Autor Thema: Apocalypse: No(w)!  (Gelesen 2141 mal)

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Apocalypse: No(w)!
« am: 6. Mai 2016, 12:48:47 Uhr »
Ein Tom Richards ist in jeder Situation total crazy.
Enjoy...


Tom Richards erwachte.
Er öffnete die Augen - und sah als erstes seinen Butler Larry, der sich mit einem selten sorgenvollen Gesichtsausdruck über ihn beugte.
Noch bevor er auf die Idee kommen konnte zu fragen, merkte er, daß Larry nicht der einzige war. Rings um Toms großes Bett schien die halbe Hausbelegschaft versammelt zu sein, und der Rest fehlte vermutlich nur aus Platzmangel im nicht gerade kleinen Raum. Da war die versammelte Forrester-Familie, Dawson Lynch, Billy Brown und die wichtigsten Mitglieder der ausufernden Brown-Familie, die seit einhundertfünfzig Jahren die Hausangestellten von Lyonshome Manor stellte, Anwalt Grey und seine Truppe, Mai Lin Wong als Vertreterin des Wong-Klans, Dr. Terrell und Dr. Thaum als Ärzte seines Privathospitals und seine persönlichen Matrixtechnikerlehrlinge der Stufe Eins, Charly mit seinem Hackerteam und selbstverständlich und nicht zu allerletzt, die Agenten George Fox und Benjamin Wylie, die Verbindungsmänner der Federal Security Agency.
Und sie alle trugen eine Miene, als wohnten sie einem Begräbnis bei, die sich jedoch jetzt, da Tom offensichtlich erwacht war und sie alle der Reihe nach musterte, langsam aufhellte.
Was dieser Massenaufmarsch in Trauermiene in seinem Schlafzimmer zu bedeuten hatte und warum er nicht schon allein vom Lärm des Männleinlaufens erwacht war, da er doch sonst einen eher leichten Schlaf hatte, jederzeit bereit, einen Feind zu empfangen - da hatte Tom keine Ahnung. Ebensowenig, wie er ins Bett gekommen oder was er zuvor getrieben hatte. Wo seine Erinnerung an die letzten wachen Stunden hätte sein sollen, war im Moment nur eine große leere Fehlstelle.
Die der treue Larry garantiert gleich ausfüllen würde. Aber zuvor überprüfte er ganz im Reflex seinen Körper, ob auch noch alles dran und dort war, wo es hingehörte. Er konnte zumindest nichts fehlendes oder defektes feststellen, nur seine Aura wirkte reichlich zerrupft, als habe er ziemlich heftig nach Art der Matrixtechniker gefeiert.
„Larry. Was ist los?“ fragte er gleich als erstes, der Einfachheit halber, während er sich aufsetzte.
„Sir. Wir - wir machten uns schon Sorgen um Sie.“ Und zu Toms großer Überraschung glaubte er fast sowas wie eine Träne in Larrys Auge entdecken zu können, als der Butler ihm sofort diensteifrig Kissen hinter den Rücken stopfte, damit er bequem saß.
Das Siezen hatte Tom ihm nie abgewöhnen können, aber Larry Kiromoto bestand nun mal darauf, eine gewisse Distanz zu seinem Brötchengeber zu wahren.
„Warum? Wie lange liege ich hier, und was ist davor passiert?“
„Erinnerst du dich nicht? An die Raketenstarts?“ Dawson Lynch, der sich in seinen alten Tagen weit weniger Hemmungen auferlegte. 
„Was für Raketen?“
„Alle, die man gerade hochbekam. Nuklearraketen.“
Tom erschrak. Er sollte einen Nuklearschlag verschlafen haben? Das konnte er nicht glauben.
Zumal er hier in seinem Bett lag, in seinem Haus in einer der besten Gegenden der Hauptstadt, die unbestritten eines der Hauptangriffsziele im Fall eines nuklearen Schlagabtausches darstellte.
„Schäden?“ fragte er knapp. Verdammt, die Welt ging gerade unter, und da lag er hier faul im Bett?
„Drei von den Dingern sind beim Start explodiert. Eine chinesische, zwei russische. Treibstoffexplosionen, die werden da drüben nicht so gut gewartet wie bei uns. Die Sprengköpfe taten aber keinen Muckser, als die Explosionen sie zerlegt haben. Die Silos sind jetzt gründlich verstrahlt, zur großen Freude der Militärs da drüben.“
Dawson wußte, was sein Herr und Meister wollte, nämlich nackte Fakten, direkt an den Kopf geworfen, damit er so schnell wie möglich auf dem Laufenden war.
„Der große Rest... wurde anscheinend programmgemäß zerstört. Direkt über der Erde oder sogar an den eigentlich vorprogrammierten Zielen ist keine einzige explodiert. Aber das müßtest du doch eigentlich am besten wissen, oder?“
Tom schüttelte den Kopf und fühlte sich nicht mal benommen dabei.
„Wo meine Erinnerung sein müßte, ist gerade ein großes schwarzes Loch. Ihr müßt mich aufklären. Wie lange liege ich hier, und was ist vorher passiert?“
„Du lagst acht Tage im Koma. Paul und Scott haben dich in ein Stasisfeld versetzt, weil nicht sicher war, ob du überhaupt noch lebst. Und vorher... was weißt du noch?“
Da Dawson und Larry Toms Terminkalender im Kopf hatten, weil sie ihn regelmäßig auf Termine hinweisen mußten, konnten sie die Ereignisse der letzten zwei Wochen aufzählen.
„Heute ist der Zweiundzwanzigste. Am Neunten war diese Vorstandsbesprechung in der Intertec, erinnerst du dich?“
Tom nickte sofort. „Wo der alte Omarty sich den Kaffee über die Hose kleckste.“ entgegnete er. „Die Szene vergesse ich bestimmt nicht.“
„Und danach ging es los. Aktivitäten des Unbekannten Feindes, die Charly und sein Team aufspürten, in den Kommunikationswegen der Streitkräfte, auch nach Cheyenne Mountain, ins NORAD und die anderen wichtigen Zentralen. Irgendjemand hat diesen alten Film, Wargames, als Vorlage benutzt, um einen realen Atomkrieg herbeizuführen, und hatte dabei fast Erfolg. Charly ist immer noch dabei, ihnen hinterherzuspüren,“ er deutete zu dem jungen Mann hin. „aber da es im Moment praktisch nichts mehr gibt, was man noch in den Himmel schicken könnte, kann er sich die Zeit nehmen, genau hinzuschauen.
Sämtliche Atommächte, wir, die Chinesen, die Russen und jeder andere, der betroffen war, auch die Israelis, haben ihre verbliebenen Waffensysteme erst mal auf Eis gelegt, bis sicher ist, daß kein unautorisierter Start mehr stattfinden kann. Die ganzen U-Boote zu informieren war natürlich ziemlich schwierig, weil die als erste auf Tauchstation gegangen sind, so lauten einfach ihre Befehle, abzutauchen und dort zu bleiben, bis das Gröbste vorbei ist, um dann notfalls einen Nachschlag abzuliefern.
Und in einigen Silos kam es nach den Abschüssen fast zu Selbstmorden, weil die Soldaten nicht mit der Idee klarkamen, soeben an milliardenfachem Massenmord mitgewirkt zu haben. Bis dann die Neuigkeit herumging, daß die Raketen nicht dorthin flogen, wo sie eigentlich ihrer Programmierung gemäß hätten hinfliegen müssen. - Klingelt da was bei dir?“
Tom schüttelte wieder den Kopf. „Totale Fehlanzeige. Ich glaube, meine letzte Erinnerung war an den Abend nach dieser Vorstandssitzung, und danach ist Sense. Aber wir sind alle noch hier, und du sagst, die Raketen sind woanders hingeflogen? Dann, wohin und warum?“
Sie alle fixierten ihn so sonderbar, in einem Mix aus Unglauben, Erleichterung über sein Erwachen und etwas, was nur schiere Verehrung und Anbetung sein konnte, daß er gleich wußte, daß er etwas damit zu tun gehabt hatte.
Aber, verdammt, er konnte sich nicht erinnern! Konnte er wirklich Aktivitäten des Unbekannten Feindes samt einem eingeleiteten Atomkrieg vergessen? Hatte er dabei eines über die Rübe bekommen, oder hatte ihm ein psionischer Schock, eine der gefährlichsten Waffen des Feindes gegenüber Telepathen wie Tom, das Hirn kurzgeschlossen und ihn ausgeschaltet? 
Und dann kam ihm die Erkenntnis. Nein, keine Erinnerung, nur eine Erkenntnis, denn sein Logikzentrum schien noch intakt zu sein. Er hob die Hand, bevor Dawson weiterreden konnte.
„Laß mich mal kombinieren. Angenommen, wir haben einen Ernstfall aus Versehen. Irgendjemand drückt versehentlich den roten Knopf, egal warum, und die Raketen heben ab. Ich erfahre davon, dank Charly - aber was könnte ich tun? Ich bin trotz aller meiner Fähigkeiten nicht Superman, ich bin nicht superschnell. Ich könnte niemals alle rings um die Welt startenden Raketen, Flugzeuge und andere Träger rechtzeitig abfangen, bevor sie ihre Ziele erreichen, und ich könnte keine einzige Stadt, kein einziges Ziel vor einer Explosion beschützen, geschweige denn tausende von Zielen rund um die ganze Welt zur gleichen Zeit. Und jeder einzelne explodierende Sprengkopf bedeutet hunderttausende, vielleicht Millionen von Opfern, nicht nur Menschen, sondern alles Leben im Umkreis.
Also, was würde ich tun?
- Die Antwort ist einfach, weil ich sie mir schon vor langer Zeit gab.
Ich würde jeden Funken Stolz in den Wind schießen und um Hilfe rufen. So laut, daß man mich noch in der Andromeda-Galaxie hören kann. Die Benu haben ihre Ohren viel näher an uns dran, ich weiß, die hören mich sicher. Ob sie mich auch er-hören würden, ist eine andere Frage, aber ich baue darauf, daß die Benu sich eines ihrer Lieblingsspielzeuge nicht einfach wegnehmen lassen, schon gar nicht durch Machenschaften ihres Unbekannten Lieblingsfeindes und durch die Dummheit der Spielfiguren selber. Kalt oder warm?“
„Heiß wie Lava. Hilferuf mein Arsch, Junge, du hast uns allen hier fast das Hirn gekocht damit. Nicht nur uns, sondern der halben Stadt. Sogar die Paratauben konnten dich klar und deutlich hören.“ holzklotzte Dawson fröhlich.
„Und was ist dann passiert? Gab es Benu-Aktivitäten?“
Und weil sie sichtlich zögerten -- „Details, Leute! Und bitte noch in diesem Jahr!“ forderte er eindringlich.
„Nein, Benu-Aktivitäten wurden nicht gemeldet. Selbst wir haben unsere Augen und Ohren nicht überall, wie du weißt.“ begann Dawson zögerlich.
„Aha. Kombiniere.“ Tom hob wieder die Hand, um Vorsagen von anderer Stelle zu verhindern.
„Da ihr mich alle so vielsagend anguckt und ich dieses Loch im Hirn habe, war ich wohl das Auge des Sturms, oder?“
Und als Dawson nickte, schwante ihm langsam, warum sie ihn so anblickten. Als ob sie nicht genau wußten, ob sie vielleicht jeden Moment vor ihm auf die Knie zu fallen hatten, damit er sie nicht mit einem einzigen scharfen Laserblick vernichtete.
„Laßt mich raten. Statt sich selbst herzubemühen, hat ein Benu einen Teil seiner Fähigkeiten auf mich übertragen, oder?“
Dawson grinste jetzt etwas schief. „Du hast plötzlich aus jeder Körperritze geleuchtet, als würdest du jeden Moment selber hochgehen wie eine A-Bombe. Ich schwöre, wenn du gerade beim Pissen gewesen wärst, wäre dein Urin durch die Keramik gegangen wie ein Laserstrahl durch Butter. Du hingst in der Luft und hattest rundum Flügel aus Licht - aber dieser Teil ist ja normal bei dir. Sonst hast du nichts getan, du warst vollkommen abwesend. Ich habe schon drauf gewettet, ob du ein Loch in die Decke brennst oder nicht. Und dann war die Lightshow auf einmal vorbei, du bist herabgeplumpst und warst so gut wie tot. Zum Glück war Paul gerade da, er und Scott haben dich gleich in ein Stasisfeld gepackt, damit du nicht so schnell zu stinken anfängst. Oder wenigstens nicht schneller als sonst immer.“
Der alte Mann feixte jetzt, und Tom drohte ihm scherzhaft mit dem Finger. Erleichtertes Gegrinse in der Runde, weil es so aussah, als würde sich soeben alles langsam normalisieren. Denn das hochgradig unanständige Geflachse zwischen Tom und dem pensionierten Geheimagenten gehörte in diesem Haus zur Normalität.
„Und dann kam schon Charlys Rundruf, daß alle Geschosse ihren Kurs geändert haben und hinaus in den Weltraum fliegen. Und jenseits der Umlaufbahn schwenkten dann alle in die gleiche Richtung, egal wo sie abgeschossen wurden.“

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #1 am: 13. Mai 2016, 11:28:31 Uhr »
Er verstummte, weil Tom wieder die Hand hob.
„Nein, ich erinnere mich nicht.“ schickte er voraus. „Aber ich kann mutmaßen, was passiert ist. Weil ich weiß, was ich machen würde, wenn überall die Raketen losfliegen und ich plötzlich gottgleiche Fähigkeiten hätte. Ich würde die Dinger einfach alle auf einen neuen Kurs bringen, ihnen ein bißchen Extraschub bescheren und sie dorthin schicken, wo sie meiner Meinung nach hingehören, nämlich geradewegs in die Sonne. Wo sie nach Belieben zerschmelzen oder explodieren können, was die Sonne so wenig juckt wie ein Knallfrosch den Mount Everest. Jedes einzelne dieser Teufelsdinger weniger bedeutet eine Kapazität weniger für millionenfachen Mord. --
Aber weil kein Mensch für gottgleiche Fähigkeiten gemacht ist, nicht einmal ein hoffnungslos Verrückter wie ich, hat es mir dabei das Hirn atomisiert. Ich war körperlich im Koma, aber in Wahrheit gehirntot, so tot wie ein Türnagel. Der Mann, der ich an diesem Tag war, ist gestorben. Hoffentlich das einzige Opfer dieser irren Geschichte, und ein vollkommen gerechtfertigtes, denn andernfalls wäre die Opferzahl endlos gewesen.
- Und deshalb kann ich mich auch nicht mehr daran erinnern, was geschehen ist. Meine letzten vorhandenen Erinnerungen sind die des Tom Richards, der sich über verschütteten Kaffe bei einer Vorstandssitzung amüsiert hat, des Mannes, der ich am Neunten dieses Monats war.
