Autor Thema: CF der Film - Version 2772  (Gelesen 9483 mal)

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Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #30 am: 23. August 2016, 16:55:31 Uhr »
Nachdem die Begrüßung ordnungsgemäß vollzogen war, stellte Siwa seinen Gast vor. Er sprach Dhoanor, so daß auch Frans den Inhalt verstand, allerdings eine spezielle förmliche Sorte, die für offizielle Anlässe geschaffen und weitaus komplexer war als das lässige, kurz abgehackte Pidgin-Dhoanor, das Frans bisher gehört und benutzt hatte.
„Sie (hochgeehrte Persönlichkeiten) sehen hier vor sich (genannt) Frans (aus der Brutstelle) Hauser vom (Herkunft) Planeten Erde, Heimat der (Spezies) Menschen.“ begann Siwa mit dem komplexen Sermon.
„Auserwählt wurde er für eine wichtige Aufgabe von den (Spezies) Benu, gebracht durch (Zauber) Teleportation nach (Schwesternest) Otrona Eins. Empfangen von (mir) (genannt)Siwa (aus der Brutstelle) Hendricks, Diener der (Spezies)Benu und (Ehrentitel)Schützer der Nester. Hergebracht über (Umweg)(Rohstoff)Sonabir, um (genannt)Ennar (aus der Brutstelle)Ektheb zu (bewittern)treffen. Die Überlieferung der (böses Ereignis)Invasion vor einigen Stationsjahren soll nach Wunsch (dringend, mächtig) der (Spezies)Benu als Köder (Beutefang) dienen. Geplant ist ein Köder visueller Art, nach Art von (Spezies, Spezies)Mensch/Dhoanor- TriVi. Das ist die vorrangige Aufgabe (Bestimmung) von (genannt)Frans.“
Ungefähr so ließ sich die Vorstellung mit allen Inhalten und Wortbedeutungen übersetzen.
„Allerdings haben die Benu offengelassen, daß Frans vielleicht dauerhaft in ihre Dienste übernommen wird, wenn er sich als würdig erweist. Meine designierte Aufgabe ist bis dahin, ihm so lange als Führer und Lehrer zu dienen, bis ein anderer bestimmt wird. Sein Aufenthalt heute ist begrenzt auf etwa noch fünf Varilax, danach wird er vermutlich erst einmal nach Hause zurückgeschickt, bis eine Entscheidung von höherer Stelle getroffen wird.“
Nach dieser ausführlichen Erklärung schwieg Siwa erst einmal und wartete ab, damit die Drohnen-Würdenträger sich untereinander austauschen konnten. Das geschah wortlos, nur durch gemäßigtes Gestikulieren der jeweils vier Arme jeder Echse.
„Köder Frans. Wir sind geehrt.“ sagte dann die zweite im Rang, und nickte in Richtung Frans. Denn dem jeweils Höchstrangigen vor Ort geziemte es nicht, selbst das Wort an einen noch Fremden zu richten.
Der Schauspieler begriff zum Glück, wie das leichte Nicken gemeint war, auch ohne daß Siwa ihm einen Knuff verpassen mußte, und antwortete mit einer weiteren Verneigung. So wie das Wort „Köder“ ausgesprochen worden war, wurde es als Ehrentitel aufgefaßt, nicht als Beleidigung. Unter fleischfressenden Raubtieren wie den Sfarrk mit ihrem ganz eigenen Ehrenkodex mochte es tatsächlich eine Ehre sein, als Köder die Aufmerksamkeit von gefährlichen Beutetieren auf sich zu lenken, damit die Jäger sich unbemerkt von hinten anpirschen konnten. So gesehen hatte Siwa ihn hier gleich auf ziemlich hohem Niveau eingeführt, genauso wie vorher bei Ektheb. 
Er blieb still, darauf gespannt, wie die Echse fortfahren würde.
„In welchen Revieren wird die geplante Jagd stattfinden?“
 Die Frage galt Frans und Siwa gleichermaßen.
„Wir planen die Beute aus jedem Nest hochzuscheuchen, egal wo sich dieses befindet. Auf den Welten dieses Systems, auf Nh´Nafress oder auf der Erde. Und auch hier, falls sich hier ein neues Nest gebildet hat.“ antwortete Siwa, weil er den Inhalt der Frage begriff. „Zuerst jedoch muß der Köder in Form des TriVi-Produkts gefertigt werden. Die genauen Einzelheiten dazu werden Ihnen übermittelt, sobald sie festgelegt sind, weil zweifellos Ihre Unterstützung dazu erbeten wird.“ 
„Wir fühlen uns geehrt.“ entgegnete die Echse, und es folgte eine neue Runde Verbeugen.
Auf diese Weise wurden wichtige Punkte anerkannt und besiegelt, erkannte Frans.
„Ennar Ektheb wurde bereits von uns informiert. Auch er brennt darauf, an der Jagd teilzunehmen.“ fügte Siwa der Höflichkeit halber an, obwohl die Sfarrk das dank ihres umfassenden Nachrichtendienstes längst wußten.
„Eine Viele-Rassen-Jagd. Benu, Menschen, Dhoanor, das Volk. Selten und anmutig. Wir sehen den Anweisungen freudig entgegen.“
Worauf es an Frans und Siwa lag, per Verneigung das Gesprochene zu bestätigen. Aber... hatte nicht soeben die höchstrangige Echse gesprochen? Was nur bedeuten konnte, daß ein noch größerer Hai im Becken war... der jetzt erst beschloß, sich zu offenbaren.
Der Samtvorhang, der scheinbar die hintere Wand kaschierte, wurde nach beiden Seiten weggezogen, und dahinter, geschützt durch eine unsichtbare Kraftbarriere, die Siwa über seinen Ring anmessen konnte, kam eine Fortsetzung dieses Raums zum Vorschein, ebenfalls eine orientalisch wirkende Landschaft aus Teppichen, Kissen und Samtvorhängen, und über die ganze Länge der Lederkissenfront ausgestreckt lag eine Art Berg-und-Tal-Landschaft aus etwas Massigem, Dunkelbraunem, das nach oben in einem gezackten Kamm auslief... ein geradezu gigantisches Reptil von etlichen Metern Länge. Keine Sfarrk-Echse, sondern etwas anderes, viel größeres und dunkler gefärbtes, das Frans nach kurzem Überlegen in die nahe Verwandtschaft der Gattung Spinosaurus einordnete, der zweibeinigen Raubsaurier mit langem, flachem, alligatorähnlichen Kopf, langem Schwanz und dem auffallenden Rückensegel, hier allerdings mit einem viel flacher geratenen Rückenkamm, der wie ein zackiges Gebirge in die Höhe stand.
Er bemerkte, daß Siwa in seiner hockenden Sitzstellung den Kopf zwischen die Knie nahm, und folgte sofort der Bewegung. Bei solch einer tiefen Verbeugung konnte das nur bedeuten, daß er hier soeben der Brutkönigin selbst begegnete. Und einer Königin konnte man schon mal Ehre erweisen, selbst wenn sie eine Echse war.
Ein paar kleine und ungewöhnlich hell in gelblichen und hellgrünen Tönen gefärbte Echsen, die persönlichen Nest-Dienerinnen der Königin, waren um sie herum, bereit, jeden ihrer Wünsche sofort zu erfüllen. Aber sie verließ sich nicht nur auf Dienerinnen, sondern hatte auch einiges an technischen Geräten, insbesondere Bildschirmen um sich herum, die ihr vermutlich in ihrem abgeschiedenen, tausendfach gesicherten Leben im Nest die nötigen Informationen von außerhalb und auch jede Art von Unterhaltung lieferten.
Mikrophone in beiden Hälften des geteilten Raums übertrugen die Laute der Königin, ein tiefes Knurren und Grollen, Quietschen und zwitscherndes Pfeifen bis zu ihrer Runde. Anders als ihre Untergebenen bemühte sie sich nicht, Dhoanor zu sprechen, obwohl sie die Sprache ohne jeden Zweifel beherrschte. Siwa lauschte aufmerksam. Da er oft mit der Rasse zu tun bekam, hatte er sich ein Hypnoprogramm zum Erlernen der Sfarrk-Sprache einverleibt und bekam daher zumindest einen Teil des Gesprochenen mit.
Die Königin war selbstverständlich neugierig auf diesen Gast, den die Benu und Siwa ihr ins Nest geschleppt hatten, und wollte Einzelheiten wissen.
Nach der angemessenen Höflichkeitsfrist in der Verbeugung richtete Siwa sich wieder in seine sitzende Stellung auf, und Frans folgte seinem Beispiel, gespannt, wie der übersetzte Kommentar der Königin lauten würde.
„Sie stammen von der Erde, Köder Frans?“ fragte die höchstrangige Echse in dieser Hälfte des Raumes.
„Von der Erde der Vergangenheit, siebenhundert Jahre von hier.“ antwortete Frans wahrheitsgetreu.
