Autor Thema: All In a Day´s Work  (Gelesen 4456 mal)

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #15 am: 13. Juli 2015, 13:08:46 Uhr »
Der persönliche Sekretär des Generals, der seine Ausbildung unter anderem bei den Marines erfahren hatte und nicht nur als gestrenger Hüter des Vorzimmers, sondern auch als Leibwächter diente, führte sie sofort nach ihrer Ankunft in Wades Büro. Es folgte ein kurzes gegenseitiges Mustern, doch bevor der General den Mund öffnen konnte, stahl Wylie ihm den Moment.
„Mr. Richards?“ Der Agent blickte den blonden Mann auffordernd an, mit hochgezogenen Augenbrauen, und der verstand. Er machte eine Geste, als würde er einen Reißverschluß über seinem Mund zuziehen, grinste dann heiter zurück und wies auf Forrester, und der Agent nickte beifällig.
Wade verfolgte die kurze Szene mit Interesse, stellte aber erst einmal keine Frage dazu. Agent Wylie hatte vermutlich einen guten Grund dafür, den Mann erst einmal nicht zu Wort kommen zu lassen.
„General Wade, das hier sind Paul Forrester, der Außerirdische, sein Sohn Scott Hayden - seine menschliche Mutter, Mrs. Jenny Hayden, haben wir noch nicht gefunden, aber das wird hoffentlich bald der Fall sein - und das hier ist Mr. Tom Richards, nach eigenen Angaben zwar selbst kein Außerirdischer, aber er behauptet, von einem Alien abzustammen.“ stellte Agent Fox vor. „Und wenn Sie das Gerät benutzen, das Mr. Wylie hier hat“ - Wylie zeigte das einem aufgemotzten Nachtsichtgerät ähnliche Brillenmonster vor - „werden Sie selbst sehen, warum wir davon ausgehen, daß diese Angaben der Wahrheit entsprechen.“
Wylie reichte das Gerät an seinen Chef weiter. „Das hier ist ein Gerät, das menschliche Auren sichtbar macht.“ erklärte er dabei. „Unsere Forschungsabteilung hat es für uns zusammengebastelt, es funktioniert so ähnlich wie die sogenannte Kirlianfotografie, nur daß es tragbar ist und auch auf größere Distanzen funktioniert. Ich dachte mir, daß man mit so einem Gerät leicht außerirdische Wesen erkennen müßte, wenn sie fremdartige Auren besitzen, und ich hatte recht mit dieser Annahme.“
Der General musterte den Apparat interessiert, drehte ihn in den Händen, fand den Knopf, mit dem man an- und abschalten konnte, und setzte ihn dann an die Augen. Seine zwei Agenten sahen in der Tat ungefähr so aus wie auf den Kirlianfotografien, die man hin und wieder in Illustrierten abgebildet fand, seltsame schwache, farbige Lichter, nur daß sie nicht auf dunklem Hintergrund lagen, sondern auf den durch die dicken Linsen grau wirkenden Männern, weshalb die Lichteffekte viel blasser und unscheinbarer wirkten als auf den Fotos. Doch als er auf die angeblichen Außerirdischen schwenkte, sah er sofort den Unterschied. Der Junge leuchtete viel heller, mit Farben, die alle deutlich ins Blaue tendierten, jedoch bei weitem nicht so hell wie sein Vater, der angebliche Außerirdische, der in intensivem Blau leuchtete. Und der Mann, den Fox als Richards vorgestellt hatte - verblüfft setzte Wade das Gerät ab, starrte den Mann mit seinen unbewehrten Augen an, und benutzte noch einmal das Gerät, er konnte es einfach nicht glauben, daß man mit normalen Augen nicht sah, was der Aurenspürer sichtbar machte. Richards war nämlich, durch das Gerät hindurch gesehen, so gleißend hell, daß man gar keine Person mehr darunter wahrnehmen konnte, es war einfach eine einzige unregelmäßige Fläche aus gleißend weißlichgelben Licht. Warum konnte man das, und auch Forresters blaue Strahlung, nicht mit bloßen Augen wahrnehmen? Aber sobald Wade diese Gedanken dachte, wusste er schon die Antwort. Schließlich gab es viele Strahlungsfrequenzen, die für menschliche Augen unsichtbar waren, wie Infrarot, Ultraviolett, Magnetfelder und polarisiertes Licht, die manche Tierarten durchaus wahrnehmen konnten, oder Radarstrahlung, Mikrowellen und Radioaktivität, oder eben menschliche Auren. Das Gerät schien jedenfalls das Geld und den Aufwand, den man daran verwandt hatte, wert zu sein, und Wade merkte sich eine Belobigung für den genialen Bastler vor.
„Bitte setzen Sie sich.“ sagte er mit einer Handbewegung zu den bereitstehenden Stühlen.
„Mr. Fox. Ihr Bericht.“ forderte er dann, als alle platzgenommen hatten.
Und er bekam ihn, eine kurze Zusammenfassung aller Ereignisse aus Sicht des Agenten, seit vor mehr als siebzehn Jahren ein außerirdisches Scoutschiff in die Erdatmosphäre eingedrungen und von der Air Force abgeschossen worden war, bis zu den Ereignissen des gestrigen Tages. Fox verschwieg nicht, daß er dabei telepathische Kontakte eingegangen war, zuerst mit Richards, was der weitaus schwierigere Part gewesen war, und anschließend mit dem Außerirdischen selbst. Sein Vorgesetzter mußte darüber Bescheid wissen, weil es dessen weiteres Verhalten gegenüber seinem Agenten beeinflußte, insbesondere was dessen zukünftige Freigabestufe für vertrauliche Informationen betraf.
„Sir, ich bin mir meiner Schuld jetzt bewußt.“ schloß Fox seinen Bericht. Sein Gesicht war ernst. „Mein Verhalten Mr. Forrester gegenüber war absolut übertrieben und unangemessen. Ich hielt ihn für eine äußerst gefährliche Bedrohung dieses Landes und der ganzen Menschheit, die er jedoch zu keiner Zeit war, wie ich jetzt weiß. Eine Fehleinschätzung meinerseits, die ernsthafte diplomatische Folgen hätte nach sich ziehen können, wenn es beispielsweise zu einem abermaligen Besuch des Mutterschiffes gekommen wäre und mein Verhalten als Grundlage für eine Einschätzung der gesamten menschlichen Rasse gedient hätte. Außerdem habe ich auf dieser irrsinnigen Hetzjagd große Mengen an Steuermitteln verschwendet, die an anderer Stelle besser angelegt gewesen wären. Ich fürchte, Sir, daß ich in den letzten drei Jahren kein guter Diener dieser Behörde und dieses Landes war, und vermutlich schon vorher nicht.“ Er war ernsthaft zerknirscht.
„Aber Sie sind weiterhin davon überzeugt, daß Mr. Forrester tatsächlich ein Wesen von einem anderen Stern ist.“ stellte Wade fest.
„Ja, Sir, absolut, und seit gestern mehr denn je. Ich kann Ihnen nicht raten, das gleiche zu tun wie ich, nämlich einen telepathischen Kontakt durchzuführen, weil das zweifellos sämtlichen Sicherheitsvorschriften zuwiderläuft, und ich trage gern alle Maßnahmen, die Sie gegen mich deswegen treffen werden, aber wenn Sie es tun würden, wären Sie ebenfalls davon überzeugt.“
„Wenn Sie ihn deswegen rauswerfen - wegen irgendwas, was er während seiner Jagd auf Paul angestellt hat, egal was und warum - dann gehört er mir. Er hat einiges wieder gutzumachen, bei Paul und ganz besonders bei Scott und Mrs. Hayden, und ob er das bei Ihnen oder bei mir macht, ist mir egal.“ meldete Richards sich unerwartet zu Wort, Wylies strafenden Blick ignorierend.
Der General musterte den Gast von oben bis unten. Richards sah nicht so aus, als würde er sich unwohl fühlen, anders als die meisten Gäste, die von seinen Agenten in seinem Büro angeliefert wurden, er saß entspannt da und wirkte, als habe er nicht die geringste Sorge auf der Welt. 
„Können Sie mir verraten, Mr. ... Richards, warum Sie und Mr. Forrester so stark strahlen?“ fragte Wade, wobei er auf den Aurenspürer deutete.
Der Mann nickte, warf aber jetzt erst einen Seitenblick zu Wylie, der nickend eine Geste machte, als würde er einen imaginären Reißverschluß über seinem Mund aufziehen. „Aber fassen Sie sich kurz.“ warnte er, und mit entschuldigendem Blick auf seinen Vorgesetzten: „Sonst sitzen wir morgen früh noch hier.“
Richards nickte ihm dankend zu und begann: „Das liegt an den Werkzeugen außerirdischen Ursprungs, die wir benutzen.“ Er hob demonstrativ seinen Silberstock etwas an und ließ die Matrix darin kurz aufleuchten. „Paul, Scott, zeigt ihm eure Instrumente - vielen Dank.“ Forrester holte seine Silbermurmel sofort aus der Tasche, während der Junge sichtlich zögerte, dem gefürchteten Geheimdienst-Chef sein Instrument, seine Waffe und mögliche Sicherheit gegen Agenten und andere Feinde, zu zeigen. Aber er gehorchte schließlich doch, allerdings hielt er die Metallkugel fest und fast versteckt in der Hand, jederzeit bereit, sie zu schützen vor jemandem, der sie ihm wegnehmen wollte, oder wieder in der Tasche verschwinden zu lassen, anders als sein Vater, der die seine locker in der Handfläche liegen hatte.
„Diese zwei original Werkzeuge von Algieba, die Sie dort sehen, bestehen aus einem Mix von n-dimensionalen Metallen, die auf der Heimatwelt von Pauls Rasse natürlich vorkommen. N-dimensional bedeutet, daß diese Metalle mehr aktive Dimensionen haben als ihre Entsprechungen im normalen irdischen Periodensystem, was ihnen ganz besondere Eigenschaften verleiht. Eines der Metalle heißt in unserer Sprache Dhyarit, auch Gravium genannt, weil es in seiner metallischen Form interessante Dinge mit Schwerkraft anstellen kann, es ist die n-dimensionale Entsprechung unseres Goldes. Welches die anderen Anteile an dem Gemisch sind, da bin ich überfragt, aber Paul wird uns bei Gelegenheit sicher gern Auskunft dazu geben.“ Der Starman nickte zustimmend, das konnte er verantworten.
„Was ich Ihnen gerade erzählt habe, ist aber weitgehend nutzloses Wissen, weil es von diesen n-dimensionalen Elementen meines Wissens keine natürlichen Vorkommen auf der Erde gibt. Ein Freund von mir, der sich mit solchen Themen befaßt, meinte einmal, die Legenden vom sogenannten Stein der Weisen gingen möglicherweise auf kleine Proben von Dhyarit zurück, die vor Urzeiten mit einem Kometen oder Asteroiden auf die Erde fielen und auf Umwegen in Alchimistenküchen landeten. Aber das ist nur eine Theorie, die noch bewiesen werden müßte. Wie Sie sehen, General, benutze ich kein metallisches Werkzeug, sondern einen Kristall, der aus reinem Dhyarit besteht, so wie ein Diamant aus Kohlenstoff. Der große Unterschied ist der, daß nur Algiebaner und verwandte Rassen die metallischen Werkzeuge bedienen können, oder Mischlinge mit algiebanischem Erbgut wie Scott hier, reinrassige Menschen können es nicht. Und das bedeutet zugleich, daß sie vor negativen Reaktionen der Instrumente sicher sind, weil sie sie nicht mal aktivieren können. Sie können diese Pinballs gerne anfassen, General, Paul, bitte --.“
Da Forrester etwas weiter weg vom General plaziert war als Fox, der wohl mit Absicht dort saß, als Abstandhalter und Wachhund, falls einer der Gäste doch etwas versuchen wollte, nahm der Agent jetzt die Metallkugel von Paul mit spitzen Fingern entgegen, wog sie kurz in der Hand, obwohl er von früheren Versuchen schon wusste, daß sie ihm nichts tat, und reichte sie dann an seinen Vorgesetzten weiter. Auch Wade musterte das makellos glatte und silberfarbene Ding, wog es in der Hand, weil ihm das ungewöhnliche Gewicht auffiel - Atomgewicht von Gold und weiteren, unbekannten Inhaltsstoffen, das konnte wohl hinkommen - und legte es schließlich vor sich auf den Schreibtisch.
„Mein Kristall, eine sogenannte Energiematrix, Dhyarra oder Sternenstein, ist dagegen offen für die Benutzung durch Menschen, und das bedeutet automatisch, daß er auch gefährlich ist. Bei jeder leisesten Berührung aktiviert sich der Kristall, und bei der ersten Aktivierung stellt er sich automatisch auf die Person ein, die ihn berührt. Dabei kommt es zu einem kurzen Kampf, den der Mensch gewinnen muß, weil er sonst gesundheitlich geschädigt oder gleich umgebracht wird. Bei den schwächsten Kristallen dieser Art, Stufe Eins genannt, bekommt man als unbefugter oder unfähiger Benutzer nur eine gewischt wie bei einem elektrischen Kurzschluß und hat für den ganzen Rest der Woche eine teuflische Migräne, aber wenn es sich um einen starken Kristall handelt wie meinen Fünfer hier, sollte man lieber schon vorher seine letzten Dinge regeln. Sobald eine Matrix auf einen Benutzer verschlüsselt ist, wird sie jeden anderen, der mit ihr zu arbeiten versucht, gnadenlos angreifen, selbst wenn derjenige eigentlich die Lizenz für Matrizen dieser Stärke besitzt und die Kraft, sie zu kontrollieren. Leider sieht man es einer Energiematrix von außen nicht an, wie stark sie ist, weshalb die allererste Regel unter Matrixtechnikern lautet: Finger weg von fremden Matrizen. Außer man sehnt sich nach einem vorzeitigen und sehr unangenehmen Ende. Das für den rechtmäßigen Benutzer der Matrix übrigens auch nicht angenehm ist, weil der jeden nicht autorisierten Fremdkontakt auf höchst unangenehme Weise als energetischen Rückstoß zu spüren bekommt. In meinem Fall warne ich nicht nur davor, die Matrix benutzen zu wollen, sondern überhaupt den Stock zu berühren.“ Er hob wieder den Silberstock etwas an, damit der General einen guten Blick darauf werfen konnte. „Er besteht zwar aus Silber und nicht aus Eisen, lädt sich aber trotzdem immer wieder auf, wenn die Matrix aktiv ist, und deshalb kann allein eine Berührung des Stocks schon lebensgefährlich sein. Wenn Sie wollen, betrachten Sie ihn als äußerst mächtigen Zauberstab, von dem jeder Möchtegern-Zauberlehrling im eigenen Interesse dringend die Finger lassen sollte.“ Er lächelte, von Verweisen auf Trivialliteratur konnte er einfach nicht lassen.
