Autor Thema: Captain Devil auf neuer Fahrt  (Gelesen 1115 mal)

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Captain Devil auf neuer Fahrt
« am: 28. Juli 2015, 12:17:55 Uhr »
Eine kleine Hommage an die Piratenzeiten des Tom Richards  :)
P.S. Alle Fehler in Bezug auf die korrekte Seemannssprache gehen auf meine Kappe  :-[


Wurde der Mann auf seine alten Tage etwa langsam menschlich?
Fragte sich General Wade erstaunt, als er den aktuellen Bericht seiner Agenten über eines seiner Sorgenkinder, das sich in dieser Zeit als Thomas Adalmar Richards der Dritte benennen ließ, studierte.
Denn der Bericht enthielt keine einzige Erwähnung der Themen, mit denen Richards sich sonst zu befassen pflegte, keine drohenden Weltuntergänge durch angreifende Aliens, Monster, Wesen aus fremden Dimensionen - nein, stattdessen listete er sorgsam auf, was Richards in den letzten zwei Wochen getrieben hatte und noch in dieser und der nächsten Woche zu treiben beabsichtigte, und das war...
Surfurlaub auf Hawaii.
Unglaublich!
Surfen klassisch auf dem Brett, Windsurfen, Kite-Surfen...  es gab anscheinend keine Art des Sports unmittelbar auf dem Wasser, die Richards auszulassen beabsichtigte, und unter Anleitung der besten Lehrer, die vor Ort und für gutes Geld zu finden waren. Unterbrochen wurde der Urlaub immer wieder tagesweise für kleine Abstecher an andere Orte, nach Fidji, Samoa, Japan und exotischere Lokalitäten, wo man gleichermaßen viel von der Kunst, mit Hilfe eines dünnen Bretts über das Wasser zu wandeln und die geheime Sprache des Ozeans zu deuten, verstand. Selbstverständlich konnten Wades Agenten Richards nicht dorthin folgen, die FSA war ein Inlandsgeheimdienst und teure Dienstreisen ins Ausland wurden nur zu wirklich wichtigen Anlässen genehmigt, aber da Richards generell nicht viel vom Lügen hielt und simple Fortbildung im sportlichen Bereich bestimmt nicht zu jenen Dingen gehörte, für die er eine Lüge bemüht hätte, glaubten Wades Agenten seine Aussagen dazu unbesehen und hielten sie im Bericht fest. Mit seiner Intelligenz und simplen Sturheit, für die er bekannt war, wenn etwas sein Interesse erweckt hatte, war es im Lauf der wenigen Tage bereits gelungen, die Kunst des Surfens auf beinahe meisterlichem Niveau zu erlernen - oder besser, wiederzuerlernen, denn Grundkenntnisse hatte er bereits vorher besessen, sie irgendwann im Lauf seines langen Lebens erworben und jetzt wieder ausgemottet und erweitert.
Stellte sich für Wade die Frage, was er damit vorhatte. Denn der Bericht ging weiter und schilderte den Ausblick auf die nächste geplante Unternehmung von Richards, und die bestand darin, daß er eine einwöchige Kreuzfahrt durch die Karibik gebucht hatte - noch etwas, wovon Wade niemals erwartet hatte, jemanden wie Richards dabei zu erwischen. Die Buchung lief auf ein zweitklassiges Kreuzfahrtschiff, das auf regelmäßiger Route zahlreiche Häfen zwischen Port of Spain im Süden und Miami im Norden und wieder retour anlief, und auf dem üblicherweise gutsituierte Rentner, Familien mit Kindern und entspannungsbedürftige Zeitgenossen ein wenig abwechslungsreiches Leben im schwimmenden Hotel bei Luxusversorgung, Sonne und tagesweisen Landgängen in verschiedenen Häfen genossen. Fahrten waren für eine komplette Strecke oder auch zwischen einzelnen Häfen zu buchen. Wades Agenten wußten genau, wonach ihr Boss fragen würde, und hatten die Passagier- und Mannschaftslisten des Schiffes durchgearbeitet, doch erfolglos, auf Anhieb war kein bekannter Name aufgefallen. Selbstverständlich hieß das nicht, daß nicht trotzdem Geschäftsfreunde von Richards, Prominente incognito, fremde Agenten oder andere Personen von Interesse an Bord sein konnten. Die nächste Möglichkeit, Schlüsse zu ziehen, bestand aus der Ausstattung, die Richards mitzunehmen gedachte, und sein Butler Larry hatte den ihm vertrauten Agenten dazu gern Auskunft gegeben. Keine Harpunen oder andere Waffen für eine Jagd auf die ominösen Monster des Bermuda-Dreiecks, an dessen Rand das Schiff zu der Zeit, in der Richards an Bord weilen würde, entlangfahren würde, keine elektronischen Geräte für die Suche nach Antlantis, keine anderen verdächtigen Konterbande, und auch Paul Forrester, Toms „Haustier-Alien“ aus dem Algieba-System, blieb diesmal zuhause, was wohl hieß, daß kein Geheimtreffen mit den angeblich im Bermuda-Dreieck residierenden Außerirdischen angedacht war. Nur Butler Larry war als Begleitung vorgesehen, und die gesamte Ausstattung bestand aus den üblichen Necessitäten, die man für eine einwöchige Kreuzfahrt so brauchte, Kleidung und anderes, einschließlich eines originalgetreuen Captain Devil-Piratenkostüms mit den berühmten zwei Schwertern und vielen Wurfmessern, weil genau in die Woche von Richards´ Reise das bordübliche Kostümfest fiel.
