Autor Thema: Sein Sohn  (Gelesen 823 mal)

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Offline DAOGA

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Sein Sohn
« am: 25. November 2016, 09:43:17 Uhr »
„Hallo Dawson.“ sagte sie als Begrüßung.
Der alte Mann starrte sie an. Dann ihren Begleiter, dessen Gesichtszüge er sofort von einer ganz anderen Person wiedererkannte,
dann wieder sie --
Dawson Lynch vergaß nie ein Gesicht. Und dieses schon gar nicht. Und auch nicht den Namen dazu.
„Dürfen wir rein?“ fragte sie.
„Natürlich.“ antwortete er langsam und tonlos, und trat zur Seite. „Weiß Tom Bescheid?“
„Ich dachte, ich falle lieber mit der Tür ins Haus. Du weißt, daß er nicht viel Geduld besitzt.“
Tom Richards konnte mehr Geduld aufbringen als ein buddhistischer Mönch, wenn es eine Sache erforderte, aber nicht in jedem Bereich. Und garantiert nicht in dieser Angelegenheit. Dawson nickte langsam.
„Er ist in seinem Arbeitszimmer.“
Sein Blick hing wieder an dem etwa fünfzehnjährigen Burschen an ihrer Seite, dessen Haar nicht blond war, sondern genauso lichtbraun mit rötlichem Stich wie das seiner Mutter. Doch seine Augen, soeben noch von tiefem Stahlgrau, färbten sich angesichts der scharfen Musterung um in ein zorniges Grün. 
Dieser Apfel war wahrhaftig nicht weit vom Stamm gefallen, dachte der ehemalige Geheimagent.
„Sein Name ist Mark.“ sagte sie, und Dawson nickte wieder. Der Junge trug zweifellos den Nachnamen seiner Mutter. 
„Kommt mit.“ sagte er zu den beiden und ging voraus, nachdem er leicht in die Richtungen genickt hatte, in denen er die Überwachungskameras wußte, die den Eingangsbereich von Lyonshome Manor im Auge behielten.
Diese zwei hatten erst einmal Besuchsrecht, bis Tom etwas anderes bestimmte. 
„Ich kenne den Weg noch.“
„Zweifellos. Aber das lasse ich mir nicht entgehen. Ein alter Mann wie ich braucht hin und wieder seinen Spaß, Madeleine.“
Tom saß in seinem Arbeitszimmer, weil er gerade den Chefbuchhalter von einer seiner vielen Firmen im Gebet hatte, zusammen mit seinem Steuerberater, dem Anwalt Gray, der für alle rechtlichen Fragen des Hauses zuständig war, und einer Schreibkraft, die ganz altmodisch alles Gesprochene in Kurzschrift festhielt, für den Fall, daß das laufende Diktiergerät nicht korrekt zu funktionieren gedachte.
Dawsons Daumen zeigte vier der Anwesenden, wohin sie sich zu begeben hatten, und sie gehorchten sofort und ohne Widerrede, weil Dawson zusammen mit dem Butler Larry Kiromoto den Posten des stellvertretenden Kapitäns von Lyonshome Manor ausfüllte, zumal als Gray Dawsons Mitbringsel erkannte und sofort ahnte, um was es hier ging. Denn auch er kannte die etwa vierzigjährige Frau aus einer Zeit, als sie noch sechzehn Jahre jünger gewesen war, und erahnte beim Anblick des jungen Burschen den Rest der Geschichte.
Tom hinter seinem Schreibtisch hatte dem allgemeinen Abzug zugesehen, ohne ein Wort zu sagen, denn wenn Dawson seine Kundschaft davonscheuchte, hatte er bestimmt einen sehr guten Grund. Jetzt erhob er sich langsam, da er die Person direkt hinter Dawson wiedererkannte.
„Madeleine!“ staunte er. Es war lange her... wenn auch keine allzu lange Zeit für jemanden wie ihn.
Und dann blieb sein Blick an dem jungen Mann hängen, den sie mitgebracht hatte, und er erkannte auf Anhieb die Gesichtszüge, die ihm jeden Tag aus dem Spiegel entgegenstarrten. Und die ewig veränderlichen Augen, die ihr Grün wieder verloren hatten und jetzt einen verräterischen Mix aus coolem Grau und ängstlichem Rot zeigten, wie glühende Kohlen unter einer Ascheschicht.
„Ist das...“ begann er, sichtlich überrascht.
„Das ist Mark, dein Sohn.“ sagte sie ruhig, obwohl ihr Herz gerade schlug wie ein Dampfhammer, daß ihr Blick fast zu verschwimmen drohte. Wie oft hatte sie sich diese Szene ausgemalt, in allen nur denkbaren Variationen... es kam ihr wie ein unwirklicher Traum vor, daß sie jetzt wirklich hier stand und wirklich diesen Satz sagte.
Er schwieg eine Weile, verdaute die Neuigkeit. Ein Mann seines Alters war nicht mehr so leicht zu schockieren, deshalb ging das relativ schnell.
„Warum, Madeleine? Warum hast du mich damals verlassen? War es wegen ihm?“ fragte er dann. Sein Kinn deutete auf den jungen Mann, bei dem prompt Grün die Oberhand über das Rot gewann.
Eine Frage, die ihm seit sechzehn Jahren auf der Zunge gelegen hatte - bis auf den letzten Teil.
Sie nickte. „Du bist hoffnungslos verrückt, und das weißt du selber. Es reicht völlig, wenn du deine ganze Hausbelegschaft in deinen Wahn mit hineinziehst, aber für unseren Sohn wollte ich etwas besseres, verstehst du? Er sollte normal aufwachsen, eine normale Kindheit erleben können. Er sollte nicht das mitmachen, was jeder andere um dich herum mitmachen muß, als der gehätschelte Prinz des Wahnsinns. Deshalb ging ich - nein, deshalb mußte ich gehen, als ich bemerkte, daß ich schwanger war. Kannst du das verstehen?“
Ihr Ausbruch war vorbei, und sie biß sich auf die Lippen in Erwartung des Kommenden. Bis hierher war sie in ihrer Phantasie gekommen - jedoch nicht weiter. Wie würde er reagieren, er, den sie immer noch begehrte - mit Schock, mit Ablehnung, mit einem Zornausbruch, der bei jemandem wie ihm durchaus tödlich ausgehen konnte, bei einem Mann, der mit bloßen Händen töten konnte? --
„Okay.“ nickte Tom. Er wußte schließlich selber am besten, wie er war - und daß sie absolut recht hatte. Lange um den heißen Brei herumzureden war sein Ding nicht, und das wußte auch Madeleine. Sich selbst zu belügen war genausowenig sein Ding. Und deshalb... verstand er. Und sie sah es, da sie seine Augen sehen konnte, die eiskalt grau blieben, keine Spur von Grün oder gar Gelb zeigten.
„O - okay?“ platzte da der Junge heraus. „Einfach nur okay, und das war es?“ Seine Augen flammten jetzt gelbgrün, und das war ein Warnsignal für alle, die über die veränderlichen Augen des Klans von Uropa Henriksen Bescheid wußten, der junge Mann stand dicht vor der Explosion, die sein Vater nicht leisten wollte.
Mit diesen blitzschnellen, geschmeidigen und lautlosen Bewegungen, wie eine große Raubkatze auf Beutezug, die für Tom Richards typisch waren, stand er auf einmal vor dem jungen Mann.
„Laß mich deine Augen sehen.“ sagte er und hielt im gleichen Moment schon Marks Gesicht mit der einen Hand. Der Junge wollte zuerst reflexhaft zurückzucken, erschreckt von der unerwartet schnellen Bewegung, erkannte aber an der sanften Berührung, daß sein angeblicher Vater ihm nichts Böses wollte. Und seine ungewöhnlichen Augen hatten schon oft genug Aufmerksamkeit erregt, so daß er Untersuchungen gewöhnt war.
Dennoch glommen seine Augen wieder grünlich auf in beginnendem Grimm, was Tom mit einem leisen Lachen und dem überraschenden Kommentar quittierte, der von Insiderwissen sprach: „Wir haben es noch nie geschafft, unsere verbotenen Abstecher zur Keksdose erfolgreich zu leugnen, nicht wahr?“
Was Mark so verblüffte, weil es nämlich stimmte, daß er weiterhin stillhielt, bis die Musterung abgeschlossen war.   
Sehr aufmerksam betrachtete Richards das Gesicht des Jungen samt seiner Augen, darin nicht nur die Sprengsel aller Farben, die die Abkömmlinge des Kanthor-Klans als uraltes Erbe ihres fernen Ahnen, lange vor Henrik Henriksen dem Seefahrer, besaßen - acht Farben insgesamt - , sondern auch die Iris mit ihren winzigen Eigenarten, denn Tom Richards hatte vor langer Zeit auch die Kunst des Iris-Lesens erlernt, die über Dinge wie Krankheiten und einiges mehr Auskunft gab.
Und so dicht wie sie beisammen standen, starrte der Junge zurück und erkannte die gleichen Merkmale im Gesicht und in den Augen dieses etwa mittvierzigjährigen Mannes mit der auffälligen blonden Haarmähne.
So mußte es wohl wahr sein. Er stand, nach fünfzehn Jahren und seinem ganzen Leben, endlich seinem Vater gegenüber. Oh, was hatte er sich ausgemalt, was er ihm alles sagen, ins Gesicht werfen wollte - aber was immer er sich ausgemalt hatte, die Realität war nicht so wie die vielen Versionen seiner Phantasie.

