Autor Thema: CF der Film - Version 2772  (Gelesen 14633 mal)

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Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #60 am: 9. Mai 2019, 17:51:09 Uhr »
Etwas seltsames geschah. Denn während Roger Newton seine Pläne, wie sich ihr Verschwinden am besten kaschieren ließ und wie er sich den Aufbau einer heimlichen Zuflucht auf dem Mond ausmalte, weiter laut ausführte, waren Bilder der einzelnen Etappen zu sehen, irgendwie zeitgleich oder neben der Szene mit dem Auto auf dem Waldweg.
Wie auch immer das ging, die beiden Ebenen liefen zeitgleich ab, ohne sich gegenseitig zu überlagern, mit Roger Newtons Worten wie erläuternde Kommentare aus  dem Off.
Als Roger Newton von der Absturzstelle sprach, war sie zu sehen, in felsigem Gelände in einer unzugänglichen Bergregion, von den weitverteilten Trümmern kaum eines größer geblieben als eine Aktentasche, weil die abgestürzte Testmaschine sich anscheinend mit der Nase voran direkt in die Bergflanke gebohrt hatte, und bis die alarmierten Retter endlich bis dorthin vordrangen, hatte das regnerische Wetter die meisten Brände in den Trümmern gelöscht. 
Schon in den Wochen vorher war eine regelrechte Perlenkette an kleinen Transportraketen, unsichtbar für menschliche Beobachter genauso wie für Radar und andere elektronische Überwachungsanlagen, in Richtung Mond gestartet. Eine nach der anderen, von unterschiedlichen Startplätzen aus, einige unter dem Sichtschutz angemeldeter Starts, andere heimlich oder von vermeintlichen Weltraumfreaks privat und mit wohlwollender Duldung der offiziellen Raumfahrtbehörden gestartet. Doch kaum waren diese „Spielzeugraketen“ mit ausgebrannten Triebwerksstufen der Reichweite der erd- oder orbitalgestützten Überwachungsgeräte entkommen, hatten sie unbemerkt, mit Hilfe primitivster gasbetriebener Antriebe, die keine auffälligen Hitzesignaturen erzeugten, einen Kurs in Richtung des Erdtrabanten aufgenommen. 
Die allererste Rakete, die viele Tage später wegen des langen, langsamen und deshalb von keiner offiziellen Weltraumüberwachung bemerkten Anfluges programmgemäß an einer geeigneten Stelle des Kraters Tycho landete, war nicht sehr viel mehr als eine spärliche Hülle, nachdem sie kurz vor Landung ihre letzten Treibstoffbehälter abgeworfen hatte und lediglich mit Hilfe von druckluftgefüllten Düsen auf der Mondoberfläche aufsetzte.
Gleich danach klappte diese Hülle ringsum auf und in Segmenten auseinander, und zeigte auf ihrer anderen Seite nach Muster eines Wendemantels eine Beschichtung aus energiesammelnden Solarzellen.
Unter dieser Hülle steckte eine seltsame, spinnenbeinige Konstruktion, nicht unähnlich den allerersten Mondlandefähren, die vor vielen Jahren an anderen Stellen des Mondes aufgesetzt hatten, doch diese trug weder menschliches Leben an Bord, noch blieb sie untätig stehen wo sie gelandet war.
Denn kaum hatte sie Bodenkontakt, aktivierte sich das Programm, das ihr elektronisches Gehirn in sich trug. Ein versiegeltes rundes Gefäß in ihrer metallenen Leibesmitte öffnete sich, und eine honigzähe, graue Substanz folgte der geringen Mondschwerkraft und tropfte langsam nach unten, auf die staubige Felsoberfläche. Kaum berührte diese Substanz den Boden, begann eine Reaktion, wie Säure begann sich das graue Zeug in den Fels hineinzufressen.
Doch die Reaktion kam nicht bald wieder zu einem Ende, wie die beschränkte Menge des grauen Zeugs, etwa hundert Liter, zu suggerieren versuchte. Ein rundes Loch entstand in der Mondoberfläche, etwa zwei Meter im Durchmesser, genau unter den Spinnenbeinen des mechanischen Gefäßes, und es vertiefte sich langsam aber ständig weiter, bis auf etwa zwei Meter.
Danach schien die löcherschaffende „Flüssigkeit“ keine Lust mehr zu haben, der geringen Mondschwerkraft völlig zu folgen, denn sie fraß sich zwar weiter in die Tiefe, jedoch in einem flacheren Winkel, als wäre sie auf eine undurchdringliche, leicht abschüssig in die Tiefe des Felsens führende Gesteinsschicht gestoßen. Was jetzt entstand, war kein senkrechter Schacht mehr, sondern ein Tunnel. Der kerzengerade weiter in den Felsen hinein wuchs, sehr langsam aber stetig, und überall wo der für den Anfang vorgesehene Durchmesser von zwei Metern für den Tunnel erreicht wurde, zog die graue Masse dünne Metallfädchen am festgebliebenen Felsrand hinter sich her, Drähte, die zurück zur „Spinne“ und der sonnenkollektorbestückten umgedrehten Hülle der Landerakete führten und von dort Energie zuführten.
Die graue Masse bestand nämlich nicht aus Säure oder anderer Flüssigkeit, sondern aus sehr aktiver Nano-Technologie, mikrokleine Roboter, die die Fähigkeit besaßen, sich durch Schwächung molekularer Bindungen in Felsgestein hineinzufressen, so wie es manche Erde und Felsen „fressenden“ Mikroorganismen auf der Erde konnten, denen sie nachgebaut worden waren. Aber sie lösten das Gestein nicht nur, sondern formten es neu, komprimierten es in die Schachtwände, bis sie in einer zentimeterdicken Schicht deutlich härter waren als das Ursprungsgestein, aus dem sie geformt waren, eine fast diamantharte, wie von starker Hitze zu Glas geschmolzene Schutzschicht.
Was danach als Restmaterial als Berge von feinem Staub aus zerkleinerten Mondfelsen übrig blieb, „wandert in die Extraktionskette.“ erklärte Roger Newtons Stimme.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #61 am: 13. Mai 2019, 14:51:52 Uhr »
Denn zwischenzeitlich waren rings um die erste Raketenspinne weitere gelandet, einige mit weiterem Nano-Schleim an Bord, der der im Tunnel arbeitenden Vorhut nachfolgte und sie verstärkte, so weit wie ihre Stromleitungen von der Oberfläche reichten (und da waren etliche Kilometer des dünnen Drahtes auf den Spulen), andere Raketen dagegen brachten anders programmierte Nanoroboter samt einer Batterie von großen, leeren Gefäßen, in denen das, was diese Roboter chemisch-mechanisch aus dem Mondstaub herauslösten, sortenrein gesammelt wurde.
„Sauerstoff, Wasser, Stickstoff, anorganische Kohlenstoffverbindungen, Metalle, Silikate ... alles was wir in der einen oder anderen Form für die Mondbasis brauchen werden. Bis unser Schiff auf dem Mond ankommt, ist der noch luftleere Rohbau im Untergrund schon fertig.“
(Hier war in der filmischen Überblendung eine schematische Darstellung der kompletten ersten Basis zu sehen, wie die Nanoroboter sie aus dem Mondgestein herausfraßen, tief genug unter der Oberfläche, um einen guten Schutz vor Mikrometeoriten und Strahlung zu gewährleisten.)
„Aus den Silikaten in Verbindung mit Polymeren läßt sich in energiesparender Dünnschmelztechnik beinahe unzerstörbares Glassit fertigen, aus dem die Drucktüren und Fenster entstehen werden. Die Maschinen, die wir für all das brauchen werden, sind alle bereits vorhanden oder erhältlich, wir müssen sie nur an lunare Verhältnisse anpassen und vorausschicken.
Algen- und Pflanzenkulturen für die Nahrungsgewinnung. Auf jeden Fall unsere Nanomaschinchen, die synthetisches Fleisch herstellen. Ohne Elaines fabelhafte Burger mit Zwiebeln möchte ich nämlich nicht auf dem Mond leben müssen ... und wir brauchen für wirklich alles und für jeden Zweck molekulare Mustervorlagen für unsere Nanobots, egal ob Türdichtungen, elektrische Anlagen oder Lufterneuerungsgeräte.
Die grobe, gefährliche und Schwerarbeit wird natürlich G.R.A.G. übernehmen. Ich überlege übrigens, für unsere Reise mehr G.R.A.G.s herzustellen, zumindest am Anfang wird es genug Arbeit für zehn von seiner Sorte geben. Viktor wird begeistert sein, wenn ich mich endlich dazu breitschlagen lasse, er belagert uns schon lange genug deswegen. Da wir ihm keinen einzigen hierlassen werden, ist das kein Risiko, und neu anlernen müssen wir die zusätzlichen Exemplare auch nicht, wir kopieren einfach die Inhalte des Elektronengehirns von G.R.A.G. auf die anderen Roboter. Wenn wir sie zu einer einzigen Einheit verlinken, weiß jeder, was der andere gelernt hat oder gerade tut, auf diese Weise können sie viel effektiver handeln.“
„Also tun wir genau das, was Viktor und seine Geldgeber von uns wollten, nur zum eigenen Vorteil. Der Zweck heiligt die Mittel, nicht wahr?“ raspelte Simon, diesmal mit deutlich erheitert wirkenden Unterton.
„Läßt sich leider nicht vermeiden. Verluste auf dem Transportweg wird es sicher geben, deshalb müssen wir von allem lieber ein paar Exemplare mehr losschicken. Aber wenn alles so läuft wie geplant, werden wir nicht allzu lange im Raumschiff kampieren müssen.“
Und hier war in der Überblendung zu sehen, wie Roger, im Raumanzug, im Überschwang der Gefühle über den erfolgreich abgeschlossenen Ausbau samt Sicherheitstests seine hochschwangere Frau Elaine, ebenfalls im Raumanzug, in die Höhe hob, dank Mondschwerkraft selbst mit den Zusatzgewichten der Anzüge kein schwieriges Unterfangen, und sie über die „Schwelle“ der äußersten Schleusentür trug.
Wie er es schon einmal einige Jahre zuvor, nur ohne Raumanzüge, am Tag ihrer Hochzeit getan hatte.
Der Eingangsbereich war inzwischen, wohl erneut über die Mikroroboter, deutlich vergrößert und verbreitert worden, im Vergleich zum ursprünglichen zwei-Meter-Tunnel, dafür jedoch als Sichtschutz nach oben mit einem scheinbar natürlich gewachsenen brettebenen Felsdach abgeschirmt.
Damit endete die Überblendung. Die Umsiedlung hatte wie geplant stattgefunden, das Bild des irdischen Waldes samt Raketenwagen verschwand, Konzentration jetzt allein auf die weiteren Geschehen auf dem Mond.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #62 am: 20. Mai 2019, 17:34:16 Uhr »
Eine Überschrift, als holographische Projektion schwebend, erschien: 20 Jahre später.
 