General Wade stellte sich amüsiert und sehr lebhaft vor, wie Richards in dem Kostüm herumstolzierte, sich vielleicht ein Schauduell mit anderen „Piraten“ an Bord lieferte, garantiert originalgetreues Seemannsgarn und galante Geschichten aus der Zeit des Freibeuters aus dem Ärmel schüttelte und den Animateuren an Bord die Schau stahl. Doch die Frage, die sich Wade stellte, wurde damit nicht beantwortet. Was zum Geier hatte Richards wieder einmal vor? ---   

Wades Phantasievorstellung kam nahe an die Realität heran. Der Kostümball mußte unter Deck stattfinden, da das Wetter sich seit dem vorangegangenen Tag stetig verschlechtert hatte. Der Himmel war bleigrau und die Wellen gingen hoch, Vorboten eines Hurrikans, der weiter im Süden auf Land treffen würde, weshalb der Kapitän sich bereits entschieden hatte, auf langsame Fahrt in nordwestliche Richtung zu gehen und das tiefere Wasser des Atlantik anzusteuern, um sowohl den Vorboten des Unwetters als auch gefährlichen Untiefen so weit als möglich auszuweichen. Lieber etwas verspätet im nächsten Hafen als ein Haufen seekranker Passagiere, weil das Schwanken und Stampfen des Schiffes trotz der Stabilisatoren deutlich zu spüren war, dachte sich Kapitän Lars Iversen, denn vor dem Zorn Neptuns konnte kein von einer Reederei ausgegebener Fahrplan bestehen, und ein Landgang bei Unwetter war ohnehin kein Vergnügen für die Passagiere, da blieb man lieber an Bord und erfreute sich der sicheren Vergnügungen, die hier geboten wurden. Auch er hatte den schrägen Auftritt von „Captain Devil“ genossen, bis seine Pflichten ihn fortriefen.
Tom Richards verabschiedete sich einige Zeit danach von seinem hingerissenen Publikum, denn auch er hatte etwas vor, wofür er keine Begleitung brauchen konnte.
Bereits gleich nach dem Auslaufen hatte er als alter Seemann das Schiff gründlich inspiziert, und zwar auch jene Bereiche, die die Passagiere normalerweise nicht betraten, von der Bilge aufwärts bis zu jener Türe, die zur Behelfsbrücke führte, ein kleines Ersatz-Kontrollzentrum, das nur zum Einsatz kam, wenn die echte Kommandobrücke, die das restliche Schiff im sogenannten „Turm“, einem Aufbau, hoch überragte, aus irgendeinem Grund nicht einsatzfähig war. Er hatte nämlich so ein düsteres Gefühl, als ob die Behelfsbrücke bald der Ort sein würde, an dem man zur rechten Zeit „sein mußte“. Bereits den ganzen Tag hatte er die Entwicklung des Wetters und des Seegangs verfolgt, und das üble Gefühl in seinen Eingeweiden kam nicht von einer beginnenden Seekrankheit. Es war eine Vorahnung von Gefahr, die sich in den vergangenen Stunden stetig verstärkt hatte, und Tom war nicht der Mann, der solch eine Vorwarnung ignoriert hätte.
Das Schloß der Tür zur Behelfsbrücke öffnete sich gehorsam auf Befehl der Energiematrix, die Tom gut versteckt in seinem Gewand trug. Zum Piratenkostüm paßte der Silberstock nicht, weshalb Tom den wichtigen Teil herausgetrennt und den Rest in seiner Kabine gelassen hatte. Alle Geräte der Ersatzbrücke waren selbstverständlich deaktiviert und verschlossen und konnten nur mit Codes, die nur der Kapitän und seine Stellvertreter kannten, zum Leben erweckt werden. Solange dem Schiff noch keine akute Gefahr drohte, konnte Tom damit auch leben, er installierte als Ersatz seine eigenen „Instrumente“, erschaffen aus immateriellen Matrixschlüsseln, die - noch - nicht mit dem Schiff interagierten, sondern „nur“ vorhandene Daten übermittelten.
Und dann - ganz plötzlich! - passierte es.
Ein Schlag traf das Schiff, scheinbar aus heiterem Himmel, und so heftig, daß es wie ein Auffahrunfall auf einer Autobahn wirkte. Ohne das Relativ-Feld, das zu jeder Zeit um Tom herum war und ihn vor unerwarteten „Überraschungen“ aller Art beschützte, wäre er gegen eine Wand geflogen und vermutlich verletzt worden, aber so wurde er nur wie im Inneren einer schützenden Seifenblase einmal schwerelos herumgewirbelt und stand sofort wieder auf den Füßen, während noch das Schiff verdächtig stark seitlich krängte und sich nur langsam und zögerlich wieder aufrichtete. In der Frontscheibe, durch die Sturm und Nacht jenseits eines beleuchteten, menschenleeren Decksteils zu sehen war, zog sich auf einmal ein gischtumschäumter Riß, und diese Scheibe bestand immerhin aus verstärktem Sicherheitsglas, das einen Wasserdruck von mehreren Tonnen verkraftete. Zugleich begann eines von Toms virtuellen „Instrumenten“ in warnendem Rot-Ton zu blinken, und zwar an der Stelle, wo sich bei dem damit simulierten Schiff der reale „Turm“ befand - was immer gerade geschehen war, es hatte die echte Brücke in schwere Mitleidenschaft gezogen. Tom hatte durchaus eine Ahnung, was da soeben passiert war, und ein schneller Scan des ganzen Schiffes bestätigte seine Vermutung.
Ein weiteres Signal seiner Matrix schaltete die realen Instrumente der Behelfsbrücke frei, die vorgeschriebenen Sicherheitsüberprüfungen wurden einfach überbrückt.
« Letzte Änderung: 5. August 2015, 15:47:43 Uhr von DAOGA »

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Re: Captain Devil auf neuer Fahrt
« Antwort #1 am: 5. August 2015, 16:12:03 Uhr »
„Captain und ein Offizier zur Behelfsbrücke!“ forderte er als erstes per Lautsprecher an. „Maschinenraum, volle Kraft voraus. Soeben hat ein Kaventsmann die Brücke verwüstet und das Deck blankpoliert, und da kommen noch mehr von der Sorte. In der nächsten halben Stunde werden wir jedes Pfund Schub brauchen, das wir aufbringen können. Und sagen Sie den Leuten, sie sollen sich absichern, dieser Schlag gerade könnte nicht der letzte gewesen sein!“
„Wer zum Henker spricht denn da?“ raunzte eine Stimme retour. Irgendjemand von der Besatzung im Maschinenraum, der dem Mikrophon gerade am nächsten gewesen war. Im Hintergrund waren Schreie zu vernehmen, da unten mußte nach dem heftigen Schlag von eben das Chaos herrschen.
