Autor Thema: Apocalypse: No(w)!  (Gelesen 873 mal)

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Apocalypse: No(w)!
« am: 6. Mai 2016, 12:48:47 Uhr »
Ein Tom Richards ist in jeder Situation total crazy.
Enjoy...


Tom Richards erwachte.
Er öffnete die Augen - und sah als erstes seinen Butler Larry, der sich mit einem selten sorgenvollen Gesichtsausdruck über ihn beugte.
Noch bevor er auf die Idee kommen konnte zu fragen, merkte er, daß Larry nicht der einzige war. Rings um Toms großes Bett schien die halbe Hausbelegschaft versammelt zu sein, und der Rest fehlte vermutlich nur aus Platzmangel im nicht gerade kleinen Raum. Da war die versammelte Forrester-Familie, Dawson Lynch, Billy Brown und die wichtigsten Mitglieder der ausufernden Brown-Familie, die seit einhundertfünfzig Jahren die Hausangestellten von Lyonshome Manor stellte, Anwalt Grey und seine Truppe, Mai Lin Wong als Vertreterin des Wong-Klans, Dr. Terrell und Dr. Thaum als Ärzte seines Privathospitals und seine persönlichen Matrixtechnikerlehrlinge der Stufe Eins, Charly mit seinem Hackerteam und selbstverständlich und nicht zu allerletzt, die Agenten George Fox und Benjamin Wylie, die Verbindungsmänner der Federal Security Agency.
Und sie alle trugen eine Miene, als wohnten sie einem Begräbnis bei, die sich jedoch jetzt, da Tom offensichtlich erwacht war und sie alle der Reihe nach musterte, langsam aufhellte.
Was dieser Massenaufmarsch in Trauermiene in seinem Schlafzimmer zu bedeuten hatte und warum er nicht schon allein vom Lärm des Männleinlaufens erwacht war, da er doch sonst einen eher leichten Schlaf hatte, jederzeit bereit, einen Feind zu empfangen - da hatte Tom keine Ahnung. Ebensowenig, wie er ins Bett gekommen oder was er zuvor getrieben hatte. Wo seine Erinnerung an die letzten wachen Stunden hätte sein sollen, war im Moment nur eine große leere Fehlstelle.
Die der treue Larry garantiert gleich ausfüllen würde. Aber zuvor überprüfte er ganz im Reflex seinen Körper, ob auch noch alles dran und dort war, wo es hingehörte. Er konnte zumindest nichts fehlendes oder defektes feststellen, nur seine Aura wirkte reichlich zerrupft, als habe er ziemlich heftig nach Art der Matrixtechniker gefeiert.
„Larry. Was ist los?“ fragte er gleich als erstes, der Einfachheit halber, während er sich aufsetzte.
„Sir. Wir - wir machten uns schon Sorgen um Sie.“ Und zu Toms großer Überraschung glaubte er fast sowas wie eine Träne in Larrys Auge entdecken zu können, als der Butler ihm sofort diensteifrig Kissen hinter den Rücken stopfte, damit er bequem saß.
Das Siezen hatte Tom ihm nie abgewöhnen können, aber Larry Kiromoto bestand nun mal darauf, eine gewisse Distanz zu seinem Brötchengeber zu wahren.
„Warum? Wie lange liege ich hier, und was ist davor passiert?“
„Erinnerst du dich nicht? An die Raketenstarts?“ Dawson Lynch, der sich in seinen alten Tagen weit weniger Hemmungen auferlegte. 
„Was für Raketen?“
„Alle, die man gerade hochbekam. Nuklearraketen.“
Tom erschrak. Er sollte einen Nuklearschlag verschlafen haben? Das konnte er nicht glauben.
Zumal er hier in seinem Bett lag, in seinem Haus in einer der besten Gegenden der Hauptstadt, die unbestritten eines der Hauptangriffsziele im Fall eines nuklearen Schlagabtausches darstellte.
„Schäden?“ fragte er knapp. Verdammt, die Welt ging gerade unter, und da lag er hier faul im Bett?
„Drei von den Dingern sind beim Start explodiert. Eine chinesische, zwei russische. Treibstoffexplosionen, die werden da drüben nicht so gut gewartet wie bei uns. Die Sprengköpfe taten aber keinen Muckser, als die Explosionen sie zerlegt haben. Die Silos sind jetzt gründlich verstrahlt, zur großen Freude der Militärs da drüben.“
Dawson wußte, was sein Herr und Meister wollte, nämlich nackte Fakten, direkt an den Kopf geworfen, damit er so schnell wie möglich auf dem Laufenden war.
„Der große Rest... wurde anscheinend programmgemäß zerstört. Direkt über der Erde oder sogar an den eigentlich vorprogrammierten Zielen ist keine einzige explodiert. Aber das müßtest du doch eigentlich am besten wissen, oder?“
Tom schüttelte den Kopf und fühlte sich nicht mal benommen dabei.
„Wo meine Erinnerung sein müßte, ist gerade ein großes schwarzes Loch. Ihr müßt mich aufklären. Wie lange liege ich hier, und was ist vorher passiert?“
„Du lagst acht Tage im Koma. Paul und Scott haben dich in ein Stasisfeld versetzt, weil nicht sicher war, ob du überhaupt noch lebst. Und vorher... was weißt du noch?“
Da Dawson und Larry Toms Terminkalender im Kopf hatten, weil sie ihn regelmäßig auf Termine hinweisen mußten, konnten sie die Ereignisse der letzten zwei Wochen aufzählen.
„Heute ist der Zweiundzwanzigste. Am Neunten war diese Vorstandsbesprechung in der Intertec, erinnerst du dich?“
Tom nickte sofort. „Wo der alte Omarty sich den Kaffee über die Hose kleckste.“ entgegnete er. „Die Szene vergesse ich bestimmt nicht.“
„Und danach ging es los. Aktivitäten des Unbekannten Feindes, die Charly und sein Team aufspürten, in den Kommunikationswegen der Streitkräfte, auch nach Cheyenne Mountain, ins NORAD und die anderen wichtigen Zentralen. Irgendjemand hat diesen alten Film, Wargames, als Vorlage benutzt, um einen realen Atomkrieg herbeizuführen, und hatte dabei fast Erfolg. Charly ist immer noch dabei, ihnen hinterherzuspüren,“ er deutete zu dem jungen Mann hin. „aber da es im Moment praktisch nichts mehr gibt, was man noch in den Himmel schicken könnte, kann er sich die Zeit nehmen, genau hinzuschauen.
