Autor Thema: "Texas Ratcatchers" im Einsatz  (Gelesen 1094 mal)

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"Texas Ratcatchers" im Einsatz
« am: 10. August 2015, 16:11:48 Uhr »
Mal wieder eine Drachengeschichte. Ich kann´s nicht lassen  :)



Wasser. Überall.
Sarah wußte gar nicht mehr, ob es von oben, vom wasserfallartig herniederrauschenden Regen stammte, der wenigstens sauber war, oder vom weitaus weniger sauberen Mississippi-Hochwasser, das unten herandrängte, aber wahrscheinlich war es längst ein Mix aus beidem. Zu erkennen war es nicht in der nächtlichen, nur von Regenschauern und überall grauschwarz rauschendem Flußwasser erfüllten nächtlichen Finsternis, denn die tiefhängenden Wolken schlossen jedes Licht von Mond oder Sternen aus, und auf vielen Meilen im Umkreis gab es keine von Menschen gemachten Lichtquellen mehr, deren Schein sich in den Wolken hätte fangen können. 
Verdammt, es war ein idiotischer Einfall gewesen, nochmal zum Farmhaus zurückzufahren, obwohl sie genau wußten, daß das Land in weitem Umkreis bretteben war und kein Berg, kein Hügel, kein erhöhtes Ufer Sicherheit bot, sobald die Flut herankam. Vielleicht hätten sie noch die Brücke des Interstate erreichen können, wenn sie rechtzeitig losgefahren wären, aber das waren sie eben nicht, weil unbedingt noch dies und das zu retten gewesen war, und jetzt war das alles ohnehin verloren, zusammen mit ihrem Wagen, den sie gerade noch hatten verlassen können, bevor er vom Wasser erfaßt wurde und abtrieb, und wenn nicht bald Rettung kam, was hochgradig unwahrscheinlich war, würden sie auch noch ihr Leben verlieren, bevor diese Nacht endete, denn das Wasser stieg, langsam aber unaufhaltsam, und immer wieder trieben Dinge vorbei, Gras, Äste, Abfälle und andere undefinierbare Kleinteile, wenn sie Glück hatten, und ein losgerissener ganzer Baum oder ein größeres Teil eines weggespülten Hauses, das ihren schützenden Halt jäh und aus dem Nichts rammen und wegreißen konnte, wenn nicht. 
Wenigstens war es nicht allzu kalt, so daß die Gefahr einer Unterkühlung nicht so schnell bestand, aber im Lauf der Stunden, die noch bis zur Morgendämmerung fehlten, würde es auf jeden Fall ungemütlich werden, so völlig durchnäßt wie sie waren, und die kälteste Zeit der Nacht war bekanntlich kurz vor Sonnenaufgang. Dave hielt sie beide, während sie sich gleichfalls an die Äste des Baumes klammerte, der im Moment ihr einzige trügerische Sicherheit war, trügerisch deshalb, weil der Baum unter dem gnadenlos Ansturm des Wassers und ihrer beider Gewicht bei jeder Bewegung verdächtig schwankte. Und das Wasser stieg langsam aber unaufhörlich weiter, klomm eine Handspanne nach der anderen den Stamm hinauf, längst überspülte es ihre Hüften, doch weiter hinauf konnten sie nicht mehr klettern, dort wurden die Äste zu dünn und schwach. Und weit und breit nach wie vor keine Hilfe, kein Schlauchboot mit Lichtern und Helfern, selbstverständlich kein größeres Schiff, das in diesen neu entstandenen Untiefen fahren konnte, und auf einen Helikopter war bei den Sturmböen nicht zu hoffen. Wenn ihnen nicht irgendein gigantischer Zufall zu Hilfe kam, vielleicht ein besonders großes Stück Treibgut, auf das sie sich retten konnten wie auf ein Floß, würden sie hier vermutlich ertrinken, völlig unbemerkt, und zumindest anfangs unbetrauert, bis man irgendwann irgendwo ihre angespülten Leichen fand und irgendwann auch identifizierte...
und dann hörte sie ganz plötzlich ein sehr lautes Rauschen direkt über sich in der Nachtschwärze, das nicht nach Regen klang, und fühlte einen heftigen Luftzug, der nicht vom Sturm zu stammen schien, und direkt über ihr schien es noch dunkler zu werden, falls das überhaupt möglich war, als sich auf einmal irgendetwas fremdes nach allen Seiten über ihr ausbreitete und sie vor dem herabpeitschenden Regen schützte, stattdessen prasselten die Wassermassen von oben hörbar gegen eine harte Oberfläche --
eine vom Sturm losgerissene große Plane vielleicht, die sich soeben direkt über ihnen in den Ästen verfangen hatte wie ein schützendes Dach? Doch kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf geschossen, als sie in ihrem Kopf, nicht mit ihren Ohren eine wohlklingende Stimme zu hören glaubte, die sprach: „Fürchtet euch nicht!“ -
Und etwas, was riesig und naß und hart war und rauh wie ein dicker Baumast - war es ein Ast? Denn dafür schien es viel zu beweglich - schloß sich um ihre Leibesmitte, pflückte sie und Dave regelrecht aus dem Wasser heraus und von den Baumästen weg -
und dann, auf einmal, war es perfekt schwarz um sie herum, still, kein Sturm, kein Regen, kein Dave mehr direkt hinter ihr, selbst der Ast um sie herum war verschwunden, doch dafür war es geradezu eisig kalt, als wäre sie von einer Sekunde auf die andere in einen geschlossenen Kühlraum, der sich in Betrieb befand, befördert worden mit dem Schicksal, binnen kurzem zu erfrieren, so durchnäßt und durchgefroren wie sie bereits war - 
doch es dauerte nur eine Sekunde, die zu kurz war, um darüber in Panik zu geraten, denn in der nächsten Sekunde war stattdessen um sie herum ein Mix aus Schwärze und gleißenden, gebündelten Lichtstrahlen wie von einer aktiven Flakstellung im letzten Weltkrieg, und da war auch wieder das Heulen und Röhren des Sturms, das Peitschen der Regentropfen und erneut dieses ungewöhnlich laute Rauschen einer heftigen Windböe, das schwarze Riesending über ihr, und der Ast lag wieder um ihre Hüften, doch der Ast war gleichmäßig rauh wo er sie berührte, und mit etwas wie riesigen, geordneten Schuppen auf seiner anderen Seite überzogen wie der Stamm einer urtümlichen, versteinerten Baumart in einem Museum --
und da war auf einmal ein hell leuchtendes (von den Scheinwerfern erleuchtetes?), flaches, ausgedehntes Gespinst direkt unter ihr wie ein zu groß geratenes Spinnennetz, das in einer taufeuchten Wiese im Mondlicht glänzte --
und im nächsten Moment fiel sie hinunter, auf dieses leuchtende Gewebe, weil der seltsame geschuppte Ast sie plötzlich und sehr beweglich losgelassen hatte --
sie krampfte sich zusammen in Erwartung des Aufpralls, doch stattdessen fing das Gewebe sie nachgiebig auf, fand elastisch einen Tiefstpunkt und ließ sie wieder emporschnellen, während dieser Bewegung nahm sie schon Bewegungen rings um sich wahr, die im Wirbel von Licht und Schatten undeutlich erkennbaren Körper von Menschen --
und dann griffen Hände nach ihren Armen, eine weitere elastische Bewegung des Gewebes ließ sie vorwärts schnellen und ein Stück abwärts, hinaus aus dem Gewebe, doch sie schlug abermals nicht auf dem Boden auf, weil diesmal viele hilfreiche Hände sie auffingen. Und dazu hörte sie ein mehrstimmiges „Hepp!“, das sie auf Anhieb an Artisten aus dem Zirkus erinnerte. Und sie sah sich um, sah zum ersten Mal die Menschen um sich herum genauer, und tatsächlich, einige von ihnen trugen farbenfrohe Trikots unter den Regenumhängen.