Offline Tachioniumfinder

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Re: Sein Sohn
« Antwort #1 am: 26. November 2016, 18:54:19 Uhr »
Hallo DAOGA,

viel versprechender Anfang.....bin gerade per Zufall hier mal vorbeigeschneit. Werde weiterlesen!  ;D
Liebe Grüße
Tachi

Offline DAOGA

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Re: Sein Sohn
« Antwort #2 am: 28. November 2016, 12:10:34 Uhr »
Hurra, endlich mal ein Kommentar!  [partysmiley] [jump] [jump]  [rollsmile] [flower]
Und ich dachte schon, hier traut sich keiner mehr.  [poke]
Danke, Tachi!  :)

und ein weiteres Stück:



„Ich weiß jetzt noch nicht, ob du von mir bist, aber verwandt bist du jedenfalls. In Lyon´s Home, unserer Heimat, würde dich jeder sofort anhand deiner Augen als Abkömmling des reinrassigen Stammbaums erkennen.“ sagte Tom ganz unerwartet und gab ihn frei, und nahm Mark damit den Wind aus den Segeln, denn auf solch einen Kommentar fand er auf Anhieb keine Antwort.
„Ob ich von dir bin? Vertraust du meiner Mom so wenig?“ fragte er dann empört, die Augen abermals gefährlich gelbgrün aufflammend.
Tom lächelte heiter, und vereitelte mit dieser simplen Regung den geplanten körperlichen Angriff.
„Um Vertrauen geht es dabei nicht. Die Existierenden Götter wissen, daß ich gegenüber den Leuten um mich herum viel zu vertrauensselig bin, und Madeleine gehört dazu. Aber ein Gentest wird mir auf mehr Fragen die Antwort liefern als nur auf diese eine. Wenn du mich erst besser kennst, wirst du ahnen, welche Fragen das sind, und sie sind keineswegs unwichtig.“
„Mom hat oft gesagt, daß du hoffnungslos verrückt bist. Und gefährlich, aber nicht böse.“
Das kam mit ruhiger Stimme, gar nicht anklagend, und wirkte fast hilflos, weil hier absolut nichts so abzulaufen schien, wie Mark es sich vorher ausgemalt hatte. Das Gelb in seinen Augen verschwand, machte einem größeren Anteil Grau Platz. Der Junge hatte gemerkt, daß er mit blinder jugendlicher Aggressivität hier nicht weiterkam, dafür war die Situation zu unübersichtlich. Verstand und Selbstbeherrschung übernahmen wieder, und das rechnete Tom ihm hoch an, da keine geringe Leistung für einen Menschen mitten in der Pubertät.
„Das ist richtig. Du hast noch gar keine Ahnung, wie richtig das ist. Siehst du den unauffälligen Herrn im schlecht sitzenden billigen Anzug von der Stange, der sich mit euch hier eingeschmuggelt hat?“
Er deutete auf den fünften Mann im Raum, der in der Tat nicht zu der Gruppe gehörte, die vorhin den Raum verlassen hatte, ein Mann in einem korrekten dunklen Anzug, jung und schlank, mit scharfen Gesichtszügen und den bemessenen Bewegungen eines trainierten Kämpfers. Und wenn man ganz genau hinsah, konnte man auch die verdächtige Beule des Jacketts bemerken, unter der sich eine Waffe verbarg. 
„Das ist John Smith von der Federal Security Agency, mein zugeordneter Wachhund für heute. Auch unsere Regierung weiß, daß ich für jede Art von Unfug gut bin, und deshalb schaut mir meistens jemand auf die Finger, damit ich nicht über die Stränge schlage. - Er hat mir aber bis heute nicht verraten, wie er wirklich heißt.“
Und dabei lachte er den Mann im Anzug froh an.
Der grinste ganz unverfroren zurück, sprach aber Mark an.
„Dein alter Herr liebt es, mich wegen meines Namens aufzuziehen. Er meint, daß ein Agent namens Smith ein Klischee wäre, und ich deshalb gar nicht so heißen könne. John Smith ist mein Name, und ich heiße tatsächlich so, als stolzer Abkömmling einer langen Reihe von ehrlichen Smiths, wenn ich auch nicht mit einem Stammbaum so ausgedehnt wie dem von Mr. Richards prahlen kann.“ begrüßte er höflich den Jungen und seine Mutter gleichermaßen.
„Und wenn ihr euch jetzt wundert, daß John und Tom sich nach Strich und Faden pinseln, dann wartet erst mal ab, bis ihr Agent Wylie kennenlernt.“ mischte sich Dawson feixend ein. „Wenn Tom schwul wäre, hätte Wylie ihn längst mit vorgehaltener Waffe vor den Traualtar geschleift, um den ganzen Spaß für sich allein zu haben.“
„Ein schwuler Agent?“ wunderte Mark sich laut, und warf erst dann Smith einen halb fragenden, halb über seine eigene große Klappe erschreckten Blick zu.
„Nö, Wylie ist nicht schwuler als wir drei zusammen. Aber Tom zuliebe würde er so tun als ob. Er liebt ihn wirklich, wißt ihr. Und sei es nur um der Unterhaltung willen. Tom spielt regelmäßig verrückt, und wenn zur Abwechslung mal nicht er, dann die Umstände, in denen er lebt. Wartet nur ab, wenn ihr hier im Haus bleibt, werdet ihr bald selber erfahren, wie das dann aussieht. Als Madeleine zuletzt hier war, war es eine eher ruhige Zeit. Das hat sich in den letzten Jahren geändert. Seit wir mit der FSA zusammenarbeiten geht es ziemlich oft rund hier.“