„Wir denken, daß es eine tiefere Bedeutung hat, wenn die Benu durch die Zeit zurückgreifen, um eine geeignete Person hierherzubringen für diese Jagd.“ fügte Siwa ergänzend hinzu. „Die Beute scheint an mehr Orten zu sein, als uns hier zugänglich sind. Oder in mehr Zeiten.“
Siwa wußte, daß seine Mutmaßungen, was die Zeitdifferenzen zwischen dieser Dimension und der des „Unsichtbaren Feindes“ betraf, auch an die Ohren der Sfarrk gedrungen waren.
„Die Beute folgt dem Köder. Vielleicht schon heute, wenn die Jagd durch die Zeiten geht.“ begriff die Sfarrk, und dann folgte eine längere stumme Kommunikation unter den Eidechsen, sorgfältig beobachtet von ihrer Königin, die alle Gesten über ihre Kamera-Batterie sehen konnte.
„Was geschah vor siebenhundert Jahren auf der Erde?“ fragte die Echse dann.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #31 am: 25. August 2016, 16:07:53 Uhr »
„Das war eine Zeit allgemeinen Fortschritts, kurz nach zwei Weltkriegen und kurz vor noch viel gewaltigeren Umbrüchen, die die ganze Menschheit veränderten... und an denen möglicherweise Agenten des Feindes Anteil hatten. Eine Zeit, in der kleine Eingriffe gewaltige Veränderungen zur Folge haben könnten.“
„Die Benu planen Veränderungen der irdischen Vergangenheit?“
„Verborgene Veränderungen, die uns nicht auffallen würden, weil alles was in der Vergangenheit geschieht, bereits geschehen ist.“ erinnerte Siwa, der sich seit der Entdeckung der Zeitmaschine mit Zeit-Theorien intensiv auseinandergesetzt hatte. Und er wußte genau, daß die Sfarrk ab sofort alles an Informationen abfischen würden, was sie über die irdische Vergangenheit bekommen konnten.
„Aber vielleicht gibt es andere Zeitlinien, in denen alles ganz anders abläuft, die jederzeit verändert werden könnten.“
Und er erwähnte, daß Frans eigentlich in seiner Zeit einem Brand zum Opfer fallen mußte.  Den er jetzt die Chance hatte zu verhindern, vorausgesetzt daß er zurückkehrte, und vorausgesetzt, daß er sich dort an seinen Aufenthalt in der Zukunft erinnerte.
Abermals stumme Diskussion.
„Haben Sie Neuigkeiten aus Ihrem Nest, Nestbeschützer Siwa?“ lautete die nächste Frage.
 „Meine Aufgabe hier ist nur, auf Frans aufzupassen, während er hier beweist, daß er für seine Aufgabe tauglich ist. Ich habe noch keine Neuigkeiten von Nh´Nafress erhalten. Aber ich bin ziemlich sicher, daß auch ich auf die Jagd gehen werde, sobald sich die Beute zeigt. Ich habe den Unsichtbaren Feind schon einmal gejagt, wie Sie wissen, und ich werde nicht zögern loszuspringen, wenn mir etwas vor die Zähne kommt.“
Dazu zeigte er ein bewußt zahniges Grinsen, das von der Echsenrunde erwidert wurde, es war das Zeichen von Angriffswillen.
„Bestehen Gefahren für diese Station?“
„Im Augenblick ist mir und meinem Nest nichts bekannt, sonst hätte man mich informiert. Die Sfarrk haben tausend Augen und Ohren, wir bauen auf Ihre Wachsamkeit. Wir alle wissen, auf welche Weise sich der Unsichtbare Feind zu erkennen gibt.“
Da Siwa besser als die meisten anderen über die Fähigkeiten der Sfarrk Bescheid wußte, hatte er frühzeitig dafür gesorgt, daß alles Wissenswerte über die Vorgänge auf Nh´Nafress auch an die Brutköniginnen weitergeleitet wurde, denn bessere Aufpasser als die Sfarrk gab es nicht. Als nichthumanoide und zugleich sehr kommunikationsfreudige Lebensformen, die jeden ungewöhnlichen Vorgang sofort weitermeldeten, waren sie auch durch Dementorfelder und ähnlich hinterhältige Tricks des Feindes nicht so leicht zu beeinflussen wie insbesondere Menschen, die lieber an Sinnestäuschungen glauben wollten, als Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden.
„Welche Aufgabe erfüllen Sie in Ihrer Zeit, Köder Frans?“ fragte dann eine der niedrigerrangigen Echsen.
Was für Siwa hieß, daß man nach Austausch der wichtigeren Informationen jetzt zum Smalltalk überging, wie es bei den Sfarrk üblich war. Ab sofort hörten die Höchstrangigen nur noch zu und schnappten sich hin und wieder Brocken heraus, die sich auf ihre Weise als wichtig erweisen konnten.
„Ich bin Schauspieler. Einer der vielen, die in irdischen TriVi-Sendungen so tun als ob. Vor meiner Ankunft in dieser Zeit hatte ich noch nie Kontakt zu nichtmenschlichen Spezies, deshalb verzeihen Sie mir bitte, falls ich in meiner Unwissenheit Fehler begehen sollte, und scheuen Sie sich nicht, mich darauf hinzuweisen.“ antwortete Frans und verneigte sich wieder. Denn ein kleiner Hinweis auf seinen Mangel an Erfahrung konnte im direkten Gespräch sicher nicht schaden. Der geschuppte Fragesteller verneigte sich prompt zurück, der Punkt war ange-kommen.
„Die Benu lieben es, Leute ohne Vorwarnung ins kalte Wasser zu werfen, und diesmal hat es Frans erwischt.“ ergänzte Siwa genüßlich.
Echsenmäuler verzogen sich in die Breite, sie kannten die irdische Metapher, und das Humorverständnis der Benu schien auch den Sfarrk zu liegen.
Die nächsten Fragen galten Siwa, es ging um geplante oder zu erwartende Flugrouten des „Feuerzahn“, um Frachtverträge und Lieferungen, um technische und andere Neuerungen, die die Sfarrk zu erwerben gedachten oder liefern konnten.  Frans schwieg, hörte zu und lernte. Kooperation unter verschiedenartigen Rassen zum gegenseitigen Nutzen schien auf der Raumstation üblich zu sein - oder zumindest zwischen den Benuna, vertreten durch Siwa, und den Sfarrk. Die Verantwortung für die Vereinbarungen schien voll bei Siwa zu liegen, da dessen Lehrer und Vorgesetzter sich bis jetzt nicht hatte blicken lassen, aber die Aliens schienen aus Erfahrung zu wissen, daß die Sache bei dem jungen Mann gut aufgehoben war.
Und dann waren sie irgendwann fertig, Siwa verneigte sich abermals tief, tiefer, am tiefsten gegenüber der Königin hinter ihrer Schutzwand, Frans imitierte die Bewegung, und der Vorhang schloß sich lautlos.
Siwa erhob sich, etwas staksig vom langen Sitzen, und verneigte sich jetzt der Reihe nach gegen die Sfarrk im Raum, wobei er lauten Dank für die Audienz äußerte. Dann war Frans an der Reihe. „Ich danke Ihnen höflichst für diese einzigartige Erfahrung, die wohl keinem anderen Menschen meiner Zeit jemals vergönnt sein wird.“ sprach er, und verneigte sich, wie er es sich von Siwa abgeguckt hatte.
Die Sfarrk gaben die Verbeugungen zurück, jede so tief, wie es ihrem oder seinem Rang gebührte, und dann wurden die zwei Menschenjungen von der Hüterin der inneren Tore zurück nach draußen geführt, so weit man inmitten einer Raumstation von „draußen“ sprechen konnte.
„Draußen“ auf der Gasse dann eine höfliche Verabschiedung von ihrer Führerin, und dann war dieser Pflichttermin erledigt.
Frans atmete tief durch, er merkte erst jetzt, welchen Streß diese Begegnung der außerirdischen Art bei ihm verursacht hatte, da das Adrenalin langsam abgebaut wurde.
„Bitte nicht noch einen Alien-Termin!“ bat er seufzend, eine Hand auf sein aufgeregt flatterndes Herz gedrückt, bevor Siwa sich ein weiteres Highlight ausdenken konnte. „Das reicht erst einmal für meine angegriffenen Nerven!“
Der Junge lachte ihn nur an, aber er war solche Begegnungen natürlich gewöhnt und machte sich nicht mehr ins Hemd, wenn er zähnestarrenden, geschuppten und sehr fremdartigen Gesprächspartnern gegenübersaß. 
„Ist Ihnen bei dieser Besprechung was aufgefallen?“
„Hm... daß man uns nichts zu essen angeboten hat?“
„Gut erkannt.“ grinste Siwa. „Sfarrk bei einer Mahlzeit, das wollen Sie gar nicht miterleben, glauben Sie mir. Die bevorzugen ihr Futter am Stück und noch zappelnd, wenn Sie verstehen. Und umgekehrt ist ihnen ein Rätsel, wie wir mit längst toter Nahrung zurechtkommen. Deshalb wird bei Besprechungen mit anderen Rassen generell auf Snacks verzichtet, das macht es für alle Seiten angenehmer. Bei längeren Runden werden nur Getränke gereicht und ist es für unsereiner ratsam, vorher auf Vorrat zu essen. Da fällt mir ein, holen wir uns was, bevor Sie zurückgeschickt werden? Wir wissen ja nicht, wie lange dieser Transfer dauern wird, und Jägerglück gibt´s hier in Mengen.“
Da das Zeug beim ersten Mal nicht übel geschmeckt hatte für eine rein vegetarische Mahlzeit, ließ Frans sich gerne überreden. Siwa kannte natürlich die Lokale der Raumstation und suchte eines aus, wo nicht mit ätzenden Alien-Spirituosen zu rechnen war.