Die Artisten stellten sie nicht auf dem Boden ab, sondern reichten sie einfach weiter, eine andere Gruppe von Männern trug sie, schnell und geübt, durch eine offenstehende Tür in ein Gebäude, in dem es Licht und Wärme gab und Sturm und Regen endlich ausgesperrt waren. Und erst hier wurde sie abgesetzt, erst einmal auf eine Pritsche gelegt, aber nur für ein paar Sekunden, weil sofort ein paar Frauen um sie herum waren, eine davon in einer Schwesterntracht, die ihr ohne Zögern die durchnäßte, schlammige Kleidung vom Leib zogen und sie in eine vorgewärmte Decke hüllten, während ein Handtuch den größten Teil der Nässe aus ihren Haaren rubbelte.
„Bist du verletzt, Schätzchen?“ fragte die Krankenschwester. „Keine Sorge, hier bist du in Sicherheit.“
„Dave?“ war das erste, was sie zwischen ihren kälteschnatternden Zähnen hervorbrachte.
„Du meinst den hübschen jungen Mann, der mit dir zusammen gebracht wurde? Keine Sorge, der wird gerade nebenan von ein paar Kerlen trockengelegt und versorgt. Obwohl er´s von uns wahrscheinlich lieber hätte.“ Sie lachte herzhaft. Und bedeutete ihren Helferinnen, einen Paravent vorzuziehen, um zumindest einen Anschein von Intimität zu erwecken, während sie die Decke um Sarah lüpfte und ihre zahlreichen Kratzer und Blessuren begutachtete.
„Das muß desinfiziert werden, Schätzchen, nicht daß du dir eine Infektion holst von dem ganzen Dreck.“ sagte sie nach einer ersten Inspektion. Und langte nach einem bereitstehenden Eimer mit warmem Wasser, um zuerst die verschrammten Stellen vom noch daran haftenden Schmutz zu befreien und ein zweitesmal zu inspizieren, bevor sie mit dem Desinfektionsmittel weitermachte. „Sag wenn dir was wehtut, oder wenn ich etwas übersehe. Du stehst wahrscheinlich unter Schock, da kann es etwas dauern, bis man eine Verletzung spürt. Glaubst du, daß deine Knochen alle in Ordnung sind? Quetschungen, Verstauchungen, Kopf angeschlagen, schmutziges Wasser geschluckt oder eingeatmet, mit Chemikalien in Berührung gekommen, irgendwas?“ fragte sie nach den Varianten, die ihr heute alle schon untergekommen waren, während sie mit größter Geschicklichkeit ihres Amtes waltete, säuberte, desinfizierte und verpflasterte.
„Wir waren mit dem Auto unterwegs und wurden vom Hochwasser überrascht. Wir flüchteten uns auf einen Baum, aber der wurde auch schnell überflutet. Und dann -- wie kommen wir eigentlich her?“
Weil sie sich absolut nicht erinnern konnte, von jemandem gerettet worden zu sein. Hatte sie in der „kalten Sekunde“, wie sie es für sich nannte, einen Filmriß gehabt?

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Re: "Texas Ratcatchers" im Einsatz
« Antwort #1 am: 26. August 2015, 12:10:56 Uhr »
„Eine unserer fliegenden Rettungseinheiten hat euch aufgelesen. Die sind heute nacht schwer im Streß, ihr wart nicht die ersten und ihr werdet auch nicht die letzten bleiben, die hier bei uns zur Notversorgung abgeliefert werden. Ich frage dann mal nach, wie es deinem Freund geht, Schätzchen, aber wenn der auch nicht mehr abbekommen hat, wird man euch bald in die Stadt in die Notunterkunft bringen. Da kommen alle hin, die nur leicht verletzt sind, die Krankenhäuser sind für die schweren Fälle da. Willst du Tee, Brühe, heiße Schokolade oder was anderes warmes gegen den Schock und die Kälte?“
Sie deutete auf eine Batterie von Thermoskannen, die in Reichweite standen.
Sarah wählte heiße Schokolade. „Freudenspender und Energieträger. Gute Wahl, Schokolade ist nach einem so üblen Erlebnis nie verkehrt.“ lobte die Nurse. Sie verband die letzten Stellen, während Sarah mit zunehmendem Appetit die Schokolade schlürfte und fühlte, daß ganz allmählich die Kälte aus ihren Gliedmaßen wich.
