Autor Thema: Junge und Mädel  (Gelesen 731 mal)

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Offline DAOGA

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Junge und Mädel
« am: 13. April 2016, 09:41:13 Uhr »
Toms erste Begegnung mit Renying. Enjoy!


Tom Richards öffnete seine Augen und stellte fest, daß er hoch über den Lichtern der nächtlichen Stadt schwebte.
Die Erkenntnis seiner Lage ängstigte ihn nicht im geringsten, weil er gleichzeitig fühlte, daß seine mächtigen ledrigen Schwingen ihn sicher trugen auf den warmen Aufwinden, die selbst zu dieser späten Stunde von der Großstadt, die nie wirklich schlief, emporstiegen. Er sah die für die Nacht hell erleuchteten Monumente tief unter sich , freute sich am Farbenspiel der unzähligen Lichter, die den Grund wie unzählige winzige Perlen überzogen, den schimmernden Widerspiegelungen in den Wasserflächen, atmete tief die tausend Gerüche der Stadt unter ihm ein und lauschte auf die typischen Geräusche wie die nie ganz endende Kakophonie von Autohupen und Polizei- und anderen Sirenen, die mitgebracht wurden von den Aufwinden, die sich unter seinen Flügeln fingen. Der Mond stand heute Nacht nicht am Himmel, und die Lichter von unten reichten nicht so weit herauf, daß sie fähig gewesen wären, Toms momentane Fluggestalt anzuleuchten, weshalb er bezweifelte, daß irgendjemand da unten ihn durch den verzerrenden aufsteigenden Brodem als Schatten, der die spärlichen Sterne am Stadthimmel verdeckte, wahrnehmen konnte.
Warum war er hier? Weil er schon den ganzen Tag lang ein nagendes Gefühl gehabt hatte, eine innere Unruhe, die nicht aus seiner menschlichen Erscheinung kam, sondern von seinem geschuppten Anhängsel stammte, und Tom hatte vor langer Zeit bereits gelernt, daß man derartige Meldungen vom Dracheninstinkt lieber ernst nahm und auf sie reagieren mußte, statt sie zu unterdrücken. Innere Unruhe beim Drachen hatte in der Regel einen sehr guten Grund und war Anlaß genug, die Sache näher zu untersuchen.
Deshalb hatte er sich nach dem Abendessen auf die obere Terrasse seines Hauses begeben und die Verwandlung geschehen lassen. Daß er einen kleinen Blackout gehabt zu haben schien, als die Dracheninstinkte die volle Kontrolle übernahmen, kam zwar zum Glück nicht häufig vor, war aber nicht weiter tragisch, es unterstrich lediglich die Dringlichkeit. Einem Drachen die Wahrnehmung einer wichtigen Drachenangelegenheit zu verweigern war ganz böses Juju mit meist schlimmen Konsequenzen, auch das hatte Richards bereits vor langer Zeit gelernt. Und ein simpler nächtlicher Ausflug war eine Auseinandersetzung mit seinem schuppigen Zweitkörper wirklich nicht wert. Vor allem wenn mehr dahinterzustecken schien.
Er konzentrierte sich. Versuchte mit seinem menschlichen Verstand zu analysieren, was Azure schon den ganzen Tag in seinem Schlafkokon unruhig gemacht hatte. Es war eine Art Signal, ein Rufen, Drängen, Flehen, Bitten, telepathisch, doch scheinbar weitgehend unbewußt und ungezielt, wortlos, lediglich ein Bündel von Emotionen... und Azure versuchte, gezielt darauf zu antworten, indem er einen Ruf ausstieß. Lautlos, telepathisch, nur für den Absender der fremden Emotionen bestimmt, sei er Mensch, Drache oder irgendetwas anderes.
Er wartete eine Weile und rief dann erneut, während er mühelos in den Aufwinden hoch über der Stadt kreiste.
Und dann, plötzlich, kam eine Antwort. In der Form, daß in seiner Nähe etwas materialisierte, was in der Nachtschwärze und gegen den Himmel genauso unsichtbar war wie er selbst. Er fühlte es nur - und hörte es, im einen Moment das leise Rauschen von Luft, die fast unbehindert über einen aerodynamisch geformten Körper strich, und dann das hektische Flappen riesiger Flügel, als das Andere bemerkte, daß es plötzlich unkomfortabel hoch in der Luft hing. Tom flog den Neuankömmling erst einmal nicht direkt an, weil er die Ahnung hatte, daß der andere in seiner Verwirrung entweder angreifen oder die Flucht ergreifen würde, also kreiste er stattdessen im weiten Bogen um ihn herum. Das hörbare Flugmuster des anderen verwirrte ihn, es wechselte nämlich ständig zwischen einigermaßen ruhigen Bewegungen, in denen der andere segelte, und dann immer wieder ein jähes hektisches und ungeschicktes Flügelschlagen, als wäre der andere sich seiner eigenen Gliedmaßen nicht sicher und hätte Angst abzustürzen, sobald er die Schwingen stillhielt.
„Hallo, du da!“ fühlte er telepathisch voraus.
„Wer ist da?“ kam sofort die erschreckte, fast panische Antwort.
„Na, hier.“ antwortete Tom und schlug selbst ein paarmal mit den Flügeln, damit der andere das Geräusch hörte. So ungeübt wie der andere mit seinen Drachensinnen schien, hatte er Azure bis jetzt noch gar nicht bemerkt, und er reagierte entsprechend ungehalten auf den plötzlichen Schreck.
„Bleib weg von mir!“ bekam Tom prompt an den Kopf geworfen, und ziemlich laut, weil ihm bei der telepathischen Antwort fast der Kopf schepperte.
„Ich tu dir nichts!“ gab er in ruhigem Tonfall zurück. Und überraschte sich dabei, daß er ein aus dem Brustkorb kommendes leises kollerndes Geräusch von sich gab, das vermutlich die Drachenversion eines beruhigenden Gurrens sein sollte, das sich aber für menschliche Ohren zweifellos angehört hätte wie ein schwerbeladener Güterzug, der über wacklige Gleise ratterte.
„Mein Name ist Azure, so wie in Himmelsblau. Und wie heißt du?“ Die wenigen telepathischen Impulse, die der andere bis jetzt von sich gegeben hatte, überzeugten Tom bereits, daß der menschliche Bindungspartner des fremden Drachens vermutlich nicht in der englischen Sprache zuhause war, weil sich gewohnte Wortstellungen und Sprachrhythmus als Muster auch in den telepathischen Austausch einschlichen.
„Ich bin Renying. Der Schatten eines Menschen, der gar nicht sein sollte.“ Das kam in einem Tonfall, als würde der andere den Kopf hängen lassen, was prompt von erneutem hektischem Flattern bestätigt wurde, als der andere aus dem Gleichgewicht kam und darum kämpfte, es wiederzugewinnen.
„Aber, aber.“ machte Tom. Die telepathische Tonhöhe des anderen machte ihn stutzig. Telepathische Drachenstimmen klangen immer wie die ihrer menschlichen Partner, und diese hier klang zu hoch und... zu weiblich.
