Autor Thema: NCIS - Dunkle Wasser  (Gelesen 4135 mal)

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NCIS - Dunkle Wasser
« am: 22. November 2013, 21:11:18 Uhr »
Hinweis: NCIS - Dunkle Wasser ist ein zu rein nicht kommerziellen Zwecken geschaffenes Fanfiction-Crossover mit Charakteren der Serien NCIS, Starman und 2772.


"Du kommst gerade pünktlich, Gibbs, wir haben einen neuen Fall!"
Tonys Gesichtsausdruck nach war es etwas unangenehmes, aber es mußte wirklich ganz frisch hereingekommen sein, sonst wäre Gibbs bereits zu Hause angerufen worden, bevor er ins Auto stieg, um zum Büro zu fahren. Die anderen hatten nämlich gewußt, daß sie etwa um diese Zeit mit seiner Ankunft zu rechnen hatten.
"Was ist es denn?"
"Ein Amoklauf. Ein Marine hat drei Personen erschossen und dann vermutlich Selbstmord begangen, vor noch nicht einmal einer Stunde. Die City Police ist noch dran, und McGee ist mit Ducky bereits am Tatort. Sie waren heute ziemlich früh da und sind sofort losgefahren, als die Meldung von der Schießerei kam."
führte Tony DiNozzo aus. Gibbs begriff sofort, warum die anderen ihn heute lieber hier im Büro hatten als am Tatort. Amokläufe wurden postwendend in sämtlichen Details von der Presse verrissen und ganz besonders dann, wenn jemand von der Army oder einer Spezialeinheit beteiligt war, stellten also in jedem Fall Problemfälle für die ermittelnden Behörden dar, in denen mit größter Vorsicht nach allen Seiten zu agieren war, spätestens wenn die Pressemeute damit begann, besagte Behörde zu belagern, um auch die kleinste Einzelheit zu dem Vorfall zu erfahren. Statt also die ganze Truppe an den Tatort zu schicken wie sonst üblich, war es wichtiger, so schnell wie möglich die Ermittlungen in sämtliche in Frage kommenden Richtungen voranzutreiben, bevor die ewig wirkenden Gezeiten von Nachrichten und Gegenreaktionen der Öffentlichkeit mögliche weitere Spuren verwischen konnten.
Abby Sciuto, Spezialistin für forensische Analyse, bekennende Exzentrikerin mit Goth-Image und regierender Computer-Nerd dieser Dienststelle, übernahm.
"Der Name des Täters ist Jesus Gomez, ein Marine Lieutenant. Die Opfer sind laut erster Mitteilungen eine Frau, eine Junge und ein Pastor, es ist noch nicht bekannt, ob sie mit dem Täter in irgendeiner persönlichen Verbindung standen, aber rein von der Konstellation her könnte es sich um eine simple Beziehungstat handeln. Ich habe mir bereits erlaubt, den unmittelbaren Vorgesetzten von Gomez zu ermitteln und zu kontaktieren, einen Commander Miguel Alvarez. Er befindet sich zur Zeit in einem Ausbildungscamp in den Rockys, hat aber versprochen, so schnell wie möglich nach Washington zu kommen. Er gab mir den wertvollen Hinweis, daß wir uns sofort mit Gomez´ Psychiater, einem gewissen Dr. Thomas A. Richards, in Verbindung setzen sollten. Falls er gerade nicht erreichbar sein sollte, sollte ich gegenüber seinen Mitarbeitern das Stichwort "New Mexico" erwähnen. Mehr durfte der Commander leider nicht dazu sagen, es hörte sich ganz so an, als hätte er sich schon mit diesem Begriff sehr weit aus dem Fenster gelehnt. Aber als ich mich dann dumm gestellt habe und einfach die Begriffe New Mexico und Marines eingab, ist mir fast der Computer durchgebrannt." Sie drehte den Monitor des Gerätes, an dem sie saß, und Gibbs konnte die Liste von Ergebnissen selber sehen.
"Offenbar ist in der Wüste von New Mexico vor einiger Zeit etwas passiert, an dem ganz masssiv Militär einschließlich eines Trupps Marines beteiligt war. Und zwar in viel größerem Umfang als in den militärischen Testgebieten dort üblich ist. Ein ziemlich großes Gebiet, das ursprünglich nicht zu einem Testgelände gehörte, ist von heute auf morgen zum Sperrgebiet erklärt worden, komplett mit Überflugverboten und allem, und selbst die Satellitenaufnahmen dieses Gebiets von kommerziellen Anbietern bis hin zu Militärsatelliten sind allesamt geschwärzt worden und bis heute nicht wieder zugänglich gemacht worden. Ein Atomversuch war es nicht, da wären die seismischen Wellen registriert worden, aber vielleicht ist irgendetwas anderes schiefgegangen. Die Webgemeinde überschlug sich geradezu, da wurde über einen Erstkontakt mit Aliens genauso spekuliert wie über den Einschlag eines Miniatur-Schwarzen Lochs, die Entdeckung von superschweren Überresten eines Neutronensterns und ähnlich schräges Zeug, was dort genau passiert sein soll. Aber was immer es gewesen ist, dieser Lieutenant Gomez könnte dabei gewesen sein, wenn sein Commander uns schon auf die Sache aufmerksam macht. Im Augenblick ist das aber erst mal nur Spekulation, Gibbs, okay?"
Der Special Agent nickte, er verließ sich auf den trainierten Instinkt seiner Mitarbeiter. Er las die ausgedruckte Adresse des Psychiaters, die Tony ihm reichte. "Ziemlich noble Gegend, da stehen nur riesige alte Villen. Dieser Psychiater scheint sehr gut zu verdienen." kommentierte er. 
"Fahren wir auch zum Tatort, oder nehmen wir uns diesen Seelenklempner gleich zur Brust?" fragte Tony.
"Letzteres." Wenn sowohl die City Police als auch Ducky, mit dem Instinkt des alten erfahrenen Gerichtsmediziners, und McGee vor Ort waren, konnte Gibbs darauf vertrauen, daß er alle Informationen bekommen würde, die dort zu erlangen waren. Nicht daß der Fall im Augenblick besonders kompliziert aussah. Amokläufe waren tragisch und kein Ruhmesblatt, wenn Einrichtungen wie das Marine-Korps betroffen waren, aber sie passierten nun mal hin und wieder. Der Psychiater konnte vielleicht ein paar wertvolle Einzelheiten zum Geisteszustand des Täters liefern, und dass sollte er lieber noch bevor er aus der Presse von dem Vorfall erfuhr oder aber ihm selber die Reporter die Würmer aus der Nase holten.
"Verdammt, ist das ein Schuppen!" kommentierte Tony einige Zeit und etliche Meilen später.
Gibbs konnte diese Bemerkung gut verstehen. Der alte, doppelt mannshohe Zaun aus geschmiedetem und geschwärzem Eisen, der das ganze riesige Grundstück einfriedete, wirkte zierlich und fragil und kaum geeignet, ein gewaltsames Eindringen etwa mit Hilfe eines Autos, wenn man Blechschaden nicht scheute, zu verhindern. Doch unmittelbar hinter dem Zaun lag das Bodenniveau um einen guten Meter höher, und die unscheinbar wirkenden Betonabdeckungen, die sich dort entlang des ganzen Zauns erstreckten, verbargen nicht etwa Ablaufsysteme einer Drainage oder eines Gullis, sondern vermutlich beweglich montierte Panzersperren, die bei Bedarf ziemlich schnell hochgefahren werden konnten. Überwachungskameras oder andere Überwachungssysteme waren auf den ersten Blick nicht zu entdecken, aber die Agenten waren sich verdammt sicher, daß es auf dem Grundstück so etwas gab. Im Moment fielen ihnen nur die seltsamen eingeschmiedeten Symbole in den Eisengittern auf, die sich in Fassadenelementen des mächtigen Herrenhauses dahinter zu wiederholen schienen, fünfzackige Sterne mit einer Art geschlitzter Katzenpupille darin und andere exotische Muster. Sogar Gargoyles gab es auf dem Dach des alten Hauptgebäudes, das stellenweise mit Zinnen geschmückt war wie eine mittelalterliche europäische Burg, so realistisch, daß man glauben konnte, sie würden sich jeden Moment auf ihren steinernen Flügeln in die Luft erheben.
Der ganze Gebäudekomplex war alt, der Hauptflügel sogar eines der ältesten Herrenhäuser der weiteren Umgebung, und stand mit Sicherheit auf der Liste der schützenswerten nationalen Denkmäler. Gibbs bedauerte es jetzt fast, Abby nicht nach dem Domizil des Psychiaters befragt zu haben, aber das würde er später nachholen.
Seitlich von der weiten Einfahrt samt geschlossenem großem Eisentor befand sich die übliche Squawk Box, wo man nach Knopfdruck sein Begehren kundtun konnte.
"Lyonshome Manor. Sie wünschen, bitte?" meldete sich höflich eine männliche Stimme.
"Anthony DiNozzo und Leroy Jethro Gibbs vom Naval Criminal Investigative Service. Wir möchten gerne einen Dr. Thomas A. Richards sprechen."
Der Unbekannte zögerte nicht. "Sie dürfen vorfahren, aber halten Sie sich bitte an die Geschwindigkeitsbegrenzung." Ein leises Knacksen, die Verbindung war unterbrochen.
Die Agenten hatten das Schild - von der gleichen Art wie in militärischen Anlagen - bereits gesehen und fragten sich jetzt, welche versteckten Waffen da wohl auf sie gerichtet waren, die zweifellos auch losgehen würden, wenn Tony entgegen der Anweisung auf das Gaspedal trat. Auf diesem Grundstück wurde penibel auf Sicherheit geachtet, woraus sich die logische Frage nach dem Warum ergab... aber sie waren nicht hier, um einen unnötigen Kleinkrieg vom Zaun zu brechen, und anders als Special Agent Gibbs hatte DiNozzo den Fuß auf dem Gashebel jederzeit perfekt unter Kontrolle. Sie passierten die beiden alten Vorgebäude links und rechts der Hauptzufahrt, die beinahe kreisförmig, aus massiven, riesigen Sandsteinquadern gefügt und mit nur schießschartenengen, senkrecht geschlitzten Fensterchen versehen, immer noch die Wacht über das dahinter liegende Hauptgebäude ausübten wie in früheren, kriegerischen Zeiten, und die Agenten bemerkten abermals verdächtige Schwellen im Pflaster der Zufahrt, die diese beiden massiven Wachtposten miteinander verbanden. Über die Art des Schutzes, der hier im Notfall hochgefahren werden konnte, konnten sie nur spekulieren, es hätte sie aber nicht im Geringsten gewundert, wenn es sich um eine komplette mittelalterliche Zugbrücke samt massiv eisernem Fallgitter gehandelt hätte.
DiNozzo hielt sich peinlich genau unterhalb der angegebenen Höchstgeschwindigkeit und parkte wenige Minuten später auf einer dafür gekennzeichneten Pflasterfläche. 
Nach dem Aussteigen sahen sie sich zunächst um. Ein Gärtner arbeitete ein Stück entfernt in einem Blumenbeet, und aus der Ferne war Kindergelächter zu hören, das so klang, als stamme es von diesem Grundstück, irgendwo hinter den nächstliegenden Gebäuden. Gibbs´ scharfe Augen machten ein Kinderfahrrad aus, das vergessen an einem Baum lehnte, bunte Kreidezeichnungen von Kinderhand auf den Pflasterwegen und einen kleine Pavillon mit aufgespannten bunten Sonnensegeln und Rattanmöbeln im Hintergrund, wo eine ältere farbige Frau, vermutlich eine Hausangestellte, einen Augenblick der Muße im jungen Sonnenlicht genoß, während sie in einem Buch blätterte. Auf dem kleinen Besucherparkplatz, auf dem sie standen, befand sich nur ein weiterer Wagen, ein älterer Ford, aber es gab hinter dem Hauptflügel mit Sicherheit einen weiteren Parkplatz und Garagen für die Hausbewohner. In den Zeiten, aus denen diese Gebäude stammten, war man noch mit Pferdekutschen gefahren, deren Remisen und Ställe in den rückseitigen Trakten vermutlich längst in ihre modernen Pendants umgebaut worden waren.
Ein weißgekleideter Mann mit unverkennbar japanischen Gesichtszügen erwartete sie, als sie die weitläufige Treppe zum Haupteingang hochstiegen. Als sie vor ihm standen, verneigte er sich vor ihnen.
"Ich heiße Sie willkommen in Lyonshome Manor." wurden sie begrüßt. "Mein bescheidener Name ist Larry Kiromoto, ich habe das Vergnügen, in Lyonshome Manor als Butler zu dienen."
Gibbs und DiNozzo erwiderten die Geste, an einem geschichts- und formbewußten Ort wie diesem wollten sie nicht gleich als nachgeborene amerikanische Barbaren auffallen. Sie stellten sich vor und nannten ihr Begehr. Trotz der verschnörkelten Sprache des Butlers und seiner Sprechweise, die beinahe an echtes Oxford-Englisch herankam, war Gibbs aufgefallen, daß an einer Hand des Butlers das letzte Glied des kleinen Fingers fehlte, ein Zeichen, das bei Japanern häufig auf eine (ehemalige?) Mitgliedschaft bei der Yakuza hinwies.
« Letzte Änderung: 22. November 2013, 21:13:22 Uhr von DAOGA »

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #1 am: 29. November 2013, 20:53:53 Uhr »
Hi Earthy!
Ganz so häßlich ist Lyonshome Manor nicht, ist ja schließlich ein Herrenhaus in bester Lage und kein Gefängnis, etwas Putz für die Mauern konnte Tom sich schon leisten...  ;) aber es ist trotzdem ein Gebäude mit vielen Geheimnissen, kein Wunder bei dem Besitzer... (der es übrigens schon seit Gründung im 18. Jahrhundert bewohnt... 8) ) ... und jetzt tu ich mal was gegen die Kritik...


"Mr. Richards ist zur Zeit außer Haus, es ist jedoch mit seiner baldigen Rückkehr zu rechnen. Mr. Wylie wird in etwa zwanzig Minuten hier eintreffen. Sie können bis dahin im Speisesaal oder dem Herrenzimmer Platz nehmen oder an einer Führung durch das Haus teilnehmen, wenn Sie das vorziehen möchten." sagte Larry, während er sie durch das mächtige, an den Seiten abermals mit seltsamen eingemeißelten beziehungsweise geschnitzten Symbolen verzierte Eingangstor führte. Es gab nicht eine, sondern zwei mächtige, aus schwerem Eichenholz bestehende und mit eisernen Beschlägen versehene Türen hintereinander, bemerkten sie, von denen die innere zwar offenstand, jedoch jederzeit nach Art einer Schleuse geschlossen werden konnte.
"Lyonshome Manor gilt als architektonisches Unikum und befindet sich selbstverständlich auf der offiziellen Liste der schützenswerten historischen Denkmäler. Da es sich aber seit dem Zeitpunkt seiner Erbauung immer in Privatbesitz befand und die Eigentümer seit jeher streng auf Einhaltung ihrer Privatsphäre achteten, erhalten Außenstehende nur selten das Privileg einer Besichtigung." bewarb der Butler fleißig die Qualitäten des Hauses.
"Dieser Mr. Wylie, den Sie erwähnten, ist er ein Vertreter von Mr. Richards?" fragte DiNozzo salopp. Mit Architektur hatte er eigentlich wenig im Sinn.
"Diese Frage muß ich verneinen, Sir. Welche Funktion er hier einnimmt, wird er Ihnen selbst mitteilen, sobald er eingetroffen ist." Von Larrys beinahe-asiatischem Gesicht war nicht abzulesen, daß er sich gerade amüsierte bei dem Gedanken, einmal mehr Vertreter der Regierung, aber von unterschiedlichen ´Vereinen´, die sich untereinander meist nicht grün waren, aufeinandertreffen zu lassen, damit sie sich schon mal beschnüffeln (oder auch einander ans Bein pissen) konnten, bevor der Hausherr hier eintraf. Richards blieb dann das Vergnügen überlassen, anschließend das Durcheinander ineinanderverkeilter Parteien auszusortieren. Inzwischen wußte Larry ganz genau, mit welchen kleinen Amüsements er seinem Brötchengeber den Tag versüßen konnte.
"Danke, wir sehen uns sehr gern das Haus an." antwortete Gibbs, der selbstverständlich keine Gelegenheit ausließ, auf seine dezente Art etwas herumzuschnüffeln. Und als begeisterter Hobby-Handwerker wußte er handwerkliche Meisterleistungen früherer Jahrhunderte auch zu würdigen. Kiromoto nickte, als habe er nichts anderes erwartet, und winkte einem kleinen farbigen Jungen, der im Hintergrund gelauert und die Besucher die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen hatte.
"Billy ist hier aufgewachsen und spielt sehr gern Fremdenführer." erklärte Larry. "Sei so gut und zeig den Herren das Haus, bis Mr. Wylie oder Mr. Richards eintreffen, ja?"
"Geht klar!" machte der Junge großspurig und zog mit seinen ´Kunden´ ab. Die sehr bald merkten, daß man in diesem Haus tatsächlich einen Führer brauchte, die unzähligen Zimmer, Flure, Treppen und Durchgänge des ganzen Komplexes einschließlich später angebauter Nebentrakte hatten starke Ähnlichkeit mit dem Labyrinth des Minotaurus. Und der Kleine wußte tatsächlich verdammt viel über das Haus und seine Geschichte, über die Personen, die auf Ölgemälden dargestellt waren, die Architekten, die im Lauf von zweihundertfünfzig Jahren mitgemischt hatten, bauliche Besonderheiten, berühmte Gäste und vieles mehr. Billy war so etwas wie ein wandelndes Lexikon, was Lyonshome Manor betraf, und unterschied sich dadurch von seinen Altersgenossen, die sich meist auf Dinosaurier, Comicfiguren oder Computerspiele spezialisierten.
Irgendwann traten sie auch hinaus auf den Hinterhof, der sich zwischen dem mächtigen Riegel des Haupthauses und verschiedenen kleineren Nebengebäuden, die heute Garagen oder Werkstätten enthielten und ursprünglich Pferdeställe, Scheunen und Remisen gewesen waren, erstreckte. Eines der kleineren Scheunengebäude fiel Gibbs als altgedientem Heimwerker sofort ins Auge, weil nämlich das große, originale Holztor irgendwann nachträglich, und zusätzlich zu den normalen Handgriffen, mit denen man das Schiebetor öffnen und schließen konnte, mit geradezu gigantischen weiteren Griffen versehen worden war. Als sie näher herankamen, entdeckte er auch, warum das Holz um diese Griffe herum so abgenutzt aussah, es war nämlich mit tiefen und hellglänzenden weil relativ neuen Riefen überzogen, die den alten braunen Lack aufgerissen hatten - Kratzspuren von etwas, was verdammt große und scharfe Krallen besessen haben mußte. Sogar Tony wurde jetzt darauf aufmerksam, der sonst von solchen Dingen denkbar wenig verstand. 
"Mann, einem Wesen, das solche Spuren hinterläßt, möchte ich lieber nicht begegnen!" kommentierte er und maß die Abstände zwischen den einzelnen Kratzern mit seinen Händen ab. Er mußte die Hände der Länge nach mehrmals hintereinanderlegen, um die Abstände zwischen den Spuren zu erfassen. Die Griffe aus geschwärztem, geschmiedetem Eisen samt der schweren Beschläge, die sie am Tor fixierten, waren aus unmittelbarer Nähe betrachtet sogar noch größer, groß genug, daß sich sogar ein Elefant daran vergreifen konnte, ohne sie zu zerbrechen, ein Mann konnte sie nicht mit beiden Händen umfassen. Aber ein Elefant besaß wohl kaum Krallen an seinem Rüssel, oder? --
"Was haben die hier für Haustiere? Ein Mammut, oder den Wolverine aus den Comics?" fragte Tony prompt. "Was ist das für ein Gebäude?"
"Das ist die Sattelkammer, Mr. DiNozzo." antwortete Billy freundlich. Offenbar hatte etwas von der strengen Höflichkeit des Butlers irgendwann mal auf ihn abgefärbt, als ihr offiziell bestellter Fremdenführer hatte er es sich nämlich gleich zu Anfang der Führung verbeten, sie ebenso amerikanisch-vertraulich wie unprofessionell mit ihren Vornamen anzureden.
Gibbs zog das Tor auf, und Billy, der sie mit hinterlistigem Schmunzeln beobachtete - der Junge als Hausbewohner wußte selbstverständlich, wer oder was diese Spuren hinterlassen hatte - dachte gar nicht daran, ihn zu hindern. Oder ihnen so einfach zu verraten, was sie erwartete.
Tatsächlich kam ihnen durch das offene Tor sofort der typische angenehme Sattelgeruch nach Leder und dem Fett, das für die Behandlung von Lederteilen verwendet wurde, entgegen. Der große Raum enthielt nur zwei Sättel, aber die reichten bereits, fast den ganzen Platz auszufüllen, sie waren nämlich riesig. Die fahrbaren Racks, auf denen sie aufgebockt waren, bestanden aus stabilem Metall und waren so lang wie zwei hintereinandergestellte Konferenztische und übermannshoch, und doch waren sie nicht zu groß für die Sättel, deren halbmeterbreite und gut zwanzig Zentimeter dicke, viellagig genähte Lederriemen trotz der Höhe der Ständer bis auf den Boden herabhingen. Die mächtigen Metallschließen an ihren Enden hätten, was sowohl die Größe als auch das Gewicht betraf, locker als Anker für ein mittelgroßes Boot herhalten können, weshalb sie auf den Unterteilen der Racks lagen, um leichter vom Fleck bewegt werden zu können.
"Also doch ein Mammut. Oder sogar zwei."
Da das Sitzen auf dem breiten Rücken eines so großen Wesens ungefähr so angenehm sein mußte, wie auf einer breiten Tischplatte zu reiten, waren oben auf dem massiven Sattelunterbau, der dem Tierkörper angepaßt war, je zwei kleinere Sättel, geeignet für menschliche Körpermaße, angebracht. Der vordere Sattel war fest montiert und sah auf Anhieb sehr bequem aus, breit und gut gepolstert und mit ungewöhnlich hoher Rückenlehne, geeignet auch für sehr lange Ritte. Allerdings gab es anstelle der Steigbügel feste Trittbretter, die sogar höhenverstellbar waren, um sie der unterschiedlichen Beinlänge unterschiedlicher Reiter anpassen zu können, und das Sattelhorn war kein Horn, sondern eine halbmondförmig gebogene, massive Front, die einem normalgewachsenen Reiter bis an die Brust reichte und als Schutz (vor was?) dienen konnte. Von unterhalb der Trittbretter bis hoch zu den Seiten dieser Front zogen sich beweglich angebrachte, nach hinten mit Laschen verschließbare stabile Lederteile, sogenannte Chaps, die Gibbs von Rodeo-Veranstaltungen her kannte, weil sie bei Cowboys dem Schutz der Beine vor dornigem Gestrüpp und kalter Zugluft sorgten. Allerdings trugen Cowboys die Chaps meist am eigenen Leib über den Hosen befestigt, sie waren normalerweise kein Bestandteil eines Pferdesattels. Wozu die Chaps aber hier dienten, bei einem Tier, das weit über jedem Distel- und Kakteengestrüpp aufragen mußte, war den Agenten schleierhaft. Absolut unnormal für einen Pferdesattel war auch der Sicherheitsgurt, der am Sattel befestigt war, kein einfaches Sicherungssystem wie bei einem Auto, sondern ein stabiler Mehrpunkt-Sicherheitsgurt, wie die Agenten ihn von Helikoptern und Kampfflugzeugen kannten. Was immer diese Sättel trug, neigte offenbar zu jähen Bewegungen, die sogar einen guten Reiter aus dem Sattel werfen konnten.
Der zweite Sattel hinter dem ersten entsprach diesem in allen Details, war jedoch nicht fest eingebaut, sondern auf dem massiven Unterbau mit Schnallen und dicken Metallteilen befestigt, und hinter diesem zweiten Sattel war die Konstruktion noch nicht zu Ende, sondern bildete eine etwa zwei Meter lange und sehr breite Auflagefläche aus dickem, gepolstertem Leder, das übersät war mit stabilen Befestigungsringen und Laschen, geeignet für das Festschnallen von vielleicht noch einem weiteren Reitsattel oder von Frachtstücken, Kisten, Ballen oder Packtaschen. Die ganze Konstruktion sah aus, als könne sie locker ein Zuladungsgewicht von mindestens einer Tonne an Passagieren und Fracht vertragen.
Gibbs langte nachdenklich hinauf, betastete die Haltegriffe, die sich von den Trittbrettern der Sättel bis nach oben zogen, groß genug selbst für behandschuhte Hände. Ein Reittier, das so groß war, das der Reiter es regelrecht erklettern mußte, nicht einfach nur besteigen wie ein Pferd - Tony schien recht zu haben mit seiner Mammut-Theorie. Aber wäre das nicht etwas auffällig gewesen und längst bekannt geworden, wenn sich ein reicher Exzentriker ein nachgezüchtetes Mammut, oder sogar deren zwei, ausgerechnet nahe der Hauptstadt hielt? Er zog seine Hand wieder zurück und betrachtete sie, aber er fand keine Spur von Staub von den Griffen. Die Sättel wurden entweder regelmäßig gereinigt oder... benutzt.
"Azure," las DiNozzo vor. "Und Renying. Sind das die Namen von Mr. Richards´ Haustieren?"
Billy nickte eifrig und grinsend, aber er weigerte sich weiterhin, ihnen zu verraten, um was es sich dabei konkret handelte. Die Namen waren in angemessen großen Buchstaben auf die Sättel gestickt, jeweils auf der linken Seite, Azure in hellblauem und Renying in schwarzem Garn.
Gibbs sah sich um, weil er das Gefühl hatte, daß hier etwas fehlte. Er entdeckte die Stehleitern, die für die Wartung und Reinigung derartig riesiger Sättel notwendig waren...  und dann fiel ihm ein, was er vermißte. Es gab kein Zaumzeug, wie es in benutzten Sattelkammern sonst immer herumzuhängen pflegte. Aber auch keinen Stachelstock, Fußketten oder anderes Werkzeug, das er mit der Lenkung und Kontrolle eines Elefanten oder Mammuts in Verbindung brachte. Und als sie schließlich wieder draußen standen und die schwere Bohlentür zugeschoben hatten, fiel ihm noch etwas auf, was er sonst mit der Anwesenheit von Reittieren in Verbindung setzte, es gab nämlich keinen Misthaufen, und keine Geruchsnote wies darauf hin, daß sich vielleicht ein solcher irgendwo auf dem Grundstück, verborgen hinter den Nebengebäuden, verbarg. Auch ein kleiner Mistkarren oder Reinigungswerkzeug waren nirgendwo zu entdecken, und solche Geräte standen üblicherweise immer bereit an Orten, wo Tiere für einen Ausritt bereitgemacht wurden.
« Letzte Änderung: 11. März 2014, 14:05:42 Uhr von DAOGA »