Ein offenes Mondfahrzeug samt Anhänger, auf dem Felsbrocken lagen, näherte sich dem Eingang der Basis, der sich seit dem offiziellen Einzug des Ehepaars Newton nicht mehr verändert zu haben schien. Vom Raumschiff von damals und den zahlreichen Transportspinnen und herumstehenden Geräten und Gefäßen war nichts mehr zu sehen, der Umkreis um den Eingang war wie leergefegt, nichts als ebener, kahler, ewig unfruchtbarer Mondfelsen, auf den völlig ungefiltert das grelle Licht der Sonne knallte. 
Sie spiegelte sich auch intensiv auf der abgedunkelten Helmscheibe des Fahrzeugführers, so daß sein Gesicht nicht zu sehen war, als er das Mondfahrzeug abbremste und langsam durch das aufgeglittene Tor steuerte. War es der ältere Roger Newton? Oder jemand anderer? Der Zuschauer sollte im Moment noch im Dunkeln gehalten werden.
Mehrere Schleusen durchfuhr das Fahrzeug, immer nur eine der Drucktüren öffnete sich, um den Luftverlust zu minimieren. Entsprechend langsam rollte der Mondrover. Endlich parkte er in einer Verbreiterung des Ganges, die wohl  speziell zu diesem Zweck geschaffen worden war. Die Wände waren kahl und glatt aber uneben, wie frisch aus dem rohen Gestein herausgeschmolzen, man hatte sie lediglich weiß gestrichen, um die Leuchtkraft der Lampen an der Decke zu verstärken. Offenliegende Energiekabel zogen sich entlang Wände und Decke, eingelassen in rinnenartige Vertiefungen zum Schutz vor Beschädigungen. Sie aus ästhetischen oder anderen Gründen extra abzudecken hatte man als überflüssig empfunden, denn so waren sie für Reparaturen leichter zugänglich.
Der Mann im Raumanzug kletterte von seiner Zugmaschine herunter und begann mit langsamen und bedächtigen Bewegungen seinen Helm abzunehmen. Die Geräusche, die er und sein Fahrzeug seit Einfahrt in den Tunnel verursachten bewiesen, daß der Tunnel luftgefüllt war - denn solange die Handlung „draußen“ stattgefunden hatte, war kein Laut zu vernehmen gewesen. Vakuum, klar, ergo keine Geräusche.
Der Helm kam herunter, die Person endlich im Profil zu erkennen -

... und das war der Moment, an dem die drei Zuschauer gleichzeitig vor Lachen losbrüllten,
denn da Frans für die Aufnahmen noch nicht zur Verfügung gestanden hatte,
hatten die Witzbolde der Hammer-Werft einfach den Kopf der Zeichentrickfigur in die Realaufnahme des Raumanzugs einkopiert.

Das Vergnügen steigerte sich noch, als die Figur sich fast wie irritiert, den Zuschauern zuzuwenden schien.
Denn in der telepathisch gesteuerten Total-Surround-Umgebung hatten sie den Eindruck, tatsächlich leibhaftig in diesem beinahe leeren Gang zu stehen, zusammen mit „Captain Future“, Anzug echt, Kopf aus Strichen und Farbe komponiert, samt dem legendären „Wanderscheitel“.  ;D

Und dann hörte Frans plötzlich auf zu lachen.
 
Denn er hatte das innige, irrsinnige? Gefühl, daß diese gezeichnete, animierte, und somit überhaupt nicht reale Figur, hinter der nicht einmal ein echter Schauspieler im Motion-Capture-Anzug gesteckt hatte, speziell ihn anblickte.
Signy und Siwa wurden ignoriert, allein auf Frans konzentrierten sich die Augen, die irgendwann, vor vielen hundert Jahren, ein japanischer Zeichner des Filmproduzenten Toei mit Farbe auf ein Stück Plastikfolie gemalt hatte.

Aber hinter diesen Augen war kein leerer Raum, wie es hätte sein müssen.

Da war etwas. Wissen, Intelligenz, Humor, Zielstrebigkeit, aber auch Trauer, Verlust und Verbissenheit -
war es real, oder projizierte Frans gerade sich selbst in sein Gegenüber, seine zukünftige Rolle, hinein?
 
Keiner der beiden bewegte sich, Frans nicht, und auch nicht „Captain Future“.
Und doch hatte Frans das Gefühl, gerade etwas überreicht zu bekommen.
Eine Staffel, nein, die prometheische Flamme der Hoffnung, des Wissens und des Fortschritts in einer unsichtbaren olympischen Fackel,
 
ewig weitergetragen, weitergegeben, wenn ein Träger nicht mehr konnte, an einen neuen, würdigen Träger, der dieser Verantwortung gerecht werden konnte,

Vertreter einer neuen Zeit, einer neuen Generation, die dort weitermachen würde, wo die Generation vor ihr zum Stillstand gekommen oder gescheitert war,
 
immer mit dem Ziel, mit der Flamme einen Großbrand zu entfachen, wenn die Zeit und Notwendigkeit dafür gekommen war, völlig unerheblich des Trägers, seiner Rasse, Geschlecht, seines Alters,
oder auch nur der unwichtigen Kleinigkeit, ob er überhaupt real, ein lebender Mensch war oder etwas ganz anderes ...

standhaft kämpfte Frans gegen den intensiven Wunsch an, vor „Captain Future“ zu salutieren, wie der Held in einem Kriegsfilm vor seinem inspirierenden Vorbild oder General.

War er würdig? Auf keinen Fall.
Einer Phantasiefigur, die in einer Reihe stand mit Superman, Sherlock Holmes oder Micky Maus im Gedächtnis der Menschheit als beinahe unsterbliches und sehr einflußreiches Mem, konnte schließlich keine reale, lebende Person das Wasser reichen.
 
Aber er war auserwählt worden, das wußte er jetzt.
Die Fackel war an ihn weitergereicht worden, als lebendige und deshalb chronisch fehleranfällige Person, und er mußte das beste daraus machen, solange er konnte.

Der Zeichentrick-Captain schien die Mundwinkel leicht zu einem Lächeln zu verziehen und Frans zuzunicken, und dann -

zerbröckelte er. Wie in einem Horrorfilm, oder wie in einem sehr lebhaften Alptraum.

Die ganze Umgebung, der kahle Höhlengang samt Mondfahrzeug, zerbröckelte und zerfiel rings um Frans, Siwa und Signy herum, und hinter den sich auflösenden immateriellen Filmbröseln tauchte das reale Cockpit der Hammer-SyMOr auf, in dem automatisch die Beleuchtung wieder hochfuhr.
Die telepathische Illusion war zu Ende, der Laptop hatte den gesamten Test-Filmschnipsel bis zum (vorläufigen!) Ende abgespielt.

Frans blinzelte, blinzelte noch einmal. Er stand hier, in diesem Cockpit.
In dem alles voll funktionstüchtig war, ein echtes Cockpit, das so echt war, daß es einem echten Captain Future angemessen gewesen wäre. Und das Teil eines Raumschiffs war, das genauso real war und dafür erschaffen, geflogen und benutzt zu werden mit allen Möglichkeiten, die es besaß, und das waren viel mehr als Frans auch nur ahnen konnte.
 
Erst jetzt begriff er all das so richtig, war bisher völlig unbewußt und vielleicht zum psychischen Selbstschutz davon ausgegangen, sich einfach in einer besonders aufwendigen Filmkulisse zu bewegen.
Denn, Zeitreise über mehr als siebenhundert Jahre hinweg und Flüge durchs Weltall, ein Aufenthalt auf einem fernen Planeten, in einem lebendigen Raumschiff, wie sollte ein einfacher Mensch der Erde des 20. Jahrhunderts das wirklich, vollständig, begreifen?
Frans fühlte sich, als wäre er soeben aus einem Traum aufgewacht und endgültig auf dem harten Boden der Realität aufgeschlagen.
Sicherheitshalber kniff er sich, und zuckte wegen dem Schmerz zusammen. Ja, es war real. Das alles war real.
Der Film, das Cockpit, er und die anderen, die bei ihm waren. Er tastete nach der Lehne des Pilotensitzes, neben dem er stand, und fühlte kaltes Metall und wärmeren, festen Kunststoff und den Boden unter seinen Füßen, atmete die wohlriechende Waldluft, die so typisch für die HammerSyMOrs war, und sah die stillstehende Metallstatue, die sein „Grag“ sein sollte.
Alles war echt, alles absolut real.
 
Und die Möglichkeiten an diesem Ende der Zeit ... waren unendlich.


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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #63 am: 17. Juni 2019, 17:08:39 Uhr »
Siwa hatte gemerkt, daß Frans gerade so etwas wie eine Epiphanie erlebt hatte, sein Finger bedeutete Signy, ebenfalls erst mal den Mund zu halten, bis Frans das Erlebnis entweder verdaut oder zwecks späterer genauerer Analyse in einer passenden Schublade verstaut hatte.
Er hatte selber nur bemerkt, daß Frans ungewöhnlich lange Blickkontakt zu seiner zukünftigen Rollenfigur gehalten hatte, nachdem sie mitten in der Bewegung plötzlich erstarrt war, weil die Testaufnahme hier anscheinend abrupt abbrach. Was Frans gesehen hatte oder zu sehen glaubte, wußte er nicht, aber wenn Benu die Klauen im Spiel hatten, war bekanntlich alles möglich.
Wenn Frans darüber reden wollte, konnte er das jederzeit tun, er wußte inzwischen, daß nichts, was er erzählen könnte, bei Siwa und Signy zu einem dezenten Stirntippen führen konnte, denn dafür hatten die beiden selbst schon zu viel scheinbar „Unmögliches“ miterlebt.
„Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber mir gefiel das ziemlich gut. Ein bißchen wird wohl noch daran herumgeschliffen, aber so auf Anhieb - allzu lang ist dieser Vorspann ja nicht.“ sprach Siwa deshalb ganz unverfänglich.
„Dieses Zerfallen am Schluß war echt rad!“  bemühte Signy den aktuellen Slangausdruck, was man zu anderen Zeiten mit „geil“ oder „cool“ umschrieben hätte.
„Das sollten sie auf jeden Fall irgendwo einbauen, vielleicht im Abspann.“ Sein simuliertes Gesicht zeigte ein erfreutes Grinsen.
„Oder im Übergang zwischen den beiden Zeiten, da paßt es auch hin. Peppt die Szene mehr auf als nur die Aufschrift ´Zwanzig Jahre später`, als fließender Übergang. Der Urzustand zerfällt, der aktuelle taucht auf.“ fand Siwa, der reichlich überlieferte Filme aus dem 20. Jahrhundert konsumiert hatte und sich daher mit damaligen Sehgewohnheiten auskannte. Wenn der geplante Film sich schon auf eine Vorlage aus dieser Zeit berief, durfte er auch sehr gern der Nostalgie Rechnung tragen.

