Autor Thema: Der Turm  (Gelesen 455 mal)

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Offline DAOGA

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Der Turm
« am: 26. März 2019, 17:31:19 Uhr »
Gott, noch ein Tourist, dachte Doktor Russ Marquardt angewidert.
Denn für einen Sektierer oder gar Selbstmörder sah der Mann vor ihm zu gut aus, zu reich, zu zielstrebig.
Vom Militär, oder schlimmer noch, Geheimdienst, stammte er sicher nicht, das ganze exzentrische Aussehen mit diesem langen Haarschopf sprach dagegen, der Mann war viel zu auffällig, stach in jeder Umgebung heraus. Vielleicht war er ein Investor, der aus der Entdeckung ein Touristenziel machen wollte?
Das war sogar noch schlimmer als alle anderen Vorgenannten zusammen, jedenfalls in den Augen von Russ.
Die Turbinen des mächtigen Helikopters, mit dem der Fremde soeben in dieser abgelegenen Urwaldsiedlung angekommen war, fuhren herunter, so daß eine Unterhaltung in normaler Lautstärke möglich wurde.
„Guten Tag, Doktor Marquardt. Mein Name ist Thomas Adalmar Richards der Dritte, und in einer meiner vielen Professionen bin ich ein Jäger des Übernatürlichen, in dieser Hinsicht habe ich mir bereits einen Ruf erworben. Ich habe so eine Ahnung, oder vielleicht sollte ich besser sagen, eine stille Hoffnung, um was es sich bei Ihrem Fund handeln könnte, aber genaues kann ich erst sagen, wenn ich ihn mit meinen eigenen Augen sehen und mit meinen eigenen Geräten anmessen kann. Das ist der Grund meines Hierseins.“ fiel der Mann gleich ohne Umschweife mit der Tür ins Haus und streckte Russ einladend die Rechte entgegen für einen festen Händedruck.
Abgesehen von einem modischen silbernen Spazierstock, den dieser flinkfüßige und sichtlich durchtrainierte Mann anscheinend als reines Accessoire mit sich trug, hatte er im Moment nichts bei sich, aber die Geräte befanden sich vielleicht in der Reisetasche, die der Begleiter von Mr. Richards, ein Mann mit definitiv japanischen Gesichtszügen, in der Hand hielt.
Ein reichlich dürftiges Gepäck für einen Ausflug in den Urwald, dachte sich Russ, was von schlechter Vorbereitung oder überzogenen Erwartungen sprach, denn ein Hotel, das für solch einem reichen Pinkel akzeptabel wäre, gab es an der Fundstelle weit und breit nicht, nicht mal Eingeborenenhütten, weil die dort ansässigen Indios seit jeher um das Fundstück einen sehr weiten Bogen machten, wahrscheinlich aus reichlich schlechten Erfahrungen, das ganze Gebiet galt ihnen als tabu.
„Ist das Ihr ganzes Gepäck?“ fragte er deshalb sofort, auf die Tasche deutend, um dem Mann vielleicht gleich den Kopf zurechtsetzen zu können, was die zu erwartenden Umstände betraf.
„Ist es.“ nickte Richards zurück. „Das reicht für den kurzen Aufenthalt hier und einen vermutlich längeren an der Fundstelle. Wenn ich die Koordinaten der Fundstelle und ein paar Bilder von der näheren Umgebung hätte auftreiben können, hätte ich nicht einmal hierherkommen müssen, sondern wäre direkt dorthin geflogen, aber die Geheimhaltung in dieser Sache ist anscheinend schärfer als die in der Area 51. Wenn ich nicht zufällig ein paar erstklassige Hacker in meinen Diensten hätte, die für mich gezielt nach solchen Funden suchen und mich darauf aufmerksam machten, hätte ich gar nichts davon erfahren.“
Der berühmten Area 51 hatte Richards selbstverständlich ein paarmal heimliche Besuche abgestattet, in der Hoffnung auf die angeblich dort gefangengehaltenen Aliens. Doch hatte er dabei nur sehr streng geheime und sehr irdische experimentelle Technologie vorgefunden, die bei ihm unter „nett zu wissen“ rangierten, jedoch seine hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen konnten.
