Autor Thema: All In a Day´s Work  (Gelesen 4455 mal)

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All In a Day´s Work
« am: 4. November 2014, 09:58:56 Uhr »
Und auch in dieser Dimension ist es vorherbestimmt, daß ein Thomas A. Richards der Dritte auf einen gewissen Besucher vom anderen Stern und dessen Verfolger trifft...  8)


Thomas Adalmar Richards der Dritte lustwandelte.
Der Tag war jung, die Sonne strahlte, noch drückten ihn keine Sorgen und Verpflichtungen, denn erst gegen Mittag stand der Geschäftstermin an. Die Nacht im Zimmer des Hotels, das einem von Toms vielen Firmen gehörte, war ereignislos verlaufen, in jeder Hinsicht, denn auch jemand wie Tom Richards benötigte hin und wieder einen gesunden Nachtschlaf. Aus diesem Grund fühlte er sich heute früh und nach einem extensiven Frühstück so frisch und munter, daß er hätte Bäume ausreißen können. Da die einheimische Botanik ihm jedoch nichts angetan hatte, ließ er sie in Frieden und stiefelte munter fürbaß. Selbstverständlich hätte er sich ein Taxi kommen lassen können, das ihn zu einer der unzählbaren Lustbarkeiten dieser Stadt brachte, zu jeder Art von Zeitvertreib, den ein Mann mit dickem Bankkonto und ein paar freien Stunden sich nur wünschen konnte, doch irgendetwas in ihm schrie geradezu danach, heute die frische Luft zu genießen, den Weg unter die eigenen Füße zu nehmen und all die winzigen Kostbarkeiten des Augenblicks wahrzunehmen, die das Schicksal ihm entgegenspülen mochte - das vom hellen Sonnenlicht erzeugte Schattenspiel auf Straßen und Häuserwänden, die vielfältigen Gerüche einer typischen amerikanischen Stadt, der Anblick von Fahrzeugen und Passanten und Gebäuden und zahllose andere Kleinigkeiten, die nur jemand wahrnahm, der sich die Zeit nehmen konnte sie wahrzunehmen... schon früh in seinem Leben hatte Tom Richards, als er noch gar nicht diesen Namen trug, gelernt, einem solchen Ruf seines Instinkts zu folgen. Mit den offenen Sinnen eines Kindes, für das alles gleichermaßen neu und faszinierend war, schlenderte er dahin, den silbernen Spazierstock, den er nicht als Gehhilfe brauchte, locker in der rechten Hand, lauschte dem Brummen der Automotoren genauso wie dem Summen einer Fliege, die geschäftig an ihm vorbeischoß, freute sich für einen Sekundenbruchteil am Edelsteinglitzern eines weggeworfenen Einwickelpapiers, das in der milden Brise ziellos über den Gehsteig taumelte, nahm den leichten Modergeruch aus einem gekippten Kellerfenster wahr, und hatte seine Aufmerksamkeit sofort wieder bei irgendeiner anderen Kleinigkeit, wie architektonischen Besonderheiten des kleinen Kirchengebäudes, an dem er eben vorbeischritt. Und dann fühlte er auf einmal so etwas wie ein leichtes elektrisches Zupfen, das ihn mitten in der Bewegung stoppte, weil keine zwanzig Zentimeter seitlich von ihm ganz plötzlich etwas in der Luft hing, spitz zulaufend und bedrohlich wie ein angriffslustiger Riesenmoskito. Doch es war kein blutgieriges Insekt, denn der kerzengerade Stachel war aus poliertem Metall, und das andere Ende zierte ein kleines knallrotes Büschel von Kunststoffborsten, die zur Flugstabilisierung dienten - es war ein Giftpfeil. Abgeschossen von wem? Richards hatte den unwillkürlichen Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, als er ein zweites Zupfen spürte, und sich ein zweiter Pfeil vor ihm hilflos in der Luft verfing. Oder genauer gesagt, sich verfing in dem energetischen Relativ-Feld, das Tom Richards als Matrixtechniker fünfter Ordnung immer und jederzeit um sich herum zu tragen pflegte, um sich vor übelwollenden Grüßen seiner Umgebung einerseits und seine Umgebung vor sich andererseits zu beschützen. Kleine Geschosse wie diese Pfeile konnten das Relativfeld nicht beeindrucken, und entsprechend war Toms Reaktion; statt ängstlich das Gesicht zu verziehen oder in Deckung zu gehen, lachte er über das ganze Gesicht. Sein Instinkt hatte ihn auch diesmal wieder nicht getrogen, hier wartete ein Amüsement erster Klasse auf ihn, ganz ohne Einladung und kostenfrei und gewiß ausreichend, ihm den ganzen Tag zu versüßen.
Das Relativfeld war nicht nur darauf programmiert, jederzeit und in jeder Lebenslage ungebetene Grüße zu stoppen, sondern auch darauf, aus dem Aufprallwinkel eines Geschosses den Abschußort zurückzuberechnen. Tom Richards tastete im Geiste hinaus in die Richtung, wohin diese App ihn wies, fühlte Widerstand - ein hilfloses Zappeln, ein ziehender Ruck - und im nächsten Augenblick schwebte ein Mann in Bauchlage vor ihm in der Luft, Augen weit aufgerissen vor schierem Schreck und Unglauben, neben ihm ein Scharfschützengewehr, gleichfalls in der Luft schwebend, doch unerreichbar für den Fremden, als er danach haschte, weil Tom natürlich kein Interesse daran hatte, daß der Mann erneut durch die Gegend ballerte, und Mann und Waffe in zwei voneinander getrennten Kraftfeldern deponiert hatte.
Tom lachte noch breiter im Angesicht seiner geschockten Beute, wobei er wieder einmal den Gedanken nicht unterdrücken konnte, daß ihm irgendwann mal das Gesicht so stehenbleiben würde und er als der dauergrinsende menschliche Breitmaulfrosch in die Geschichte der Medizin eingehen würde.
„Thomas A. Richards der Dritte mein Name.“ stellte er sich höflich vor. „Mit wem habe ich das Mißvergnügen? Und welchem Umstand habe ich es zu verdanken, daß Sie sich bemüht fühlen auf mich zu schießen?“
Großäugiges Staunen. Mit solch verschnörkelter Sprache - und in bestem Oxford-Englisch vorgetragen, das Tom genausogut wie seinen heimatlichen Ostküstendialekt beherrschte -  hatte der Attentäter nicht gerechnet.
Um ihm gleich klarzumachen, wer der Herr im Haus war, drehte Tom die immer noch in der Luft hängenden Pfeile  ein wenig, so daß sie ab sofort auf den Mann zielten. Der erschrak bei dem Anblick nicht so wie es angemessen gewesen wäre, wenn die Pfeile ein tödliches Gift enthalten hätten, also handelte es sich um Betäubungsgeschosse - irgendwer hatte es auf einen lebendigen Tom Richards abgesehen. Jetzt hing es vom Entgegenkommen und der Auskunftsfreudigkeit des Angreifers ab, ob Tom ihn mit einem nachsichtigen Tätscheln und einem geschredderten Gewehr seines Weges schickte, oder ob er den Mann schön langsam und mit viel Genuß in mikroskopisch kleine Stückchen schnetzelte. Doch noch bevor Tom seiner Befragung Nachdruck verleihen konnte, fühlte er abermals ein Zupfen in seinem Schutzschirm, und diesmal war es kein Pfeil, sondern eine Kugel aus einer kleinkalibrigen Waffe. Die immer noch kein Problem für den Schirm fünfter Ordnung darstellte, genauso wie die Kolleginnen der Kugel, die gleich darauf folgten. „Stehenbleiben, Hände hoch, ergeben Sie sich!“ brüllten zwei sich im Laufschritt nähernde Herren in dunklen Anzügen und mit je einer Pistole in der Hand, jedoch mit deutlicher Verspätung nach ihren Vorankündigungen in Form von heißem Blei, und Tom gönnte sich ein weiteres Mal eine kurze, amüsierte Betrachtung über die Eigenheit seiner Landsleute, zuerst zu schießen und dann erst Fragen zu stellen. Zwei weitere Griffe im Geiste, zwei kurze aber schmerzhafte elektrische Impulse, die zwei Hände dazu brachten, die Waffen fahren zu lassen, ein dezentes Zerren - und dann hingen zwei weitere Gefangene vor Tom Richards. Diese hier gleich in aufrechter Haltung, jedoch trotzdem ein paar Zentimeter über dem Boden schwebend, und er gönnte es jetzt auch dem Gewehrschützen eine aufrechte Haltung einzunehmen, ein waagrecht in der Luft schwebender Mann erweckte doch zu viel Aufsehen, neben der Aufmerksamkeit die die Schüsse soeben verursacht hatten, denn etliche Passanten in der Umgebung gingen soeben beschleunigt in Deckung.
„Tom Richards der Dritte mein Name. Was verschafft mir das Mißvergnügen Ihrer Aufmerksamkeit, Gentlemen?“ fragte Tom nochmals, und seine strahlende Miene schien die drei eminent zu irritieren, weil sie verblüffte Blicke untereinander austauschten.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #1 am: 10. November 2014, 15:45:41 Uhr »
„Sie sind verhaftet, Alien!“ bellte der älteste der drei, ein kleiner, drahtiger Mann mit gelichtetem grauen Haar ihn an. „Legen Sie Ihre Waffe weg und ergeben Sie sich, bevor wir härtere Maßnahmen ergreifen!“
„Alien?“ Tom zog erstaunt eine Augenbraue hoch, während er sich königlich über die Unverfrorenheit des Mannes amüsierte. Im Unterschied zu seinen Begleitern schien er noch gar nicht realisiert zu haben, daß er Toms Gefangener war - oder es scherte ihn einfach nicht, was zusammen mit dem verbissenen Gesichtsausdruck des Mannes, der seine Standardmiene zu sein schien, auf das Gemüt eines Metzgershundes hindeutete. Den korrekten Anzügen nach, die jedoch nicht den obersten Preiskategorien entstammten, handelte es sich bei diesen zwei Männern vermutlich um Vertreter der Regierung, Mitglieder irgendeines Geheimdienstes, bei dem Gewehrträger in Lederjacke, dunklem Shirt und Jeans um ihren angeheuerten Scharfschützen aus einer Militäreinheit. Und Tom überlegte, wann er das letzte Mal mit Behördenvertretern des eigenen Landes aneinandergeraten war, Steuerfahnder einmal ausgenommen... in den Fünfzigern, war es wirklich schon so lange her?   
„Ich bin untröstlich, aber ich bin kein Außerirdischer. Mein fünfhundertfacher Großvater kam vom andern Stern, das liegt fast dreizehntausend Jahre zurück. Beim gesamten Rest meiner Ahnenreihe müssen Sie mit menschlichen Wesen vorliebnehmen, ich bedaure zutiefst.“ Und das kam mit der Würde und dem leicht indignierten Tonfall eines original englischen Lords. 
Pistolenschütze Nummer zwei, ein größerer und jüngerer und kräftig gebauter Mann, gab ein seltsames Geräusch von sich, fast wie ein unterdrücktes Niesen, als wolle er angesichts Toms verschnörkelter Sprechweise loslachen und traute sich nur nicht in Anwesenheit seines Chefs.
„Lügen Sie nicht, unser Spektral-Analysator hat Sie entlarvt!“ giftete der Ältere zurück, mit einer kaum wahrnehmbaren Bewegung auf den Jüngeren, der in der Tat ein sonderbares Gerät bei sich trug, das nicht nach einer Waffe aussah, mehr nach einem High-Tech-Fernglas, warum Tom es ihm auch nicht abgenommen hatte. „Ihre Aura ist viel zu stark für einen Menschen, also sind Sie ein Alien, ein außerirdischer Invasor!“ Tom betrachtete es neugierig. War das Ding wirklich eine Art tragbarer Feldspürer für Arme, der Körperauren sichtbar machen konnte, und vielleicht sogar mehr?
„Den Besitz einer starken Aura leugne ich nicht, wohl aber daß Sie in mir einen Besucher vom andern Stern vor sich haben. Ich bin Amerikaner, und Patriot!“ erwiderte er hoheitsvoll.
„Aber Sie besitzen ein außerirdisches Instrument!“ warf der Jüngere ein, bevor sein Vorgesetzter sich wirklich echauffieren konnte.
„Das ist richtig. Und wie Sie sehen und fühlen können, besitze ich auch die Lizenz es zu führen.“ Demonstrativ hob er seinen Spazierstock etwas an, dessen Knauf schon seit der Ankunft des ersten Pfeils blaues Licht verströmte. Die Matrix war aktiv und zu jeder Schandtat bereit, hochgefahren von dem Programm, das bei jeder feindlichen Berührung des Schirmfeldes automatisch Abwehrmaßnahmen einleitete.
„Lizenz?“ Abermals der Jüngere, der der Verständigere der Anzugträger zu sein schien und dafür gerade einen strafenden Blick vom anderen kassierte. Der Gewehrschütze lauschte nur, nachdem er festgestellt hatte, daß er nach wie vor in einem undurchdringlichen und unbesiegbaren Kraftfeld hing, jeder Regung seines „Opfers“ hilflos ausgeliefert, er wartete geduldig darauf, daß sich ihm irgendeine Chance bot, den Spieß umzudrehen.
„Eine Matrix fünfter Ordnung wächst nicht auf Bäumen und wartet auf den Erstbesten, der sie pflückt.“ erklärte Tom geduldig, den Stock noch weiter hebend, damit die Drei auch einen guten Blick darauf werfen konnten. „Man benötigt eine jahrelange Ausbildung, um sie führen zu dürfen, und die notwendige Lizenz, die erst ab einem gewissen Meistergrad vergeben wird. Wenn ich beides nicht hätte, würde mich die Matrix bei der ersten Berührung entweder töten oder zumindest meinen Geist zerstören. Aber wie Sie sehen können, weile ich gesund und geistig einigermaßen normal noch unter den Lebenden. Also, meine Herren, wer hat Sie auf mich angesetzt?“
Der Ältere tat bereits den Mund auf, zögerte dann aber, es schien ihn fast (fast!) beeindruckt zu haben, mit welcher Leichtigkeit sein Kollege Tom zum Sprechen animierte. Der Kräftige ließ sich nicht lange bitten.
„Niemand hat uns auf Sie angesetzt, wir haben Sie zufällig bemerkt, als wir hinter einem anderen, gefährlichen Außerirdischen her waren. Aber der wird jetzt schon längst über alle Berge sein.“ setzte er in beinahe patzigem Tonfall hinzu, als sei es Toms Schuld, daß sie sich an ihm festgebissen hatten statt an ihrem eigentlichen Ziel.
Diesmal gingen bei Tom beide Augenbrauen hoch. „Ein gefährlicher Außerirdischer? Von welcher Rasse?“
Verblüffte Blicke von den anderen. „Was soll das heißen, von welcher Rasse?“ schnappte der Ältere.
„Es gibt eine ganze Menge Alienrassen da draußen,“ Tom deutete diffus mit dem Zeigefinger nach oben. „Und es gehört zu meinen Aufgaben, diese Welt vor unerwünschten Besuchern zu beschützen, also sollte ich so etwas eigentlich zuerst erfahren. Also, welche Spezies?“
Abermals Seitenblicke untereinander, mit dieser Auskunft hatten sie sicher nicht gerechnet. Und wieder fühlte der Jüngere sich angesprochen. „Äh, Algieba, oder so...?“
„Al...?“ Und wieder lachte Tom Richards über das ganze Gesicht, daß Agent Benjamin Wylie sich unwillkürlich fragte, welche Dummheit er gerade von sich gegeben hatte. „Ja, Algieba. Was ist damit?“ wiederholte er verschnupft.
„Wenn es wirklich ein gefährlicher“ - das Wort kam betont - Algiebaner sein sollte, dann muß es ein sehr aus der Art geschlagenes Exemplar sein.“ klärte Tom ihn freundlich auf. „Algiebaner sind die gottverdammten Peaceniks der Milchstraße, immer nur ´make love not war´, Blümchenküssen, Bäume umarmen und so weiter. Das einzig wirklich waffenscheinpflichtige an ihnen ist ihre unstillbare Neugier, mit ihrer ewigen Fragerei können sie simple Gemüter in den Wahnsinn treiben. Ich habe jedenfalls noch keinen Algiebaner gesehen, der in einer Kneipenschlägerei etwas getaugt hätte. Wenn Sie hier wirklich ein gefährliches Exemplar dieser Gattung haben, dann müssen Sie mir dieses Wundertier vorführen.“
Agent Fox, der Ältere, registrierte irritiert, daß Wylie plötzlich gleichfalls über das ganze Gesicht grinste. Der Blonde schien ihm zu gefallen, trotz der Tatsache, daß er sie alle mit einem außerirdischen Instrument gefangen hielt.
„Das geht nicht, Es ist uns soeben wieder entwischt. Es ist sehr geschickt darin, sich dünne zu machen. Wir sind schon seit Jahren hinter ihm her, wissen Sie?“ gab Fox widerstrebend von sich, und es klang von vorne bis hinten wie eine Verwünschung.
Tom verlor seinen heiteren Ausdruck nicht. „Wenn es tatsächlich ein Algiebaner ist, wird es vielleicht reichen, wenn ich ihn rufe.“ Er hob abermals seinen Stock etwas an, um zu zeigen, daß er damit kein normales Rufen meinte. „Wenn Sie mir eine Minute geben, um den Ruf abzusetzen...“
Wylie nickte sofort übertrieben heftig, bevor Fox etwas sagen konnte. Sie konnten ohnehin nichts tun, solange sie in diesen unsichtbaren Kraftfeldern gefangen hingen, aber vielleicht lenkte der Ruf den Mann so weit ab, daß besagte Kraftfelder sich abschwächten oder auflösten...
Tom hatte die Augen geschlossen, als er sich konzentrierte, um den telepathischen Ruf auf einer Frequenz auszusetzen, die ein Algiebaner - wenn es denn einer war - wahrnehmen mußte. „Wesen von Algieba, melde dich!“ schickte er seine Botschaft ins Unbestimmte hinaus, unhörbar für die meisten Menschen - und falls doch jemand so viel telepathische Fähigkeiten besaß, den Ruf wahrzunehmen, wurde es wirklich interessant, weil Tom Richards Personen mit übersinnlichen Fähigkeiten regelrecht sammelte, er konnte immer noch einen begabten Telepathen mehr brauchen.
Es dauerte gar nicht lange, bis Tom etwas fühlte. Ein geistiges Zupfen, aber diesmal von ganz anderer Art -
„Was sagt man dazu.“ staunte er laut, ohne die Augen zu öffnen. „Da ist tatsächlich ein Algiebaner.“ Denn die Rückantwort, die soeben bei ihm ankam, stammte definitiv von einem algiebanischen Verstärker, er erkannte die ungewöhnliche Frequenz sofort wieder, nach all den Jahrhunderten... unhörbar für Toms Gefangene begann eine kurze aber intensive Kommunikation, ein Datenaustausch. Der fremde Außerirdische tat seine Bedenken kund, in die Nähe der Männer zu kommen, die schon so lange hinter ihm her waren mit der Absicht, ihm zu schaden - und Tom antwortete, daß er diese Männer gerade sicher in einem Kraftfeld eingesperrt hatte, zusammen mit ihren Waffen. „Waffenstillstand, für die Dauer eines Gesprächs, ich garantiere für Ihre Sicherheit und unbehelligten Abzug.“ teilte er dem Unbekannten am anderen Ende der telepathischen Verbindung mit, und dabei fiel ihm die kleine Kirche ein, neben der sie standen. Kurzerhand bat der den Gesprächspartner, in die Kirche zu kommen, er würde mit seinen Gefangenen dort auf ihn warten, und schickte ihm zur Verdeutlichung auch ein Bild des Gebäudes. Als er die Augen wieder öffnete, bemerkte er, daß die Schießerei vorher, die schwebenden Waffen und Männer samt ihrem Gezappel soeben, als sie sich vergeblich zu befreien versuchten, und das bläuliche Glühen seines Stocks inzwischen einiges an Schaulustigen angelockt hatte, die aus sicherer Entfernung darauf warteten, daß sich noch mehr an Interessantem tat. Und es würde mit Sicherheit nicht mehr lange dauern, bis die Polizei eintraf, in der Ferne waren schon Sirenen zu hören... „Ziehen wir uns an einen Ort zurück, wo wir ungestört weiter reden können.“ sagte er zu seinen Gefangenen, mit einer Kopfbewegung auf das Gebäude zu. „Der Algiebaner ist nicht weit von hier, er hat einem Gespräch zugestimmt.“
„Er hat?“ sprachen die Anzugträger nicht laut aus, dachten es aber, es war an ihren verblüfften Gesichtsausdrücken abzulesen. Aber schon transportierten ihre unsichtbaren Miniatur-Gefängniszellen sie schwerelos auf das Kirchlein zu, zusammen mit drei schwebenden Feuerwaffen und zwei Giftpfeilen, nur die Kugeln hatte Tom achtlos fallen lassen. Die Kirchentür war um diese Tageszeit verschlossen, aber ein kurzer Impuls aus Toms Matrix überredete sie dazu, sich unplanmäßig zu öffnen. Im Inneren warf die helle Morgensonne breite Bahnen aus Licht durch die schmalen, hohen Fenster, der Raum war verblüffend hell und freundlich für einen Kirchenbau, nicht so kühl und gruftähnlich wie erwartet. Die Tür ließ Tom erst mal offenstehen, sie erwarteten ja noch einen Gast, und er sandte noch einen kurzen Impuls ab, daß der Algiebaner sich durch die ankommende Polizei nicht stören lassen sollte, er würde ihn auch davor beschützen können. Er wusste, daß das Gegenüber am anderen Ende der Leitung die Stärke seiner Fünfer-Matrix über die Verbindung hinweg spüren mußte und deren Kapazitäten erkannte, und daß er zusammen mit dem bewußten Datenaustausch genug unbewußte Informationen erhalten haben mußte um zu wissen, daß Tom mit seinen Versprechen von Schutz nicht log.
Draußen und ein Stück von der Kirche entfernt hielt soeben der erste Streifenwagen. Wahrscheinlich würden die Polizeibeamten sich erst mal bei den Umstehenden erkundigen, was überhaupt passiert war, bevor sie auf die Kirche vorrückten - und erfahren, daß nach den ersten Schüssen offenbar eine durchaus gesittete und zivilisierte Unterhaltung zwischen Schützen und Opfer stattgefunden hatte, und von den seltsamen Umständen, die eher auf eine Live-Zaubershow als eine echte Auseinandersetzung schließen ließ, wie die schwebenden Waffen. Tom schickte trotzdem eine Botschaft los, der andere möge sich etwas beeilen, und er solle sich keine Hemmungen antun aufzufallen, während er sich der Kirche näherte.               

