Autor Thema: Drachenjäger  (Gelesen 1818 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Drachenjäger
« am: 10. September 2014, 15:39:28 Uhr »
Diese Geschichte wurde inspiriert von diversen Filmen, in denen Drachen furchterregende Monster sind, die Bewohner mittelalterlicher oder abgelegener Ortschaften terrorisieren, wie "Herrschaft des Feuers", Disneys ziemlich mißratener Möchtegern-Pilotfilm "Der Drachentöter", der über besagten Pilotfilm nie hinauskam, oder Billigproduktionen im Stil von "Dragon Wars". Wie würde sowas in "meinem" Universum aussehen? - Gedacht, geschrieben. Und gekürzt  ;) - hatte nämlich schlicht keine Lust, am Anfang (eeeendloooosss... zeitdehnung....) Spannung aufzubauen, indem ich die Drachenangriffe lang und breit beschreibe. Warum umständlich, wenn man doch einfach mitten in die Handlung einsteigen kann?
P.S. bis auf eine handelnde Figur und ein paar erwähnte "gehören" alle Charaktere mir! 


Der schwere Schlag mächtiger Schwingen durchschnitt die Luft. Gleichmäßig, bedrohlich, und noch fern, jedenfalls im Augenblick, doch schnell an Lautstärke gewinnend --
Die Wächter in den Ausgucken hörten es zuerst und gaben das Signal, und die in den umliegenden Gebäuden verborgen wartenden Männer griffen ihre Waffen fester und blickten sich an, die Gesichter angespannt unter den Spuren schlafloser Nächte und sorgenerfüllter Tage, grau und unrasiert. War der Zeitpunkt des großen Showdowns gekommen, stand der Angriff bevor? Doch noch während sie sich langsam von ihren Sitzplätzen erhoben, merkten sie, daß sie sich irrten. Das Geräusch, das jetzt von draußen zu ihnen hereindrang, war zu schnell, zu exakt, zu - mechanisch. Und es näherte sich weiterhin mit gleichmäßiger Geschwindigkeit, ließ harte Echos von den nahen Bergen widerhallen.
Noch bevor die Männer und wenigen Frauen den Schutz der Gebäude verließen und nach draußen traten, wußten sie, was sie zu erwarten hatten: Hubschrauber, und zwar mehr als nur einer. In dieser abgelegenen Gegend von Alaska gehörten Hubschrauber und kleine Flugzeuge zu den üblichen Transportmitteln, um längere Strecken in vernünftiger Zeit zu überwinden, ihr Motorengeräusch war daher ein vertrauter Teil des normalen Alltagslebens.
Doch im Moment war nichts normal, und der Lärm, so willkommen er den Verteidigern erschien, würde den Gegner mit Sicherheit herbeilocken. Deshalb musterten viele sorgenvolle Augenpaare aufmerksam den Himmel, während die Maschinen nacheinander auf dem großen und einzigen und im Augenblick ziemlich leeren Parkplatz in der Mitte der Siedlung zur Landung ansetzten. Der erste Helikopter war ein bösartig aussehender schwarzer Sikorsky UH-60 „Black Hawk“ mit den Kennzeichen des US-Militärs, voll ausgestattet mit MG und mehreren Raketen, die abschußbereit auf ihren Flügellafetten auf einen Gegner warteten, die beiden Maschinen dahinter waren riesige, schwere Chinook-Transporter, gleichfalls in den Farben und mit den Emblemen der Army gekennzeichnet. Unter dem letzten Chinook baumelnde Stahltrossen bewiesen, daß diese Maschine bis vor kurzem noch eine schwere Last unter ihrem Bauch transportiert hatte, sich ihrer jedoch übereilt hatte entledigen müssen, sonst wären die Trossen bereits geborgen worden, und die Verteidiger von Deer Creek glaubten zu wissen, unter welchen Umständen die Maschine ihre Fracht vermutlich losgeworden war. Schäden an den drei Helikoptern waren allerdings nicht zu sehen, und kein Geruch nach Schießpulver oder anderen Abschußrückständen, der den erfahrenen Jägern der Siedlung wohlvertraut war, drang von den Maschinen herüber, nur der übliche Geruch von heißem Metall und Auspuffabgasen. Wenn die Ankömmlinge also mit dem Ungeheuer aneinandergeraten waren, war die Begegnung wohl mit der Hinterlassung eines „Tributs“ ausgegangen... trotzdem hofften die Bewohner von Deer Creek, daß die Sache überstanden, auf irgendeine Weise bereinigt worden war. Vielleicht war dem Untier die Last des Chinook ja einfach auf den Kopf gefallen und es darunter geplättet worden wie in einem dummen Fernsehcartoon... denn ansonsten wäre es purer Leichtsinn gewesen, die Motoren der Helikopter abzustellen, wie es die Piloten soeben taten, kaum daß die Maschinen aufgesetzt hatten, denn abgestellte Hubschrauber gaben leicht zu treffende Ziele ab. Und der Gegner würde sich solch eine Einladung bestimmt nicht entgehen lassen.
Der erste Mann, der aus dem mittleren Chinook ausstieg, trug eine dunkle Kampfmontur, war schlank und hochgewachsen und bewegte sich wie ein erfahrener Kämpfer, doch er war definitiv kein Soldat. Kein Soldat hätte seine Haare derart lang getragen, die blonde Haarpracht, die zur Hälfte zu einem lockeren Zopf geflochten war, um die Strähnen zusammenzuhalten, fiel ihm bis auf den verlängerten Rücken hinab. Hinter ihm folgten weitere Personen, die alle einheitlich in eine leuchtend blaue Wintermontur gekleidet waren, Männer und Frauen, jung und schon etwas älter, und die meisten von ihnen sahen nicht aus, wie man sich US-Soldaten gemeinhin vorstellte. Die echten Soldaten in den drei Maschinen blieben vorerst darin sitzen, wachsam die Umgebung musternd, was ihnen in den Augen von Stu Collins zumindest einen der durch das Abstellen der Motoren verlorenen Punkte wieder zurückbrachte. Verdammt, was ist das für eine Truppe, dachte er sich, ratlos und etwas beschämt über sein unrasiertes Gesicht wischend, haben die sich verflogen, wollten sie vielleicht eine Promi-Sightseeing-Tour zu den Ölförderstellen machen und waren dabei vom Kurs abgekommen?
Stu stellte sein Gewehr weg und ging auf die Fremden zu, als inoffizieller Anführer der Verteidiger von Deer Creek mußte er Initiative zeigen. Doch der hochgewachsene Blonde im Kampfanzug ließ einem kräftig gebauten Mann in Blau den Vortritt. „Benjamin Wylie, Federal Security Agency.“ stellte er sich vor und zauberte einen sehr offiziell aussehenden Ausweis aus seiner Anoraktasche, den Stu verdutzt studierte. Die großkalibrigen Waffen in den Händen der Verteidiger, die die Helikopter in respektvollem Abstand umstanden, konnten ihm gar nicht entgangen sein, der alte Will Reining hatte sogar eine alte Flak ausgegraben, die noch aus der Zeit stammte, als man noch jeden Tag mit einer Invasion der Russen rechnete. Aber Mr. Wylie schien genau zu wissen, daß dieser gezeigte Verteidigungswillen nicht ihm und seinen Begleitern galt.
„Das hier ist Tom Richards, ein Berater der Agency.“ fuhr Wylie fort, auf den Blonden deutend, der grüßend nickte. „Wir sind hier wegen Ihres Notrufes, der auf ein paar Umwegen bei der Agency landete.“
„Gott sei Dank!“ stieß Stu hervor. „Wir dachten schon, der Notruf wird für einen schlechten Witz gehalten und ignoriert, und nach diesem einen Notruf konnten wir nicht mehr senden, es hat gezielt alle Kommunikationseinrichtungen sabotiert, als wisse es genau, wonach es suchen mußte. Es wundert mich, daß es sie nicht auf dem Weg hierher angegriffen hat.“
„Oh, wir sind ihr unterwegs begegnet. Aber wir waren vorbereitet. Haben Sie den ledigen Heli gesehen?“ Wylie deutete auf den dritten Chinook, aus dem jetzt doch zwei Besatzungsmitglieder, richtige Soldaten in Kampfmontur, gestiegen waren und damit begannen, die Kabel zu bergen, damit sie bei einem Weiterflug nicht störten oder gefährlich werden konnten.
„Die Maschine trug einen Container, der randvoll gefüllt war mit Schlachtabfällen und anderen Leckerbissen für einen großen Fleischfresser. Der Duft und ein wenig liebevolle Überredung hat sie überzeugt, sich lieber auf den Container zu stürzen als auf uns. Sie muß ziemlich ausgehungert gewesen sein.“
„Sie?“ fragte Stu, abermals verdattert. Daß „es“ ein bestimmtes Geschlecht haben könnte, war ihm noch gar nicht in den Sinn gekommen, bei der angenommenen Größe wäre es in seinen Augen allenfalls ein „Er“ gewesen.
„Es gibt nur eine Zeit im Leben eines Drachen, in dem er Menschen gezielt entführt, nämlich wenn er eine sie ist und wenn sie ein reifendes Gelege hütet. In dieser Zeit sind die Eier wichtiger als das Fressen, aber ihr Magen geht trotzdem auf Grundeis, und entsprechend gereizt ist die werdende Mutter.“ sagte der Blonde unerwartet.
Stu war sich irgendwie bewußt, daß Joe, Mac, Belinda und die anderen sich hinter ihm versammelten, auch sie wollten hören, was die Fremden zu sagen hatten.
„Im Moment frißt sie, und danach wird sie sich zu ihrem Unterschlupf zurückziehen. Wir haben zwei von unserer Crew bei ihr zurückgelassen, die ihr folgen werden. Sobald sich die beiden bei uns hier melden, werden wir entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“
Stu sah zwischen Wylie und Richards hin und her, aber die Autorität und ruhige Selbstverständlichkeit, mit der die beiden dastanden und ihn anblickten, überzeugte ihn, die beiden wußten offenbar, wovon sie sprachen.
„Sind Sie sicher, daß Ihre Crewmitglieder das überleben werden?“ fragte er das erstbeste, was ihm einfiel. Das Monster zu füttern statt ihm mit den Waffen des Black Hawk eins überzubraten schien ihm nicht sinnvoll, ganz besonders nicht wenn bald mit noch mehr von den Viechern zu rechnen war.
« Letzte Änderung: 24. Oktober 2014, 08:23:01 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #1 am: 22. September 2014, 17:03:36 Uhr »
„Keine Sorge, sie sind die besten für den Job.“ beruhigte Wylie. „Wir müssen abwarten, bis sie sich melden, und bis dahin wollen wir hier nicht im kalten Wind stehen. Wir kommen direkt aus Washington, wissen Sie, da ist es um diese Jahreszeit noch etwas wärmer.“
Das verstand sogar ein grober Klotz wie Stu Collins, er nickte und deutete auf das Deer Inn, das bei so vielen Gästen vermutlich aus allen Nähten platzen würde. Das Fernfahrerlokal, dem der Einfachheit halber gleich noch der einzige Drugstore und auch die Tankstelle des Orts angegliedert waren, war für so viele Personen einschließlich der neugierigen Einheimischen nicht gebaut, aber es würde irgendwie gehen, auch wenn die Leute bis nach draußen standen. Hauptsache sie wurden nicht plötzlich aus heiterem Himmel angegriffen.
„Sagen Sie, wer sind diese Leute?“ fragte Joe Mercer mit einem Fingerzeig auf Wylies blaugekleidetes Gefolge, als ihre kleine Gruppe mit den wichtigsten Personen direkt vor dem Bartresen stand, dem Rest der Zuschauer zugewandt.
„Das sind auserwählte Kandidaten für die Drachenbrut. Sie alle sind Freiwillige und wurden so gut wie möglich auf ihre Aufgabe vorbereitet.“ antwortete Richards anstelle von Wylie. In allem was das Monster betraf schien er das Sagen zu haben.
„Freiwillige? Die Kreatur hat Menschen entführt!“ entrüstete sich Belinda, ihr wirres rotes Haar stand aggressiver denn je, da es in den letzten zwei Tagen kaum eine Bürste gesehen hatte. „Und man hat Blutspuren gefunden an den Orten, wo es passiert ist, wahrscheinlich hat sie sie gefressen!“
„Bitte erzählen Sie mir, was man vorgefunden hat.“ sagte Richards, und die Einheimischen ließen sich nicht lange bitten, sie schilderten die Tatorte in allen Einzelheiten. Zertrümmerte oder einfach nur im Schnee liegende Hundeschlitten oder Schneemobile, der Schnee ringsum übersät mit den Abdrücken riesiger mehrzehiger Pranken, Hütten und Eigenheime mit deutlichen Krallenschäden an Wänden oder Dächern, deren Türen in der Kälte sperrangelweit offenstanden und deren meist allein in der Umgebung von Deer Creek lebende Bewohner fehlten, zusammen übrigens mit vorhanden gewesenen Hunden und Vorräten, von einem plötzlich aus dem Dunkel der Nacht herabstoßenden Riesenschatten, der offensichtlich ganz gezielt Funkgeräte und Sendeantennen zerstörte, um Hilferufe nach draußen zu unterbinden, und schließlich mehreren durch energisches Gegenfeuer abgewiesenen Angriffen in den vergangenen zwei Nächten, in denen sich die Bewohner von Deer Creek bereits in den Gebäuden rings um den zentralen Platz des Ortes, der meist nur als Parkplatz diente und wo im Moment die drei Helikopter standen, zusammengerottet hatten, um sich gegenseitig Schutz zu bieten. „Ohne die Funkgeräte und die Sendemasten für den Mobilfunk konnten wir nicht um Hilfe rufen, und zwei Fluchtversuche hat die Kreatur schnell unterbunden, sie hätte uns einfach der Reihe nach aus den Fahrzeugen picken können, wenn wir nicht umgekehrt wären. Wir haben uns auf mehrere Richtungen aufgeteilt, aber das half nichts, sie muß sich unglaublich schnell bewegen können, schien einfach überall gleichzeitig zu sein.“ schloß Joe Mercer seine Erzählung. „Und was wir gesendet hatten, solange wir noch konnten, klang ja leider wie etwas aus einem schlechten Film, von entführten Personen, von einem riesigen dunklen Schatten am Himmel und einem mutmaßlichen Monster... ehrlich gesagt, wir haben nicht geglaubt, daß jemand darauf reagieren und uns Hilfe schicken würde.“
„Sie hatten Glück, daß die Agency neuerdings auf solche Hilferufe hört. Das ist seine Schuld.“ grinste Agent Wylie und deutete auf den Blonden. „Er ist ein Berater und kümmert sich speziell um Fälle der ungewöhnlichen und übernatürlichen Sorte, deshalb hat die Agency ihre Kriterien, bei welchen Vorfällen sie aktiv wird, neu definiert. Wir mußten leider die Erfahrung machen, daß Monster und dunkle Mächte genauso gefährlich werden können wie herkömmliche Terroristen, und manchmal sind die Grenzen sogar fließend. Mehr darf ich nicht dazu sagen, Sie verstehen, aber Sie können uns als Ghostbusters mit staatlicher Lizenz betrachten.“ Eines hatte Wylie von Richards gelernt, nämlich daß Geheimniskrämerei auch übertrieben und somit hinderlich werden konnte, ein paar wahre Worte am richtigen Platz und zu den richtigen Leuten konnten Wunder wirken. 
„Wenn ich das richtig verstanden hatte, wurden die Blutspuren nur an Orten gefunden, wo Hunde gewesen sind, richtig?“ fragte Richards zurück. Hier in der Yukon-Region verließen sich immer noch viele Leute für kürzere Wege im Winter lieber auf vertraute lebendige Transportmittel in Form gut trainierter Schlittenhunde als auf lärmende, umweltverpestende und Sprit kostende Schneemobile. Ein Schneemobil konnte auf der Jagd auch nicht apportieren oder einen angreifenden Grizzly ablenken, so daß der Jäger Zeit zum Schießen hatte.
Stu, Joe und die anderen überlegten kurz, und nickten dann, sie wußten nicht, worauf der Mann hinauswollte.
„Das heißt, daß sie wahrscheinlich nur die Hunde gefressen hat, von denen stammte das Blut.“ klärte Richards sie auf. „Hundefleisch ist für Drachen ein Leckerbissen. Die Menschen hat sie in ihr Nest verschleppt. Tot wären sie wertlos gewesen, sie braucht sie lebendig und intakt für ihre Brut. Und Sie sagten, es sind auch Vorräte verschwunden. Das heißt, daß die Entführten wahrscheinlich noch am Leben sind.“ Er las die neu erwachte Hoffnung in den Augen der Männer und Frauen von Deer Creek und schränkte sofort wieder ein: „Besonders angenehm werden sie aber nicht untergebracht sein, schätze ich, wir sollten sie also möglichst schnell --“
Er stockte mitten im Satz, seine Augen blickten mit einem Mal abwesend drein, als würde er intensiv auf etwas lauschen, was niemand von den anderen hören konnte. Wylie hob schnell die Hand und machte eine Geste, still zu sein, als Stu ihn ansprechen wollte. Die Einheimischen blickten verständnislos auf die Szene, anders als die Neuankömmlinge, die schon mehr als einmal beobachtet hatten, wie Richards ganz plötzlich scheinbar in einem anderen Universum weilte. 
„Es ist Siwa, er sagt, er kommt heiß und vollbeladen rein.“ erwachte der Mann mit dem Zopf genauso plötzlich wieder zum Leben. „Bitte sagen Sie Ihren Leuten, sie sollen nicht auf ihn schießen, er gehört zu uns.“ wandte er sich an Stu, Joe und die anderen, aber ohne deren Reaktion abzuwarten, ging er mit schnellen Schritten zum Ausgang. Wylie dackelte hinter ihm her, und so blieb auch den anderen nichts übrig, als den beiden zu folgen. Draußen ertönten bereits Stimmen, die Warnrufe von Ortsbewohnern und die befehlsgewohnten Stimmen der Soldaten aus den Helikoptern, die inzwischen ausgestiegen waren und jetzt lautstark Befehle gaben, nicht zu schießen. Was die Einheimischen nur zu gern getan hätten angesichts des Ungeheuers, das soeben und unerwartet direkt über dem Parkplatz aus der leeren Luft materialisiert war und sich dann mit ein paar schnellen, schweren Flügelschlägen direkt neben dem Helikoptertrio herabsenkte. Aber schon war erkennbar, daß die Aufforderungen der Soldaten ihren Grund hatten, der Rücken des Riesen war nämlich mit einem dicken Bündel menschlicher Leiber bedeckt, die teilweise mit Stricken und Gurten festgezurrt waren, der Rest klammerte sich in überwiegend sehr unbequemen Haltungen verzweifelt fest, so gut wie es gerade ging.