„Angenommen Sie finden dort, was Sie zu finden hoffen - was könnten Sie mir dann dazu sagen?“ bohrte Russ.
Wußte der Mann tatsächlich irgendetwas, oder fischte er nur im Trüben? Bevor der Doktor der Archäologie und Amerikanistik entschied, einen Begleiter zu akzeptieren, über den er nicht das geringste wußte, wollte er erst einmal wissen, ob es dafür überhaupt einen vernünftigen Grund gab. Behauptungen in die Welt setzen konnte schließlich jeder. 
„Falls sich meine Hoffnung bestätigen sollte... dann könnte ich Ihnen sagen, daß Ihr sogenannter Monolith ein Gegenstück in einem anderen Teil der Welt besitzt.“ lächelte der blonde Mann ihn an.
„Ein weiterer menschenfressender Monolith?“ staunte Russ prompt. Daß es sich um einen Monolithen handelte, wußte Richards also. Aber das allein herauszufinden bedeutete noch kein Kunststück. Aber - hätte das nicht bekannt werden müssen, wenn ein solches Objekt woanders schon seit längerer Zeit entdeckt und bekannt war?
„Weder noch.“
„Was?“ 
„Das mir bekannte Objekt ist kein Monolith, und Menschen gefressen hat es meines Wissens noch nie, seit es an seinem Platz steht. - Aber bevor ich mich noch weiter aus dem Fenster lehne, möchte ich natürlich gerne wissen, ob wir es hier wirklich mit einem gleichartigen Objekt zu tun haben oder nicht. Das verstehen Sie doch, oder?“
Russ nickte. Er spürte, daß er vorläufig nicht mehr erfahren würde, und verstand die Gründe, denn mit solchen Funden, die die bekannte Wissenschaft zu sprengen drohten, ging man nicht hausieren. Allerdings wirkte dieser Mr. Richards ihm nicht ganz unsympathisch, er zeigte das offene, lockere Wesen eines Mannes, der nicht viel zu verbergen hatte, woraus Russ schloß, daß er ohne große Mühe mehr erfahren würde, wenn er in Richards´ Nähe blieb.
Lieber beaufsichtigt in meiner Nähe als beaufsichtigt von sonstwem, der sich nicht die Mühe macht, genau hinzuschauen, oder sogar dafür bezahlt wird, für einige Zeit in eine ganz andere Richtung zu gucken, dachte er, und sagte: „Dann willkommen im Team, Mr. Richards.“
„Vielen Dank, Dr. Marquardt.“ antwortete Tom mit der Andeutung einer Verbeugung.
 
Reich und höflich und selbsternannter Geisterjäger, echt ein komischer Heiliger, dachte sich Russ, als er zu seinem eigenen Hubschrauber ging. Der von Mr. Richards würde ihm auf den Fersen kleben bleiben, bis sie das Zielgebiet erreichten. Dieser andere, viel stärkere und schnellere Helikopter war allerdings der Hauptgrund, warum Russ so schnell nachgegeben hatte - niemand konnte schließlich den Piloten im Sold von Mr. Richards daran hindern, dem der Archäologen einfach hinterherzufliegen und auf diese Weise das Ziel zu finden, und an sinnlosen Verfolgungsjagden in der Luft hatte Russ kein Interesse. 
Er fragte sich aber, wie hätte Richards das Ziel direkt anfliegen wollen, wenn es so tief im Urwald lag, daß schon dieser abgelegene Handelsposten in der hintersten Ecke Brasiliens der nächstgelegene war, von dem aus es mit einem Helikopter erreicht werden konnte? Denn bis jetzt gab es am Fundort nicht mal eine der üblichen Busch-Landepisten für Kleinflugzeuge, der Baumbewuchs war dort einfach zu mächtig, um eine größere Fläche ohne schweren Maschineneinsatz zu roden. Die Helis konnten zumindest senkrecht auf einer der wenigen natürlichen Lichtungen landen.
Hätte Richards da mit einem Fallschirm abspringen wollen, oder war er reich genug, sich einen Senkrechtstarter leisten zu können? -- Russ schob die Fragen beiseite und vertiefte sich in ein Manuskript, sobald der Heli abgehoben hatte. An derartige Flüge zu abgelegenen Fundstellen war er gewöhnt, kein Grund Zeit zu verschwenden, indem man wie ein Frischling das endlose Meer von Urwald bewunderte.