„Laß zur Sicherheit den Arzt in der Notunterkunft nochmal nach den Wunden sehen, das hier ist jetzt nur eine Erstversorgung. Manchmal dringt Dreck tiefer in eine Wunde, als man sehen kann, das führt dann später zu einer Vereiterung und kann sogar eine Blutvergiftung verursachen, wenn man nicht aufpaßt. Der Arzt in der Stadt hat Zeit genug, genau hinzusehen. In Ordnung, Schätzchen?“
„In Ordnung.“ antwortete Sarah gehorsam. Und dann: „Sie sagten, eine fliegende Rettungseinheit? Ein Helikopter?“
Weil sie sich absolut nicht vorstellen konnte, daß ihr Filmriß so lang gewesen war, daß sie einen kompletten Rettungseinsatz per Helikopter vergessen oder sonstwie nicht mitbekommen hatte.
Aber die Nurse lachte. „Helikopter fliegen bei so einem Mistwetter nicht, die würden beim ersten Abseilversuch im Fluß landen, wenn der Sturm sie packt. Nein, wir haben was besseres und schnelleres. Was auch keinen Schaden erleidet, wenn eine Sturmböe sie mal in die Brühe wirft. Vielleicht siehst du einen von ihnen oder auch beide, bevor du in die Stadt fährst.“ Sie machte eine Kopfbewegung in Richtung Tür.
Eine Helferin lugte über den Paravent, sah, daß die Erstversorgung so weit fertig war, und langte ein Bündel herüber, das die Schwester entgegennahm und weiterreichte.
„Gespendete Klamotten von der örtlichen Heilsarmee, sorry, aber dein eigenes Zeug ist  hinüber. Von der Notunterkunft aus kannst du Anrufe bei Verwandten machen oder dir eine Transportmöglichkeit nachhause suchen. Kannst du aufstehen?“
Sarah versuchte es, und es ging. Etwas zittrig vom Schock, aber es tat gut, auf eigenen Beinen zu stehen, auf einem Boden, der trocken und sauber war und wo kein schwarz und schlammig schäumendes Hochwasser einen von den Beinen zu holen versuchte. Schon viel zuversichtlicher zog sie sich an, so schnell es ging.
„Und jetzt besuchen wir mal deinen Freund.“ lächelte die Nurse, nachdem sie die benutzte, mit Flußdreck und Blutspuren verschmutzte Decke sorgsam in einem Wäschekorb verstaut hatte. Sarah bekam eine neue, frische Decke umgehängt, und dann führte die Schwester sie in einen anderen Raum, in dem ein gleichfalls in seine Decke gehüllter Dave bereits auf sie wartete. Sie stürzten sofort aufeinander zu und umarmten sich, als wollten sie einander nie mehr loslassen. Dave nahm Sarahs Gesicht in beiden Hände,
„Ich könnte es mir nie verzeihen, wenn dir etwas zugestoßen wäre.“
„Dito hier,“ lächelte sie zurück.
„Sie müssen bitte in den Warteraum. Wir haben soeben die nächsten Patienten bekommen.“ sagte eine andere Helferin geschäftig und führte sie weiter.
Und tatsächlich trugen gleich darauf eifrige Helfer in Regencapes mit darunterliegenden bunten Trikots zwei weitere halb erfrorene, halb ertrunkene Gestalten an ihnen vorbei und bemühten sich eifrig um sie. Sarah und Dave zogen sich gehorsam in den zugewiesenen Raum zurück, wo Sessel und einige Liegen, ein paar davon bereits besetzt, für die Zeitdauer bis zum Abtransport bereitstanden.
Sarah wandte sich an einen in Decken gewickelten Mann, der ebenfalls wartete und die Vorgänge mit wachem Blick beobachtete. „Sagen Sie, Sir, sind das tatsächlich Leute vom Zirkus?“
Der ältere Mann lächelte sie freundlich an. „Der Name ist Ham, kurz für Hamill Blaine, Missus. Bei Sir komme ich mir so alt vor. Und ja, das sind tatsächlich Artisten. Die konnten heute abend nicht auftreten, weil ihnen der Sturm das Zelt weggeblasen hätte, stattdessen helfen sie hier aus. Sie haben draußen ihr Sicherheitsnetz aufgespannt, damit die Rettungseinheiten nicht jedesmal landen müssen, sie werfen die Geretteten einfach aus geringer Höhe ab und sind sofort wieder unterwegs. Die normalen Helis können bei dem Wetter heute nicht fliegen, und sie wären auch gar so nicht so schnell wie diese beiden.“
„Was sind das für Rettungseinheiten? Es ging so schnell... in  einem Moment waren wir noch im Wasser und drohten zu ertrinken, und dann packte uns etwas, und dann waren wir schon hier.“
„Wenn Sie das nicht mitbekommen haben - nun, dann müssen Sie es sich selber ansehen, sonst glauben Sie es nicht. Können Sie laufen? Dann kommen Sie.“
Und der Mann erhob sich und führte sie bis zum Ausgang, von wo aus man einen guten Ausblick nach draußen, in Richtung des in mindestens drei Metern Höhe aufgespannten, von Scheinwerfern angestrahlten Netzes hatte, aber unter einer Art Veranda noch geschützt vor dem in einzelnen Schauern herunterpeitschenden Regen stehen konnte.
„Warten Sie einfach ab, bis sie das nächstemal auftauchen, mit irgendwelchen Geretteten in den Klauen. Meistens Menschen, aber sie schleppen auch Tiere an, die irgendwo in Wassersnot gerieten, entlaufene Rinder, Pferde, Schafe, Hunde, sogar Hirsche und anderes wildes Kleinvieh. Die werfen sie aber natürlich nicht ins Netz, weil das nur für das Gewicht von Menschen gemacht ist, sondern setzen sie in der Nähe ab. Die Zirkusleute haben ein paar Gehege eingerichtet, wo die Tiere untergebracht und vom Tierarzt und ein paar Tierfreunden aus der Stadt versorgt werden, bis sich die Eigentümer melden oder man sie freilassen kann.“ erzählte er angelegentlich. „Mr. Wylie, ihr Koordinator, sagt, sie haben Infrarotsicht und sehen die Wärme von warmblütigen Wesen, die im Wasser treiben, und sie sind darauf dressiert, alles aus dem Wasser zu fischen und hierherzuschleppen, was warmblütig ist. Aber sie finden hin und wieder auch Leichen und bringen sie mit.“
„Dressiert? Ich dachte, Sie reden von Maschinen, wenn Sie von Rettungseinheiten sprechen.“ fragte Dave verwundert.