„Bist du ein Junge oder ein Mädel?“ fragte er. Für ein Übermaß an Subtilität war weder Azure noch ein Tom Richards bekannt.   
Das erzeugte den ersten Impuls, der nicht von Schreck, Verwirrung und anderen negativen Emotionen geprägt war - ein winziges Fünkchen Amüsement.
„Ich bin natürlich ein Mädchen. Warum?“
„Ich bin ein Junge. Hallo, noch mal. Bist du neu in der Gegend?“
„Ja, bin ich. Und eigentlich sollte ich jetzt in meinem Käfig sein. Großvater wird mich sooo bestrafen...“ Das kam mit einer ganzen Welle von Schuldgefühlen und Trauer.
Jetzt war Tom es, der geschockt war.
„Du mußt in einem Käfig sein?“ Sein schockierter Tonfall kam offenbar bei seinem Gegenüber an, weil sofort die Antwort kam: „Ja, natürlich, damit ich für niemanden zur Gefahr werden kann. Wo bist du denn sonst?“
„Na, in meinem Haus natürlich. Oder geschäftlich unterwegs. Oder privat unterwegs. Oder wo ich gerade sein will. Mich hat noch nie jemand eingesperrt, seit und weil ich Azure bin.“ (Bis auf die kleine mehrtägige Episode mit diesen Sektierern, aber die hatten den Preis dafür bezahlt, weil Tom ihre kleine Unternehmung rigoros aufgerollt und zerschlagen hatte, weshalb der Vorfall samt Einkerkerung für Tom in die Rubrik „nutzbringendes Amüsement“ fiel. Aber auch diesen Untergedanken bekam Toms Gegenüber mit - in telepathischen Unterhaltungen war es extrem schwer, die Unwahrheit zu sagen.)
„Warum hat man dich nicht eingesperrt?“ fragte sie.
„Weil es nie nötig war. Ich habe den Drachen unter Kontrolle, und alle meine Freunde wissen davon. Die reiten gern auf mir, wenn ich sie lasse, aber Angst haben sie nicht.“
„Sie reiten auf dir?“ Erstaunen statt Geschocktheit diesmal.
„Klar. Siehst du nicht, daß ich einen Sattel trage? Den trage ich immer, wenn ich ausfliege. Ich weiß ja nie, wann jemand mutig genug ist, um bei mir per Anhalter mitzureisen. Und auf meinem ungeschützten Nacken kann niemand reiten, weil meine Schuppen so scharfe Kanten haben, sie würden sich bei dem Versuch den Allerwertesten zerschneiden.“
Sie hatte bisher Abstand gehalten, teilweise weil sie ihm nicht traute, und teilweise weil sie ihren eigenen Flugkünsten nicht traute, aber jetzt bemühte sie sich, etwas Höhe zu gewinnen und zugleich näher heranzukommen, um einen prüfenden Blick von oben auf ihn zu werfen.
„Der Sattel ist eine Spezialanfertigung und war sehr teuer. Drachensättel gibt es nicht von der Stange zu kaufen.“ erklärte er ihr in stolzem Tonfall. Während er sich fragte, ob das Sichtvermögen weiblicher Drachen womöglich besser war als das seine, wenn sie meinte, in der Nachtfinsternis seinen Sattel gut genug erkennen zu können.
Tom hatte es bisher vermieden, selber höher zu gehen als das Drachenmädchen, um es von oben im Gegenlicht der Stadt zu betrachten, weil für Flugwesen von Vögeln bis Drachen alles, was von oben kam, als potentiell angriffslustiger Feind zu betrachten war. Daß es ihm aber trotz scharfer und nachtsichtiger Drachenaugen so gar nicht gelang, dessen Farbe zu erkennen, ließ auf eine sehr dunkle Färbung schließen - und bei einem weiblichen Drachen eine vermutlich ziemlich schmucklose eintönige Färbung, weil Muster, Flecken und andere auffällige Markierungen üblicherweise den körperlich kleineren Männchen vorbehalten waren. Bei hellem Tageslicht blitzten die gelb- und orangeschwarzen Zeichnungen auf Azures hellblauem Körper nur so als Hinweis, daß hier ein junges, viriles Drachenmännchen auf eine willige Dame wartete. Als sie schräg über ihm vorbeiglitt, glaubte er einen schwachen Widerschein des Lichts von unten über regelmäßige Oberflächenstrukturen aus geschwärztem Stahl gleiten zu sehen, wie bei einer antiken Rüstung.
„Warum fliegst du so komisch?“ fragte er, weiterhin naiv erscheinend, weil sie soeben wieder ihren mühelosen Segelflug mit unbeholfenen Schwingenschlägen unterbrach.
„Komisch? Ich kann es noch gar nicht glauben, daß ich so hoch oben bin und tatsächlich Flügel habe, und daß das nicht einfach nur ein Traum ist und ich herabfalle und auf dem Boden zerschmettere.“
„Wenn das hier ein Traum wäre, würde dir doch nichts geschehen, wenn du abstürzen würdest. Aber das hier ist echt, und du hast echte Flügel, und die funktionieren ziemlich gut. Nur das Landen könnte etwas schwierig werden, wenn du das noch nie geübt hast. Aber das bekommst du auch hin, überlaß Dich einfach deinen Instinkten. Dein Körper weiß von selber, wie das geht. Du mußt nur aufpassen, daß nichts in der Nähe ist, was du versehentlich plattmachen könntest, wenn du darauf landest.“ Wortstellung, Satzbau, Grammatik oder der Mangel an letzterer - aller Wahrscheinlichkeit nach chinesisch, auf jeden Fall etwas asiatisches, dachte sich Tom, der Mandarin und Japanisch fließend sprach und schreiben konnte und ein paar weitere fernöstliche Sprachen und Dialekte zumindest bruchstückhaft beherrschte. Auch der Name deutete darauf hin, Renying, der wie so viele chinesische Wörter mehrere Bedeutungen haben konnte, und in einer davon als „menschlicher Schatten“ gelesen werden konnte.
„Du hast gesagt, dein Großvater wird dich bestrafen, weil du ausgeflogen bist. Was macht er denn, legt er dich übers Knie?“
Fast ein leises Lachen. „Nein, mein Großvater würde mich nie anrühren. Aber er schaut mich dann immer so an, so traurig, daß ich selbst ganz traurig werde. Dann weiß ich immer, daß ich etwas böses getan habe.“ Diese Gedanken kamen mit jeder Menge Ehrfurcht. Wenn die Partnerin der Drachendame wirklich eine Chinesin war, war das allerdings nicht ungewöhnlich, in chinesischen Familien wurde die Achtung vor der Weisheit des Alters hochgehalten.