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #2 am: 24. November 2014, 14:35:29 Uhr »
Der Starman, Paul Forrester, hatte seinen Sohn Scott zusammen mit den Dufflebags, die ihre wenigen Habseligkeiten enthielten, ein paar Häuserblocks weiter in einem einigermaßen guten Versteck zurückgelassen, als er die Botschaft erhalten hatte und erfuhr, was der fremde Telepath von ihm wollte. Eine ernsthafte, ausführliche Aussprache zwischen ihm und Fox, aber ohne daß der Agent die Möglichkeit erhielt, ihn gefangenzunehmen und in ein regierungseigenes Labor zu verschleppen - das klang fast zu schön, um wahr zu sein. Scott traute der Angelegenheit ganz und gar nicht, das machte er auch recht deutlich, aber Scott hatte diese Ausstrahlung des fremden Überträgers nicht gespürt. Wer ein solches Werkzeug beherrschte - die kristalline Form des gleichen Stoffs, der zu einem bestimmten Anteil die algiebanischen Sphären ausmachte - der hatte es sicher nicht nötig, in solch trivialen Dingen zu lügen. Also folgte er der telepathischen Fährte, und als er die Straße erreichte, an der die Kirche lag, sah er schon das erste Polizeifahrzeug da stehen und ein zweites gerade vorfahren, am anderen Ende der Straße, eine weitere Sirene näherte sich noch. Aber der andere hatte gesagt, er dürfe ruhig auffallen, und er besaß definitiv die Macht, ihn vor ein paar Polizisten zu beschützen. Also ging Paul geradewegs auf die Kirche zu, in sicherem, nicht zu langsamen Schritt, die Sphäre einsatzbereit in der Hand, und als der Polizist vom ersten Wagen ihm erstaunt zurief, er solle stehenbleiben, weil es dort gefährlich sei, hob er einfach nur die Hand, zeigte die harmlos aussehende metallische Murmel, die darin lag, aktivierte den Energiefluß, bis das blaue Glühen deutlich sichtbar war, und ging unbeirrt weiter. Einer der Passanten, mit dem der Polizist gerade noch gesprochen hatte, wies ihn darauf hin, daß schon einer der Männer der Gruppe in der Kirche, das „Opfer“, auf das geschossen worden war, ein ähnliches blaues Licht erzeugt hatte, daß sie deshalb vermutlich zusammengehörten. Aber da Forrester keine Angst zeigte, sich der offenstehenden Kirchentür zu nähern, hielt jetzt auch der Polizist es für ungefährlich genug. Er winkte seiner brünetten Kollegin, ihm den Rücken zu decken, indem sie sich der Kirchentür seitlich näherte, und folgte dem dunkelhaarigen Mann, die Waffe schußbereit in der Hand.
„Forrester!“ Paul hörte den aggressiven Schrei von Fox, kaum daß er die Kirche betreten hatte, und zuckte fast zurück, er war es inzwischen gewöhnt, auf dieses Geräusch mit sofortiger Flucht zu reagieren. Doch er fühlte die Ausstrahlung, die das Instrument des fremden Telepathen erzeugte, und die von einer ganzen Reihe von errichteten permanenten Schutzfeldern in diesem Gebäude sprach, eine derartige Energieausstrahlung hätte der Starman mit seinem eigenen Gerät selbst in Notsituationen nicht hinbekommen - jedenfalls nicht, ohne sein viel schwächeres Werkzeug endgültig zu zerstrahlen und zu verbrauchen. Er sah die Männer, die in seine Richtung blickten, erkannte Fox und Wylie, neben ihnen war ein dritter Mann, der ihm unbekannt war, jedoch schwebte neben ihm ein Gewehr, genauso wie neben den beiden Agenten ihre Handfeuerwaffen schwebten, direkt neben ihnen und dennoch unerreichbar, weil sie alle sicher in voneinander getrennten kleinen Kraftfeldern steckten. Die menschlichen Sinne des Wesens, das sich Paul Forrester nannte, konnten diese Felder nicht wahrnehmen - nicht solange es nicht unmittelbar damit in Kontakt kam und sie durch Hautkontakt fühlen konnte - , aber die übermenschlichen Sinne des außerirdischen Energiewesens, das in dieser Hülle aus Fleisch und Blut steckte, konnten es sehr wohl. Der unbekannte Telepath war also der Mann, der ihnen gegenüber stand, ein nach menschlichen Begriffen durchaus sympathisch aussehender Mittvierziger mit auffällig langem blondem Haar, das ihm zum Pferdeschwanz zusammengebunden bis hinunter auf den verlängerten Rücken fiel, und passend zu seinem teuer aussehenden Anzug trug er einen altmodischen silbernen Gehstock, dessen Knauf das unverkennbare blaue Licht und die Energien verströmten, die der Starman wahrnahm. Der Fremde lächelte Paul zu. Schon in der ersten Kontaktaufnahme hatte Paul gespürt, daß sein Gegenüber ein sehr sonniges Gemüt besaß, und deshalb lächelte er genauso freundlich zurück.
Der Polizist hinter Paul fand die Lage nicht so eindeutig. Die vorhandenen Waffen, selbst wenn sie scheinbar schwerelos in der Luft hingen und niemand Anstalten machte, danach zu greifen, waren Bedrohungspotential genug.
„Officer, verhaften Sie diese Leute!“ bellte Fox sofort, kaum daß er den Polizisten sah, und deutete mit beiden Händen auf Tom Richards und Paul Forrester. „Sie sind bewaffnet und gefährlich!“
Doch bevor der Polizist ein einziges Wort sagen konnte, fühlte er eine Art schmerzhaften elektrischen Impuls in seinen Händen, der ihn dazu veranlaßte, seine Waffe fahren zu lassen, und auf einmal hing eine weitere Pistole in der Luft und stieg gerade hoch genug empor, daß der Polizist sie nicht mehr erreichen konnte, selbst wenn er hinterhersprang. Tom Richards schüttelte verweisend den Kopf in Richtung von Fox. „Ganz egal wie viele Leute Sie auf mich hetzen, ich kann sie alle mattsetzen. Lassen wir dieses sinnlose Spiel nicht lieber?“ Doch er begegnete einer eisenharten Miene, die wortlos erklärte, daß Fox es darauf ankommen lassen wollte.
Dann drehte Tom sich dem Polizeibeamten zu, hob in übertriebener, genauso verweisender Art eine Augenbraue und sagte betont: „Heiliger Boden, Officer. Hier herrscht Waffenstillstand. Wir kamen hierher, um in aller Ruhe ein Gespräch führen zu können. Kann ich mich darauf verlassen, daß Sie für unsere Ungestörtheit sorgen, solange das hier dauern wird?“ Officer Matt Jacobs hatte schon den Mund offen, um etwas zu erwidern aber die autoritätsgewohnte Stimme, das Verhalten und das ganze Aussehen des Mannes vor ihm sagte ihm deutlich, daß er es hier nicht mit einem seiner üblichen Nullachtfünfzehn-Bösewichte zu tun hatte, das Gesicht des Mannes war einfach zu offen und ehrlich für jemanden, der Übles im Sinn hatte. Und dieser altmodische Gehstock und sein Berufen auf „heiligen Boden“ sprach davon, daß Jacobs es hier mit einem Gentleman alter Schule zu tun hatte, der bestimmt nicht vorhatte, plötzlich eine Bazooka hervorzuziehen und Amok zu laufen. Der andere, etwas zerlumpt und abgerissen aussehende Mann mit den blaustrahlenden, hellwachen Augen, der vor ihm die Kirche betreten hatte und ihn nun freundlich anblickte, trug auch nicht etwas bei sich, was man auf den ersten Blick als Waffe definieren konnte, er hielt lediglich eine Art Murmel in der Hand, die eine Lichtquelle enthielt und vermutlich ein Kinderspielzeug war, recht viel mehr als das Ding zu werfen konnte er damit kaum anstellen. Der einzige, der hier auf Anhieb die Definition A*loch oder schlimmeres verdiente, schien dieser ältere grauhaarige Mann zu sein, der ihn aufgefordert hatte, die anderen festzunehmen.
„Können Sie sich bitte ausweisen, Sir?“ fragte er deshalb in dessen Richtung.
Das unsichtbare Etwas, in dem die drei Männer der Gegenseite schwebten, hinderte sie nicht daran, in ihre Taschen zu langen und etwas hervorzuholen. Fox und Wylie zeigten ihre Dienstmarken, und Jacobs trat so nahe an sie heran, daß er unter seinen vorgestreckten Händen das unsichtbare, undurchdringliche Material fühlen konnte, das ihn unerbittlich von diesen Männern trennte. „Ich bin George Fox von der Federal Security Agency, Officer Jacobs!“ schnarrte Fox ihn an, ohne zu ahnen, daß sein lächerlich schwereloses Schweben in dem Kraftfeld ihm in Jacobs´ Augen einiges von seiner normalen Autorität nahm. „Ich fordere Sie auf, alles in Ihrer Macht zu unternehmen, diese beiden Männer festzunehmen oder dafür zu sorgen, daß andere Mitglieder Ihrer Einheit, der Army oder einer anderen Abteilung sie festnehmen können! Die nationale Sicherheit hängt davon ab!“
Jacobs blickte wieder zurück zu den zwei Männern, die keineswegs so aussahen, als würden sie in irgendeiner Form die nationale Sicherheit bedrohen, sie lächelten weiterhin freundlich, trotz des Ausbruchs von Fox.
„Das mit der nationalen Sicherheit klären wir gerade, wenn wir die Zeit für ein vernünftiges Gespräch bekommen. Und ich für mein Teil werde hier drin keine gewaltsame Auseinandersetzung beginnen oder dulden, also stecken Sie bitte Ihre Waffe weg.“ sagte der Blonde wieder, während sich zur Überraschung der gefangenen Agenten die Polizeiwaffe gehorsam niedersenkte und in die Hand ihres rechtmäßigen Besitzers zurückkehrte. „Und wären Sie dann so freundlich, Ihre übereifrigen Kollegen da draußen zu bremsen? Anschließend dürfen Sie gerne wieder hierher zurückkommen und mithören, um was es hier eigentlich geht. Mister Fox wird Ihnen später wahrscheinlich sowieso eine Schweigepflicht aufhalsen.“ Und die eiserne Miene des Agenten bestätigte diese Aussage.
Jacobs blickte ratlos drein, so einen seltsamen Fall hatte er in seiner ganzen Laufbahn noch nie erlebt. Aber es war wohl tatsächlich das vernünftigste, die beiden Gruppen die Sache unter sich ausmachen zu lassen und hinterher zu entscheiden, wer gefesselt oder als freier Mann das Gotteshaus verließ. Er griff nach seinem Funkgerät, das dezent vor sich hinrauschte. „JC, hören Sie mich?“
„Klar und deutlich“, kam die Antwort von der Kirchentür her, denn weiter war die Kollegin nicht weg.
„Heben Sie den Alarm auf, aber die Kollegen sollen in Bereitschaft bleiben. Es handelt sich hier um eine geheimdienstliche Operation, die etwas Zeit und vor allem Ruhe erfordert. Die Lage ist stabil, aber ich wurde gebeten, als Beobachter und Zeuge zu fungieren.“
„Verstanden, Chef. Darf ich mich vergewissern, daß alles in Ordnung ist?“
„Sie dürfen, JC.“ Und schon steckte die brünette Beamtin den Kopf herein. Sie sah, daß Jacobs mit der einen Hand ein OK-Zeichen machte, in der anderen hielt der noch das Funkgerät, die Waffe hatte er wie erbeten weggesteckt.
„Übrigens, der Pastor dieser Kirche steht draußen, ein Pastor Lewis Marchand. Was soll ich ihm sagen?“
„Lassen Sie ihn herein. Je mehr desto lieber, und vielleicht kann er als Vermittler dienen, wenn die Gemüter hochwallen oder ein neutraler Standpunkt gebraucht wird.“ lächelte der Mann mit dem auffallend langen blonden Pferdeschwanz. Fox hatte ausnahmsweise nichts dagegen, er ging davon aus, daß es mit zunehmender Teilnehmerzahl schwieriger wurde für das Alien, eine Gehirnwäsche bei den Anwesenden durchzuführen. Während die Polizistin nach draußen verschwand, bemerkte Fox irritiert, daß Wylie abermals grinste wie ein Honigkuchenpferd. Und diesmal wollte er es nicht mehr durchgehen lassen. „Was ist los, Wylie?“ fragte er leise, aber in scharfem Tonfall.
„Heiliger Boden, Sir.“ grinste Wylie zurück. „Er hat sich auf heiligen Boden berufen.“ *
„Was? Na und?“ Fox begriff nicht, was daran so komisch sein sollte.
Wylie blickte ihn ganz unschuldig an, mit großäugig bittenden Bambiaugen. „Darf ich ihn behalten, Sir?“
Darf ich... es gab Fox einen regelrechten Riß. Eine derartig kindische Frage hatte Wylie noch nie gestellt, und Fox war wegen seinem nutzlosen Assistenten inzwischen einiges an Kummer gewöhnt. War er jetzt endgültig... und erst dann bemerkte er, daß Wylies linkes Auge ihn intensiv anblinzelte. Und er begriff, daß Wylie ihn auf etwas aufmerksam machen wollte, was er vor den anderen und insbesondere vor ihrem Kidnapper nicht laut aussprechen mochte. Noch ein Blick auf Wylie, der zeigte immer noch diesen bittenden Hundeblick -- „Also gut, ich denke darüber nach.“ Wylie hatte später hoffentlich eine sehr gute Begründung für sein Betragen bereit, denn für Nonsens um des Nonsens willen hatte Fox kein Verständnis. 
„Danke, Sir!“ strahlte sein Assistent.




*(Triviaquiz: Wo spielt "Heiliger Boden" eine wichtige Rolle?  8) )

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #3 am: 4. Dezember 2014, 09:15:31 Uhr »
Die Polizistin kehrte zurück, mit ihr kam der Mann, der in diesem Gotteshaus als Pastor wirkte.
„Gentlemen, dies ist ein Haus des Friedens!“ begann er, kaum daß er die Lage überblickt hatte. „Ich kann hier keine Waffen dulden.“ Und damit deutete er auf die schwebende Hardware.
„Die hängen da oben, eben damit niemand in Versuchung kommt, sie zu benutzen.“ grinste der Blonde ihn an. „Thomas Adalmar Richards der Dritte, zu Ihren Diensten, Vater.“ Und er deutete eine höfliche Verneigung an.
„Paul Forrester.“ Der Starman hatte entschieden, erst einmal dem Vorbild des fremden Telepathen, seines Schutzengels, zu folgen. Da konnten die Geheimdienstler auch nicht hintanstehen, auch sie stellten sich vor. George Fox, Benjamin Wylie... und der Scharfschütze hieß Carl Weber. „Matt Jacobs.“ stellte der Polizist sich als letzter vor, und wandte sich an seine Kollegin. „Würden Sie bitte die Tür von draußen zumachen? Ich glaube, wir brauchen hier ein wenig Privatsphäre.“ Sie nickte, tippte auf das Funkgerät an ihrem Gürtel als Zeichen, daß er sie rufen sollte, wenn jemand etwas benötigte, und zog ab.       
„Wir haben Ihre Kirche okkupiert, weil wir einen ruhigen Raum für ein dringendes Gespräch benötigten.“ begann Richards dem Pastor und dem Polizisten gleichzeitig zu erklären. „Diese Herren,“ er deutete auf die Agenten und ihren Schützen, „haben auf mich geschossen, zuerst mit den Giftpfeilen da und dann mit echten Kugeln. Aber ich war nur Zufallsopfer, eigentlich war das Mister Forrester zugedacht.“ Da dieser nickte, in seiner freundlichen Art, wobei er aber weder verängstigt noch empört dreinschaute, schien das so weit zu stimmen.
„Warum? Was hat er getan?“ Jacobs blieb still, hier drin hatte der Pastor das Recht der ersten Frage.
„Es geht wohl nicht darum, was er getan hat, sondern was er ist. Er ist ein waschechter Außerirdischer vom andern Stern, von Algieba, genau gesagt. Algieba ist ein Doppelsternsystem, etwa hundertsechsundzwanzig Lichtjahre von hier entfernt.“
Jetzt guckten die zwei verblüfft, und auch Weber blickte fragend drein. Er hatte zwar mitbekommen, daß Fox sowohl Richards als auch Forrester als Aliens bezeichnet hatte, es aber nicht ernst genommen. Beim Geheimdienst war der Weg zwischen berufsbedingter Paranoia und echtem Wahnsinn vermutlich nicht weit, und Weber war nicht in der Position, das zu hinterfragen. Er bekam seine Befehle, führte sie aus, und mehr mußte er nicht wissen.
Pastor und Polizist beäugten interessiert den unschuldig zurücklächelnden Forrester. „Aber er sieht gar nicht... irgendwie anders aus.“ meinte Pastor Lewis dann.
„Was Sie da sehen, ist eine geklonte menschliche Hülle. Das Alien innendrin sieht aus wie ein lebendiger kleiner Kugelblitz aus blauem Licht, diese Spezies hat normalerweise keinen materiellen Körper.“ erklärte Richards.
„Er ist der Kundschafter einer außerirdischen Invasionsarmee!“ brüllte Fox, als könne er die anderen durch nackte Lautstärke überzeugen. „Wenn wir ihn nicht aufhalten, kommen sie bald zu Tausenden, zu Millionen, übernehmen unsere Körper, vermehren ihr außerirdisches Erbgut, machen uns zu einer aussterbenden Art im eigenen Land...“
Abermals lachte Richards, er amüsierte sich königlich bei der Vorstellung einer Invasion durch Algiebaner. Aber das Bild, das hartnäckig in seinem Schädel hing, sah ganz anders aus als das, was Fox vermutlich sah. „Stimmt, eine Invasion von Algiebanern wäre in der Tat der Horror, aber aus ganz anderen Gründen als Sie denken.“ gluckste er vergnügt. „Bei den Rassen, die regelmäßig mit ihnen Kontakt haben, gelten sie als nervtötende Plagen, als herumschnüffelnde Lästlinge, denen kein Tabu heilig ist und die jedem, der ihnen begegnet, ein Loch in den Bauch fragen. Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, daß das stimmt. Ich hatte schon ein paarmal Kontakt mit ihnen, wissen Sie.“
„Wo? Auf der Erde?“ schnappte Fox sofort.
„Nein, natürlich nicht. Als ich jünger und noch verrückter und leichtsinniger war als heute, habe ich ein echtes Sternentor entdeckt, zusammen mit den Freunden, mit denen ich damals unterwegs war, und es brachte uns auf eine andere Welt, viele tausend Lichtjahre von hier. Aber bevor Sie fragen, dieses Sternentor ist inzwischen nicht mehr zugänglich, und wird es auch für die nächsten siebenhundert Jahre nicht sein. Sonst würde ich es auf der Stelle wieder benutzen, um meine außerirdischen Freunde auf der anderen Seite zu besuchen. Ja, wir haben ein paar echt gute Freunde da drüben gefunden, Gegner übrigens auch ein paar, und eine ganze Menge gelernt.“
„Und Ihre... menschlichen Freunde? Was ist mit denen passiert?“
Tom lächelte mitleidig über diese Frage, und die unterschwellige Anklage darin. „Als ich das letzte Mal mit ihnen Kontakt hatte, ging es ihnen gut. John ist der Archäologe geworden, der ich ursprünglich auch werden wollte, und reist auf Forschungsmissionen um die ganze Welt, er hat es sich in den Kopf gesetzt, antiken außerirdischen Spuren auf der Erde nachzuspüren. Der Professor verbringt sein Altenteil damit, ihn mit wissenschaftlichen Untersuchungen zu unterstützen, so gut er kann... und Andreou ist inzwischen Direktor eines Großunternehmens, schlägt sich mit der Bürokratie und den Gangstern im eigenen Vorstand herum und langweilt sich wahrscheinlich zu Tode dabei. So hat jeder von uns seine Berufung gefunden.“
„Ja? Was sind Sie denn von Beruf?“ fragte Wylie vorlaut.
„Ich bin ein Hansdampf in vielen Gassen, in einer davon ein gut situierter Geschäftsmann. Ich habe heute eine Besprechung in einer meiner vielen Firmen, in ...“, er befragte seine altmodische Aufziehuhr, „in etwa zwei Stunden, das ist überhaupt der Grund, warum ich heute in dieser Stadt weile, sonst wohne ich nämlich nahe Washington.“ Er wandte sich angelegentlich an die Agenten. „Wenn Sie mir versprechen, sich anständig zu benehmen, dürfen Sie mich später begleiten, das wird vielleicht interessant für Sie, weil die Firma auch zuweilen Regierungsaufträge als technischer Zulieferer übernimmt. Und Sie können darauf wetten, daß ich den einen oder anderen Schnipsel außerirdischen Wissens in meine Firmenbetriebe einfließen lasse, meine Firmen sollen schließlich konkurrenzfähig bleiben.“ Während alle anderen außer Forrester jetzt großäugig staunten, blieb Fox verbissen, er hatte erkannt, daß dieser Mann mindestens genauso gefährlich war wie Forrester, wahrscheinlich sogar deutlich gefährlicher, wenn er außerirdische Technologie einschmuggelte in Dinge, die dann von ahnungslosen Regierungsbehörden verwendet wurden, Spionage- und Sabotageprogramme, Trojaner, Viren und vieles mehr, das nicht mal er sich vorstellen konnte... und wie um ihn zu provozieren, fuhr Tom fort: „Und wie war das jetzt mit dem gefährlichen Außerirdischen, Mr. Fox?“
„Invasion? Ausrottung der Menschheit?“ erinnerte der Agent entsprechend spöttisch. „Aber bei Freunden wie den Ihren dürfte Ihnen das wohl nichts ausmachen...“
„Ganz im Gegenteil.“ seufzte Tom. „Ich hatte schon ein paar Gefechte mit Wesen von jenseits der Sterne, die es auf die Ausrottung der Menschheit abgesehen haben. Aber von Algieba ging das nicht aus, und das wüßten Sie, wenn Sie die geringste Ahnung von dieser Rasse hätten. Den Algiebanern ist an unbegrenzter Vermehrung nicht gelegen, weil sie in ihrer natürlichen Form extrem langlebig sind, sie brauchen nicht viel Nachwuchs, um ihre Art zu erhalten. Also, Mr. Forrester, sind Sie nun gefährlich oder nicht?“ wandte er sich an die Person, um die sich ja eigentlich alles drehte. Fox lächelte nur verächtlich. Als ob das Alien so einfach die Wahrheit sagen würde...
„Nein, ich bin nicht gefährlich für die Menschen oder das Leben auf der Erde. Als ich das erste Mal auf diese Welt kam, geschah es, weil ich eine Einladung gefunden hatte, eine goldene Schallplatte, die sich an Bord einer irdischen Sonde befand.“ sagte Forrester. Genauso wie Tom hatte er sich auf einer der Kirchenbänke niedergelassen, um sich nicht die Beine in den Bauch zu stehen, jedoch mit deutlichem Abstand von den Agenten. „Vierzehn irdische Jahre später kehrte ich zurück, damit ich mich um meinen Sohn kümmern konnte, um Scott, den ich mit einer irdischen Frau, mit JennyHayden, gezeugt hatte. Ich kam zurück, weil er mich rief.“ Er zog den Namen der Frau zu einem Wort zusammen, so wie er es am Anfang, mit menschlichen Namen noch unerfahren, getan hatte. „Ich gab JennyHayden ein Mannkind, weil sie es sich wünschte, nicht weil ich meine Spezies vermehren wollte, Mr. Fox.“ sagte er in Richtung des Agenten. „Scott ist ein menschliches Kind, ein Kind von JennyHayden und von ihrem Mann Scott Hayden, dessen geklonten Körper ich damals benutzte. Ich selbst gab ihm nur ein paar kleine Dinge dazu, wie die Fähigkeit, Dinge mit seinem Geist zu tun, oder daß er keine Schmerzen erleidet, wenn ihm Zähne wachsen. Ich habe niemals verstanden, warum Sie mich fürchten und hassen, Mr. Fox, oder warum Sie Scott fürchten und hassen, denn er ist ein Kind dieser Welt.“
„Er ist ein Scheusal, eine Mißgeburt!“ spuckte Fox sofort los. „Eine solche Kreatur darf nicht frei herumlaufen und ihr verdorbenes Erbgut verbreiten!“
„Sieht er denn so scheußlich aus?“ fragte Pastor Lewis voll Mitgefühl.
„Nein, das ist es ja gerade, er sieht aus wie ein ganz normaler Junge.“ erwiderte Wylie sofort. „Wenn er vor Ihnen stünde und mit Ihnen sprechen würde, würden Sie es ihm nicht anmerken, daß etwas an ihm anders ist.“
„Schauen Sie ihn an!“ schäumte Fox weiter, auf Paul deutend. „Ihm sieht man es auch nicht an. Es könnte hier bereits von Außerirdischen wimmeln, und wir würden es nicht merken, bis es zu spät ist.“
„Und mich erwähnen Sie gar nicht.“ warf Tom in gespielt quengelndem Tonfall ein. „Bin ich so offensichtlich außerirdischer Herkunft mit meinem fünfhundertfachen Großvater, daß Sie von mir gar nicht erst reden? Habe ich etwa vergessen, meine Antennen einzufahren?“ Und er tastete mit seiner freien Hand hinauf auf seinen Kopf, als suche er da nach etwas. Spontanes Gegrinse ringsum, nur Fox machte ein Gesicht, als müsse er Zitronen kauen. Witzbolde konnte er nicht ausstehen, egal ob irdisch oder nicht.
„Hören Sie nicht auf ihn, Sir,“ machte Wylie, um die Explosion seines cholerischen Chefs zu verhindern, „dieser Mann wäre vermutlich auch dann verrückt, wenn er völlig menschlich wäre. Wir wissen doch, daß Wesen wie Forrester Probleme haben, menschlichen Humor zu verstehen.“
„Scott versteht menschlichen Humor. Er macht oft Witze, die er mir erklären muß, damit ich sie verstehe. Es ist wohl eine Frage, wo man aufwächst, nicht woher ein Elternteil stammt.“ sagte Forrester ganz unerwartet.
„Und wo steckt Ihr Scott gerade?“ fragte Fox so süßlich, daß selbst ein Alien das Gift dahinter schmecken mußte.
Forrester bewies, daß er im Lauf der Zeit auch etwas über Menschen gelernt hatte. „Weit weg von hier, und in Sicherheit, wie ich hoffe.“ antwortete er. Zwar konnten Algiebaner nicht lügen, aber „weit weg“ war doch wohl eine Frage der Definition, für einen Menschen mit beschädigten Gehwerkzeugen waren auch ein paar Häuserblocks eine sehr weite Strecke.                          
„Also gut. Beweisen Sie mir, wie gefährlich oder ungefährlich Sie sind.“ sagte Tom Richards und streckte einladend die Hand nach dem Alien aus. Paul blickte ihn an und verstand, was Tom von ihm wollte, er nickte und erhob sich, und sie gingen aufeinander zu, jeweils eine Hand ausgestreckt, in der anderen jeweils ein aktiviertes außerirdisches Werkzeug in scheinbar bedrohlich blauem Leuchten.
„Moment mal, was soll das werden?“ fragte Fox entgeistert.
„Algiebaner sind telepathisch veranlagt.“ erklärte Tom freundlich. „Wenn ich aber über Telepathie eins weiß, dann das, daß in einem telepathischen Kontakt Lügen extrem schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist. Die beste Methode herauszufinden, ob er die Wahrheit sagt, besteht also darin, mit ihm einen telepathischen Rapport durchzuführen. Dann werde ich wissen, ob an Ihrer angeblichen Invasion etwas dran ist oder nicht.“
„Haben Sie keine Angst, daß er eine Gehirnwäsche an Ihnen durchführt, daß er Ihren Verstand übernimmt, oder so etwas?“ Fox war auf einmal ganz atemlos. Daß sich jemand freiwillig einer solchen Gefahr aussetzte, selbst wenn es ein Alien-Sympathisant war, schien ihm unbegreiflich.
„Er darf es gern versuchen.“ lächelte Tom zurück. „Ich bin in dieser Kunst auch nicht gerade ein heuriger Hase, wissen Sie? Und mein Lehrer, der mir die ersten Schritte in Telepathie beibrachte, hätte mich lebendig gefressen, wenn ich mich von einem Alien hätte gehirnwaschen lassen.“
Er tat den letzten Schritt, ihre Hände berührten sich, beider Instrumente leuchteten etwas heller auf --
« Letzte Änderung: 4. Dezember 2014, 09:21:42 Uhr von DAOGA »