Da grinste der Mann. „Auch ein dressierter Suchhund mit seinem Führer ist eine Rettungseinheit, Mister. Mr. Wylie nennt sie „Texas Ratcatchers“, weil in Texas bekanntlich alles größer ist, auch die Ratten. Aber da hat er wohl ein wenig geflunkert, weil das eindeutig keine Hunde sind, nicht mal besonders große. - Warten Sie es einfach ab.“

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Re: "Texas Ratcatchers" im Einsatz
« Antwort #2 am: 4. September 2015, 10:16:39 Uhr »
Und sie mußten nicht lange warten. Ganz plötzlich, wie aus dem Nichts geboren, war es einfach da, schwebte über dem Netz, als habe es jemand herbeigewünscht. Und diesmal, aus gewisser Distanz und von der Seite, teilweise angestrahlt von den Scheinwerfern und wie ein Schattenriß regelrecht herausgerissen aus der umgebenden Schwärze von Nacht und Sturm, war zu erkennen, um was es sich handelte. Mächtige Schwingen, von denen als weiße Gischt die Nässe spritzte, breiteten sich weit nach zwei Seiten über dem Netz aus, darunter hing ein ebenfalls schwarzer, langer, schlanker Reptilienleib mit vier krallenbewehrten Gliedmaßen, und an einem fast endlos langen schlanken Hals saß ein keilförmiger Kopf mit schwarzen Hörnern in unterschiedlichen Längen --
die schuppenbedeckten, krallenbewehrten Vorderpranken ließen etwas fallen, was sich überschlagend und dann hilflos zappelnd im nachgiebigen Netzgewebe landete, noch während sich die Riesenflügel mit lautem Rauschen und einem begleitenden Schauer aus Wasser und verdrängter Luft nach unten bewegten --
und im nächsten Moment war es schon wieder verschwunden, mit einem seltsamen puffenden Geräusch, als wäre es nur ein bizarrer Riesenluftballon gewesen, der viel zu leise explodiert war, als die bislang verdrängte Luft samt Regen und Nacht schlagartig an die plötzlich wieder leere Stelle zurückdrängte --
und ganz unbeeindruckt von der Erscheinung stürzten sich zwei Gestalten in Regenumhängen, die bislang abwartend unter je einem Schirm an einem der Pfosten, an denen das Netz befestigt war, gestanden hatten, auf den Inhalt des Netzes, und mit geübten Bewegungen und einem aufmunternden „Hepp!“ schubsten sie das Zappelnde über den Rand des Netzes hinaus, wo schon ihre Kollegen bereitstanden, um es auf ihren kräftigen Armen zum Haus zu tragen, wo die Nurses dann sogleich ihre neuen Patienten zu bearbeiten begannen. Das ganze wirkte wie tausendmal geübt, keineswegs wie eine improvisierte Aktion im Katastrophenfall, und Sarah und Dave begannen zu ahnen, daß an einem Tag wie heute eine geübte und nervenstarke Zirkuscrew nicht das schlechteste war, was man zur Verfügung haben konnte.   
„Das war der Schwarze.“ sagte Ham zu den beiden. „Der andere ist blau, aber fleißige kleine Biester sind sie beide. Die zwei ersetzen im Alleingang eine ganze Helikopterstaffel, sie haben heute schon einer ganzen Menge Menschen das Leben gerettet. Aber anscheinend gibt es nicht viel mehr davon als diese beiden. - Übrigens, Mr. Wylie hat darum gebeten, es nicht an die große Glocke zu hängen. Anscheinend ist er ein höheres Tier bei der Regierung, wenn er nicht in Notfällen wie heute mithilft, und er sagte, wenn wir schon darüber reden müssen, dann sollen wir es bei Rettungshunden der Rasse „Texas Ratcatcher“ belassen. Fabelwesen gibt es hier genausowenig wie anderswo, einverstanden?“   
„Verstanden, Ham,“ nickten die beiden. Und beobachteten, wie gerade in diesem Moment wieder ein riesiger Schatten über dem Netz auftauchte, doch dieser hing viel höher in der Luft, kaum erkennbar in der Schwärze, da die Scheinwerfer nicht bis in diese Höhe leuchteten, und er wirkte weder schwarz noch blau. Er ließ auch nichts fallen, als er tiefer kam, sondern landete kurz danach geschickt auf allen Vieren etliche Meter neben dem Netz, und reckte ein ausnehmend häßliches, massiges, fast schildkrötenhaftes Reptiliengesicht mit mächtigem Unterkiefer in Richtung des Hauses. Und immer noch war das Wesen weder blau noch schwarz, sondern eher von einem diffusen Graugrün, das es vor dem düsteren Hintergrund fast verschwinden ließ.
„Das ist ein neuer.“ machte Ham überrascht. „Also gibt es doch ein paar mehr von der Sorte. - Da, das ist Mr. Wylie.“ deutete er auf einen stämmigen Mann in Regenmontur, der darunter kein Artistentrikot, sondern einen genauso farbenfreudigen und vermutlich gut isolierten Taucheranzug zu tragen schien - vermutlich die beste Wahl bei derart nassem Wetter, bei dem die Fische des Mississippi wahrscheinlich keinen Unterschied mehr zwischen Wasser und Luft feststellen konnten. Wylie lief auf den Neuankömmling zu, so schnell der nasse, schlüpfrige Boden es erlaubte, wurde kurz vor ihm langsamer und blieb dann stehen, aufmerksam zu dem riesigen Reptilienhaupt aufschauend.
Die Zuschauer hielten den Atem an - würde dieses Riesenmaul, aus dem sogar in geschlossenem Zustand Zahnspitzen hervorragten wie bei einem T-Rex, nach dem Mann schnappen und ihn in einem Haps verschlingen wie in einem Dinosaurier-Film?  Das Riesenhaupt senkte sich etwas - aber das Maul blieb geschlossen. Stattdessen sah es so aus, als würden die beiden wortlos miteinander kommunizieren. Es dauerte etliche Minuten, während derer der Regen sich zu einem Getröpfel abschwächte und dann auf einmal wieder neu von einer Böe herangetragen durch die Gegend peitschte. Und dann drehte Mr. Wylie sich um und ging zum Haus zurück, während der Gigant den Kopf hob, als würde er weiter oben etwas interessantes sehen, und tatsächlich, da hing auf einmal der von Ham erwähnte Blaue in riesiger Größe über dem Netz und ließ seine Fracht fallen und verschwand sofort wieder, und sofort sprang auch der Graugrüne in die Luft, mit einer Geschwindigkeit, die bei einem so massigen und großen Körper, sicher größer und auf jeden Fall länger als der eines Elefanten, geradezu obszön machtvoll wirkte, spreizte die Riesenflügel, die an ihren Rändern mit riesigen, kurzen, dunklen Schwungfedern bestanden waren - und verschwand spurlos noch aus der Bewegung heraus, als die Schwingen noch gar nicht voll geöffnet waren. Nur ein leises puffendes Geräusch hallte nach, als abermals Luft und Wasser sich beeilten, ein plötzlich entstandenes Vakuum auszufüllen.