„Aber es geht hier nicht nur um einen Film, nicht wahr?“ sagte Frans langsam, der über sein Erlebnis gerade noch nicht hinweg war.
„Eine Jagd der Benu durch Raum und Zeit. Das sagten Sie auf Otrona. Ein Köder für unbekannte Feinde. Auch Tom war dieser Ansicht. Er meinte, daß schon bei den Dreharbeiten mit Überraschungen zu rechnen wäre, und wenn der Film erst mal anläuft ...“ Er erinnerte sich an etwas.
„Als ich damals auf der Erde den Vorvertrag unterschrieb, das erste Angebot ... da hieß es, daß der Film weltweit zu sehen sein sollte. Ich ging selbstverständlich davon aus, daß das in meiner Zeit geschieht, denn daß ich gleich danach in die Zukunft gerissen würde, konnte ich nicht ahnen.“
Siwa glaubte fast materialisierte Fragezeichen über Fransens Kopf sehen zu können wie in einem verrückten Cartoon.
„Sie meinen, daß der Film vielleicht rückwärts in Ihre Zeit transportiert wird, und dadurch eine Verschiebung innerhalb der Realität stattfindet, denn im Moment wissen wir noch nichts davon, daß der Film, der ja noch nicht existiert, in der Vergangenheit jemals zu sehen war. Aber selbst das würde ich den Benu zutrauen. Denken Sie an den verhinderten Brand in Ihrer Zeit. Der Bericht darüber existierte trotzdem weiter, denn sonst hätten wir ja nichts davon erfahren und Sie hätten ihn nicht verhindern können. Das Ereignis wurde also wahrscheinlich in irgendeine Paralleldimension verschoben, zu der die Benu Zugang haben und wir nicht.
„Und so könnte also auch der Film rückwärts in der Vergangenheit in irgendeiner Paralleldimension landen.“ spekulierte Frans weiter, froh daß Siwa ihn verstand.   
„Vielleicht sogar in vielen Paralleldimensionen, und welche Folgen daraus entstehen könnten, Folgen die jetzt in unserer Zeit, längst passiert wären ...
Denn in dieser gigantischen ewigen Wahrscheinlichkeitsrechnung, die unser Universum ausmacht, ist eine glaubwürdige Illusion ähnlich viel wert wie eine tatsächlich eingetretene Realität, denken Sie an die weltweit bekannten Filmklassiker Ihrer eigenen Zeit und wie sie die Menschen beeinflußten. Niemand von uns kann jetzt im Augenblick ahnen, welche Folgen, welche Inspirationen dieser Film auslösen wird bei all jenen, die ihn sehen werden, heute oder in Ihrer Zeit.
Oder welche Wellen er im Multiversum, über unsere eigene Dimension hinaus, schlagen wird. Denken Sie an Ihre eigene Rettung vor dem Brand. Offenbar war das Ereignis, der Brand, für den ganzen Zeitablauf seither in unserer Realität einfach nicht wichtig genug gewesen, um „unbedingt“ stattfinden zu müssen. Die Erde hat sich auch ohne ihn weitergedreht. Nicht zum Besseren, nicht zum Schlechteren. Und nur eine Handvoll Personen wissen davon, jetzt und in der Vergangenheit. Für jeden anderen war es einfach immer schon so, wie es durch unser Eingreifen zustandegekommen ist.“
„Schon gut.“ seufzte Frans. „Ich denke lieber nicht mehr darüber nach, mein Hirn versucht jetzt schon, sich zu verknoten. Nehmen wir es einfach wie es kommt, und wundern uns später darüber.“
„Kluge Taktik.“ grinste Siwa, der das Phänomen des akuten Hirnverknotens aus eigener Erfahrung kannte.
„Das lebende Gehirn hatte aber wenig Ähnlichkeit mit dem im Zeichentrick.“ fiel Frans dann ein. „Diese seltsamen Fühler anstelle einfacher Augenstiele ...“
„Wenn ein körperloses Gehirn sowieso völlig auf künstliche Sinnesorgane angewiesen ist, macht es wenig Sinn, es wieder auf das beschränkte menschliche Wahrnehmungsvermögen zu beschränken.“ erklärte unerwartet Signy, nicht Siwa.
„Diese Fächerfühler sind multiple Wahrnehmungsorgane, Augen, Ohren und Nase zusammen. Dazu gibt es ein paar Backupsysteme direkt an der Hülle, falls die ausfahrbaren Antennen irgendwie beschädigt werden.
Die Augenlinsen können von mikroskopisch bis Adlerauge sehen, außerdem Wellenlängen weit über das normal sichtbare Spektrum hinaus, Ultraviolett und Infrarot bis hin zu harter Strahlung, die Mikrophone können Frequenzen unterscheiden, die das menschliche Ohr nicht mal wahrnehmen kann, und die Geruchssensoren riechen nicht nur auf menschliche Art, sondern können auch Giftgase und atmosphärische Zusammensetzungen wahrnehmen.“
Er lächelte entschuldigend, weil Frans ihn gar zu verdutzt ansah.
„Ich habe mich informiert. Für einen Wissenschaftler, der im physikalisch-technischen Bereich arbeitet und hin und wieder einem Abenteurer und Kriminalisten wie Captain Future zuarbeitet, aber Probleme hat mit dem Greifen und Bewegen von Gegenständen, macht so eine Rundumausstattung als sein eigenes Allround-Meßgerät absolut Sinn. Der Filminhalt soll so logisch und glaubwürdig wie möglich herüberkommen, da läuft ohne Modernisierung des alten Stoffes nichts.
Deswegen geht in der Geschichte im Moment alles auf Nanotechnologie zurück, denn nur diese Form von Technologie - von unserer Matrixtechnologie abgesehen - würde vieles in der alten Serie glaubwürdig erklären, von den Verwandlungsfähigkeiten der Helden bis dazu, daß praktisch ein Mann allein in der Lage wäre, ein komplettes Raumschiff zu bauen. Oder das simple Aufbauen einer Mondbasis, für das man in Ihrer Zeit einen gewaltigen Aufwand an Maschinen und Material benötigt hätte, der im Film - angesichts der Heimlichkeit, mit der der Bau geschieht - einfach nicht logisch zu erklären wäre.
Aber Nanotechnologie macht´s möglich. Ein bißchen übertrieben vielleicht, einiges davon ist selbst mit unserer heutigen Technologie noch nicht so möglich, aber gute Filme leben bekanntlich von ein paar kleinen Übertreibungen hier und da. Die geben Pfeffer in die Suppe.“ Er grinste verschmitzt.
„Nachdem Sie wieder weg waren und ich erfuhr, daß Signy den Otho spielen soll, haben wir zwei uns zusammengesetzt, sind die alten Geschichten und die Animefilme durchgegangen und was uns die Gerüchteküche auf Nh´Nafress liefern konnte, und dann haben wir ein Brainstorming gemacht, wie man zu Ihrer Zeit sagte.“ fügte Siwa an.
„Und das war das Ergebnis, worauf alles vermutlich hinauslaufen würde - Nanotechnologie. Nichts anderes ist logisch genug, um den Film glaubwürdig zu machen. Außer es wird noch abgefahrener, wenn Matrixtechnologie ins Spiel käme, und das würde kein kritischer Zuschauer mehr schlucken. Tom hat Ihnen vermutlich gezeigt, wie nahe Matrixtechnologie an echter Magie dran ist, und das soll ja kein Fantasy-Film werden, sondern gute alte hanebüchene Science Fiction.“
Das brachte jetzt sogar Frans wieder zum Grinsen.


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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #64 am: 24. Juni 2019, 14:33:52 Uhr »
„Wie geht es eigentlich dem Drehbuch?“ fragte er dann, zu Siwas Laptop blickend.
„Sehen Sie selber. Drehbuch!“ forderte Siwa laut an.
Und ganz wie bestellt erschien schwebend über dem offenen Gerät die holografische Simulation des - geschlossenen - Drehbuchs, aber es war nicht mehr ganz so wie beim ersten Mal.