- Ihr habt mich in ein Stasisfeld gelegt, weil ihr gehofft habt, daß Azure an meinem mausetoten Zustand etwas ändern würde, nicht wahr?“ Er nickte mit dem Kopf in Richtung von Mai Lin, die ihr bezauberndes Lächeln zurückschickte.
„Ich habe ja oft genug behauptet, daß die Drachenfabrik in ihrer Taschendimension keinen fähigen und willigen Piloten so leicht von der Schippe springen läßt, jedenfalls nicht durch Nebensächlichkeiten wie Verletzung oder Tod. Und Mai Lin ist hier für den Fall, daß Azure erscheint ohne einen menschlichen Verstand im Schädel, so daß Renying ihre weiblichen Reize oder ihre Muskeln einsetzen muß, um ihn zu besänftigen, nicht?“
„Das erschien uns als logischer Einfall, großer Meister.“ bestätigte Dawson. „Wir wußten, daß dir körperlich im Stasisfeld nichts passieren kann, weil es ein zeitloser Raum ist, und Paul hat uns bestätigt, daß eine starke Seele wie die deine, wenn sie zurückkehrt, auch innerhalb des Stasisfeldes aktiv werden kann. Also hatten wir Zeit genug darauf zu warten, daß entweder Azure auftaucht oder etwas anderes passiert.“
„Und ich habe jetzt endlich einen Beweis, daß die Drachenfabrik tatsächlich regelmäßig Backups nicht nur von den aktiven Drachen, sondern auch von den Piloten anlegt, um bei Beschädigung ein Reboot auf möglichst aktuellem Stand durchführen zu können. Möglicherweise liegt dort sogar ein menschlicher Ersatzkörper für mich dort auf Eis und nicht nur Azure, für den Fall, daß ich mal einen brauchen sollte, weil diese Ausfertigung hier hinüber ist.“   
„Booah Mann, Junge! Du wirst mir jeden Tag unheimlicher!“ stöhnte Dawson - und grinste dabei übers ganze Gesicht, weil er für solchen Schwachsinn lebte, er hätte es gar nicht anders haben wollen.
Tom grinste zurück und wandte sich dann an „seine“ Agenten George und Ben.
„Und ihr könnt eurem General ausrichten, daß er es auch in Zukunft nicht mit einem Halbgott zu tun hat, sondern nur mit meinem ganz normalen und völlig verrückten alten Selbst, dessen letzte Erinnerung darin besteht, daß sich jemand Kaffee über die Hose geschüttet hat. Der Tom Richards, der ich kurz vor meinem Koma war ist tot, von seinen beinahe-göttlichen Kräften ausgelöscht und für alle Zeiten dahin, und deshalb werde ich mich auch nie daran erinnern können, was passiert ist, weil diese Erinnerungen nicht mehr existieren. Und ich glaube, daß das auch das beste ist, was mir passieren konnte, weil ich absolut keine Lust habe auf einen zweiten totalen Kurzschluß im Hirn.“
Die beiden nickten zurück, ebenfalls erleichtert lächelnd.
„Wie sieht übrigens die politische Großwetterlage aus?“
„Ungewöhnlich ruhig.“ antwortete Fox als der Senior Agent, weil Tom ihn nach wie vor anblickte.
„Der Schock sitzt tief, wie man sich vorstellen kann. Jeder läuft auf Zehenspitzen herum und wagt es nicht, auch nur laut zu husten. Die schweren Waffensysteme liegen alle auf Eis, bis alles überprüft wurde, daß keine fremden Finger mehr im System sind, wofür Charly und sein Team gute Vorarbeit geleistet haben.“ Er nickte in Richtung der jungen Leute, die vor Freude strahlten, sie wußten verdammt noch mal sehr genau, daß auch sie mitgeholfen hatten, den Weltuntergang zu verhindern.
„Aber niemand wagt es, die Gelegenheit zu ergreifen, alle sind im Moment ganz lieb zueinander. Nichts schweißt mehr zusammen als eine gemeinsam durchgestandene Lebensgefahr. Das wird aber zweifellos nicht lange anhalten. Zur Zeit mottet man die alten analogen Systeme aus, sofern sie noch existieren, weil dort die Gefahr fremder Manipulation gering ist. Geräte aus der Steinzeit haben gar nicht genug Kapazitäten, um einen modernen Virus aufzunehmen. Das Atomwaffenarsenal ist dezimiert, weil alles gestartet ist, was startbereit war, aber viele Sprengköpfe sind gelagert und befanden sich gar nicht auf flugbereiten Trägern, oder sie befanden sich ganz altmodisch auf Flugzeugen, die natürlich nicht gestartet sind. Es ist also immer noch genug Kriegsgerät vorhanden, um jedem Feind eine blutige Nase zu bescheren. Bis jetzt kommt man auf eine Zahl von zweitausendvierhundertsiebenundfünfzig Sprengköpfe, die insgesamt hochgeschickt wurden, das entspricht ungefähr einem zweifachen Overkill. Von einem weltweiten Gesamtbestand von ungefähr fünfzehntausend Stück in allen Größen, Farben und Geschmacksrichtungen wohlgemerkt. Viele Sprengsätze von uns waren nur moderne taktische Gefechtsköpfe mit relativ kleiner Sprengwirkung und relativ sauber, geeignet für chirurgische Operationen, aber vor allem die Russen haben ziemlich große und schmutzige Eier in ihrem Arsenal. Da machen jetzt vermutlich einige Leute drei Kreuze, daß das Teufelszeug auf Nimmerwiedersehen verschwunden ist.“
„Was sagt unsere Regierung dazu, vor allem der Bevölkerung?“
Da zeigten die beiden Agenten unisono ein verschmitztes Grinsen.
„Wir wissen inzwischen, wie du denkst. Und daß du viel davon hältst, verrückten Situationen mit verrücktem Verhalten zu begegnen.“ antwortete diesmal Wylie. „Also haben wir uns gefragt, wie du die Sache erklären würdest, wärst du der Präsident, haben uns was ausgedacht und dem General den Floh ins Ohr gesetzt. Der hat ihn an den Präsidenten weitergeleitet, und der hat mit seinem Stab noch ein wenig daran herumgebastelt, dem ganzen einen möglichst dämlichen Codenamen verpaßt, damit es glaubwürdig klingt, und es dann als erste offizielle Verlautbarung herausgegeben.
Im wesentlichen geht die Story so, daß es für den Fall, daß Raketen unerlaubt starten und nicht mehr aufgehalten werden können, einen superduperstrenggeheimen Zusatzcode gibt, der dafür sorgt, daß die Dinger nicht ihre normalen einprogrammierten Ziele ansteuern, sondern Richtung Weltraum abdrehen und auf die Sonne zufliegen, weil sie so weder von Unbefugten zurückgeholt werden noch viel Schäden anrichten können.
Und um noch eins draufzusetzen und den anderen Nationen, die ebenfalls fliegen ließen, eine Steilvorlage zu geben, haben wir ganz frech behauptet, daß auch die anderen Atommächte so einen streng geheimen Omega-Code für Notfälle hätten, wir wüßten nur nicht deren Codebezeichnungen.
Die Staatschefs der betroffenen Länder haben natürlich zuerst dumm geschaut, weil sie ja von nichts wußten, haben mit etwas Nachdenken aber ziemlich schnell gemerkt, wie der Hase läuft und daß das der billigste Ausweg aus der Misere war, haben sich ebenfalls ein paar dumme Codenamen ausgedacht und sind auf den Zug aufgesprungen.
Offiziell war es also ein Start aus Versehen, der keine bösen Folgen haben konnte, weil rein zufällig vorher mal was richtig gemacht worden war. Inoffiziell sind übrigens ziemlich viele Leute der Überzeugung, daß in Wahrheit irgendeine überirdische Macht eingegriffen hat, aber da es keinerlei berichtete Phänomene gab - oder jedenfalls nicht mehr als gewöhnlich und von den üblichen Spinnern - kann niemand Kredit dafür beantragen. Und was in diesem Haus passiert ist, bleibt auch in diesem Haus, richtig?“
Tom nickte dazu. „Business as usual im Irrenhaus. Weil es außer den anwesenden Beteiligten sowieso niemand glauben täte.“ bestätigte er. Mit Anbetern und ihm gewidmeten Tempeln wegen seiner verflossenen Kurzzeit-Göttlichkeit konnte er nichts anfangen, es war besser, wenn sich diese peinliche Episode nicht herumsprach.
„Wie wirst du deine eigene tagelange Abwesenheit erklären?“ erkundigte Wylie sich sicherheitshalber. Tom mußte nicht lange überlegen.
„Im Badezimmer ausgerutscht. Kopf gestoßen, bewußtlos und Gehirnerschütterung mit partieller Amnesie. Vielleicht kommt die Erinnerung irgendwann zurück oder vielleicht auch nie. Wenn in den letzten zwei Wochen irgendwas wichtiges war, dann klärt mich bitte auf. Kann passieren, nicht?“
Zufriedenes Nicken von den Agenten, mit dieser Deckgeschichte würde der General einverstanden sein.
„Ein paar Köpfe müssen trotzdem rollen, die Menge will Blut sehen für das Debakel.“ fügte Fox an. „Die Auflistung, wie viele Mordinstrumente wir und die anderen eingebüßt haben, besänftigt nur in begrenztem Maß. Da die Viren bei uns in die Systeme gerieten, können die anderen Nationen sich hinstellen und mit dem Finger auf uns zeigen, was wir im Moment hinnehmen und einfach abprallen lassen. Je mehr Einzelheiten wir preisgeben, um so klarer wird nämlich, daß das den anderen genauso hätte passieren können.
Zum Glück hast du vor deiner kurzen Amtszeit als unser aller Schutzgott mit unserer bescheidenen Mithilfe ein paar Agenten des Unbekannten Feindes einkassiert, also können wir bereits ein paar Übeltäter präsentieren, die an der Sache tatsächlich mitschuldig sind. Das werden Verfahren, an denen die Öffentlichkeit drankleben wird wie Pech und Schwefel, da dürfen wir uns keine Patzer und Unklarheiten erlauben.“
Und auch Tom würde die Vorgänge sehr aufmerksam mitverfolgen, sobald seine Agenten und Mitarbeiter ihn haarklein über seine Aktivitäten seit dem Neunten des Monats aufgeklärt hatten. 

Offline DAOGA

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #2 am: 26. September 2016, 11:35:33 Uhr »
„Was ist vor meinem Aufwachen passiert?“ wollte er wissen.
„Irgendeiner von uns war immer hier im Zimmer, um auf dich aufzupassen. Tagelang hat sich nichts getan bis vorhin, da bist du plötzlich unsichtbar geworden, und wir haben schon damit gerechnet, daß plötzlich ein ziemlich großes und ziemlich vernunftloses Riesenreptil im Raum ist... aber stattdessen bist du einfach wieder erschienen, so wie du warst. Als wärst du gar nicht drüben in der Taschendimension angekommen, oder als hätte man dich umgehend wieder zurückgeschickt, solange du nicht zurechnungsfähig genug bist, deinen Feuerspucker auch ordnungsgemäß auf der Straße zu halten. Da haben wir alle zusammengerufen, für was auch immer passieren würde, und das beste gehofft.“ erklärte Wylie.
„Übrigens, General Wade mußte natürlich dem Präsidenten und dessen Stab erklären, was wirklich passiert ist, bevor sie die Story vom Pferd öffentlich machten. Und was dein bisheriger Zustand war. Wade hat sich erst mal geweigert, dir ein Staatsbegräbnis auszurichten, solange noch ein Funken Hoffnung bestand. Auch der Präsident samt dessen Stab und jeder andere, der gerade in der Hauptstadt war, hat deinen telepathischen Hilfeschrei mitbekommen, deshalb brauchte er nicht viel Überzeugungsarbeit zu leisten. Den Leuten war ab diesem Zeitpunkt schon klar, daß irgendein ungewöhnlicher Faktor mitspielte. Deshalb kannst dich schon mal darauf vorbereiten, daß man dich ins Weiße Haus zitieren wird, sobald man dort erfährt, daß du wieder in Ordnung bist.“
„Nun, dann informiert euren Boss mal.“ Tom sah an sich herunter. Man hatte ihn in aller Eile in Stasis versetzt, um das Wegsterben der letzten noch verbliebenen Hirnzellen zu verhindern und natürlich ohne ihn vorher auszuziehen oder zu säubern, und als er jetzt probehalber in seinem Gesicht herumwischte, weil dort an verschiedenen Stellen etwas kitzelte, klebte und spannte, rieselten Partikel frisch geronnenen Bluts herunter. Als es ihm das Gehirn zerlegte, mußte er aus allen natürlichen Kopföffnungen geblutet haben wie nach einem Kopfschuß. Das Stasisfeld hatte dieses Blut ebenso frisch gehalten wie alles andere, weshalb das ganze Bett jetzt versaut war mit geronnenem oder noch halbflüssigem Blut. Wenigstens hatten seine unteren Eingeweide sich zurückgehalten, als er starb, weil die aufgrund seines geschuppten „Mitessers“ relativ selten Abfallstoffe abzuführen hatten, damit blieb ihm wenigstens diese Peinlichkeit des Todes erspart. Aber er fühlte sich trotzdem schmutzig wie ein frisch gesuhltes Wildschwein, das Bett brauchte dringend einen neuen Bezug, und es war vermutlich kein Wunder, daß die anderen seinem wiederhergestellten Zustand noch nicht ganz vertrauen wollten, wenn er aussah, als käme er gerade frisch von einem Schlachtfeld. 
„Alle raus hier, bis auf Larry.“ befahl er. „Ich brauche eine Vollreinigung. Und dann eine Mahlzeit. Und dann kann der Präsident anrufen, wenn er will. Ich schätze, ihr habt alle noch was zu tun, oder?“
„Aye aye, Käpt´n.“ salutierte Dawson mit zufriedenem Grinsen. Denn jetzt erst wußte er genau, daß Tom wieder ganz der Alte war. „Abmarsch, Leute!“
Und scheuchte alle anderen zur Tür hinaus, die er als letzter, noch einmal zufrieden rückwärts grinsend, hinter sich zuzog.
Heute ausnahmsweise wurde Larry seinen Butlerpflichten als Leibdiener seines Masters voll gerecht, als er die abgelegte, vollgeblutete Kleidung entgegennahm, sicherheitshalber beim Rückenschrubben und Blutauswaschen und danach dem Trockenföhnen und Kämmen des langen Haares mithalf und dann die frische Kleidung bereithielt wie die Leibdiener in alten Zeiten, die ihren Herren sogar die Arbeit des Ankleidens abnahmen, doch er tat es gern. Weil auch er heilfroh war, daß sich an den Zuständen im Haus nichts ändern würde.
