Autor Thema: Wo Adler sind  (Gelesen 993 mal)

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Offline DAOGA

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Wo Adler sind
« am: 30. März 2016, 14:42:17 Uhr »
Sorry, daß ich mich in letzter Zeit ein wenig rar mache. Viel Streß in der Arbeit und privat, dazu läßt die Muse mich grad an kritischen Stellen der anderen laufenden Geschichten etwas hängen. Aber dafür habe ich neue Stories in Arbeit, wie diese und ein paar andere, näheres dazu irgendwann in diesem Theater.
Hier also eine neue Geschichte, die zuerst ein wenig märchenhaft ist (der Zauberer), später abenteuerlich (die Drachen), und ganz zum Schluß wird es traurig (mal was neues für mich, was trauriges schreiben ist ziemlich schwierig).


Siwa Hendricks, der Besucher aus der Zukunft, weilte wieder einmal in der Gegenwart.
Und General Wade, der Leiter des Inlands-Geheimdienstes Federal Security Agency, nutzte die Möglichkeiten, die sich daraus für ihn ergaben.
Im Moment benötigte er eine Ablenkung, von einer Art, die absolut niemand mit Regierungsaktivitäten in Verbindung bringen würde, bis es für die Zielpersonen zu spät war.
Ein Rummelplatz war ein idealer Ort für jemanden, sich zu verstecken, seine wahre Identität zu verbergen und nach Belieben den Standort und Aktionsradius wechseln zu können, ohne daß jemand großartige Fragen stellte. Ein idealer Platz beispielsweise für Serienkiller und Terroristen, die sich bedeckt halten wollten, bis sie zuschlugen. Doch besaßen Serienkiller und Terroristen auch ein feines Gespür, was Polizisten und Agenten betraf, selbst wenn sie in Zivil auftraten. In der Anzahl, die Wade als für diesen Zugriff nötig betrachtete, wären seine Agenten aufgefallen wie bunte Hunde, selbst wenn sie in schrägsten Verkleidungen auftraten, und hätten für eine sofortige Flucht der Zielpersonen - höchstwahrscheinlich unter Waffengewalt inmitten einer Menschenmenge - gesorgt. Also brauchte Wade eine Ablenkung, zumindest für die Zeit, die er benötigte, seine Leute in Stellung zu bringen und die Zielpersonen in einer konzertierten Aktion einzusammeln, bevor sie überhaupt merkten, was da los war.
Und wenn jemand als Ablenkung etwas taugte, dann waren es der Junge aus der Zukunft, sein Verwandter in der Gegenwart und deren Freunde. Als Siwa dieses Mal aus der Zukunft erschien, hatte er jemanden mitgebracht, nämlich seinen Jugendfreund John Corner, der sich diese Gelegenheit, einen interessanten Teil der für ihn fernen Vergangenheit in eigener Person und absolut real mitzuerleben, während er Siwa und damit auch dem General hier und da zur Hand ging, nicht entgehen ließ. Als Wade ihnen und Tom Richards, dem dritten im Bunde, erklärte, was ihm vorschwebte, ließen die drei sich nicht lange bitten. Zehn Minuten später schon stand der Plan, wie man so ziemlich die gesamte Besucherschaft samt der meisten Schausteller für eine gewisse Zeit ablenkte, während Wades Leute ihren Job erledigten. Und noch zwei weitere Personen waren für die Ablenkung nötig, befanden die drei, nämlich Agent Benjamin Wylie und Scott Hayden, der 22jährige Sohn des Außerirdischen Paul Forrester.
Und so befand sich die fünfköpfige Gruppe heute in dem Vergnügungspark, dessen Inhaber ganz unauffällig dazu „überredet“ worden war, für heute eine zusätzliche Attraktion auf seinem Gebiet zu dulden, nämlich... einen Zauberlehrling.
Der von John Corner gemimt wurde, der in seiner eigenen Zeit als Hobby die althergebrachte Kunst der Illusion und Zauberei betrieb, auf die ganz altmodische Art, mit gezinkten Karten, flinken Fingern und viel Rauch und Spiegeln. Er war es auch, der Siwa und Tom Richards einst in die Grundkenntnisse dieser Kunst eingewiesen hatte, woraus zumindest Tom inzwischen eine eigene anerkannte Karriere in dieser Branche gemacht hatte.
Doch heute war - zumindest vorerst - John als junger Zauberlehrling der Mittelpunkt des Interesses.
Er hatte einen kleinen, bunt bemalten Zauberstand an einer genau definierten Stelle aufgerichtet, einige Meter vor ihm befanden sich ein paar hölzerne Sitzbänke, auf denen sich seine Zuschauer oder erschöpfte Parkbesucher niederlassen konnten, hinter John und seinem Stand war eine Freifläche von etwa zwanzig Metern, bevor die buntbemalte Rückwand eines Fahrgeschäfts aufragte. Die Freifläche war wichtig, weil er die später zu nutzen gedachte. Aber zuerst einmal versuchte der Zauberlehrling sich an Tricks, die eigentlich hätten klappen müssen... doch meistens nicht so wollten wie geplant. Die Kaninchen hüpften zu früh aus dem Zylinder, die Kartentricks funktionierten nicht so richtig, und das Publikum, das sich langsam auf den Bänken einfand, amüsierte sich prächtig über die Stümperei des Lehrlings, der einen zunehmend verzweifelten Gesichtsausdruck zur Schau stellte, und ließ es nicht an Spott, hämischen Bemerkungen und nur scheinbar gutgemeinten Tipps fehlen.
Hin und wieder geruhte ein Trick zu funktionieren, was das Publikum mit um so mehr Oh und Ah quittierte, aber meistens schlug Meister Murphy mit seinem Gesetz gnadenlos zu, und die zwei ansehnlichen Helfer des Zauberlehrlings, offensichtlich Vater und Sohn, so ähnlich wie sie sich waren, mit nackten und gut durchtrainierten Oberkörpern, zu Pferdeschwänzen gebundenen langen blonden Haaren und tatsächliches Ziel der Aufmerksamkeit von nicht nur mancher Zuschauerin, hatten alle Hände voll zu tun, nach entfleuchenden Kaninchen zu haschen oder die Überreste anderer mißlungener Tricks auffällig-unauffällig zu beseitigen.
Und irgendwann hatte Gandalf Junior genug von seinem dauernden Pech.
Er nahm zwei große Decken, die als Requisiten zusammengefaltet auf seinen letzten Trick gewartet hatten, und warf sie über seine zwei Helfer, die sich jeweils ein Stück weit links und rechts von ihm postiert hatten, so daß diese jetzt bis zu den Füßen verhüllt waren.
Dann trat er seinen kleinen Zauberstand um - der sowieso seiner letzten Tricks verlustig gegangen war - hob seinen Zauberstab gen Himmel und schrie, sichtbar und hörbar deutlich frustriert:
„Magie, tu was du willst!“ *
Und noch einmal: „Magie! Tu was du willst!“
Und noch einmal. Und diesmal, die Zuschauer bemerkten es zuerst nicht, tat sich etwas.
Doch schon beim vierten Schrei wurde es allgemein sichtbar. Denn aus dem Zauberstab, der nach wie vor in Richtung Himmel wies, zuckte Elmsfeuer. Zuerst nur blaue elektrische Funken, doch der nächste Schrei ließ sie emporzucken in Form eines Blitzes, etwa zwei Meter hoch, der züngelte und zuckte, jedoch nicht erlosch.
Wieder: „Magie! Tu was du willst!“
Und diesmal bildete sich etwa einen Meter über dem züngelnden Blitz eine Wolke, materialisierte aus dem Nichts und wie um dem leuchtenden, warmen Sonnenschein zu trotzen, der jede Ansammlung von Feuchtigkeit in der Luft hätte auflösen müssen -
„Magie! Tu was du willst!“
Und die Wolke rotierte um sich selbst, warf ihren Schatten auf ihren Erschaffer, wurde dichter, verwandelte sich in eine Art zahmen Mini-Hurrikan mit langsam rotierenden Wolkenarmen direkt über dem Zauberlehrling, daß die Zuschauer Mund und Nase aufsperrten -
„Magie! Tu was du willst!“
Der Zauberlehrling hatte die Augen geschlossen, vielleicht aus schierer Anstrengung. Der Zauberstab samt zuckendem Blitz wies weiterhin nach oben, und sein Benutzer schien gar nicht zu merken, daß jetzt aus der rotierenden Wolke über ihm Schneeflocken zu fallen begannen. Die auf seinem Zauberergewand gleich wieder dahinschmolzen in der Wärme des Tages und damit bewiesen, daß sie echt waren und kein Bühnenschnee aus Pappmaschee oder anderen Zutaten.
"Magie! Tu was du willst!“
Der züngelnde Blitz spaltete sich zu einem Dreizack aus Blitzen, der eine speiste weiterhin die rotierende Schneewolke, doch die zwei anderen schossen seitlich davon, zu den verhüllten und still dastehenden Helfern des Zauberlehrlings, berührten sie und begannen sie zu umzüngeln wie Netzwerke aus Blitzgewebe. Auf dem Platz gab es mit Sicherheit keine Falltüren, und es war zu hell und der Platz zu leer für jeden simplen Verschwindetrick, also mußten die beiden Helfer nach jedem menschlichen Ermessen immer noch unter den Decken stecken. Zumal bei einem der beiden noch ein in einer Sandale steckender Fuß aus der nicht allzu sorgfältig angelegten Umhüllung herauslugte. 
„Magie! Tu was du willst!“
Der Zauberlehrling schrie nicht mehr, er war leiser geworden und murmelte jetzt nur noch, es sah aus, als fräße der gewirkte Zauber all seine Kraft und Konzentration, denn er sank langsam auf die Knie, mit hängendem Kopf, den Zauberstab jedoch immer noch in die Höhe gerichtet. Doch der Zauber wirkte fort. Denn jetzt begannen die beiden Helfer in ihren Hüllen aus Decken und Blitzgewebe in die Höhe zu schweben, langsam und gleichmäßig. Und abermals war nichts erkennbar auf der sonnenlichtbeschienenen Fläche, auf der die Schatten der beiden sich deutlich abzeichneten, was das Emporschweben hätte erklären können. Und die beiden Männer steckten noch unter ihren Decken, weil ihre Füße zu sehen waren - die jedoch langsam und kaum sichtbar verblaßten, und dann --
sackten auf einmal die zwei Decken leer und schlaff zu Boden,
und es war völlig unmöglich, daß sich darunter zwei Menschen verbargen.
Inzwischen staunte das Publikum nur noch Bauklötze, und es staunte noch mehr, als an den Stellen, wo soeben die zwei Helfer des Zauberlehrlings ins Nichts verschwunden waren, zwei erheblich größere Umrisse materialisierten, Farben und Formen aus dem Nichts erschienen, hellblau mit gelb und orange und schwarz auf der einen Seite, ein mattes, verwittert wirkendes Graugrün auf der anderen --
schlaffe Giganten, die in der Luft schwebten, von Blitzen umzuckt, wie vorher die verhüllten Helfer --
doch sie sanken ein Stück der Erde entgegen, und sobald ihre jeweils vier krallenbewehrte Beine den Boden berührten, erwachten diese zwei unglaublichen Wesen zum Leben, hornbedeckte Lider glitten zurück, um mehr als tellergroße Augen in gehörnten, geschuppten Schädeln zu entblößen -
Und die Blitze aus dem Zauberstab erstarben, da sie offensichtlich ihre Aufgabe erfüllt hatten, die einer ganz außergewöhnlichen Transformation zweier Menschen,
des älteren Helfers in einen eleganten hellblauen Drachen mit bunten Markierungen, und des Jungen in einen häßlichen, massiven, wie aus verwittertem Beton geschnittenen Klotz, dessen kurzer Schädel mit dem mächtigen Unterkiefer ein wenig an die Godzilla-Version von Roland Emmerich erinnerte.