„Was passiert denn da?“ fragte Frans verwundert.
Schon auf Otrona hatten sie beobachten können, wie das Drehbuch sich vor ihren Augen veränderte, Kapitel und Entwurfsskizzen verschwanden und andere neu dafür auftauchten, aber diese Aktivität hatte sich massiv verstärkt, das immaterielle „Drehbuch“ war in ständiger Bewegung, als würden virtuelle Ratten unter dem Deckblatt herumtoben, es wurde dicker, dünner, Lesezeichen und Markierungen erschienen und verschwanden wieder ...
„Da laufen Simulationen ab, Dutzende, vielleicht Hunderte gleichzeitig. Die animierte Version der gezeichneten Storyboards Ihrer Zeit, die den Machern des Films einen ersten visuellen Eindruck verschaffen sollen. In den letzten Tagen wurde das Filmprojekt für die Mitwirkung aller Kreativen auf Nh´Nafress freigegeben und fleißig beworben, die Entwürfe für einzelne Szenen wurden regelrecht versteigert, und diese Welt hat ungefähr drei Millionen Bewohner. Wenn da nur jeder Hundertste mitmacht, gibt das schon einen gewaltigen Input, aber ich vermute, daß die Zahl der Teilnehmer weitaus größer ist, alle Kreativen, an Filmen Interessierten, alle Vergan-genheits- und Retroliebhaber, Science-Fiction-Freaks, alle Geeks und Nerds, alle Durchgeknallten und Gelangweilten, Romantiker und Actionfans, jeder der irgendwie seine metaphorischen fünfzig Cent dazugeben will, eine neue Beschäftigungstherapie für die ganze Planetenbevölkerung ...
kein Wunder, daß das Ding gerade brodelt wie ein Kochtopf. Möchte wetten, da kommt gerade genug Masse herein, um gleich auch noch die nächsten zwanzig Fortsetzungen sicherzustellen, weil nämlich sämtliche Romanvorlagen verteilt wurden, und davon gab es ja etliche.“
Und Frans erinnerte sich an etwas, was Tom ihm erzählt hatte, daß es in dieser Zeit nämlich ganz normal war, Lehrstoffe zu jedem erdenklichen Thema über unterhaltsam aufgemachte Simulationsprogramme zu konsumieren, zu jeder Zeit und Gelegenheit und völlig kostenlos.
Und die meisten Menschen dieser Zeit waren dank simpler Computertools auch in der Lage, ohne große Anstrengung selber einfache Simulationen aus dem Ärmel zu schütteln, vor allem wenn Thema, Handlung und Figuren bereits vorgegeben waren.
„Natürlich ist längst nicht alles was kommt auch brauchbar, da dürften jede Menge private Phantasien von Steinzeitgeschichten oder Western bis zu hartem Porno eintrudeln. Das unbrauchbare Zeug wird auf dafür geeigneten Seiten abgelegt, für jeden der Interesse daran findet, weil es den meisten Absendern eh nur um die Veröffentlichung ihrer Werke geht. Das brauchbare wird ausgefiltert und dem inneren Kreis der verantwortlichen Designercrew zugeleitet, zwecks Begutachtung und weiterer Verwendung. Am Ende muß der ganze Film schließlich wirken wie aus einem Guß.
Ihnen ist sicher aufgefallen, daß von der Origin-Story noch die Erschaffung des Androiden und Corvos Überfall mit der Ermordung des Ehepaares Newton fehlen. Abgedreht wurden diese Szenen sicher schon, wir bekamen sie aber noch nicht überspielt, einmal weil sie wahrscheinlich chronologisch im Film erst später Erwähnung finden, und zweitens weil Signy seine Rolle noch nicht spielen konnte. Vermutlich steckt auch in diesem Teil im Moment der Zeichentrick-Otho als Platzhalter drin, und vielleicht auch der Zeichentrick-Grag, wenn keine andere Kay einen passenden Grag liefern konnte.“ Siwa lächelte.
Frans blickte unwillkürlich zu der stillen Metallstatue. Wohl wissend, daß der wie abgeschaltet wirkende Roboter in Wahrheit ihre Diskussion genauso mithörte wie die Kay direkt, die eh überall um sie herum war. 
Er wandte sich an Signy. „Wer wird die Programmierung des „Grag“ übernehmen?“
Weil Siwa doch vorhin behauptet hatte, daß Signy selbst sich um seinen metallenen Film-Bruder kümmern würde.
„Die Buchvorlagen wurden der Kay überspielt, sie weiß also, wie unsere zwei Figuren miteinander zu interagieren pflegen. Jede einzelne Szene. Grag ist mehr der Typ körperlich bärenstarke, aber geistig etwas zurückgebliebene große Bruder als ein klassischer, rein logikgesteuerter Roboter aus anderen Filmen, und so wird die Kay ihn führen, als menschliches Simulacrum. Otho und Grag allerdings in passende humoristische Szenen zu bringen, ist die Aufgabe der Drehbuchschreiber. Glaubwürdigen Instanthumor zu inszenieren ist so ziemlich das schwierigste was es gibt, damit wäre die Kay überfordert. Da muß dann die menschliche Kreativität wieder ran. Aber da Siwa mit dabei ist und Sie von Siwas Klon angelernt wurden, dürften Sie vom bekannt schrägen Humor der beiden profitieren können und Vorschläge für Situationskomik machen, alles was sich gerade ergibt.“
Er streckte Siwa frech die simulierte Zunge heraus.
Der grinste nur heiter. „Mal sehen welche Witze sich am Wegesrand finden lassen.“ meinte er.  „Kommt Zeit, kommt Witz.“
Er wandte sich Frans zu. „So, und jetzt spucken Sie´s aus. Sie haben doch etwas wahrgenommen, als der Captain uns anschaute. Irgendetwas, was uns entgangen ist, wir konnten nur Ihre Reaktion darauf sehen. Was war es?“
Denn jetzt war Frans vielleicht schon aufgelockert genug, darüber zu sprechen.
Der zögerte kurz, und seufzte als er merkte, daß die beiden gespannt auf seine Antwort warteten.
„Er hat mich angesehen, das ist richtig. Aber nicht wie eine Filmfigur, die bei jedem Abspielen genau die gleichen Bewegungen machen wird, sondern irgendwie - lebendig.“ Ein Einfall kam ihm, eine Analogie. „Als würde etwas anderes durch die Augen der Figur schauen, jemand anderer, wie durch diese Trickgemälde mit den Löchern hinter den gemalten Augen. Geht sowas überhaupt, bei einem immateriellen Filmbild?“
„Wenn Benu im Spiel sind, ist alles möglich. Sieht ganz so aus, als hätte einer unserer Oberbosse persönlich bei Ihnen vorbeigeschaut, um Ihnen ein „Daumen hoch“ zu verabreichen. Was haben Sie gefühlt dabei?“
„Ein Benu?“ Frans war geschockt, denn nach allem was ihm Siwa und Tom darüber erzählt hatten, waren diese Wesen sowas wie beinahe allmächtige Halbgötter. Daß sich solch ein Wesen persönlich hierher bemüht haben sollte, um einen Durchschnittsschauspieler aus einer längst vergangenen Ära zu begutachten, konnte er nicht begreifen.
„Sie sagten doch, man bräuchte hinterher jedesmal frische Unterwäsche.“
„Nicht immer.“ lächelte Siwa, der solche unheimlichen Begegnungen der n-dimensionalen Art bereits mehrfach erlebt hatte. „Sie können sich phantastisch tarnen und verstellen. Wahrscheinlich machen ihnen solche Spielchen mit niederen Wesen wie unsereiner einfach Spaß, so wie wir zuweilen Tiere necken, aus reinem Spieltrieb heraus. Aber jetzt erzählen Sie. Was haben Sie gefühlt?“
Frans dachte nach, wie es sich am besten in Worte fassen ließ.
Schließlich sagte er: „Es war, als stünde ich einem echten Captain Future gegenüber. Trotz des gezeichneten Kopfes. Der mich dazu aufforderte, seinen Platz einzunehmen. Nicht nur als Rolle, sondern mehr so ... wie Tom über sein „Reich“ herrscht. Mit Verantwortung, der Liebe zu selbst dem geringsten seiner Untertanen, und dem Mut, sich mit jedem Gegner und Bösewicht anzulegen, um zu schützen, was ihm am Herzen liegt. Nur daß ein Captain Future gleich das ganze Weltall zu beschützen versucht, nicht wahr?“ Er grinste etwas verunglückt.
„Ist gar nicht so weit von der Realität weg.“ fand Siwa, ohne darüber zu lachen. „Tom hat Ihnen vom „Unsichtbaren Feind“ erzählt, nicht wahr?“
Der hier auf Nh´Nafress zum ersten Mal in der modernen Zeit aktiv geworden war, wenn man Siwas Spekulationen über die möglichen Ursachen der Invasion auf Otrona einige Zeit vorher außer acht ließ.
Auch wieder etwas, was Fransens neu gespannte Nerven zum schmerzhaften Vibrieren brachte, denn er war ja hier, auf Nh`Nafress, eben jenem legendären Ort, wo es passiert war.
Und mit diesem phantastischem Raumschiff und der freundlichen Hilfe der beiden anderen konnte er sogar jederzeit die Orte besuchen, an denen Ereignisse stattgefunden hatten, das Goldfundament, das heute die Sicherheit des ganzen Planeten vor weiteren Angriffen dieser Art sicherstellen sollte, den Krater, in dem sich damals der mörderische psionische Schock mit der Kraft eines einschlagenden Asteroiden zersprengt hatte, die Stelle in einer der Kuppeln, in der Siwas damals noch winziger Drache den hinterhältigen, wie einer Lovecraft-Geschichte entsprungenen „Seelensauger“ des Feindes in die Luft gejagt hatte ...
alles echt, abermals.
Frans kniff die Augen zu. Er erinnerte sich, daß Siwa und Signy zusammen bereits im Kampf gegen Agenten des „Unsichtbaren Feindes“ gestanden hatten, auch Verluste dabei eingesteckt hatten. Und wie Tom in seiner eigenen Zeit nichts anbrennen ließ, wenn Hinweise auf Schläferagenten des Feindes in seiner eigenen Zeit bei ihm eintrafen.
Mit ernster Action auch an diesem Ende der Zeit mußte er jederzeit rechnen, und daß er jetzt mit einbezogen wurde.
Aber, was immer auch passieren würde - er würde nicht allein sein. Er hatte hier Freunde, Hilfe, Führung wenn nötig, als selbsterklärter Nicht-Held. Denn schließlich war und blieb er Schauspieler mit Leib und Seele, das abenteuern und kämpfen und als realer Held in der Schußlinie stehen überließ er lieber den anderen.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #65 am: 2. Juli 2019, 18:25:22 Uhr »
Er öffnete die Augen wieder. Und sah ein zweifaches Lächeln. Die beiden wußten genau, was in ihm vorging.
„Machen Sie sich nicht ins Beinkleid, sondern wachsen Sie einfach rein, und wenn Sie etwas nicht wissen oder mit etwas nicht fertig werden, dann schreien Sie einfach um Hilfe. Sie haben mehr Unterstützung als Sie im Moment ahnen, nicht nur uns zwei hier. Wenn nötig können Sie ganz Nh´Nafress zusammenschreien, daß unsere M-Tec-Kollegen aus allen Richtungen herbeiströmen.“ riet Siwa selbstbewußt.
„A-- propos.“ dehnte er dann.
Und schlug sich gegen die Stirn, als würde ihm etwas wichtiges einfallen. „Haben Sie Ihren Laptop hier schon einmal gerufen?“
Daran hatte Frans noch nicht gedacht, er war ganz unbewußt davon ausgegangen, daß das Gerät in der Vergangenheit zurückgeblieben war. Aber Tom hatte ihm mal erklärt, daß die Geräte irgendwie an ihrem rechtmäßigen Benutzer, vielleicht in seiner Aura, steckten oder kleben blieben, wenn man sie in ihre „Taschendimension“ schickte, sein Exemplar war ihm also vermutlich irgendwie gefolgt. Deshalb folgte er jetzt einfach Siwas Beispiel von vorhin, suchte sich eine Abstellfläche, streckte die Hand aus und sprach seinen eigenen Rufbefehl: „Komm!“
Der Kasten materialisierte.
„Machen Sie auf und schauen Sie mal, ob Sie irgendwelche Ostereier bekommen haben!“ sagte Siwa.
„Öffnen!“ befahl Frans daher in Richtung des Geräts, das gehorsam mit einem elektronischen Piepser aufklappte.
Papiermengen wie beim allerersten Mal quollen diesmal nicht hervor. Stattdessen lagen zwei Gegenstände zwischen den aufgeklappten Hälften. Ein Matrixring, noch unaktiviert, weil der Stein nicht blau leuchtete, sondern eine unscheinbar graublaue Färbung zeigte, und so etwas wie eine Bankkarte aus Plastik, jedoch in reinem Schwarz gehalten, ohne jeden Aufdruck.
„Volle Ausstattung, Mann. Herzlichen Glückwunsch!“ kommentierte Signy lautstark und klopfte Frans im Überschwang auf die Schulter. „Sorry.“ machte er dann entschuldigend, weil er Frans ja nach wie vor als den Höherrangigen, jedenfalls wenn es um die Schauspielerei ging, betrachtete.
„Schon gut.“ lächelte Frans. „Aber was heißt das, volle Ausstattung?“
Daß ein Matrixring eine Kostbarkeit ersten Ranges war, wußte er von Tom her, die Energiematritzen, Dhyarras oder Sternensteine, wie sie genannt wurden, waren im ganzen Universum extrem selten und wuchsen nicht auf Bäumen. Aber was die Karte zu bedeuten hatte, da hatte er keine Ahnung.