Offline DAOGA

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Re: Der Turm
« Antwort #1 am: 8. April 2020, 17:34:40 Uhr »
Und dann waren sie irgendwann da, und Russ scheuchte seine kleine Truppe hinaus. Der größere Heli mit Richards war ein Stück entfernt in der zweiten Lichtung gelandet. Da kam der Mann auch schon, seinen Begleiter, Leibdiener? Bodyguard? - im Schlepptau mit der armseligen Reisetasche, mit deren magerem Inhalt die beiden hier vermutlich nicht alt werden würden, wenn Russ sich ansah, was seine eigenen Leute soeben alles an kompakt verstautem Material und Proviant für die kommenden Tage ausluden und zu den Zelten transportierten, die in der nächsten kleinen Lichtung aufgestellt worden waren. 
„Guten Tag, Dr. Marquardt!“ begrüßte ihn Pablo, der Aufseher des Geländes. „Keine besonderen Vorkommnisse, außer daß der Zaun inzwischen komplett aufgebaut ist. Wen haben Sie da mitgebracht, wenn ich fragen darf, sind das irgendwelche Offizielle?“
„Danke, Pablo. Und, nein, das ist ein reicher Privatforscher, der von dem Fund Wind bekommen hat und sich die Sache selber anschauen will. Pablo, das ist Mr. Richards. Mr. Richards - Pablo Mendez.“
„Sehr erfreut.“ begrüßte Richards den Indio mit einem höflichen Nicken, was Russ bewies, daß der Mann nicht viel von Standesdünkel hielt, ein Pluspunkt für ihn.
„Zeigen Sie es mir? Zeit ist Geld, wissen Sie.“ fragte der Besucher dann.
„Natürlich, wenn Sie schon mal da sind. Kommen Sie.“
Sie folgten dem ausgetretenen Pfad durch ein Stück Urwald, bis sie dann endlich da waren.
Und Russ merkte, daß Richards stehengeblieben war, kaum daß der Monolith zwischen den hochaufragenden Bäumen in Sicht kam. Er blickte zurück, gespannt auf den Gesichtsausdruck des Mannes, staunend? - enttäuscht? Denn mehr als ein riesiger schwarzer und eingezäunter Felsblock zwischen Bäumen war auf Anhieb nicht zu sehen --
Aber nein. Richards strahlte über das ganze Gesicht, als sähe er die ewige Seligkeit direkt vor sich!
„Und? Ist es das, was Sie zu finden hofften?“ fragte Russ gespannt.
„Absolut! Sehen Sie nur, diese feinen Strukturen, dieses Pulsieren --“ der Mann deutete schräg nach unten, „nur ein Bruchteil ragt aus dem Boden, nicht einmal ein Drittel, genau wie bei seinem Gegenstück, der größte Teil ist unterirdisch wie bei einem Eisberg, und sehen Sie nur -“
Und erst dann schien ihm aufzugehen, daß Russ so gar nichts sah von dem, wovon Richards faselte.
„Ach, verzeihen Sie mir, ich vergaß ganz, daß Sie das ja gar nicht sehen können. Geben Sie mir ihre Hand.“
Die, die frei war, denn die andere hielt den silbernen Stock, von dem Richards sich nie zu trennen schien und in dessen gläsernem Knauf jetzt ein schwaches bläuliches Lichtlein brannte wie von einer kleinen Lampe, deren Batterien schon etwas schwach waren. Was sollte das jetzt, fragte sich Russ, war der Typ etwa Esoteriker, der jetzt Händchenhalten und meditieren wollte?
„Kommen Sie. Berühren Sie mich, und dann schauen Sie noch mal hin.“
Also gut, keusch anfassen schadete hoffentlich nichts. Vielleicht war Richards ja hinterher sogar so gnädig, für Russ ein paar Fördergelder springen zu lassen, denn ehrlich, welcher Forscher hatte nicht ständigen Geldbedarf? Von diesem Hintergedanken ausgehend hatte Russ überhaupt erst zugestimmt, diesen Gast hier erst mal zu dulden. 