Der gelandete Drache legte sich deshalb auch sofort nieder, öffnete seine Vorderpranken, aus denen je ein leichenblasser Mann mit ziemlich weichen Knien heraustaumelte, und gleich danach war er von den Blaugekleideten umringt, die ihm ohne jedes Anzeichen von Scheu oder gar Angst halfen, den Rest seiner lebendigen Fracht loszuwerden, sogar sorglos zu beiden Seiten an ihm emporkletterten, um besser an die Passagiere heranzukommen. Das häßliche, klotzige, gehörnte Riesenhaupt schwebte geduldig zusehend über dem Gewimmel, und es sah erstaunlicherweise gar nicht so aus, als wollten sich diese Riesenzähne, deren Spitzen sogar bei geschlossenem Maul ein wenig über die gepanzerten Reptilienlippen ragten, einen kleinen Imbiß schnappen.
„Was - was ist das?“ stotterte Stu, dem seine geringen Redetalente jetzt völlig abhanden zu kommen drohten.
„Das ist Big G, einer von den beiden, die wir beim Container zurückließen, erinnern Sie sich?“ antwortete Wylie ruhig. Er war ein Stück entfernt stehengeblieben, es waren schon genug Leute um Big G herum, die schneller als er dort gewesen waren, und mehr als die anderen konnte er auch nicht tun, da behielt er lieber von hier aus den Überblick, wie es einem Bundesagenten zustand. „Sind das alle Leute, die entführt wurden, oder fehlt jemand?“ Beschäftigungstherapie war die beste Ablenkung für Leute, die zum ersten Mal mit ungewöhnlichen oder furchterregenden Situationen konfrontiert wurden, erinnerte er sich an die Weisheiten des Agency-Psychiaters, eine Taktik, die Richards bei seinen Einsätzen immer wieder mit gutem Erfolg anwandte.
« Letzte Änderung: 3. Februar 2015, 15:38:04 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #2 am: 6. Oktober 2014, 10:47:38 Uhr »
Zur Besatzung des Black Hawk und der zwei Transporter gehörten jeweils auch ein Arzt und zwei geübte Rettungssanitäter, die für jede Eventualität, die bei der Jagd nach einem wilden Drachen auftreten konnte, gerüstet waren, für Brandwunden, Knochenbrüche und ähnliches, gerade daß sie nicht eine komplette mobile Intensivstation dabeihatten - aber für schwere Notfälle konnten ihre vorhandenen Drachen einen beinahe zeitlosen Teleport direkt nach Washington zum DeVille Memorial Hospital durchführen. Richards hatte seine Leute dort informiert, daß die Notaufnahme in den nächsten Stunden lieber doppelt besetzt sein sollte. Jetzt kümmerte er sich zusammen mit dem medizinischen Team um die Entführten und überprüfte, daß sie außer oberflächlichen Verletzungen, Dehydrierung und zweifellos zahlreichen psychischen Traumas nichts erlitten hatten, was sofortiger Aufmerksamkeit bedurfte. Offenbar - und Big G bestätigte es gleich darauf - waren sie zusammen gefangengehalten worden und hatten sich gegenseitig körperlich und moralisch gestützt, sogar einem Diabetiker ging es nicht allzuschlecht, was vermutlich auf die vom "Monster" gleichfalls geraubten Vorräte zurückzuführen war, die es ermöglicht hatten, seinen Blutzuckerspiegel einigermaßen gleichmäßig aufrecht zu erhalten. Nur bei einem der Entführten kam jede Hilfe zu spät.
„Dem Gesicht nach zu urteilen, hat er einen Herzinfarkt erlitten, vermutlich durch den Streß oder den Schock, als er verschleppt wurde.“ bemerkte einer der Ärzte, bevor sie die Leiche zudeckten. „Genaueres wird die Obduktion klären. Aber er ist schon längere Zeit tot, mindestens einen oder zwei Tage, je nachdem wie warm es dort war, wo er lag. Wir hätten ihn auf keinen Fall retten können.“
Tom Richards überließ bald die Erstversorgung der Geretteten seinen Medizinerkollegen und trat auf den Drachen zu, blickte hoch zum Drachenkopf, der blickte retour - und dann senkte sich der mächtige Schädel herab, bis das Kinn auf der Erde auflag, und Tom streckte seine Hände aus und berührte die schuppige Stirn, lehnte sich beinahe dagegen, während der Drache die Augen schloß, und auch der Mann schloß seine Augen. Es sah aus wie eine seltsame Art von Gehorsamsprüfung, als wolle Richards sich vergewissern, daß der schuppige Gigant immer noch folgsam und menschenfreundlich genug war --
„Was macht der da?“ Keiner der Einwohner der kleinen Siedlung hatte sich so nah an das Ungetüm herangewagt, wie die Blaugekleideten und übrigens auch die Mitglieder des Ärzteteams es getan hatten. Die Waffen hatten sie immerhin gesenkt, aber sie würden einen Teufel tun sie ganz wegzulegen, Vorsicht war die Mutter des Porzellanservices. Daß das Vieh einen Sattel trug hatte nicht viel zu bedeuten, wenn es aus irgendeinem Grund ausflippen sollte, man konnte schließlich auch einem zahmen Bären einen Sattel aufbinden und war trotzdem nie sicher, daß das für alle Zeiten gutgehen würde.
„Die beiden machen einen telepathischen Rapport. Big G erzählt Mr. Richards alles, was er gesehen und erfahren hat. Danach wird Tom über alles weitere entscheiden.“ gab Wylie wieder freizügig Auskunft.
„Ich dachte, Sie sind hier derjenige, der die Befehle gibt.“ wunderte sich Joe der Kriegsveteran. Er wusste es gern ganz genau, wie die Befehlskette aussah, weil davon in seiner Erfahrung leicht das Überleben abhängen konnte.
„Normalerweise ja, aber in Einsätzen der ungewöhnlichen Art hat er die Befehlsgewalt. Und ich bin immer noch am Leben, also scheint er es richtig zu machen.“ entgegnete Wylie mit schiefem Grinsen. „Obwohl es ein paarmal ziemlich haarig war.“ Der Agent hatte auch eine Ahnung davon, wie aktive und ehemalige Soldaten dachten. Joe grinste jedenfalls anerkennend zurück.
„Hab ich das richtig verstanden, Sie haben zwei Drachen mitgebracht, den hier und noch einen?“ fragte Stu. Soeben löste sich Richards vom Drachenkopf und kam zu ihnen zurück, der Rapport hatte nicht lange gedauert.
„Das einfachste Mittel, mit einem außer Kontrolle geratenen Drachen umzugehen, ist ein zahmer Drache. Oder mehr als einer, wenn man welche hat. Drachen spiegeln immer die bewußten und unbewußten Charakteristika ihrer Besitzer wider, und Siwa, der Besitzer des Großen da, ist ein guter Junge. Deshalb ist Big G ein großer schuppiger Teddybär und viel gutmütiger als er aussieht mit seiner häßlichen Gangstervisage.“ erklärte Wylie. „Renying, unser zweites Exemplar, ist ein Weibchen, wahrscheinlich macht sie gerade die Drachenversion von Girl Talk mit Ihrer Entführerin.“
„Gute Neuigkeiten.“ meinte Richards, der die letzten Worte mitangehört hatte und den Rest erahnen konnte. „Siwa schätzt, daß etwa zehn Eier vorhanden sind, genau konnte er es nicht sehen. Es ist also wahrscheinlich ihr erstes Gelege, und wir haben genug Kandidaten mitgebracht. Und vielleicht meldet sich hier noch jemand freiwillig, ich will die Einheimischen hier nicht ausschließen, nur weil sie nichts von der Bewerbungsfrist wußten. Das Schlüpfen steht dicht bevor, wir haben vermutlich gerade noch genug Zeit, alle in die Chopper zu packen und hinzufliegen. Das Nest liegt in den Bergen grob nordwestlich von hier, eine große, tiefe Höhle, in deren Inneren der Frost nicht eindringen kann.“
„Die Bear Cave.“ warf Joe sofort ein. „Hätten wir eigentlich gleich wissen müssen, daß sich dort ein Drache gern verkriecht, sie ist groß genug. Wir dachten nur nicht, daß so ein Riesenvieh so schnell über so weite Distanzen fliegen kann. Haben Sie noch genug Treibstoff?“
„Haben wir.“ bemerkte einer der Soldaten dazu, der sich in der Nähe hielt, um Befehle sofort weitergeben zu können. „Wir haben vor Abflug vom Stützpunkt vollgetankt, das reicht locker. Notfalls können wir auch einen Tanker anfordern, das dauert etwa zwei Stunden, dann ist er hier, oder etwas länger bis zu der Höhle.“
„Geraten Drachen leicht außer Kontrolle?“ fragte Stu, der der Angelegenheit mit Big G weiterhin nicht traute, auch wenn der ganz friedlich an seinem Platz lag und nur hin und wieder den Kopf drehte oder scheinbar müde mit den Augenlidern zwinkerte. Die Menschen um ihn herum schienen ihn jedenfalls nicht die Bohne zu interessieren, und nur Wylie und seine Truppe wußten, daß Big G sehr genau auf alles lauschte, was hier gesprochen wurde.
„Wenn der menschliche Besitzer die Verbindung mit dem Drachen nicht freiwillig eingegangen ist und ihn ständig zu unterdrücken und zu verdrängen versucht, kann es irgendwann passieren, daß der Drache den Spieß umdreht und seinerseits die Regie übernimmt. Das passiert insbesondere dann, wenn starke Dracheninstinkte im Spiel sind, etwa in der Brunft oder wenn das Weibchen trächtig ist. Letzteres ist schon mal passiert, deshalb rede ich da aus Erfahrung.“ führte Richards aus. „Sobald aber alle Jungen geschlüpft sind und einen geeigneten Partner gefunden haben, wird das Weibchen sich beruhigen, und dann kann hoffentlich der Besitzer wieder die Oberhand gewinnen. So oder anderswie, wir werden auf jeden Fall dafür sorgen, daß sie keine Gefahr für die Menschen hier mehr darstellen kann. Und für die entstandenen Schäden wird es Ausgleichszahlungen aus der Staatskasse geben, das fällt unter die Rubrik höhere Gewalt, ähnlich einer Naturkatastrophe. Mr. Wylie wird sich darum kümmern, alle Anträge sind an ihn zu richten.“
Der Agent nickte dazu. Richards hatte bereits am Anfang seiner Mitarbeit in der Agency klargestellt, daß er für seine Dienste zwar für sich selbst keinen Lohn verlangte, er war schließlich reich genug, jedoch unbürokratische Entschädigungen für Dritte, die bei seinen Einsätzen oder durch die Einwirkung feindlicher, übernatürlicher Kräfte geschädigt wurden. In den meisten Fällen konnte die Agency die Kosten aus der Portokasse abwickeln, was auch hier vermutlich nicht anders sein würde. Das wusste Wylie, weil er bei den Abrechnungen jedesmal mitzuhelfen pflegte, und die Reparatur von ein paar zerlegten Blockhütten und der Neukauf von ein paar guten Hundegespannen würden sicher nicht die Welt kosten. Nur das eine verlorene Menschenleben war unersetzlich.
„Wie gut ist das Verhältnis zwischen dem Großen da und seinem Besitzer?“ fragte Joe ganz angelegentlich, wobei er seinen unvermeidlichen kalten Zigarrenstummel in den anderen Mundwinkel schob. 
„Am Anfang war es etwas schwierig.“ gab Richards zu. „Siwa war der erste, der sich mit einem Drachen verband, es geschah unbewußt und unfreiwillig, und er hatte niemanden, den er um Rat fragen konnte. Er mußte alles nach und nach selber herausfinden, was es darüber zu wissen gibt. Aber er hatte gute Freunde, die ihn unterstützten, und Arbeitgeber, die die Sache kurios und interessant fanden und ihm nicht noch extra Schwierigkeiten deswegen machten. Er und Big G haben sich inzwischen ziemlich gut zusammengerauft. Wenn der Mensch geistig ein wenig offen ist und hin und wieder auch dem Drachen etwas Freiraum läßt, gibt es da wenig Probleme, das viel größere Problem sind die Reaktionen der Umgebung. Ein Mißverhältnis entsteht üblicherweise bei unfreiwilligen Bindungen, die mit aller Kraft verdrängt und unterdrückt werden. Die versuchen wir nach Möglichkeit erst gar nicht entstehen zu lassen, deshalb betone ich nochmals, daß alle unsere Kandidaten freiwillig und gut vorbereitet hier sind. Wir haben zweiunddreißig Kandidaten dabei, weil nicht der Mensch sich den Drachen aussucht sondern umgekehrt, und die Schlüpflinge sollen ausreichend Auswahl haben. Die Bindung besteht lebenslang, soviel wir wissen, deshalb muß jeder Kandidat sich das sehr sorgfältig überlegen. Der Job ist manchmal nicht gerade einfach, und manchmal auch schlicht und einfach peinlich, ein Drachen hat nun mal zu bestimmten Dingen andere Ansichten als ein Mensch.“
„Kriterien?“ Wieder wanderte der Zigarrenstummel, und nur Joes Freunde wußten, daß diese Bewegung der Anzeiger war, daß Joe die Sache wirklich interessant fand.
„Für die Menschen - Vorbildung ist egal, genauso Geschlecht, Alter, Gesundheitszustand... da gehen wir davon aus, daß die Drachen schon selber wissen, was sie haben wollen. Ganz großen Wert legen wir aber auf seelische Ausgeglichenheit, weil der Mensch den Drachen mit seinen ganzen Raubtierinstinkten psychisch ausbalancieren muß, er muß in jeder Lage die Kontrolle behalten können und darf nicht die eigenen negativen Triebe hinzuaddieren. Militärische Vorkenntnisse sind erwünscht, aber nicht unbedingt notwendig. Wichtig ist für uns die Fähigkeit und der Willen, die Verantwortung zu tragen für ein lebendiges, selbstreproduzierendes Waffensystem, das einen Vergleich mit dem Helikopter da nicht zu scheuen braucht. Wenn ein ausgewachsener Drache gegen einen Black Hawk kämpfen müßte, würde ich nicht auf den Heli wetten.“
„Verstehe.“ Zigarrenstummelwanderung, so unruhig war dieser künstliche Auswuchs von Joes Persönlichkeit sonst selten.
„Kann man sich noch bewerben?“ fragte der Veteran dann, so ganz nebenbei.
„Bist du irre? Was willst du mit einem zu groß geratenen Alligator? Der frißt dir bloß die letzten Haare vom Kopf!“ entfuhr es Stu, und auch Belinda schüttelte ihre rote Mähne über die neue Schrulle.
„Ich kann eins und eins zusammenzählen, und noch eins mehr, wenn´s nötig ist. Army plus Geheimdienst plus Drachen, was gibt das? Da geht doch irgendwas vor. Und ihr wißt, daß ich den Dienst damals nicht freiwillig quittiert habe, ich hätte gern noch ein paar Jahre in der Army drangehängt. Wenn der Gesundheitszustand nichts ausmacht, wie Sie sagten, würde ich gern einen Schuß ins Blaue riskieren. Im Sinne des Wortes. Sie sind auch ein Kandidat, nicht wahr?“ fragte er und deutete auf Wylies Bekleidung.
„Volltreffer, Gramps.“ grinste der. „Was ist, Tom, nehmen wir ihn mit?“

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #3 am: 17. Oktober 2014, 13:53:30 Uhr »
„Nun, Siwa hat mit einem obdachlosen Säufer und einem falschen Lord gute Erfahrungen gemacht, und ein bißchen echte Militärerfahrung kann nicht schaden. Einen Versuch wäre es wert. Die Chance steht etwa eins zu zwei bei der Menge an Kandidaten. Allemal besser als beim Lotto. Gibt es noch weitere in Frage kommende Kandidaten hier, Mr. Collins? Das Auswahlkriterium beruht, ich sagte es bereits, nicht auf äußerlichen Merkmalen, sondern auf innerer Stärke, Verantwortungsgefühl, einer ausgeprägtem Liebe zum Leben und dem Wunsch, es in allen seinen Formen zu schützen und zu bewahren, und ein wenig auch auf dem Willen, diesen Ort zu verlassen und anderswo ganz neu anzufangen. Weil nämlich jeder, der ausgewählt wird, mit uns kommen muß und sein Leben sich ab da völlig umkrempeln wird.“
„Verantwortungsgefühl, innere Stärke?“ Belinda lachte, und auch die Hälfte der anderen Zuhörer, weil die Einheimischen sich weiterhin an ihre kleine Gruppe hielten, die zweifellos den interessantesten Teil der Show bot, großes Reptil hin oder her.
„Jeder, der mal sowas in der Socke stecken hatte, hat sich schon längst von hier abgesetzt. Deer Creek ist ein Nest am Arsch von Nirgendwo, Mr. Richards, hier stranden die verkrachten Existenzen, Loser wie wir, denen die Zivilisation zu kompliziert ist und die sich auch nicht mehr ändern werden. Aber wenn Sie uns ein paar Minuten Zeit geben, wird Stu mal herumfragen. Er kennt die Leute und kann ihnen am besten klarmachen, daß das kein billiges Ticket in den Süden sein wird, sondern mit Pflichten verbunden ist. Aber, Mr. Wylie, wollen Sie wirklich Joe mitnehmen?“
Der Agent deutete auf Tom. „In solchen Dingen hat er das Entscheidungsrecht, wenn er ja sagt, kann ich nicht nein sagen.“
„Ein Küken aus Big G´s erster Nachkommenschaft hat sich als Partnerin ein Mädchen ausgesucht, das im Rollstuhl saß. Da sollte ein kaputtes Bein kein Hindernis sein.“ erklärte Richards, gar nicht spöttisch.
„Sie sagen, es gibt noch mehr davon?“ fragte Joe überrascht, mit dem Kopf auf Big G deutend.