„Ich mußte viele Jahre üben und lernen, bis ich soweit war, eine Fünfermatrix zu beherrschen - mehr Jahre, als Sie im Augenblick für möglich halten, General - und es fühlt sich immer noch bei jeder einzelnen Aktivierung der Matrix so an, als würde mich ein Maultier treten. Soviel zum Energie- und Gefahrenpotential, General Wade. Haben Sie noch Fragen dazu?“ 
Stattdessen sprach Wade jemand anderen an. „Mr. Wylie, warum haben Sie Mr. Richards vorhin das Sprechen verboten?“
„Weil Sie ihn sonst nicht mehr zum Schweigen bekommen, Sir,“ sagte Wylie, sichtlich amüsiert. „Er schüttet Sie mit Informationen zu, bis Sie darin ertrinken, wie Sie soeben selbst gemerkt haben. Andere kommen gar nicht zu Wort, wenn er erst einmal in Fahrt ist.“

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #16 am: 29. Juli 2015, 17:19:38 Uhr »
Der General blickte wieder zu Richards, scheinbar völlig unbeeindruckt. „Sie haben mir noch nicht erklärt, warum Sie stärker strahlen als ein angeblich echter Außerirdischer.“
„Weil mein Kristall ein Fünfer ist, während Pauls Instrument ungefähr auf Level Drei steht. Genau kann ich das nicht sagen, weil es auf einer anderen Frequenz funktioniert als meines, aber es macht Sinn, weil das dritte Level den vernünftigsten Mix aus Kraft und Intelligenz besitzt. Einser und Zweier besitzen zwar auch Kraft, aber nicht genug Verstand, um kompliziertere Arbeitsprogramme zu begreifen, Vierer sind von Natur aus instabil und unzuverlässig, und ein Fünfer ist eine Diva, immer mit dem Kopf in den Wolken, aber trittfreudig wie ein Maultier. Der Unterschied in den Stärken wird übrigens in Potenzen gemessen, genauso wie bei Erdbeben, wenn man nach der Richter-Skala geht. Die stärksten Dhyrras sind Stufe Dreizehn, aber die sind der Stoff von Legenden, ich habe nie einen Dreizehner gesehen und ich kenne auch niemanden, der von sich oder anderen behaupten könnte, jemals einen gesehen zu haben. Ein Dreizehner wäre sowas wie der Todesstern aus dem Krieg der Sterne, zusammengepreßt in einen handlichen Kristall, der vermutlich nicht größer als ein Mensch wäre, mit so einem könnte man ganze Sonnensysteme wegpusten. Das Problem ist, daß mit der Stärke auch die Ansprüche an den Benutzer steigen, und bei einem normalen Menschen ist bei Level Fünf Schluß, stärkere Kristalle würden auch einem Fünfertechniker einfach das Hirn ausbrennen. Die stärksten Kristalle, die ich jemals in Aktion gesehen habe, waren Siebener und Achter, die miteinander gekoppelt waren, so daß sie real die Stärke eines Neunerkristalls erreichten. Immer wenn man zwei oder mehr etwa gleichstarke Kristalle miteinander koppelt, potenziert sich das Energieniveau ebenfalls. Diese überstarken Kristalle wurden aber nicht von Menschen bedient, sondern von Benu, einer Alienrasse, die aus purer Energie besteht. Sowas wie die großen Brüder von Pauls Rasse, gewissermaßen, die können diese überstarken Kristalle noch beherrschen. Für Menschen sind aber schon die schwachen bis mittelstarken Exemplare gefährlich, wenn sie nicht über die nötige Ausbildung und psychische Eignung verfügen, um damit umzugehen. Und deshalb muß ich meine Warnung nochmals wiederholen, für alle Beteiligten: Finger weg von meiner Matrix. Außer jemand ist auf Selbstmord scharf. Ist damit alles klar?“
Wade blickte mit unbewegtem Gesicht auf die versammelten Gäste. Fox hatte angesichts des Sermons sein Gesicht unwillig verzogen, als leide er gerade an Zahnschmerzen. Forrester lächelte offen und unschuldig vor sich hin, er sah nicht so aus, als wolle er zu irgendeiner der aufgestellten Behauptungen Einspruch erheben. Sein Sohn und Agent Wylie dagegen vermochten der Sache einen humoristischen Aspekt abzugewinnen, sie verkniffen sich mühsam ein Lächeln.
„Ich habe Sie gewarnt, Sir. Er spuckt Fakten aus wie ein Maschinengewehr Kugeln, und es interessiert ihn nicht, wie die Zielscheibe hinterher aussieht.“ wagte Wylie zu sagen.
„Gelöchert und völlig erledigt, hoffe ich doch.“ kommentierte Richards prompt. Und machte wieder die Geste des Mundzusperrens, als Wylie ihm einen warnenden Seitenblick zuwarf. „Bin ja schon still.“
Der General hatte beinahe Mühe, selbst ein Lächeln zu unterdrücken, solch ein sonniger Charakter saß selten vor ihm in seinem Büro.
„Haben Sie etwa alles verstanden, was er gerade gesagt hat, Mr. Wylie?“ fragte er stattdessen, ehrlich interes-siert, wie die Antwort lauten würde.
„Jedes Wort, selbstverständlich, Sir. Er hat sich ja einfach genug ausgedrückt, oder? Und ich möchte gern noch mehr darüber erfahren, wenn es erlaubt ist, Sir.“
„Wenn Sie genug Zeit mitbringen, warum nicht.“ durchbrach Richards seine Schweigepflicht, und veranlaßte Wylie damit zu einem erwartungsvollen Lächeln.
Der General fixierte Richards scharf. „Nach allem, was ich bis jetzt schon von Ihnen gehört habe, muß ich Sie als Risiko ersten Grades einstufen, ist Ihnen das bewußt? Was sagen Sie dazu, Mr. Richards?“
Der lächelte daraufhin nur. „Dazu sage ich, daß Sie bis jetzt erst einen winzigen Bruchteil erfahren haben. Wenn ich Schaden anrichten wollte, hätte ich das schon vor sehr langer Zeit tun können. Schließlich wohne ich in der Gegend, seit ich mein neuerbautes Haus bezog, und das war im Jahr 1742.“
Der General zwinkerte nur, während Wylie und Scott Hayden den Mann verdutzt anstarrten. War er jetzt komplett durchgedreht? Nur Fox blieb entspannt und lächelte sogar ein wenig, schließlich wusste er als einziger, daß Richards auch in dieser Hinsicht keineswegs log. Das blieb Wade nicht verborgen.
„Mr. Fox, haben Sie dazu etwas zu sagen?“
„Ja, Sir. Als wir unsere Aussprache hatten, führten Mr. Richards und ich den telepathischen Austausch durch. Ich bin gewissermaßen in seinen Erinnerungen spazierengegangen, und ich kann Ihnen sagen, er lügt nicht. Er ist tatsächlich so alt, und noch viel älter.“
Richards nickte. „Vor ein paar Jahren habe ich meinen tausendsten Geburtstag gefeiert. Mit allem Pomp, wie es sich für einen so seltenen Anlaß gehört - und danach war ich eine volle Woche lang krank. Hab ein bißchen zu tief ins Champagnerglas geguckt, wissen Sie, und ich vertrage bis heute nicht viel.“ Er zog eine Grimasse.
Wade wusste inzwischen wirklich nicht mehr, ob er diesen Clown noch ernst nehmen sollte.
„Was ist mit Ihrem Vater, Thomas Adalmar Richards dem Zweiten?“
„Den hat es nie gegeben, genausowenig wie meinen Großvater, oder wie dessen Vater. Das war immer nur dieses eine Individuum hier.“ Wobei er mit dem Daumen auf sich selbst deutete. „Alle fünfzig oder sechzig Jahre muß ich sterben, damit ich ein paar Jahre später als mein eigener Erbe auftauchen kann. Früher war das natürlich einfacher als heute, mit der ganzen Bürokratie. Als ich Lyonshome Manor gründete, nannte ich mich Thomas DeVille.“
„DeVille?“ platzte Wylie heraus, dem der Name geläufig war. „Doch nicht Captain Thomas DeVille, genannt Captain Devil?”
Und abermals nickte Richards und deutete im Sitzen eine förmliche Verbeugung in Richtung Wylie an, mit einer Bewegung, als würde er elegant einen Hut vor ihm ziehen. „Captain Thomas DeVille, zu Ihren Diensten, Monsieur.“ sagte er mit deutlich französischem Einschlag.
Wylie hatte vorher schon die ganze Zeit kaum verhohlen gegrinst, aber jetzt strahlte er wie tausend Glühbirnen.
Der General sah es mit Unbehagen, denn es widersprach einer ganzen Reihe von Agency-Regeln, daß sich Agenten jenseits einer verdeckten Operation mit Verdächtigen anfreundeten.
„Es hieß immer, Captain Devil sei mit seinem Teufelsschiff, der „Piranha“, geradewegs in die Hölle gesegelt. War das auch einer Ihrer „Tode“, Mr. Richards?“ fragte Wylie wißbegierig. Es passierte schließlich nicht jeden Tag, daß man einer Legende der amerikanischen Geschichte leibhaftig begegnete.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #17 am: 3. August 2015, 17:40:21 Uhr »
„In diesem Fall nicht. Es hatte eine Meuterei an Bord gegeben, so daß ich nicht an Bord war, als das Schiff zusammen mit der untreuen Besatzung in einen Sturm geriet, der es in die Untiefen der Outer Banks drückte und dort in Stücke schlug. Als ich vom Schicksal der „Piranha“ erfuhr, nahm ich es als Wink des Schicksals, diesen Charakter an den Nagel zu hängen. Offiziell machte Captain Devil mit der Piranha eine letzte Fahrt nach Afrika, von der er nicht zurückkehrte... aber einige Zeit später sein Sohn, Thomas Mackerell. Der Großvater von Thomas Adalmar Richards dem Ersten.“
„Sie verwenden immer den Vornamen Thomas?“
„So wie in Thomas der Ungläubige, weil ich mit Religion nicht viel anfangen kann. Damit war ich das ganze Mittelalter hindurch gut bedient, wenn mich jemand nach meiner religiösen Einstellung fragte.“ Tom lächelte den Agenten an.
„Und wie heißen Sie nun wirklich?“
Tom blickte zu Fox, der zwar die Antwort darauf kannte, jedoch ein kurzes hämisches Zähneblecken zurückgab, das sich ungefähr lesen ließ „Ihr Problem, nicht meines, Großmaul!“, zog eine Schnute und antwortete schließlich: „Das zu definieren ist ein bißchen schwierig. Warten Sie ab, bis Sie meine vollständige Lebensgeschichte kennen, dann wissen Sie warum. Ich bin nämlich etwas zögerlich, den guten Namen von jemand anderem zu benutzen. Auch wenn dieser andere in dieser Zeit gar nicht existiert.“
Prompt hob Wylie den Finger, wie ein Musterschüler in der Schule, weil ihm etwas aufgefallen war. Und auf des Generals Nicken hin fragte er: „Das ist jetzt mindestens das zweite Mal, Mr. Richards, daß Sie sich auf jemand berufen, der in dieser Zeit nicht existiert, wie Sie es ausdrücken. Aber wenn jemand nicht in dieser Zeit existiert, dann ist er entweder schon tot - oder es gibt ihn noch gar nicht. Aber es klang nicht so, als würden Sie jeweils eine verstorbene Person meinen. Und das heißt...“ Er legte den Kopf schief und ließ das Ende offen, weil er es von dem Mann selber hören wollte. Aber der lobte stattdessen: „Korrekt erkannt, Mr. Wylie,“ zeigte ihm ein übertriebenes Smilie-Gesicht - und spielte Auster. Und ließ sich auch nicht erweichen, als Wylie mit schräg gelegtem Kopf einen bittenden Hundeblick zeigte, sondern grinste nur wissend und zog seinen Mund-Reißverschluß zu als Zeichen, daß diese Bar geschlossen war.
Scott konnte sich ein leises Kichern nicht verkneifen, die beiden in Interaktion boten beste Komödie. Noch gestern um diese Zeit hätte er nie geglaubt, jemals jemanden zu treffen, der Fox den Kopf zurechtrücken konnte, mit Wylie herumscherzte wie mit einem kleinen Bruder und auch keinen übermäßigen Respekt vor ihrem gemeinsamen Boss hatte.
„Mr. Forrester.“ Wade wandte sich an den, der bisher noch kein einziges Wort gesagt hatte, nur stumm vor sich hin lächelnd auf seinem Stuhl saß und die Unterhaltung aufmerksam verfolgte. „Ich dachte eigentlich, hier geht es um Sie, den angeblichen Außerirdischen. Was haben Sie mir zu erzählen?“
Paul öffnete den Mund - und schloß ihn erst mal wieder. Er wollte vieles sagen, viel zu viel, und wusste deshalb nicht, wo er beginnen sollte.
„Fang einfach am Anfang an, Paul,“ half Tom aus. „Was dich zur Erde brachte.“
Darauf nickte Forrester dankbar und begann an jenem Tag, als er in der Nähe des Jupiter Vermessungen durchführte und dabei ein fremdes, offensichtlich künstlich erzeugtes Objekt entdeckte. Es handelte sich um eine Sonde mit wenigen, leicht zu durchschauenden Meßgeräten und Instrumenten, einer primitiven plutoniumhaltigen Energiequelle und, als wichtigstes und interessantestes Teil, einen goldenen Datenträger samt einem dazugehörenden Abspielgerät. Sobald Paul und seine Artgenossen herausgefunden hatten, wie man der goldenen Schallplatte ihre Geheimnisse entlockte - wozu sie nicht lange brauchten, denn es gab eine leicht zu entschlüsselnde, eingravierte Bedienungsanleitung - waren sie fasziniert von den Geräuschen, Bildern, Grüßen und Musik vom Planeten Erde. Er bot sogar seine Version von Mick Jaggers „Satisfaction“ auf, des ersten Liedes, das die Schallplatte von sich gegeben hatte, was sämtliche Anwesenden zum Schmunzeln brachte, und sah anschließend verblüfft und etwas erfreut drein wegen der offensichtlich positiven Reaktion.
„Schon gut, Dad. Bis du auf der Bühne auftreten kannst, brauchst du vielleicht noch etwas Übung.“ erklärte sein Sohn ihm grinsend, nachdem er die Finger aus seinen Ohren gezogen hatte.
An dieser Stelle hob Richards seine Hand, er wollte etwas dazu anmerken.
„Ja, bitte, Mr. Richards.“
„Es wundert mich nicht, daß Paul von der Musik vom Planeten Erde fasziniert war. Es gibt vermutlich auf vielen belebten Welten Lebewesen, die mehr oder weniger melodische Geräusche produzieren und sogar Chöre bilden, aber künstlich instrumentenunterstützte harmonische Musik ist auf jeden Fall ein Hinweis auf Intelligenz. Sobald es zum offiziellen Erstkontakt und einer Aufnahme von Handelsbeziehungen zu anderen Rassen kommt, werden Musik und irdische Formen der Unterhaltung zu unseren Hauptexportartikeln zählen. Nur weil wir in der technologisch und gesellschaftlichen Entwicklung hinterherhinken, heißt das nicht, daß wir nichts zu bieten hätten. Meine eigenen außerirdischen Ahnenverwandten, die Dhoanor, zum Beispiel lieben melodische Musik, aber sie sind selbst leider lausige Musiker und Sänger. Ihre Krallenhände eignen sich nun mal nicht für Musikinstrumente, und ihr Gegröhle wäre allenfalls in einer Heavy Metal-Band erwünscht. Für uns heißt das, wenn es mal soweit ist, ein ganzes Sonnensystem voller zahlender Kunden. Die anderen Spezies, die Draina, Sfarrk und wie sie alle heißen, werden sich auch die passenden Rosinen aus dem irdischen Kulturkuchen picken wollen. Was für uns natürlich heißt, daß wir unsere kulturellen Errungenschaften bis dahin sorgfältig bewahren sollten, denn jedes Lied, jede Komposition und jeder Unterhaltungsfilm könnte einmal als interstellares Tauschmittel gesucht sein. Für Minderwertigkeitskomplexe besteht jedenfalls kein Grund, wenn ein gelungenes Gitarrenriff genauso hoch als kultureller Wert eingeschätzt wird wie etwa eines der Riesenraumschiffe der Sfarrk.“
Wylie zeigte voller Anerkennung zwei hochgestreckte Daumen für diese gelungene Rede.
