Autor Thema: Intermezzo: Tot  (Gelesen 368 mal)

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Offline DAOGA

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Intermezzo: Tot
« am: 22. März 2018, 10:42:08 Uhr »
Eine einmal verliehene Göttlichkeit kann nicht mehr zurückgefordert werden.
Und auch der Tod kann einen Tom Richards nicht daran hindern, Abenteuer zu erleben.
Enjoy!  :)



Tom Richards war tot.
Dessen war er sicher.
Ohne großes Bedauern blickte er hinunter auf die beschädigte, zerbrochene Schale, die ihm mehr als tausend irdische Jahre als körperliche Hülle gedient hatte. Er schwebte irgendwo darüber und konnte keine verbindende Silberschnur mehr entdecken, von der in Berichten über diesen Zustand immer wieder die Rede war. Aber er konnte es fühlen, es war vorbei. Die ihm kurzfristig überlassene beinahe-göttliche, überirdische Macht, die er dort entfesselt hatte, wo ihr Einsatz notwendig gewesen war, hatte ganz nebenbei seine irdische Hülle so stark beschädigt, daß eine Reparatur und eine Rückkehr sinnlos waren - der Energiestoß hatte ihn so wachsen lassen, daß er gar nicht mehr in diese Schale hineinpassen würde, selbst wenn er die Mittel gehabt hätte, sie zu reparieren.
Aber in einem Anfall von Klarheit sah er, daß trotz der Schäden die Verwendungszeit für diese Hülle noch nicht vorbei war. Er selbst konnte nicht mehr zurück, er war wie ein Einsiedlerkrebs, dem sein letztes schützendes Schneckenhäuschen schlagartig zu klein geworden war und der sich jetzt erst mal etwas anderes, größeres, seiner neuen Form angemessenes suchen mußte. Doch sehr bald schon würde ein junger, noch ausreichend kleiner Krebs diese Hülle als Wohnstatt beziehen, sie reparieren und darin viele Jahre hausen und wachsen, bis auch ihm irgendwann in vielen irdischen Jahren die Hülle zu eng oder zu alt wurde.
So hatte der verhinderte Atomkrieg doch mindestens ein Opfer gefordert - aber es tat ihm nicht leid.
Er hätte sein Leben viele Male gegeben, um diesen Planeten und all das Leben, das darauf wuchs und wimmelte, zu schützen. 
Sein Blick wurde weiter, da er sich von seinem abgelegten Körper, seinem Schlafzimmer, seinem ehemaligen Haus entfernte, erfaßte mehr und mehr von der Umgebung, er wurde wie nach oben gezogen, weg von dieser wunderschönen weißblauen Kugel, deren Rundung er jetzt schon erkennen konnte, und auf der, wie er jetzt mit milder Rührung erkannte, überall und unaufhörlich wachsende Wesen ihre zerbrochenen oder überalterten Schalen abwarfen, um sich neue, für ihre neue Größe besser passende Hüllen zu suchen. Hüllen, die diese materielle Welt in unaufhörlichen Prozessen von Zeugung und Wachstum zur Verfügung stellte, immer wieder neu, immer wieder größer und besser, dem allgemeinen Wachstum entsprechend, bis irgendwann der Zustand erreicht wurde, daß eine Seele keine ihrer Größe angemessene Hülle mehr fand und den Weg fort von dieser hübschen weißblauen Seelenwiege antreten mußte, hinaus ins Universum und an Orte jenseits davon, wo sich ihre Entwicklung fortsetzen konnte.
Ein Prozeß, den er mitgeholfen hatte zu schützen und zu bewahren, wie er jetzt erkannte, auch und gerade für die höher entwickelten Seelen, die jetzt auch weiterhin auf Hüllen vor Ort hoffen konnten für ihre Weiterentwicklung, etwas was ein Atomkrieg für lange Zeit oder sogar für immer zunichte gemacht hätte.
Kurz dachte Tom an all die Menschen, die er zurückließ, viele davon langjährige Weggefährten, abermals mit wenig Bedauern, weil er wußte, daß der junge Krebs, der seine zurückgelassene irdische Hülle bald beziehen würde, sie und seine ganze Umgebung beschäftigt halten würde, niemand würde ihn vermissen. Für sie würde das Leben unverändert weitergehen, auch sie würden sich weiterentwickeln und irgendwann weiterwandern, wenn selbst die größten Hüllen, die diese Welt zu stellen vermochte, sich als zu klein geraten erwiesen ... er konnte sie wahrnehmen, diese weit genug entwickelten Seelen, die weg von der Erde und an ihm vorbeizogen wie aufstreichende Vögel. Wenige waren es, im Vergleich mit dem Gewimmel kleiner und winziger Seelen auf der Erde, das ihm jetzt vorkam wie das Geglitzer der Flügel wimmelnder kleiner Fliegen auf einem köstlich schmeckenden Kothaufen. Aber es dauerte eben seine Zeit, bis eine Entwicklung so weit gediehen war, bis die Seelen ausreichend gewachsen waren, um ihren weiteren Weg hinaus aus ihrer Wiege antreten zu können, auch durch Verschmelzungen hin und wieder mit gleichartigen Seelen. Mit Interesse erkannte er die Ähnlichkeiten mit den Prinzipien der Matrixtechniker, wo auch ständige Weiterentwicklung erwartet wurde und jeder, der seine bisherige Stufe gemeistert hatte, auf der nächsthöheren Stufe erst wieder als der niedrigste Lehrling begann. Und auch bei den Matrixtechnikern gab es die Verschmelzung von Geistwesen, hier den energetischen Avataren der Techniker, zu stärkeren und größeren neuen Einheiten. Ob die Matrixtechniker wohl ahnten, daß sie bewußt oder unbewußt den Strukturen des übergeordneten Ganzen gefolgt waren? Er fand es jedenfalls schade, nicht darüber mit seinem Lehrer Carolus sprechen zu können, dessen Meinung dazu hätte ihn sehr interessiert.
Die von der Erde wegstrebenden Seelen berührten Tom auf seiner langsamen Drift weg von der Erde. Es kam zu Austauschen - wer sie gewesen waren in ihrer letzten Inkarnation, wie sie gestorben waren und was sie zurückließen - viele persönliche Erinnerungen. Und sie erfuhren im Gegenzug von Tom, unter welchen Umständen er sein Leben gelassen hatte, so daß diese Welt ein weiteres Mal überleben konnte, als Seelenwiege weiterexistieren und ihrer Aufgabe gerecht werden. Dann zogen sie weiter, auf anderem Kurs als Tom und schneller als er, denn er fühlte, daß ihn eine andere Bestimmung rief. Die Energie, die ihn kurz ausgefüllt und sein organisches Ende hervorgerufen hatte, wirkte immer noch nach in ihm wie ein gewaltiges Echo, das auf seinen Ursprung hinwies und eine Verbindung aufrechterhielt. Eine Verbindung zu den Wesen, die die Energie zu ihm gesandt hatten, als er ihrer dringend bedurfte ...
er fühlte etwas, in seiner Nähe. Eine Präsenz, etwas Gewaltiges, umgeben von geringeren Einheiten, wie ein Komet, der aus einem riesigen festen Kopf und einer langen Schleppe aus fein verteilten Gasen und Staubteilen bestand. Oder wie eine riesige Kreatur, ein Wal, umgeben von einem Gefolge kleinerer Fische, die sich Schutz im Schatten des Giganten erhofften und im Austausch dafür Dienste aller Art anboten.
„Komm.“ sprach eine Stimme.
Und das körperlose Etwas, das sich einmal Tom Richards genannt hatte, reihte sich gehorsam ein in die Schar Geringer Wesen, die jedem der Mächtigen als treue Diener folgten.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #1 am: 27. März 2018, 18:13:25 Uhr »
Es das dient, wurde der immaterielle Bestandteil von Tom Richards jetzt genannt im großen Schwarm.
Es, weil es mit dem Verlust des Körperlichen keine geschlechtlichen Unterschiede mehr gab.
Geschlechtliche Betätigung zum Ziel, neue Körperhüllen in die Welt zu setzen für die Seelen, die darin einziehen wollten, gehörte zu den Betätigungen der materiellen Welt. In diesem neuen, immateriellen (oder virtuellen?) Zustand war man über diese Aufgabe hinaus. So gab es kein er, sie oder andere geschlechtsbezogene Formen mehr, nur noch Es in vielfältigster Art.
Doch um seine Herkunft zu ehren, individuell wie als biologisches Wesen vom Planeten Erde, setzte dieses Es in Gedanken ein T davor: T/Es das dient. T für Tom und T für Terra, seine Heimatwelt. Eine in mehr als einer Hinsicht vielsagende Veränderung, denn war nicht die sogenannte T-Stele, die später in Symbolen wie dem Thorshammer, dem ägyptischen Djed-Pfeiler und diversen namentlich benannten Säulen in Tempeln, eines der ältesten, noch aus der Prähistorie stammenden Symbole für Abstammung und dem Prinzip des Göttlichen?
T/Es das dient also.
Ein passender Name, denn hatte T/Es nicht immer versucht, dem größeren Guten zu dienen? Und sein neuer Daseinszustand war ein direktes Resultat dieser seiner Handlungen in seinem materiellen Leben. 
Die Mächtigen störte die kleine Änderung nicht, die sich der unwichtige Diener erlaubte. Sie waren über die kreatürliche Neigung, sich als Individuen unterscheiden zu wollen, längst hinausentwickelt.
Aber weil T/Es als Resultat seines besonders langen Aufenthalts auf der Erde viel über die Bedingungen dort wußte, wurde T/Es immer wieder um seines Wissens willen „angezapft“ wie ein externer Datenspeicher.
T/Es konnte es jedesmal spüren, wenn die Informationen flossen. Gefragt oder um Erlaubnis gebeten wurde T/Es nicht, aber das war nicht üblich, es gehörte zu seinen Dienerpflichten, das Gewünschte bereitzuhalten. Und Vergessen war keine Option mehr, jedes der Geringen Wesen, das den Mächtigen diente, besaß ein perfektes Erinnerungsvermögen, was die verflossene materielle Existenz anging. Jedes Buch das er gelesen, jedes Musikstück das er gehört, jedes Erlebnis aus der Zeit, als T/Es noch ein „er“ gewesen war, war ihm voll zugänglich. Und mit ihm auch jedem anderen Wesen, das T/Es „lesen“ konnte wie einen Datenträger.
Und T/Es hatte viel zu bieten, im Vergleich mit anderen Dienern, obwohl es als eines der jüngsten, zuletzt gekommenen Geringen Wesen selbst noch viel zu lernen hatte.
Zuerst hielt es sich im Schwarm und wurde von den älteren, erfahrenen Dienern mit einem Grundbestand an Informationen aufgefüllt, die ihm halfen, in seinem völlig anderen und neuartigen Zustand seine allerersten Kleinkind-Schritte zu tun. Wie man sich effizient bewegte, andere berührte um sie zu Reaktionen zu bewegen, und wie man sich orientierte, denn im Normalraum, dem Weltraum jenseits des Planeten Erde, befanden sie sich nicht mehr. Sie hielten sich in einer übergeordneten Ebene auf, von der aus man zwar hinunterschauen konnte ins vierdimensionale Raum-Zeit-Kontinuum wie durch eine Luke in einer Raumstation, die über der Erde schwebte, doch eine Reise dorthin war im Moment noch nichts für das Neugeborene namens T/Es das dient. Außer es hätte sich für eine baldige Wiedergeburt angemeldet, was durchaus eine Möglichkeit war, auf die Erde oder eine andere materielle Welt zurückzukehren, aber für T/Es war eine Wiedergeburt im Moment keine Option. T/Es hatte in seiner letzten und größten Inkarnation lange genug auf der materiellen Ebene geweilt, länger als alle anderen um es herum, und war es nicht T/Es das dient? Das konnte es auf dieser Ebene am besten, jetzt da seine irdischen Aufgaben an jemand anderen gefallen waren, es lernte schnell genug um bald von Nutzen zu sein, und die Aufgaben, die es sich von den anderen der Niedersten Wesen abschaute waren nicht so schwer zu erledigen.