(* Zitat aus: "Das letzte Einhorn", dort benutzt vom Zauberer Schmendrick, also ein Klassiker!)
« Letzte Änderung: 30. März 2016, 14:45:11 Uhr von DAOGA »

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Re: Wo Adler sind
« Antwort #1 am: 1. April 2016, 13:59:42 Uhr »
-- Völlig unbemerkt von den faszinierten und jetzt reichlich erschreckten Zuschauern hatten sich links und rechts der Bankreihen je ein mittelalterlicher Ritter in voller Montur postiert, der eine etwa zwanzig, der andere vielleicht vierzig Jahre alt, die in ihrem Aufzug vermutlich zur Belegschaft des Rummelplatzes gehörten.
Und jetzt, da die Menschen angesichts der sehr echten, sehr lebendigen und mit Sicherheit sehr gefährlichen Riesenkreaturen unmittelbar vor ihnen nicht wußten, wie sie reagieren sollten - mit Applaus, weil der Zauberlehrling sich soeben erhob und vor seinem Publikum verbeugte, oder lieber mit sofortiger Flucht - da sprach der jüngere Ritter zu ihnen: „Applaus, Applaus!“ Und klatschte andeutungsweise in die behandschuhten Hände.
„Wer nicht klatscht wird gefressen.“ fügte der Ältere auf der anderen Seite mit sichtbarem Vergnügen am schwarzen Humor hinzu.
Ganz notgedrungen folgten die Zuschauer diesem Rat, statt die Beine in die Hand zu nehmen, und spendeten gehorsam dem Zauberer seinen Tribut, den dieser unbewegt und mit einer weiteren Verbeugung entgegennahm.
Und jetzt war klar, warum er sich eine so leere und freie Stelle für seine Zaubershow ausgesucht hatte, weil die beiden gehörnten Giganten zu seiner Linken und Rechten jeweils gute zwanzig Meter in der Länge waren, bei entsprechender Höhe. Was jetzt alles noch besser sichtbar wurde, da die beiden Drachen sich wie auf Kommando bewegten, die Köpfe weiterhin den Menschen zugewandt, doch die Körper sich seitlich drehten, so daß man ihre beflügelten Breitseiten auf voller beeindruckender Länge begutachten konnte.
Und ohne jede Scheu oder Furcht stiefelten die beiden Ritter jetzt auf die Drachen zu,
der ältere zu dem häßlichen Klotz, der jüngere zu dem hübschen, bunt gemusterten Blauen,
und die Drachen zeigten nicht etwa Neigung zum Kampf, nein,
denn jetzt war deutlich erkennbar, daß sie beide je einen großen Reitsattel auf dem Nacken trugen.
Und beide legten sich gleichzeitig gehorsam nieder, so daß die Ritter auf ihre Vorderbeine steigen und in die Sättel klettern konnten, auf die sie sich aber nicht setzten, sondern auf denen sie standen wie Reiter der Ungarischen Post auf ihren viel kleineren Pferdchen.
Und auf einmal zeigte der Zauberlehrling, den jetzt niemand mehr verspotten wollte wegen seiner Unfähigkeit und der auch seine Erschöpfung von vorhin verdächtig schnell überwunden hatte, ein verschmitztes Lächeln und rief, mit weit ausholenden Gesten:
„Und was macht man, wenn einem die Magie Drachen beschert? Ich sage nur - Kinderreiten! - Ich bitte näherzutreten, und nur keine Furcht! Das sind schließlich meine verzauberten Helfer hier. Wenn Sie immer schon mal wissen wollten, wie sich ein Drachenreiter fühlt, ist heute Ihre große Chance! Ein Ritt pro Person ist heute umsonst, solange der Vorrat reicht und unsere Drachen wollen!“
Und dann suchte er aus seinem umgestürzten Zauberstand einen Klappstuhl hervor, auf den er sich entspannt und mit breitem Grinsen setzte, um sich auszuruhen, denn seine Aufgabe war erfüllt.
Schon jetzt verbreitete sich die Kunde vom Erscheinen echter Drachen wie ein Lauffeuer auf dem Gelände des Vergnügungsparks, und die Menschen lösten sich von den anderen Attraktionen, um das Wunder aus eigenen Augen zu sehen.
Und jetzt war auch die Zeit gekommen, in der die Agenten des Generals auf Position gingen, um ihre Delinquenten abzufischen, ohne in dem Trubel zu viel Aufsehen zu erregen. Aber das war nicht die Sorge von John und seinen Helfern.
Noch hielt das Publikum sich zurück. Die beiden Ritter kletterten wieder von den Sätteln, bereit, die ersten Kunden zu empfangen und einzuweisen.
„Wer will, wer traut sich?“ riefen sie gutgelaunt, und begannen mild zu spötteln, als zuerst niemand nähertreten wollte, da zwei definitiv viel zu große, viel zu lebendige und viel zu zahnbestückte Drachenköpfe bedrohlich über den Rittern hingen. Aber dann faßte sich doch ein junger Bursche ein Herz. Erkennbar von asiatischer Herkunft, war er wohl vertraut mit dem Gedanken an die wahrhaftige Existenz von Drachen und auch daran, daß nicht jeder Drache der alten Legenden ein blutrünstiges Monster war.
„Ist es wirklich erlaubt, auf ihnen zu reiten?“ fragte er sicherheitshalber ungläubig den älteren der Ritter, der ihn mit breitem Lächeln empfing.
„Absolut. Ist ja nur für heute, und die beiden Großen finden das lustig, solange es nicht in Arbeit ausartet.“ bestätigte Agent Wylie, der in dem Ritteraufzug steckte, mit dem Daumen auf Big G deutend. Staunend blickte der Jugendliche an dem Drachen hoch, der aus solcher Nähe noch viel größer wirkte, und der neugierig? Interessiert? Wohlwollend? Oder einfach nur indifferent? - zurückblickte, und ... verneigte sich vor ihm, so elegant, wie es nur Asiaten oder altgediente Briten konnten.
„Ich danke für die Ehre und hoffe, keine Last zu sein.“ sprach er dazu.
„Gut gemacht!“ freute sich Wylie lautstark und klopfte dem Burschen zustimmend auf die Schulter. „Genau so geht man mit Drachen um!“
Und dann drehte er sich dem Publikum zu. „Wer will noch? Drei Leute faßt der Sattel! Also noch zwei für den ersten Ritt!“
Und da jetzt schon ein Kandidat unmittelbar neben dem Drachen stand, ohne sofort verspeist zu werden, und gezeigt hatte, wie man sich den Riesen anbiederte, fanden sich bald weitere mutige Möchtegern-Reiter, die mehr oder weniger geschickt ihren Kratzfuß machten und staunend zu den geschuppten Riesenköpfen hochblickten. Sobald die erste Dreiergruppe zusammengestellt war, zeigte Wylie ihnen, wie und in welcher Reihenfolge man den hohen und langen Sattel erklomm, und sobald sie oben waren, der Asiate und ein weiterer junger Mann mit seiner Freundin, zeigte er ihnen, wie man das komplizierte Gewirr an Sicherheitsgurten anlegte.
„Nein, Flüge sind nicht geplant. Ein Flug kostet die Drachen Kraft, deshalb würden wir dafür auch Geld verlangen.  Aber bei Drachen weiß man nie so genau, was sie gerade im Sinn haben, deshalb immer anschnallen.“ sagte er dazu und wies sie in die Grundlagen des Drachenreitens ein: „Immer die Zähne zusammenbeißen, wenn er in Bewegung ist. Nehmen Sie nie die Zunge zwischen die Zähne, sonst könnten Sie sich übel verletzen, wenn er eine plötzliche Bewegung macht. Und werden Sie nie schlaff, vor allem die Nackenmuskeln müssen immer etwas angespannt bleiben, sonst könnten Sie sich ein Schleudertrauma holen. Soweit alles klar?“
Sie nickten, blaß und angespannt, weil ihnen klar war, daß das hier etwas ganz anderes war als die übliche Achterbahnfahrt, Ponyreiten oder eine Fahrt mit dem Autoscooter, schon der Aufwand an Vorbereitung bewies das.
„Ich hoffe, Sie alle haben starke Mägen. Für Notfälle gibt es Spucktüten im Handschuhfach vorne in der Sattelfront, oder verkneifen Sie es sich bis hinterher. Bitte vermeiden Sie es, ihm auf den Sattel oder den Rücken zu spucken, das haßt er nämlich.“ zeigte Wylie das kleine nützliche Fach vorne innen in besagter erhöhter Schutzfront, die hier den Sattel anstelle eines normalen Sattelhorns zierte. „Aber keine Sorge, so ein Ritt ist nicht gefährlicher als der auf einem Pferd, und im Unterschied zu einem Pferd können Sie hier nicht mal herunterfallen wegen der Gurte.“
Und dann trat er zurück, und Big G erhob sich gemächlich. Was sich für seine Reiter anfühlte, als fände gerade ein Erdbeben genau unter ihren Hintern statt, wie Wylie aus Erfahrung wußte, und das Kitzeln in der Magengrube einen ersten Höhepunkt erreichte. Auch Azure war mit seinen ersten drei Gästen beladen, und so setzten sie sich hintereinander in Bewegung. Was sie vorhatten, war den Helfern bereits klar - aus guten Gründen hatte John seinen Stand nahe des Ausgangs des Platzes postiert, so daß die Drachen ohne Behinderung das Gelände verlassen konnten, und nicht weit jenseits des Vergnügungsparks lag der Fluß, der bei Hochwasser zuweilen die Gegend überschwemmte, der Grund, warum hier nur im Sommer ein sporadischer Rummelplatz gelegen war und keine dauerhafte, feste Bebauung. Große Freiflächen an Wasser gaben Drachen die Gelegenheit, ihre Fähigkeiten zu zeigen, und die Uferlinie bot Platz für die Zuschauer.
Big G und Azure schnürten denn auch prompt auf das Ufer zu, mit zunehmender Geschwindigkeit, und ihre Reiter hatten jetzt ernsthafte Bedenken, gleich ein unfreiwilliges Bad nehmen zu müssen oder gar ersäuft zu werden, so festgeschnallt an ihre riesigen Reittiere wie sie waren. Mit einem jähen Spurt schossen sie hinunter zum Ufer, darüber hinaus --

Mächtige Schwingen spreizten sich wie die Segel von Schiffen, um den Wind einzufangen --

Doch die Drachen versanken nicht im Wasser. Die Schwingen zu beiden Seiten weit gespreizt über dem Wasser, segelten sie dahin, daß nur die Klauenspitzen die Wasserfläche berührten und zu einer Spur von weißer Gischt aufrissen, sie segelten wie Pelikane oder andere Wasservögel über der Oberfläche des Flusses, nutzten das unsichtbare Luftkissen, das sich zwischen dem Wasser und ihren Flügeln bildete, völlig mühelos, regungslos dahinzugleiten, nur ein paarmal holten sie per Flügelschlag neuen Schwung und Antrieb, wenn die Geschwindigkeit zu gering zu werden drohte, und stießen sich mit den Klauenfüßen im Wasser ab, nicht nur scheinbar so leicht dahinschwebend wie übergroße Ballonfiguren --

Und ihre Passagiere überwanden bald ihren Schreck, jetzt da sie wußten, daß kein kaltes Bad drohte. Filmassoziationen waren schnell gefunden - „Titanic“, und, natürlich, „Harry Potter“, Harrys Greifenflug --
Begeistert spreizten die Passagiere ihre Arme ab und genossen dieses einzigartige Gefühl, schwerelos über das Wasser dahinzugleiten und den Luftzug zu spüren, zuverlässig getragen von einem mächtigen, starken Reptilienleib unter dem Hintern und sicher gehalten von stabilen Sicherheitsgurten.
 
So glitten sie dahin, bis eine Straßenbrücke in der Ferne das Ende des Kurses markierte, denn Big G und Azure wußten beide, wie ihr unerwarteter Anblick auf ahnungslose Autofahrer wirkte. Also rührten sie die Flügel und gewannen an Höhe, bis sie eine lange Kurve über dem Fluß fliegen und den gleichen Weg retour nehmen konnten.
Am Ufer standen Wylie und Scott Hayden, die beiden Ritter, und machten in der glotzenden Zuschauermenge den Weg frei für die anfliegenden Drachen, so daß sie sicher landen konnten. 
Und danach hatten sie viel zu tun, weil sich mit einem Mal sehr viele Kandidaten fanden, die dieses Erlebnis selbst gern machen wollten, mit dem Abladen der ersten Passagiere, der Zusammenstellung der nächsten Gruppen, dem Einweisen, Hochklettern und Sichern.