„Soll ich dich nach Hause begleiten, wie ein anständiger Junge das tut? Damit dein Großvater lieber mich so anschaut als dich?“
„Tust du das? Aber -“ und Tom konnte es zwar nicht sehen, aber fühlte, daß sie nach unten schaute, „ich finde den Rückweg nicht mehr. Da unten sieht für mich alles gleich aus.“
„Von oben sieht eine Stadt immer ganz anders aus als wenn man unten durch die Straßen läuft. In welchem Stadtteil wohnst du denn? Weißt du den Namen der Straße? Sind die Häuser da hoch oder niedrig, und sieht man von dort aus irgendwelche auffälligen Gebäude?“
„Es ist nahe am Ufer. Niedrige enge Gebäude, viele Lagerhallen, Garagen und kleine Fabriken, über denen enge und kleine Wohnungen liegen. Eine arme Gegend ohne schöne Häuser. Wir sind erst vor kurzem eingewandert und nicht reich.“ Illegal eingewandert, sagte sie nicht, aber aus ihren Gedanken ging es hervor.
Das schränkte es flächenmäßig nicht sehr ein bei einer Stadt, die dank ihrer Flüsse ziemlich viel Wasserflächen und damit jede Menge Ufergebiete hatte. Aber auch da wußte Tom Rat. 
„Zurückfinden ist ganz einfach. Dein menschlicher Verstand weiß den Weg nicht, aber der Instinkt eines Drachen führt ihn immer zurück zu seinem Nest. Denk einfach ganz fest an den Ort, wo du herkamst, an die Leute, die dort sind, an deinen Großvater, wie sehr du dich dorthin zurücksehnst, und dann laß deinen Körper fliegen, wo er hin will.“
„Das versuche ich.“

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Re: Junge und Mädel
« Antwort #1 am: 26. April 2016, 16:55:23 Uhr »
Sie begann einen langen Kreis zu fliegen, und bald drehte sie ab und flog in eine ganz bestimmte Richtung. Tom folgte ihr mit etwas Abstand, um sie nicht zu irritieren, denn er war sehr daran interessiert zu erfahren, wo sie herkam. Sie steuerte eine Stelle mit dichter, kleinteiliger Bebauung an, die ihrer Beschreibung entsprach - Kleingewerbe, armselige niedrige Bauten, die sich dicht drängten.
„Da, das Dach dort mit den gemauerten Kaminen, das muß es sein. Dort bin ich schon mal gelandet, nach meinem allerersten Flug, ich erinnere mich wieder. Aber ich trau mich nicht zu landen, es besteht nur aus dünnem Blech und ich bin doch eigentlich viel zu schwer dafür.“
„Dann laß mich vorgehen. Ich zeige dir, wie es geht. Das geht ganz einfach, weil du dich selbst leichter machen kannst als du wirklich bist, einfach indem du es dir vorstellst. Stell dir vor, du schwebst wie ein kleines glückliches Wölkchen hinunter und landest auch so, ganz langsam und schwerelos, die Flügel sind nur zum Steuern da. Und weil ich vor dir bin, wird dein Großvater mir Sachen an den Kopf werfen und nicht dir, wenn er gerade zum Werfen aufgelegt ist.“
Dazu übersandte er das Cartoonbild eines sehr angesäuerten älteren Chinesen mit altmodischem Zopf, der bildliche Zeichentrickflüche von sich gab und mit Hockern warf, und hörte prompt, wie sie im Geiste kicherte. Das war gut, denn ihre Erheiterung half ihr dabei, sich so weit zu entspannen, daß das mit der Gewichtsverringerung klappte.
Er machte es vor, indem er elegant hinuntertauchte, direkt oberhalb des Blechdachs in der Luft stehenblieb, es dabei nicht mal mit den Klauen berührend, obwohl es in seiner Reichweite war, und noch im selben Moment die Rückverwandlung in ihrer Schnellversion einleitete. So daß schon einen Augenblick später seine zwei sehr menschlichen Füße beinahe lautlos auf dem Blechdach aufsetzten.
Und dann beeilte er sich, Platz zu machen, und winkte ihr zu. Er wußte, daß er in seinem wärmeabstrahlenden menschlichen Körper in ihrer Infrarotsicht als leuchtender Schemen sehr gut zu erkennen war, selbst in der nächtlichen Finsternis im Gewirr der Dächer weit jenseits der Straßenbeleuchtung. Und da kam sie schon, als mächtiger Schatten, der im Gegenlicht ein paarmal in matten gleichmäßigen Mustern wie von poliertem geschwärztem Metall aufschimmerte.
Er fühlte den heftigen Windstoß, den ihre Flügel verursachten, als sie abbremste, und im nächsten Moment reckten sich säulendicke, schwarze und mit langen Krallen bewehrte Beine der Dachoberfläche entgegen.
„Wölkchen! Kleines schwebendes rosa Wölkchen!” dachte er intensiv, darauf hoffend, daß sie immer noch im telepathischen Rapport mit seiner menschlichen Gestalt stand.
„Schon gut, ich wolke.” antwortete sie mit deutlichem Humor, daß ihm fast der Kopf explodierte. Denn ihre Telepathiesendungen in der Lautstärke an menschliche Aufnahmefähigkeit anzupassen, hatte sie bisher noch nicht gelernt.
„Hei, das funktioniert ja!“ freute sie sich dann lautstark, als sie auf dem Dach stand, ohne es mit ihrem normalen Tonnengewicht einzudellen. Und drehte ihm ihren mächtigen gehörnten Schädel zu, um zum allerersten Mal seine menschliche Gestalt zu betrachten.
„Du bist ja --“ machte sie dann verdutzt.
“Ein Weißer?” fragte er zurück, weil sie ganz offensichtlich mit einem Landsmann gerechnet hatte. „Tut mir leid, daß ich dich enttäuschen muß. Man kann leider nicht alles haben im Leben.“ Und grinste sie burschikos an.
„Und jetzt bleib so bitte. Immer noch ein leichtes rosa Wölkchen, bis du dich zurückverwandelt hast.“
„Das kann ich aber nicht.“ Traurig und mit deutlich hörbarem Seufzen.
„Kannst nicht oder willst nicht?“ fragte er zurück. Immer noch unterhielten sie sich rein telepathisch, der Drache, weil ein zähnestarrendes Drachenmaul nicht für menschliche Sprache gemacht war, und Tom, weil er noch nicht wußte, welche Sprache genau ihre Muttersprache war. Also lief ihr Austausch völlig lautlos ab, und es sah so aus, als würden sie sich nur stumm anstarren.
„Ich habe das nie gelernt. Wie hast du das gemacht?“
„Das ist ganz einfach. Dein menschlicher Körper steckt im Moment in einer Art Kokon, der mit deinem Geist verbunden ist. Entspanne dich und versuche, dir diesen Kokon vorzustellen. Und dann stell dir vor, du trennst den Kokon vorsichtig auf, um den Körper darin zu befreien. Du wirst dich dann fühlen, als würdest du das Bewußtsein verlieren, aber das ist normal, das gehört dazu. Laß dich einfach fallen ... und wenn du das Bewußtsein wiedererlangst, bist du wieder ein Mensch und in deinem normalen Körper.“
„Ich traue mich nicht.“ antwortete sie aber. Und in ihrem offenen Geiste konnte er sehen, was sie meinte, ganz verschämt.