„Captain DeVille, Behelfsbrücke.“ Tom hatte seine Hände längst auf den Steuerhebeln, mit denen sich ein Schiff einfacher und präziser steuern ließ als zu Captain Devils Zeiten mit dem großen Steuerrad, und brachte es auf einen neuen Kurs, den er aus seinen eigenen Instrumentendaten ableitete.   
„Die Wellen, die sich uns nähern, sind zu hoch, um sie frontal zu nehmen, wir würden uns entweder überschlagen oder rückwärts in Neptuns Reich rutschen. Wir müssen sie ausreiten, und dazu brauchen wir vollen Schub. Machen Sie´s so!“ befahl er und schaltete an der Sprechanlage weiter, ohne auf Proteste zu warten. „Achtung, an alle. Der Schlag, den Sie soeben gespürt haben, war der Aufprall einer Monsterwelle, und es könnten weitere folgen. Halten Sie sich irgendwo fest, so gut es geht, achten Sie darauf, daß nichts spitzes, schweres oder heißes durch die Gegend fliegen und Sie treffen kann, und achten Sie auf jede Anweisung des Personals. Melden Sie erlittene Verletzungen, bitte unter Angabe der Dringlichkeit. Ein Aufenthalt an Deck ist bis auf weiteres untersagt, dort besteht akute Lebensgefahr. Anweisung an Kombüse: Feuer löschen und alles für schwere See sichern! Ende der Durchsage.“ 
Zur Sicherheit wiederholte er die Durchsage auf französisch und spanisch, da nicht jeder Gast und nicht jedes Crewmitglied genug Englisch verstand, um sich in einer Gefahrensituation daran zu erinnern, und schaltete dann ab. Seine Ansage entsprach bestimmt nicht dem aktuell gültigen Reglement, schließlich war seine Zeit als Kapitän eines eigenen Schiffes ein paar Jahrhunderte her, hatte soweit aber die wichtigsten Punkte enthalten.
„Ja, Mr. Hamid. Wo ist der Captain?“ fragte er dann.
Der Erste Offizier hatte die Tür zur Behelfsbrücke aufgerissen und wollte hineinstürmen, um den Frechdachs von den Kontrollen wegzureißen, erstarrte jedoch dann mitten im Schritt, weil er auf solch einen Anblick absolut nicht vorbereitet war. Der ganze abgedunkelte Raum war nämlich erfüllt mit einem unheimlichen bläulichweißen Licht, das nicht von den aktiven Geräten der Steuerkonsolen ausging, sondern von der Gestalt eines altmodischen Piratenkapitäns, komplett mit federgeschmücktem Hut, Schwertern und wurfmesserbestückten Halftern, der die Hände auf den Kontrollhebeln hatte und konzentriert nach vorne blickte. Der Eindruck war so unwirklich, daß der Erste Offizier einen Sekundenbruchteil wirklich glaubte, es mit dem wiederauferstandenen Captain Devil zu tun zu haben, oder mit seinem aus der Hölle zurückgekehrten Gespenst, obwohl er doch selbst ein paar Stunden vorher noch den Passagier, der diese Verkleidung trug, amüsiert beobachtet hatte, als er perfekt seine Rolle spielte.
Zusätzlich war der ganze Raum durchzogen mit etwas, was wie ein Gewebe aus dünnen, bläulich leuchtenden Spinnenfäden aussah, Fäden, die von der Piratenerscheinung ausgingen und sich scheinbar ziellos kreuz und quer in alle Richtungen zogen und im ersten Moment so sehr an eine Sicherungsvorrichtung aus Laserstrahlen erinnerte, daß Hamid zögerte, damit in Berührung zu kommen - nicht, daß ihm beim ersten ahnungslosen Kontakt mit einem dieser Lichtfäden der Kopf abgetrennt wurde oder ein anderer Körperteil... an einigen Stellen im Raum verdichteten sich die Fäden zu in hellerem Weiß glühenden „Rahmen“, die schwerelos in der Luft hingen und wie zusätzliche Bildschirme Daten anzeigten - zwei davon zeigten seltsame Interferenzmuster, bei denen es sich um Wellenfrequenzen in unterschiedlicher Vergrößerung zu handeln schien, der große „Hauptbildschirm“ zeigte ein in weiß und rot leuchtendes Modell des Schiffes zusammen mit bläulichen Wellenmustern und zusätzlich ein statisches weiteres Schiffsmodell, das zu Hamids Überraschung eine Art „Anbau“ in Form eines massiv vertieften Kiels, dieser abermals in intensivem Rot leuchtend, zeigte. Ein weiteres Knäuel von „Fäden“ hatte sich auf die große Sichtscheibe der Behelfsbrücke verirrt und umzeichnete einen langen Riß wie ein Gewirr von Eisblumen, vermutlich als Stütze und Schutz, um ein weiteres Ausreißen oder endgültiges Bersten des Sicherheitsglases unter den zu erwartenden Belastungen zu verhindern.