Sämtliche Atommächte, wir, die Chinesen, die Russen und jeder andere, der betroffen war, auch die Israelis, haben ihre verbliebenen Waffensysteme erst mal auf Eis gelegt, bis sicher ist, daß kein unautorisierter Start mehr stattfinden kann. Die ganzen U-Boote zu informieren war natürlich ziemlich schwierig, weil die als erste auf Tauchstation gegangen sind, so lauten einfach ihre Befehle, abzutauchen und dort zu bleiben, bis das Gröbste vorbei ist, um dann notfalls einen Nachschlag abzuliefern.
Und in einigen Silos kam es nach den Abschüssen fast zu Selbstmorden, weil die Soldaten nicht mit der Idee klarkamen, soeben an milliardenfachem Massenmord mitgewirkt zu haben. Bis dann die Neuigkeit herumging, daß die Raketen nicht dorthin flogen, wo sie eigentlich ihrer Programmierung gemäß hätten hinfliegen müssen. - Klingelt da was bei dir?“
Tom schüttelte wieder den Kopf. „Totale Fehlanzeige. Ich glaube, meine letzte Erinnerung war an den Abend nach dieser Vorstandssitzung, und danach ist Sense. Aber wir sind alle noch hier, und du sagst, die Raketen sind woanders hingeflogen? Dann, wohin und warum?“
Sie alle fixierten ihn so sonderbar, in einem Mix aus Unglauben, Erleichterung über sein Erwachen und etwas, was nur schiere Verehrung und Anbetung sein konnte, daß er gleich wußte, daß er etwas damit zu tun gehabt hatte.
Aber, verdammt, er konnte sich nicht erinnern! Konnte er wirklich Aktivitäten des Unbekannten Feindes samt einem eingeleiteten Atomkrieg vergessen? Hatte er dabei eines über die Rübe bekommen, oder hatte ihm ein psionischer Schock, eine der gefährlichsten Waffen des Feindes gegenüber Telepathen wie Tom, das Hirn kurzgeschlossen und ihn ausgeschaltet? 
Und dann kam ihm die Erkenntnis. Nein, keine Erinnerung, nur eine Erkenntnis, denn sein Logikzentrum schien noch intakt zu sein. Er hob die Hand, bevor Dawson weiterreden konnte.
„Laß mich mal kombinieren. Angenommen, wir haben einen Ernstfall aus Versehen. Irgendjemand drückt versehentlich den roten Knopf, egal warum, und die Raketen heben ab. Ich erfahre davon, dank Charly - aber was könnte ich tun? Ich bin trotz aller meiner Fähigkeiten nicht Superman, ich bin nicht superschnell. Ich könnte niemals alle rings um die Welt startenden Raketen, Flugzeuge und andere Träger rechtzeitig abfangen, bevor sie ihre Ziele erreichen, und ich könnte keine einzige Stadt, kein einziges Ziel vor einer Explosion beschützen, geschweige denn tausende von Zielen rund um die ganze Welt zur gleichen Zeit. Und jeder einzelne explodierende Sprengkopf bedeutet hunderttausende, vielleicht Millionen von Opfern, nicht nur Menschen, sondern alles Leben im Umkreis.
Also, was würde ich tun?
- Die Antwort ist einfach, weil ich sie mir schon vor langer Zeit gab.
Ich würde jeden Funken Stolz in den Wind schießen und um Hilfe rufen. So laut, daß man mich noch in der Andromeda-Galaxie hören kann. Die Benu haben ihre Ohren viel näher an uns dran, ich weiß, die hören mich sicher. Ob sie mich auch er-hören würden, ist eine andere Frage, aber ich baue darauf, daß die Benu sich eines ihrer Lieblingsspielzeuge nicht einfach wegnehmen lassen, schon gar nicht durch Machenschaften ihres Unbekannten Lieblingsfeindes und durch die Dummheit der Spielfiguren selber. Kalt oder warm?“
„Heiß wie Lava. Hilferuf mein Arsch, Junge, du hast uns allen hier fast das Hirn gekocht damit. Nicht nur uns, sondern der halben Stadt. Sogar die Paratauben konnten dich klar und deutlich hören.“ holzklotzte Dawson fröhlich.
„Und was ist dann passiert? Gab es Benu-Aktivitäten?“
Und weil sie sichtlich zögerten -- „Details, Leute! Und bitte noch in diesem Jahr!“ forderte er eindringlich.
„Nein, Benu-Aktivitäten wurden nicht gemeldet. Selbst wir haben unsere Augen und Ohren nicht überall, wie du weißt.“ begann Dawson zögerlich.
„Aha. Kombiniere.“ Tom hob wieder die Hand, um Vorsagen von anderer Stelle zu verhindern.
„Da ihr mich alle so vielsagend anguckt und ich dieses Loch im Hirn habe, war ich wohl das Auge des Sturms, oder?“
Und als Dawson nickte, schwante ihm langsam, warum sie ihn so anblickten. Als ob sie nicht genau wußten, ob sie vielleicht jeden Moment vor ihm auf die Knie zu fallen hatten, damit er sie nicht mit einem einzigen scharfen Laserblick vernichtete.
„Laßt mich raten. Statt sich selbst herzubemühen, hat ein Benu einen Teil seiner Fähigkeiten auf mich übertragen, oder?“
Dawson grinste jetzt etwas schief. „Du hast plötzlich aus jeder Körperritze geleuchtet, als würdest du jeden Moment selber hochgehen wie eine A-Bombe. Ich schwöre, wenn du gerade beim Pissen gewesen wärst, wäre dein Urin durch die Keramik gegangen wie ein Laserstrahl durch Butter. Du hingst in der Luft und hattest rundum Flügel aus Licht - aber dieser Teil ist ja normal bei dir. Sonst hast du nichts getan, du warst vollkommen abwesend. Ich habe schon drauf gewettet, ob du ein Loch in die Decke brennst oder nicht. Und dann war die Lightshow auf einmal vorbei, du bist herabgeplumpst und warst so gut wie tot. Zum Glück war Paul gerade da, er und Scott haben dich gleich in ein Stasisfeld gepackt, damit du nicht so schnell zu stinken anfängst. Oder wenigstens nicht schneller als sonst immer.“
Der alte Mann feixte jetzt, und Tom drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. Erleichtertes Gegrinse in der Runde, weil es so aussah, als würde sich soeben alles langsam normalisieren. Denn das hochgradig unanständige Geflachse zwischen Tom und dem pensionierten Geheimagenten gehörte in diesem Haus zur Normalität.