Wylie flüchtete vor dem hartnäckigen Regen unter das Schutzdach, wo die drei standen, und langte nach einem bereitliegenden Handtuch, um sich die nassen kurzen Haare trockenzurubbeln, die als einziges von dem Taucheranzug nicht geschützt waren, da er keine Kapuze angelegt hatte.
„Noch ein Helfer mehr, aber Sie sehen nicht glücklich aus, Mr. Wylie,“ klopfte Ham vorsichtig auf den Busch.
„Sieht man mir das an?“ fragte der Regierungsmann, als er sich zu ihm umdrehte, wobei er ein übertriebenes Grinsegesicht zeigte. Den beiden jungen Leuten nickte er als Begrüßung zu.
„Sie sind ein großartiger Ratcatcher-Dompteur, aber ein lausiger Schauspieler.“ bestätigte Ham. „Ist der Neue eine Gefahr, weil Sie so miesepetrig dreinschauen?“
„Nein, er ist in Ordnung, genau wie die anderen.“ lächelte Wylie schwach. „Das Problem ist, daß er nur in äußersten Gefahrensituationen hier auftauchen darf, und damit meine ich nicht die jährliche Mississippi-Überschwemmung. Wenn er hier ist, heißt das, daß es Ärger geben wird. In Größenordnungen, die das hier weit übersteigen. Aber das ist eine Sache, mit der sich meine Vorgesetzten herumschlagen müssen, das fällt nicht mehr in meine Lohnkategorie. Der Neue heißt übrigens Big G, wegen seiner Farbe und seiner häßlichen Visage, die aussieht wie die von Godzilla. Zum Glück hat er genug Zeit mitgebracht, er hilft jetzt zusammen mit den beiden anderen, und um den Ärger, den er im Gepäck hat, kümmern sich später die dafür zuständigen Stellen.“
„Welche Art von Ärger?“ fragte Ham interessiert, aber Wylie zuckte mit den Schultern.
„Weiß ich noch nicht, ist vermutlich irgendwas streng geheimes, aber als der Dompteur werde ich es wohl mitbekommen, wenn es soweit ist.“ erklärte er selbstironisch.
Kurze Zeit später fuhr ein requirierter Schulbus aus der Stadt vor, der die Geretteten zur Notunterkunft brachte, und Sarah und Dave fuhren mit. Ham blieb zurück, da er im Überschwemmungsgebiet, aber gar nicht weit weg gewohnt hatte, sich deshalb selbst bei Freunden um eine Unterbringung kümmern konnte, sobald der Morgen graute, und außerdem neugierig war, wie es mit den „Rettungseinheiten“ weiterging.     
Im Verlauf der restlichen Nacht wurden die Abstände, mit denen die Drachen auftauchten und ihre „Beute“ ablieferten, zunehmend länger, weil sie mit ihren Flugfähigkeiten und ihrer Infrarotsicht, die vor dunklem, weil kühlem und nassem Hintergrund jedes warmblütige Wesen, auch wenn es unterkühlt war, als grellbunten Fleck sichtbar werden ließ, große Flächen in kürzester Zeit absuchen konnten und immer größere Überschwemmungsgebiete als gesichert abgehakt werden konnten. Und nicht jedes Tier, das sie fanden, und auch nicht jeder Mensch wurde zu dieser Auffang- und Rettungsstelle gebracht, zuweilen war der Flugweg zum nächsten sicheren Ufer, wo Hilfskräfte verfügbar waren, kürzer und einfacher als ein weiterer, kräftezehrender Teleport.
Wylie verbrachte die meiste Zeit beim Funker der Einsatzstelle, der die Notrufe entgegennahm und anhand von Landkarten erklärte, wo die Rettungseinheiten gebraucht wurden, Informationen, die er dann dem nächsten ankommenden Drachen übermittelte. Zu diesem Zweck wurde jeweils eine Decke als Fahne geschwenkt, um den nächsten Drachen zur Landung zu veranlassen, so daß Wylie seine Weisheiten weitergeben konnte, zuweilen unterstützt von Ortskundigen, denen die Drachen die notwendigen Ortsbeschreibungen und Distanzen für einen Teleport per Telepathie direkt aus dem Hirn herauslesen konnten.

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Re: "Texas Ratcatchers" im Einsatz
« Antwort #3 am: 23. September 2015, 09:42:25 Uhr »
Gegen Morgen ging ein weiterer Notruf ein.
„Erdrutsch nahe des Interstate. Mehrere Autos wurden verschüttet, als ein vom Regen gelöster Abhang abging. Aber bis ein Bagger dort hinkommt, dauert es ewig, und der Hang ist immer noch instabil.“ sagte Wylie zu Big G, der gerade verfügbar war.
Big G´s gigantischer, häßlicher Schädel lag fast mit dem Kinn am Boden auf, so daß seine Augen beinahe auf gleicher Höhe mit denen des stehenden Wylie waren. Der Funker, der die Gegend des Unglücks kannte, dachte an seine früheren Fahrten dorthin, wie man ihn angewiesen hatte - Fahrten meistens bei gutem Wetter, aber seine Erinnerungen an den Ort reichten Big G, der den Mann telepathisch aushorchte, um ihn sich bei Morgengrauen und schlechtem Wetter vorzustellen, was zusammen mit den allgemeinen Koordinaten des Ortes für einen „Blink“, einen Teleport dorthin, ausreichte.
„Ich komme lieber mit, die Rettungskräfte vor Ort flippen sonst aus, wenn sie dich kommen sehen.“ meinte Wylie, und hatte natürlich recht damit. Also nahm Big G ihn vorsichtig in seine Vorderpfote, da er um der besseren Bewegungsfreiheit willen keinen Sattel trug, auf dem Wylie hätte sitzen können, und warf sich in die Luft.