Hamid fiel es als erfahrenem Offizier nicht schwer, die Daten der immateriellen „Bildschirme“ mit einem Blick zu erfassen. Wellenbewegungen, die Position des Modellschiffchens relativ zu diesen Bewegungen, die in Rot glühenden Schäden, die das Schiff beim ersten Aufprall erlitten hatte - nur wie es zu diesem tief hinunterrreichenden virtuellen Monsterkiel kommen sollte, den das andere Modell anzeigte, konnte er nicht begreifen, so viel Tiefgang hatte das Schiff noch nie gehabt und würde es auch nie haben. Soeben wuchs lautlos und schwerelos ein weiterer „Bildschirm“ heran und zeigte eine Wellensimulation, deren Höhenangabe - im Vergleich mit einem weiteren Schiffsmodell -  Hamid vor Schreck schlucken ließ. Verdammt, wenn so etwas vorhin das Schiff getroffen hatte, war es kein Wunder, daß es die Brücke praktisch weggerissen hatte - und da kamen noch ein paar von dem Kaliber, wenn er den Angaben auf den Schirmen glauben wollte! Das war kein einzelner Kaventsmann gewesen, eine einsame Monsterwelle, die sich auf den großen Weltmeeren aus der kulminierten Energie und Stoßfront verschiedener normaler Wellen zusammenballte und jederzeit ganz spontan und aus heiterem Himmel auftreten konnte, das waren die sogenannten „drei Schwestern“, eine Front von mehreren hintereinander auftretenden überdimensionierten Wellen, die häufig zu dritt auftraten, daher der Name, was allerdings nicht unbedingt eine Sicherheit darstellte, weil es natürlich auch mehr oder weniger Wellen sein konnten.
Bei den Monsterwellen, die jetzt heranrollten, war es Selbstmord, das Schiff frontal hineinzusteuern, wie es bei niedrigeren Wellen geboten gewesen wäre, insbesondere solange nicht klar war, welche Schäden es vom ersten Vorboten davongetragen hatte. Ein kleines, leichtes Motorboot mit starkem Antrieb hätte auch diese Wellen erklimmen können, nicht jedoch ein viel schwereres und langsameres Kreuzfahrtschiff. Aber der Erste konnte sehen, daß die Erscheinung am Steuer nicht daran dachte, diese Dummheit zu begehen. Die Nase des Schiffes zeigte weg von der sich nahenden Wellenfront, in einem Winkel, wie ihn beispielsweise ein Surfer gewählt hätte, der auf seinem Brett saß und darauf wartete, die nächste Welle einfangen und abreiten zu können, und die Motoren liefen auf Volllast, um dem für solche Manöver nicht gebauten, viel zu plumpen und hohen Schiff die notwendige Geschwindigkeit und Beweglichkeit zu verleihen --   
„Ja, Mr. Hamid. Wo ist der Captain?“ hörte er die Stimme von Captain DeVille - oder besser, des Passagiers, eines gewissen Tom Richards, der in dem Kostüm steckte.
Hamid testete vorsichtig mit dem Finger, ob die Lichtfäden in dem Raum harmlos oder besser zu meiden waren. „Er war im Aufgang zur Brücke, als sie getroffen wurde, und er wurde gegen eine Wand geschleudert. Er war bewußtlos, hat sich mindestens eine Gehirnerschütterung gefangen, wenn nicht schlimmeres. Nur ein paar Minuten später, und ich wäre ebenfalls auf der Brücke gewesen und jetzt vermutlich tot. Wahrscheinlich haben wir die ganze Brückencrew verloren, und jeden, der sonst gerade an Deck war. Verdammt, mit sowas konnte niemand rechnen!“ sagte er dabei. Die Fäden waren harmlos, wusste er gleich danach, etwas wie immaterielle, aus reinen, feinen Lichtströmen bestehende Glasfaserkabel, die - irgendwie, auf eine Art, die er nicht durchschaute - Daten aus dem ganzen Schiff und seiner weiteren Umgebung lieferten und in die schwebenden Zusatzbildschirme einspeisten. DeVille beziehungsweise Richards ignorierte die meisten Angaben der normalen Geräte auf der Brücke, kannte sie vielleicht gar nicht, wenn sein technisches Wissen zur Schiffsführung dem von vor zweihundertfünfzig Jahren entsprach, und hörte auch nicht auf die ständigen Versuche des Maschinenraums oder anderer Stellen, erneut Kontakt zur Notbrücke zu bekommen. Der Erste Offizier trat neben Richards und forderte ihn stumm auf, den Platz zu räumen, um das Kommando zu übernehmen, wie es sich gehörte, doch Richards rührte sich nicht, wies stattdessen mit dem Kinn auf die Gegensprechanlage. „Übernehmen Sie die Kommunikation, die erste Welle erreicht uns gleich. Geben Sie eine Warnung durch, und eine Bestätigung an den Maschinenraum wegen volle Kraft voraus.“
Der Bildschirm mit dem Modellschiff, das die Position des echten Schiffes in Relation zu den umgebenden Wellen anzeigte, war in den letzten Sekunden gewachsen und füllte sich mit einem Gewirr von kleinen gelb leuchtenden Vektorpfeilen, die Geschwindigkeiten und Bewegungsrichtungen aller beteiligten Parteien einschließlich der ankommenden Monsterwelle und den sich daraus ergebenden zu wählenden Idealkurs anzeigte, und Hamid konnte sehen, daß Richards diesen Daten konzentriert folgte, das Schiff exakt jenen Winkel relativ zur Welle einhalten ließ, in dem die Energie der Welle selbst dem Schiff den größten Teil jenes Vortriebs verleihen mußte, der notwendig war, in der Front der ankommenden Welle so lange zu reiten, bis sie entweder seitlich umritten oder - mit sehr viel Glück - erklommen war. Hamid mußte sich festhalten, denn das Schiff begann soeben damit, sich schräg zu stellen, als es seinen Aufstieg im Vorfeld der Welle begann, und jetzt begriff er, was es mit dem sonderbaren Riesenkiel auf sich hatte, der war nämlich dafür bestimmt, das Schiff in der Welle quasi festzunageln und zu verhindern, daß es wegen seines immensen Eigengewichts vom perfekten Kurs abwich oder seitlich zu kippen anfing. Ein hochgebautes Kreuzfahrtschiff mit höher liegendem Gewichtsschwerpunkt war nun mal kein flaches Surfbrett, das, nur belastet von einem einzigen Menschen, auch in deutlicher Seitenlage problemlos auf dem Wasser lag. 