Er lächelte, dieses Problem hatte er auch einmal gehabt, vor sehr langer Zeit.
„Wie man seine Kleider anbehält, auch das kann ich dir beibringen. Es dauert aber eine Weile, bis man den Trick beherrscht, das geht leider nicht jetzt sofort. Diese Peinlichkeit bleibt dir jetzt also nicht erspart. Aber mach dir keine Sorgen. In einem meiner menschlichen Berufe bin ich Arzt und kann dir versichern, daß ich schon viele weibliche Körper nackt gesehen habe.“
Er hörte die Geräusche hinter sich, obwohl die Personen versuchten, ganz leise zu sein, als sie das Dach von einem der angrenzenden Fenster her betraten. Aber Richards besaß Ohren wie ein Luchs und war jederzeit darauf gefaßt, daß irgendein Feind sich von hinten anzuschleichen versuchte. Was sie sich wohl dachten dabei, daß hier ein fremder Weißer und ein riesiger schwarzer Drache auf dem Dach standen und sich stumm fixierten? Oder was sie gleich unternehmen wollten, auch auf das Risiko hin, dadurch die Aufmerksamkeit des geschuppten Giganten auf sich selbst zu lenken?
„Oh, da ist Großvater.” Und sie ließ prompt ihren Kopf hängen, daß ihre Schnauzenspitze sich in das Blech des Daches hineinzubohren drohte. 
„Na, dann hast du ja einen ehrenwerten Hüter deines Anstandes, wenn du es jetzt versuchst. Ich schaue dir bestimmt nichts weg.“
Und damit drehte er ihr einfach den Rücken zu, um stattdessen die Neuankömmlinge zu begutachten.
Chinesen, wenn seine Menschenkenntnisse ihn nicht trogen, selbst im unsicheren Licht auf dem Dach. Der alte Mann mußte der Großvater sein, flankiert von zwei jungen Männern und einer jungen Frau, alle außer dem Alten mit Waffen in den Händen, traditionellen chinesischen Schwertern und Speeren. Die Frau trug dazu noch etwas buntes aus Stoff, Kleidung oder eine Decke, über einem Arm, war also auf das Empfangen einer ziemlich nackten Rückkehrerin vorbereitet. Pistolen oder andere moderne Feuerwaffen konnte Tom nicht erkennen, aber selbst die hätten in einer ernsten Auseinandersetzung mit einem Drachen nicht viel Nutzen gezeigt.
Aus dem offenen Fenster, aus dem sie aufs Dach gestiegen waren, und hinter einigen weiteren schmalen Dachluken waren Gesichter zu sehen, die herausspähten, doch mehr als die vier vor Tom schienen nicht herauskommen zu wollen, vermutlich damit es nicht zu viele Opfer auf einmal geben konnte, falls der Drache durchdrehte. 
Er lächelte ihnen zu und erkannte die Überraschung auf ihren Gesichtern. Vielleicht weil sie nicht mit einem Weißen auf dem Dach ihrer Unterkunft gerechnet hatten, obwohl sie doch bereits sein langes blondes Haar gesehen hatten, das auf seine Herkunft schließen ließ - oder vielleicht weil er dem Riesengeschöpf hinter sich so einfach und sorglos die Kehrseite zuwandte?
Er hatte das Gefühl, daß aus einer sehr groß sich auftürmenden Masse hinter ihm auf einmal eine sehr kleine wurde - nur ein Gefühl, weil der Luftraum hinter ihm sich auf einmal anders anfühlte als vorher, er sah es nicht, aber üblicherweise konnte er sich auf sein Gefühl verlassen, als ehemaliger Seemann - und sofort setzte die Frau mit dem Speer in der einen Hand und den Textilien über dem Arm sich in Bewegung und lief an ihm vorbei, ohne ihm mehr als einen prüfenden Seitenblick zu gönnen. Er blieb in aller Ruhe stehen, bis er sicher sein konnte, daß zwei weibliche Personen hinter ihm jetzt dezent bedeckt waren, und drehte sich erst dann langsam um.
Sie war sehr jung, stellte er fest, bestimmt noch nicht volljährig, obwohl das bei Chinesinnen nicht immer auf den ersten Blick zu erkennen war. Und sie war sehr hübsch, selbst für die Augen eines Barbaren aus dem Westen.
Auch sie betrachtete ihn jetzt aus ihren schwarzen menschlichen Augen, und was sie sah, schien sie zumindest nicht gleich auf den ersten Blick abzustoßen. Sie trug jetzt ein einfaches, buntgemustertes Kleid, nicht viel mehr als ein übergeworfenes Tuch, das mit einem Stoffstreifen als Gürtel zusammengehalten wurde, und sah selbst darin und barfuß auf dem Dach stehend einfach umwerfend aus. Fand er, und erinnerte sich ganz spontan daran, wie lange er nicht mehr mit einer Frau zusammengewesen war. Denn die letzte seiner insgesamt fünf Ehen war schon vor Ausbruch des zweiten Weltkriegs zu Ende gegangen, und seitdem hatte er nur sporadische Bekanntschaften gepflegt.
Er verneigte sich höflich, wie es seine altmodische Art war, und sie gab die Verbeugung zurück. 
„Mein Name ist Thomas Adalmar Richards der Dritte. Kurz Tom für meine Freunde. Verstehen Sie mich?“ fragte er dann.
„Ja, ich verstehe.“ erwiderte sie mit sehr ausgeprägtem, aber süß anzuhörendem chinesischen Akzent. “Mein Name ist Wong Mai Lin.“
Und sie verbeugten sich erneut voreinander, wie es Brauch war beim ersten Kennenlernen. Auch die bewaffnete Frau verneigte sich, stellte sich jedoch noch nicht vor, dafür war später noch Zeit.
Mai Lin ging an Tom vorbei und zu dem alten Mann hinüber.
„Das ist mein sehr geehrter Großvater, Wong Fei-Hung.“ stellte sie vor, den Nach- und Familiennamen an erster Stelle, wie es üblich war in Fernost.
„Thomas Adalmar Richards der Dritte. Zu Ihren Diensten.“ Und abermals fand gegenseitiges Verneigen statt, Tom und alle Chinesen gleichzeitig. 
Da der Drache sicher verstaut und verschwunden war, wagten sich jetzt mehr Leute aufs Dach, und mit ihnen kamen mehr Lampen, die die Sicht verbesserten.   