„Und dann kam schon Charlys Rundruf, daß alle Geschosse ihren Kurs geändert haben und hinaus in den Weltraum fliegen. Und jenseits der Umlaufbahn schwenkten dann alle in die gleiche Richtung, egal wo sie abgeschossen wurden.“

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #1 am: 13. Mai 2016, 11:28:31 Uhr »
Er verstummte, weil Tom wieder die Hand hob.
„Nein, ich erinnere mich nicht.“ schickte er voraus. „Aber ich kann mutmaßen, was passiert ist. Weil ich weiß, was ich machen würde, wenn überall die Raketen losfliegen und ich plötzlich gottgleiche Fähigkeiten hätte. Ich würde die Dinger einfach alle auf einen neuen Kurs bringen, ihnen ein bißchen Extraschub bescheren und sie dorthin schicken, wo sie meiner Meinung nach hingehören, nämlich geradewegs in die Sonne. Wo sie nach Belieben zerschmelzen oder explodieren können, was die Sonne so wenig juckt wie ein Knallfrosch den Mount Everest. Jedes einzelne dieser Teufelsdinger weniger bedeutet eine Kapazität weniger für millionenfachen Mord. --
Aber weil kein Mensch für gottgleiche Fähigkeiten gemacht ist, nicht einmal ein hoffnungslos Verrückter wie ich, hat es mir dabei das Hirn atomisiert. Ich war körperlich im Koma, aber in Wahrheit gehirntot, so tot wie ein Türnagel. Der Mann, der ich an diesem Tag war, ist gestorben. Hoffentlich das einzige Opfer dieser irren Geschichte, und ein vollkommen gerechtfertigtes, denn andernfalls wäre die Opferzahl endlos gewesen.
- Und deshalb kann ich mich auch nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Meine letzten vorhandenen Erinnerungen sind die des Tom Richards, der sich über verschütteten Kaffe bei einer Vorstandssitzung amüsiert hat, des Mannes, der ich am Neunten dieses Monats war.
- Ihr habt mich in ein Stasisfeld gelegt, weil ihr gehofft habt, daß Azure an meinem mausetoten Zustand etwas ändern würde, nicht wahr?“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung von Mai Lin, die ihr bezauberndes Lächeln zurückschickte.
„Ich habe ja oft genug behauptet, daß die Drachenfabrik in ihrer Taschendimension keinen fähigen und willigen Piloten so leicht von der Schippe springen läßt, jedenfalls nicht durch Nebensächlichkeiten wie Verletzung oder Tod. Und Mai Lin ist hier für den Fall, daß Azure erscheint ohne einen menschlichen Verstand im Schädel, so daß Renying ihre weiblichen Reize oder ihre Muskeln einsetzen muß, um ihn zu besänftigen, nicht?“
„Das erschien uns als logischer Einfall, großer Meister.“ bestätigte Dawson. „Wir wußten, daß dir körperlich im Stasisfeld nichts passieren kann, weil es ein zeitloser Raum ist, und Paul hat uns bestätigt, daß eine starke Seele wie die deine, wenn sie zurückkehrt, auch innerhalb des Stasisfeldes aktiv werden kann. Also hatten wir Zeit genug darauf zu warten, daß entweder Azure auftaucht oder etwas anderes passiert.“
„Und ich habe jetzt endlich einen Beweis, daß die Drachenfabrik tatsächlich regelmäßig Backups nicht nur von den aktiven Drachen, sondern auch von den Piloten anlegt, um bei Beschädigung ein Reboot auf möglichst aktuellem Stand durchführen zu können. Möglicherweise liegt dort sogar ein menschlicher Ersatzkörper für mich dort auf Eis und nicht nur Azure, für den Fall, daß ich mal einen brauchen sollte, weil diese Ausfertigung hier hinüber ist.“   
„Booah Mann, Junge! Du wirst mir jeden Tag unheimlicher!“ stöhnte Dawson - und grinste dabei übers ganze Gesicht, weil er für solchen Schwachsinn lebte, er hätte es gar nicht anders haben wollen.
Tom grinste zurück und wandte sich dann an „seine“ Agenten George und Ben.
„Und ihr könnt eurem General ausrichten, daß er es auch in Zukunft nicht mit einem Halbgott zu tun hat, sondern nur mit meinem ganz normalen und völlig verrückten alten Selbst, dessen letzte Erinnerung darin besteht, daß sich jemand Kaffee über die Hose geschüttet hat. Der Tom Richards, der ich kurz vor meinem Koma war ist tot, von seinen beinahe-göttlichen Kräften ausgelöscht und für alle Zeiten dahin, und deshalb werde ich mich auch nie daran erinnern können, was passiert ist, weil diese Erinnerungen nicht mehr existieren. Und ich glaube, daß das auch das beste ist, was mir passieren konnte, weil ich absolut keine Lust habe auf einen zweiten totalen Kurzschluß im Hirn.“
Die beiden nickten zurück, ebenfalls erleichtert lächelnd.
„Wie sieht übrigens die politische Großwetterlage aus?“
„Ungewöhnlich ruhig.“ antwortete Fox als der Senior Agent, weil Tom ihn nach wie vor anblickte.
„Der Schock sitzt tief, wie man sich vorstellen kann. Jeder läuft auf Zehenspitzen herum und wagt es nicht, auch nur laut zu husten. Die schweren Waffensysteme liegen alle auf Eis, bis alles überprüft wurde, daß keine fremden Finger mehr im System sind, wofür Charly und sein Team gute Vorarbeit geleistet haben.“ Er nickte in Richtung der jungen Leute, die vor Freude strahlten, sie wußten verdammt noch mal sehr genau, daß auch sie mitgeholfen hatten, den Weltuntergang zu verhindern.