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Re: Wo Adler sind
« Antwort #2 am: 4. April 2016, 09:41:18 Uhr »
„Haben Sie nicht gesagt, daß ein Flug Geld kosten würde?“ fragte einer der Zuschauer, der Wylies erster Einweisung gelauscht hatte.
„Das ist kein richtiger Flug, nur ein bißchen Segeln. Das könnten die Drachen tagelang machen, weil es sie nicht viel Kraft kostet, für diese Art von Bewegung sind sie nämlich gebaut.“ antwortete Wylie gutgelaunt, weil bis jetzt alles so glatt lief. Bei ihnen jedenfalls, der Ablenkung, aber er vertraute darauf, daß seine Kollegen in Verkleidung inzwischen ihre Arbeit taten und ihre Zielpersonen eine nach der anderen schnell, schmerzlos und hoffentlich ohne Chance auf bewaffnete Gegenwehr aus dem Verkehr zogen.
„Richtig fliegen ist, wenn sie erst Höhe gewinnen müssen, und das ist anstrengend. Deshalb ist das heute nicht geplant. Eigentlich, aber die Drachen haben ihren eigenen Kopf.“ ließ Wylie alle Möglichkeiten offen.
John hatte seinen Zauberstand verstaut und relaxte jetzt am erhöhten Ufer auf seinem Klappstuhl, während er gemütlich den Drachen bei ihren Segelflügen über dem Wasser zusah.
„Ihre Show war phantastisch. Es war auch Teil der Show, daß ein Teil Ihrer Tricks nicht klappte, nicht?“ wurde er von einem Zuschauer angesprochen, der sich offensichtlich im Metier auskannte.
„Selbstverständlich, mein Herr.“ antwortete John und blinzelte genüßlich in die Sonne. „Solange man einen Trick nicht perfekt beherrscht, hat man in einer öffentlichen Vorstellung nichts zu suchen.“
„Wird man Sie mit diesem Transformationstrick mal in Las Vegas sehen können?“
„Leider nein. Wenn ich mit diesem Trick dort aufträte, würde ich hochkant aus jedem magischen Zirkel und jeder Illusionistengilde fliegen, die jemals existiert hat.“ sagte John bedauernd.
„Wirklich? Warum das?“ fragte der Mann.
„Weil ich bei diesem Auftritt zwei verschiedene Sorten Magie miteinander vermischt habe, und das ist dort, wo ich herkomme, absolut verboten. Wer sich dort bei sowas erwischen läßt, ist bei den Kollegen für alle Zeiten unten durch und wird geschnitten, wo er auftaucht. Heute konnte ich es mir nur erlauben, weil es rein zum Spaß war und sich nicht wiederholen wird, aber bei professionellen Auftritten würde ich sofort Probleme bekommen.“
„Verstehe ich nicht.“
John richtete sich etwas auf und erklärte geduldig: „Es gibt mehrere Arten von Magie. Die eine ist die, die Sie von Bühnenzauberern erwarten, mit gezinkten Karten, doppelten Böden, Rauch und Spiegeln und viel Fingerfertigkeit und psychologischen Tricks. Das ist eine... demokratische Magie, könnte man sagen, die hohe Kunst der Illusion, denn eigentlich kann sie jeder lernen oder sich leisten. Je aufwendiger der Trick, um so mehr Geld muß man dafür auf den Tisch legen, aber grundsätzlich ist sie jedem Interessierten zugänglich.
Das war die Art von Magie, die ich am Anfang gezeigt habe. Normales Zeug, das jeder lernen kann.“
Als Beweis hielt er einen Satz Spielkarten in der Hand, die er scheinbar aus der leeren Luft hervorgezaubert hatte und mit denen er jetzt herumspielte, sie im Bogen springen ließ und andere kleine Tricks vorführte, während er weitersprach.
„Aber dann gibt es noch andere Sorten, die nicht jedem zugänglich sind, sondern nur wenigen speziell dafür Begabten, und für die man spezielle Hilfsmittel braucht, die so rar sind, daß sie selbst für viel Geld nicht erhältlich sind. Und diese Sorte Magie ist wahrhaft verblüffend, denn wer für sie begabt ist, kann aus dem Stand und ohne viel Nachdenken Dinge vorführen, vor denen jede herkömmliche Illusion der erste Sorte kläglich verblasst. Oder anders ausgedrückt, die Anwendung dieser Magie ist ganz einfach unfair gegenüber jenen, die oft jahrelang lernen und üben und viel Geld ausgeben müssen, um ihre gewöhnlichen Tricks zu beherrschen. Und deshalb ist die Anwendung dieser seltenen Form von Magie bei uns streng reglementiert, was einem praktischen Verbot gleichkommt.“
„Das mit den Drachen, das war also die zweite Sorte Magie.“
John nickte. „Eine Form von Magie, die so echt ist, wie echte Magie nur sein kann, da ist nichts getrickst. Und bevor Sie fragen, die ging nicht von mir aus, sondern von meinen beiden Helfern. Ich würde verdammt viel dafür geben, in dieser Sorte Magie begabt zu sein, aber das bin ich leider nicht, bei mir reicht es nur für die herkömmliche Form. Mit faulen Tricks und zersägten Jungfrauen.“
„Sie werden mir bestimmt nicht verraten, wie dieser Verwandlungstrick funktioniert hat, oder?“ fragte der Mann neugierig.
„Ich könnte, aber deshalb könnte trotzdem keiner von uns beiden ihn nachmachen. Uns fehlen die Mittel dazu, und selbst die besten und berühmtesten Zauberkünstler in Vegas könnten mit all ihrem Reichtum diese Mittel nicht erwerben. Man muß ein vom Schicksal dazu Auserwählter sein und außerdem das Glück des richtigen Zeitpunkts auf seiner Seite haben. Ich habe zumindest das Glück, mit solchen Auserwählten zusammenarbeiten zu können. Und ich gebe zu, ich bin etwas neidisch. Aber ich weiß auch aus Erfahrung, daß die Auserwählten vom Schicksal besonders hart herangenommen werden, deshalb weiß ich nicht, ob ich wirklich mit einem von ihnen auf die Dauer tauschen möchte. Sie kennen vermutlich die Sprüche, daß man sich sorgfältig überlegen muß, was man sich wünscht, weil es in Erfüllung gehen könnte, und daß mit großer Macht auch große Verantwortung kommt.“
Ein anderer Mann winkte John zu, es war Senior Agent George Fox, der mit seinem kahler werdenden Grauschädel und im ungewohnten Räuberzivil wirkte wie ein gerupfter Geier. Seinen Signalen entnahm John, daß bei den Festnahmen alles gut gelaufen war und die Leute der Agency abrückten. Er nickte nur gleichmütig zurück. Für seine Gruppe bedeutete ein erfolgreich abgeschlossener Einsatz nicht, daß sie jetzt ebenfalls Hals über Kopf alles stehen lassen mußten. Wylie, der frühere Assistent von Fox, wurde heute noch gebraucht, bis die Drachen entschieden, daß sie für heute genug hatten mit der Show. Deshalb fläzte John sich wieder bequem in seinen Sitz und genoß die Sonne, den Radau vom Rummelplatz und den Anblick der über dem Fluß segelnden Drachen.