Nach dem ersten Sprung hingen sie weit oben in der Luft über dem hügeligen Gelände, wo sich irgendwo der Erdrutsch abgespielt hatte. Noch waren sie nicht ganz da, aber von weit oben konnte Big G sich trotz Dämmerung und Regen orientieren, nach Alarmsirenen horchen und nach dem Flackerlicht von Polizei oder Krankenwagen Ausschau halten. Nach dem zweiten „Blink“, der sie nochmals ein paar Meilen weiter brachte, sah dann auch Wylie unter sich die Straße, wo mehrere Autos und dazu zwei Einsatzwagen standen, vor ihnen an einem Hang das vom Erdrutsch zerstörte Straßenstück, und jenseits davon an sicherer Stelle nochmals ein geparktes Fahrzeug, dessen Insassen mit Schirmen herumstanden und darauf warteten, daß jemand etwas tun konnte. Irgendwo da drin, in den umgewälzten, schlammigen Massen, sollten mehrere Fahrzeuge begraben liegen, und Wylie begriff, warum es hier auf Minuten ankam, denn selbst wenn die Insassen der Fahrzeuge den Sturz mit dem Geröll überlebt hatten und die Autos nicht von dem Gewicht zerquetscht worden waren, konnten sie doch unter den luftdichten Schlammassen ersticken oder von dem in die Fahrzeuge dringenden Wasser-Schlamm-Gemisch ertränkt werden. Big G wartete denn auch nicht lange darauf, daß er eine Landeerlaubnis bekam, er ging einfach hinter den stehenden Fahrzeugen nieder, noch während die Retter und Augenzeugen des Erdrutsches ihn fassungslos anstarrten, und setzte vorsichtig seinen Passagier ab.
Wylie tat zwei Schritte und überprüfte, ob er den Flug in der Pfote des Drachens gut überstanden hatte, und schritt dann mit höchst dienstlicher Miene auf den nächststehenden Nothelfer zu.
„Benjamin Wylie mit Rettungseinheit Drei, genannt Big G.“ stellte er sich und sein Transportmittel knapp vor. „Wieviele Autos wurden verschüttet?“
„Äh, zwei vermutlich,“ antwortete der Mann, der die Augen mehr auf Big G als auf Wylie hatte, was verständlich war. „Die Autos hier konnten noch rechtzeitig abbremsen, und das andere da hinten hat es gerade noch geschafft, aus der Rutschung herauszukommen. Aber in einem der verschütteten Wagen soll eine Familie mit Kindern gewesen sein. Das andere war ein Jeep oder etwas ähnliches.“
Eine riesige graugrüne, naß glitzernde Masse schob sich an Wylie und den anderen Herumstehenden vorbei und ließ letztere schleunigst hinter die Fahrzeuge zurückweichen, es war Big G, der die verwüstete Stelle selbst inspizierte.
„Ich glaube, ich kann die Fahrzeuge spüren. Sind ja große Metallansammlungen.“ teilte er dann seine erste Erkenntnis an Wylie mit. „Allzu tief dürften sie nicht liegen. Aber dieser Hang gefällt mir nicht, wenn ich da anfange zu graben, kommt der Rest auch noch herunter. Bitte alle mal zurücktreten, ich probiere etwas.“ Und dieser letzte Satz kam so, daß alle Anwesenden ihn vernahmen, anders als das telepathische Privatgespräch mit Wylie vorher.
Big G trat vorsichtig hinaus auf die steil abfallende Geröllfläche, mit einem Bein, mit zweien, dann mit allen vieren, klammerte sich mit seinen Krallenspitzen in die Erdmassen, und nur Wylie wußte, daß das Risiko dieser Begehung ziemlich gering war, da Drachen wie Big G ihr Eigengewicht mit einer Form von eingebauter Levitation auf beinahe Null reduzieren konnten, weshalb das Gewicht, das jetzt auf dem jederzeit rutschungsbereiten Geröll lag, nicht größer war als das eines großen Luftballons anstelle der normalen mehreren Tonnen von Big G´s Gestalt.
Big G legte seinen Kopf zurück und holte tief Luft, pumpte sich regelrecht auf, bis sich seine Schuppen nach allen Seiten abspreizten, und dann öffnete er sein Maul ganz weit - und ließ fliegen.
Jedoch keinen Feuerstrahl, wie Wylie und die anderen Zuschauer angenommen hatten --
stattdessen kam etwas hervor, was wie Wasser anzusehen war, jedoch kein Wasser sein konnte, sondern wohl eher so etwas wie komprimiertes Gas, und überall, wo der Strahl sich an den Rändern ausdünnte, sofort weiß und schaumig dahinflog wie der Inhalt eines Feuerlöschers. Überall, wo das Nicht-Wasser auf nasse Erde, Schlamm, Kiesgeröll traf, weißte sich das Getroffene schlagartig ein, überzog sich mit Schaum - nein, mit hartem, bizarr verformtem Eis, und erstarrte das auftreffende reine Regenwasser so schnell, daß es sich gar nicht mehr umfärben konnte und auf der Stelle winzige spitze Gebilde aus klarem Eis formte wie verkehrte Miniatur-Eiszapfen. Schon nach dem ersten Ausatmen bestand der ganze abrutschgefährdete Hang aus einer einzigen massiven Eisplatte, die über der weggerissenen Straße hing, und wenn der künstliche Frost sich ausreichend tief auch in die aufgeweichte Erde hineingefressen hatte, würde es wohl einige Zeit dauern, bis dieser Hang so weit aufgetaut war, daß er erneut in Bewegung geraten konnte.
„Kälteatem wie Superman, cool!“ freute sich Wylie, der das Ergebnis begutachtete. Die Drachen überraschten ihn einfach immer wieder aufs Neue.