Tom lächelte und nickte dazu, nichts von dem Gesagten, das stellenweise doch recht ehrabschneidend klang, schien ihn beleidigen zu können.
„Als wir zusammen waren, war ich einige Male abwesend, weil ich ganz bestimmte Dinge suchte, erinnerst du dich?“ fragte er Madeleine.
„Du flogst nach China und an andere gottverlassene Orte der Welt.“ erinnerte sie sich, weil sie ein paarmal mit auf die Reise gegangen war. „Aber du hast nie gefunden, was du suchtest. Weil es irrsinnige Dinge waren, die du gesucht hast, du konntest sie gar nicht finden.“
„Aber ich habe sie inzwischen gefunden!“ strahlte er sie an. Und drehte sich etwas und streckte die Hand nach einem altmodischen silbernen Gehstock aus, der an seinem Schreibtisch lehnte, möglicherweise vergessen von einer der Personen, die vorher im Raum gewesen waren, denn dieser leichtfüßige, flinke Mann benötigte ganz sicher keine Gehhilfe --
Ganz von selber flog der Stock in seine ausgestreckte Hand, über eine Distanz von mehreren Metern hinweg, und ein blauer kristallener Einsatz im gläsernen Knauf des Stockes begann mit bläulichem Lichtschein zu glimmen.
Und während Madeleine und Mark noch darüber rätselten, wie er diesen Flugtrick hinbekommen hatte, der sehr an die „Macht“ in den Star-Wars-Filmen erinnerte - wobei zumindest Madeleine sich daran erinnerte, daß Tom neben vielen anderen Dingen auch ein bekannter und von der Zunft anerkannter Zauberkünstler war -
hielt Tom den Stock mit ausgestrecktem Arm waagrecht vor sich, jedoch in sicherer Distanz von den anderen, denn -
im nächsten Moment hielt er keinen altmodischen Silberstock mit blauem Licht im Knauf mehr in der Hand,
sondern einen leibhaftigen und sehr lebendigen, hell gleißenden, wild in seiner Hand zuckenden und züngelnden Blitz, der nur darauf zu warten schien, daß sein Herr und Meister ihn fahren ließ.
Da sperrte nicht nur Mark Mund und Nase auf, als sein alter Herr auf einmal dastand wie ein jüngerer Zeus persönlich, den Blitz als Beweis seiner Herrschaft in der Hand. Wie gebannt starrten er und seine Mutter auf das Schauspiel -
bis der Blitz sich genauso schlagartig wieder in den vergleichsweise unscheinbaren Silberstock von vorhin zurückverwandelte.
„Gefunden!“ strahlte Tom sie beide an.
„... aber bevor du jetzt auf dumme Gedanken kommst, junger Mann, laß dir gesagt sein, daß du absolut die Finger lassen mußt von meinem Stock. Das Ding ist hochgradig gefährlich, und es gehören mehr Jahre an Übung und Erfahrung dazu, ihn zu beherrschen, als du dir im Moment vorstellen kannst.“ fuhr er gnadenlos und in ernsterem Tonfall fort, während er mit dem Zeigefinger in Marks Richtung wedelte.
„Wer ihn nicht beherrschen kann, wird von ihm umgebracht, einfach so.“ Fingerschnipsen.
„Ohne Vorwarnung und ohne zweite Chance. Also, Mark, laß die Finger davon. Immer und in jeder Lebenslage.“
„Nimm diese Warnung ernst, Junge.“ mahnte Dawson ebenso, und sogar Agent Smith nickte.
„Die ganze Hausbelegschaft weiß, daß man den Stock nicht anfassen darf. Das Teil hat mehr Saft drauf als ein Nuklearsprengkopf, und im harmlosesten aller Fälle bringst du dich nur selber um damit. Nur Tom kann ihn benutzen, weil er die Ausbildung und die Lizenz dafür hat.“
„Und es fühlt sich immer noch bei jeder Aktivierung an, als würde mich ein Maultier treten.“ ergänzte Tom. „Große Macht kommt mit großer Verantwortung, dieser Satz ist dir hoffentlich geläufig, oder?“
Und als Mark nickte, denn mit Comics und ähnlicher Triviallektüre für Kinder hatte seine Mutter nie gegeizt, anders als andere Mütter, und er begann langsam die Gründe dafür zu erahnen...
- fuhr Tom fort: „Bei einem Kind von mir gehe ich allerdings davon aus, daß es matrixaffin ist, das heißt, daß ich dich testen werde, ob du mit solch einem Werkzeug umgehen kannst. Nicht mit meiner überstarken Fünfer natürlich, sondern mit der schwächsten Sorte, einer Einser, mit der jeder Anfänger beginnt. Ich habe zusammen mit meiner Fünfer auch ein paar Einser und Zweier erhalten, die ich dazu benutze, um Anfänger in der Kunst anzulernen. Ein paar Lehrlinge habe ich schon, du wirst sie bald kennenlernen. Allerdings darfst du dir keine Hoffnungen machen, daß du in den ersten hundert Jahren die Fähigkeit erlangen wirst, eine Fünfer wie die meine zu kontrollieren. Mit etwas Glück schaffst du in dieser Zeit den dritten Meistergrad, und selbst das wäre schon eine Errungenschaft, auf die ich als dein Lehrer und Vater stolz sein könnte.“
Abermals etwas, was zumindest Mark den Mund offenstehen ließ, denn Madeleine kannte diese Andeutungen bereits, daß Tom angeblich deutlich älter war, als seine Geburtsunterlagen und sonstigen amtlichen Dokumente besagten. Sie hatte es immer als Zeichen seines Wahns abgetan, aber jetzt, da sich auch die andere irre Geschichte als offenbar wahr herausstellte...