„Dhoanor begießen sich eher selten die Nase, das scharfe Zeugs gibt es in speziellen Bars.“ erklärte er Frans. „Hier trinkt man Wasser, Less, Tee oder andere nichtalkoholische Sachen.“   
Sie nahmen auf den dicken Lederpolstern nach Dhoanor-Art Platz und inspizierten die Inhalte der Speisekarten, die als Hologramme vor ihnen auftauchten.
„Bestellen Sie was Sie wollen. Ein bestimmter Tagessatz an Credits für Lebensmittel ist in den allgemeinen Kosten für einen Aufenthalt auf der Station inbegriffen, und für den Rest steht mein Arbeitgeber, die Benu Incorporated gerade. Benuna haben hier immer Kredit, das wird automatisch abgerechnet.“ forderte er Frans auf.
Also blätterte Frans die immaterielle Speisekarte durch, fragte ein paarmal nach, weil er sich unter bestimmten Bezeichnungen für einheimische Gerichte nichts vorstellen konnte - die Siwa geduldig erläuterte - und traf seine Wahl. Er bewies Mut, indem er sich auf Spezialitäten einließ, deren Existenz er bis dahin noch nicht einmal geahnt hatte und die vermutlich von einem halben Dutzend fremder Welten stammten, aber Siwa versicherte nochmal, daß hier alles für menschliche Geschmacksnerven und Mägen geeignet war, nur etwas grobfaserig, wenn es sich um ein Dhoanor-Gericht handelte, weil die Katzenartigen gerne Widerstand zwischen den Reißzähnen spürten.
„Die Speisekarten werden nach Rasse des Kunden ausgegeben. Bei potentiell Unbekömmlichem finden Sie einen Warnhinweis.“ bemerkte er dazu, und in der Tat enthielt die Speisekarte auch derartige Vermerke, die Frans genau studierte.   
„Was macht die Uhr?“ fragte Siwa dann, als sie auf ihre Bestellungen warteten.
„Noch zwei Stunden.“ antwortete Frans nach einem Blick auf den Zeitmesser, den nur er sehen konnte. „Haben wir wirklich so viel Zeit bei den Sfarrk verbracht?“
„Und bei Ektheb vorher, und unterwegs. Die Zeit rast auf diesen Raumstationen, als säße man auf einem Stern aus exotischer Materie.“ Er nippte an seiner Tasse Less, das Getränk, das auch Frans diesmal zu probieren wagte. Es schmeckte wie verdünnte warme Milch mit einer Vanille-Note, kein Wunder, daß die katzenartigen Dhoanor es sehr gern tranken.
„Was meinen Sie wird passieren, wenn die Zeit abgelaufen ist?“
„Man wird Sie zurückschicken, genauso wie man Sie hergeholt hat, vermute ich mal. Damit Sie dort Ihre Angelegenheiten ordnen... und natürlich diesen Brand aus der Welt schaffen können.“
Der Brand, das hatte Frans fast vergessen, oder eher verdrängt? Er konnte nur beten, daß nicht irgendein böser Trick der Zeit ihm diese Erinnerung aus dem Hirn löschte...
Die Vorspeise kam, und Frans kostete, zuerst vorsichtig, dann mit zunehmendem Genuß.
„Oh, das ist lecker.“ machte er, und die nächsten Minuten gebührten allein dem Essen. So schlecht lebte es sich nicht an Bord einer außerirdischen Raumstation, dachte er. Der Hauptgang entsprach der Vorspeise in Qualität. Frans hatte sich eine Probierplatte bestellt, die kleine Portionen verschiedener Gerichte, von deftig bis süß, enthielt, und Frans fand sie alle ganz akzeptabel. Manches stammte ursprünglich von der Erde, anderes war undefinierbar, aber er vertraute auf die Auszeichnungssysteme des Restaurants und auf Siwa, der ihn vor unbekömmlichem sicher gewarnt hätte.
„Vielleicht sollte ich nicht so viel essen vor meiner Rückreise.“ sagte er irgendwann, bedauernd auf die verbliebenen Leckerbissen blickend. Vielleicht wurde ihm unterwegs ja übel, wenn sein Magen so voll war.
„Stellen Sie sich nicht zu viele Horrorbilder vor, sonst könnte das eine oder andere davon wahr werden.“ warnte Siwa ihn prompt. „Sie dürfen nie vergessen, Feind hört potentiell mit.“ Dabei deutete er mit dem Daumen nach oben, Richtung Weltraum - der von hier aus in allen Richtungen gleichermaßen lag. „Die Benu sind berüchtigt für ihren fiesen Humor, also geben Sie ihnen nicht noch Steilvorlagen, was für fiese Sachen sie mit Ihnen anstellen könnten, wenn sie Ihnen Ihre Gedanken aus dem Hirn pflücken. Die sorgen sonst für Achterbahnfahrt oder schlimmeres auf Ihrer Rückreise. Halten Sie Ihre Phantasie immer im Zaum, während Sie in dieser Zeit weilen.“
„Ja, richtig.“ Wenn Siwa es sagte - der Junge mußte es wissen. Und die Realität hier war ja eigentlich phantastisch genug, da mußte Frans nicht extra schwarzmalen. Nachdenklich blickte er wieder auf die Uhr, die nur er wahrnehmen konnte, solange Siwa ihn nicht berührte. Und mußte feststellen, daß die allerletzte Stunde bereits lief. Wo war nur die Zeit geblieben? Oder lief diese Uhr nach einer anderen Zeiteinteilung, sprang nach Belieben vorwärts oder dehnte und stauchte die Minuten? Nachdenklich pickte er die letzten Reste von seinem Teller, denn übriglassen wollte er nichts von den Köstlichkeiten.
„Ich fürchte, wir müssen bald abschiednehmen.“ sagte er dann, nachdem er das Geschirr zur Seite geschoben und vornehm die Serviette benutzt hatte. Auch Siwa war mit seiner Mahlzeit inzwischen fertig.
Die beiden sahen sich ruhig und ernst an. In der kurzen Zeit dieser drei Tage - waren es wirklich nur drei irdische Tage gewesen? Es wirkte wie Wochen, jetzt im Nachhinein -- hatten sie sich aneinander gewöhnt und hätten gerne noch mehr Zeit miteinander verbracht, mehr Abenteuer erlebt, mehr neues voneinander gelernt. Aber wenn Frans sich als würdig erwiesen hatte, würde ihre Trennung hoffentlich nicht für immer sein --
Frans stand auf. „Ich danke Ihnen für diese drei Tage, Siwa.“ sagte er und verbeugte sich, wie er es in dieser Zeit gelernt hatte, so förmlich wie die Sfarrk, oder so gut es ihm möglich war.
„War mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Frans.“ sagte Siwa und streckte ihm die Hand entgegen, die Frans nahm und drückte. „Auf ein Wiedersehen, und hoffentlich bald.“
Und was Frans bisher schon vermutet hatte, geschah, denn die Zeitanzeige auf der Uhr veränderte sich. Er hatte sich schon vorher gedacht, daß mit dieser Illusion etwas nicht stimmte, denn aus den dreißig Minuten, die noch übrig waren, wurden mit einem Schlag drei letzte Sekunden - eine kleine Gemeinheit der Benu? Oder hatte Frans schlicht alle Anforderungen erfüllt, so daß der Rest der Zeit nicht mehr benötigt wurde, da keine Bedingungen mehr zu erfüllen waren? --
--- und da war der Wirbel wieder, den er schon einmal gefühlt hatte, aber diesmal vergleichsweise dezent, wie eine lockere Brise, die um ihn herumwirbelte, sanft und doch machtvoll genug, ihn in die Luft zu heben, weg von Siwa, dessen staunende graue Augen und ein dezentes Winken seiner Hand das letzte waren, das er von dieser Zeit wahrnahm---
 
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Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #32 am: 26. August 2016, 12:22:23 Uhr »
Zurück in der Gegenwart

---Und dann öffnete er seine Augen, wobei er nicht wußte, wann - oder wo? - er sie geschlossen hatte. Es war unangenehm warm, und er fand sich halbnackt bis auf seine Shorts, die übrigens seine eigenen waren ...
Er war wieder zuhause. In seiner kleinen, von der Sonne den ganzen Tag aufgeheizten Bude unter dem Dach eines alten, gewöhnlichen Backsteinhauses auf der Erde, irgendwo in L.A.
... ein Ort, der ihm im ersten Moment fremder vorkam als das Restaurant irgendwo in einem anderen Teil der Galaxis, auf jeden Fall beengter, primitiver, altmodischer, einfacher, überhitzter...