Abermals wurde er angesprochen, diesmal von der unvermeidlichen Tierschützerin.
"Finden Sie das in Ordnung, daß so phantastische Wesen für dieses... unwürdige Spektakel ... benutzt werden?" wollte die ältere Dame wissen.
John wies auf Azure, der soeben eine neue Dreiergruppe aufsteigen ließ, die jedoch etwas zögerlich war, weil er das Maul ein Stück weit offenstehen hatte und furchterregende Reihen von Fangzähnen sehen ließ.
"Sehen Sie das?" fragte John die Frau. "Das ist sein Smiley-Gesicht, er grinst über das ganze Gesicht. Die beiden lieben es, im vollen Rampenlicht zu stehen, sie bekommen aber nur selten diese Chance. Man kann einen Drachen nicht dazu zwingen, etwas zu tun, was er nicht tun will, denn dafür sind sie zu stark und zu intelligent. Wenn die beiden das hier nicht tun wollten, würden sie es nicht tun, und niemand, schon gar nicht wir, könnte sie dazu zwingen. Und wie Sie sehen können, sind auch die Sättel so gestaltet, daß die Drachen selbst sie an- und ablegen können, wie es ihnen beliebt. Die Dinger sind wegen ihrer Größe verdammt schwer, da bräuchte man einen kleinen Kran zum Hochheben. Wenn der Drache selber nicht will, läuft gar nichts. Wir sind nur die Zutaten, sie sind die Hauptsache, und das wissen sie genau."
Damit mußte sich die hilfreiche Lady zufrieden geben.
Abermals kehrte Big G von seiner Runde zurück, legte sich nieder und ließ die drei Passagiere absteigen wie bisher. Doch dann erhob er sich unerwartet, bevor die nächste Dreiergruppe näher kommen konnte, den Hals nach vorne gereckt und die Augen auf etwas fixiert, als nähme er etwas wichtiges wahr. Und dann setzte er sich in Bewegung, mit langsamen, gemessenen, nicht bedrohlich wirkenden Schritten durch die Zuschauermenge, die eilig und ängstlich zurückwich, denn was hatte der Drache auf einmal vor?
Scott, der die Betreuung von Big G und seinen Fluggästen besorgte, zog nur die Schultern hoch und hob die Hände, als Wylie und John ihm Blicke zuwarfen, er hatte auch keine Ahnung, was los war.
Aber auch er wußte, daß Drachen ihren eigenen Kopf hatten und nicht immer so dachten wie selbst ihre menschlichen Besitzer, mit denen sie doch in Leib und Seele verbunden waren.
Big G schritt weiter, durch die langsam und lautlos zurückweichenden Menschen, bis er sein Ziel erreichte und stehen blieb.
Da war ein Ehepaar, beide etwa vierzigjährig, ganz normaler Durchschnitt an Kleidung, Aussehen und Auftreten, mit ihrem etwa siebzehnjährigen Sohn, einem etwa gleichaltrigen Mädchen, das vermutlich nicht die Schwester, sondern dessen Freundin war, und einem alten Mann, dem Großvater?, in einem Rollstuhl. Der Alte hing bis jetzt völlig teilnahmslos in seinem Rollstuhl, ein wenig Sabber am Mund, und wirkte auch gar nicht so, als hätte er vorher geistig oder sonstwie allzuviel von seiner Umgebung mitbekommen.
Eine Familie also, die gemeinsam ihren alten Herrn auf dem Rummelplatz spazierenfuhr, um ihm wenigstens einmal im Halbjahr den Anschein familiärer Gemeinsamkeit jenseits des Pflegeheimes zu gönnen.
Auch sie versuchten vor dem Drachen zurückzuweichen, doch Big G hatte bereits seinen mächtigen Schädel gesenkt und fixierte den alten Mann im Rollstuhl.
War er einfach an dem metallglitzernden kleinen Gefährt interessiert, vielleicht weil er noch nie einen Rollstuhl gesehen hatte und ihn deshalb für ein Spielzeug hielt, oder... ?
Denn jetzt erwachte der Alte auf einmal zum Leben. Er blinzelte zuerst, als hätte er längere Zeit keine Sonne mehr gesehen - was vielleicht stimmte - , rückte sich dann mit ungeschickter Bewegung etwas zurecht, so daß er nicht mehr so schlaff wie vorher im Rollstuhl hing, blickte ruhig aus alterstrüben Augen zu dem mächtigen Reptilschädel empor, ohne zu zusammenzuzucken oder Angst zu zeigen, wischte sich fahrig den Sabber vom Mund, und dann tasteten seine Hände energischer, nach den Handgriffen seines Gefährts, er wollte sich hochstemmen oder versuchte es zumindest, um auf eigenen Füßen vor dem Drachen zu stehen.
Sein mutmaßlicher Enkel, der gerade noch versucht hatte, den Rollstuhl vor dem nahenden Reptil wegzuziehen, war von dieser Entwicklung so überrascht, daß er ganz das Ziehen vergaß, und auch seine Eltern hinter ihm blickten verblüfft drein und wußten gar nicht mehr, wen sie eher im Blick behalten sollten, den hoch aufragenden Drachen oder eher ihren alten Herrn. Denn ganz offensichtlich hatte der Alte sich schon seit längerer Zeit nicht mehr aus eigenem Antrieb bewegt. Geschweige denn versucht aufzustehen, was jetzt folgen sollte.
Als der alte Mann merkte, daß er allein nicht hochkam, winkte er gebieterisch seinem Enkel, er möge ihn stützen und so aufhelfen, woraufhin dem Jungen gar nichts anderes übrig zu bleiben schien als zu gehorchen.
Sobald der Alte stand, hob er seine eine Hand zu einem zittrigen Salut in Richtung des Drachen und begann zu sprechen. Mit einer Stimme, die schon sehr lange nicht mehr benutzt worden war, so kratzig und unsicher sie klang.
„Bitte um Erlaubnis, an Bord kommen zu dürfen, Captain!“ sagte er zur großen Verblüffung aller Umstehenden.
Und etwas geschah.
Denn die unmittelbar Betroffenen, der Enkel, seine Freundin und seine Eltern, nahmen mit einem Mal etwas ganz ungewöhnliches wahr.
Da war immer noch der Drache mit seinem leeren Reitsattel direkt vor ihnen, der den alten Mann mit gesenktem Kopf fixierte, als wolle er ihn fressen - oder vielleicht doch etwas ganz anderes mit ihm anstellen.
Doch zugleich, wie auf einem doppelbelichteten Foto, sahen sie da auf einmal ein Flugzeug, ein altmodisches Gerät wie aus einem alten Kriegsfilm, und direkt davor und vor dem alten Mann stand ein blutjunger Pilot in schicker Uniform, das unvorschriftsmäßig lange Blondhaar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden - der jüngere Gehilfe des Zauberers von vorhin.
„Erlaubnis gewährt, Skipper! Willkommen an Bord!“ hörten sie alle die Antwort dieses geisterhaften Piloten, der lächelnd direkt vor ihnen stand und doch nicht real, nicht materiell schien wie der sehr reale Drache - hörten es nicht mit ihren Ohren, sondern nur in ihrem Geist.
 