Siwa wackelte mit den Fingern und hielt plötzlich wie ein Bühnenzauberer eine zweite schwarze Karte in der Hand. „Das hier ist meine eigene. Sie heißt „Bloody Card“, die blutige Karte. Genau wie Matrixring und Laptop ein vielfältig einsetzbares Multifunktionsgerät. Ihren Namen hat sie daher, weil man sie auch als sehr effektive Waffe einsetzen kann, einfach indem man sie wirft, sie hat mit Matrixenergie verstärkte Kanten und schlägt durch wirklich alles durch, außer durch andere Matrixfelder. Ihrem eigenen rechtmäßigen Benutzer allerdings tut sie niemals etwas zuleide, was gut so ist, sonst würden wir schon bei den Übungen eine Menge Körperteile verlieren.
Wenn man sie wirft, kommt sie wie ein Bumerang immer wieder von selbst zurück, man muß also nicht nur darauf achten, was sie auf dem Hinweg trifft, sondern auch welche Hindernisse auf dem Rückweg im Weg stehen.
Beim Werfen müssen Sie sich übrigens nicht auf Ihre eigene Treffsicherheit verlassen, es reicht völlig, wenn Sie an das Ziel denken, das Sie treffen wollen, sie sucht sich ihr Ziel dann selber. Das heißt, sie funktioniert gedankengesteuert. Sie hat aber noch viel mehr Einsatzmöglichkeiten, etwa als Kreditkarte, die Ihnen Geld aus jedem Automaten Ihrer Zeit holen könnte, selbst wenn Sie gar kein Konto haben, und man kann sich über sie in jeden Computer hineinhacken, egal wie gut die Firewalls sind.
„Bloody Card“ nennt man sie übrigens, weil es ein Blutbad gibt, wenn Sie sie aus irgendeinem Grund in eine Menschenmenge werfen würden, denn sie würde nicht steckenbleiben oder zu Boden fallen, sondern mit eigenem Antrieb immer weiterfliegen, bis sie auch das letzte Ziel getroffen und durchschlagen hat. 
Und damit kennen Sie jetzt auch schon ein paar von den Gründen, warum man uns die Karten immer wieder zu klauen versucht, jedenfalls Personen, die von den Wächtern der Karte keine Ahnung haben. Spielen Sie mal Versuchskaninchen, Frans?“ Er grinste erwartungsvoll.
Der nickte, etwas zögerlich, weil er keine Ahnung hatte, was passieren würde.
„Dann klauen Sie mir jetzt mal meine Karte. - Kartentest!“ sagte er laut, ein Befehl an das Multifunktionsgerät.
Siwa hielt Frans die Karte einfach hin, und er nahm sie gedankenlos entgegen. Der „Diebstahl“ war damit vollzogen.
Vorsichtig wegen der matrixgeschärften Ränder, von denen die Rede gewesen war - daß man solche Warnungen lieber nicht in den Wind schlug, kannte er von Toms Haustier Azure her, dessen Schuppen so scharf wie Rasiermesser waren - hielt er sie in der Hand und betrachtete sie neugierig.
Zuerst schien gar nichts zu passieren, aber dann erschien so etwas wie ein leuchtender Punkt in der Schwärze des Plastiks. Der ständig wuchs und sich dabei in der Schwärze bewegte, als wäre das kein simples Plastik, sondern ein Display. Aus dem Punkt entwickelte sich das winzige Abbild eines Feuervogels - eines Benu. Der immer weiter wuchs, bis die ganze Karte vor Licht flammte -
und dann, mit einem Schlag, brach das Licht aus der Karte hervor.
Frans ließ sie vor Schreck fallen, geblendet und in Erwartung von Hitze, einem Feuersturm, doch das Licht war kalt.  Es blendete nur - und dann war er plötzlich halb taub, weil ein fürchterlicher Schrei ertönte. Nicht aus einer menschlichen Kehle.
Er zwinkerte, und stellte fest, daß das Licht immer noch da war, der Feuervogel aus lebendigem, flammendem Licht, etwa so groß wie ein Fasan, der gerade einen Bogen flog und mit einem erneuten, zornigen Schrei zu einem zweiten Angriff auf Frans ansetzte, nachdem er ihm aus der Karte heraus regelrecht ins Gesicht explodiert war.
Frans strecke abwehrend die Hände entgegen. Beim Kontakt mit dem Feuervogel spürte er einen deutlichen elektrischen Schlag, der ihn durchzuckte, aber die gefürchteten Verletzungen durch Schnabel, Krallen und Feuer blieben aus. Und wieder flog das immaterielle Tier eine Wende und griff mit lautem Geschrei erneut an, wieder der Schock, als dieses Abbild eines Benu einfach durch ihn hindurchflog, aber egal wie Frans sich duckte, mit den Armen um sich schlug oder sogar seinen Laptop als Schlagwaffe mißbrauchte, der Wächter der Karte blieb unbeeindruckt, griff schreiend wieder an, und wieder, und noch einmal --
und als Frans anklagend zu Siwa schaute, grinste der nur frech.
„Der würde jetzt den ganzen Rest Ihres Lebens an Ihnen kleben bleiben, weil Sie versucht haben, mir meine Karte zu stehlen. Echte Verletzungen kann er nicht anrichten, aber er schockt Sie ständig und macht mit seiner Erscheinung und dem ständigen Geschrei genug Affentheater, um die ganze Umgebung auf Ihre Missetat aufmerksam zu machen.
Wenn Sie die Karte an einen anderen „Dieb“ weiterreichen würden, hätte der genauso einen Wächter am Hals. Und der nächste, und der nächste. Nur der rechtmäßige Besitzer der Karte kann den oder die Wächter zurückpfeifen.“
Er hatte seine Karte aufgehoben und richtete sie jetzt gegen den Feuervogel, der wie magisch davon angezogen und aufgesaugt wurde, wobei er sich rasend schnell verkleinerte, bis er als winziges Lichtpünktchen in der Karte erlosch.
„Genauso wie der Laptop hat übrigens auch die Karte einen Peilsender. Falls es also tatsächlich ein Dieb schaffen sollte, den Wächter entweder zu isolieren oder Sie unter Androhung von Gewalt dazu zu zwingen, den Wächter lahmzulegen und die Karte herauszurücken, dann ist trotzdem nicht alles verloren.
Genauso wie beim Laptop gilt hier die Regel, geben Sie die Karte einfach heraus, denn ohne Aktivierung durch Sie ist sie ohnehin nicht viel wert, und über den Peilsender kann sie jederzeit aufgespürt und zurückgeholt werden, entweder von Ihnen, oder wenn Sie dazu noch nicht kampfesfähig genug sind, von jemand anderem, der die nötige Einsatzbereitschaft mitbringt. Interessenten dafür werden Sie genug finden, die höherrangigen M-Tecs wie Carolus, mein Lehrer, reißen nämlich für ihr Leben gern Bösewichten das feine Ende auf.“ Er grinste fies. 
„Sie können übrigens auch stille oder laute Notrufe über die Karte absetzen und vieles mehr tun. Das werden Sie alles in einem Lehrgang mit uns erfahren. Und auch die Karte hat Ostereier, die man selbst herausfinden muß, indem man einfach daran herumspielt und sich Szenarien ausdenkt. Unterschätzen Sie niemals die Produkte der Hammer-Werft. Verbesserungsvorschläge sind allerdings jederzeit erwünscht, also lassen Sie gern Ihre schmutzige Phantasie spielen und testen Sie, was davon schon verwirklicht ist, und was noch fehlt.“
Danke, Frans war mal wieder bedient. Ein James Bond hätte vermutlich seine Seele für ein derartiges Agentenwerkzeug verkauft, das Ding schien effektiver zu sein als jede Magnetuhr oder Dietriche im Schuhabsatz, aber James Bond war ja „nur“ eine fiktive Figur. So fiktiv wie ein Captain Future. Aber die Karte, die war echt ...
„Also ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber mir hängt der Magen auf Halbmast, und für Königstiger müßte ich auch mal.“ verkündete Siwa. „Kommt ihr mit?“
Sie nickten.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #66 am: 8. Juli 2019, 17:24:20 Uhr »
Er ging voran, hinaus aus dem Cockpit, und die nächste Abzweigung gleich rechts. Da war gleich ein Wohn- und Aufenthaltsraum, nicht allzu groß, aber funktionell ausgestattet, einem kleinen, jungen Raumschiff vom Schlag der „Comet“ angemessen. Gleich nebenan lag ein Badezimmer, für den Fall, daß es einem Crewmitglied der Cockpitmannschaft mal pressierte.
Siwa erklärte Frans die Ausstattung, die sich von der auf Otrona unterschied, jedoch ebenso wie sie mit wenigen simplen Handgriffen so verändert werden konnte, daß sie auch in Schwerelosigkeit funktionierte, und einige andere Unterschiede zu den sanitären Anlagen, die Frans kannte.
Zum Beispiel daß hier kein Nachspülen nötig war, weil auch hier Cyders, die natürlichen Abfallentsorgern nachempfunden waren - hier hauptsächlich diversen Würmern, ein unheimliches Gewimmel in den Tiefen der Abwasserrohre, in die Siwa Frans mit Hilfe seiner Matrix einen kurzen Blick tun ließ - prompt für die nötige Reinigung und Wiederaufbereitung sorgten.
„Wenn Sie fertig sind, drücken Sie auf diesen Knopf, das ist das Zeichen für die Cyders, daß sie loslegen dürfen und Sie auch nichts wichtiges versehentlich in der Kloschüssel versenkt haben, Ihre Hausschlüssel oder was anderes.
Wenn Sie zu lange auf dem Lokus residieren, kann es aber schon mal passieren, daß eine übereifrige Cyder Sie in den Podex zwickt.“ behauptete Siwa dann mit schelmischem Grinsen, und Frans grinste zurück, weil er den Scherz erkannte.
Und dann ließ Siwa ihn allein, um als erster zu tun, wozu sie den Raum betreten hatten. „Ich komme Sie retten, wenn Sie zu lange brauchen oder das Schiff versucht, Sie aufzufressen.“ machte er Frans Mut, bevor er verschwand.
„Danke.“ lachte der zurück.
Als Frans fertig und gereinigt war, machten sie fliegenden Wechsel, und während Siwa den Badezimmerservice nutzte, bestaunte der Schauspieler, was die beiden während seiner kurzen Abwesenheit auf den Tisch des Wohnraumes gezaubert hatten, nämlich eine mehrgängige Speisenfolge, die für zehn hungrige Mägen gereicht hätte. Frans erinnerte sich allerdings an das Fassungsvermögen von Tom, und daß Siwa ebenfalls für zwei essen mußte, wenn er nicht wollte, daß sein „Haustier“ bald für sich selbst auf Futtersuche ging, und war daher sicher, daß die gute Ware nicht alt werden würde.
Signy setzte sich zwar dazu, aber nur wegen der Unterhaltung, das Essen rührte er nicht an.
„Wie machen Golems das mit dem Essen? Müßt ihr, könnt ihr überhaupt?“ fragte Frans neugierig mit vollem Mund.
„Wir können schon, wenn wir getarnt unter Menschen sind und es von uns erwartet wird, daß wir etwas zu uns nehmen. Es wird dann irgendwie energetisch verwertet, aber da wir hauptsächlich über unsere künstlichen Matrix-Herzen leben, sind wir nicht darauf angewiesen.“ gab Signy gerne Auskunft.
„Die reine Materialerneuerung, wenn Schäden oder Verschleiß auftreten, läuft bei uns ein bißchen anders als bei echtorganischen Lebewesen, das dafür benötigte Material läßt sich ohne Nahrungsaufnahme samt Restausscheidung absorbieren.“
„Praktisch.“ fand Frans und meinte es auch so. Andere Völker, andere Sitten. Inzwischen genoß er es, am laufenden Band von irgendetwas neuem überrascht zu werden.
„Darf ich eine sehr intime Frage stellen?“ sagte er dann.
„Nur zu, wir sind hier ganz unter uns.“ lächelte Signy, der den Inhalt wohl schon erahnte.
„Siwa sagte, Sie sind so etwas wie eine Gestalt, wie die Drachen oder Fluggestalten - aber Gestalten werden immer zu einem ganz bestimmten Zweck erschaffen, oder? Was ist der Zweck der Golems?“
„Kennen Sie den Ursprungsmythos der Golems?“ fragte Signy zurück.
„Der Golem des Rabbi Loew, der die Juden vor einem christlichen Mob schützen sollte?“
„Genau so ist es.“ antwortete Signy gemütlich. „Der Golem als Verteidiger der Unschuldigen.
Aber in weiter gefaßtem Sinne als nur bei religiösen Auseinandersetzungen unter Menschen. Genauso wie die Drachen sind wir eine weitere Verteidigungslinie gegen den Unsichtbaren Feind. Gut getarnt und somit fast unsichtbar bewegen wir uns unter den Menschen und suchen nach den Agenten des Feindes.
Genau das, was Tom Richards zu Ihrer Zeit tat und was Siwa und seine Kollegen heute tun. Wir sind also von Natur aus Verbündete. Und das war auch der Grund, warum meine eigenen ... Artgenossen ... entschieden, mich in die Gruppe der Lehrlinge einzuschleusen.
Es war ein Experiment, um herauszufinden, wie gut meine Tarnung unter realistischen Bedingungen unter Matrixtechnikern funktionierte - und wie gut die Zusammenarbeit laufen würde, wenn niemand wußte, was ich wirklich bin. Oder auch danach, was eigentlich nicht in dieser Form geplant war, oder zumindest nicht so früh in der Testphase. Als dieser Disruptor hochging und meine Tarnung wegbrannte, bin ich sauber aufgeflogen.“ Er zeigte ein schiefes Grinsen, und wechselte dann abrupt zu seiner ungetarnten, knochenweißen Golem-Gestalt, um die Szene damals zu verdeutlichen.
Frans bekam jetzt die Gelegenheit, dieses wahre Gesicht von Signy genauer als vorhin zu studieren, diese seltsam glatt wirkende, haarlose und perfekt weiße, an eine Schaufensterpuppe erinnernde Hülle, unter der sich ein hochgezüchtetes und zweifellos hochleistungsfähiges Amalgam aus synthetischem Fleisch und Matrixenergien verbarg.