Normalerweise war Tom aus jahrhundertelanger Gewohnheit sehr selbständig und hätte es sich ausdrücklich verbeten, auf diese Weise bemuttert zu werden. Deshalb verstand Larry diese Ausnahme so, wie sie gemeint war - als stumme Erneuerung und Bestätigung ihres Paktes nach einem sehr realen, doch folgenlos gebliebenen Todesfall in der Familie. Sie würde sich auch, hoffentlich, so schnell nicht wiederholen.
Als Tom dann frisch bekleidet und vorzeigbar war, ließ er sich nicht von Larry den erwünschten Imbiß von der Küche anfordern, sondern begab sich höchstselbst zum Speisesaal. Wo sich, sicher nicht ganz zufällig, die ganze Mannschaft versammelt hatte und geduldig auf ihn wartete. Er verstand es, sie wollten sich versichern, daß mit ihm auch ganz bestimmt wieder alles in Ordnung war.
Zwischenzeitlich hatten die Agenten ihren Chef informiert. Fox als der Senior Agent hatte den Vortritt am Telefon, um das Geschehene weiterzumelden, während Wylie interessiert zuhörte.
„Sir, Tom Richards weilt wieder unter den Lebenden.“ war das erste, was Fox sagte, sobald der Sekretär des Generals ihn weiterverbunden hatte.
„ - Nein, Sir, er erinnert sich an nichts. Er vermutet, daß die sogenannte Drachenfabrik eine Art Reboot mit einer vorherigen Version an ihm durchgeführt hat. Das letzte, an was er sich erinnern kann, ist eine Besprechung vom Neunten dieses Monats, danach ist alles weg. Und er vermutet, daß es auch nie wiederkommen wird, weil der Mann, der er nach dem Neunten war, gestorben ist. Im Moment ist er genauso verrückt wie immer, aber kein bißchen göttlicher als vorher. Aber er konnte sich zusammenreimen, was passiert ist, weil seine Handlungen in dieser Zeit seinem normalen, vorherbestimmten Verhalten entsprachen. Mit anderen Worten, er würde in der gleichen Lage wieder genauso reagieren, wie er es getan hat. 
- Ja, Sir, er schien soweit in Ordnung zu sein. Im Moment pflegt er sich, danach wird er eine Mahlzeit einnehmen, und danach ist er möglicherweise für ein Treffen bereit.
- Ja, Sir, wir melden uns wieder.“
Er legte auf und warf Wylie einen Blick zu. Sagen mußte er nichts, weil sein Ex-Assistent sich selbst denken konnte, was der General gesagt hatte.
„Vermutlich bekommen wir Anweisung, ihn gleich Richtung Weißes Haus zu fahren, nicht?“ bemerkte Wylie.
„Ich wette nicht, wenn ich weiß, daß ich verlieren würde.“ gab Fox amüsiert zurück.
Die beiden Agenten verfügten sich Richtung Speisesaal, wo sich Tom mit Sicherheit bald einfinden würde. Jemand wie er fand die notwendige Seelenmassage nach einem traumatischen Erlebnis am ehesten im Kreis seiner Freunde, er würde sich bestimmt nicht in seiner Zimmerflucht verbarrikadieren.
Die ganze Hausbelegschaft war schon in dem großen Raum versammelt, tat zumindest so, als würde sie in erster Linie dem Büfett zusprechen, und wartete auf das Kommende. Hier und da waren verschämt versteckte Champagnerkübel zu erspähen, denn selbst in diesem Haus hatte man nicht jeden Tag eine waschechte Wiederauferstehung von den Toten zu feiern.
Paul Forrester winkte den Agenten zu, sie sollten sich zu ihm und seiner Familie setzen, mit der Fox nach langer Zeit endlich Frieden geschlossen hatte. Und an einem feierwürdigen Tag wie heute herrschte ohnehin Burgfrieden für jede Art Zwist, der in diesen Mauern vorhanden sein mochte. Sie alle erinnerten sich, wie es in den vergangenen Tagen hier zugegangen war - jeder war mit vergrämter Miene herumgeschlichen, man hatte kein lautes Wort und kein Lachen gehört, als hätte jeder Angst, durch eine falsche Handlung den Abgang des Hausherrn heraufzubeschwören. Daß man gerade noch so am Weltuntergang vorbeigeschrammt war und eigentlich Grund zum Feiern gehabt hätte, wie es weltweit vielerorts in den letzten Tagen der Fall gewesen war, verblaßte im Vergleich damit fast zur Bedeutungslosigkeit, schließlich befaßte sich ein Tom Richards regelmäßig mit akuten Weltuntergangsszenarien. 
Und dann stand der Mann des Tages ganz unprätentiös in der Tür, den Butler im Gefolge. Er sah sich aufmerksam um, da anders als sonst, wo er meistens einfach ignoriert wurde - schließlich war er nur seit etwa zweihundertfünfzig Jahren der Hausherr und gehörte somit zum festen Inventar - heute alle Blicke auf ihm hafteten.
„Gibt es was zu feiern?“ fragte er mit unbewegter Miene.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #3 am: 6. Dezember 2016, 10:11:34 Uhr »
Da grinste schon die halbe Runde, die andere versuchte zumindest mit mehr oder weniger viel Erfolg, unbeteiligt dreinzuschauen.
Dawson Lynch trat vor.
„Da Reden nicht mein großes Talent sind --“ begann er, was Gestöhne im Hintergrund auslöste, denn von diversen Feiern im Haus kannte man von Dawson was ganz anderes - 
„--sage ich nur eins: Willkommen zurück, Chef!“
Verbeugte sich vor Tom wie der Gentleman alter Schule, der er war, ließ aus einer ihm zugereichten Champagnerflasche den Korken fliegen und reichte Tom das erste überschäumende Glas.
„Gott sei Dank, er hält keine Rede!“ staunte Tom großäugig in Richtung ihres Publikums, was prompt Gelächter auslöste. „Ist ihm das Hirn explodiert oder mir?“
Noch mehr Gelächter, während Dawson sich prompt mit komischer Miene an den Kopf faßte.
„Sowas überlasse ich jederzeit dir, Richie Boy. Sterben ist nicht so mein Ding.“ sagte der alte Mann.
„Wissen wir alle.“ grinste Tom, hob das Glas auf sämtliche Anwesenden und schüttete das Sprudelwasser hinunter, und alle anderen tranken ihm zu.
Ganz auf Stichwort wurde ein ziemlich großer, flacher Transportwagen hereingeschoben, auf dem sich unter einer ausladenden Hülle aus buntem Papier irgendwas befand. Es entpuppte sich gleich darauf als Torte von gigantischen Ausmaßen, auf der in gefärbtem Zuckerguß „Willkommen zurück“ stand und exakt zwei Kerzen brannten.
Eine für Toms erstes Millennium vor ein paar Jahren - und die zweite für seine Wiedergeburt.
„Ist die für mich?“ staunte Tom und fragte sich insgeheim, wie man solch ein Monster wohl in den Ofen bekommen hatte. Oder welchen Ofen man dafür überhaupt benutzt hatte. Vermutlich hatte man dafür einen Industrieofen angemietet, in dem normalerweise Rümpfe für Kohlefaser-Schiffe „gebacken“ wurden, dachte er dann.
Dawson überreichte ihm mit Grandezza das Messer, das für diesen Kuchen angemessen war - einen der riesigen alten Bihänder aus der Rüstkammer des Hauses, was wieder Gekicher verursachte.
„Soll ich?“ fragte Tom provozierend und schwang das scharfgeschliffene, schwere Eisenteil ohne jede Mühe weit über den Kopf, als wolle er den Kuchen samt Wagen spalten wie weiland Jungsiegfried den Amboß.   
 „Man hat mir gesagt, das Ding sei eßbar.“ mahnte Dawson mit gelinder Ironie, auf den Kuchen deutend.
„Ach. So. Weich genug also.“ Und schnitt den Kuchen auf zivilisierte Weise an, während sich das Publikum vor Lachen fast kugelte. 
„Hmmm.“ machte er dann, das erste Stück probierend. „Nicht schlecht.“
Weil man an der Füllung mit Creme, Obst und Marmelade offensichtlich nicht gespart hatte, genau so, nach altem europäischen Rezept, wie Tom seine Süßspeisen am liebsten hatte.
„Ich glaube, ich sollte öfter mal sterben.“
„Das läßt du schön bleiben, Jungchen. Gib mir nicht noch mal einen Grund für einen Herzinfarkt.“ Dawson bediente sich jetzt, und dann waren genug hilfreiche Hände da, die den Kuchen zerteilten und mit rasender Geschwindigkeit reduzierten, denn es gab viele Gäste. Und viele Leute, die so wie Larry vorher, auf ihre Weise einen Pakt mit dem wiederauferstandenen Tom Richards erneuerten, durch Blicke, Handschläge, Rückenklopfen. Und sich natürlich auch bedankten für den verhinderten Weltuntergang.
Es dauerte lange, bis er sich endlich befreien konnte von der Fürsorge und Dankbarkeit seiner Hausgenossen und Zeit fand für „seine“ Bundesagenten.
„Ben, George! Meine Insel des gesunden Menschenverstandes in diesem Mahlstrom des Irrsinns!“
Die beiden sahen genauso erleichtert aus wie die Hausbewohner, daß Tom wieder unter den Lebenden weilte.
Doch mit dienstlich-ernster Miene trat George Fox als der Ältere der beiden vor und drückte Toms Hand.
„Ich danke dir. In unserem Namen, im Namen unseres Landes und der gesamten Menschheit.“ sprach er feierlich. „Dafür hast du bei uns einiges gut.“
„Warum so förmlich, George. War doch nicht das erste Mal, daß ich die Welt gerettet habe, oder? Sowas gehört hier zum Service. Unmögliches wird sofort erledigt, nur Wunder dauern ein wenig.“
Die beiden nickten ernst - und dann hing Wylie auf einmal an Toms Hals und versuchte ihn in einer Bärenumarmung zu erdrücken.
„Danke, Tom!“ stöhnte er, während er Toms Schultern als Trommel mißbrauchte. Der ließ es sich mit schrägem Grinsen gefallen, denn Wylie wurde nur sehr selten so ausfällig.
„Schon gut, jetzt hör auf, sonst treiben die anderen noch eine Hochzeitstorte auf!“
„Wenn es denn nur so wäre!“ seufzte Wylie, der nie einen Hehl daraus gemacht hatte, daß er Tom auf der Stelle ehelichen würde, wenn Tom denn schwul und willig wäre. Wylie war zwar nicht schwul, aber Tom zuliebe hätte er jederzeit so getan als ob, nur um ihn für den Rest seines Lebens zuverlässig für sich allein zu haben.
Dann endlich gab Wylie ihn frei, und fragte: „Bereit für die großen Bosse?“
„Bereit.“ nickte Tom lächelnd, und ließ sich gern nach draußen eskortieren, wo der treue Larry bereits die „Angeberkutsche“, die größte Limousine im Fuhrpark, vorgefahren hatte.
Fox setzte sich auf den Beifahrersitz, wo sonst Tom selber aus alter Gewohnheit gerne saß, doch heute ging das natürlich gar nicht. Wylie leistete Tom im Fond Gesellschaft, und Fox tätigte einen Anruf an seinen Vorgesetzten, daß sie unterwegs waren.

General Wade meldete den Anruf sofort ans Weiße Haus weiter, damit man sich dort versammeln konnte, was keinen Aufwand bedeutete, da sich im Moment ohnehin jeder von Wichtigkeit im Regierungssitz oder zumindest in erreichbarer Nähe aufhielt, und machte sich dann selbst auf den Weg.
Er erinnerte sich sehr gern zurück an die erste eilige Lagebesprechung im Weißen Haus vor einigen Tagen, nachdem man offenbar sicher sein konnte, daß alle Atomgeschosse auf Nimmerwiedersehen im Weltall verschwunden waren und keine Gefahr eines verspäteten Zweitschlags mehr drohte.
Der gesamte Stab war versammelt gewesen, das hieß alle, die im Moment nicht dazu eingeteilt waren, sich aufgeteilt über das ganze Land möglichst weit weg von Washington aufzuhalten - eine altbewährte Maßnahme aus dem Kalten Krieg, die sicherstellen sollte, so daß selbst bei einer völligen Zerstörung der Hauptstadt und weiterer Städte immer ein Mindestbestand an Führungspersönlichkeiten übrig blieb, die sich im Notfall um die Vereinigten Staaten, oder was davon noch übrig war, zu kümmern hatten.
„Wer beginnt? Wer hat etwas zur Lage zu sagen?“ fragte der Präsident herum.


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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #4 am: 25. April 2017, 17:45:21 Uhr »
Verteidigungsminister Vandersteen hob prompt die Hand.
„Immer wenn etwas sehr ungewöhnliches passiert, wissen wir doch alle, wen wir fragen müssen.“ bemerkte er süffisant. Und blickte zu General Wade, genauso wie der Rest der Runde.
„Wie haben Sie das nur erraten?“ Der General verzog keine Miene, aber jedes einzelne seiner Worte kam mit fein betonter Ironie, was für das eine oder andere Grinsen sorgte. Gut so, die letzten Tage hatten wenig Grund für Heiterkeit gelassen.
Der Präsident seufzte laut. „Wieder Ihr Irrenhaus?“ Des Generals regelmäßige Berichte über seine Schützlinge gehörten inzwischen in ihrem Wahnwitz zu seiner liebsten Lektüre, auch wenn er den Inhalt oft nicht glauben wollte. Aber da er wußte, daß die hohe Kunst der Lüge nicht zu Wades vorstechenden Eigenschaften gehörte, mußte er sie wohl oder übel akzeptieren.
„Wer sonst, Sir?“ seufzte Wade passend zurück. Noch ein paar feixende Gesichter mehr. So locker war man in diesem Raum sonst nicht, schon gar nicht unter solchen Umständen, aber zur Zeit schien wahrhaftig nichts mehr normal zu sein. 
„Also gut. Wie haben sie das hinbekommen?“
„Er. Einzahl. Sie kennen seinen Namen. Er war es, der diesen Hilferuf ausgestoßen hat, den wir alle und ganz Washington mitgehört haben. Und er wurde erhört, von den überirdischen Mächten, mit denen er regelmäßig Kontakt hält. Allerdings hat sich keines dieser überirdischen Wesen persönlich hierherbemüht, stattdessen hat eines von ihnen einen Bruchteil seiner gottgleichen Kräfte kurzzeitig auf unseren Mann übertragen. Was diesen befähigte, die Atomwaffen rund um die Welt zu ergreifen und sie dorthin zu befördern, wo sie keinen Schaden anrichten konnten. Allerdings ist kein Mensch dafür geschaffen, gottgleiche Kräfte zu besitzen, nicht einmal unser persönlicher Verrückter, weshalb es ihm bei dieser Aktion das Gehirn zerlegt hat. Im Augenblick ist er tot, so tot wie es nur geht.“
Zur Verdeutlichung ließ Wade per Tastendruck ein vorbereitetes Bild, das einer seiner Agenten in einer gewissen Villa geschossen hatte, auf dem großen Hauptbildschirm des Raumes erscheinen, das ein paar der Anwesenden schlucken ließ. Es war das Gesicht eines Mannes, der erst vor kurzer Zeit gestorben war, die Augen aufgerissen, weil sie ihm noch niemand zugedrückt hatte, jedoch gebrochen und leblos, die Miene verständnislos, starr und käsigweiß und verkleistert von frischem Blut, das aus Augen, Nase, Mund und Ohren quoll. Das Bild eines Mannes, der durch einen Kopfschuß oder einen massiven Gehirnschlag getötet worden war, und der General wußte, daß ein paar Leute im Raum etwas derartiges schon selbst einmal im echten Leben gesehen hatten und erschließen konnten, daß die Aufnahme echt war.