„Maschinenraum, hier spricht Hamid, gebt alles was ihr habt, und haltet euch fest und betet! Wir sind im Griff der drei Schwestern!“ gab er durch. Er versuchte nicht noch einmal, von Richards das Steuer zu übernehmen, denn das Schiff hatte die einzig korrekte Position in dieser Lage eingenommen, wenn er den Daten der „Bildschirme“ glauben wollte, und besser als perfekt konnte auch er es nicht machen. Zu ihrem Glück konnte sich die Monsterwelle nicht brechen, weil sie sich in tiefem Gewässer befanden, so daß der bei Surfern beliebte, weil eindrucksvolle, jedoch sehr gefährliche Wassertunnel sich nicht bilden konnte, es war lediglich die schiere Höhe dieser ankommenden Wasserwand, die sie für das Schiff zur Gefahr machte. Die ganze Welt schien aus dem Lot geraten, als das Schiff in gefährlicher Schrägstellung und mit einer schier unglaublichen Geschwindigkeit unmittelbar vor der ersten Riesenwelle dahinschoß. Hamid wollte lieber nicht wissen, wie hinterher die Schraubenwelle aussah. Er konnte nur abwarten und sich festklammern, in Erwartung des Unvermeidlichen ---

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Re: Captain Devil auf neuer Fahrt
« Antwort #2 am: 18. August 2015, 11:32:55 Uhr »
... und dann, irgendwann, auf einmal, war die Welle scheinbar verschwunden, jenseits der verkleisterten Frontscheibe mehr sturmgrauer Himmel als nach allen Seiten hochragende Wasserwände zu sehen, und das Schiff nahm wieder eine einigermaßen lotrechte Position ein. Sie hatten, irgendwie, in ihrer Wahnsinnsfahrt schräg voraus die Welle erklommen und ihren Kamm überschritten. Doch da nahte schon die nächste „Schwester“, und abermals betätigte Richards,
 - nein, Captain Devil! - ,
das Steuer, um das Schiff erneut in den perfekten Winkel zu lenken. Und abermals stand die ganze Welt schräg, schien das Schiff in die kochenden, finsteren Wassermassen direkt voraus stürzen zu wollen, als sie in der Gewalt der nächsten Welle waren. Neptun forderte seine Beute, und er ließ sie sich nicht ohne harten Kampf entreißen. Doch ein weiteres Mal entkam das Schiff dem Sirenenruf der Tiefe und erklomm wie von selbst triumphierend den Wasserberg, gestützt und gehalten von seinem virtuellen und doch sehr realen Zusatzkiel, der ihm den notwendigen zusätzlichen Tiefgang verlieh, und noch ein drittes und ein viertes Mal, bevor das Meer sich endlich beruhigte, also zumindest nicht mehr deutlich unruhiger war als in den vergangenen sturmgepeitschten Stunden, und die Interferenzmuster auf den zwei kleineren Bildschirmen anzeigten, daß die von den Freakwaves verursachten Irregularitäten, die ihnen wie ein unhörbares aber feststellbares Warnsignal vorausgelaufen waren, verschwunden waren.
Inzwischen war ein Maat in der Tür aufgetaucht, um eine Meldung zu machen, was Richards als Aufforderung für einen dezenten Abgang betrachtete. „Mr. Hamid, ich fürchte, daß zusammen mit dem Turm und der Brücke auch der Funkkontakt dahingegangen ist. Aber es dürften satellitentaugliche Mobiltelefone an Bord sein, mit denen man Verbindung zum Festland bekommt. Lassen Sie durchrufen und Schiffe und Küsten in Laufrichtung der Wellen warnen. Man kann die Wellen per Satellitenradar beobachten und sehen, ob sie sich auflösen oder weiterlaufen. Für uns ist die Gefahr erst mal vorbei, Sie haben das Kommando.“
Hamid nickte, nahm endlich den ihm zustehenden Platz ein und beorderte den Maat an seine Seite. Denn solange Kapitän Iversen nicht einsatzfähig war, war er der Kommandierende an Bord. „Was werden Sie jetzt tun?“ fragte er, ein „Captain Devil“ gerade noch verschluckend.
„Ich denke, daß es eine Menge Verletzte an Bord geben wird, und daß man mich in meiner Eigenschaft als Arzt jetzt dringender braucht.“ antwortete der Mann und machte eine wedelnde Handbewegung, und schlagartig verschwand die ganze Lightshow im Raum, die Fäden und Bildschirme und Zusatzdaten aus buntem Licht, nur nicht das Eisblumen-Gewebe, das die Fensterscheibe zusammenhielt, das blieb als einziges zurück.
„Bitte mich zu entschuldigen.“ sagte ein jetzt nicht mehr geisterhaft blau glühender Richards ganz altmodisch-höflich, lüpfte den Hut und verschwand an dem wartenden Maat vorbei nach draußen.
Bevor er seinen Dienst als Arzt begann, wollte er mit eigenen Augen die erlittenen Schäden sehen, alte Seemanns-Angewohnheit. Ein Rundruf gab Entwarnung für einen Aufenthalt an Deck, der in erster Linie allerdings für die Crew galt, die Passagiere sollten erst einmal in ihren Kabinen bleiben, um das Chaos an Bord nicht noch zusätzlich zu vermehren. Als Richards das Deck betrat, sah er Matrosen in grellfarbenen Overalls, die die Trümmer des „Turms“ untersuchten. Wie sich herausstellte, hatte ein Mitglied der Mannschaft, das sich zum Zeitpunkt des ersten Treffers an Deck befunden hatte, die Katastrophe überlebt, schwer verletzt, unterkühlt und halb ertrunken hing er in einem Geflecht von Kabeln und Drähten, das vom Funkturm übriggeblieben war und das ihn gefangen hielt wie ein Käfig. Mit Drahtscheren und Schweißgeräten versuchten ihn seine Kameraden zu befreien, bis jetzt allerdings mit wenig Erfolg, das Gewirr hielt sein Opfer umschlungen wie ein gieriger Riesenkrake.