Hatte er das ganze nur geträumt? Ein besonders intensiver kurzer Traum, ausgelöst von der drückenden Schwüle in seiner Bude nach einem langen mühevollen Tag auf der Suche nach Arbeit?
Er sah sich um, aber nichts schien verändert zu sein. Der Becher Erdbeermilch stand da, wie er ihn aus dem Kühlschrank geholt hatte, unverändert, nicht einmal der dünne Beschlag mit Kondenswasser auf der Oberfläche war inzwischen verdampft. Aber dann entdeckte er...
... vor ihm auf dem Boden stehend -, da war der bunte Kunststoffbeutel, in dem sich seine „Souvenirs“ von Sonabir befanden, den er doch gar nicht bei dem Spaziergang auf Otrona dabeigehabt, sondern im Schiff zurückgelassen hatte? ---
-- Und neben dem grellbunten Beutel und noch viel prominenter stand ein weiterer Gegenstand, kastenartig und weinrot mit einem Emblem in Gold, ein aufsteigender Phönix, nein, ein Benu... Siwas Laptop???
Jetzt war er völlig verwirrt. Siwa war doch dort zurückgeblieben, warum hatte er Frans seinen Laptop mit- oder hinterhergeschickt? --
...aber da war doch noch etwas, was er in seiner Eigenzeit erledigen mußte - wie lange war das jetzt her, und wie viel Zeit blieb ihm noch, wenige Minuten, drei Tage oder gar mehr als sieben Jahrhunderte?...
...der Brand! Frans schoß hoch, und ohne sich etwas überzuziehen, raste er aus seiner Wohnung. Zwei Stockwerke tiefer war das Feuer ausgebrochen, durch einen vergessenen Topf auf dem Herd... die Wohnung links konnte er vergessen, das Ehepaar arbeitete den ganzen Tag, wenn die an diesem Morgen etwas auf dem Herd vergessen hätten, hätte es schon vor Stunden gebrannt. Aber rechts wohnte der alte Mr. Broszinsky, der zunehmend schusseliger wurde, ein echter Vergessens-Kandidat. Frans läutete, und als sich nichts tat, trommelte er an die Tür.
Wieder nichts, Broszinsky schien ausgegangen zu sein, als Rentner liebte er geruhsame Spaziergänge. Frans schnüffelte an den Türritzen. Wenn es da drin schon lichterloh gebrannt hätte, hätte er es riechen müssen, so dicht schlossen die Türen in diesem Haus nicht. Aber da war kein Rauchgeruch, also war es noch ungefährlich einzudringen, er mußte noch nicht damit rechnen, daß ihm eine Feuerwalze entgegensprang.
Die Wände in diesem Haus waren dünn und die Türen noch dünner. Der zweite energische Tritt ließ das Sperrholz rings um das Schloß splittern, nach einem dritten Tritt stand Frans in der Wohnung. Kein Brandgeruch, aber etwas anderes, intensiv-metallisch... er hielt sicherheitshalber die Luft an. In der Küche kam ihm Hitze entgegen, mehr als in dieser zur Zeit der Sonne abgewandten Wohnung normal war. Auf dem eingeschalteten Elektroherd stand ein Metalltopf, der vermutlich nichts anderes als Wasser enthalten hatte, weil es nicht verschmort roch, nur zunehmend metallisch, weil das Wasser sich längst verflüchtigt hatte und die Hitze jetzt dem Topf selbst zusetzte, sowohl die Unterseite des Topfs wie auch das Kochfeld glühten bereits in beginnendem dezentem Rot. Mit einem Satz war Frans am Herd und schaltete ihn ab. Dann umwickelte er seine Hand mit einem Handtuch und schob den Topf auf eines der abgeschalteten Felder. Er mußte dazu Kraft aufwenden, der Topfboden hatte bereits damit begonnen, mit dem Herdfeld zu verbacken.
Und jetzt - reichte das, oder mußte er noch etwas tun? Der Ofen mußte von selbst abkühlen. Aber da er nicht wusste, ob in dem älteren Modell schon die Isolierungen schmorten und erste Flämmchen leckten, verzichtete er auch darauf, das Fenster zu öffnen, um dem Metallgestank nach draußen zu lassen. Wenn da wirklich was zu brennen gedachte, sollte es nicht zusätzlichen Sauerstoff erhalten. Ein Löschen ohne Feuerwehr wäre ohnehin schwierig gewesen, weil es die Vermieterin bis heute vermieden hatte, die eigentlich vorgeschriebenen Feuerlöscher oder Feuerwehrschläuche samt Anschluß im Hausflur zu installieren.
Er sah sich prüfend um. Die Umgebung des Herdes war gefliest, ein Überbleibsel der Zeit, als in diesem Haus noch Kohlefeuerung üblich war - gut, da konnte sich die Hitze nicht so schnell fortpflanzen. Und so modern, daß es einen Dampfabzug über dem Herd, übrigens einer der häufigsten Brandherde in modernen Küchen, gegeben hätte, war dieses Haus nicht, dafür gab es ganz altmodisch ein Küchenfenster.
Sicherheitshalber räumte er diverse Handtücher und andere Dinge, die leicht brannten, von der nächsten Umgebung des Herdes weg, und da hörte er hinter sich auch schon Schritte und Stimmen. Seine Demontage der Tür war nicht unbemerkt geblieben.
 „Sorry. Mr. Broszinsky hatte was auf dem Herd vergessen. Das wäre fast schief gegangen!“ erklärte er seinem glotzenden Publikum draußen auf dem Flur. Und erst dann erinnerte er sich wieder, daß er etwas dürftig bekleidet war, und verfügte sich mit einigen Entschuldigungen zurück in seine eigene Wohnung. Bei so viel Aufmerksamkeit konnte da unten nichts mehr passieren. Denn wie Frans wusste, würden die lieben Mitbewohner die Gelegenheit nutzen, um die Wohnung des vergeßlichen Mr. Broszinsky unter die Lupe zu nehmen, bis die Tür ersetzt war. Da konnten sie auch gleich auf den abkühlenden Herd aufpassen. Auf ihn wartete etwas viel interessanteres - ein Laptop aus dem 28. Jahrhundert...
Als er sich wieder auf seine Couch begeben hatte und sich das Gerät näher besah, bemerkte er, daß auf der Unterseite etwas klebte. Es war ein ganz normaler Zettel, mit Klebeband befestigt, und darauf stand handschriftlich vermerkt: „Bei Problemen Tom Richards anrufen, Federal Security Agency“. Die saubere, gut lesbare Schrift war vielleicht die von Siwa. An einen Tom Richards konnte Frans sich nicht erinnern, und auch nicht, daß Siwa ihn erwähnt hätte. Aber Federal Security Agency, das kam ihm bekannt vor. Das war ein Geheimdienst, wenn er sich nicht irrte, einer von der ganz geheimen Sorte. Hatte Siwa dort etwa einen frühen Verwandten?
Er beschloß, die Spekulationen erst einmal sein zu lassen, und versuchte den Laptop aufzuklappen. Aber das funktionierte nicht. Das Gerät schien irgendwie versperrt zu sein, realisierte er nach ein paar Minuten, in denen er vergeblich irgendeinen versteckten Öffnungsmechanismus suchte - neben dem offensichtlichen, der nicht funktionierte. Bei einem High-Tech-Gerät aus der Zukunft ging er davon aus, daß es sich nicht um einen einfachen Defekt handelte. Aber er konnte auch nirgendwo an dem kofferähnlichen Gerät ein Schlüsselloch finden, von einem Schlüssel ganz zu schweigen. Möglicherweise brauchte man für das Gerät irgendeinen elektronischen Schlüssel, den er aber nicht besaß.
Nach einigen weiteren Minuten des Nachdenkens, in denen er seine Bananenmilch trank, bevor sie in der brütenden Hitze seiner Wohnung schlecht wurde, entschied er, abermals den metaphorischen Stier bei den Hörnern zu packen und sich den mysteriösen Mr. Richards vorzunehmen. Einfach so bei einem Geheimdienst anzurufen, schmeckte Frans ganz und gar nicht, aber leider war Tom Richards ein Allerweltsname, insbesondere in einer Großstadt, und der Mann konnte genausogut auch im weiteren Umland oder ganz woanders leben, deshalb blieb Frans gar nichts anderes übrig.
Die Dame von der Auskunft brauchte etwas, bis sie sich wieder meldete. „Ich stelle Sie durch zur Zentrale der Agency in Washington D.C., wenn Ihnen das recht ist.“ flötete sie. Washington, das paßte. Pentagon, Maryland, Fort Meade, das Herz des Landes einschließlich sämtlicher Geheimdienste... er gab seinen Wunsch an die nächste Dame in der FSA-Zentrale durch.
„Ich möchte gern mit einem Mr. Tom Richards sprechen. Den gibt es doch bei Ihnen, oder?“ Er wurde prompt weiterverbunden, der Name schien bekannt zu sein.