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #2 am: 3. Dezember 2013, 21:51:30 Uhr »
Billy fuhr mit seiner Tour fort. Sie besuchten die Garagen, in denen mehr Wert auf Funktionalität und Zuverlässigkeit gesetzt wurde als auf teure Angeber-Karossen, die Bibliothek, die mit modernen elektronischen Informationsmitteln genauso ausgestattet war wie mit altehrwürdigen ledergebundenen Schwarten in geschnitzten, deckenhohen Regalen und in der gemütliche, mit dunkelrotem Samt bezogene Sessel zum Schmökern einluden, taten einen Blick auf eine mit furchterregenden Aufklebern verunzierte Tür, hinter der sich nach Billys Worten die Überwachungszentrale des Gebäudes befand, das Reich der Hacker und Sicherheitsbeauftragten in Mr. Richards´ Diensten, Zutritt für Unbefugte strengstens verboten, und danach führte er sie in einen Gemeinschaftsraum, den er abschätzig als das "Kinderzimmer" bezeichnete. Da in Lyonshome Manor immer eine gewisse Anzahl von Kindern und Jugendlichen lebten, der Nachwuchs des im Haus wohnenden Personals, machte dieser Raum, ein Spiel- und Hobbyraum und ausgestattet mit reichlich Spielzeug, Bastelkram und Arbeitstischen in kindgerechten Maßen, genauso Sinn wie der freundlich ausgestattete Speisesaal, den sie vorher schon begutachtet hatten. Allerdings machte der Raum seinem Namen im Augenblick keine Ehre, weil kein einziges Kind anwesend war, bei dem momentanen schönen Wetter waren sie vermutlich irgendwo draußen, wenn nicht in Schule oder Kindergarten. Dafür fanden die Agenten hier endlich die Antwort, die Billy ihnen bisher mit hinterhältigem Grinsen verweigert hatte, Azure und Renying waren nämlich auf vielen Bildern von Kinderhand, die die Wände bedeckten, verewigt. Sie waren hellblau mit einer orange-gelb-schwarzen Zeichung und reinschwarz so wie die aufgestickten Namen auf den Sätteln, aber sie waren keine Mammuts. DiNozzo und Gibbs sahen sich nur an und sagten nichts dazu. Zu solchem Unfug gab es einfach nichts zu sagen. Aber Mr. Richards war offensichtlich schwerreich, er konnte sich jede Exzentrizität leisten, also warum nicht so etwas, zum Henker, wenn es ihm gefiel? Nur, wie hatte er die Kinder dazu gebracht, gleichfalls daran zu glauben?
"Mr. Gibbs, Mr. DiNozzo?" Ein Mann in korrektem dunklem Anzug stand in der Tür des "Kinderzimmers".
"Man hat mir gesagt, daß ich Sie hier finde. Mein Name ist Benjamin Wylie, ich bin von der Federal Security Agency." Mit geübtem Griff zeigte er seine Marke vor.
"FSA? Geheimdienst?" Jetzt waren die beiden wirklich verblüfft, während sie die eigenen Legitimierungen vorzeigten. "Wir dachten, Sie wären vielleicht ein Bevollmächtigter von Mr. Richards, seine rechte Hand oder ein Verwalter..."
"Nein, ich bin mit Tom befreundet, und deshalb halte ich mich öfter hier auf. Larry, Mr. Kiromoto, meinte, ich solle Sie unterhalten, bis er eintrifft. Haben Sie sich das Haus schon angesehen?"
Sie nickten. "Mr. Richards scheint ungewöhnliche Haustiere zu lieben." bemerkte Gibbs und wies auf die Kinderzeichnungen.
"O ja, das können Sie laut sagen." lächelte Wylie. "Das werden Sie sehen, wenn er hier ankommt." Er winkte den beiden, ihm zu folgen. Billy kam auch mit, er wußte, wo Ben sie hinführte, und dieses Schauspiel ließ auch er sich nicht entgehen. "Darf ich fragen, warum Sie hier sind?"
"Ein ... Patient von Mr. Richards, ein gewisser Jesus Enrique Gomez."
"Ein Mitglied der Marines?" Wylie schien zu wissen, von wem die Rede war.
"Kannten Sie ihn?" stellte Gibbs eine Gegenfrage.
"Ja, nur leider darf ich Ihnen nicht mehr dazu sagen. Alles streng geheim, Sie verstehen."
"Wie wir eruieren konnten, war Gomez in einem Einsatz in der Wüste von New Mexico. Seitdem war er bei Mr. Richards in psychiatrischer Behandlung. Sagen Sie, verdient man als Psychiater so viel, daß man sich solch ein Haus leisten kann?"
"Mr. Richards ist ein Hansdampf in vielen Gassen," erwiderte Wylie sichtlich amüsiert, "und übt viele Berufe gleichzeitig aus. Über die Seelenklempnerei hat er vermutlich schon mehr vergessen, als die meisten Spezialisten jemals lernen werden, aber Behandlungen überläßt er normalerweise den Kollegen. Gomez war ein Ausnahmefall. Ich darf Ihnen leider nicht mehr dazu sagen, ohne einen ganzen Haufen heiliger Eide zu brechen, die Sache unterliegt nämlich höchster Geheimhaltungsstufe.  Aber Tom ist kein Mitglied der FSA oder einer anderen Regierungssstelle, er gilt nur als Berater und darf deshalb den Mund auftun. Das tut er ohnehin viel zu oft, unser Chef General Wade wäscht ihm auch regelmäßig den Kopf dafür, aber Tom ist ein Freigeist, er tut wie ihm beliebt, und nicht einmal unsere Regierung kann ihn bremsen, wenn er sich etwas in den Kopf setzt. Unser einziges Glück ist, daß er auf unserer Seite steht. Auf jeder anderen wäre er nämlich eine Gefahr ersten Grades, und deshalb läßt man ihm einiges durchgehen, was sich niemand anderes erlauben dürfte."
« Letzte Änderung: 6. Dezember 2013, 20:49:02 Uhr von DAOGA »