„Da wo er herkommt schon, aber hier noch nicht. Und wir brauchen sie dringend, die Zukunft der Menschheit könnte von ihnen abhängen. Ich sagte schon, daß sie organische Waffensysteme sind, durch Gentechnik erschaffen, sie sind keine durch natürliche Evolution entstandenen Lebewesen. Und der Gegner, für dessen Bekämpfung sie erschaffen wurden, ist nicht menschlich, aber dafür absolut tödlich.“
„Aha.“ machte Joe. „Deshalb also Militär und Geheimdienst. Und deshalb hat Ihr Verein auch auf unseren Notruf reagiert, Sie wußten, daß hier etwas sein könnte, was in Ihr Aufgabengebiet fällt.“
„Stimmt. Immer wenn Monster im Spiel sind, könnte es etwas sein, bei dem der Gegner die Klauen im Spiel hat. Aber die Umstände ließen darauf schließen, daß es etwas Erfreulicheres sein könnte, deshalb haben wir sicherheitshalber die Kandidaten mitgebracht. Und zum Glück haben wir uns nicht getäuscht.“
„Ist unser Drache da draußen in der Bear Cave irgendwie entwischt? Aus einer militärischen Einrichtung oder so? Ich meine, Sie sagten doch gerade, daß sie erschaffen wurden...“
„Erschaffen ja, aber nicht von uns. Vor sehr langer Zeit gab es so etwas wie einen Krieg der Sterne, und ein paar versteckte Waffenarsenale auf der Erde sind übriggeblieben. Die Erde war damals nur ein unwichtiger Nebenschauplatz und wurde danach überhaupt nicht mehr aufgesucht. Ben verdreht gerade die Augen,“ lachte Tom und deutete auf den Agenten neben sich, der phantomimisch die drei Affen spielte, indem er Augen und Mund übertrieben zukniff und sich die Ohren zuhielt. „Das ist alles eigentlich streng geheim, und er dürfte kein Sterbenswörtchen davon erzählen, ohne ein Verfahren vor dem Kriegsgericht zu riskieren. Aber ich darf, ich bin nur ein freier Mitarbeiter mit ein paar Sonderbefugnissen, vor allem wenn er offiziell von nichts weiß und auch von nichts wissen will.“ Gegrinse ringsum. Ein unkomplizierter Bundesagent, der auch mal fünfe gerade sein lassen konnte, kam bei den Hinterwäldlern von Deer Creek gut an. „Sobald wir uns um das aktuelle Problem gekümmert haben, gehen wir auf die Suche nach der Herkunft des Drachenweibchens. Und ihrer Brut, ich weiß nämlich ziemlich sicher, daß sich keiner von unseren Drachen auf ein amouröses Abenteuer eingelassen hat. Die alten Arsenale sind gut getarnt und meist nur mit Spezialinstrumenten, wie ich eines besitze, zu finden, deshalb ist die Wahrscheinlichkeit eher gering, daß irgendein Möchtegern-Indiana Jones rein zufällig auf so etwas stößt. Aber Sie alle kennen vermutlich den Spruch vom kotzenden Pferd, und wir möchten gern sichergehen, daß in dieser Gegend nichts herumliegt, was in den falschen Händen gefährlich werden könnte. Ihre Mithilfe ist dabei durchaus gefragt. Uralte Legenden von Eingeborenen oder auch neuere Berichte über seltsame Vorkommnisse, über verbotene Gebiete oder Höhlen oder antike Fundstellen oder ähnliches können wertvolle Hinweise geben, also seien Sie nicht scheu, mir von solchen Dingen zu erzählen, wenn Ihnen etwas relevantes einfällt. Und das ist auch - ich gebe es zu - der Grund, warum ich Ihnen das alles hier überhaupt erzähle, obwohl der Chef der FSA sich zweifellos wieder über meine große Klappe die Haare raufen wird. Das eine oder andere von seinen grauen Haaren geht schon auf mein Konto.“ Noch mehr Gegrinse, auch von Wylie, der darüber bestens Bescheid wusste. 
„Angenommen, Sie finden irgendwas - wer hat dann die Kontrolle darüber?“ bohrte Joe. Der Gedanke von uralten außerirdischen High-Tech-Waffen in den Händen irgendeines paranoiden Militärs oder gar der Regierung, das war Material für erstklassige Verschwörungstheorien und noch viel erstklassigere Paranoia bei allen, die davon erfuhren.
„Zuerst einmal ich, weil ich als Experte am besten das Gefahrenpotential abschätzen kann. Manche Objekte, vor allem wenn sie aus Arsenalen des Gegners stammen, sind so gefährlich, daß ich sie ohne Wenn und Aber vernichten muß, und zwar ohne daß andere Leute zuvor Gelegenheit bekommen, damit herumzuexperimentieren. Auf Objekten mittleren Gefahrenpotentials habe ich die Hand drauf, wie zum Beispiel bei den Drachen. Die Agency als Regierungsbehörde darf überwachen und bei Bedarf, wenn ein Einsatz oder Forschungsprojekt gerechtfertigt ist, auch anfordern, aber ich habe die letzte Entscheidungsbefugnis. Eine Freigabe meinerseits gibt es nur für Objekte mit geringem Risikopotential, bei denen der potentielle Nutzen das Risiko überwiegt. Solche findet man aber selten, schließlich war das damals ein High-Tech-Krieg, der mit High-Tech-Waffen geführt wurde, entsprechend hoch waren schon damals die Sicherheitsstandards. Man hat sorgfältig darauf geachtet, daß dem jeweiligen Gegner nicht zu viel Brauchbares in die Hände fällt, was er dann gegen den Erfinder einsetzen kann.“
„Und wenn Sie aus irgendeinem Grund ausfallen sollten?“
 „Dann kommt niemand mehr an meine Geheimnisse heran, dafür habe ich gesorgt. Lieber safe als sorry.“
„Und die FSA läßt sich auf sowas ein, weil...?“ Das war jetzt direkt an Wylie gerichtet.
„Erstens, weil er sich mit all dem schon befaßt hat, lange bevor wir von der Agency Wind davon bekamen. Und er würde es auch ohne uns und ohne unsere Erlaubnis tun. Diesen Mann kann man einfach nicht aufhalten, wenn er sich was in den Kopf setzt, außer man versucht ihn umzubringen. Aber er ist nicht der Typ, der sich so leicht umbringen läßt, und er ist mit seinem ganzen Wissen und seinen Fähigkeiten auch viel zu wichtig, um es überhaupt zu versuchen.“ antwortete Wylie wahrheitsgemäß. „Und zweitens, weil wir inzwischen wissen, warum er es tut. Details darf ich nicht nennen, tut mir leid, aber es hat was mit Verantwortung zu tun. Wenn er dieses Wort ausspricht, meint er es ernst damit, und er hat es inzwischen oft genug bewiesen. Bei jedem anderen hätten wir Bedenken, aber nicht bei ihm. Er ist eines unserer besten Pferde im Stall, auch wenn er eine Riesenklappe hat und mehr Flurschäden hinterläßt als ein wildgewordener Panzer.“
Joe lachte leise, so wie die anderen jetzt auch, als Richards auch zu letzterem lächelnd nickte, und schüttelte den Kopf, aber nur aus purem Unglauben über das alles. „Ihr Leben gäbe vermutlich einen sehr interessanten Film ab, oder?“ kommentierte er.
„Sie haben keine Ahnung.“ bestätigte Wylie. „Aber Sie sollten nie vergessen, wofür die Federal Security Agency steht, nämlich die Aufrechterhaltung von Ordnung und Sicherheit in diesem Land, professionell, landesweit und überparteiisch, egal gegen welchen Gegner, ob von der natürlichen oder der übernatürlichen Sorte. Und nach dieser kleinen Werbeunterbrechung...“ Damit brachte er die Leute wieder zum Lachen.
In diesem Augenblick kehrte Stu Collins zurück, der die Runde unter allen Einheimischen gemacht hatte, die sich nicht gerade im Deer Creek Inn aufhielten. Er hatte begriffen, welche Sorte Kandidaten Richards suchte, und er wusste, wer in Frage kam. Er brachte drei Männer, einer davon noch ein Junge, und zwei Frauen mit, eine von etwa zwanzig, die andere geschätzt vierzig Jahre alt und mit ersten grauen Strähnen im Haar. „Die hier wissen so lala, wie man Verantwortungsbewußtsein buchstabiert, sind mehr oder weniger ungebunden und bereit für das Abenteuer ihres Lebens. Sandra und Mark“, er deutete auf die Betreffenden, „gehören zu den Entführten, aber als ich ihnen sagte, daß es tatsächlich um eine Bindung mit dem Drachennachwuchs und nicht um eine Verfütterung geht, wie ich sehr hoffe“, - ein Blick zu Richards, der bestätigend nickte - „haben sie sich trotz der schlechten Erfahrung mit der Mama bereit erklärt, es nochmal zu versuchen. Die Ärzte wollten ihnen erst mal Bettruhe und Erholung verschreiben, aber sie haben sich geweigert. Haben Sie noch ein paar von diesen schicken blauen Anzügen?“ Damit deutete er auf Wylies Kluft.
„Selbstverständlich. Ich habe damit gerechnet, daß noch jemand versuchen wird, auf den Zug aufzuspringen.“ nickte Tom. „Die Einheitskleidung soll übrigens nur dafür sorgen, daß die Jungdrachen nicht durch Äußerlichkeiten abgelenkt werden. Danach können Sie sich wieder anziehen, wie Sie wollen, bei uns gibt es keine Mao-Einheitstracht, und Anzugspflicht nur zu besonderen Gelegenheiten.“ 
„Ich hab gegen eine schöne Uniform nichts einzuwenden, die macht wenigstens was her.“ bemerkte Joe fast etwas quengelig.
„Mal sehen, was sich machen läßt. Vielleicht brauchen wir ja einen Modeberater für offizielle Auftritte.“ Tom zwinkerte Wylie zu, der genau wusste, was er meinte. Ein Job irgendwo bei der geliebten Army für den alten Joe mit seiner Gehbehinderung mußte sich doch auftreiben lassen, selbst wenn er nicht als Kandidat ausgewählt wurde.
„Sind die Chopper einsatzbereit?“ fragte er dann den Soldaten, dessen Aufgabe es war, jeden Befehl von Richards und Wylie sofort an seine Kameraden weiterzuleiten.
„Ja, Sir. Keine technischen Probleme, und es ist noch genug Treibstoff in den Tanks.“ bestätigte der.
„Dann wollen wir Renying mal nicht länger warten lassen. Auf gehts!“

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #4 am: 24. Oktober 2014, 08:20:37 Uhr »
Sie defilierten zurück nach draußen, und Tom teilte die Leute auf. Ein paar flogen im Black Hawk mit, der als Begleitschutz und für mögliche schnelle Botengänge dienen sollte, die große Gruppe im Chinook, die dritte Maschine, die den Fleischcontainer getragen hatte, ließen sie erst mal hier stehen. Tom hielt nichts von Treibstoffverschwendung, wenn sie sich vermeiden ließ. Im Chinook wurden auch die Ersatz-Overalls an die Neuzugänge ausgegeben, die sie anstelle oder auch über ihren normalen Kleidungsstücken anlegten, denn in dem Transporthubschrauber war nicht gerade gut geheizt.
Wylie zog seine Handschuhe aus den Overalltaschen und ging auf Big G zu, der ihm erwartungsvoll entgegenblickte und den Kopf senkte, doch nicht ganz herunter wie vorher für den Rapport. Wylies behandschuhte Hand griff nach einem der kürzeren Hornauswüchse an der Kinnlade des Drachens, der schwenkte sofort, aber vorsichtig den leicht schräg gehaltenen Kopf hoch und nach hinten, und Wylie, der daran hing, wurde mit hochgehoben. Mit eleganter Biegung des langen Halses transportierte Big G den Agenten durch die Luft, bis er direkt über der Schulter des Drachen baumelte und sich bequem auf den Sattel herablassen konnte. Das ganze war so schnell und selbstverständlich abgelaufen wie ein oft geübter Zirkustrick, daß Stu und die anderen, die den Vorgang beobachtet hatten, sich nur eines dachten: „Cool!“
Stu wusste nicht wie, aber trotz seines stillen Schwurs, dem geschuppten Riesenvieh niemals zu nahe zu kommen, stand er plötzlich neben dessen Schulter und blickte zu Wylie hoch. „Moment mal, wollen Sie wirklich auf ihm fliegen?“ fragte er ganz entgeistert. Wylie, der sich mit geübtem Griff festgeschnallt hatte und eben nach dem Fliegerhelm griff, der benutzungsbereit an der hohen Sattelfront befestigt war, lachte fröhlich nach unten.
„Selbstverständlich will ich. Dafür ist der Sattel ja da. Das Ding ist maßangefertigt und schweineteuer, wissen Sie, den schafft man sich nicht an, wenn man ihn nicht benutzen will. Wollen Sie mitfliegen? Das ist kein Problem, wenn Sie allgemein flugtauglich sind, nur dick anziehen müssen Sie sich, und Sie brauchen einen Helm oder zumindest einen Gesichtsschutz mit Schutzbrille, sonst erfrieren Sie sich was.“
Stu schluckte, so weit hatte er nun wirklich nicht gedacht, wie hilfesuchend sah er sich um nach irgendeiner Ablenkung. Richards wartete darauf, als letzter in den großen Transporter einzusteigen. Soeben hob der Kampfhubschrauber ab, die arbeitenden Rotoren schickten dünne Schleier aufgewirbelten Pulverschnees über den Parkplatz, und Big G wandte seinen Kopf ab, der Lärm und vielleicht auch die Luftvibrationen waren wohl für seine Ohren unangenehm, aber zum Glück auf die andere Seite, weg von Stu, der rechtsseitig vor dem mächtigen Leib stand, weil er ansonsten wahrscheinlich in Panik ausgebrochen wäre.
„Na los, geben Sie Ihrem Herz einen Stoß. So eine Chance bekommen Sie so schnell nicht wieder, und es ist weniger gefährlich als eine Achterbahnfahrt.“ lockte Wylie.
„Ich muß erst was zum Überziehen holen.“ versuchte Stu sich herauszureden.
„Tun Sie das. Big G ist langsamer als ein Helikopter, aber wir kommen trotzdem vor ihnen bei der Höhle an, wenn der Große lustig ist.“ Gemütlich sah Wylie zu, wie jetzt auch der vollbeladene Chinook abhob. Big G knurrte leise wegen des erneuten lästigen Rumorens, ein tief aus seiner Brust wummerndes, uriges Geräusch, das scheinbar die Luft genauso zum Zittern brachte wie der Helikopter, er blieb aber liegen, bis sein Passagier in spe sich entschieden hatte.
Stu drehte sich herum, da ihm nun keine Argumente mehr einfielen - und stoppte, weil Belinda ihm grinsend das Benötigte entgegenhielt, einen dicken Parka, Schutzbrille und Balaklava, wie sie auch bei flotten Fahrten mit Hundeschlitten oder Schneemobil nützlich und deshalb ständig im Inn vorrätig waren. Sie selbst hatte sich auch in Schale geworfen.
„Kann Ihr fliegender Untersatz auch drei Personen tragen? Der Sattel sieht lang genug aus.“ sagte sie.
„Kann er. Erst bei mehr als drei beginnt er zu jammern. Aber keine unanständigen Sachen auf den billigen Plätzen, verstanden?“ grinste Wylie zurück. Stu öffnete den Mund - und schloß ihn gleich wieder. Er kannte Belinda, diese Gelegenheit hätte sich nie und nimmer entgehen lassen, ganz egal was er dazu sagte. Er konnte sich den Atem sparen, den er darauf verschwendet hätte, ihr das auszureden.
Er legte den Parka und alles andere an, während Wylie ihnen erklärte, wie man den Drachen am besten erklomm. Big G streckte hilfreich sein angewinkeltes Vorderbein etwas in die Höhe, sobald Belinda darauf stand, und sie wurde emporgehoben wie von einem Gepäcklift, bis sie die Trittstufen an den unteren Rändern des Sattels erreichte und sich den Rest des Weges hochziehen und in den Sattel schwingen konnte. Stu folgte auf die gleiche Weise, und dann saß er direkt hinter Belinda, so eng, daß ihre dicken Anzüge sich berührten. Da er, anders als die Frau vor ihm, keine Rückenlehne vor sich hatte, an der er sich festklammern konnte, mußte er beinahe zwangsläufig seine Arme um sie legen.   
„Ooh, ist das ein Schlüsselbund in deiner Hose, Stewart Collins, oder liebst du mich doch?“ fragte sie prompt.
„Definitiv der Schlüsselbund. Meine besten Teile sind vor Angst weggeschrumpft, das kann ich dir versichern.“ stöhnte er. Sie lachte herzhaft, das Lachen einer Frau, die gewöhnt war an ein Leben an diesem abgelegenen Ort und die unverblümte Sprache rauher Männer, die manchmal wochenlang und länger keine Frau sahen. 
„Bitte Sicherheitsgurte anlegen.“ mahnte Wylie lächelnd und zeigte ihnen, wie sie die Gurte, keine normalen aus einem Auto, sondern spezielle Fliegergurte, stabil und doch einfach und auch mit Handschuhen zu öffnen, anzulegen hatten. Die Gurte für den längeren Rücksitz waren bereits für zwei Reiter vorbereitet, der mittlere Reiter wurde sowohl von vorne als auch von hinten gesichert, aber das Gewirr zu durchschauen wollte erst einmal gelernt sein. „Die dürfen Sie niemals vernachlässigen, denn wenn der Große beim Fliegen eine unerwartete Bewegung macht, hängen Sie sonst ganz plötzlich ohne Drachen unterm Hintern in der Luft.“ Sie sicherten sich, und Wylie zeigte ihnen auch noch, wie man die hüfthohen, für diese Reise extra mit wärmenden Pelzeinlagen ausgepolsterten Lederchaps auf beiden Seiten des Sattels schloß. Diese Lederteile sollten während des Fluges die Beine der Reiter vor dem beißend kalten Luftzug schützen.
„Sie sagten, er jammert?“ fragte Stu, um sich von seiner Angst abzulenken. Er war zwar oft genug geflogen, in kleinen und größeren Flugzeugen und Helikoptern und nicht immer mit Maschinen, die so oft und gut gewartet wurden, wie man es sich gewünscht hätte oder deren Piloten sich an die Vorschriften betreffs Alkohol- und Drogenkonsum hielten, aber so etwas wie das hier hatte er noch nie mitgemacht, er wusste einfach nicht, was da auf ihn zukam, und hegte die schlimmsten Befürchtungen. „Aber er hat doch die ganzen Leute hierhergebracht.“
„Herumjammern und seine Pflicht erfüllen sind zwei Paar Stiefel. Drachen sind sehr stark und besitzen viel Ausdauer, er kann auch mehr als drei Personen tragen, allerdings wird er dann den Weg so kurz wie möglich halten. Wie das geht, wird er Ihnen gleich zeigen. Und jetzt noch die Grundregeln, die während des ganzen Fluges gelten, ganz besonders aber bei Start und Landung. Bleiben Sie immer etwas angespannt, vor allem die Halsmuskeln dürfen Sie niemals schlaff werden lassen, sonst holen Sie sich ein Schleudertrauma, wenn er eine unerwartete Bewegung macht. Und nehmen Sie niemals, niemals, in keiner Lage, hören Sie? - die Zunge zwischen die Zähne. Sonst könnten Sie sich ziemlich übel verletzen. Haben Sie mich verstanden?“
Sie bestätigten, die ernste Miene von Wylie sagte zu deutlich, daß man auf diese Ratschläge lieber hörte.
Jetzt erhob Big G sich auf seine vier Beine, mit einer langsamen, gemächlichen Bewegung, die auf seine Passagiere aber trotzdem wirkte wie ein Erdbeben, das sich direkt unter ihren Hintern abspielte. Stu wurde fast schlecht, weil seine Eingeweide sich in einem Mix aus Aufregung und schierer Angst zusammenzogen, als diese riesige Masse unter ihm sich auf einmal regte, nach links und rechts wankte, als er seine Vorderbeine unter sich sammelte, und aufwärts drängte, und dann merkten er und Belinda, daß so ein Riesenreptil stehend mindestens doppelt so hoch war wie liegend. Und dann auf einmal schien fast die ganze Welt hinter ihnen nach links und rechts bedeckt zu sein mit etwas, was aussah wie aufgespannte grüngraue Lederplanen, weil Big G seine Flügel seitlich abgespreizt hatte. Aus den hinteren Rändern der Schwingen ragten zusätzlich leuchtend dunkelblaue riesige Schwungfedern, bei deren Anblick Stu sofort wusste, daß sie nicht wie normale Vogelfedern aus Keratin bestehen konnten, sondern aus einem anderen, widerstandsfähigeren Material, vielleicht einer Form von organischer Kohlefaser, die einer Belastung von mehreren Tonnen widerstehen konnte, ohne zu brechen. Und auch der Körper dieses Riesen, der eindeutig größer und länger war als die Elefanten, die Stu einmal in einem Zoo gesehen hatte, mußte aus anderem, leichterem und stabilerem Material bestehen als normalem Fleisch und Blut, sonst hätte das Wesen gar nicht fliegen können.