„Was meinen Sie damit, im Augenblick ist er tot?“ fragte der Präsident, der inzwischen gelernt hatte, Wades Aussagen genau zu analysieren.
„Nun, wir alle wissen, daß dieser Mann in keiner Hinsicht normal ist, und jeder, der ihn kennt, weiß, daß er immer irgendein Ass in der Hinterhand hat. Auch für den Fall seines möglichen gewaltsamen Ablebens. Deshalb weigern sich seine nächsten Angehörigen und Mitarbeiter erst einmal, ihn für tot erklären zu lassen, sie rechnen damit, daß er sich immer noch erholen könnte. Im Augenblick liegt sein Körper auf Eis, und es ist ständig jemand bei ihm für den Fall, daß sich etwas an seinem Zustand ändert.“
„Sie rechnen also tatsächlich mit einer Auferstehung von den Toten?“ Das klang äußerst skeptisch, so skeptisch wie der General selbst mit solch einer Aussage umgegangen wäre, wenn es nicht ausgerechnet um seinen Ober-Irren gegangen wäre, der erwiesenermaßen für jede Art von Unfug gut war.
„Es gibt sogar mehrere Gründe, warum diese Möglichkeit tatsächlich nicht ganz ausgeschlossen werden kann. Mindestens zwei der überirdischen Mächte, mit denen der Mann Kontakt hielt, sind nach früheren Einschätzungen seinerseits durchaus in der Lage, so extreme Handlungen durchzuführen wie beispielsweise das Übertragen von Seelen von einem Körper in einen anderen, oder rückwirkende Eingriffe in die Zeit durchzuführen, so daß bestimmte Ereignisse ungeschehen gemacht oder im letzten Moment abgebogen und verändert werden könnten. Die Frage, die im Moment im Raum steht, lautet, wie wichtig ist unser Mann wirklich für die genannten Mächte. Wäre er ihnen wichtig genug, um wiederhergestellt zu werden, oder werden sie einen anderen als ihren Vermittler erwählen, und wenn das letztere, wer käme dafür in Frage, wann würden wir davon erfahren und welche Einflußmöglichkeiten hätten wir dann in Zukunft?
 - Das wirkt alles sehr phantastisch auf Sie, ich weiß. Seit ich die Aufgabe übernahm, über diesen Mann und seine ganze Umgebung zu wachen, habe ich viele phantastische Dinge miterlebt. Und deshalb nehme ich die Meinungen der Leute, die ihn noch besser kennen als ich, weil sie täglich mit ihm zu tun haben, nicht auf die leichte Schulter. Wir alle hier haben Zeit. Wir können abwarten, bis sich die Fragen, auf die wir im Moment keine Antworten haben, von selbst klären werden. Meine Leute vor Ort werden mich sofort informieren, wenn sich etwas tut. Kümmern wir uns darum lieber erst mal um die Dinge, die jetzt vorrangig zu erledigen sind, wie Ihre Ansprache an die Nation und die ganze Welt, Mr. President.“
„Erzählen wir der Öffentlichkeit irgendwas davon?“
Denn irgendeine Begründung mußte der Präsident liefern, zu viele Menschen hatten die Starts mitbekommen und wußten, was sie bedeuteten - oder hätten bedeuten sollen.
„Das ist ein ganz klares Nein. Sollte er tot bleiben, bekommt er ein rein privat und familiär gehaltenes Begräbnis auf seinem eigenen Grundstück, es gibt dort einen kleinen Privatfriedhof. Seine Angehörigen werden schweigen, sie kennen die Wahrheit, aber haben von sich aus kein Interesse daran, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.“
Und dann fügte der General die Idee an, die ihm seine Agenten im Sinne von Mr. Richards übermittelt hatten, wie man die Folgenlosigkeit der Raketenstarts der Allgemeinheit am besten erklären konnte, ohne übersinnliche Mächte und deren menschliche Helfer zu bemühen, auch wenn es im Ergebnis wahrhaftig eine Geschichte vom kotzenden Pferd darstellte.
Der Präsident, sein Stabschef, die versammelten Minister und sonstigen hohen Tiere hörten sich Wades Vorschlag an, erkannten nach anfänglicher Skepsis und kurzem Überdenken die Nützlichkeit, insbesondere im momentan praktisch atomisierten (pun intended) Verhältnis zu den anderen Atommächten, die ihre Arsenale genauso eingebüßt hatten, meldeten Wünsche zu kleineren Veränderungen an, die kurz diskutiert und per Abstimmung akzeptiert oder verworfen wurden, und stimmten schließlich zu, wobei sie einander rundum nochmals versicherten, auch dichtzuhalten über den Fakt, daß diese ganze schöne Geschichte in Bausch und Bogen erfunden war.
Denn sie war einfach der billigste Weg, sich ohne allzu großen Gesichtsverlust aus der Misere zu retten.
Alles andere, einschließlich Überwachung einer potentiellen Auferstehung von den Toten, würde weiterhin in den Händen von General Wade liegen. Um dessen Aufgabe ihn die anderen Mitglieder der Beratungsrunde wieder einmal beneideten, weil der Mann anscheinend den ganzen Spaß für sich allein gepachtet hatte.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #5 am: 15. Januar 2018, 18:36:16 Uhr »
...Und jetzt, über eine Woche später, führte eben dieser General Wade einen von den Toten wiederauferstandenen Mann durch das Weiße Haus in Richtung Oval Office. Nicht weil Richards den Weg nicht allein gefunden hätte, da er seit Grundsteinlegung des Gebäudes - und sogar schon vorher - mehr als einmal hier gewesen war, sondern weil Wade die Ironie des Augenblicks sehr wohl zu goutieren verstand. Kaum jemand von denen, an denen sie vorbeischritten, den Sicherheitsleuten und eiligen Angestellten und Beamten und üblichen Touristen, ahnte im geringsten, daß hier soeben der Retter der ganzen Welt an ihnen vorbeikam.
Die Beachtung, die Tom unterwegs nicht fand, bekam er dafür gleich anschließend im Besprechungsraum im Überfluß. Die vollständig versammelten Anwesenden (denn keiner hätte sich freiwillig diesen Auftritt entgehen lassen) beglotzten ihn einhellig wie ein Wundertier, als er nach dem General den Raum betrat. Zum Glück war Tom ungläubiges Staunen der Umgebung gewöhnt, wenn er sich wieder einmal irgendetwas geleistet hatte, was den Rahmen des Alltäglichen definitiv sprengte, und ganz insgeheim war er ein Angeber, der eine ordentliche Portion öffentliche Aufmerksamkeit hin und wieder durchaus zu schätzen wußte. Deshalb fühlte er sich im Moment keineswegs unwohl, da die Augen der versammelten Regierungsspitze auf ihm lasteten, sondern zeigte allen Anwesenden ein freundliches und ein wenig amüsiertes Lächeln.
Der Präsident erhob sich und kam auf ihn zu, und Tom grüßte ihn mit einer kleinen höflichen Verneigung.
„Mister Richards! General Wade hat schon viel von Ihnen erzählt.“ begann er, sichtlich ein wenig aufgeregt.
„Und Sie haben ihm vermutlich kein Wort geglaubt.“ antwortete Tom prompt.
„Inzwischen habe ich gelernt, ihm zu glauben.“
Er streckte die Hand aus. „Ich kann vermutlich gar nicht ausdrücken, wie dankbar wir alle hier Ihnen sind. In unserem eigenen Namen, in dem unserer Familien, unserer Freunde und Liebsten, im Namen dieses Landes und der gesamten Menschheit.“
„Im Namen der ganzen Welt, mit Ausnahme der Kakerlaken, die ihre Weltherrschaft wieder einmal vertagen müssen.“ ergänzte Tom, womit er alle Anwesenden zum Grinsen brachte. Er war nun mal ein Witzbold und konnte es einfach nicht lassen. 
„Aber ich fürchte, Sie danken dem Falschen, Mr. President.“ fuhr Tom fort, nahm aber trotzdem die Hand entgegen, denn ein Händeschütteln mit dem gewählten Staatsoberhaupt war selbst für ihn keine Alltäglichkeit, und unhöflich wollte er nicht wirken.
„Der Mann, der die Welt gerettet hat, ist bei dieser Aktion gestorben, er ist im Jenseits, den ewigen Jagdgründen oder wo auch immer die Menschen nach ihrem Ableben landen.
Ich bin nur eine Kopie, ein Backup, das jetzt in seinem freigewordenen Körper steckt. Meine Erinnerungen enden etwa eine Woche vor den Raketenstarts, als ich als routinemäßiges Backup und Ersatz für Notfälle geschaffen wurde.
Deshalb fragen Sie mich bitte nicht danach, was danach geschah, weil ich es nicht weiß. Ich weiß nur, daß ich genauso handeln würde wie mein Vorgänger, wenn ich in die gleiche Situation geriete. Ein einziges Leben ist aus meiner Sicht ein sehr geringer Preis für die vielen abermilliarden Leben auf einer ganzen Welt, wobei ich nicht nur die menschlichen zähle, sondern auch alles andere was lebt.
Aber trotzdem hänge ich an meiner Existenz, und deshalb möchte ich Sie darum bitten, Mr. President, daß Sie alles unternehmen, damit es nie wieder zu solch einer Situation kommen kann. Können Sie mir das versprechen?“
„Sie haben mein Wort, Mr. Richards.“ sprach der Präsident ernst.
„Das war auch für uns eine sehr üble Situation. In den Tagen seitdem wurde vermutlich mehr gebetet als im gesamten Jahr zuvor, da uns wieder einmal unsere Verletzlichkeit, unsere Sterblichkeit vor Augen geführt wurde.
Wir versuchen natürlich, das beste aus der Lage zu machen, innen- wie außenpolitisch. Ein solches Ereignis rüttelt die Leute auf, im Moment sind alle gewillt zuzuhören, wenn jemand Vorschläge unterbreitet. Wir wissen leider alle, daß der Zustand nicht anhalten wird, also schmieden wir die Eisen, solange sie heiß sind. 
Wissen Sie Bescheid über unser offizielles Statement zur verhinderten Katastrophe?“
„Man hat mich darüber informiert, und die Story findet meine volle Zustimmung. Der General und seine Leute wissen inzwischen, wie ich denke.“ lächelte Richards. „Antworte auf eine verrückte Situation mit etwas, was mindestens genauso verrückt ist, und die Leute werden es schlucken. Und da die Wahrheit in diesem Fall noch viel verrückter ist als unsere fromme Lüge, würde die erst recht niemand glauben. Also bleibt es dabei, und sollte jemand etwas anderes behaupten, muß er Beweise liefern.“
„Die er nie finden wird, weil außer den Anwesenden hier und einigen wenigen weiteren Personen, die schweigen werden, niemand die Wahrheit kennt.“ fügte Wade an.
„Wer sind diese weiteren Personen?“ warf Vandersteen ein, unbewegt aber in Wahrheit besorgt, denn jeder Mitwisser konnte rein theoretisch irgendwann die kleine Flunkerei der Regierung auffliegen lassen.
„Alles Leute, die mit den Eigenheiten von Mr. Richards vertraut sind und wissen oder zumindest ahnen, wer die Finger im Spiel hatte, wenn ungewöhnliche Dinge vorfallen. Leute, die es gewöhnt sind, darüber zu schweigen, denn auch ihnen würde niemand die Wahrheit abkaufen. Das ist einer der Vorteile, wenn man mit einem Irren von Mr. Richards´ Format zu tun hat, er ist einfach zu verrückt, als daß irgendjemand noch irgendetwas von ihm ernsthaft glauben würde. Außer er kennt ihn so gut wie ich und weiß, daß der Mann so gut wie nie lügt.“
Daß Richards dazu grinste und auf sich selber deutete, nahm Wades Worten den Klang von Herablassung, denn wenn er selbst sich so sehen und auch so gesehen werden wollte, mußte das einen guten Grund haben. Das Entschärfen problematischer Situationen oder aber des Wissens darum per vorgegebener chronischer Unzurechnungsfähigkeit war in den Augen der politikerfahrenen Anwesenden jedenfalls keine schlechte Idee.


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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #6 am: 16. Januar 2018, 11:10:29 Uhr »
Sie sagten gerade, daß der richtige Mr. Richards gestorben sei, und Sie seien nur so etwas wie ein Backup, wie in einem Computer?“ fragte der Präsident. „Tut mir leid, das verstehe ich nicht. General Wade teilte uns kurz nach Ende der Krise in seinem ersten Bericht mit, daß Sie verstorben seien. Aber jetzt sind Sie hier, auferstanden von den Toten, wie er es uns in Aussicht stellte, und wir glaubten ihm natürlich nicht. Wie ist das möglich?“
Auferstanden wie ein neuer Messias, sagte er nicht, aber man wußte allgemein, daß der Präsident gläubig war. Mit einem zweiten Christus umgehen zu müssen, war vermutlich nicht gerade sein Wunsch, damit und mit den ganzen denkbaren Folgen hätte er sich hoffnungslos überfordert gefühlt, und wahrscheinlich zu Recht.
„Hat er Ihnen erzählt, wie genau die Weltrettung ablief?“
„Er sagte, Ihre außerirdischen Verbündeten hätten einen Bruchteil ihrer Kräfte auf Sie übertragen, was Sie zur Ablenkung der Atomgeschosse befähigte, zugleich jedoch Ihren Tod verursachte.“
„Genau so. Durch die Überanstrengung ist mein Gehirn explodiert. Aber glücklicherweise hatte ich noch eines in Reserve, gewissermaßen. Sobald die Hardware wieder einsatzbereit war, fehlte nur noch der Download des letzten Updates meiner Software, und der ließ ein paar Tage auf sich warten, bis die zuständige Wartungsfirma während eines turnusgemäßen Checks merkte, daß Schäden aufgetreten waren. Es scheint aber alles ordnungsgemäß repariert worden zu sein, jedenfalls kann ich keine Unterschiede zu vorher erkennen. Kommt vielleicht noch, aber das warte ich einfach ab. - Echt verrückt, nicht?“ fragte er dann breit grinsend in die Runde.