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #4 am: 16. Dezember 2014, 18:26:36 Uhr »
„Schnell, solange sie beschäftigt sind!“ drängte Fox, denn auf eine Gelegenheit dieser Art hatte er gewartet. Alle drei Agenten mühten sich nach Leibeskräften, ihr Gefängnis irgendwie zu sprengen. Von innen ging es nicht, egal was sie versuchten, bemerkten sie schnell, das einzige was sie erreichten war, daß sie sich in der Quasi-Schwerelosigkeit der Kraftfelder überschlugen oder ziellos um die eigene Achse drehten, bis es zumindest Wylie ganz sonderbarlich zumute war, er hatte Achterbahnfahren und ähnliche magenumdrehende Übungen immer verabscheut. Jacobs versuchte von außen zu helfen, er versuchte die Felder zu bewegen - was sich als völlig unmöglich erwies, eher hätte er einen Berg vom Fleck schieben können - oder mit einem Taschenmesser ein Loch zu bohren oder zu hacken, was sich als genauso sinnfrei entpuppte. Mit seiner Pistole auf eines der offenbar perfekt kugelförmigen Felder zu schießen, um es zu knacken oder wenigstens anzukratzen und zu schwächen wagte er nicht, weil das Risiko bestand, daß er entweder den Insassen des jeweiligen Feldes traf oder ein gefährlicher Querschläger entstand, je nachdem ob eine Kugel das Feld durchschlagen konnte oder davon abprallte, und etwas härteres und schwereres als sein Taschenmesser wie etwa einen Vorschlaghammer, eine Spitzhacke oder eine Abrißbirne hatte er nicht dabei. Pastor Lewis reichte ihm hilfreich einen schweren metallenen Kerzenständer als Ersatz, doch auch wiederholte kräftige Hiebe mit diesem Instrument konnten die Felder um die Agenten herum nicht ankratzen. 
„Das ist sinnlos, Sir,“ stellte Wylie denn auch nach Minuten angestrengten Mühens fest. Brennbar war so ein Feld auch nicht, mit Feuer kam man ihm nicht bei, hatte der Pastor festgestellt, der eine der Altarkerzen für diesen Versuch zweckentfremdete. „Ich hatte gehofft, daß die Kraftfelder sich auflösen, sobald er abgelenkt ist. Von Forrester wissen wir, daß er sich für die Benutzung seines Instruments konzentrieren muß, sobald er gestört wird und seine Konzentration nachläßt, endet auch die Wirkung. Aber bei diesem Mann scheint es anders zu sein, alle seine Maßnahmen bleiben bestehen, auch wenn er etwas ganz anderes tut. Das scheint ein Trick zu sein, den selbst Forrester nicht kennt.“
„Den er aber bald kennen wird, wenn die beiden ihre Gehirne verschränken. Und wer weiß, was die beiden sonst noch alles voneinander lernen.“ unkte Fox. „Officer Jacobs, schießen Sie auf einen der beiden, das ist ein Befehl! Ist mir egal auf welchen, aber schießen Sie!“
„Officer --“ begann der Pastor, der Schüsse in seinem Gotteshaus nicht dulden wollte. Aber da fuhr das blaue Glühen, das Tom und Paul eingehüllt hatte, schon herunter, der Rapport war zu Ende. Jacobs wusste, daß seine ganze weitere Laufbahn bei der Polizei auf dem Spiel stand, wenn er dem Befehl des Geheimdienstlers nicht Folge leistete, er hielt die Waffe bereits wieder in der Hand - und drückte ab. Und stellte zu seinem Erstaunen fest, daß die abgefeuerte Kugel weniger als einen halben Meter von Richards entfernt in der Luft hing, abgestoppt von einem weiteren Kraftfeld, das der Mann um sich herum trug.
„Fühlen Sie sich jetzt besser, Officer?“ lächelte Tom ihn an, erstaunlicherweise keineswegs verärgert über den Versuch, ihn zu töten. „Ich wusste doch, daß Sie es früher oder später versuchen würden. Jetzt rufen Sie aber sofort Ihre Kollegin an, damit die uns nicht das Überfallkommando auf den Hals hetzt, sonst muß ich noch weitere Kraftfelder bauen, und dann könnte es hier drin eng werden.“
Forrester sah ihn verschreckt und großäugig an wegen des Schusses, der Vergleich mit einer Hirschkuh im Scheinwerferlicht eines Autos kam Jacobs in den Sinn, aber dann machte Richards eine leichte Bewegung mit seinem Stock, und der Polizist sah, daß auch um den angeblichen Außerirdischen ein Kraftfeld lag, das seine Anwesenheit als Reaktion auf die Stockbewegung mit einem leichten bläulichen Flirren verriet. Der blonde Mann hatte alle Anwesenden, ausgenommen Jacobs und den Pastor, mit Kraftfeldern umgeben, sei es um einzusperren und zu sichern oder um feindliche, tödliche Kräfte auszusperren. Was vermutlich die beste Lösung darstellte, wenn eine der Seiten sich felsenfest darauf versteifte, die andere entweder gefangen zu nehmen oder auf andere Weise permanent auszuschalten. Und Jacobs war sich jetzt ganz und gar nicht mehr sicher, daß er auf der richtigen Seite stand. „Jacobs? War das gerade ein Schuß?“ meldete sich JC hastig, sobald er den Empfangsknopf seines Funkgeräts drückte. „War es, aber alles im grünen Bereich. Es war ein Experiment, könnte man sagen. Und ich danke Gott, daß es schiefgegangen ist.“ antwortete der Beamte.
„Und ich kann mich nicht mal damit herausreden, daß ich gewusst hätte, daß es so ausgehen wird. Tut mir leid, Vater.“ sagte er anschließend in Richtung des Pastors, der ihn strafend anblickte.
„Manchmal ist es wichtiger, die Stimme des Gewissens über die Befehle des Kaisers zu stellen, mein Sohn. Ich hoffe, das war dir eine Lehre.“
Jacobs guckte verdutzt, als mit einem Mal ein winziges Objekt direkt vor ihm in der Luft hing. Es war die Kugel, die er gerade abgefeuert hatte, und ihm wurde mit einem heißen Aufwallen reinen Schreckens bewußt, daß der blonde Mann mit seinen Schutzfeldern Kugeln nicht nur abfangen, sondern auch nach Belieben bewegen konnte - er hatte also jederzeit die Möglichkeit, Geschosse mit genau derselben Geschwindigkeit an den Absender zurückzuschicken, mit der sie verschickt worden waren... doch Pastor Lewis hielt einfach die Hand darunter, und die Kugel fiel hinein, als das kleine Kraftfeld, das sie in der Luft gehalten hatte, gelöscht wurde.
„Behalten Sie sie als Andenken, Officer.“ hörte er die Stimme von Tom Richards. Zögerlich streckte er seine eigene Hand aus, damit der Pastor die Kugel hineinfallen lassen konnte, und dann fühlte er, daß das Metall immer noch warm war. Seine Hand schloß sich darum. Jacobs wusste, daß manche Polizisten, die im Dienst angeschossen worden waren, die Projektile als Talismane behielten, und jetzt hatte er den seinen. Und er begriff, daß ein Schuß nicht unbedingt etwas treffen mußte, um weh zu tun.
Er blickte zurück zu dem Agenten, der ihm den Befehl gegeben hatte - Fox sah verbissen, aber keineswegs zerknirscht drein. Der Mann war schlicht sauer, daß es nicht funktioniert hatte, ihm hätte es nicht die geringste Seelenpein bereitet, wenn die Kugel ihr Ziel getroffen hätte, er war in der Tat so kalt wie eine Hundeschnauze. Sein Assistent dagegen lächelte, genauso wie der Scharfschütze, sie hatten beide begriffen, was da gerade geschehen war.
„Was hat Forrester Ihnen gesagt, Mr. Richards?“ fragte Wylie jetzt.
„Er sagt die Wahrheit, daß er nur hier ist, um sich um seinen Sohn zu kümmern, aber das war mir schon vorher klar. Algiebaner können nämlich von Natur aus nicht lügen. Seine ganze Rasse besteht aus Telepathen, die jede Lüge und jeden versteckten Hintergedanken sofort entlarven könnten, unter solchen Bedingungen kann sich die Kunst des Lügens gar nicht erst entwickeln. Die angeblichen Invasionspläne sind ein reines Hirngespinst Ihres Mr. Fox hier, was mich auch nicht wundert, weil die Lebensbedingungen auf der Erde aus der Sicht eines Algiebaners gar nicht so angenehm sind, die Bedingungen auf ihrer Heimatwelt ähneln eher der unserer Venus zuzüglich einem monstermäßigen planetaren Magnetfeld. Wenn sie eine erobernde Rasse wären, würden sie unsere Venus besetzen und für ihre Zwecke umbauen und die Erde mitsamt ihrer paranoiden Affenbevölkerung links liegen lassen.“ Er grinste wieder heiter. „Wer weiß, wenn es mal zu einem offiziellen Erstkontakt mit Algieba kommen sollte, sobald die Menschheit etwas vernünftiger geworden ist - vielleicht machen wir dann ein Tauschgeschäft, die Venus gegen einen für Menschen besser geeigneten Planeten irgendwo anders in der Milchstraße. Nutzen können wir das Teil ja sowieso nicht.“
Jetzt stand sogar Wylie der Mund offen, es passierte auch ihm nicht alle Tage, daß ihm jemand Dinge, die wie reine Science Fiction klangen, als durchaus mögliche und ins Auge zu fassende Perspektiven präsentierte.
„Und wer würde so etwas anleiern? Sie etwa?“ höhnte Fox. Tom schüttelte sofort den Kopf. „Interstellare Abkommen sind nicht mein Spezialgebiet. Man kann mich gern als Berater und Vermittler anheuern, aber die Entscheidungen werden andere treffen. Aber, ja, ich habe ein paar Erfahrungen in dieser Richtung. Von damals, Sie wissen schon.“
„Cool!“ formte Wylies Mund lautlos, denn es war Richards anzusehen, daß er jedes einzelne Wort ernst meinte. Und fragte laut: „Wäre Forrester dazu befugt, seine Welt bei einem solchen Geschäft als Entscheidungsbefugter zu vertreten?“ Eine Frage, die Fox abermals einen Riß gab, zuerst die kindische Frage, jetzt ein Ausflug in eine Politik, der das Schicksal der ganzen Welt entscheiden konnte - was war heute nur mit seinem Assistenten los?
Richards und Forrester lächelten sich zu, und dann schüttelte Tom abermals den Kopf. „Er könnte hier Botschafterstatus beantragen, weil er das einzige Exemplar seiner Rasse auf dieser Welt ist, und in seiner Rasse ist es üblich, daß ein beliebiges erwachsenes Individuum für die Bedürfnisse und Wünsche aller sprechen kann, sie sind dort nicht so egoistisch und selbstsüchtig wie hier auf der Erde. Aber für interstellare Abkommen ist er ebenfalls nicht geeignet. Er war ein Navigator und Kartograph, bevor er hierherkam, kein studierter intergalaktischer Jurist.“
„Würde seine Rasse bei einem Handel über die Venus noch ein paar Kleinigkeiten dazulegen - sagen wir mal, beispielsweise Warptechnologie für Raumschiffe? Ein erdähnlicher Planet irgendwo in der Milchstraße nützt uns schließlich nichts, wenn wir nie dorthin gelangen können!“ spann Wylie probehalber weiter, und unglaublich neugierig auf die Antwort, die er bekommen würde... genauso wie die anderen Zuhörer, die hielten vor lauter Spannung schier den Atem an. 
Richards hob wieder eine Augenbraue und grinste noch intensiver. Das ganze Verhalten dieses Agenten zeigte ihm, daß er da einen potentiellen Seelenverwandten gefunden hatte, und er war gern bereit, diese Bekanntschaft zu vertiefen. „Ich glaube, Mr. - Wylie, richtig? - wir sollten uns mal privat und in Ruhe miteinander unterhalten. Haben Sie Ihr Büro hier in der Stadt?“
„Nein, unsere Zentrale ist in D.C., wir sind nur wegen Forrester hier. Aber Sie sagten doch, Sie wohnen auch dort, wir können jederzeit einen Termin vereinbaren - aber wie wäre das nun mit dem Warp-Antrieb?“
„Die algiebanischen Antriebe könnten wir nicht benutzen.“ mußte ihn Tom enttäuschen. „Hier auf der Erde gibt es die Rohmaterialien nicht, die für den Bau benötigt werden, und außerdem darf man nie vergessen, daß Algiebaner in ihrer natürlichen Form wie lebendige Kugelblitze aussehen. Sie können G-Kräften widerstehen, bei denen es jeden Menschen zerquetschen würde, und auch ihre Lebenserhaltungssysteme sind nicht für Menschen geeignet. Und das ist übrigens auch einer der Gründe, warum Algiebaner keine Menschen entführen.“ Er zwinkerte heiter in Richtung Fox, der nur gequält die Augen verdrehte, das hatte ja kommen müssen.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #5 am: 19. Dezember 2014, 13:17:50 Uhr »
„Ein Abkommen über Raumschiffstechnologie, die für uns benutzbar ist, würde ein Dreiecksgeschäft mit einer menschenähnlichen raumfahrenden Rasse erfordern - oder mit einer anderen Spezies, die das Know-How als Handelsware erworben hat und bereit ist, es im Rahmen eines Deals weiterzugeben. Für beide Varianten gibt es übrigens Kandidaten da draußen,“ diffus zeigte sein Daumen nach oben, Richtung Himmel, „aber den allerersten Schritt in den Weltraum müssen wir hier unten selber gehen. Solange es hier Leute gibt, die nicht mal mit einem harmlosen Kartographen von Algieba zurechtkommen, und die Weltpolitik so ist wie sie ist, brauchen wir uns über interstellare Flüge und offizielle Erstkontakte gar nicht erst den Kopf zerbrechen. Nicht wahr, Mr. Fox?“ Wieder wanderten alle Blicke zu dem Agenten, der langsam begriff, worauf Richards hinaus wollte. Sein Blick wechselte von zuerst abweisend hin zu beinahe panisch.
„Ich kann Ihnen hier viel erzählen, wenn der Tag lang ist, Mr. Fox. Aber ob Paul wirklich die Wahrheit sagt, können nur Sie selber entscheiden, wenn Sie selber den telepathischen Rapport wagen. Also?“
Jetzt stand pures Entsetzen in den Augen des älteren Mannes. Man sah ihm deutlich an, er hatte Angst. Viel mehr Angst als angesichts der Lage angebracht gewesen wäre, und es half auch nicht, daß Wylie mit beiden Daumen auf sich selber zeigte und stumm auffordernd „Ich! Ich!“ machte, sich als Freiwilliger und Vorkoster anbot, für einen begeisterten Leser von Science Fiction wie Wylie war ein telepathischer Rapport mit einem waschechten Alien eine einzigartige Gelegenheit, die man auf keinen Fall ausließ, wenn sie sich anbot. Vor allem da Richards die Erfahrung offenbar unbeschadet überstanden hatte, geistig leicht daneben schien er schon vorher gewesen zu sein.
In Fox arbeitete es. Alles in ihm sträubte sich, seine tiefsitzende Paranoia zusammen mit dem viel älteren Trauma, das diese Paranoia erst ausgelöst hatte, und die ihn sechzehn Jahre lang auf der Fährte des Aliens und seines Nachwuchses gehalten hatten, kämpften mit dem Wissen, daß, was immer er auch aus solch einem Kontakt lernen konnte, wichtig sein würde für sein Land, dessen Zukunft und für diesen ganzen Planeten Erde --
bis er einen Ausweg fand.
„Ich kann nicht.“ brachte er gequält hervor und senkte den Blick, seine Haltung gar nicht so sehr gespielt wie er selbst es vielleicht dachte. „Ich bin Geheimnisträger, ich kann es nicht verantworten, daß er vielleicht auf Dinge stößt, die ich nicht weitergeben darf --“
„Ich bin kein --“ begann Wylie diensteifrig, und sogar Weber hätte sich vermutlich als Freiwilliger an Stelle von Fox gemeldet, aber Richards machte eine abwinkende Geste in ihre Richtung. Fox mußte es sein, weil er der einzige hier war, der auf Toms permanente Provokationen nicht reagiert hatte. Wylie fraß ihm schon aus der Hand, der war eindeutig ein Nerd, und Weber als trainierter Scharfschütze irgendeiner Spezialeinheit besaß auch genug Grips zu erkennen wo die dicksten Trauben hingen, nur Fox war in seiner tiefsitzenden Xenophobie gefangen wie in einem tiefen Brunnenschacht, und solange das nicht kuriert war, blieb er ein Risiko allerersten Ranges für jeden arglosen Besucher aus dem All, den er gnadenlos mit sich hinabzerren würde in sein tiefes, finsteres Loch nackter Angst und Feindseligkeit.
„Würden Sie stattdessen mit mir vorliebnehmen, wenn Sie sich an Paul nicht heranwagen?“ fragte er deshalb unschuldig und streckte die freie Hand nach Fox aus. „Ich weiß jetzt alles was er mir mitgeteilt hat, jede Antwort auf meine Fragen, die ich ihm stellte. Und was militärisch-strategische Geheimnisse angeht, da bekomme ich aus meinen vielen Firmen auch die eine oder andere Anekdote mit, ich könnte Ihnen vermutlich Sachen verraten, von denen Sie bisher nicht zu träumen wagten. Sie dürfen gerne ausprobieren, wieviel Sie davon aus mir herausbekommen. Aber ich warne Sie, leicht werde ich es Ihnen nicht machen. Ich bin größtenteils menschlich, und das heißt, größtenteils sehr verrückt.“
Fox blickte ihn an, und fand zu seinem Erstaunen, daß das Lächeln von Richards sehr freundlich und sehr ehrlich gemeint war. Nun, mit einem menschlichen Irren, selbst wenn er ein Alien irgendwo in seiner Ahnengalerie hatte, glaubte Fox fertigwerden zu können. Und vielleicht konnte er den Spieß sogar umdrehen und seinerseits eine kleine Gehirnwäsche, oder besser Gehirnsäuberung von allen Arten außerirdischer Manipulation, versuchen...
...schon wieder etwas munterer aussehend, weil er Forrester nicht zu nahe kommen brauchte, nickte er und streckte seinerseits die Hand aus, soweit das Schutzfeld es zuließ. Aber wo Richards und Forrester mit Hilfe ihrer Werkzeuge als Gleichgestellte per Handkontakt kommuniziert hatten, lief es diesmal anders. Tom ignorierte die Hand von Fox, er langte höher und berührte das Gesicht des Agenten mit den Fingern. Fox zuckte beinahe zurück, als er die Änderung bemerkte und auch, daß Richards sich gegen Tricks absicherte, indem das jetzt geöffnete Feld um Fox herum durch eine immaterielle Klammer ersetzt wurde, die seinen Körper einschließlich der Gliedmaßen festhielt, damit er nicht schlagen, treten oder sich sonstwie ungebührlich benehmen konnte -- aber, verdammt, er hatte sich einverstanden erklärt, er mußte das jetzt mitmachen, sonst verlor er sein Gesicht, vor seinen Untergebenen, den anderen Anwesenden und vor sich selbst. Schon flammte der Knauf des silbernen Spazierstocks etwas heller, und dann fühlte er schon die Berührung in seinem Geiste, sanft und längst nicht so unangenehm wie erwartet, und erste Bilder, Eindrücke und Emotionen begannen zu fließen, zuerst von der Seite des anderen...
Wylie strahlte schon wieder über das ganze Gesicht. „Vulkanische Gedankenverschmelzung, cool!“ flüsterte er Weber zu.
„Würden Sie das etwa auch gerne machen?“ fragte der Scharfschütze etwas spöttisch zurück. Der Assistent von Fox benahm sich fast wie ein Fanboy im Anblick seines Idols.
„Darauf können Sie einen lassen! Sowas bekommt man nicht alle Tage geboten.“ Am liebsten hätte Wylie sich direkt an Forrester gewandt, ob der ihm eine eigene geistige Verbindung in privater Zweisamkeit gewähren würde. Wylie betrachtete sich schließlich nicht als wichtigen Geheimnisträger, so wie Mr. Fox es war, und er hatte auch keineswegs so viel Angst vor dem Alien wie Fox, hatte sie von Anfang an nicht gehabt, aber leider wäre sein Vorgesetzter mit Sicherheit nicht damit einverstanden, daß er dem Alien derartig intim nahe kam.
Jacobs sprach wieder mit seiner Kollegin, versicherte ihr, daß alles in Ordnung war. „Hier laufen die Gespräche“, sagte er, ohne ins Detail zu gehen, „sieht so aus, als wären wir gerade am schwierigsten Punkt angelangt. Bin sehr gespannt, wie das ausgeht, davon hängt vermutlich alles weitere ab. Wir anderen hier stehen uns nur die Beine in den Bauch... ich melde mich wieder, JC.“ 
Die ersten fünf Minuten schien sich gar nichts zu tun, die beiden standen einfach nur da im milden bläulichen Schein von Toms Instrument, reglos und mit geschlossenen Augen, während Toms Hand auf dem Gesicht von Fox ruhte. Forrester, Jacobs und Pastor Lewis hatten sich inzwischen jeweils einen Sitz gesucht, um ihre Füße zu entlasten, in gutem Abstand voneinander und jeweils am Ende der Sitzreihen, um schnell genug den Standort wechseln zu können, wenn etwas passierte. Wylie und Weber hingen schwerelos in ihren unsichtbaren Banden, was einigermaßen bequem zu sein schien, sie rührten sich jedenfalls wenig, während sie zusahen und darauf warteten, daß sich etwas tat.
Dann änderte sich etwas. Das Gesicht von Fox verzerrte sich plötzlich, seine Augen bewegten sich heftig unter geschlossenen Lidern als würde er träumen, und sein Gesicht begann sich mit Schweiß zu bedecken. Auch das Gesicht von Richards wirkte jetzt angestrengt, es sah aus, als würden sie beide um etwas ringen, gemeinsam - oder gegeneinander? Was immer sie taten, sie schenkten sich nichts dabei, zumindest Fox transpirierte sichtbar dabei. Aber es dauerte etwa noch einmal fünf Minuten, bis die beiden einfach so und ganz plötzlich die Augen aufschlugen und ins Licht blinzelten, wobei Fox zumindest in der ersten Sekunde ziemlich benommen und verständnislos dreinsah, während Richards den Energieoutput seines Instruments herunterfuhr.
„Sir, alles in Ordnung?“ fragte Wylie besorgt.
„Ich -  ah, Wylie! Ja, mir geht es gut.“
Dabei wusste Fox nicht mal, ob das jetzt eine Lüge war, sein Gehirn war noch viel zu zerbröselt um feststellen zu können, wie gerade sein Befinden war, Er war wieder hier, in dieser Kirche, und erinnerte sich an alles, was heute - verdammt, war das wirklich gerade eben erst, gerade erst heute gewesen? - geschehen war, aber er erinnerte sich jetzt an vieles mehr --
„Wylie, wie lange hat das gedauert?“ fragte er mit heiserer Stimme. Denn, verdammt, für ihn hatte es sich angefühlt wie eine ganze Lebensdauer, vielleicht sogar zwei, nämlich die von Tom Richards und ihm selber, oder zumindest einem Teil seines eigenen Lebens, das Richards gnadenlos ausgegraben und zu neuem Leben erweckt hatte --
„Etwa zehn Minuten, Sir.“ antwortete der getreue Wylie. Dem er jahrelang bitteres Unrecht angetan hatte, erkannte Fox mit einem Mal voller ungeahnter menschlicher Rührung, Wylie mochte nicht der Klügsten einer sein, doch war er gewiß einer der Treusten, der einzig wahre Freund an seiner Seite, den er jedoch nie als solchen erkannt hatte, weil er sich ihm gegenüber immer so hemmungslos überlegen gefühlt hatte -- und da war noch Forrester, der in der Tat ganz anders zu sein schien, als er jahrelang in seiner traumatischen Verblendung geglaubt hatte. Doch er mußte sichergehen, er trug hohe Verantwortung, er hatte Pflichten, seinem Land und der ganzen Menschheit gegenüber --
„Sind Sie jetzt bereit für die letzte Etappe?“ fragte Richards ihn freundlich und etwas ironisch, er hatte das Mienenspiel von Fox genau beobachtet und wusste, daß er endlich durchgedrungen war.
„Ist wie beim Zahnarzt, das Schlimmste haben Sie schon hinter sich. Jetzt kommt nur noch das Hochglanzpolieren, der Coup de Grace.“ lächelte der blonde Mann ihn an. „Keine Angst, einen blümchenküssenden Pazifisten vom andern Stern frißt ein ´tough guy´ wie Sie doch zum Frühstück!“ forderte Richards ihn schmunzelnd heraus. „Faß, Junge!“ Und deutete mit dem Finger auf Forrester, der erstaunt eine Augenbraue hob.
Und diesmal nahm Fox die Herausforderung an. Sein Blick wechselte schlagartig von Verwirrung zu einen geradezu mörderischen Ausdruck, er fixierte den Starman so hungrig, als wolle er ihn am Stück verschlingen.
„Her damit!“ forderte er barsch, mit einer auffordernden Handbewegung. Und er wunderte sich nicht mal, daß er sich plötzlich frei bewegen konnte - Richards hatte ihn freigelassen, nachdem sie jetzt genau wußten, was sie voneinander zu halten hatten. Forrester blickte fragend in Richtung Tom, der ihm ermutigend zunickte. Paul hielt seine Sphäre einsatzbereit in der Handfläche, und jetzt glühte sie auf, während er seine andere Hand einladend nach Fox ausstreckte. Der Agent schnappte danach, als wolle er sie nie mehr loslassen. Und dann wurden sie beide von dem blauen Leuchten des außerirdischen Geräts eingehüllt und erstarrten im telepathischen Rapport, die Augen geschlossen.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #6 am: 19. Januar 2015, 12:32:28 Uhr »
Da ersichtlich war, daß auch das wieder ein paar Minuten dauern würde, wollte Wylie die Zeit nutzen, bevor er sich in seinem Gefängnis zu Tode langweilte. „Mr. Richards, was haben Sie in dem Rapport genau gemacht?“ fragte er, fast krank vor Neugier und wissend, daß Fox ihn wahrscheinlich als allerletzten in dieses Geheimnis einweihen würde. Tom lächelte ihm zu. „Zuerst gab ich ihm alles, was ich jemals über Aliens gelernt habe, über freundliche, feindliche und alles dazwischen, und auch das, was Paul mir gegeben hatte. Ich zeigte ihm, daß man Aliens am besten so nimmt, wie sie kommen, die Guten willkommen heißt und den Bösewichten zeigt, wo der Hammer hängt, daß man sie aber nicht grundsätzlich fürchten muß. Als Gegenleistung mußte er mir sagen, warum er so viel Angst vor Paul hatte, und das bekam ich nicht so einfach aus ihm heraus. All seine offensichtlichen Gründe sind nur die Fassade, die Sache geht viel tiefer, da war ein unbewältigtes Vietnam-Trauma, das ich praktisch mit Gewalt und stückchenweise aus ihm herausholen mußte, weil es sehr tief verdrängt worden war. Aber jetzt ist er sich der Zusammenhänge bewußt, ich hoffe, daß er ab sofort auf einer ganz anderen Grundlage mit Paul umgehen kann.“
Die zweite wichtige Erkenntnis von Fox erwähnte er nicht, die so intensiv in dessen Geist aufgeblüht war wie ein Feuerwerk, so daß Tom schon hätte total parataub sein müssen, um es nicht mitzubekommen - nämlich daß all die unglaublichen Dinge, die er in der letzten Stunde so freigiebig von sich gegeben hatte, und die bei jeder anderen Person schon voll ausgereicht hätten, sie in staatlichen Gewahrsam zu nehmen, bei ihm lediglich einem Kratzen an der Oberfläche eines riesigen Berges glichen, nicht mehr als eine dezente Vorwarnung, daß da noch viel unglaublichere Sachen im Hintergrund standen, Dinge wie Zeitreisen zum Beispiel, das Wissen um die Zukunft oder der Kampf gegen Mächte aus fremden Dimensionen...
Wylie nickte, er verstand jetzt, warum es so ausgesehen hatte, als würden die beiden um etwas kämpfen. Es war sicher nicht leicht gewesen, Fox die Würmer aus der Nase zu holen. Er kannte seinen Chef schließlich, der war sturer als ein Maulesel und ließ sich lieber umbringen als etwas zu tun, was er nicht wollte.
Und dann plötzlich zerplatzte seine scheinbare Kenntnis seines Chefs wie ein Luftballon, weil er etwas sehen konnte, was er niemals zu sehen geglaubt hätte, was er bis soeben für völlig unmöglich und undenkbar gehalten hätte:
sowohl Forrester als auch Fox liefen Tränen über die Wangen!
Sie standen immer noch still da im Licht des fremden Werkzeugs, mit geschlossenen Augen, aus denen Tränen strömten. Und dann...
öffneten sie beide die Augen und sahen sich an. Forrester mit seinem üblichen freundlichen Blick, von dem Fox jetzt endlich wusste, daß er vollkommen ehrlich und ohne sinistre Hintergedanken war, und immer schon gewesen war, weil Algiebaner von Natur aus kein Falsch kannten. Fox selber sah ganz anders drein, immer noch etwas ungläubig, er brauchte etwas Zeit, das Erfahrene zu verarbeiten, aber im Wesentlichen war er zerknirscht, völlig am Boden zerstört, er sah Forrester beinahe ängstlich an, und zum ersten Mal seit mehr als siebzehn Jahren nicht weil der andere ein echter Außerirdischer war, nein, es war wegen ihm, Fox, und was er im Lauf dieser Jahre alles getan hatte, nein --- verbrochen hatte... Und dann...