Abgesehen von der simplen Überlegung, daß eine erneute organische Existenz mit Sicherheit nicht so einfach und erfreulich wie die letzte ausfallen würde, da es einen besonders geschützten, beinahe unverwüstlichen organischen Körper besessen hatte plus eines Machtinstruments, das ihm ungeahnte Vorteile in seinem Leben bot.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #2 am: 29. März 2018, 17:58:12 Uhr »
Geringe Wesen ebenso wie Mächtige schliefen nicht mehr, weil diese Notwendigkeit der Regeneration sterblichen Wesen mit zerbrechlichen und schnell ermüdenden Körpern eigen war. Doch gönnten sie sich hin und wieder Phasen des Leerlaufes, die mit wenig beanspruchenden Tätigkeiten gefüllt waren, und T/Es nützte diese Phasen um mehr zu lernen, zwischen den Phasen einfacher Arbeit in die es eingespannt wurde.
Denn genauso wie es von anderen „gelesen“ werden konnte, konnte auch es andere Wesenheiten „lesen“, wenn es sich konzentrierte, und Neugier war schon immer sein zweiter Vorname gewesen. Und es gab so unendlich viel, was sich auf dieser Ebene der Existenz lernen und erfahren ließ ... sogar Kampftechniken, die für diesen Zustand geeignet waren, stellte T/Es erfreut fest, weil selbst die Mächtigen und ihre Gefolge Feinde besaßen, Wesen von jenseits der Sterne, Haifische des Multiversums, die sich zwar selten an die Mächtigen selbst heranwagten, jedoch wenig Hemmungen zeigten, sich aus den Geringen Wesen den einen oder anderen saftigen Bissen zu schnappen, wenn sich die Gelegenheit bot.
Mit dem Kraftpotential eines Mächtigen oder zumindest der höher entwickelten Diener konnte T/Es bei weitem nicht mithalten, die Zeiten in denen es mit Hilfe eines hochrangigen Machtinstrumentes hatte tricksen können waren vorbei, aber sein Einfallsreichtum aus seiner organischen Zeit war ihm geblieben, der ihm sagte, daß es immer einen faulen Trick oder eine Hintertür gab, wenn man mit reiner brutaler Kraftentfaltung nicht weiterkam, und daß Ausweichen statt einen Volltreffer einzustecken immer die bessere Lösung war.
Entsprechend quecksilbrig verhielt T/Es sich beim Training und schaffte es mehrere Male, die Schwergewichte der Entwicklungsstufe über sich auf die hier äußerst metaphorischen Bretter zu schicken.
Bis sie ihn gründlich „lasen“ und erkannten was ihn ticken machte, sein verqueres Denken, das die alteingefahrenen Wege zwar kannte aber gerne links liegen ließ, wenn der Weg querfeldein erfolgversprechender oder wenigstens interessanter wirkte.
Da das voneinander Lernen unter den Dienern hier zu den Selbstverständlichkeiten gehörte - jeder Diener wußte etwas beizutragen, von dem die anderen sich erfahrungsmäßig erweitern konnten, ganz egal von wo es stammte, was es einmal gewesen war, und unter welchen Umständen die Mächtigen es rekrutiert hatten - zirkulierte die Kampf- und Einstellungsweise von T/Es das dient sehr schnell und zog weite Kreise und erreichte selbstverständlich auch die Ebene der Mächtigen, die immer mit einem virtuellen Ohr darauf lauschten, was ihre Diener an nützlichem Wissen mitbrachten. Als Ergebnis wurde T/Es viele Male „gelesen“, und es rückte im Status auf, denn sein Lerneifer samt des Willens, das Gelernte auch anzuwenden und mit seiner eigenen verqeren Denkweise zu vermengen, blieb nicht unbemerkt.
Von Anfänger/Datenträger wurde T/Es in die Schutz- und Wachmannschaft versetzt, zuerst einmal in der Funktion als einfacher Bote, der mithalf, zwischen den verschiedenen Stützpunkten seines Mächtigen ein zeitloses Kommunikationsnetz aufrechtzuerhalten. Dabei war es gleichermaßen Datenträger, der mit den Botschaften, die es längst nicht immer begriff, regelrecht aufgeladen wurde, als auch beweglicher Überbringer, und das Weitertragen erwies sich als hochinteressante Tätigkeit.
Anstelle seiner früheren menschlichen Sinne besaß T/Es jetzt ganz andere, die auf höheren Ebenen funktionierten und mit denen es zwar immer noch Einblick in die vierdimensionale normale Welt nehmen konnte wenn es wollte, doch da dort meistens nur langweiliger, leerer Weltraum zu sehen war - von der Erde hatten sie sich lange entfernt, und es schien kein bewohntes System in der Nähe des Ortes zu sein, wo aus Sicht seines Heimatuniversums die momentane Basis „seines“ Mächtigen lag - war das uninteressant, im Vergleich mit seiner neuen höherdimensionalen Umgebung. Denn die war ganz anders.
T/Es konnte sie nur mit der Vielfalt und Farbenpracht eines irdischen Korallenriffs im strahlenden Sonnenlicht vergleichen, mit einer Unzahl an Strukturen, Formen, Farben und leuchtenden Lichtern, die alles zu erfüllen schienen und zwischen denen es sich zu bewegen und orientieren lernte, unter Anleitung eines älteren und erfahrenen Botenwesens, das sich bereitwillig jederzeit von ihm „lesen“ ließ. T/Es pickte fleißig auf, was es da an brauchbarem Wissen entdecken konnte, und gab gleich wieder bereitwillig weiter, was seine überschießende Phantasie an auszuprobierenden potentiellen Anwendungsbereichen ausspuckte.
Manches war schon ausprobiert worden, aber bisher schienen die Mächtigen noch keinen Matrixtechniker von Toms Niveau als Diener erworben zu haben, sonst wäre bereits einiges mehr durchgetestet worden, erkannte T/Es das dient. Und es fragte sich, waren Matrixtechniker insgesamt so selten, oder hatten die Mächtigen erst vor kurzem erkannt, wie interessant und nützlich ein Menschlein oder anderes Wesen dieser Kategorie sein konnte? Denn bei anderen Spezies des bekannten Weltalls, den Draina etwa, war diese Art von Technologie schon seit Jahrtausenden bekannt, und auch die Kultur der Dhoanor hatte zweimal in der ferneren Vergangenheit Matrixtechniker hervorgebracht, obwohl diese katzenartige Spezies dafür nicht besonders begabt war. Wieviele andere Alienrassen es gelernt hatten, Kristalle aus n-dimensionaler Materie zu ihren Zwecken zu manipulieren, da hatte er keine Ahnung, aber es mußte sicher mehr davon geben.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #3 am: 3. April 2018, 13:30:53 Uhr »
Das wichtigste was T/Es im Moment selbst erlernte, war das „Springen“, die Technik des zeitlosen Sprunges zwischen einem „Riff“ und den vielen anderen, in denen sich die Herrschaftsbereiche anderer Mächtiger verbargen. Denn dazwischen lagen oft erhebliche Strecken, tausende und vielleicht sogar Millionen Lichtjahre in irdischen Begriffen, und welche Strecken manche Wege in außerdimensionalen Maßen ausmachten konnte er gar nicht sagen, weil er keine brauchbaren Umrechnungsskalen fand.
Der einzige Weg, seine Botschaften an den metaphorischen Mann bringen zu können, war dieser zeitlose Sprung, den die Botenjungen der Mächtigen beherrschten. Zuerst erhielt es von jenem übergeordneten Wesen, das ihn als Boten gebrauchte, zusammen mit der zu überbringenden Nachricht ein Siegel aufgeprägt, gar nicht unähnlich jenem Matrixsiegel, mit dem Matrixtechniker ihre Arbeitsgeräte vor unbefugtem Zugriff beschützten, und dann mußte T/Es sich an eine jener „Sprungstellen“ begeben, die in den Riffen so etwas wie die Haltestellen für öffentliche Verkehrsmittel darstellten - zugänglich für jeden, der eine „Fahrkarte“ in Form des genannten Siegels besaß. Dort begann T/Es dann durch gezielte ruckartige Bewegungen, einem Springen auf der Stelle, Testsprüngen auf einem Trampolin nicht unähnlich, die Muster seiner Umgebung so lange zu erschüttern und zu Reaktionen zu animieren, bis sie sich auf das Siegel, das es bei sich trug, einstellten und anglichen, eine Funktion von Schlüssel und Schloß, die ineinandergriffen und zusammen die Zieladresse ergaben, an die die Post zugestellt werden sollte. Und dann reichte eine letzte, kräftige Bewegung, ein Sprung oder Tritt, wie auch immer es die in seinem rein energetischen Zustand zusammenbrachte, um den Instanttransport ans Ziel auszulösen. --
Und abermals eine Assoziation an seine irdische Vergangenheit, denn genau so ein Ineinandergreifen zweier Matrixsiegel, wie Schlüssel und Schloß, besiegelte den Vertrag, der einen fortgeschrittenen Matrixtechniker und seinen neuen Lehrling aneinanderband, genauso war Toms Original Siwa Hendricks einst selbst an seinen Lehrer Carolus gebunden worden, vor tausend irdischen Jahren und doch siebenhundert Jahre in der Zukunft, vom 20. Jahrhundert aus gesehen.
Immer wieder hatte es das Gefühl, daß alles, was er in den vergangenen tausend Jahren seines irdischen Daseins gelernt hatte, nichts als eine Vorbereitung auf seine jetzige neue Existenz gewesen war, wenn T/Es sich vergegenwärtigte, auf wie viele Parallelen es stieß. Das konnte einfach kein Zufall sein. Eine Parallele war auch, daß jeder Matrixtechniker, der ein Level bis zur Meisterschaft gebracht hatte, im nächsten Level wieder als totaler Anfänger begann, nur diesmal auf einem höheren Niveau, denn genauso war es auch hier, von einem Menschen, der an der Spitze der Nahrungskette seiner Heimatwelt stand, hatte T/Es sich evolutionär weit zurückentwickelt.
T/Es empfand sich jetzt nämlich als das überdimensionale Äquivalent eines kleines silbernen Fischchens*, das im Auftrag seines Walkollektivs, seines Mächtigen samt Gefolge, geschäftig Nachrichten weitertrug und sich dabei zum Schutz gegen Feinde auf seine geringe Größe und Magerheit, die es für viele Feinde uninteressant machten, auf seine Flinkheit und seine Fähigkeit, die unmöglichsten Haken zu schlagen, verlassen mußte. Und auf einen sehr ausgeprägten Sinn für Risikosituationen, der einen Thomas DeVille schon früher davor gewarnt hatte, sich auf Deck eines Segelschiffes ausgerechnet da hinzustellen, wo gleich darauf die Kanonenkugeln des Gegners einschlugen.
Und nicht nur einmal fragte es sich, ob es in diesem hyper- und multidimensionalen Ozean samt seinen Riffen, Wesen und Gefahren auch so etwas wie eine Wasseroberfläche gab, jenseits derer wieder ganz andere und noch fremdartigere Bedingungen herrschten, mit höher entwickelten Landbewohnern, die auf Booten auf diesem Wasser der Dimensionen fuhren, kleine Fischchen zum Mittagessen fingen und auch keine Hemmungen hatten, sich mal einen dicken fetten Wal zu harpunieren ...



