Autor Thema: Der Turm  (Gelesen 100 mal)

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Offline DAOGA

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Der Turm
« am: 26. März 2019, 17:31:19 Uhr »
Gott, noch ein Tourist, dachte Doktor Russ Marquardt angewidert.
Denn für einen Sektierer oder gar Selbstmörder sah der Mann vor ihm zu gut aus, zu reich, zu zielstrebig.
Vom Militär, oder schlimmer noch, Geheimdienst, stammte er sicher nicht, das ganze exzentrische Aussehen mit diesem langen Haarschopf sprach dagegen, der Mann war viel zu auffällig, stach in jeder Umgebung heraus. Vielleicht war er ein Investor, der aus der Entdeckung ein Touristenziel machen wollte?
Das war sogar noch schlimmer als alle anderen Vorgenannten zusammen, jedenfalls in den Augen von Russ.
Die Turbinen des mächtigen Helikopters, mit dem der Fremde soeben in dieser abgelegenen Urwaldsiedlung angekommen war, fuhren herunter, so daß eine Unterhaltung in normaler Lautstärke möglich wurde.
„Guten Tag, Doktor Marquardt. Mein Name ist Thomas Adalmar Richards der Dritte, und in einer meiner vielen Professionen bin ich ein Jäger des Übernatürlichen, in dieser Hinsicht habe ich mir bereits einen Ruf erworben. Ich habe so eine Ahnung, oder vielleicht sollte ich besser sagen, eine stille Hoffnung, um was es sich bei Ihrem Fund handeln könnte, aber genaues kann ich erst sagen, wenn ich ihn mit meinen eigenen Augen sehen und mit meinen eigenen Geräten anmessen kann. Das ist der Grund meines Hierseins.“ fiel der Mann gleich ohne Umschweife mit der Tür ins Haus und streckte Russ einladend die Rechte entgegen für einen festen Händedruck.
Abgesehen von einem modischen silbernen Spazierstock, den dieser flinkfüßige und sichtlich durchtrainierte Mann anscheinend als reines Accessoire mit sich trug, hatte er im Moment nichts bei sich, aber die Geräte befanden sich vielleicht in der Reisetasche, die der Begleiter von Mr. Richards, ein Mann mit definitiv japanischen Gesichtszügen, in der Hand hielt.
Ein reichlich dürftiges Gepäck für einen Ausflug in den Urwald, dachte sich Russ, was von schlechter Vorbereitung oder überzogenen Erwartungen sprach, denn ein Hotel, das für solch einem reichen Pinkel akzeptabel wäre, gab es an der Fundstelle weit und breit nicht, nicht mal Eingeborenenhütten, weil die dort ansässigen Indios seit jeher um das Fundstück einen sehr weiten Bogen machten, wahrscheinlich aus reichlich schlechten Erfahrungen, das ganze Gebiet galt ihnen als tabu.
„Ist das Ihr ganzes Gepäck?“ fragte er deshalb sofort, auf die Tasche deutend, um dem Mann vielleicht gleich den Kopf zurechtsetzen zu können, was die zu erwartenden Umstände betraf.
„Ist es.“ nickte Richards zurück. „Das reicht für den kurzen Aufenthalt hier und einen vermutlich längeren an der Fundstelle. Wenn ich die Koordinaten der Fundstelle und ein paar Bilder von der näheren Umgebung hätte auftreiben können, hätte ich nicht einmal hierherkommen müssen, sondern wäre direkt dorthin geflogen, aber die Geheimhaltung in dieser Sache ist anscheinend schärfer als die in der Area 51. Wenn ich nicht zufällig ein paar erstklassige Hacker in meinen Diensten hätte, die für mich gezielt nach solchen Funden suchen und mich darauf aufmerksam machten, hätte ich gar nichts davon erfahren.“
Der berühmten Area 51 hatte Richards selbstverständlich ein paarmal heimliche Besuche abgestattet, in der Hoffnung auf die angeblich dort gefangengehaltenen Aliens. Doch hatte er dabei nur sehr streng geheime und sehr irdische experimentelle Technologie vorgefunden, die bei ihm unter „nett zu wissen“ rangierten, jedoch seine hochgesteckten Erwartungen nicht erfüllen konnten.
„Angenommen Sie finden dort, was Sie zu finden hoffen - was könnten Sie mir dann dazu sagen?“ bohrte Russ.
Wußte der Mann tatsächlich irgendetwas, oder fischte er nur im Trüben? Bevor der Doktor der Archäologie und Amerikanistik entschied, einen Begleiter zu akzeptieren, über den er nicht das geringste wußte, wollte er erst einmal wissen, ob es dafür überhaupt einen vernünftigen Grund gab. Behauptungen in die Welt setzen konnte schließlich jeder. 
„Falls sich meine Hoffnung bestätigen sollte... dann könnte ich Ihnen sagen, daß Ihr sogenannter Monolith ein Gegenstück in einem anderen Teil der Welt besitzt.“ lächelte der blonde Mann ihn an.
„Ein weiterer menschenfressender Monolith?“ staunte Russ prompt. Daß es sich um einen Monolithen handelte, wußte Richards also. Aber das allein herauszufinden bedeutete noch kein Kunststück. Aber - hätte das nicht bekannt werden müssen, wenn ein solches Objekt woanders schon seit längerer Zeit entdeckt und bekannt war?
„Weder noch.“
„Was?“ 
„Das mir bekannte Objekt ist kein Monolith, und Menschen gefressen hat es meines Wissens noch nie, seit es an seinem Platz steht. - Aber bevor ich mich noch weiter aus dem Fenster lehne, möchte ich natürlich gerne wissen, ob wir es hier wirklich mit einem gleichartigen Objekt zu tun haben oder nicht. Das verstehen Sie doch, oder?“
Russ nickte. Er spürte, daß er vorläufig nicht mehr erfahren würde, und verstand die Gründe, denn mit solchen Funden, die die bekannte Wissenschaft zu sprengen drohten, ging man nicht hausieren. Allerdings wirkte dieser Mr. Richards ihm nicht ganz unsympathisch, er zeigte das offene, lockere Wesen eines Mannes, der nicht viel zu verbergen hatte, woraus Russ schloß, daß er ohne große Mühe mehr erfahren würde, wenn er in Richards´ Nähe blieb.
Lieber beaufsichtigt in meiner Nähe als beaufsichtigt von sonstwem, der sich nicht die Mühe macht, genau hinzuschauen, oder sogar dafür bezahlt wird, für einige Zeit in eine ganz andere Richtung zu gucken, dachte er, und sagte: „Dann willkommen im Team, Mr. Richards.“
„Vielen Dank, Dr. Marquardt.“ antwortete Tom mit der Andeutung einer Verbeugung.
 