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #3 am: 6. Dezember 2013, 19:59:22 Uhr »
Jetzt waren Gibbs und DiNozzo wirklich verblüfft. So offene und ehrliche Worte bekamen sie kaum mal von einem Geheimdienstler zu hören. Mit anderen Worten hieß das nämlich ´fragen Sie Mr. Richards selbst, und Sie bekommen alles, was Sie wissen wollen´.
"Sie sind also nicht nur aus reiner Freundschaft hier."
"Stimmt." grinste Wylie zurück. "Mr. Richards hat sich als Persönlichkeit von nationalem Interesse den Anspruch auf eine Betreuung durch die Agency verdient, und das nützt er nach Strich und Faden aus. Wenn ich nicht hier wäre, hätten Sie stattdessen einen meiner Kollegen angetroffen."
"Ich wundere mich, wie offen Sie über das alles reden. Unterliegt nicht schon allein das der Geheimhaltung?"
""Normalerweise ja, aber Sie sollten meine offenen Worte als Warnung betrachten. Alles, was ich Ihnen ganz offiziell über Mr. Richards sagen dürfte, wäre nur ein Kratzen an der Oberfläche. Tom ist kein schwieriger Charakter, ganz im Gegenteil, Sie werden selten einen verträglicheren Menschen finden, allerdings besitzt er die Eigenart, ganz unerwartet Ihr gesamtes Weltbild auf den Kopf zu stellen. In seiner Nähe dürfen Sie niemals etwas als selbstverständlich annehmen, und Sie sollten auch nicht durchdrehen, wenn etwas geschieht, was Sie bis dahin für völlig unmöglich gehalten haben. Aber mehr als das darf ich Ihnen wirklich nicht sagen. Sie werden bald selbst sehen, was ich damit meine, bei neuen Bekanntschaften hält er sich nämlich selten zurück."
Sie waren Wylie eine breite Holztreppe hinunter gefolgt und standen wieder vor der massiven, metallbeschlagenen Holztür, die in den Hinterhof führte, an den die Rückgebäude einschließlich der Sattelkammer angrenzten. Aber der Hof war nicht mehr so leer wie noch vor einer halben Stunde. Die Kinder, die sie nicht im Kinderzimmer vorgefunden hatten, hielten sich jetzt alle im Hof auf, belagerten Steinsimse und Treppenabsätze oder saßen einfach auf dem sonnenwarmen Pflaster, und auch ein paar Mitglieder der erwachsenen Hausbelegschaft waren anwesend und taten zumindest so, als hätten sie etwas dringendes auf dem Hof zu erledigen, während der Nachwuchs Comics las, Sammelbilder tauschte, mit Murmeln oder anderen Dingen spielte oder in Schulbüchern blätterte, ein paar kleinere Kinder jagten sich mit viel Gekreisch über das Pflaster. Wylie mit seinen zwei Besuchern sorgte nur für ein neugieriges Köpfedrehen, viel häufiger allerdings gingen die Blicke nach oben, ganz so als ob man hier auf ein Schauspiel wartete, das aus dieser Richtung zu erwarten war.
"Das Publikum ist schon versammelt." meinte Wylie amüsiert. "Jetzt dürfte er bald auftauchen, er läßt seine Zuschauer selten warten."
Sie blieben stehen, und auch Gibbs und DiNozzo starrten gespannt nach oben, an den makellos blauen Himmel. Was würde von dort oben erscheinen - ein privater Helikopter vielleicht, oder ein Luftschiff? Oder was sonst konnte Kinder so faszinieren, daß sie sich freiwillig von ihren Freizeitbeschäftigungen ablenken und in diesen langweiligen kahlen Hinterhof locken ließen?
"Da!" Ein paar von den Kleinen hatten scharfe Augen, und auch Gibbs, bei dem sich die Altersweitsichtigkeit bemerkbar machte, sah es frühzeitig, einen schwarzen Punkt am Himmel, der größer wurde und dabei auf der gleichen Stelle kreiste wie ein Raubvogel, mit weit ausgespannten Schwingen. Der Hals war lang, wie bei einem Schwan oder Reiher, die Schwingen breit und seltsam geformt, der hinterhergezogene Schwanz sehr lang und dünn, eher untypisch für einen Vogel, oder waren das lang ausgestreckte Hinterbeine? Das Objekt kreiste langsam tiefer, und dabei wuchs es. Und es kam noch tiefer, und es wurde noch größer, und immer näher kam es, sank langsam herab, und dabei wuchs es weiter in der Größe, längst viel zu groß für einen Reiher oder Schwan, weil der erste Eindruck seiner Größe gegen den maßstabslosen Himmel ganz offensichtlich eine massive Täuschung gewesen war, und seine Flügel waren nicht mit Federn überzogen, und das lange Anhängsel war in der Tat ein lang ausgestreckter Schwanz, aber keiner von der federigen Sorte, und außerdem war ein Reiher oder Schwan auch nicht leuchtend hellblau in der Grundfarbe, mit jetzt erkennbar werdenden Flecken und Mustern in gelb und orange und schwarz, genauso wie auf den Kinderzeichnungen...
"Verdammt, Gibbs, siehst du das?" keuchte Tony, total fassungslos.
"Ich sehe es, aber ich glaube es nicht." antwortete Gibbs in seiner trockenen Art.
DiNozzos Hand tastete unwillkürlich nach seiner Dienstwaffe, als er Wylies Hand auf seinem Arm fühlte. "Lassen Sie stecken, die brauchen Sie nicht." sagte der FSA-Agent ruhig.
"Aber - das ist..."
"Ich weiß, was es ist. Schauen Sie sich die anderen an, zeigt einer von denen Panik? Also benehmen Sie sich, sonst sind Sie bei den Kurzen für alle Zeiten unten durch."
Wylies ruhiger Ton überzeugte sie beide. Tatsächlich hatten die Zuschauer Bücher, Spielzeug und alles andere sinken lassen, und die Kleinen, die sich gerade noch über den Hof gehetzt hatten, hatten sich zu den anderen nahe an die Gebäude zurückgezogen, doch keiner von ihnen zeigte Anzeichen von Angst oder gar Panik, nur reine Faszination und schiere Begeisterung war in ihren Gesichtern zu lesen. Die Weite des Hofes gehörte jetzt allein dem anfliegenden Ungeheuer. Das gerade eben sein Ziel erreichte, die federlosen, ledrigen Schwingen, die aus dieser Distanz ungefähr so groß wirkten wie die Segel eines mittelgroßen Schiffes, ausreichend um den gesamten Hof zu überschatten, fingen mit einem letzten, träge wirkenden Schlag noch einmal die Luft ein, um die Abwärtsbewegung abzubremsen, bevor die umliegenden Gebäude durch eine ungeschickte Flügelbewegung Schaden nehmen konnten, und im nächsten Moment landete es, die letzten paar Meter Höhenunterschied scheinbar schwerelos wie ein übergroßer Luftballon bewältigend, und mit hörbarem Knirschen von metallhartem Horn auf Stein, als mächtige, krallenbewehrte Pranken, die ein Gewicht von bestimmt einigen Tonnen trugen, weitere Schrammen in das granitene Hofpflaster rissen. Und jetzt wußten die Agenten auch, daß besagte Schrammen nicht alle von rangierenden schwerbeladenen Fahrzeugen stammten, sondern von den gleichen Krallen, die auch den Lack samt Holz am Tor der Sattelkammer demoliert hatten.
Der Gigant faltete seine Flügel zusammen und senkte den Kopf, und die Agenten hatten den Eindruck, daß sie aus einem Augenwinkel heraus sehr genau gemustert wurden, während das Wesen seine gepanzerte Schnauze in Richtung Sattelkammer streckte. Doch heute erlitt das Tor keine neuen Schäden, weil genug eifrige Hände vorhanden waren, die an den für Menschen geeigneten Griffen die schwere Bohlentür aufstemmten und das eine Rack mit dem Sattel mit dem blauen, aufgestickten Namenszug herausrollten.
Tony DiNozzo spürte, daß Wylies Griff auf seinem Arm inzwischen dem eines Schraubstocks glich, weil seine Hand immer noch hartnäckig versuchte, an die Waffe im Halfter heranzukommen.
Und dann konnten die NCIS-Agenten beobachten, wie das unglaubliche Wesen den riesigen Sattel, der mit Sicherheit mehr als zwei Zentner wog, mit einer handähnlichen Pfote aufhob und sich über den Nacken schwang, als handle es sich um einen ultraleichten Rucksack. Der Sattel war perfekt den Formen des gezackten Rückenkammes angepaßt und saß auf Anhieb, und dann setzte der Gigant sich auf seine Hinterbeine und begann mit seinen Vorderkrallen an dem Verschluß der Schnallen herumzupfriemeln, deren unglaubliche Größe jetzt in diesen Pranken auf einmal zu filigraner Winzigkeit zusammenschrumpfte. Während Azure dank viel Übung das Kunststück gelang, die Schnallen schnell und ohne Probleme zu schließen und zu sichern, wurde das leere Rack bereits in die Scheune zurückgefahren und das Tor geschlossen.
Der Gigant stand wieder auf, tat ein paar Schritte rückwärts, stellte sich hin, und schloß die Augen. Und dann...
knickten auf einmal die säulendicken Beine ein, der Kopf sank herab wie in einem jähen Anfall von Schlafsucht, auch der Schwanz und die gefalteten Flügel sackten schlaff herab, doch der mächtige schuppenbedeckte Reptilienkörper brach nicht zusammen, er schien auf der Stelle in der Luft zu schweben, völlig erschlafft...
und dann begann er, unerwartet für die völlig verblüfften Besucher, auf einmal zu verblassen, durchscheinend zu werden, bis die scharfen Schattenrisse am Boden sich auflösten, als das Sonnenlicht durch den sich entmaterialisierenden Riesenkörper hindurchdrang wie durch eine sich auflösende Nebelwolke...
doch dort, wo eben die letzten blaugemusterten Farbflächen verblaßten und ins Nichts verschwanden, materialisierte etwas ganz anderes, viel kleineres und gänzlich anders geformtes...
die Gestalt eines Mannes mit langen blonden Haaren, die zu einem langen Pferdeschwanz gebunden waren, und mit etwas länglichem und metallglänzendem, vielleicht einer Waffe? - , lässig im Gürtel eines teuer aussehenden Anzuges, die genau dort schwerelos und leblos in der Luft hing, wo soeben noch der schuppige Gigant gewesen war...
und jetzt schien der Mann seinen unsichtbaren Halt in der Luft zu verlieren, er sank tiefer, und gerade als seine Füße den Boden berührten, erwachte er zum Leben. Die Augen öffneten sich, die Beine trugen sicher den gut proportionierten Körper, und er lächelte, als er sein Publikum entdeckte. Das jetzt soeben übrigens einhellig zu applaudieren anfing, nicht so fasziniert, als hätten sie das Schauspiel zum ersten Mal miterlebt, aber doch enthusiastisch, mit so etwas wie... Besitzerstolz? War es das?... in den Augen?
Gibbs sah sich um, aber er täuschte sich nicht. Die Kinder, und nicht nur die, hatten alle diesen Gesichtsausdruck, der sich lesen ließ als:"... und so was cooles gehört zu uns!" Und selbst Agent Wylie zeigte diesen Ausdruck, wie ihm ein Seitenblick verriet.
Kein Wunder, daß niemand außer Tony eine Angstreaktion gezeigt hatte.
Billy ging auf den Mann zu, der sich übertrieben wie ein Zirkuskünstler oder ein Magier auf der Bühne vor seinen Zuschauern verbeugte.
"Nun, wie war ich?" fragte der blonde Mann dann.
Der farbige Junge wedelte mit der Hand herum, als sei er nicht so überzeugt.
"Ich gewähre mal eine Sieben von Zehn. Aber das auch nur, weil ich heute guter Laune bin." erklärte der Kleine ernsthaft.
"Waas? So schlecht?" Tom Richards, denn wer konnte es anders sein, markierte nacktes Entsetzen. Dann verbeugte er sich nochmals, und diesmal bedeutend tiefer, vor Billy.
"Gelobe mich zu bessern, Sir!" erklärte er mit gleichfalls ernsthafter Miene.
"Das will ich auch hoffen, sonst gibt es das nächste Mal Stubenarrest!" Während der Rest des Publikums sich vor Lachen kugelte, drehte Billy sich um, das Gesicht beherrschter als selbst das von Larry Kiromoto, und schritt davon, so feierlich wie der Oberpotentat von Persien. Bis er es angesichts des Lachsturms hinter ihm kurz vor der Tür selbst nicht mehr aushielt und ganz unwürdig herausplatzte.
Ein über das ganze Gesicht lachender Tom Richards trat auf den feixenden Wylie und seine beiden Gäste zu.
"Wer besucht mich denn da, Ben?" fragte er.
"Die Special Agents Jethro Gibbs und Tony DiNozzo vom NCIS. Sie sind hier wegen Leutnant Gomez."
"Oh." Tom wurde schlagartig ernst, ihm war klar, daß die Agenten sicher nicht wegen einer Lappalie hier waren.
"Schlimm?"
"Ein Amoklauf. Es hat Tote gegeben."
"Gehen wir in mein Arbeitszimmer." schlug Tom vor und setzte sich in Bewegung.
"Sagen Sie, das da draußen, was war das eben?" platzte DiNzzo heraus.
"Ja, das habe ich mich auch gefragt," schlug Gibbs in die gleiche Kerbe. "Normalerweise sattelt man ein Pferd ab, bevor man es in den Stall schickt, aber hier war es umgekehrt - warum?" Tonys verblüfften Seitenblick ignorierte er, der hatte eigentlich etwas ganz anderes gemeint. Aber er war es inzwischen gewöhnt, daß Gibbs die Fähigkeit besaß, schon im Voraus um zwei weitere Ecken herum zu denken.
Tom lächelte. "Weil ich nie weiß, wann und wo ich Azure das nächstemal brauchen werde, und ob ich es mir dann zeitlich und räumlich leisten kann, erst hierherzukommen und ihn zu satteln. Also trägt er den Sattel immer, wenn ich ihn auf Standby-Modus schicke, ohne Sattel könnte sich nämlich kein Passagier auf seinem Rücken halten. Beantwortet das Ihre Frage?" Bei weitem nicht, sagte Tonys Gesichtsausdruck, aber Gibbs schien damit zufrieden zu sein, er nickte nur.
"Und deshalb paßt die FSA auf Sie auf." Wieder eine typische Gibbs-Frage.
"Einer von vielen Gründen, warum sie das tut." Der Supervisory Special Agent gefiel Richards schon jetzt. Und umgekehrt, Tony konnte es an Gibbs´ Augen ablesen. Wylie auch, weil der auf einmal verweisend mit dem Finger wedelte und laut und deutlich "Nein! Aus!" in Toms Richtung machte, wie zu einem ungezogenen Hund.
"Passen Sie bloß auf, Agent Gibbs, Tom hat ein sehr einnehmendes Wesen, und wenn Sie nicht achtgeben, dann behält er Sie einfach wie ein zugelaufenes Haustier. Die Agency hat er schon so gut wie in der Tasche, selbst der General hat Schwierigkeiten, ihn an der Leine zu halten. Begehen Sie nicht den gleichen Fehler!"
"Ich danke Ihnen für die Warnung." sagte Gibbs mit unbewegtem Gesicht, aber Tony konnte ihm ansehen, daß er heimlich in sich hineinlachte, während Richards wieder ganz unverhohlen feixte. Der alte Haudegen hatte tatsächlich seinen Spaß an diesen zwei schrägen Vögeln!
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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #4 am: 13. Dezember 2013, 21:34:22 Uhr »
Nach kurzem Weg durch das Labyrinth von Lyonshome Manor erreichten sie Toms Arbeitszimmer, wo die NCIS-Agenten sich erst einmal gründlich umsahen.
"Das ist Captain Devil!" stellte DiNozzo verblüfft fest, als er das große Ölgemälde hinter Toms Sitzplatz am großen, alten Mahagoni-Schreibtisch erblickte.
"Captain Thomas DeVille, der Gründer von Lyonshome Manor." berichtigte Richards mit einem Lächeln.
"Nein, echt? Als Kind war ich eine Zeitlang ein totaler Piraten-Fan, vor allem wenn es mal echte, lebendige gewesen sind, wie Blackbeard, Henry Morgan, Captain Kidd - oder Captain Devil!" staunte Tony.
"Dabei hat DeVille sich nur ausnahmsweise als Pirat betätigt, wenn es nicht anders ging. Piraterie war damals eines von vielen Mitteln der internationalen Politik, an dem auch freie Kapitäne nicht vorbeikamen, sei es hinter den geladenen Kanonen oder davor, und die meisten zogen im Zweifelsfall die erste Variante vor. Die meiste Zeit hat er sein Geld auf die ehrliche Art verdient, als Schnellkurier für eilige Nachrichten und schnellverderbliche Güter. Sein Schiff, die Piranha, war für damalige Verhältnisse klein, aber dank ihrer damals noch unüblichen Takelung sehr schnell, und da sie nur wenige aber dafür sehr effektive Kanonen an Bord hatte, war sie auch vergleichsweise leicht und wendig."
"Man sagt, sie wäre das Schiff des Teufels selbst gewesen, wei sie manchmal wie ein Dämon brüllte, nach Schwefel stank und auch bei totaler Flaute noch fahren konnte." Es hörte sich fast so an, als wolle DiNozzo sich mit Richards ein kleines Duell liefern, wer die meisten Trivia über den berüchtigten Piraten aus dem Ärmel schütteln konnte. Aber wie sich herausstellte, konnte er sich mit Tom nicht messen.
"Weil sie zusätzlich zu den Segeln noch einen einfachen Verbrennungsmotor samt Schraubenantrieb besaß, lange vor den Zeiten von Diesel und Benz." entgegnete Tom gelassen und beobachtete genußvoll, daß dem Agenten daraufhin vor Verblüffung erst mal die Luft wegblieb und sogar sein gesetzterer Kollege erstaunt die Augenbrauen hochzog.
"Verdammt, woher wollen Sie das wissen?"
"Weil ich die Tagebücher und fast alle Logbücher von Captain DeVille besitze. Das hier war schließlich sein Heim. Nur das letzte Logbuch ging verloren, als die Piranha in einem Sturm unterging, aber es wurde später vom Captain so weit wie möglich rekonstruiert. Und, nein, diese Bücher sind nicht in der Bibliothek, meine wirklichen Schätze befinden sich in einem gut gesicherten Safe."
"Er hat den Untergang überlebt? Es hieß immer, er sei irgendwann einfach spurlos verschwunden, zusammen mit seinem Schiff, angeblich direkt in die Hölle..."
Tom nickte. "Kurz vorher hatte es eine Meuterei gegeben, und er war nicht an Bord. Sonst hätte er das Schiff mit Hilfe des Motors wahrscheinlich retten können, als der Sturm es in die Untiefen drückte, aber seine untreue Crew besaß nicht genug Erfahrung im Umgang mit dem fieseligen Anlasser. Friede ihren muschelverkrusteten Überresten."
Tony sah immer wieder zwischen dem Bild und Tom Richards hin und her, und jetzt wußte er, warum er sofort das Gefühl gehabt hatte, diesen Mann zu kennen, er hatte dieses Gesicht schon als Kind gesehen, abgebildet in einem Buch über Piraten. "Captain deVille war Ihr Vorfahr, nicht wahr? Abgesehen von dem Bart sind Sie ihm wie aus dem Gesicht geschnitten!"
Tom nickte wieder nur und lächelte, während er mit dem Daumen nach hinten auf das Bild zeigte. "Dieses Gemälde ist übrigens ein zeitgenössisches Original und die Erstausfertigung. Das in der Nationalgalerie ist eine Kopie, stammt aber vom gleichen Künstler. Das war damals so üblich, daß Künstler eine Serienfertigung ihrer eigenen Bilder aufzogen, wenn es genügend Käufer gab, und es gab schon damals ein paar Piraten-Fans."
Gibbs hatte fleißig zugehört, aber mehr die Kollektion original japanischer Waffen und anderer Erinnerungsstücke und einiger alter Gehstöcke im Auge, die unter dem Gemälde an der Wand hingen. "Darf ich?" fragte er, mit den Fingern zeigend, und als Tom nickte, nahm er eines der Objekte von den Haken. Er entdeckte den verborgenen Knopf und zog die Klinge zur Hälfte aus ihrer Scheide. Sie war alt aber gut gepflegt, zweifelsfrei von einem japanischen Meisterschmied gefertigt, frei von Rostspuren und immer noch rasiermesserscharf. Gibbs schob die Klinge wieder in die tarnende Hülle und hängte den silbernen Gehstock zurück an seinen Platz.
"Verborgene lange Klingen wie solche Stockdegen sind in den meisten Bundesstaaten verboten." sagte er mit einer Kopfbewegung auf den anderen silbernen Gehstock, den Tom bis jetzt in seinem Gürtel steckend mit sich getragen hatte wie ein japanisches Katana, und der jetzt griffbereit neben ihm am Arbeitstisch lehnte.
Richards lächelte zurück. "Diesen Stock habe ich benutzt, als es noch nicht verboten war. Heute habe ich etwas anderes und viel besseres, von dem die Gesetzgebung noch nichts weiß." Seine Hand tätschelte den gläsernen Knauf des aktuellen Stockes, in den so etwas wie ein bläulicher Kristall eingelassen war.
DiNozzo wollte nicht ganz zurückstehen. "Darf ich?" fragte er gleichfalls und wollte nach diesem Stock greifen, wurde aber sofort von Wylie aufgehalten.
"Fassen Sie das Ding niemals an, jedenfalls nicht mit der bloßen Hand, es ist lebensgefährlich!"
Tom nickte dazu. "Das stimmt, bereits eine Berührung könnte für Sie oder jeden anderen gesundheitliche Schäden bedeuten, also bitte lassen Sie die Finger davon. Die gesamte Hausbelegschaft weiß das übrigens, sie wissen, daß ich zwar oft Witze reiße, aber selten lüge."
"Verdammt, was ist das?" Die plötzliche Ernsthaftigkeit der beiden überzeugte DiNozzo davon, daß man diese Warnung besser ernst nahm.
"Tom ist unter anderem ein Ehrenmitglied der berühmten Association of American Magicians, der angesehensten Illusionistengilde in den Vereinigsten Staaten, und das hier ist sein Zauberstab. Das Ding ist verdammt potent, ich habe es schon in Aktion erlebt, und nicht nur auf der Bühne. Man braucht eine jahrzehntelange Ausbildung und sehr viel Training, um damit umgehen zu können, wenn man beides nicht hat, bringt es einen um. Also bitte, Finger weg, wenn Sie nicht auf eine sehr unangenehme Art von Selbstmord aus sind."
"Grund Nummer Zwei." kommentierte Gibbs. "Können Sie uns vielleicht gleich die ganze Liste geben, damit wir die Sache abkürzen können?"
Das brachte Wylie zum Grinsen, auch ihm gefiel der trockene Humor des älteren Agenten.
"Sie wollten mit mir über Leutnant Gomez sprechen." erinnerte Tom.
Gibbs nickte und erklärte, was vorgefallen war.
"Es ging möglicherweise um etwas, was in der Wüste von New Mexico passiert ist. Etwas, über das jede Menge Gerüchte kursieren, ein Ereignis, das angeblich den Roswell-Zwischenfall weit in den Schatten stellt, wenn auch nur die Hälfte der Gerüchte wahr ist. Und Sie haben Leutnant Gomez danach psychiatrisch betreut. Was ist da draußen vorgefallen, hat er vielleicht behauptet, Aliens gesehen zu haben oder so?"
Tom schüttelte sofort den Kopf. "Keine Aliens, damit hätte ich keine Probleme gehabt."
Wylie begann sofort in seine Richtung Grimassen zu schneiden und deutete mit den Fingern ein Kehledurchschneiden an, aber als Gibbs wieder erstaunt die Augenbrauen hochzog, hob Wylie die Schultern und grinste entschuldigend. "Ich muß zumindest so tun, als versuche ich ihn zum Schweigen zu bringen, sonst bin ich meinen Job los. Sie wissen aber inzwischen, wieviel das bei ihm bewirkt..."
"Scherz beiseite, mit Aliens habe ich etwas Erfahrung, deshalb hätte mir so etwas keine schlaflosen Nächte beschert." wiederholte Tom. "Nein, was da draußen in der Wüste passiert ist, war etwas viel schlimmeres. Wir beide waren damals da draußen, Ben und ich, und eine Gruppe Marines unter dem Befehl von Commander Alvarez und Leutnant Gomez. Gomez hat dabei etwas gesehen, was kein Mensch sehen sollte, und deshalb war er bei mir in Behandlung, weil ich mit solchen Phänomenen vertraut bin. Jeder andere Psychiater hätte ihn sofort in eine Anstalt einweisen lassen, was Gomez allerdings nicht das geringste geholfen hätte. Ich konnte ihm die Erinnerung daran nicht nehmen, meine Versuche mit Hypnose haben versagt, aber ich konnte ihm zumindest helfen, die Mechanismen zu verstehen, damit er seinen Verstand nicht ganz verlor. Ich hatte gute Hoffnungen, daß er wieder ganz der Alte würde... das war wohl ein Irrtum." Er sah bedrückt drein, kein Arzt verlor gern einen Patienten an ein chronisches, aber potentiell heilbares Leiden.
"Was hat er da draußen gesehen?" Gibbs wollte es genau wissen, und Richards erfüllte seinen Wunsch.
"Er hat in einen Dimensionsschacht geblickt. Haben Sie jemals die Geschichten von Howard Phillips Lovecraft gelesen?"
"Ich habe es versucht, aber ziemlich schnell wieder aufgegeben."
"Vielleicht sollten Sie es noch mal versuchen. Gomez hat in den Schacht gesehen, und darin das verkehrte Ende der Unendlichkeit erblickt. Und, was schlimmer war, es hat auf ihn zurückgeblickt. Ein normaler Mensch übersteht das für ungefähr fünf Sekunden, danach verfällt er dem rettungslosen Wahnsinn. Bei Gomez waren es vielleicht drei Sekunden, und das hat schon gereicht, ihn aus der Bahn zu werfen."
"Und Sie? Was ist mit Ihnen, haben Sie auch was gesehen?" fragte DiNozzo frech. Tom lächelte dünn zurück.
"So normal bin ich schon lange nicht mehr. Aber ich setze mich solchen Dingen trotzdem nicht aus, wenn es nicht absolut sein muß. Und deshalb, nein, ich habe nicht hineingesehen. Manche Sachen kann ich mir verkneifen."
"Was ist dann geschehen? Wie sind Sie mit der Sache umgegangen?" wollte Gibbs wissen.
"So wie man das in Hollywood-Filmen immer macht. Die Marines hatten eine nette kleine Geschenkpackung in ihrem Marschgepäck, einen Mini-Nuklearsprengsatz, der in zwei große Aktenkoffer paßte. Damit haben wir den Schacht gesprengt, bevor Gomez oder jemand anders dem Sirenengesang der Unendlichkeit folgen und hineinspringen konnte. Und wir hatten verdammtes Glück dabei. Die unterschiedlichen Dimensionsebenen, die der Schacht miteinander verband, wirkten wie ein Abflußrohr, das die gesamte Explosionsenergie in die andere Richtung saugte. Auf unserer Seite gab es nur einen harmlosen Implosionseffekt, wie bei einem Luftballon, aus dem man die Luft herausläßt. Ich möchte aber nicht wissen, wie sich die Explosion auf der anderen Seite ausgewirkt hat, dort dürfte nicht viel übriggeblieben sein."
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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #5 am: 18. Februar 2014, 18:00:52 Uhr »
"Sie sagten, Gomes wäre vielleicht hineingesprungen?"
Tom nickte ernst. "Diese fremden Dimensionsebenen wirken mit ihrer Fremdartigkeit unmittelbar auf bestimmte menschliche Gehirnfunktionen ein, die mit dem Empfinden von Neugier zu tun haben. Es wirkt wie der mythologische Sirenengesang, Sie folgen ihm, unbeirrbar und unerbittlich, obwohl Sie die ganze Zeit über genau wissen, daß Sie in Ihr sicheres Verderben laufen, aber Sie können einfach nicht anders, Ihr einfaches Primatengehirn ist einfach darauf programmiert, die Wahrheit zu entdecken und zu verstehen. Obwohl Sie das niemals können werden, weil menschliche Gehirne einfach nicht dafür gemacht sind, derartig fremde Strukturen zu verstehen. Und eine Reise durch solch einen Dimensionsschacht überlebt ohnehin nichts und niemand, das oder der von einer Welt wie der unsrigen stammt. Gomez hätte längst aufgehört zu existieren, bevor er das Ende des Schachtes erreichte."
"Aber Sie haben doch die Bombe hineingeworfen, wenn ich das richtig verstanden habe?"
Tom grinste schräg. "Erst nachdem ich ihr einen speziellen Schutz verpaßt hatte, der sie zumindest für einen kurzen Teil des Weges, bis zu ihrer Explosion nämlich, geschützt hat. Ich gelte nicht ganz ohne Grund als Experte für solche Sachen, wissen Sie."
"Grund Nummer Drei." Diesmal war es DiNozzo.
"Jetzt sind es sogar schon vier, wenn man die Aliens dazuzählt. " berichtigte Gibbs. "Aber wir sind nicht hier wegen Science Fiction oder den Geschichten eines Horrorschriftstellers. Ihre Geheimnisse sind bei uns sicher aufgehoben, Agent Wylie." versprach er.
"Die würde uns ohnehin keiner glauben." bekräftigte Tony. "Aber, verdammt - sorry, Mr. Richards - , ich würde gern mehr über den Drachen erfahren, Azure. In der Sattelkammer haben wir zwei Sättel gesehen, auf dem anderen Stand Renying --"
Tom nickte. "Azures Partnerin. Aber sie ist gerade nicht hier."
"Eine Sie? Sie meinen--?"
Abermals ein Nicken. "Und die ganze Hausbelegschaft hofft schon eifrig, daß die beiden es bald treiben wie die Karnickel. Im Moment sind sie noch zu jung, sie zoffen sich lieber statt Liebe zu machen. Wenn es soweit ist, werden nämlich menschliche Bindungspartner für den Nachwuchs gebraucht. Ben hat sich schon beworben, er steht ganz oben auf meiner Liste." Der Bundesagent nickte eifrig dazu.
"Und der Chef der FSA weiß davon?" Jetzt war DiNozzo erneut verblüfft.
"Er wird mir sogar ein paar Kandidaten schicken, zusätzlich zu denen, die ich aussuchen werde." antwortete Tom grinsend. "Diese Drachen sind keine Spielzeuge für gelangweilte Millionärsschnösel wie mich, wie Sie vielleicht gerade denken, es sind lebende und selbstreproduzierende Waffensysteme. Und verdammt wichtig im Kampf gegen Mächte wie die, die uns da draußen in der Wüste bedroht haben. Der General weiß das, und seine Vorgesetzten wissen es inzwischen auch. Ich habe mich in all den Geschäften, die ich in meinen zahlreichen Firmenunternehmen betreibe, nie mit Waffenhandel befaßt, aber das hier ist einen Ausnahme, die ich vor meinem Gewissen vertreten kann. Sie sind einfach zu wichtig für dieses Land, und für den gesamten Rest des Planeten Erde. Denn wenn solche Mächte angreifen, dann wird nicht nur ein Land angegriffen, sondern die gesamte Menschheit."
"Sagen Sie, diese Aliens..."
Tom schüttelte den Kopf. "Wenn ich Ihnen davon auch noch was erzähle, wäre Ben verpflichtet, Sie anschließend zu erschießen. Aber vielleicht besuchen Sie mich mal, wenn er gerade nicht da ist." Noch mehr Gegrinse, während Wylie resigniert seufzte und dann übertrieben die Hände hochwarf. "So ist er einfach, da kann man nichts machen."
"Wer darf eigentlich diese Sättel benutzen? Die Drachen tragen die ja bestimmt nicht nur als Dekoration, oder?" fragte Tony, der sich vielleicht schon ausmalte, selber da oben zu thronen, als gewappneter stolzer Recke auf einem feuerspuckenden Fabelwesen - und auf diese Weise die gesamte Damenwelt zu beeindrucken.
"Ben hat ein Dauerabo." lachte Tom und deutete mit dem Finger. "Er heftet sich jedesmal mit Sekundenkleber fest, damit man ihn nicht mehr herunterbekommt --" und zog hastig den Kopf zwischen die Schultern, weil der Genannte so tat, als würde er ihn mit etwas bewerfen, die Nase in einer indignierten Geste hochgezogen.
Sie verhalten sich wie Brüder, dachte sich Gibbs, mit Tom als dem erfahrenen Älteren, und Wylie trägt seinen Vornahme nicht zu Unrecht, er ist das nicht ganz so clevere Nesthäkchen. Erstaunlich, daß Wylies Vorgesetzter das durchgehen ließ. Aber wahrscheinlich gefielen sich die beiden in diesen Rollen, und der Leiter der FSA hatte erkannt, daß sich ein Tom Richards besser durch Freundschaft als jedes andere Mittel unter Kontrolle halten ließ, eine engere Freundschaft als die FSA es zu jeder anderen Person von Interesse erlaubt hätte.
"Und dieser Verwandlungstrick, als der Drachen sich in Sie verwandelte - wie haben Sie das gemacht?"
Tom wurde wieder ernst. "Das war kein Trick, das war real. Der Besitz von künstlich erzeugten Lebewesen, sogenannten Gestalten, ist streng reglementiert, je höher das Gefahrenpotential, desto größer sind auch die Verpflichtungen für den Besitzer, und ein feuerspuckender Drache ist so ziemlich an der Spitze dieser Liste, das bedeutet für den Besitzer, daß er zu einer vollkommenen Bindung mit der Gestalt verpflichtet ist. Sie sehen entweder Azure oder mich, aber niemals uns beide gleichzeitig. Wenn der eine kommt, muß der andere verschwinden, er wird während dieser Zeit in irgendeiner sogenannten Taschendimension auf Eis gelegt. Die Bindung beginnt, sobald die Gestalt das erste Mal aktiviert wird, und nach allem was ich weiß oder vermute, hält diese Bindung dann lebenslänglich. Sie kann nur durch extreme äußere Umstände gekappt werden, aber nicht durch den Tod des Drachens. Wenn Azure aus irgendeinem Grund stirbt oder ich ihn in einem Kampf opfern muß, bekomme ich nach einiger Zeit ein Ersatzexemplar, fragen Sie mich nicht nach dem Wie oder Woher, weil ich das selber noch nicht herausgefunden habe. Ich nenne es spöttisch die "Drachenfabrik" , aber fragen Sie mich nicht, ob diese Definition richtig ist. Da so ein übergroßes fliegendes Reptil aber manchmal ganz nützlich ist, macht mir das nichts aus. Ich möchte mir nämlich zumindest gern einbilden, die notwendige Verantwortung für so ein gefährliches Wesen tragen zu können."
"Und wo bekommt man so etwas?" Nicht nur Tony war fasziniert. 
"Das möchte Ben auch gerne wissen," lachte Tom und deutete auf den Agenten, der wieder nickte. "Er hätte nämlich gern einen Drachen für sich selber. Mein erstes Exemplar habe ich durch Zufall und völlig ungewollt bekommen, dann war ich für lange Zeit drachenlos, durch die genannten extremen Umstände, bis ich vor ein paar Jahren Azure geschenkt bekam. Aus einer Quelle allerdings, die so verdammt gefährlich ist, daß ich es mir dreimal überlegen würde, sie noch einmal für einen weiteren Drachen anzubohren. Aber wir alle, Ben und ich und sogar General Wade von der Agency, hoffen, daß wir irgendwann und irgendwo auf ein großes Nest stoßen. Ansonsten müssen wir eben warten, bis Azure und Renying sich soweit zusammengerauft haben, daß es zwischen ihnen funkt. Oder bis Azure selber seinen ersten Klonableger produziert, die asexuelle Reproduktion beherrschen diese biologischen Konstrukte nämlich auch."
"Ich wundere mich, wie freizügig Sie über diese Dinge reden." sagte Gibbs. "Selbst wenn Mr. Wylie die ganze Zeit so aufopferungsvoll versucht, Sie am Reden zu hindern. Wie kommt das?"
Richards zuckte mit den Schultern. "Ich rede darüber zu jedem, von dem ich erwarten kann, daß er darüber nicht ausflippt, und Sie erscheinen mir vertrauenswürdig. Ich habe mir im Lauf der Zeit ein wenig Menschenkenntnis erworben, wissen Sie. Und die Mächte, gegen die die Marines einschließlich Leutnant Gomez und ich damals in New Mexico kämpften, sind immer noch aktiv, und im Kampf gegen sie brauchen wir jede Unterstützung, die wir bekommen können. Insbesondere von Behörden, weshalb es nie verkehrt ist, wenn zumindest einzelne Mitarbeiter solcher Behörden, Leute wie Sie, darüber Bescheid wissen. Abgesehen davon neigen Menschen dazu, sich bei übertriebener Geheimhaltung einfach Sachen zusammenzuphantasieren, die nicht stimmen, und damit hausieren zu gehen. Da ist es doch einfacher, gleich Klartext zu reden."
"Insbesondere wenn jeder anschließend darüber schweigen wird, weil die Wahrheit weitaus unglaublicher ist als jede Phantasie es sich zusammenreimen könnte." begriff Gibbs. Der blondhaarige Mann nickte dazu.
"Nun, unser Stillschweigen haben Sie, ich möchte nämlich nicht in der nächsten Gummizelle landen." kommentierte diNozzo. "Übrigens, was machen Sie eigentlich mit Ihrem Drachen, wenn Sie mal nicht kämpfen müssen? Solche Sachen wie in New Mexico werden wohl nicht am laufenden Band passieren."
« Letzte Änderung: 11. März 2014, 14:20:57 Uhr von DAOGA »