* Author´s note: Also gut, das hat auch mich erstaunt: Tom Richards mutiert zu Nemo. (Den aus „Findet Nemo“, nicht den anderen [Little Nemo] und auch nicht den anderen [Kapitän Nemo].)
Bei meinem episodenhaften Schreiben weiß ich am Anfang selber nie, wo die Reise genau hinführt und was sich unterwegs ergibt, ich nehme einfach alles mit was logisch aus dem bisherigen Geschriebenen folgt.
Wenn das allerdings schon ziemlich crazy geraten ist, wie die Geschichte bis jetzt ... wird der Rest garantiert nicht konventionell, versprochen.  :P

« Letzte Änderung: 3. April 2018, 13:37:03 Uhr von DAOGA »

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #4 am: 6. April 2018, 11:58:12 Uhr »
Etwas was ihm erst nach einiger Zeit auffiel, war, daß es nicht mehr zu essen brauchte, denn diese Notwendigkeit hatte es zusammen mit seinem organischen Körper abgestreift. Stattdessen lief hier alles über Energie, sie alle, die in dieser übergeordneten Dimension existierten, waren energetische Lebewesen, die sich anscheinend über natürliche Stromabnehmer, die über ihre ganzen energetischen Erscheinungsformen verteilt waren, den notwendigen „Saft“ aus ihrer Umgebung holten.
Sobald es das bemerkt hatte, beobachtete es sich verschärft selbst und merkte, daß es ganz unbewußt immer wieder dicht an den „Korallen“ entlangstrich und sich durch diese Berührung selbst mit Energie auflud. Auch beim „Springen“ entstanden Energieladungen, von denen nur ein Teil der Durchführung des eigentlichen Sprunges diente, am restlichen Überschuß bediente sich sein Körper.
Und wieder einmal trat seine altbewährte Ausbildung als Matrixtechniker in Kraft und bewies ihren Wert, denn dort hatte T/Es gelernt, seine Körperaura - und inzwischen schien es fast nur noch aus Aura zu bestehen - nicht nur als etwas zu sehen was einfach vorhanden war, sondern sie zu stärken und zu formen und sich ihrer als Werkzeug und Erweiterung seiner natürlichen Sinne und Fähigkeiten zu bedienen, und das lief in seinem neuen Daseinszustand noch viel besser als früher.
Zumal T/Es dafür keine Energiematrix mehr brauchte, denn Energie war überall um es herum, es brauchte die Überschüsse nur abzugreifen, es konnte damit spielen und experimentieren wie ein Maler mit der Farbe oder ein Töpfer mit dem Ton.
Einfache „Schlüssel“ - separierte Energieeinheiten mit vorprogrammierter Funktion - zu erzeugen erwies sich als verblüffend einfach, und da T/Es jetzt über ein perfektes Erinnerungsvermögen verfügte, das computergleich zu funktionieren pflegte, wußte es, daß ihm mit der Zeit auch hochkomplexe Schlüssel gelingen würden, vor allem wenn es irgendwelche interessierten Helfer fand, die es als zusätzliche nützliche Händepaare in die Kunst einführen konnte, denn zu zweit oder zu mehreren machte diese Arbeit noch viel mehr Spaß.
Aber wieder machte es schnell die Runde, was T/Es das dient in seinen Ruhephasen so zu treiben pflegte, und als Folge erklomm es eine zweite kleine Stufe seines langen noch bevorstehenden Entwicklungsweges.
T/Es fiel die Karriereleiter nach oben, hätte der Tom Richards sich gedacht, der es einmal gewesen war, wenn das Konzept „Karriere“, ein Begriff vom Planeten Erde vom Ende des 20. Jahrhunderts, hier unter den Niedrigen Wesen irgendeine Bedeutung gehabt hätte.
 