Big G kletterte hoch auf das tiefgefrorene Teil und spie weiter oben zur weiteren Festigung des Abhangs noch ein zweites Mal eine Ladung der unbekannten, tiefgekühlten Substanz aus, von der Wylie lieber gar nicht wissen wollte, wie sie irgendwo in Kehle oder Magen des Drachen produziert wurde. Danach konnte er dann sicher sein, daß dieser Teil des Hügels so gesichert war, daß er so schnell nicht mehr abrutschen würde. Er kletterte wieder tiefer auf die ungefrorene Geröllhalde darunter, stemmte sich mit den Hinterkrallen und dem langen Schwanz ein und begann zu graben, wo er das erste Auto zu spüren glaubte. Seine mächtigen Vorderpranken, die an säulendicken Beinen saßen, rissen das schlammige Gemisch mit verblüffender Geschwindigkeit weg, er buddelte so eifrig wie ein Hund, der einer Ratte nachstellte, und machte damit der von Wylie verliehenen Bezeichnung alle Ehre. Dabei ließ er sich auch von größeren Beimengungen des Gerölls nicht beeindrucken. Riesige Felsblöcke, für deren Entfernung eine Rettungsmannschaft eine Seilwinde und viel Zeit benötigt hätte, schleuderte er einfach ungehalten hinter sich, als handle es sich um Kieselsteine. Und schon bald hörte man ein Geräusch, als kratze etwas hartes, spitzes über Metall, und sofort grub Big G vorsichtiger, setzte weniger die Krallen und mehr die Seiten seiner Pranken ein, als er den Wagen vorsichtig freilegte.
„Ich glaube, da drin ist noch jemand am Leben.“ teilte er Wylie mit, bevor er mit einer gezielten, vorsichtigen Bewegung einer Kralle das eingedellte, schlammige Wagendach öffnete wie mit einem riesigen Dosenöffner, damit frische Luft eindringen konnte.

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Re: "Texas Ratcatchers" im Einsatz
« Antwort #4 am: 30. September 2015, 10:23:33 Uhr »
Wylie hatte unterdessen die Abschleppseile der herumstehenden Wagen requiriert und vorbereitet, weil es wichtiger war, daß Big G auch das zweite Fahrzeug so schnell wie möglich ausgrub, statt mit der Bergung der Insassen des ersten Wagens Zeit zu verlieren, für diese Art von Arbeit waren schließlich die Rettungskräfte da. Abermals sein Gewicht erleichternd, krallte sich Big G herüber auf dem abschüssigen Hang und nahm von Wylie mit dem Maul das eine Ende des Seils entgegen, das dieser zwecks besserem Griff an das größte Werkzeug gebunden hatte, das in den herumstehenden Fahrzeugen zu finden gewesen war. Sich zurückhangelnd nahm Big G das Seilende mit und befestigte es mit Geschick und Drachenkraft an dem immer noch größtenteils begrabenen Unfallwagen, so daß anschließend Wylie mit den Helfern, einigermaßen gesichert durch das gespannte Seil, über die Geröllhalde heranklettern konnten. Und während sich die Retter um die Familie in dem Auto kümmerten, die von der Schleuderpartie in der Gerölllawine angeschlagen und offenbar durch den Sauerstoffmangel im zugeschlammten Auto das Bewußtsein verloren, jedoch bisher nicht mehr als nasse Beine durch eindringendes Wasser erlitten hatten und langsam zu sich kamen, noch während die Bergung lief, grub Big G schon an der zweiten vielversprechenden Stelle, die etliche Meter tiefer am Hang lag. Auch dort kam ziemlich schnell buntlackiertes Metall unter den Erdmassen zum Vorschein, doch hier war die ganze Breitseite des Fahrzeugs eingedrückt, und der Innenraum fast ganz von Schlamm ausgefüllt. Erstaunlicherweise lebte der Fahrer noch, bewußtlos wie die Besatzung des anderen Fahrzeugs, aber der Geruch überzeugte Big G erstens von einer schwachen Verdauung und zweitens von einer schwereren Verletzung in Form eines offenen Beinbruchs, den der Felsbrocken, der den Wagen zusammengedellt hatte und immer noch darauf lag, bis Big G ihn weghievte, zu verantworten hatte. Und auch hier sorgte Big G als erstes für ungehinderten Zugang zum Fahrer samt Luftzufuhr, indem er die Fahrerkabine aufriß, und dann für eine Seilbrücke, die die ersten Retter sicher zu dem begrabenen Fahrzeug brachte. Geschickte, erfahrene Menschenhände waren einfach besser darin, ohnmächtige Personen aus Fahrzeugen zu ziehen und eine Erstversorgung durchzuführen, als grobschlächtige und scharfbekrallte Drachenpfoten. Erst als der Schwerverletzte auf eine tragbare Bahre fixiert worden war, griff Big G vorsichtig zu und kletterte mit seiner Fracht und mit Hilfe seiner restlichen drei Beine und zweier krallenbewehrter Flügel den Hang hinauf zur Straße, wo der Krankenwagen wartete.
„Zwei Autos, richtig?“ überzeugte sich Wylie noch einmal bei den Anwesenden, als er ebenfalls wieder oben stand. Diese bestätigten, und auch Big G hatte kein drittes Fahrzeug wahrnehmen können.
„Dann können Sie die Bagger erst mal abbestellen, wenn wir hier fertig sind, die werden heute wohl an anderen Stellen dringender benötigt. Die Straße muß sowieso erst mal gesperrt werden, bis das repariert werden kann.“ empfahl der Agent. Wohlwollend sah er zu, wie die zwei Kinder aus dem ersten Auto, ein etwa achtjähriges Mädchen und ein etwas älterer Bub, von der frischen Luft und den Bemühungen der Sanitäter belebt, ihren ersten Schock nach der Ohnmacht überwanden und dann zusehends neugierig die Vorgänge beobachteten. Natürlich war der riesig sich auftürmende Big G der Mittelpunkt ihres Interesses, der sie fast völlig von ihrer Misere ablenkte, was im Moment nicht das schlechteste war. Den Eltern ging es nicht so gut, die Frau, die auf dem Beifahrersitz gesessen hatte, war noch bewußtlos, mit dem Kopf gegen das Seitenfenster oder eine Strebe geschlagen und hatte mindestens eine Gehirnerschütterung, wenn nicht Schlimmeres, und vermutlich zusätzlich ein Schleudertrauma, genauso wie der Mann am Steuer. Die Kinder hatten sich wohl schützend auf dem Rücksitz zusammengerollt, soweit die Sicherheitsgurte es zuließen, als die Erdmassen das Auto mitrissen, und waren deshalb praktisch unversehrt davongekommen. Körperlich unversehrt jedenfalls, wie ihre Psyche nach diesem traumatisierenden Erlebnis aussehen würde, mußte man sehen. Im Augenblick jedenfalls schien Ablenkung die beste Medizin zu sein, um den unmittelbaren Schock zu überwinden. 