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #6 am: 11. März 2014, 13:13:04 Uhr »
"Zum Glück nicht. Drachen sind für viele Zwecke brauchbar, zum Beispiel bei Katastropheneinsätzen. Für die Bekämpfung von Waldbränden sind sie ideal, so groß und stark und dickhäutig wie sie sind, sie haben keine Angst vor Feuer, und wenn es zu dick kommt, können sie einfach wegfliegen. Und vor zwei Monaten, bei der großen Mississippi-Überschwemmung, waren wir dabei, als die Rettungsflieger die ganze Nacht lang wegen des Sturmes nicht starten konnten. Den Drachen hat es nichts ausgemacht, wenn eine Windböe sie mal ins Wasser geworfen hat. Sie können prima schwimmen, und ihre Haut ist wasserabweisend, sie können direkt aus dem Wasser wieder abheben. Die Helikopter dagegen wären rettungslos abgesoffen."
"Davon habe ich in der Zeitung gelesen." bemerkte Gibbs. "Da war aber nirgendwo die Rede von Drachen, nur von ... texanischen Rattenfängern?" Er malte mit beiden Händen ein Anführungszeichen in die Luft, denn so war es in der Zeitung gestanden, ohne weitere Erklärung. "Das klang nach irgendeinem Insider-Gag, den keiner der Eingeweihten verraten wollte. Was hatte es damit auf sich?"
Richards und Wylie strahlten auf einmal wie zwei Tausend-Watt-Birnen. "Das war Bens Idee." grinste Tom und zeigte mit dem Daumen auf den Agenten, der eifrig nickte. "Er war nämlich als Helfer dabei, und immer wenn Kinder oder auch Erwachsenen während der Rettungsarbeiten Angst vor den Drachen bekamen, hat er versucht ihnen weiszumachen, es handle sich um großgeratene Rettungshunde, Texas Ratcatchers, eine seltene Zucht, und die Reporter haben das glücklicherweise übernommen, nachdem Ben ihnen seinen Ausweis unter die Nase hielt. Denn wie jeder weiß und kein Texaner je abstreiten wird, ist in Texas alles ein paar Nummern größer, einschließlich der Ratten."
"Und wenn jemand gefragt hat, seit wann Rettungshunde Flügel haben?" Noch blieb Gibbs´ Gesicht unbewegt. Noch...
"Die hat man ihnen angezüchtet, damit sie sich ihr Futter selber fangen können. Sie fressen für ihr Leben gern Fliegen, wissen Sie. Texas-fliegen natürlich, soooo groß!" Und wie bei einem Angler reichten Wylies Arme kaum aus, die Größe anzudeuten.
Wenn schon Nonsens, dann richtig. Jetzt strahlten auch die NCIS-Mitarbeiter um die Wette. Und sie fragten sich insgeheim, ob es einen Sinn hatte, umzusatteln und sich bei der FSA zu bewerben, wenn es darauf hinauslief, daß man jemandem wie Tom Richards, diesem unterhaltsamen Irren, als Aufpasser zugeteilt wurde. Agent Wylie war ein Glückspilz, und als solchen schien er sich auch zu betrachten. Aber leider arbeiteten sie zumindest für den Moment für eine andere Dienststelle und hatten einen Job zu erledigen.
"Was ist Ihre private Meinung zu dem Amoklauf?" fragte Gibbs, zum eigentlichen Thema zurückkehrend.
Tom sah ihn ernst an. "Ich werde selbstverständlich eigenen Ermittlungen dazu anstellen, mit Hilfe von Mr. Wylie und seinen Kollegen, also wundern Sie sich nicht, wenn Sie von der Agency kontaktiert werden. Falls ich irgendeinen Fehler begangen haben sollte, der zu diesem Amoklauf führte, will ich das wissen. Ich bin von Natur aus chronisch paranoid, wie Ben Ihnen gerne bestätigen wird," (Nicken und weiteres fröhliches Grinsen von Seiten des Agenten) "habe aber trotzdem eine ganze Menge Feinde, die mir gern am Zeug flicken möchten. Deshalb kann ich grundsätzlich nicht ausschließen, daß mehr hinter der Sache steckt als nur ein simples Durchdrehen eines psychisch angeschlagenen Militärs."
"Sie meinen, jemand könnte Gomez benutzt haben, um in Wahrheit Sie zu treffen."
"Diese Möglichkeit besteht." bestätigte Richards. Und da auch Wylie abermals nickte, konnte Gibbs das nicht einfach als den Ausdruck stillen Wahns eines bizarren Exzentrikers abtun. Der Fall gewann eine neue Facette nach der anderen, jetzt hoffte Gibbs beinahe, daß es sich wirklich nur um einen Fall von simplem Durchdrehen gehandelt hatte und um nichts anderes, bei dem man den Geheimdienst bemühen mußte. Er hatte bei seinen Ermittlungen oft genug mit Stellen wie dem CIA, FBI und anderen zu tun bekommen, um zu wissen, wie schnell sich dadurch ein zuerst einfach wirkender Fall verkomplizieren konnte.
Auf der Fahrt zurück war sogar DiNozzo still. Was sie heute alles erlebt hatten, war es insgesamt wert, diesen Tag im Kalender rot anzustreichen. Ein offenherziger Geheimdienstler, ein Mann, der sich in einen Drachen verwandeln konnte und gegen Lovecraft´sche Mächte ankämpfte - ihrer beider auf Vernunft und einer halbwegs wissenschaftlichen Bildung basierendes Weltbild war heute gründlich über den Haufen geworfen worden. Entsprechend zugeknöpft blieben sie, als sie im Büro eintrafen.
"Wir können von Glück reden, daß der Typ nur einen einzigen Privatpatienten hatte, dieser Mr. Richards ist nämlich selbst viel verrückter als alle seine Patienten zusammen jemals sein könnten." erzählte Tony erst auf Anfrage von Abby, ohne ins Detail zu gehen. Die Miene von Gibbs hatte den anderen bereits deutlich gemacht, daß er auf etwas gestoßen war, worüber er lieber nichts fallen lassen wollte.
"Heißt das, ihr wollt gar nicht wissen, was ich alles herausgefunden habe?" Abby sah so enttäuscht drein (offenbar hatte sie etwa entdeckt, was ihr Interesse wirklich geweckt hatte),  daß Gibbs sich breitschlagen ließ. Und bei dem, was er dann erfuhr, machte er wieder große Augen. Aber, verdammt, es ergab einen Sinn, wenn man es mit dem in Verbindung setzte, was Richards selbst verraten oder zumindest angedeutet hatte.
"...ihr habt diesen Mr. Richards selbst gesehen. Seid ihr ganz sicher, daß er nicht in Wahrheit Russel Nash alias Connor McLeod heißt und aus Schottland stammt?" beendete sie den ersten Teil ihrer Ausführungen.
"Nun ja, er hatte eine ganze Menge scharfer Waffen in seinem Arbeitszimmer hängen, japanische Schwerter, Stockdegen und so. Und das ganze Haus ist eine einzige Antiquität, das reinste Museum." meinte Tony, der selbstverständlich wußte, worauf sie anspielte. Da Gibbs ihn jetzt fragend ansah, erklärte er: "Highlander, der Film. Solltest du dir mal ansehen, ich sehe da einige verblüffende Parallelen, als ob sich die Filmemacher von einer gewissen real existierenden Persönlichkeit hätten inspirieren lassen." Sein Finger deutet auf ein Bild, das im Original in der National Gallery hing, dessen Erstausfertigung sie vor kurzem erst gesehen hatten, und das gerade auf Abbys Bildschirm zu sehen war, ein Portrait des Mannes, der Lyonshome Manor im Jahr 1748 gegründet hatte, eines gewissen Kapitän zur See Thomas DeVille, genannt Captain Devil. Ein Vorfahre von Tom Richards... oder er selbst, vor ein paar Jahrhunderten?...
"Übrigens, daß ich in so kurzer Zeit so viel herausgefunden habe, ist nicht allein mein Verdienst. Es gibt ein paar weitere Hacker, die an ihm interessiert sind und ihm nachspüren, von denen habe ich ein paar gute Tipps erhalten." verriet Abby dann. "Dieser Richards ist nämlich exzellent darin, seine Spuren zu verwischen, er beschäftigt selber einige Weltklasse-Hacker, die in seinem Auftrag fleißig Nebelkerzen werfen und Umlenkungen und Logikschleifen einbauen. Allerdings ist mir sehr schnell aufgefallen, daß in seiner Tarnung immer wieder Löcher drin sind, sowas wie elektronische Treibsandlöcher, in denen Daten versacken, mit etwas Übung kann man diese Daten aber wieder herausfischen und lesbar machen. Das ist ein Fehler, der keinem guten Hacker jemals unterlaufen würde, deshalb ist anzunehmen, daß diese Löcher mit voller Absicht erzeugt wurden, um darin sogenannte Ostereier und vielleicht auch Falschinformationen zu versenken für die, die seinen Spuren zu folgen versuchen. Ich habe bereits meine Angel ausgeworfen und ein paar Fänge gemacht.“ Sie zeigte ihnen die „aufgefischten“ Texte. „Er zitiert darin immer wieder den Autor Howard Philips Lovecraft, und behauptet, es gäbe einen außerdimensionalen „Unbekannten Feind“, der auf die Vernichtung der Menschheit aus ist. Ich weiß noch nicht, ob das tatsächlich so gemeint ist und der Typ einfach nur paranoid ist, oder ob diese Texte in sich verschlüsselt sind und man einen besonderen Code braucht, um an die wirklichen Inhalte zu kommen. - Der Hauptgrund, warum man solche Löcher erzeugt oder duldet, besteht aber darin, herauszufinden, ob jemand herumschnüffelt. Jeder, der an diese Löcher heranzukommen versucht, hinterläßt nämlich elektronische Spuren im schwammigen Untergrund drumherum, wie Tierspuren an einer Wasserstelle. Ich habe einige dieser Spuren gefunden und mich auf eine ganz besondere konzentriert, die mir interessant erschien, weil sie hauptsächlich über Netzwerke von Militär und Geheimdiensten lief. Über einige Crossreferenzen bin ich dann dahintergekommen, daß der Urheber, ein gewisser Earth1Worm4Evah, vermutlich identisch ist mit einem gewissen Professor Dr. Henry Snyder, der in der Kirtland Air Force Base den Posten des Chefs der wissenschaftlichen Forschungsabteilung einnimmt. Die arbeiten dort an neuen Stealth-Technologien und anderen Dingen, die insbesondere für die Air Force bestimmt sind, und bei denen angeblich auch gekaperte außerirdische Technologien getestet und eingesetzt werden. Dieser Snyder und Richards scheinen sich zu kennen, und man hat mir gesteckt, daß Snyder Richards am liebsten gefesselt auf seinem Seziertisch liegen sehen will. Er kann aber nicht, wie er gerne möchte, weil die FSA die Hand auf Richards hat, die rücken ihn nicht heraus. Echt krass, was?“ Sie grinste, und fuhr fort: „Im Rahmen der Beziehung zwischen Snyder und Richards sind noch zwei weitere Namen aufgetaucht. Der erste ist ein gewisser George Fox, ein Senior Agent der FSA, der offenbar ein sehr enges Auge auf Richards hat. Fox war in den sogenannten Wisconsin-Zwischenfall vor zwanzig Jahren verwickelt, bei dem die Air Force angeblich über einer Kleinstadt in Wisconsin ein UFO abgeschossen hat, er war damals der leitende Ermittler und hat unter anderem einen prominenten SETI-Mitarbeiter geschaßt, weil der ihm in die Quere kam. SETI steht für Search for Extraterrestrial Intelligence, das sind die Typen, die Botschaften ins Weltall funken in der Hoffnung, daß E.T. irgendwann zurückruft. Danach wurde es ruhig um Fox, bis vor ein paar Jahren, als die Sache aus irgendeinem Grund wieder aktuell wurde. Ungefähr zwei Jahre lang ist er pausenlos im ganzen Land herumgereist, als suche er nach etwas, bis er es dann offenbar gefunden hat, seitdem ist wieder Funkstille. In einschlägigen Kreisen trägt er übrigens unfeine Spitznamen wie „alien-crazy Fox“ oder „spooky Fox“, er scheint ein paranoider Choleriker zu sein, der gern mit seiner Dienstmarke herumwinkt, mit dem großen Hammer auf alles draufschlägt und kein Fettnäpfchen ausläßt. Aber gerade zu dieser Zeit, als seine Suche endete, tauchten plötzlich die Namen Thomas Adalmar Richards der Dritte und Lyonshome Manor auf. Und ein weiterer Name, Paul Forrester, ein Fotoreporter und Pulitzer-Preisträger, der seit dieser Zeit immer wieder kleinere und größere Geldsummen von Richards überwiesen bekommt, vermutlich Schweigegeld. Richards hat ihm unter anderem ein eigenes Appartment im Eastcontinental gekauft, das ist eines von diesen schwergesicherten Appartmenthäusern, in denen sich VIPs, Schwerreiche und hochkarätige Gangster einmieten, um in relativer Sicherheit vor Paparazzi und sonstigen Verfolgern leben zu können, und dort wohnt Forrester zusammen mit seiner Frau, deren erstgeborenem Sohn und einem neugeborenen Nachzügler. Die Frau hat übrigens damals, als das angebliche UFO abstürzte, in dieser Gegend in Wisconsin gelebt, und ihr Sohn wurde genau neun Monate nach diesem Zwischenfall geboren, als ihr erster Mann, nach dem sie ihn benannt hat, übrigens schon seit mehr als einem Jahr tot war. Interessant, nicht? - Ehrlich, Gibbs, ich hätte nichts dagegen, wenn du mich mit diesem Mr. Richards verkuppeln könntest, selbst wenn er total irre ist, aber auf derartig interessantes Material stoße ich selten, sowas kann ich einfach nicht übergehen.“
„Schweigegeld, hm?“ Das hatte zwar nichts mit der Ermittlung in Sachen Gomez zu tun und war eigentlich auch kein Thema für den NCIS, aber vielleicht konnte es trotzdem nicht schaden, diesem Reporter mal auf den Zahn zu fühlen. Vor allem wenn es Abby glücklich machte. „Nach diesen ganzen Ermittlungen kannst du vielleicht etwas frische Luft brauchen. Schnapp Dir McGee und seht euch diesen Paul Forrester mal an. Rollen wir die Sache von hinten auf, vielleicht rückt er mit ein paar Sachen heraus, die Richards uns nicht sagen konnte oder wollte, weil sein Aufpasser von der FSA dabei war.“ Der Job klang harmlos genug, daß die Computerspezialistin sich mal wieder ein paar Stunden Außendienst gutschreiben und ein paar zusätzliche Erfahrungen sammeln konnte. Gibbs wusste, wie wichtig es war, auch den Innendienstbeamten wie ihrer Forensik-Expertin hin und wieder die Realität von Ermittlungen vor Ort zu vermitteln, damit sie sich nicht irgendwann komplett von den Bedürfnissen der restlichen Truppe abtrennten.
 „Fein!“ Abby strahlte über das ganze Gesicht, und machte sich sofort auf, McGee aufzutreiben, der irgendwo im Haus herumgeisterte.
« Letzte Änderung: 24. März 2014, 18:11:39 Uhr von DAOGA »

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #7 am: 24. März 2014, 18:19:04 Uhr »
Eine halbe Stunde später langten sie vor dem Appartmentgebäude an. Selbstverständlich gab es einen Pförtner in einem gut gesicherten Abteil, einen ehemaligen Marine, der hier seine Kenntnisse in Sachen Sicherheit in den Dienst der Hausbewohner stellte. Abby und McGee hatten gerade ihre Marken vorgezeigt und ihr Anliegen vorgetragen, Mr. Forrester sprechen zu wollen, als der Wachmann zum Lift wies. „Sie haben Glück, da kommt er gerade mit seinem Sohn!“
Paul Forrester war ein dunkelhaariger, gutaussehender Endvierziger, sein Sohn etwa zwanzig Jahre alt.
„NCIS, das ist Agent Abby Sciuto, und mein Name ist Tim McGee. Könnten wir Sie vielleicht kurz sprechen?“
Die beiden waren stehengeblieben. Während Forrester sie aufmerksam und neugierig, jedoch nicht unfreundlich musterte, war der junge Mann für einen kurzen Augenblick deutlich erschrocken, und er zog ganz unbewußt eine schuldbewußte Miene. Bis sein Vater ihm beruhigend auf die Schulter klopfte, und seinem Sohn etwas einzufallen schien, weil er sich auch sofort entspannte. Aber trotzdem, es hätte keines Jethro Gibbs bedurft um zu erkennen, daß der junge Mann etwas zu verbergen hatte.
„Wenn es kurz bleibt. Wir werden im DeVille Memorial Hospital erwartet, wissen Sie.“ sagte Forrester, jedoch nicht in unfreundlichem Ton.
„Haben Sie dort einen Fototermin? Sie sind doch Reporter, soviel ich weiß.“
Der Mann lächelte. Er hatte ein sehr freundliches, ehrliches und offenes Lächeln, stellten die Agenten fest. „Manchmal arbeite ich noch als Fotograph, wenn ich einen interessanten Auftrag bekomme. Im Hospital arbeite ich mit den Ärzten zusammen. Aber ich sehe, unser Wagen fährt soeben vor, und wir möchten uns nicht verspäten.“
Tim und Abby drehten die Köpfe und blickten durch die aus schußsicherem Sicherheitsglas bestehende Eingangstür. In dem Wagen, der gerade vor der Tür angehalten hatte, saß außer dem Fahrer bereits jemand.
„Ist das Ihre Fahrgemeinschaft?“ fragte Abby.
„Gewissermaßen. Das ist Mr. Tom Richards, mein Arbeitgeber. Wir fahren gemeinsam zum Hospital.“
„Mr. Richards!“ So einfach hatte Abby sich das nicht vorgestellt. Meistens waren die Prominenten und Exzentriker von Washington ziemlich schwer zu erwischen, und deshalb nutzte sie die Chance, die ihr so plötzlich in den Schoß fiel. Sie zerrte McGee regelrecht hinter sich zur Tür hinaus, gefolgt von einem fragend dreinschauenden Forrester und seinem Sohn, der sich ein schräges Schmunzeln nicht verkneifen konnte, trotz des Schrecks, den ihm die zwei mit ihrem plötzlichen Auftritt eingejagt hatten. Die zwei Jahre, die sie auf der Flucht vor den Häschern der Regierung verbracht hatten, wirkten bei ihm immer noch nach. Aber die junge Frau mit ihrer seltsamen Goth-Erscheinung schien für eine Agentin nicht so übel zu sein. 
„Mr. Richards, Abby Sciuto und Tim McGee vom NCIS. Dürfen wir Ihnen ein paar Fragen stellen?” sagte sie eifrig und zeigte ihre Dienstmarke dem Fahrer des Wagens und dem Passagier gleichermaßen vor. Der blonde Mann auf dem Rücksitz stutzte, als er ihr vor Eifer leuchtendes Gesicht sah, lächelte aber dann, öffnete die Tür und stieg aus. „Hat Ihr Mr. Gibbs noch ein paar Fragen an mich? Oder können Sie nur nicht glauben, was er Ihnen über mich erzählt hat?“
„Um ehrlich zu sein, er hat uns gar nichts gesagt. Sie müssen ihn ziemlich beeindruckt haben.“ antwortete McGee anstelle von Abby.
„Ich bezweifle, daß dieser Mann sich so leicht beeindrucken läßt.“ lächelte Richards zurück. „Allerdings ist er bei seinem Besuch meinem  Aufpasser von der FSA begegnet. Ich glaube, er will einfach vermeiden, leichtfertig der Agency auf den Schlips zu treten, und hat deshalb nichts weitergegeben.“
Saubere Analyse, dachte Abby, das stimmte vermutlich. „Mr. Forrester sagte uns, daß Sie zu einem Hospital fahren. Arbeiten Sie dort?“
„Ja, in einem meiner vielen Berufe bin ich praktizierender Arzt am DeVille Memorial Hospital. Sagen Sie, haben Sie eine oder zwei Stunden Zeit? Dann ist es einfacher, wenn Sie einfach mitkommen und mir Ihre Fragen unterwegs oder im Hospital stellen. Dann können Sie auch gleich selbst miterleben, was wir dort so machen. Soll ich mit Ihnen in Ihrem Wagen mitfahren?“
„Gerne! Ich sage nur schnell unserer Dienststelle Bescheid.“ Abby rief bei Gibbs an, daß sie unvermutet auf Mr. Richards getroffen waren und es etwas länger dauern würde, weil er ihnen etwas zeigen wollte, während Richards in ihren Wagen einstieg. Der andere Wagen mit Forrester fuhr voran, und McGee hängte sich hintendran.
„Wofür zahlen Sie Forrester Schweigegeld?“ fiel Abby gleich mit der Tür ins Haus, entgegen aller Regeln, die in der Ausbildung gelehrt wurden. McGee erwartete natürlich, daß Richards sofort zu mauern versuchte, und wurde zu seiner Verblüffung enttäuscht, weil Richards stattdessen nur leise lachte. Er hatte selbstverständlich damit gerechnet, daß der NCIS sich über ihn erkundigte. Genauso wie alle anderen Stellen, die sich bereits für ihn interessiert hatten.
„Ich brauche Paul nicht dafür bezahlen, daß er Dinge  verschweigt, die er auch ohne Geld verschweigen würde. Nein, ich will einfach verhindern, daß er mir davonläuft, nur weil ich ihn nicht ausreichend versorge. Er ist für mich ein kostbarer Schatz, und den Grund dafür werde ich Ihnen im Hospital zeigen. Dann werden Sie mir zustimmen, daß er das ganze Geld wert ist. Nichts von dem, was ich für ihn aufwende, betrachte ich als Verschwendung.“
„Also deshalb der ganze Sicherheitsaufwand, das teure Appartement...“
Richards nickte.
„Mr. Forresters Sohn - er ist doch sein Sohn, oder? Warum hat die Mutter ihn dann nach ihrem verstorbenen ersten Mann benannt?“
Richards lächelte weiter. „Die Familienverhältnisse sind etwas verzwickt. Aber das werden Sie auch bald erfahren.“
„Er ist erschrocken, als er uns gesehen hat. Hat er irgendetwas ausgefressen? Irgendwelche Probleme, Jugendkriminalität, Drogen oder so?“ fuhr die junge Agentin unverfroren fort.
„Nein, er hat eine Allergie gegen Regierungsvertreter jeder Art, und er ist immer noch auf sofortige Flucht programmiert, sobald er einen Agenten sieht. Die FSA war zwei Jahre lang hinter ihm und seinem Vater her, bevor ich dazukam und die Sache bereinigen konnte. So etwas vergißt man nicht so schnell, schon gar nicht in seinem Alter.“
„Was war das für eine Sache? Hatte sie irgendwas mit einem gewissen Agenten namens Fox zu tun?“
„Hm-hm.“ nickte Richards. „Fox litt an einem unentdeckten Vietnam-Trauma, und das hat sich gegen Paul und Scott entladen, er war hinter ihnen her wie der Teufel hinter einer armen Seele.“
„Wegen der Fotos, die Paul Forrester damals in Vietnam gemacht hat? Aber das ist doch schon so lange her, daran erinnert sich heute schon niemand mehr.“
Richards wiegte den Kopf. „Die Fotos waren nur einer der Auslöser für die Paranoia von Fox. Den eigentlichen Grund werden Sie bald erfahren, zusammen mit allem anderen.“
Das DeVille Memorial Hospital lag nicht weit entfernt von Forresters Appartmentwohnung. Die NCIS-Agenten bemerkten die Reaktionen des Krankenhauspersonals, kaum daß ihre Gruppe die Lobby betrat, so etwas wie ein stummes „Achtung, Captain auf der Brücke!“ ging herum. Richards war also nicht nur der Besitzer des Privathospitals, der hin und wieder selbst bei einem Patienten Hand anlegte, sondern besaß auch den Respekt der Belegschaft, und das war etwas, was man sich bei den hartgesottenen und an Kummer jeder Art gewöhnten Großstadtärzten erst einmal verdienen mußte. 
Das Hospital stammte ungefähr aus den zwanziger Jahren, erkennbar am Dekor, das irgendwann mit viel Liebe zum Original schonend modernisiert worden war. Entsprechend dem damaligen Bau-Gigantismus war die doppelstöckige Lobby definitiv überdimensioniert und hätte als Empfangshalle für einen kleineren Bahnhof dienen können. Richards ging voran zu einem der Lifte, sie fuhren aber nur eine Etage nach oben. Dort führte er sie ein paar Schritte weiter zu einem Büroraum, der auf einer Seite ein großes Fenster besaß, von dem aus man einen guten Überblick über die gesamte Eingangshalle hatte.
„Das hier ist sowas wie mein inoffizielles Büro, ich bin hier ja nur der Eigentümer und zeitweiliger Mitarbeiter, aber nicht der Chefarzt. In den alltäglichen Vorgängen des Hospitals habe ich wenig bis gar nichts zu sagen.“ erklärte Richards. „Jetzt da wir hier sind, dürften meine Helfer für heute bald auftauchen - ja, kommen Sie herein!“