Eines undefinierten Tages - denn sowas wie Kalender schien es in den Riffen nicht zu geben, und gemessen an den Verhältnissen der Erde, auf die T/Es hin und wieder einen Blick warf, wenn es die Gelegenheit bekam, schien der Zeitablauf in den Riffen völlig andersartigen, irregulären Gesetzen zu folgen - bekam es einen ebenso undefinierten Auftrag. T/Es erhielt nur das Sprungsiegel, aber sonst nichts. Keine Botschaft, kein Auftrag ... aber wenn ein Mächtiger persönlich zu ihm sagte „Spring!“, dann sprang es eben. Irgendeinem Sinn dienten die Aufträge nämlich immer, auch wenn sie für die Niederen Wesen oft nicht durchschaubar waren.
Die Sphäre, in der T/Es diesmal landete, lag definitiv nicht in den Riffen. Dafür war sie nämlich viel zu ... irdisch. Was T/Es sah, waren idyllische Landschaften aus grünster (und andersfarbiger) Natur mit vielen Wasserflächen und dazwischen eingesprenkelten großzügig gestalteten menschlichen Behausungen in allen Stilrichtungen, das alles gebadet in strahlendem Licht und durchflutet von einer Luft, die seine imaginäre Fischnase erst kitzeln ließ und dann eine ungeahnte Flut von angenehmsten Düften offenbarte, als sie sich auf die Verhältnisse hier umstellte.
Als wäre hier die Dimension der Blumen, dachte es sich, und davon gab es in der Tat viele, wenn es sich in der Umgebung umsah. Kein Kraut, kein Baum, kein Gebüsch, das nicht in vollster Blüte zu stehen schien.
Und die Bewohner dieser Landschaft, die sich überall hier ergingen, einander trafen, miteinander interagierten, sprachen, spielten ... sie leuchteten.
Anders konnte T/Es es nicht nennen, es war als betrachte T/Es sie in Aurasicht, wo alles, das voller Energie und Saft und Kraft war, intensiv leuchtete.
Es waren Menschen. Zumindest sah es auf Anhieb keine andersartigen Wesen.
Kinder, junge Erwachsene, alle wunderschön und wie von innen heraus leuchtend, doch niemand der alt aussah, keine Behinderten, keine Entstellten, keine Plumpen oder Ungeschickten, nicht der kleinste Pickel, die kleinste Hautunreinheit oder Verwachsung wagte die Schönheit zu stören, geschweige denn geschmacklose Gewandung - auch die Gewänder leuchteten und waren so makellos in ihrer zeitlosen Schönheit wie ihre Träger - oder gar Schmutz oder Schlampigkeit.
Eine derartig unnatürliche Anhäufung perfekter Schönheit fand man auf der Erde wohl nur im Set eines Fantasy-Films, wo eine Massenszene mit Elfen oder anderen „makellosen“ übermenschlichen Wesen gefilmt wurde, konnte T/Es sich einen respektlosen Gedanken nicht verkneifen.
Und dann begriff es langsam, was es da vor sich hatte, und wo es gelandet war.
Denn genau so wurde das Jenseits beschrieben.
Das Paradies. Der Ort, wo die gerechten Seelen landeten, die all ihre Last, ihre Mühen, ihr Alter, ihre Behinderungen und Fehler in der materiellen Welt zurückließen und hier so rein, so unbeschwert und so wunderschön, wie nur reine Seelen sein konnten, existierten, bis ihr Weg irgendwann in noch höhere Sphären, die Auflösung im Nirvana wenn gewünscht, oder zurück in die Wiedergeburt führte.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #5 am: 10. April 2018, 12:36:57 Uhr »
T/Es näherte sich einer der Gruppen und merkte sofort, daß sie auf ihn reagierten. Nicht nur die Seelen dieser Gruppe, sondern auch jede andere in Sichtweite, die bemerkte, daß sich da etwas ungewöhnliches näherte.
Als was sahen sie es wohl? Vielleicht als etwas Muränenförmiges, das wie ein fliegender Fisch in der Luft hing und inzwischen ziemlich zerrupft aussehen mußte, überlegte T/Es, denn seit seinem Tod hatte es sich nicht mehr um seine äußerliche Erscheinungsform gekümmert. Geistavatare und ähnliche Erscheinungen wechselten schließlich ihr Aussehen nach Belieben, und im Jenseits gab es keine Schönheitswettbewerbe zu gewinnen.
T/Es war deshalb davon ausgegangen, daß sein Aussehen meistens irgendwo zwischen einem ziemlich formlosen menschlichen Geist mit tentakeligen Ausläufern und einer unscheinbar kleinen, fischartigen Meereskreatur lag, seinen Eindrücken von seiner Umgebung angemessen. Aber vielleicht sah es auch aus wie ein bunter Kinderluftballon in Fischform, als ewiger Optimist und Spaßvogel.
T/Es war so in seiner Unterwasser-Vorstellungswelt verankert, daß ihm gar nicht einfiel, daß Geistavatare von unterschiedlichen Personen unterschiedlich wahrgenommen werden konnten, und zwischen seiner eigenen Wahrnehmung und der anderer eine ziemlich große Differenz bestehen konnte. Aber da es immer frei heraus gewesen war, grüßte es und fragte dann einfach, und eine der Seelen trat nach kurzem Zögern vor und übergab ihm das gewünschte Bild per Berührung, wohl wissend, daß nur ein telepathischer Kontakt, aber kein Spiegel dieser oder einer anderen Dimension einen Geistavatar wiedergeben konnte.
Und was T/Es da sah, war so überraschend, daß es unwillkürlich lachen mußte.
Denn es war keineswegs irgendein Meereslebewesen.
Das erste was beinahe ins Auge stach, war eine Rüstung, gleißend im hellen Licht in reinem, makellosem Silber, vergleichbar der eines mittelalterlichen Ritters, doch die Hände, das Gesicht und die Haare des Rüstungsträgers loderten in lebendigem Feuer, und mächtige mehrfache Feuerschwingen entsprossen der Rückseite der Rüstung.
T/Es entsprach damit dem Urbild eines Erzengels, und zu seiner eigenen Überraschung kam es auch mit diesem Bild klar, denn waren Engel nicht dafür da, zu schützen und zu dienen, anstelle zu befehlen und zu herrschen, wie diese martialische Aufmachung mit Rüstung und Feuer suggerierte? Abermals entsprach also seine äußerliche Erscheinung seiner zutiefst verinnerlichten Einstellung.
„Verzeihung.“ kicherte T/Es gutgelaunt in Richtung der Seele, die es verunsichert anblickte, weil sie mit dem Heiterkeitsausbruch nicht gerechnet hatte. „Ich wußte wirklich nicht, wie ich aussehe. Ich dachte, ich bin ein Fisch.“
Ein Fisch. Ein Engel, der sich für einen Fisch hielt. Das ging schnell herum unter den Seelen, die ihren irdischen Sinn für Humor keineswegs eingebüßt hatten, und silberhelles Gelächter stieg in die duftende Jenseitsatmosphäre. Aber in dieser Sphäre konnte niemand mehr boshaft sein, denn negative Gefühle waren im Diesseits zurückgeblieben, das ersparte T/Es weiteren, nachbohrenden Spott. Irrtümer waren verzeihlich, auch für Engel. 
„Engel Fisch,“ sprach die Seele T/Es an, und T/Es akzeptierte es nickend, denn gab es irgendwo in den irdischen Mythologien nicht auch einen Engel genannt Pfau? Warum sollte es sich in dieser Sphäre nicht so nennen lassen?
„Sprich, und fürchte mich nicht. Ich lebte als Mensch und starb, genau wie du. Ich ging nur anschließend ein paar Umwege, die mir dieses Aussehen beschert haben.“ T/Es tippte dahin, wo die Brustplatte der Rüstung sein mußte, die es selbst nicht wahrnehmen konnte. „Ich bin nur ein niederer Diener, egal wie ich aussehe.“
„Was ist dein Begehr, wenn ich fragen darf? Ich sah bisher noch nie einen Engel hier, und ich sah bereits viele Seelen kommen und gehen.“
Ein Dauerresident also, der sich weder für eine Wiedergeburt noch für das Abenteuer der Weiterreise erwärmen konnte. Nicht die schlechteste Auskunftsquelle, dachte sich T/Es.
„Ich weiß es nicht. Man sagte mir nur, ich solle hierherkommen. Wenn man mir Weisung gibt, dann gehe ich. Ohne Fragen zu stellen. Was ist das hier für ein Ort?“
„Das hier ist Elysium. Das Paradies. Der Ort, wo die gerechten Seelen ohne Umweg eingehen, und die ungerechten, nachdem sie sich von ihren Sünden getrennt haben. Warst du noch nie hier, wenn du gestorben bist wie jeder Mensch?“
„Nach früheren Leben vielleicht,“ antwortete T/Es, weil sich lange vergrabene Erinnerungen meldeten. Ja, er war schon mal hiergewesen, etliche Male, denn auch seine Seele war nicht „jung“, trotz eines tausendjährigen letzten Lebens. Aber damals schien er noch ein Kind gewesen zu sein, die Kinderversion einer Seele, und noch nicht fähig, diesen Ort aus erwachsenen Augen zu sehen, weil ihnen Vergleichsmöglichkeiten aus der materiellen Welt noch fehlten.
Es gab also durchaus Gründe, warum Seelen sich überhaupt auf der materiellen Ebene inkarnierten - sie lernten dort alles, was sich hier, im einfachen Leben im Paradies, nicht lernen ließ. Von der Tortur der eigenen Geburt, dem Schmerz des Zahnens über angeschlagene Zehen, Insektenstiche und andere Alltagswehwehchen, zerstörerische Süchte und seelische Qualen, Geburtsschmerzen, Kriegs- und Folterverletzungen, Alter und die Qual manches Todes - und T/Es erkannte, daß auch all das zur Erlangung von Perfektion gehörte. Man konnte als Seele nicht „vollständig“ sein, wenn man nicht den Schatten zum Licht kannte, die Dunkle Seite zum Licht von Elysium. Wenn man nicht -- erwachsen wurde. So unangenehm dieser Prozeß auch war.
War diese Erkenntnis der Grund, warum er hierhergeschickt worden war, oder gab es noch einen anderen?
„Sieh, da kommt eine neue Seele an. Die Angehörigen haben sich schon versammelt. Sie wissen, wann jemand aus der Welt zurückkehrt, weil die andere Seele selbst es ihnen gesagt hat, bevor sie wiedergeboren wurde.“ sagte die fremde Seele zu T/Es und deutete dahin, wo eben ein Licht aufblitzte wie ein kleiner Stern, die Materialisierung einer neuen Seele inmitten einer ganzen wartenden Gruppe anzeigend.
Vielleicht war da ja der Grund, den er zu finden erwartete. T/Es dankte seinem Auskunftsbüro und machte sich auf die nichtexistenten Socken, was einer schwebenden Fortbewegung entsprach. Ob sich dabei seine Engelsflügel bewegten, keine Ahnung, er konnte sich selbst ja nicht sehen, es fühlte sich jedenfalls an wie früher, wenn er mit Hilfe seiner ausgeprägten Aura levitiert hatte, also ohne Bodenhaftung herumschwebte.
Eine Fortbewegungsart, mit der er gut vertraut war und die ihm jetzt ganz selbstverständlich erschien, zumal die Seelen hier auch nicht alle einer Schwerkraft unterworfen schienen, manche schwebten definitiv etwas über dem Boden, bewegten sich aber trotzdem als würden sie normal gehen, die Macht der Gewohnheit vermutlich.   