„Bitte kommen Sie herein.“ sprach der alte Mann zu Tom, und sie alle kletterten durch das offene Fenster ins Innere des Gebäudes, einer nach dem anderen. Die Umgebung drin sah so aus, wie Tom es erwartet hatte - heruntergekommen, armselig, nur mit der nötigsten Ausstattung, die aussah, als habe sie jemand vom Sperrmüll zusammengesucht, jedoch zumindest so sauber, wie es unter den Umständen ging. Zu den Seiten gingen Türen ab, hinter denen sehr viele Menschen eng zusammengedrängt lebten, wie es aussah, sehr viel mehr als jede Behörde erlaubt hätte - wenn sie denn gewußt hätte, was hier vorging. Oder es wußte und sich offiziell nicht darum scherte. Eine typische Massenunterkunft, in der illegale Ausländer gerne unterkamen, zusammen mit ihren wenigen legalen Landsleuten. Der alte Mann und seine Enkelin gingen voran, dann kam Tom als ihr Besucher, und hinter ihm folgten die Frau, die zwei Krieger als Ehreneskorte und Wachmannschaft für den Fall, daß der Besucher irgendetwas versuchte, und mehrere andere Hausbewohner, während aus vielen offenen Türen jetzt neugierige Gesichter lugten. Vermutlich wußten die meisten oder alle hier, was mit Mai Lin los war, und hatten gehört, daß auch der Weiße zur selben Sorte gehörte, denn Tom war sich absolut sicher, daß „Großvater“ einen Wachposten auf dem Dach stationiert hatte, der melden mußte, wenn Renying von sich aus von ihrem kleinen nächtlichen Ausflug zurückkehrte.
Daß heute zusätzlich ein weiterer Drache auftauchte, der obendrein einem Weißen gehörte, hatte die Leute hier vermutlich ziemlich überrascht.
Es ging mehrere Treppen hinunter, bis sie im Kellergeschoss des Häuserkomplexes sein mußten. Eine schwere Brandschutztür öffnete sich vor ihnen, doch dahinter lag nicht die erwartete Tiefgarage. Stattdessen war der Raum geradezu verschwenderisch ausgestattet in reichem chinesischem Dekor, mit glitzerndem (unechtem) Gold, Möbeln und Vorhängen in (abgeschabtem) rotem Samt und dem Duft von Räucherstäbchen und Kohlenbecken in der Luft, während oben die sichtbare Armut herrschte. Dies hier war das wahre Reich von Fei-Hung Wong, dem Patriarchen dieser Großfamilie, der Ort, wo er seine Schätze und die der ganzen Familie aufbewahrte, und sein größter Schatz war seine Enkelin, denn das erste, was hier wirklich ins Auge stach, weil es absolut nicht zur restlichen Ausstattung paßte, war ein gigantischer Käfig aus unglaublich dicken und massiven, handgeschmiedeten und geschwärzten Eisenstangen.
Der Käfig für Renying. 
Und vermutlich auch für das Mädchen selbst, denn wie sich Richards noch gut erinnern konnte, kam ein Drache, der nicht mit Absicht herbeigerufen wurde, etwa ein bis zweimal pro Monat von selbst zum Vorschein. Man hatte sie also die ganze Zeit eingesperrt gehalten, seit der Drache zum ersten Mal erschienen war, um sie vor sich selbst, und andere vor ihr und ihren unvorhersehbaren Reaktionen zu schützen.
Aber das, so hoffte er jetzt, würde sich mit seiner Hilfe sehr bald ändern.

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Re: Junge und Mädel
« Antwort #2 am: 16. November 2016, 12:07:20 Uhr »
Flinke Hände arrangierten Sitzgelegenheiten mit niedrigen Tischchen für die Hauptpersonen der Szene, während Tom sich noch neugierig umsah, Tee und kleine Leckereien wurden bereitgestellt, und dann verzogen sich die fleißigen Helfer, doch Tom wußte, daß immer irgendjemand in Hörweite sein würde, und daß kein Ereignis der nächsten Zeit in diesem Raum unbeobachtet bleiben würde. Er hatte nichts dagegen, weil er wußte, wie man sich in Gegenwart eines chinesischen Patriarchen benahm.
„Großvater“ lud ihn mit einer Handbewegung ein, sich zu setzen, und Tom dankte mit höflichem Kopfneigen.
Mai Lin setzte sich neben ihren Großvater, die drei anderen zu ihren beiden Seiten, als stumme Wächter und Aufpasser für den Fall, daß der fremde Barbar auf dumme Gedanken kam.
Einleitendes Smalltalk zu machen war schwer, wenn man absolut nichts über einen Fremden wußte, und weder das Wetter noch irgendeine andere Belanglosigkeit schien es im Augenblick wert, ein Wort darüber zu verlieren, also kam man entgegen der Sitte sofort zum Thema.
„Ich danke Ihnen, Mr. Richards, daß Sie meine Enkelin nach Hause gebracht haben.“
Als der - scheinbar - Ältere hatte Großvater das erste Wort. Er sprach gutes Englisch, wenn auch mit deutlichem Akzent, schien also nicht erst seit gestern im Land zu sein.
„Wir begegneten uns an einem wunderbaren Nachthimmel hoch oben über den Lichtern der Stadt, und da sie etwas verloren schien, nahm ich mir die Freiheit heraus, sie nach Hause zu begleiten. Ich habe zu danken.“ antwortete Tom geziert und neigte abermals den Kopf in einer angedeuteten Verbeugung.
Er wußte, daß seine geschickte Landung auf dem Dach samt sofortiger Verwandlung in voll bekleideter Gestalt!, die dem Alten unter Garantie hinterbracht worden war, die Neugier von Großvater angeheizt hatte, vor allem da seine Enkelin ganz offensichtlich bisher nicht zu einer kontrollierten Rückverwandlung fähig gewesen war. Dafür mußte man nämlich erst einmal wissen, wie es ging, und daran hatte auch Toms Original Siwa Hendricks lange geknabbert, bis er es mehr aus Zufall und Notwendigkeit herausfand.
Großvaters Gesicht zeigte es nicht, jedoch wirkte er verwundert, wie relaxt und nonchalant Tom mit seinem eigenen Drachen verfuhr. Wenn Mai Lin, wie Tom annahm, auf eine ähnliche Weise zu ihrem Anhängsel gekommen war wie Siwa damals - nämlich wie eine Jungfrau zum Kind, ahnungslos, ohne eigenes Zutun und absolut ungewollt, und selbstverständlich auch ohne ein Benutzerhandbuch, das ihr erklärt hätte, wie sie damit umzugehen habe - dann verstand Tom seine Verwunderung sehr gut. 
„Wohnen Sie in dieser Stadt?” fragte Großvater, und Tom nickte.
„Lyonshome Manor heißt mein bescheidenes Heim. Aber die Gitter dort sind viel kleiner und schützen nur die Weinvorräte vor unbefugtem Zugriff.“ Er warf einen vielsagenden Blick auf die Riesenkonstruktion in einer Ecke des Raumes.
Fei-Hung verkniff sich ein Seufzen. “Ich versuche Mai Lin zu beschützen. Aber ich bin wohl ein schlechter Beschützer, denn heute war sie auf einmal spurlos verschwunden, obwohl der Käfig verschlossen war.“ Sie legte ihm sofort eine Hand auf den Arm und blickte ihn an, um Verzeihung bittend, daß sie ihm Kummer bereitet hatte, und um ihm zu sagen, daß es nicht seine Schuld gewesen war.