„Diese Rassen, die Sie erwähnten - wie hoch ist die Chance eines baldigen Kontaktes?“ fragte Wade nach.
„Mit den Dhoanor nicht so bald, die sind schlappe 35.000 Lichtjahre von hier entfernt und haben im Moment keine Möglichkeiten für interstellare Reisen, die Gründe dafür erzähle ich Ihnen ein andernmal. Das Imperium der Sfarrk liegt auf halbem Wege zwischen hier und Dhoan-Sek, aber die breiten sich relativ langsam aus, also auch da Fehlanzeige. Am nächsten dran an uns sind Pauls Leute und ein paar von ihren Nachbarn, im Umkreis von hundert bis zweihundert Lichtjahren, außerdem haben die Draina, das ist eine Rasse von Gestaltwandlern, einige Terraforming-Projekte in der Nachbarschaft am Laufen. Ich muß dazu anmerken, daß keine der genannten Rassen feindselige Absichten der Menschheit gegenüber hegt oder Interesse daran hat, sich in Entwicklungen auf der Erde einzumischen. Wenn wir hier auf der Erde Probleme bekommen oder uns selber welche machen, ist es also sinnlos, auf Retter aus dem All zu warten, wir müssen selbst damit fertigwerden. Das einzige echte Bedrohungspotential geht von einer Rasse aus, die ich als den „unsichtbaren“ oder „unbekannten“ Feind bezeichne, und die stammt nicht aus dem All, sondern aus einer anderen Dimension. Aber darüber erfahren Sie bei anderer Gelegenheit mehr.“
Wade nickte und wandte sich wieder an Forrester, damit er mit seiner eigenen Erzählung fortfuhr. Insgeheim war der General dankbar für das kleine Aufzeichnungsgerät in seinem Schreibtisch, das jedes Wort in diesem Raum festhielt, denn die Mengen an Informationen, die Richards ihm so fröhlich um die Ohren schlug, hätte er sich nicht merken können.
Paul erzählte vom Anflug auf die Erde, dem Abschuß durch die Air Force, der Notlandung und der ersten Begegnung mit einer frischgebackenen Witwe namens Jenny Hayden, die zu dem Zeitpunkt ziemlich beschwipst war, weil sie nach Trost auf dem Boden einer Schnapsflasche gesucht hatte. Von der anschließenden dreitägigen Irrfahrt von Wisconsin nach Arizona und dem Rendezvous mit dem Mutterschiff im Meteoritenkrater, einschließlich aller Details über die Zwischenfälle, die sich während dieser Zeit ereignet hatten und die für ihn neuen, fremdartigen Dinge, die er gelernt hatte. Da er über ein eidetisches Gedächtnis verfügte, erinnerte er sich so exakt an die Vorgänge, als wären sie eben erst passiert, und als Außerirdischer war er es auch nicht gewöhnt, etwas schönzufärben, peinliche Einzelheiten auszulassen oder mit menschlichen Vorurteilen zu verfälschen, er berichtete klar und analytisch, ohne jede Ausflüchte. *   
Anschließend schwieg der General eine Weile, er sortierte das Gehörte aus und überlegte, welche Fragen er als nächstes stellen wollte. Wenn das alles stimmte, was er bereits gehört hatte --
und dann erkannte er, daß ein erfahrener Übersetzer, der ungefiltertes außerirdisches Wissen in irdische Zusammenhänge übersetzen konnte und eigene Ideen und Anmerkungen dazugab, gar keine so schlechte Idee war.
Er wandte sich an den Mann, der das konnte, mit einer relativ unverfänglichen Frage, aber sehr gespannt auf die Antwort, die er bekommen würde.
„Mr. Richards. Würden Sie das Mutterschiff von Mr. Forresters Artgenossen besichtigen, wenn es die Möglichkeit dazu gäbe?“




* siehe John Carpenters Film "Starman"

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #18 am: 12. August 2015, 16:41:38 Uhr »
„Ehrlich gesagt, General, bei dem Gedanken daran läuft es mir eiskalt den Rücken hinunter.“ lachte Tom überraschend. „Sie dürfen nicht vergessen, daß das Teil für die Bedürfnisse von Pauls Rasse gebaut ist, es ist kein schickes irdisches Raumschiff Enterprise aus dem Fernsehen. Zum Beispiel ist es stockfinster dort drin, weil diese Aliens sich auf ganz anderen Wellenlängen orientieren als wir. Das einzige, was die Räume erhellt, sind die Algiebaner selbst, sie sind ja in ihrer natürlichen Form sowas wie lebendige blaue Kugelblitze. Zum Ausgleich dafür steht die Heizung auf Temperaturen, bei denen wir Menschen im eigenen Saft garen würden, und die Atmosphäre ist selbstverständlich unverträglich für uns. Ihre Heimatwelt hat starke Ähnlichkeit mit unserer Venus, und wenn sie eine erobernde Rasse wären - was sie aber nicht sind - dann würden sie unsere Venus besetzen und die Erde lediglich als eine Art Zoo betrachten, dessen vielfältige Flora und Fauna samt vorherrschender Primatenrasse vielleicht für einen unterhaltsamen Sonntagsbesuch gut sind, aber bestimmt nicht dafür, sich dauerhaft niederzulassen. Außerdem sind viele Gänge und Türen im Raumschiff nur so groß, daß genormte Bauteile für Reparaturen hindurchpassen, das heißt, daß sie für Menschen viel zu klein oder zu schmal wären. Die Algiebaner können in ihrer natürlichen energetischen Form viele nichtmetallische und auch einige metallische Baumaterialien einfach durchdringen, als wären sie gar nicht da, deshalb sind sie nicht auf große Durchgänge angewiesen. Einige Räumlichkeiten, in denen nach Stapellauf des Schiffes keine Bau- oder Reparaturmaßnahmen mehr vorgesehen sind, sind sogar nach menschlichen Maßstäben ganz unzugänglich, da überhaupt keine Türen eingebaut sind. Den Aliens macht das nichts aus, die gehen einfach durch die Wände. - Stimmt das soweit, Paul?“ vergewisserte er sich dann.
Forrester nickte. „Das stimmt alles, Tom. Ich könnte es nicht besser ausdrücken.“
„Haben Sie dieses oder ein anderes Mutterschiff dieser Rasse schon einmal gesehen, Mr. Richards?“
„Nein. Aber ich weiß wie sie bauen, weil ich damals, als ich mehrere Alien-Rassen kennenlernte, ein paar informative Lehrprogramme zu diesen Rassen und ihren Kulturen durchgemacht habe, um nicht unnötig ins Fettnäpfchen zu treten. Und an einige Dinge aus diesen Programmen erinnerte ich mich wieder, nachdem Paul und ich unseren telepathischen Rapport hatten. Paul hat mir bestätigt, daß die Informationen damals korrekt waren.“ Dabei nickte er zu Forrester hin, der freundlich zurücklächelte.
„Wo befindet sich das Mutterschiff jetzt? Immer noch in unserem System?“
„Nein, inzwischen ist es bereits weitergeflogen zum nächsten Sonnensystem. Ich habe mich freiwillig dafür entschieden, auf dieser Welt zu bleiben, in diesem Körper, als Mensch unter Menschen. Selbst wenn ich jetzt einen Notruf aussenden würde, wären sie schon zu weit entfernt, sie würden mich nicht mehr hören.“ antwortete Paul wahrheitsgemäß.
„Aber vorher haben sie sich für mehr als vierzehn Jahre in unserem Sonnensystem aufgehalten?“
„Ja, General.“
Und wir wußten nichts davon, hatten nicht die geringste Ahnung, was da in unserem eigenen Sonnensystem vor sich geht, sagte der General nicht, aber dachte es mit Sicherheit. Eine potentielle Bedrohung, weitaus schlimmer als damals die sowjetischen Raketen auf Kuba, die auf die Vereinigten Staaten geziehlt hatten - verdammt, vielleicht bauten andere Außerirdische gerade jetzt auf der anderen Seite des Mondes einen Todesstrahler, und auf der Erde bekam man davon nichts mit, bis es zu spät war! Es war wirklich allerhöchste Zeit, das beinahe auf Eis gelegte Raumfahrtprogramm des Landes wieder neu anzukurbeln, dachte Wade. Und vielleicht konnte dieses Alien dabei helfen. Wie genau, wusste der Geheimdienstchef noch nicht, aber er fand bestimmt einen Weg.
„Mehr als vierzehn Jahre weit weg von Zuhause, und vielleicht noch viel länger wegen des langen Fluges. Wie sind Sie und Ihre Artgenossen damit umgegangen? Und - reichen vierzehn Jahre eigentlich für die Erforschung eines ganzen fremden Sonnensystems? Wenn ich überlege, wie lange wir schon unsere Erkundung des Sonnensystems betreiben, und zweifellos mit viel weniger Ergebnissen, da wir bis heute nicht die Möglichkeit haben, bemannte Flüge bis in die äußeren Regionen des Systems zu schicken.“ 
Richards hob wieder eine Hand. Und auf des Generals einladendes Nicken - denn was würde er jetzt wohl wieder zur Sache anmerken? -
„Im Umgang mit Aliens ist Zeit eine relative Größe, General. Sie dürfen nicht vergessen, daß Pauls Artgenossen in ihrer natürlichen Form aussehen wie lebendige Kugelblitze, das heißt auch, daß sie unbelastet von plumpen organischen Körpern eine viel schnellere Reaktionszeit als ein Mensch besitzen, und sie brauchen auch weniger Ruhepausen. Man könnte sagen, sie leben viel schneller und zugleich effektiver als wir. Was für uns vierzehn Sonnenjahre waren, waren für sie wahrscheinlich das Äquivalent von Jahrhunderten, das ist mehr als genug Zeit, ein Sonnensystem gründlich zu erforschen. Diese lange Zeit macht ihnen aber nichts aus, weil sie in ihrer natürlichen Form auch eine sehr lange Lebensdauer haben. Ich schätze, wenn Paul seine außerirdischen Geburtstage auf irdische Art feiern wollte, müßten ziemlich viele Kerzen auf den Kuchen.“ *
„Stimmt das, Mr. Forrester?“ fragte Wade, und Paul bestätigte: „Das ist alles richtig, General.“
Wylie meldete sich. „Wie haben Sie das eigentlich mit ihrem tausendstem Geburtstag gemacht, Mr. Richards? Wie groß war die Torte?“ Weil man für so viele Kerzen schließlich eine verdammt große Fläche brauchte.
Tom grinste heiter. „Die Torte war riesig, weil es eine Menge Gäste gab, aber es stand nur eine einzige Kerze darauf. Für mein erstes Millennium, verstehen Sie? Ich weiß aber nicht, ob es mir vergönnt sein wird, eine zweite Kerze zu sehen. Pro Jahrhundert altere ich etwa um zwei bis vier objektive Jahre, also hätte ich dann ein objektives Alter von etwa achtzig bis neunzig Jahren. Was für normale Menschen erreichbar ist, aber wie das bei mir aussehen wird, vorausgesetzt meine Alterungsgeschwindigkeit verändert sich nicht... keine Ahnung. - Ja, Mr. Wylie, die Preisfrage. Wie bin ich so geworden, nicht wahr?“ Der Agent nickte, etwas schuldbewußt, weil er bei einem geheimen, jedoch offensichtlichen Gedanken ertappt worden war. Aber er wusste genau, daß die anderen Anwesenden genauso an der Antwort interessiert waren wie er selbst. 
„Es ist nicht so, daß ich ein Wässerchen getrunken hätte, so eines wie das, das Sie bei mir zuhause probiert haben, nur potenter. Ich habe auch nie eine Pille geschluckt, die mich so gemacht hätte. So einfach ist die Sache nicht. Die Gründe für meine Langlebigkeit sind ein ganzes Bündel von Faktoren, von denen ich mir keinen einzigen selbst ausgesucht oder angetan habe, und sie haben alle hiermit zu tun.“ Er tippte auf den Knauf seines Stocks, der neben seinem Stuhl stand - ohne jede Stütze, jedoch nach wie vor nicht daran dachte umzufallen.
„Nur leider kann ich keinen einzigen dieser Faktoren auf andere Menschen übertragen. Ich habe es versucht, glauben Sie mir. Ich hatte Ehefrauen, Kinder, gute Freunde, denen ich jederzeit ohne Bedenken ein paar zusätzliche Jahrhunderte geschenkt hätte - aber es war mir nicht vergönnt. Ich kenne Heilkräuter und Meditationen, die Krankheiten reduzieren und die natürliche Lebensdauer ein bißchen verlängern können, und ich kann sogar per Handauflegen verschiedene Wehwehchen kurieren, aber mit all diesen Maßnahmen kann man allenfalls ein paar Jahrzehnte zusätzlich herausschinden, keine Jahrhunderte. Selbst wenn jemand eine Bluttransfusion von mir bekäme oder wie ein Kannibale mein Fleisch verzehren würde, würde sich meine Langlebigkeit nicht übertragen. Es ist etwas, was nur in mir lebt und sofort zugrundegeht, wenn es meinen lebenden Körper verläßt, verstehen Sie? So wurde es von seinen unbekannten Erschaffern programmiert. Und bevor Sie fragen, diese Erschaffer sind auch für mich nicht erreichbar. Wenn sie es wären, würde ich sie sofort heimsuchen und ihnen verdammt viele Fragen stellen. Der Mensch, bei dem meine Experimente mit Langlebigkeit am besten anschlugen, war mein Diener Sambo Brown. Als er starb, sah er aus wie ein Achtzigjähriger, aber in Wahrheit war er über hundertfünfzig Jahre alt. Er war übrigens der Urgroßvater von Billy Brown, den Sie heute früh kennengelernt haben, Mr. Wylie, Mr. Fox. Und manchmal denke ich, Billy ist seine Wiedergeburt, denn Sambo war genau wie er, als ich ihn im gleichen Alter bekam in dem Billy heute ist... als Gewinn eines Pokerspiels, das war in den Südstaaten, als die Sklaverei noch erlaubt war. Aber ich glaube bis heute, daß sein früherer Besitzer ganz froh war, den kleinen Frechdachs los zu sein. - Das war eine verrückte Zeit, damals.“ Und er schüttelte den Kopf, in Erinnerungen versunken.
„Hatten Sie damals Sklaven, Mr. Richards?“ fragte Fox prompt, das erste Mal seit seinem eigenen Bericht, daß er etwas einer eigenen Frage für wert befand.