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #8 am: 11. April 2014, 13:10:41 Uhr »
Auf das jetzt überflüssige Klopfen verzichtend, betraten zwei Ärzte den Raum, eine kleingewachsene schlanke Frau, der man die Herkunft aus Zentralasien - Indien, vielleicht Pakistan - ansah, und ein ganz durchschnittlich aussehender junger Mann europäischer Abstammung ohne besondere Merkmale. „Dr. Fatiha Thaum - Dr. Gordon Terrell - und das hier sind Agent Abby Sciuto und Agent Tim McGee vom NCIS. Sie sind mir heute ganz unangekündigt entgegengeschneit, und ich hätte sie heute gern als Beobachter dabei. Das heißt, daß Sie drei sich einigen müssen, wer vielleicht etwas dringenderes zu tun hat, ich brauche heute nur einen von Ihnen.“
„Dr. Maurice ist noch mit einer Niere beschäftigt, ein schwieriger Fall.“ meldete Dr. Terrell sofort.
„Dann ist er entschuldigt. Wir wollten heute ohnehin nichts neues versuchen, es geht also nichts verloren, was wir nicht an einem anderen Tag nachholen könnten. Wer will --?“
Die beiden Ärzte sahen sich an und lächelten, weil offenbar keiner den anderen übervorteilen wollte. Dann -
„Dr. Terrell braucht die Übung. Ich trete freiwillig zurück.“ sagte die durchaus hübsche schwarzhaarige Frau, der zu einer kompletten Inderin nur der bekannte Farbtupfen auf der Stirn fehlte. In dem weißen Arztkittel machte sie eine genauso gute Figur wie wahrscheinlich in einem Sari. Sie verneigte sich leicht vor Terrell und Richards, immer noch lächelnd, und verließ den Raum.
„Heißt das, wir machen Ihnen Umstände?“ fragte McGee.
Richards seufzte. „Kurzfristiges Umdisponieren von Terminen gehört zum täglichen Brot bei Ärzten, weil jederzeit etwas dazwischenkommen kann, was wichtiger ist als alles, was man gerade tut. Und wie ich gerade sagte, es geht nichts wichtiges verloren. Was wir heute tun, bekommen Dr. Thaum und Dr. Maurice noch oft genug präsentiert, sie werden noch früh genug damit anfangen, darüber zu fluchen. Für Sie dagegen ist es eine einmalige Gelegenheit. Was ich Ihnen nämlich heute zeigen will, ist das Arbeiten mit sogenannten Energiematrizen in einem Arbeitskreis, und da wir zur Zeit vermutlich der einzige derartige Kreis auf dieser Welt sind, wird dieses Privileg nicht vielen Leuten zuteil. Meine Aufpasser von der FSA waren ein paarmal dabei, aber meistens ist es auf uns sechs User und ein paar Eingeweihte beschränkt.“ Er ging zu einer Plastiktafel, die an einer der Wände hing, nahm den Stift und malte jeweils drei Ziffern in der Anordnung dreier gleichschenkliger Dreiecke, mit einer Fünf an der Spitze und zwei Dreiern an den beiden anderen Ecken, die er durch Linien miteinander verband.
„Das erste, worüber man sich schon vor der Arbeit mit einem Matrixkreis Gedanken machen muß, ist Symmetrie. Ich bin ein Level Fünf und als solcher der Leiter des Kreises. Paul und Scott sind einander gleich an Kraft, wenn auch nicht an Erfahrung, sie sind beide Level Drei, also deutlich schwächer.“ dozierte er und deutete auf die Ziffern des ersten Dreiecks. „In eine solche Dreiecksformation kann man zwei, drei oder fünf Dämpfer beziehungsweise Beobachter aufnehmen, ohne daß die Symmetrie oder die Kraftentfaltung zu sehr leiden.“ Er malte bei dem ersten Dreieck je einen leeren Kreis auf die zwei Linien zwischen der Fünf und den zwei Dreiern, beim zweiten Dreieck jeweils einen leeren Kreis auf alle Linien zwischen den Ziffern, und beim dritten waren es jeweils zwei leere Kreise zwischen der Fünf und den beiden Dreiern, die Linie, die die Dreier verband, erhielt einen Kreis. „Da Dr. Maurice ausfällt, hätten wir mit Ihnen zusammen vier Beobachter gehabt, das wäre einer zu viel oder einer zu wenig, also beschränken wir uns lieber gleich auf eine einfachere Zwei mal Drei-Formation, drei User und drei Nicht-User.“ Er deutete auf das zweite Dreieck, das diese Konstellation zeigte. „Dr. Terrell ist User, aber ein Anfänger auf Level Eins,“ der Stift malte im Kreis zwischen den beiden Dreiern eine Eins, „und kann deshalb nur als Verstärker für unsere zwei Dreier dienen. Umgekehrt dienen die Dreier ihm als Dämpfer gegen meine potente Fünfer, die sehr gern versuchen möchte, eine schwache Einser unter ihre ewigwährende Kontrolle zu bekommen. Die Sphären, mit denen Paul und Scott arbeiten, funktionieren nämlich auf einer anderen Frequenz als unsere Matrizen und können deshalb die Übernahmeversuche meiner Matrix stoppen, obwohl sie an reiner Kraftentfaltung schwächer sind. Ohne dazwischengeschaltete Dämpfer wäre es viel zu gefährlich, eine Fünfer direkt mit einer Einser zu verkuppeln, im Fall einer gewaltsamen Übernahme können Sie nämlich dann die Einser in den Müllschlucker werfen, sie wäre nie wieder für etwas brauchbar, und Matrizen wachsen nicht gerade auf Bäumen, nicht einmal die Einser, die schwächsten ihrer Art. Was das alles genau bedeutet - das zeigen wir Ihnen jetzt dann im Behandlungsraum. Haben Sie die Liste, Gordon?“
Der Arzt nickte und reichte Richards ein paar Seiten. „Zwei Querschnittslähmungen, ein Lebertumor und ein defekter Sehnerv. Kinderspiel.“ kommentierte der blonde Mann, was auf den Papieren geschrieben stand, Kurzfassungen von Diagnosen und Feststellungen, die von anderen Ärzten gemacht und von den Medizinern des DeVille Memorial Hospitals noch einmal bestätigt worden waren, bevor sich Dr. Richards und sein Team damit befaßten.
„Moment mal. Was wollen Sie da machen?“ Jetzt waren die Agenten mit einem Mal doch etwas nervös.
„Die Patienten heilen. Was sonst?“ fragte Richards zurück und lachte sie an. „Dafür sind wir hier, oder nicht?“
„Mit uns zusammen? Ich kann aber kein Blut sehen...“ behauptete Abby sofort, obwohl sie als überzeugte Goth-Braut in solchen Dingen eigentlich ein dickeres Fell haben mußte als andere. Aber bei der Aussicht, einer realen Operation beiwohnen zu müssen, wurde sogar ihr flau.
„Das werden Sie auch nicht.“ beruhigte Richards die Agentin. „Matrixbehandlungen verlaufen selten blutig. Andernfalls müßte ich damit rechnen, daß mir Paul umkippt, er kann nämlich auch kein Blut sehen...“
„Das war ein Witz.“ klärte ein grinsender Scott Hayden sie sofort auf. „Dad kann durchaus Blut sehen, er mag es nur nicht, dafür hat er ein zu mitfühlendes Wesen.“ Und der dunkelhaarige Mann, der ehemalige Starreporter, der sich laut Abbys Informationen einst ins Gemetzel von Vietnam und in viele andere Krisen- und Katastrophengebiete begeben hatte, mit nicht mehr bewaffnet als seiner Kamera und einer ordentlichen Portion Kaltschnäuzigkeit, nickte lächelnd dazu. Seit Scott begriffen hatte, daß auch diese Agenten nicht hier waren, um ihn kurzerhand mitzunehmen und in ein Labor zu sperren, zeigte er keine Berührungsängste mehr, insbesondere Abby mit ihrem schrillen Goth-Look gefiel ihm, aber auch mit diesem McGee konnte man anscheinend leben, er war keiner von diesen voreingenommenen, bis oben hin zugeknöpften Paragraphenreitern, wie Fox mal einer gewesen war. Spätestens nach der Vorführung waren sie sowieso zum wahren Glauben bekehrt, Scott hatte inzwischen an einigen Behandlungen mit Zuschauern teilgenommen und wusste, wie es lief.
Sie wechselten über in den Behandlungsraum, der nicht weit von Richards´ Büro entfernt lag. Das Gerät, das in dem Raum herumstand, war eigentlich nur hier abgestellt, die einzig wichtigen Teile waren die Behandlungsliege und die Stühle, die darum herumstanden. Auf einem Tischchen stand ein kleiner Interkom, den Tom Richards benutzte, um den ersten Patienten anzufordern.
„Die Patienten werden ruhiggestellt, aber nur damit sie nicht zu viele dumme Fragen stellen, andernfalls könnten wir uns jedesmal den Mund fusselig reden. Für diese Art von Behandlung braucht man nämlich normalerweise keine Narkose.“ sagte er dann zu seinen Gästen. Gleich danach ging schon die Tür auf, und ein Krankenpfleger schob eine belege Liege herein, die gegen die vorhandene Liege ausgetauscht wurde. Der Patient darauf war ein relativ kräftig gebauter Mann, dessen stark entwickelte Armmuskeln in starkem Kontrast zu den seltsam dürren Beinen standen, was darauf hinwies, daß letztere schon geraume Zeit nicht mehr benutzt wurden. Die Sedierung wirkte, er schlief friedlich und gab hin und wieder ein leises Grunzen von sich. „Klassische Querschnittslähmung in Höhe der Lendenwirbel, ich werde Sie nicht mit medizinischen Begriffen langweilen. Gehen wir es einfach an, und ich erkläre Ihnen, was wir tun.“ Sie setzten sich im Kreis um die Liege, auf die Plätze, die Richards ihnen zuwies, die beiden Agenten links und rechts zu seinen Seiten, dann Paul und Scott mit Dr. Terrell zwischen ihnen. „Wir bilden einen Kreis, genau wie bei einer Seance. Allerdings müssen wir User die Hände frei haben, um unser Werkzeug benutzen zu können, deshalb können wir nicht Händchen halten, sondern Sie müssen uns woanders anfassen, an der Schulter beispielsweise. Mr. McGee, bitte achten Sie darauf, daß Sie zu keiner Zeit an meinen Stock geraten. Wenn das Ding aufgeladen ist - und das ist es meistens - könnte schon eine simple Berührung mit einem Stück ungeschützter Haut bei Ihnen dauerhafte körperliche Schäden hervorrufen. Also Vorsicht, bitte, und halten Sie immer mindestens eine Lage Stoff zwischen sich und meinen Stock, oder besser etwas Abstand.“
Die Agenten hatten sich schon gewundert, warum der Mann standhaft den altmodischen silbernen Gehstock mit sich herumschleppte, den er zum Gehen offensichtlich nicht brauchte, weil er sehr flink auf den Füßen war, und es als reine Exzentrizität verbucht, so wie andere Prominente vielleicht ständig ihr Schoßhündchen mit herumschleppten oder sich auf das Tragen von Hüten, Schals oder Handschuhen versteiften. Jetzt merkten sie aber, daß mehr dahinter steckte als die Schrulle eines reichen Mannes. McGee, auf dessen Seite sich der Stock befand, den Richards in der Hand hielt, nickte. Wie angewiesen legte er seine linke Hand auf Richards´ Schulter, die andere auf die von Scott Hayden, und auch die anderen stellten den geforderten Körperkontakt her. Sie alle mußten die Arme etwas strecken, um komplett um die Liege herum einen Kreis zu bilden, und die Agenten verstanden, warum eine bestimmte Mindestzahl von Personen für solch eine Aktion notwendig war.
„Um ein Auseinanderbrechen des Kreises während der Behandlung zu verhindern, was mitten in der Arbeit gefährlich werden könnte für den Patienten, fessele ich uns alle mit einer kleinen unsichtbaren Handschelle aneinander. Spüren Sie es?“
Die Agenten nickten, sie fühlten auf einmal, daß irgendeine unsichtbare Kraft ihre Hände unverrückbar dort festhielt, wo sie Kontakt mit ihren Nachbarn hatten. Zugleich schien sich ein Lichtstrahl von den Deckenlampen in den Knauf von Richards´ Stock verirrt zu haben, weil von dort ein leichtes Zurückleuchten von dem eingelassenen bläulichen Kristall kam. 
„Wenn Sie kurz Ihre Hände frei haben wollen, damit Sie sich die Nase kratzen oder etwas anderes tun können, sagen Sie es mir bitte, und ich unterbreche an einer geeigneten Stelle. Ich will Sie nicht hier gefangenhalten wie in dem Märchen von der goldenen Gans.“
Sie nickten wieder, aber lachten nicht über den Vergleich mit dem Märchen. Diese unsichtbare Kraft, die sie spürten, die sie festhielt - woher kam sie, wie war so etwas möglich?
„Nun denn. Da der Kreis symmetrisch gebildet und gesichert ist, können wir beginnen.  - Energie!“
Und mit dieser durchaus beabsichtigten Referenz an Star Trek begannen sowohl der Knauf des Gehstockes als auch die seltsamen silbermetallischen Murmeln, die Forrester und sein Sohn aus ihren Taschen geholt hatten und jetzt in der Hand hielten, auf einmal ein blaues Licht auszustrahlen, so intensiv, daß die Agenten die ausgestrahlte Energie schier körperlich fühlen konnten. Aber es geschah noch mehr. Die Agenten hatten das Gefühl, daß sich mit ihrem Sehvermögen etwas änderte, denn auf einmal schienen die drei Personen, die diese Energiegeräte in den Händen hielten, aus sich selbst heraus in hellstem, schattenlosem Licht zu leuchten. Und auch in ihrer Umgebung veränderte sich einiges, mit einem mal konnten sie die energetisch aktiven Teile von Elektrogeräten um sich herum und sogar die Stromleitungen in den Wänden als bunt leuchtende Bahnen und Flecken aus verschiedenfarbigem Licht erkennen... „Das, was Sie jetzt wahrnehmen, sind die sogenannten Auras. Die Kräfte
unserer Werkzeuge können auch Personen, die normalerweise nicht aurasichtig sind, diese Fähigkeit verleihen, jedenfalls so lange wie der Kreis geschlossen ist. Danach wird Ihr Sehvermögen wieder zum normalen Zustand zurückkehren. Wir Arbeiter im Kreis benötigen diese Aurasicht, weil nur sie uns zeigen kann, woran wir eigentlich arbeiten. Und da ist es schon.“ Über dem schlafenden Patienten materialisierte ein Bild in der Luft, wie ein farbiges, durchsichtiges, dreidimensionales Hologramm aus einem Science-Fiction-Film. Es zeigte eine Art Kabel... aber nein, korrigierten sich die Agenten sofort, das war das Bild einer Wirbelsäule - der Wirbelsäule des schlafenden Patienten, um den sie herumsaßen! Und während sie darauf starrten, veränderte es sich, wuchs immer größer und zeigte mehr Details, den Inhalt des ummantelten Kabels, bestehend aus einzelnen, abermals voneinander isolierten dünneren Kabel, die in Wahrheit einzelne Nervenstränge waren... und das dreidimensional in der Luft hängende Bild wuchs immer noch, blähte sich nach allen Richtungen auf, bis unwichtige Details an seinen Außenseiten im Nichts verschwanden und dafür noch mehr, noch winzigere Details im Inneren sichtbar wurden, Stellen, an denen die kleinen Kabel beschädigt und mit Wucherungen überzogen waren... „Das ist die Schadstelle, an der wir arbeiten müssen. Diese Wucherungen da sind Narbengewebe, das sich im Bereich der Querschnittslähmung gebildet hat und das eine Wiedervereinigung, ein Zusammenwachsen der durchtrennten Nervenstränge verhindert. Das muß entfernt werden, und das entfernte Material wird gleich als Rohmaterial benutzt, um die Nervenstränge und ihre Isolierung außen herum zu reparieren. Paul und ich haben das inzwischen schon oft getan, heute ist Scott an der Reihe, er soll die notwendigen Techniken nämlich auch lernen. Bist du bereit?“ Er sah zu dem jungen Mann, der nickte, Gesichtsausdruck ernst und konzentriert. Die blaues, kaltes Licht absondernde Metallmurmel in seiner Hand glühte noch heller auf, und dann --

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #9 am: 5. Mai 2014, 15:45:24 Uhr »
Als Abby und McGee vier Stunden später wieder in ihrem Büro eintrafen, schienen sie auf Wolken zu schweben, sie konnten immer noch nicht ganz glauben, was sie in den vergangenen Stunden miterlebt hatten.
„Hat dieser Forrester euch was zu rauchen gegeben, oder was ist los mit euch?“ fragte Tony respektlos, dem ihr Zustand sofort aufgefallen war.
„Ach Tony. Ich glaube ich bin verliebt!“ erklärte Abby schwärmerisch, und von ihrem Verhalten her schien das zu stimmen, sie wirkte ungewöhnlich flatterhaft und geistesabwesend für eine sonst eher gut geerdete Goth-Braut.
„Ich wäre jetzt auch verliebt, wenn ich schwul wäre.“ bestätigte McGee. „Wir wissen jetzt, warum Richards an Forrester diese Geldsummen zahlt, und der Mann ist das Geld tatsächlich wert.“ fügte er für Gibbs hinzu, der die Szene mit genausoviel Unverständnis wie DiNozzo beobachtete.
„Forrester arbeitet für Richards. Im DeVille Memorial Hospital, das Richards gehört. Laut Richards ist der frühere Starreporter jetzt ein Spezialist für Cloning-Prozesse, und Richards hat uns gezeigt, wie Forrester, dessen Sohn und er selbst dieses Spezialwissen einsetzen, um echte Wunderheilungen durchzuführen, Richards selbst ist in solchen Sachen nämlich auch nicht ganz unbewandert. Wir durften dabei zusehen, wie sie zwei Querschnittslähmungen behandelt, einen Lebertumor samt Metastasen gekillt und einem weiteren Patienten das Sehvermögen zurückgegeben haben, und das alles innerhalb von zwei Stunden und ganz ohne blutige Operation, nur mit den speziellen Werkzeugen, die nur diese drei Personen benutzen können.“
Abby werkelte bereits an einem der Computer und überflog, was sie fand. „Stichworte Wunderheilungen und DeVille Memorial Hospital, und, Bingo!“ verkündete sie. „Kein Wunder, daß die dort eine solch starke Sicherheit haben, die brauchen sie, sonst werden sie von den ganzen Hilfesuchenden einfach überrannt.“ Die mehr oder weniger unauffälligen Wächter des Hospitals, einige echte Wachleute, andere Krankenpfleger mit entsprechender Vor- oder Zusatzausbildung, waren den Agenten selbstverständlich aufgefallen, und Richards hatte auch dazu auf Nachfrage gern Auskunft gegeben. Sie studierte, was der Computer ausspuckte. „Daß dort echte Wunderheilungen durchgeführt werden, hat sich bereits herumgesprochen. Die Fachwelt rümpft verächtlich die Nase, was Richards und seine Belegschaft aber wenig juckt, immerhin handelt es sich um sein eigenes Privathospital, in dem er mehr oder weniger tun und lassen kann, was er will... und bei den potentiellen oder ehemaligen Patienten werden schier endlose Wartelisten diskutiert, auf denen anscheinend halb Amerika und ein Viertel von der restlichen Welt steht. Allerdings pickt sich Richards hin und wieder besonders interessante oder akute Fälle heraus, auch Leute, die sich normalerweise wenig bis gar keine Hoffnungen machen können, in einem teuren Privathospital Aufnahme zu finden. In solchen Fällen scheint er sogar selbst Geld zuzuschießen. Allerdings arbeitet er dafür auch ziemlich schnell, das haben wir heute selbst gesehen, deshalb verbringen seine Spezialpatienten meist nicht mehr als ein paar Tage im Hospital. Die Patienten werden vor Entlassung alle darauf hingewiesen, daß sie im Interesse der Sicherheit des Hospitals lieber den Schnabel halten sollten über das wie und warum, wichtig sei doch nur, daß sie geheilt worden wären... aber da halten sich längst nicht alle dran. Für Patientengruppen wie Querschnittsgelähmte oder Blinde gibt es nämlich eigene Netzwerke und Foren, und in denen gehen Berichte über neue Behandlungsmethoden herum wie ein Lauffeuer.“ faßte sie dann zusammen.
„Grund Nummer Fünf.“ sagte Gibbs zu Tony, der nickte. Da Abby jetzt neugierig guckte und McGee fragend die Augenbrauen hochzog, erklärte DiNozzo: „Die Gründe, warum die FSA über Richards und seine Leute wacht. Wir hätten uns doch die ganze Liste geben lassen sollen.“
„Ja? Was sind denn die anderen vier Gründe?“
„Alle top secret.“ antwortete Gibbs in seinem üblichen No-Nonsense-Ton, der ihnen sagte, daß er darüber nicht weiter sprechen würde .
„Macht nichts, wenn du darüber nichts sagen darfst. Einen kennen wir schon, und den Rest finden wir einfach selbst heraus. Mr. Richards hat uns eingeladen, ihn mal wieder zu besuchen, wenn er mal Zeit in seinem Terminkalender hat, und Forrester und sein Sohn waren auch nicht abgeneigt.“ erzählte Abby lächelnd. 
Das Telefon läutete, und Tony, der am nächsten stand, hob ab. „Gibbs, ich glaube, das ist für dich.“ sagte er nach kurzem Zuhören und reichte den Hörer weiter.
Es war Ducky, dessen neue „Kunden“ endlich eingetroffen und versorgt waren, und er rief an, weil sich noch andere, sehr viel lebendigere Gäste bei ihm angekündigt hatten, von denen Gibbs wissen sollte und wollte. Richards hatte schnell reagiert und seine Kontakte zur FSA spielen lassen, er wollte sich die Leichen, alle Opfer und auch Gomez, den Attentäter, selbst ansehen. Gibbs fragte nach dem Termin und nickte, obwohl der Pathologe am anderen Ende der Leitung das natürlich nicht sehen konnte. „Wir kommen auch, halt uns noch zwei Plätze frei.“ sagte er und legte auf. „Tony, Richards und einer seiner Aufpasser haben sich bei Ducky angekündigt. Ich will auf jeden Fall wissen, was da vorgeht.“
 „Verstehe. Für den Fall, daß die FSA beabsichtigt, die Leichen verschwinden zu lassen, oder so.“ Wenn Geheimdienste im Spiel waren, war so etwas nie ganz auszuschließen.
„Haltet uns auf dem Laufenden.“ bat McGee, und Abby nickte zustimmend. Sie wären liebend gern dabeigewesen, aber die ganze Truppe bei Ducky versammelt, wenn ein Geheimdienstler dabei war, das ging einfach nicht, irgendwer mußte schließlich hinterher im Notfall imstande sein, die ahnungslose Unschuld vom Lande zu mimen.
Gibbs und DiNozzo kamen gerade in der Pathologie an, als auch Richards und sein augenblicklicher Anstandswauwau eintrafen. Offenbar hatte eine Wachablösung stattgefunden, anstelle von Agent Wylie begleitete ein John Smith den blonden Mann. „Soviel ich weiß, heißt er tatsächlich so,“ sagte Richards amüsiert, als er sie einander vorstellte, wozu Smith keine Miene verzog, an Witze über seinen Namen war er inzwischen gewöhnt. Nachdem Gibbs ihm erklärt hatte, mit welcher Befugnis sie als NCIS-Beamte anwesend waren, und Richards keine Anzeichen machte, daß ihm die Anwesenheit der weiteren Gäste nicht genehm wäre, nickte Smith einfach, wies jedoch darauf hin, daß sie jedem Befehl von Tom Richards unmittelbar Folge zu leisten hatten. „In seiner Nähe müssen Sie mit allem rechnen.“ wiederholte er unbewußt Wylies frühere Warnung, ohne sich auf weitere Erklärungen einzulassen.
„Gut, dann sehen wir uns mal an, was Dr. Mallard uns zu bieten hat.“ sagte Tom Richards und folgte dem Pathologen, der geduldig gewartet hatte, bis die beiden Gruppen sich miteinander bekanntgemacht hatten. Der ältere Mann im weißen Kittel zog nacheinander drei von seinen großen Schubladen auf. „Hier sind die Opfer, eine Mrs. Suzana Waynwright, ihr Sohn Pascal und ein Pastor McMillan, mit dem sie gerade sprach. Ich wollte mit der Obduktion bei Gomez beginnen.“ sagte der Pathologe und wies auf den Seziertisch, auf dem abgedeckt die vierte Leiche des Mordfalles lag. Richards schüttelte prompt den Kopf. „Wenn Gomez sich etwas eingefangen hätte, hätte ich das merken müssen, ich habe alle Beteiligten von damals hinterher sorgfältig durchgecheckt.“ Er trat an die erste Lade heran und zog das Tuch zur Seite, um sich zuerst die Frau anzusehen. „Was meinen Sie damit, sich eingefangen?“ fragte Ducky prompt.
„Gomez war in einem streng geheimen Einsatz, bei dem die Gefahr bestand, sich potentiell persönlichkeitsverändernde Erreger einzufangen.“ erklärte Tom, während er sich der nächsten Lade zuwandte, der mit dem Sohn der Frau. In dem blauen Kristall im gläsernen Knauf seines „Zauberstabs“ schien sich gerade ein Lichtstrahl von den Deckenlampen verfangen zu haben, weil es dort hartnäckig blau aufleuchtete. Oder vielleicht enthielt der Knauf auch ein kleines Blitzlicht, das sich automatisch aktiviert hatte, bei einer so exzentrischen Persönlichkeit wie Tom Richards wollten die NCIS-Beamten nichts ausschließen.  „Durch den Schacht ist einiges durchgekommen, was nicht hier sein sollte, wenn Sie mich verstehen, Mr. Gibbs. Aber diese Möglichkeit habe ich bereits ausgeschlossen. Wie gesagt, ich habe Erfahrung in solchen Dingen.“
„Erreger? So wie in biologische Kampfstoffe?“ fragte Gibbs sofort, sichtlich besorgt.
Tom nickte. „So ähnlich. Der Schacht war das wichtigste Ziel, aber bei weitem nicht das einzige, das wir vorgefunden haben. Deshalb war ich auch besonders vorsichtig, ich habe kein Interesse daran, solche Sachen auf eine ahnungslose und absolut wehrlose Menschheit loszulassen. Alle die dort waren, wurden von mir danach auf unerwünschte Andenken gescannt, wieder und wieder, ich selbst eingeschlossen.“
„A propos Andenken... können Sie mir das vielleicht erklären?“ Ducky stand vor der Bahre mit dem Leichnam des Marines, und er deckte sie auf, um auf den Oberarm des Mannes zu deuten. 
„Das ist ein Tattoo der Einheit, in der Gomez diente. Viele Marines tragen so etwas. Was ist damit?“ machte Gibbs sachverständig.
„Nicht das.“ antwortete der Pathologe sofort. „Marine-Tattoos kenne ich, aber das kleine Tattoo darunter sieht neu aus, und so eines habe ich noch nie gesehen. Was bedeutet es?“ Unter dem Tattoo, das Gomez´ Einheit bezeichnete, befanden sich ein paar schwarze, geschwungene Schnörkel, die zusammen einen stilisierten Drachenkopf ergaben.
Tom Richards lächelte unerwartet. „Das haben sich alle Mitglieder des Teams machen lassen, die bei diesem Einsatz in New Mexico dabei waren. Sie waren wahnsinnig stolz darauf, wissen Sie, und wollten eine ewige Erinnerung daran, auch wenn sie niemals jemandem davon erzählen dürfen. Gomez hat mir seines gezeigt, gleich nachdem er es sich hatte stechen lassen.“
„Trägt Mr. Wylie auch so ein Tattoo?“ fragte DiNozzo neugierig.
„Nein, er nicht. Er war nie bei den Marines, und außerdem sitzt er mir oft genug im Nacken, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will. Anstelle des Tattoos trägt er immer noch die Narben von den Wunden, die er damals erlitten hat. Ich habe ihm angeboten, sie zu entfernen, aber er hat sich geweigert, er trägt sie so stolz wie einen Orden.“ 
„Harter Einsatz, wie?“ brummte der Pathologe, ohne nach Details zu fragen, und Tom nickte, ohne mehr dazu zu sagen. 
Stattdessen deckte er die Leiche des Kindes auf, und die Agenten zuckten unbewußt zusammen, Kinder als Opfer waren immer der schlimmste Anblick. Abermals blitzte es im Knauf von Toms Stock, und - „Oh oh.“ machte er.
Er hob den Stock etwas an, und das Licht im Knauf verstärkte sich, wölkte regelrecht heraus, als sei es gar kein Licht, sondern ein blau leuchtender Nebel, der sich über die Leiche des Jungen verteilte und auch in sie einzudringen schien.
„Was tun Sie da?“ stieß Ducky hervor, halb fasziniert und halb entsetzt, da er befürchtete, daß dieser sonderbare Leuchtnebel Dinge mit „seiner“ Leiche anstellte, die die Ergebnisse einer späteren Untersuchung verfälschen und unbrauchbar machen konnten.
„Keine Sorge, ich scanne den Körper nur. Mit diesem Werkzeug kann ich Spuren feststellen, die Sie mit Skalpell und Reagenzglas niemals finden würden, und ich würde sagen, ich habe soeben welche gefunden. Diese Lightshow da dürfte nämlich nicht sein, ungefähr so hätte es ausgesehen, wenn ich bei Gomez oder den anderen damals ein „Mitbringsel“ gefunden hätte. Und ich bin mir verdammt sicher, daß wir damals kein Kind bei uns hatten.“
Er drehte seinen Stock etwas, und drei kurze Stöße von Licht schossen heraus, drei weitere Ladungen blau leuchtender Nebel, die sich sofort auf die anderen Leichen verteilten. Doch die seltsamen farbig aufglitzernden Reaktionen, wie ein Feuerwerk im extremen Miniaturformat, die die Zuschauer über der Leiche des Jungen beobachten konnten, blieben dort aus.
„Was immer es ist, der Junge hatte es, die Mutter und der Pastor nicht, und Gomez hat es vermutlich irgendwie wahrgenommen, dank des Wissens, das er infolge des Einsatzes gewonnen hatte. Haben Sie die Krankenakten der Toten schon bekommen, Doktor Mallard?“
Ducky hatte, schließlich wollte und sollte er wissen, auf welche Dinge er bei der Obduktion besonders achten mußte, etwa auf die Spuren alter Verletzungen, Unfälle, Vorerkrankungen und die Gewebeveränderungen, die durch die Einnahme bestimmter Medikamente verursacht wurden.