Offline Tachioniumfinder

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Re: Sein Sohn
« Antwort #3 am: 28. November 2016, 21:32:40 Uhr »
Hallo DAOGA, endlich mal eine Geschichte, die ich von Anfang an verfolgen kann......und wie mir scheint, wird mir bald noch ein Bataillon von Marvel-Comic-Helden oder ähnlichen Gestalten begegnen....... ;D ;D ;D
Ich bleibe am Ball!
LG
Tachi

Offline DAOGA

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Re: Sein Sohn
« Antwort #4 am: 29. November 2016, 13:23:01 Uhr »
Kleiner Hinweis, Tachi: Meine anderen Geschichten haben auch alle einen Anfang.  ;)
Und sind alle auf die gleiche Weise entstanden: schräge Idee --> Sitzfleisch + Tipporgie --> fertiges Produkt einstellen. Nur mit der Fertigstellung dauert es manchmal, als Szenenschreiber weiß ich am Anfang selber so gut wie nie, wie das Ende aussehen wird. Oder wann es kommt.

Offline Tachioniumfinder

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Re: Sein Sohn
« Antwort #5 am: 5. Februar 2017, 18:17:47 Uhr »
Hallo DAOGA, ich hoffe, dass Du hier mal wieder einen kreativen Flash erlebst.... (Tipporgie und so....)  ;D ;D ;D
Liebe Grüße
Tachi