Drachen waren vom Prinzip her faul, Big G war da keine Ausnahme, und gerade für den anstrengenden Startprozeß bevorzugte er es, kräftesparend von einem erhöhten Ort aus zu starten, von wo aus er genügend Luft und vielleicht sogar einen Aufwind unter die Schwingen bekam, um ohne viel Mühe aufwärts segeln zu können. Aber die Bebauung von Deer Creek bestand aus landestypischen Flachbauten, die höchsten Gebäude in der näheren Umgebung maßen gerade mal zwei Stockwerke und eine andere Erhöhung fand sich auch nicht in bequemer Nähe, also mußte er sich doch zu einem Start vom Boden aus bequemen. Also drehte er sich und tat erst mal ein paar Schritte, bis er nicht mehr nahe genug am geparkten Helikopter war, um ihn mit einer ungeschickten Berührung zu beschädigen oder umzuwerfen, und er die vom Parkplatz weg führende Straße vor sich hatte. Sie war bis zur ersten Kurve ein ganzes Stück weiter kerzengerade und ein wenig abschüssig, das reichte für einen bequemen Start. Er war sich genauso wie seine drei Reiter bewußt, daß sie eine Menge Zuschauer hatten, nämlich die gesamte Einwohnerschaft des Ortes und alle anderen, die sich aus der Umgebung hierhergeflüchtet hatten, sofern sie nicht zu den Entführten gehört hatten und sofort von den Ärzten ins Bett geschickt worden waren. Die Straße war breit genug für die Trucks, die im Winter hin und wieder über die Ice Road hierherkamen, um noch weiter entfernt liegende militärische Stützpunkte oder Ölförderstellen anzufahren, also war sie auch fast breit genug für einen Drachen mit ausgebreiteten Flügeln, und was beidseitig an Bebauung stand, war ortstypisch niedrig und störte nicht, sobald Big G an den unvermeidlichen Werbetafeln vorbei war.
„Fertigmachen zum Start, und Zähne zusammen!“ rief Wylie seinen Begleitern zu, und gerade noch rechtzeitig, denn jetzt ging es los.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #5 am: 29. Oktober 2014, 13:24:40 Uhr »
Ein rennender Elefant konnte eine Durchschnittsgeschwindigkeit von vierzig Stundenkilometern erreichen, aber ein Drache war trotz seiner Größe und seines Gewichts weitaus schneller und flinker auf den Füßen als ein Elefant. Die Zuschauer bekamen jetzt eine Ahnung, wieviel Kraft in diesem geschuppten Körper steckte, die frischgebackenen Drachenreiter Stu und Belinda sowieso, als Big G ganz plötzlich aus dem gemütlichen Schlendergang in einen Spurt wechselte, und schon nach zwei, drei weiten Sätzen so viel Schwung und Luft unter den Schwingen hatte, daß er sich emporschwingen konnte, und mit mächtigen, donnernden Flügelschlägen ging es schräg aufwärts, um viele Meter pro Schwingenschlag, und dann --
schwarz, und kalt, und nichts, absolut nichts, das existiert hätte, ein undurchdringliches Nichts, tiefer als die tiefste Nacht, auch keine Luft oder spürbare Luftbewegung, nicht einmal der Drachen unter dem Hintern war mehr vorhanden, noch irgendwelche Personen vor/hinter einem -
und dann war ganz plötzlich wieder Himmel da, der sich schier endlos nach allen Seiten spannte, eiskalte pfeifende Luft, die um einen herum fauchte und in jede dünnere Stelle des Schutzanzugs biß, genauso scharf wie das schwarze Nichts vorher, und der Streifen hellen Sonnenscheins am Horizont, und das von schrägen Schatten gestreifte Land im weiten Umkreis, aber es lag viel, viel tiefer als noch einen Moment vorher, und Stu und Belinda sahen beide, daß sie nicht mehr über der Straße waren, die aus Deer Creek hinausführte, sondern ganz woanders, viel höher, und das waren Berge unter ihnen, die real viele Meilen von Deer Creek entfernt lagen, und in ihren Ohren drückte es, daß sie beide schlucken mußten, um den Druckausgleich herbeizuführen. In einer Zeitspanne, die irgendetwas zwischen einem Sekundenbruchteil und dem größeren Teil der Unendlichkeit gedauert hatte, hatten sie nicht nur zahlreiche Meilen, sondern auch hunderte von Höhenmetern zurückgelegt, sie schwebten über den Bergen, in denen die Bärenhöhle lag, und erneut zogen sich ihre Eingeweide vor Erregung und schierer Angst zusammen. Es war eine Sache, im vermeintlich sicheren und stabilen Inneren einer Flugzeugkabine zu sitzen, und eine ganz andere, hier oben in der Luft zu schweben mit nicht mehr als einem riesigen Reptilienleib unter sich und jeder Menge leerer Luft in allen anderen Richtungen... und sie begriffen, wie wichtig die Sicherheitsgurte waren, das einzige, das ihnen im Moment zumindest eine Ahnung von Sicherheit verlieh.
„Ich sagte doch, daß wir vor den Helikoptern hier ankommen.“ hörten sie die ruhige Stimme von Wylie von vorne. „Alles in Ordnung da hinten?“
„Verdammt, Sie hätten mich warnen können, daß ich frische Unterwäsche brauchen werde.“ beschwerte sich Stu prompt, sein Mundwerk bewegte sich schneller als sein von dieser Erfahrung immer noch zerbröseltes Gehirn.
„Was war das gerade, hatte ich einen Blackout?“
„Hatten wir?“ berichtigte Belinda. „Ja, was war das?“
„Big G ist teleportiert. Eine Form von zeitlosem Sprung. Wie das genau funktioniert, wissen wir noch nicht. Aber ist Ihnen das Wort Wurmloch ein Begriff? Die wissenschaftliche Variante, nicht das was Holzwürmer machen.“
Die beiden bestätigten. In den endlos langen Wintern des Nordens konnte man nicht viel tun außer lesen und das Internet unsicher machen, da stieß man hin und wieder auch auf wissenschaftliche Themen, zu denen man sich kundig machen konnte.
Big G kreiste unterdessen in weitem Bogen über den Bergen, gönnte seinen Passagieren den Thrill des Rittes. Noch kündigte kein Geknatter aus der Ferne an, daß die zwei Helikopter sich näherten, sie hatten sie in der Tat weit übersprungen. 
„Ein Wurmloch verbindet zwei beliebige Stellen des Weltraums miteinander, die auch ziemlich weit voneinander entfernt sein können, indem sie sie über eine Art Brücke miteinander verbindet. Diese Brücke führt durch einen übergeordneten Raum, eine andere Dimension, in die unsere eigene Dimension eingebettet ist, und für diese Dimension gelten unsere herkömmlichen Begriffe von Raum und Zeit nicht, weshalb man über so ein Wurmloch tausende von Lichtjahren innerhalb weniger Minuten überwinden könnte, zumindest theoretisch gesehen. Nun, Drachen können keine Wurmlöcher erschaffen, so viel Kraft haben sie nicht, aber sie können den Raum um sich herum ein wenig falten, so daß unterschiedliche Stellen einander überlappen, und dann schrammen sie einfach über die Kante. Sie wechseln dabei aber nie in die übergeordnete Dimension über und bleiben auch gar nicht lange in diesem Zwischenraum auf der Kante, weil das nämlich gefährlich wäre, sie wischen nur kurz hindurch und sind sofort wieder draußen. Genau das hat Big G gerade gemacht.“
„Und wie weit kann er so springen?“ fragte Belinda nach einem Moment des Nachdenkens.
„Wissen wir nicht, und werden wir auch nicht in leichtsinnigen Experimenten herausfinden. Drachen sind zu selten und zu kostbar, um sie für sowas aufs Spiel zu setzen, wissen Sie? Je weiter so ein Sprung geht, um so länger dauert der Aufenthalt in diesem Zwischenraum, und damit steigt exponentiell auch das Risiko. Dieser Raum ist nämlich nicht für Menschen oder Drachen gemacht, bei zu langem Verweilen dort würden wir alle ersticken, erfrieren oder sonstwie zugrundegehen. Von dem Risiko, vom Kurs abzukommen oder mit irgendwas zu kollidieren, was sich vielleicht dort im Nichts zwischen den Dimensionen herumtreibt, ganz zu schweigen. Oder dem Risiko, ungewollt etwas mitzubringen, was nicht in diese Welt gehört. Und, ja, das sind alles denkbare und nicht zu unterschätzende Möglichkeiten. Wenn man zu den Ghostbustern der Agency gehört, erlebt man so einiges.“
„Ich wundere mich, wie offen Sie darüber reden. Gibt es bei Ihnen nicht so etwas wie eine Geheimhaltungspflicht?“
„Sie haben keine Ahnung.“ grinste Wylie über die Schulter zurück. „Normalerweise müssen wir sogar beim Scheißen den Hintern zukneifen, damit uns nichts unrechtes entwischt. Aber sobald die Crew von Tom Richards aktiv wird, werden ein paar von den Regeln gelockert. Das Schlimmste, was in einem Einsatz passieren kann, ist nämlich, wenn Zivilisten vor lauter Panik ausflippen. Und es sind in den meisten Fällen normale Leute, die als erste mit der Twilight Zone in Berührung kommen, keine Agenten oder Uniformträger, denen man einfach Befehle geben könnte. Wenn wir dann offiziell sagen dürfen, daß wir etwas ähnliches schon mal hatten und wissen, wie wir mit der Sache umgehen müssen, sinkt sofort die Gefahr, daß jemand aus reiner Furcht oder Unwissenheit querschießt. Die Leute sind viel eher bereit, Befehlen zu folgen, wenn sie das Gefühl haben, der Typ mit der Marke hat eine Ahnung, wovon er spricht, verstehen Sie? Unsere Bosse wollten das am Anfang nicht glauben, sind aber über ihren eigenen Schatten gesprungen, als sie die Berichte der Richards-Einsätze gelesen hatten. Das ganze ist nämlich auf dem Misthaufen von Tom Richards gewachsen, Sie haben ja schon gemerkt, was für eine große Klappe er hat, und er läßt sich auch von uns den Mund nicht verbieten. Aber erstaunlicherweise gibt es bei ihm nie Probleme mit Zivilpersonen oder der Presse, und auch die Geheimhaltung hinterher ist nie ein Problem. Wahrscheinlich liegt es daran, daß er die Leute dumm und dämlich quasselt, bis sie nur noch Ja und Amen zu allem sagen und heilfroh sind, wenn er endlich aufhört. Und die Sachen, die bei ihm passieren, sind so schräg, daß die Leute hinterher von sich aus den Schnabel halten, weil sie ansonsten in der Klapsmühle landen würden. Oder würde Ihnen irgendwer, der nicht selber vorhin dabei war, einen Ritt auf einem leibhaftigen Drachen abkaufen?“
Da war was dran. „Gehören die Drachen der Regierung?“ wollte die Rothaarige wissen.
„Nein, natürlich nicht. Die gehören mit zu den Dingen, auf denen Richards die Hand drauf hat. Er arbeitet zwar mit Regierungsstellen zusammen, wenn die Umstände es erfordern, aber er traut ihnen nicht mal so weit wie er sie werfen kann. Das kann ich ihm nicht vorwerfen, ich würde ihnen auch nicht trauen, und ich gehöre immerhin dazu.“ 
Big G ging allmählich tiefer und steuerte die Höhlenöffnung an, die sich an einer steil aufragenden Bergflanke befand. Man mußte ein ganzes Stück klettern, um sie zu erreichen, und das war einer der Gründe, warum die Höhle relativ selten aufgesucht wurde. Daß es innendrin nicht viel gab, was einen Höhlenforscher interessiert hätte, war ein weiterer Grund, sie war zwar tief und in ihrem Inneren stellenweise ziemlich groß, besaß aber weder aufsehenerregende Tropfsteine noch irgendwelche anderen Besonderheiten, noch nicht einmal Überreste von Bären, nach denen sie doch eigentlich benannt worden war. Aber ein Bär, der sich dort für den Winterschlaf einquartieren wollte, hätte schon Flügel gebraucht, um die Höhle zu erreichen... klassischer Fall von Fehlbenennung, falls der Entdecker der Höhle nicht zufällig Bear geheißen hatte. Eigentlich dachten Belinda und Stu, daß Big G unterhalb der Höhle auf dem letzten einigermaßen breiten Felsband landen und sie hochklettern lassen würde, aber er machte es viel einfacher, indem er die Höhlenöffnung direkt anflog.
„Zähne zusammenbeißen!“ rief Wylie warnend, und dann war schon ein kurzes, heftiges Flappen riesiger Schwingen um sie herum, als Big G abbremste, sie zogen die Köpfe ein, als der zerklüftete obere Teil des Höhleneingangs bedrohlich und viel zu schnell näherkam, und dann fühlten sie schon den Ruck, als der Drache in einer sauberen Landung aufsetzte, die Schwingen so nah angezogen, daß sie die Felsen zu beiden Seiten nicht berührten.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #6 am: 7. November 2014, 08:56:48 Uhr »
„Er hat uns schon angekündigt. Keine Panik, das ist Renying, die gehört zu uns!“ sagte Wylie, während er als erster abstieg, kaum daß Big G sich niedergelegt hatte, keine paar Meter hinter dem Eingang der Höhle, wo es noch hell genug war auch für Menschenaugen, um etwas zu erkennen.
Was die beiden anderen Reiter sahen, ließ sie trotzdem erst einmal schlucken. Aus dem Dunkel schob sich nämlich ein weiterer riesiger Drachenkopf, vor dem Hintergrund zuerst gar nicht erkennbar, weil er pechschwarz war, die einzelnen Schuppen schimmerten mit schwach metallischem Glanz wie mattierter Stahl, nur die Augen glühten deutlich sichtbar im Widerschein des Lichts von draußen wie zwei viel zu groß geratene Katzenaugen.
„Absteigen, bitte.“ forderte Wylie die zwei auf, als er sah, daß sie am liebsten sitzengeblieben wären, vor Angst schier festgefroren auf dem Sattel.
„Mit Renying üben wir jetzt mal ein, was Sie tun sollen, wenn Sie einem fremden Drachen begegnen.“ sagte er ganz angelegentlich und wies auf das schwarze Riesenhaupt, an dem ein Körper hing, der mindestens so groß zu sein schien wie der von Big G, und der war ja schon riesig. Genau war es zum Glück nicht erkennbar, weil das meiste davon in den Schatten versteckt lag, aber sie versperrte den größten Teil des Wegs tiefer in die Höhle hinein.
Mit sehr weichen Knien und geduldig von Wylie mit Anweisungen, wo sie Füße und Hände hinzusetzen hatten, geleitet, schafften die beiden den Abstieg vom Sattel, abermals unterstützt von einer Vorderpfote von Big G. Dann ließ Wylie die beiden vortreten und drehte sich selbst um, bis sie alle drei Renying gegenüberstanden, noch auf eine Distanz, die groß wirkte, aber es nicht war, wenn sie daran dachten, wie lang so ein durchschnittlicher Drachenhals war. Sie konnte sie wahrscheinlich jetzt schon mit einer schnellen Kopfbewegung erreichen und mit einem einzigen Haps verschlingen, wenn ihr danach war.
„Also, wenn Sie einem unbekannten Drachen gegenüberstehen, dann ist das erste was Sie tun: Verbeugen!“
Und er machte es vor, verbeugte sich tief vor Renying in einer eleganten, fließenden Bewegung. „Nachmachen, bitteschön!“ forderte er, den Kopf noch immer unten. Und sie machten es nach. Zu unbeholfen und zittrig wie es schien, denn der Agent richtete sich auf und zankte gespielt los: „Nein, nicht so. Stellen Sie sich vor, Sie wären Schauspieler in irgendeinem Schinken, der am französischen Königshof spielt. Soeben hat das Königspaar die Bühne betreten. Das muß würdevoll und zugleich ehrerbietig aussehen, und ganz nebenbei bringt es Ihren Kopf heraus aus der gefährlichsten Zone, falls ein Drache sich doch entschließen sollte, Sie auf Ihre Genießbarkeit zu testen - oder King Louie gerade auf eine Runde Kopf-ab steht. Also gleich nochmal!“ Und dabei wedelte er geziert mit den Händen wie ein sehr indignierter und sehr schwuler Regisseur.
„Na, das war schon besser, aber noch nicht optimal. Ich will einen perfekten Kratzfuß sehen, bevor wir da hineingehen. Und, nein, Ma´am, mit einem Hofknicks kommen Sie bei einem Drachen nicht weit, der Kopf muß nach unten, sonst ist er gleich unten, wenn Sie Pech haben!“
Auf einmal stutzten sie, Stu und Belinda. Denn auf einmal hatten sie das Gefühl, ein zweistimmiges Kichern und Giggeln zu hören, aber nur in ihrem Geist, nicht mit den Ohren, und es verursachte auch kein Echo in dieser Höhle, in der doch jeder einzelne Schritt knirschend widerhallte. Verwundert sahen sie sich um... und bemerkten voll Schreck, daß unterhalb der glühenden Riesen-Katzenaugen auf einmal zwei bedrohliche Reihen riesiger, weiß blinkender Zähne erschienen waren. Hatten sie etwas falsch gemacht, hatte Renying etwas in den falschen Hals bekommen und wollte sie gleich angreifen?
„Hört auf zu kichern, ihr zwei!“ brummte Wylie. „Ich versuche diesen Leuten hier etwas beizubringen, was ihr Leben retten kann. Das ist echt nicht hilfreich.“ Er wusste selbstverständlich, woher das Kichern stammte, weil er es ebenfalls wahrnahm, und nicht zum ersten Mal.
„Und du, Renying, hör bitte auf zu grinsen. Du erschreckst sie.“
„Ach, laß ihr doch den Spaß.“ Sagte die Stimme eines jungen Burschen, dem Klang nach, doch abermals erklang sie nur im Geiste und war nicht mit den Ohren zu erfassen, aber sie schien definitiv von hinten zu kommen. Und als sich die zwei Bewohner von Deer Creek verwundert umdrehten, um den Neuankömmling zu betrachten, bemerkten sie, daß da kein Mensch war, aber Big G ebenfalls die Zähne ein Stückchen weit entblößt hatte in der Drachenversion eines Grinsens.