„Mr. Smith?“ fragte er dann verdutzt zurück, als sich jemand meldete. Oh, wie passend. Gestatten, Smith und Miller, Geheimdienst, Herren in korrekten dunklen Anzügen mit dicken Wummen im Schulterhalfter... sogar Frans wusste, wie es dort lief, er sah ja hin und wieder fern. Sein Gegenüber in der Leitung klang amüsiert, als er erwiderte: „John Smith, ja, das  ist mein Name. Und er ist sogar echt. Was kann ich für Sie tun?“
Offenbar war Frans nicht der erste, der darüber stolperte. Ein Geheimdienster namens Smith, das lud schräge Witze geradezu ein.
„Äh, sorry. Ich suche einen gewissen Tom Richards. Arbeitet der bei Ihnen?“   
„Was wollen Sie von ihm, wenn ich fragen darf?“
Klar, Geheimdienst. Da bekam man nicht so einfach Auskünfte.
„Mir wurde geraten, mich bei Problemen an ihn zu wenden, aber ich habe seine Nummer nicht. Und ich habe ein Problem, bei dem ich ihn konsultieren möchte.“
„Warten Sie bitte einen Moment.“ Smith legte den Hörer zur Seite. Als er wieder dran war, konnte er Frans mit einer weiteren Telefonnummer in Washington D.C. dienen. Und vermutlich hatte er inzwischen den Anruf zurückverfolgen lassen und wusste inzwischen alles über Frans samt Schuhgröße und sexueller Vorlieben. Frans wusste ja dank Hollywood, wie es lief.
„Unter dieser Nummer erreichen Sie entweder Mr. Richards persönlich oder jemanden, der ihm eine Nachricht zukommen lassen kann. Mr. Richards ist viel auf Reisen, und übrigens, er ist kein Angestellter der Agency. Nur um das klarzustellen.“
Frans hatte die Nummer notiert, dankte und legte auf. Er hatte nicht den Mut gehabt, noch weitere dumme Fragen zu stellen und damit vielleicht schlafende Hunde zu wecken. So, dieser Tom Richards war in der Agency zwar gut bekannt, wie es aussah, aber kein Angestellter. Das bedeutete vielleicht...
Das Schrillen der Türklingel rief seine Gedanken von Washington zurück in eine schwülheiße Dachgeschoßwohnung in L.A.. War der überhitzte Herd etwa doch in Flammen aufgegangen, und das Haus wurde geräumt? Aber die Hausbewohner, die draußen standen, allen voran natürlich Mrs. Strangewell, echauffierten sich nur wegen der eingetretenen Tür. Frans machte ihnen klar, wie dicht das ganze Haus vor einer Feuerkatastrophe gestanden hatte angesichts der gesetzlich vorgeschriebenen aber leider fehlenden Notausrüstung und brachte die meisten von ihnen damit auf seine Seite. Nur Mrs. Strangewell laberte ungeniert weiter von Strafanzeigen und Polizei, bis Frans ihr mit einem lautstarken „Jawoll!“ das Wort abschnitt und die Tür vor ihrer Nase zuknallte. Verdammt, er hatte besseres zu tun... zumindest ließ sie ihn jetzt in Ruhe, nachdem sie ihr Pulver verschossen hatte, es läutete nicht noch einmal. 
„Lyonshome Manor. Ja bitte?“ meldete sich eine Männerstimme. Sie klang etwas schläfrig, was kein Wunder war, denn hier war es Abend, und Washington war schon ein paar Stunden weiter.
„Verzeihung, ist Mr. Tom Richards zu sprechen?“ fragte Frans. „Mr. Schwer-zu-kriegen“ wäre ein besserer Name, dachte er zynisch. Aber bei Botschaften aus der fernen Zukunft konnte man wohl keine Telefonnummern von Anfang einundzwanzigstes Jahrhundert erwarten. Und bei seinem Glück weilte dieser Mr. Richards vielleicht gerade in Australien oder auf der dunklen Seite des Mondes.
„Sie haben Glück, Sir. Mr. Richards ist anwesend. Ich stelle Sie durch.“
Lyonshome Manor. Klang nach einem schnieken altmodischen Herrensitz... oder einem Pflegeheim, vielleicht sogar einer Anstalt? überlegte Frans noch, da hörte er eine andere Männerstimme. „Tom Richards am Apparat.“
„Äh, hallo. Hier spricht Frans Hauser. Ich glaube nicht, daß wir uns kennen. Aber ich bekam den Rat, mich an Sie zu wenden, wenn ich Probleme habe.“
„Probleme welcher Art?“ Die Stimme des Mr. Richards klang ruhig und angenehm.
„Ich habe hier einen Laptop, der sich nicht öffnen läßt. Einen Laptop der Benu Incorporated.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es erst einmal still. Frans glaubte ein hastiges Durchatmen zu hören, dann noch einmal --
„Sind Sie noch dran?“ fragte er, erschreckt von dem Gedanken, der andere könne einfach auflegen, ohne Frans eine Antwort zu liefern, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich seine Erlebnisse von der Seele zu reden...
„Entschuldigen Sie, aber ich bin so überrascht. Sind Sie sicher, daß es ein Laptop der Benu ist?“ Die plötzliche, kaum unterdrückte Erregung in der Stimme sagte Frans, daß mit einem Auflegen wohl nicht zu rechnen war. Er war beruhigt.
„Riesiger weinroter Kasten mit goldenem Firmenemblem?“ fragte er zurück, und diese Beschreibung schien zu reichen.
„Wer - wie - ach, ich bin so überrascht, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Können wir uns irgendwo treffen?“ Aufgeregt, ohne Zweifel. Ob im Guten oder im Bösen, mußte sich erst noch herausstellen.
„Sie wissen also, wo der Laptop herstammt?“
„Von wann, wollten Sie sagen.“ kam die überraschende Antwort und bewies, daß dieser Mr. Richards Bescheid wusste. „Und ob! Wir müssen uns treffen!“
Von Washington aus dauerte es ein paar Stunden bis nach L.A., selbst wenn einer von ihnen sich sofort ins Flugzeug setzte. „Wann können Sie denn hier sein, oder soll ich lieber zu Ihnen kommen? Von mir aus eilt es nicht.“
„Ich komme zu Ihnen, das geht schneller. Morgen vormittag, nach Ihrer Ortszeit? Dann kann ich vorher noch eine Mütze voll Schlaf nehmen, ich hatte heute einen aufreibenden Tag.“
„Dito hier.“ seufzte Frans. Verdammt, hatte er wirklich drei volle Tage in der Zukunft verbracht in einer Zeitdauer, die hier nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein konnte? Denn seine Bananenmilch war immer noch so kalt gewesen, wie er sie erst kurz vorher aus dem Kühlschrank geholt hatte...
Sie vereinbarten die Zeit und einen Treffpunkt. Ein kleines Restaurant in der Nähe, das Frans kannte, und in dem man gut und billig essen konnte. Seine Wohnung wollte er seinem Besucher lieber nicht zumuten.
„Wissen Sie übrigens, was der Laptop bedeutet?“ fragte Richards.
„Daß man von der Firma eingestellt wird?“ Er hörte leises Lachen am anderen Ende.
„Genau das. Aber es bedeutet viel mehr. Auch für mich. Aber darüber reden wir morgen. Ich hoffe, Sie können gut schlafen, denn ich kann es jetzt bestimmt nicht mehr.“ Er legte auf.
Frans stutzte, noch den Hörer in der Hand. Zeitdifferenz zwischen den Städten, Abstand zwischen Ost- und Westküste, Zeitpunkt ihres Termins... aber vermutlich war Richards ein vielgereister Vielflieger und besaß die Gabe, in einem Flugzeug schlafen zu können, sonst blieben ihm in der Tat nicht viele Stunden Nachtruhe. Nachdenklich legte er den Hörer auf die Gabel.



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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #33 am: 29. August 2016, 10:43:31 Uhr »
Am nächsten Tag war Frans schon vorzeitig in dem Restaurant. Nur für alle Fälle, falls die Nähe von Richards zum Geheimdienst (kein Angestellter, aber gut bekannt...?) zum Problem werden sollte, hatte er seinem Agenten Bescheid gesagt. Nur daß er hier einen potentiellen Auftraggeber an der Angel hatte, mehr nicht, und er hatte Ricks Angebot, ihn zu begleiten, abgelehnt. Schweren Herzens, Rick hätte ihm Rückendeckung geben können, aber diesem Mr. Richards wollte er nicht sofort mit seinem Agenten auf die Nerven fallen, wenn es nur um ein erstes Beschnuppern ging. Die Mitteilung war auch nur für den Fall, daß er abermals spurlos verschwinden sollte...
Auffallend rothaarig, so hatte er sich selbst im gestrigen Gespräch beschrieben, und außer ihm gab es heute keinen Gast in dem Lokal mit dieser Haarfarbe, deshalb fiel es Richards nicht schwer, ihn ausfindig zu machen, als er pünktlich auftauchte. In einer Hand trug er einen altmodischen silbernen Gehstock mit gläsernem Knauf, in der anderen eine kleine Reisetasche, in der sich vermutlich alles Nötige für einen kurzen Aufenthalt in L.A. befand, also war er offenbar direkt vom Flughafen hierhergekommen ohne den Umweg über ein Hotel. Der korrekte helle Anzug, den er trug, sprach von einem teuren Privatschneider, unter Geldmangel schien er nicht eben zu leiden.