Offline DAOGA

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Re: Sein Sohn
« Antwort #6 am: 9. März 2017, 17:55:37 Uhr »
„Stimmt das mit dem Nuklearsprengkopf?“ fragte sie besorgt in Richtung Dawson, der sich zwar gern als schräger alter Kauz gab, sich jedoch den scharfen Verstand des früheren Geheimagenten bewahrt hatte, wie sie von früher wußte.
„Absolut. Wir beide, John und ich, haben Tom schon dabei zugesehen, wie er das Ding benutzt. Es gibt kaum etwas, was er nicht damit anstellen kann, wenn er will. Allerdings kann es nicht so einfach explodieren wie eine Bombe, so ist das Teil nicht gestrickt. Die größte Gefahr besteht für den Benutzer selber, und wenn die Matrix merkt, daß der Benutzer keine Erlaubnis, keine Lizenz hat mit ihr zu arbeiten, und nicht die Kraft, sie zu bändigen, dann fällt sie über ihn her. Und bringt ihn um, so wie Tom gesagt hat. Deshalb kann man es gar nicht oft genug wiederholen: Finger weg. Außer man ist auf eine hochgradig unangenehme Art von Selbstmord aus. Und Tom würde als lizenzierter Benutzer den Rückschlag zu spüren kriegen, für den wäre das auch nicht angenehm.“
Und wieder nickte Tom zu allem, zusammen mit dem Agenten, der sich anscheinend nicht zu weit aus dem Fenster lehnte mit einer simplen Bestätigung des Gesagten.
„Betrachtet meinen Stock einfach als den mächtigen Zauberstab von Gandalf dem Grauen, von dem man im eigenen Interesse dringend die Finger lassen muß. - Aber es gab noch etwas, wonach ich gesucht habe, erinnerst du dich?“
Als ob sie das vergessen könnte, jetzt, nachdem bereits der eine Teil sich als wahr herausgestellt hatte. Schließlich hatte es ihr ein paar höchst phantastische Momente beschert, in den großartigen Landschaften und Naturschönheiten Chinas, die zu dieser Zeit unter der kommunistischen Herrschaft kaum ein Reisender aus dem Westen zu Gesicht bekam.
„Du hast einen? Wirklich?“ fragte sie. Und fragte sich zugleich insgeheim, wo er ihn wohl untergebracht hatte, wenn er tatsächlich einen hatte... hier in seinem Arbeitszimmer, in einem Gehege, irgendwo in China, oder wo sonst?
„Siwa hat mich besucht. Vor ein paar Jahren. Er hat tatsächlich Big G behalten, und er schenkte mir Big G´s ersten Ableger.“ erzählte er ganz angelegentlich, während er mit einer schnellen, geübten Bewegung den gefährlichen Silberstock in den Stoffgürtel steckte, der so gar nicht zu seinem maßgeschneiderten westlichen Anzug paßte, nach Art eines japanischen Schwertes, von denen mehrere als Dekor an der Wand dieses Zimmers hingen. Seine Bewegungen ließen von viel Übung schließen, mit dem Stock... und mit echten Schwertern. Denn schon damals hatte er regelmäßig mit Stöcken und auch scharfen Waffen trainiert, wie sie sich erinnern konnte, der Umgang mit dem japanischen Katana und anderen Blankwaffen war ihm wohlvertraut.
Siwa... sie mußte erst etwas überlegen, denn allzu oft hatte er diesen Namen nicht erwähnt, und es war immerhin sechzehn Jahre her. Wieder etwas, was mit seinem vermeintlichen Wahnsinn zu tun hatte, mit seiner ungewöhnlichen Herkunft, die er nicht auf seinen offiziellen Vater Thomas Adalmar Richards den Zweiten zurückführte, weil auch das angeblich er selber gewesen war, der ewige Adam... und dann kam es ihr.
„Er war hier?“ fragte sie ungläubig. In Richtung Dawson, weil sie ihm mehr vertraute als dem gern zu irrealen Scherzen aufgelegten Tom.
„War er, Madeleine. Anscheinend hat er inzwischen gelernt, die Maschine zu benutzen, ohne sich selber quer durch die ganze Menschheitsgeschichte zu verbreiten.“
Dawson kannte die Geschichte ebenso von Tom und sogar in mehr Einzelheiten, da er im Unterschied von Madeleine wußte, daß es die reine Wahrheit war und keine irrsinnige Phantasie eines chronisch Durchgeknallten.
„Er war sogar mal mit einer ganzen Gruppe von seinen Zeitgenossen da, die uns halfen, eine ziemlich üble Sache aus der Welt zu schaffen. Aber wenn ich mehr davon erzähle, erschießt John mich vermutlich.“ grinste er dann in Richtung von Smith, einen der ältesten Agentenwitze zitierend. Smith tippte denn auch vielsagend und genauso grinsend auf die Erhebung seines Jacketts, wo sich die Dienstwaffe befand.
„Stell ihn dir vor wie einen viel jüngeren Tom, der noch zu grün hinter den Ohren ist, um sich irgendwo Bier zu kaufen. Die Haare sind kürzer und die Naivität noch ein bißchen größer, aber der Irrsinn ist schon genau der gleiche. Und er hat auch einen, wie Tom gesagt hat. Einen riesigen, häßlichen Klotz, gar nicht zu vergleichen mit Toms elegantem Exemplar. Sonst schien er einigermaßen normal, soweit man für dieses Pack das Wort „normal“ benutzen kann.“
Und er rümpfte spielerisch die Nase gegen Tom, der über das ganze Gesicht feixte. 
„Von wem redet ihr bitte?“ Mark haßte es offensichtlich, außen vor gelassen zu werden. Er wollte zumindest wissen, von was und wem hier die Rede war.
„Von Siwa, meinem allernächsten Verwandten. Näher selbst als alle Kinder, die ich jemals bekommen könnte. Stell ihn dir als meinen eineiigen Zwillingsbruder vor, der aus ganz bestimmten Gründen biologisch viel jünger ist als ich, obwohl er als erster da war.“ erklärte Tom ruhig.
„War er eingefroren?“ Das war das einzige, was Mark dazu einfiel. Sowas gab es doch heutzutage, eingefrorene Embryonen, oder? Aber war Tom, sein Vater, nicht viel zu alt für solche Techniken, die es doch noch gar nicht so lange gab?
„Gut gedacht, aber trotzdem daneben. Die Gründe sind viel komplizierter. Nicht er war auf Eis gelegt, sondern ich hatte viel mehr Zeit zur Verfügung. Und ich habe sie genutzt, wie du an meiner bescheidenen Unterkunft sehen kannst.“ Toms Daumen beschrieb eine Runde nach außen, in alle Richtungen des Hauses rundherum.
„Ich habe mir ziemlich viel Vermögen erarbeitet in dieser Zeit. Aber glaub nur nicht, daß du dich als mein Erbe ins gemachte Nest setzen kannst, wenn der Gentest positiv ausfällt. Ich halte viel von Eigenleistung, und ein Dollar, den man sich selbst erarbeitet, schmeckt süßer als hundert geschenkte. Ist mir völlig egal, was du mit deinem Leben anzufangen planst, solange du nur etwas Konstruktives damit leisten wirst. Auf dem Hintern zu sitzen bis wir fett und faul sind, liegt den Mitgliedern unserer Familie nicht, und ich hoffe, daß du keine Ausnahme von der Regel bist. Denn von dir als meinem Sohn wird ganz besonders viel verlangt werden, das kann ich dir jetzt schon sagen. Nicht nur von mir, denn ich habe zahlreiche Verpflichtungen, von denen du dein Teil abbekommen wirst.“
„Mach ihm nicht so viel Angst, Tom.“ mahnte Dawson prompt, immer noch breit grinsend. Und fuhr fort:
„Keine Panik, du wirst schnell lernen, wie die Dinge in diesem Irrenhaus laufen. Du wirst gefordert werden, aber hoffentlich nicht überfordert. Übrigens auch dann, wenn der Gentest wider Erwarten negativ ausfallen sollte, was ich aber nicht glaube, so wie du aussiehst. Dein alter Herr liebt es nämlich, unschuldige junge Menschen hoffnungslos zu verderben, der läßt dich garantiert nicht mehr gehen, ob Sohn oder nicht. Und das ist vermutlich auch der Grund dafür, warum deine Mom erst heute mit dir bei uns aufgekreuzt ist und nicht früher, oder, Madeleine?“
Sie nickte. „Mark sollte psychisch stabil genug sein, um Toms Irrsinn zumindest für einige Zeit widerstehen zu können. Irgendwann kriegt er alle herum, wie wir wissen. Aber Mark sollte zumindest die Chance auf eine normale Kindheit haben, weit entfernt von den Zuständen hier.“
„Ich höre hier immer Irrenhaus. Aber ich sehe hier nichts irrsinniges, nicht mal eine Zwangsjacke.“ motzte Mark, dem das ganze Gerede allmählich auf den Senkel ging. Nur ein paar faselnde ältere Männer, sprach er nicht laut aus, aber dachte es dafür um so lauter, weil es auf seinem Gesicht geschrieben stand.
„Du willst Action sehen? Und ich dachte schon, du fragst nie.“ Toms Grinsen wirkte jetzt verschmitzt bis fies. Er winkte munter in Richtung Tür, sie sollten ihm folgen. 