Die nicht recht wußte, ob sie das gesagte so einfach glauben wollten oder nicht, die gezeigten Gefühlsregungen reichten von offen gezeigtem Zweifel über Augenverdrehen über so viel Unfug bis zu nachlässigem Grinsen (Vandersteen natürlich, der Richards schon länger alles und wirklich alles zutraute, da er ihn bereits in Aktion erlebt hatte).
„Das klingt in meinen Ohren immer noch zu ... technisch. Sind Sie überhaupt menschlich, Mr. Richards?“ Der Präsident wollte es jetzt genau wissen, was man ihm nicht verdenken konnte. 
„Nun, normal war ich noch nie seit dem Zeitpunkt meiner Entstehung, aber ich bin viel mehr als nur ein Mensch. Ich bin vieles, was Sie sich nicht einmal vorstellen können.“
Und ganz plötzlich leuchtete seine Gestalt auf, in hellweißem Licht, und veränderte ihre Form, mächtige Flügel aus Licht bildeten sich zu beiden Seiten, dazu ein Vogelkopf mit Schnabel und Augen, aus denen das blaue Feuer einer lebendigen Sonne strahlte - -
und dann schwand das Licht schon wieder, und stattdessen stand da etwas, was der außerirdische Vorfahre von Tom Richards sein mußte, wie Wade als einziger erkannte, ein auf zwei Beinen stehendes Geschöpf mit kräftigem, fellbedeckten Körper und krallenbewehrten, handähnlichen Pranken und dem blond bemähnten Kopf eines Löwen, aber die Augen waren nicht die einer irdischen Katze, sondern größer und erinnerten an die buntgestreiften Facettenaugen eines Insekts -
und dann wechselte die Erscheinung abermals, diese Gestalt erkannten sie vermutlich alle aus dem Geschichtsunterricht oder einem Abenteuerfilm, es war der berühmte Pirat Captain Devil in voller Bewaffnung mit Seesäbel, Katana und Wurfmessern und einem prächtig federgeschmückten Hut auf dem Kopf -
und abermals ein Wechsel, ein kaum achtzehnjähriger Junge mit blonder Haarmähne, der um eine dreißig Jahre jüngere Version von Tom Richards zu sein schien, Siwa Hendricks, sein Original aus der Zukunft -
und wieder ein Tier, groß wie ein kleines Pony, aber grasgrün geschuppt und auf vier Beinen stehend, mit langem Reptilienschwanz, kurzen Hörnern auf dem Kopf und einem kleinen Stachelkamm über den halben Rücken, eine Babyversion seines Drachens Azure -
und dann kam etwas, was zumindest Wade bis ins Mark erschreckte, nämlich ein Tentakelwesen, das verblüffend den Black Ones ähnelte, die Tom ihm einmal in einer telepathischen Übertragung gezeigt hatte, dieses hier allerdings war nicht schwarz, sondern gleißte im gleichen ätherischen Licht wie der Vogel Phönix vorher -
und dann endlich stand Tom Richards wieder so da wie vorher, in seiner alten Gestalt.
Und im Moment wußte nur General Wade, daß keine einzige dieser Erscheinungen Phantasie oder Illusion gewesen war, sondern daß sie alle, sogar das Tentakelwesen, feste Bestandteile von Toms Persönlichkeit waren, die ihn ausmachten, so wie er war.
Wenn Beamte des Secret Service anwesend gewesen wären, hätte Wade im Moment für nichts garantiert, aber zum Glück waren sie für diese geheime Unterredung vor die Tür geschickt worden, und keiner der Anwesenden trug eine Waffe bei sich. Der Rest der Runde wirkte zum Teil fasziniert, zum Teil geschockt.
„Und dieses Sammelsurium, diese Chimäre habe ich jeden Tag an der Backe, Ladies und Gentlemen.“ motzte er deshalb gespielt und mit voller Absicht in saloppem Tonfall, während er sehr ungeniert und unhöflich mit dem Finger auf Tom zeigte, um jeder anderen Reaktion zuvorzukommen und zugleich dem Erlebnis gleich mit erkennbar gezeigter Respektlosigkeit den schlimmsten Stachel zu ziehen.
Denn er kannte die Charaktere der Anwesenden und wußte, gefährlicher als ein Politiker mit Macht war ein Politiker mit Macht, der berechtigte Angst empfand. Primitive kreatürliche Angst vor einem höherstehenden Wesen war für diese selbstbewußten Männer und Frauen die gefährlichste Art von Angst, weil sie dann zu allem fähig und bereit waren, um sich selbst zu bestätigen.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #7 am: 19. Januar 2018, 10:57:35 Uhr »
„Sie wußten bereits, was er ist, General.“ fragte ein sichtlich faszinierter Präsident.
„Ja, Mr. President. Er hat mir nichts verschwiegen. Das alles, was Sie gerade sahen, sind Teilaspekte seiner Persönlichkeit, er ist all das und noch viel mehr. Und als ich von seiner Auferstehung erfuhr, hatte ich kurzfristig Angst, es in Zukunft auch noch mit einem unsterblichen Halbgott zu tun zu haben. Zum Glück stellte sich diese Annahme inzwischen als haltlos heraus, er ist das, was er immer war - ein völlig unberechenbarer hoffnungslos Verrückter mit einer Riesenklappe, der sich die Betreuung durch meine Agency voll und ganz verdient hat.“
„Unser guter Wade hatte schon Angst, er müsse ab sofort jedesmal das große Halleluja anstimmen, wenn er mit mir zusammentrifft.“ warf der Erwähnte breit grinsend ein. „Keine Sorge, General, ich weiß doch, daß Sie absolut unmusikalisch sind. Ein Kniefall mit Anbetung jeden Mittwoch reicht mir völlig.“
Woraufhin sich die ganze Runde wieder einmal das Feixen nicht verkneifen konnte, weil Wade prompt und äußerst unfromm zeigte, wo das Vögelchen haust.
„Meine Leute nennen das den Kindergarten-Index.“ erklärte Wade dann süffisant, abermals sehr undezent auf Tom deutend. „Je dramatischer die Umstände, um so niedriger das Niveau. Und wie Sie soeben gemerkt haben, hat es zur Zeit einen neuen Tiefststand erreicht.“
Das Grinsen auf den Gesichtern wollte nicht weichen, weil Richards zu diesen herablassenden Worten über das ganze Gesicht strahlte, mit beiden Daumen auf sich selber zeigte und sich dann geziert verbeugte, als würde ihm das Publikum frenetisch applaudieren.
Und diejenigen unter den Zuschauern, die ihre Psychologiestunden nicht geschwänzt hatten, begriffen jetzt, warum Wades „Kindergartenindex“ so aussagekräftig war, weil nämlich Richards ganz offensichtlich davon ausging, daß absichtliches Verrücktspielen die psychologischen Folgen einer Beinahe-Katastrophe am besten mildern konnte. Er gefiel sich in der Rolle eines mittelalterlichen Hofnarren, der als einziger unangenehme, aber leider notwendige Wahrheiten aussprechen durfte, ohne dafür belangt zu werden, und den auch die Wichtigkeit eines Amtes oder der Ernst einer Situation nicht einschüchtern konnte.
Und tatsächlich fühlten sie sich irgendwie erleichtert, da sie zum ersten Mal seit fast zwei Wochen wieder fast unbeschwert lächeln konnten, über die Possen eines übermenschlichen Wesens, das Hofnarr sein wollte. Richards verstand sein Handwerk als Psychologe, erkannten sie uneingeschränkt an.
„Sie sind gefährlich, Mr. Richards.“ stellte Arlene Baker, die leitende Direktorin des Directorate of Science and Technology, der wissenschaftlichen Abteilung des CIA, in scheinbar unbeeindruckt-geschäftsmäßigem Tonfall fest.
„Merken Sie das erst jetzt?“ gab Tom anzüglich zurück. Er wußte genau, was in ihrem Kopf im Moment ablief, nämlich Risikokalkulationen, in denen der Faktor Tom Richards hin und hergeschoben wurde zwischen Nutzenmaximierung und rotem Gefahrenbereich. Zweifellos überwog das letztere, was Tom in den Augen von Mrs. Baker zu einem unkontrollierbaren Risiko für das Land und die Welt werden ließ.
„Der gute General weiß schon lange, wozu ich fähig wäre. Ich habe ihn darüber nie in Unkenntnis gelassen. Er weiß aber auch genug über mich um zu wissen, daß er meine allerletzten Geheimnisse nie erfahren wird und darf. Und warum es gefährlich wäre, diese Geheimnisse per Gewalt oder Tricks aus mir herauszubekommen. Gefährlich für dieses Land und für die Zukunft der ganzen Menschheit. Das gehört zu unseren Vereinbarungen, daß ich ihm alles gebe, was ich verantworten kann, aber nicht mehr. Aus dem gleichen Grund habe ich es mir strikt verbeten, für politische Zwecke benutzt zu werden, egal ob als Vorzeige-Superman wie aus den Comics oder in irgendeiner anderen offiziellen Stellung. Und von Ihnen anderen erwarte ich das gleiche. In Ihrem eigenen Interesse, denn Sie sollten lieber nicht darauf hoffen, mich kontrollieren zu können. Das könnte jederzeit schiefgehen, und auch das weiß General Wade. In akuten Notfällen stehe ich bereit, aber ich bin nicht der Typ, der Katzen von Bäumen rettet, oder ihre politischen Äquivalente. Verstehen Sie mich?“
„Sie werden also nicht irgendwann für das Präsidentenamt kandidieren.“ stellte der amtierende Präsident fest.
Denn daß Tom ein idealer Kandidat wäre - immens reich, mit einnehmendem Äußeren und Wesen gesegnet und sogar mit einigem gesunden Menschenverstand, Pragmatismus sowieso, trotz seines regelmäßig vorgeschützten Verrücktspielens - war ihm nicht entgangen.
Und jetzt auch noch diese Sache mit der Weltrettung und der Wiederauferstehung von den Toten ...
„Nein danke, für solch ein Amt bin ich noch nicht verrückt genug.“ entgegnete Tom süffisant. Was eine weitere Runde Gegrinse auslöste. „Ich habe eine Ahnung, mit Verlaub gesagt, in wie viele Hintern man in diesem Job kriechen muß. Vielleicht fragen Sie mal in der Gewerkschaft der Kanalarbeiter herum, wer als Ihr Nachfolger in Frage käme, die Leute dort haben reichlich Erfahrung im Umgang mit brauner Materie.“
Jetzt erklangen seltsame Geräusche, die von unterdrücktem Gelächter im Raum stammten. Nur der General zog eine Miene, als hätte er in eine saure Zitrone gebissen. „Wird Zeit, ihn vor die Tür zu setzen, wenn er unflätig wird. Mr. President.“
„Ach, ich finde ihn sehr unterhaltsam.“ Der mächtigste Mann im Staate lachte immer noch leise vor sich hin.
„Sie gäben jedenfalls einen sehr ungewöhnlichen Präsidenten ab.“

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #8 am: 22. Januar 2018, 10:21:10 Uhr »
„Einen bei dem die Army zuhause bliebe, weil er sich die Bösewichte alle eigenhändig zur Brust nimmt.“ grinste Tom zurück. „Und der damit den ganzen Secret Service in den Wahnsinn triebe, weil sie gar nicht schnell genug hinter mir herkämen. Ein Präsident, der die ganze Innen- und Außenpolitik gründlich umkrempeln würde. Niemand, der noch einen Funken gesunden Menschenverstand besitzt, würde dieses Risiko mit mir eingehen.“
„Die Army einfach in den Kasernen lassen zu können, das wäre mein Wunschtraum.“ bekannte der Präsident.
„Sie sind also der Meinung, daß nach allem was geschehen ist, alles wie früher weiterlaufen soll.“
„Lief doch bisher ganz gut, oder? Ich war da, wenn ich gebraucht wurde. Wann ich gebraucht werde, entscheide ich selber oder der General. Wenn ich nicht kommen sollte... habe ich ganz bestimmte Gründe dafür, über die der General Bescheid weiß, zumindest in groben Zügen, mit denen ich aber andere lieber nicht belaste. Wie Mrs. Baker.“
Er warf einen sehr bezeichnenden Blick in ihre Richtung, er wußte genau, wie gerne sie ihm alle Würmer aus der Nase gezogen hätte, per Daumenschrauben und Streckbank oder deren modernen Äquivalenten, sehr langsam und mit viel Genuß auf ihrer Seite. Einen kleinen Geschmack, was in Toms Kopf lauerte, hatte sie einmal erhalten, aber das schien ihren Eifer nicht lange gedämpft zu haben, vermutlich hatte sie es mit Hilfe eines guten Psychiaters einfach verdrängt. *
„Warum, Mr. Richards? Warum wollen Sie mir nicht geben, was Sie Mr. Wade geben?“ fragte sie unbeirrt und keineswegs eingeschüchtert zurück.
„Weil es selbst für ein Wesen wie mich Gesetze gibt, an die ich mich halten muß. Bei Zuwiderhandlung drohen mir Folgen, gegen die ein explodiertes Gehirn wie eine harmlose Kinderkrankheit wirken würde. Und ich möchte nicht wissen, was die Menschen um mich herum als Fallout abbekommen würden.“ Seine ernste Miene zeigte den Versammelten deutlich, wie ernst ihm dieses Thema war.
„Jedesmal wenn ich an diese Grenzen stoße, muß ich auf Samtpfoten vorgehen und jeden Schleichweg, jede Hintertür benutzen, damit sich meine Handlungen zumindest an der Oberfläche nicht auswirken. Allerdings habe ich häufig die Möglichkeit, unter der Oberfläche Schachfiguren in bessere Stellungen zu bringen, so daß sich später, bei einer günstigeren Gelegenheit, ohne großen Aufwand eine ganze Kettenreaktion oder ein Lawineneffekt in Gang bringen läßt. Langzeitprojekte, über die der General ebenfalls zumindest in groben Zügen Bescheid weiß. Wie Sie alle wissen, ist er sehr pflichtbewußt und würde nichts dulden, was die nationale oder weltweite Sicherheit gefährdet, auch von mir nicht. Deswegen ist er praktisch der Garant dafür, daß alles was ich unternehme auf kurze oder lange Frist dem Wohl der Menschheit dient. Auch wenn dafür hin und wieder ein paar Eier zerschlagen werden müssen, aber ohne das gibt es kein Omelette.“
General Wade nickte dazu ausdrücklich und bestätigte: „So ist es. Bitte stellen Sie dazu keine Fragen, sonst sitzen wir in zehn Jahren noch hier drin, man kann Projekte, die über Jahrzehnte oder gar über Jahrhunderte laufen, nicht in wenigen Minuten erklären. Ich kann Ihnen nur bestätigen, daß alles soweit unter Kontrolle ist, und das meiste davon ist so harmlos, daß es keinem von Ihnen jemals auch nur auffallen, geschweige denn einen bösen Traum bescheren würde. Vieles ist nach meiner persönlichen Einschätzung sogar ausgesprochen nützlich, für uns, die Bevölkerung dieses Landes oder die Menschen auf der ganzen Welt. Dieser Mann denkt nicht nur in kleinen Maßstäben, weder zeitlich noch räumlich.“ Seinen Fähigkeiten angemessen, brauchte er nicht laut anfügen.