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #10 am: 13. Juni 2014, 09:18:22 Uhr »
„Der Junge litt an der Glasknochenkrankheit.“ begann er mit dem Offensichtlichsten. „Betonung auf ´litt´, denn bei der letzten ärztlichen Untersuchung vor dem Amoklauf waren die Symptome verschwunden, und die Spuren der zahllosen Knochenbrüche, die normal sind bei Menschen mit dieser Krankheit, so gut wie verheilt. Ein angebliches Wunder - und vermutlich der Grund, warum die Mutter sich mit dem Pastor traf.“
„Glasknochenkrankheit ist eine Erbkrankheit, und für die Schulmedizin unserer Zeit nicht heilbar.“ erklärte Tom für die medizinisch nicht so bewanderten restlichen Zuschauer. „Wenn es wirklich diese Krankheit war, hätten sich die Symptome nicht bessern dürfen, es gibt nämlich kein Mittel dagegen, und auch Spontanheilungen, wie sie etwa bei bestimmten Krebsarten auftreten können, sind hier ausgeschlossen.“
„Entweder hat jemand doch ein Mittel gefunden, oder dieser Junge hier ist nicht Pascal Waynwright. Denn der echte Pascal hatte empfindlichere Knochen als ein kleines neugeborenes Vögelchen. Und das ist bei dieser Leiche hier nicht der Fall.“ Zum Beweis faßte er die Hand der Leiche zwischen Daumen und Zeigefinger und drückte kräftig zu. Bei einer Person mit Glasknochenkrankheit, selbst wenn sie bereits tot war, hätte solch ein Druck bereits genügt, ein paar Knochen splittern zu lassen. Doch die Hand dieses Toten blieb unversehrt, abgesehen von dem Druckmal in dem toten Fleisch, das der Pathologe in seinem Bericht rechtfertigen konnte. 
„Fingerabdrücke überprüfen, Zahnschema und Röntgenaufnahmen.“ befahl Tom Richards prompt allen Agenten im Raum, ohne einen von ihnen direkt anzusprechen. „Aber ich bin ziemlich sicher, daß es sich tatsächlich um Pascal handelt. Ist etwas davon bekannt, daß er irgendwelche speziellen Mittel erhalten hat?“
„In der Krankenakte ist nichts vermerkt. Wenn ja, dann waren das Dinge, die an seinem Hausarzt, einem Dr. Campbell, vorbeigegangen sind, vielleicht Homöopathie und ähnliche Wundermittelchen. Personen mit schweren Gebrechen oder Mütter mit schwerkranken Kindern klammern sich gern an jeden Strohhalm, der ihnen für viel Geld geboten wird.“
Tom wandte sich an Gibbs. Wenn der NCIS schon mal involviert war, sollten sich die Leute auch gleich nützlich machen. „Das ist Ihr Job. Reden Sie mit dem Hausarzt, und schicken Sie jemand zur Wohnung der Waynwrights, der nach allem Ausschau hält, was irgendwie wie ein Medikament aussieht, auch nach ungewöhnlichen Substanzen wie Tees oder Voodo-Zeug. Aber vielleicht hatte die Mutter auch etwas davon in der Handtasche, wenn ihr Sohn auf regelmäßige Einnahme angewiesen war. Wo finden wir die Sachen, mit denen sie eingeliefert wurden?“
Die fanden sich ein paar Türen weiter in der Asservatenkammer. Dort war die Waffe, die Gomez benutzt hatte, die Tascheninhalte aller vier Personen, und die Handtasche der Mrs. Waynwright. Bevor er sie öffnete, aktivierte Tom wieder den blauen Kristall im Knauf seines Stocks... und sie alle sahen, daß erneut ein Miniatur-Feuerwerk entstand, direkt über dem Leder der modischen Tasche. Die nächste kleine Ladung blauen Lichts, die nicht nur der Beamte, der die Überprüfung der Gegenstände sorgsam überwachte, mit Faszination beobachtete, überzog Toms Hände mit einer schützenden, dünnen Schicht aus blauem Licht. „Vorsicht ist die Mutter der Porzellankiste,“ grinste er in Richtung der anderen, bevor er sich mit dem Inhalt der Handtasche befaßte. Die wichtigsten Dinge, wie Hausschlüssel und Führerschein, hatten bereits die Cops herausgezogen, um die Identifizierung der Toten zu beschleunigen. Der Rest steckte noch in der Tasche, für den recht unwahrscheinlichen Fall, daß sich aus der Anordnung des Inhalts etwas herauslesen ließ, was für die Klärung des Falles wichtig gewesen wäre. Tom fand sehr schnell, was das Feuerwerk ausgelöst hatte und immer noch das blaue Scannerlicht, das nach wie vor auf der Tasche lag, zum bunten Funkeln brachte, ein Medikamentenfläschchen. Statt des normalen Etiketts mit dem Namen des Medikaments und der üblichen Anweisungen und Daten war nur ein Aufkleber aufgebracht, der ein Symbol zweier aufeinanderliegender schwarzer Halbkreise zeigte - oder eines schwarzen Kreises, der in der Mitte durchtrennt war.
Tom betrachtete es einen Moment, und dann ging ihm offenbar ein Licht auf. „Schwarze Gummibälle, erinnern Sie sich, John?“ fragte er den FSA-Agenten, dem Mann das Fläschchen zeigend, ohne es jedoch aus der Hand zu geben.
„Selbstverständlich, Sir.“ antwortete Agent Smith, höflich wie er war. Ihm war von früheren Einsätzen bekannt, daß ab dem Moment, in dem irgendetwas eine Reaktion von Toms Matrix hervorrief, der vorgebliche Berater der FSA zum tonangebenden Hauptermittler in einer solchen Angelegenheit wurde, der auch den Mitarbeitern der Agency Befehle erteilen durfte.
„Das könnte Wasser aus dem Becken von damals sein. Ich habe es hinterher überprüft, da war es sauber. Oder jedenfalls was davon noch übrig war, der größte Teil ist ja verdampft. Oder es stammt aus einem neuen Becken, mit einem neuen Inhalt. Aber wir wußten immer, daß mindestens ein Ei noch übrig ist, und übrig bleiben wird, bis Big G es zerstören wird.“ Tom und der Agent blickten sich an, und es war klar, daß sie sich beide an etwas erinnerten, an dem sie beteiligt gewesen waren.
„Gab es etwa Wasser in dem Schacht?“ versuchte Gibbs eine Gedankenbrücke zu bauen.
„Nicht in diesem. Wir reden gerade von einem anderen Kriegsschauplatz, aber diese Schlacht läuft auf vielen Fronten. Und die Gegenseite rekrutiert gern, am liebsten Leute, die durch vermeintlich übernatürliche Vorgänge leicht beeindruckt werden können, wie Sektenanhänger, verzweifelte Mütter... oder Priester.“
Mit einem Mal war der getötete Seelsorger kein Zufallsopfer mehr, sondern in den Kreis der Verdächtigen aufgerückt.
„Sie meinen also, der Pastor war nicht einfach nur zur falschen Zeit am falschen Ort.“ stellte Tony fest, während Tom das Fläschchen sorgfältig einsteckte, vermutlich um es an anderem Ort genauer zu untersuchen.
„Wahrscheinlich nicht. Gomez war ein Marine, und Marine wird man nicht dafür, daß man gern durch die Gegend ballert. Er hat die drei gezielt getötet, und er hatte Gründe dafür.“ Von gezielter Tötung, jeder Schuß ins Schwarze, hatte auch die Polizei gesprochen, erinnerten sich die NCIS-Mitarbeiter.
„Der Junge als Empfänger und Infizierter, der Pastor, vielleicht, als Lieferant, und die Mutter, vielleicht, weil sie ihren Sohn schützen wollte oder Gomez sie für gleichfalls infiziert hielt... aber die konkreten Verhältnisse finden wir noch heraus.“
Tom wandte sich wieder an Gibbs und DiNozzo mit einem weiteren Auftrag. „Überprüfen Sie auch diesen Pastor, ob Sie dort vielleicht weitere Gefäße mit dieser Markierung finden oder einen Hinweis darauf, wo es herstammte. Jede Art von Flüssigkeit ist verdächtig, sogar der Inhalt von Zimmerbrunnen oder Aquarien, oder die Eiswürfel im Tiefkühlfach. Wasser versteckt man gut in Wasser,“ fiel ihm dann etwas ein, was für ihn bereits fast tausend Jahre her war. „Überprüfen Sie auch Wasserboiler oder Heizkörper, alles was nicht unmittelbar mit fließendem Wasser aus der Leitung und einem Abfluß, der direkt in die Kanalisation geht, verbunden ist. Dieses Zeug ist zu kostbar für die, die darüber Bescheid wissen, als daß sie es mutwillig opfern würden, und jeder andere würde nicht erkennen, daß es etwas ganz Besonderes ist. Rein chemisch gesehen ist es nämlich nur Wasser und nichts anderes, die Kontamination ist von einer Art, die nur mit Hilfe von Werkzeugen wie meinem Stock festzustellen ist.“
„Es würde helfen, wenn Sie uns sagen würden, wonach wir genau suchen sollen, von Flüssigkeiten abgesehen.“ Wieder einmal traf Gibbs den metaphorischen Nagel auf den Kopf.
„Suchen Sie nach Dingen, die aussehen wie schwarze Gummibälle, ungefähr so groß“, Tom beschrieb mit beiden Händen eine Kreisform in die Luft, „und meistens mit einer Einkerbung  um den Äquator. Es gibt noch mindestens eines davon, vielleicht auch mehr, vielleicht haben die Sektierer, mit denen wir es damals zu tun hatten, ein paar Exemplare weitergegeben. Sie sind so gut wie unzerstörbar, können also auch an Stellen versteckt sein, wo Sie normalerweise nichts verstecken würden, wie in der Brennkammer eines aktiven Hochofens oder eingemauert in einer tragenden Säule eines Gebäudes. Man könnte sie auch einfach mit Lack überstrichen und als unauffällige Zierobjekte irgendwo angebracht haben.“ ließ er seine Phantasie weiterschweifen. „Aber mit Sicherheit sind sie irgendwo versteckt, wo sie mit Wasser oder einer anderen Flüssigkeit in Kontakt kommen können. Wir fanden damals einen ganzen Vorrat in alten Wasserboilern versteckt...“ Da er sich jetzt nicht auf das Ereignis bezog, bei dem John Smith anwesend gewesen war - dort waren die Gummibälle, die Hölleneier, in einem Schwimmbecken untergebracht gewesen - mußte er sich auf einen anderen Fall beziehen.
„Und was sind das für Dinger?“ fragte DiNozzo.
Tom blickte ihn ernst an. „Es sind Bomben. Biologische Waffen, genau gesagt, Überbleibsel aus einem Krieg, der vor sehr langer Zeit stattfand. Zum Glück sind sie extrem schwer scharfzumachen, aber wenn das mal passiert, ist eine Antiwaffe vom Typ „Azure“ das einzige wirksame Gegenmittel. Wenn Sie verstehen, was ich damit meine, denn das ist der hauptsächliche Grund, warum ich eine solche Waffe erworben habe, nicht die ganzen anderen, offensichtlicheren Gründe.“ Gibbs und DiNozzo nickten, sichtlich ernüchtert von dem Begriff „biologische Waffen“.
„Aber selbst Azure kann es nur stoppen, wenn er es gleich unmittelbar nach der Aktivierung erwischt. Wenn das Zeug aber erst einmal Zeit hatte, sich zu verbreiten...“ Tom schüttelte den Kopf. „Dann kriegen Sie es selbst mit einer Atombombe nicht mehr klein. Und das ist keinesfalls eine Übertreibung meinerseits.“ beendete er gnadenlos die Ausführung, um keine falschen Hoffnungen aufkommen zu lassen. 
„Und die Flüssigkeiten? Was hat es damit auf sich?“
„Die Hölleneier sind in unbeschädigtem Zustand praktisch unzerstörbar, aber sie lecken. Sie kontaminieren ihre Umgebung, insbesondere Wasser und andere Flüssigkeiten. Ich bin der Überzeugung, daß sie mit voller Absicht so konstruiert worden sind. Die Substanzen oder Strahlungen, die sie absondern, haben nämlich zumindest am Anfang eine regenerierende, heilende und sogar lebensverlängernde Wirkung, die die Personen, die damit in Berührung kommen, dazu verleiten, die schwarzen Bomben als etwas heiliges zu betrachten, sie zu verstecken und vor fremdem Zugriff oder vor gezielter Vernichtung zu schützen. Nur leider bleibt es nicht dabei, aus der Regeneration wird irgendwann eine unkontrollierte Mutation, die unaufhaltsam fortschreitet und aus den Menschen gräßliche und absolut unmenschliche Kreaturen werden läßt. Wenn Sie jetzt sowas wie ein Deja-Vu haben, zerbrechen Sie sich nicht den Kopf, ich kann es Ihnen sagen: Planet der Affen, mit den verstrahlten Mutanten, die eine Atombombe als Gott verehrten. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß die Mutanten im Film damals reine Schönheiten waren im Vergleich mit dem, was die schwarzen Hölleneier hervorbringen. Ich weiß das aus eigener Erfahrung, ich hatte nämlich schon eine Auseinandersetzung mit so einem Mutanten. Mr. Smith kann das bestätigen, er war dabei.“
Zu Gibbs´ und DiNozzos Erstaunen nickte der FSA-Mann tatsächlich, ohne ein Wort zu sagen. Selbst etwas dazu sagen hätte er nach Agency-Richtlinien nicht gedurft, aber wenn sich Tom Richards um Kopf und Kragen reden wollte, war das sein eigenes Problem, das er später mit dem General klären mußte.
„Ich hatte damals gehofft, wir hätten die Plage ausgerottet... aber das war wohl ein Irrtum. Diese Sache muß geklärt werden, mit allen Mitteln, die uns zur Verfügung stehen. Ich werde erst wieder ruhig schlafen, wenn sämtliche noch existierenden Hölleneier gefunden und in sicherem Gewahrsam untergebracht sind, vorzugsweise an einem absolut trockenen Ort, wo sie nichts und niemand kontaminieren können. Und wo Azure loslegen kann, ohne Dritte zu gefährden, falls sich eines von den Dingern aktiviert.“
„Sie können über uns verfügen.“ sagte Gibbs. In einer solchen Lage, wenn bereits der Geheimdienst mit von der Partie war, war das die einzig vernünftige Entscheidung, und, verdammt, er war neugierig, neugierig genug, um weiter daran beteiligt sein zu wollen. Mit solchen Phänomenen hatte er noch nie zu tun gehabt, obwohl sie genau in dieser Stadt, in der er jeden Tag aufstand und zur Arbeit ging, passierten... und das gefiel ihm nicht.

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #11 am: 25. Juni 2014, 13:07:21 Uhr »
„Gut, gehen wir es an. Mr. Gibbs, wir zwei suchen die Wirkungsstellen des Pastors auf, Mr. Smith und Mr. DiNozzo kümmern sich um Mrs. Waynewright und ihren Sohn. Dr. Mallard, bitte stellen Sie die Obduktion des Jungen solange zurück, bis ich dabei sein kann, aus Sicherheitsgründen, ich kann Sie nämlich vor einer möglichen Infektion schützen, wovon ich bei Ihren üblichen Maßnahmen in diesem Fall nicht überzeugt wäre. Behalten Sie aber die Leiche im Auge, wenn sich etwas daran verändert, rufen Sie mich sofort. Mr. Smith wird Ihnen seine Telefonnummer und die Nummer seines Büros bei der FSA geben. Mr. Gibbs, ich nehme an, Sie haben ein Handy?“
„Sie haben keines?“ wunderte sich Jethro prompt. Bei einem vielbeschäftigten Experten, Geschäftsmann und Arzt war so etwas doch kaum noch möglich... Tom hob als Begründung demonstrativ seinen Stock an. „Mein Zauberstab verträgt sich nicht mit Elektronik. Jedes Gerät, das ich bei mir trage, gibt innerhalb weniger Tage den Geist auf, und meist sogar sofort, wenn ich den Stock benutzen muß. Ich kann auch keine Quarzuhren tragen, nicht mal Automatics.“ Damit deutete er auf seine Armbanduhr, die ein Aufziehwerk nach alter Herren Sitte besaß. „Und deshalb brauche ich immer einen Diener, der mir ein Telefon nachträgt. Für den Augenblick haben Sie den Schwarzen Peter.“ grinste er den NCIS-Agenten an. Gibbs konnte gar nicht anders, er mußte zurückgrinsen. Und beneidete abermals Smith, Wylie und alle ihre Kollegen, die ihre ganze Zeit mit diesem unterhaltsamen Irren verbringen durften. 
Nach dem Austausch von Telefonnummern zogen sie los, Gibbs hatte den Motor aber noch nicht gestartet, als schon sein Handy sich meldete. „Ja, Ducky? - - Sie tut was?“ Seine Augen wurden groß, und er streckte Tom das Handy entgegen. „Er sagt, die Leiche bewegt sich.“
„Das ging schneller, als ich erwartet hatte.“ entgegnete Tom seelenruhig, von dem Doktor deutlich hörbar, obwohl er keine Anstalten machte, das Gerät entgegenzunehmen und direkt mit ihm zu reden. Was keine Unhöflichkeit von seiner Seite war, sondern die einfachste Methode, anderer Leute Nervtöter gesund und munter zu halten, indem er damit einfach gar nicht in Berührung kam.  „Na schön, schauen wir uns die Sache an.“
Smith und DiNozzo bemerkten, daß die beiden wieder ausstiegen, und verschoben ihre eigene Abfahrt. Ein paar Minuten später standen sie wieder alle in der Pathologie vor einer geöffneten Lade.
Sie sahen sofort, was der Doktor gemeint hatte. Die Leiche bewegte sich - die Arme spannten und entspannten sich, aber die Hände und alle anderen Teile blieben starr und ruhig. Noch...
„Sie haben vorhin von Regeneration gesprochen. Kann die so weit gehen, wird der Junge wieder zum Leben erwachen?“ sprach der Pathologe seine stille Hoffnung aus. Aber Richards schüttelte den Kopf. „Das, was sich da zu Wort meldet, sind die Körperzellen, die bereits mutiert sind. Sie haben gemerkt, daß sie gegen die Entropie des Todes ankämpfen, und bemühen sich jetzt, die totale Kontrolle zu gewinnen, bevor die Verwesung übermächtig wird. Der Junge ist tot, schon seit dem Kopfschuß, seine Seele ist längst im Nirwana, den Ewigen Jagdgründen oder wo auch immer. Wenn man den mutierten Körperzellen genug Zeit ließe, etwa bei einem Erdbegräbnis, würden sie so viel Gewebe wie möglich übernehmen, bevor es zerfällt, und ein zombieartiges Etwas entstehen lassen. Vielleicht würden sie sogar anderes Gewebe assimilieren, etwa von Würmern, und sich der Umgebung anpassen, als ein immer größer wachsendes wurmartiges Wesen, das sich zuerst im Boden des Friedhofes von anderen Leichen ernährt als ein sogenannter Ghuul, bis es irgendwann zur Oberfläche durchbricht und über ahnungslose Trauergäste herfällt...“
Gibbs schnallte es zuerst, während die anderen noch große Augen machten. „Whoa, Moment mal. Sagen Sie, glauben Sie eigentlich selbst, was Sie uns da erzählen?“
„Nööö, eigentlich nicht alles, nur das meiste...“
Ducky verbarg seine Heiterkeit hinter einem gespielten Hustenanfall, die anderen grinsten. So etwas gehörte sich eigentlich nicht in der Pathologie, aber was schwarzen Humor anging, stand Richards keinem Kollegen von Ducky nach.
„Mr. Smith! Wie stoppt man am besten eine Zombie-Infektion?“ fragte Tom angelegentlich den Agenten, im Tonfall eines Schulmeisters, der einen Zögling abfragte.
„Durch einen Schuß ins Hirn?“ machte Tony vorlaut. Obwohl der hier ja eigentlich schon vorlag...
„Das macht man, wenn ein Zombie auf einen losgeht.“ korrigierte Tom prompt. „Aber wie stoppt man die Weitergabe von potentiell infektiösem Gewebe, auch wenn der Zombie sich noch nicht rührt?“
„Einäscherung?“
„Sehr gut, Mr. Smith.“ lobte Tom. “Dann schließen Sie mal alle Ihre Augen.” Und er hob den Stock --
Als dann der sonnenhelle Feuerball erlosch, schwebte nur noch etwas weiße Asche in dem seifenblasenähnlichen Kraftfeld, die dann gehorsam in eine von Tom hingehaltene Organschale herabrieselte. Er reichte die Schale weiter an den Pathologen. „Um die rechtlichen Seiten der vorgezogenen Einäscherung und um mögliche Probleme mit den Hinterbliebenen kümmert sich die Agency.“ sagte er dabei. „Das gleiche gilt, wenn Ihnen Ihre Vorgesetzten Ärger machen, verweisen Sie sie einfach an Mr. Smith und seine Dienststelle.“
Ducky nickte, er liebte die „Geheimen“ so wenig wie jeder andere freie Amerikaner, aber in solchen bizarren Fällen waren sie zur Abwechslung sogar mal nützlich. 
„Verstehe ich das richtig, Sie trainieren Ihre Agenten?“ staunte Gibbs. Und Tom nickte wieder.
„Selbstverständlich. In Einsätzen der seltsamen Art brauche ich Leute, die korrekt reagieren und nicht durchdrehen. Deswegen habe ich mich damals bereiterklärt, mit General Wade und seiner Agency zusammenzuarbeiten. Ich könnte selbst eine ganze Privatarmee zusammenstellen, wenn ich eine benötige, nur leider braucht das Zeit, und in der Agency ist immer jemand kurzfristig greifbar, und außerdem ist sie gleich hier vor Ort in der Stadt. Kurze Wege, und so.“
„Glauben Sie, daß der Pastor die Hölleneier irgendwo versteckt hat?“
„Kaum, er war wohl nur der Bote, und vielleicht derjenige, der das Kind und seine Mutter als Versuchsobjekte ausgewählt hat. Hüter der Eier wird jemand anders sein, jemand in einer höheren Position. Je großartiger das Geheimnis, das eine Gruppe oder Sekte hütet, um so komplizierter sind meistens die inneren Strukturen der Gruppe, die das Geheimnis hüten sollen, und so ein vermeintlicher Jungbrunnen ist ein verdammt großes Geheimnis.“   
„Kann man diese Mutationen nicht irgendwie stoppen? So daß die Leute zwar gesund werden... aber sich dann nicht mehr weiter verändern? Ich meine, es wäre doch eine ziemliche Verschwendung, etwas so phantastisches einfach zu zerstören, wenn man es auf unschädliche Art anwenden könnte?“
Tony sprach aus, was die anderen dachten.
Tom zuckte mit den Achseln. „Das habe ich noch nie ausprobiert, bis jetzt ergab sich keine Gelegenheit. Mit meinem Instrument könnte ich die Veränderung vielleicht stoppen. Nur vielleicht, wohlgemerkt. Allerdings hängen daran noch viele weitere und weitaus komplexere Fragen, und ich werde mit Sicherheit niemand mit solch einer Substanz infizieren, nur um ihn als Versuchskaninchen mißbrauchen zu können.“ Er tippte auf seine Tasche, die das Fläschchen enthielt. „Nicht einmal, wenn sich jemand freiwillig zur Verfügung stellt. Sobald wir dieses Höllenei oder die Hölleneier sichergestellt haben und alle Infizierten ermittelt, wenn es weitere geben sollte, können wir uns darüber weiter unterhalten, aber nicht jetzt.“
Nicken reihum. Diese Argumente sahen sie alle ein.
„Also dann los.“
Abermals zogen sie los, und diesmal rief Ducky sie nicht mehr zurück. Aus einem guten Grund übrigens, denn Tom hatte ihm zwar verboten, den infizierten Jungen zu obduzieren, nicht jedoch die anderen Leichen. Und das wollte er lieber sofort besorgen, solange er sie noch hatte. 
Da Agent Smith mit DiNozzo unterwegs war, überließ Tom das Steuer seiner Limousine an Gibbs, was normalerweise ein Fehler gewesen wäre, weil er keine Ahnung von Gibbs´ ruppigem Fahrstil hatte. „Ich stamme definitiv aus dem falschen Jahrhundert, um mich mit dem Washingtoner Verkehr zur Rushhour herumzuärgern.“ sagte er und untermauerte damit ganz unbewußt Abbys Highlander-Theorie. „Aber fahren Sie bitte vorsichtig. Wenn Sie die Karre verbeulen, müssen Sie mit der nächtlichen Aufwartung eines sehr ärgerlichen Ex-Yakuza rechnen. Mein Butler Larry betrachtet den Wagen als sein privates Schätzchen, auch wenn es keine „Black Beauty“ ist.“
Die Anspielung auf eine Uralt-Batman-Parodie brachte Gibbs abermals fast zum Lächeln, und bewegte ihn dazu, diesmal - beinahe - dezent zu fahren. Es lag am Verkehrsaufkommen, nicht an seinem Fahrstil, daß sie langsam vorankamen, sie hatten ihr Ziel noch nicht ganz erreicht, als Gibbs´ Handy sich meldete. Da sie im Moment sowieso fast standen, nach Gibbs´ Verständnis jedenfalls, zog er es hervor.
„Ja, Ducky. Hast du wieder einen Zombie? --“  Der Agent lauschte, und Tom konnte mithören, da er direkt daneben im Beifahrersitz saß.
„Nein danke, darauf kann ich gern verzichten.“ antwortete Dr. Mallard. „Aber ich habe mir Gomez genauer angesehen und wollte dir meine erste Feststellung gleich mitteilen. Ich dachte mir gleich, daß mit der Art der Schußwunde etwas nicht stimmt. Er hat seine Privatwaffe, eine alte Smith & Wesson, benutzt, und laut der polizeilichen Ermittlung hat er vier Schüsse abgefeuert, laut Polizei angeblich einen für jedes Opfer, den letzten für sich selber. Aber zwei Schüsse trafen den Jungen und einen den Pastor, die Rechnung geht also schon jetzt nicht auf. Und Gomez selbst ist nicht durch ein Kaliber .38 gestorben, und wie es aussieht, die Frau auch nicht. Bei Gomez habe ich soeben ein Projektil gefunden, das nach einem Kaliber 7.62 aussieht, es hat eine Rippe zerschmettert und ist dann in der Wirbelsäule steckengeblieben.“
„Kaliber 7.62 - also vielleicht ein Scharfschütze, und kein Selbstmord bei Gomez?” Gibbs kannte sich seit seiner Zeit bei den Marines mit Waffen aus, er wusste also sofort, worauf Ducky hinauswollte. 
“Eindeutig nicht, außer es taucht noch eine zweite Waffe mit dem anderen Kaliber auf, die bis jetzt verschwunden ist. Was aber unwahrscheinlich ist, weil es genug Augenzeugen der Bluttat gibt, denen wäre es aufgefallen, wenn Gomez auch ein Gewehr benutzt hätte. Aber das mußt du selbst herausfinden. Ich mache jetzt mit Gomez weiter und sehe mir danach die Frau an, aber bei der war es ein glatter Durchschuß, die Polizei muß also weiter nach den Projektilen suchen. Abby sucht schon anhand der Tatortpläne nach dem Ort, von dem aus ein Scharfschütze gefeuert haben könnte, ohne selbst bemerkt zu werden, dann tun wir uns auch leichter bei der Suche nach den vermißten Kugeln. Ich möchte zu gern wissen, wie oft und von wem da wirklich geschossen wurde.“   
„Scharfschütze, hm?“ fragte Richards ruhig, während Gibbs das Handy wegsteckte. „Fahren Sie mal kurz rechts ran, irgendwo. Es dauert nicht lang.“