„Aber niemand wagt es, die Gelegenheit zu ergreifen, alle sind im Moment ganz lieb zueinander. Nichts schweißt mehr zusammen als eine gemeinsam durchgestandene Lebensgefahr. Das wird aber zweifellos nicht lange anhalten. Zur Zeit mottet man die alten analogen Systeme aus, sofern sie noch existieren, weil dort die Gefahr fremder Manipulation gering ist. Geräte aus der Steinzeit haben gar nicht genug Kapazitäten, um einen modernen Virus aufzunehmen. Das Atomwaffenarsenal ist dezimiert, weil alles gestartet ist, was startbereit war, aber viele Sprengköpfe sind gelagert und befanden sich gar nicht auf flugbereiten Trägern, oder sie befanden sich ganz altmodisch auf Flugzeugen, die natürlich nicht gestartet sind. Es ist also immer noch genug Kriegsgerät vorhanden, um jedem Feind eine blutige Nase zu bescheren. Bis jetzt kommt man auf eine Zahl von zweitausendvierhundertsiebenundfünfzig Sprengköpfe, die insgesamt hochgeschickt wurden, das entspricht ungefähr einem zweifachen Overkill. Von einem weltweiten Gesamtbestand von ungefähr fünfzehntausend Stück in allen Größen, Farben und Geschmacksrichtungen wohlgemerkt. Viele Sprengsätze von uns waren nur moderne taktische Gefechtsköpfe mit relativ kleiner Sprengwirkung und relativ sauber, geeignet für chirurgische Operationen, aber vor allem die Russen haben ziemlich große und schmutzige Eier in ihrem Arsenal. Da machen jetzt vermutlich einige Leute drei Kreuze, daß das Teufelszeug auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.“
„Was sagt unsere Regierung dazu, vor allem der Bevölkerung?“
Da zeigten die beiden Agenten unisono ein verschmitztes Grinsen.
„Wir wissen inzwischen, wie du denkst. Und daß du viel davon hältst, verrückten Situationen mit verrücktem Verhalten zu begegnen.“ antwortete diesmal Wylie. „Also haben wir uns gefragt, wie du die Sache erklären würdest, wärst du der Präsident, haben uns was ausgedacht und dem General den Floh ins Ohr gesetzt. Der hat ihn an den Präsidenten weitergeleitet, und der hat mit seinem Stab noch ein wenig daran herumgebastelt, dem ganzen einen möglichst dämlichen Codenamen verpaßt, damit es glaubwürdig klingt, und es dann als erste offizielle Verlautbarung herausgegeben.
Im wesentlichen geht die Story so, daß es für den Fall, daß Raketen unerlaubt starten und nicht mehr aufgehalten werden können, einen superduperstrenggeheimen Zusatzcode gibt, der dafür sorgt, daß die Dinger nicht ihre normalen einprogrammierten Ziele ansteuern, sondern Richtung Weltraum abdrehen und auf die Sonne zufliegen, weil sie so weder von Unbefugten zurückgeholt werden noch viel Schäden anrichten können.
Und um noch eins draufzusetzen und den anderen Nationen, die ebenfalls fliegen ließen, eine Steilvorlage zu geben, haben wir ganz frech behauptet, daß auch die anderen Atommächte so einen streng geheimen Omega-Code für Notfälle hätten, wir wüßten nur nicht deren Codebezeichnungen.
Die Staatschefs der betroffenen Länder haben natürlich zuerst dumm geschaut, weil sie ja von nichts wußten, haben mit etwas Nachdenken aber ziemlich schnell gemerkt, wie der Hase läuft und daß das der billigste Ausweg aus der Misere war, haben sich ebenfalls ein paar dumme Codenamen ausgedacht und sind auf den Zug aufgesprungen.
Offiziell war es also ein Start aus Versehen, der keine bösen Folgen haben konnte, weil rein zufällig vorher mal was richtig gemacht worden war. Inoffiziell sind übrigens ziemlich viele Leute der Überzeugung, daß in Wahrheit irgendeine überirdische Macht eingegriffen hat, aber da es keinerlei berichtete Phänomene gab - oder jedenfalls nicht mehr als gewöhnlich und von den üblichen Spinnern - kann niemand Kredit dafür beantragen. Und was in diesem Haus passiert ist, bleibt auch in diesem Haus, richtig?“
Tom nickte dazu. „Business as usual im Irrenhaus. Weil es außer den anwesenden Beteiligten sowieso niemand glauben täte.“ bestätigte er. Mit Anbetern und ihm gewidmeten Tempeln wegen seiner verflossenen Kurzzeit-Göttlichkeit konnte er nichts anfangen, es war besser, wenn sich diese peinliche Episode nicht herumsprach.
„Wie wirst du deine eigene tagelange Abwesenheit erklären?“ erkundigte Wylie sich sicherheitshalber. Tom mußte nicht lange überlegen.
„Im Badezimmer ausgerutscht. Kopf gestoßen, bewußtlos und Gehirnerschütterung mit partieller Amnesie. Vielleicht kommt die Erinnerung irgendwann zurück oder vielleicht auch nie. Wenn in den letzten zwei Wochen irgendwas wichtiges war, dann klärt mich bitte auf. Kann passieren, nicht?“
Zufriedenes Nicken von den Agenten, mit dieser Deckgeschichte würde der General einverstanden sein.
„Ein paar Köpfe müssen trotzdem rollen, die Menge will Blut sehen für das Debakel.“ fügte Fox an. „Die Auflistung, wie viele Mordinstrumente wir und die anderen eingebüßt haben, besänftigt nur in begrenztem Maß. Da die Viren bei uns in die Systeme gerieten, können die anderen Nationen sich hinstellen und mit dem Finger auf uns zeigen, was wir im Moment hinnehmen und einfach abprallen lassen. Je mehr Einzelheiten wir preisgeben, um so klarer wird nämlich, daß das den anderen genauso hätte passieren können.
Zum Glück hast du vor deiner kurzen Amtszeit als unser aller Schutzgott mit unserer bescheidenen Mithilfe ein paar Agenten des Unbekannten Feindes einkassiert, also können wir bereits ein paar Übeltäter präsentieren, die an der Sache tatsächlich mitschuldig sind. Das werden Verfahren, an denen die Öffentlichkeit drankleben wird wie Pech und Schwefel, da dürfen wir uns keine Patzer und Unklarheiten erlauben.“
Und auch Tom würde die Vorgänge sehr aufmerksam mitverfolgen, sobald seine Agenten und Mitarbeiter ihn haarklein über seine Aktivitäten seit dem Neunten des Monats aufgeklärt hatten. 

Offline DAOGA

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #2 am: 26. September 2016, 11:35:33 Uhr »
„Was ist vor meinem Aufwachen passiert?“ wollte er wissen.