„Wer - wer spricht da? Sind das die Drachen?“
„Selbstverständlich sind sie das. Sie sprechen bloß nicht mit jedem.“ seufzte Wylie auf Belindas Frage. „Drachen sind Telepathen, aber ihre Geiststimmen klingen wie die echten Stimmen ihrer Besitzer. Renyings Bindungspartnerin heißt Mai Lin und der Partner von Big G heißt Siwa. Siwa ist mit Tom Richards verwandt, und so kommt das eine zum anderen.“ Diese bewußt abgeschnittene Ultra-Kurzversion einer Geschichte, deren ausführlichere Erzählung sicher einige Zeit in Anspruch genommen hätte, veranlaßte die Besucher aus Deer Creek zum ersten Mal in dieser Höhle zu einem Lächeln.
„A propos, wie heißt unsere Gastgeberin eigentlich?“ fragte Wylie die Drachen.
„Sie hat keinen Namen. Und sie hat ihre Partnerin total verdrängt.“ sagte Renying, die die Zeit in der Höhle genutzt hatte, um der fremden Drachendame ein wenig auf den Reißzahn zu fühlen.
„Nicht gut. Gar nicht gut.“ brummte der Agent sofort. Er wusste nämlich aus Siwas Erzählungen, was das bedeuten konnte, der hatte mit Big G´s Paarungsgenossin Rosie genug schlechte Erfahrungen gemacht.
„Was heißt, nicht gut?“ wollte Stu wissen, Wylies besorgte Miene gefiel ihm nicht.
„Das heißt, daß ihr menschlicher Verstand verdrängt ist, sie funktioniert weitgehend über animalischen Instinkt, und dann ist sie wirklich zu allem fähig. Wir müssen extrem vorsichtig sein.“ antwortete die jugendliche Stimme Big G´s, die so gar nicht zu dem häßlichen, verwittert aussehenden Klotz passen wollte.
„Und das bedeutet für Sie beide, daß ich eine anständige Verbeugung sehen will.“ beharrte Wylie, was diesmal mit einem Grinsen von Stu und Belinda quittiert wurde. Und diesmal wäre vermutlich sogar der Haushofmeister von Ludwig dem Soundsovielten mit dem Ergebnis zufrieden gewesen.
„Oh-oh. Jetzt wirds ernst, denn hier kommt die Königin!“ Renyings Kopf verschwand für ein paar Sekunden, als sie nach hinten blickte, und dann machte sie, daß sie aus dem Weg kam. Erst jetzt bekamen die Neulinge aus Deer Creek sie in voller beeindruckender Größe zu sehen, als sie sich aus dem engen Höhlengang nach vorne schob und dann an die Wand quetschte, weil hinter ihr ein weiterer Drachenkopf aus dem finsteren Durchgang auftauchte. Zum Glück war Renying deutlich schlanker als der bullige Big G, weshalb seitlich noch etwas Platz blieb, nachdem sie über ihre ganze rabenschwarze Länge die andere Wand okkupierte.
„Verbeugen!“ zischte Wylie, und sofort tauchten sie alle ab. Da Renying und Big G ihn diesmal an dem Austausch mit der fremden Drachin teilhaben ließen, bekam er ungefähr mit, was sie ihr sagten. In bildlichen Gedanken, denn reinen Worten schien sie im Moment nicht besonders zugänglich zu sein, wurde der jungen Mutter mitgeteilt, daß diese drei Menschenwesen nur die Vorhut seien und daß sie die Kandidaten für ihre Brut an der blauen Kleidung erkennen konnte, daß sie aber nach Möglichkeit auch die Begleiter in anderer Kleidung vor ihrem Zorn verschonen sollte, weil die Küken ja eigene Vorstellungen haben konnten, was den perfekten Bindungspartner betraf, und deshalb solle sie bitte das kostenlose Buffet nicht vorzeitig reduzieren.
Offenbar hatte das telepathische Gekicher der beiden anderen Drachen sie hochgelockt aus der Bruthöhle, sie wollte sich selbst vergewissern, was da an Lustigem vorging. Jetzt blickte sie auf die drei Menschen herab, und Wylie, der weiterhin in telepathischen Kontakt mit den zwei anderen Drachen stand, bekam aus deren Augen einen ersten Blick auf die Drachenmutter gewährt. Ihre Grundfarbe schien ein sattes, tiefes Schieferblau zu sein, gemischt mit dunklen Grüntönen und einem auffälligen großformatigen Fleckenmuster in Weiß und cremigem Hellblau, mit dem sie anderswo zweifellos aufgefallen wäre, aber hier in der Wildnis von Alaska paßte sie sich damit perfekt den wechselnden landschaftlichen Hintergründen an. Auffällige Mehrfarbigkeit war bei Drachen meist den Männchen vorbehalten, wusste Wylie, und er fragte sich, ob es sich bei diesem Drachen vielleicht um ein „Mannweib“ oder gar einen Hermaphroditen handelte, und die Brut vielleicht durch Selbstbefruchtung entstanden war. Das hätte sie nämlich der Aufgabe enthoben, hinterher, falls sie dann eine Gelegenheit bekamen, den menschlichen Bindungspartner des Drachen zu befragen, auch einem männlichen Erzeuger des Geleges nachzuspüren.
Diese Gedanken von Wylie bekam auch Big G mit, der mit dem Agenten am engsten verbunden war, aber er leitete sie selbstverständlich nicht weiter, um die Mama nicht zu reizen. Die besah sich die Menschen erst gründlich und beschnüffelte sie dann lautstark mit weit vorgerecktem Kopf. Die zwei Einheimischen rührten sich zum Glück nicht, versuchten nicht zu türmen, was Wylie schon halb befürchtet hatte, weil eine Fluchtbewegung wahrscheinlich den Jagdreflex der Drachendame aktiviert hätte. Wahrscheinlich waren sie vor Angst erstarrt, was in diesem Fall die einzig vernünftige Handlung war. Er selbst fühlte sich zwar auch nicht so rosig, hatte aber Vertrauen in den beruhigenden Einfluß, den Renying und Big G ausübten, und war überhaupt schon oft genug mit Drachen zusammengewesen, um nicht in Panik auszubrechen. Wenn die Fremde etwas vorhatte, würden ihn die anderen hoffentlich noch rechtzeitig warnen...
„Ihr könnt euch aufrichten, aber schaut ihr nicht in die Augen. Ein höflicher Blick ist zu Boden gerichtet.“ teilte Big G mit, so hochherrschaftlich wie King Louies Zeremonienmeister, als das Schnüffeln aufhörte und der Riesenschädel zurückgezogen wurde.
Die ehrerbietige Verbeugung und die gezeigte Nicht-Aggressivität in Verbindung mit einem Mangel an sichtbaren Waffen bei den drei Menschen hatten die Drachenmutter offenbar davon überzeugt, daß die fremden Drachen die Wahrheit sprachen und weder ihr noch ihrer Brut von diesen Menschen Gefahr drohte. Standhaft hielten die drei die Köpfe gesenkt, bis ein Kratzen und Schrammen harter Schuppen auf Felsen und Big G´s „Okay, sie ist weg.“ ihnen sagten, daß die unmittelbare Gefahr vorbei war. Die Mutter kehrte in die Bruthöhle zurück, um wieder ihre Eier zu hüten, und hatte immerhin bis jetzt noch niemand gefressen.
„Wir warten, bis die anderen da sind, und gehen dann alle gemeinsam nach unten, das haben wir ihr gerade gesagt.“ sagte wieder die jungenhafte Stimme. „Tom wird für die Ausleuchtung und Absicherung sorgen, da unten ist es nämlich stockfinster und uneben, sonst bricht sich noch jemand was bei der Kletterpartie, oder stürzt in irgendeine Spalte.“
„Okay.“ bestätigte Wylie. Er und die regulär ausgewählten Kandidaten waren alle Eventualitäten für einen Fall wie diesen zahlreiche Male im Trockenkurs durchgegangen, unterstützt von Richards und später, als er in dieser Zeit landete, von Siwa Hendricks, der ein paar neue Erfahrungen mit Rosie und ihrer ersten Brut mitbrachte. Es gab auch gute Gründe, warum Siwa und Mai Lin das letzte Stück des Weges nach Deer Creek in ihrer Drachenform zurückgelegt hatten und Tom nicht, weil Tom mit seiner starken Fünfermatrix, die er nur in seiner Menschenform bedienen konnte, definitiv der wertvollere Helfer war als ein weiteres Drachen-Alter Ego.
Die regulären Soldaten in den drei Helikoptern hatten große Augen gemacht, aber befehlsgemäß nichts gesagt, als Mai Lin und Siwa während ihrer Annäherung auf Deer Creek verlangt hatten, mitten im Flug plötzlich auszusteigen, und das ganz ohne Fallschirm oder andere Ausstattung. Aber Wylie hatte bereits beim Start in Fairbanks klargemacht, daß sie alle vier, er als Bundesagent und Tom Richards, dessen jüngeres Ebenbild und die junge Chinesin als momentane „Hilfssheriffs“ der FSA, gleichberechtigt zum Geben von Befehlen autorisiert waren und daß jeder Befehl, egal wie verrückt, selbstmörderisch oder widersinnig er klingen mochte, auf der Stelle und ohne Rückfrage befolgt werden mußte. Und als dann nach dem Absprung der beiden plötzlich ein schwarzer und ein graugrüner Drachen vor den Helikoptern auftauchten, weil sie sich unmittelbar nach der Verwandlung, die im Sturz stattfand, ein Stück weit vor die Maschinen teleportiert hatten, und Wylie und Richards, die als Begleiter in je einem der Chinooks saßen, nur mit zufriedenem Nicken auf sie deuteten, begriffen die Soldaten, welchem vermutlich streng geheimen Vorgang sie soeben hatten beiwohnen dürfen.
Im Augenblick gab es für die drei Menschen und zwei Drachen nichts anderes zu tun als zu warten. Wylie suchte sich einen Felsen als Sitzplatz und ließ sich nieder, wohl wissend, daß die Drachen ein feineres Gehör hatten als Menschen und die Ankunft der Helikopter frühzeitig melden würden.
„Mr. Wylie, wie sind Sie und die Agency eigentlich zu Tom Richards und den Drachen gekommen? Darf ich das fragen, oder ist das streng geheim?“ fragte Belinda, während sie voll Bewunderung, aber auf sichere Distanz Renying begutachtete, die sich seelenruhig in ihrer ganzen Länge auf dem Boden ausgebreitet hatte.
„Die Details sind geheim, aber den Überbau darf ich Ihnen verraten, über den schweigt Tom selbst nämlich auch nicht still. Wir, das heißt mein damaliger Vorgesetzter und ich, waren auf der Spur eines gefährlichen unnatürlichen Phänomens und gerieten in die Bredouille. Tom Richards, der aus einer anderen Quelle von der Sache erfahren hatte, kam als Kavallerie rein und holte unsere Hintern aus dem Feuer. Daraufhin entschied unser oberster Chef, General Wade, der auch dazukam, daß ein Mann mit solchen Fähigkeiten und Mitteln nicht ohne Aufsicht frei herumlaufen dürfe. Und Tom Richards entschied, daß die Agency eine gute Ergänzung zu seiner eigenen Ghostbusters-Truppe abgibt. Seitdem sind wir uns so nahe wie ein Ehepaar, wir streiten uns zwar manchmal um hochgeklappte Toilettensitze und andere Kleinigkeiten, aber die Liebe ist noch so frisch wie am ersten Tag. Und wenn man sich einen Tom Richards eingefangen hat, dann hat man auch den gesamten Rest seiner irren Blase an der Backe, und die Drachen sind keineswegs der verrückteste Teil davon. Die einzig Leidtragende ist die Schwiegermutter aka General Wade, dem raubt Tom nämlich regelmäßig den letzten Nerv mit seinen Streichen.“
Leises Lachen klang durch die Höhle. „Ich wusste nicht, daß Bundesagenten so viel Humor erlaubt ist.“ bemerkte Stu ironisch.
„Daran ist auch Tom schuld.“ seufzte Wylie. „Der Typ ist ein Spaßvogel, und sein Humor ist ansteckender als Beulenpest. Nach einiger Zeit mit ihm zusammen können Sie gar nicht mehr anders.“
„Sie kommen.“ meldete Big G. Die Drachen hatten feinere Ohren als Menschen, denn es dauerte noch eine Weile, bis die drei wartenden Menschen im Höhleneingang das typische Flappen der sich nähernden Chopper hören konnten.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #7 am: 18. November 2014, 14:06:31 Uhr »
Anders als die Drachen konnten die Maschinen nicht direkt in die Höhle hineinfliegen. Rein größenmäßig wäre es zwar gegangen, nachdem ja auch Big G hineingepaßt hatte, doch die unvorhersehbaren Windverhältnisse zwischen den Felswänden machten jeden Anflug zum Vabanque-Spiel. Also landeten die Maschinen am Fuß der Felsen an einer Stelle, wo ein ausreichend großes und einigermaßen ebenes Landefeld zur Verfügung stand, und die Passagiere mußten den Rest des Weges auf andere Weise zurücklegen. Ein Teil ließ sich relativ einfach erklimmen, und danach griff Tom Richards ein. Auf einmal ging eine Art blaues Licht von ihm aus, das sich ausdehnte, seitlich und nach oben, die Felswand entlang in Richtung Höhle, und auf einmal stand da eine Art gewundene Treppe aus purem, bläulichem Licht, die stellenweise am Fels verankert war und an anderen Stellen durch zierliche Säulen gestützt, die ebenfalls aus reinem Licht bestanden. Im Beinahe-Dunkel der fern stehenden und obendrein sinkenden arktischen Sonne war die Lightshow auch von oben, von der Höhle aus, gut zu sehen.
Die mitgebrachte Gruppe von Kandidaten hatte schon ein paarmal derartige Matrix-Tricks von Richards zu sehen bekommen und wusste, daß diese fragil und immateriell wirkende Aufstiegshilfe mindestens so stabil und sicher wie eine aus Metall gebaute Treppe war, solange ihr Erschaffer sie aufrechterhielt. Die in Deer Creek angeheuerten Zusatz-Kandidaten zögerten nur kurz, bevor sie den anderen folgten, und auch einige von den Soldaten der Helikopter und der medizinischen Crews wollten sich die Chance, vielleicht als frischgebackene Drachenbesitzer nach Hause zurückzukehren, nicht entgehen lassen. Mehr Kandidaten für die Drachenbrut -  um so besser, jedenfalls wenn es nach Richards ging, und er und Wylie hatten von vorneherein dafür gesorgt, daß auf diesem Trip niemand dabei war, der psychisch vielleicht ungeeignet war als zukünftiger Besitzer und Hüter eines sehr gefährlichen Geschöpfes. Als die ganze Gruppe nach und nach die Treppe erklomm, merkten die Leute, daß Tom die stabile Lichtskulptur sogar mit einer feinen Oberflächenriffelung versehen hatte, damit niemand beim Aufstieg ausrutschte. So legten sie alle den Aufstieg zum Höhleneingang sicher zurück. Also alle oben waren, drang Tom gleich schon mal tiefer in die Höhle vor und sah sich an, wie und wo er hier am besten seine aus energetischen Kraftfeldern bestehende Sicherheitstreppe anbrachte. Es gab nämlich zwischen dem Eingang und der eigentlichen Bruthöhle tief im Fels genug Spalten und Löcher, die ein Wesen von der Größe und Beweglichkeit eines Drachen nicht irritierten, die jedoch groß und tief genug waren, um für menschliche Besucher kaum zu überwindende und durchaus gefährliche Hindernisse darzustellen. Es war nicht genau zu sehen, was er machte, aber auf einmal erhoben sich aus seiner rechten Hand weißliche Lichtpunkte, wie zu groß geratene Glühwürmchen, die ständig größer und lichtintensiver wurden, während sie zur Höhlendecke emporstiegen und sich dort in regelmäßigen Abständen als Beleuchtungskörper festhefteten. Wylie kümmerte sich unterdessen um die in Deer Creek hinzugekommenen neuen Kandidaten und jene Helikopter-Besatzungen, die ebenfalls einen Schuß ins Blaue riskieren wollten, nachdem sie nun ohnehin wußten, um was es hier eigentlich ging. Bevor sie alle in die Bruthöhle hinabstiegen, mußte er sie einweisen, wie sie sich zu verhalten hatten.
„So, jetzt mal alle herhören, Ladies and Gentlemen.“ begann er. „So eine Bindungszeremonie ist ein risikoreiches Unterfangen, und ich kann Ihnen nicht versprechen, daß wir alle ungeschoren da wieder herauskommen. Vor allem weil die Drachenmutter, wie ich vorhin erfahren habe, keinerlei menschlicher Kontrolle unterliegt, das heißt, sie ist in einem Zustand, in dem sie wirklich zu allem fähig ist. Jeder von Ihnen, der jetzt Bedenken hat, kann immer noch aussteigen und hierbleiben oder zu den Helikoptern zurückgehen, wenn wir andere gleich weitergehen, und Sie brauchen sich nichts dabei denken, das hier ist schließlich kein Wettbewerb um Ehre oder ähnliche Schmonzetten. Für alle anderen nenne ich jetzt die wichtigsten Verhaltensregeln, die Sie bitte verinnerlichen sollten, weil ihr Leben davon abhängen wird. Können Sie mir soweit alle folgen?“ Er fragte das, weil die Augen der neuen Kandidaten an den beiden Drachen hingen, die seelenruhig herumlagen und die Szene beäugten, vor allem an dem unbekannten mattschwarzen Tier, das sich vor dem Zutritt in die Tiefen der Höhle postiert hatte. Da jedoch Richards an ihm vorbeigelaufen war, ohne ihm mehr als kurz zuzunicken, genauso wie er und seine mitgebrachten Leute sich schon vorher dem großen Graugrünen gegenüber nicht übermäßig ängstlich benommen hatten, handelte es sich offensichtlich nicht um das menschenentführende Monster, um das es hier ging.
„Nein, das da ist nicht die Drachenmutter, das ist Renying, die zweite in unserem Team.“ bestätigte Wylie. „Mit ihr üben wir jetzt das erste, was Sie da unten beherrschen müssen, nämlich das Verbeugen. Mrs. Merritt, Mr. Collins, machen Sie das mal vor, bitte?“
Sie nickten, lächelnd, und traten vor, und demonstrierten vor Renying formvollendet, was sie vorhin gelernt hatten. Abermals konnte Renying sich nicht ganz beherrschen, aber diesmal erklärte Wylie gleich, zu den neuen Kandidaten gewandt: „Sie lächelt, das ist ihr Smilie-Gesicht. Ihre Bindungspartnerin stammt aus China, und die haben vieltausendjährige Erfahrung, was die Kunst des Verbeugens angeht. Für ihr Verständnis sehen unsere Bemühungen wahrscheinlich ziemlich lächerlich aus. Also bitte, machen Sie es jetzt nach, und tun Sie Ihr bestes. Denken Sie bitte daran, in den nächsten Stunden könnte Ihr Leben von einer perfekten Verbeugung abhängen.“
Sie übten ein paar Minuten lang, bis das Ergebnis die richtige Mischung von Ehrerbietung und Eleganz zeigte, jedoch nicht pompös, übertrieben, ängstlich oder fahrig wirkte. Wylie korrigierte wo nötig, und zog zum Schluß einen kleinen Handgong aus der Anoraktasche. Er ließ den Gong einmal ertönen, es war ein sanftes, melodiöses Klingen, das mit seinen Echos die Höhle für eine Minute scheinbar zum Singen brachte. Wylie hatte mit voller Absicht einen Gong gewählt, dessen Klang so angenehm wie möglich war, um keine negative Reaktion bei einem ohnehin gereizten Drachenweibchen hervorzurufen.