„Was passiert damit, wenn Sie abermals ausfallen sollten?“ Sie ließ einfach nicht locker.
„Ziemlich wenig, weil die meisten Projektabschnitte als Selbstläufer konzipiert sind. Ich besitze weder die Zeit noch das Erinnerungsvermögen, mich ständig um jede Kleinigkeit kümmern zu können. Es reicht, wenn ich hin und wieder ein paar gefährliche Klippen umschiffe oder an einer wichtigen Kreuzung die Richtung vorgebe, den Rest der Zeit kümmern sich vertrauenswürdige Leute darum, von denen die meisten glauben, in ihrem eigenen Interesse zu handeln. Aber solange das nicht mit meinen Zielen kollidiert, werde ich ihnen diesen Glauben auch nicht nehmen.“
„Und bei einem langfristigen Ausfall?“
„Dann werden früher oder später die Projekte an einer Klippe scheitern, an einer Kreuzung in die falsche Richtung gehen oder ihr Ziel nicht erreichen, weil zum richtigen Zeitpunkt niemand da sein wird, der den Schalter für die Kettenreaktion umlegt. Das wäre ein Verlust, weil die Dinge, die ich heute bewege, in ferner Zukunft Millionen von Menschenleben beeinflussen werden. Zum Positiven, wie ich hoffe, wenn sie so laufen wie ich sie geplant habe.“
„Derartige Planungen würden ein ausführliches Vorauswissen um die Zukunft erfordern.“
Dumm war sie nicht, die Direktorin Baker. Sie legte einen Köder aus. Aber Tom grinste nur nachsichtig.
„Mein Lehrer hat mir mal offiziell bescheinigt, lang ist´s her, daß meine Fähigkeiten als Hellseher keinen rostigen Dime wert sind. Anscheinend habe ich mich in dieser Disziplin inzwischen verbessert. Aber ich kann nur Riesenklippen im dichten Nebel wahrnehmen, an denen sich die Brandung der Zeit sehr heftig bricht, laut genug daß ich es hören kann, von Kleinkram muß ich mich überraschen lassen wie jeder andere Mensch auch, und der entscheidet oft genug darüber wohin die Reise geht, ob ans Ziel oder in den nächsten Abgrund. Ich kann ihn nur leichter ausreiten und kompensieren als andere, mit all den Mitteln die mir gegeben sind.“

(* siehe: "Invasion!")

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #9 am: 30. Januar 2018, 17:37:21 Uhr »
„A propos Mittel.“ meldete sich der Präsident wieder zu Wort, wohl wissend, daß der General ihn zu diesem Thema weiteres berichten würde.
„Ich weiß, daß Sie sehr reich sind und sich alles kaufen können was Sie wollen. Trotzdem haben Sie sich für Ihre Verdienste um die Rettung der Welt den Dank unserer Nation verdient. In irgendeiner Form, wie auch immer sie aussehen sollte. Ich denke, irgendwelche Wünsche werden Sie doch sicher haben, irgendetwas, was Ihnen Ihr Geld nicht kaufen kann. Wir würden gerne unsere Dankbarkeit in handfester Form beweisen, sofern es in unserer Macht steht und legal ist.“
Das hatte so sicher kommen müssen wie das Amen in der Kirche, und Tom war darauf vorbereitet. Er wußte was er brauchen konnte. Und wie er es formulieren mußte.
„Ja, da gibt es tatsächlich etwas. Die erste Reaktion eines Staatschefs besteht immer darin, buntes Blech zu verteilen, aber Sie wissen selber, daß ich einen entsprechenden Orden wahrscheinlich nie in der Öffentlichkeit tragen dürfte, das würde zu viele Fragen herausfordern. Und Sie wissen ja aus General Wades Berichten, wie gut ich schweigen kann.“ Er zwinkerte vertraulich in Richtung des Präsidenten, der sich abermals ein Grinsen nicht verkneifen konnte. Toms chronische Unfähigkeit, über geheime Vorgänge die Klappe zu halten, sorgte immer wieder für interne Auseinandersetzungen zwischen Wade und seinen Vorgesetzten.
„Deshalb möchte ich etwas anderes von Ihnen. Wie Sie wissen, hatten wir schon vor diesem Ereignis diverse andere, die die nationale und sogar weltweite Sicherheit bedrohten, und im Rahmen weiterer Ereignisse dieser Art kann es jederzeit passieren, daß ich mir Freiheiten herausnehmen muß, die die gesetzlichen Vorgaben dieses Landes weit überschreiten. In diesen Fällen möchte ich nicht, daß mir die Regierung, sei es zu Ihrer Amtszeit oder irgendwann später, anschließend Knüppel zwischen die Beine wirft, weil ich das als lästig und auch als undankbar empfinden würde.
In Kurzfassung, ich möchte einen Blanko-Pardon von Ihnen. So abgefaßt, daß es auch jeder Ihrer Nachfolger im Amt anerkennen würde und müßte. - Ich weiß, das derartige Pardons nicht leichtfertig vergeben werden, und schon gar nicht blanko, aber es wäre General Wade,“ er deutete auf den Mann, der dazu nickte, „der darüber wachen wird, daß ich ihn niemals leichtfertig mißbrauchen werde. Und wenn er eines Tages seinen Posten aufgibt, wird er seinen Nachfolger entsprechend instruieren, falls ich es bis dahin nicht benötigt habe. Und dieser vielleicht wieder seinen Nachfolger. - Ich nehme an, man hat Ihnen gesagt wie alt ich bin.“ sprach er zum Präsidenten. „Und ich werde vermutlich noch da sein, wenn Sie alle längst zu Staub geworden sind, als der einsame Wächter über die Zukunft dieser Welt. Das ist die Aufgabe, die mir vom Schicksal gegeben wurde, und ich nehme sie an. Allerdings bekomme ich dabei nicht gern bürokratische Knüppel zwischen meine Beine, derartige Maßnahmen würde ich als bewußte Schikane empfinden, was dann irgendwann dazu führen würde, daß ich entsprechende Gegenmaßnahmen ergreife. Und das würden weder Sie noch irgendein Nachfahre in Ihrem Amt sich wünschen, Sir.“
„Das ist keine Drohung, sondern eine Feststellung, Sir.“ fügte Wade sogleich dazu an. „Was Racheaktionen angeht, besitzt er das Gedächtnis eines Elefanten. Und sehr viel Phantasie in der Durchführung. Sie sollten nicht glauben, daß die Zusammenarbeit mit ihm jeden Tag ein Zuckerschlecken ist. Er testet Sie rigoros, deckt alle Schwachstellen auf, und dann vergnügt er sich damit, Sie gezielt in den Wahnsinn zu treiben, indem er ständig etwas neues anbringt, womit Sie nicht rechnen. Ich weiß, daß Sie mich um ihn beneiden, Mrs. Baker,“ - er sprach jetzt ebenso zu ihr - „aber wenn Sie ihn erst mal ein paar Wochen an der Backe hätten, würden Sie vermutlich alles tun, um ihn wieder loszuwerden. Die CIA samt Ihrer Abteilung hat genug Leichen im Keller, um seine chronische Neugier zu wecken, und so geheim könnten Sie Ihre Geheimnisse gar nicht halten, als daß er nicht dahinterkommen würde. Mein Haus ist zum Glück so sauber wie es möglich ist, und die vorhandenen Leichen schon zu alt, als daß sie noch relevant wären.“
Ein „sauberes Haus“ zu führen, sich keine Nachlässigkeiten, aber auch keine Überschreitungen der Dienstbefugnisse und Legalität vorwerfen lassen zu müssen, war immer die Politik von General Wade gewesen und der Grund, warum er diesen Posten schon so lange unangefochten innehielt. Die Präsidenten mochten wechseln, aber bei General Wade wußten sie immer, woran sie waren, er war eine feste Größe in Fragen der inneren Sicherheit.
„Ich verstehe. Und ich denke, das mit dem Pardon können wir verantworten, wenn Sie als Bürge für Ihren Schützling einstehen, General. Meinungen?“
Der Präsident blickte in die Runde, fand aber nur nickende Köpfe, das war ein billiger Preis für eine Weltrettung, der nicht mal Staatsgelder kostete. Einige, darunter der von Mrs. Baker, zwar mit einem Stirnrunzeln, aber auch sie nickte schließlich. So ein präsidialer Pardon ließ sich mit etwas Hinterhältigkeit trotzdem hintertreiben und aushebeln, wenn man es darauf anlegte. Ein billiges Versprechen auf die Zukunft ohne große Verlustrisiken, keine Diskussionen wert.
„Damit ist das geklärt. Den schriftlichen Pardon werden Sie im Anschluß an diese Sitzung erhalten.
- Allerdings habe ich jetzt noch ein Problem.“ fügte der Präsident in langsamerem Ton an.
„Ich wurde zu einer Geheimkonferenz nach Oslo gebeten, um dort die Sache mit dem Omega-Code zu erklären. Nach außen, für die Öffentlichkeit, stimmten die anderen Atommächte unserer Ausrede zu, weil es praktisch das einzige war, was sie machen konnten nach meiner Rede an die Nation. Aber selbstverständlich gibt es eine ganze Menge Leute bei uns wie in den anderen Ländern, die genau wissen, daß es solch einen Schutzcode nie gegeben hat und nicht geben konnte. Diese Leute wollen jetzt natürlich von mir wissen, was tatsächlich passiert ist. Wie es möglich war, daß sogar Waffensysteme, die nicht fähig waren, auch nur den Erdorbit zu erreichen, trotzdem Fluchtgeschwindigkeit mit direktem Kurs in die Sonne erreichen konnten. Und dann weiterflogen, mit Beschleunigungswerten, die selbst die hochentwickeltsten Raketentriebwerke nicht erreichen konnten. Was würden Sie den Leuten an meiner Stelle sagen, Mr. Richards?“


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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #10 am: 6. Februar 2018, 11:42:48 Uhr »
Der lächelte nur freundlich. „Die Wahrheit natürlich, nichts als die reine Wahrheit. Über einen Irren und dessen übermächtige Alien-Freunde. Und ihnen dann die Entscheidung überlassen, ob sie mit der Wahrheit hausieren gehen wollen oder lieber freiwillig bei der umwelt- und imagefreundlichen Story vom Omega-Code bleiben wollen. Sie können ja schließlich nichts dafür, Sie haben nur einen Text vorgelesen, den ein anderer für Sie geschrieben hat.“ Weil Tom natürlich genau wußte, daß Präsidenten heutzutage äußerst selten Reden aus dem Stegreif hielten, sondern ihre Reden von speziellen Autoren auf den Leib geschneidert bekamen.
„Und der Inhalt dieses Textes stammte von der Federal Security Agency. Auf dessen Wahrheitsgehalt Sie sich selbstverständlicherweise verlassen haben. Ups, unser Fehler, wir beide hier, nicht Ihrer.“ Er deutete locker mit dem Daumen zuerst auf sich und dann auf General Wade.
„Sucht euch aus, was euch besser gefällt, Aliens oder Omega-Code. Euch und euren Bevölkerungen. Eine andere Alternative gibt es nicht.“
„Ich verstehe.“ sagte der Präsident wieder, denn das war der Punkt, der schon vor Veröffentlichung seiner Verlautbarung diskutiert worden war, manche Dinge konnte man der Öffentlichkeit einfach nicht zumuten.
Und dann flog ein verschmitztes Schmunzeln über sein Gesicht. „Da Sie das so schön gesagt haben - würden Sie an meiner Stelle nach Oslo fliegen? Zusammen mit dem General.“
Wade ächzte hörbar. „Ich würde Ihrem Befehl zwar folgen, Sir, aber den ganzen Flug über hoffen, daß die Maschine abstürzt, bevor wir ankommen.“
Wieder Gegrinse ringsum, das sich verstärkte, als Tom prompt mit strahlendem Gesichtsausdruck entgegnete: „Keine Sorge, General, das wird nicht passieren, nicht mal wenn Sie eine Bombe einschmuggeln. Dafür sorge ich.“
„Das habe ich befürchtet.“ motzte Wade leise, aber einem direkten Befehl seines Präsidenten konnte er sich nicht verweigern, oder?
„Gut. Dann kann ich auf Sie zählen?“ fragte der Präsident, erleichtert wirkend. „Sie erhalten sogar die Air Force One für den Flug.“ Die berühmte Boeing 747-200B mit dem präsidialen Siegel auf der Außenhülle, die allerdings nur dann Air Force One genannt wurde, wenn sie tatsächlich den Präsidenten an Bord hatte, ansonsten trug die Maschine die Bezeichnung VC-25A. Jedes Flugzeug der Air Force durfte sich Air Force One nennen, wenn der Präsident an Bord war. Zwei von der Sorte mit dem Siegel gab es in ständiger Rufbereitschaft, also konnte der Präsident leicht mal eine davon ausleihen.
„Wenn ich ein paar Freunde mitnehmen darf? Nur für den Flug, nicht für die Konferenz.“ fragte Tom sofort, weil er wußte, daß Charly ihn kreuzigen würde, wenn er ihm und seinen Hackerfreunden diese einmalige Chance nicht gönnte.
„Sind zwar ein verrückter Haufen, aber sie bringen garantiert keine Bomben mit, versprochen.“ Und dabei zwinkerte er vergnügt in Richtung des Generals, der sich unwillkürlich übers Gesicht wischte, als wolle er in Wahrheit dasselbe am liebsten hinter beiden Händen verbergen.
Das Publikum amüsierte sich prächtig. 
„Wenn Sie beide für sie bürgen - in Ordnung. Klären Sie das mit den anderen Staatschefs, General Wade, als mein offizieller Stellvertreter, schließlich stammte die Geschichte aus Ihrem Stall. Ich habe hier wahrhaftig genug anderes zu tun.“ Er wandte sich an Tom: „Leider kann ich Sie dafür nicht auffordern, Ihre Verrücktheit einmal hintenan zu stellen, weil sie gerade da wohl gebraucht werden wird. Aber ich muß hoffentlich nicht betonen, wie wichtig diese Konferenz für unsere internationalen Beziehungen ist.“
Tom lächelte ihn froh an. „Keine Sorge, Sir, wie Sie vorhin gemerkt haben, hat der gute General inzwischen gelernt, auf meine Art verrücktzuspielen. Gemeinsam mischen wir die Bude schon auf.“
„Das befürchte ich.“ wagte Wade zu murmeln. Er war überhaupt nicht amüsiert, konnte aber noch froh sein, daß es nicht schlimmer gekommen war, als hartgesottener ehemaliger Militär hatte er vor einem Treffen hoher Tiere keine Angst, nicht in Washington und nicht in Oslo. Aber was hätte er erwarten können - bei immerhin einem verhinderten Weltuntergang?