„Irgendeiner von uns war immer hier im Zimmer, um auf dich aufzupassen. Tagelang hat sich nichts getan bis vorhin, da bist du plötzlich unsichtbar geworden, und wir haben schon damit gerechnet, daß plötzlich ein ziemlich großes und ziemlich vernunftloses Riesenreptil im Raum ist... aber stattdessen bist du einfach wieder erschienen, so wie du warst. Als wärst du gar nicht drüben in der Taschendimension angekommen, oder als hätte man dich umgehend wieder zurückgeschickt, solange du nicht zurechnungsfähig genug bist, deinen Feuerspucker auch ordnungsgemäß auf der Straße zu halten. Da haben wir alle zusammengerufen, für was auch immer passieren würde, und das beste gehofft.“ erklärte Wylie.
„Übrigens, General Wade mußte natürlich dem Präsidenten und dessen Stab erklären, was wirklich passiert ist, bevor sie die Story vom Pferd öffentlich machten. Und was dein bisheriger Zustand war. Wade hat sich erst mal geweigert, dir ein Staatsbegräbnis auszurichten, solange noch ein Funken Hoffnung bestand. Auch der Präsident samt dessen Stab und jeder andere, der gerade in der Hauptstadt war, hat deinen telepathischen Hilfeschrei mitbekommen, deshalb brauchte er nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Den Leuten war ab diesem Zeitpunkt schon klar, daß irgendein ungewöhnlicher Faktor mitspielte. Deshalb kannst dich schon mal darauf vorbereiten, daß man dich ins Weiße Haus zitieren wird, sobald man dort erfährt, daß du wieder in Ordnung bist.“
„Nun, dann informiert euren Boss mal.“ Tom sah an sich herunter. Man hatte ihn in aller Eile in Stasis versetzt, um das Wegsterben der letzten noch verbliebenen Hirnzellen zu verhindern und natürlich ohne ihn vorher auszuziehen oder zu säubern, und als er jetzt probehalber in seinem Gesicht herumwischte, weil dort an verschiedenen Stellen etwas kitzelte, klebte und spannte, rieselten Partikel frisch geronnenen Bluts herunter. Als es ihm das Gehirn zerlegte, mußte er aus allen natürlichen Kopföffnungen geblutet haben wie nach einem Kopfschuß. Das Stasisfeld hatte dieses Blut ebenso frisch gehalten wie alles andere, weshalb das ganze Bett jetzt versaut war mit geronnenem oder noch halbflüssigem Blut. Wenigstens hatten seine unteren Eingeweide sich zurückgehalten, als er starb, weil die aufgrund seines geschuppten „Mitessers“ relativ selten Abfallstoffe abzuführen hatten, damit blieb ihm wenigstens diese Peinlichkeit des Todes erspart. Aber er fühlte sich trotzdem schmutzig wie ein frisch gesuhltes Wildschwein, das Bett brauchte dringend einen neuen Bezug, und es war vermutlich kein Wunder, daß die anderen seinem wiederhergestellten Zustand noch nicht ganz vertrauen wollten, wenn er aussah, als käme er gerade frisch von einem Schlachtfeld. 
„Alle raus hier, bis auf Larry.“ befahl er. „Ich brauche eine Vollreinigung. Und dann eine Mahlzeit. Und dann kann der Präsident anrufen, wenn er will. Ich schätze, ihr habt alle noch was zu tun, oder?“
„Aye aye, Käpt´n.“ salutierte Dawson mit zufriedenem Grinsen. Denn jetzt erst wußte er genau, daß Tom wieder ganz der Alte war. „Abmarsch, Leute!“
Und scheuchte alle anderen zur Tür hinaus, die er als letzter, noch einmal zufrieden rückwärts grinsend, hinter sich zuzog.
Heute ausnahmsweise wurde Larry seinen Butlerpflichten als Leibdiener seines Masters voll gerecht, als er die abgelegte, vollgeblutete Kleidung entgegennahm, sicherheitshalber beim Rückenschrubben und Blutauswaschen und danach dem Trockenföhnen und Kämmen des langen Haares mithalf und dann die frische Kleidung bereithielt wie die Leibdiener in alten Zeiten, die ihren Herren sogar die Arbeit des Ankleidens abnahmen, doch er tat es gern. Weil auch er heilfroh war, daß sich an den Zuständen im Haus nichts ändern würde.
Normalerweise war Tom aus jahrhundertelanger Gewohnheit sehr selbständig und hätte es sich ausdrücklich verbeten, auf diese Weise bemuttert zu werden. Deshalb verstand Larry diese Ausnahme so, wie sie gemeint war - als stumme Erneuerung und Bestätigung ihres Paktes nach einem sehr realen, doch folgenlos gebliebenen Todesfall in der Familie. Sie würde sich auch, hoffentlich, so schnell nicht wiederholen.
Als Tom dann frisch bekleidet und vorzeigbar war, ließ er sich nicht von Larry den erwünschten Imbiß von der Küche anfordern, sondern begab sich höchstselbst zum Speisesaal. Wo sich, sicher nicht ganz zufällig, die ganze Mannschaft versammelt hatte und geduldig auf ihn wartete. Er verstand es, sie wollten sich versichern, daß mit ihm auch ganz bestimmt wieder alles in Ordnung war.
Zwischenzeitlich hatten die Agenten ihren Chef informiert. Fox als der Senior Agent hatte den Vortritt am Telefon, um das Geschehene weiterzumelden, während Wylie interessiert zuhörte.
„Sir, Tom Richards weilt wieder unter den Lebenden.“ war das erste, was Fox sagte, sobald der Sekretär des Generals ihn weiterverbunden hatte.
„ - Nein, Sir, er erinnert sich an nichts. Er vermutet, daß die sogenannte Drachenfabrik eine Art Reboot mit einer vorherigen Version an ihm durchgeführt hat. Das letzte, an was er sich erinnern kann, ist eine Besprechung vom Neunten dieses Monats, danach ist alles weg. Und er vermutet, daß es auch nie wiederkommen wird, weil der Mann, der er nach dem Neunten war, gestorben ist. Im Moment ist er genauso verrückt wie immer, aber kein bißchen göttlicher als vorher. Aber er konnte sich zusammenreimen, was passiert ist, weil seine Handlungen in dieser Zeit seinem normalen, vorherbestimmten Verhalten entsprachen. Mit anderen Worten, er würde in der gleichen Lage wieder genauso reagieren, wie er es getan hat. 