„Man kann einen Drachen nicht ewig einsperren. Nicht mit Gittern und auch nicht, indem man seinen menschlichen Partner unter Drogen setzt.“ erklärte Tom sofort. „Deswegen sollte man es besser gar nicht erst versuchen. Die Drachen wurden nicht dafür erschaffen, daß man sie verdrängt und einsperrt, sie wurden dafür erschaffen, benutzt zu werden. Solange man noch nicht gelernt hat, seinen Drachen bewußt zu rufen und wieder wegzuschicken, kommt und geht er von selbst, wie er will.“
Ein ganzes Paket an Informationen, das Tom scheinbar unbekümmert auf Barbarenart dem alten Mann an den Kopf warf. Kein Wunder, daß der Mann unanständig große Augen machte, ebenso wie das Mädchen.
„Sie scheinen viel Wissen darüber zu besitzen, Mr. Richards.“
„Und ich lerne ständig etwas neues dazu. Heute Nacht flog ich los, weil mich etwas rief. Ein ungezielter Ruf, ohne Worte, aber eindringlich. Ich glaube, es war Renying in ihrem Käfig, weil sie sich unglücklich fühlte. Als ich auf ihren Ruf antwortete, ist sie vermutlich aus ihrem Käfig heraus direkt in die Höhe teleportiert. Drachen können das, wissen Sie. Sich durch Gedankenkraft von einem Ort an einen anderen versetzen, in Sekundenschnelle und sogar durch feste Materie und Gitter hindurch. Deshalb habe ich gesagt, daß man einen Drachen nicht gegen seinen Willen festhalten kann.“
„Ich erinnere mich nicht.” sagte Mai Lin. “Ich kam erst zu mir, als ich dort oben über der Stadt war. Genauso wie beim ersten Mal. Das macht mir Angst. Ich weiß nicht, was Renying in dieser Zeit getan hat oder tun würde, wenn ich bewußtlos bin. Ich habe keine Kontrolle, und ich habe Angst, daß sie etwas anrichten oder Menschen verletzen könnte.“ Sie drückte sich an ihren Großvater wie ein kleines verängstigtes Kind, und er strich ihr tröstend über den Kopf.
„Das passiert, wenn man den Drachen zu verdrängen versucht, ihn ignoriert. Dann übernimmt er selbst irgendwann die Kontrolle und verdrängt seinen Partner. Aber das darf nicht passieren. Deshalb muß man ihn akzeptieren und annehmen, ihm die Freiräume lassen, die er braucht, ihn benutzen, wofür er nützlich ist, und ihn wieder wegschicken, sobald er seinen Auslauf hatte. Ich habe Ihnen gezeigt, wie das geht, und umgekehrt geht es genauso, Sie können Ihre Renying jederzeit herbeirufen, wenn die Gelegenheit für einen kleinen Ausflug günstig ist. Im Moment ist sie es, die in dem Kokon schlummert. Mindestens zweimal im Monat müssen Sie sie für einige Zeit herauslassen, sonst kommt sie irgendwann von selbst, denn so wurde sie erschaffen. Oder häufiger, wenn Sie wollen. Es gibt ziemlich viele Dinge, für die ein großes geflügeltes Reptil von Nutzen ist, ich benutze meinen Azure jedenfalls recht oft.“ erklärte Tom geduldig.
„Sie sagten, daß Leute auf ihm reiten?“ fragte sie neugierig, und Tom nickte.
„Gleich nachdem ich ihn bekam, ließ ich mir den Sattel anfertigen. Hat viel Geld gekostet, aber der Sattler hat sehr gute Arbeit geleistet. Wenn Leute einen Drachen sehen, möchten sie zuerst weglaufen - und wenn sie dann merken, daß er ihnen nichts tut, möchten sie meistens auf ihm reiten. Zumindest wir respektlosen westlichen Barbaren.” Er grinste freundlich. Natürlich wußte er, daß mythologische Wesen wie zum Beispiel Drachen von Chinesen verehrt wurden, von denen kam bestimmt niemand auf den Gedanken, daß man auf einem Drachen ganz schnöde reiten konnte wie ein Cowboy auf einem zu groß geratenen Gaul.
„Einige meiner Freunde und Hausmitbewohner sind inzwischen begeisterte Drachenreiter. Bei denen muß ich immer aufpassen, daß sie keinen Sekundenkleber mitbringen, sonst bekomme ich sie nie wieder herunter.“
Es dauerte eine Sekunde, bis der Groschen fiel, und dann zeigte Mai Lin das schönste Lächeln, das Tom seit langem gesehen hatte. Die Fältchen um die Augen ihres Großvaters vertieften sich, doch er bewahrte seinen würdevollen Ausdruck.
„Ich hörte davon, daß angeblich über dieser Stadt hin und wieder Drachen gesichtet worden seien, und muß gestehen, daß das einer der Gründe war, warum meine Familie und ich hierherkamen, obwohl das Klima in dieser Stadt nicht besonders gut ist.“
Tom nickte. Washington D.C. und sein häufig unangenehmes Klima im Lauf der Jahreszeiten, samt der üblichen Luftverschmutzung einer Großstadt, das war ein Thema für sich.
„Jetzt wissen Sie, wer der Grund für diese Berichte ist.“
Die beiden wirkten schon deutlich entspannter als vorher, es schien ihnen gut zu tun, mal ganz offen über das Thema sprechen zu können, und mit jemandem, der zwar fremd war, aber sich offensichtlich gut auskannte und die Angelegenheit von der pragmatischen Seite sah.

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Re: Junge und Mädel
« Antwort #3 am: 4. Mai 2017, 17:36:56 Uhr »
„Sie erwähnten, daß die Drachen erschaffen wurden.“
„Ja, das wurden sie. Haben Sie die Geschichte schon mal gehört?“ Und als beide die Köpfe schüttelten -
„Die Kurzfassung: vor vielen tausend Jahren gab es einen Krieg zwischen einer außerirdischen und einer außerdimensionalen Macht, der über mehrere Planetensysteme ging, ein richtiger Krieg der Sterne, und die damals zum ersten Mal aufstrebende Menschheit auf einer steinzeitlichen Erde wurde mit hineingezogen. Damals wurden die Drachen erschaffen, als organische, selbstversorgende und selbstreproduzierende Waffen, die feuerspuckenden Kampfflugzeuge der damaligen Zeit. Ihre Erschaffer standen übrigens auf unserer Seite, und sie benutzten Gentechnik für ihre Waffentechnologie, weil auch die Waffen der außerdimensionalen Feinde häufig organischer Natur waren. Die beiden kriegführenden Mächte schafften es damals, sich gegenseitig komplett auszulöschen, aber die primitiven Erdenmenschen und einige auf verschiedenen Planeten versteckte Waffenarsenale blieben übrig. Waffen übrigens von beiden Seiten. - Als ich jung war, wollte ich Archäologe werden. Oder zumindest ein Abenteurer und Grabräuber in bester Tradition von Indiana Jones, weil das bei mir in der Familie liegt, einige von meinen Vorfahren haben sich in dieser Richtung betätigt. Als ich eine Höhle nach einem kostbaren Artefakt absuchte, stieß ich auf meinen ersten Drachen. Das war nicht Azure, sondern wir nannten ihn später Big G, weil er so grün wie Gras als Baby war und verblasst graugrün als Erwachsener, und weil er eine auffällig häßliche Visage hat, fast so wie Godzilla in dem Kinofilm. „Big G“ ist nämlich der Spitzname des japanischen Monsters Godzilla. Allerdings verlor ich Big G später, durch Umstände, die nicht in meiner Macht lagen, und es dauerte sehr lange, bis ich erfuhr, daß er bei einem Verwandten von mir gelandet war. Ich erhielt von meinem Verwandten dann als Ersatz den ersten Ableger von Big G, und das ist mein hübscher blauer Azure. Und das ist im wesentlichen die ganze Geschichte.“
“Wie kommen Sie zu diesem ganzen Wissen?“ fragte Großvater.