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #6 am: 12. April 2018, 14:07:45 Uhr »
T/Es näherte sich also, und die Seelen machten ihm bereitwillig Platz, damit es einen Blick auf den Neuankömmling werfen konnte. Und dann wußte es, daß hier absolut der Grund war, warum es hierhergeschickt worden war.
Der Tom Richards im Diesseits, der seine ganze Existenz übernommen hatte, würde jetzt erst angemessen und auf seine Weise trauern - und dann ein Staatsbegräbnis ausrichten, das sich gewaschen hatte, zu dem Gott und die Welt erscheinen würden, der amerikanische Präsident und die Queen von England sowieso.
Denn dieses Gesicht kannte T/Es, wenn es auch nicht mehr das war, das Tom Richards viele Jahre lang vor seinem eigenen Tod fast jeden Tag gesehen hatte, sondern eines, das um mindestens siebzig Jahre jünger war.
„Dawson! Dawson Lynch!“ rief T/Es, und seine „Engelsstimme“ mußte wahrhaftig beeindruckend wirken, weil auch die Seelen, die seine Annäherung noch nicht bemerkt hatte, sich jetzt ihm wie auf Kommando zuwandten.
Die Seele eines gewissen ehemaligen Spezialagenten seufzte hörbar.
„Kaum bin ich tot, schon ist die Kavallerie da, um mich abzuschleppen. Also gut, was habe ich alles angestellt?“ fragte sie, und legte die ätherischen Hände übereinander, wie in Erwartung von Handschellen.
„Dawson! Erkennst du mich nicht? Ich bin Tom. Tom Richards, der bei der Rettung der Welt gestorben ist.“
T/Es hatte seine Lautstärke jetzt etwas reduziert, war aber immer noch weithin gut verständlich.
„Tom?“ Kein Wunder, daß Dawson etwas fragend klang, denn die äußere Erscheinungsform von T/Es hatte mit dem Mann, der es mal gewesen war, schon seit langem nichts mehr gemein, Dawson konnte ihn einfach nicht wiedererkennen. Nicht auf den ersten Blick jedenfalls.
Aber Dawson war lange genug mit telepathisch begabten Wesen zusammengewesen, um zu wissen, wie man sich einen besseren Einblick verschaffte. Ohne langes Zögern griff er nach der flammenden Hand, die der „Engel“ ihm reichte, ziemlich sicher wissend, daß dieses Feuer ihm nicht schaden würde -
und dann machte er das Seelen-Äquivalent von großen Augen.
„Du bist es wirklich!“ staunte er, denn die Berührung hatte einen Aurenangleich provoziert, mit dem Ergebnis, daß Dawson jetzt hinter die flammende Fassade schauen konnte, und da steckte immer noch genug vom verstorbenen Tom Richards, um identifizierbar zu sein.
„Aber, wenn du damals tatsächlich gestorben bist, wer war dann ... oh.“
Weil er sich erinnerte, was der Tom Richards, der damals scheinbar von den Toten auferstanden war, zu ihnen gesagt hatte. Daß er nur eine Art Backup war, eine Seelenkopie, erschaffen von der „Drachenfabrik“, die Verletzung oder Tod nicht als Ausreden gelten ließ, sich vor der Verantwortung als ihr auserwählter Kämpfer und Weltenbeschützer zu drücken.
„Du, das heißt der andere, sagte uns sofort, daß er nur eine Kopie von dir sei. Wir haben das ehrlich gesagt nicht geglaubt. Wir dachten, es wäre deine Art, dich vor dem Todestrauma zu schützen, indem du es einfach auf einen anderen, verstorbenen Tom projiziert und verdrängt hast. Aber der andere hat nicht gelogen, nicht wahr? Er war tatsächlich ein neuer Tom Richards.“
T/Es nickte. „Du weißt daß ich äußerst selten gelogen habe. Der andere erbte mein gesamtes Wissen, meinen Charakter, mein ganzes Wesen, alles was mich ausmachte, alles was ich besaß - also blieb ihm gar nichts anderes übrig, als mein Leben unverändert fortzusetzen. Du hast noch ein paar Jahre mit ihm zusammengelebt, nicht?“
Dawson nickte. „Ich konnte keinen Unterschied feststellen, und deshalb blieben wir bei der Traumatheorie. Aber, warum bist du nicht einfach in deinen Körper zurückgekehrt, sobald die Drachenfabrik ihn repariert hatte?“
„Das ging nicht mehr. Der Energieschub, der mich befähigte, die Atomraketen wegzuschicken, verpaßte mir einen jähen Wachstumsschub. In diesen kleinen Körper zurückzukehren wäre wie der Versuch gewesen, deine erwachsenen Quadratlatschen in kleine Babyschühchen zu quetschen. Manche Sachen gehen einfach nicht.“
„Verstehe. - Wie bist du übrigens zu diesem Outfit gekommen? Ein bißchen overdressed, meinst du nicht?“
Er klopfte dahin, wo der Brustpanzer des martialischen Engelsritters sein mußte.
„War nicht meine Idee. Irgendwer war wohl der Meinung, daß ich dem Anlaß entsprechend angemessen gekleidet hier erscheinen sollte. In den Riffen treibe ich mich als etwas unscheinbares Fischartiges herum, meinem niederen Status als Diener entsprechend, weshalb man mich hier gerade auf den Namen Engel Fisch getauft hat.“
Dawson lachte. „Namen und Titel sammelst du immer noch im Vorbeigehen, wie? Aber von welchen Riffen sprichst du?“ Er sah sich um, in diesem duftenden, lichtdurchfluteten Elysium das die unmittelbare Station nach dem Tod darstellte - zumindest für die, die sich aus ihrem materiellen Dasein nicht genug vorzuwerfen hatten, um sich selbst erst mal für einige Zeit in die Schäm-Ecke zu stellen, in der es ganz anders aussah.
„Die sind eine andere übergeordnete Sphäre, die nur einen Schritt vom Diesseits weg ist und in der die Mächtigen, die wir ahnungslos als Benu bezeichneten und für reine Aliens hielten, die meiste Zeit hausen. Ich war kaum aus meinem Körper heraus, als ich schon als Diener rekrutiert wurde. Auch die lassen den Tod nicht als Ausrede gelten, wenn man sich für sie als brauchbar erwiesen hat.“
Dawson lachte wieder.
„Keine Ruhe für den Ungerechten, was, Richie Boy? Da habe ich es hier besser getroffen. Hab wohl doch irgendwas richtig gemacht in meinem letzten Leben.“ Er sah sich vielsagend um und sog die duftende Luft ein, ja, hier würde er erst mal eine Weile bleiben und seinen „Ruhestand“ genießen. Vorausgesetzt daß man ihn ließ, denn auch für ihn galt der Spruch „Allzeit bereit“.
„Was hast du jetzt vor?“ fragt T/Es neugierig.
„Nun, ich sehe hier im Empfangskomitee eine ganze Menge bekannte Gesichter. Meine Eltern, Verwandte, Freunde, ehemalige Feinde, ich habe schließlich ziemlich viele Leute überlebt, manche davon sogar eigenhändig hierherbefördert ... mit denen werde ich erst mal hier zusammensetzen oder um die Häuser ziehen, wir haben uns bestimmt eine Menge zu erzählen. Ich werde mich ausruhen ... aber nicht zu lange, bevor ich hier aufweiche geht es wieder zurück in den Hexenkessel. Wiedergeburt. Du kennst mich, ich kann nicht ohne Action, und die beste gibt es immer noch für einen lebenden Menschen auf der Erde. Wer weiß, vielleicht komme ich diesmal als Bösewicht zurück und mache deinem anderen Ich ordentlich Feuer unterm Hintern.“ Die Seele grinste, so fies wie eine glückliche Seele in Elysium eben grinsen konnte.
„Dann mach dich lieber auf ein kurzes Gastspiel auf der Erde gefaßt. Du weißt, daß er nicht lange fackelt.“ scherzte T/Es zurück.
„Ich werde es ihm nicht zu einfach machen.“ Sie verstanden sich so gut wie früher.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #7 am: 18. April 2018, 18:18:31 Uhr »
„Wundert mich übrigens, daß niemand hier auf dich wartet.“ bemerkte Dawson dann.
„Wahrscheinlich hat man mich nicht extra angekündigt, schließlich bin ich nur für einen Kurzbesuch hierhergeschneit. Der einzige, den ich zu sehen erwartet hätte, wäre Sambo gewesen, aber der kann natürlich nicht hier sein. Ich wußte schon immer, daß Billy seine Wiedergeburt ist.“
„Das ist wahr.“ Dawson lachte leise. Auch er hatte den uralten Butler noch kennengelernt, der in den Fünfziger Jahren verstorben war, und alle seine Merkmale später in seinem Urenkel Billy Brown wiedergefunden.
„Was treibst du so, wenn du nicht gerade auf Empfangsdame für alte Agenten machst?“
„Ich bin ein Laufbursche. Ein wiederverwendbares Briefkuvert mit Beinen unten dran, oder Flossen oder was mich gerade voranbringt, das nach Belieben mit Inhalt gefüllt und losgeschickt wird, bis der Empfänger mich leert und zurück- oder weiterschickt. Dieses Outfit hier ist nur Show für diese Sphäre. Echte Engel habe ich bis jetzt auch noch nicht gesehen, wenn es sie gibt, haben sie wohl wichtigere Aufgaben zu erledigen. Oder sie sehen nicht so aus, wie man sich Engel vorstellt.“
„Also, zumindest für mich siehst du ziemlich echt aus. Und da ich deinen Charakter kenne, muß ich sagen, da fehlt auch nichts. Mit Flammenschwertern bist du ja früher schon umgegangen. Was fehlt dir noch?“
„Das wichtigste - Erfahrung. Und zumindest eine Ahnung vom großen Ganzen, den Zusammenhängen. Es gibt da so viel, was ich noch zu lernen habe... was soll das jetzt?“
Weil Dawson ihm eine Kopfnuß verpaßt hatte, oder es jedenfalls versucht hatte, so ganz schien das bei flammenköpfigen Wesen nicht hinzuhauen für eine simple Menschenseele.
„Hör mal auf zu lernen, Jungchen, wie oft habe ich dir das schon gesagt, dir schwillt sonst irgendwann der Kopf an wie ein Fesselballon! Reicht völlig, wenn du reagieren kannst. Action statt Bücherwissen. Das Totsein tut dir wohl nicht so gut, wenn du wieder einen auf Schulbankdrücken machst, statt dich an einem lauschigen Ort wie diesem hier auf die faule Haut zu legen.“
„Du siehst übrigens auch gut aus,“ parierte T/Es amüsiert. „Nicht älter als damals, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind.“
„Ja, das waren noch Zeiten,“ lachte der Ex-Agent. „Als ich noch keinen lausigen Nickel darauf verwettet hätte, daß ich mal in hohem Alter in meinem Bett sterben würde. Als die Gefahr hinter jeder Ecke lauerte, zuerst die Hunnen, später die verdammten Commies, aber wenn man so jung ist wie ich damals, hält man sich noch für unsterblich. Das Alter ist etwas, was ich garantiert nicht vermissen werde, wenn man langsam und bei vollem Bewußtsein auseinanderfällt. In meiner nächsten Inkarnation gehe ich früher ab, das gebe ich mir nicht noch mal. - Was machst du hier und heute gerade, hast du schon Post ausgetragen?“ 
„Ich bin auftragslos hier. Irgendjemand scheint gewußt zu haben, daß wir uns kennen, und hat mich hergeschickt. Übrigens, hast du auf dem Weg hierher noch andere Sphären gesehen?“
„Diesmal nicht. Aber ich kann mich an frühere Leben erinnern, in mindestens einem davon bin ich zumindest vorübergehend in der Wurmwelt gelandet.“
„Wurmwelt?“
„Die Schämecke. Das Fegefeuer, nur daß dort nichts brennt. Es ist ein Ort, der aussieht wie ein Biotop für Regenwürmer, unterirdisch, düster, kalt, mit rotem Licht und von seltsamen Wurzelstrukturen durchzogen, und absolut beklemmend, du kannst regelrecht fühlen, wie dieser Ort dir das Leben, jede Freude und Hoffnung aussaugt, und jedesmal, wenn du meinst schon den alleruntersten Bodensatz an Hoffnungslosigkeit erreicht zu haben, wirst du schnell eines schlimmeren belehrt.
Dort landen die Seelen, die der Meinung sind, daß sie Strafe verdient haben und in der Form von Würmern oder anderer niedriger Kreaturen Buße tun müssen, und wer nicht höllisch aufpaßt, im besten Sinn des Wortes, und seine Sinne samt Seele beisammen hält, sondern der depressiven Stimmung des Ortes verfällt, der läuft Gefahr, dort jedes Gefühl zu verlieren und sich in einen Dämon zu verwandeln.
Ach, was sage ich Dämon, dieser Begriff ist heute zu gut konnotiert, von wegen dämonischer Macht und so weiter, es sind eher Vampire, Gefühlsvampire, weil sie das, was ihnen abhanden gekommen ist, über die Gefühle anderer zu kompensieren versuchen. Das Problem dabei ist, daß sie von Grund auf böse sind, nicht die romantischen Vampire, die heutzutage so in sind, und das vermutlich nicht einmal bewußt, weil man für absichtliche Bosheit einen Grundbestand an eigenen Gefühlen benötigt.
Sie tun einfach was sie tun, weil sie so sind wie sie sind, sie hinterfragen das nicht, agieren wie vorprogrammierte Roboter. Gefühlsleer und somit antriebsleer, außer bei der Befriedigung ihres Bedürfnisses an fremden Gefühlen, das sie rücksichtslos erfüllen.
Wenn sie es zum Beispiel schaffen, Kontakte zu Lebenden herzustellen - solche Möglichkeiten gibt es - versuchen sie diese zu Selbstmorden zu überreden, weil sie instinktiv wissen, daß jeder der sein vorgegebenes Leben leichtsinnig und frühzeitig abkürzt, dazu gezwungen ist, die nicht mehr gelernten Lektionen dieses Lebens in einem anderen Leben unter schlimmeren Bedingungen zu wiederholen.
Und da ihnen jedes eigene Gefühl und damit der Antrieb, selbst wiedergeboren zu werden oder in ihrer Entwicklung fortzufahren, fehlt, blockieren sie zugleich auch für sich selbst jeden neuen Weg. Wirklichen Schaden können sie natürlich nicht anrichten, über unzählige Leben und Zeiten hinweg gleicht sich irgendwann alles aus, aber sie werfen ständig Sand ins Getriebe der Schöpfung.
Mit diesen Wesen fertigzuwerden, sie aus ihren Löchern in der Wurmwelt zu zerren und zu reparieren, schätze ich, wäre eine würdige Arbeit für echte Engel. Die meisten normalen Seelen, die dort landen, schaffen es entweder irgendwann aus eigener Kraft heraus, wenn sie die notwendige Stärke in sich finden, sobald sie sich von ihren Verfehlungen getrennt haben, bei manchen helfen Freunde in dieser Sphäre auch ein bißchen nach, um sie dort herauszuholen.
Wer aber zu tief drin steckt im Sumpf der Wurmwelt, weil er sich zu schwer mit Sünden belastet glaubt oder ohnehin schon depressiv veranlagt war und dort gar nicht weg will, weil er für sich keine anderen Wege sehen kann, der ist arm dran.“
„Was meinst du, wie Engel solche Vampire reparieren?“ fragte T/Es neugierig.
Denn wenn sein neues Outfit eine Vorahnung auf künftige Dinge sein sollte, wollte er lieber frühzeitig wissen was ihm blühte.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #8 am: 25. April 2018, 13:01:03 Uhr »
„Jemandem etwas einprügeln wollen was nicht mehr vorhanden ist würde wohl wenig Sinn machen.“ spekulierte Dawson, so handfest wie immer. „Vielleicht behandeln sie die Gefühlszombies wie Autos mit schlapper Batterie, per Gefühlstransfusion als Kickstart. Aber nur weil ich mal dort war in der Wurmwelt, bin ich trotzdem der falsche Ansprechpartner für technische Auskünfte, Sonny. Da mußt du dir jemanden suchen, der mehr weiß als ich.“
„Das werde ich. Ich denke, ich habe dich jetzt erst mal lange genug belagert, hier sind noch genug andere Leute, die was von dir haben wollen. Lassen wir sie nicht länger warten.“
„War schön, dich wiederzusehen, Tom.“ Die Umarmung der beiden fühlte sich verblüffend materiell an, obwohl sie doch beide aus nichts anderem als Energie bestanden. Vielleicht durch kleine Abstoßungsreaktionen zwischen den beiden Energiefeldern, sonst hätten sie sich wohl gegenseitig absorbiert, wären miteinander verschmolzen wie zwei großgeratene Amöben, überlegte T/Es, und Dawson bekam den Gedanken über ihre Berührung mit und kicherte heiter.
„T/Es, das klingt voll schwul, ist dir nichts besseres eingefallen, oder kam da dein inneres Mädel zum Vorschein?“ kicherte er. *
„Ich wußte nicht, wie weit ich da gehen darf, in den Riffen ist man nämlich eher anonym und unpersönlich.“
„Verstehe, ein nicht zu auffälliges Alias. A propos, treffen wir uns mal wieder und ziehen um die Häuser?“
„Mal sehen was sich machen läßt. Versprechen kann ich nichts, weil ich ziemlich eingespannt bin. Business as usual, nicht anders als früher.“ antwortete T/Es. In Gedanken schon dabei, für zukünftige Besuche hier den Sprungschlüssel zu kopieren, der es hierhergebracht hatte und auch wieder in sein Heimatriff zurückbringen würde. Auch eine Idee, auf das bisher kein Niedriges Wesen gekommen zu sein schien.
Wieviel konnte es sich eigentlich an Eigeninitiative „leisten“, bevor die Mächtigen intervenierten und ihm auf die Finger klopften? fragte T/Es sich dabei im Stillen. Wahrscheinlich hatte es noch Spielraum, als sehr junges Niedriges Wesen, das sich erst noch ein paar Gewichtsklassen anfressen mußte, bevor es auch nur mit den größeren der Diener mithalten konnte, geschweige denn einem Mächtigen gefährlich werden. Und auf alles, was nicht wirklich gefährlich werden konnte, reagierten die Mächtigen mit viel Geduld, weil es einfach keinen Sturm im Wasserglas wert war.
So aktivierte es seinen Sprungschlüssel nach einem letzten verabschiedenden Nicken, und fand sich „zuhause“ im Riff „seines“ Mächtigen wieder. Wie immer löste sich der Sprungschlüssel unmittelbar nach der Landung auf, aber T/Es hoffte, genug Daten kopiert zu haben, um einen eigenen Sprungschlüssel für das Ziel Elysium erschaffen zu können.