„Nein, natürlich nicht, ich war immer für den Norden, und wer für mich arbeitete, der bekam seinen gerechten Lohn als freier Arbeiter. Ich wusste ja schließlich, wie der Krieg ausgehen würde. Sambo war sein eigener Herr, sobald wir die Grenze zum Norden überschritten hatten. Er ist trotzdem und völlig freiwillig bei mir geblieben, und er blieb bis zu seinem Tod. Er und seine Familie stellten und stellen bis heute die Dienerschaft von Lyonshome Manor, als gutbezahltes Festpersonal in einer anspruchsvollen Vertrauensstellung auf Lebenszeit.“
Den beiden Agenten waren bei dem Abstecher ins alte Herrenhaus die Männer und Frauen aufgefallen, die die altmodisch aussehende Dienstbekleidung als Zeichen ihrer Profession mit Stolz trugen. Sie nickten bestätigend.




(*kleines Augenzwinkern Richtung http://kaioken.co.uk/starman/whatsInAName.htm  :)

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #19 am: 21. August 2015, 10:09:48 Uhr »
„Eine andere Frage, Mr. Richards.“ sagte der General, die Augen wieder auf Forrester gerichtet. „Als Mr. Fox mir seine Theorie der außerirdischen Bedrohung durch Mr. Forrester darbrachte, wurde angesprochen, daß wir im Fall seiner Gefangennahme jede weitere Vermehrung unterbinden sollten. Ich rede von Sterilisierung, sowohl von Mr. Forrester als auch seines Sohnes, und jedes anderen Abkömmlings, das  er vielleicht gezeugt hat.“ *
„Keine Chance, General!“ reagierte Richards prompt. Er brauchte nicht den Kopf wenden, um zu wissen, daß zumindest Scott Hayden schlagartig erblaßt und käsweiß auf seinem Stuhl saß. Er fuhr fort:
„Wenn es nach mir geht, können sich die beiden vermehren wie Karnickel. General, Sie ahnen im Moment noch nicht, wofür man einen Algiebaner samt Ableger brauchen kann, aber das werden Sie bald erfahren, dafür verbürge ich mich. Menschen mit den nötigen psychischen Fähigkeiten, um zu Matrixtechnikern zu werden so wie ich, sind dünn gesät, aber bei Scott weiß ich jetzt schon, daß er es drauf hat, und das wird bei allen weiteren Kindern von Paul und bei Scotts Nachkommen genauso sein. Sie würden ein gewaltiges Potential an kostbaren parapsychischen Fähigkeiten verschwenden, Sir. Ein Potential, dem es an Risiko mangelt, weil Algiebaner und deren Nachkommen nicht fürs Kämpfen taugen, der Pazifismus liegt ihnen im Blut. Bei meinem Vorfahren war das was anderes, der hätte nicht lange gefackelt und jeden in Stücke gerissen, der ihm falsch kam, und ich habe auch nichts gegen eine zünftige Schlägerei hin und wieder einzuwenden, aber Paul ist kein Dhoanor und war noch nie einer. Also, bitte, General, lassen Sie die Schere stecken. Solange ich dabei bin, wird hier niemand um seine Eier erleichtert!“ 
„Mr. Fox?“
„Da ich inzwischen korrigiert wurde, was das Gefahrenpotential betrifft, Sir, muß ich auch meine Einschätzung in dieser Hinsicht korrigieren. Was allerdings nicht heißen soll, daß ich zustimmen würde, Mr. Forrester samt aller Abkömmlinge, die er vielleicht noch produzieren wird, unkontrolliert und unbeaufsichtigt herumlaufen zu lassen. Ohne Überwachung geht es nicht, im Interesse der Sicherheit sowohl unseres Landes als auch der Überwachten selbst, denn schließlich könnte auch jemand anderes Interesse an ihnen entwickeln.“
„Mr. Richards?“
Der grinste breit und dehnte sich gemütlich in seinem unbequemen Sitz. „Mit diesem Problem lebe ich schon ziemlich lange. An mir haben ziemlich viele Parteien Interesse, so viel kann ich Ihnen verraten, weshalb Lyonshome Manor über starke Sicherheitsvorrichtungen verfügt, an meinem Haus und seinen Bewohnern haben sich bereits einige Angreifer die Zähne ausgebissen. Wenn jetzt noch Paul und Scott hinzukommen, macht das das Kraut nicht mehr fetter als es ohnehin schon ist. Zwei Probleme zum Preis von einem, Sir, und es geht weder auf Ihr Budget noch auf Ihre Männer, weil ich eigenes Sicherheitspersonal habe, das an meine Art des Wahnsinns gewöhnt ist, Außerirdische inklusive.“
„Sie sind also bereit, in dieser Frage mit uns und der Agency zusammenzuarbeiten?“
„Wenn Sie dann in der Nacht besser schlafen können - jederzeit, Sir.“ strahlte Tom ihn an. „Details handeln wir aus, sobald Ihre Leute mehr über meine Vorkehrungen erfahren und mit meinen Experten gesprochen haben.“
Wylie grinste wieder. Die Effizienz und Eloquenz, mit der Richards verhandelte, erfreute ihn, so etwas besaß Seltenheitswert in diesem Büro. 
„Mr. Richards. Sie deuteten gerade an, daß Sie Mr. Hayden zum Matrixtechniker machen wollen.“
„Ja, und zwar genau so wie ich selbst damals vor langer Zeit ausgebildet wurde.“ Er lächelte den jungen Mann an, der sich noch nicht ganz von seinem Schrecken über die geplante Kastration erholt hatte und blaß und verschüchtert auf seinem Stuhl saß. Zu ihm gewandt fuhr er fort: „Ich nehme an, daß dein Vater dir schon den einen oder anderen Trick mit der Silbermurmel beigebracht hat, ja?“ Und als der Junge darauf vorsichtig und wachsam blickend nickte: „Aber eine richtige Ausbildung konnte er dir nicht geben. Das sehe ich an deiner Aura, die zwar stärker ist als die eines normalen Menschen, aber keine Spuren einer gezielten Formung aufweist. Nun, das wundert mich nicht. Er ist die Art von Anwendung gewöhnt, wie sie auf seiner Welt üblich ist, und die ist für unsere Verhältnisse ziemlich vergeistigt, weil sie dort eben keine körperlichen Wesen sind, sondern aus reiner Energie bestehen. Was du brauchst, ist eine handfeste Ausbildung nach menschlicher Art, mit Dingen, die man anfassen und manipulieren kann. Genau so wie ich sie von meinem Lehrer bekam. Dein Dad wird aber immer mit dabeisein, ihm könnte ein Crashkurs Matrixtechnologie auf Menschenart nämlich auch nicht schaden. Was sagst du dazu?“ 
Scott zwinkerte zuerst. Er wirkte etwas verblüfft, aber - hatte Richards so etwas nicht schon gestern angedeutet?
„Sie sagten gestern, daß Sie Dad und mich in Ihrem Krankenhaus arbeiten lassen wollen?“
„Erst dann, wenn du dein Werkzeug perfekt unter Kontrolle hast. Vorher lasse ich dich nicht auf einen Patienten los, keine Sorge. Also, was ist. Willst du mein junger Padawan sein, das heißt im Klartext, mein hirnloser Minion, Arbeitssklave und Fußabtreter auf unabsehbare Zeit?“
Da er dazu zwinkerte, war letzteres wieder mal nicht ganz ernst gemeint. Scott lächelte.
„Ich glaube, das wäre ich ganz gerne. Was meinst du, Dad?“
„Ich glaube, daß Tom uns beide einiges lehren kann.“ lächelte Paul gleichfalls. „Ich bin einverstanden.“
Scott wandte sich wieder Tom zu.
„Also gut, Mr. Richards. Ja, ich wäre gern Ihr Padawan.“
Aber -- Tom schüttelte den Kopf.
„Ganz, ganz falsch.“ erwiderte er mit todernster Miene. „Das gehört sich so:
`Jaaaa, Meissssterrr!`“
Woraufhin Scott prompt loslachte, weil Tom ganz spontan und aus dem Sitzen heraus perfekt den buckligen, triefäugigen, händereibenden, devot-schleimig lispelnden „Igor“-Charakter drittklassiger Gruselklamotten mimte.
Diesmal konnte sich selbst der General das Lächeln nicht verkneifen. Er sah sich um. Agent Wylie hatte offenbar gerade entdeckt, daß er etwas im Gesicht hatte, weil er heftig mit der Hand darin herumwischte, ohne jedoch sein breites Lachen wegwischen zu können. Fox hatte sich besser unter Kontrolle, mit verzweifelt-resignierter Miene hielt er seine Augen gen Himmel verdreht. Forrester sah zuerst verständnislos drein, mit hochgezogenen Augenbrauen, das Alien begriff die Anspielung von Richards nicht, von der irdischen Trivial- und Trashkultur schien es noch weitgehend unbeleckt zu sein - was Richards bestimmt umgehend ändern würde. Aber dann lächelte der Außerirdische, er freute sich am Amüsement seines Sohnes, auch wenn er dessen Ursache im Moment noch nicht nachvollziehen konnte. Wade registrierte auch diese Äußerung sehr sorgfältig - ausgeprägtes soziales Verhalten, ging ihm durch den Kopf, typisch für ein geborenes Schwarmwesen, als das Forrester sich selbst vorgestellt hatte.
„Wie wird diese Ausbildung vor sich gehen?“ fragte er interessiert, bevor Scott fragen konnte.
„Genauso wie bei mir damals. Ich habe außer meiner Fünfer hier“, Tom tippte auf den Knauf des Stocks, „noch ein paar Einer und Zweier, die dafür gedacht sind, Anfänger anzulernen. Leider keine Dreier, die für den ersten richtigen Meistergrad in dieser Zunft geeignet sind, aber bis Scott dieses Niveau erreicht, wird es ohnehin einige Zeit dauern. Da nur er den algiebanischen Pinball benutzen kann und ich nicht, wird es eine seiner Aufgabe sein, die Techniken, die er von mir mit der Matrix erlernt, auf sein eigenes Werkzeug zu übertragen.“
„Wie sieht das konkret aus?“ beharrte Wade. „Wie muß ich mir das vorstellen?“
„Okay, ein Beispiel. Wissen Sie, was eine der schwierigsten Aufgaben für einen Anfänger in Matrixtechnologie ist? - Es ist das Entzünden einer Kerze. Nicht mit Streichhölzern natürlich, sondern nur mit den Kräften der Matrix. Sobald die Lehrlinge mit Kerzen arbeiten, gehen die Ausbilder in volle Deckung.“
Er schmunzelte über die ungläubigen Mienen seiner Zuhörer. “Nein, ehrlich, das ist kein Witz. Weder vorher noch nachher in der Ausbildung gibt es dermaßen viele Explosionen und Feuerstürme. Die Kerzen sind sowas wie Messers Schneide, an denen sich entscheidet, wie gut jemand später mit seiner Matrix zurechtkommt.
Dazu muß ich etwas weiter ausholen. Sie kennen sicher Krieg der Sterne, die Szene auf dem Sumpfplaneten, als Yoda Luke auffordert, allein mit Hilfe der Macht seinen X-Wing-Fighter aus dem Sumpf zu ziehen?“



* Abermals kleines Augenzwinkern in Richtung diverser Fanfics... [/author´s note]

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #20 am: 25. August 2015, 14:00:08 Uhr »
Als alle nickten, sogar Forrester, der wohl den Film irgendwann im Fernsehen gesehen hatte, fuhr er fort: „Und Luke scheiterte an dieser Aufgabe. Er scheiterte nicht, weil er zu schwach dazu gewesen wäre, denn die Macht war schließlich stark in ihm, sondern er scheiterte, weil er sich nicht vorstellen konnte, daß so etwas möglich sei. Die Anwendung der Macht - oder von Matrixtechnologie - ist reine Kopfsache.“ Er deutete mit dem Zeigefinger expressiv auf seine Schläfe. „Was Sie sich nicht vorstellen können, das kann die Matrix auch nicht durchführen, weil sie nur ein verstandloses Werkzeug ist. Oder anders ausgedrückt, sie ist nie schlauer als ihr Benutzer. Luke scheiterte, weil er sich unterschätzte, aber bei unseren Lehrlingen ist es genau umgekehrt, die scheitern an einer simplen Kerze, weil sie sich überschätzen. Auch eine Einermatrix, die schwächste aller Matrizen, mit der Lehrlinge arbeiten, besitzen nämlich gewaltige Kraft. Sie sind aber zu dumm, um komplizierte Arbeitsprogramme zu begreifen und auszuführen. Stark und dumm - so wie ein Ochse. Simple Kraftentfaltung ist das erste, was jeder Lehrling lernt, das Aufbauen einfacher Schutzfelder, das Bewegen von Gegenständen - je größer und stabiler, um so besser, weil am Anfang so einiges danebengeht oder herunterfällt - und dergleichen mehr. Aber, wie mein Lehrer immer zu sagen pflegte, einen X-Wing-Fighter aus einem Sumpf zu pflücken ist leicht, die wahre Meisterschaft beweist sich, wenn man die Macht zum Spalten eines einzigen Haares verwenden kann. Und ein Matrixtechniker kann erst dann wertvolle Arbeit leisten, wenn er nicht nur Raumschiffe oder Felsbrocken durch die Gegend schweben lassen kann, sondern gelernt hat, wie man einzelne Atome gezielt herumschubst. Und das ist der Grund, warum die Lehrlinge regelmäßig an einer simplen Kerze scheitern, ihnen fehlt einfach noch das nötige Fingerspitzengefühl.“ Dabei rieb er demonstrativ Daumen und Zeigefinger aneinander.
Und blickte dann zu Scott. „Sag, Scott, hast du schon einmal eine Kerze oder etwas anderes angezündet? Mit deiner Murmel, nicht mit dem Feuerzeug.“
Der junge Mann blickte ihn überrascht an, machte schon den Mund auf -- und überlegte es sich dann anders. Man konnte ihm ansehen, daß es da etwas gab, über das er nicht gern sprechen wollte. Er warf einen hilfesuchenden Blick zu seinem Vater, der aber nur ermutigend zurücklächelte und leicht nickte.
Richards wusste, wie er die Hemmungen des Jungen lösen konnte.
„Sprich zu mir, mein Sohn, beichte deine Sünden.“ sagte er so salbungsvoll-ölig wie ein Fernsehprediger, wobei er ausdrücklich auf sein Ohr deutete. Er erreichte damit sein Ziel, weil Scott einen erheiterten Gluckser von sich gab und sich dann weit genug entspannte, um mit der Geschichte herauszurücken.
„Ich - ich habe mal versucht, ein Lagefeuer zu entzünden. Dad macht das ständig, wenn wir keine Streichhölzer dabei haben oder das Holz zu feucht ist, um es auf normale Weise zum Brennen zu bekommen, und bei ihm brennt es immer sofort. Also dachte ich mir, so schwer kann das nicht sein, und habe es auch versucht. Aber stattdessen... hing plötzlich ein riesiger Ring aus rotierenden blauen Lichtern am Himmel, der aussah wie die Unterseite eines Ufos.“ Er zeigte ein schuldbewußtes Grinsen. „Ein Sheriff, der sich gerade in der Nähe befand, hat es gesehen, anderen Leuten davon erzählt und galt deshalb plötzlich als ein Spinner. So lange, bis mein Dad die Sache in Ordnung gebracht hat, indem er die Lichter noch mal erscheinen ließ, und diesmal vor einer großen Zahl von Augenzeugen.“
„Das stimmt, Sir, wir waren damals auch dort und haben die Leute befragt, aber Mr. Forrester und sein Sohn sind uns damals wieder durch die Lappen gegangen.“ mischte sich Wylie ungefragt ein. *
„Uns gegenüber waren die Leute recht zugeknöpft, einschließlich des Sheriffs. Vermutlich habe ich mich ihm gegenüber nicht sehr freundlich benommen. Mein Fehler.“ fügte Fox hinzu. Erst jetzt ahnte er, wie unangemessen gegenüber anderen Personen, seinen Mitmenschen, er sich die ganzen Jahre über verhalten hatte, und er schämte sich dessen, konnte es aber nicht mehr ungeschehen machen. Daß er seine Schuld anerkannte, war das mindeste, was er im Moment tun konnte.