„Bitte zurücktreten.“ forderte Richards die Umstehenden auf, nachdem er einen prüfenden Blick auf das Kabelgewirr geworfen hatte. Lautlos glitt das japanische Langschwert aus der Scheide, und nach einem einzigen, gut gezielten Hieb der rasiermesserscharfen Klinge riß das ganze Geflecht aus Metall und Plastik auseinander wie ein Fischnetz und gab den Gefangenen frei. Anschließend hatte Richards keine Hemmungen, beim Transport seines ersten Patienten zu helfen und sich sein Kostüm mit dessen Blut zu verschmieren, denn auf ehrliche Weise erworbene Blutflecken machten einem Piratengewand keine Schande.
Die restlichen Stunden der stürmischen Nacht vergingen arbeitsreich, weil es sehr viele Verletzte gegeben hatte, als die erste Welle gegen das Schiff knallte. Und nur zwei Männer an Bord wussten im Augenblick, daß es noch sehr viel schlimmer hätte ausgehen können...

Als der Morgen graute, war das Schiff mit guter Fahrt der Küste nahe genug gekommen, daß ein Sea King-Helikopter der US-Küstenwache es erreichen und auf dem dafür geeigneten Teil des Decks landen konnte. Er brachte ein Ersatzteam von Ärzten mit zusätzlicher Ausstattung und nahm dafür zwei besonders schwer verletzte Personen mit, damit sie als erste in einem Krankenhaus an Land behandelt werden konnten. Im Gefolge des Sea Kings kam ein zweiter, kleinerer Helikopter, der das unvermeidliche Reporterteam mitbrachte, das aus der Luft fleißig Aufnahmen des angeschlagenen Kreuzfahrtschiffs machte, solange der Sea King den Landeplatz okkupierte, und nach dessen Abflug kurz aufsetzte, um die Reporter an Bord zu lassen. Dieses Schiff war eines der größten, aber längst nicht das einzige, das in dieser Nacht von den Monsterwellen überrascht worden war, die Küstenwache suchte noch nach einer Reihe von vermißten Schiffen und leistete Hilfe bei anderen, die Schäden erlitten hatten.
Die Passagiere, die vernachlässigbare oder gar keine Verletzungen erlitten hatten, ließen es sich nicht nehmen, nach und nach an Deck aufzutauchen, um die Folgen der überstandenen Katastrophe mit eigenen Augen zu sehen und Erinnerungsfotos zu schießen. Die gefährliche Zone nahe des halb zerstörten „Turms“ war abgesperrt worden, damit sich die Crew ungestört den wichtigsten Aufräum- und Reparaturarbeiten widmen konnte. Die Reporter befragten jeden, der meinte, etwas zu sagen zu haben, natürlich auch Omar Hamid, der vertretungshalber als Kapitän fungierte, solange Kapitän Iversen mit Gehirnerschütterung ausfiel und die Reederei niemand anderen schickte. Hamid wartete eigentlich darauf, daß ein gewisser Richards sich blicken ließ und seinen Teil der Geschichte erzählte, aber der war nach Übergabe seiner Patienten an die neu eingetroffenen Ärzte zu Tode erschöpft ins Bett gefallen, völlig ausgepowert nach stundenlanger pausenloser Benutzung seiner Energiematrix für Diagnose- und Heilungszwecke, und ließ sich nicht blicken. Also beließ der Erste Offizier es bei ein paar Allgemeinplätzen, was die Steuerung des Schiffes in der Gefahrensituation und seine Rettung betraf, die weder ihm noch Richards noch der Reederei schaden konnten. Es dauerte abermals ein paar Stunden, bis mit einem weiteren Helikopter auch ein korrekt gekleideter Mann auftauchte, der sich dem Ersten Offizier gegenüber nicht etwa als einer der bereits erwarteten Vertreter von Versicherungen und Reederei, sondern als Beamter des Geheimdienstes Federal Security Agency vorstellte und Hamid im Gespräch unter vier Augen als erstes aufforderte, zu schildern, was wirklich auf dem Schiff geschehen war.
„Ein gewisser Tom Richards ist als Passagier an Bord, also erzählen Sie mir nicht, daß nichts ungewöhnliches passiert ist,“ gab der Beamte, ein gewisser Benjamin Wylie, Hamid einen augenzwinkernden Wink mit dem Zaunpfahl, daß er an Kummer mit diesem Herrn bereits gewöhnt sei. Also gab der Erste einen vollständigen Augenzeugenbericht und bemerkte erstaunt, daß Wylie kein einziges Detail in Zweifel zog. Nicht die Lightshow, nicht die scheinbare Verwandlung in das Piraten-Alter Ego samt Amtsanmaßung, als er kurzerhand die Steuerung des Schiffes übernommen hatte und den eigentlichen Zuständigen stehen ließ wie einen grünen Jungen... Wylie nickte nur zum Schluß, seufzte und meinte: „So ist der Mann nun mal, da kann man nichts machen. Verrückter als ein Märzhase. Und deshalb bleibt das mit dem Captain Devil am Steuer auch unter uns und allen, die unmittelbar beteiligt waren, verstehen Sie? Bitte geben Sie das unter vier Augen an die anderen Mitwisser weiter. Wenn jemand fragt, dann standen Sie am Steuer und niemand anderes, Richards hat in Ihrem Auftrag am Mikrophon Dienst getan und ein wenig herumgealbert. Ihre Reederei wird entsprechend vergattert, die erfährt offiziell auch nichts anderes, halten Sie sich bitte in Ihrem Bericht daran, und spielen Sie die Angelegenheit nach Möglichkeit herunter. Schließlich wurde das Schiff gerettet, und das ist das einzige, das zählt, oder?“
Anschließend ließ der Agent sich zu Richards´ Kabine führen und klopfte mit hochdienstlicher Miene. Der Erste begleitete ihn selbstverständlich, denn die Szene, die jetzt kommen mußte, hätte er sich um nichts auf der Welt entgehen lassen. Der japanische Butler von Richards öffnete, mit gleichfalls hochdienstlich ernster Butlermiene.