Er faßte die ausgestreckte Hand -
Und dann war nichts mehr so wie vorher.
Die Luft und der Himmel wirkten schwarz - schwarz, weil sie leblos waren. Doch die ganze Natur um sie herum erstrahlte auf einmal in völlig ungeahnter Farbenpracht, nicht mehr nur eintönig grün, es war wie ein psychedelischer Farbenrausch in allen Tönen, die man sich nur vorstellen konnte. Besonders grell leuchtete alles heraus, was wärmer und energiehaltiger war als die Pflanzen der Umgebung, vor allem die Menschen und auch die heißen oder stromführenden Teile der Geräte, die vor dem Monolithen postiert waren. Und der Monolith selber, ein Wunderwerk an filigranstem lebendigem Leuchtwerk, samt seiner unmittelbaren Umgebung, den riesigen Bäumen, die vom Stamm bis zum letzten Blatt eingewoben waren in ein riesiges Netz aus gleichmäßig pulsierenden Lichtern, die vom Monolithen zu den Bäumen und wieder zurück flossen --
Jetzt konnte Russ all die erwähnten Strukturen, das Pulsieren erkennen, bis weit in die Tiefe des Urwaldbodens hinein, als er sich konzentrierte, denn dieser mächtige lichtgleißende Schaft, als der sich der schwarze Monolith jetzt präsentierte, reichte in der Tat weit hinunter in die Sandschichten und den darunterliegenden Kalksteinboden unter der dünnen Humusschicht des Urwaldes, deutlich erkennbar für Russ, denn abermals bot alles, was „tot“ war, der karge Sand und der Kalkstein, seinen neu geöffneten Augen keinen Widerstand mehr, weil all das schwarzer und leerer Raum schien, wo nur das Leben, von Baumwurzeln bis zu winzigsten Mikroorganismen, aus sich selbst heraus leuchtete und körperlichen Bestand hatte --
Er blickte zu Richards und schreckte so spontan zurück, daß er die Hand des Mannes fahren ließ - und seine Sicht sich schlagartig wieder zu normal veränderte. Der Himmel war wieder blau, der Dschungel grün, der Boden massiv und undurchsichtig und der Monolith hinter seinem Gitterzaun schwarz und unverändert, wie es sein mußte. Und Richards...
Der Mann lachte ihn nur freundlich an, jetzt wieder ganz menschlich, weil er genau wußte, was Russ gesehen hatte.
„Keine Sorge, das macht mein Werkzeug.“ sagte er und hob demonstrativ seinen Stock an, der offenbar erheblich mehr war als nur eine Gehhilfe mit schwachem Taschenlämpchen im Knauf.
„Das Ding hat ziemlich viel Saft drauf, und ich strahle in der Aurasicht wie ein Leuchtturm, weil ich meinen Teil dieser Energie abbekomme. Aber ich verteile nur selten elektrische Schläge. - Wollen Sie es noch mal probieren? Wir gehen jetzt näher heran.“
Russ nickte, völlig sprachlos. Denn jetzt schon hatten sich etliche seiner Fragen von selbst beantwortet, nur um sehr vielen neuen Platz zu machen. Jetzt wußte er, was Richards´ Werkzeug war, und welch phantastische Einsichten es lieferte. Und daß der Monolith ganz offensichtlich erheblich mehr war, als selbst er bis soeben geahnt hatte, und anscheinend seine ganze nähere Umgebung mit seiner Anwesenheit beeinflußte. Und, was war jetzt mit diesem Gegenstück, das Richards erwähnt hatte?
Bereitwillig ergriff er wieder die Hand seines Besuchers und ließ sich erneut auf diesen phantastischen Anblick ein, während sie näher heranschritten. Bis sie vor dem Zaun standen, der errichtet worden war, um vor allem der leichtsinnigen Neigung der Menschen, alles anfassen zu müssen, was fremdartig war - was hier in jedem Fall tödlich ausging, der menschenfressende Monolith kannte kein Ansehen der Person und kein Zögern, sobald der geringste Berührungskontakt entstand - entgegenzuwirken. Denn Wissenschaftler waren bekanntlich noch viel neugieriger als der Rest der Menschheit und darum viel eher geneigt, dem Sirenengesang des Unbekannten zu erliegen.