„Oh-oh.“ machte jetzt ein sehr besorgt dreinblickender Benjamin Wylie im Hintergrund. Weil auch er im telepathischen Verbund der Drachen hing und sah, was die Familie sah, hörte was sie hörte, und jetzt ahnte, worauf die Sache hinauslaufen würde.
Er tauschte einen Blick mit Scott Hayden aus, dem zweiten „Drachenbändiger“, dessen Azure gerade zurückgekehrt und der deshalb mit seiner Kundschaft beschäftigt war, und der noch nicht ganz realisiert hatte, was hier passierte, dem aber Wylies Besorgnis nicht entging. Und auch John als Dritter im Bunde kam heran, weil er Big G am besten kannte.
Nein, so etwas war bisher noch nie passiert, auch nicht in seiner eigenen Zeit, wo sie insgesamt immerhin dreizehn Drachen hatten, aber jetzt, da es gerade geschah, da wußte er es, wie mit glühenden Lettern in sein Gehirn geschrieben, als sei ihm diese Möglichkeit immer schon klar gewesen. Und er wußte nicht, ob er besorgt sein wie Wylie, oder eher aufgeregt sein sollte über diese neue Erkenntnis oder begeistert, daß er es miterleben durfte.
Denn der Anlaß ... war ein letztlich trauriger.