wandte Fox sich ab. Er konnte nicht mehr in diese freundlichen, sternenblauen Augen blicken, im vollen Bewußtsein seiner Schuld. Er wollte nur noch weg und sich verkriechen, im ersten armseligen Loch, das er finden konnte --

und dann fühlte er Forresters Hand auf seiner Schulter, und sie fühlte sich für ihn an wie ein Brandeisen, das das Mal seiner Schuld für alle Zeiten in seine Haut brannte, obwohl sie nicht wärmer war als jede normale menschliche Hand --

„Vater, wie würden Sie sich fühlen, wenn jetzt und direkt vor Ihnen ein waschechter Engel auftauchte? Was würden Sie empfinden? Zuerst bestimmt mal Ehrfurcht, bestimmt. Aber dann? Würden Sie sich adäquat fühlen, eines solchen Besuches überhaupt wert? Oder würden Sie insgeheim damit beginnen, Ihre sämtlichen Sünden aufzulisten, bis hinunter zum letzten Keks, den Sie als Kind Ihrer Mutter aus der Keksdose geklaut haben?“ fragte Richards, scheinbar ganz unbekümmert, daß er damit eine ganze Wagenladung Salz in Fox´  frisch aufgerissene alte und neue Wunden kippte.
„Das letztere, selbstverständlich.“ antwortete der Pater, der genau wusste, daß diese Worte eigentlich nicht für ihn gedacht waren.
„Angenommen, der Engel würde Ihnen alle Sünden vergeben, einfach weil er ein Engel ist und sowas kann - könnten Sie sich selbst auch vergeben?“ bohrte Richards weiter.
„Ein paar kleinere Verfehlungen vielleicht, aber insgesamt - wahrscheinlich nicht. Sich selbst vergeben zu können, ist so ziemlich das schwerste, was es gibt. Selbst wenn man demjenigen, der die Macht hat, einem zu vergeben, direkt ins Gesicht sehen kann.“ sprach der Pater weiter. „Oder vielleicht gerade dann.“
Fox wischte mit seinem Anzugärmel in seinem Gesicht herum, und dann ließ er ein leises, freudloses Lachen hören. Forresters Hand lag immer noch auf seiner Schulter, doch auf einmal schien ihm das gar nicht mehr so schlimm.
„Sie beide sind die lausigsten Psychiater, die mir jemals untergekommen sind.“ murrte er dann laut, immer noch abgewandt dastehend. „Am Anfang der Behandlung müssen Sie dem Patienten erst einmal schöne Lügengeschichten erzählen, die Wahrheit darf erst viel später ans Licht kommen.“
„Schöne Lügengeschichten gibt es bei mir nur gegen Bares.“ grinste Richards prompt. „Und ich kann mich nicht erinnern, daß Sie mich für irgendwas bezahlt hätten. Also nehmen Sie die Wahrheit an oder lassen Sie es bleiben, und kein Rabatt auf irgendwas.“
Fox drehte sich um, und sah als erstes Forrester noch mal ins Gesicht. Der grinste, ein wenig zögerlich, das typische schiefe Forrester-Grinsen, das irgendwo zwischen purer Unschuld, Verlegenheit und jugendlicher Verschmitztheit lag, und zur Überraschung und Erleichterung aller anderen Anwesenden grinste Fox plötzlich zurück. Er langte nach Forresters Hand, aber statt sie zu packen, tätschelte er sie lässig. „Schon gut, ich habe verstanden. Ich gebe mir nicht die Kugel. Der Tod wäre der leichte Ausweg, und den werden Sie alle mir nicht gönnen, nicht wahr?“
„Worauf Sie einen lassen können.“ antwortete Richards an Pauls Stelle. „Sie haben auf mich geschossen und schießen lassen, erinnern Sie sich? Da verlange ich Schmerzensgeld für jede einzelne Kugel, und das lasse ich Sie abarbeiten, vorher kommen Sie mir nicht aus. Was Paul von Ihnen verlangt ist seine Sache, und mit seinem Sohn und mit Jenny Hayden müssen Sie sich auch noch einig werden, sobald wir sie finden. In Ihrer Haut möchte ich erst mal nicht stecken, Mann.“   
Wylie gluckste im Hintergrund. Jahrelang waren sie hinter dem Alien und seinem Sohn hergewesen - und jetzt hatten sie Forrester, seinen Sohn bald auch, und es entpuppte sich als die schärfste Strafe, die jemand einem George Fox auferlegen konnte. Das Leben ging wahrlich seltsame Wege!

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #7 am: 19. Januar 2015, 13:01:05 Uhr »
„Heißt das, daß Sie den einzigen echten Außerirdischen auf Erden, von dem wir wissen, einer Regierungsbehörde überlassen werden?“ fragte der Pastor sorgenvoll. Er hatte den Film „E.T.“ gesehen und sich schon damals gedacht, daß außerirdische und übersinnliche Wesen, sofern sie existierten - und als Mann des Glaubens mußte er davon ausgehen, daß es sie gab - es in der modernen Zeit deutlich schwerer haben würden als früher, wenn sie sich den Menschen offenbarten.
„Ah-Ah!“ verneinte Richards sofort. „Ich bin bestimmt nicht so alt geworden, weil ich auf eine Regierung wie die unsere vertraut hätte! Nein, Paul bleibt in meiner Obhut. Sie mögen Ihr Hühnchen mit ihm gerupft haben, Mr. Fox, aber es gibt da bestimmt noch einen Chef von Ihnen, der auf Ihren Bericht wartet, und vielleicht auch ein Geheimdienst-Labor, wo man gern einen echten Außerirdischen in diverse Reagenzgläser schnetzeln möchte. Ich weiß doch, wie das bei Ihnen läuft. Solange das nicht auch bereinigt ist, wird Paul niemals wirklich sicher sein. Nein, er bleibt da, wo ich auf ihn aufpassen kann, nämlich in meinem Zuhause, das hat Platz genug für ein paar Dauergäste, und Sie können jederzeit Besuchszeiten mit mir und ihm vereinbaren, wenn der Trieb Sie drückt.“ Er wandte sich an den Genannten. „Hatten Sie heute etwas vor, außer vor Agenten wegzulaufen?“ 
Paul schüttelte den Kopf. „Ich wollte hier nach Arbeit suchen, und nach einer Schule für Scott.“
„Sie sind also frei und ungebunden? Fein, dann betrachten Sie mich ab sofort als Ihren Chef, ich habe gerade festgestellt, daß mir noch ein guter Photograph fehlt. Sie sind mit sofortiger Wirkung engagiert, über Bezahlung und all das reden wir später. Wie Sie wissen, habe ich einen Termin in ungefähr“ - Blick auf die Uhr - „einer Stunde. Wird etwas knapp, wenn ich vorher noch einen kleinen Imbiß einnehmen möchte. Wie lange die Besprechung dauert, weiß ich nicht, aber mein Hotelzimmer ist bis morgen bezahlt, wir können es uns also überlegen, ob wir noch heute abend nach Washington fliegen oder erst morgen früh. Ist Ihr Sohn in der Gegend?“
„Irgendwo.“ Ein wenig Vorsicht in der Nähe von Agenten walten zu lassen hatte der Außerirdische inzwischen gelernt, sein Blick ging kurz zu Fox und Wylie.
„Sammeln Sie ihn ein, und dann quartieren Sie sich beide in meinem Hotel ein. Lassen Sie alles auf meinen Namen anschreiben.“ Er nannte den Namen und die Adresse des Hotels, das nicht allzuweit weg lag. „Die Besprechung könnte dauern, vielleicht werde ich erst gegen Abend zurückkehren. Haben Sie Geld?“
„Nicht viel. Ich habe in letzter Zeit keine Aufträge bekommen, und von der Arbeit, die ich finden konnte, konnten wir gerade Unterkunft und Essen bezahlen.“
Tom zückte seine Brieftasche und fischte ein paar größere Scheine heraus, die er Forrester in die Hand drückte, ohne auch nur hinzusehen. „Kaufen Sie sich, was Sie brauchen, oder lassen Sie es auf meine Hotelrechnung schreiben. Unser schießwütiger Freund hier,“ sein Kopf deutete auf den Scharfschützen, „wird Sie begleiten und aufpassen, daß Ihnen nichts zustößt, die Luft in dieser Gegend hier ist nämlich reichlich bleihaltig, wie ich feststellen mußte.“ Heiteres Grinsen, das von den anderen erwidert wurde. Weber blickte fragend zu Fox, der zustimmend nickte, ganz allein und unbewacht hätte er das Alien nämlich keineswegs ziehen lassen.
„Wenn Sie aber wieder auf ahnungslose Leute ballern, verschrotte ich erst Ihren Schießprügel und dann ein paar unverzichtbare Teile Ihrer Anatomie, verstanden?“ warnte Tom den Mann, den er soeben zum Aufpasser für Forrester bestimmt hatte.
„Verstanden, Sir.“ lächelte Weber. Und griff als erstes nach seinem Gewehr, das Tom auffordernd direkt zu ihm hatte schweben lassen, zusammen mit den Pfeilen, die Weber wohl am besten sachkundig entsorgen konnte. Mit geübten Griffen sicherte er das Gerät und steckte die Geschosse in sichere Umhüllungen. 
Tom wandte sich an Fox. „Sie und Ihr Assistent begleiten mich, ich will Sie lieber im Auge behalten. Ich habe schon erwähnt, daß die Firma des öfteren Regierungsaufträge übernimmt, da sollte es nicht negativ auffallen, wenn zwei Vertreter der Regierung der Besprechung beiwohnen.“
Fox nickte. Seit dem telepathischen Rapport wusste er, daß Richards genauso wie Forrester nichts vom Lügen hielt, und er alles, was er sagte, ehrlich meinte, abgesehen vielleicht von ein paar ironisch gemeinten Übertreibungen oder Scherzen hier und da, die jeder schnell durchschaute. Er beherrschte die Kunst zwar, da sein außerirdischer Vorfahre definitiv nicht von Algieba stammte, beschränkte sie jedoch auf echte Notwendigkeit, und dazu zählte diese Situation hier nicht.           
Dann bemerkte Fox irritiert, daß sein Assistent schon wieder grinste wie ein Honigkuchenpferd. „Wylie?“
„Die Aliens haben uns, und wir haben sie, und keiner will den anderen wieder hergeben. Klingt nach einem perfekten Deal, nicht wahr, Sir?“ strahlte der Mann.
„Klingt mehr, als würde eine Hochzeit bevorstehen.“ ätzte Fox unwillkürlich zurück. Daß Richards und Forrester ihm den Kopf ein wenig zurechtgerückt hatten, hieß nicht, daß George Fox all sein Gift verloren hatte.
„Wenn Sie den Trauzeugen machen wollen, Sir? Ich melde mich freiwillig als Bräutigam. Sind Sie verheiratet, Mr. Richards?“
Der lachte zurück. „Meine letzte Ehe liegt schon fast hundert Jahre zurück.“ verriet er, womit er Wylie abermals großäugig staunen ließ. Fox nicht mehr, der hatte längst erkannt, daß Richards in keiner Hinsicht unter die Rubrik „normal“ einzuordnen war. „Aber leider war ich noch nie homosexuell oder bi, also verschicken Sie bitte noch keine Einladungskarten.“ Noch mehr Gegrinse, der Mann machte einen Spaß mit, auch wenn er auf seine Kosten ging.
„Sie wollen, daß wir Sie morgen nach Washington begleiten, Scott und ich?“ fragte Forrester, um sich zu vergewissern. „Aber das geht nicht --“
„Wegen Ihrer Suche nach Jenny Hayden?“ fragte Tom zurück, und Paul nickte.
„Ich bin reich, ich habe Kontakte zu Gott und der Welt, und deshalb denke ich, daß ich effektivere Mittel habe, jemanden aufzuspüren, der nicht aufgespürt werden will, als ziellos im Land herumzureisen. Wenn wir das mit dem Vorgesetzten von Mr. Fox geklärt haben, könnten wir sogar ganzseitige Anzeigen in jede Zeitung des Landes setzen. Hat Mrs. Hayden einen festen Kontakt, an den wir uns wenden könnten?“
„Wayne Geffner, ihr Bruder, möglicherweise.“ 
„Der wurde von uns überwacht, wir konnten keine Kontaktaufnahme feststellen.“ verriet Fox.
„Was nichts heißen will. Jeder der mit Geheimdiensten zu tun bekommt, lernt schnell die kleinen Tricks, wie man die Aufpasser umgehen kann.“ gab Tom zurück. „Diesen Wayne Geffner suchen wir als ersten auf, sobald ich etwas Luft habe.“
„Interessant, geheimnisvoll und effektiv. Wie kann man diesen Mann nicht lieben?“ raunte Wylie seinem Chef zu. Fox hatte inzwischen begriffen, warum Wylie vorhin die seltsame Bitte gestellt hatte, als würde er sich ein Haustier wünschen - mit feinem Instinkt hatte der Assistent viel früher erkannt als er, wie vielversprechend diese neue Bekanntschaft war, und daß man sie sich auf jeden Fall warmhalten mußte.
Er wandte sich an die zwei Personen unter den Anwesenden, die nicht in die soeben getroffenen Vereinbarungen miteinbezogen worden waren.   
„Meine Herren, ich muß wohl nicht betonen, daß alles, was Sie heute miterlebt, gehört und gesehen haben, strengster Geheimhaltung unterliegt und nicht für die Augen und Ohren weiterer Personen bestimmt sind. Jede Zuwiderhandlung, jede Weiterleitung von Informationen an Unbefugte gilt als Hochverrat und ist mit Gefängnisstrafe, in besonders schwerwiegenden Fällen sogar mit der Todesstrafe zu ahnden. Haben Sie mich verstanden?“           
 „Mr. Fox, in meiner Kirche gab es schon ein Beichtgeheimnis, als Ihr Geheimdienst noch gar nicht gegründet war.“ wies ihn der Pastor mit feinem Humor zurecht. „Und ich habe den Eindruck, daß vorhin mehr gebeichtet und wahrhaftig bereut wurde als an manchem Sonntag. Was hier und heute geschah, wird die Hallen Gottes nicht verlassen.“
„Und Sie müssen ihm nicht mal die üblichen Gebete als Strafe auferlegen.“ mischte Tom sich frech ein. „Er gehört jetzt mir, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich ihn Blut und Wasser schwitzen lassen werde.“ Amüsierte Gesichter ringsum, als Fox unwillkürlich eine Grimasse schnitt. Und dann laut und vernehmlich seufzte und sich gefaßt und mit milder Miene an den Polizisten wandte, womit er zumindest Wylie überraschte, der eigentlich darauf gefaßt war, daß sein cholerischer Chef spätestens jetzt explodierte. Aber offenbar besaß Tom Richards ein Zaubermittel, eine auf Distanz wirkende telepathische Kontrolle oder zumindest so viel Einfühlungsvermögen, daß er mit Fox umgehen konnte, er spielte mit dessen Empfindungen wie auf einem Klavier, setzte nachgiebige Weiche der unerbittlichen Härte entgegen und chronischer Geheimdienst-Engstirnigkeit die notwendige Respektlosigkeit. Und erstaunlicherweise ließ Fox das alles durchgehen, er kam emotional jedesmal gerade rechtzeitig wieder herunter, um nicht in die Luft zu gehen. Da hatte definitiv eine Gehirnwäsche stattgefunden, dachte sich Wylie, noch ein paar Stunden früher wäre so etwas undenkbar gewesen.
„Officer Jacobs--“     
„Sie müssen mir nichts sagen, Sir. Das hier war viel zu verrückt, als daß ich jemandem ein Sterbenswörtchen davon verraten würde. Bleibt der Tatbestand von Schüssen auf offener Straße und eines Schusses meinerseits in Ihrem Auftrag hier drin, für die ich jeweils etwas Schriftliches von Ihnen erwarte. Ich muß den ganzen Einsatz schließlich rechtfertigen.“
Fox seufzte abermals und nickte. „Bekommen Sie. Wylie, übernehmen Sie den Papierkram?“
„Selbstverständlich, Mr. Fox. Soll ich dann nachkommen?“
Der Senior-Agent nickte, und Richards gab ihm die Adresse der Firma, wo seine Besprechung stattfinden würde. Denn bis dahin gedachte er unterwegs noch einen kleinen Imbiß zu nehmen, so eine Sitzung nahm man nicht mit leerem Magen in Angriff. Jacobs griff wieder zum Funkgerät. „JC, wir kommen gleich raus. Hier ist alles geklärt, und alle haben sich jetzt lieb, wie es aussieht. Schicken Sie schon mal die anderen Wagen weg, und sorgen Sie dafür, daß sich die Zuschauermenge verläuft, die Herren hier haben alle kein Interesse an Publicity.“