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Re: Sein Sohn
« Antwort #7 am: 24. April 2017, 17:35:36 Uhr »
„Wenn ich schon sage, ich habe einen, dann sollte ich das auch beweisen, oder?“ fragte er in Richtung Madeleine. Womit zumindest Dawson und Smith wußten, was er vorhatte. Aber sie und ihr Sohn noch nicht, und die beiden freuten sich schon jetzt auf zwei weitere ungläubige Gesichter.
„Du hast ihn hier?“ Warum nicht, das Grundstück war vermutlich groß genug dafür, oder? Und es gab hier ehemalige Ställe, wie sie sich erinnerte.
„Immer bei mir in meiner Westentasche.“ Tom klopfte munter auf seine Brust, wo sich gerade keine Tasche befand, da er einen legeren Pullover trug. „Warte es einfach ab.“
Er führte sie durch das Labyrinth des Gebäudes bis zur breiten Hintertür, die auf einen Innenhof hinausführte, der begrenzt war von den Hauptgebäuden zur einen Seite und zahlreichen niedrigeren Gebäuden, Garagen, Werkstätten, ehemaligen Ställen und Waschhäusern, auf den anderen Seiten.
Dort gab er ihnen zu verstehen, daß sie gleich bei der Tür stehen bleiben sollten, während er sich in die Mitte dieses Hofes begab und sich zu ihnen umdrehte. Dann die Augen schloß, und plötzlich das Bewußtsein zu verlieren schien, weil er in sich zusammensackte. Doch er fiel nicht zu Boden, sondern...
schwebte ein Stück empor?
Und dann... verblaßte er. Wurde erst durchscheinend, dann durchsichtig, löste sich auf wie ein Schemen...
Doch wo er verschwand, erschien dafür etwas anderes, viel größeres, zuerst nur ein Schatten, der die Luft zu verdunkeln schien, dann materialisierten Farben, Hellblau und Orange und Gelb und schwarz, wurden massiv, nahmen feste Gestalt an, eine Gestalt, die riesig und eindeutig nichtmenschlich war, und genauso schlaff in der Luft hing wie Tom vorher...
Madeleine und Mark konnten es nicht glauben. Fassungslos starrten sie das Riesending an, dessen krallenbewehrte Riesenpranken soeben den Boden berührten, und dann öffneten sich gepanzerte Augenlider und enthüllten tellergroße Augen, die jedoch winzig schienen in diesem gigantischen, hörnergekrönten Schädel, schlaffe Riesenschwingen strafften sich und wurden enger um einen schlanken und doch riesigen geschuppten Reptilienkörper mit vier säulenstarken Beinen gezogen...
Ungläubig blickten sie zu Dawson und dem Agenten, aber die beiden entpuppten sich als vollkommen nutzlos, weil sie beide nur über das ganze Gesicht grinsten. Nicht mal der Agent dachte daran, im Angesicht dieses Monsters seine Waffe zu ziehen oder etwas anderes zu unternehmen, sie ins Haus zurück zu scheuchen, um sie vor diesem Ungeheuer zu beschützen...
Und jetzt trat der alte Mann, Dawson, auch noch ganz unverfroren ein paar Schritte vor, in Richtung des unheilvoll vor ihnen dräuenden Riesen, der zu überlegen schien, welchem Happen er sich als erstes widmen sollte, drehte ihm einfach sorglos den Rücken zu ! --  und sagte:
„Darf ich vorstellen? Das ist Azure, Toms Drachen und Haustier. Er hat ihn Azure genannt, weil er so schön blau ist. Kein Vergleich zu Siwas Big G, der ist so häßlich wie Godzilla.“
Und hinter ihm öffnete das Riesending seinen Rachen, entblößte Reihen von unterarmlangen, messerscharfen und sehr spitzen Fleischfresserzähnen, als habe es sich entschieden, das lästige kleine Menschlein direkt vor sich als ersten zu verspeisen.
„Macht euch nicht ins Röckchen. Der grinst bloß.“ grinste Dawson genauso zahnig, weil er genau wußte, was hinter ihm vorging. „Wenn er wirklich sauer ist, guckt er ganz anders drein. Kommt ruhig näher heran und schaut ihn euch an, er beißt nur selten.“
„Wo ist Tom?“ fragte Madeleine, immer noch völlig fassungslos und entsetzt von dem Anblick und keineswegs willig, näherzutreten. Wenn der Alte sich fressen lassen wollte, bitteschön, er hatte schon immer zu Toms Irrsinn gepaßt wie die Faust aufs Auge.
„Der steckt jetzt da drin, glaubt es oder laßt es bleiben. Nicht körperlich, aber geistig. Dieses Riesenstück hier ist sowas wie ein aufgeblasener Zweitkörper mit ein paar Extrafunktionen. Der nicht benötigte andere Körper wird so lange auf Eis gelegt, bis Tom ihn wieder herbeiruft.“
Da sich Azures Riesenschädel neben ihm niedergesenkt hatte, bis die Spitze des Unterkiefers den Boden berührte und ein tellergroßes Auge knapp über Dawsons Gesicht hing, konnte er mühelos dagegenklopfen. Was das Riesenvieh unter all seinen panzerplattenartigen Schuppen wahrscheinlich gar nicht merkte.
„Er hat dir doch bestimmt damals was darüber erzählt, Madeleine. Er erzählt es sowieso jedem, der ihm über den Weg läuft und nicht sofort die Flucht ergreift.“
„Schon. Aber ich habe ihm nicht geglaubt. Er hat ziemlich viel erzählt, was ich ihm nicht geglaubt habe.“
„Vielleicht überdenkst du diese Strategie noch mal. Er reißt zwar gern Witze, aber erzählt nur äußerst selten eine bewußte Lüge. So ziemlich alles, was er dir damals erzählt hat, dürfte die reine Wahrheit sein und nichts anderes. Er sagt immer, er will sein Erinnerungsvermögen nicht auch noch mit Lügengeschichten belasten. Schaut mal.“
Und er deutete nach oben, zum Nacken des Drachen, wo Madeleine und ihr Sohn erst jetzt den Sattel bemerkten.
„Alles schon parat für einen Ausflug. Freiwillige, irgendwer?“
Und Dawson grinste wieder, weil sich inzwischen, wie jedesmal, wenn Tom sein Haustier rief, Zuschauer aus dem Haus eingefunden hatten, von denen viele gern mal einen Freiflug schnorren wollten, wenn man sie denn mal ranließ.