Mit einem handfesten Handschütteln zwischen Tom und dem Präsidenten und einer herzlichen Verabschiedung wurde dieses Treffen beendet.
Und so kam es, daß Tom Richards und der General sich zwei Tage später in Oslo in einem großen Saal wiederfanden, umgeben von einer ganzen Reihe von hochrangigen Politikern und Würdenträgern aus aller Welt. Denn als der Präsident der Vereinigten Staaten seine Abwesenheit zugunsten zweier Bevollmächtigter mitteilte, hatte er die Adressaten durch die Blume wissen lassen, daß diese beiden die allererste Quelle waren für jede Frage, die die Konferenzteilnehmer zum Thema Omega-Code zu stellen gedachten.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #11 am: 9. Februar 2018, 15:02:04 Uhr »
Wade begann seinen Vortrag mit den rein technischen und ermittlungstechnischen Angaben zu dem Vorfall, zu denen sich auch Tom zuerst hatte kundig machen müssen, weil dieser Teil seines Wissens zusammen mit seinem früheren Gehirn im Nirvana gelandet war. Er saß direkt neben Wade auf dem Podium, ignorierte die verwunderten Blicke, die er inzwischen tausendfach kassiert hatte, weil er so gar nicht dem Typ des Militärs oder Wissenschaftlers oder wen auch immer die Anwesenden erwartet hatten, entsprach und Wade es bisher auch noch nicht für nötig befunden hatte ihn extra vorzustellen, und hielt eifrig den Mund.
Seinen berühmten Stock hatte er nicht bei sich wegen des Verbots potentieller Waffen im Saal, was allerdings nur hieß, daß er seine mächtige Fünfermatrix an einem anderen Ort untergebracht hatte, und Wade wußte auch wo, unter seinem teuren Anzug trug Tom nämlich direkt auf der Brust eine Art Metallkragen, vergleichbar einem altägyptischen Schmuckkragen, in dessen Silber neben der Matrix auch mehrere Dämpferkristalle eingearbeitet waren, damit Tom sich bei einer Aktivierung der Matrix nicht versehentlich selber röstete. Für Röntgen- und andere Überwachungsgeräte war übrigens der ganze Kragen unsichtbar, weshalb Tom vor Betreten des Saales kein hochnotpeinliches Gefilze über sich hatte ergehen lassen müssen. Aber selbst wenn, gegen exzentrischen Schmuck, ob offen oder versteckt getragen, gab es selbst hier kein Verbot.
Bei seinem Bericht über die Initiatoren des Beinahe-Weltuntergangs hielt der General sich strikt an die Fakten, die im Rahmen der Ermittlungen aufgetaucht und zum Teil bereits an die anderen betroffenen Nationen mitgeteilt worden waren, so daß er jetzt praktisch eine kurze Zusammenfassung des Geschehens einschließlich einiger neu ermittelter Tatbestände lieferte.
Nur die Verwicklung des sogenannten „Unsichtbaren Feindes“ in die Angelegenheit verschwieg er, zusammen mit einigen kleinen technischen Einzelheiten, die es den Agenten dieses Feindes ermöglicht hatten, einen normalerweise nicht möglichen Zugriff von außen auf die militärische Infrastruktur der Vereinigten Staaten zu nehmen und auf diese Weise den beinahe verheerenden nuklearen Erstschlag auszulösen.
Die menschlichen Handlanger und jetzt in den Staaten wegen Hochverrat und Bedrohung der ganzen Menschheit angeklagten Täter, Mitglieder einer radikalen Selbstmordsekte, waren selbstverständlich davon ausgegangen, völlig aus eigenem Antrieb und auf eigene Faust zu handeln, aber das war leider immer so, wenn der Unsichtbare Feind die Finger im Spiel hatte, Pychotricks, Beeinflussung schwacher Geister und geschickte Verschleierung aller seiner Handlungen gehörten zum Standardrepertoire der außerdimensionalen Macht.
Da dieser Teil der Angelegenheit in Toms Verantwortungsbereich fiel, der mit den Agenten des Feindes nie viel Federlesen machte und für die irdischen Gerichte nichts übrigließ, was noch anzuklagen und zu verurteilen gewesen wäre, geschweige denn für die internationale Politik zu gebrauchen gewesen wäre, hatte der General keine Gewissensbisse, das alles großzügig auszulassen. Es waren ein paar menschliche Irre mit Selbstmordabsicht gewesen, basta, mehr brauchte die anwesende Elite der Weltpolitik nicht zu wissen. 
Und dann kam der General zu dem Thema, das die Anwesenden am meisten interessierte.
„Sie alle wollen jetzt sicher wissen, was die Katastrophe verhinderte.“ begann er diesen letzten Abschnitt seines Vortrages. „Und warum unser Präsident seiner Bevölkerung und der ganzen Welt etwas erzählt hat, von dem Sie aus eigener Erfahrung wissen oder inzwischen gesagt bekamen, daß es sich dabei, mit Verlaub gesagt, um kompletten Bullshit handelt.“
Das rüttelte die Zuhörer durch. Ein offizieller Vertreter des US-Präsidenten, der in dieser erlauchten Runde ein sehr unfeines Wort in den Mund zu nehmen wagte, ein Wort jedoch, das sehr offensichtlich die Wahrheit umschrieb und nichts anderes, in politischen Kreisen das Äquivalent eines Eisbärs in der Sahara wegen seiner Rarität. Und der General legte sofort noch eines drauf.
„Was ich vorausschicken kann, ist, daß unser momentane Präsident normalerweise der ehrliche und korrekte Typ ist. Wenn er es also für notwendig hielt, der Allgemeinheit Bullshit zu erzählen, dann kann ich Ihnen allen versichern, daß dieser Bullshit nur ein winziges Mückenhäufchen war im Vergleich dazu, was wirklich passiert ist.“
Jetzt hingen wirklich alle an Wades Lippen. Denn derartig drastischen Klartext hörte man äußerst selten auf Konferenzen der internationalen Politik.
„Hierzu möchte ich Ihre erlauchte Aufmerksamkeit auf dieses langhaarige und in keiner Weise vertrauenswürdige Individuum da neben mir lenken.“ machte der General fein weiter und deutete mit dem Daumen sehr unfein auf die betreffende Person. Die dazu nur nickte und vor sich hin lächelte.
„Sein Name ist Thomas Adalmar Richards der Dritte, ein paar von Ihnen haben diesen Namen vielleicht schon mal irgendwo gehört, und die anderen werden ihn heute zweifellos kennenlernen, und das dürfen Sie gerne als Warnung auffassen. Dieser Mann ist nämlich hoffnungslos verrückt, und auch sonst in keiner Hinsicht als normal zu bezeichnen.“
Richards lächelte dazu nur weiter, nickte und deutete bekräftigend mit dem eigenen Daumen auf sich selbst, er hatte sichtbar keinerlei Probleme damit, gegenüber dieser Öffentlichkeit als Verrückter dazustehen.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #12 am: 14. Februar 2018, 16:18:23 Uhr »
„Sein Wahnsinn äußert sich unter anderem dadurch, daß er behauptet, mit außerirdischen Mächten in Kontakt zu stehen. Nicht mit irgendwelchen kleinen grauen Männchen in fliegenden Untertassen, und auch nicht mit irgendwelchen heißen Schnecken von der Venus, was ich ihm bei seinem Playboy-Aussehen nicht absprechen würde, nein, er behauptet, daß er zu nichts geringerem als beinahe allmächtigen Halbgöttern aus dem All Verbindung hat.“
Unverändertes Lächeln und Nicken von Richards, er war mit allem Gesagten einverstanden.
Wade ließ das einsickern und fuhr dann fort:
„Da er abgesehen von seinem Irrsinn über ein paar andere Qualitäten verfügt, die ihn für meine Agency nützlich machen, war er in die Ermittlungen zu der Selbstmord-Sekte eingebunden, schon vor dem Raketenstart. Ein Dieb fängt den anderen, ein Verrückter den anderen, Sie verstehen.
Als er dann aber erfuhr, daß die Raketen gestartet wurden und begriff, daß es für jede irdische Intervention zu spät war, rief er seine Alien-Freunde zu Hilfe. Es war ein telepathischer Hilferuf, den halb Washington mitbekommen hat. Laut genug, um ihn zu zitieren, daß man ihn noch im Andromedanebel hören konnte, und seine angeblichen Aliens sind der Erde viel näher. Er wußte nur nicht ob sie eingreifen würden, aber er ging davon aus, daß sie sich ein so schönes Spielfeld wie die Erde nicht von der Dummheit der eigenen Bewohner kaputtmachen lassen würden, und zu unser aller Glück hatte er Recht damit.
Es waren ganz offensichtlich diese Wesen, die dafür sorgten, daß die Atomwaffen, alle gestarteten Systeme, egal welche, wo und von wem, auf einen veränderten Kurs gingen, der sie weg von der Erde und in Richtung unserer Sonne brachte, wo sie einige Zeit später wirkungslos verpufften oder zerschmolzen. 
Denn es war unter Garantie keine Handlung von unserer Seite, denn dazu wären selbst wir nicht in der Lage gewesen.
Natürlich mußten wir, daß heißt ich als verantwortlicher Leiter der Federal Security Agency und meine Agenten, die mit der Betreuung unseres Verrückten hier beauftragt sind, anschließend eine glaubwürdige Erklärung liefern, wie dieser unbeabsichtigte Erstschlag, samt der konsequenten Gegenantwort von einigen Ihrer Nationen, komplett folgenlos bleiben konnte. Die Starts waren von viel zu vielen Personen beobachtet worden, um sie glaubwürdig dementieren zu können, bei uns und in einigen Ihrer Länder genauso.“
Er schwieg kurz, damit die Zuhörer das verdauen konnten, und fuhr dann fort:
„Also dachte sich einer meiner Agenten, der unseren Verrückten regelmäßig betreut und weiß, wie er denkt, in dessen Namen die Geschichte vom Omega-Code aus. Eine Geschichte, die den Vorteil hatte, ganz ohne die Intervention von Aliens auszukommen. Mein Agent gab die Fabelei an mich weiter, ich sie an den Stab des Präsidenten, und jeder, der sie hörte und zugleich die Wahrheit erfuhr, ging mit mir und meinem Agenten konform, daß sie die bessere Alternative war. Denn eine Bestätigung der Existenz von übermächtigen Außerirdischen würde eine Büchse der Pandora öffnen, die vielleicht nicht weniger gefährlich wäre als ein echter Atomkrieg.
Aus diesem Grund die Verlautbarung unseres Präsidenten Thompson, auf die Sie alle zum Glück entsprechend aufgesprungen sind, auch wenn Sie die Hintergründe bis jetzt nicht kannten. - Ich kann Ihnen jetzt den Wunsch unseres Präsidenten mitteilen, daß man es am besten bei der bestehenden Geschichte vom Omega-Code beließe. Die Rettung der Welt ist einem simplen Computerprogramm zuzuschreiben und nicht irgendwelchen Superwesen vom andern Stern.
Der Kreis der Personen, die die Wahrheit kennen, war bislang sehr beschränkt und ist jetzt geringfügig erweitert, an Sie als die berufenen Vertreter Ihrer Nationen, die jetzt die Wahrheit kennen, aber Ihrer Verantwortung für Ruhe und Ordnung in Ihren eigenen Ländern dadurch nachkommen sollten, daß Sie die bestmögliche Erklärung als offizielle Verlautbarung gelten lassen, und das ist, unserer US-amerikanischen Einschätzung nach, nicht die von den Aliens.
- Wenn Sie Fragen haben, stellen Sie sie jetzt bitte, wir werden alles so gut wie möglich beantworten, aber ich möchte Sie darum bitten“ - schon war Unruhe im Publikum, jeder wollte er erste sein mit seinen Fragen - „daß alles, was hier diskutiert wird, auch in diesem Raum bleiben wird. Wir haben hoffentlich alle genug Zeit mitgebracht, so daß jeder mal drankommen kann. Fangen wir einfach an, ja, Herr Premierminister, bitte.“
Der Brite nickte und erhob sich von seinem Sitz, während ringsum die Unruhe langsam erstarb.


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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #13 am: 20. Februar 2018, 15:52:47 Uhr »
„Ich nehme nicht an, daß Sie Beweise haben für die Existenz Ihrer angeblichen Aliens, oder?“
Wade wies auf Richards, der sollte übernehmen.
„Hätte ich schon, aber dann würde die Wachmannschaft den Saal stürmen und diese Sitzung beenden, bevor alle anderen Fragen behandelt werden können.“ sprach Tom lächelnd in sein Mikrophon auf dem Podium. „Diese Wesen kleckern nicht, sondern klotzen, da kommt nichts im Kleinformat.
Die Personen, die von ihrer Existenz wissen, nennen sie Benu, nach dem altägyptischen Wort für den Vogel Phönix, weil sie oft in Form riesiger Feuervögel auftreten. Wie sie sich selbst nennen wissen wir nicht, und wenn wir es wüßten könnten wir es vermutlich nicht aussprechen. Sie sind Wesen aus purer Energie und unglaublich mächtig, und man darf nie glauben, daß sie sich nach den üblichen Regeln, die für menschliche Wesen gelten, verhalten. Bewohnte Planeten mit ihren Myriaden von Lebewesen sind für sie so etwas wie Spielplätze, auf denen sie sich besonders auf sogenannte Kulminationspunkte konzentrieren, das sind Lebewesen, aber auch Orte, Gegenstände, sogar Lautfolgen oder Zahlen, die Knotenpunkte im Gewebe der Realität darstellen, an denen sich sogenannte Zufälle ganz unzufällig häufen und wo das Unglaubliche regelmäßig zur Realität wird, sie sind so etwas wie die stabilen Säulen, an denen das ganze Raum-Zeit-Kontinuum befestigt ist, und es gibt unzählige davon, auf jeder Welt und im ganzen Kosmos. Ein simples Beispiel, wenn Sie auf einem Schiff fahren, welches das Wort „Titan“ im Namen trägt, dann hüten Sie sich ganz besonders vor Eisbergen. Ich denke Sie wissen warum.“ (Vereinzeltes Gelächter bei den Zuhörern.)