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #8 am: 29. Januar 2015, 16:06:16 Uhr »
Erst jetzt kam der letzte Akt, denn noch immer schwebten zwei Mordinstrumente in der Luft. Während Fox seine Pistole sofort wegsteckte, sobald sie vor ihm hing und das Kraftfeld sie freigab, behielt Wylie die seine in der Hand und zielte wie angelegentlich auf Richards. Da der aber bemerkt hatte, daß der Agent als allerersten Handgriff die Waffe gesichert hatte und sie vermutlich ohnehin leergeschossen war, blieb er ruhig und wartete ab, was der Mann von ihm wollte.
„Tragen Sie jetzt immer noch Ihr Schutzfeld?“ wollte Wylie wissen, während die anderen ihn verständnislos anstarrten, es war doch eigentlich alles geklärt, was wollte er jetzt noch? --
„Selbstverständlich. Matrixtechniker fünfter Ordnung wie ich sind dazu verpflichtet, immer und jederzeit den Schutz zu tragen, um uns vor unserer Umgebung zu schützen - und unsere Umgebung vor uns. Jemand mit meinen Fähigkeiten kann sogar unbeabsichtigt gewaltige Schäden anrichten, wissen Sie, vor allem wenn ich schlafe oder bewußtlos bin. Ein Matrixtechniker im Wachzustand mag unberechenbar und schrecklich lästig sein - aber lieber lästig als gemeingefährlich. Bei uns gebiert der Schlaf der Vernunft gewaltige Ungeheuer.“
„Danke, Sir.“ lächelte Wylie und steckte die Waffe ein. Fox schüttelte zwar wieder einmal den Kopf über seinen Assistenten, hatte aber Verständnis für dessen Wißbegier. Sowohl Richards als auch Forrester sollten Wylie baldmöglichst einen eigenen telepathischen Rapport gewähren, dachte er, sonst war er bald unausstehlich.
„A propos,“ sagte Richards, der noch nicht ganz fertig war. „Ihren Auren-Dingsbums - den möchte ich gerne einmal ausprobieren, wenn es geht.“ Er deutete auf das fernglasähnliche Gerät, das um Wylies Hals hing.
„Selbstverständlich.“ Der Agent nahm es ab und reichte es weiter, und Tom testete es gleich an allen Umstehenden. „Funktioniert wie ein Feldspürer für Arme.“ kommentierte er, als er es von den Augen nahm. Forrester mit seiner deutlich stärkeren Aura hob sich tatsächlich als deutliche Anomalie von den anderen ab, und Tom fragte gar nicht erst, wie er selber wohl durch die Linsen des Geräts ausgesehen hatte, er wusste, daß seine hochgeputschte Aura strahlte wie das sprichwörtliche Leuchtfeuer.
„Wenn ich ein wenig daran herumbastle, kann ich es in einen echten Feldspürer verwandeln. Dann nimmt es auch Spuren von Matrixenergie wahr, also jener Energie, mit der unsere Werkzeuge arbeiten.“ versprach er. „Das ist interessant, weil in manchen alten archäologischen Stätten solche Spuren zu finden sind, noch aus der Zeit, in der mein außerirdischer Vorfahr auf Erden wandelte. Mein Freund John hat so einen Feldspürer, und er hat tatsächlich einige interessante Spuren damit gefunden.“
„Echt, Spuren der Götter aus dem All, bis heute nachweisbar?“ Wylie war begeistert, erneut ein Thema, auf das er voll ansprang. Er hätte noch weitergesprochen, aber Fox seufzte vernehmlich, starrte hoch an die Kirchendecke und sagte, nur halb im Scherz: „Weber, erschießen Sie jemanden. Entweder die beiden da oder mich, die Wahl steht Ihnen frei, aber es muß jetzt sein, auf der Stelle. Alien-Nerds unter sich!“ (das kam im Brustton tiefster Verachtung) „ -- Ich hätte heute im Bett bleiben sollen!“
Das brachte nicht nur Wylie dazu, verwundert zu zwinkern. Mr. Fox machte allen Ernstes einen Scherz? Ohne daß ihm der Mund davon schwarz wurde oder das Herz stehen blieb? Wunder über Wunder.
Sogar der Pastor schmunzelte, er hatte begriffen, wie die Sühne von Fox wohl aussehen würde, nämlich indem er diesen Käfig voller Narren, hinter dem er lange hergewesen zu sein schien, jetzt zur Strafe tatsächlich an der Backe hatte. Man mußte halt achtgeben, was man sich wünschte, denn es konnte tatsächlich in Erfüllung gehen.
Mit grummeliger Miene und kopfschüttelnd schritt Fox zur Tür, jetzt brauchte er einfach frische Luft und freien Raum um sich herum, er hatte lange genug im Käfig gesessen - in mehr als einer Hinsicht.
Ganz hatte sich das Publikum selbstverständlich nicht verlaufen, nachdem alle Polizeiwagen bis auf einen abgefahren waren, aber es waren nicht so viele Neugierige wie befürchtet. „Agent Wylie wird Sie begleiten wegen des Papierkrams, dann wird er nachkommen.“ sagte er zu Jacobs, der nach ihm aus der Kirche trat. „Aber jetzt entschuldigen Sie uns kurz.“ Er winkte seinem Assistenten, und sie zogen sich ein Stück weit zurück, außer Hörweite der anderen, die gerade zur Tür herauskamen. Forrester und Weber zogen auf das auffordernde Nicken von Fox hin gemeinsam ab, und diesmal war der ältere Agent sich zum erstenmal seit Jahren sicher, daß das Alien nicht die Gelegenheit nutzen und wieder einfach verschwinden würde. Er hatte in ihrem Kontakt gefühlt, wie das Wesen sich danach sehnte, daß diese Jagd endlich zu Ende war und er seinem Sohn das friedliche Leben auf Menschenart geben konnte, wonach jener sich sehnte. Jacobs stellte Richards seiner Kollegin vor, wissend, daß Fox nach all den Ereignissen ein paar Minuten für sich haben wollte.   
„Wylie, was denken Sie über Richards? Wie schätzen Sie ihn ein?“ fragte Fox leise seinen Assistenten.
„Nun, ich habe bereits angeboten, ihn zu ehelichen, Sir, und das Angebot bleibt bestehen.“ antwortete Wylie amüsiert. Fox sah ihn nur ruhig an und wartete auf eine vernünftigere Auskunft, die natürlich sofort folgte.
„Erstens, er scheint ein sehr ehrlicher Mensch zu sein, ehrlicher als die meisten, denen ich bisher begegnet bin. Es scheint was dran zu sein, daß Telepathen nicht lügen können oder wollen. Er kann es bestimmt, er ist ja kein Vollblut-Alien wie Forrester, aber er tut es nicht, wenn es nicht absolut notwendig ist. Er hat uns die ganze Zeit über nicht belogen, allenfalls etwas unter den Tisch fallen lassen, was nicht unbedingt wichtig war. Aber ich schätze, wenn ich er wäre, mit allem was er kann und hat, hätte ich es auch nicht nötig zu lügen. Bei ihm ist die reine Wahrheit so unglaublich, daß er es einfach nicht nötig hat zu lügen, um sich wichtig oder interessant zu machen, er muß sich eher zurückhalten, weil es ja ohnehin niemand glauben würde.
Zweitens, er ist extrem selbstbewußt. Er weiß genau was er will und was er nicht will, und wie er das eine erreicht und das andere vermeidet. Er ist selbstbewußt und er hat allen Grund dazu, aber er ist nicht überheblich. Er hat den Kopf nicht in den metaphorischen Wolken, weil ihm Wolken nur den Blick aufs Wichtige verschleiern würden, und er scheint mir gut genug geerdet zu sein, daß er seine Füße immer auf dem Boden der Realität behält. Vielleicht schlägt er hin und wieder über die Stränge, aber wer tut das nicht, und für wirkliche Ausraster scheint er zu verantwortungsbewußt zu sein, er scheint gelernt zu haben, vermutlich auf die harte Tour, daß er sich nie wirklich gehen lassen darf, weil er sonst mächtig Flurschaden hinterläßt.“
„Sehr gut, Wylie. Sprechen Sie weiter.“ Etwa so hatte Fox sich die Sache auch zusammengereimt. Er hätte es vielleicht in anderen Worten ausgedrückt, aber er war die meiste Zeit zu abgelenkt gewesen durch seine Furcht vor Forrester, dem Alien - jetzt wollte er sichergehen, daß er sich nicht zu sehr in Richards getäuscht hatte, und Wylies eigene erste Eindrücke hören, bevor sie von zu viel Ehrfurcht vor dem Mann zugedeckt wurden.
Wylie errötete fast über das ungewohnte Lob, fuhr aber fort mit seiner Charakteranalyse.
„Drittens, er scheint ein sehr freundlicher Typ zu sein, jedenfalls wenn er es sich leisten kann und leisten will. Er ist ein sonniger leben-und-leben-lassen-Charakter, der sein Leben fest in der Hand hat und jeden Zufall, der ihm über den Weg läuft, zu nutzen versteht. Aber jemand wie er hat mit Sicherheit eine genauso ausgeprägte dunkle Seite, die meistens gut verborgen ist, die er aber zweifellos mit der gleichen Effektivität aktivieren und einsetzen kann. Es ist wahrscheinlich schwer, ihn sich zum Feind zu machen, aber wenn das doch geschehen sollte, sollte man lieber gleich sein Testament machen. Er ist der Typ, der nicht sofort und blindlings zurückschlägt, sondern einen Feind zuerst gründlich analysiert und dann genau da trifft, wo man es am allerwenigsten erwartet und es gleichzeitig am meisten weh tut.“ Nummer Vier. „In einer Auseinandersetzung mit ihm sollte man sich nicht darauf verlassen, daß er sich an irgendwelche Regeln halten wird, er ist ein völlig unberechenbarer Quertreiber mit ungeahnten Methoden und Möglichkeiten, von denen er uns bis jetzt nur einen winzigen Bruchteil verraten hat, und deshalb ist er extrem gefährlich. Aber, er hat uns ja extra darauf hingewiesen, nicht wahr? Manchmal wird er zu ehrlich sein für sein eigenes Wohlergehen, aber auch darauf kann man sich nicht verlassen, im Zweifelsfall wird er immer ein verstecktes Ass im Ärmel haben, mit der er sich aus einer Notlage herauswinden kann.
Ein Ort, wo ich jemanden wie ihn absolut niemals sehen möchte,“ Wylie zählte die Nummer Fünf an seinen Fingern ab, „ist die dunkle Seite der Macht. Bei uns würde er als gutmütiger Irrer gelten, und ich glaube, das ist auch genau die Art, wie er selbst gern gesehen werden will, weil sie ihm die Möglichkeit gibt, alles zu tun was er will, ohne daß jemand zu viele Fragen stellt, bei Irren ist man nachsichtig und läßt ihnen einiges durchgehen. Aber wehe, sollte er jemals auf eine Seite geraten, die uns feindselig gesinnt ist. Daß er uns praktisch in Besitz genommen hat, gibt zu denken, jemand wie er weiß bestimmt, was es heißt, mit einer Behörde wie der Agency in Kontakt zu sein, und daß wir ihn jetzt nicht mehr loslassen. Wir waren eine Chance, die ihm zufällig in den Weg kam, und er ist sofort darauf angesprungen, das heißt, er braucht uns für irgendwas.“ Nummer Sechs. „Forrester war wohl nur ein Bonus für ihn, den können wir außen vor lassen. Im Augenblick sind wir ein glänzendes neues Spielzeug, mit dem er Spaß haben will und das er systematisch testen wird. Wenn er uns für geeignet befindet, wird er uns in ein größeres Spiel einbauen. Was das sein wird, keine Ahnung, Sir, aber es muß etwas ziemlich großes sein. Wir müssen uns fragen, ob wir da mitmachen wollen oder nicht, und ob das überhaupt mit Agency-Regeln konform geht. Aber dazu müssen wir ihn wohl erst besser kennenlernen.“ Fox nickte dazu. Da er quasi in den Erinnerungen von Richards hatte spazierengehen können, wusste er, worüber Wylie im Moment nur spekulieren konnte - der Kampf gegen den außerdimensionalen Feind, mit dem Richards sich regelmäßig anlegte, und der in der Tat eine Gefahr für die gesamte Menschheit darstellte. Mitmachen war gar keine Frage, wenn die vermeintliche Invasionsgefahr durch Forresters Artgenossen ersetzt wurde durch die sehr reale Bedrohung, gegen die Richards kämpfte. Allenfalls der Stellenwert der FSA in diesem Kampf war einer eingehenderen Diskussion wert. Wer gegen einen Feind aus dunklen Dimensionen ankämpfen wollte, brauchte geeignete Waffen und Informationen, und Richards konnte beides liefern. Wenn er denn wollte... und allein deshalb mußten sie sich auf seine gute Seite stellen.
„Abermals, er ist ehrlich, und er ist mächtig.“ Punkt Nummer Sieben. „Als er Weber androhte, ihm dauerhaften Schaden zuzufügen, wenn er nochmal auf jemanden schießt, da hat er nicht gedroht oder geprahlt. Er hat es einfach festgestellt, er meinte es genau so, wie er es sagte. Trotz aller Fähigkeiten, die er besitzt, ist er kein Comicheft-Charakter mit einprogrammiertem Ehrenkodex, niemals jemanden umzubringen. Dieser Mann kann und wird foltern und töten, wenn er es für nötig befindet, er wird vielleicht keine Freude daran finden, aber es als etwas betrachten, was einfach getan werden muß, um sein Ziel zu erreichen. Unser einziger Trost in dieser Beziehung ist, daß sein eigenes Verantwortungsbewusstsein und Mitgefühl viel stärker entwickelt zu sein scheint als alles, was irgendein Psychiater oder Priester ihm jemals einreden könnte. Erinnern Sie sich an das Schutzfeld, Sir, und wie stark er betonte, daß es seine Umgebung vor ihm beschützen soll - und wie er uns alle voneinander abgegrenzt hat, als wir auf ihn und auf Forrester losgehen wollten, und uns praktisch dazu gezwungen hat, miteinander zu kommunizieren und unsere Differenzen zu klären. Er hätte uns nicht losgelassen, bevor wir zu einer Einigung gekommen wären, und wenn es hundert Jahre gedauert hätte. Und er weiß genau, daß er brandgefährlich ist, er traut sich selbst nicht in dieser Richtung. Es wäre wirklich interessant zu erfahren, in welcher Umgebung er normalerweise lebt, ob er als Eremit in irgendeiner High-Tech-Höhle haust, die er nur für seine Geschäfte verläßt, oder ob er tagtäglich Leute um sich herum hat. Ich schätze mal das letztere, jemand wie er braucht einfach ein Publikum, das er beeindrucken kann, in den Tiefen seines Herzens ist er ein Angeber. Aber allein daraus ließe sich eine Menge erfahren, wie die Leute täglich mit ihm umgehen und umgekehrt.“
Abermals ein zustimmendes Nicken. Über seine aktuelle Umgebung hatte Richards im Rapport nichts mitgeteilt, es war einfach nicht relevant gewesen, aber das würden sie bald herausfinden, wenn sie mit ihm nach Washington zurückkehrten, also spätestens morgen.
„Sie glauben also nicht, daß er versuchen wird, uns loszuwerden.“
„Absolut nicht, Sir. Wir sind sein auserwähltes Publikum, und ich glaube, daß er uns noch viel mehr zu zeigen hat. Ich bin ziemlich sicher, er kennt die alte Faustregel, daß man beim ersten Date niemals alles über sich selbst verrät, man muß interessant bleiben. Ein Ladies-Typ wie er kennt bestimmt alle Tricks im Handbuch.“
„Vermutlich hat er das Handbuch selbst geschrieben.“ antwortete Fox, der sich erinnerte, wie unglaublich alt Richards angeblich war. Und trotzdem schäkerte er gerade mit JC herum, Jacobs´ junger Kollegin, so charmant wie jeder Herzensbrecher alter Schule.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #9 am: 17. Februar 2015, 09:10:16 Uhr »
„Sir, Tim Nolan, New Hempshire Courier.“ Mit eiligen Schritten kam ein Mann aus der verbliebenen Gruppe von Neugierigen auf die beiden zu, mit der einen Hand demonstrativ einen Presseausweis hochhaltend. „Würden Sie mir und meinen Lesern bitte verraten, was gerade passiert ist?“
„George Fox, Federal Security Agency.” Das Ziehen seines eigenen Ausweises war Fox längst ins Blut übergegangen. „Nein, werde ich nicht, außer daß sich alles in Wohlgefallen aufgelöst hat. Hier gibt es nichts zu sehen und nichts zu berichten.“ Fox verabscheute Reporter und liebte es, sie an der ausgestreckten Hand verhungern zu lassen. „Und ich würde es sehr schätzen, wenn Sie auch die anderen nicht belästigen. Die Herren unterliegen der Schweigepflicht, Sie werden also auch dort kein Glück haben. Haben Sie das verstanden?“
„Aber es wurde geschossen, auf offener Straße! Entspricht das den Sicherheitsvorschriften Ihrer Agency?“
„Wenn die nationale Sicherheit es erfordert, jederzeit. Und jetzt entschuldigen Sie uns bitte.“ Und damit kehrte er dem lästigen Reporter den Rücken zu. Der schüttelte den Kopf, aber er hatte gleich erkannt, daß dieser ältere Agent eine harte Nuß war. Also ging er weiter und versuchte es bei dem Mann mit der langen blonden Haartracht, der laut Augenzeugen das Opfer des Überfalls gewesen war. „Sir, auf Sie wurde von diesen Leuten geschossen.“ sagte er, nachdem er sich vorgestellt hatte. „Aber jetzt scheinen Sie sich bestens miteinander zu vertragen, und die Polizei will offenbar niemanden verhaften. Können Sie mir das bitte für meine Leser erklären?“
Dieser Mann war nicht so zugeknöpft wie der Agent, er lächelte den Reporter heiter an, auch wenn er dafür sofort von dem Agenten einen bösen Blick kassierte, das mit der Schweigepflicht schien er nicht ganz so streng zu sehen.
„Wenn ich der gewesen wäre, für den mich diese eifrigen Staatsdiener hielten, hätten sie alles Recht der Welt gehabt, auf mich zu schießen. Zum Glück wurde kein Schaden angerichtet. Und ich kann ihnen keinen Vorwurf dafür machen, daß sie ihre Arbeit tun, dafür bin ich zu sehr Patriot. Verstehen Sie das?“
„Sie meinen, Sie wurden mit einem Terroristen verwechselt?“
„Etwas in der Art.“ nickte Richards diffus. „Aber Strafe muß trotzdem sein, und diese Strafe besteht darin, daß die Herren mich für heute und morgen an der Backe haben, und vielleicht auch darüber hinaus. Das wird sie hoffentlich lehren, in Zukunft erst zu fragen und danach erst loszuballern.“
Da der jüngere der Männer in dunklen Anzügen zu diesen Worten eine lustige Grimasse schnitt, während der ältere noch grimmiger dreinschaute, schienen die Ansichten darüber sehr gespalten zu sein. Nolan konnte sich ein eigenes Lächeln nicht verkneifen, da schien jemand massiv ins Fettnäpfchen getreten zu sein. Was bei den Lesern des Courier besonders gut ankommen würde, da es Bundesagenten betraf, die kaum jemand leiden konnte.
„Was war mit den beiden anderen Männern, die den Schauplatz vorhin verlassen haben? Der eine trug ein Scharfschützengewehr mit sich.“ Nolan hätte sogar Hersteller und Typenbezeichnung aus dem Ärmel schütteln können, er hatte eine Zeitlang gedient bevor er angefangen hatte, mit der Feder scharf zu schießen, und kannte sich mit Waffen aus, wollte aber niemand mit seinem Wissen verschrecken.
„Ein Scharfschütze ist nützlich bei der Jagd auf Terroristen, und der andere Mann hatte mit Agent Fox etwas zu klären. Die genauen Einzelheiten unterliegen aber, wie ich schätze, dem Beichtgeheimnis, da es in erster Linie um eine längst fällige private Aussprache ging, und sind nicht für die Allgemeinheit bestimmt.“ Richards nickte zu dem Pastor hin, der bestätigend zurücknickte.
„Von welcher Art von Terrorismus sprechen wir hier eigentlich?“ wollte der Reporter wissen.
„Von der ganz üblen, weltbedrohenden Sorte, die jede Maßnahme rechtfertigt. Und um das gleich klarzustellen, sollte ich solchen Terroristen über den Weg laufen, warte ich nicht erst auf die Erlaubnis von irgendwelchen Regierungsvertretern, sondern mache sie gleich selber platt, wenn mir das vergönnt ist.“
„Das klingt, als ob Sie aus Erfahrung sprechen.“ War der Mann ein hoffnungsloser Aufschneider, oder war da etwa wirklich was dran? So oder so, die Sache klang verdammt interessant.
„Das klingt nicht nur so. Aber leider kann ich Ihnen keine Einzelheiten erzählen, weil Sie sie mir nicht glauben würden. Nur soviel, der Spruch, wonach ständige Wachsamkeit der Preis der Freiheit ist, hat seine volle Berechtigung. Und da dürfen Sie mich gerne zitieren.“
„Aber, man hat gezielt auf Sie geschossen! Wie sind Sie den Kugeln entgangen?“
Richards lächelte immer noch heiter. „In einer meiner vielen Professionen bin ich Illusionist. Ich kenne ein paar Tricks, die einen James Bond neidisch machen würden. Und Kugeln zu entgehen ist kein neuer Trick. Sie können sich übrigens gerne über mich informieren, mein Bühnenname ist Thomas der Unsterbliche, und ich trage diesen Namen nicht ganz zu Unrecht. Aber jetzt entschuldigen Sie uns bitte. Ich habe einen geschäftlichen Termin wahrzunehmen und möchte vorher noch schnell einen Imbiß einnehmen. Ungestört und hoffentlich ohne weitere scharfe Grüße aus Blei, verstehen Sie.“ Er verneigte sich knapp in altmodischer Höflichkeit, die den Reporter erstaunt die Augenbrauen hochziehen ließ - solche schrägen Käuze fand man heute nur noch selten - winkte den älteren Agenten zu sich und zog ab. Nolan ließ sie ziehen, er wusste, daß er jetzt nichts weiteres mehr erfahren würde, aber er konnte noch schnell ein paar Dinge recherchieren, bevor der Bericht in Druck ging.
„Mußten Sie ihm ihre ganze Lebensgeschichte erzählen? Was haben Sie an dem Wort „Geheimhaltung“ nicht verstanden?“ ereiferte sich Fox, während Richards ein paar Straßen weiter das erstbeste Lokal ansteuerte. Die Tische und Stühle standen bei dem schönen Wetter draußen, Agent Wylie würde keine Probleme haben sie wiederzufinden.
„Ich habe ihm nichts erzählt, was er nicht ohnehin herausgefunden hätte, wenn er als Reporter was taugt.“ entgegnete Richards leichthin. „Morgen steht es auf Seite Drei, die Regierung im allgemeinen und Ihr Verein im besonderen bezieht Prügel wie üblich, und übermorgen ist es schon wieder vergessen, und so soll es auch sein. Oder glauben Sie etwa alles, was in der Zeitung steht? - Wollen Sie auch bestellen? Diese Besprechung wird dauern, das sollte man nicht mit leerem Magen angehen.“
Beide entschieden sich für Pizza, weil die schnell zubereitet war, mit Saft für Richards und stillem Mineralwasser für Fox. „Sind Sie sicher, daß Forrester nicht erneut die Gelegenheit für eine Flucht nutzen wird?“ fragte Fox. Er wusste zwar die Antwort schon von dem Alien selbst, aber er wollte Richards mit Smalltalk zum Sprechen bringen, egal über welches Thema, wollte mehr davon erfahren, wie der Mann tickte und welche Möglichkeiten er sonst noch alles besaß, und das erfuhr man am einfachsten aus all den Kleinigkeiten, die in einem angelegentlichen und vollkommen inoffiziellen Tischgespräch angesprochen wurden.
„Sie wissen jetzt selbst, daß er nicht mehr fliehen wird.“ bestätigte Tom prompt. „Aber damit er mir nicht ungewollt verlorengeht, habe ich ihm für alle Fälle einen Matrixmarker angehängt.“ Er tätschelte den Knauf seines Stocks, der perfekt aufrecht und ungestützt neben ihm am Tisch stand und gar nicht daran dachte, umzufallen - vermutlich gehalten von einem kleinen, unsichtbaren Energiefeld, nahm Fox an, für die Augen jedes zufälligen Beobachters mußte es wie Magie wirken - oder wie ein Zaubertrick.
„Der Marker funktioniert wie ein Peilsender, ich könnte ihn mit Hilfe meiner Matrix überall auf der Welt aufspüren. Ich weiß nicht, ob Paul den Marker bemerkt hat, in menschlichen Auratechniken scheint er völlig ungeübt zu sein, aber wenn, dann hoffe ich, daß er ihn nicht löscht, er könnte für ihn zu einer Lebensversicherung werden, falls es noch jemand anderes außer uns auf ihn abgesehen hat.“
Und schon wusste Fox, daß sein Vorgehen richtig war, abermals bekam er wertvolle Informationen. Die er auf die gewaltsame Art, die er noch wenige Stunden vorher voll befürwortet hätte, vermutlich niemals aus Richards herausbekommen hätte... die neue Softie-Tour hatte was für sich, stellte er ebenso erstaunt wie verschnupft fest.
„Auratechniken?“ fragte er angelegentlich.
„Hmmm.“ bestätigte Tom. „Normale Menschen tragen ihre Aura nur so mit sich herum, und die meisten wissen nicht einmal, daß es sie gibt, weil die meisten Menschen nicht aurasichtig sind. Wir Matrixtechniker dagegen haben monstermäßige Auras, weil sie ständig von unseren Matrizen aufgeladen werden, wie Ihr Assistent mit seinem Gerät bereits bemerkt hat. Und damit kann man einige tolle Sachen anstellen, Heilen durch Handauflegen zum Beispiel und noch viel bessere Dinge. Habe ich alles ganz regulär als M-Tec-Lehrling gelernt und jahrhundertelang geübt und verfeinert. Daß Paul darüber nichts weiß wundert mich nicht, schließlich hatte er als Außerirdischer vor seiner Ankunft auf der Erde nie eine menschliche Aura, und die seiner eigenen Spezies funktionieren ganz anders. Wir werden uns gegenseitig einiges beizubringen haben, denke ich. Und Sie werden dabei sein, ob Sie wollen oder nicht, Strafe muß sein.“ Wieder strahlte er Fox mit seinem jungenhaften Grinsen an, was der ganz unbewußt mit einer neuen Grimasse quittierte. „Ich nehme aber auch mit Ihrem Assistenten vorlieb.“ drohte Tom daraufhin fröhlich. „Der Mann sah aus, als hätte wenigstens er Interesse an dem, was ich so tun kann.“ Und grinste noch breiter, als er einen Ausdruck stiller Verzweiflung in den Augen des Agenten erkannte, das Mißverhältnis zwischen Fox und seinem Mitarbeiter war ihm nicht verborgen geblieben. Fox hätte diese Aufgabe liebend gern an Wylie abgetreten, aber er wagte es nicht, weil er schon im vorneherein wußte, daß sein Assistent die Sache wie üblich vergeigen würde. Aber wieder einmal ging Fox nicht in die Luft. Stattdessen seufzte er vernehmlich, seine neu erlernte Methode, hörbar Dampf abzulassen, und wechselte das Thema, indem er fragte: „Was werden Sie mit Forrester anstellen?“
„Oh, da habe ich schon eine Menge Ideen. Ich bin unter anderem Besitzer eines privaten Krankenhauses, und dort werde ich ihn einsetzen. Er hat sich seinen menschlichen Körper selbst geklont wie Sie wissen, eine Tat, die er vermutlich nicht wiederholen kann, weil sowas verdammt viel Energie und Vorbereitung kostet. Für kleinere Reparaturen oder Regenerationen, sagen wir mal, Augen oder Nieren oder Nervenstränge, dürften seine Kräfte aber ausreichen, vor allem wenn er von mir und anderen Begabten Unterstützung erhält. Und jetzt stellen Sie sich vor, jemand mit seinen Fähigkeiten und verkuppelt mit dem Wissen und den Erfahrungen fähiger Ärzte - das gibt Wunderheilungen am laufenden Band.“
„Ich dachte, Sie wollten ihn als Fotograf engagieren.“ wunderte sich Fox, wenn auch nur pro forma.
„Das auch. Kleine Heilungen kosten zwar nicht viel Zeit, aber zehren trotzdem an der Kraft, wenn er eine oder zwei am Tag hinbekommt, und das sechs Tage in der Woche, wäre das eine reife Leistung. Den Rest der Zeit soll er auch beschäftigt sein, mit einfachen, weniger kraftraubenden Tätigkeiten, und ich kann Ihnen versprechen, daß er sich bei mir nicht langweilen wird. Und Ihr Verein wird auch den einen oder anderen Wunsch anmelden, denke ich, medizinische Untersuchungen, Fragen nach außerirdischem Leben, nach verwertbaren außerirdischen Technologien, von denen er Kenntnis hat und so weiter.“
„Sie sind also bereit zu einer Zusammenarbeit?“
„Solange Sie ihn mir nicht beschädigen oder auf eine Art behandeln, die ich als jedem Menschen und jedem vernunftbegabten Alien unwürdig empfinden würde - selbstverständlich. Ich betrachte mich als Patriot, wenn auch mehr in dem Sinne als Bürger dieser Welt, die ich zu schützen gedenke - gegen Feinde von außen und wenn nötig, auch gegen Feinde von innen. Aber es gibt auch Dinge, die man lieber nicht übers Knie bricht, das wissen Sie vermutlich genauso gut wie ich. Und bevor Sie fragen - ich wähle demokratisch. Alle paar Jahre wieder braucht man die Demokraten, um die ganzen Fehler auszubügeln, die die Republikaner so elefantös hinbekommen.“ Abermals grinste er, weil er die Gedanken von Fox genau kannte. Jemand, der so schießfreudig, stur, cholerisch und konservativ war wie der Agent, konnte nur ein Anhänger der Republikaner sein.
„Was ist mit Forrester?“ fragte Fox abermals. Eine erste Frage nach der rechtlichen Einstufung eines illegalen Fremdlings, weitere würden zweifellos folgen und von höher besoldeten Stellen als Fox sie darstellte, und Tom verstand sie als solche.
„Der wird in der Wahlkabine seinen Beitrag für die Zukunft dieses Landes leisten, indem er für einen der aufgestellten Kandidaten stimmt, genauso wie der echte Forrester es getan hätte. Das Gesetz weiß nichts von Außerirdischen in geklonten Menschenkörpern, und so soll es auch bleiben. Nur selbst für einen Posten kandidieren wird er selbstverständlich nicht, da würden zu viele Fragen nach seinem Hintergrund aufkommen.“
„Würden Sie kandidieren?“
Denn daß sein Gegenüber nicht zu den sieben Ärmsten im Land gehörte, hatte Fox sofort erkannt. Richards besaß genug Vermögen, um einen Posten ganz oben, sogar das Amt des Präsidenten, mit guter Aussicht auf Erfolg anzustreben.
„Bin ich verrückt?“ lachte Tom zurück. „Ja, klar, bin ich, aber nicht verrückt genug, um mir ein politisches Amt zu wünschen. Ich habe schon genug Hobbies, also, nein danke. Dafür gibt es genug andere Irre im Land.“
Abermals konnte Fox einen Posten auf einer imaginären Liste abstreichen. Und er fühlte zu seinem Erstaunen, daß er sich in Anwesenheit von Tom Richards zu entspannen begann, mehr als er sich in den vergangenen siebzehn Jahren jemals entspannt hatte, obwohl er jetzt wusste, daß dieser Mann viel gefährlicher war als es das Wisconsin-Alien jemals hätte sein können. Entspannung bedeutete potentielle Unvorsicht und Leichtsinn, sollte er darüber besorgt sein oder nicht? Er wusste es nicht, mußte wohl die Dinge auf sich zukommen lassen, eine Aussicht, die er gar nicht schätzte, aber in diesem Fall wohl hinnehmen mußte und auch konnte, schließlich hatte er sein neues Zielobjekt direkt vor seiner Nase. Wachsam und mißtrauisch würde er bleiben, aber das war er ja immer gewesen, oder etwa nicht?
Ihr bestelltes Essen kam. Die Pizza nach original italienischem Rezept duftete verlockend, und sie griffen zum Besteck. Sie genossen ihr Essen, und gerade als Fox die letzten Bissen vertilgte, sah er ihren Dienstwagen, eine dunkle Limousine, mit Wylie am Steuer vorbeifahren und winkte. Wylie war nicht schnell gefahren und hielt sofort an. Tom hatte nichts dagegen, die letzten paar Meter bis zu dem Firmengebäude, in dem die Besprechung stattfinden sollte, gefahren zu werden. Als ein Mann, der jahrhundertelang in Zeiten gelebt hatte, in denen ein Pferd, eine Kutsche oder Schusters Rappen die einzigen Mittel gewesen waren, Distanzen zu überwinden und der gleichzeitig eine starke Abneigung dagegen hatte, sich selbst ans Steuer eines Autos zu setzen, war er es bis heute gewöhnt, Hotels in unmittelbarer Nähe seines Tätigkeitsbereichs zu buchen.
„ViSchNiTe Incorporated,“ las Wylie den dezent gehaltenen, verschlungenen Schriftzug über dem Eingang des großen, modernen Firmengebäudes vor, nachdem sie ausgestiegen waren. „Davon habe ich was in der Zeitung gelesen, die Firma befaßt sich mit Energieversorgung, Bau von Kraftwerken und so, nicht wahr? Was bedeutet eigentlich der Name?“
„Ganz recht.“ nickte Tom. „Der Name setzt sich zusammen aus den Namen Viktor Schaubergers und Nikola Teslas, zwei Männer, die sich mit dem Bereich der sogenannten freien Energie befaßten. Ich habe mir hier erlaubt, geringfügig in der Geschichte herumzupfuschen, im originalen Zeitverlauf, wie er mir bekannt war, haben die beiden zu Lebzeiten niemals die Anerkennung erfahren, die ihnen gebührte. Ich kannte sie beide, arbeitete mit ihnen zusammen und förderte sie, allerdings im Geheimen, um den Zeitverlauf nicht zu sehr zu stören. ihr Erfindungsgeist lebt unter anderem in den Produkten der Firma weiter. Mehr dazu werden Sie bald erfahren.“
« Letzte Änderung: 17. Februar 2015, 09:11:50 Uhr von DAOGA »