„Was war der Lichtring? Ein vorprogrammiertes Notsignal?“ fragte Tom den Außerirdischen, der daraufhin bestätigend nickte.
„Woher wissen Sie das mit dem Notsignal?“ fragte der General sofort.
„Wusste ich nicht, nur gut geraten. Es macht einfach Sinn, daß bei einem Instrument der Stufe Drei auch ein paar Vorprogrammierungen, die wir Matrixtechniker als Schlüssel bezeichnen, vorhanden sind. Dreier sind schlau genug, um auch ausführlichere Programme zu begreifen und abzuspeichern. Um es einfach auszudrücken, Scott, du wolltest mit deinem außerirdischen Schweizer Taschenmesser Feuer machen, bist aber versehentlich an den Knopf für das SOS-Blinksignal geraten. Kann bei einem Anfänger passieren.“ entschuldigte er den jungen Mann. Und in Richtung von Wade: „Aber wenigstens hat er dabei nichts in die Luft gejagt, wie es die meisten menschlichen Anfänger getan hätten. Er kann eben nicht leugnen, daß er der Sohn eines algiebanischen Pazifisten ist.“
„Haben Sie auch solche Schlüssel, Mr. Richards?“ fragte Wade voller Interesse.
„Darauf können Sie verschärft einen lassen, Sir,“ gab Tom salopp zurück. „Wenn Ihr Aurenspürer eine bessere Auflösung besäße, könnten Sie zumindest ein paar von meinen Schlüsseln sogar sehen, meine Aura ist nämlich so stachlig wie ein Stachelschwein von den ganzen Schlüsseln, die griffbereit darin stecken. Für einen Fünfertechniker ist das ganz normal, es macht nämlich einfach keinen Sinn, ständig mit einer trittfreudigen Fünfer-Kanone auf Spatzen zu schießen, die bestenfalls einen Zweier-Schuß wert wären. Verstehen Sie, was ich damit sagen will, Sir?“ Und als der General daraufhin nickte, freute er sich laut: „Fein, Sie haben schon angefangen, meine Sprache zu lernen. Sieht so aus, als ob das was wird mit uns beiden!“
Woraufhin nicht nur Wylie erneut Probleme hatte, ein unbewegtes Gesicht zu bewahren.
„A propos, General, haben Sie hier irgendwo einen Raum für Waffentests, wo nichts kaputt geht, wenn mal irgendwas brennt oder explodiert?“ Und als Wade nickte: „Dann lassen wir doch später mal Scott auf ein paar Kerzen los und sehen, wie er sich dabei anstellt. - Keine Panik, Scott, mit deinem Vater und mir anwesend kann nichts schiefgehen. Notfalls baue ich ein Eindämmungsfeld, wenn du es übertreibst. Und Sie, General, besorgen die Kerzen. Lieber ein paar mehr als weniger, damit genug Übungsmaterial vorhanden ist. Übungsmaterial... das erinnert mich an eine Anekdote, als ich noch der Anfänger war und meine ersten Hausaufgaben machen sollte. Wollen Sie die Geschichte hören?“
Erwartungsvolle Gesichter. 


* Serie Starman - Episode "Blue Lights"

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #21 am: 3. September 2015, 17:36:02 Uhr »
„Also, mein Lehrer Carolus stellte eines Tages Stapel von Platten vor mich hin, als Übungsmaterial. Die Platten waren alle gleich groß und gleich dick, bestanden aber aus unterschiedlichen Materialien - aus Glas, Holz, Gummi, Hartplastik und Eisen. Und meine Aufgabe bestand darin, allein mit den Kräften der Einsermatrix, die ich damals als Lehrling hatte, also ohne ein normales Werkzeug, jeweils ein Loch von vorgegebener Größe in jeweils eine von diesen Platten zu bohren. Genauso wie Scott dachte ich mir damals, wie schwer kann sowas schon sein? Deshalb fühlte ich mich vergackeiert, als ich die Mengen an Übungsmaterial sah, von jeder Sorte Platten war der Stapel nämlich so hoch.“ Er deutete etwas in Schulterhöhe an - wenn er stand. „Sie schmunzeln, General, also ahnen Sie wahrscheinlich, wie die Sache weiterging. - Und da irren Sie sich nicht. Ich mußte nämlich schnell feststellen, daß das gar nicht so leicht war mit den Löchern. Das Glas und das Hartplastik splitterte, wenn ich daran arbeitete, das Holz riß, das Metall schmolz entweder oder verbog sich, und den Geruch des schmorenden Gummis habe ich immer noch in der Nase, wenn ich daran denke. Ich war schon drauf und dran, die Sache hinzuwerfen, als ich auf die Idee kam, mir einen Anfängerkurs für Heimwerker herunterzuladen und nachzuschauen, wie das normalerweise gemacht wird. Und dann ging mir auf, was ich die ganze Zeit falsch gemacht hatte, ich hatte nämlich völlig vergessen, daß jedes Material seine eigenen physikalischen Eigenschaften besitzt und deshalb auf seine Weise auf Bearbeitungsversuche reagieren wird. Erst danach schaffte ich es, die geforderten Löcher sauber zu bohren. Aber von dem Übungsmaterial war bis dahin kaum noch was übrig. Und die Moral von der Geschicht - das beste Werkzeug ist nichts wert, wenn der Benutzer nicht weiß, wie er es einsetzen muß, weshalb eine gute Ausbildung das A und O ist.“
Unbewußtes Nicken von Scott, der sich angesprochen fühlte.
„Sie sprachen vorhin von den sogenannten Schlüsseln, die in Ihrer Aura stecken. Was machen Sie damit?“ wollte Wade wissen.
„Meistens benutze ich sie auf der Bühne. In einer meiner vielen Professionen bin ich Illusionist und trete zuweilen bei Wettbewerben auf, aber immer außerhalb der Konkurrenz, weil der Einsatz von Matrixtechnologie in der althergebrachten Kunst der Zauberei als unfair gilt. Die Schlüssel ermöglichen mir Tricks, bei denen einem David Copperfield der Unterkiefer auf Bodenhöhe hängt. Aber die anderen Magier versuchen natürlich, dahinterzukommen und mich nachzumachen, und kommen dabei auf eigene neue Tricks, so gesehen belebe ich das Genre mit meinen unfairen Auftritten.“
„Sie sind - Matrixtechniker, Arzt, Illusionist, Geschäftsmann, reicher Schnösel, Pirat - und was sonst noch alles?“ warf Wylie verblüfft ein.
„In tausend Jahren erlernt man viele Künste. Ich habe im Lauf der Zeit schon mehr vergessen, als andere in ihrem ganzen Leben lernen werden.“ entgegnete Tom amüsiert. „Das ist eines der Probleme der Langlebigkeit, das Erinnerungsvermögen macht nicht ewig mit. Als mir das klar wurde, begann ich ein Tagebuch zu führen. Ich füllte eine ganze Bibliothek im Lauf der Zeit, und die meisten Tagebücher sind noch erhalten. Hin und wieder frische ich meine Erinnerungen auf, entweder indem ich in den alten Büchern lese, oder indem ich mir einen Lehrer engagiere, der meine Lücken wieder auffüllt und mich auf den laufenden Stand bringt. Wenn ich beispielsweise meine Arztlizenz behalten will, die ich früh im Mittelalter erworben habe, oder meine umfassenden Sprachkenntnisse, geht das gar nicht anders.“
„Wie wird man Illusionist?“ fragte Scott.
„Die meisten Illusionisten und Zauberkünstler fangen sehr jung an, meistens weil ein Zauberkünstler in einer Show sie beeindruckt hat und sie selber herausfinden wollen, wie genau die Tricks funktionieren. Man fängt mit ganz einfachen Tricks an, die man in jedem Zauberladen für wenig Geld kaufen kann, und lernt und trainiert sich langsam hoch mit immer schwierigeren und aufwendigeren Tricks. Manche fangen auch als Assistenten eines Magiers an, das war bei mir der Fall, weil ein Jugendfreund von mir die Zauberkunst als Hobby betrieb und mich als Versuchskaninchen für seine neu gelernten Tricks benutzte. Da erhielt ich Einblick, wie die Tricks funktionieren, von diesen Kenntnissen konnte ich später profitieren.“
„Funktionierten Zaubertricks im Mittelalter genauso wie heute?“
Scott stellte die Frage, bevor Wylie es tun konnte. 
„Viele Tricks sind uralt. Schon die Zauberer und Magier des alten Babylon benutzten Tricks aller Art, mit Rauch und Spiegeln und Doppelgängern und viel Brimborium, um ihr Publikum zu beeindrucken. Denk an die verzauberten Schlangen in der biblischen Moses-Geschichte. Kartentricks sind etwas jüngeren Datums, weil es vor der Zeit der industriellen Massenproduktion schwierig war, exakt identisch aussehende Karten anzufertigen, dafür brauchte man mindestens Druckerpressen und Stanzmaschinen. Und für viele der Tricks, die in Las Vegas zu sehen sind, braucht man sehr aufwendige und teure Vorrichtungen, die sich nicht jeder leisten kann.“
„Ihr Jugendfreund, sagten Sie. Der ist dann wohl schon an die tausend Jahre tot?“
„Keineswegs, Mr. Wylie.“ grinste Tom, weil der Agent es abermals versuchte. „Ich hoffe, daß es ihm gut geht, wo immer er sich gerade befindet. Er ist der Archäologe geworden, der ich eigentlich werden wollte in meiner Jugendzeit, bis dann das mit der Matrixtechnologie dazwischen kam.“
Jetzt war Wylie deutlich verwirrt. Er blickte zu Fox, der ja mehr wissen mußte, aber der zeigte ihm nur ein kurzes amüsiertes Zähneblecken - seit seiner Gehirnwäsche war er etwas lockerer geworden, aber nicht unbedingt höflicher - und schwieg.
„Und Sie dachten, Mr. Richards, daß ich Sie nach allem, was Sie uns erzählt haben, laufen lasse.“ zog der Geheimdienstchef ein erstes Resümee.
„Keineswegs, Sir. Von Laufenlassen war nie die Rede, weil ich Sie jetzt auch nicht mehr laufen lassen werde.“ strahlte Tom zurück. „Ich dachte eher daran, daß Sie uns ein paar Agenten zuweisen, die uns auf die Finger sehen und aufpassen, daß wir nicht zu viel unrechtes anstellen. Ich dachte da an diejenigen, die ohnehin bereits involviert sind - Mr. Fox, weil er viel wieder gut zu machen hat, und Mr. Wylie, weil er meine Sprache versteht.“ Er wies auf die beiden. Wylie bemühte sich vergeblich, das Strahlen seines Gesichts zu kaschieren. Fox blieb unbewegt, er wusste inzwischen, daß das eine verantwortungsvolle Aufgabe bedeutete, seine Abneigung gegen diesen Clown, sein Pflichtgefühl gegenüber Forrester und seinem Sohn und sein patriotisches Pflichtgefühl hielten sich im Moment die Waage, und er wusste, daß die Entscheidung allein beim General lag. Egal wie sie ausfiel, er würde sie ungefragt akzeptieren.
„Und es könnte nicht schaden, noch mindestens einen dritten Agenten zu bestellen, der die notwendige skeptische Distanz mitbringt. Wahre Gläubige haben wir mit den beiden hier schon genug.“ meinte Richards unbekümmert.
„Drei Agenten, wo ich Sie doch viel einfacher auf der Stelle hinter Schloß und Riegel bringen könnte?“ fragte der Geheimdienstchef spöttisch.
„Meine Hausbelegschaft weiß, wo ich bin, Sir.“ erinnerte Richards in nachsichtigem Ton. „Und ich habe scharfe Rechtsanwälte. Jedenfalls sind sie teuer genug, um scharf zu sein. So gut könnte Ihre Begründung gar nicht sein, um mich dauerhaft festsetzen zu können. Die nationale Sicherheit als Begründung vorzuschieben zieht in meinem Fall nicht, weil ich schon für die nationale Sicherheit gesorgt habe, als Sie noch gar nicht auf der Welt waren. Und das kann ich sogar beweisen. Außerdem ist Ihre Zeit im Amt und auf Erden begrenzt, meine währt erheblich länger, das sollten Sie nie vergessen. Ich habe ein gesundes Interesse daran, daß es diesem Land, diesem ganzen Planeten und der Menschheit darauf auch in Zukunft und in siebenhundert Jahren noch gut geht. Unsere Interessen sind also die gleichen, obwohl wir unterschiedliche Wege gehen, um sie zu erreichen. Eine Zusammenarbeit in gegenseitigem Einverständnis wäre besser, als sich gegenseitig unnötig Steine in den Weg zu legen. Es hat einen guten Grund, warum ich Ihre Agenten gestern zu meiner Firmenbesprechung mitgenommen habe, sie sollten einen kleinen Einblick gewinnen, was ich jeden Tag so treibe. Und sie haben da noch keineswegs das ganze große Bild gesehen, sondern nur einen winzigen Bruchteil davon. Verderben Sie es sich mit mir nicht, General Wade. Sie können es sich nicht leisten, daß ich mich in der Öffentlichkeit oute. Und dazu käme es, wenn Sie mich wegzusperren versuchten. Als chronisch paranoider Charakter habe ich mich schon vor sehr langer Zeit gegen jede Eventualität abgesichert, auch gegen ein spurloses Verschwinden in einem staatlichen Kerker.“
Der erste scharfe Schlagabtausch zwischen den beiden Hauptfiguren im Spiel, obwohl alles in gemütlichem Ton vorgetragen wurde. Andere würden noch folgen, das war allen Zuhörern bewußt.
Wylie hob wieder den Finger, als wolle er die Situation entschärfen. „Das war das zweite Mal, daß er die Zeit in siebenhundert Jahren erwähnt, General.“ Er wandte sich an Richards. „Jetzt spucken Sie es endlich aus. Sie haben doch bestimmt eine Zeitmaschine im Keller stehen, oder?“
Unerwartet zeigte Tom einen Gesichtsausdruck, der nichts von seinem üblichen Humor hatte, sondern von Abneigung, vielleicht sogar von ein wenig Furcht sprach.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #22 am: 7. September 2015, 12:36:16 Uhr »
„Nein, Mr. Wylie, ich besitze definitiv keine Zeitmaschine. Und sollten Sie jemals eine finden, dann halten Sie das Teufelsding so weit weg von mir wie nur möglich. Die Dinger sind brandgefährlich, damit verglichen ist mein Stock ein harmloses Kinderspielzeug.“ sagte er ausdrücklich.
Oha. Die Zuhörer staunten. Nicht nur daß Richards die Existenz von Zeitmaschinen bestätigte, er hatte ganz offensichtlich üble Erfahrungen damit gemacht, sonst hätte er nicht so heftig darauf reagiert.
„Wegen der Möglichkeit eines Zeitparadoxons?“ fragte Wylie sofort. Verdammt, diese Materie war genau seine Kragenweite...
