Autor Thema: Kinotipp: Gods of Egypt (Vorsicht: Spoiler!)  (Gelesen 449 mal)

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Offline DAOGA

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Kinotipp: Gods of Egypt (Vorsicht: Spoiler!)
« am: 26. April 2016, 18:53:01 Uhr »
Also, wer bei einem Film zum Thema altes Ägypten auf historische Korrektheit steht, wird bei diesem Stück nicht glücklich, das sei gleich vorangeschoben.
Wer jedoch auf ein pralles Bündel Fantasy mit opulenten Bildern abfährt und sich auch von zahlreichen schrägen Einfällen (ich sag nur: Scheibenwelt...) nicht abschrecken läßt, der ist mit diesem Film sehr gut bedient.
Von Machart und Action her wird man immer wieder an "Prince of Persia: Der Sand der Zeit" erinnert.
Hier allerdings hängt die Geschichte an der altägyptischen Mythologie mit einer der ersten Family-Soaps der Menschheitsgeschichte, in der die Söhne von Sonnengott Ra (ein alter Mann, der die Sonnenbarke steuert und hin und wieder in Flammen steht) namens Osiris und Set sich um die Herrschaft über Ägypten streiten.
Während Osiris ein gutes, fettes Leben als wohlwollender Herr des fruchtbaren Landes führte und am Anfang des Films die Krone in die Hände seines einzigen Sohnes Horus legen will
(für einen Himmelsgott reichlich zerfleddert aussehend: Nikolaj Coster-Waldau, dem man hier übrigens zu keiner Zeit den Schönling Jamie Lannister aus GOT ansieht),
wurde Set in die Wüste abgeschoben und mußte dort auf die harte Tour lernen zu überleben. Weil er, wie im Lauf des Films herauskommt, gestählt werden sollte für die Aufgabe, den harten und aufopferungsvollen Job von Ra in der Sonnenbarke zu übernehmen, der dort nicht nur für alle Zeiten die Sonne (ein winziges Ding...) an einer langen Kette hinter der Barke her über den Himmel zieht
(immer rundherum um eine kleine scheibenförmige Welt, die auf der einen Seite die Welt der Lebenden, auf der anderen das kahle Totenreich trägt, klasse Szene, die leider zu kurz ist und deswegen leicht übersehen wird, weshalb hier das Spoilen erlaubt sein mag),
sondern sich dabei auch immer wieder dem "Weltenfresser" Apophis entgegenstellen muß (ein Mix aus dem "Galactus" von "Fantastic Four: Rise of the Silver Surfer" und den vielzahnigen Sandwürmern aus der "Dune"-Serie), dem es nach der winzigen Ägypten-Welt giert.
Allerdings hält Set nichts vom Plan des Ra, sondern möchte sich lieber selbst als Kalif anstelle des Kalifen (Neffe Horus, den er schasst) auf den bequemen Thron Ägyptens setzten. Was er dann auch prompt tut und eine Horror-Herrschaft einführt, die sich bis ins Totenreich erstreckt.

Man merkt schon, für Zitate aus der Filmgeschichte ist gesorgt, ganz ohne Worte. Auch im Design, die monumentalen Kulissen erinnern vor allem am Anfang mächtig an "Metropolis", denn größer geht immer dank Computeranimation.
Und größenmäßig passend in diese Kulissen sind auch die Götter, echt eindrucksvoll gefilmt: die Differenz zwischen den "Göttern" und den "Sterblichen", die in Kindergröße danebenstehen.
Außerdem haben die Götter goldenes Blut, sind zäh im Nehmen und extrem langlebig, jedoch nicht unsterblich (weshalb fleißig gemeuchelt wird) und besitzen jeder für sich spezielle Gimmicks, wie ausfahrbare Metallflügel (Horus, Nephtis), können Ganzkörper-Rüstungen ausbilden (Horus, Set), sich selbst in Brand setzen (Ra, Set) oder besitzen sogar, voll schräg, ein herausnehmbares Gehirn - ohne daß der Körper in Abwesenheit Schaden erleidet (Thot). Und auch als Horus zuerst (wie im Mythos) seine zwei Augen verliert - die sich außerhalb seines Körpers als blaue Edelsteine erhalten - erweist sich die spätere Wiedereinsetzung als schnelle und unkomplizierte Sache. Und wenn der Fiesling keine Flügel besitzt, um sich mit dem Helden in der Luft messen zu können, läßt er sich kurzerhand die benötigten Einzelteile der verstümmelten Verwandtschaft an den Leib schmieden.
Woraufhin der geübte SciFi-Leser weiß: die Typen bestehen wohl hauptsächlich aus hochgezüchteter Nanotechnologie, nicht aus gewöhnlichem Fleisch und Blut.
 
Ein obercooles Teil ist die brennende Privat-Pyramide des Set, deren Bauteile keine Minute am gleichen Fleck bleiben, bei der sich die Steinquader der Hülle pausenlos verschieben wie in einem monstermäßig großen Ver-Rückten Labyrinth und die ganze Inneneinrichtung sich ständig in Sand auflöst und wieder manifestiert. Bewegliche Treppen inklusive, Harry Potter läßt grüßen. (Zitatesuchen macht hier Spaß!). Als der Fiesling dann den Stecker herauszieht (abermals: Nanotechnologie) ... zerfällt das Ding einfach zu einem Riesenhaufen Sand und Steintrümmer. 
(Spoiler: Einstürzende Neu- und Altbauten sind ein unverzichtbares Muß in diesem Film, angesichts der gigantomanischen Kulissen!)

Als Sidekick des Helden und Identifikationsfigur für den Zuschauer (als ob Identifikationsfiguren nicht jedesmal tödlich nerven...) dient ein sterblicher und natürlich sehr "ansehnlich" ausgefallener Dieb, dessen unglückliche und leider ziemlich vorherbare Lovestory (die Geliebte wird getötet und muß wiederbelebt werden, bevor sie das letzte Tor der Unterwelt durchschreiten kann) den bunten Bilderbogen mehr schlecht als recht zusammenhält.

Aber wegen der Logik der Story guckt diesen Film ohnehin niemand.
Was hier zählt, sind die opulenten Bilder - und die immer wieder auftauchenden schrägen Ideen, die zur Zweit- und Drittverwurstung von anderer Seite geradezu einladen - ideales Ideenfutter für Schriftsteller!

Und noch ein kleiner Form von Größenwahn: Der Film gehört vermutlich zu den aussichtsreichen Kandidaten für den Titel "längster Abspann der Filmgeschichte". Dabei ist die Schrift wirklich nicht groß und die Namen oft dichtgedrängt. Ein hoch-preisiges Machwerk im wahrsten Wortsinn, bei den ganzen aufgezählten Arbeitsplätzen, die dieses Machwerk für lasche 140 Millionen Dollar finanziert hat. Und ganz ehrlich, der Film wirkt teurer als das. Bombast mit reichlich Goldlack macht anscheinend doch was her.

Also: Empfehlenswert für jeden reinen Augenmenschen, der mal zwei Stunden in opulenten Bildern und deftigen Kampfszenen schwelgen und dabei schräg und garantiert hirnfrei amüsiert werden möchte. Und für jeden Schriftsteller, der noch ein paar Anregungen für wüste Fantasy-Stories braucht.
 
P.S. Der Film ist angeblich schon für den "schlechtesten Film des Jahres" und ein paar goldene Himbeeren nominiert. Was mich nicht im geringsten wundert.
Mir persönlich hat er gefallen. Aber ich hab auch noch nie behauptet, daß ich von Filmen mehr Niveau als reichlich Phantasie und Bums erwarte.  :P