„Mr. Wylie.“ begrüßte er den Gast ohne jede Regung und offenbar auch ohne jede Überraschung, ihn hier auf dem Schiff zu sehen, es war deutlich zu sehen, daß die beiden sich kannten. „Mr. Hamid,“ begrüßte er auch den Kapitän vertretungshalber. „Mr. Richards läßt bitten.“

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Re: Captain Devil auf neuer Fahrt
« Antwort #3 am: 26. September 2016, 09:57:44 Uhr »
„Hi, Ben,“ hörte Hamid beim Eintreten, als er dem Agenten folgte. Richards saß im Morgenmantel am Tisch der kleinen Suite und schmauste nach seinem langen Erholungsschlaf, was die von ihm gerettete Kombüse nur hergeben wollte, die aufgetischte Menge hätte für den Appetit einer kleineren Armee gereicht. Benjamin Wylie wusste, daß Matrixarbeit eine Unmenge an Energie verschlang, weshalb Richards nach der Rettung eines Schiffes und der Behandlung zahlreicher Patienten mit Hilfe seines Instruments einen geradezu wölfischen Appetit entwickelte.
„Greif zu und erzähl mir nichts von Seekrankheit, ich weiß daß du zu dumm bist, dir sowas einzufangen.“ grinste Richards seinen Besucher an, und Wylie, der seinen Pappenheimer kannte, grinste zurück und ließ sich pro forma vom Butler einen Becher Kaffee reichen.
„Guten Morgen, Mr. Hamid. Sie dürfen sich gern zu uns setzen.“ begrüßte Richards auch den aktuellen Kom-mandanten des Schiffes.
„Danke, ich stehe lieber.“ Zumindest hatten sie ihn nicht vor die Tür geschickt, wie Hamid es beinahe erwartet hatte, ganz streng geheim schien es also zwischen den beiden nicht herzugehen.
„Also, was war los?“ fiel der Agent mit der Tür ins Haus, voll auf Richards konzentriert.
„Ein paar Riesenwellen, und ein gerettetes Schiff, das jetzt eigentlich auf dem Grund des Meeres liegen müßte. Frag mich aber nicht, was daraus werden wird. Eine Rettung mit ein paar Schäden könnte größere Wellen verursachen als ein simpler Untergang.“
Wylie zwinkerte, er wirkte überrascht und mit einem Schlag auch ziemlich nüchtern. Der Erste verstand es nicht, das Schiff war doch gerettet, und etwas anderes sollte nicht zählen - oder? Und auch der Butler im Hintergrund wirkte ernster, als seine aufgesetzte Dienstmiene es erforderte. 
„Wovon reden Sie, bitte?“ fragte er, interessiert, ob er überhaupt eine Antwort erhalten würde.
Der Agent blickte ihn an, erkennbar unsicher, ob und was er dazu sagen durfte. Richards half ihm aus der Klemme, ihn scherte keine Schweigepflicht.
„Ich bin so etwas wie ein Hellseher, und dieses Schiff hätte seiner Vorherbestimmung nach eigentlich gestern abend absaufen sollen.“ warf er dem Ersten ganz unverblümt ins Gesicht. „Aber das tat es nicht, dank meiner Wenigkeit, und jetzt ist die Zukunft in Bewegung geraten. Hoffentlich nicht weit genug, daß sich großflächige Umschichtungen ergeben, aber man weiß ja nie. Sie kennen vermutlich die Story vom Schmetterling, der in Peking mit den Flügeln schlägt und woanders einen Hurrikan auslöst. Und selbst beste Absichten können üble Folgen haben. Ich weiß jedenfalls nicht, was daraus werden wird, aber Bens Boss wird in Zukunft ein Auge auf jeden einzelnen Menschen haben, der diese Fahrt überlebt hat. Verstehen Sie?“
Wylie deutete expressiv mit dem Daumen auf Richards. „Verrückt wie ein Märzhase,“ wiederholte er langsam, jedes einzelne Wort in Großbuchstaben betonend. „Und leider so gefährlich wie eine Atombombe mit scharfem Wackelzünder, weil er nämlich nie lügt und meistens recht hat.“ setzte er dann in Plauderton hinzu. 
„Und ich mußte schon vor längerem die Erfahrung machen, daß die Zeit sich nicht gern betrügen läßt. Sie ist nicht irgendetwas, was einfach passiert, sondern hat Strukturen, Regeln, Kulminationspunkte, an denen Dinge geschehen oder sich wiederholen, und sie läßt sich nicht gern von jemandem wie mir ins Hinterteil zwicken. Manche Dinge sind einfach dafür vorherbestimmt zu geschehen - und ich weiß nicht, ob der verhinderte Untergang gestern abend in diese Kategorie fiel. Wenn dem so wäre, wird dieses Schiff in Zukunft vom Unheil verfolgt werden, und zwar so lange, bis es irgendwann tatsächlich auf dem Meeresgrund landet, verstehen Sie, Mr. Hamid? Und dann ist es besser, wenn es das unter kontrollierten Umständen und ohne menschliche Verluste täte. Man kann die Zeit nicht betrügen, aber ihre Regeln ein wenig verbiegen und Unbeteiligte aus der Schußlinie bringen, das funktioniert. Notfalls kaufe ich den Kahn auf und versenke ihn eigenhändig, damit er niemanden mit sich reißen kann, aber im Moment ist es ja noch nicht sicher, ob die zerstörerische Macht des Schicksals jetzt am Schiff klebt oder nicht, und deshalb haben Sie und alle, die auf diesem Schiff fahren, ab sofort eine ganz besondere Verantwortung. Halten Sie die Augen offen, seien Sie auf alles gefaßt und werden Sie niemals leichtsinnig. Weichen Sie jedem Risiko aus, so gut es geht. Wohlgemerkt, ich will Ihnen nichts einreden, aber wenn Sie merken sollten, daß ungewöhnliche Dinge vorgehen, dann wissen Sie, was der Grund ist. Glauben Sie nicht an den Klabautermann, sondern handeln Sie nach gesundem Menschenverstand, gewähren Sie Zufällen nicht zu viel Spielraum, die üble Folgen nach sich ziehen könnten - und informieren Sie mich in jedem Fall.“ erklärte Richards gewichtig.