Frans erkannte auf den ersten Blick, daß der Mann mit Siwa verwandt sein mußte, die familiäre Ähnlichkeit - mit einem Abstand von etwa dreißig Jahren - war unverkennbar, sie ähnelten sich wie Vater und Sohn. Und noch etwas war auffällig an dem mutmaßlichen Endvierziger, er besaß auffällig langes naturblondes Haar, das ihm zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden bis auf den Hintern fiel. Mit Stock, Anzug und Pferdeschwanz wirkte er wie ein exzentrischer Modedesigner, ein reicher Müßiggänger, oder wie ein potentieller Finanzier für ein Filmprojekt. Ein Regisseur war er jedenfalls nicht, so viel wusste Frans. Er hatte nämlich Rick dazu befragt, und dem war der Name nicht geläufig gewesen. Und was hätte der Geheimdienst auch mit Filmemachern zu tun...
Sie begrüßten sich. Richards´ Händedruck war fest, aber nicht fordernd, und sie musterten sich gegenseitig. Sicherheitshalber hatte auch Frans sich in Schale geworfen, mit seinem besten Anzug.
„Wollen Sie etwas bestellen, oder wollen wir woanders hingehen?“ fragte er dann. Er hatte nur ein Wasser gehabt und gleich bezahlt, vielleicht hatte Mr. Richards ja eigene Pläne.
„Nein, hier ist es gut.“ Frans beobachtete den Besucher, während der sich setzte. Er hatte seinen Tisch mit voller Absicht gewählt ... ja, es war, wie er es vermutete. Umsehen, Platzwahl so, daß Ausgänge und Fenster sich immer im Blick befanden und nichts unerwartet von hinten kommen konnte, die klassischen Verhaltensregeln eines vorsichtigen Menschen, eines Gangsters, Geheimagenten oder erfahrenen Krisenreporters...
letztere Rolle hatte Frans nämlich mal gespielt, nur eine Nebenrolle, aber auch dafür hatte er sich vorher informiert. Deshalb erkannte er jetzt, warum Richards sich wie setzte, seinen Koffer so stellte, daß er ihm nicht zwischen die Beine geraten konnte, und den Stock jederzeit griffbereit abstellte, als handle es sich um eine Waffe, was vermutlich sogar der Fall war, in einer geübten Hand konnte sogar ein simpler Stock zu einem effektiven Mordinstrument werden. Der Blonde gab seine Bestellung ab, zahlte sofort und wandte sich dann Frans zu. Der nickte und holte unter dem Tisch hervor, was er selbst mitgebracht hatte, den Laptop.
Der sich nach wie vor beharrlich weigerte, sich öffnen zu lassen.
Richards betrachtete das Firmenemblem, den in Gold eingeprägten aufsteigenden Phönix im Flammenkranz, machte aber keine Anstalten, nach dem Gerät zu greifen.
„Ich kann ihn nicht öffnen.“ sagte Frans.
„Selbstverständlich können Sie das nicht. Sie haben den Vertrag noch nicht unterzeichnet.“
„Vertrag?“ Was für ein Vertrag?
„Der, mit dem Sie sich für den Rest Ihres Lebens an die Benu verkaufen.“ Richards lachte ihn fröhlich an. „Das muß man sich sehr gut überlegen, wissen Sie. Haben Sie ausreichend darüber nachgedacht?“ 
Das hatte er, verdammt, die ganze Zeit über seit seiner Rückkehr gestern. Aber er war nicht in der Lage, ein großzügiges Angebot auszuschlagen. Und woher wusste Richards überhaupt von einem Vertrag?
„Das klingt so, als müßte ich meine Seele verkaufen. Muß ich den Vertrag auch mit meinem Blut unterschreiben?“
Tom lachte nur. „Tinte reicht völlig für lebenslängliche Sklaverei. Was Sie nach Ihrem Ableben mit Ihrer Seele tun, ist Ihre Sache.“
Ehrlich schien der Mann zu sein, ein Pluspunkt für ihn.
„Da gibt es nur ein Problem. Ich habe keinen Vertrag erhalten.“ Außer Werbung und wieder mal einer Rechnung war heute früh nichts in der Post gewesen, und den anderen, den Vorvertrag über die Testphase, konnte er nicht meinen.
„Der Vertrag steckt im Laptop.“ meinte Richards amüsiert. „Und Sie kommen an den Vertrag nicht heran, weil sich der Laptop nicht öffnen läßt, solange Sie den Vertrag nicht unterschrieben haben... eine klassische Logikschleife. Eine der üblichen kleinen Gemeinheiten der Benu, allerdings haben die alle einen tieferen Sinn. In diesem Fall ist es ein Anfängerschutz, bevor Sie bei uns ein offizieller Anfänger sind. Diese Laptops sind nämlich heiß begehrt, und nicht nur von anständigen Leuten. Wenn meine Freunde von der FSA davon wüßten, wäre garantiert schon ein Vertreter von ihnen hier. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß sie es wissen, die Bastarde zapfen nämlich für ihr Leben gern mein Telefon an. Hin und wieder werfe ich sie hinaus, putze die Leitungen durch... aber das hält nie lange vor.“
Ein Geheimagent, hier? Frans riß die Augen auf und sah sich um. Keiner der anderen Gäste gönnte ihnen seine Aufmerksamkeit oder sah auf den ersten Blick so aus, wie man sich einen Agenten so vorstellte. Aber wenn man einen Agenten auf den ersten Blick erkannt hätte, wäre er wohl nicht lange Agent geblieben.
„Keine Panik. Der Laptop ist für jeden Dieb nutzlos, solange er nicht geöffnet werden kann. Eine Matrix-Verschlüsselung der Stufe Drei ist mit normalen Werkzeugen nicht zu überwinden. Auf diesem Baby hier,“ der Blonde deutete auf den Kasten, „könnten Sie eine Atombombe hochjagen, und es hätte nicht mal einen Kratzer im Lack. Aber natürlich bekommt nicht jeder Mitarbeiter der Benu einen. Nur wir ZBVler, die Mitarbeiter zur besonderen Verwendung. Oder mit anderen Worten, die eierlegenden Wollmilchsäue und lebenslänglichen Galeerensklaven der Benu Incorporated.“
Frans starrte sein Gegenüber an. Richards gehörte also auch dazu... aber das ergab Sinn.
„Wie sind Sie an den Laptop gekommen? Denn daß er Ihnen gehört, das spüre ich, Sie haben ihn nicht einfach gestohlen.“
Also erzählte Frans die ganze unglaubliche Geschichte. In leisem Ton, schließlich hatte Richards angedeutet, daß ungebetene Mithörer anwesend waren. Von dem Filmprojekt, seiner unerwarteten Zeitreise, von Siwa und den Aliens in der Raumstation... aber anders als er erwartet hatte, unterbrach Richards ihn kein einziges Mal und zeigte auch kein Zeichen von Unglauben. Stattdessen zeigte sein Blick einen unbewußten Ausdruck von... Sehnsucht?
„Was sind Sie, Mister?“ fragte Frans unerwartet. „Auch ein Zeitreisender?“
„Der Kandidat hat hundert Punkte. Gebt dem Mann eine Zigarre.“ lobte Tom und lächelte. „Aber aus Gründen, die wir ein andernmal erörtern können, sitze ich hier fest. Und ich weiß auch gar nicht, ob ich es mir wünschen würde, von den Benu zurückgebracht zu werden. Ich habe hier Aufgaben und ein Leben, wissen Sie. Siwa muß allein zurechtkommen. Und das wird er, schätze ich, vielleicht mit meiner Hilfe hier und da. Aber erst dann, und bis dahin ist es noch ein langer Weg für mich. Ich bin nämlich sehr langlebig und werde dann vermutlich noch am Leben sein, so viel weiß ich. Aber nicht mehr. Im Augenblick ist die Zukunft noch nicht festgeschrieben, und Siwa und seine ganze Welt sind nur diffuse Wahrscheinlichkeiten im Quantenfluß des Universums.“
Frans langte in seine Tasche und zog den Zettel heraus. Die Schrift darauf war unverändert, hatte sich nicht aufgelöst oder verändert wie das Foto in „Zurück in die Zukunft“. Richards nahm den Zettel entgegen und blickte darauf, immer noch mit diesem Ausdruck von Sehnsucht. „Das ist Siwas Handschrift. Darf ich den Zettel behalten?“
Frans zögerte, und nickte dann. Vermutlich besaß Richards die Mittel, ihm den Wisch notfalls auch mit Gewalt abzunehmen, wenn sein Herz daran hing. Und er sah im Moment so aus, als wolle er sich daran festhalten, als Garant einer fernen Zukunft, die er kannte, die aber im Augenblick nicht mehr als eine weit entfernte Wahrscheinlichkeit war...