„Und auch menschliche Kulminationspunkte gibt es. Daß jemand vom Blitz getroffen wird, passiert äußerst selten - und doch gibt es Menschen, denen das am laufenden Band passiert. Oder es gibt Personen, die in jeder Lotterie gewinnen. Es gibt tragische Fälle, wo Angehörige einer Familie, völlig unabhängig voneinander und zu verschiedenen Zeiten, an exakt der gleichen Stelle tödlich verunglücken. Einer Stelle wohlgemerkt die keineswegs tödliche Unfälle provoziert, und doch passiert es. Sie dürfen es gern als Zufall bezeichnen wenn Sie wollen, extreme Zufälle, die jedoch unter die gültigen Gesetze von Wahrscheinlichkeit und Chaostheorie fallen, ich nenne sie Kulminationspunkte. Orte, Personen, Gegenstände, an denen sich immer wieder die Selbstähnlichkeit des Universums manifestiert, manchmal positiv, häufig in negativer Form. Denken Sie an die Titanic. 
Und wie der General und ich feststellen mußten, bin auch ich solch ein Kulminationspunkt. In meinem Fall ist es einer, der für Phänomene aus der Twilight Zone zuständig ist, was mich für Wesen wie die Benu anscheinend besonders attraktiv macht. Für unsere Regierung ebenso, weshalb mir General Wade und seine Agency auf die Finger schauen, damit ich nicht versehentlich Lovecraft´sche Monster aus fernen Dimensionen auf die Menschheit loslasse oder auf andere Weise versehentlich selber für einen Weltuntergang sorge. Denn die Möglichkeit dazu hätte ich.“ Dabei lächelte er froh, wie um seine Worte zu konterkarieren.
„Daß ich in diese Angelegenheit verwickelt war, ist jedenfalls in meinen Augen absolut kein Zufall gewesen. Außer Sie halten den Untergang der Titanic auch für Zufall, aber ich weiß zufällig, daß ich damals nicht an Bord war.“ Damit hatte er ein paar Lacher auf seiner Seite, die Leute wußten nicht, wie alt er wirklich war. Und daß er locker mit dem Schiff hätte fahren - und den Untergang verhindern können. Aber wie er selbst vor zwei Tagen gesagt hatte, auch für ihn galten Gesetze, an die er sich zu halten hatte, und die besagten klipp und klar, daß er nicht zu sehr im historischen Ablauf herumpfuschen durfte, ohne dadurch massive Risiken hervorzurufen.
Richards fürchtete die Chaostheorie - und die Zeit, die nicht etwas war, was einfach nur passierte, sondern ein Gewebe von immensen Ausmaßen, wo jeder Faden mit unzähligen anderen verbunden war und das bei zu großen Störungen so gereizt reagieren konnte wie ein in den Schwanz gekniffener Tiger. Ein Tiger mit verdammt großen Zähnen, die Tom Richards scheute wie der Teufel das Weihwasser. Was General Wade selbstverständlich wußte und für voll in Ordnung hielt, weil auf diese Weise quasi durch höhere Mächte sichergestellt war, daß Tom nicht über die Stränge schlug.
„Um zum Thema zurückzukehren, allein das ist der Grund, warum sich Wesen wie die Benu mit mir abgeben. Nicht weil ich ein so besonderes Exemplar der Gattung Mensch wäre, oder weil ich Amerikaner bin oder irgendetwas anderes, sondern allein, weil in meiner Umgebung so ziemlich alles möglich ist oder passieren kann. In den Augen „meiner“ Aliens bin ich großes Kino. Unterhaltung pur. Und ich tue natürlich mein möglichstes, um sie nicht zu enttäuschen, denn Wesen, die die Erde mit einem Schlag vernichten könnten, wenn sie einen schlechten Tag haben, enttäuscht man nicht. Wenn sie sagen ´spring´, dann springe ich. Ohne erst zu fragen, wie hoch oder wie weit oder warum überhaupt. Aber ich belästige sie nicht, wenn es nicht absolut sein muß, und müssen tut es nur, wenn gerade die Welt untergeht. Denn die Strafen für unerlaubte Belästigung sind drastisch, und dieses Mal mußte ich einen hohen Preis für die gewährte Hilfe zahlen, was ich nicht wiederholen möchte.
Aus diesem Grund möchte ich von allen anwesenden Vertretern von Nuklearmächten ein Versprechen, daß Sie so etwas wie das Omega-Programm real installieren. Eine Sicherung gegen eine Wiederholung dieses Vorfalls, verstehen Sie? Denn ich kann keineswegs versprechen, daß die Benu auch ein zweitesmal eingreifen und uns retten würden. Einmal macht vielleicht Spaß, aber Wiederholungen sind langweilig, bei uns im Fernsehen und für die Aliens genauso. Ich wiederhole, verlassen Sie sich lieber nicht auf eine weitere Weltrettung, wenn der gleiche Fehler noch einmal gemacht wird, denn dann könnten die Benu auf die Idee kommen, daß ein Weltuntergangsszenario diesmal vielleicht unterhaltsamer wäre. - Habe ich mich verständlich ausgedrückt?“
„Glasklar, Mr. Richards,“ antwortete der britische Premierminister. „Sie sagten, Sie mußten einen Preis zahlen?“
Tom deutete auf den General, der sollte das für ihn beantworten.

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Re: Apocalypse: No(w)!
« Antwort #14 am: 23. Februar 2018, 17:41:25 Uhr »
„Sie werden es vermutlich nicht glauben, aber er war tot.“ antwortete Wade gehorsam. 
„So tot wie der sprichwörtliche Türnagel. Die Antwort seiner Aliens auf seinen Hilferuf fiel so drastisch aus, daß ihm regelrecht das Hirn geplatzt ist, er sah aus wie nach einem Kopfschuß. Aber ich erwähnte ja schon, daß er nicht normal ist. Er hatte irgendwo noch ein Ersatzhirn gebunkert, und die Leute, die sich um ihn kümmern, sind an ungewöhnliche Situationen gewöhnt und verloren selber nicht den Kopf, die legten ihn auf Eis, bis alle Reparaturen vorgenommen waren und eine Wiederauferstehung stattfinden konnte. Nach neun Tagen allerdings erst, nicht schon nach drei.“
Tom zuckte mit den Schultern. „Was erwarten Sie, General, mir war ja das Hirn explodiert. Wenn man nur verprügelt und gekreuzigt und mit einer Lanze durchstochen wird, geht es zweifellos fixer.“
Das Publikum war jetzt definitiv geteilter Meinung, die eine Hälfte kicherte, vermutlich weil sie gerade lebhafte Assoziationen an Nonsens-Sendungen wie die Muppetshow mit ihren schrägen Dialogen empfanden, die andere zeigte Unmutserscheinungen wegen des blasphemischen Vergleichs. 
„Meinen Sie, daß Sie jetzt ein neuer Messias sind?“ fragte der Premierminister, der unsicher wirkte, ob er die ganze Sache ernst nehmen sollte oder nicht.
„Keine Sorge, das wurde anläßlich einer internen Besprechung mit Präsident Thompson und anderen Regierungsmitgliedern schon geklärt. Er bleibt der gleiche Verrückte, der er immer schon war, ohne Ansprüche auf Messiastitel, Heiligenverehrung oder Tempelbau, oder auch nur darauf, daß seine Rolle in dieser Angelegenheit in den Geschichtsbüchern landet.“ antwortete General Wade genüßlich. „Einzelheiten über diese Besprechung darf ich nicht mitteilen, Geheimhaltung, Sie verstehen, aber ich kann Ihnen verraten, daß die Teilnehmer sich gut amüsiert haben. Er ist nicht nur für Aliens großes Kino, wenn man seine Art von Humor zu verkraften weiß.“
Und dabei zog er eine Leidensmiene, die er sich von seinem Agenten Fox abgeschaut hatte und die prompt weiteres Gefeixe hervorrief.
„Glauben Sie ihm, General Wade?“
„Muß ich leider, Herr Premierminister. Ich kenne ihn lange genug um zu wissen, daß er gerne Witze reißt, aber äußerst selten lügt. In wichtigen Dingen lügt er nie, und seine Aliens sind ihm verdammt wichtig. Wenn Sie sich eine bessere Erklärung ausdenken können, warum die Atomraketen in die Sonne geflogen sind, dann gerne her damit, ich nehme sie gerne mit für meinen Präsidenten. - Ich persönlich bin heilfroh, daß das Teufelszeug weg ist, was jetzt allerdings keine Einladung sein soll, die Verteidigungsfähigkeit der Vereinigten Staaten herauszufordern, es gab genug nukleare Waffentypen, die nicht gestartet sind, die aber inzwischen als Ersatz aktiviert wurden. Wir sind im Moment vielleicht bei gezielten chirurgischen Schlägen ein bißchen schwach auf der Brust, weil viele dieser modernen kleineren Sprengköpfe aus unserem Arsenal abgingen, aber für einen schlechter gezielten großen Bums würde es allemal reichen.
Deshalb wird wohl in baldiger Zukunft eine neue Runde von internationalen Abrüstungsgesprächen angesetzt werden, um die neuen Bestandslagen zu sondieren, aber eine leichte Beute werden wir auch in Zukunft nicht sein, Ladies and Gentlemen, unsere konventionellen Waffensysteme sind alle unbeeinflußt und einsatzbereit.“
Eine kleine Mahnung insbesondere in Richtung der Vertreter von Ländern wie China, Indien, Russland und diverser Nahostländer, bei denen durchaus damit zu rechnen war, daß sie eine vermeintliche Schwächung der Vereinigten Staaten zu ihrem Nutzen zu verwenden suchten.
Der Premierminister hatte noch keine Lust, sein Fragerecht weiterzugeben.
„Wissen Sie, ich frage mich schon einige Zeit, wie es kommt, daß Sie als Direktor Ihres Inlandsgeheimdienstes so offen über alles reden. Wie viel verschweigen Sie uns dann?“
„Nur ein paar Dinge, die zu erklären so viel Zeit erfordern würde, daß wir noch nächstes Jahr hier säßen.“ Wade lächelte tatsächlich, ein ehrliches Lächeln, das ihm äußerst selten zu entlocken war, denn die Ironie, daß die Anwesenden von ihm wegen seiner Position fleißiges Lügen und Heucheln erwarteten, entging ihm nicht.
Und noch vor ein paar Jahren hätte er sie in dieser Hinsicht nicht enttäuscht, aber inzwischen war alles anders geworden ...
„Und vieles davon würden Sie sowieso nicht glauben. Wenn der Wade hier im Publikum säße, der ich war, bevor ich Mr. Richards kennenlernte, würde er wohl zuerst mit vorgehaltener Waffe wissen wollen, wer ich bin und was ich mit dem General gemacht habe, und danach, wenn er sich meiner Identität versichert hat, genau die gleiche Frage an mich stellen wie Sie, Mr. Griffith. Meine Agency und ich, wir verdanken Mr. Richards einiges an Lerneffekten. Er ist ein sehr effektiver Lehrer, trotz oder vielleicht gerade weil er sich jeder Normalität standhaft verweigert.“ Dabei nickte er leicht in Toms Richtung, der dankend und vornehm den Kopf retour neigte.
„Er befaßte sich schon vor unserem ersten Zusammentreffen mit übersinnlichen Ereignissen und hatte nie Hemmungen, sein Wissen und seine Erfahrungen an meine Leute weiterzugeben. Aus gemeinsamen Einsätzen lernte ich zum Beispiel, daß derartige Phänomene sich äußerst selten an die Regeln geheimdienstlicher Arbeit halten.
Ich persönlich setze sie inzwischen irgendwo zwischen Naturkatastrophen und menschengemachten Katastrophen wie Amokläufen und Terroranschlägen an, weil sie damit einige Gemeinsamkeiten haben. Sie sind zum Beispiel genauso wenig vorhersehbar oder berechenbar, sie sind genauso individuell und einzigartig, so daß sie sogar unserem Experten hier immer wieder neue Überraschungen bieten, und deshalb muß auch jeder Fall für sich individuell behandelt werden. Außerdem sind sie genauso ein potentielles Risiko für unsere Bevölkerung und für die Sicherheit und Prosperität in unserem Land und darüber hinaus.
Ich lernte daraus auch, daß übertriebene Geheimhaltung in derartigen Einsätzen eher kontraproduktiv ist, weil sie das Vertrauen der Zivilbevölkerung schwächt, und es sind meistens zuerst Zivilisten, die mit der Twilight Zone in Berührung kommen, Personen, die man im Einsatz nicht einfach mit Befehlen dirigieren kann wie Agenten oder Polizisten, und denen man auch hinterher nur schwer den Mund verbieten kann, jedenfalls in einem Rechtsstaat wie den Vereinigten Staaten, wo jeder Bürger gewisse Rechte hat.“
Wieder ein kleiner Seitenhieb, Wade amüsierte sich auf seine Weise.
„Um es klar auszudrücken, meine Leute tun sich in Einsätzen der übernatürlichen Art leichter, wenn sie sagen dürfen, daß wir etwas ähnliches schon mal irgendwo hatten und daher wissen, wie man damit umgeht. Oder wenn sie sich einfach als Ghostbusters mit staatlicher Lizenz ausweisen können. Erstaunlicherweise hatten wir hinterher nie Probleme mit der Geheimhaltung, wahrscheinlich weil Mr. Richards dazu neigt, seine Art des Wahnsinns einfach an alle Mitbeteiligten zu delegieren, so daß sich hinterher jeder hüten wird, mit seinen Erlebnissen an die Öffentlichkeit zu gehen, weil sonst er es ist, der von seiner Umgebung als irrsinnig hingestellt wird.
- Das heißt natürlich nicht, daß meine Agency nach außen hin offiziell als Anlaufstelle für Übernatürliches dasteht. Wenn wir so dumm wären, die reale Existenz von Aliens und fremden Dimensionen und anderen Dingen offiziell anzuerkennen, wäre das ein Freifahrtschein für jeden Spinner und Verschwörungstheoretiker, von denen es in den Staaten leider viel zu viele gibt, uns mit angeblichen Ufosichtungen und Alienkontakten zu überschwemmen. Dann hätten wir gar keine Zeit mehr, uns mit den realen Bedrohungen für unser Land zu befassen.
Das Wissen um derartige Phänomene gehört zu jenen Dingen, die man weiß - aber über die man nicht spricht, solange keine Notwendigkeit dazu zwingt. Und das ist ein Rat, den ich auch Ihnen allen ans Herz legen will, denn Ufo-Spinner gibt es nicht nur in meinem Land, und mehr Unruhen als es auf der Welt ohnehin schon gibt, kann niemand von uns gebrauchen.
Auch das ist ein Grund, warum mir die Idee von einem Omega-Code sehr gelegen kam, als meine Leute sie mir vorlegten. Keine Aliens, keine übernatürlichen Eingriffe, nur ein simpler Computer-Code, den irgendein übervorsichtiger Militär einprogrammiert hat. Das ist etwas, was man der Allgemeinheit erzählen kann.“