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #10 am: 24. Februar 2015, 11:51:08 Uhr »
Kaum hatte er der Empfangsdame im Foyer seinen Namen genannt, als sie ihn mit offenstehendem Mund wie ein siebenköpfiges Wundertier von der Venus anstarrte. „Mr. Richards --“ stammelte sie, sichtlich verblüfft, bevor sie einen Knopf drückte und sich so weit fing, daß sie sagen konnte: „Mr. Robinson, Mr. Richards ist hier-- Ja, Sir.“
Dann beeilte sie sich, die Gäste zum Aufzug zu führen und ihnen die Kabine zu rufen, wobei sie Richards die ganze Zeit ungläubig und fast verehrend anblickte.
Als sie nach oben fuhren, zog Fox fragend eine Augenbraue hoch. Tom verstand, was er sagen wollte. „Ich war schon ein paar Jahre nicht mehr hier.“ antwortete er amüsiert. „Meine Anweisungen und Vorschläge bekamen sie über meine Stellvertreter und mein Firmennetzwerk. Wahrscheinlich dachte der Vorstand, ich wäre längst an Altersschwäche gestorben. Mein Anruf, daß ich mal wieder an einer Sitzung teilnehmen würde, muß sie ziemlich überrascht haben.“
„Wie lange ist ´ein paar Jahre`?“ bohrte Fox nach, mehr aus reiner Bosheit, weil er die Antwort schon erahnen konnte. Aber langsam fing die Sache an, ihm Spaß zu machen. Verrücktspielen konnten schließlich auch zwei.
„Ich gründete die Firma in den dreißiger Jahren, das letzte Mal war ich in den Siebzigern hier.“ Und grinste unschuldig vor sich hin, als wenigstens Wylie für einem Moment genauso verdutzt dreinschaute wie die Frau vorhin.
Doch die sich öffnende Lifttür schnitt seine Frage ab, und dahinter stand das Empfangskommittee, das vermutlich den gesamten Vorstand umfaßte, denn jeder war neugierig auf den legendären Firmengründer, der längst in sehr vorgerücktem Alter sein mußte --- doch statt eines würdigen Greises am Krückstock stand dort ein sehr gesund und agil wirkender Mittvierziger. Abermals verblüffte Gesichter, hatte Richards etwa einen Sohn und Erben geschickt, von dem sie alle nichts wußten? Doch dann trat ein älterer Mann vor.
„Tom Richards, Sie sind es wirklich! Sie haben sich überhaupt nicht verändert!“
„Adolf Zwiefach! Mein Leib-und-Magen-Daniel Düsentrieb!“ Und sie begrüßten sich begeistert mit Händeschütteln und Schulterklopfen, weitaus enger als es unter Firmeninhaber und Mitarbeiter sonst üblich war. Dann musterte der Ältere erneut den Weitaus Älteren von oben bis unten.
„Nein, wie machen Sie das bloß? Sie bleiben jung und knackig, während wir anderen verwittern und auseinanderfallen wie alte Häuser!“
„Sie wissen doch, daß ich total verrückt bin, ich kann nicht mal normal alt werden wie jeder andere.“ entgegnete Tom, über das ganze Gesicht strahlend. „Aber wenn Sie an mir forschen wollen, dann tun Sie sich keinen Zwang an, da wären Sie nicht der erste.“
„Ich nehme Sie beim Wort.“ Abermals Schulterklopfen. „Und wen haben Sie uns da mitgebracht? So ernste, offizielle Gesichter?“
„Das sind Mr. Fox und Mr. Wylie von der Federal Security Agency, ich habe sie unterwegs aufgelesen, und sie wollten sich das hier mal ansehen.“ stellte Tom sofort vor. Zwiefach lachte leise. „Sie haben immer noch das Talent, ungewöhnliche Gäste mitzubringen. Was ist aus Treford geworden, Ihrem FBI-Wachhund?“
Tom wurde plötzlich ernst. „Ist leider vor ein paar Jahren gestorben. Wir haben uns aus den Augen verloren, als er nach seiner Pensionierung nach Florida zog, und ich habe erst kürzlich von seinem Tod erfahren. Seine Familie ließ ihn in Arlington bestatten, als hochdekorierten Weltkriegs-Veteran.“
Jetzt waren nur noch fragende Mienen ringsum zu sehen, allerdings aus einem ganzen Bündel von Gründen. Tom wandte sich zuerst an seine Gäste, die Agenten. „Bei den Belegschaften meiner eigenen Firmen verkneife ich es mir, ihnen die Story vom Pferd zu erzählen und mich als mein eigener Sohn auszugeben. Die alten Stammbelegschaften wissen sowieso, daß sie es immer mit dem gleichen alten Adam zu tun haben.“ erklärte er in Richtung Fox und Wylie, was aber ebenso für alle jüngeren Vorstandsmitglieder dieses Betriebs gedacht war. „Und ich möchte wetten, daß meine FBI-Akte immer noch existiert und gut versteckt auf den nächsten Agenten wartet, der in Trefords Fußstapfen treten will.“ Eine Aussicht, die Wylie dazu brachte, erwartungsfroh zu grinsen, eine Schatzsuche in den legendären Katakomben des FBI war genau seine Kragenweite. „Treford war genauso hinter mir her wie Sie hinter Ihrem Forrester. Das war damals in den Fünfzigern, als man hinter jedem Baum einen Kommunisten oder Außerirdischen zu sehen glaubte. Und als er mich endlich hatte, hat er es wahrscheinlich ziemlich schnell bereut, weil er sich meine ganze Lebensgeschichte anhören mußte. Alles, nicht nur die Kurzversion. Für die Leute, die mich kennen, reicht diese Aussicht schon, zu Strick oder Pistole zu greifen.“ Er grinste schräg, während Wylie breit lächelte und Fox wieder einmal seine akutes-Zahnweh-Leidensmiene zeigte. Tom wandte sich an den Rest seines gebannt lauschenden Publikums. „Und wenn Sie meinen, jemanden zu kennen, der meine Langlebigkeit enträtseln kann, dann immer her damit. Aber ich muß Sie vorwarnen, ich habe schon einige Experten verschlissen. Wer sich nicht mit Auswirkungen n-dimensionaler Felder auf vierdimensionale Organismen auskennt, braucht meine Zeit gar nicht erst verschwenden.“
„So schwierig, eh?“ fragte Zwiefach, dessen deutscher Restakzent sich in all den Jahren nie ganz verloren hatte.
„Wenn es einfach wäre, könnte es ja jeder.“ gab Tom ironisch zurück. Genau wissend, daß er mit seiner Offenheit jetzt schon den meisten Interessenten den Wind aus den Segeln genommen hatte. Und der Rest mochte kommen, vielleicht war ja sogar etwas Brauchbares darunter.
„Aber warum stehen wir hier auf dem Flur herum.“ forderte er dann unverblümt auf, die Lokalität zu wechseln. Verdutzte Blicke, dann entschuldigende Gesichtsausdrücke, vor lauter Gebanntheit hatten sie gar nicht bemerkt, daß sie immer noch vor dem Lift herumstanden, selbstverständlich war der Konferenzraum vorbereitet und eine bessere Räumlichkeit für interessante Gespräche...
„Worum geht es hier eigentlich?“ fragte Fox angelegentlich, als sie ihre Plätze einnahmen, die Agenten als seine Gäste links von Tom, Zwiefach zu seiner anderen Seite, gefolgt von dem CEO der Firma, Mr. Robinson, was auf die Hierarchie in der Firma schließen ließ.
Tom wies auf eines von vielen Modellen, die unter Glas auf einem Sims eine Wand des Konferenzraums schmückten. „Das Hauptstandbein der Firma ist die Errichtung von Kraftwerken im kleinen bis mittleren Bereich, obwohl sie auch Großlastkraftwerke hinstellen könnte, die Technologie wäre vorhanden. Aber für wirkliche Großanlagen ist der Markt einfach nicht so groß und obendrein schwer umkämpft. Vor allem die Atombranche ist ein Riese, der mit allen Bandagen kämpft, gegen solche Gegner geht man am besten mit mannigfachen Ameisenangriffen vor, nimmt ihm die Pfründe Stückchen um Stückchen weg, bevor man irgendwann den Coup de Grace anbringt und den Riesen über seine eigenen Beine stolpern läßt. Ich bin sicher, daß Ihre Agency dazu eigene Untersuchungen und Analysen besitzt, meines Wissens hat sich die FSA bereits seit ihrer Gründung zumindest nach außen hin mit wirtschaftlichen Fragen befaßt.“
Dazu nickten die Agenten, sie wußten beide, mit welchen Deckaktivitäten ihre „Firma“ in den ersten Jahren nach ihrer Gründung in den vierziger Jahren ihre wahren Aufgaben verschleiert hatte.
„Das besondere an unseren Kraftwerken ist ihr extrem hoher Wirkungsgrad, der dadurch zustande kommt, daß die Generatoren nach dem Prinzip der sogenannten Freien Energie arbeiten. Leider tummeln sich aber im Bereich der Freien-Energie-Forschung so viele Scharlatane, daß Maschinen, die damit beworben werden, praktisch keine Käufer finden, weshalb unsere Anlagen als herkömmliche Kraft-Wärme-Anlagen verkauft werden, meistens Gasturbinen, wahlweise auch mit Öl- oder Kohlebefeuerung, Wasserkraft oder neuerdings sogar Holzpellet-Beschickung, je nachdem was der Kunde regional als Energieträger zur Verfügung hat. Diese konventionellen Generatoren, das ist der kleine Teil da vorne,“ Tom deutete auf das kleine Häuschen im Modell, das sich vor der riesigen Halle der eigentlichen Generatoren befand, und das die Agenten für ein Überwachungsgebäude gehalten hatten, „sind aber in Wahrheit nur der Kickstarter für die Freie-Energie-Generatoren. In dieser Halle befindet sich eine Kette von riesigen Schwungrädern, die das eigentliche Herz der Anlage sind. Es ist eines der Grundprinzipien der Freien Energie, daß man zuerst ein bestimmtes Maß an konventioneller Energie investieren muß, um den Zufluß von Freier Energie zu aktivieren. Sobald aber diese Schwelle überschritten ist und sich der Energiezufluß stabilisiert hat, erhält sich die Reaktion von selbst, und man kann den konventionellen Teil abschalten. Oder mit anderen Worten, ab diesem Zeitpunkt muß man keinen Treibstoff mehr zuschießen, was diese Anlagen konkurrenzfrei profitabel macht. Sie werden einfach nirgendwo sonst ein Kraftwerk finden, das den größten Teil der Zeit scheinbar ohne jeden Treibstoff läuft, und Gas, Öl oder andere Energieträger kosten nun mal Geld. Den meisten unserer Kunden fällt dieser Punkt interessanterweise gar nicht auf, sie freuen sich nur, daß ihre Betriebsbilanzen so gut aussehen, und wir stoßen sie auch nicht mit der Nase darauf. Falls doch jemand gut genug rechnen kann, behaupten wir einfach, daß die patentierte Schwungradtechnologie für einen besonders hohen Ausnutzungsgrad bei der zugeführten Energie sorgt, und das schlucken die meisten. Schließlich weiß jeder, der halbwegs gebildet ist, daß ein Perpetuum Mobile nicht funktionieren kann, ergo können unsere Anlagen keines sein, sie sind einfach nur sehr effektiv.“ Er lächelte heiter, ein Lächeln, das sich mehr oder weniger stark auch bei den Vorstandsmitgliedern finden ließ, das schien ein uralter Running Gag in dieser Firma zu sein.
„Wo haben Sie das ganze Know-How her?“ fragte Fox. Normalerweise interessierte ihn Technik nur insoweit, als er wissen wollte, auf welchen Knopf er drücken mußte, um ein bestimmtes Resultat zu erreichen. Er war ein Jäger, der Übeltäter draußen auf der Straße oder in ihrem Schlupfwinkel dingfest machte, kein Technikfreak, der sich seinen Kick im Testlabor holte. Aber bis jetzt hatte er alles verstanden, was ihn erstaunte, Richards konnte verblüffend gut erklären, ohne in unverständliches Spezialisten-Kauderwelsch zu verfallen.
„Einen Teil habe ich mitgebracht, ein weiterer Teil wurde von den namensgebenden Wissenschaftlern Viktor Schauberger und Nikola Tesla beigesteuert, und für alles andere war und ist Adolf zuständig, der auf seine Weise genauso ein Genie ist wie die beiden anderen es waren.“ Er nickte dem Leiter seiner Forschungsabteilung zu, der lächelnd zurücknickte. „In den dreißiger und vierziger Jahren stand nämlich vieles noch nicht zur Verfügung, was wir heute ganz selbstverständlich benutzen, neue Materialien und damals noch unerreichbare Präzisionsmaßstäbe, die bereits erprobte Technologie muß ständig den neusten Verhältnissen angepaßt und nachjustiert werden, und dafür braucht es Experten. Wir haben so viel davon patentiert, wie wir riskieren konnten, aber wir werden natürlich niemals alle Tricks verraten.“ 
„Und wo liefern Sie Ihre Produkte überall hin?“
„Das wird uns Mr. Robinson gleich in allen Details in seiner Präsentation zeigen. Inzwischen ist die Firma weltweit tätig, allerdings gelten in manchen Ländern strengere Sicherheitsauflagen als in anderen, wofür Sie als Vertreter der Regierung bestimmt Verständnis haben, wir wollen unsere Firmengeheimnisse ja nicht von den Chinesen oder Arabern usurpieren lassen. Mr. Robinson, bitte.“
„Sie haben bereits meine Einführung vorweggenommen, Mr. Richards.“ lächelte der CEO, während er zur elektronischen Schautafel trat, auf der auf seinen Knopfdruck hin die zusammengestellten Daten erscheinen würden, gleichzeitig mit genau denselben Daten auf den kleinen Monitoren, von denen jeder der Teilnehmer der Besprechung einen vor sich auf dem Tisch stehen hatte. Und er begann mit seinem Vortrag.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #11 am: 3. März 2015, 13:37:13 Uhr »
„Scott?“
Scott Hayden wusste es besser, als sofort zu reagieren. Er traute Fox jede Gemeinheit zu, auch daß er einen Stimmenimitator engagiert hatte, der die Stimme seines Vaters perfekt nachmachen konnte, um ihn aus seinem Versteck zu locken. Also lugte er erst einmal vorsichtig um die Ecke, um festzustellen, wer da nach ihm gerufen hatte. Und entspannte sich etwas, weil es tatsächlich sein Vater war, der dort näher kam. Allerdings war er nicht allein, bei ihm war ein fremder Mann jüngeren Alters, mit kurzgeschorenen Haaren und straff-energischer militärisch wirkender Erscheinung, der in einer Hand einen stabilen Stoffbeutel trug, der etwas längliches von einigem Gewicht enthielt. Etwas, was locker eine zerlegte Schußwaffe sein konnte...
„Wer ist das, Dad?“ fragte er, noch nicht ganz bereit, sich den beiden zu nähern.
„Carl Weber, United States Marines, Sir,“ grinste der Fremde und salutierte lässig, blieb aber sicherheitshalber stehen, weil die ganze Körperpose des jungen Mannes von sofortigem Fluchtwillen sprach.
„Es ist in Ordnung, Scott,“ sagte Paul sofort, als er den Schreck in den Augen seines Sohnes las. „Er soll uns beschützen.“
„Das ist richtig.“ sagte Weber. „Und ich traue es Richards durchaus zu, daß er mich in eine Kröte verwandelt, wenn ich den Job vermassle.“
„Wer ist Richards?“ fragte Scott prompt, weil der fragende Gesichtsausdruck seines Vaters besagte, daß er das mit der Kröte nicht begriff.
„Jemand, der Mr. Fox den Kopf zurechtgerückt hat. Fox hat mich eigentlich dafür engagiert, euch zwei zu sedieren, damit er euch festnehmen kann.“ Er deutete auf den Stoffbeutel, der anscheinend tatsächlich ein Gewehr enthielt, eines, das auch Betäubungsgeschosse verschießen konnte. „Aber Mr. Richards kam dazwischen. Ich weiß gar nicht, ob ich darüber zu dir reden dürfte... jedenfalls hatte Richards ziemlich überzeugende Argumente. Er hat mit Fox etwas gemacht, was Mr. Wylie als „vulkanische Gedankenverschmelzung“ bezeichnete. Muß eine ziemlich überzeugende Gehirnwäsche gewesen sein, weil Fox sich anschließend das gleiche mit deinem Vater hier getraut hat, wovor er vorher panische Angst zu haben schien. Ich würde nicht behaupten, daß er sich um hundertachtzig Grad gedreht hat, aber danach hat er sich beinahe menschlich verhalten. So gesehen war es ein voller Erfolg.“ Er grinste wieder.   
„Stimmt das, du hast mit Fox... kommuniziert?“ fragte Scott ungläubig seinen Vater.
„Ja, endlich, Scott.“ Aber die Freude darüber in Pauls Gesicht war gemischt mit einer tiefen Traurigkeit, seine ganze Körperhaltung sprach davon, daß er jetzt einfach nur in den Arm genommen werden wollte, und Scott kannte ihn gut genug, um es zu erkennen und dem Wunsch zu entsprechen.
„Ich weiß jetzt, warum Mr. Fox uns so sehr gehaßt und gefürchtet hat.“ sagte Paul, und mit einem Mal liefen ihm wieder Tränen über die Wangen. „Er war in einem Land namens Vietnam, und hat dort Dinge erlebt, die zu grausam sind, um sie auszusprechen. Sag mir, Scott, warum sind die Menschen so grausam in den Dingen, die sie einander antun?“
„Der Mensch ist zum Besten und zum Schlechtesten fähig, das hast du selbst gesagt, Dad. Das ist es, was wir sind.“ sagte Scott, der ahnte, daß sein Vater in der telepathischen Verbindung die ungefilterten, originalgetreuen Erinnerungen von Fox abbekommen hatte, und das waren vermutlich Erinnerungen, die selbst die meisten Menschen schwer verstört hätten, geschweige denn ein unschuldiges, naives, mitfühlendes Wesen wie den Mann vom andern Stern. „Aber es waren viele Leute in Vietnam. Was ist mit Fox dort passiert?“
„Man hat ihm Schmerzen zugefügt. So viel Schmerzen... bis er es nicht mehr aushielt und Dinge gesagt hat, die er nicht hätte sagen sollen. Militärische Informationen, die dazu führten, daß andere Amerikaner starben. Als er dann zurück in diesem Land war und von mir erfuhr, fürchtete er, daß ihm der Feind gefolgt sei. Er hatte Angst, daß ich ihm wieder Schmerzen zufügen könnte, und daß ich den Tod vieler Menschen, vieler Amerikaner, verursachen könnte.“
„Was für ein Trottel.“ erwiderte Scott in einem Seufzer, der so ehrlich und aus tiefstem Herzen kam, daß Weber beinahe erneut grinste. Aber er verkniff es sich, weil er ahnte, daß die Leidensgeschichte nicht nur auf Seiten von Fox und Forrester bestand, sondern auch den jungen Mann umfaßte.
„Und wo ist er jetzt?“ Denn daß Fox nur einen Marine schickte, statt höchstselbst mit seinem Assistenten und einem ganzen Rudel Polizisten im Schlepptau anzurauschen, wollte Scott nicht in den Kopf gehen.
Weber war tief beeindruckt von den Gefühlen, die der Außerirdische so ungeniert zeigte, Gefühle für einen fremden Mann, der ihm offenbar lange Zeit nur nackte Feindseligkeit gezeigt hatte. Er verstand jetzt, warum das Alien bei Richards sofort den Beschützerinstinkt aktiviert hatte, kaum daß er von seiner Existenz erfuhr, schließlich hatte Richards nach eigenen Angaben bereits früher Kontakte mit Wesen dieser Art gehabt und wusste, wie sie tickten.
„Fox und Wylie sind bei Richards. Er sagte, er hat einen Geschäftstermin, bei dem er die beiden dabeihaben will. Anscheinend traut er ihnen trotz Gehirnwäsche noch nicht so recht.“ antwortete er anstelle von Paul. „Der Termin dauert bis abends, und bis dahin soll ich dafür sorgen, daß ihr zwei euch bei Richards im Hotel einmietet und auf ihre Rückkehr wartet.“
„Richards ist in Ordnung.“ beruhigte Paul seinen Sohn. „Er ist ehrlich und reich und hat Einfluß bei wichtigen Stellen, und er hat Erfahrung im Umgang mit Außerirdischen. Er hatte vor langer Zeit mit meiner Rasse Kontakt und mit ein paar anderen. Er hat versprochen, uns zu beschützen, und auch Jenny Hayden, wenn wir sie finden, und ich glaube ihm. Wir hatten einen telepathischen Kontakt, und es ist fast unmöglich, in einem telepathischen Kontakt zu lügen, selbst für einen Menschen. Er hat mich als Fotograf engagiert, aber er hat viel mehr mit uns vor. Er weiß, welche Fähigkeiten die Mitglieder meiner Rasse besitzen, und will diese Fähigkeiten nutzen.“
„Und so wie ich das sehe, ist Richards wohl eure beste Chance, ein einigermaßen normales Leben zu führen, nicht mehr auf der Flucht vor Geheimdiensten. Dieser Mann ist nicht der Typ, der sich ein neues Spielzeug wegnehmen läßt, nicht einmal von der Regierung der Vereinigten Staaten. Er ist total irre, aber von der lustigen und interessanten Sorte von Irren. Mr. Wylie hat schon angeboten, ihn zu heiraten, der will ihn nicht mehr hergeben.“ erzählte Weber belustigt. „Das Gespräch fand in einer Kirche statt, und der Pastor war auch da. Wenn es nach Wylie gegangen wäre, wären die beiden jetzt schon Mann und Mann, von seiner Seite war es Liebe auf den ersten Blick.“
„Wylie ist schwul?“ Etwas minderbemittelt ja, aber schwul? Das wäre Scott nicht unbedingt in den Sinn gekommen.
„Von ihm weiß ich´s nicht, und Richards ist nach seinen eigenen Angaben hetero, aber das hätte Wylie nicht gebremst. Selbst wenn Fox jetzt einen Rückzieher macht und nichts mehr von Aliens wissen will, Wylie werdet ihr nicht los. Der wird an Richards und damit an euch kleben bleiben wie eine Klette. Fox hat schon angedroht, daß er alle Alien-Nerds in seiner Umgebung einfach erschießen lassen wird, aber ich glaube, das war ein Witz.“
Da auch Paul dazu ein Lächeln zeigte und nickte, schien letzteres sogar zu stimmen.
Weber ging voran und zeigte den Weg zum Hotel, wo sie sich auftragsgemäß einquartieren sollten, bis Fox und Wylie und dieses Wundertier Richards eintrafen. Und dann würde sich herausstellen, ob alle Angaben der Wahrheit entsprachen, und ob die Gehirnwäsche bei Fox immer noch wirkte...     