Zuerst einmal aber fragte es herum, bis es jemanden fand, der das, was Dawson zu berichten wußte, bestätigen und erweitern konnte. Denn jetzt wollte T/Es wirklich wissen, wie sich all diese Dimensionen, die Riffe, Elysium, die Wurmwelt und die materielle Welt, zueinander verhielten, wie sie zustandegekommen waren und alles andere, was des Wissens darum wert war. Schließlich war im Augenblick kein Dawson Lynch bei ihm, der ihm angesichts seiner Wißbegier zweifellos die eine oder andere weitere Kopfnuß verpaßt hätte ...
Der Unterschlupf des Wesens, das T/Es in Gedanken als „Orakel“ bezeichnete, weil es ihm als wirklich alt und angefüllt mit Wissen wie kein anderer Datenspeicher bezeichnet worden war, erinnerte an eine seidengepolsterte Spinnenhöhle. Einzelne lange Ethertentakel wehten heraus aus dem Loch, und T/Es machte vor dem Eingang halt und zupfte erst mal höflich an den Fäden des Gewebes, um sein Hiersein anzukündigen. Einem jungen Niedrigen stand es einfach nicht an, ein derartig altes und sicher hochrangiges Wesen einfach so, ohne Ankündigung oder Einverständniserklärung, zu „lesen“.
Einer der Tentakel krümmte sich wie winkend - und stieß dann zu, ohne Vorwarnung, genau die „Mitte“ von T/Es treffend.
Schmerz!!!
Das war ein so ungewohntes Gefühl, seit seinem Tod und schon lange vorher hatte es keinen nennenswerten Schmerz mehr empfunden, daß T/Es vor lauter Schreck regelrecht versteinerte.
Dann erwachte sein Selbsterhaltungstrieb, der es anschrie, sich schleunigst loszureißen und die Flucht zu ergreifen, bevor noch irgendetwas anderes Unerquickliches passierte. Doch zugleich ahnte es, daß es sich jedes Recht auf ein Gespräch mit dem „Orakel“ zunichte machte, wenn es sich losriß, daß das hier vielleicht eine Art Test war, die Art des „Orakels“, die Würdigkeit oder Hartnäckigkeit eines Fragestellers zu testen.
Oder aber schlicht nur seinen Geschmack ... Das Ergebnis dieses Zwiespalts, Schmerz und gelinde Panik im Kampf mit seinem auf schnell schwächer werdenden Position stehenden Verstand, resultierte in einem panischen, zitternden Flackern, auf das T/Es alles andere als stolz war, weil es das ganz einfach als würdelos empfand.
Eine solche Erniedrigung, Demütigung hatte es in der Tat schon seit langem nicht mehr erlebt! Und jetzt spürte es ganz deutlich - es wurde gelesen.
Aber nicht auf die Art, die es bisher erlebt hatte und jetzt erst als ziemlich oberflächlich erkannte, nein, es fühlte sich an, als würde es nicht nur gelesen, sondern kopiert - genauso wie es vor kurzem diesen Sprungschlüssel kopiert hatte.
Kein Wunder, daß dieses Wesen über so viel Wissen verfügte, wenn es bei jedem Transfer nahm was es kriegen konnte - und zwar mit Haut und Haaren!