„Das ist auch eine längere Geschichte. Als ich Archäologie studierte, befaßte sich einer meiner Professoren auf seine alten Tage mit eher obskuren Themen. Sein besonderes Interesse galt diesem Krieg vor fast dreizehntausend Jahren, zu dem er jeden Schnipsel zusammentrug. Er wollte ein vollständiges Bild bekommen, was damals passiert war.
Meine Bindung mit Big G geschah von mir unbemerkt und natürlich ohne meine Absicht, und am Anfang hatte ich das Gefühl, mir eine außerirdische Version des Fluches der Pharaonen oder so etwas wie einen Werwolf, nur mit Drache statt Wolf, eingefangen zu haben. Die erste Verwandlung hat mich fast umgebracht, und auch die folgenden waren nicht angenehm, weil, wie ich erst viel später erfuhr, die Bindungskontakte des Drachens auf einen außerirdischen Krieger als Partner kalibriert waren und nicht auf einen Menschen.
Und dann trat eine andere Gruppe an mich heran, die sogenannten Matrixtechniker. Das sind Leute, die mit hochmodernen, aber kleinen Geräten, den sogenannten Energiematrizen, arbeiten und damit eine Vielzahl von Dingen tun können.
Ich erfuhr durch sie, daß mein Drache das Produkt nicht nur von Gentechnologie, sondern auch von Matrixtechnologie war, ein Amalgam beider Technologien, allerdings auf einem Niveau, wie wir es wohl frühestens in tausend Jahren erreichen könnten, also eine echte High-Tech-Kriegswaffe. Die Aliens, die vor fast dreizehntausend Jahren den außerdimensionalen Feind bekämpften, besaßen dieses Niveau an Technologie.
Unsere Matrixtechniker mit ihrem viel niedrigeren Niveau testeten mich, entdeckten, daß ich zur Benutzung hochrangiger Matrizen fähig sein könnte - das ist eine Fähigkeit, die längst nicht jeder Mensch hat - und entschieden deshalb, mich als Lehrling einzustellen. Ich bekam einen eigenen Lehrer zugewiesen, wie es unter Matrixtechnikern üblich ist, und einiges von dem, was dieser Lehrer mir beibrachte, konnte ich so umsetzen, daß ich damit den Drachen unter Kontrolle bringen konnte. Doch gerade als ich begriff, daß ich ein kostbares Geschenk erhalten hatte anstelle des Fluchs, für den ich es am Anfang hielt, verlor ich ihn, zusammen mit meinem ganzen damaligen Leben. Was eine andere, ziemlich lange Geschichte ist, deshalb zurück zum eigentlichen Thema, der Kontrolle über den Drachen.
Um ein Beispiel zu nennen, es ist Ihnen sicher nicht entgangen, daß ich vollständig bekleidet gelandet bin.“ Er strich mit einem Finger über seine legere Abendkleidung, die er gerade getragen hatte, als er zu seinem kleinen Ausflug aufbrach, weil er natürlich nicht damit gerechnet hatte, in dieser Nacht noch Bekanntschaften zu machen. Und er stellte fest, daß Mai Lin noch viel hübscher aussah, wenn sie dezent errötete.     
„Als Anfänger platzt man bei jedem Übergang aus seiner Kleidung heraus, und wenn man sich später wieder zurückverwandelt, steht man unanständig entblößt da. Ich behalf mich anfangs mit einem selbstgebastelten Halsband für den Drachen, in dessen Innentaschen sich ein paar zusammengefaltete Kleidungsstücke und etwas Geld unterbringen ließen, denn damals konnte ich weder Ort noch Zeit der Rückverwandlung kontrollieren.
Dann aber zeigte mein Lehrer mir einen Trick, mit dem sich die Körperaura, die jeder Mensch jederzeit mit sich trägt, als Werkzeug benutzen und auch ausdehnen und vergrößern läßt, und ich kam auf die Idee, daß der Verlust der Kleidung mit der Aura zusammenhängen könnte. Vor der nächsten Verwandlung dehnte ich dann meine Aura über die Kleidung hinaus aus, und stellte fest, daß es funktionierte. Seitdem bin ich nie wieder meiner Kleidung oder anderer Dinge, die ich bei mir trage, verlustig gegangen, und genauso behält auch mein Drache seinen Sattel am Leib, wenn er verschwindet und wieder kommt. Es ist einfach eine Frage der Übung. Allerdings dürfte der Trick für jemanden, der keine Ausbildung als Matrixtechniker hat, etwas schwieriger zu lernen sein.“ Er nickte in Richtung auf Mai Lin, weil ihm jetzt schon ziemlich klar war, daß er vermutlich bald einen weiblichen Lehrling haben würde.             
„Wie halten Sie es geheim?“ Großvater hatte damit vermutlich keine Probleme, weil er ein strenges Regiment in seinem Klan führte, wie es üblich war unter Chinesen. Und mit Außenstehenden wurde bei Asiaten grundsätzlich nicht über familieninterne Dinge gesprochen.

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Re: Junge und Mädel
« Antwort #4 am: 31. Mai 2017, 17:57:04 Uhr »
„Meine Hausmitbewohner, Mitarbeiter und Nachbarn wissen seit langem, daß ich für jede Art von Unfug gut bin, und seltsame Haustiere zu halten gilt in diesem Land als Vorrecht von reichen Pinkel wie mir. Außerdem machte ich vor einiger Zeit zufällig Bekanntschaft mit Vertretern der Federal Security Agency, das ist der Inlandsgeheimdienst dieses Landes. Wir kamen aufgrund gleicher Interessenlage zu verschiedenen Übereinkommen, und dazu gehört auch, daß ich rechtlich gedeckt werde, falls es nötig werden sollte und sofern meine eigenen Rechtsanwälte aus irgendeinem Grund dazu nicht fähig wären. Mit anderen Worten, ich kann Schutz von Seiten der Regierung beantragen, falls es jemals nötig werden würde. Zum Beispiel kann man Leute zur Verschwiegenheit verpflichten, wenn ich in einem Einsatz zugunsten der nationalen Sicherheit oder einfach für eine Personenrettung auf Azure zurückgreifen muß. Derartige Fälle hatte ich übrigens schon ein paar.“
Sämtliche Anwesenden sahen jetzt sehr besorgt drein, und Tom wußte warum.