Reich und höflich und selbsternannter Geisterjäger, echt ein komischer Heiliger, dachte sich Russ, als er zu seinem eigenen Hubschrauber ging. Der von Mr. Richards würde ihm auf den Fersen kleben bleiben, bis sie das Zielgebiet erreichten. Dieser andere, viel stärkere und schnellere Helikopter war allerdings der Hauptgrund, warum Russ so schnell nachgegeben hatte - niemand konnte schließlich den Piloten im Sold von Mr. Richards daran hindern, dem der Archäologen einfach hinterherzufliegen und auf diese Weise das Ziel zu finden, und an sinnlosen Verfolgungsjagden in der Luft hatte Russ kein Interesse. 
Er fragte sich aber, wie hätte Richards das Ziel direkt anfliegen wollen, wenn es so tief im Urwald lag, daß schon dieser abgelegene Handelsposten in der hintersten Ecke Brasiliens der nächstgelegene war, von dem aus es mit einem Helikopter erreicht werden konnte? Denn bis jetzt gab es am Fundort nicht mal eine der üblichen Busch-Landepisten für Kleinflugzeuge, der Baumbewuchs war dort einfach zu mächtig, um eine größere Fläche ohne schweren Maschineneinsatz zu roden. Die Helis konnten zumindest senkrecht auf einer der wenigen natürlichen Lichtungen landen.
Hätte Richards da mit einem Fallschirm abspringen wollen, oder war er reich genug, sich einen Senkrechtstarter leisten zu können? -- Russ schob die Fragen beiseite und vertiefte sich in ein Manuskript, sobald der Heli abgehoben hatte. An derartige Flüge zu abgelegenen Fundstellen war er gewöhnt, kein Grund Zeit zu verschwenden, indem man wie ein Frischling das endlose Meer von Urwald bewunderte.