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #12 am: 10. März 2015, 11:59:41 Uhr »
Forrester, sein Sohn und der Scharfschütze befanden sich tatsächlich im Hotel. Sie hatten den Tag dafür genutzt, große Wäsche zu veranstalten. Auf der Flucht vor Fox kamen der Außerirdische und sein Sohn nicht so oft dazu, sich selbst und ihre Habseligkeiten so sauber zu halten, wie es wünschenswert gewesen wäre, was bei ihrem Einzug für gerümpfte Nasen von Seiten des Hotelpersonals gesorgt hatte. Wenn sie sich nicht auf Richards hätten berufen können, unterstützt durch die Legitimierung des Scharfschützen, hätte man ihnen vermutlich die Zimmer sogar verweigert. Weber beaufsichtigte sie befehlsgemäß bei allen Tätigkeiten und stellte dabei viele, viele Fragen, die die beiden zuerst zögerlich, dann jedoch mit zunehmendem Enthusiasmus beantworteten. Umgekehrt war Scott Hayden von ihnen in genaueren Details darüber informiert worden, was vor und in der Kirche geschehen war. Trotzdem ging der junge Mann zuerst vor Panik beinahe die Wand hoch, als er den gefürchteten Agenten auf beinahe Reichweite in seiner Nähe sah, es bedurfte eines stärkeren körperlichen Kontaktes von Seiten seines Vaters, ihn zumindest so weit zu beruhigen, daß er nicht auf der Stelle abermals die Flucht ergriff. Fox blieb aber knapp jenseits der Grenze stehen, ab der Scott in jedem Fall getürmt wäre, ließ ihm seine Fluchtdistanz und sprach ihn nur an, schuldbewußt dreinschauend. „Ich erwarte gar nicht, daß du mir vergibst, Scott.“ sagte er so zögernd, wie Forrester und Sohn den Agenten noch nie hatten sprechen hören, und ganz ohne seine frühere Aggressivität und Feindseligkeit im Ton. „Ich weiß, daß du das nicht kannst. Im Augenblick kann ich nur sagen, daß es mir leid tut. Ich war die ganzen Jahre lang wie von Sinnen, und das schlimmste daran ist, daß nichts davon eure Schuld war, es war nicht die Schuld deines Vaters, und ganz bestimmt war es nicht die deine oder die deiner Mutter. Nein, die Schuld liegt ganz allein bei mir. Ich weiß, daß es das nicht besser macht, aber du hast allen Grund, auf mich zornig zu sein. Ich habe dir deine ganze Kindheit geraubt, ein glückliches Leben mit deinen Eltern oder wenigstens mit deiner Mutter, das kann ich nie wieder gutmachen. Aber ich kann jetzt wenigstens dafür sorgen, daß ihr beide, oder ihr drei, wenn ihr Mrs. Hayden wiederfindet, ein Leben ohne weitere Verfolgung leben könnt.“
„Aber dafür sollen wir mit nach Washington kommen!“ spuckte Scott zurück, der dem Agenten nicht so weit traute, wie er ihn werfen konnte. „Was für eine Sicherheit haben wir da, wenn Sie Ihre Meinung plötzlich ändern sollten?“
„Das war tatsächlich meine Idee.“ mischte Richards sich ein. „Ich wohne nahe Washington und hoffe, daß ihr beide bei mir einzieht, bis ihr euch vielleicht eine andere Unterkunft suchen wollt, mein Haus ist groß genug für ein paar Gäste. Außerdem hat die staatliche Bürokratie eine längere Erinnerung als ein Elefant. Selbst wenn Mr. Fox die Jagd sofort abbläst, bleiben genug ungelöste Fragen offen, um irgendwann einen anderen Agenten auf eure Spur zu setzen. Die einzige Möglichkeit, die Angelegenheit wirklich ein für allemal aus der Welt zu schaffen, besteht darin, sich mit den Stellen ganz oben in Einvernehmen zu setzen, zum Beispiel mit dem Chef dieser Agenten.“
„Das stimmt, Scott, vertraue niemals der Bürokratie, sie neigt dazu, einen in den peinlichsten Momenten in den Hintern zu beißen.“ nickte Wylie dazu. „Und ich glaube, daß er mehr Einfluß und Einfallsreichtum in solchen Dingen besitzt als wir allein es hätten.“ Wobei er auf Tom deutete.
„Eine Möglichkeit habe ich Mr. Fox gegenüber schon erwähnt. Paul könnte als Botschafter seines Volkes anerkannt werden und erhielte dann Diplomatenstatus. Der Begriff diplomatische Immunität ist dir vertraut, ja?“
„Würde das dann nicht in allen Nachrichten landen, daß ein echter Außerirdischer als Botschafter in Washington lebt?“ fragte Scott Hayden.
Darauf grinste Tom zynisch. „Wenn ein geborener Amerikaner, wie ein Paul Forrester zum Beispiel, als Botschafter für einen ausländischen Staat, von dem noch nie jemand gehört hat, anerkannt wird, bedeutet das üblicherweise, daß ein Haufen Geld geflossen ist. Nämlich erstens das Geld, das ins jeweilige Ausland wandert und dort irgendwelche hohen Tiere schmiert, und zweitens Geld im Inland, mit dem die Anerkennung hierzulande unterstützt wird. Wenn du weißt was ich meine.“ Denn zu dem „unterstützt“ hatte er mit beiden Händen Anführungszeichen in die Luft gemalt. „Diplomatenposten sind genauso käuflich zu erwerben wie jede andere Ware, und wenn die Summe stimmt, schaut man in manchen Ländern nicht so genau auf die Herkunft des Aspiranten und wie loyal er dem Land gegenüber tatsächlich ist. Die rechtmäßig und ehrenvoll von ihren Ländern ernannten Botschafter rümpfen über solche Praktiken verachtungsvoll die Nase, schicken vielleicht pro forma ein Glückwunschbillet  zur Akkreditierung, und dann begraben sie die peinliche Angelegenheit irgendwo in ihrer eigenen Bürokratie und hoffen, daß sie mit diesem „Kollegen“ nie etwas zu tun bekommen. Und solange die Tätigkeit der eingekauften Möchtegern-Diplomaten sich im wesentlichen darauf beschränkt, mit großartigen Visitenkarten zu wedeln, Freiflüge zu schnorren und auf Dinnerpartys anzugeben wie Graf Rotz, kräht auch kein Hahn danach. Ein Land, das sich Diplomatenposten abkaufen läßt, hat andere Wege, seine politischen Ansichten durchzusetzen und ist auf dem politischen Parkett meistens insgesamt zu unwichtig, als daß ein untauglicher Diplomat recht viel Unheil anrichten könnte. Im Fall von Paul wüßten nur wir und ein paar auserwählte Personen in ganz hohen Positionen, die für die Anerkennung zu sorgen hätten, daß es hier nicht um einen teuer erkauften Egotrip handelt, sondern um eine wasch-und farbechte Angelegenheit, hinter der viel mehr steckt als es den Anschein hat. Washington ist ein bürokratischer Urwald, in dem ein einzelnes Blatt sehr leicht untergeht, vor allem wenn es sich dezent zurückhält. Aber es ist trotzdem eine Absicherung, hinter der man sich im Notfall verschanzen kann, denn wenn ein Diplomat angegriffen wird, fühlen sich alle angegriffen.“   
Fox nickte dazu, ihm gefiel, daß Tom Richards der Zu-Ehrliche auch denken konnte wie ein Winkeladvokat, wenn es die Sache erforderte.
„Im Augenblick sind das alles fromme Worte. Welche Sicherheiten haben wir jetzt?“ bohrte Scott hartnäckig nach.
„Die Sicherheit, daß ihr jetzt mir gehört, und nicht denen.“ grinste Tom weiter und wies auf die Agenten. „Sie haben heute auf mich geschossen, und mehr als einmal, dafür verdienen sie eine Strafe, und die wird darin bestehen, daß ich ihnen im Nacken sitze. Auf jeden Fall bis morgen in Washington, und vermutlich auch darüber hinaus. In D.C. kommt ihr erst einmal bei mir unter, bis wir das mit ihrem Chef geklärt haben, und mit allen anderen Stellen, die vielleicht die Finger im Spiel haben. Ich will da Klarheit haben und wissen, wem ich die Hölle heiß machen soll, wenn irgendetwas passiert. Notfalls gehe ich bis zum Präsidenten persönlich. Und glaubt nur nicht, daß der mich aussperren könnte, wenn ich zu ihm ins Oval Office will.“
Und abermals wußten die Agenten, daß er jedes Wort so meinte, wie er es sagte. Fox fragte sich insgeheim, wie ihm dieser Mann bisher hatte entgehen können, Richards mußte wirklich erstklassige Tarnungsstrategien beherrschen, wenn er bis jetzt, von einer FBI-Episode abgesehen, nie auf dem Radar staatlicher Überwachungsstellen aufgetaucht war. Wylie interessierte etwas ganz anderes. „Was hat dieser Adolf Düsentrieb damit gemeint, als er sagte, daß Sie ihm noch ein paar Kilo Diamanten und Edelsteine schicken sollten? War das irgendein Insider-Gag?“ Denn die meisten Mitglieder des Vorstandes hatten gelacht, als Adolf ganz angelegentlich darauf zu sprechen kam.
„Nein, das war kein Witz, er meinte damit Industriediamanten und Korundkristalle von bestimmter Mindestgröße und maximaler Reinheit. Er braucht sie in großen Mengen für seine Forschungen, was vorhin aber nicht erwähnt wurde, weil es zu einem von den Projekten gehört, die noch nicht spruchreif sind. Synthetischen Korund bekommt man in guter Qualität relativ billig, aber die synthetischen Diamanten würden das Forschungsbudget komplett ruinieren, wenn Adolf sie von einem konventionellen Hersteller beziehen müßte. Glücklicherweise kann ich sie mit geringem Aufwand an Zeit und Material selbst herstellen, und deshalb wissen die meisten Vorstandsmitglieder gar nichts davon, wir wollten sie nicht unnötig in Versuchung führen. - Wissen Sie, was Superman macht, wenn er mal klamm ist? Er nimmt ein Stück Kohle in die Hand, drückt einmal kräftig, und voila -“ und Toms Hand kehrte aus seiner Jackentasche zurück, und sie alle sahen die Dinger, die auf seiner Handfläche lagen, kleine durchsichtige, glitzernde Objekte, die aussahen wie Trümmer von zerschmettertem Sicherheitsglas - ungeschliffene Diamanten, wie die anderen voll Staunen begriffen. „Das hier sind kleinere ohne den Reinheitsgrad, wie Adolf sie braucht, Ausschuß gewissermaßen. Ich habe immer welche in der Jackentasche, schließlich weiß ich nie, wann ich mal Kleingeld brauche. Bevor mein Kammerdiener meine Anzüge in die Wäsche gibt, muß er immer erst die Taschen leeren. Er hat sich angewöhnt, die Steine in ein Aquarium zu werfen, das in der Waschküche steht, es enthält inzwischen mehr Diamanten als Sand im Bodensatz. Die Fische stören sich zum Glück nicht dran.“ erzählte Tom amüsiert. „Und ich kann jederzeit für neue sorgen. Alles was ich brauche, um sie herzustellen, ist ein Sack Graphitpulver oder Holzkohle, meine Matrix und ein paar Minuten Zeit, das geht ziemlich fix, wenn man den Bogen erst einmal heraus hat.“ 
Paul Forrester zog fragend eine Augenbraue hoch, dem großäugigen Staunen der anderen entnahm er, daß hier etwas nicht Alltägliches besprochen wurde. „Heißt das, daß diese Kohlenstoff-Kristalle wertvoll sind?“
Sein Sohn seufzte unwillkürlich. „Diamanten, Dad. Und, ja, Diamanten sind sehr wertvoll, weil reiche Damen sich gern mit Diamantschmuck behängen, und die natürlich entstandenen Steine ziemlich selten sind. Mit einem einzigen guten Stein von der Größe eines Daumennagels könnten wir uns ein Auto kaufen.“
„Das wusste ich nicht.“ sagte der Starman mit seinem üblichen Gesichtsausdruck überraschter Unschuld, und alle anderen wurden wieder mal daran erinnert, daß dieses Wesen nicht von der Erde stammte und deshalb von hiesigen Wertmaßstäben denkbar wenig Ahnung hatte. „Ich hätte solche Kristalle herstellen können, dann hätten wir Geld dafür bekommen, als wir keines hatten und auf der Straße übernachten mußten.“ Bekümmert blickte er seinen Sohn an, der zuerst andeutungsweise die Augen verdrehte über die Unwissenheit seines Erzeugers und dann gleich tröstete: „Macht nichts, Dad, wir haben es ja überlebt. Und jetzt weißt du es, falls wir mal wieder Geld brauchen.“
„Autsch. Jetzt habe ich die Büchse der Pandora geöffnet.“ lachte Tom, an die Agenten gewandt. „Das erste, was die beiden tun werden, sobald sie irgendwo an Kohle herankommen, ist Diamanten herstellen, in allen Größen und Farben. Das tun nämlich alle Anfänger. Habe ich auch gemacht, vor sehr langer Zeit. Und es macht immer noch Spaß, sie erstens zu machen und dann zweitens damit herumzuprotzen. Vor allem die Damen fahren voll darauf ab.“
Diesmal kam Wylie seinem Chef zuvor, indem er in gespielter Verzweiflung die Augen verdrehte, anklagend Richtung Zimmerdecke starrte und „Aliens!“ seufzte. Und zum ersten Mal spielte so etwas wie ein kurzes Lächeln über Scotts Gesicht, und er entspannte sich etwas. 
„Und was macht Mr. Zwiefach mit den Diamanten?“ fragte Fox dann angelegentlich.
„Er bekommt sie von mir im Rohzustand und läßt sie von einem Fachmann passend für seine Experimente zuschleifen. Wenn diese Sache spruchreif ist, bedeutet das nichts anderes als die nächste Generation der Speichermedien. Die momentan gebräuchlichen Datenspeicher wie Magnetbänder und DVDs aus Plastik sind, wie Sie sicher wissen, nicht sehr langlebig, das Material degeneriert schnell, und spätestens nach einigen Jahrzehnten gehen nach und nach alle Daten verloren. Das heißt, daß in spätestens zweihundert Jahren ein ziemlich großer Teil unserer heutigen Kultur, insbesondere Musik und Film, aber auch der gesamte elektronische Verkehr und Datenbestand, für immer verloren sein wird. Aber auch Glas, mit dem hier und da bereits experimentiert wird, zerfließt im Lauf von ein paar Jahrhunderten derart, daß eingeprägte Informationen unleserlich werden. Daten, die in die widerstandsfähigen Kristallstrukturen von Diamant und Korund eingeschrieben sind, ließen sich dagegen noch in zehntausend Jahren praktisch unverändert lesen. Ein zukunftsträchtiges Projekt also im wahrsten Sinne des Wortes, und Adolf Zwiefach ist derjenige, der die Grundlagen dafür erschafft.“
„Sie sind ein wahrer Kultur- und Menschenfreund.“ spottete Fox mild. Damit war er immer noch meilenweit von seiner üblichen Bissigkeit entfernt, dachten sich Wylie und Weber, die Gehirnwäsche, die ihm Richards und Forrester verpaßt hatten, wirkte offenbar immer noch nach. Und sie wußten im Augenblick noch nicht, ob sie darüber glücklich oder besorgt sein sollten.
„Keineswegs. Das ist reiner Egoismus meinerseits.“ lächelte Tom zurück. „Von allem was die nächsten siebenhundert Jahre überstehen wird, werde ich potentiell profitieren, also sollte ich möglichst früh dafür sorgen, daß es das auch tun wird, okay?“
„Siebenhundert Jahre? Was wird dann sein?“ fragte Wylie verblüfft. Abermals hatte der Mann es geschafft, ihn zu überraschen.
„Das erzähle ich Ihnen ein andermal.“ entgegnete Richards freundlich. Und Wylie freute sich, weil er immerhin nicht „nein“ gesagt hatte. Was dieser Mann versprach, das würde er auch einhalten, soviel wusste der Agent inzwischen.
„Was genau haben Sie mit uns vor, wenn Sie uns... behalten wollen?“ Mit reichen Leuten hatte Scott bisher nicht die besten Erfahrungen gemacht, insbesondere wenn sie das besaßen, was man euphemistisch als „einnehmendes Wesen“ bezeichnete.
„Ich hatte schon mal Kontakte zu Wesen von der Art deines Vaters.“ lächelte Tom. „Und deshalb weiß ich, wozu ein trainierter Raumfahrer von Algieba fähig ist. Du weißt wahrscheinlich, daß er sich diesen menschlichen Körper geklont hat?“ Scott nickte. „Zur Herstellung eines kompletten weiteren Klonkörpers ist er wahrscheinlich nicht in der Lage, weil man dazu verdammt viel Kraft braucht. Aber für kleinere Körperteile, sagen wir, eine Niere, ein Auge, ein paar Nervenstränge, würde es reichen. Vor allem wenn er nicht alleine daran arbeitet, sondern von uns beiden und weiteren begabten Helfern unterstützt wird. Ich bin unter anderem Besitzer eines privaten Krankenhauses, in dem ich hin und wieder praktiziere, damit ich meine Zulassung als Arzt nicht verliere, kann also sowohl geeignete Patienten als auch eine Menge praktisches Wissen beisteuern.“
Scott zwinkerte überrascht. „Sie meinen, er soll Organe klonen, die dann eingepflanzt werden?“ fragte er.
„Nein. Ich glaube, daß dein Vater die Organe in den Körpern der Patienten selbst reparieren oder wenn nötig, neu heranzüchten kann, ganz ohne Operation. Das ist alles nur eine Frage des Fachwissens und der zur Verfügung stehenden Energiemenge in unseren Werkzeugen.“ Er hob seinen Stock etwas an und ließ den Knauf einmal kurz aufleuchten, um dem Jungen zu zeigen, daß er selbst über ein den silbrigen Metallkugeln ähnliches Gerät verfügte.
„Wir könnten Blinde wieder sehend und Lahme gehend machen. Ist das nichts?“
Statt einer Antwort blickte Scott zu Fox. Der noch am Morgen dieses Tages bei der Vorstellung, ein Alien auf hilflose Krankenhauspatienten loszulassen, einen Anfall bekommen hätte.
„Die beiden werden zweifellos dabeisein wollen und uns genau auf die Finger sehen.“ schmunzelte Tom, der gar nicht auf eine Antwort von Fox wartete. „Na, sollen sie. Ich habe nichts gegen interessierte Zuschauer, vielleicht lernen sie dabei das eine oder andere.“
„Heißt das, Dad soll das Fotografieren an den Nagel hängen?“
„Das habe ich nicht gesagt. Auf diese Art Menschen zu heilen ist eine sehr anspruchsvolle und kraftraubende Tätigkeit, die hält man nicht acht Stunden am Tag, sechs Tage die Woche durch. Eine oder zwei Heilungen pro Tag wären schon eine reife Leistung, und danach bleibt noch viel Zeit vom Tag übrig. Auf die Jagd nach Fotomotiven zu gehen, wird dann wie eine Erholung wirken. Was ich euch bieten kann, ist ein produktives Leben in relativer Freiheit. Zwar unter den wachsamen Augen der Regierung,“ er nickte Fox zu, der zurücknickte, „aber ohne allzuviel Einmischung von ihrer Seite. Und hoffentlich in einer kompletten Familie. Ich habe bereits versprochen, bei der Suche nach deiner Mutter zu helfen, und ich kenne ein paar Leute, die darauf spezialisiert sind, Leute zu finden, die nicht gefunden werden wollen. Na, wie ist es, haben wir einen Deal?“ fragte er, und hielt Scott die Hand hin.
Der junge Mann zögerte, blickte zu seinem Vater, der freundlich lächelnd nickte - und schlug ein.
Sie hatten einen Deal - zumindest bis auf weiteres...

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #13 am: 27. März 2015, 13:03:09 Uhr »
„Geht es Ihnen gut, Mr. Fox?“ fragte Wylie besorgt. Sie hatten den anderen eine gute Nacht gewünscht und sich auf ihr eigenes Zimmer zurückgezogen, denn selbstverständlich hatten Fox und Wylie sich gleichfalls in diesem Hotel einquartiert, nur eine Tür von Forrester und Scott und eine weitere von Richards entfernt. Weber hatte ihre Sachen aus dem anderen Hotel geholt und sich dann verabschiedet, er wurde nicht mehr gebraucht und würde auf eigener Route zu seiner Einheit zurückkehren. Und jetzt war Wylie einigermaßen besorgt, weil ihm Fox ungewöhnlich gut gelaunt schien, als sie ihre Abendtoilette hielten, Wylie hatte den Eindruck, daß er jeden Moment versuchen könnte, ein fröhliches Liedchen vor sich hin zu pfeifen, und das erschien ihm nicht normal.
„Selbstverständlich geht es mir gut, Wylie. Schließlich haben wir endlich, was wir wollten, und sogar mit einem unerwarteten Bonus. Lief zwar nicht ganz so wie geplant, aber worüber sollen wir uns beklagen? Morgen in Washington legen wir alles weitere in die Hände des Generals. Soll er entscheiden, wie weiter mit dem Verrückten und „seinen“ Aliens verfahren wird, und wir haben diesen Mühlstein endlich vom Hals.“ antwortete Fox beschwingt.
Das beruhigte den Assistenten ein wenig. Wylie dachte amüsiert an die Szene zurück, die sich eine halbe Stunde vorher zugetragen hatte. Weil Fox anscheinend doch heimlich Bedenken hegte, was eine mögliche erneute Flucht des Aliens betraf, hatte er zuerst stur darauf bestanden, zusammen mit Paul in dessen Zimmer zu nächtigen und Scott zu Wylie einzuquartieren. Womit Paul kein Problem gehabt hätte, aber sein Sohn sehr wohl, der befürchtete, daß Fox in der Nacht versuchen würde, seinem Vater etwas anzutun, vielleicht nicht einmal bewußt, sondern im Schlaf. Richards verführte das zu dem respektlosen Kommentar, ob es wohl moralisch vertretbar sei, wenn die beiden ohne Aufgebot und Ehering miteinander in die Federn krochen, oder ob er in der Hotelküche nach der längsten und schärfsten Klinge fragen solle, die sie dort besaßen. Der Außerirdische verstand die Anspielung natürlich nicht, wohl aber Fox, der Richards mit einer geradezu verletzten Miene anstarrte. Doch erst als Scott plötzlich zu kichern anfing - Wylie hatte es sich eben gerade noch verkneifen können - und dann einen beinahe hysterischen Lachanfall erlitt, begriff Fox, daß er schon wieder drauf und dran gewesen war, sich wie eine Zicke mit staatlicher Lizenz zu benehmen. Irgendwann mußte er endlich lernen, denen zu vertrauen, von denen er jetzt wusste, daß sie sein Vertrauen verdienten. -- „Sturkopf, triff Prellbock.“ murmelte Wylie vergnügt vor sich hin, denn erneut hatte Richards bewiesen, daß er Fox händeln konnte. Und danach hatte Fox nichts mehr dagegen, daß sie diese Nacht wie vorgesehen verbrachten, Paul und Scott zusammen in ihrem Zimmer und die zwei Agenten in ihrem eigenen. „Falls du in der Nacht Angst bekommst vor dem bösen schwarzen Mann, Scott,“ und dabei deutete er auf Fox, „kannst du auch zu mir kommen.“ bot Richards noch an. „Und keine Angst, ich stehe nicht auf kleine Jungs.“ Was ein erneutes Loswiehern von Scott, einen fragenden Blick von Paul, Gegrinse und Kopfschütteln bei Wylie und ein resigniertes Augenverdrehen von Fox zur Folge hatte. Der Agent bereute es längst, daß er sich jemals auf das Experiment mit dem Auraspürer einließ, das sie dann prompt zu Richards geführt hatte. Das Alien mochte vielleicht nicht so gefährlich sein, wie er immer angenommen hatte, aber, verdammt, die ganze Bande zusammen würde ihm noch den letzten Nerv kosten, das ahnte er jetzt schon.


... und was am Tag danach geschah...