„Sie sind illegal im Land, nicht wahr?” Es gab keinen Grund, lange um den heißen Brei herumzuschleichen, dieses Problem mußte möglichst sofort geklärt werden. Sofort wurden die Blicke noch besorgter, denn sie wußten jetzt, daß er sie jederzeit bei den Behörden anschwärzen und auffliegen lassen konnte.
„Aber Sie besitzen mit Renying einen unbezahlbaren Schatz, sowohl in meinen Augen, als auch in den Augen des Leiters der FSA, wenn er davon erfahren sollte. Seit er weiß, wie nützlich Azure sein kann, wünscht er sich dringend mehr Drachen für Notfalleinsätze. Ich habe damit keine Probleme, weil ich Patriot bin und schon früher gefährliche Einsätze mitgemacht habe, bevor ich General Wade kennenlernte und bevor ich Azure bekam, ich kenne den Drill und ich weiß auch, wie man in gefährlichen Situationen am Leben bleibt.
Weder ich noch Wade würden jemals zulassen, daß Sie aus dem Land geworfen werden, und der Grund wäre Renying. Ein Drache ist nur so glücklich wie sein Besitzer, und wenn die Besitzerin nur glücklich sein kann, wenn ihre Angehörigen bei ihr sind, dann wäre der General ein Trottel, diese Angehörigen nach China zurückzuschicken. Und General Wade ist vieles, aber gewiß kein Trottel.“ Dabei nickte er dem Mädchen zu, das im Moment kein Lächeln finden konnte. 
„Wie Sie sicher wissen, brauchen Sie für Aufenthaltsgenehmigungen für die Staaten samt einer späteren Einbürgerung den Nachweis eines Arbeitgebers im Land, daß Sie dem Staat nicht auf der Tasche liegen werden, und einen solchen Nachweis, für alle Ihre Familienmitglieder, könnte ich liefern. Ich bin reich, besitze eine ganze Reihe von Firmen und Unternehmungen und könnte jedes einzelne Mitglied Ihrer Familie, vom Baby bis zum Greis, irgendwo unterbringen, wenn es nötig ist. Ganz egal wie viele es sind.
Ich kann Sie mit dem General bekanntmachen und für die Vereinbarungen, die Sie treffen wollen, als Vermittler fungieren. Der General wiederum kann bei den Einwanderungsbehörden ein begründetes nationales Interesse an Ihrem Hierbleiben geltend machen. Ich kann dazu die Rechtsanwälte stellen, die sich um die rechtliche Seite kümmern. Mit dem Geld und dem Einfluß, den ich besitze, lassen sich viele Wege im Behördendschungel vereinfachen.“
„Das heißt aber, daß Mai Lin vermutlich für die Regierung arbeiten müßte?“
Wenn man überlegte, daß diese Familie vermutlich vor der kommunistischen Unterdrückung in China geflohen war und wahrscheinlich äußerst schlechte Erfahrungen mit den dortigen Behörden gemacht hatte, wog diese Befürchtung von Mr. Wong sehr schwer.
Tom schüttelte deshalb sofort expressiv den Kopf.
„Sie ist nicht ausgebildet. Bis heute wußte sie ja nicht einmal, wie man sich kontrolliert verwandeln kann. Ich schicke niemand in einen potentiell gefährlichen Einsatz, solange ich nicht absolut davon überzeugt bin, daß er auf alle Situationen, auf die er potentiell stoßen könnte, auch angemessen vorbereitet ist. Das gilt für alle meine Agenten, die mir der General in Einsätzen zur Verfügung stellt, und für Ihre Enkelin würde das in ganz besonderem Maße gelten.“ Wieder nickte er ihr zu.
„Ich müßte sie erst ausbilden, und wie lange diese Ausbildung dauern wird, liegt allein in meiner Entscheidung, nicht in der des Generals. Er weiß inzwischen, daß es Dinge gibt, bei denen er mir nicht dreinzureden hat. Dazu gehört unter anderem alles, was mit Drachen zu tun hat. Und das heißt, daß sie immer nur für mich arbeiten würde, nie für die Regierung direkt. Der General könnte uns beide anfordern, wenn es eine schwierige Lage verlangt. Aber Drachen in der Hand der amerikanischen Regierung - diese Vorstellung verursacht auch mir Bauchschmerzen. Deshalb würde ich es nie dazu kommen lassen, schon aus eigenem Interesse. Und auch das weiß der General. Wenn er es versuchen würde, oder den Befehl dazu von oben bekäme - dann würde ich ihm einen Kampf liefern, der auf der anderen Seite bestimmt nicht ohne Opfer abliefe. Ich weiß nämlich zufällig, in welchem Keller deren Leichen versteckt liegen, wenn Sie wissen, was ich meine. Der General weiß das ebenfalls. Und so leben wir miteinander wie ein altes Ehepaar, das sich manchmal schlägt und dann wieder verträgt, einfach weil wir uns gegenseitig brauchen und jeder von uns weiß, wie der andere denkt.“
„Trotzdem - gefährliche Einsätze...” Diese Aussicht für seine geliebte Enkelin gefiel Fei-Hung Wong ganz und gar nicht.
“Dank Renying besitzt sie viel mehr Fähigkeiten, als sie bis jetzt entdeckt hat. Die Drachen wurden dafür erschaffen, in einem gnadenlosen Krieg gefährliche Situationen zu meistern, vergessen Sie das nie, und bestimmte Arten von Schutzmaßnahmen für die Drachen erstrecken sich auch auf ihre Bindungspartner. Was ihr fehlt, ist eine ausgiebige Ausbildung und die Erkenntnis, zu was sie alles fähig ist. Das alles könnte ich liefern und noch viel mehr. Ich würde sie aber niemals zu Einsätzen überreden, für die ich sie als noch nicht bereit ansehen könnte, denn Renying ist der einzige mir im Moment bekannte weibliche Drache auf dieser Welt und deshalb viel zu kostbar, um sie aus Leichtsinn aufs Spiel zu setzen. -
- Alles was ich Ihnen soeben angeboten habe, kann ich Ihnen auf die Hand versprechen. Und ich denke, daß mein Vorschlag der einfachste Weg für Sie wäre.
Allerdings erwarte ich nicht von Ihnen, daß Sie von jetzt auf gleich darüber entscheiden. Überlegen Sie gründlich, wägen Sie alle Faktoren ab und sprechen Sie zuerst mit allen, die es betreffen würde. Danach können Sie mir jederzeit ihre Entscheidung mitteilen.-
Ich werde bis dahin gegenüber anderen Personen schweigen, auch das verspreche ich Ihnen, Mr. Wong.“
Zur Bekräftigung verneigte er sich.
Tom hatte gerade keine Visitenkarte dabei, aber auf Großvater Wongs Geste hin kamen Papier und Schreibzeug zum Vorschein, und er notierte sorgfältig seine Adresse samt Telefonnummern.