„Seine Standardanweisung in solchen Fällen. Halten Sie sich bitte daran,“ nickte Wylie bestätigend.
„Wenn Sie von den Wellen im Voraus wußten...“ begann der Erste ratlos.
„Wusste ich nicht.“ schüttelte Richards sofort den Kopf. „Es war der Hauptverdacht, schließlich sind auch andere Schiffe von den Wellen erwischt worden und haben darüber berichtet, aber wenn ein ziemlich großes Schiff verschwindet, glauben manche auch an Terrorakte, Unfälle oder grüne Männchen vom Mars, gerade wenn es in Nähe des Bermuda-Dreiecks passiert, Sie verstehen? Als Hellseher bekommen Sie keine Angaben aus der Zukunft in Form kompletter, umfänglicher Schilderungen und Analysen über das, was geschehen wird, Sie bekommen bestenfalls kleine Ausschnitte und müssen selber sehen, was Sie daraus machen. Manche Hellseher können nur Zahlen sehen, oder einzelne Bilder ohne alle Zahlen, oder sie sind völlig auf die Schicksale nahestehender Menschen beschränkt, das ist keine exakte Wissenschaft. Und deshalb gehen Wylies Vorgesetzte auch nicht damit hausieren, daß sie Kontakt zu einem Hellseher halten. Mit sowas legt keine staatliche Behörde Ehre ein.“ Er deutete mit dem Kinn auf den Agenten, der bestätigend nickte.
„Aber er ist gut. Seine Vorahnungen sind besser als so mancher Polizeibericht hinterher.“ fügte Wylie hinzu. „Und deswegen dackelt oft einer von uns hinter ihm her, um es mitzubekommen, wenn wieder irgendwas läuft. Oder er informiert uns selber, wenn er uns braucht.“
„Und wenn ich mich doch mal irren sollte... dann hat der Staat kein Geld an ein Hirngespinst verschwendet. Ich bin vermögend genug, meine Fehler selbst auszubügeln.“ schloß Richards das Thema. Er wusste, Wylie war erleichtert darüber, daß er die Hellseher-Masche ritt und nichts von Zeitreisenden aus der Zukunft erzählt hatte.   
„Aber Sie wissen nicht, was jetzt geschehen wird.“ fragte Hamid zur Bestätigung.
„Ganz recht. Die Zeit hat durch mich einen unerwarteten Kick in eine andere Richtung erhalten, und was daraus wird... das müssen wir alle abwarten. Vielleicht befindet sich ja an Bord ein kleines Mädchen, das eines Tages die Mutter eines neuen Einsteins wird... oder eines neuen Hitler.“       
„Etwas, was ohnehin jeden Tag der Fall sein könnte.“ In solchen Fragen war Hamid pragmatisch.
„Ganz recht. Also Business als usual, kein Grund, sich verrückt zu machen, aber hüten Sie sich davor, dem Leichtsinn die Tür zu öffnen. Wenn irgendetwas geschieht, was Sie als ungewöhnlich einstufen würden, rufen Sie mich oder Mr. Wylie in seiner Dienststelle. Und informieren Sie auch Captain Iversen oder Ihre Nachfolger auf diesem Schiff.“
Der Erste nickte, was hätte er auch anderes tun sollen.
„Werden Sie den Rest der Reise mitmachen?“ Richards hatte noch ein paar Tage gut, aber die Schäden, die das Schiff erlitten hatte, mußten so schnell wie möglich repariert werden. Vermutlich mußten die Passagiere, die die Reise nicht im nächsten erreichbaren Hafen beenden wollten, auf ein Schwesterschiff umgebucht werden, das konnte einen Landaufenthalt von einem oder zwei Tage bedeuten, falls die Reederei sie nicht per Flugzeug zum Ersatzschiff befördern ließ.
Richards schüttelte den Kopf. „Mein Job hier ist erledigt, und Sie wissen jetzt Bescheid, was zu beachten ist. Zeit ist Geld im Geschäftsleben, und deshalb werde ich mit Mr. Wylie zusammen abfliegen, sobald ich mich respektabel gemacht habe.“ Er zupfte an seinem Morgenmantel als Zeichen, daß die Audienz beendet war.
Der Erste begriff den Wink mit dem Zaunpfahl und zog sich zurück, um sich wieder seinen Pflichten zu widmen.
Doch bevor Richards mit seinem Butler und dem Agenten den Helikopter bestiegen, der sie an Land bringen sollte, erschien er auf Deck, um seine ungewöhnlichen Gäste selbst zu verabschieden.
„Ich danke Ihnen für die Rettung des Schiffes und aller, die an Bord waren -- Captain Devil.“ sagte er ernst und ließ kurz sein nahöstliches Temperament hervorblitzen, als er mit beiden Händen die Hand von Richards schüttelte. „Möge der Allmächtige Ihnen noch viele Vorahnungen schicken, die das Abwenden von Katastrophen möglich machen. Leben Sie wohl, Mr. Richards.”
“Leben Sie wohl, Mr. Hamid. Ich wünsche Ihnen allzeit gute Fahrt und mindestens eine Handbreit Wasser unterm Kiel. Und seien Sie nicht scheu, die Agency zu informieren, wenn Sie es mit Meeresungeheuern, Piratengeistern oder den UFOs im Bermudadreieck zu tun bekommen, denn für sowas ist sie da.“ lächelte Tom.
Der Erste salutierte, und Richards neigte noch einmal höflich den Kopf, bevor er mit forschem Schitt auf den wartenden Helikopter zuging.

- Ende dieser Episode -