Der Flug zurück nach Washington am Vormittag bot keine Überraschungen, weder positive noch negative - bis auf eine Ausnahme. Wylie amüsierte sich beim Einchecken, nachdem er sich fragte, wie die Flugbegleitung wohl auf den Stock von Richards, den dieser definitiv nicht als Gehhilfe benötigte, jedoch bestimmt nicht freiwillig abgab, reagieren würde, und voll Erstaunen entdeckte, daß der Stock scheinbar verschwunden war. Nur wenn man genau hinsah, konnte man erkennen, daß Richards seine Hand unauffällig so hielt, als würde er etwas unsichtbares darin tragen, nämlich besagten Stock. Selbst der Metalldetektor reagierte nicht auf die doch erhebliche Menge Silber, die da unsichtbar durch die Sicherheitsvorrichtungen des Flughafens wanderte. Wylie machte seinen Vorgesetzten mit einer Kopfbewegung und einem gemurmelten „Sir, der Stock!“ auf das Phänomen aufmerksam. Fox sah hin, begriff, und schmunzelte unerwartet. „Er überrascht uns immer wieder, Wylie, nicht wahr?“ sagte er dann gutgelaunt.
„Ich schätze, er könnte sogar eine Atombombe durch die Kontrolle tragen, und niemand würde es bemerken.“ entgegnete Wylie. Auf einmal fühlte er sich in der Rolle des warnenden Skeptikers, und er wusste nicht, ob ihm diese Rolle gefiel.
„Der Stock ist mächtiger als eine Atombombe.“ entgegnete Fox gelassen. „Gut zu wissen, daß er sich in den Händen von jemandem befindet, der damit weise umzugehen versteht, nicht wahr?“
Darauf sagte Wylie nichts, denn es war ja Fox gewesen, der in den Erinnerungen von Richards hatte spazierengehen dürfen. Wenn er es sagte, mußte es wohl so sein.
Fox war indessen nicht nur so aufgekratzt, weil er sich über Richards amüsierte, sondern auch, weil die kleine Szene bestätigte, was er sich bereits gedacht hatte - daß Wylie, der sich Richards gegenüber wie ein Fanboy benahm, aus diesem Grund auch kein Auge von dem Mann ließ, weshalb ihm Details wie der unsichtbare Stock sofort auffielen. In Zusammenarbeit mit einem anderen Agenten, der die Regeln der Agency hochhielt, war Wylie vielleicht gar nicht so schlecht geeignet als zukünftiger Überwacher für Richards und seine Aliens, dachte er. 
Kaum hatte Richards im Flugzeug Platz genommen, als er den Stock wieder erscheinen ließ - und so verstaute, daß niemand damit in Berührung kommen konnte, er jedoch jederzeit griffbereit war.
„Jetzt können Sie absolut sichergehen, daß wir auf diesem Flug bestimmt nicht abstürzen werden.“ lächelte er dazu. „Selbst wenn wir alle Triebwerke verlören, könnte ich das Flugzeug mit meiner Matrix in der Luft halten. Aber natürlich hoffe ich, daß es nicht dazu kommen wird.“
Abermals war Wylie sofort Feuer und Flamme und ließ sich haarklein erklären, wie Richards die Maschine in der Luft halten wollte, wenn... und darüber verging blitzschnell die Zeit des Kurzfluges von Boston nach Washington.
Sowohl Richards als auch Fox hatten ihre Ankunftszeit telefonisch vorangekündigt, deswegen warteten vor dem Flughafengebäude zwei Transportmittel der Agency mit jeweils einem Fahrer auf General Wades Gäste. Fox wollte die Gruppe auf die Wagen zusteuern, doch Richards schüttelte den Kopf und deutete mit seinem Stock auf eine große Luxuslimousine, die direkt dahinter parkte. „Da ist Larry mit der Angeberkutsche.“ sagte er munter. „Wir fahren zuerst zu mir nach Hause, damit Sie in Zukunft wissen, wo Sie uns alle finden können. Wir machen uns dort frisch, essen etwas, Paul und Scott können ihre Sachen dort lassen - und dann erst suchen wir Ihren General auf, Mr. Fox. Gespräche mit Behörden nimmt man nicht auf leeren Magen in Angriff.“
„Haben Sie einen Bandwurm, Mr. Richards?“ entfuhr es Wylie, der sich gut erinnerte, wieviel Richards am Morgen am Frühstücksbüffet des Hotels abgestaubt hatte.
„Nein, ich habe etwas viel schlimmeres.“ entgegnete er amüsiert und hob seinen Stock leicht an. „Eine Fünfermatrix ist unglaublich mächtig, aber sie zu kontrollieren verschlingt unheimlich Energie, sie saugt mir die Kraft aus wie ein Vampir. Ich habe keine Ahnung, wieviel Kalorien ich pro Tag verbrenne, es müssen ziemlich viele sein, und die Menge erhöht sich rapide, je mehr ich mit der Matrix arbeite. Lassen Sie sich niemals von der vermeintlichen Leichtigkeit täuschen, mit der ich damit umgehe, Mr. Wylie, das ist jedesmal harte Arbeit und das Ergebnis von jahrelangem Training. - Wenn Ihre Leute uns zu Lyonshome Manor folgen wollen, Mr. Fox, sollten sie sich auf eine längere Wartezeit dort einstellen, während wir uns frischmachen. Vielleicht sollten Sie sie stattdessen gleich zur Agency zurückschicken.“
“Warten ist das tägliche Brot eines Agenten.“ wehrte der ältere Agent den Vorschlag ab, wandte sich an den ersten der Agenten, die bei ihrem Näherkommen ausgestiegen waren, und wechselte ein paar Worte mit ihm.
Als sie dann weitergingen zur Limousine, stieg dort ein Mann in altmodischer Chauffeursuniform aus und hielt ihnen dienstbereit die Türen auf. Doch Richards stellte sie als erstes einander vor.
„Mr. Larry Kiromoto, mein Butler, Chauffeur und Mädchen für alles. - Mr. Paul Forrester und sein Sohn, Scott Hayden, die beiden werden vermutlich auf längere Zeit in Lyonshome Manor einziehen, und Mr. Fox und Mr. Wylie von der Federal Security Agency als Gäste.“ Der Mann mit den japanischen Gesichtszügen verneigte sich tief vor den Mitbringseln seines Chefs, und Paul Forrester ahmte unwillkürlich die Geste nach.
„Sie können vor Larry übrigens frei reden.“ fuhr Richards fort. „Er kennt die meisten meiner Geheimnisse, und er wird auch Ihre Geheimnisse zu wahren wissen. Er weiß auch, daß ich für jede Art von Irrsinn gut bin, also brauchen Sie keine Bedenken haben, daß Sie ihn mit irgendetwas schockieren oder überfordern könnten. Sie dürfen es allerdings gern versuchen, ich fordere Sie hiermit heraus.“ Und dabei grinste er verschmitzt. Der so gelobte Butler verzog keine Miene, als sie einstiegen und er die Türen hinter ihnen schloß. Als sie losfuhren, die Wagen mit den anderen Agenten im Schlepptau, weil Fox trotz allem auf die Verstärkung nicht verzichten wollte, fiel Wylie etwas auf.
„Darf ich eine vielleicht unanständige oder persönliche Frage stellen, Mr. Richards?“ fragte er. Und als der nickte, deutete der Agent nach vorne zum Fahrer. „Ihr Butler ist Japaner, richtig? Und ihm fehlt ein Teil des kleinen Fingers.“ Was gut zu sehen war, sobald Larry die Hände am Steuer hatte.
„Sie sind ein guter Beobachter, Mr. Wylie,“ lobte Richards, weil kaum jemand außer einem trainierten Agenten dieses Detail bemerkt hätte, das bei jedem, der die Bedeutung kannte, die Alarmglocken klingeln ließ. „Sie haben recht. Larry war Yakuza, bevor er in meine Dienste trat. Aber seitdem ist er anständig geblieben.“
„Ein Ex-Yakuza als Butler. Längere Geschichte, oder?“ fragte Wylie lächelnd.
„Kann man so sagen. Die Kurzfassung geht so: sein früherer Boss wusste ihn nicht zu schätzen, ich dagegen um so mehr. Sein Verlust, mein Gewinn, weil Larry eine echte Perle ist, ein Samurai in jeder Hinsicht.“
„Lebt der frühere Boss noch?“ bohrte Wylie interessiert und gnadenlos weiter. Wenn er etwas über die Yakuza wusste, dann das, daß sie noch gnadenloser war als die hiesige Mafia, sie gab nichts freiwillig aus den Fingern, was sie als Besitz betrachtete - weder Material noch Menschen.
„Als ich ihn das letzte Mal sah, war er unversehrt und lebendig, nur etwas mit den Nerven fertig.“ grinste Richards zurück, denn er war an diesem Zustand nicht ganz unschuldig gewesen. „Was danach mit ihm geschehen ist, weiß ich nicht, ich habe nie mehr von ihm gehört.“
Ein offenes Ende, das sich vielleicht eines Tages noch melden würde, falls der Mann tatsächlich noch lebte, wusste Richards, denn ein Yakuza-Boss vergaß und vergab nichts. Aber das ließ er auf sich zukommen.

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Re: All In a Day´s Work
« Antwort #14 am: 22. Juni 2015, 16:57:20 Uhr »
Einige Zeit später erreichte die Limousine mit den Agentenwagen im Gefolge eine Gegend, in der uralte, vornehme Villen aus der Gründerzeit in riesigen Privatgrundstücken das Ortsbild bestimmten. Vor der Zufahrt zu einem besonders großen Gebäudekomplex bremste der Wagen ab, bis das schwere, schmiedeeiserne Tor sich vor ihnen geöffnet hatte, und rollte dann langsam, den militärischen Warnschildern bezüglich überhöhter Geschwindigkeit folgend, in Richtung des alten Hauptgebäudes, das mit seinen massiven Mauern, den schießschartenengen Fenstern in den unteren Geschossen und den Zinnen und Gargoyles auf den Dächern mehr wie ein mittelalterliches Schloß aus Europa wirkte als wie eine typische Villa dieser Gegend.
„Haben Sie für die Hütte den Architekten von Hammer Films engagiert?“ fragte Wylie prompt und mit wenig Respekt. 
„Umgekehrt, Mr. Wylie, die Filmproduzenten haben sich hier und vom Original inspirieren lassen.“ lächelte Tom retour. „Lyonshome Manor wurde im Jahr 1742 gegründet, als Filiale von Lyon´s Home in Pennsylvanien, das nochmals gut hundert Jahre älter ist. Beides seitdem immer im Familienbesitz. Lassen Sie sich übrigens nicht von den schwachen Zäunen täuschen, Gentlemen, das Grundstück verfügt über scharfe Abwehranlagen und könnte einer kleineren Armee standhalten. Sich einfach so hineinschleichen oder über den Zaun klettern geht nicht, falls Sie mal der Trieb drücken sollte. Für den Weg hinaus gilt das ebenso, Scott, also falls du dir eine heimliche Liebschaft anlachst und nachts aus dem Fenster kletterst, dann müssen zumindest die Wachen im Haus davon erfahren, auch wenn du es sonst keinem verrätst, weil es sonst peinliche Szenen geben könnte.“
Der junge Mann schnitt eine lustige Grimasse, schließlich dachte er im Moment nicht an Liebschaften, aber nickte gehorsam, er würde daran denken, wenn.
„Sie haben einen Wachdienst hier?“ fragte Fox.
„Ich habe Feinde, Mr. Fox.“ entgegnete Tom leichthin, als reiche das als Begründung.
An der großen, offenstehenden Eingangstür des Haupthauses empfing sie ein Rudel Kinder, die offenbar hier lebten und die Mitbringsel ihres Hausherrn mit offenkundigem Interesse beäugten. Ein kleiner farbiger Junge trat vor, er schien trotz seiner Kleinheit der Anführer der Gruppe zu sein. „Onkel Tom, wen bringst du da mit?“ fragte er in scheinbarer Naivität.
„Das sind Mr. Fox und Mr. Wylie, Billy, sie sind zwei waschechte Geheimdienstagenten.“ stellte Tom mit ernsthafter Miene vor, er hatte sich auf ein Knie herabgelassen, um mit dem Steppke auf Augenhöhe zu sein. „Und Paul Forrester und Scott Hayden. Sie werden in Zukunft hier wohnen, wenn das Gespräch mit dem Chef dieser Agenten erfolgreich verläuft. Sei so gut und zeig Paul und Scott ihre Zimmer, sie sollen ihre Sachen dortlassen und sich frischmachen, und danach bringst du sie zum Speisesaal. In Ordnung?“
„Geht klar, Boss,“ entgegnete der Kleine im Tonfall eines Mafioso, der soeben den Auftrag erhalten hatte, den Typ mit dem Betonklotz an den Beinen ins Hafenbecken zu stoßen, zeigte einen lässigen Salut, sammelte seine zwei erheitert lächelnden Kunden ein und zog ab.
Die Agenten hatten schmunzelnd zugesehen. „Bitte unterschätzen Sie Billy Brown nicht, meine Herren, er ist der unumstrittene Chef des hauseigenen Nachrichtendienstes. Hier geschieht nichts, ohne daß er über jede Einzelheit Bescheid weiß.“ erklärte Tom. „Und versuchen Sie gar nicht erst, vor ihm etwas geheim zu halten, denn dann gibt er erst recht keine Ruhe. Für ihn gilt das gleiche wie für Larry, ich habe vor ihm keine Geheimnisse - na ja, fast keine, sonst würde er unerträglich - und Sie dürfen offen vor ihm reden. Übrigens wissen alle Hausbewohner, daß ich in keiner Hinsicht normal bin, Sie können sich also den Versuch sparen, hier Spaltpilze zu säen. Die Bewohner dieses Hauses sind hart im Nehmen und jede Art von Kummer gewöhnt.“ Er führte sie durch das Haus zu den wichtigsten Bereichen, seinem Arbeitszimmer, der Bibliothek, zeigte ihnen die Tür, hinter der sich die Sicherheitszentrale befand - Zutritt strengstens verboten, die unglückselige Todesarten versprechenden Aufkleber und Aufschriften an der massiven Metalltür logen nicht, warnte Tom sie eindringlich davor, sich selbst unerlaubten Zutritt zu verschaffen - und erreichten schließlich den großen Speisesaal. Wo die hauseigene Großküche dafür sorgte, daß die fünfzig oder mehr ständig im Haus anwesenden Personen plus einer Reihe von Tagesbesuchern rund um die Uhr angemessene Verpflegung vorfanden. „Die Leute, die hier leben und arbeiten, haben zu unregelmäßige Lebensgewohnheiten, um feste Essenstermine festzusetzen. Einige von meinen Computerjockeys drehen erst ab Mitternacht so richtig auf, das sind richtige Nachteulen. Also gibt es immer einen kleinen Vorrat am Büffett, und zu den üblichen Mahlzeiten ein zusätzliches Angebot.“ erklärte Tom. „Wenn sich Ihr Chef auf den Deal einläßt, Sie als meine Kontakte abzustellen, dürfen Sie in Zukunft auch hier essen, Sie müssen das Haus nicht für die Mahlzeiten verlassen. Jeder, der es durch die Eingangstür von Lyonshome Manor schafft, wird auch mit durchgefüttert. Also greifen Sie zu, meine Herren.“ Er bediente sich am Büffett und lud sich auf einen Teller, was ihm gefiel.
Die Agenten hatten vor weniger als drei Stunden im Hotel gefrühstückt und bezweifelten, daß ihr Chef einen derartigen Bestechungsversuch gut heißen würde, sie nahmen sich deshalb nur jeweils einen Becher Kaffee vom Automaten, weil das noch dienstlich vertretbar war. 
„Sie wollen nichts? Na, da verpassen Sie was. Das hier ist Schwarzbrot nach echt deutschem Rezept, frisch gebacken mit Speck und Zwiebeln. Köschtlich!“ mampfte Richards das noch ofenwarme, duftende Brot. Er biß einfach von dem knusprig gebackenen kleinen Brotlaib ab, machte sich gar nicht die Mühe, es erst aufzuschneiden.
„Was ist denn mit Ihrem Sprudel los?“ Regelrecht angeekelt starrte Wylie auf die milchige Brühe, die Richards soeben aus der unbeschrifteten braunen Flasche in sein Trinkglas gefüllt hatte. In dem Wasser trieben so viele Schwebstoffe, als habe man es erst kürzlich aus einer Pfütze abgefüllt.
„Gar nichts ist los damit, Mr. Wylie.“ antwortete Tom amüsiert. „Das ist vermutlich das beste Trinkwasser, das Sie auf diesem Planeten finden können. Es ist sogenannte Gletschermilch, frisch aus den Bergen des Karakorums. Was da drin so herumschwimmt, sind essentielle Mineralien, die der Körper braucht, sogar mikroskopisch kleine Goldpartikel. Es heißt, wer dieses Wasser regelmäßig trinkt, kann bei guter Gesundheit mehr als hundert Jahre alt werden. Sie müßten vermutlich hunderte von Dollar für eine einzige Flasche bezahlen, wenn es das Wasser irgendwo zu kaufen gäbe. Aber das tut es nicht, weil ich einen Exklusivvertrag mit den Hütern der Quelle habe. Das normale Trinkwasser dieser Gegend ist allenfalls geeignet, um Autos damit zu waschen, obwohl Larry vermutlich selbst das rigoros bestreiten würde. Ich selber kontrolliere regelmäßig die Qualität, also weiß ich, was ich meinen Leuten anbiete.“ Und bedenkenlos füllte er den restlichen Inhalt der Flasche in ein leeres Glas, das er Wylie zuschob. „Prösterchen, Mr. Wylie!“ forderte er ihn auf.
Wylie sah sich um und sah auf vielen Tischen die unmarkierten braunen Flaschen stehen. Die Hausbewohner soffen das Zeug literweise, und es schien ihnen prächtig dabei zu gehen. Und Richards hatte recht, das, was in der Hauptstadt aus den Wasserhähnen kam, verdiente die Bezeichnung Trinkwasser nicht. Zögernd hob er sein Glas, stieß mit Richards an, und probierte die ersten Schlucke. Es schmeckte - barsch. Irgendwie hart, barsch, er wusste nicht, wie man das beschreiben sollte, vermutlich von den ganzen Inhaltsstoffen, und es war auch ziemlich kalt, vermutlich direkt aus dem Keller geholt - aber zugleich war es gut. Ganz anders als das totgechlorte Wasser, das man überall in den Staaten aus öffentlichen Trinkbrunnen bekam. Er nickte anerkennend und nahm einen weiteren Schluck.
Tom schob ihm einen Laib von dem angepriesenen Schwarzbrot zu. „Auf einem Bein kann man nicht stehen, Mr. Wylie. Brot und Wasser gilt seit altersher als einfachste Gefängniskost. Ich schätze nicht, daß eine so karge Bewirtung schon unter Beamtenbestechung fällt, oder, Mr. Fox?“
Weil er Wylies Miene durchaus zu deuten wusste, dem Mann tränten fast die Augen angesichts der sich darbie-tenden kulinarischen Köstlichkeiten am Büffett, die er nicht annehmen durfte. Fox grunzte, hinderte seinen Assistenten aber nicht daran, das Brot entgegenzunehmen. In den Augen des älteren Agenten war solch eine Kleinigkeit es für den Moment nicht wert, es sich mit Richards zu verderben, aber er würde später auch darüber mit dem General reden.
„Außerdem wird Ihr Boss garantiert wissen wollen, unter welchen Bedingungen ich ´meinen´ Außerirdischen unterzubringen gedenke, in allen Einzelheiten einschließlich der Qualität der Ernährung.“ fuhr Tom fort, während Wylie vorsichtig von dem Brot kostete und dann mit seliger Miene zu kauen begann. „Also walten Sie Ihres Amtes, Mr. Wylie, und überprüfen Sie die Backwaren. - Na, da kommen sie ja.“
Weil Billy gerade den Saal betreten hatte, Paul Forrester und Scott Hayden im Schlepptau. Die beiden Neuzugänge sahen sich neugierig um und steuerten dann auf Toms Tisch zu, aber Billy bedeutete ihnen, sich zuerst am Büffett zu bedienen. Soldaten im Feld und geübte Flüchtlinge wie der Starman und sein Sohn hatten die Eigenschaften gemein, jede sich bietende Gelegenheit zum Essen und zum Schlafen zu nutzen, weil man nie wusste, wann man das nächste Mal wieder dazu kommen würde. Deshalb ließen sie sich nicht lange bitten, obwohl sie erst kurz vorher im Hotel ausgiebig gefrühstückt hatten, und kamen mit gefüllten Tabletts zum Tisch.
„Essen Sie nichts, Mr. Fox?“ fragte Paul fürsorglich, da der Agent der einzige ohne etwas Eßbares vor sich am Tisch war.
„Er darf nicht. Oder jedenfalls noch nicht. Das könnte ihm und mir als Fall von Beamtenbestechung ausgelegt werden.“ erklärte Tom lächelnd. „Mr. Wylie macht gerade den Vorkoster für euch beide, er stellt sicher, daß keine unbekömmlichen Zutaten im Brot verwendet wurden.“ (Erfreutes und zustimmendes Grinsen von Wylie, der seinen Appetit auf diese Weise legitimiert sah.)
„Habt ihr irgendwelche Essenstabus in Bezug auf Schweinefleisch oder etwas anderes? Wenn nicht, dann versucht das Brot einmal. Von den Deutschen kann man halten, was man will, aber aufs Brotbacken verstehen sie sich.“   
Also holte Scott zwei weitere von den kleinen Laiben vom Büffett, und es dauerte gar nicht lange, bis zwei weitere Köpfe zustimmend nickten. Scott hatte anfangs nur vorsichtig genibbelt, die Nähe von Fox schien ihm auf den Appetit zu schlagen, doch nach den ersten Bissen setzte der altersgemäße Wolfshunger ein, und er langte tüchtig zu, da er sich anders als die Agenten nicht zurückhalten mußte.
„Was ist das da?“ fragte Paul neugierig, auf etwas auf seinem Teller deutend. Denn nur weil es am Büffett auslag und somit in irgendeiner Form eßbar sein mußte, konnte er es noch lange nicht identifizieren.
Also erklärte Tom ihm mit größter Sorgfalt, welche Speisen sich da gerade auf seinem Tablett befanden, wie sie genannt wurden, woher sie stammten und aus welchen Zutaten sie bestanden, soweit er es selbst wusste, und Paul nickte dazu mit todernster Miene und kostete jede neue Speise.
Dafür blickte Fox anschließend etwas genervt drein, so daß Tom sich an ihn wandte: „Bitte vergessen Sie niemals, Mr. Fox, daß Algiebaner wie Paul hier über ein eidetisches Gedächtnis verfügen und in ihrer natürlichen Form ziemlich langlebig sind. Paul und seine Artgenossen, denen er von Ihnen erzählen wird, werden sich noch an Sie und alles, was Sie zu Paul sagen, erinnern, wenn Sie selbst und alle Ihre Nachkommen bis ins zehnte Glied längst zu Staub geworden sind. Drücken Sie sich deshalb immer so klar wie möglich aus und haben Sie keine Hemmungen zu sagen, wenn Sie etwas nicht wissen oder nur vermuten. Unwissenheit zuzugeben ist für Pauls Rasse kein Grund für Herablassung oder gar Verachtung, sondern nur ein Hinweis, daß an dieser Stelle noch mehr zu lernen oder zu erfahren wäre. Das einzige, was bei ihnen wirklich für Unverständnis sorgt, ist, wenn sich jemand mit Absicht dumm oder unverständig verhält, obwohl er es eigentlich besser wissen müßte. Stimmt das so, Paul?“
Der Starman nickte heftig, Mund vollgestopft wie ein kleines Kind, weil das Essen ihm vorzüglich schmeckte.
„Schon gut, ich habe verstanden.“ maulte Fox prompt, der Toms Erklärung natürlich auf sein eigenes Verhalten in den vergangenen Jahren bezog. Aber, verdammt, Richards hatte wieder mal recht, mit allem was er sagte.
„Heißt das mit dem eidetischen Gedächtnis, daß Paul sich an alles über seine Kultur, ihre Technologie, ihre Kontakte mit anderen Rassen erinnert, was er jemals irgendwo mitbekommen hat? Daß er sowas wie ein wandelnder Datenspeicher für außerirdische Informationen aller Art ist?“ fragte Wylie prompt.
„Ist er.“ nickte Tom sofort. „Und einiges von diesen Informationen gedenke ich aus ihm herauszuholen. Aber wie wir alle wissen, ist nicht jede Information für jedes Ohr geeignet. Wir halten deshalb erst einmal den Deckel drauf, legen jedes Wort auf die Goldwaage und entscheiden, was von Nutzen ist und was potentiell gefährlich für die Allgemeinheit. Außerdem hat auch Pauls Rasse so etwas wie eine Erste Direktive, die zu starke Einmischung in die Entwicklung primitiver Völker verbietet. Deshalb wird er uns bestimmt nicht alles verraten, was er weiß.“
Und auch dazu nickte Paul und zeigte sein typisches Forrester-Grinsen.
„Sagt der Mann, der selber aus Prinzip den Schnabel nicht halten kann.“ kommentierte Wylie respektlos. Aber Tom grinste ihn nur heiter an. „Ich spreche zu jedem, von dem ich annehme, daß er mit dem Gedanken an existierende Aliens fertig wird. Bei den Bewohnern dieses Hauses brauchen Sie sich beispielsweise keinen Zwang antun, was die Schweigepflicht angeht, die wußten schon vorher von mir, daß ich früher mit Aliens zu tun hatte. Bis jetzt hatten sie nur keinen Beweis, aber Paul ist harmlos, wegen ihm wird hier niemand schlaflose Nächte haben. Die Leute hier sind viel schlimmeres gewöhnt.“
„Zum Beispiel?“
„Das werden Sie erfahren, wenn Sie Ihren Chef dazu überreden können, daß er Sie zum Wachdienst hier ab-stellt.“ Denn daß die Regierung der Vereinigten Staaten ein bekanntes, im Land lebendes Alien völlig unbeauf-sichtigt tun und lassen ließ, was ihm beliebte, damit war nun wirklich nicht zu rechnen.
„Sie haben offensichtlich Spaß daran, für Forrester als dessen Sprachrohr zu agieren. Sie lassen ihn ja nicht einmal selbst zu Wort kommen.“ ätzte Fox. 
„Mit gutem Grund. Wenn zwei Personen Englisch sprechen, heißt das noch lange nicht, daß sie sich auch verstehen. Und Paul ist trotz seiner menschlichen Hülle nach wie vor ein Alien, da sind Mißverständnisse und Fettnäpfchen vorprogrammiert. Deshalb mache ich Sie lieber gleich auf potentielle Fehlerquellen aufmerksam. Betrachten Sie mich als einen Übersetzer, der seine englischen Begriffe in Ihre englischen Begriffe übersetzt und wenn nötig, zum besseren Verständnis auch erläutert. Und zwar in beide Richtungen, ich kenne mich auch mit Beamtensprache ein wenig aus.“ Er grinste wieder. „Und ganz nebenbei bin ich ein extrem neugieriger Mensch. Ich will einfach dabeisein, wenn Sie und Ihre Agency Paul ausquetschen, okay? Also versuche ich mich jetzt schon mal unverzichtbar zu machen für den Job.“
Wylie verschluckte sich an seinem Brot, weil er ein Kichern unterdrücken mußte. Jedesmal wenn er bei Richards dachte zu wissen, wie der Hase lief, überraschte ihn der Mann aufs neue. Fox dachte sich ungefähr dasselbe, dieses Statement war so unverschämt, daß es einfach ehrlich gemeint sein mußte.
„Sie wollen uns wirklich der Regierung für Forschungszwecke überlassen?“ fragte Scott Hayden, ehrlich besorgt.
„Keine Sorge. Da sind wir alle drei mit drin, und ich passe auf euch auf.“ antwortete Tom beruhigend. „Schließlich habe ich auch einen außerirdischen Vorfahren, da werden die mich bestimmt nicht ungeschoren davonkommen lassen.“
„Darauf können Sie einen lassen.“ brummte Fox etwas ungehalten. Er wußte jetzt schon, daß er drauf und dran war, der Agency eine gewaltige Laus in den Pelz zu setzen. Aber was sonst sollte er machen, die drei erschießen? Dafür waren sie zu kostbar, wenn sie bereit waren zu kooperieren, wie Richards versprochen hatte. Nein, die Angelegenheit mußte endlich ein für allemal aus der Welt geschafft werden, und das ging nur auf höchster Ebene, über General Wade oder vielleicht sogar noch höher.
Da Tom, Paul und Scott ihren kleinen Imbiß inzwischen abgeschlossen hatten, sprach nichts mehr gegen ihren Aufbruch. Da die Besprechung mit dem Chef der Agenten sicher etwas länger dauern würde, verzichtete Ri-chards darauf, sich von Larry oder einem anderen seiner Bediensteten fahren zu lassen, er stieg mit Fox in die erste Agentenlimousine, während Paul und Scott zusammen mit Wylie den zweiten Wagen enterten.
Unterwegs tätigte Fox per Autotelefon einen Anruf bei der Agency, damit sein Chef Bescheid wusste, daß sie kamen. Er war bereits am Morgen informiert worden, daß Fox im Laufe des Vormittages einen Termin mit ihm benötigte für eine längere und wichtige Besprechung betreffend eines Mannes, der verdächtigt wurde, ein Außerirdischer zu sein, dessen Sohn und eines weiteren interessanten Gastes.