Der alte Mann wollte vorwärts, während Big G sich soeben niederließ und einladend seinen leeren Sattel präsentierte, und stellte fest, daß seine alten Beine, lange Zeit unbenutzt, ihn nicht mehr tragen konnten, schwer hing er auf der Schulter seines Enkels. Aber er wollte vorwärts und hoch, auf den Drachensattel hinauf/hinein in die einladend offenstehende Luke dieses alten Flugzeugs.
„Grandpa! Was wird das!“ rief der junge Mann erschrocken. Da wandte das Gesicht des Alten ihm zu.
„Hilf mir, Malcolm.“ sagte er leise mit seiner kratzigen Altmännerstimme. „Bitte.“
Und das war so leise, so unerwartet und zugleich so eindringlich, daß Malcolm, der junge Mann, gar nicht anders konnte als die Bitte zu erfüllen. Doch es war ihm unmöglich, den Alten, der sich selbst nicht mal auf den Beinen halten konnte, hoch auf den Drachenrücken in den Sattel oder hoch auf die ausgefahrene Gangway dieses alten Flugzeuges, je nachdem was gerade realer zu sein schien, zu befördern. Selbst für den herangeeilten Wylie mit seiner vollen Männerkraft und der Unterstützung durch Malcolm und John wäre das eine mühsame Plackerei gewesen.
Doch wenn man zwei Drachen zur Verfügung hatte, hatte man mindestens einen lebendigen, organischen Gabelstapler zum Heben von Gewichten zur Verfügung, und der von seinen letzten Passagieren befreite Azure kam heran, um ganz vorsichtig den alten Mann in seine beiden Vorderpfoten zu nehmen, während er sich auf seinen Schwanz aufstützte, um stabil auf den Hinterbeinen zu stehen, und so schafften sie es in Gemeinschaftsarbeit mit Hilfe von Wylie, der gleichfalls hochkletterte, den alten Mann sicher in den vordersten Sattel zu setzen und festzuschnallen. Beziehungsweise ihn in den Copilotensitz des altmodischen Flugzeugs mit militärischen Kennungen zu hieven, das geisterhaft an der Stelle eines graugrün verwitterten Drachenleibes stand.
Mit dankbarem Lächeln nickte der Alte anschließend seinen fleißigen Helfern zu, und er wirkte jetzt sehr zufrieden.
Wylie, der bisher hinter ihm auf dem hinteren des langen Doppelsattel gestanden hatte, kletterte geschickt herunter und bedeutete stattdessen dem jungen Mann, er solle an dieser Stelle aufsteigen, und zeigte ihm, wie er hochklettern mußte, bis er hinter seinem Großvater Platz genommen hatte, und wie auch er die stabilen und modernen Fliegergurte anzulegen hatte und die langen Lederchaps schloß, die die Beine der Reiter bis zu den Hüften hinauf vor dem beißenden Flugwind schützen würden.
John stand jetzt ebenfalls neben dem Drachen und hielt ein paar Dinge in der Hand, die er soeben herbeigezaubert haben mußte, nämlich zwei altmodische lederne Pilotenhelme mit Schutzbrillen und lange, dicke Fliegermäntel, wie sie für einen echten Drachenflug und nicht nur für kurzes Segeln über einem Gewässer nützlich waren.
Diese Dinge wurden nun hochgereicht, und Großvater wie Enkel statteten sich aus, mit langsamen, jedoch gezielten Handbewegungen, denn sie beide wußten, wie man sich ordnungsgemäß für den Flug in dieser alten Maschine zu kleiden hatte, während der junge blonde Pilot ihnen lächelnd und geduldig wartend zusah.
„Nur keine Hektik, ich fliege nicht ohne euch ab. Ihr seid heute meine wichtigsten Passagiere.“ versprach er mit seiner sehr echt klingenden, jedoch wieder nur im Geiste hörbaren jugendlichen Stimme.
Bei den Zuschauern ringsum kam langsam Gemurmel auf, weil offensichtlich wurde, was hier geplant war - und weil Unverständnis vorherrschte. Denn die Leute nahmen nicht das alte Flugzeug wahr und seinen Piloten, nur einen alten Mann, der sehr offenkundig die Alters- und Gesundheitsgrenze für die Flugtauglichkeit längst überschritten hatte, samt seinem geflügelten Untersatz, einem anscheinend nicht allzu vertrauenswürdigem und unberechenbarem Riesenreptil.
Und selbst die beiden Erwachsenen, die das Flugzeug wahrnahmen und allmählich begriffen, welch ungewöhnlichem und außergewöhnlichem Ereignis sie hier beiwohnten, waren noch nicht bereit, ihren eigenen Sinnen zu trauen, und wollten jetzt, viel zu spät, Widerspruch einlegen. Die Frau öffnete ihren Mund, um etwas zu sagen oder auszurufen, während ihr Mann anscheinend immer noch viel zu überwältigt war von der
Szene --
Aber da stand John schon direkt hinter ihnen und legte jedem der beiden eine Hand auf die Schulter.
„Sie müssen jetzt stark sein.“ sprach er zu ihnen.


« Letzte Änderung: 4. April 2016, 09:56:27 Uhr von DAOGA »

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Re: Wo Adler sind
« Antwort #3 am: 8. April 2016, 10:38:46 Uhr »
(Author´s note: Lieber Taschentücher bereitlegen, denn jetzt könnte das eine oder andere Tränchen fließen!)