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #34 am: 1. September 2016, 09:18:12 Uhr »
„Zurück zum Laptop.“ forderte Tom, nachdem er den Zettel sorgfältig eingesteckt hatte, und lächelte wieder, seine Melancholie überwindend. „Also, Sie haben hier eine Logikschleife. Die Sie als Anfänger schützen soll, denn Sie können den Laptop nicht öffnen, und deshalb kann auch kein Dieb des Laptops Sie dazu zwingen, egal welche Mittel er einsetzt. In Fällen mit Logikschleifen gibt es aber immer Ausnahmeregelungen, und die sieht hier so aus, daß der Laptop geöffnet werden kann, wenn jemand anwesend ist, der Ihnen als Anfänger gegenüber weisungs- und lehrbefugt ist. Jemand mit der Macht, Sie und den geöffneten Laptop auch vor Bösewichten  zu beschützen, wenn es notwendig sein sollte, solange bis der Vertrag unterschrieben ist und der normale Anfängerschutz greift, der von den Benu selbst verliehen wird. Dieser Jemand, der weisungsbefugt ist, bin ich, Sie haben es vermutlich erraten.“
„Eine Frage... was haben Sie mit dem Geheimdienst zu tun?“
Richards schien schwer aus der Ruhe zu bringen zu sein, und es war offenbar noch schwerer, ihm mit einer Querfrage die gute Laune zu rauben. „Die haben irgendwann mitbekommen, daß ich als Matrixtechniker für sonderbare Ereignisse aller Art gut bin, und mich als Berater engagiert. Als offiziellen Mitarbeiter mit Marke wollen sie mich nicht, weil ich nichts für mich behalten kann... behaupten sie zumindest, aber ich würde ohnehin nicht beitreten, sie haben als Staatsdiener zu viele Beschränkungen, die ich mir nicht leisten kann. Es ist eine Art Haßliebe. Sie brauchen mich hin und wieder, aber sie trauen mir nicht über den Weg. Ich bin ihnen zu mächtig und wahrscheinlich auch zu ehrlich, ich hasse nämlich Lügen und Hinterhältigkeiten aller Art, insbesondere die von der Geheimdienst-Sorte. Von meiner Herkunft wissen sie übrigens, wir haben deshalb ein paar Vereinbarungen auf Gegenseitigkeit laufen, mit denen beide Seiten leben können. Aber ein Benu-Laptop in den Händen eines wehrlosen  Anfängers, das könnte sie reizen, ihre Befugnisse in meinem  Revier zu überschreiten. Sie ahnen nämlich zumindest, wofür die Dinger gut sind. Deshalb sollten wir das hier flüssig und ohne Verzögerung über die Bühne bringen... öffnen wir das Überraschungspaket.“
Richards tippte mit dem Finger auf den Glasknauf seines Stocks, in den so etwas wie ein blauer Kristall eingelassen war, und etwas wie ein kleiner elektrischer Funken schlug über, vom Knauf auf den Laptop. Zum großen Erstaunen des Schauspielers wuchs sich dort der Funken zu einem regelrechten Geflecht aus farbigen Linien aus, die sich rings um den ganzen Kasten erstreckten und sich auch noch umeinander und ineinander bewegten, in regelmäßigen Takten wie ein laufendes kompliziertes Uhrwerk aus Laserlicht, oder wie ein menschlicher Herzschlag...
„Das hier ist Ihr Siegel. Das Sie als den Eigentümer des Laptops ausgewiesen hat. Ich habe es gleich gespürt, als ich eintrat, für jemanden der aurasichtig ist, strahlt so ein Siegel wie ein Leuchtfeuer. Machen Sie sich keine Mühe, sich das Aussehen zu merken, das kann am Anfang keiner. Wenn Sie telepathisch begabt sind, werden Sie irgendwann die winzigen Unterschiede zwischen den Siegeln erkennen und Ihnen einen Namen geben. Mein Lehrer Carolus beispielsweise hatte ein Siegel, das für mich aussah wie eine Blume. Die Siegel werden hauptsächlich zum Verschließen von Schutzfeldern benutzt, wie bei diesem Gerät, oder um telepathische Botschaften zu signieren. Das kriegen Sie aber im Lauf Ihrer Ausbildung noch mit.“
„Ich habe eine Ausbildung.“ Stolz zählte Frans die Schauspielschule auf, die er besucht hatte, die Theatergruppen im College und danach und eine Reihe von kleineren Rollen, die er bis jetzt ausgefüllt hatte. Nichts darunter war wirklich bemerkenswert, das wusste er, er war halt nur ein kleines Licht unter vielen im von unzähligen Stars und Sternchen strahlenden Hollywood.
„Schön für Sie, und die Schauspielerei können Sie gern als Hobby beibehalten, wenn sie Ihnen so viel bedeutet. Ein hübsches Steckenpferd zur Ablenkung vom stressigen Beruf ist bei uns sogar Pflicht, wissen Sie. Aber wenn Sie unserem Verein beitreten, müssen Sie noch viel mehr lernen. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, warum man Sie ausgesucht hat, ich kenne Ihre Fähigkeiten noch nicht. Abgesehen davon, daß Sie offenbar die Rolle des Filmhelden passend spielen können. Aber die Dreharbeiten werden nicht ewig dauern, ein paar Monate vielleicht, und was danach kommt... keine Ahnung. Die Leute, die nur vorübergehend engagiert werden, bekommen normalerweise keinen Laptop, verstehen Sie, das Ding beweist, daß man sich von Ihnen mehr erhofft. Und ich will mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte Sie nicht ausreichend ausgebildet in der Zeit, die man uns läßt.“
Der kleine Funken aus dem Knauf seines Stockes hatte das sogenannte Siegel nicht lange illuminiert, es war fast schon wieder unsichtbar geworden.
„Also helfe ich Ihnen jetzt, das Ding zu öffnen, und dann sehen wir weiter. Sie können es sich übrigens jederzeit noch anders überlegen, ich schätze mal, daß die Anfängerfrist für Sie auf die Dauer der Dreharbeiten festgelegt ist. In dieser Zeitspanne können Sie jederzeit aussteigen. Danach wird es schwierig, dann gehören Sie der Firma mit Haut und Haar, und die lassen Sie dann nicht mehr so ohne weiteres aussteigen. Aber bevor Sie fragen - ich habe noch von keinem Aussteiger gehört. Die Zukunfts- und Entfaltungschancen, die die Benu bieten können, finden Sie nirgendwo sonst, nicht auf dieser und nicht auf einer anderen mir bekannten Welt.“
Ein neues Antippen lockte einen weiteren Funken aus dem Knauf, doch dieser hier sprang nicht über, sondern schwebte gehorsam über Toms offener Handfläche. Er erweiterte sich, zerfaserte nach allen Seiten, bis Frans eine Miniaturversion des pulsierenden Siegels erkennen konnte, wie es über dem Laptop lag.
„Das hier ist mein Siegel. Es unterscheidet sich von dem Ihren, aber ich kann Ihnen nicht sagen wie. Wenn Sie dafür veranlagt sind, werden Sie es früher oder später spüren, und dann werden Sie eine eigene Bezeichnung dafür finden, als eine Eigenschaft oder als ein Ding. Lassen Sie sich nicht von der Größe täuschen, Größenmaßstäbe sind bei Siegeln unerheblich. Ich könnte es auch auf Planetengröße aufblasen, wenn Ihnen das besser gefiele, aber wir wollen nicht mehr auffallen als unbedingt nötig.“
Und wie um den letzten Satz zu konterkarieren, fuhr er einen Gast am Nebentisch, der nicht als einziger im Raum angesichts der Mini-Lightshow auf diesem Tisch Stielaugen machte, mit gerade noch erlaubter Lautstärke an: „Würden Sie sich bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, Sir? Das hier sind meine Zaubertricks, suchen Sie sich bitte Ihre eigenen!“
Frans verkniff sich die Bemerkung, daß er das in der Tat gerne sehen würde, ein Siegel von Planetengröße. Er amüsierte sich über Richards´ simple Methode, die anderen Gäste davon zu überzeugen, daß es sich nur um einen vorgeführten Zaubertrick aus der Klamottenkiste von Las Vegas handelte. Sie schien aber zu funktionieren, jedenfalls taten alle anderen ab sofort zumindest so, als würden sie ihnen keine Beachtung mehr schenken.
„Agentenhandbuch für Anfänger, wie bremst man feindliche Agenten aus Lektion Eins: Fallen Sie maximal auf und sorgen Sie dafür, daß wirklich jeder um Sie herum Sie im Auge behält!“ klärte Richards ihn grinsend mit leiser Stimme auf. „Und jetzt: Sesam öffne dich!“
Er setzte sein Siegel auf das von Frans, das für einen Sekundenbruchteil noch einmal aufglomm und zeigte, wie beide Siegel ineinandergriffen, zu interagieren und zu arbeiten begannen wie das komplizierte Innenleben eines Kombinationsschlosses an einem Safe, und dann hörte er ein leises Knacken, als der Verschluß des Laptops sich öffnete. Vorsichtig griff er nach dem Gerät und klappte den Deckel hoch, und da sah er schon die beschrifteten Blätter, die ihm entgegenquollen. Viel mehr als in den engen Zwischenraum zwischen den beiden Hälften des Laptops eigentlich passen durften, wohlgemerkt. 