„Ist das wirklich ein Drache, oder träume ich?“ fragte der Junge, der inzwischen so weit bei Bewußtsein war, daß er die Frage des Sanitäters, ob er sich in Ordnung fühle, beantworten konnte. Seine Schwester war noch nicht ganz so weit, daß sie auf die Fragen reagierte, aber auch sie starrte mit riesengroßen Augen auf Big G. 
Wylie trat sofort näher an die beiden heran. „Drachen? Sowas gibt es nicht. Drachen sind doch Fabelwesen.“ behauptete er im Brustton vollster Überzeugung, jedoch augenzwinkernd, während er scheinbar nicht bemerkte, daß Big G´s zähnestarrender Riesenschädel bedrohlich ein Stück über dem seinen hing. „Das da ist ein Texanischer Rattenfänger, ein ziemlich großer Rettungshund, der euch gerade ausgegraben hat, und nichts anderes, verstanden? Sowas braucht man in Texas, weil da auch die Ratten ziemlich groß sind.“
Der Junge und seine Schwester starrten Wylie an, dann Big G, dann wieder Wylie, der verdächtig schmunzelte und zwinkerte, und begriffen es endlich. Und Wylie freute sich, weil die beiden gleichfalls ein erstes schwaches Lächeln zeigten.
„Schon gut, Mister. Aber warum hat der Rettungshund Flügel? Ich hab noch nie einen Rettungshund gesehen, der Flügel hat.“ fragte der Junge prompt und ganz ernsthaft.
„Ist doch ganz praktisch so, oder? Die Flügel hat er, damit er sich sein Futter selber fangen kann. Er frißt nämlich für sein Leben gern Fliegen, wißt ihr. Texanische Fliegen, soooo groß!“ Und wie bei einem Angler reichten Wylies Arme kaum aus, die Größe anzuzeigen.
Jetzt kicherten die beiden Kinder. Der Sanitäter, der sich um ihre Eltern kümmerte, schüttelte den Kopf über den Unfug, den der Agent verbreitete, konnte sich jedoch ein eigenes Grinsen nicht verkneifen, auch er wußte, daß ein gesundes Lachen in manchen Lagen die beste Medizin war. Den Kleinen würde es zweifellos helfen, das böse Erlebnis zu verarbeiten, wenn sie bei der Erinnerung daran auch an das Phantastische, ihren gigantischen Retter, und an den Humor von Mr. Wylie zurückdenken konnten. Er wechselte einen amüsierten Blick mit dem Vater der Kinder auf der Trage vor ihm, der trotz seiner Schmerzen zurücklächelte.
„Reiten Sie auch auf ihm, Mister?“ fragte der Junge weiter.
„Ja, manchmal, wenn ich darf. Aber nur wenn er einen Sattel trägt. Seine Schuppen sind nämlich so scharfkantig, daß sie meinen Unaussprechlichen zu Hackfleisch verarbeiten würden.“ antwortete der Agent, der genau wußte, wovon diese zwei Kinder in Zukunft träumen würden.
„Sagen Sie, Mr. Wylie, befaßt sich der Geheimdienst neuerdings auch mit Rettungseinsätzen?“ fragte der Sanitäter dann neugierig, weil Wylie ihm und den anderen soeben, um die Story vom „Rettungshund“ zu bekräftigen, seinen Dienstausweis unter die Nase gehalten hatte.
„Eigentlich nicht. Wir fangen menschliche Bösewichte, gegen wildgewordene Flüsse oder Berge kämpfen wir nicht. Ich bin rein privat hier, weil ich seinen Besitzer kenne.“ sagte Wylie freundlich, mit dem Daumen auf Big G deutend. „Aber wenn ich meinem Chef erzähle, womit ich mir diese Nacht um die Ohren geschlagen habe, rückt er bestimmt einen Tag Sonderurlaub heraus.“
„Sie sind schon die ganze Nacht im Einsatz?“
Wylie nickte bestätigend. Dann trat er zurück, weil die Bahre mit dem Vater der Kinder in den Rettungswagen geschoben wurde, das erste Fahrzeug mit dem Jeepfahrer und der Mutter der Kinder war bereits losgefahren. Die Kinder würden im Polizeiwagen hinterherfahren, da ihnen abgesehen von dem Schock, um den sich ein Psychologe kümmern mußte, nichts fehlte. Aber einen letzten guten Blick auf Big G, den sie vermutlich nie mehr wiedersehen würden, wollte er ihnen noch gönnen.
„Wenn Sie uns jetzt entschuldigen würden, es gibt vermutlich noch mehr Leute zu retten.“ sagte er zu dem Sanitäter. Er stellte sich ruhig und mit erhobenen Armen hin, so daß Big G ihn bequem um die Leibesmitte erfassen konnte. Der Drache starrte vor Schmutz von seiner Grabarbeit, und Wyle wußte, daß die Einsätze dieses Tages beschlossen werden würden mit einem letzten langen Teleport an einen Ort, wo sonnengewärmtes, klares Wasser zu einer gründlichen Drachenwäsche mit anschließendem erholsamen Nickerchen auf einem makellosen Sandstrand einlud. Sobald Big G seinen Gefährten sicher in seiner Pranke hielt, schwang er den mächtigen Schädel Richtung Himmel, spreizte die Flügel zu ihrer vollen beeindruckenden Spannweite aus, sprang in der gleichen fließenden Bewegung hoch, wobei er an Größe noch um einiges zu wachsen schien, da er sich dabei streckte wie eine Katze und erst jetzt seine volle Länge so richtig erkennbar wurde -
und war verschwunden.
Hinwegteleportiert, und nur die bislang verdrängte Luft samt etwas Regen schlug mit dezentem Puff-Geräusch in das hinterlassene Vakuum.
Die verbliebenen Personen starrten noch minutenlang auf die Stelle, in der Hoffnung, daß diese fabelhafte Kreatur noch einmal erscheinen würde. Doch Big G und Wylie blieben verschwunden, und die Kinder wie die Erwachsenen ahnten, daß sie sie vermutlich auch niemals wiedersehen würden. Die Erinnerung an eine phantastische Rettung war alles, was ihnen blieb. --

- Ende dieser Episode -