„Aber - er hat sich doch erholt! So gut wie jetzt ging es ihm seit einem Jahr nicht mehr. Sehen Sie nur, er reagiert wieder, er spricht, er will sich sogar bewegen! Und jetzt will er das für eine jugendliche Dummheit aufs Spiel setzen?“ sagte sie sofort, in beinahe empörtem Tonfall.
Doch Johns düstere Miene sagte etwas ganz anderes, und er schüttelte auch den Kopf.
„Er hat sich nicht erholt.“ sagte er als Einleitung.
Sie starrten ihn verblüfft an, fast entsetzt und empört über seine Ehrlichkeit. Denn als das einzusinken begann --
„Es kommt öfters mal vor, daß Demente in den letzten Stunden vor ihrem Tod wieder völlig klar im Kopf werden. Um noch letzte Dinge regeln und sich verabschieden zu können, damit sie frei und unbelastet sterben können.“
Die beiden starrten ihn an, dann den alten Mann, wieder zurück zu John -
„Sie meinen, daß---“
Er nickte. „Lassen Sie ihm die Würde, auf seine Weise den letzten Weg zu gehen. Er hat bereits entschieden, wie es geschehen soll. Sobald er Big G erblickte, wußte er es, und Big G weiß auch, was seine Pflicht in so einem Fall ist. Und wenn Drache und Reiter sich einig sind, soll niemand anderes sich einmischen. -
Machen Sie es ihm und Ihnen selbst nicht unnötig schwer, indem Sie ihm in seiner letzten Stunde noch eine unwürdige Szene machen. Und versuchen Sie schon gar nicht, ihn eingesperrt in ein Krankenzimmer und gefangen in einem Netz aus Instrumenten als lebenden Leichnam gefangen zu halten, wo er sich doch längst nach der ewigen Freiheit des Himmels sehnt. -
Gehen Sie zu ihm und verabschieden Sie sich. Denn das ist es, was er jetzt von Ihnen erwartet. Machen Sie ihm keine Vorwürfe, die ohnehin nichts mehr bringen werden.“
Noch einmal starrten sie ihn an, in sein ernstes, junges Gesicht, dann sich gegenseitig, und dann faßten sie sich ein Herz und folgten Johns Rat.
Sie traten nah an den Drachen heran, der im Bewußtsein des ernsten Augenblicks so still lag wie eine Statue aus verwittertem Beton, und sie blickten nach oben. Der alte Mann lächelte unbekümmert auf sie herab und streckte eine Hand aus. Der ältere der gewappneten Ritter bedeutete ihr, daß sie unbekümmert auf das dicke Vorderbein des Drachen steigen sollte, damit sie hinaufreichen konnte zu ihrem Vater, und sie fühlte, zum allerletzten Mal in diesem Leben, wie ihr Vater ihre Hand umfaßte. Seine Hand war warm und rauh, die Haut lag schlaff und runzlig unmittelbar auf den Knochen. 
„Du hast mich sehr stolz gemacht, weißt du das, Dorilys?“ sagte er zu ihr und lächelte. „Du und Don und euer Sohn Malcolm, mein Enkel. Das wollte ich euch unbedingt noch mal sagen, bevor ich gehe.“
„Dad...“ Sie versuchte das Schluchzen zu unterdrücken, das ihr schier die Kehle verstopfte und jedes weitere Wort verschlang, während ihr bereits die Tränen herabliefen.
„Weine nicht um mich, Dilly. Ich hatte ein gutes Leben. Manchmal war es rauh und holprig, aber wo wäre der Spaß, wenn alles einfach wäre, nicht? Aber ich hätte es gehaßt, in dem scheußlichen Krankenzimmer zu sterben. Hier ist es gut, und ich danke Malcolm, daß er mich und euch hergebracht hat.“ Er nickte in Richtung seines Enkels, der hinter ihm saß und blaß und ernst und wachsam zuhörte.
„Du - du bist so anders!“ brachte sie heraus. Denn seit die ersten Symptome der Demenz auftraten, war er völlig verändert gewesen, grummelig, fast böse, mit nichts mehr zufriedenzustellen und gereizt über jede Kleinigkeit, mit allen anderen und sich selbst nicht mehr im Reinen, bis die zunehmende Demenz auch das auslöschte, zusammen mit allen anderen Merkmalen seiner Persönlichkeit.
„Ja, Dilly, jetzt weiß ich wieder, wer ich bin. Den nächsten Schritt in meinem Dasein werde ich im Vollbesitz all meiner Sinne tun, nicht armselig wegdämmernd in einem Pflegeheim. Sie warten auf mich, dort oben. Alle die ich dort oben zurückgelassen habe, damals. Hier habe ich den Helfer gefunden, der mich dorthin bringen wird, wo mein Herz schon ist, wo es immer gewesen ist seit damals.“ Und dabei nickte er dem jungen Piloten zu, den er ebenso wahrnahm wie die anderen im telepathischen Verbund, und der freundlich zurücknickte.
„Ach Dad!“ schluchzte sie. „Kannst du nicht noch bleiben?“
„Ich fürchte nein, Dilly. Mein Flugplan wurde aufgerufen, und mein großer Einsatz ist heute. Malcolm wird mich das letzte kurze Stück des Weges begleiten und die Maschine sicher zurückbringen. Mach ihm bitte hinterher keine Szene deswegen, okay? Er ist ein guter Junge, nur jung und manchmal unbeherrscht, so wie ich auch mal war. Und mach bitte auch unseren Helfern hier hinterher keine Szene. Das hier ist eine sehr seltene Gelegenheit, und ich bin sicher, viele alte Falken würden dafür morden, auf diese Weise gehen zu dürfen. - Leb wohl, Dilly. Und leb wohl, Don, und vielen Dank an dich, für alles, was du für Dilly und Malcolm und mich getan hast. Ich weiß, daß du Dilly glücklich machst, also tu das auch weiterhin. Leb wohl.“ Und auch Don drückte ihm für ein letztes Mal die Hand, die Hand eines alten Fliegers.
Dann traten sie alle gemeinsam zurück, und Big G erhob sich gemächlich, diesmal mit nur zwei Passagieren in langen Mänteln und mit Fliegerhelmen angetan auf dem Sattel, und drehte sich mit der gebührenden Vorsicht um, um keinen der Umstehenden mit seinem langen Schwanz zu treffen. Dann trottete zurück in Richtung des Ufers, wobei er wie bei den vorigen Ausflügen allmählich schneller lief und seine Schwingen spreizte, bis er sich über der Uferlinie abstieß. Doch diesmal segelte er nicht, sondern bewegte die Flügel in mächtigen Schlägen, die ihn schnell emportrugen, hinauf zu einem echten Drachenflug in größerer Höhe.
Und ganz still vor Verwunderung beobachtete das Publikum, das die Geschehnisse um Big G verfolgt hatte, daß die Beteiligten diesmal nicht nach vorne ans Ufer eilten, um das Weitere zu beobachten, sondern stehen blieben neben dem leer dastehenden Rollstuhl, ein Ehepaar, die Frau auf einmal laut schluchzend und tränenüberströmt in den Armen ihres ebenso, nur stiller weinenden Mannes, und selbst den beiden Drachenbändigern in ihren Rüstungen und ihrem Zauberlehrling liefen jetzt auf einmal Tränen über die Wangen. 
Denn wieder einmal hatte keiner der Umstehenden bemerkt, daß da zugleich ein altmodisches Flugzeug mit militärischen Kennzeichen seinen allerletzten Start vollzogen hatte, am Steuer ein junger blondhaariger Pilot, und neben ihm auf dem Copilotensitz auf einmal nicht mehr ein alter Mann, sondern ein junger, gutaussehender Mann mit Fliegerkappe und einem sportlichen Bärtchen auf der Oberlippe, wie man es vor vielen Jahrzehnten getragen hatte, hinter ihm als Fluggast sein Enkel.
Einer der Security-Männer, die auf dem Rummelplatz für Ordnung sorgten, näherte sich ihnen, weil er ebensowenig begriff, warum hier auf einmal die große Trauer ausgebrochen war. Doch Scott mahnte ihn mit einer energischen Handbewegung, Distanz und Pietät zu wahren, und der Mann gehorchte fürs erste. 
Die Frau, Dorilys, wischte sich die Tränen ab und versuchte mühsam die Fassung wiederzuerlangen.
„Wo bringt er ihn hin?“ wandte sie sich an den Nächststehenden.
Wylie deutete nach oben.
“Dorthin. Wo die Adler sind und der Himmel so nah, daß er nur eine einzige Armeslänge weit weg ist. Näher als auf einem Drachenrücken können Sie dem Himmel nie kommen. -
Er war ein Flieger, nicht wahr? Und hat einige Kameraden dort oben zurücklassen müssen?“
Sie nickte. „Im zweiten Weltkrieg. Er hat nie viel darüber gesprochen. Aber manchmal redete er im Schlaf oder nannte Namen, oder später, als er bereits dement war. Und er hatte Alpträume, die ihn manchmal schreiend hochschrecken ließen.“
Die ausgezackte Silhouette von Big G war noch gut erkennbar vom Boden aus, und auf einmal schrien die Zuschauer am Boden auf. Denn plötzlich zog sich von ihr ausgehend eine weiße Bahn quer über den Himmel, wie ein verkehrter Kondensstreifen - Big G hatte Feuer gespien. Und auf einmal schien er wahnsinnig zu werden da oben, weil aus dem ruhigen Segeln jäh wilde Manöver wurden, er stoppte mitten in der Luft, wild mit den Flügeln schlagend, kippte zur Seite ab, wich aus, schlug einen Salto, und wieder ging weißes Feuer in langen Bahnen von ihm aus.
Er war hoch genug, daß das Feuer erlosch, lange bevor es auf die Erde hinabsinken konnte. Doch weiter ging der irre Ritt da oben, mit haarsträubenden Ausweichmanövern und Attacken mit Feuer und Klauen gegen etwas unsichtbares. .
„Was passiert da oben?“ fragte der Mann, Don, entsetzt.
„Er spielt ein Luftgefecht nach.“ antwortete John anstelle von Wylie. „Schnell, Gruppenkontakt!“
Wylie und Scott wußten sofort, was er meinte, und ergriffen beide je eine von Johns Händen. Dann griffen sie beiden mit der jeweils anderen Hand nach Dorilys und Don, und sobald der Kreis so geschlossen war -
waren sie plötzlich wieder drin in der telepathischen Verbindung, trotz des räumlichen Abstandes zu Big G.
Und konnten sehen, was er und seine Passagiere am Himmel sahen.

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Re: Wo Adler sind
« Antwort #4 am: 8. April 2016, 10:45:40 Uhr »
Der vorher wolkenlos blaue, sonnendurchschienene Himmel war auf einmal grau verhangen mit dicken, dräuenden Regenwolken, und aus diesen Wolken schossen mit häßlichem Motorengebrüll dunkle Objekte, einige davon bereits in Flammen und lange Rauchbahnen hinter sich herziehend. Das bordeigene Maschinengewehr hämmerte sein Lied, ließ neue Feinde aufsplittern und in Rauch aufgehen. Feindfeuer pfiff heran, so nah, daß sie das Schrammen und Klickern einzelner Geschosse über das Metall des Cockpits hören konnten. Wieder ein Ausweichmanöver, ein wildes Drehen in der Luft, das feindliche Salven danebengehen ließ. Dogfight, Hundekampf, nannten die Flieger solch eine Feindberührung auf geringe Distanz, die vor der Erfindung weiterreichender Raketen auf Reichweite der normalen Bordgeschütze stattfinden mußte. Und sie waren mitten drin im dicksten Gewühl, ließen eigenes Feuer auf den Feind regnen, wichen aus, stießen zu und mußten zugleich hilflos mitansehen, wie ein Kamerad nach dem anderen, der an ihrer Seite flog, getroffen wurde und hinkend, Trümmer verstreuend oder brennend in einer Rauchspur nach unten oder hinter ihnen in den Wolken verschwand. Und wieder angreifend, feuerspuckend, ausweichend, wenn Feinde lärmend vorbeischossen und Kugeln die Luft durchsiebten...

Und dann, irgendwann, war es vorbei, und es wurde still. Sie waren allein. Keine Feinde mehr um sie herum, und auch keine Kameraden mehr. Die Wolken lösten sich auf, und ein makellos blauer, sonnendurchschienener Himmel war um sie herum. Tief unter ihnen glitzerte der Fluß, daneben eine Anhäufung bunter Gegenstände auf dem Grund wie verstreutes Spielzeug, von dem leiser Radau heraufklang - ein Rummelplatz - und jenseits davon, jenseits der Hochwassergrenze, dehnte sich in weitem Umkreis entlang des Flusses eine Stadt mit ihren ausgedehnten Vorortsiedlungen.
Abgesehen von ihnen selbst war der Himmel leer und erstreckte sich endlos, grenzenlos weit in alle Richtungen.
„Ach ja.“ seufzte der alte Mann zufrieden, denn wie lange hatte er diesen Eindruck, sorglos und frei so hoch oben über der Welt zu schweben, vermißt.
Und dann sagte er: „Sieh nur, Malcolm.“
Denn mit einem Mal war da doch wieder ein Flugzeug, direkt neben ihnen. Kein kleines Kampfflugzeug mit dem Kreuz des Feindes als Kennung, sondern diesmal eine viel größere, aber ebenso alte Maschine mit dem Stern der eigenen Streitkräfte.
Eine Maschine, die Passagiere trug, denn hinter den ungewöhnlich vielen runden Fenstern dieser Maschine waren Gesichter zu sehen, von jungen Männern, die herüberlächelten und eifrig winkten. Die Motoren dieses Flugzeuges waren ungewöhnlich leise, denn obwohl sie so dicht daneben flogen, daß sie das Ende des einen Flügels fast berühren konnten, hörten sie nur ein leises, stetiges Brummen und nicht das ohrenbetäubende Dröhnen, das derartig alte Motoren von sich geben mußten.
Malcolm und sein Großvater winkten zurück,
und dann fiel auf einmal die Hand des alten Mannes herab, und sein Kopf sank schlaff nach vorne.
 