„Immer wenn ich den Gong ertönen lasse, verbeugen sich alle. Egal was gerade passiert, ob ein Erdbeben stattfindet oder sich gerade ein Drachen auf Sie stürzen will. Gongschlag heißt verbeugen, sofort, und nichts anderes, okay? - Und nun kurz zur Aufstellung. Ich weiß nicht, wie es in der Bruthöhle aussieht, ob sich alle in einer Reihe um die Brutstelle aufstellen können, oder ob zu wenig Platz dafür ist, oder wie der Boden da unten aussieht, ob Felsen herumstehen oder so. Für diesen Zweck haben wir die lockere Aufstellung geübt -“ Wylie machte Bewegungen mit den Händen, und die mitgebrachten Kandidaten reagierten sofort auf das Signal, indem sie sich in mehreren Reihen so verteilten, so daß jeder von ihnen etwas Raum um sich herum hatte. Jeder von ihnen war voll auf Wylie konzentriert, auf die Anweisungen, die als nächstes kommen mochten, und die Neuen konnten erkennen, daß diese Leute bereits ein vorbereitendes Training durchgemacht hatten.
„Wenn ich dieses Signal gebe, machen Sie es bitte genauso. Drängen Sie sich nicht zu dicht zusammen, sondern achten Sie auf Freiraum. Sowohl für den Fall, daß Sie ausweichen müssen, als auch für den Fall, daß ein frischgeschlüpfter Drache es auf einen Kandidaten hinter Ihnen abgesehen hat. Die Tiere treffen nämlich selbst die Wahl, Sie dürfen sie nicht festhalten oder berühren, ist das klar? Gut, dann kommen wir jetzt zur nächsten wichtigen Lektion.“
Er rief die Leute, die sich gerade noch verteilt hatten, mit einem Fingerzeig wieder zu sich. „Da wir so viele Kandidaten sind, fast vierzig für vermutlich zehn Eier, ist absolut damit zu rechnen, daß die Drachenmutter als erste Handlung versuchen wird, die Ungeeigneten zu vergraulen. Sie wird Psychoterror machen, toben, lärmen, Scheinangriffe durchführen und vielleicht auch Feuer spucken, weil nur die Besten, das sind die Standhaftesten, die Mutigsten und Geschicktesten, für ihre Küken gerade gut genug sind. Unsere zwei Großen hier werden ihr bestes tun, die schlimmsten Auswüchse ein wenig einzudämmen, und Mr. Richards hat auch den einen oder anderen Trick auf Lager, aber Sie müssen trotzdem fähig sein, jederzeit korrekt zu reagieren. Das wichtigste ist, bleiben Sie standhaft. Die Mutter hat kein Interesse daran, einen ernstzunehmenden Kandidaten wirklich zu verletzen, deshalb müssen Sie unter Beweis stellen, daß Sie es erst meinen, indem Sie ihr standhalten. Bleiben Sie stehen, zucken Sie nicht, wenn sie tobt, und laufen Sie unter gar keinen Umständen davon. In blinde Panik auszubrechen ist das schlimmste, was Ihnen in der Nähe eines Drachen passieren kann, denn jeder, der Angst zeigt, ist unwürdig und allenfalls als Futter geeignet oder als Kauknochen, an dem sie ihre Wut ausläßt, aber nicht als Kandidat für den Nachwuchs. Deshalb nochmals, bleiben Sie standhaft, egal was sie tut. Wenn es zu unangenehm wird, wenn sie wirklich zu nahe an Sie herankommt, weichen Sie aus, aber wenden Sie ihr dabei niemals den Rücken zu, und lassen Sie eine Ausweichbewegung niemals wie eine Flucht aussehen. Sehen Sie ihr niemals direkt in die Augen, aber behalten Sie sie zu jeder Zeit im Blickfeld, und bleiben Sie auf alles gefaßt. Achten Sie bitte immer auch auf den Boden unter Ihren Füßen, ein Stolpern könnte Sie schwach wirken lassen, und ein Hinfallen zur falschen Zeit könnte dazu führen, daß ein ziemlich großer Fuß Sie zerquetscht. Und keiner von uns ist an solch einem Unfall interessiert, hören Sie mich?“
Sie nickten, ernst und ernüchtert, weil sie alle wußten, wie nahe der große und gefährliche Augenblick bevorstand.
„Unsere mitgebrachten Kandidaten haben schon ein wenig mit unseren zwei Großen geübt, deshalb rate ich allen, die jetzt neu dazugekommen sind, in jeder Lage ihrem Beispiel zu folgen. Bleiben Sie stehen, wenn die anderen stehen bleiben, verbeugen Sie sich wenn die anderen es tun, und gehen Sie in Deckung, wenn die anderen in Deckung gehen. Halten Sie sich bei der Aufstellung lieber ein wenig weiter hinten und achten Sie darauf, daß Sie genug freien Raum um sich herum und keine Hindernisse unter den Füßen haben, damit Sie schnell Ihren Standort wechseln können. Sich aneinanderzuklammern bringt nichts, weil ein Drachen zwei Personen genauso leicht umbringen kann wie eine, deshalb ist es besser, wenn man schnell ausweichen kann.“ Wylie zeigte nicht offen, daß er sich Sorgen machte. Alle waren freiwillig hier, nicht wahr? Aber trotzdem, bei ihm lag ein gut Teil der Verantwortung für sie alle, schließlich hatte er Anteil an ihrer Auswahl gehabt und sie hergebracht. Daß Richards auch dabei war und zweifellos alle Kniffe und Tricks, die ihm zur Verfügung standen, einsetzen würde, um die Kandidaten zu schützen, gab ihm Zuversicht, aber dennoch, die Sache war haarig. Im Umgang mit Drachenmüttern konnte wirklich alles geschehen, da gab es keine absolute Sicherheit. Das ließ er aber alles nicht verlauten, sondern behielt seinen zuversichtlichen Ton bei. 
„Nochmals, jeder der sich der Sache nicht gewachsen fühlt, kann noch aussteigen und hier oben bleiben. Ich zähle nicht durch, wer da unten bei uns sein wird oder nicht. Wenn Sie mitkommen wollen, sich aber Ihrer Nervenstärke nicht ganz sicher sind, halten Sie sich besser ein wenig im Hintergrund, auch da mache ich niemandem Vorschriften. - Aber genug geredet, jetzt gilt es!“
Weil er gesehen hatte, daß Tom von seiner Erkundung zurück war und ihm zunickte, es war alles vorbereitet, hieß das.
Renying ging als erste, dann Tom, weil sie beiden sicherstellen mußten, daß die Mutter keine bösen Überraschungen für ihre Besucher in petto hatte. Dann kam die Gruppe der Kandidaten mit Wylie als letztem - trotz seiner erneuten Warnungen hatte sich niemand abschrecken lassen, schließlich waren die meisten der Kandidaten gut vorbereitet worden und hatten genug Zeit gehabt, ihre Entscheidung zu treffen - und ganz am Ende folgte Big G als Schlußlicht.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #8 am: 2. Dezember 2014, 14:26:33 Uhr »
Tom hatte überall über dem Weg seine magischen Lichter angebracht, winzige Kunstsonnen aus leuchtenden Energieblasen aus reiner Matrixenergie, die die Umgebung beleuchteten, und unter ihnen erstreckte sich ein dazu passender Pfad aus purem Licht, der in Wahrheit aus ineinander verwobenen Energiefeldern bestand, die die zahllosen Spalten und Löcher unter ihnen sicher überbrückten wie eine wahrhaftige Elfenbrücke. Hin und wieder ragte ein nackter Felsen durch das Lichtgewebe, der umschritten werden wollte. Treppenstufen aus Licht und Energie führten abwärts und aufwärts, wie es die unregelmäßige Form der Höhle vorgab, und so erreichten sie sicher und bequem die große Haupthöhle, wo die Drachenmutter auf die versprochenen Kandidaten wartete. Hier war der Boden einigermaßen eben, aber nicht von Natur aus, und auch Tom war hier nicht tätig gewesen. Irgendjemand anders, vermutlich die Drachin, hatte die gröbsten Spalten mit Felsen und Geröll verfüllt, um eine größere halbwegs glatte Fläche zu erhalten, und die Mitte dieser Fläche nahm die auf einem großen Sandhaufen thronende Drachenmutter ein. Der Sand war von einer Farbe und Konsistenz, wie er in dieser Höhle vermutlich nicht von Natur aus vorkam.
„Ist in letzter Zeit ein Transporter mit Sand verschwunden?“ flüsterte Wylie Stu Collins zu.
„Ja, kurz bevor die Entführungen anfingen. Jeder hat sich gewundert, die Zugmaschine blieb stehen, nur der Anhänger ist verschwunden, und wer würde schon einen Anhänger voller Sand klauen, wenn der Truck doch viel mehr wert ist?“
„Nur ein Drachenweibchen, das bald Eier legt,“ sagte Wylie nicht laut, der auch darüber Bescheid wusste. Stattdessen hörten sie beide Big G´s telepathischen Kommentar. „Die sind da sehr pingelig, was die Qualität angeht. War Rosie auch.“ Und sie bekamen beide ein telepathisches Bild übermittelt, das ein feuerrotes Drachenweibchen über einem Nestbau aus reinem, weißem Quarzsand zeigte. Die Drachenmutter hier hatte sich allerdings für eine dunkle Sorte entschieden, der Farbe nach Sand, der aus verwittertem Vulkangestein bestand. Eine Sorte, die zugeführte Hitze sehr lange speichern konnte, ideal für das Ausbrüten von Dracheneiern. Von den Eiern war allerdings nichts zu sehen, da sich die Drachin über dem ganzen Sandhaufen ausgebreitet hatte und obendrein die Schwingen abgespreizt hielt, als wolle sie den Fremden keinen Einblick in ihr Allerheiligstes gewähren. Ihre ganze Körperhaltung, so wie sie da niedergeduckt kauerte, sprach von mühsam gebändigter Aggression, sie war jederzeit bereit, vorzuspringen und über die Eindringlinge herzufallen. Dementsprechend hielten Tom und die Kandidaten Abstand, als sie sich aufstellten, zuerst relativ eng beisammen und in zwei Reihen gestaffelt, um die Drachin von einem sofortigen Angriff abzuhalten, denn in dem Menschenhaufen steckten geeignete und ungeeignete Kandidaten gleichermaßen. Sie rührte sich deshalb auch noch nicht, starrte sie nur an aus mehr als tellergroßen, jedoch wegen ihrer körperlichen Gesamtgröße trotzdem klein wirkenden Augen, aus denen nackter Haß feurig herauszulodern schien. Während die Kandidaten noch hereinströmten und sich aufstellten, öffnete sich Ihr Maul langsam, scheinbar von hinten nach vorne, weil zuerst die hinteren Reißzähne zu beiden Seiten sichtbar wurden, und jeder Anwesende erkannte sofort den Unterschied zu den freundlichen Smiley-Gesichtern von Big G und Renying von vorhin. Dieses Drachenweibchen war extrem gereizt und jederzeit bereit zum Angriff, dieses Grinsen das Gesicht des grimmen Schnitters, der seine Sense drohend schwang. Und da begann es auch schon zu knurren. Kein mildes, nachsichtiges Murren wie das von Big G angesichts eines lärmenden Helikopters, sondern ein tiefes, nervenzerfetzendes Rattern, wie von einem Güterzug, der über Schwellen holperte und dabei tausend Echos in der Höhle auslöste - oder wie eine sehr überdimensionierte, angriffslustige Klapperschlange.
Wylie durfte nicht länger warten. Er ließ fix den Gong ertönen, und alle anwesenden Menschen verneigten sich, wo und wie sie gerade standen.
Das Knurren erstarb.
Und gerade, als unerwartet wieder Stille einkehrte, eine so tiefe, allumfassende Stille, daß man irgendwo in der Tiefe der Höhle Wasser tropfen hören konnte und sich jeder fragte, ob die Drachin jetzt jede Sekunde angreifen würde...
ertönte ein seltsames leises Knacken, als sei etwas geborsten. Und da, noch einmal, ein leises Knacken und Knistern, so leise, daß es kaum ein Echo erzeugte...
Die Drachin schoß schlagartig empor, doch nicht nach vorne. Auf einmal stand sie auf allen Vieren, machte die Beine so lang wie sie nur konnte, stand beinahe auf Zehenspitzen, als wolle sie so viel Abstand zum Nest unter ihr wie nur möglich bekommen, und lüpfte die Flügel in die Höhe. Dafür drehte sie ihren Kopf nach unten, und ihr Gesichtsausdruck zeigte etwas, was definitiv kein Zorn mehr war, sondern bestenfalls ... nacktes Entsetzen?
„Normalerweise hätte sie uns jetzt Feuer unter dem Hintern gemacht und alle dreimal kreuz und quer durch die Höhle gejagt.“ hörten die Menschen den telepathischen Kommentar von Big G. „Aber die Küken haben es sowieso eilig, und wir haben ihrer Schlüpffreudigkeit zum rechten Zeitpunkt ein wenig nachgeholfen. Also, alle Mann festhalten - denn jetzt geht es los!“
Wylies Gesten, daß die Kandidaten sich verteilen sollten, hätte es nicht bedurft. Die Drachenmutter reagierte nicht einmal auf die hastigen Bewegungen vor ihr, sie starrte weiterhin starr nach unten, wo im Sand die sanften, das matte Licht zurückwerfenden Wölbungen von fast einem Dutzend Eiern zu sehen waren. Und Bewegungen, denn zwei der Eier waren soeben zerborsten, und ihr Inhalt arbeitete sich langsam aus den Schalen, hinein in den lockeren Sand, der den noch weichen und feuchten Gliedmaßen und ungeübten Muskeln einigen Widerstand entgegensetzte.
Das erste Drachenjunge war leuchtend rot und gelb und mattschwarz gemustert wie eine Giftschlange, und Wylie dachte sofort, daß es sich bei dieser Farbenpracht um ein Männchen handeln müsse. Nummer Zwei schien von einem einfarbigen, dunklen Sandbraun zu sein - ein Weibchen? Noch während die beiden sich zum ersten Mal orientierten, die Köpfe hoben, witterten und dann aus sicherer Entfernung die Kandidaten in Augenschein nahmen, zerbarst ein weiteres Ei, und ein hell aquamarinfarben schimmernder Körper schob sich zielstrebig heraus. Dieses Exempar guckte zuerst nach oben, ins Gesicht seiner wie versteinert dastehenden Mutter, und gab dann ein helles krähendes Geräusch von sich. Was das heißen sollte, ein „Hallo, da bin ich“, ein Gruß an die Mutter, ein frecher Kommentar oder vielleicht sogar eine leichtsinnige Herausforderung an diesen übermächtigen Giganten, der den ganzen Himmel über dem kleinen Wesen verdunkelte - niemand wusste es, außer vielleicht bald der Kandidat, der sich mit diesem Jungen verbinden würde.
Rot-Gelb und Sandbraun waren unterdessen schon halbwegs den Sandberg hinabgekrochen, gerollt und wieder aufgerappelt, sie hielten zielstrebig auf die Kandidaten zu. Aquamarin folgte ihnen eilig, nachdem die Herausforderung keine Reaktion hervorbrachte, kugelte den Sandberg hinab, bis es wie seine Geschwister stabileren Höhlenboden unter die Beine bekam, nieste ein paar Sandkörner aus, und dann begannen sie alle drei die Reihe der gespannt wartenden Menschen abzupatrouillieren.
Ein triumphierendes Krähen - und in einem jähen Lichtblitz verschwand einer der drei, es war das braune Weibchen. Die leichteste Berührung hatte gereicht, um die Bindung mit der auserwählten Partnerin zu besiegeln. Die zwei anderen ließen sich noch Zeit mit ihrer Entscheidung. Unterdessen barst im Sandhaufen das nächste Ei, das ausgesehen hatte wie das größte im gesamten Wurf. Was sich herausarbeitete, war dunkel, und besaß bereits winzige Flügel. Es war nicht richtig schwarz, sondern von einer tiefbraunen Färbung, in die zahllose feine hellere Linien eingearbeitet zu sein schienen, und es hatte es erst einmal gar nicht eilig. Das Ei war um seine Mittellinie herum geplatzt, und das Kleine blieb erst mal sitzen, nachdem es die obere Schalenhälfte abgeschüttelt hatte. Es spreizte seine Schwingen und sah prompt wie kleines Monster aus chthonischen Tiefen aus, wie es da so im Schatten seiner Mutter in seiner Eierschale hockte. Erst als die anderen Eier um es herum ebenfalls zu wackeln und knirschen begannen, bequemte es sich dazu, sich langsam zu erheben und aus seiner Hülle herauszufalten, weil es wohl nicht als Allerletzter bei den Kandidaten sein wollte. Erstaunlicherweise schien es dabei immer dicker zu werden, weil sich seine Schuppen abspreizten, die offenbar nicht kurz und glattanliegend waren wie bei den anderen Drachenbabys, sondern länger und federartig, was jetzt einen Effekt wie von Langhaarplüsch ergab, der sich entfaltete, sobald die Eifeuchtigkeit abtrocknete. Daß Sand eine hinterhältig nachgiebige Unterlage war, begriff der Kleine schon beim ersten Schritt. Langsam und bedächtig setzte er Fuß vor Fuß, erreichte den Hang des Sandhaufens, doch anstatt würdelos hinabzukugeln wie die anderen, legte er sich nach einem Moment des Überlegens auf den Bauch und rutschte langsam und genußvoll die kurze Strecke hinab. Er schien noch kompakter geworden zu sein in den wenigen Minuten seit dem Schlupf, als ob ihn die zusätzliche Masse aus unsichtbaren Quellen geradezu anflog.
„Na, wer sich den einhandelt, der wird alle Hände voll zu tun haben!“ kommentierte Big G, abermals mit wenig Respekt.   