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #12 am: 15. August 2014, 13:05:44 Uhr »
Gibbs blickte fragend zu Tom, als der Wagen stand, aber Tom stieg nicht aus. Stattdessen hatte der Knauf seines Stocks erneut blau zu glühen begonnen. „Erschrecken Sie nicht, es tut nicht weh.“ sagte er. Und bevor Gibbs etwas sagen konnte, dehnte sich das blaue Glühen nach ihm aus wie eine dünnwandige Seifenblase und umschloß ihn vollständig, um dann zu verblassen und verschwinden, und er hatte tatsächlich nichts gemerkt, nicht einmal eine Berührung oder ein elektrisches Kitzeln gefühlt.
„Ich habe Sie soeben kugelfest gemacht.“ lächelte Tom ihn an, ihm die Frage ersparend. „Mit einem sogenannten Relativ-Feld. Wie das genau funktioniert, erspare ich Ihnen, sonst sitzen wir morgen früh noch hier. Es schützt Sie vor allen Arten von schnellfliegenden Geschossen, aber nicht vor langsameren Objekten wie etwa Wurfmessern oder einem fallenden Blumentopf. Und es schützt Sie auch nur so lange wie die eingespeicherte Energie reicht, das sind in diesem Fall ein paar Tage, je nachdem wie stark das Feld beansprucht wird, ob es  tatsächlich Geschosse abfangen muß oder nicht. Die Schutzwirkung ist relativ, wie der Name sagt, je nach Aufprallwinkel wird ein Geschoß entweder abgelenkt, gestoppt oder sogar durch Sie hindurchgelenkt, ohne Ihnen zu schaden, dann kann es etwas treffen, was sich hinter Ihnen befindet. Sie sollten sich also trotzdem lieber nicht als Kugelfang vor jemand anderen stellen, solange das Feld wirkt. Und bevor Sie fragen, das ist eine Sicherheitsmaßnahme, die ich immer bei meinen Mitarbeitern durchführe, wenn mit scharfen Schüssen aus dem Hinterhalt zu rechnen ist. Agent Smith hat auch so einen Schutz von mir, den er bei Bedarf aktivieren kann, aber Ihr Kollege DiNozzo nicht, deshalb wäre es gut, wenn Sie die beiden sicherheitshalber warnen würden.“ Er machte eine Kopfbewegung in Richtung des Handys in Gibbs´ Tasche.
Der Agent nickte und machte den Anruf. Um anschließend ruhig zu fragen: “Und jetzt kommt das große Aber?“
„Ganz recht.“ Sie lagen mal wieder auf einer Wellenlänge. „Aber heißt, daß die Matrixenergie, die das Feld aufrechterhält, Sie strahlen läßt wie einen Leuchtturm, wahrnehmbar für jeden, der den siebten Sinn für Matrixenergie besitzt, und bei unseren Gegnern müssen Sie damit rechnen, daß es dort den einen oder anderen übersinnlich Begabten gibt. Obendrein ist Matrixenergie auf der Erde extrem selten, Matrixkristalle oder Dhyarras, wie sie auch genannt werden, kommen von Natur aus auf der Erde nicht vor, und das heißt, daß jeder, der mit Matrixenergie behaftet ist wie wir beide, ganz automatisch das Interesse weckt bei jedem, der sie wahrnehmen kann und ihre Bedeutung kennt. Mit anderen Worten, ab sofort und so lange wie das Feld wirkt, sind Sie Zielscheibe und Freiwild für meine ganzen übersinnlichen Gegner. Sie müssen also extrem vorsichtig sein, denn die arbeiten wirklich mit allen Schikanen, nicht nur mit Schußwaffen und Messern. Meine Agenten, die immer wieder etwas Energie von mir abbekommen, wissen das, die hatten schon ein paar Zusammenstöße mit der Twilight Zone, und Sie wissen es jetzt auch. Und wenn das hier vorbei ist, erinnern Sie mich bitte daran, alle Restenergien an Ihnen zu löschen, sonst tragen Sie diese Zielscheibe für den Rest Ihres Lebens auf Ihrem Rücken. Matrixspuren sind extrem langlebig, die würden noch in einer Million Jahren Ihre letzte Ruhestätte markieren.“
Gibbs nickte wieder. In seinem Job war es nicht ungewöhnlich, wenn auch jedesmal von neuem unangenehm, den Köder für unbekannte Gegner zu spielen. Aber Richards hatte ihn ja umgehend gewarnt, und für ein paar Tage konnte er damit leben. 
„Weiß General Wade auch davon?“ fragte er angelegentlich, während er wieder losfuhr. Denn daß ein Geheimdienst sich solch ein Schnäppchen wie Kugelfestigkeit entgehen ließ...
„Selbstverständlich. Und er kennt auch den Grund, warum ich nicht alle seine Leute und jeden, den er mir sonst anschleppen könnte, solch einer Behandlung unterziehe, es bleibt auf begründete Ausnahmefälle beschränkt. Unterschätzen Sie die FSA nicht, ich tue es auch nicht.“
„Unterschätzt der General Sie?“
Da lachte Tom über das ganze Gesicht. „Jetzt nicht mehr, er weiß inzwischen, daß ich für jeden Unfug gut bin. Das meiste, was ihm seine Agenten über mich erzählen, winkt er nur noch ab, sonst würde er vermutlich durchdrehen.“
Gibbs verkniff sich ein Schmunzeln, es fühlte sich verblüffend gut an, mal offen mit jemandem zu reden, der sich selbst so gut einschätzen konnte. Auch wenn Richards es mit dem Plaudern gern etwas zu gut meinte... wahrscheinlich bekam er sonst nicht viel Gelegenheit dazu, wenn seine Aufpasser bei ihm waren. 
„Sie sind erstaunlich offen über das alles.” bemerkte er deshalb erneut.
„Ihnen gegenüber muß ich es sein. Da Sie heute als Neuling mit mir in einen Einsatz gehen, sollten Sie vorgewarnt sein, daß ich nicht Ihr üblicher Nullachtfünfzehn-Zivilist bin, den Sie vor Gefahren zu beschützen haben. Die meisten Agenten oder Cops haben ein Problem damit, einen Zivilisten als ersten in die Schußlinie zu lassen und sich selbst zurückzuhalten, aber in meinem Fall geht das nicht anders, weil nur ich das Risikopotential bestimmter Situationen korrekt einschätzen kann, und ich habe die Mittel um mich zu schützen. Wenn ich aktiv werde, brauche ich ein freies Schußfeld, und wenn ich Ihnen den Befehl gebe in Deckung zu gehen, will ich nicht erst eine lange Diskussion. Verstanden?“
„Ja, Sir. Sie sind der Boss.” Spätestens seit der Sache in der Pathologie war es Gibbs klar, daß Richards jedes Wort so meinte wie er es sagte, und daß er Möglichkeiten zur Verfügung hatte, von denen ein einfacher Agent wie er keine Ahnung haben konnte. In fast jedem anderen Fall hätte Gibbs äußerst verschnupft reagiert, wenn er ermahnt wurde wie ein Anfänger, aber nicht hier, dafür waren die Bedingungen einfach zu ungewöhnlich, und er mußte zugeben, er war verdammt neugierig. Und gespannt, wie sich der Fall weiterentwickeln würde, und dafür würde er sehr gern den Lehrling spielen, solange die Gefahr drohte, daß die FSA den Fall ganz übernahm und der NCIS außen vor blieb.
Wenige Minuten später parkte er den Wagen vor dem Haus, in dem der Pastor gewohnt hatte, ein normales kleines, aus Ziegeln und Holz erbautes Einfamilienhaus schon etwas älteren Datums, das nicht weit von dem Gemeindezentrum entfernt lag, in der der Pastor zu wirken pflegte. Gibbs hatte den Schlüsselbund des Toten an sich genommen, aber die Verandatür war nicht verschlossen, dahinter lag eine Art Warteraum, in dem sich Hilfesuchende zu jeder Tageszeit einfinden konnten, auch wenn der Pastor gerade nicht anwesend war. Der Schlüssel öffnete die Tür auf der anderen Seite des Raumes, die in die eigentliche Privatwohnung des Pastors führte. Tom ging voran, das leichte blaue Glimmen im Knauf seines Stocks verriet Gibbs, daß diese Superwaffe entsichert und der „Magier“ auf böse Überraschungen vorbereitet war. Die Räume waren einfach ausgestattet, sauber und ordentlich, und gewisse Details wie Tischdeckchen und Blumen in Vasen ließen auf eine weibliche Hand schließen, der Pastor hatte also so etwas wie eine Haushälterin, vermutlich ein älteres Mitglied seiner Gemeinde. Gibbs merkte sich vor, die Frau zu befragen. Sie betraten einen weiteren Raum, die Küche, so menschenleer wie alle anderen Räume. Das Fenster stand halb offen, und eine fette schwarze Katze ruhte auf dem Fensterbrett. Doch kaum wurde sie ihrer ansichtig, als sie emporschoß und aus reißzahngespicktem Maul ein wildes Angriffs-Kreischen hören ließ, wie nur eine Katze kreischen konnte, bereit, sich mit allem, was sie an Waffen zu bieten hatte, auf die Fremden zu stürzen.
„Zurück!“ rief Richards, die Spitze seines Stocks auf das Tier gerichtet. Die Katze schnellte empor, mit einem wilden Satz - und veränderte mitten im Sprung ihr Aussehen, als liefe ihre schwarze, massige Gestalt durch die Bewegung in der Luft auseinander wie ein Tintenfleck. Schwarze Lederschwingen peitschten die Luft, und dann änderte das Geschöpf, das jetzt absolut keine Katze mehr war, seine Richtung und schoß zum Fenster hinaus, statt geradewegs in das Kraftfeld zu fliegen, das Richards gedankenschnell als Barriere errichtet hatte.
Gibbs war zuerst sprachlos, er gab keinen Ton von sich, während Richards zum Fenster stürzte und dem flüchtenden Ungeheuer zumindest mit den Augen folgte, er wollte wissen in welche Richtung es verschwand. 
„Verdammt, ist das der neuste Schrei  bei Haustieren? Kreuzungen zwischen Katzen und Fledermäusen, hat da jemand Frankenstein gespielt, oder was war das gerade?“ brachte der Agent schließlich hervor.
„Ich bezweifle, daß das jemals eine Katze war.“ entgegnete Tom ruhig, als er sich vom Fenster abwandte.
„In früheren Zeiten bezeichnete man so etwas als ´Familiar´, einen dämonischen Begleiter von Hexen und Zauberern, der die unverfängliche Form eines Tieres annehmen konnte, meistens die Form einer Katze, Kröte oder Fledermaus. Jetzt wissen wir, warum der Pastor es sich leisten konnte, auch bei Abwesenheit das Fenster offenzulassen. Bei solch einem Wächter kommt ein Einbrecher zwar hinein, aber kaum lebend wieder heraus.“
„Hatten Sie es schon mal mit solch einem Familiar zu tun?“
„Das nicht, aber in einschlägiger Literatur werden sie erwähnt. Ich lese über alle Arten von übernatürlichen Wesen nach, weil man nie weiß, womit man es irgendwann zu tun bekommen könnte.“
„Heißt das, Sasquatch und Yeti und das Monster von Loch Ness existieren wirklich?“
„Gesehen habe ich die noch nicht,“ lächelte Tom, während sie begannen, die Wohnung auf den Kopf zu stellen. “Aber wenn es sie gibt, sind sie wahrscheinlich etwas ähnliches wie mein Azure, sogenannte Gestalten, an normale Menschen gebundene künstliche Lebensformen. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum sie jedesmal so spurlos verschwinden können, wenn jemand nach ihnen sucht. Von Werwölfen, Vampiren und einer Zwergenrasse weiß ich inzwischen, daß sie real existieren, die sind aber alle ganz anders als die Phantasiewesen in Filmen oder Büchern. Und es gibt auch die geflügelten weißen Würmer aus den Geschichten von Lovecraft, in den Tiefen der Erde bohrende Feuerwürmer, die am liebsten in flüssiger Lava hausen, und eine Rasse von Krötenmenschen, die für den Unsichtbaren Feind arbeitet und brandgefährlich ist. Ich hatte aber auch schon Begegnungen mit echten Außerirdischen, und deshalb bin ich für alles offen. Ich sehe jede dieser Begegnungen als eine Chance, etwas neues zu lernen und dadurch besser auf die nächste Gelegenheit vorbereitet zu sein.“
Gibbs nickte nur stumm, um gleich darauf den Kopf zu schütteln. Die Nonchalance dieses Mannes im Angesicht solch phantastischer Geschehnisse war einfach bewundernswert.

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #13 am: 8. April 2015, 12:03:23 Uhr »
Sie überprüften als erstes den Kühlschrank und wurden fündig, dort stand noch eine ganze Batterie von Medikamentenfläschchen, auf denen das Symbol des durchtrennten schwarzen Kreises angebracht war. Vier der Fächer in der Verpackung, die gleichartige Fläschchen beinhaltet hatten, waren leer. „Sind die alle an Pascal Waynwright gegangen, oder ist das hier schon eine zweite oder dritte Ladung mit einer ganzen Menge Empfänger?“ überlegte Tom. „Egal, beschlagnahmen Sie es. Lassen Sie es auf Fingerabdrücke überprüfen, machen Sie Ihren Papierkram dazu, aber anschließend nehme ich es in Gewahrsam, aus Asservatenkammern sind bekanntlich schon ganz andere und nicht halb so gefährliche Sachen verschwunden. Meine Agenten werden das später absegnen.“
Gibbs nickte und waltete seines Amtes, während Tom schon weitersuchte. Allzuviele Unterbringungsmöglichkeiten für verseuchtes „Wunderelixir“ fanden sich nicht in der Wohnung, ein Aquarium gab es nicht, und sämtliche Behälter mit Flüssigkeiten, die Mineralwasserflaschen im Vorratsraum ebenso wie die Putzmittel im Küchenschrank oder der Wasserboiler im Badezimmer, erwiesen sich als ungefährlich, als Tom seine Matrix die ganze Wohnung nach den typischen  n-dimensionalen Merkmalen der gefährlichen Substanz absuchen ließ. Also wandten sie sich als nächstes dem Arbeitszimmer des Pastors zu, überprüften den Inhalt des Schreibtisches ebenso wie alles, was in Regalen, Schränken und anderswo herumlag. Gibbs ging gerade gefundene Papiere durch, als er Toms Stimme hörte: „Oh-oh!“ Und im nächsten Moment riß der Mann schon seinen Stock hoch, ein blauer Blitz - und dann hatte das Arbeitszimmer plötzlich eine größere Öffnung, wo eine Minute vorher noch eine Wand gewesen war. Eine unsichtbare Macht ergriff Gibbs, direkt neben Richards flog er durch das frischgeschaffene Loch hinaus, kaum realisierend, daß es die Kräfte von Toms Zauberstab waren, die sie vorwärtsrissen, hinaus aus dem Haus und noch weiter -
und hinter ihnen plötzlich ein infernalisches  Krachen und Bersten erklang, begleitet von einem unheimlichen Röhren und Grollen, das von unten, aus den Tiefen der Erde, zu kommen schien -
und als Gibbs den Kopf wandte, noch mitten im Flug aber halbwegs sicher, daß Richards sie beide sanft und sicher absetzen würde, sah er gerade noch hinter ihnen die Trümmer des Hauses, in dem der Pastor gehaust hatte, in einem neugeschaffenen riesigen Loch im Boden versinken, und eine Wolke aus Staub und fein zertrümmerten Überresten erhob sich darüber -
er fühlte, daß er auf die Beine gestellt wurde, aber Tom blieb nicht neben ihm. Wie der Blitz schoß er zurück, über das Loch, wo er einfach in der Luft hängen blieb wie ein Superman im Maßanzug, und im nächsten Moment spie seine Energiematrix eine Flut blauer Blitze hinab in das entstandene Loch. Erneut grollte es ohrenbetäubend, als wäre kein geringerer als Godzilla selbst da unten, und im nächsten Moment blitzte es grell auf, ein so unangenehm durchdringendes, giftig-grünliches Licht, daß Gibbs sich unwillkürlich fragte, ob es auch gefährliche Strahlungsvarianten enthielt. Doch was immer da in dem Loch gewesen war, schien erledigt zu sein, als das Licht erloschen war, weil Tom sich nach einer Minute des Abwartens, Stock aktionsbereit glühend, langsam herabsinken ließ, wobei er in Richtung des Agenten schwebte.
„Ich habe es doch geahnt, daß der Familiar zurückkehren wird.“ sagte er, als seine Füße den Boden berührten.  „Ich wusste bloß nicht, daß der Gegner ihn unterirdisch losschicken und auf Godzilla-Größe aufblasen würde. Nun ja, je größer sie sind, umso tiefer fallen sie, und der hier mußte sich sogar ein Loch dafür graben.“ Er grinste schräg. „Alles in Ordnung mit Ihnen? Sie sehen etwas blass um die Nase aus.“
Gibbs starrte ihn an - und brüllte plötzlich laut heraus.  Verdammt, auf diese Art hatte er sich seit seiner Zeit bei den Marines nicht mehr amüsiert. Für einen solchen Spaß hätte er glatt Tickets gekauft, dachte er sich.
Anschließend griff er zum Handy. „Und wie erklären wir die Sache?“ fragte er, immer noch breit grinsend, bevor er den ersten Anruf machte.
Tom zuckte mit den Schultern. „Gasexplosion, ausgewaschener Untergrund, Sinkhole - suchen Sie sich was aus.“
„Gasexplosion also.“ nickte der Agent und begann zu wählen. Das städtische Bauamt mußte sich um das Abdrehen von Wasserleitungen und Gasleitungen rund um das Grundstück kümmern, und der Polizei, die bereits erste Anrufe bekommen hatte, teilte er mit, daß es vermutlich keine Personenschäden gegeben hatte und man sich einen Aufwand an Krankenwägen sparen konnte. Dann rief er DiNozzo an und berichtete, was passiert war - und stutzte, als er eine ganz bestimmte Antwort bekam.
„Sagen Sie, haben Sie einen Zwillingsbruder?“ fragte er Tom mit verdutztem Seitenblick.
„Nicht daß ich wüßte. Mehr als einen von meiner Sorte verkraftet dieser Planet nicht.“ grinste der zurück. „Warum?“
„Weil Sie sich angeblich gerade bei DiNozzo und Mr. Smith befinden.“
„Oha.“ lachte Tom. „Fahren wir hin und sehen uns an, wer mich da imitiert. Sagen Sie Ihrem Kollegen, er soll sich nichts anmerken lassen und den Typ hinhalten, das kläre ich selber.“
Und diesmal hatte er sogar nichts dagegen, daß Gibbs ein wenig auf die Tube drückte. Polizei- und Feuerwehrwagen sausten mit heulenden Sirenen in Gegenrichtung an ihnen vorbei. „Wenn Sie einen Unfall bauen, sind Sie der einzige Personenschaden hier drin. Ich besitze ein hochwertiges Schutzfeld, das mich nicht nur gegen Scharfschützen, sondern gegen alle Eventualitäten einschließlich Unfall schützt.“ klärte er den Agenten freundlich und ganz angelegentlich auf, statt sich angesichts Gibbs´ Fahrstil schwitzend am Sitz festzuklammern, wie es DiNozzo häufig zu tun pflegte.
„Okay, Sir.“ grinste Gibbs zurück - und gab Gas.
In Rekordzeit erreichten sie ihr Ziel, den Washington National Airport, der vor ein paar Jahren nach einem ehemaligen Präsidenten benannt worden war. Gibbs ging voran und führte Richards durch die Hallen zu der Stelle, wo der falsche Richards sich zusammen mit Tony und Smith aufhielt.  Auf den letzten paar Metern schlichen sie sich an wie altgediente Indianer, um den Doppelgänger zu überraschen. DiNozzo stand gerade so, daß er sie kommen sehen konnte, aber er verriet natürlich nichts, bis Tom seinem Double auf die Schulter klopfen konnte. „Hallo, ich!“ grüßte er gut gelaunt.
Der andere drehte sich herum, guckte verdutzt - und sprang dann erst mal vor Schreck einen Meter rückwärts. Niemand hatte ihn darauf vorbereitet, daß der Mann, den er imitieren sollte, ihn so unverfroren und heiter grinsend begrüßen würde.
„Ich wusste gar nicht, daß ich schon da bin. Dann kann ich wohl mal wieder gehen, oder? Was sage ich denn dazu?“ zwiebelte Tom den Unbekannten. Dessen Maske war wahrhaftig perfekt, es war, als würde er in einen Spiegel sehen. Das lange Haar war deutlich sichtbar kein Toupet, sondern schien bis zum letzten Haar echt zu sein, der Anzug bis zum letzten Knopfloch vom gleichen Privatschneider, und selbst der gravierte Silberstock mit dem blauen Kristall im Glasknauf war in allen Einzelheiten perfekt getroffen - mit einem kleinen aber wichtigen Unterschied. Denn der blaue Kristall war hier keine Energiematrix, nicht einmal die schwächste Version, eine Einser, ganz zu schweigen von einem Fünfer, und das energetische Flirren und Leuchten von Matrixenergie rings um den Mann, das für Toms Sinne ganz deutlich wahrzunehmen war, wenn auch nicht für alle anderen um sie herum, stammte nicht von einer Matrix, die der Fremde am Körper trug. Es war nur ein aktiviertes Programm, ein Schlüssel, das von jemand anderem erzeugt worden war und jetzt perfekt das Aussehen von Thomas Adalmar Richards dem Dritten vortäuschte, eine energetische Sinnestäuschung, unter der ein völlig Fremder steckte. Ein Fremder, der angesichts all der Dinge, die bisher schon passiert waren, garantiert keine guten Absichten hegte. Aber Tom war gerade in der Laune, sich mit jemandem anzulegen. Außerdem sprach diese Situation seinen Spürsinn für Situationskomik an, das wollte einfach ausgenutzt werden.
„Was bilden Sie sich ein? Ich bin Thomas Adalmar Richards der Dritte, und wen wollen Sie darstellen?“ empörte sich der Doppelgänger.
„Ach bitte, lassen Sie den Unfug.“ wehrte Tom prompt ab. „Die Agenten hier wissen alle, wer von uns das Original ist. Aber wenn Sie darauf bestehen, klären wir das auf die gute altmodische Art, wie sich das in unserer Profession gehört. Mit einem Duell auf Leben und Tod!“
Toms Lächeln wollte Gibbs nicht gefallen, der Mann hatte für seinen Geschmack zu viel Freude an der Situation, mehr als jeder andere angesichts eines hartnäckigen Doppelgängers gezeigt hätte. Es war gerade so, als wäre Tom scharf darauf, den anderen zurechtzustutzen. 
„Ein Duell mit was, Degen, Pistolen, und gleich hier drin?“ fragte er deshalb dazwischen, um Tom etwas zu triezen und ihn auf den Widersinn aufmerksam zu machen.
„Zuviel der Mühe. Wir haben doch alles, was wir brauchen.“ Und damit hob Tom seinen Stock an, hielt ihn seinem Ebenbild vor die Nase, und mit einem Schlag hielt er nicht mehr nur einen silbernen Gehstock in der Hand, sondern einen veritablen, gleißenden, lebendig zuckenden Blitz, wie ihn Zeus selbst einst geführt haben mochte. Der andere zuckte ein paar Zentimeter zurück und schluckte trocken, zum ersten Mal schien ihm aufzugehen, daß er sich mit dieser Herausforderung vielleicht mehr aufgehalst hatte als er würde tragen können. Er hob seinen eigenen Stock etwas an, aber etwas so beeindruckendes wie diesen Blitz konnte er nicht bieten. Nervös spielten seine Finger über mehrere verborgene Knöpfe, die die geheimen, todbringenden Mechanismen im Inneren seines Stockes aktivierten, aber er mußte seinen Anweisungen folgen, es war noch zu früh...
„Gehen wir hinaus, wir wollen dieses Gebäude ja nicht in Schutt und Asche legen. Also draußen auf dem Parkplatz, wenn du dich traust, Fremder!“ forderte Tom im Tonfall des Revolverhelden aus einem drittklassigen Western.
Der Fremde konnte nicht ahnen, daß Tom die Aktivierung seiner Matrix auch dazu benutzt hatte, Smith eine telepathische Botschaft zu schicken. „Das ist ein Ablenkungsmanöver, wenn ich jemals eins gesehen habe! Suchen Sie nach dem wahren Schauplatz, und rufen Sie Charlie, er soll ein Auge auf die ganze Umgebung haben! Lassen Sie sich von DiNozzo helfen, aber unauffällig!“ Mehr brauchte er Smith nicht mitteilen, der Agent wusste genau, wie er in solchen Fällen zu verfahren hatte. Während sie dem Ausgang zustrebten, waren Smith und DiNozzo auf einmal wie vom Erdboden verschwunden, ohne daß jemand bemerkt hätte wohin. Im Hintergrund des Parkplatzes des Flughafens fanden sie eine größere freie Fläche, wo zur Zeit kein Auto stand. Auf dem Smith Boulevard nebenan rauschte der Verkehr vorbei, und Tom dachte sich, daß es hoffentlich zu keinen Ereignissen kommen würde, die einen Autofahrer irritieren konnten. Aber andererseits... war ihm das im Moment egal. Der Fremde hatte ihn herausgefordert, allein durch die Unverschämtheit seines Auftretens als sein Doppelgänger, ganz zu schweigen von den Überraschungen, die der Mann in seinem Stock mit sich trug und deren Vorhandensein Tom beim ersten Scan entdeckt hatte, und er würde den Teufel tun, das einfach durchgehen zu lassen.   