Offline DAOGA

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Re: Sein Sohn
« Antwort #8 am: 10. Mai 2017, 17:36:15 Uhr »
„Na los, Mark! Gib deinem Herzen einen Stoß! Wenn du wirklich der Sprößling von deinem alten Herrn sein willst, darfst du dich nicht vor seinen Lehrlingen blamieren. Die reiten nämlich regelmäßig auf ihm, und seine Agenten auch. Bis auf Fox, aber der ist der langweilige Typ, der lieber mit dem Flugzeug fliegt. John, machen Sie´s mal vor?“
Und der Agent trat vor, lächelnd und ohne jedes Zögern. Während Azure sich wieder bewegte, aber nur um sich niederzulegen, damit der Sattel in erreichbare Nähe kam, wenn man über seine Vorderbeine hochkletterte. Was Agent Smith dann auch vorführte, bis er oben im vordersten Sattel saß und einladend die Arme ausbreitete.
„Wie Dawson sagte, es ist nichts dabei.“ meinte er gutgelaunt von oben herab. „Mit der Achterbahn fahren ist gefährlicher.“
„Mom?“ Mark sah seine Mutter an, die gar nicht glücklich wirkte über diesen neusten Streich von Tom.
„Fliegst du auch mit?“ fragte sie stattdessen Dawson.
„Möchte schon gern, aber die Temperaturwechsel beim Fliegen tun meinen alten Knochen nicht mehr gut.“ brummte Dawson. Er drehte den Kopf und rief: „Billy!“
„Hier, Sir!“ Militärisch knapp salutierte ein schokobrauner Dreikäsehoch vor dem ehemaligen Agenten, so plötzlich vor ihm stehend, als sei er aus leerer Luft apparitiert wie vorher der Drache.
Der alte Mann ließ sich ächzend und nicht ganz gespielt mühsam auf ein Knie nieder, um auf Augenhöhe mit dem Knirps zu sein.
„Du kennst diese Dame noch nicht, das war vor deiner Zeit, Billy. Ihr Name ist Madeleine Lowe, und sie war mal mit Tom zusammen. Das Ergebnis siehst du hier neben ihr, sein Name ist Mark. Ob er wirklich von Tom ist, ist noch nicht bestätigt, aber ich persönlich habe keinen Zweifel. Und du weißt ja, wie Tom ist, der hat eh ein einnehmendes Wesen, den würde diese Frage nicht weiter kümmern, er will nur Gewißheit haben, ob ja oder nein. Jetzt brauchen wir einen Fremdenführer, der ihnen beibringt, wie man sich auf einem Drachen benimmt. Und ihnen die schönsten Ecken dieser Welt zeigt. Machst du das?“
„Ist der Papst katholisch, Chef?“ strahlte Billy, der nach seiner Meinung viel zu selten die Gelegenheit zu einem Ritt auf Azure bekam, aber er war einfach noch zu klein für die Sicherheitsgurte, die für größere Reiter gemacht waren. Nur wenn der Reiter auf dem ersten Sattel ihn sicherte, durfte er mitfliegen, und das war in diesem Fall Agent Smith, der zuverlässig auf ihn aufpassen würde. 
„Gut. Dann mach mal.“
Und während Dawson sich wieder auf seine zwei Füße quälte, gestikulierte Billy in Richtung auf die Zuschauer, damit die tätig wurden und alles Nötige für einen Drachenflug herbeibrachten, nämlich lange Fliegermäntel als Schutz gegen die kalte Zugluft hoch oben am Himmel und altmodische Fliegerhelme für jeden der vier Reiter, von denen ein ausreichender Vorrat mit anderem Drachenzubehör in einer der ehemaligen Scheunengebäude aufbewahrt wurden.
„Du meinst das ernst, oder?“ fragte Madeleine den alten Mann. Den ersten Schreck hatte sie zwar überwunden, aber dann gleich mit diesem Vieh fliegen?
„Selbstverständlich meine ich das ernst!“ erregte sich Dawson. „Tom erwartet von allen seinen Mitarbeitern und Hausbewohnern, daß sie in einem Notfall mit ihm fliegen. Manche tun´s mehr und manche weniger gern, die verrückteren Naturen muß man immer vorher auf Sekundenkleber abklopfen, weil man sie sonst nicht mehr vom Sattel herunterbekommt. Aber ja, Tom meint das voll ernst.“
„Echt jetzt?“ Mark grinste, zum ersten Mal in diesem Haus. Der Enthusiasmus des kleinen schwarzen Jungen hatte ihn überzeugt, und von so einem Mini wollte er sich nicht beschämen lassen.
„Gibt es etwas, was man wissen muß?“
Dawson nickte insgeheim zu sich selbst, nach der ersten Schockreaktion war der Junge schon bereit für neue Schandtaten. Ein Hasenfuß schien der Sohn vom Alten nicht zu sein, ganz wie es sich gehörte.       
„Ein paar Dinge sind zu beachten. Erstens, immer Sicherheitsgurte anlegen, sonst hängt man bei einer unerwarteten Bewegung plötzlich ohne Drachen unterm Hintern in der Luft. Zweitens, während des gesamten Fluges niemals die Zunge zwischen die Zähne nehmen, sonst kann man sich ziemlich übel verletzen, wenn er sich unerwartet bewegt, so ein Drachen hat eine viel kürzere Reaktionszeit als jedes andere Fluggerät, das ihr kennt. Drittens, immer die Halsmuskeln etwas angespannt halten, sonst riskiert man ein Schleudertrauma, aus demselben Grund. Außerdem, faßt niemals die großen Schuppen des Drachen an, deren Kanten sind nämlich scharf wie Rasiermesser. Der Sattel hat einen speziellen Schutz dagegen, sonst wäre er nach einem einzigen Flug schon in Stücke gesägt. Ansonsten gilt: nur keine Panik, alles andere ergibt sich von selbst.“ zählte Dawson auf.
„Muß jemand noch mal für kleine Mädchen? Unterwegs gibt´s keine Toilette, außer ihr wollt irgendwo in der Mongolei die Pampa wässern.“ erkundigte er sich dann.
„Meine Hosen sind jetzt schon naß, also, alles paletti. Mom?“
Sie schüttelte den Kopf und sah reichlich unglücklich drein, schien aber zu begreifen, daß sie sich nicht drücken konnte und durfte. Sie wußte noch von früher, daß alle Augen des Hauses auf sie gerichtet waren, und daß man sie auf ihre Fähigkeit, die First Lady von Lyonshome Manor zu werden, genauestens prüfte. Das Leben mit einem Tom Richards war kein Zuckerschlecken, ganz besonders nicht für die Frau an seiner Seite. Nicht daß er ein untreuer Windhund oder gewalttätig gegen Frauen gewesen wäre, nein, das keineswegs - aber er war chronisch unberechenbar und einfach irrsinnig, und inzwischen offensichtlich mehr denn je. Das Leben an seiner Seite war interessanter und vielfältiger, als sie es damals, gerade mal dreiundzwanzig Jahre jung, hatte verkraften können. War sie heute stabiler? Es sah nicht danach aus. Vermutlich hatte sie sich nur selbst belogen, und hierherzukommen war ein Fehler gewesen.