-- Und hinter einem Bullauge des anderen Flugzeugs, das soeben noch leer gewesen war,
sah Malcolm auf einmal das Gesicht eines jungen Mannes mit Fliegerkappe und modischem Schnurrbart - sein Großvater, wie er ausgesehen hatte als junger Mann vor vielen, vielen Jahren - der herüberlächelte und ihm noch einmal zuwinkte, bevor das Flugzeug an Geschwindigkeit gewann und ihn mit Big G hinter sich zurückließ, geradewegs in die Sonne hineinfliegend.
So schnell konnte der Drache nicht folgen und wollte es auch gar nicht,
weil sie beide wußten, daß sie sich ihr Ticket für das Ziel, das diese Maschine ansteuerte, noch lange nicht verdient hatten.
Mit zitternden Händen löste Malcolm kurz seinen Fliegerhelm, um sich die Tränen abzuwischen und den Rest der Feuchtigkeit vom scharfen Flugwind trocknen zu lassen. Der Körper vor ihm hing schlaff in den Sicherheitsgurten und vollzog nur noch die Bewegungen ihres Transportmittels nach.   
Und dann erlosch mit einem jähen mentalen Zupfen die telepathische Verbindung,
und während Big G am Himmel die Flügel ausbreitete und in einen letzten, langen Rundflug überging, zu Ehren des soeben Verstorbenen,
fanden sich die anderen Fünf tief unten mit ihren Füßen fest auf dem Erdboden wieder. Sie blinzelten und wischten sich die Tränen ab, fanden erst langsam in die Realität hier unten auf dem Boden zurück.
„Es ist vollbracht. Er hat seinen Frieden gefunden.“ sagte Wylie leise.
 
John sah sich um, sah den Security-Mann immer noch abwartend dastehen, so verständnislos wie die anderen Zuschauer, ging zu ihm und sprach leise zu ihm. Nur ein paar Worte waren für die anderen verständlich, „Leichenwagen... kein Blaulicht..“.
John Corner war Pragmatiker, was geschehen war, war geschehen, jetzt mußte man an die praktischen Dinge denken.
Scott ging zu Azure zurück, der die ganze Zeit geduldig liegend gewartet hatte, und ließ seine nächste Gruppe von Fluggästen aufsteigen. Zeit für mindestens einen kleinen Rundflug hatten sie, bevor Big G zurückkehrte, kalkulierte er.
Irgendwann später sahen sie die typische gezackte Form des kompakten Drachens hoch am Himmel auftauchen. Wie Azure glitt Big G über den Fluß her ein, landete und legte sich an seinem Platz nieder, als sei überhaupt nichts besonderes gewesen. Doch von seinen zwei Passagieren befreite sich nur einer aus eigener Kraft von seinen Gurten, der andere hing schräg und schlaff und regungslos im Sattel, die Augen geschlossen unter den Brillengläsern.
Malcolm kletterte herunter, legte Helm und Mantel ab und reichte beides an den bereitstehenden John weiter.
Doch als er auf seinen Großvater deutete, schüttelten die Helfer erst einmal die Köpfe, er sollte damit warten, bis ihr stärkster Helfer zurück war. Und dann war Azure wieder da, und sobald er von seinen letzten Gästen befreit war, kam er heran und betätigte sich abermals hilfreich als Lastenheber, indem er den von Wylie von seinen Gurten befreiten Körper des alten Mannes vorsichtig herunterhob und bereithielt, bis die anderen ihn fürs erste zurück in seinen Rollstuhl hoben, bevor gleich darauf langsam und ohne Blaulicht und Musik wie erbeten ein Kastenwagen heranrollte und eine Bahre herausgehoben wurde, um den alten Mann daraufzubetten.
„Was ist passiert?“ fragte einer der Sanitäter mit der Bahre. „Hat das Vieh ihn bei seiner Toberei umgebracht?“ Dabei deutete er auf den ruhig daliegenden Big G.
Wylie schüttelte sofort den Kopf. „Seine Zeit war gekommen. Big G hat für ihn nur das getan, was jeder gute Drache für seinen Reiter tut, wenn die Zeit da ist - er hat ihn dorthin gebracht, wo die Ewigkeit so nah ist, daß man ohne Anlauf hinüberspucken kann. Aber er war nicht allein da oben, wir alle waren bei ihm in seinen letzten Minuten. Sehen Sie sein Gesicht.“
Denn unter dem Fliegerhelm, den man dem alten Mann abgenommen hatte, um nach letzten Lebenszeichen zu suchen, kam ein glückliches Lächeln zum Vorschein, im Tode erstarrt.
„Und jetzt werde ich jeden Tag in mein Abendgebet mit einschließen, daß auch mir diese Art von Abgang vergönnt ist, wenn es eines Tages soweit ist. Denn besser als auf diese Weise kann man nicht abtreten.“
Dorilys trat vor, stellte sich vor Big G und sah zu dem häßlichen gehörnten Haupt hoch, das seelenruhig auf sie  niederblickte, und sie empfand keine Furcht mehr. Denn sie wußte jetzt, daß in diesem riesigen häßlichen Körper die Seele eines freundlichen jungen Mannes steckte, und sie wußte, daß sie sich nie wieder in ihrem Leben vor Drachen fürchten würde.
Oder vor Geistern.
„Danke.“ sagte sie.
„Gern geschehen.“ antwortete die helle Stimme des blonden Jünglings in ihrem Geist.
Wylie weigerte sich, den Fliegerhelm, den der alte Mann getragen hatte, zurückzunehmen. Obwohl er wußte, daß er keine Angst haben mußte, an dem Objekt könne jetzt der Geist oder der unglückbringende Odem eines Verstorbenen hängen.
„Er war ein Flieger bis zum Ende. Begraben Sie ihn damit.“ sagte er zu Dorilys und Don. Und dann wandte er sich an Malcolm, der allein, wie bestellt und nicht abgeholt, dastand und alles beobachtet hatte.
„Und du zeigst unserer Kundschaft jetzt, daß es nach wie vor sicher ist, auf unserem Großen zu reiten.“ sagte er zu ihm, und machte dann eine Kopfbewegung in Richtung auf das Mädchen, das nicht weit entfernt stand.
„Sie ist deine Freundin, ja? Dann gönnt euch jetzt einen langen und sicheren Flug auf Big G. Keine Luftkämpfe diesmal, und keine Loopings, außer ihr wollt es so. Er kann euch überall hinbringen, wo ihr hin wollt, an jeden Ort auf der Welt. Nur nicht ins Jenseits.“
Abermals hielt John zwei warme Mäntel und zwei Helme, frisch und sauber, bereit für den Flug.
„Um alles weitere kümmern sich deine Eltern. Gib ihnen Zeit, sich allein und auf ihre Weise von deinem Großvater zu verabschieden, und mach dir keine Sorgen. Du kannst nichts mehr verpassen.“
Malcolm blickte zu seinen Eltern, die zustimmend nickten. Sie würden dem Leichenwagen hinterherfahren und auch den leeren Rollstuhl mitnehmen. Big G würde Malcolm und seine Freundin irgendwann später zuhause abliefern, wenn sie sich sattgeflogen hatten. Also kletterten die beiden nacheinander hoch, legten Mäntel und Helme an und schnallten sich fest, während Wylie sie einwies und die Chaps schloß, und dann setzte Big G sich abermals in Bewegung, um über den Fluß zu einem längeren Flug aufzusteigen. 
„Bin gespannt, wie wir das dem General erklären.“ brummte Wylie dann, und John und Scott grinsten.   
Und sie alle blickten noch mal nach oben, wo soeben der Umriß von Big G sich jäh in Luft auflöste, als der Drache an irgendeinen anderen Ort auf dieser Welt teleportierte.
Irgendwohin, wo Adler sind.
Und hin und wieder auch Drachen.

                                                                            - Ende dieser Episode. -