Unten angekommen, erhob sich der kleine Dunkle bedächtig und sah sich um und entdeckte offenbar erst jetzt seine Mutter, die über ihm hing wie ein riesiger bizarrer Baldachin. Er streckte seinen Kopf empor und krähte sie an, und diesmal war es definitiv eine Herausforderung, bei einem etwas älteren Drachen wäre es ein Brüllen gewesen anstelle des juvenilen Lautes. Doch sie reagierte auch diesmal nicht, schließlich waren da noch ein paar weitere Eier im Nest, in denen es jetzt munter wurde. Der Kleine konzentrierte sich jetzt auf die Kandidaten - seine zwei Vorgänger hatten inzwischen ihre Partner gefunden und sich in jeweils einer Lichtexplosion aufgelöst - und begann die vorderste Reihe abzuwandern. Dann stoppte er plötzlich mitten im Schritt und starrte an den Menschen direkt vor ihm vorbei in den Hintergrund der Höhle, wo sich die etwas ängstlicheren Kandidaten und jene mit körperlichen Behinderungen postiert hatten. Da bei Big G´s erster Brut eine Querschnittsgelähmte und ein Alkoholiker auserwählt worden waren, die sich auch später sowohl im Umgang mit ihren geschuppten Anhängseln als auch im Alltagsleben bewährt hatten, hatte Tom Richards keine Bedenken gehabt, ebenfalls ein paar Behinderte und sonstwie Benachteiligte mit zu berücksichtigen. Die Personen in der ersten Reihe wichen auseinander, sobald offensichtlich war, daß der Dunkle sich nicht für sie interessierte. Eine Gasse tat sich auf, zu den Leuten im Hintergrund --   
Joe Mercer verlor fast seinen kalten Zigarrenstummel, als ihm klar wurde, daß der Kleine in seine Richtung lurte, und als das Tier sich dann in Bewegung setzte und geradewegs auf ihn zustapfte, ließ er ihn vor lauter Schreck tatsächlich fallen. Der Dunkle quiekte abermals seine Herausforderung, diesmal in Joes Richtung, machte dann ganz unerwartet einen blitzschnellen Satz vorwärts, als wolle er den alten Mann über den Haufen rennen - und verschwand in einer Lichterscheinung, unmittelbar vor Joe, der nicht mal eine Berührung verspürte. Während er noch geblendet blinzelte und sich fragte, was da eigentlich gerade passiert und wo der Kleine denn hin war, wurde es im Nest lebendig, weil die letzten sechs Drachenjungen sich entschieden hatten, auf die Sekunde gleichzeitig zu schlüpfen. Kurz danach rutschten, kugelten oder schlängelten sich sechs weitere kleine Drachenleiber in verschiedenen Farben und Formen den Sandhaufen herunter, rappelten sich auf, quietschten je nach Temperament oder nicht, und suchten sich ihren persönlichen Favoriten aus den noch nicht vergebenen Anwesenden. Keine zehn Minuten später war alles vorbei, alle Schlüpflinge hatten sich plangemäß und ohne Komplikationen an ihre zukünftigen Lebenspartner gebunden.
Nun ja, vielleicht nicht ganz ohne Komplikationen.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #9 am: 10. Dezember 2014, 15:00:13 Uhr »
Wylie, der zu seiner riesigen Enttäuschung leer ausgegangen war, gesellte sich zu Stu, der eine leichenblasse Belinda im Arm hielt. „Regen Sie sich ab, sie hat sich einen Drachen eingefangen, keine Krankheit!“ sagte er mit deutlich hörbarem Neid in der Stimme zu Stu, und sprach dann zu Belinda. „Ich würde auf der Stelle mit Ihnen tauschen, wenn das ginge, glauben Sie mir. Zugegeben, das war jetzt unerwartet. Aber Siwa hat auch eine Dame in seiner Truppe, die die Zwanzig schon hinter sich gelassen hat, und sie hat sich zu sowas wie das Herz der Gruppe entwickelt. Sieht so aus, als würden manche Drachen auf Leute mit viel Lebenserfahrung abfahren, und da sind Sie und Joe wohl sowas wie intellektuelle Zehn-Gänge-Menüs. Und zumindest Joes Exemplar sah so aus, als könne es einen kräftigen Bissen vertragen.“ Der Agent ärgerte sich dezent, er hatte doch genau gewußt, daß mehr Kandidaten die Wahrscheinlichkeit, daß er einen Drachen für sich selbst abbekam, verringern würden. Aber ein weiblicher Drache für einen heterosexuellen Mann, das ging nicht gut, mit so einer Konstellation hatten Siwa und Tom zu schlechte Erfahrungen gemacht, deshalb konnte Wylie gar nicht auf Belinda sauer sein. Viel größer wäre die Gefahr gewesen, wenn eines der Drachenbabies mangels Wahlmöglichkeit keinen der Anwesenden als Partner akzeptiert hätte, denn für so einen Fall gab es noch keine Anweisungen im Handbuch.
Stu war trotzdem nicht überzeugt. Das rosige, schlangenartige Ding mit den kurzen Flossen und dem riesigen Maul, das ziemlich wenig Ähnlichkeit mit den anderen Drachenjungen besessen hatte, hatte ihn auf ungute Weise an die „Alien“-Larven aus den gleichnamigen Horrorfilmen erinnert. Und dieses Ding steckte jetzt irgendwo in Belinda, für die er etwas empfand, auch wenn er es ihr gegenüber nie zugegeben hätte?
„Was passiert jetzt?“ fragte er deshalb.
Wylie sah sich nach der Drachenmutter um. Die hatte den entsetzten Gesichtsausdruck verloren, nachdem das letzte Junge das Nest verlassen hatte, und starrte jetzt völlig ausdruckslos drein, ihre hochbeinig gestreckte Haltung hatte sie noch nicht aufgegeben. Big G und Renying rührten sich ebenfalls nicht, aber Wylie wollte darauf wetten, daß die beiden die Mutter gerade telepathisch in der Mangel hatten.
„Unsere Großen versuchen gerade, die Mama davon zu überzeugen, daß jetzt alles vorbei ist und daß sie sich endlich zur Ruhe begeben kann. Das heißt, daß sie ihre Bindungspartnerin freigeben soll. Dann kehren wir nach Deer Creek zurück und setzen die nicht auserwählten Einheimischen ab. Es liegt an Ihnen, ob Sie mit uns mitkommen wollen oder nicht, Mr. Collins, Tom hat immer noch einen Platz frei für einen zusätzlichen Gast, aber bei Ihnen, Mrs. Merritt, muß ich leider darauf bestehen. Sie sollten sich für mindestens einen Monat Abwesenheit vorbereiten, möglicherweise auch länger. Geld ist kein Problem, und auch Blitzbesuche hier oder anderswo lassen sich jederzeit machen, wenn einer unserer Großen so freundlich ist, Sie mitzunehmen. Spätestens wenn Ihre Kleine ausgewachsen ist, liegt Ihnen ohnehin die ganze Welt zu Füßen, ich schätze nämlich, daß auch Ihr Exemplar die zeitlose Teleportation beherrschen wird, wenn sie alt genug dafür ist.“
Das war schon mal ein kleiner Lichtblick. „Wie lange wird das dauern?“ fragte Stu neugierig.
„Bei Big G waren es geschätzte zwei Jahre, also richten Sie sich mal so in etwa auf diese Zeit ein.“ Wylie wusste das von Tom und Siwa, die er nach Strich und Faden gelöchert hatte zu allem, was irgendwie drachenrelevant klang. Azure, Toms Anhängsel, war als bereits ausgewachsenes Exemplar weitergegeben worden und deshalb auch sofort nach Bindung einsatzbereit gewesen, doch die Küken mußten jetzt erst einmal ein wenig wachsen und sich häuslich in ihren Partnern einrichten.
„Sie erhalten aber in Washington nochmal eine Einführung, die ausführlicher sein wird als das, was den Kandidaten bisher erzählt wurde, die ganzen kleinen Tricks und Kniffe, die man in dem Job so braucht. Zu den ersten Dingen, die man Ihnen beibringen wird, gehört der Aktivierungs-Voodo, mit dem man den Drachen herbeiruft und ihn auch wieder wegschickt, wenn man ihn nicht mehr braucht. Das zu lernen dauert einige Zeit, Siwa brauchte ein paar Monate dafür, allerdings hatte der auch keinen Lehrer, der ihm den Trick gezeigt hätte, er mußte alles selber herausfinden.“
„Was ist eigentlich mit Mr. Richards?“ Richards trug kein Kandidaten-Blau, jedoch konnte Stu nicht glauben, daß ausgerechnet der Experte für diese Dinge auf so eine Gelegenheit verzichtet hätte.
„Der ist schon bedient, er hat den jüngeren Bruder von Big G. Der übrigens deutlich hübscher ist als dieser häßliche Klotz.“ bestätigte Wylie Stus Annahme. Big G bekam die Bemerkung selbstverständlich mit, überhörte sie aber großzügig. Er war es gewohnt, daß über sein Aussehen gestichelt wurde, sogar Siwa selbst machte sich gern darüber lustig, aber bei Kampfdrachen zählten die berühmten inneren Werte. Ein paar abfällige Bemerkungen über sein Assehen konnten sein Ego nicht ankratzen, da gehörte schon erheblich mehr dazu bei einem Drachen, der seine ersten Kämpfe erfolgreich bestanden hatte. Sie amüsierten ihn allenfalls, waren sie doch ein gern aufgegriffenes Einstiegsthema, um Neulinge für einen Trip auf Big G´s Rücken vorzubereiten. 
„Heute waren aber seine sonstigen Fähigkeiten wichtiger als ein weiteres Riesenreptil, deshalb hat er darauf verzichtet, seine andere Form anzunehmen.“
„Verstehe.“ machte Stu, obwohl er im Moment ziemlich wenig verstand - aber das änderte  sich gleich darauf.
Die Arbeit von Big G und Renying zeigte Wirkung. Die namenlose Drachenmutter sank auf einmal in sich zusammen wie in einem jähen Anfall von Schlafsucht, ihre Augen schlossen sich... und dann begann sie auf einmal zu verblassen, durchscheinend zu werden wie eine Fata Morgana, noch bevor sie zu Boden sinken konnte. Doch auf der Stelle, wo sie verschwand, materialisierte etwas anderes, etwas viel kleineres - der Körper eines Menschen in landestypischem Anorak, der schlaff auf dem Sandhaufen des Drachennestes zusammensank. Tom und Wylie machten sich sofort auf den Weg dorthin, denn daß ein entlassener Bindungspartner so kraftlos zusammenbrach, war nicht normal. Stu und auch Belinda folgten langsamer. Als sie ankamen, kniete Tom bereits im Sand und half der fremden Person, sich aufzurichten. Stu hatte sich nicht getäuscht, als ihm die Person trotz des unförmigen Parkas, unter dem sich alles mögliche verstecken konnte, klein vorgekommen war, es war ein Mädchen mit den typischen Gesichtszügen und den glänzend schwarzen Haaren einer eingeborenen Inuit. Sie war wach, wehrte sich aber nicht gegen Toms stützende Hand, sondern sah sich verwundert um, als sei sie unvermittelt an einem völlig fremden Ort aus einem tiefen Schlaf gerissen worden. Dann gab sie plötzlich einen ganzen Wortschwall in ihrer Muttersprache von sich, die die Leute aus Washington nicht verstanden, vermutlich sprach sie einen der einheimischen Inuit-Dialekte. „Mr. Collins, Mrs. Merritt, versteht einer von Ihnen, was sie sagt?“ fragte Wylie, während Tom die junge Frau erst einmal beruhigend und etwas ratlos anlächelte, weil selbst seine Sprachkenntnisse bei diesem Dialekt versagten.
„Ja, ich beherrsche ein paar Brocken. Sie sagt, daß sie wieder so komisch geträumt hat, und will wissen, wie sie hierherkommt. Sagen Sie --“
„Später.“ antwortete Tom, der genau wusste, was Stu fragen wollte. „Sagen Sie ihr erst einmal, daß alles in Ordnung ist, und daß wir alle offenen Fragen klären werden. Wenn sie sich aufregt, könnte ihr Anhängsel wieder auftauchen, und dann würde es haarig für uns alle.“
Stu nickte und kratzte seine dürftigen Sprachkenntnisse zusammen, um zu übersetzen. Sie hörte zu und lächelte dann plötzlich, vermutlich weil der Trucker irgendein falsches Wort benutzt hatte.
„Yes.“ sagte sie dann auf einmal. „Ja, ich verstehe Sie.“ Neugierig betrachtete sie die fremden Männer und die eine Frau, die um sie herumstanden. In der ersten Verwirrung hatte sie ihre Muttersprache benutzt, aber wie fast alle Inuit der modernen Zeit beherrschte sie auch Englisch, das schließlich die übliche Verkehrssprache in Alaska war, sie hatte es vermutlich spätestens auf der örtlichen Schule gelernt. Dann allerdings saugte sich ihr Blick an etwas fest, was sich im Hintergrund befand.
„Tungulria?“ fragte sie. Wieder ein Wort in ihrer Muttersprache, weil ihr das englische Wort auf Anhieb nicht einfiel.
„Sie meint das Schwarze, den Drachen.“ half Stu aus.
„Ihr Name ist Renying.“ erklärte Wylie freundlich, zu dem Mädchen gewandt. „Und sie wird dir etwas zeigen, was dir helfen wird zu verstehen.“ Dann drehte er sich um. „Renying, bitte?“
Sowohl Big G als auch Renying hatten lange Hälse gemacht und die Sache beobachtet, auch sie waren sehr daran interessiert zu erfahren, wer denn die Partnerin der fremden Drachendame war. Jedoch waren sie auf Abstand geblieben, um die Unbekannte nicht zu sehr zu erschrecken. Renying wusste, was Wylie von ihr wollte. Gemächlich kam sie ein paar Schritte näher und bot ihre Flanke dar, damit sie auch gut in ihrer ganzen beeindruckenden Größe zu sehen war -- und dann sank plötzlich ihr Kopf herab und ihre Beine knickten ein, wie in einem weiteren Anfall von plötzlicher Schlafkrankheit bei Drachen... und noch während sie verblasste und sich in Luft auflöste, materialisierte sich an dieser Stelle ein viel kleinerer menschlicher Körper, abermals der einer jungen schwarzhaarigen Frau, die in einem ähnlichen Kampfanzug steckte wie Tom. Doch sie brach nicht zusammen wie die junge Inuit, sobald sie den Boden berührte, sie stand sicher auf ihren Beinen, öffnete die Augen und lächelte, als sie näherkam.
„Hallo, mein Name ist Mai Lin Wong.“ sagte sie mit bezauberndem chinesischem Akzent, als sie vor der Gruppe stehenblieb und sich leicht verneigte. „Ich habe die Ehre, die Bindungspartnerin von Renying zu sein.“ 
Während Stu und Belinda vor Erstaunen fast den Mund nicht zu bekamen, schritt Mai Lin weiter, kniete sich zu der jungen Inuit, die immer noch im Sand saß, und streckte ihr die Hand entgegen. „Wie ist dein Name?“ fragte die Chinesin unbekümmert, als wäre sie gerade in der Schule und würde eine neue Mitschülerin kennenlernen.
„Ich bin Anernerk.“ antwortete die junge Eingeborene und ergriff zögernd Mai Lins hingestreckte Hand.
Wylie machte heimlich ein „Daumen hoch“ in Richtung Tom, der lächelnd zurücknickte. Die Sache war geritzt, hieß das, den Rest konnte er wohl getrost Mai Lin überlassen, die beiden Mädels sollten erst einmal Smalltalk machen und sich beschnuppern, bevor man sich ernsteren Themen widmen mußte. Im Hintergrund löste sich soeben auch Big G in Nichts auf und entließ einen jungen blondhaarigen Burschen, dessen verblüffende Ähnlichkeit zu Tom Richards, mit einem Altersunterschied von etwa dreißig Jahren, sofort ins Auge fiel. 

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #10 am: 3. Februar 2015, 15:30:13 Uhr »
Wylie winkte die Kandidatenschar zu sich, zuvorderst die Leute von Deer Creek, die den ganzen Vorgängen mit großen Augen zugesehen hatten, weil sie so eine Verwandlung vom Drachen in einen Menschen noch nie miterlebt hatten. Drei von ihnen, Belinda, Joe und der junge Mark, waren auserwählt worden und gehörten deshalb zu denen, die mit nach Washington fliegen mußten.
„So, die Show hier ist vorbei.“ begann Wylie. „Tom und Siwa machen hier noch sauber, dann fliegen wir alle zuerst mal nach Deer Creek zurück, und später geht es zurück nach Washington. Alle Kandidaten, die heute nicht auserwählt wurden, können sich bei der nächsten Gelegenheit wieder bewerben, Sie können mir später Telefonnummern oder Kontaktadressen geben, damit wir Sie informieren können. Wir hoffen nämlich, daß es auch bei Renying irgendwann soweit sein wird. Alle Auserwählten bleiben später nach der Ankunft in Washington bei uns, weil Tom und Siwa Sie einweisen werden, was als nächstes zu erwarten ist. Alle anderen bekommen die versprochene Aufwandsentschädigung und ein Ticket nach Hause, vielleicht auch mehr, wenn Sie mit Tom irgendwelche Vereinbarungen über Jobs, Wohnungen oder anderes getroffen haben oder noch treffen möchten. Ich möchte nochmal betonen, daß Sie nach Möglichkeit Stillschweigen über das alles hier bewahren sollten. Sie erinnern sich, was ich Ihnen über die Geheimwaffen erzählt habe - nein, Mr. Collins, Ihnen und Ihren Leuten noch nicht, das hole ich noch nach, keine Sorge - und daß das alles hier eine Angelegenheit der nationalen Sicherheit ist, weshalb Sie alle sich als Geheimnisträger betrachten dürfen, die einen Eid geschworen haben. Für die Sicherheit unserer Nation und der gesamten Menschheit.“ Dann sah er Joe Mercer an. „Sobald wir in Deer Creek sind - wie schnell können Sie packen, Soldat?“ fragte er, nur halb im Scherz und mit bewußt ernster Miene.
„So schnell wie der Blitz, Sir, yes Sir!“ salutierte Joe genauso ernst zurück, aber dann grinste er breit. Er wusste, er hatte sein Ticket zurück in die Zivilisation gewonnen, auch wenn er im Moment noch nicht wusste, was die Zukunft bringen würde. Aber das wusste man beim Militär ja nie, nicht wahr?
„Dann setzen wir wohl Mrs. Merritt als erste ab. Damen brauchen ja immer ein wenig länger, um sich zu entscheiden, was ins Gepäck muß.“
„Damen? Wo gibt es denn hier sowas?“ Belinda sah sich übertrieben nach allen Seiten um, und dann lachte sie genauso breit wie Joe. „Schon gut, es dauert nicht lange, meine Siebensachen für einen Monat zu packen. Und ich verlasse mich darauf, daß ich danach einen Freiflugschein für einen Besuch daheim bekomme, hören Sie mich?“
Wylie nickte lächelnd zurück, das konnte er guten Gewissens versprechen. Irgendein Drachenbesitzer würde schon greifbar und willens sein für einen kleinen Ausflug nach Alaska, wahrscheinlich blieb es an Tom hängen, falls Siwa bis dahin schon nach Hause zurückgekehrt war.       