- Ja, Sir, er schien soweit in Ordnung zu sein. Im Moment pflegt er sich, danach wird er eine Mahlzeit einnehmen, und danach ist er möglicherweise für ein Treffen bereit.
- Ja, Sir, wir melden uns wieder.“
Er legte auf und warf Wylie einen Blick zu. Sagen mußte er nichts, weil sein Ex-Assistent sich selbst denken konnte, was der General gesagt hatte.
„Vermutlich bekommen wir Anweisung, ihn gleich Richtung Weißes Haus zu fahren, nicht?“ bemerkte Wylie.
„Ich wette nicht, wenn ich weiß, daß ich verlieren würde.“ gab Fox amüsiert zurück.
Die beiden Agenten verfügten sich Richtung Speisesaal, wo sich Tom mit Sicherheit bald einfinden würde. Jemand wie er fand die notwendige Seelenmassage nach einem traumatischen Erlebnis am ehesten im Kreis seiner Freunde, er würde sich bestimmt nicht in seiner Zimmerflucht verbarrikadieren.
Die ganze Hausbelegschaft war schon in dem großen Raum versammelt, tat zumindest so, als würde sie in erster Linie dem Büfett zusprechen, und wartete auf das Kommende. Hier und da waren verschämt versteckte Champagnerkübel zu erspähen, denn selbst in diesem Haus hatte man nicht jeden Tag eine waschechte Wiederauferstehung von den Toten zu feiern.
Paul Forrester winkte den Agenten zu, sie sollten sich zu ihm und seiner Familie setzen, mit der Fox nach langer Zeit endlich Frieden geschlossen hatte. Und an einem feierwürdigen Tag wie heute herrschte ohnehin Burgfrieden für jede Art Zwist, der in diesen Mauern vorhanden sein mochte. Sie alle erinnerten sich, wie es in den vergangenen Tagen hier zugegangen war - jeder war mit vergrämter Miene herumgeschlichen, man hatte kein lautes Wort und kein Lachen gehört, als hätte jeder Angst, durch eine falsche Handlung den Abgang des Hausherrn heraufzubeschwören. Daß man gerade noch so am Weltuntergang vorbeigeschrammt war und eigentlich Grund zum Feiern gehabt hätte, wie es weltweit vielerorts in den letzten Tagen der Fall gewesen war, verblaßte im Vergleich damit fast zur Bedeutungslosigkeit, schließlich befaßte sich ein Tom Richards regelmäßig mit akuten Weltuntergangsszenarien. 
Und dann stand der Mann des Tages ganz unprätentiös in der Tür, den Butler im Gefolge. Er sah sich aufmerksam um, da anders als sonst, wo er meistens einfach ignoriert wurde - schließlich war er nur seit etwa zweihundertfünfzig Jahren der Hausherr und gehörte somit zum festen Inventar - heute alle Blicke auf ihm hafteten.
„Gibt es was zu feiern?“ fragte er mit unbewegter Miene.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #3 am: 6. Dezember 2016, 10:11:34 Uhr »
Da grinste schon die halbe Runde, die andere versuchte zumindest mit mehr oder weniger viel Erfolg, unbeteiligt dreinzuschauen.
Dawson Lynch trat vor.
„Da Reden nicht mein großes Talent sind --“ begann er, was Gestöhne im Hintergrund auslöste, denn von diversen Feiern im Haus kannte man von Dawson was ganz anderes - 
„--sage ich nur eins: Willkommen zurück, Chef!“
Verbeugte sich vor Tom wie der Gentleman alter Schule, der er war, ließ aus einer ihm zugereichten Champagnerflasche den Korken fliegen und reichte Tom das erste überschäumende Glas.
„Gott sei Dank, er hält keine Rede!“ staunte Tom großäugig in Richtung ihres Publikums, was prompt Gelächter auslöste. „Ist ihm das Hirn explodiert oder mir?“
Noch mehr Gelächter, während Dawson sich prompt mit komischer Miene an den Kopf faßte.
„Sowas überlasse ich jederzeit dir, Richie Boy. Sterben ist nicht so mein Ding.“ sagte der alte Mann.
„Wissen wir alle.“ grinste Tom, hob das Glas auf sämtliche Anwesenden und schüttete das Sprudelwasser hinunter, und alle anderen tranken ihm zu.
Ganz auf Stichwort wurde ein ziemlich großer, flacher Transportwagen hereingeschoben, auf dem sich unter einer ausladenden Hülle aus buntem Papier irgendwas befand. Es entpuppte sich gleich darauf als Torte von gigantischen Ausmaßen, auf der in gefärbtem Zuckerguß „Willkommen zurück“ stand und exakt zwei Kerzen brannten.
Eine für Toms erstes Millennium vor ein paar Jahren - und die zweite für seine Wiedergeburt.
„Ist die für mich?“ staunte Tom und fragte sich insgeheim, wie man solch ein Monster wohl in den Ofen bekommen hatte. Oder welchen Ofen man dafür überhaupt benutzt hatte. Vermutlich hatte man dafür einen Industrieofen angemietet, in dem normalerweise Rümpfe für Kohlefaser-Schiffe „gebacken“ wurden, dachte er dann.
Dawson überreichte ihm mit Grandezza das Messer, das für diesen Kuchen angemessen war - einen der riesigen alten Bihänder aus der Rüstkammer des Hauses, was wieder Gekicher verursachte.
„Soll ich?“ fragte Tom provozierend und schwang das scharfgeschliffene, schwere Eisenteil ohne jede Mühe weit über den Kopf, als wolle er den Kuchen samt Wagen spalten wie weiland Jungsiegfried den Amboß.   
 „Man hat mir gesagt, das Ding sei eßbar.“ mahnte Dawson mit gelinder Ironie, auf den Kuchen deutend.
„Ach. So. Weich genug also.“ Und schnitt den Kuchen auf zivilisierte Weise an, während sich das Publikum vor Lachen fast kugelte. 
„Hmmm.“ machte er dann, das erste Stück probierend. „Nicht schlecht.“
Weil man an der Füllung mit Creme, Obst und Marmelade offensichtlich nicht gespart hatte, genau so, nach altem europäischen Rezept, wie Tom seine Süßspeisen am liebsten hatte.
