manche Leute von sich aus zurückzuschicken, wahrscheinlich um irgendwelche Defekte in dem jeweiligen Raum-Zeit-Kontinuum auszugleichen.
Aber es gibt viele hier, die schon ziemlich lange da sind. Manche wollen oder können gar nicht mehr weg, sei es, weil ihr Heimatuniversum aus irgendwelchen Gründen nicht mehr existiert, oder aus anderen Gründen. Aber es gibt auch Leute, die unbedingt zurück, oder einfach fort wollen, auch wenn es bedeutet, vielleicht in einem vollkommen fremden Universum zu landen. Und natürlich gibt es hier einige, bei denen es das Beste wäre, wenn wir sie gezielt dahin zurückschicken könnten, wo sie herkamen.“
Er wies unzweideutig in Richtung Gefängnis. „Auch daran arbeiten wir. Unter anderem.“
„Sie meinen wirklich, es wäre das beste, die da zurückzuschicken?“ Wenn es denn gelingen sollte...
Da reagierten die beiden pragmatisch.
„Jeder Schurke bringt irgendwann einen Helden hervor, der sich ihm in den Weg stellt. Und umgekehrt. Das ist so eine Art Naturgesetz.“ erklärte Siwa. „Ein Universum, das seinen Schurken dauerhaft freie Hand läßt, hat es nicht besser verdient. Viel schlimmer wäre es, sie woandershin zu schicken, wo man nicht auf sie eingerichtet ist. Und hier können sie auch nicht für alle Zeiten bleiben. Im Landesinneren gibt es weitere Siedlungen, in denen sich jene angesiedelt haben, die der Nexus offenbar nicht mehr haben will. Die Leute dort sind auch nicht scharf darauf, daß diese Unruhestifter frei herumlaufen. Was sollen wir sonst mit ihnen machen? Sie aufhängen?“
Also gab es hier keine Todesstrafe. Oder sie wurde zumindest nicht durchgeführt. Beruhigend, fanden Nicole und Zamorra, das war ein kleiner Hinweis auf ein offensichtlich vorhandenes Mindestmaß an Zivilisation.
Die Aussage bedeutete aber auch, daß die Bevölkerungsdichte relativ gering zu sein schien. Zu gering, als daß sich Verbrecher einfach in der Menge hätten verstecken können. Hier kannte jeder jeden, und früher oder später wußte man von jedem, wo seine Fähigkeiten lagen, im Guten wie im Bösen. Keine guten Bedingungen für Moriarty & Co.
Jetzt verstanden die beiden Neuankömmlinge, warum sich die Gesetzesbrecher, entgegen allen ihren sonstigen Gewohnheiten, in einem eigenen Dorf angesiedelt hatten.
„Man kann also nicht einfach in den Nexus eindringen, um von hier fort zu kommen? Gibt es irgendwelche - Gesetzmäßigkeiten, nach denen Leute auftauchen und verschwinden?“ Zamorra fühlte sich wissenschaftlich herausgefordert, und wollte keine Zeit verlieren.
„Ersteres - nein. Wenn Sie versuchen, ungebeten hineinzukommen, werden Sie einfach zurückgeschleudert. Der Nexus nimmt Sie entweder freiwillig oder gar nicht. Wie gesagt, das hier ist kein einfacher Dimensionsriß, durch den man einfach durchgehen kann, sondern etwas ganz anderes.
Und was die Gesetzmäßigkeiten angeht...“ Siwa und der Löwenmann tauschten schräge Blicke und ein noch schrägeres Grinsen.
Dann erklärte der Junge in einem betont harmlosen Ton: „Dazu gibt es eine Theorie. Eine sehr schöne, und schmeichelhafte noch dazu. Aber die soll Ihnen Nerd selber nahelegen. Nerd hat diese Theorie erfunden. Sie können ihn gar nicht übersehen. Wenn er merkt, daß Sie eine Energiematrix besitzen, wird er Ihnen nicht mehr von der Pelle rücken.“ Das unverhohlene Feixen der beiden ließ Böses erahnen.
„Aber schauen Sie sich den Nexus ruhig an, und lassen Sie sich Zeit dabei. Vielleicht glauben Sie Nerds Theorie dann eher.“