Der durchkämmte gerade den Sandhaufen nach sogenannten Drachenperlen, das waren Sandkörner, die durch eine noch unerforschte Form von Drachenalchemie während des Brutprozesses zu glasigen, perlenartigen Klumpen verschmolzen waren. Solange nicht sichergestellt war, daß diese Perlen für die Drachen, aus deren Nest sie stammten, nicht später eine mögliche Gefahr darstellten, gingen sie lieber auf Nummer sicher und sammelten die Dinger erst einmal ein. Eine übertriebene Vorsichtsmaßnahme, wie es schien, doch hatten die Matrixtechniker Siwa und Tom auf teilweise schmerzhafte Art die Erfahrung gewonnen, daß man in ihrem Beruf nie vorsichtig genug sein konnte, insbesondere wenn es um künstlich mit Hilfe von Matrixenergie erschaffene Wesen wie die Drachen ging. Den unbedenklichen Rest des Sandes ließ er liegen, vielleicht sehnte sich Anernerks geschuppte bessere Hälfte für ein zukünftiges Brutgeschäft wieder in ihre gewohnten Gefilde zurück. Tom löschte hinter ihnen eines seiner Lichter nach dem anderen aus und vergewisserte sich, daß die Matrixenergie keine Spuren hinterließ, die unerwünschte Verzerrungen oder sogar Risse im Gewebe der Realität verursachen konnten. Als alle die Höhle verlassen hatten und die Leute seine Wendeltreppe draußen hinabstiegen, ließ er auch die von ihm geschaffenen energetischen Stege und Treppen hinter sich verschwinden, bevor er als letzter folgte. Jeder zukünftige Höhlenforscher mußte sich wieder selbst etwas einfallen lassen, wie er die Löcher und Spalten überwinden wollte.         
Als auch die energetische Wendeltreppe, die von außen zur Höhle hinaufführte, erlosch, wusste Wylie, daß Tom im Augenblick keine geistige Konzentration mehr für die Benutzung seiner Energiematrix benötigte und trat zu ihm, erleichtert lächelnd, und Tom gab das Lächeln wortlos mit einem zufriedenen Nicken zurück. Sie waren beide heilfroh, daß es so reibungslos und ohne menschliche Verluste abgelaufen war. Tom und Siwa wußten aus eigener Erfahrung, wie gefährlich der Umgang mit einem außer Kontrolle geratenen Drachenweibchen sein konnte, und hatten Wylie davon in allen drastischen Einzelheiten berichtet.
Siwa und Mai Lin bewiesen soeben, daß die Verwandlung auch in die andere Richtung funktionierte, und brachten die Leute von Deer Creek damit ein weiteres mal zum Staunen, weil sie erst jetzt auch Renying in ihrer vollen Größe und Schönheit bei Tageslicht betrachten konnten.
„Wer will mit den beiden fliegen?“ fragte Wylie die vor den Helikoptern versammelten Leute. „Für alle, die heute nicht auserwählt wurden, könnte das die einzige Gelegenheit ihres Lebens sein. Je drei pro Drache, bitte, und laßt die ran, die noch nie einen Drachenritt hatten! Anernerk, willst du mit Renying fliegen? Dann könnt ihr euch unterwegs ein wenig unterhalten, und dieser Flug ist bestimmt angenehmer als der im Helikopter.“
Nach einigem Hin und her fanden sich noch fünf weitere Leute, die zusammen mit der Inuit von Wylie genauso eingewiesen wurden wie Stu und Belinda für den Herflug. „Keine Sorge, die beiden kennen den Weg und bringen Sie sicher nach Deer Creek, also genießen Sie den Ritt, solange er dauert.“ sagte Wylie zu ihnen, sobald sie aufgestiegen und gesichert waren, und sah dann zusammen mit allen anderen zu, wie die Drachen sich in die Lüfte schwangen. Erst dann enterten die Zurückgebliebenen die Helikopter, einschließlich Wylie und Tom Richards. 
Tom wäre vermutlich lieber selbst geflogen, in seiner reptilischen Form als Azure oder mit der Fluggestalt, die er aus seiner Matrix erschaffen konnte, statt in dem kaum beheizten, lärmerfüllten und reichlich unbequemen Chinook mit den anderen mitzufliegen, aber er mißtraute Helikoptern aus Prinzip, die Dinger waren aus seiner Sicht viel zu unzuverlässig und absturzgefährdet, um jemanden, der seinem Schutz unterstellt war, in so einem Ding unbeaufsichtigt mitfliegen zu lassen. Wylie konnte jedenfalls sicher sein, daß sie auf diesem Flug mit absoluter Garantie nicht abstürzen würden, weil Tom die ganze Zeit über, die der Flug dauerte, seine Matrix für eine Notfallaktivierung bereit hielt. So schnell hätte der Helikopter gar nicht abstürzen können, daß es Tom nicht möglich gewesen wäre, ihn noch mit Hilfe seiner Matrix aufzufangen. Und Siwa tat das gleiche im Apache. Der Flug verlief jedoch völlig ereignislos, die Maschinen dachten gar nicht daran, zu mucken oder gar abzustürzen.
Die Einwohner von Deer Creek hatten geduldig im Inn auf die Rückkehr der zwei Maschinen gewartet. Wylie ließ es sich nicht nehmen, als erster auszusteigen, bedächtig und mit ernster Miene, die nichts verriet. Dann jedoch hob er plötzlich die Hand, mit hocherhobenem Daumen, und strahlte über das ganze Gesicht, und die Zuschauer begannen wie ein Mann zu jubeln, Mützen flogen in die Luft. Dann winkte Wylie nach hinten, und die drei Auserwählten von Deer Creek durften vortreten.
„Drei mehr oder weniger glückliche Erwerber eines Drachenkükens,“ verkündete Wylie grinsend. „Die wir aus diesem Grund leider aus Ihrer geschätzten Mitte entführen müssen, weil damit ein neuer Lebensabschnitt für sie beginnt. Gegen einen Besuch hier hin und wieder ist aber nichts einzuwenden, es ist nicht so, daß wir die Auserwählten in Washington oder sonstwo einsperren und die Schlüssel wegschmeißen.“ Da Joe dazu hinter Wylies Rücken eine Pantomime aufführte, zuerst strahlend wie ein Sieger im Boxring die Arme hochriß und sich beim Wort „einsperren“ unter den eigenen Händen zu verstecken versuchte, kam das Publikum aus dem Schmunzeln nicht heraus. Bis jemand zufällig an den nachtdunklen Himmel blickte und zwei Silhouetten entdeckte, die definitiv nicht von kreisenden Raubvögeln stammten. Renying und Big G kreisten langsam tiefer und ließen sich Zeit mit der Landung, und Big G überließ der Drachendame höflich den Vortritt, so daß die Einwohner schon mal Renying in all ihrer schlanken, schwarzen Eleganz bewundern konnten, bevor der häßliche Klotz nachfolgte und den Eindruck zerstörte. Beide legten sich nieder, damit ihre Passagiere absteigen konnten, abermals unterstützt von der blaugekleideten Truppe aus der Hauptstadt.   
„Anernerk!“ rief einer der Einheimischen, ein hochgewachsener dunkelhaariger Mann mit europäischem Gesichtsschnitt überrascht, als er die zuvorderst auf Renying sitzende Gestalt erkannte.
Vor Verblüffung merkte er gar nicht, daß er plötzlich unmittelbar vor Renyings Brust stand und zu dem Mädchen hochblickte, das soeben mit Hilfe von Renying und einigen Blaugekleideten erfolgreich die Kletterpartie aus dem hohen Sattel hinter sich brachte.
„Ich dachte, du wärst bei deinem Onkel!“ sagte er dann verständnislos. Im örtlichen Dialekt der Inuit, doch Renying, die wie alle Drachen telepathisch begabt war, übersetzte unaufgefordert und setzte jedem umstehenden Zuhörer den englischen Text ins Gehirn. 
„Das war ich auch, Vater. Aber dann habe ich geträumt, ein sehr langer Traum, und als ich aufwachte, war ich in einer Höhle, und diese Leute waren bei mir.“ Sie deutete auf die Personen um sich herum.
„Sie sind ihr Vater?“ fragte Wylie den Mann.
„Pflegevater. Ihre Eltern starben an Trunksucht, als sie noch sehr klein war. Mein Name ist Luc Stanton, aber die Inuit nennen mich Makpigat, das heißt Buch, weil ich ein Mann des Buches bin. Ich bin so etwas wie der örtliche Prediger, Vermittler, Trauerredner und Problemlöser für alle Fälle.“ antwortete der Mann auf Englisch. „Sie hat ein paar Onkel, Tanten und andere Verwandte, die sie regelmäßig besucht, damit sie sich ihrer Kultur nicht zu sehr entfremdet, aber die können sie nicht dauerhaft aufnehmen. Wo haben Sie sie gefunden?“
„In der Bear Cave. Sie ist die Bindungspartnerin Ihres „Monsters“, der Mutter der Drachenjungen, die sich heute mit unseren Kandidaten verbunden haben.“ mischte sich Richards ein. „Die Bindung mit der Drachin ist vermutlich ganz unabsichtlich erfolgt, oder sie hat es gründlich verdrängt. Und es muß mindestens schon ein paar Jahre her sein, weil ein Drache nicht von heute auf morgen erwachsen wird, das dauert mindestens zwei Jahre. Dazu muß ich sie befragen, und ich würde es sehr begrüßen, wenn Sie mich dabei unterstützen, weil Sie mit ihrer Sprache und Kultur vertraut sind.“
Stanton hatte unwillkürlich den Himmel gemustert, ob sich da nicht ein dritter, unheilverheißender Schatten herumtrieb. „Wo ist der Drachen jetzt?“ fragte er.
„Der hat für den Augenblick seine Schuldigkeit getan und liegt auf Eis. Er wird aber irgendwann wieder hervorbrechen, und dann sollte sie vorbereitet sein und fähig, die Kontrolle zu übernehmen. Man kann ihr den Drachen nicht wegnehmen, er ist ein Teil von ihr. Jedenfalls habe ich bis jetzt noch keinen Weg gefunden, eine solche Bindung zu durchtrennen, ohne den menschlichen Partner in ernsthafte Gefahr zu bringen. Und ich werde ihr Leben nicht riskieren, indem ich herumexperimentiere, verstehen Sie. Es ist einfacher, ihr die Grundlagen für die Kontrolle ihres Anhängsels beizubringen. Wenn man einen erfahrenen Lehrer hat, geht das ziemlich schnell, die Partnerin von Renying hat es innerhalb eines einzigen Tages begriffen. Allerdings ist in ihrer Kultur die Akzeptanz von Drachen auch ausgeprägter. Sie ist gebürtige Chinesin, wissen Sie.“
Stanton lächelte. „Viele Indianerkulturen einschließlich der Inuit kennen die mythologische Figur des Donnervogels. Das ist nicht so weit von einem Drachen weg, stammt vielleicht sogar aus der gleichen urzeitlichen Quelle, die mitgebracht wurde, als die Vorfahren der Inuit über die Beringstraße von Asien aus einwanderten.“
„Dann ist es eine reine Frage der Akzeptanz. Wer die ungewollte Bindung mit einem Drachen mit aller Gewalt leugnet und verdrängt, statt sich in sein Schicksal zu ergeben und die Vorteile zu nutzen, die sich daraus ergeben - ja, es gibt tatsächlich auch Vorteile -  lädt zukünftige Probleme geradezu ein. Umso wichtiger ist es, daß Sie uns dabei helfen, daß sie ihr Anhängsel akzeptiert und unter Kontrolle bringt. Ist es Ihnen möglich, für ein paar Wochen mit uns zu kommen?“
„Moment. Ich?“ fragte Stanton. Seine Miene verfinsterte sich. „Ich kann mich nicht erinnern, daß ich mich als Freiwilliger gemeldet hätte. Ich dachte, das könnten wir hier erledigen, wo sie hingehört, wo ihre Heimat ist.“
„Ich fürchte, daß das nicht geht. Sie steht unter Arrest.“ antwortete Wylie mit hochoffiziell dienstlich-ernster Miene.
„Unter Arrest?“ stutzte Luc.
„Selbstverständlich. Wir haben hier schließlich eine fahrlässige Tötung in Verbindung mit zahlreichen Fällen von Kidnapping, Bedrohung und Sachbeschädigung.“ erinnerte Wylie. „Da ist jeder Tatbestand für sich ein schwerwiegendes Vergehen, das gründliche Ermittlungen und eine angemessene Ahndung nach sich zieht. Ich als Bundesagent kann das nicht einfach übergehen.“ 

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Drachenjäger
« Antwort #11 am: 21. September 2016, 17:30:03 Uhr »
„Aber, Sie wissen doch selbst, daß sie nichts dafür konnte! Fällt das nicht unter akute Unzurechnungsfähigkeit?“
Luc Stanton war fassungslos und ein wenig aufgebracht, daß der Bundesagent, der sich bis jetzt so jovial und umgänglich gezeigt hatte, auf einmal die harte bürokratische Seite hervorkehrte.
„Doch, tut es, und alle Stellen, die sich damit befassen werden, werden das berücksichtigen. Sie ist aber trotzdem eine Bedrohung für die Allgemeinheit und wird es bleiben, solange sie nicht ihr geschupptes Anhängsel akzeptiert und unter Kontrolle gebracht hat. Und deshalb muß ich sie verhaften und mitnehmen, da führt kein Weg dran vorbei. Verstehen Sie?“
„Sie wollen sie also wegsperren, für immer in einen Käfig stecken? Da wird sie zugrunde gehen! Sie als Stadt-mensch verstehen das wahrscheinlich nicht, aber Anernerk ist ein Kind dieses Landes, dieser freien Natur. Hinter Gefängnismauern wird sie eingehen wie eine wilde Blume!“
Da lächelte Wylie plötzlich. Anders als sein ehemaliger Vorgesetzter George Fox, der ein bornierter, bürokratischer Sturkopf gewesen war und ohne jedes Mitgefühl für diejenigen, die er schikaniert hatte, konnte Wylie durchaus mit manchen Delinquenten mitfühlen, und das hier war so ein Fall. Luc Stanton hatte vollkommen recht, nur die Folgerung, die er daraus zu ziehen versuchte, war fehlerhaft. 
„Von einsperren hat niemand etwas gesagt. Sie einfach nur wegzusperren wäre kontraproduktiv, weil es das eigentliche Problem nicht löst. Selbst wenn wir sie dauerhaft unter Narkose hielten, würde der Drache immer wieder einen Weg finden durchzubrechen, und wäre dann, verwirrt und völlig ohne menschliche Kontrolle, eine Gefahr für die ganze Umgebung. Nein, für solche Sonderfälle gibt es Sonderregelungen, die meine Behörde anwenden kann und wird. Und die sehen in diesem Fall so aus, daß sie einem Experten zwecks weiterer Maß-nahmen übergeben wird, nämlich Tom Richards.“
Er deutete mit dem Daumen auf den Mann, der zustimmend nickte.
„Er wird sich um sie zusammen mit den anderen Ausgewählten kümmern. Zuhause hat er schon eine ganze Sammlung von Freaks und Irren, da fallen ein paar mehr nicht weiter auf. Und irgendwas scheint er richtig zu machen, weil die Stadt bis jetzt noch nicht von der Landkarte verschwunden ist, obwohl er sich einer Käfighaltung seiner Schützlinge standhaft verweigert.“ Grinsen.
„Renying und Big G sind der beste Beweis, daß er für den Job qualifiziert ist. Die beiden hatten auch keinen einfachen Start, und schauen Sie sie sich an, wie sie jetzt sind. Großkotzig, überfüttert und verzogen und so faul und gutmütig wie zu groß geratene Hauskätzchen. Manchmal parieren sie sogar auf einen Befehl, meistens nicht, aber ihre Amokläufe beschränken sie zum Glück auf die allwöchentliche Fütterung.“
Ein zwiefaches Drachengrinsen bewies, daß die beiden diese Worte so verstanden, wie sie gemeint waren, nämlich als liebevolles Triezen. Entsprechend gemütlich kam Big G´s Antwort: „Sei vorsichtig, sonst wirst du gleich gebadet!“
„Gebadet?“ fragte Luc, der den Kommentar ebenfalls gehört hatte.
„Wenn sie ein paar Nummern kleiner wären, würden sie mich jetzt zur Strafe vermutlich abschlecken. Aber das Lecken eines ausgewachsenen Drachen reißt einem das Fleisch von den Knochen, also beschränken sie sich darauf, einen vollzusabbern. Und so eine Badewannenfüllung Sabber als Lektion vergißt man nicht so schnell, glauben Sie mir.“ lachte Wylie.
„Sie glauben also, daß Anernerk mit der ganzen Sache zurechtkommen wird?“
„Wenn Tom mit ihr nur halb so schnell vorwärts kommt wie mit Renying, wird sie in ein paar Wochen die wichtigsten Dinge gelernt haben. Er ist ein ziemlich guter Lehrer, wissen Sie. Und dann spricht nichts dagegen, daß sie hierher zurückkehrt, wenn es sie glücklich macht. Sie muß aber für Fortbildungsmaßnahmen und Notfälle zur Verfügung stehen, daran führt kein Weg vorbei. Drachen sind kein Spielzeug, sie sind vielfach einsetzbare Werkzeuge, die benutzt werden wollen und sollen und die geschliffen und geübt werden, damit sie ihr volles Potential entfalten können.
Die Kandidaten, die heute einen Jungdrachen bekommen haben, haben es tatsächlich schwerer als das Mädchen, weil ihre Drachen sich erst einmal so weit entwickeln müssen, und bis dahin sind noch einige Hürden zu nehmen. Anernerk dagegen kann gleich mit unseren zwei Großen hier um die Häuser ziehen, wenn ihr danach ist. Der wichtigste Schritt dahin ist allerdings, daß sie ihr Anhängsel anerkennt, daß sie lernt, daß der Drache kein Teil eines bösen Traums, sondern ein realer Teil ihrer eigenen Persönlichkeit ist. So etwas wie ein zweiter, ziemlich groß geratener Ersatzkörper, wenn Sie so wollen. Sie könnten ihr dabei am besten helfen, weil Sie sie kennen und weil Sie ihre Sprache sprechen. Haben Sie die Möglichkeit, Ihre anderen Pflichten hier wenigstens für ein paar Tage ruhen zu lassen? Danach kann einer von unseren Großen Sie hierher zurückbringen, wenn Sie wollen, Sie müssen dazu nicht einmal ein Flugzeug besteigen.“
Luc Stanton überlegte eine Weile.
Und sagte dann: „Wenn Sie mir genug Zeit lassen, Stan Floyd im Kreis seiner Gemeinde zu beerdigen...“
„Kein Problem. Sie und Anernerk und die zwei anderen Auserwählten von hier können noch so lange hierbleiben, dann holen unsere Drachen Sie alle zusammen ab. Wenn unsere ganze Gruppe hierbliebe, gäbe es vermutlich Probleme, genug Unterkünfte zu finden. Sie müssen uns nur versprechen, uns nicht davonzulaufen. Sie werden in Washington nicht aufgefressen oder hochnotpeinlichen Prozeduren unterworfen, darauf haben Sie mein Wort.“
„In Ordnung.“ Das kam mit einem tiefen Seufzer, Luc Stanton war über diesen Ausgang nicht gerade glücklich, aber er reichte Wylie die Hand, die dieser drückte.
Damit war vorerst alles entschieden.

... Und diese Episode hat ein                          Ende.