„Ich glaube, ich sollte öfter mal sterben.“
„Das läßt du schön bleiben, Jungchen. Gib mir nicht noch mal einen Grund für einen Herzinfarkt.“ Dawson bediente sich jetzt, und dann waren genug hilfreiche Hände da, die den Kuchen zerteilten und mit rasender Geschwindigkeit reduzierten, denn es gab viele Gäste. Und viele Leute, die so wie Larry vorher, auf ihre Weise einen Pakt mit dem wiederauferstandenen Tom Richards erneuerten, durch Blicke, Handschläge, Rückenklopfen. Und sich natürlich auch bedankten für den verhinderten Weltuntergang.
Es dauerte lange, bis er sich endlich befreien konnte von der Fürsorge und Dankbarkeit seiner Hausgenossen und Zeit fand für „seine“ Bundesagenten.
„Ben, George! Meine Insel des gesunden Menschenverstandes in diesem Mahlstrom des Irrsinns!“
Die beiden sahen genauso erleichtert aus wie die Hausbewohner, daß Tom wieder unter den Lebenden weilte.
Doch mit dienstlich-ernster Miene trat George Fox als der Ältere der beiden vor und drückte Toms Hand.
„Ich danke dir. In unserem Namen, im Namen unseres Landes und der gesamten Menschheit.“ sprach er feierlich. „Dafür hast du bei uns einiges gut.“
„Warum so förmlich, George. War doch nicht das erste Mal, daß ich die Welt gerettet habe, oder? Sowas gehört hier zum Service. Unmögliches wird sofort erledigt, nur Wunder dauern ein wenig.“
Die beiden nickten ernst - und dann hing Wylie auf einmal an Toms Hals und versuchte ihn in einer Bärenumarmung zu erdrücken.
„Danke, Tom!“ stöhnte er, während er Toms Schultern als Trommel mißbrauchte. Der ließ es sich mit schrägem Grinsen gefallen, denn Wylie wurde nur sehr selten so ausfällig.
„Schon gut, jetzt hör auf, sonst treiben die anderen noch eine Hochzeitstorte auf!“
„Wenn es denn nur so wäre!“ seufzte Wylie, der nie einen Hehl daraus gemacht hatte, daß er Tom auf der Stelle ehelichen würde, wenn Tom denn schwul und willig wäre. Wylie war zwar nicht schwul, aber Tom zuliebe hätte er jederzeit so getan als ob, nur um ihn für den Rest seines Lebens zuverlässig für sich allein zu haben.
Dann endlich gab Wylie ihn frei, und fragte: „Bereit für die großen Bosse?“
„Bereit.“ nickte Tom lächelnd, und ließ sich gern nach draußen eskortieren, wo der treue Larry bereits die „Angeberkutsche“, die größte Limousine im Fuhrpark, vorgefahren hatte.
Fox setzte sich auf den Beifahrersitz, wo sonst Tom selber aus alter Gewohnheit gerne saß, doch heute ging das natürlich gar nicht. Wylie leistete Tom im Fond Gesellschaft, und Fox tätigte einen Anruf an seinen Vorgesetzten, daß sie unterwegs waren.

General Wade meldete den Anruf sofort ans Weiße Haus weiter, damit man sich dort versammeln konnte, was keinen Aufwand bedeutete, da sich im Moment ohnehin jeder von Wichtigkeit im Regierungssitz oder zumindest in erreichbarer Nähe aufhielt, und machte sich dann selbst auf den Weg.
Er erinnerte sich sehr gern zurück an die erste eilige Lagebesprechung im Weißen Haus vor einigen Tagen, nachdem man offenbar sicher sein konnte, daß alle Atomgeschosse auf Nimmerwiedersehen im Weltall verschwunden waren und keine Gefahr eines verspäteten Zweitschlags mehr drohte.
Der gesamte Stab war versammelt gewesen, das hieß alle, die im Moment nicht dazu eingeteilt waren, sich aufgeteilt über das ganze Land möglichst weit weg von Washington aufzuhalten - eine altbewährte Maßnahme aus dem Kalten Krieg, die sicherstellen sollte, so daß selbst bei einer völligen Zerstörung der Hauptstadt und weiterer Städte immer ein Mindestbestand an Führungspersönlichkeiten übrig blieb, die sich im Notfall um die Vereinigten Staaten, oder was davon noch übrig war, zu kümmern hatten.
„Wer beginnt? Wer hat etwas zur Lage zu sagen?“ fragte der Präsident herum.


Offline DAOGA

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #4 am: 25. April 2017, 17:45:21 Uhr »
Verteidigungsminister Vandersteen hob prompt die Hand.
„Immer wenn etwas sehr ungewöhnliches passiert, wissen wir doch alle, wen wir fragen müssen.“ bemerkte er süffisant. Und blickte zu General Wade, genauso wie der Rest der Runde.
„Wie haben Sie das nur erraten?“ Der General verzog keine Miene, aber jedes einzelne seiner Worte kam mit fein betonter Ironie, was für das eine oder andere Grinsen sorgte. Gut so, die letzten Tage hatten wenig Grund für Heiterkeit gelassen.
Der Präsident seufzte laut. „Wieder Ihr Irrenhaus?“ Des Generals regelmäßige Berichte über seine Schützlinge gehörten inzwischen in ihrem Wahnwitz zu seiner liebsten Lektüre, auch wenn er den Inhalt oft nicht glauben wollte. Aber da er wußte, daß die hohe Kunst der Lüge nicht zu Wades vorstechenden Eigenschaften gehörte, mußte er sie wohl oder übel akzeptieren.
„Wer sonst, Sir?“ seufzte Wade passend zurück. Noch ein paar feixende Gesichter mehr. So locker war man in diesem Raum sonst nicht, schon gar nicht unter solchen Umständen, aber zur Zeit schien wahrhaftig nichts mehr normal zu sein. 