Aber Tom lächelte schon wieder ein wenig und entspannte sich, als ob das ein Thema sei, über das er lieber spräche. „Nein, nicht deswegen. Paradoxa sind unmöglich, und deshalb kann es sie auch nicht geben, verstehen Sie? Sie spielen auf das Paradoxon des Zeitreisenden an, der seinen eigenen Großvater umbringt. Nun, für diese Aufgabenstellung gibt es sogar mehrere Lösungsmöglichkeiten, die davon abhängen, wie die Zeit strukturiert ist, ob es nur einen einzigen, mächtigen und unveränderlichen Zeitstrom gibt, ob es mehrere oder viele nebeneinanderlaufende Zeitströme gibt - das ist die Theorie der Paralleluniversen, weil Zeit allein ohne Raum nichts wert ist - und wenn es mehrere Zeitströme gibt, ob sie miteinander verbunden sind, durch Ereignisse umgeleitet oder ineinandergeleitet werden können oder nicht. Für kleinere Beschädigungen an einem Zeitstrom könnte es auch Mechanismen der Selbstreparatur geben, so daß anstelle des ermordeten Großvaters plötzlich jemand anders der Großvater des Zeitreisenden ist und sich sonst nicht das geringste ändert, um beim Beispiel zu bleiben. Die meisten Paradoxa wirken nur paradox, weil sie unvollständig konstruiert sind und deshalb nicht logisch funktionieren können. Denken Sie an den Spruch „alle Kreter sind Lügner“, gesprochen von einem Kreter. Die Fehlkonstruktion liegt in der suggerierten Annahme, daß ein Lügner jedesmal lügen müßte, wenn er den Mund auftut, was aber nicht der Fall ist. Nur sehr dumme Lügner tun das, und sie sind deshalb leicht zu entlarven. Ein guter Lügner kann und wird die Wahrheit sagen - nämlich immer dann, wenn sie ihm in den Kram paßt. Einen wirklich guten Lügner erkennt man daran, daß er Wahrheit und Lüge so geschickt ineinandermischt, daß man am Ende die Wahrheit für die Lüge und die Lüge für die Wahrheit halten wird. Verstehen Sie das?“
„Und das mit dem Läufer und der Schildkröte?“ bewies Wylie, daß er in der Schule nicht ständig durchgeschlafen hatte.
„Funktioniert nur dann, wenn der Läufer jedesmal, wenn er die halbe Strecke zwischen sich und der Schildkröte zurückgelegt hat, auch seine Geschwindigkeit halbieren würde. Dann wäre er am Ende tatsächlich langsamer als die Schildkröte und könnte sie deshalb nie einholen. Aber er hat ja gar keinen Grund, seine Geschwindigkeit zu reduzieren, und deshalb überholt er sie mühelos.“
Wylie wandte sich an seinen Chef. „Sir, können wir ihn als Lehrer engagieren, wenn wir ihn sowieso behalten? Bei ihm hört jeder genau hin, weil er so ein schräger Charakter ist - und man behält es sogar, weil er es so einfach ausdrücken kann.“
Wade fand abermals die Notwendigkeit, ein Schmunzeln zu unterdrücken.
„Sie sagten noch nicht, warum Zeitmaschinen gefährlich sind.“ fragte er Richards, statt auf Wylies nicht so rhetorische Frage zu antworten.
„Weil Zeit nicht etwas ist, was nur gleichmäßig vergeht. Sie hat Strukturen, Regeln, Knoten- und Kulminationspunkte, an denen Dinge und Ereignisse zusammentreffen - die sogenannten Zufälle, die oft als alles andere als zufällig erscheinen, sondern als ob sie jemand mit Absicht orchestriert hätte - und wenn man dieses feingeknüpfte Gewebe durch eine Zeitreise durcheinanderbringt, können die Folgen unabsehbar sein. Indem man zusätzliche Fäden einschießt, bringt man die Webmaschine durcheinander, um bei dem Textilvergleich zu bleiben, und das harmloseste, was passieren kann, ist, daß die Maschine ein völlig neues Muster webt, mit ganz anderen Knoten im Gewebe. Im schlimmeren Fall jedoch könnte die Zeitmaschine Löcher ins Gewebe reißen, durch die dann Dinge aus anderen Dimensionen, die nicht hierhergehören, eindringen könnten. Solche Dinge existieren, glauben Sie mir, ich habe sie mehr als einmal bekämpft. - Und last but not least, es gibt noch einen sehr persönlichen Grund, warum ich Angst vor Zeitmaschinen habe. Da ich aber nicht annehme, daß Sie eine hier haben und zu benutzen gedenken, können wir darüber bei anderer Gelegenheit reden. Vorausgesetzt daß Sie mir nicht vorher davonlaufen, General.“ Ganz unverfroren zwinkerte er dem Geheimdienst-Chef zu. Der prompt erneut ein dringendes Bedürfnis empfand, über diesen Clown den Kopf zu schütteln.
„Warum sollte ich Ihnen davonlaufen?“ Denn normalerweise war es genau anders herum, die Delinquenten liefen vor der Agency davon.
„Weil es nur wenige Leute gibt, die eine komplette Erzählung meiner Lebensgeschichte länger als eine Stunde bei geistiger Gesundheit durchhalten.“ grinste Richards zurück. „Und davon werden Sie mehr als genug zu hören bekommen, wenn wir in Kontakt bleiben.“
Der General blickte seine zwei Agenten an. „Mr. Fox, Mr. Wylie, Ihre Einschätzung, bitte. Mr. Wylie, Sie fangen an.“
Wylie brauchte nicht überlegen, was er sagen wollte. „Sir, hier bietet sich uns eine nie dagewesene und in dieser Form wahrscheinlich auch nie mehr wiederkehrende Gelegenheit. In diesen wenigen Stunden seit gestern morgen haben wir mehr erfahren und gelernt, als vorher in Jahren, und wie Mr. Richards selbst sagt, es ist erst ein winziger Bruchteil. Wir können uns das einfach nicht entgehen lassen. Was Mr. Forrester betrifft, so habe ich von Anfang an kein Hehl daraus gemacht, daß ich unsere bisherige Agenda des Einfangens und Wegsperrens zum Zweck der Erforschung und Sicherung für falsch hielt. Ein solches Verhalten gegenüber dem Vertreter einer fremden intelligenten Spezies ist einfach inakzeptabel, selbst unter dem Gesichtspunkt der nationalen Sicherheit, sowohl dem Alien gegenüber als auch seiner irdischen Umgebung, das heißt unserer eigenen Ethik. Da er jetzt willig zu sein scheint zu einer Zusammenarbeit, können wir alle Bedingungen der zukünftigen Zusammenarbeit in gegenseitiger Absprache und nach gründlicher Überlegung miteinander aushandeln. Für Mr. Richards gilt im wesentlichen das gleiche, aber da er gleichfalls an Mr. Forrester interessiert ist, würde es vermutlich schwieriger, ihn uns vom Hals zu halten, als ihn gleich mit einzubinden. Ich schlage also vor, wenn es mir erlaubt ist, beide Parteien in einen Topf zu werfen. Mr. Richards sagte bereits, daß er dazu bereit wäre, und Mr. Forrester hat dem bisher nicht widersprochen.“ Er lächelte.
„Mr. Fox?“
„Ich stimme Mr. Wylie in allen Punkten zu. Da ich allerdings Gelegenheit hatte, die Erinnerungen sowohl von Mr. Forrester als auch Mr. Richards unmittelbar mitzuerleben, kann ich hinzufügen, daß beide viel zu geradlinige Charaktere sind, um uns zu hintergehen oder anzulügen. Mr. Richards ist zweifellos total verrückt, hat eine Riesenklappe und ist für jede Art von Unfug gut, aber er steht definitiv auf unserer Seite, dem Wohlergehen der gesamten Menschheit, nicht nur einer einzelnen Nation. Tatsächlich frage ich mich schon seit unserer Begegnung gestern, wie uns ein Mann von seinen Eigenschaften bisher entgehen konnte. Denn wenn er bislang unterhalb unseres Radars blieb, können das auch andere, die nicht auf unserer Seite stehen, und aus seinen Erinnerungen weiß ich, daß solche feindlichen Mächte existieren, er hat mehr als einmal gegen sie gekämpft. Und auf Auseinandersetzungen mit übersinnlichen Mächten ist unsere Agency nicht eingerichtet, darüber sind wir uns vermutlich einig, wir müssen uns wohl eingestehen, daß wir auf diesem Auge bisher leichtsinnig blind gewesen sind. Ob es uns gefällt oder nicht, ich fürchte, wir werden in Zukunft mit Mr. Richards auskommen müssen.“ Ob im guten oder im bösen, fügte er nicht an, das konnte Wade sich selbst denken.
Wieder blickte der General überlegend auf Richards. „Würden Sie mir eine Frage ehrlich beantworten?“ fragte er nach ein paar Augenblicken des Nachdenkens.
„Sicher, Sir. Bitte fragen Sie.“
„Gibt es etwas, was Sie jetzt, nach einem tausendjährigen Leben, noch anstreben? Etwas, was Sie gern besitzen würden, wofür Sie viel Geld oder anderes bezahlen würden? Etwas, was Sie reizt, was Sie antreibt, wofür Sie weite Wege gehen, vielleicht sogar illegale Dinge tun würden?“
Der blonde Mann nickte sofort. „Ja, so etwas gibt es.“ Er lächelte, weil er die Gedanken des Generals kannte - erkenne, was deinen Gegner antreibt, und du weißt, wie du ihn nehmen mußt - aber da die Wahrscheinlichkeit, daß die Agency seinen Wunsch verwirklichen konnte, ziemlich gering war, hatte er trotzdem keine Hemmungen, Auskunft zu geben.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #23 am: 29. September 2015, 16:55:11 Uhr »
„Das werden Sie jetzt vermutlich nicht glauben. Aber ich brauche dringend einen Drachen. Ein lebendiges, geflügeltes, feuerspuckendes Riesenreptil, groß genug, daß Menschen auf ihm reiten können. Aber es muß nicht gleich die ausgewachsene Variante sein, ich würde auch ein Baby nehmen, das wächst sich in ein paar Jahren aus.“ Mit beinahe spöttischem Ausdruck sah er Wade ins Gesicht und registrierte vergnügt den Anflug von Überraschung und leichter Verdrossenheit, der General glaubte ihm natürlich nicht. *
„Mr. Fox?“ fragte Wade stattdessen jemanden, der vielleicht mehr dazu sagen konnte.
„Er lügt nicht, Sir.“ entgegnete der Agent beinahe süffisant, weil auch er genau wusste, was sich sein Chef gerade dachte. „Das war Teil seiner Erinnerungen, die ich mitbekam, und sogar an ziemlich prominenter Stelle. Aber nach den genauen Einzelheiten sollten Sie ihn selbst befragen, die, fürchte ich, waren zu umfangreich, als daß ich dafür qualifiziert wäre.“
„Ich habe Ihnen vom Unsichtbaren Feind erzählt, der Macht aus fremden Dimensionen, gegen die ich kämpfe.“ gab Richards gleich Auskunft. „Diese Macht arbeitet gerne mit biologischen Waffen, weshalb unsere Seite, die Aliens, die sich Dhoanor nennen, ebenfalls biologische Waffen als Antiwaffen für verschiedene Zwecke entwickelten, und dazu gehörten die Drachen als flugfähige und selbstreproduzierbare Waffensysteme von beträchtlicher Feuerkraft. Die beiden kriegführenden Mächte schafften es zweimal, sich gegenseitig auszulöschen, bis kein einziger Krieger mehr übrigblieb, aber aus bestimmten Gründen blieb keine der Seiten dauerhaft am Boden, und auf beiden Seiten blieben versteckte Waffenarsenale übrig, für die Zeit, in der die Kämpfe eines Tages wieder aufflammen würden. Als ich jung war, wollte ich Archäologe werden, oder wenigstens Historiker, Abenteurer oder Grabräuber. Das liegt bei mir in der Familie, wissen Sie, etliche meiner Vorfahren haben sich als solche betätigt. Dabei stieß ich auf ein solch verstecktes Arsenal von unserer Seite, gut getarnt als ein archäologisches Artefakt, das in der Literatur beschrieben, jedoch nie aufgefunden worden war. Ich fand es und freute mich wie ein Schneekönig - und merkte nicht, daß es in Wahrheit ein trojanisches Pferd war, das dem Finder eine direkte und unauslöschliche Verbindung mit einem Waffensystem aus der alten Zeit aufprägte. Heute würde ich solch einen Trojaner, also einen immateriellen Matrix-Schlüssel, der einem wertvollen materiellen Köder aufgeprägt ist, sofort erkennen, aber damals hatte ich von Matrixtechnologie noch keine Ahnung. Das kam erst später, als Folge dieser Verbindung.“
Nachdenklich blickte er auf seinen Stock, und fuhr dann fort. „Zuerst dachte ich, ich hätte mir die außerirdische Version des Fluches der Pharaonen eingehandelt, denn das Waffensystem - der Drache - kam und ging nach Belieben, ich hatte anfangs keine Kontrolle darüber. Außerdem waren die Verbindungen zwischen dem Drachen und mir, seinem Träger, ursprünglich für einen Dhoanor-Krieger kalibriert, und die Maschinerie, die die Verbindung herstellte, war nach dreizehntausend Jahren wohl etwas eingerostet, weil sie nicht merkte, es mit einem Menschen zu tun zu haben. Die erste Aktivierung des Drachen hat mich beinahe umgebracht, und es dauerte einige Zeit, bis die Verbindung sich so weit angepaßt hatte, daß es keine Komplikationen mehr gab. Es dauerte auch eine Weile, bis ich die Sache unter Kontrolle bekam und mehr Nutzen als Ärger herausschlagen konnte. Glücklicherweise hatte ich gute Freunde, die mich versteckten und für mich logen, wenn es nötig war. Und dann traten die Matrixtechniker an mich heran. Man hatte bemerkt, daß da ein unbedarfter junger Mann, der allerdings vorher schon ein paarmal wegen seiner Alien-Abenteuer auf ihrem Radar aufgetaucht war, plötzlich ein hochrangiges Produkt einer fremden Form von Matrixtechnologie mit sich herumtrug, und war zuerst einmal ratlos, wie man mit der Sache umgehen sollte. - Sie sehen, Sie sind nicht der erste, der sich den Kopf zerbricht, was zum Teufel er mit mir anstellen soll, weil er mich für viel zu gefährlich für das Allgemeinwohl hält, General.“ grinste er.