* auf englisch: T/It = Titten!   8)

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #9 am: 30. April 2018, 11:21:09 Uhr »
„Ohohoho!“ lachte eine Stimme, und T/Es schob es seiner im Moment vor Schreck überschießenden Phantasie zu, daß es eindeutig eine weibliche Stimme zu hören glaubte, und zwar die volltönende Stimme einer ziemlich dicken älteren Matrone, die seine Vorstellungskraft obendrein auch noch schwarz anmalte. Das Orakel aus den „Matrix“ - Filmen ...
„Du bist nicht mehr unverwundbar, Kind.“ fuhr sie fort, und T/Es mußte zu seiner Beschämung eingestehen, daß das nur die reine Wahrheit war. Es war bisher unverantwortlich leichtsinnig gewesen, hatte sich für unverwundbar wie zu früheren menschlichen Zeiten, oder wie ein beliebiger Jugendlicher gehalten ... das Äquivalent von Schamesröte brannte auf ihm und rieb damit nur noch mehr Salz in die Wunde. Selbsterkenntnis, die es immer hochgehalten hatte, war eine Sache, sich selbst die Wahrheit einzugestehen und sie zu akzeptieren aber eine ganz andere.
„Und auch du kannst sterben. Absorbiert werden, deine Identität durch totale Auflösung verlieren für immer, das was deine Art als endgültigen Tod bezeichnen würde. Für diesen Zustand bist du noch lange nicht bereit, wie ich sehe. Übrigens, du darfst mich gerne als Orakel bezeichnen, wenn dir Namen so wichtig sind. Ich sehe, daß diese Bezeichnung für dich mit dem Respekt verbunden ist, der mir zusteht.“
„Sie“ hatte das mit dem T/Es mitbekommen.
Aber jetzt wußte T/Es, warum zwar viele vom Orakel wußten, aber keiner den es gefragt hatte, jemals selbst hier gewesen war, wenn „sie“ alle Besucher so behandelte. Der Schmerz war mittlerweile fast erträglich, oder vielleicht war die durchbohrte Stelle schlicht und einfach taub geworden, denn es konnte spüren, daß an dieser Stelle Energie abfloß, langsam und stetig, wie Blut das ihm ausgesaugt wurde. „Sie“ saugte ihn aus - war es anscheinend gewohnt, sich ihren Obolus von Fragestellern zu holen. In Wissen und in Energie.
„Du gehst wohl nicht oft aus, oder?“ wagte T/Es zu fragen, obwohl es davon ausging, daß „sie“ seine Frage bereits kannte, telepathisch mitbekommen hatte wie alles andere, was es ausmachte. Denn in den Riffen gab es eigentlich genug freie Energie für alle, „sie“ hätte es nicht nötig gehabt, sich von anderen zu nähren wie ein gewöhnliches Tier.
„Hohohoho,“ lachte „sie“ kehlig. Was immer „sie“ mal gewesen war, die Imitation einer fülligen Farbigen gelang ihr erstaunlich gut.
„Ein Naseweis. Klein und frech. Aber du suchst Antworten, und du wirst sie bekommen. Das Orakel weiß fast alles. Also denn. Die Entstehung der Jenseitswelten.“
Und plötzlich war um T/Es alles schwarz und mit Sternen bestückt, denn die Show, die es jetzt geboten bekam, war auch visueller Art. Mit der Stimme des Orakels aus dem Off, wie in jedem guten Dokumentarfilm.
„Am Anfang stand... eine einzige winzige Seele.
Die eines winzigen, einzelligen Raubtiers.
Es hatte in den unbekannten Ozeanen einer fremden Welt gelebt, hatte gefressen, sich vermehrt und war dort auch irgendwann gestorben, sich seiner selbst zu keiner Zeit bewußt, denn für Bewußtsein war es zu unterentwickelt.
Doch noch bevor es in den Zyklus der Wiedergeburten eintreten konnte, wurde seine ganze kleine Welt zerstört, und die Seele driftete hinaus ins All, sich ebenso wie früher zu keiner Zeit ihrer eigenen Existenz bewußt.
Doch ihre primitiven Instinkte aus Lebzeiten waren erhalten geblieben, und als sie irgendwann, ungezählte Äonen später, durch Zufall in fruchtbare Gefilde geriet und ihre Sinne die Nähe anderer, kleinerer Seelen anzeigten, tat sie das, was sie auch zu Lebzeiten getan hatte, nämlich fressen, per Absorbtion.
Da sie aber keinen Körper mehr hatte, klappte das mit der Verdauung nicht mehr so richtig. Statt sie zu verdauen, sammelte sie die kleineren Seelen in sich und steigerte ihre eigene Kraft mit der Energie, die diese Seelen mitbrachten. Sie wuchs, und fraß weiter. Und wuchs, und fraß.
Mehr als primitive Einzeller und deren Seelen gab es damals auf dem Planeten Erde noch nicht. Irgendwann verursachte eine der vielen Katastrophen, denen die junge Erde ausgesetzt war, einen übermäßigen Schub an zufließenden Einzeller-Seelen, was eine Kontraktion verursachte, einen Ausstoß der bereits ausgesaugten, energetisch verbrauchten, jedoch nach wie vor nicht absorbierten und sehr lebendigen Fremdseelen. Sie kehrten zur Erde zurück, lebten dort ein weiteres Leben, und kehrten irgendwann wieder, erfüllt mit erneuerter Energie. So lernte die Ursprungszelle, sich hin und wieder zusammenzuziehen, um das alte Verbrauchte auszustoßen, um dafür mehr neues, Energiereiches in sich aufnehmen zu können.
Und das Leben auf der Erde entwickelte sich fort, zu höheren mehrzelligen Wesen, die damit begannen, ihre Umwelt mit Augen, Ohren, Geschmacks- und Tastsinn wahrzunehmen, Meeresbewohner und die ersten Wesen, die an Land krochen, die Insekten. Auch sie wurden aufgenommen, doch da sie ihre Sinneswahrnehmungen mitbrachten und in den energetischen Welten sehen gleich glauben und glauben gleich existieren ist, denn genug Energie kann alles erschaffen, begann die Struktur der Ursprungszelle sich zu formen. Aus dem sich seiner selbst nicht bewußten formlosen energetischen Urozean, der Heimat der Einzeller, formte sich eine Welt, die der gewohnten Umgebung der Meeresbewohner und Fische und Insekten glich - das, was man dir als die Wurmwelt geschildert hat, Kind.“
Und T/Es konnte sie jetzt sehen, fühlen, erleben, diese sonderbare, von Wurzeln und düster-rötlichem Licht erfüllte Regenwurm- und Meeresboden-Welt, einschließlich des extrem depressiven Gefühlsklimas, das dort herrschte, als sei es selbst dort, und vielleicht war es das sogar in dieser Zeitspanne, da die verschiedenen Dimensionen des Jenseits sich überlagerten und überall gleichzeitig sein konnten, sie folgten auch hier keinen bekannten Regeln des statischen und stabilen vierdimensionalen Raum-Zeit-Kontinuum des Diesseits.