„Also gut. Wie haben sie das hinbekommen?“
„Er. Einzahl. Sie kennen seinen Namen. Er war es, der diesen Hilferuf ausgestoßen hat, den wir alle und ganz Washington mitgehört haben. Und er wurde erhört, von den überirdischen Mächten, mit denen er regelmäßig Kontakt hält. Allerdings hat sich keines dieser überirdischen Wesen persönlich hierherbemüht, stattdessen hat eines von ihnen einen Bruchteil seiner gottgleichen Kräfte kurzzeitig auf unseren Mann übertragen. Was diesen befähigte, die Atomwaffen rund um die Welt zu ergreifen und sie dorthin zu befördern, wo sie keinen Schaden anrichten konnten. Allerdings ist kein Mensch dafür geschaffen, gottgleiche Kräfte zu besitzen, nicht einmal unser persönlicher Verrückter, weshalb es ihm bei dieser Aktion das Gehirn zerlegt hat. Im Augenblick ist er tot, so tot wie es nur geht.“
Zur Verdeutlichung ließ Wade per Tastendruck ein vorbereitetes Bild, das einer seiner Agenten in einer gewissen Villa geschossen hatte, auf dem großen Hauptbildschirm des Raumes erscheinen, das ein paar der Anwesenden schlucken ließ. Es war das Gesicht eines Mannes, der erst vor kurzer Zeit gestorben war, die Augen aufgerissen, weil sie ihm noch niemand zugedrückt hatte, jedoch gebrochen und leblos, die Miene verständnislos, starr und käsigweiß und verkleistert von frischem Blut, das aus Augen, Nase, Mund und Ohren quoll. Das Bild eines Mannes, der durch einen Kopfschuß oder einen massiven Gehirnschlag getötet worden war, und der General wußte, daß ein paar Leute im Raum etwas derartiges schon selbst einmal im echten Leben gesehen hatten und erschließen konnten, daß die Aufnahme echt war.
„Was meinen Sie damit, im Augenblick ist er tot?“ fragte der Präsident, der inzwischen gelernt hatte, Wades Aussagen genau zu analysieren.
„Nun, wir alle wissen, daß dieser Mann in keiner Hinsicht normal ist, und jeder, der ihn kennt, weiß, daß er immer irgendein Ass in der Hinterhand hat. Auch für den Fall seines möglichen gewaltsamen Ablebens. Deshalb weigern sich seine nächsten Angehörigen und Mitarbeiter erst einmal, ihn für tot erklären zu lassen, sie rechnen damit, daß er sich immer noch erholen könnte. Im Augenblick liegt sein Körper auf Eis, und es ist ständig jemand bei ihm für den Fall, daß sich etwas an seinem Zustand ändert.“
„Sie rechnen also tatsächlich mit einer Auferstehung von den Toten?“ Das klang äußerst skeptisch, so skeptisch wie der General selbst mit solch einer Aussage umgegangen wäre, wenn es nicht ausgerechnet um seinen Ober-Irren gegangen wäre, der erwiesenermaßen für jede Art von Unfug gut war.
„Es gibt sogar mehrere Gründe, warum diese Möglichkeit tatsächlich nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Mindestens zwei der überirdischen Mächte, mit denen der Mann Kontakt hielt, sind nach früheren Einschätzungen seinerseits durchaus in der Lage, so extreme Handlungen durchzuführen wie beispielsweise das Übertragen von Seelen von einem Körper in einen anderen, oder rückwirkende Eingriffe in die Zeit durchzuführen, so daß bestimmte Ereignisse ungeschehen gemacht oder im letzten Moment abgebogen und verändert werden könnten. Die Frage, die im Moment im Raum steht, lautet, wie wichtig ist unser Mann wirklich für die genannten Mächte. Wäre er ihnen wichtig genug, um wiederhergestellt zu werden, oder werden sie einen anderen als ihren Vermittler erwählen, und wenn das letztere, wer käme dafür in Frage, wann würden wir davon erfahren und welche Einflußmöglichkeiten hätten wir dann in Zukunft?
 - Das wirkt alles sehr phantastisch auf Sie, ich weiß. Seit ich die Aufgabe übernahm, über diesen Mann und seine ganze Umgebung zu wachen, habe ich viele phantastische Dinge miterlebt. Und deshalb nehme ich die Meinungen der Leute, die ihn noch besser kennen als ich, weil sie täglich mit ihm zu tun haben, nicht auf die leichte Schulter. Wir alle hier haben Zeit. Wir können abwarten, bis sich die Fragen, auf die wir im Moment keine Antworten haben, von selbst klären werden. Meine Leute vor Ort werden mich sofort informieren, wenn sich etwas tut. Kümmern wir uns darum lieber erst mal um die Dinge, die jetzt vorrangig zu erledigen sind, wie Ihre Ansprache an die Nation und die ganze Welt, Mr. President.“
„Erzählen wir der Öffentlichkeit irgendwas davon?“
Denn irgendeine Begründung mußte der Präsident liefern, zu viele Menschen hatten die Starts mitbekommen und wußten, was sie bedeuteten - oder hätten bedeuten sollen.
„Das ist ein ganz klares Nein. Sollte er tot bleiben, bekommt er ein rein privat und familiär gehaltenes Begräbnis auf seinem eigenen Grundstück, es gibt dort einen kleinen Privatfriedhof. Seine Angehörigen werden schweigen, sie kennen die Wahrheit, aber haben von sich aus kein Interesse daran, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“
Und dann fügte der General die Idee an, die ihm seine Agenten im Sinne von Mr. Richards übermittelt hatten, wie man die Folgenlosigkeit der Raketenstarts der Allgemeinheit am besten erklären konnte, ohne übersinnliche Mächte und deren menschliche Helfer zu bemühen, auch wenn es im Ergebnis wahrhaftig eine Geschichte vom kotzenden Pferd darstellte.
Der Präsident, sein Stabschef, die versammelten Minister und sonstigen hohen Tiere hörten sich Wades Vorschlag an, erkannten nach anfänglicher Skepsis und kurzem Überdenken die Nützlichkeit, insbesondere im momentan praktisch atomisierten (pun intended) Verhältnis zu den anderen Atommächten, die ihre Arsenale genauso eingebüßt hatten, meldeten Wünsche zu kleineren Veränderungen an, die kurz diskutiert und per Abstimmung akzeptiert oder verworfen wurden, und stimmten schließlich zu, wobei sie einander rundum nochmals versicherten, auch dichtzuhalten über den Fakt, daß diese ganze schöne Geschichte in Bausch und Bogen erfunden war.
Denn sie war einfach der billigste Weg, sich ohne allzu großen Gesichtsverlust aus der Misere zu retten.
Alles andere, einschließlich Überwachung einer potentiellen Auferstehung von den Toten, würde weiterhin in den Händen von General Wade liegen. Um dessen Aufgabe ihn die anderen Mitglieder der Beratungsrunde wieder einmal beneideten, weil der Mann anscheinend den ganzen Spaß für sich allein gepachtet hatte.