Und fuhr fort: „Matrixtechniker sind sehr pragmatisch eingestellt, und ihre Reaktion war entsprechend pragmatisch. Sie schickten einen der ihren, einen an Problemfälle gewöhnten Ausbilder namens Carolus Rye, der mich auf Herz und Nieren prüfte und dann befand, daß ich geeignet wäre als sein nächster Lehrling. Da ich damals in einigen Kalamitäten mit den Behörden des fremden Planeten steckte, ohne eigene Schuld übrigens, überlegte ich nicht lange und schlug ein, weil M-Tecs dort mehr Immunität genießen als Diplomaten und das Jobangebot einer komm-aus-dem-Gefängnis-frei-und-nimm-tausend-Dollar-mit-Karte entsprach. Und ich glaube, Carolus hat es nie bereut, mich unter seine Fittiche zu nehmen. -- Aber zurück zum Waffensystem, dem Drachen. Die Aliens waren davon nicht beeindruckt, weil der Drache eine Babyversion fürs Anfängertraining war, nicht größer als ein großer Hund, und über Krallen und Reißzähne verfügen auch die Dhoanor, deshalb galt der Drache ihnen nur als ein exotisches Haustier. Doch gerade als ich wirklich erkannte, wofür dieses Waffensystem gut war, verlor ich es, zusammen mit meinem Lehrer und meinem ganzen damaligen Leben. - Diese Geschichte erzähle ich Ihnen ein andernmal. Aber seitdem suche ich nach einem weiteren Exemplar dieser Art, seit beinahe tausend Jahren. Ich bin sicher, daß es noch welche gibt, aber sie sind gut versteckt und extrem schwer zu finden.“
„Das heißt, wenn Sie einen Drachen finden, werden Sie sich mit ihm verbinden?“
Richards nickte sofort. „Ich trage die durchtrennten Verbindungsteile immer noch auf mir, sie sind ein stützender und schützender Teil meiner Aura. Jeder freie, nicht gebundene Drache würde sich vermutlich allein deshalb sofort auf mich stürzen, um die Bindung mit mir zu vollziehen. Außerdem habe ich von damals die Erfahrungen, die nötig sind, um damit umzugehen. Die Drachen sind als künstliche Waffensysteme dafür geschaffen, sich mit einem Krieger zu verbinden, ohne diesen lenkenden und ausbalancierenden Zusatzverstand funktionieren sie nicht richtig, sie sind dann nicht mehr als instinktgetriebene, ungebärdige und sehr gefährliche Tiere. Ist genauso wie mit einem Kampfflugzeug, das taugt ohne guten Piloten auch nicht viel. Begreifen Sie das, General?“ 
Und abermals mußte Wade zustimmen. So unglaublich die Geschichten klangen, die Richards vorbrachte, in sich waren sie stimmig und logisch. Ob sie allerdings auch wahr waren, stand nach wie vor als offene Frage im Raum.
„Wo gedenken Sie sich in der nächsten Zeit aufzuhalten, zusammen mit Mr. Forrester und Mr. Hayden?“
„Natürlich in Lyonshome Manor. Hin und wieder bin ich abwesend, auf Geschäftreisen so wie gestern oder aufgrund anderer Anlässe, aber die Villa ist mein Lebensmittelpunkt. Früher war ich zuweilen jahrelang abwesend, als es noch keine schnellen Flugverbindungen bis ans hinterste Ende der Welt gab, und meine Hausbelegschaft hielt mich mehrmals schon für verstorben, aber ich kehrte immer wieder zurück wie ein falscher Fünfziger. Sie können also auch nicht darauf hoffen, daß Sie mich auf diese billige Weise loswerden.“ Er grinste wieder verschmitzt.
„Was ist mit wissenschaftlichen Untersuchungen?“ fragte Wade, auf Paul deutend, aber auf Tom konzentriert.
„Alles was ich erlauben kann. In einem meiner vielen Professionen bin ich selbst Arzt, wie Sie jetzt wissen, und ich bin selbst ein sehr neugieriger Mensch. Allerdings behalte ich mir das Recht vor, Maßnahmen abzulehnen, die ich als zu unangenehm oder einfach entwürdigend betrachte. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß Wissenschaftler zu Überenthusiasmus neigen, wenn sie ein vielversprechendes Opfer in ihren Klauen haben.“
„Und Sie sind sicher, daß dieses Alien hier harmlos ist.“ erkundigte der General sich abermals. Diese Frage konnte er nicht oft genug stellen, bis er sich sicher sein konnte, eine wahrheitsgetreue positive Antwort erhalten zu haben.
„Pauls Artgenossen gelten bei anderen außerirdischen Spezies als gottverdammte Peaceniks, die für keine zünftige Kneipenschlägerei zu gebrauchen sind, aber mit ihrer unstillbaren Neugier und ihrer ständigen Fragerei Wesen von geringer mentaler Belastsamkeit in den galoppierenden Wahnsinn treiben können. Stimmt das so, Scott?“ fragte er ganz unschuldig zur Seite und verkniff sich das Grinsen, als der junge Mann prompt seufzte.
„Das können Sie laut sagen.“ bestätigte Scott, der meistens für die Neugier seines Vaters herhalten mußte. Und verpaßte Paul, der dazu wieder seine beste Forrester-Unschuldsmiene zeigte, einen scherzhaften Puff in die Seite.     




* Der Tom Richards dieser Geschichte besitzt (noch) keinen Drachen, da es in dieser Dimension (noch) keinen Besuch von einem zeitreisenden Verwandten gab...

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #24 am: 8. Oktober 2015, 17:43:16 Uhr »
„Sie verstehen sicher, daß ich eine solch weitreichende Entscheidung nicht alleine treffen kann.“ sprach der General. Womit er das gesamte weitere Verfahren mit Paul Forrester und seinem Sohn meinte.
„Selbstverständlich, Sir. Aber Sie wissen jetzt, wo Sie uns finden werden, und wo Sie Beweise für unsere Behauptungen finden können, falls jemand Ihre Worte bezweifelt. Ich habe nichts dagegen, ein paar einflußreichen Personen mit meiner Matrix das Büro oder etwas anderes umzudekorieren.“ Dazu grinste er fies und tätschelte den Knauf seines Stockes. „Und wir wollten doch Scott mal auf die Probe stellen, damit Sie auch mal was zu sehen bekommen. Reden kann man schließlich viel, wenn der Tag lang ist.“
„Wenn Sie erlauben, möchte ich zuerst allein mit meinen Agenten sprechen. Mein Adjutant wird Ihnen Erfrischungen reichen lassen. Mr. Fox, Sie bleiben hier.“ Und er rief seinen Sekretär, der die Gruppe einschließlich Agent Wylie durch das Vorzimmer zu einem Wartezimmer führte, wo sie ein paar Sandwiches samt Coke oder Kaffee auf Staatskosten genießen konnten, bis sie einzeln an der Reihe waren.
Sobald sie den Raum verlassen hatten, wandte Wade sich an Fox.
„Mr. Fox. Sind Sie noch Sie, oder spreche ich mit etwas ganz anderem, was in diesem Körper steckt?“ fragte er als erstes, in weit strengerem Tonfall als in der ganzen Unterhaltung vorher.
„Ich bin noch immer ich, Sir. Leider.“ Und dabei sah der Agent wieder ungewohnt zerknirscht drein.
„´Leider´? Erklären Sie sich, Mr. Fox.“ So schnell ließ der General sich nicht überzeugen.
„Weil ich vermutlich keine Gewissensbisse über meine Handlungen der letzten Jahre fühlen würde, wenn ich nicht mehr ich wäre, Sir, sondern nur noch ein ferngesteuertes, von etwas Fremdem kontrolliertes Etwas. Aber mein Gewissen bringt mich jetzt fast um, und hat mich fast schon umgebracht. Als zuerst Richards und dann Forrester an mir arbeiteten - es war eine Gehirnwäsche, im Sinne des Wortes, Sir, weil ich jetzt das Gefühl habe, daß da eine riesige Menge an hartverkrustetem Schmutz entfernt wurde - sie arbeiteten in mir wie Goldgräber in einem Bergwerk, einem Bergwerk aus Erinnerungen, brachten Verschüttetes und Verdrängtes ans Licht und ließen mich jede Erinnerung - jeden tauben Stein, jedes giftige Ungeziefer und jedes seltene Goldnugget sehen, während sie es zum Vorschein brachten, bis ich erkannte, warum ich die ganzen Jahre über so von dem Wisconsin-Alien besessen war -- und da war es, als sei ein Schleier von meinen Augen genommen worden, der die ganzen Jahre da hing. - Ach, was sage ich, ein Schleier, es war, als hätte ich die ganzen Jahre eine massive Mauer vor Augen gehabt, hinter der ich mich in panischer Angst versteckt hielt und nie wagte, darüber hinwegzublicken, weil ich Angst vor dem hatte, was ich sehen könnte.-- Und als dann die beiden mit mir fertig waren und die Mauer eingerissen war, war ich zum ersten Mal seit Jahren fähig, mich umzudrehen und auf mich selbst zurückzublicken, und was ich da sah -- ein armseliges, angstgeschütteltes, paranoides und zu jeder Art von Lebensfreude unfähiges Etwas, das sich die ganzen Jahre in seinem armseligen Loch hinter seiner Schutzmauer versteckt hatte, abgeschlossen von der Welt --“
Er schluckte, seine Stimme versagte, er konnte erst einmal nicht mehr weiterreden, bis der General sich erhob und ihm ein Glas Wasser reichte, das Fox dankbar entgegennahm. „Danke, Sir.“ Er trank, befeuchtete seine Kehle, während er nach Worten suchte, um fortzufahren.
„Als es vorbei war, war ich nicht fähig, Forrester in die Augen zu sehen. Ich wußte in diesem Moment, daß er mir schon vergeben hatte, daß er gar nicht anders konnte, als Vertreter seiner friedlichen Rasse von Pazifisten, als mir zu vergeben, und das konnte ich nicht ertragen. Nicht in diesem Moment, und bis jetzt nicht. Ich schwöre, General, wenn ich meine Waffe gehabt hätte, hätte ich mir auf der Stelle eine Kugel in den Kopf geschossen.“ Fox wußte genau, was Wade bei dieser Offenbarung dachte, potentiell selbstmordgefährdete Agenten waren im Dienst ein tödliches Risiko und nicht tragbar, die sofortige Suspendierung war die einzig korrekte Reaktion darauf. Aber das war Fox im Augenblick egal, das Geständnis mußte heraus.
„Aber dummerweise hatte Richards unsere Waffen konfisziert.“ Bei diesen Worten zuckten seine Mundwinkel, als wolle er in Gedanken an diesen Clown fast lächeln. 
„Richards ist ein ziemlich guter Psychologe. Er wußte genau, was in mir vorging. Und er sagte, daß er mich nicht eher gehen lassen würde, bis ich alle meine Schulden abbezahlt hätte. Nicht nur bei dem Alien, sondern auch bei seinem Sohn und bei Mrs Hayden. -- Und, bei Gott, Sir, ein Fox zahlt seine Schulden! Ich könnte meinem Vorfahren Nathan Fox im Fegefeuer nicht in die Augen schauen, wenn ich nicht wieder gutzumachen versuchte, was ich an diesen drei verbrochen habe. Und an anderen, wie Wylie, dem besten und treusten Assistenten, den ich jemals hatte. - Und wenn es den Rest meines Lebens dauern sollte, und darüber hinaus. -- Tut mir leid, Sir.“ Weil er mit seinem Jackettärmel die Tränen wegwischen mußte, die ihm über die Wangen gelaufen waren.
Wades Gesicht blieb unbewegt, aber in seinem Inneren war er zutiefst berührt. Er hätte nie geglaubt mitzuerleben, wie ausgerechnet Fox, einer der stursten, zähesten und kaltschnäuzigsten Agenten, die er jemals kennengelernt hatte, dermaßen in Stücke zerfiel. Oder vielleicht waren es wie in einem alten deutschen Märchen, an das der General sich plötzlich erinnerte, nur die eisernen Ketten und Schlösser, die das Herz dieses Mannes jahrelang umfangen und eingekerkert hatten, und die jetzt mit hörbarem Lärm zersprangen. Das jahrelang verkümmerte Herz eines Grinch, das auf einmal mit Donnerschlag auf seine dreifache Größe anwuchs...   
„Ich müßte Sie jetzt suspendieren, das wissen Sie.“ begann er vorsichtig. Fox sah aus, als wolle er den Kopf hängen lassen, aber er kannte die Dienstvorschriften so gut wie sein Vorgesetzter. Deshalb nickte er nur ergeben und wartete darauf, daß der General fortfuhr.
„Aber... Richards hat explizit Sie als seinen Aufpasser und den für Forrester und Hayden angefordert, trotz oder vielmehr gerade wegen Ihrer offensichtlichen Probleme. Sie und Mr. Wylie, zusammen mit Ihren Ablösungen, die ich noch bestimmen werde. Wie Sie selbst sagten, er scheint ein guter Psychologe zu sein. Was Sie allerdings nicht von der Pflicht entbindet, gleich im Anschluß an diese Unterredung bei Dr. Simpson vorstellig zu werden. Sie soll Sie sofort drannehmen, egal welche Termine oder sonstige Arbeiten sie dafür zurückstellen muß.“       
Dr. Mara Simpson war die Psychologin der Agency, die über die gleiche Sicherheitseinstufung verfügte wie der General selbst, weil sie es hier nicht nur mit den für Psychologen üblichen Fragen zu tun bekam, sondern auch immer wieder streng geheime Einzelheiten erfuhr, erfahren mußte, um korrekte Diagnosen und Hilfsangebote erstellen zu können. Sie kümmerte sich um die Bedürfnisse der Agenten und anderen Mitglieder der Agency, die sich bei nicht vereidigten Seelenklempnern nicht verplaudern durften, wurde aber auch zur Erstellung von psychologischen Profilen bei Terroristen, Serienkillern, Politikern und anderen Personen, die für die Agency von Interesse waren, herangezogen. Fox würde ein gefundenes Fressen für sie sein, er war ihr schon viel zu lange erfolgreich ausgewichen, und wenn sie erst einmal Wind von Richards und Forrester bekam... dachte der General beinahe amüsiert.
„Glauben Sie, daß Sie der Aufgabe gewachsen sind, zusammen mit anderen Agenten auf Richards, das Alien und seinen Sohn aufzupassen, und zwar unter den Bedingungen, die Richards fordert?“
„Ich habe Richards seit gestern überlebt, deshalb glaube ich ja, Sir.“ bestätigte Fox. „Inzwischen weiß ich, wie er tickt und wie ich ihn nehmen muß.“ Nämlich wie einen Super-Wylie auf Speed. Die beiden waren vom gleichen Schlag, nur von unterschiedlichem Kaliber, wo Wylie nur ein Knallfrosch war, war Richards das schlanke, tödliche, alles durchschlagende High-Tech-Geschoss aus einem Scharfschützengewehr. Kein Wunder, daß sie sich auf Anhieb verstanden hatten, Nerds erkannten einander auf den ersten Blick.
„Forrester und Hayden werden uns ab sofort keine Probleme mehr machen, so viel weiß ich jetzt. Die beiden sind froh, wenn sie endlich ein ruhiges Leben ohne weitere Flucht führen können.“ Sofern Richards willens war, ihnen das zu gönnen, denn er hatte ja bereits offen und ehrlich ausgesprochen, daß er die beiden hart zu fordern gedachte.
„Wie sehen Sie eine Zusammenarbeit mit Agent Wylie in dieser Sache?“
Fox erzählte ihm die kleine Anekdote von gestern von dem unsichtbaren Stock, und warum er daraus schloß, daß ein Wylie, der in seinem Herzen ein Fanboy war, sich mit dieser Art von Irrsinn gut auskannte und immer genau hinsehen würde, keine so schlechte Wahl war, sofern er von einem anderen Agenten mit fester Hand geführt wurde. 
„Sie tragen Ihre Dienstwaffe bei sich?“ fragte Wade dann, und Fox nickte. Selbstverständlich trug er sie bei sich, ein Agent im Außendienst fühlte sich nackt ohne seine Waffe.   