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Re: Intermezzo: Tot
« Antwort #10 am: 7. Mai 2018, 13:48:08 Uhr »
„Das depressive Gefühl entsteht durch das ständige Absaugen von Energie, das die Myriaden von niederen Lebenwesen, die Einzeller und Insekten, die dort nach wie vor ständig in riesigen Mengen landen, gar nicht merken, weil ihnen diese Wahrnehmungsfähigkeit fehlt. Sie bleiben einfach dort, als Energiequellen, bis sie verbraucht sind wie alte Batterien und wieder ausgestoßen werden, um auf der Erde wachsen und sich ein weiteres Mal aufladen zu können. Und dann landen sie wieder hier und halten den Mechanismus am Laufen, als riesige Masse von Bioenergie.
Doch das Leben auf der Erde entwickelte sich fort, höhere Lebewesen entstanden auf dem Festland, mit beginnender rudimentärer Intelligenz. Auch sie brachten ihre Sinneseindrücke mit, die nicht mehr mit dem Aussehen der Wurmwelt übereinstimmten. Häufig gestört und verwaschen durch traumatische Todeseindrücke, verbunden mit dem instinktiven Wunsch nach Sicherheit, nach Verbergen und Deckung, veränderten sie einen Teil der Wurmwelt, so daß eine weitere Welt entstand, die Nebelwelt.“
Und T/Es sah sie, war vielleicht sogar gerade dort, in einer Welt, die nicht mehr von Wurzeln und depressiver rötlicher Düsternis ausgefüllt war, in der nichts außer alles verbergenden, gefühlsmäßig fast neutralen Nebelschleiern in matten grauem Licht zu wogen schienen.
„Auch die ersten vernunftbegabten Frühmenschen erlebten die Nebelwelt noch, und gaben ihr den Namen Hel, nach ihrer allesbeherrschenden Muttergöttin, die sie als Herrin der Nebelwelt verehrten, die Frau Hela, Holda oder Holle.
Doch je mehr von ihnen kamen, desto mehr setzte sich durch sie der Wunsch durch, die Nebelschleier zu durchdringen, um zum strahlenden Sonnenlicht und den fruchtbaren Landen zu gelangen, die ganz sicher hinter diesen Nebeln der Hel liegen mußten.
Sehen ist glauben, und glauben ist existieren in den Jenseitswelten, denn genug Energie kann alles erschaffen.“ wiederholte das Orakel ihr Mantra.
„So durchdrangen sie mit Hilfe ihrer immanenten Energie die Nebelschleier und erschufen aus ihren eigenen Vorstellungen das, was du als Paradies, als Elysium kennst. Und je mehr von ihnen kamen und ihren Glauben, ihre Energien mitbrachten, um so mehr wuchs diese Zone, und um so vielfältiger und schöner wurde sie. Schon die Wurmwelt war um ein Gigantisches größer als ihr Ursprung, die winzige Seele eines einzelligen Raubtiers, und während die Nebelwelt relativ klein blieb, weil auch spätere geringere Intelligenzen das Elysium vorzogen, ist das heutige Elysium abermals um ein Gigantisches größer als die Wurmwelt. Und das alles, die Wurmwelt und Elysium, wächst immer noch weiter, denn die Seelen werden zahlreicher und energiereicher, je weiter sie sich in ungezählten Reinkarnationen entwickeln.
So lange, bis sie irgendwann so groß und stark sind, daß das Raubtier sie nicht mehr einfangen kann nach ihrem Tod, und sie die Seelenwiege endgültig verlassen und ihre eigenen Wege gehen.
All das wird so lange vor sich gehen, wie der Planet Erde in der Lage ist, Hüllen für die Entstehung und Weiterentwicklung von Seelen zur Verfügung zu stellen.
Aber wie du selbst weißt, gibt es viele Welten im All, die diese Bedingung erfüllen. Sollte die Erde eines Tages sterben, werden die Seelen von anderen, jüngeren Welten kommen. Vielleicht zieht das Raubtier dann um, oder es teilt sich in unzählige kleinere Teile, von denen jeder einzelne sein Glück und eine neue seelen- und energiespendende Welt in der Unendlichkeit suchen wird.“

T/Es war wieder in den Riffen, vor einem Loch, das mit Spinnenseide gefüllt schien und aus dem Tentakel ragten, von denen einer es immer noch durchbohrt hielt. Es fühlte sich jetzt klein. Sehr klein, und unwichtig. Selbst wenn es die Erde gerettet hatte, und nicht zum ersten Mal. Sie beide waren klein und unwichtig, ihr Schicksal war unwichtig, angesichts dieser unendlichen Größe, die es gerade erfahren hatte.
Aber, T/Es war Optimist. Immer gewesen. Was bedeutete das, daß sie beide unwichtig waren. Sie lebten eben ihre Mikrobenleben und versuchten für sich selbst das beste daraus zu machen, egal ob es im großen Ganzen etwas bedeutete oder nicht. Denn wenn nur genug Mikroben das taten, und Glauben gleich Energie und damit Wachstum und Veränderung bedeutete --
„Hahaha. So gefällst du mir. Gibst nie auf, egal wie schlecht es aussieht, wie? Mit dir habe ich einen guten Fang gemacht. Dann geh jetzt, bevor du mir zusammenfällst wie ein luftleerer Ballon, ich weiß daß du wiederkommen wirst.“ Und der Tentakel zog sich aus seiner Körpermitte zurück. Das entstandene Loch füllte sich aus restlicher energetischer „Körpermasse“ von T/Es auf, aber nur sehr langsam, unnatürlich langsam.
„Was, wenn es gar kein Zufall war?“ fragte T/Es.
Da der Kontakt soeben unterbrochen worden war, konnte Orakel diesem Gedankengang nicht sofort folgen.
„Ganz am Anfang. Auf der Erde begann alles höhere mehrzellige Leben damit, daß unverdaute Beutereste in einem gefräßigen Einzeller sich als nützliche Energiespender, die Vorläufer der Mitochondrien, der Energieproduzenten in den Zellen, erwiesen und deshalb beibehalten wurden, so wie hier die gefressenen Einzellerseelen. Und die Ursprungsseele selbst. Auf der Erde gibt es niedere Lebewesen, Muscheln und Korallen, die als frisch geschlüpfte Larven noch frei beweglich und ohne belastende Schalen sind. Erst wenn sie eine nahrungsreiche Gegend erreichen, setzen sie sich fest, gehen Symbiosen mit ortsansässigen Lebewesen ein, fressen und breiten sich aus, und bilden irgendwann ganze Riffe.
Was, wenn unsere Ursprungsseele solch ein Wesen war, eine simple Korallentierlarve, bereits von seiner eigenen Evolution her dafür vorherbestimmt, in Interaktion mit einer Diesseitswelt, zuerst durch simples Absorbieren und später durch Entwicklung von Symbiosen, ganze Jenseitswelten zu erschaffen, neue Riffe, die ungezählten Wesen Platz bieten?“
Kein Wunder, daß er die ganze Zeit solche Unterwasser-Assoziationen gehabt hatte, wenn alles hier den wohlvertrauten ökologischen Entwicklungen auf der Erde entsprach, nur auf einer höheren dimensionalen Ebene!
Orakel blieb eine Weile still, „sie“ dachte nach, sortierte vermutlich gerade, was „sie“ von T/Es alles herüberkopiert hatte an dessen Erinnerungen und Denkvorgängen.
„Hmmm, da hast du einen Punkt oder zwei.“ gab „sie“ schließlich zu. „Meine Güte, du bist nicht mehr als ein Baumbewohner mit beginnendem Fellverlust, aber denken tust du bis jenseits unseres Multiversums. Es stimmt wohl, daß die menschliche Phantasie keine Grenzen hat.“                                                                                                                                * (Trivia Quiz: Zitat woher? )
„Geh jetzt. Du hast mir genug zu denken gegeben. Geh, bevor ich dich gleich hierbehalte und komplett absorbiere, denn verdient hättest du es.“
Das schien „sie“ erstens ehrlich zu meinen und zweitens sogar für etwas positives und erstrebenswertes zu halten, und so machte T/Es, daß es Land gewann, bevor „sie“ ihre Neigung in die Tat umsetzte. Seine Bewegungen waren ungewohnt hölzern und langsam, und als es routinemäßig seine Aura überprüfte, erschrak es zutiefst, weil es praktisch nur noch auf den metaphorischen letzten Treibstoffdämpfen lief, „sie“ hatte ihn tatsächlich fast komplett ausgeleert. „Sie“ mußte verdammt hungrig gewesen sein, hatte vermutlich schon seit Ewigkeiten keinen neugierigen Besuch mehr gehabt ...
während es den Sprungschlüssel aktivierte, der es auf kürzestem Weg zurück in das heimatliche Riff und damit zu Nahrung und Energie bringen würde, wußte T/Es genau: ja, es würde wiederkommen.
Bis zum Bersten aufgeladen mit Energie, um seine neue „Freundin“ zu füttern - und mehr von ihr zu lernen.
Warum „sie“ ihr Loch nicht selbst verlassen wollte - es würde es noch herausfinden.
Neben vielen anderen Dingen. 
T/Es hatte dafür schließlich die ganze Ewigkeit zur Verfügung.

Ende dieser Episode




* Auflösung: Zitat natürlich aus „Die Unendliche Geschichte“