Aber jetzt ... gab es nur noch Augen zu und durch.
Zögernd trat sie vor.
„Kommen Sie, Ma´am!“ forderte der kleine Steppke sie auf. „Die meisten haben vor dem ersten Mal einen Riesenbammel, und hinterher können sie gar nicht genug davon bekommen. Ist genau wie beim Sex.“
Das brachte sie fast zum Lächeln, denn was wußte so ein kleiner Mann schon von Bettgeschichten. Aber sie ahnte, vermutlich mehr als genug, wenn er in einem Haus wie diesem wohnte, wo nichts lange geheim blieb und die Kinder schon früh wenn auch altersgemäß in alles mit eingebunden wurden, wie sie sich erinnerte.
Agent Smith kletterte wieder herunter, um ihr und Mark zu zeigen, wie man den Drachen erklomm, und um ihnen zusätzlich zu Dawson die Angst zu nehmen, in bequeme Reichweite dieses riesigen Drachenhauptes samt Zähnen zu kommen.
„Du kannst vermutlich gut klettern, also nimmst du den hintersten Sitz.“ wies er Mark an, der sofort nickte, weil er sich die Bewegungen des Agenten eingeprägt hatte, und so schwer war es nicht, da hochzukommen. Sofern man sich denn traute, auf derartig intime Nähe an das Riesenreptil heranzukommen...
Sobald er oben auf dem erstaunlich bequemen Sattel Platz genommen hatte, kam seine Mutter hinterher, sie mußte direkt vor ihm Platz nehmen, und der Agent nahm den vordersten Sitz wieder ein. Dann wurden von eifrigen Helfern aus der Hausbelegschaft herbeigebrachte lange und winddichte Fliegermäntel hochgereicht, die sie anlegten, bevor Dawson und Smith ihnen das An- und Ablegen des Gewirrs von Sicherheitsgurten erklärten. Sobald sie dann ausreichend gesichert waren, erhielten sie als letzte Gabe dicke Schals und je einen altmodisch aussehenden Fliegerhelm aus Leder und mit großen Brillengläsern, zum Schutz von Kopf und Augen gegen scharfe, kalte Zugluft. Billy kam und ließ sich von Smith hoch in den Sattel ziehen, auch er jetzt mit Mantel und Helm in passendem Miniaturformat ausgestattet, dazu trug er eine Art Geschirr über den Leib geschnallt, mit dem er sich in Smiths Gurte einhaken konnte. Sobald er oben saß, drehte er seinen Kopf nach hinten und rief: „Aber keine unanständigen Sachen da hinten auf den billigen Plätzen, klar?“
„Klar!“ antwortete Mark amüsiert, aber mit deutlicher Erregung. Er konnte es immer noch nicht glauben, daß er hier hinter seiner Mutter festgeschnallt auf einem hochaufragenden Drachen saß, und dieses riesige Fabelwesen sie gleich hinauf in die Lüfte tragen würde. Und er fragte sich, wie das Wesen aus diesem engen, ringsum von Gebäuden umgebenen Innenhof starten wollte.
Die hohen Lederchaps, die die Beine der Reiter vor der Kälte des scharfen Flugwindes schützen sollten, wurden geschlossen, und dann war alles bereit. Dawson und die anderen Zuschauer zogen sich näher zu den Hauswänden zurück, wobei sie die höchste Fassade jedoch mieden, denn sie wußten, wie der Start aus diesem engen Hinterhof vonstatten gehen würde.   
„Gut festhalten und Zähne zusammenbeißen!“ rief Dawson, denn jetzt ging es los. Mit einem Mal hatten Mark und seine Mutter das Gefühl, daß sich direkt unter ihren Hintern ein Erdbeben abspielte, als Azure seine Beine sammelte und aufstand, und dann saßen sie plötzlich doppelt so hoch wie vorher. Und so ein Drachen war schon liegend verdammt hoch... und jetzt drehte sich der Riese auch noch, bis er die höchste der umliegenden Wände vor sich hatte. Und bewegte sich darauf zu, als wolle er geradewegs durch das Gebäude hindurchlaufen... doch dann schwang sein Kopf kurz vor der Kollision nach oben, der Körper folgte, die Krallen der Vorderpranken hakelten sich in die Fassade, und schon ging es aufwärts, so mühelos und ohne jedes Zögern, als säßen sie auf einem schwerelosen Ballon, der senkrecht an der Wand hochschwebte. Und sie alle krallten sich panisch fest, mit jedem Körperteil, das sie zur Verfügung hatten, und hofften verzweifelt auf die Stabilität der Sicherheits- und Sattelgurte, die als einziges sie davor bewahrten, rückwärts und kopfüber in die Tiefe zu stürzen. Und dann erreichte Azure schon die Dachkante, und ohne im geringsten langsamer zu werden, schoß er darüber hinaus, spreizte seine mächtigen Flügel, da er jetzt nicht mehr Gefahr lief, die Ziegel der umliegenden Dächer mitzunehmen -
Und war verschwunden, zusammen mit seinen Passagieren.
Nur die Luft knallte mit leisem poppenden Geräusch in das jäh entstandene Vakuum.
Der eine oder andere der Zuschauer blickte noch kurz nach oben, wo für kurze Zeit noch hoch oben am Himmel, viel höher als jedes Dach, die Silhouette des Drachen zu sehen war, winzigklein und scheinbar nur ein kreisender Raubvogel, um seine Passagiere noch direkt über dieser Stadt an das Gefühl des Fliegens ohne sichere Kabine zwischen ihnen und dem Rest des Himmels zu gewöhnen, bis er nach einiger Zeit genauso schlagartig, wie er dort oben aufgetaucht war, wieder verschwand.
Und Dawson unten seufzte leise, und wie die anderen Zuschauer verließ er den Hof, zu ihren jeweiligen Tätigkeiten, denn sie wußten, daß Tom und seine Fluggäste diesen Ausflug gründlich ausdehnen würden, wobei er die wechselnden Tageszeiten rund um die Welt geschickt ausnutzen würde, um die jeweiligen Sehenswürdigkeiten im besten Licht zu präsentieren.
Larry der Butler warf ihm einen vielsagenden Blick zu, den Dawson bereits erwartet hatte - jeden Tag was Neues. Langweilig wurde es mit einem Tom Richards nie, aber zumindest war es diesmal kein Weltuntergang gewesen.
Noch nicht, jedenfalls, aber wer wußte das schon so genau in diesem Irrenhaus. Der Tag war schließlich noch nicht vorbei.

         
      -- vorläufiges Ende dieser Episode --