„Paßt perfekt für Otho, den Androiden.“ befand er dann. „Wenn der Film mal einige Zeit gelaufen ist, können Sie und Ihre Artgenossen völlig ohne Tarnung in der Öffentlichkeit herumlaufen, weil jeder Sie einfach für einen kostümierten Fan des Films halten wird.“
„Vielleicht ist das sogar eine beabsichtigte Nebenerscheinung.“ meinte Signy dazu. Denn keiner von ihnen hatte eine Ahnung, wie viele Hintergedanken wirklich in diesem ganzen Filmprojekt steckten.
Und dann brachte Frans die anderen wieder zum Lachen, weil er ganz willkürlich ein monstermäßiges Gähnen produzierte.
„Tut mir leid, das war wohl etwas zu viel für Sie, für Ihren ersten Tag hier auf Nh´Nafress.“ lachte Siwa.
„Sind Sie satt? Dann kommen Sie, suchen wir eine Kabine für Sie. Im Augenblick hetzt uns noch keiner, Sie können in Ruhe ausschlafen.“
Gleich die nächste Tür nebenan offenbarte ein genauso gestaltetes Wohnabteil, komplett mit „Heimlich Gemach“, Bett und Schränken, in denen sich ein Vorrat von Ersatzkleidung und Wäsche fand.
Siwa zeigte Frans noch, in welches Fach man die getragenen Sachen zwecks Reinigung durch irgendwelche fleißigen Cyders schob, wünschte ihm eine gute Nacht und ließ ihn dann mit seinen Gedanken und seiner Müdigkeit allein. 
Der Schauspieler ließ sich ins Bett fallen und glaubte, trotz seiner mentalen Erschöpfung nie einschlafen zu können, so viele neue Eindrücke gingen in seinem Kopf herum - und doch war er nach wenigen Minuten einfach weg.
Irgendwann, viel später, träumte er.
Normale Träume, Szenerien seiner eigenen Zeit, anfänglich zusammenhanglos.
Dann entwickelte sich eine längere Szene. Zuerst war es ein ganz normaler Traum, denn Frans erinnerte sich irgendwie daran, diesen Traum früher schon mal gehabt zu haben, ein Traum von der Sorte, die man beim Aufwachen schon wieder vergessen hatte, an die man sich nur in weiteren Träume erinnern konnte.
Dann jedoch schmuggelte sich jäh ein neues Element ein, etwas das er erst vor kurzem in der Realität erlebt hatte.
Ein Benu flog nämlich auf ihn zu und landete direkt vor ihm auf einem passenden Metallständer, der auf einmal direkt vor Fransens Traum-Selbstbild materialisiert war.
Er war so klein wie der Kartenwächter, in der Größe eines Fasans, hatte für Frans jetzt aber starke Ähnlichkeit mit einem großen Papagei, einem bunten Ara aus einer Papageienschau, der selbstverständlich in neonbunt lodernden Flammen stand, wie es bei Benu üblich war.
Aus Menschenaugen - gezeichneten Menschenaugen, die Augen des Zeichentrick-Captain Future - blickte das Wesen Frans an, und er wußte sofort, das hier war ein echter Benu, der ihn betrachtete, auch wenn er das von Siwa und Tom übereinstimmend geschilderte Gefühl einer überwältigenden, in den Boden schmetternden, quasigöttlichen Präsenz nicht empfand. 
Aber das hier war ja nur ein Traum, oder? Und in Träumen war alles möglich.
Auch daß Frans gegenüber einem Quasigott den Mut zusammennahm, ihn einfach zu fragen: „Warum das alles?“
Warum der Aufwand mit den Zeitreisen, mit dem Film, einem echten Raumschiff, einer beinahe echten Crew, den leibhaftigen Besuchen durch einen Beinahe-Gott  -
„Warum?“
Und der Benu antwortete.
„Sympathische Reaktion! Sympathische Reaktion! Krooaaak!“ krächzte er mit der Sprechstimme eines dressierten Papageis. Und flog auf, daß Frans nichts mehr wahrnahm außer hellen, freundlichen Flammen rings um sich herum,  und -
erwachte.
Er zwinkerte, merkte wo er war - im Bett der Kabine in der Comet - und wußte sofort, daß er diesen letzten Rest seines Traums nicht vergessen würde.
Und da Tom ihm bereits kurz nach ihrer ersten Begegnung erzählt hatte, daß er sich nebenbei auch mit Traumdeutung befaßte und Träume nicht selten wichtige Hinweise des Unterbewußtseins enthielten - Memos des Unterbewußten als Wachbewußtsein, wenn ein Traum schon so intensiv war, daß man ihn bis ins Wachbewußtsein behielt - hatte Frans die Anweisung bekommen, solch intensive Träume zwecks späterer Auswertung festzuhalten, niederzuschreiben oder wenigstens in Erinnerung zu behalten.   
Er reinigte sich, legte seine über die Ruhezeit frisch gereinigte Kleidung wieder an und machte sich auf den Weg zurück in die nebenan liegende Kabine.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #67 am: 11. Juli 2019, 14:38:18 Uhr »
„Morgen, Frans.“ grüßten die zwei anderen ihn, von denen Siwa bereits wieder beim Essen war.
Er hatte wohl doch etwas länger geschlafen als gedacht.
Frans zog sich ein Less aus dem Küchenautomaten, weil dessen angenehm vanilleartiger Geschmack ihm zusagte, beäugte was auf dem Tisch stand, und setzte sich dazu.
„Ich habe geträumt. Von einem Benu.“ begann er.
„Ja?“ Siwa war ganz Ohr.
So fix in Traumdeutung wie der uralte, erfahrene und in Psychologie geschulte Tom war Siwa bestimmt nicht, dachte Frans, aber dank seiner gemachten Erfahrungen wußte auch das junge Original, daß alles, was mit den Benu zusammenhing, potentiell eine tiefere Bedeutung haben konnte, sogar ein Traum. Deswegen tat Siwa ihn nicht von vornherein als bedeutungslos ab, wie die meisten normalen Menschen es getan hätten.
„Ich fragte ihn nach dem Grund für alles, und er sagte zwei Worte: sympathische Reaktion.“
„Und Sie fragen sich jetzt, war das wieder ein echter Besuch oder doch nur ein Traum.“
Frans nickte.
„Nun, bei unseren fiesen Oberbossen ist so ziemlich alles möglich, auch daß sie in unseren Träumen herumpfuschen. Was wir Matrixtechniker unter einer sympathischen Reaktion verstehen, wissen Sie vermutlich.“
Frans nickte wieder und grinste. „Tom hat sie ständig, er läßt sie mit voller Absicht zu, weil er sich dann jedesmal köstlich über die Reaktionen seiner Umwelt amüsiert. Er ist einfach ein hoffnungsloser Angeber.“
„Wie das?“ wollte Signy wissen.
„Nun, wie alle hochrangigen Matrixtechniker hat er eine Fluggestalt. In der klassischen Grundform eines Feuervogels, eine Benu-Imitation.
Weil die Kontaktstellen zur Gestalt in seiner Aura stecken, reagiert die Aura jedesmal sympathisch, wenn sie künstlich für irgendeine Arbeit aufgeladen wird, und versucht die Form der Gestalt nachzubilden, beginnend bei den Flügeln. So steht Tom dann jedesmal mit vermeintlichen Engelsflügeln aus purem Licht da, und wird von meinen Zeitgenossen regelmäßig für den getarnten Erzengel Gabriel oder ein ähnliches mystisches Wesen gehalten.
Das weiß er natürlich genau, der Witzbold, und lacht sich jedesmal einen ab.“
Jetzt lachten die zwei anderen auch.
„Typisch Tom.“ sagte Siwa dann über seinen,  zu Fransens Zeit knapp tausend Jahre alten Klon.
„Aber was bedeutet sympathische Reaktion in Bezug auf den Film?“ fragte Frans.
„Darüber haben wir schon gesprochen. Die Multiversen, und welche Wirkung eine Fiktion bei uns auf andere Universen haben könnte, wo jedes unserer Hirngespinste vielleicht Realität wird.
Wir Menschen sind eine visuelle Spezies, für uns ist sehen gleich glauben, auch wenn es nur Hollywood-Tricks auf einer Leinwand sind, ein fliegender Superman, ein städteplättender Godzilla - aber in dem Moment, in dem wir es sehen, glauben wir an ihre Echtheit.
Auch wenn uns unser gesunder Menschenverstand gleich danach wieder sagt, daß es alles nur gut gemachte Tricks mit Modellhäusern und Schauspielern in Gummianzügen, mit Filmblut oder Computerpixeln sind.
Aber in den Momenten, in denen wir im Film versunken sind, da glauben wir, und die Energie von ein paar Millionen Gehirnen, die alle das gleiche glauben, hat verdammt viel Kraft. Kraft die sich bei uns nicht mehr auswirkt, da der Film ja schon Realität ist, man kann ihn sich wieder und wieder und wieder anschauen, aber irgendwo geht diese geballte, auf ein einziges Ereignis konzentrierte Energie hin, die verpufft nicht so einfach.
Durch das Ansammeln von solch geballten Energien kommen Dinge in Bewegung, Ereignisse, die sich vielleicht quer durchs ganze Multiversum ziehen wie wogende Wellen auf einem See. In einigen Universen, die dafür besonders empfänglich sind, mögen sie sich dann materialisieren. Scheinbar aus reinem Zufall heraus, tatsächlich aber in sympathischer Reaktion auf unsere konzentrierten Hirngespinste.
So befruchten sich die verschiedenen Universen ständig gegenseitig, ein ständiger Informationsaustausch. Der begann, als die allerersten intelligenten Wesen damit begannen, sich Dinge vorzustellen und  sich Geschichten zu erzählen.
Je mehr Zuhörer oder Zuschauer, die vor ihrem inneren Auge das gleiche sehen, um so mehr geistige Energie entsteht, eine stehende Welle, von Tausenden oder Millionen an Hirnen gespeist, wie ein Tsunami, der sich später an irgendeiner fernen Küste brechen wird.“
„Und wenn sich nichts geringeres als leibhaftige Halbgötter bemühen, dann muß was dahinter stecken. Denn die wissen genau, was sie tun und welche Auswirkungen quer durchs ganze Multiversum es haben wird.“ schlug Signy in die gleiche Kerbe.
„Vielleicht irren wir uns in ein paar Details, aber der grobe Kurs ist bereits festgelegt.“
„Ich weiß nicht, ist das nicht eine viel zu große Verantwortung für uns?“ fragte Frans, der wieder einmal eine tonnenschwere Last des bevorstehenden Schicksals im Genick zu fühlen glaubte.
Doch die zwei schüttelten unisono die Köpfe.
„Wir sind alle nur kleine Rädchen im Getriebe. Wichtige Rädchen im innersten Kreis des innersten Uhrwerks, aber trotzdem nur ein paar unter sehr vielen. Sie kriegen Ihr Drehbuch, sobald es fertig ist, und arbeiten es so gut wie möglich ab, wir anderen tun auch was wir können und so gut wir es fertigbringen, und mehr als das kann und wird niemand von uns erwarten.
Außer uns gibt es noch irrsinnig viele andere Faktoren, die zum Gelingen des großen Werks beitragen. Wenn wir irgendwie in die falsche Richtung gehen sollten, wird man das sehr schnell merken und korrigieren. Also bleiben Sie entspannt, bei so vielen Köchen, die um den Brei herumkreisen, viel mächtigere als wir es sind, kann die Sache nur schiefgehen.“
Wieder grinsten die beiden, und Frans war beruhigt.
„Mal schauen, ob wir was neues haben.“ meinte Signy dann.
Er sagte kein lautes Kommandowort, aber seine Handbewegung war unmißverständlich, denn gleich darauf materialisierte ein Laptop. Ein älteres Gerät, ziemlich angeschrammt, nachgedunkelt und verbeult aussehend - was angesichts der starken Schutzfelder, die auf den Geräten lagen, gar nicht hätte möglich sein dürfen, aber vielleicht wollte Signy es genau so haben, und hatte das Äußere des Kastens seinen Wünschen angepaßt.
Auch den Öffnungsbefehl mußte Signy nicht laut aussprechen, vermutlich kommunizierte er telepathisch mit dem Apparat.
Eine Schrift auf dem Monitor blinkerte grell.
„Wir sollen nach Kuppel A-3 kommen. Die nächsten beiden Besatzungsmitglieder auflesen und dann sofort dorthin, wo die Post abgeht, nach C-6. Das ist die Außenstelle der Werft, mit Hallen in jeder Größe und Farbe, wo sich jede nur erdenkliche Umgebung simulieren läßt, unser Drehgelände. Toll, es geht endlich los!“
„Haben wir schon was verpaßt?“ fragte Frans sorgenvoll, aber die beiden winkten ab. „Dann wären uns die Laptops vermutlich auf die Köpfe geknallt, als kleine handfeste Erinnerung, mal wieder reinzusehen.“ grinste Siwa. 
„Also gut. Wen finden wir in A-3? Das Gehirn - und Joan Randall! Na, da bin ich gespannt, wer die Glückliche sein wird!“
Beinahe im Laufschritt enterten die drei das Cockpit, wo immer noch reglos die Grag-Statue in der Landschaft stand. Aber gerade als sie sich in ihre Sitze werfen wollten, bemerkten sie eine ziemlich große, rötliche, spinnenförmige Cyder, die ihnen geschäftig und ziemlich fix nachkrabbelte und mit eifrigem Gezappel von ein paar überschüssigen Beinchen stumm um ihre Aufmerksamkeit bat.
Auf ihrem Rücken trug sie nach Spinnenart zwei rundliche Seidenkokons, in denen sich etwas bewegte - der Cydernachwuchs, bereit zum Geborenwerden?
„Was wird das jetzt?“ fragte Signy. „Sollen wir hier Hebammen spielen?“


