Autor Thema: Oneshots  (Gelesen 66 mal)

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Offline claudrick

  • Ezra Gurney (Mod)
  • Simon Wright
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Oneshots
« am: 17. Juni 2019, 12:45:17 Uhr »
Hallo ihr Lieben,

vielleicht geht es euch auch manchmal so, dass ihr zwar eine tolle Szene im Kopf habt, aber keine Story, in die ihr sie einbauen könnt. In diesem Thread könnte Platz für solche Szenen sein, die wahrscheinlich keine Fortsetzung bekommen aber trotzdem lesenswert sind. Fühlt euch gerne aufgefordert! Ich mach mal den Anfang...  :)



Einen grandiosen Triumph hatte es George Forrester, der Präsident der Solarregierung, vor versammelter Presse genannt. Einen massiven Schlag gegen einen Ring aus Waffen-, Drogen- und Menschenhändlern, Mördern und Räubern. Einen Schlag, von dem sich das organisierte Verbrechen nicht so schnell erholen würde, hatte er doch einen seiner führenden Köpfe das Leben gekostet, dem meistgesuchten Piraten des Sonnensystems: Dem Falken.

Die Pressekonferenz im Regierungsgebäude in New York war noch in vollem Gange, während Marschall Ezra Gurney an Bord seines Raumkreuzers der Planetenpolizei, der noch im Orbit des Jupiters stand, mit schweren Schritten den Korridor zur medizinischen Abteilung entlang ging. Um sicher zu gehen, dass es wirklich der Falke war, den man gestellt hatte, und nicht etwa einer seiner vielen Doppelgänger, war seine Leiche sichergestellt worden, um Proben für einen DNA-Abgleich zu nehmen. Die diensthabende Ärztin mit den großen, stark mandelförmigen Augen, wie sie typisch für die Bewohner des Ganymed waren, erwartete Ezra bereits.

„Darf ich ihn sehen, Dr. Ambani?“, erkundigte sich Ezra, kaum, dass die Ärztin dem Marschall etwas Blut, Speichel und Hautgewebe entnommen hatte. Der Blick aus ihren großen, dunklen Augen, der ihn daraufhin traf, sagte etwas anderes als ihre zögernde Antwort. „Natürlich, wenn Sie das möchten.“

Ezra folgte der Ärztin in einen Nebenraum. Dort entriegelte sie eine der Kühlboxen, zog die darin befindliche Liege heraus und öffnete den Reißverschluss eines Leichensacks. Dann trat Dr. Ambani etwas zur Seite und wandte sich ab, um dem Marschall etwas Privatsphäre zu geben. Allein lassen dürfte sie ihn mit dem Toten nicht.

Ezra holte Luft und trat mit versteinerter Mine an den Leichensack heran. Irgendwie hatte er geahnt, dass dieser Moment eines Tages kommen würde, und doch musste er sich jetzt zusammenreißen, als er in das Gesicht des Piraten blickte. Denn abgesehen von ein paar Brand- und Schürfwunden im Gesicht und schulterlangem grauem Haar, das dem Falken bis auf die Schultern fiel, war es, als schaue Ezra in einen Spiegel. Dieselbe markante Nase, ein grauer, an den Seiten etwas längerer Schnurrbart, das kantige Kinn. Eine aufwühlende Mischung aus Zorn, Enttäuschung und Trauer überkam ihn und ließ einen unterdrückten Laut durch seine zusammengepressten Lippen kommen.

„Verdammter Idiot!“, waren die Worte, die Ezra wohl ausgestoßen hätte, wäre Dr. Ambani nicht mit im Raum gewesen. Kurz ballten sich seine Fäuste, so als wolle er der Leiche seines jüngeren Bruders einen letzten Knuff verpassen, doch stattdessen wandte Ezra sich schnell ab und gab Dr. Ambani ein Zeichen, dass sie die Leiche wieder verstauen konnte. Der Marschall nahm noch den teilnahmsvollen Blick der Ärztin wahr, ehe er mit einem gemurmelten Dank hastig den Raum verließ.

Nein, Ezra konnte und wollte nicht um seinen Bruder trauern. Zu viele Verbrechen hatte dieses Monster begangen, zu viel Leid verursacht. Die Zeit, in der Ezra sich Vorwürfe gemacht hatte, weil es ihm nicht geglückt war, seinen Bruder wieder auf den rechten Weg zurückzubringen, war lange vorbei. Und die frühere Verbitterung darüber war nun endgültig größter Verachtung gewichen, wenn nicht sogar Hass, denn der Falke und seine Bande hatten nicht nur den Tod etlicher Einsatzkräfte der Polizei verschuldet, sondern auch den von Ezras engstem Kollegen und bestem Freund seit ihrer gemeinsamen Ausbildungszeit: John Randall. Dieser hinterließ eine fünfzehnjährige Tochter, Joan, mit der er auf dem Wohngelände der Planetenpolizei ein kleines Haus bewohnt hatte. Ezra kannte Joan, seit sie auf der Welt war, und sie betrachtete ihn durch die enge Freundschaft mit ihrem Vater als Familienmitglied. Ezra musste umgehend zu ihr und sich jetzt um sie kümmern. Das war er John schuldig!

not tbc  ;)
« Letzte Änderung: 9. Juli 2019, 22:21:18 Uhr von claudrick »
Wenn sich das Universum ausdehnt, warum finde ich dann nie einen Parkplatz? (Woody Allen)