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Re: NCIS - Dunkle Wasser
« Antwort #14 am: 15. April 2015, 15:03:14 Uhr »
Sie stellten sich gegenüber auf, wie es Sitte war bei Duellen aller Art.
„Ziehen Sie den Bannkreis!” forderte Tom seinen Doppelgänger auf. Der natürlich keine Ahnung hatte, wovon die Rede war. Eigentlich war es beinahe grausam, wie Tom die Unwissenheit seines Gegenübers nutzte, um ihn zu zwiebeln, dachte sich Gibbs, der durchaus bemerkt hatte, daß sie auf einmal nur noch zu dritt waren, aber andererseits, Strafe mußte sein, wer sich mit einem Tom Richards anlegte mußte mit einer adäquaten Antwort rechnen, und bis jetzt war noch nichts passiert, was der Strafgesetzgebung dieses Landes zuwiderlief.
„Nein? Dann muß ich das wohl selber machen.“ Ein leichtes Schütteln seines Blitzes, und um sie beide herum bildete sich wie von unsichtbarer Hand gezogen eine weite perfekte Kreislinie aus blauem Licht, aus der ein leicht bläulich leuchtendes meterhohes Schutzfeld in die Höhe wuchs, kaum daß der Kreis geschlossen war. Jetzt waren die zwei Versionen von Tom Richards eingeschlossen, mit Gibbs und ein paar neugierigen Zuschauern, die sich gerade auf dem Parkplatz befunden hatten, jenseits der Trennlinie... und dem Falschen gefiel die Szene immer weniger, denn darauf, daß er es mit einem waschechten Magier zu tun bekommen würde, hatte man ihn nicht vorbereitet. Vorgewarnt hatte man ihn, das ja, aber er hatte es nicht geglaubt. Und nun tat er, wofür er angeheuert worden war - er hob seinen Stock und feuerte.
Die preßluftgetriebenen Geschosse, normalerweise ideale Mordmittel, da mangels eines lauten Abschußgeräusches kaum hörbar, jedoch auf kurze Distanzen genauso tödlich wie normale Pistolenkugeln, zischten aus dem Ende des Stocks -
und blieben mitten in der Luft hängen, wie von einer unsichtbaren Hand gestoppt. 
„War das alles? Also bitte!“ mokierte sich der wahre Tom Richards, nachdem er mit voller Absicht eine geschlagene halbe Minute gewartet hatte, ob noch was nachkam, die ganze Zeit über nachsichtig lächelnd und die verdutzte Miene des anderen genießend. Das leichteste Zucken seines eigenen Stocks ließ die Geschosse harmlos zu Boden klimpern.
Der andere stürzte vor, denn die Druckluftpistole war nur einer von mehreren Mordmechanismen, die er in seinem Stock und in seiner Kleidung versteckt trug. Der starke Elektro-Schocker weiter oben im Stock, dessen Elektrode den Knauf bildete, war bei direktem Kontakt absolut ausreichend, das damit berührte Opfer lebendig zu braten. Doch er kam nicht mal in die Nähe des echten Richards, denn das Feld, das die Geschosse gestoppt hatte, wirkte genauso auch auf menschliche Körper, und es ließ sich weder mit den Fäusten noch mit der vollen Energieladung aus dem Stock knacken, wie der verkleidete Attentäter gleich feststellen mußte. Der echte Richards inspizierte unterdessen seine Fingernägel, gemütlich auf seinen Stock gestützt, als ob das verzweifelte Gezappel und Gehämmer in die scheinbar leere Luft knappe zwei Meter vor ihm ihn nicht im Geringsten interessieren würde. Gibbs draußen außerhalb der energetischen Arena konnte nicht anders, er amüsierte sich köstlich, er hatte noch nie erlebt, daß jemand einen hartgesottenen Auftragskiller quasi am ausgestreckten Arm verhungern ließ. Er hatte keine Ahnung, wie man den Mann in ein perfektes Ebenbild von Richards verwandelt hatte, bei solcher Verwandlungskunst konnten alle Sicherheitsbehörden einpacken, wenn sie sich unter Verbrechern herumsprach, aber Richards, der echte, schien die passende Antwort darauf bereits zu kennen.
Dem wurde unterdessen ganz plötzlich seltsam flau im Magen, und unwillkürlich sah er sich um, insbesondere nach oben. Verdammt, er kannte dieses Gefühl --
ruckartig riß er den Stock hoch und gab der Matrix ein Kommando, von dem er gehofft hatte, daß er es niemals würde geben müssen. Der nächste Impuls schüttelte den Attentäter durch wie einen jungen Hund, eine barsche Aufforderung, jetzt sehr gut acht zu geben, riß ihn jedoch nicht von den Beinen, weil -
„Laufen Sie! Das Feld explodiert gleich!“ brüllte Richards ihn an und drehte sofort den Kopf. „Gibbs, laufen Sie!“
Und im nächsten Moment -
stand dort, wo Richards, der echte, eben noch gewesen war, ein mächtiger, lebendiger Drache von locker zwanzig Metern Länge, geflügelt und prächtig in seiner Färbung in hellblau mit Mustern in Gelb, Orange und Schwarz, herbeigezaubert durch die „Instantverwandlung“, die in akuten Notfällen den normalerweise etwa drei Minuten dauernden normalen Übergang ersetzte  --
der die angelegten Flügel bewegte, als wolle er sie zum Start auseinanderbreiten, doch im nächsten Moment schon platzte die Luft hörbar in ein Vakuum, das sich dort gebildet hatte, wo soeben noch das Fabelwesen gestanden hatte, weil es sich schlicht von einem Sekundenbruchteil auf den anderen in Luft aufgelöst hatte, wegteleportiert an einen Ort, der sicherer war als das Innere des Bannkreises - 
und das bis jetzt in mildem blauen Schein leuchtende Schirmfeld sich in ein zunehmend bedrohlich aussehendes Rot umfärbte, das sowohl den falschen Richards als auch Gibbs dazu bewegte, dem Befehl Folge zu leisten und schleunigst die Beine in die Hand zu nehmen. Der Attentäter durchbrach den Schutzkreis, ohne Widerstand zu spüren und verschwendete einen kurzen Gedanken daran, daß die Kräfte des Magiers wohl doch eher auf Schein als realer Macht basierten, während er Land gewann. Er ahnte nicht, daß erst ein Kommando von Richards den Bannkreis von innen her durchlässig gemacht hatte, weil Tom durchaus ein Interesse hatte, sich seinen Doppelgänger später noch mal intensiv zur Brust zu nehmen, was allerdings nicht mehr ging, wenn er jetzt samt dem Schirmfeld in die Luft flog.
„Bombe! Laufen Sie!“ brüllte Gibbs die erstaunt dreinblickenden Zuschauer an, es waren zum Glück nicht viele, die die Vorgänge auf dem Parkplatz mit den scheinbaren Zwillingen, von denen einer einen lebendigen Blitz mit sich trug, und dem plötzlich auftauchenden Riesenreptil beobachtet hatten. Und im nächsten Moment mußte er schon zu Boden hechten, weil das Energiefeld hinter ihm den Zündungspunkt erreicht hatte und in die Luft flog, wobei es beinahe die Lichtemission, wenn auch nicht die Druck- und Hitzewelle eines kleineren Nuklearsprengsatzes erreichte. Auch rings um Gibbs herum blitzte es auf, es sah aus, als würde ein bis dahin unsichtbares Netzgewebe um ihn herum in einem einzigen Sekundenbruchteil weiß verglühen und sich in purer Energie verzehren, und Gibbs ahnte, daß es sich um den Schutz vor Scharfschützen handelte, den Tom ihm früher am Tag verpaßt hatte, und den jetzt eine unbekannte Macht oder eine Nebenwirkung der Explosion dazu veranlaßt hatte, sich selbst zu zerstören.
Gibbs behielt zuerst die Arme schützend über dem Kopf, aber er merkte schnell, daß keine Trümmer durch die Luft zu fliegen schienen, die Explosion hatte ihre Energien weitgehend auf den Zündungsnullpunkt, die unmittelbare Zone des Bannkreises, beschränkt, und da hatte weder ein Auto noch ein anderes Objekt gestanden. Als er es wagte, sich hochzustemmen, und sich nach der Explosionsstelle umdrehte, noch etwas geblendet von der Lichtflut, sah er schon aus dem Augenwinkel heraus Gestalten aus dem Flughafengebäude herbeirennen, von denen zwei wie Tony DiNozzo und John Smith aussahen. Und er sah noch jemanden, der sich gerade vom Boden hochmühte, und der jetzt ganz und gar nicht mehr wie Tom Richards aussah, aber immer noch das Imitat des Silberstocks umklammert hielt --
der Mann stand noch nicht ganz auf den Beinen, als ein Tritt ihm den Stock aus der Hand prellte, und im nächstem Moment kauerte er wieder am Boden, weil Gibbs ihm mit geübtem Griff die Arme auf den Rücken verdreht hatte und monoton die üblichen Worte für eine Verhaftung herunterleierte, während er ihm Handschellen anlegte. Mit einem ebenso herzhaften wie ehrlich gemeinten  „Und seien Sie lieber froh, daß der echte Richards jetzt gerade keine Zeit für Sie hat, sonst möchte ich wirklich nicht in Ihrer Haut stecken!“ beendete Gibbs den Sermon.
„Sei vorsichtig, Tony, das Ding ist fast so gefährlich wie der echte Stock!“ warnte er dann seinen Mitarbeiter, der sich gerade nach der Waffe bücken wollte. „Da muß einer von den Bombenentschärfern ran, der das Ding durchleuchten kann, wir lassen lieber erst mal die Finger davon.“
Und jetzt erst kam er dazu, sich völlig umzudrehen und den flachen, geschwärzten Krater zu bestaunen, der sich jetzt mitten auf dem Parkplatz auftat. Aus ihm rauchte es noch, weil der Asphalt kreisförmig in Brand geraten war, und es sah aus, als wären die freigelegten Schichten aus Sand und Schotter unterhalb der Asphaltschicht in der Mitte des Kraters teilweise zu Glas geschmolzen, so intensiv war die Hitze der kurzen Explosion gewesen. Nichts und niemand innerhalb des Schutzfeldes hätte diese hauptsächlich nach innen wirkende Explosion überlebt --
aber wo war eigentlich Richards, der echte, geblieben? Da war plötzlich wieder der Drache gewesen, erinnerte sich Gibbs, und dann?
„Verdammt, Gibbs, kann man dich auch keine Minute alleinlassen?“ tadelte DiNozzo gespielt, während er ihren Gefangenen sicher festhielt. „Was ist hier passiert?“
„Ich vermute eine Feldüberladung durch einen sogenannten psionischen Schock.“ mischte Agent Smith sich unerwartet ein. „Mr. Richards erwähnte einmal, daß Relativfelder, wie er sie als Schutzfelder erzeugen kann, durch psionische Schocks regelrecht ferngezündet werden können. Allerdings kann Mr. Richards psionische Schocks spüren, mit einer Vorwarnzeit von ein paar Minuten. Das ist im Regelfall ausreichend, um alle Felder im gefährdeten Bereich zu deaktivieren oder zu sichern und somit das Explosivpotential zu beseitigen. Ein psionischer Schock ist meistens harmlos, solange er nicht auf ein passendes psionisches Ziel trifft.“
„Aber so ein psionischer Schock ist kein natürliches Phänomen.“ stellte Gibbs fest, weil er die Antwort darauf schon kannte.
„Selbstverständlich nicht, Agent Gibbs, das war ein Attentat. Wer immer das getan hat wusste, daß Mr. Richards sein Double in einem Relativfeld festsetzen und befragen würde, dieser Mann war der Köder in der Falle.” Er deutete auf den Attentäter, der tatsächlich jede Ähnlichkeit mit Richards eingebüßt hatte. Genauso wie Gibbs´ Schutz vor Scharfschützen war auch die Maske des Mannes regelrecht weggebrannt worden, in genau dem Augenblick, in dem das Schutzfeld hochging. Richards hatte das alles zweifellos gewußt, ging Gibbs schlagartig ein Licht auf, mit seinen übersinnlichen Fähigkeiten hatte er sofort gespürt, daß der Doppelgänger nur Täuschung, dessen Stock ein mit herkömmlicher Waffentechnik gefülltes Imitat war, und daß es bei der ganzen Sache nur darum ging, ihn zur Benutzung seiner eigenen Waffe zu veranlassen. Nur der Drache war ein unbekannter Faktor in der Rechnung, die der Gegner vielleicht nicht hatte einschätzen können. Gibbs konnte nur hoffen, daß dieser Faktor Richards die Chance gab, die Oberhand zu gewinnen.
Aus der Ferne nahten bereits Sirenen, die flughafeneigene Feuerwehr, Sicherheitskräfte und Sanitäter, und zumindest letztere waren nötig, weil nicht alle von den Zuschauern auf dem Parkplatz sich rechtzeitig zur Flucht umgedreht hatten, einige von ihnen hatten direkt in die Explosion geblickt und Augenschäden davongetragen. Sie standen jetzt desorientiert herum oder taumelten ziellos davon in Angst vor einer weiteren Explosion, die Hände auf die Augen gepreßt. Die Agenten konnten nur hoffen, daß die Erblindungen nur vorübergehender Natur waren, andernfalls mußten sich Richards selbst, wenn er wieder auftauchte, und seine Crew von Spezialisten in seinem Hospital darum kümmern.
Im nächsten Moment verdunkelte sich der Himmel über ihnen, und mächtige Schwingen peitschten einen Sturmwind herbei. Azure landete dicht am Rand des Kraters und tat einen neugierigen Blick hinein, dann schwang sein mächtiger Kopf herum zu den Agenten. Ein paar von den Zähnen in seinem leicht geöffneten Maul waren rot verschmiert mit etwas, was nur Blut sein konnte, und vermutlich war es nicht sein Blut, das da geflossen war.
„Sie haben sie gefressen?“ fragte Gibbs in Richtung Azure, so angelegentlich wie er konnte, halb darauf gefaßt, daß der Geschmack von Blut den Drachen wild und unkontrollierbar machen würde, und daß sie sich gleich eines sehr angriffslustigen Riesenreptils erwehren mußten.
„Hey, ich habe ihnen die Gelegenheit gegeben, sich zu ergeben! Ist nicht meine Schuld, daß sie sie nicht ergriffen haben. Aber zumindest einen habe ich am Leben gelassen, damit wir jemand haben zum Ausquetschen.“ Und Azure senkte den Kopf und spuckte etwas aus, was dunkel und naß von Drachenspucke war und sich verschreckt wand, sobald es auf den Boden prallte. „Schauen Sie mich nicht so an, Gibbs. Wer mit dem Unsichtbaren Feind gemeinsame Sache macht, ist ein Verräter nicht nur an diesem Land, sondern an der gesamten Menschheit, die müßte jedes Land mit Fug und Recht an die Wand stellen. Ich habe die Sache nur etwas beschleunigt. Drachen fressen was sie töten, wissen Sie. Und glauben Sie nur nicht, das hätte mir Spaß gemacht. Sie haben keine Ahnung, wie schadstoffhaltig menschliche Kadaver sind, das sind komprimierte Sondermülldeponien, pures Gift, sogar für einen gußeisernen Drachenmagen.“
„Aber, was ist passiert? Mr. Smith sagte etwas von einem psionischen Schock...“
„Da hat er richtig geraten. Wenn der Schock mich in meiner menschlichen Form getroffen hätte, wäre ich schutzlos gegen konventionelle Angriffe gewesen, und wenn ich zu diesem Zeitpunkt mit meiner Matrix gearbeitet hätte, hätte es mir das Gehirn ausgebrannt. Drachen sind widerstandsfähiger gegen solche Schocks, aber auch nicht sehr, deshalb bin ich ausgewichen, hab mich verwandelt und bin gerade noch rechtzeitig wegteleportiert, bevor es mich erwischen konnte. Ich bin genau entgegen der Schockwelle gesprungen und landete am Ausgangspunkt, mitten im Stützpunkt der Gegner, während sie noch dachten, sie hätten mich erwischt. Fragen Sie mich nicht, wie das genau funktioniert hat, mitten im Sprung den Kurs zu wechseln, ich habe nämlich keine Ahnung, aber Drachen wie Azure wurden für solche Tricks erschaffen.“
Azure drehte den Kopf in die andere Richtung, weg von den Agenten, und rülpste dezent, wobei eine kleine Stichflamme aus seinem Maul kam. Seine Mahlzeit lag ihm offenbar schwer im Magen, obwohl Gibbs mutmaßte, daß es sich dabei mehr um eine psychische als eine echte Magenverstimmung handelte, Menschen gehörten offenbar - erfreulicherweise - nicht zu Azures regelmäßiger Kost.
„Wo liegt der Stützpunkt?“
„Wo lag er, meinen Sie, ich habe nichts davon übriggelassen. Aber er lag nicht in diesem Land.“ antwortete die telepathische Stimme von Tom Richards, was den Agenten schon mal etwas erleichterte, denn dann waren es nicht inländische Behörden, die nachbohren würden und mußten, sondern die eines anderen Landes, die mußten dann erst mal nachweisen, daß ein Bewohner der Vereinigten Staaten die Finger beziehungsweise Drachenklauen im Spiel gehabt hatte. Und die würden den Teufel tun, wusste Gibbs genau, weil sie damit automatisch mit diesem Anschlag in Verbindung gebracht wurden.
„Aber der Feind ist weltweit aktiv, und er weiß, daß ich zu seinen größten Bedrohungen zähle. Das hier ist nur ein kleines Scharmützel, das wir gewonnen haben. Ich schlage vor, Sie legen alles weitere in die Hände der FSA und waschen Ihre eigenen in Unschuld. Wenn jemand Sie nach Informationen löchert und Sie reden müssen, dann halten Sie sich einfach an die Wahrheit, daß es ein Attentat auf eine Privatperson war, daß zwei der Hintermänner erwischt wurden und für alles andere die FSA zuständig ist, weil ich für die zeitweise als freier Berater arbeite. Keine politischen Verstrickungen, kein Anschlag auf den Flugbetrieb hier, und meine Agenten sind erstklassig darin, lästige Frager abzuwimmeln. Und jetzt mache ich mich lieber dünne, damit ich in meiner menschlichen Gestalt wieder auftauchen kann.“
Und damit warf Azure sich in die Luft, spreizte die Schwingen - und war verschwunden, einfach so. Abermals wegteleportiert, aber vermutlich nur über eine kurze Distanz, damit es Richards nicht so weit hatte für seine Rückkehr.
Gibbs blickte DiNozzo an, der blickte genauso zurück - und dann verdrehten sie beide unisono die Augen. Abermals verstanden sie, warum die FSA auf Richards aufpaßte, der Mann war nicht nur selbst total verrückt, sondern verbreitete seinen Wahnsinn auch in seiner gesamten Umgebung.