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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #68 am: 16. Juli 2019, 14:51:40 Uhr »
Aus einem der Kokons ertönte eine Antwort. Es klang wie ein kurzes, leises Kläffen von einem kleinen Hündchen.
Und den dreien schwante etwas. Die Haustiere von Grag und Otho, die an einigen Stellen eine wichtige Rolle spielten - ein metallfressender Mondhund  und ein wandelfähiges Meteorchamäleon?
Kaum gedacht, da  rissen die beiden Kokons auch schon auf, auf dem Rücken der Spinnencyder, die sich geduldig niedergekauert hatte.
Etwas weißes, flauschiges quoll aus dem einen, etwas graues, irgendwie schlangenartig verknotetes aus dem anderen. Das Weiße kugelte in Signys Hände, weil er am nächsten stand, und da Frans sich so gar nicht bewegen mochte angesichts des Unbekannten, nahm Siwa, der weniger Berührungsängste mit den Produkten der Werft kannte, das unförmige graue Ding entgegen.
Beide Dinger, weiß und grau, mußten sich erst entfalten, weißer Pelz und graue Hautfalten schoben sich auseinander -- und dann blickten den dreien zwei allerliebste Tiergesichtchen entgegen, mit riesigen Augen, rosigen Nasenspitzen und kleinen Mäulern, die jedoch schon kleine spitze Zähnchen enthielten, wie Signy zu spüren bekam, als sein Exemplar besagte Zähnchen an einem seiner Finger testete.
„Autsch!“ machte er reflexhaft, obwohl kein Schaden geschehen war, die Androiden- sorry, Golemhaut war nämlich reichlich zäh.
„Ich glaube, das hier ist deiner.“ meinte Siwa und reichte ihm das graue Wesen, das im Moment einer sehr schwangeren, sehr kurzen Schlange mit Mopsgesicht glich, oder einem beinlosen Tatzelwurm.
Mit gebührender Vorsicht, obwohl auch seine Haut dicker und besser geschützt war als die eines normalen Menschen, nahm er dafür das weiße Fellknäuel entgegen, da „Grag“ im Hintergrund sich nach wie vor nicht bewegen wollte.
„Ich glaube, ich nenne dich „Fluffy“,“ erklärte er dann hoheitsvoll.
„Iyiek!“ quietschte das Tier prompt, und grollte aus der Tiefe seiner winzigen Brust. Was ganz klar eine Verneinung war, sein Name schien ihm einprogrammiert zu sein.
„Also gut. Yiek. Besser?“ Ein diesmal zustimmend klingendes Kläffen besiegelte die Taufe, und eine nasse Hundeschnauze drückte ein Küßchen in Siwas Gesicht.
„Dann ist das hier Oog, mein Haustier. Ich hatte bisher noch nie ein Haustier!“ Signy wirkte etwas ratlos, mit der seltsamen „Schlange“ in der Hand, die in diesem Moment anfing sich zu verändern, indem ihr nämlich plötzlich vier Gliedmaßen wuchsen. Und noch zwei mehr, so daß der mythische Tatzelwurm komplett war, und das Tier sich sanft aber bestimmt an Signys Händen festklammern konnte.
„Behalt es einfach immer bei dir, füttere es regelmäßig aber mit Maßen, und versuch nicht versehentlich draufzutreten, dich draufzusetzen oder es irgendwo einzuklemmen.“ riet Siwa, der in einem Dorf mit vielen gleichaltrigen Kindern samt deren Haustieren aufgewachsen war. „Der Rest kommt im Lauf der Zeit von selber.“
„Was sind sie?“ wollte Frans wissen.
„Es sind ebenfalls Cyders, nur daß sie nicht auf Insekten oder Würmern basieren, sondern auf anderen Tierarten. Und vermutlich können sie etwas unabhängiger von ihrer Mutter-SyMOr agieren, weil sie speziell für Außeneinsätze geschaffen sind.“ Siwa fuhr prüfend mit den Fingern durch weißes, flauschiges Fell, spürte der Konsistenz der einzelnen Haare nach.
„Bei Fluffy hier ... sorry Yiek natürlich -„“ weil das kleine Knäuel prompt wieder begonnen hatte zu knurren - „vermute ich, daß er hauptsächlich aus Oonark-Genen besteht, gemischt mit normalem Haushund. Das heißt, daß er wahrscheinlich keine Sauerstoffatmosphäre braucht. Obwohl ich das nicht gleich an einem Neugeborenen testen würde, sondern erst später, wenn er ausgewachsen ist. Was er gerne frißt, finden wir noch heraus, es würde mich nicht wundern, wenn wir einen Kieselsteingarten für ihn bräuchten, fürs Futter genauso wie für seine Hinterlassenschaften.“
Und Frans erinnerte sich an ihre Begegnung mit der friedlichen Oonark-Familie auf dem toten Planeten Sonabir. An mächtige Steinbrecher-Kiefer, rotglühende Augen, ein zebraartig schwarzweiß gestreiftes Vorderteil und einen dicht weiß bepelzten Hintern, der ebenso der Energiezufuhr wie als Schutzwall gegen übermäßige Strahlung diente. Und an die schiere Größe der ausgewachsenen Exemplare.
„Meinen Sie, der hier wird auch mal so groß?“
„Unwahrscheinlich. Der Größenwuchs läßt sich ziemlich einfach beschränken, Zwergformen bringt schließlich auch die Natur ständig hervor, wenn die Nahrungsversorgung zu wünschen übrig läßt.“
„Was ist mit Oog?“
„Der scheint stark nach den gleichen Prinzipien wie unser Grag hier zu funktionieren, ich kann hier jede Menge nanotechnologische Aktivität feststellen, auf der seine Wandlungsfähigkeit beruht.“
Der Matrixstein im Ring an Siwas rechter Hand hatte in mildem blauem Licht zu glühen begonnen, so daß die anderen zwei wußten, er musterte das Cybertier gerade in der matrixgestützten Aurasicht, die einem so viel mehr verraten konnte als normale menschliche Sicht oder normale, menschengemachte Instrumente.
Frans hatte seinen eigenen neu erworbenen Ring, zusammen mit der Karte, wieder in seinen Laptop gelegt, denn er wußte genau, daß es Anfängern wie ihm noch nicht erlaubt war, den Ring ständig an sich zu tragen, so wie es der Dreiergeselle Siwa tun durfte.   
„Hat man diese - Wesen - jetzt erst erschaffen, in dieser kurzen Zeit?“ fragte er jetzt, und war mal wieder beeindruckt.
„Das ist eher unwahrscheinlich. Wir wissen ja, daß dieses Filmprojekt viele Jahre Vorlaufzeit hatte, vielleicht hat man sie schon vor Jahren erschaffen und dann in einem Stasisfeld auf Eis gelegt, bis es Zeit war für sie, geboren zu werden und ihre Rollen zu spielen.“
„Darf ich mal?“ Mit gebührender Vorsicht, eingedenk der scharfen Zähne, die Yiek an Otho/Signy getestet hatte, nahm Frans das Flauschbündel entgegen und strahlte dann selig, als Yiek auch ihn zur Begrüßung „küßte“, und den Kontakt mit einem zufriedenen Kläffen besiegelte.
„Als Kind habe ich mir immer einen Hund gewünscht, aber ich bekam leider nie einen.“ sagte er dann, mit einem Freudentränchen im Auge. „Darf ich mich um ihn kümmern?“
„Müssen Sie wohl sogar, solange unser Grag noch nicht einsatzbereit ist.“ meinte Siwa mit einem Blick auf die stille Statue. „Da fehlt noch die eigenständige Persönlichkeit, die fähig wäre, sich um ein Haustier zu sorgen.“
„Ich dachte, der wird über die Kay gelenkt.“
„Eine eigenständige Persönlichkeit wäre besser, und ich kann mir vorstellen, daß auch da eine Lösung gefunden werden wird. Unsere Crew wächst jedenfalls. Fliegen wir los?“
„Jawollja!“ freute sich Signy und schwang sich in seinen Sitz. Oog saß sechsbeinig auf seiner Schulter festgeklammert und hatte sich per ausgebildetem Pseudo-Schwanz zusätzlich gesichert.
Auch die anderen enterten ihre Plätze, und Yiek dachte gar nicht daran, aus dem Arm von Frans zu entweichen. Und dann erstarrte er, als das Stasisfeld seine kleine Kuppel spannte und Frans schützend umhüllte, schmerzlos versteinert in der Zeitlosigkeit, die er hinterher wahrscheinlich gar nicht als Unterbrechung wahrnehmen würde.

Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #69 am: 1. August 2019, 14:46:53 Uhr »
Siwa überließ Frans den Start, weil sich hier draußen nichts falsch machen ließ. Und der gewöhnte sich mehr und mehr daran, wie simpel der Umgang mit diesem phantastischen Raumschiff war, wo dank voreingestellter Flugparameter selbst der Weg um den halben Planeten herum bis zur Kuppel A-3 ein Kinderspiel darstellte.
Siwa und Signy teilten sich die Kommunikation mit der Luftüberwachung des Planeten und plauschten ein wenig mit dem Wachhabenden der Sfarrk-Patrouille, die im höheren Orbit kreiste und den Planeten insbesondere vor abstürzenden Asteroiden, aber auch feindlichen Annäherungen schützen sollte. Seit der Sache mit dem psionischen Schock, dessen Impaktspuren bis heute als kilometerlange Spur der Verwüstung in der Landschaft des toten Planeten sichtbar waren, wie Siwa Frans in einer eingespielten Filmaufnahme zeigte, wurde die Kommunikation zwischen den Sfarrk als „Hausherren“ auf Nh´Nafress und den Matrixtechnikern, ganz besonders Siwas Truppe, die damals betroffen gewesen war, sehr ernst genommen. 
Und dann, viel zu früh für den Geschmack von Frans, waren sie auch schon da, und Siwa übernahm die Einschleusung in die Kuppel. Leicht wie eine Flaumfeder setzte das viele Tonnen schwere Raumschiff auf der zugewiesenen Landefläche auf ...
„Kein Empfangskomittee. Man will uns wohl noch etwas auf die Folter spannen.“ bemerkte Siwa grinsend. „Die Spannung steigt...“
Sie klinkten sich aus, und diesmal konnte selbst der Flieger-Turkey sie nicht lange behindern.
Draußen steuerten sie einfach das nächstgelegene Gebäude an, eine der großen, in makellosem Weiß prangenden Hallen, die die Standardarchitektur der Werft darstellten. Der Gedankengang dahinter war simpel, es hatte wohl seinen Grund, wenn man ihnen ausgerechnet den Liegeplatz nahe dieser Halle zugewiesen hatte und keinen anderen.
Das riesige Tor glitt vor ihnen auf ...
„Das sind Elfe, Nath und Bonecat!“ erklärte Siwa in Richtung Frans, während sie sich der anderen Gruppe näherten. „Wenn jetzt auch noch Büro, Antony Bryant oder wie er sich gerade nennt, auftaucht, ist die alte Crew von damals wieder komplett. Obwohl Büro in Wahrheit ein Fünfertechniker ist und kein Lehrling wie wir.“
Frans hatte etwas Bammel, weil er auf den ersten Blick erkannt hatte, daß es sich bei zwei der drei humanoid aussehenden Gestalten um Dhoanor, die wehrhaften Katzenwesen, handelte, denen er schon auf Otrona begegnet war. Aber wenn sie zu Siwas Lehrlingstruppe gehörten, mußten sie in Ordnung sein. Dann wurde sein Blick von der einzigen menschlichen und sehr weiblichen Figur angezogen, und irgendwas in seinem Gehirn hakte aus.
„Darf ich vorstellen, Elke Lundquist, genannt Elfe. Ihre Aura strahlt nicht nach außen ab, weshalb sie elfengleich immer unsichtbar zu werden scheint, wenn man sie nicht genau im Blick behält. - Frans Hauser, unser zukünftiger Captain Future.“ stellte Siwa vor.
„Mmhruxx.“ machte Frans, voll auf Elfe fixiert. Seine eine Hand tastete unsicher in ihre Richtung, als wäre er sich nicht ganz klar, ob er ihre Hand schütteln oder eher einen Handkuß verabreichen wollte.
„Frugg am lich brogg.“ erklärte er dann klar und deutlich, und genauso unverständlich.
Die anderen stutzten, was war denn jetzt los - und lachten schallend los, als sie begriffen.
„Äh - was?“ machte Frans verdutzt, und riß sich endlich von dem überwältigenden Anblick direkt vor ihm los. Er verstand nicht, was sie so lustig fanden. Hatte er irgendetwas falsches gesagt?
„Schon gut, Sie sind nicht der erste, der bei ihrem Anblick glatt seine Muttersprache vergißt.“ kicherte Siwa. „Deutsch war das nämlich nicht gerade, und Englisch auch nicht. Und ich bezweifle, daß ein Schwede was damit anfangen könnte - oder eine Schwedin. Elfe, du bist dran.“
„Freut mich Sie kennenzulernen, Frans.“ sagte sie so bezaubernd, wie es ihre Art war, und reichte ihm ihre schlanke, aber trotzdem kräftige Hand.
„Ist der süß. Gehört der Ihnen?“
Sie zeigte auf Yiek, der sich dem Arm von Frans entwunden und stattdessen auf seiner Schulter häuslich eingerichtet hatte, den langen weißen Plüschschwanz als Sicherung wie einen Schal um dessen Hals geschlungen.
Da Yiek über einen kurzen gegenläufigen „Daumen“ an jeder seiner Pfoten verfügte, war er weitaus klammer- und kletterfähiger als ein normaler irdischer Hund.
„Äh, gewissermaßen. Das ist Yiek. Er ist eine Cyder.“ stammelte Frans, völlig verwirrt.
„Ich habe auch eine bekommen, das ist Oog.“ sprang Signy für den im Moment geistig nicht ganz zurechnungsfähigen Schauspieler ein und zeigte auf das, was auf seiner eigenen Schulter parkte.
„Sie sind für den Film. Wir dachten, sie würden per Animation eingefügt, aber die Firma klotzt mal wieder, die wollen alles realistisch.“
„Und ich soll die Joan spielen, habt ihr das gedacht?“ lachte sie silberhell. „Vielleicht färbe ich mir die Haare ein, sie soll ja brünett sein - Nein?“ machte sie dann verdutzt, weil Signy und Siwa zeitgleich lautstark „Nein!“ bellten.
„Du gefällst uns so wie du bist.“ lächelte Siwa, „und die Kinogänger werden dich genauso lieben - jedenfalls solange sie dich sehen können.“
Sie wußte genau, was gemeint war, weil sie einen gespielten Faustschlag gegen Siwa führte, der fröhlich einen Volltreffer schauspielerte und schräger nach hinten umkippte, als normalerweise menschenmöglich war, noch auf den Beinen zu bleiben, aber selbstverständlich war es seine Matrix, die ihn in der Luft festhielt und verhinderte, daß er unfein auf dem Hintern landete. 
„Irgendwer meinte wohl, daß sich inmitten einer Menschenmenge und trotz guten Aussehens unsichtbar machen zu können, ideal wäre für eine Geheimagentin.“ spekulierte Signy mit ungetrübter Golem-Logik.
„Ganz so, großer Meister. - Ist dein Haustier müde?“
Weil Oog sein wandlungsfähiges Maul zu einem gigantischen Gähnen aufgerissen hatte, in dem Signys Kopf beinahe verschwinden konnte. Prompt ließ sich auch Yiek davon anstecken.
„Das war wohl etwas viel für den allerersten Tag der beiden, sie wurden erst vor unserem Abflug hierher geboren.“ meinte Siwa. „Wird Zeit fürs Bettchen - haben wir irgendwas geeignetes, wo wir sie hinpacken können?“
Einer der zwei Dhoanor, die ein paar Schritte abseits standen aber mit gespitzten Katzenohren eifrig zuhörten, winkte mit seiner Pranke und eilte davon, kramte in einem großen Industrieregal im Hintergrund, und kehrte gleich darauf mit zwei gefalteten Tüchern zurück. Deren knallgelbe Farbe bewies, daß er sie aus einem Erste-Hilfe-Kasten entwendet hatte, denn die Dhoanor-Heiler benutzten seit antiken Zeiten einen scharfen Pflanzensud als Desinfektionsmittel, der nebenbei auch alles was er berührte knallgelb einfärbte, weshalb die Farbe als Synonym des ganzen Berufsstandes galt.
„Danke, Nath.“ sagte Siwa, nahm die Tücher entgegen, schüttelte sie auf volle Größe aus und faltete und knotete sie dann, so daß sich zwei Tragebeutel ergaben. In die sich anschließend Yiek und Oog ohne jede Widerrede verfrachten ließen, man sah noch die aufblitzenden Zähnchen von zwei weiteren gewaltigen Gähnanfällen, und dann versanken die Tierchen erschöpft im gelbem Stoff. Signy und Frans hingen sich vorsichtig ihre Beutel um.
„Womit füttern wir sie eigentlich, wenn sie wieder aufwachen?“ fragte Signy dann.
„Wartet einen Moment.“ Siwa aktivierte seine Matrix und flog davon, von unsichtbaren Kräften getragen. Die anderen warteten geduldig, wobei Frans es nicht schaffte, seine Augen von Elfe zu lassen. Sie ließ sich die Bewunderung gerne gefallen, wußte sie doch genau um ihre Wirkung auf die männliche Welt, wenn einer es mal schaffte, sie trotz ihres Unsichtbarkeits-Effekts im Blick zu behalten.
Signy sah sich das ungefähr eine Minute an, und sagte dann: „Frans, auf ein Wort. - Privat.“ Und deutete auf den Hintergrund.
„Okay.“ machte Frans, völlig abgelenkt, und ließ sich wegziehen. Doch erst als Signy sich zwischen ihn und Elfe stellte, so daß der Blickkontakt unterbrochen wurde, konnte er sich so weit konzentrieren, daß er überhaupt wahrnahm, was zu ihm gesprochen wurde.