„Soll ich sie Ihnen aushändigen, Sir?“ Ein Satz, der Fox deshalb viel Selbstüberwindung kosten mußte, aber die Worte kamen wie selbstverständlich. Die Übergabe der Waffe wäre wie eine halbe Suspendierung gewesen, das wußten sie beide, und hätte damit den Dienstvorschriften im vorliegenden Fall voll entsprochen.
„Ich denke, daß ich darauf verzichten kann, wenn Sie mir Ihr Ehrenwort geben. Ihr Ehrenwort nicht nur als mein Untergebener, sondern als ein Mann, der sich der Probleme, die er jahrelang mit sich herumschleppte, jetzt bewußt ist, und dessen Heilungsprozess gerade erst begonnen hat, der jedoch noch einen sehr weiten, schmerzhaften und steinigen Weg zu gehen haben wird. Das Ehrenwort, daß Sie Ihre Waffe, oder eine andere, sowohl selbst als auch per Stellvertreter, keinesfalls gegen sich selbst richten werden. Sollten Sie spüren, daß Sie den Ihnen gestellten Aufgaben nicht gewachsen sind oder Sie anderweitige Probleme haben, händigen Sie Ihre Waffe der ersten dazu berechtigten Person aus und melden Sie sich sofort bei mir oder Dr. Simpson. Das ist ein Befehl, Mr. Fox. Habe ich Ihr Ehrenwort?“
„Ja, Sir. Das schwöre ich beim Angedenken meines Vorfahren.“ Und das war der heiligste Eid, den ein George Fox schwören konnte, der sein eigenes Leben immer schon weit hinter seinem Patriotismus angesiedelt hatte und im Moment für seine eigene Existenz keinen rostigen Penny gegeben hätte.
„Gut. Dann suchen Sie jetzt Dr. Simpson auf, und schicken Sie mir bei der Gelegenheit Mr. Wylie vorbei.“
Fox nickte und erhob sich. Doch an der Tür blieb er kurz stehen und blickte zurück. „Danke, Sir.“ sagte er leise.
Wade machte nur eine leicht winkende Handbewegung. Erledigt und vergessen, hieß das.
Er grübelte, während sich die Tür hinter Fox schloß. Ein irrer Clown, ein außerirdischer Pazifist, dessen halbmenschlicher Sohn mit berechtigtem Groll auf Behörden, ein psychisch instabiler Agent und dazu noch ein naiver Benjamin Wylie... das konnte eigentlich nur schiefgehen. Oder? 
Wen von seinen anderen Agenten sollte er als Verstärkung dazuholen, um diese Bombe mit empfindlichem Wackelzünder so gut wie möglich abzusichern? Eine schwierige Entscheidung. 

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #25 am: 16. Oktober 2015, 09:44:03 Uhr »
Wenige Minuten später meldete sein Sekretär Agent Wylie.
„Setz dich, Ben.“ begrüßte Wade ihn zum Zeichen, daß diese Unterredung mehr privater Natur sein sollte, nachdem er seine dienstliche Meinung bereits vorher zum Besten gegeben hatte.
„Danke, Sir.“ Der General konnte Wylie duzen, solange er wollte, aber Ben hatte schon immer Ehrfurcht und Hochachtung für seinen wichtigen Onkel empfunden, er hätte ihn nie anders als mit „Sie“ und „Sir“ angesprochen.
„Nun, was ist deine private Meinung von der ganzen Sache?“ fragte Wade.
„Wenn ich privat meinen darf, Sir... ebenso verzwickt wie interessant und vielversprechend. Richards ist zwar nicht böse, aber für jeden Unfug gut, den müssen wir besonders gut im Auge behalten. Forrester und sein Sohn machen keine Probleme mehr, das hätten sie vielleicht von Anfang an nicht gemacht, wenn... “ Wylie war nicht geneigt, seinen unmittelbaren Vorgesetzten Fox vor dessen Vorgesetzten zu kritisieren, aber der General wußte ohnehin, was gemeint war. „Was mir wirklich Sorgen macht, ist Mr. Fox. Als Richards und Forrester mit ihm fertig waren, sagte er, er würde sich keine Kugel in den Kopf jagen. Das hat mir Angst gemacht, daß ihm so eine Möglichkeit überhaupt einfiel. Sie haben mit ihm gesprochen, hat er... haben Sie...?“
„Er hat jetzt einen Termin bei Dr. Simpson, sie soll ihn gründlich auseinandernehmen und nach Möglichkeit auch wieder zusammensetzen. Außerdem habe ich ihm ein Ehrenwort abgenommen, daß er sich nichts antun wird. Richards hat bereits etwas ähnliches getan, nicht wahr?“
„Ja, Sir. Und Mr. Fox scheint auch bereit zu sein, die gestellten Bedingungen zu erfüllen. Solange er bei Richards und Forrester sein kann und beschäftigt ist, schätze ich, wird er nicht auf dumme Gedanken kommen. Aber wenn Sie ihn suspendieren sollten, wegen der Gehirnwäsche oder etwas anderem... wenn er jetzt allein sein müßte mit sich und seinen Gedanken und seiner Schuld, dann würde ich für nichts garantieren. - Wollen Sie ihn suspendieren, Sir?“ Weil ihm in dieser Richtung zumindest nichts aufgefallen war, als Fox ihn zum General schickte. Wenn der General Fox Waffe und Ausweis abgenommen hätte, und damit praktisch sein ganzes Leben, denn so etwas wie ein Privatleben schien Fox noch nie gehabt zu haben, hätte man ihm das vermutlich ansehen müssen.
„Ich habe erst einmal darauf verzichtet, weil ihn das wohl sofort aus der Bahn geworfen hätte. Natürlich warte ich den Bericht von Dr. Simpson ab, bevor ich eine endgültige Entscheidung treffe. Wenn sie mir sagt, daß er nicht verrückter ist als in den letzten Jahren, nur jetzt auf eine andere Art verrückt, lasse ich es durchgehen, dann müssen Zeit und Beschäftigungstherapie die frischen Wunden heilen. Er ist ein guter, erfahrener Agent mit phantastischem Spürsinn, wenn der nicht gerade vom Geruch eines Aliens verkleistert wird, und ich würde ihn ungern nach Hause schicken müssen.“
„Danke, Sir,“ seufzte Wylie, sichtlich erleichtert. „Dann sind Sie einverstanden mit den Vorschlägen, die Mr. Richards machte?“
„Dein Gedanke, daß man lieber alle Beteiligten zusammen in einem Topf behält, hat etwas für sich. Vor allem, da sie das für sich selbst bereits so entschieden haben, wir gehen den Weg des geringsten Widerstands von dieser Seite.“ nickte Wade. „Natürlich muß ich das mit meinen eigenen Vorgesetzten besprechen.“ Den Leuten, denen ein Geheimdienstleiter Rede und Antwort zu stehen hatte, wie diversen Staatssekretären und dem Präsidenten samt seinem Stab.
„Was hältst du selbst von dieser Aufgabe, auf Richards und die anderen aufzupassen? Schließlich ist das eine verantwortungsvolle und vermutlich auch nervenaufreibende Aufgabe.“
„Ich hätte mich freiwillig dafür gemeldet, Sir!“ strahlte Wylie sofort. „Das ist eine einzigartige Chance, ich würde mich für den Rest meines Lebens selbst in den Hintern treten, wenn ich sie nicht ergreifen würde. Bekomme ich Ihre Erlaubnis, Sir?“
„Agent Fox hat es befürwortet. Er meinte, da du sowieso ein Nerd bist, wirst du immer ganz besonders scharf hinsehen, wenn Richards oder sein Alien etwas anstellen. Und vermutlich auch verstehen, was da gerade passiert, womit Mr. Fox anscheinend Probleme hätte.“
„Das ist gut möglich, Sir. Ich meine, sowohl daß ich es verstehen würde, als auch das mit seinen Problemen. Er ist einfach eine ältere Generation, die für solche Dinge nicht viel Verständnis hat. Anwesende natürlich ausgenommen, Sir.“ Er grinste seinen Onkel jungenhaft an, der prompt zurücklächelte.
„Wie führen sich unsere Gäste gerade?“
„Genauso wie gestern bei uns. Richards reißt seine Witze und treibt die Kollegen in den Wahnsinn mit seinen irren Geschichten. Forrester begreift die meisten Gags nicht, und sein Sohn schüttelt nur den Kopf, der Junge scheint einiges an Grips und gesundem Menschenverstand zu besitzen. Schlägt wohl nach seiner Mutter. Natürlich wird alles aufgezeichnet. Die Kollegen Chen und Mortensen sind gerade bei ihnen. - Haben Sie schon entschieden, wer unsere Ablösungen sein werden?“
„Ich dachte an die Agenten Smith und Harness.“ erwiderte der General, und Wylie nickte zustimmend. John Smith war jung und ehrgeizig, aber ein aufrechter Charakter, mutig, aber kein leichtsinniger Draufgänger, und brauchte Herausforderungen, auch der ungewöhnlichen Art, um seinen Aufstieg in der Agency machen zu können. Bob Harness war ein gesetzter Agent mittleren Alters und vermutlich ganz nach dem Geschmack von Fox, weil er keinen Unfug duldete, jede Rechtslage aus dem Eff-Eff kannte und lieber einmal zu viel als einmal zu wenig eine Razzia oder eine Festnahme vollzog. Er würde sich weder von Aliens noch von tausendjährigen Verrückten auf der Nase herumtanzen lassen. 

Fox klopfte, und hörte fast sofort das „Herein!“
Fast versagte ihm der Mut - ihm, der jedem Feind, je schlimmer desto besser, bedenkenlos ins Auge blickte - , aber dann verhärtete er sein erst gestern wie Wachs an der Sonne geschmolzenes Herz, riß sich zusammen - auch nicht schlimmer als Zahnarzt oder Vietcong-Feindfeuer, sagte er sich - und trat ein.
Dr. Simpson begann zu strahlen, als sie ihn erblickte. Hatte der General sie vorhin angerufen - aber wahrscheinlich nicht, dachte Fox, der General liebte es, seine Leute hin und wieder auch vor Herausforderungen zu stellen. Sie saß am Computer und hatte eine Menge Akten und Papier um sich herum liegen, da sie vermutlich gerade Recherchen anstellte. Wie geleckt sah es bei der Psychologin nie aus, ihre Umgebung hielt gerade noch so die Balance zwischen einem Büro, in dem sichtbar gearbeitet wurde, einer Behandlungspraxis - auf der Couch hielt sie selber mal ein Nickerchen zwischendurch, in der Mittagspause oder wenn es mal zu spät wurde fürs Heimfahren, sie war bekanntermaßen Single und hatte außer einem verwöhnten Kater niemanden, der zuhause auf sie wartete - und einem dezenten Schweinestall aus privatem Nippes und Kinderzeichnungen aus ihrer Verwandtschaft. Was vermutlich ein beabsichtigter Effekt war, weil man sich in dieser Umgebung als Patient leichter entspannte als in einem der unpersönlichen Agency-Büros ringsum.
„Ist es etwa wieder so weit? Wieviele Jahre ist das her, seit wir uns das letzte Mal gesehen haben?“ freute sie sich.
„Der General schickt mich.“ Sein Gesichtsausdruck und Tonfall mußten Bände gesprochen haben, weil sie sofort ernst wurde und die Neckerei einstellte. Das mit den Jahren war nicht untertrieben, seit Fox selbst die übliche psychologische Untersuchung mitgemacht hatte, danach hatte er sich nämlich mit der Ausrede der Jagd nach Forrester immer dünne gemacht, wenn die Untersuchung mal wieder anstand. Heute wußte er, daß er seinen besonderen Fall von Wahn regelrecht beschützt hatte, wie es Geisteskranke oft zu tun pflegten, die sich selbst für die einzig Normalen und den Rest der Welt für verrückt hielten. Und - hatte er nicht die ganzen Jahre tatsächlich so gedacht? - Daß er das heute erkennen und sich selbst gegenüber zugeben konnte, mußte ein gewaltiger Fortschritt sein, einen, den die Frau Psychologin hoffentlich auch anzuerkennen bereit war, dachte er mit milder Ironie.
„Er sagte, Sie sollen alles stehen und liegen lassen und mich so gut auseinanderpflücken, wie Sie können. Ich war gestern drauf und dran, Selbstmord zu begehen, und das ist keine Übertreibung. Sie wissen, daß ich nicht der Typ bin, der übertreibt, ich meine es immer ehrlich. Wenn ich gestern meine Waffe zur Verfügung gehabt hätte, stünde ich jetzt nicht hier.“
„Aber Sie tragen sie jetzt bei sich.“ stellte sie sofort fest. Wie alle Agenten war sie darauf trainiert, den Blick sofort auf jene Stellen zu lenken, die Hinweis auf die Bewaffnung eines Gegenübers gaben. In ihrem Blick stand jetzt tiefe Besorgnis. Ein Agent mit Selbstmordgedanken und einer Waffe - ganz böses Juju, hätte jemand wie Richards diese Situation bezeichnet.
„Ich bot dem General vorhin an, sie ihm zu übergeben. Stattdessen nahm er mir das Versprechen ab, keinen Selbstmord zu begehen, und ich halte meine Versprechen. Ich kann die Waffe gerne Ihnen übergeben, wenn Sie das beruhigt. Entscheiden Sie selbst, wann und ob überhaupt Sie sie mir zurückgeben werden, nachdem Sie mich angehört haben.“
Sie nickte vorsichtig, und Fox fingerte mit angemessener eigener Vorsicht die Waffe heraus. Sie nahm sie sofort, kaum daß er sie auf den papierübersäten Schreibtisch gelegt hatte, und sperrte sie in ihrem Bürosafe ein, wobei sie ihm weder den Rücken zudrehte noch ihn aus den Augen ließ. In Gedanken nickte Fox zufrieden, genau so mußte ein erfahrener Agent handeln. Dr. Simpson war ein Profi.
„Wollen Sie sitzen oder liegen, Mr. Fox?“ fragte sie anschließend, während sie mit einer Hand ein paar Papiere von einem der Stühle nahm. Die anderen waren ebenfalls mit Papier bedeckt, bis auf ihren eigenen Schreibtischstuhl.
„Sitzen, bitte.“ Die klassische Couch stand ihm nicht, die war in seiner Überzeugung was für Weicheier, er war noch nie einer Konfrontation aus dem Weg gegangen und würde jetzt bestimmt nicht damit anfangen. Wer ihm etwas zu sagen hatte, vor allem wenn es etwas unangenehmes war, sollte es ihm ins Gesicht sagen und nicht von hinten an ihm vorbei.
„Kaffee oder Tee, Mr. Fox?“
„Tee, denke ich, zur Beruhigung. Wenn ich etwas stärkeres brauche als das, lasse ich es Sie wissen.“
Sie setzte den Automaten in Betrieb, räumte den kleinen Tisch bei der Couch ab, dann setzten sie sich so, daß sie sich gegenübersaßen. 
„Bitte fangen Sie an, Mr. Fox. Beschreiben Sie Ihr Problem, mit Ihren eigenen Worten.“
„Sie wissen, wie man mich nennt?“
Sie nickte. „Alien-crazy Fox, Spooky Fox und schlimmeres. - Sie haben hier in der Agency nicht viele Freunde.“
„Was mich nie gestört hat und auch jetzt nicht stört. Und das mit dem Alien stimmt, wie Sie vielleicht noch von unserer letzten Unterredung wissen. Darum geht es heute.“
Sie blickte ihn nur aufmerksam an und wartete darauf, daß er weitersprach.