 „Übrigens, noch eine Frage. Was ist mit Ihrem Lehrer passiert, den Sie erwähnt haben?“ Es war ein Talent, wie nebenbei dahingesagte Kleinigkeiten aufzufassen und sie unerwartet zum neuen Gesprächsthema zu machen, das wusste Frans. Vielleicht hätte er ja besser Detektiv oder Vernehmungsbeamter werden sollen, dachte er nicht zum ersten Mal.
„Der sitzt gemütlich in der Zukunft und zwiebelt Siwa.“ feixte Richards. „Sofern er ihn überhaupt noch zu fassen bekommt. Siwa hat inzwischen so viele Pflichten, er müßte sich eigentlich zehn Klone machen lassen, um alles abzudecken. Da habe ich es an diesem Ende der Zeit besser, ich kann mir Zeit lassen. Meistens jedenfalls.“
Frans studierte die ersten Seiten. Es war der versprochene Vertrag.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #35 am: 2. September 2016, 12:49:31 Uhr »
„Bitte gründlich durchlesen, und ganz besonders auf fiese Klauseln im Kleingedruckten achten. Obwohl die bei ZBV-Lehrlingen relativ selten vorkommen, aber sicher ist sicher.“ erklärte Richards.
„Kann ich das erst meinem Agenten vorlegen?“ wollte Frans wissen.
„Klar können Sie. Ganz zuletzt kommt ein leeres Blatt - wenn Ihnen etwas auffällt, etwas nicht klar ist oder Sie eine Frage oder einen Änderungswunsch haben, dann schreiben Sie das auf das Blatt, mit dem Stift da.“ Er deutete auf das Schreibgerät, das in einer kleinen Halterung hing und zusätzlich durch eine dünne Nabelschnur aus Plastik mit dem Laptop verbunden war, damit es nicht verloren ging. Auch der Stift war rot und trug das goldene Firmenlogo.
„Ich empfehle allerdings, den Laptop wieder zuzumachen, bevor Sie Ihren Agenten aufsuchen. Die Versiegelung funktioniert nur, solange das Ding geschlossen ist. Wenn es offen herumsteht, könnten Unbefugte sich daran zu schaffen machen, und das hat die Firma gar nicht gern. Deshalb lautet die allererste Lektion im Umgang mit dem Laptop: Deckel zu. Immer und in jeder Lebenslage. Die Dinger werden oft schneller geklaut, als Sie gucken können, Sie brauchen sich vielleicht nur einmal umdrehen, wenn Sie kurz abgelenkt werden, und das Gerät ist weg. Und Sie müssen auch durchaus damit rechnen, daß jemand versucht, es Ihnen mit Gewalt abzunehmen. Das macht aber nichts, wenn der Deckel zu ist.
Deshalb lautet Lektion Nummer Zwei: Begeben Sie sich niemals in Gefahr, und bringen Sie natürlich auch nicht andere in Gefahr, um einen geschlossenen Laptop zu verteidigen oder ihn wiederzubeschaffen. Ihre einzige Handlung, die Sie riskieren sollten, muß darin bestehen, gegebenenfalls den Deckel zuzuschlagen. Sie brauchen übrigens keine Angst haben, daß dadurch Daten verlorengehen, so simpel sind die Dinger nicht gestrickt.
In der Zukunft sorgt übrigens die Firma dafür, daß ein gestohlenes Gerät bald wieder zu seinem rechtmäßigen Benutzer zurückkehrt, in dieser Zeit hier werde wohl ich dafür sorgen dürfen. Für diesen Zweck sind die Geräte mit einem Peilsender ausgestattet, über den man sie nötigenfalls sogar am Grund des Ozeans aufspüren könnte. Und solange das Ding geschlossen ist, kann kein Dieb an die Daten oder die Hardware heran, die Versiegelung ist mit herkömmlichen Werkzeugen nicht zu knacken.
Deshalb machen Sie sich keinen Kopf, wenn das Ding mal verschwindet, und machen Sie keine Dummheiten, wenn ein Dieb Sie bedroht, sondern händigen Sie es ihm einfach aus. Geschlossen natürlich. Dann kann ich nämlich anschließend auf die Jagd gehen und dem Typ die Hammelbeine langziehen.“ Er grinste fies und rieb sich die Hände, die Aussicht schien ihm allen Ernstes Freude zu bereiten.
„Sie klangen aufgeregt, als ich Sie anrief.“
Sein Gegenüber lachte froh. „Und ob ich das war. Wissen Sie, was Ihr Laptop für mich bedeutet?“
Frans sah ihn nur aufmerksam an. Worauf wollte Richards hinaus - eine Bestätigung der Zukunft, wie er sie kannte und erhoffte? Wollte er ihm das Gerät vielleicht abnehmen, nun, da es gerade offen war? Oder war es etwas ganz anderes?
„Es bedeutet, daß ich meinen ersten offiziellen Lehrling habe!“ Richards strahlte über das ganze Gesicht, er freute sich sichtlich.
„Wohlgemerkt, ich habe ein paar Lehrlinge, aber keiner von ihnen ist von der Firma anerkannt. Geht auch gar nicht, logischerweise, weil es die Firma in dieser Zeit noch gar nicht gibt. Ich kann die anderen nur so gut wie es mir möglich ist ausbilden, damit sie mir dann, wenn es soweit ist, keine Schande machen. Aber mit Ihnen ist es was anderes. Sie sind mein offiziell anerkannter Padawan, ich bin Ihr Meister, ganz wie bei den Jedirittern. Ihre Unterschrift natürlich vorausgesetzt. Das Ausbildungssystem in der Firma ist nämlich streng hierarchisch aufgebaut, die Lehrlinge und Gesellen der vierten und fünften Stufe sind zuständig für die Ausbildung des Nachwuchses bis zur Meisterprüfung auf Stufe drei, es gibt immer einen Schüler und einen Meister. Das mit den verschiedenen Stufen sagt Ihnen im Augenblick noch nichts, ich weiß. Aber da ich selbst ein Lehrling der Stufe fünf bin und der Firma der Zukunft bekannt, wusste ich schon, daß sich irgendwann jemand mit einem Laptop, der nicht aufgeht, bei mir melden würde. Es ist die Aufgabe des auserwählten Ausbilders, sein Privilieg, für die erste Öffnung des Laptops zu sorgen. Ich hatte aber damit gerechnet, daß das frühestens in zweihundert Jahren oder so der Fall sein würde.“
„Sie sind echt verrückt, wissen Sie das?“ Was anderes fiel Frans darauf gar nicht ein. Und abermals war Richards nicht verschnupft. „Das sagt mir Wylie, einer meiner Kontakte bei der Agency, ständig. Verrückter als ein Märzhase, wie er zu sagen pflegt.“ grinste er. 
„Wenn ich Ihr Lehrling werden soll,“ - verdammt, das klang so altmodisch! - „werde ich wohl zu Ihnen umziehen müssen?“
Tom nickte. „Sie kommen erst mal bei mir unter, in Washington, bis man Sie irgendwann abholt, damit Sie Ihre Rolle spielen können. In Lyonshome Manor gibt es Platz genug. Wird ein Umzug für Sie umständlich sein?“
Frans schüttelte den Kopf. Wie viele Schauspielerkollegen, die quasi auf ständigen Abruf warteten, an irgendeinen speziellen Drehort - irgendwo anders im Land oder nicht selten sogar in Kanada - reisen zu müssen, beschränkte sich seine persönliche Habe auf das, was in zwei große Reisetaschen paßte. Ein paar materiell wertlose, aber für ihn persönlich kostbare Erinnerungsstücke an seine Eltern hatte er in einem Schließfach deponiert, das er langfristig gemietet hatte. Er war also ungebunden und konnte jederzeit aufbrechen, wenn man ihm eine Stunde zum Zusammenpacken und Auschecken bei Mrs. Strangewell ließ, und das sagte er seinem neugewonnenen „Meister“. Aber vorher wollte er erst noch mit seinem Agenten sprechen...
„Wenn es tatsächlich zu einer Dauerstellung bei den Benu kommt, wird Ihr Agent natürlich eine Abfindung erhalten.“ sagte Richards, bevor Frans das Thema anschneiden konnte.
Richards schien erstens sehr reich zu sein und zweitens im direkten Auftrag der Benu Inc. zu agieren, wenn er darüber nicht einmal diskutierte, dachte er.
„Darf ich?“ fragte er, das Handy zückend.
„Selbstverständlich. Wenn wir das heute noch über die Bühne bringen können, können wir zum Abendessen schon in Washington sein. Ich habe nämlich noch kein Hotelzimmer gemietet, weil ich selbst geflogen bin.“
Entweder war Mr. Richards optimistisch, oder er liebte sehr späte Imbisse, überlegte Frans eingedenk des Zeitunterschieds zwischen L.A. und Washington, der für eine kleine Privatmaschine wahrscheinlich noch länger war als für einen großen Linienflug, während er Rick anläutete.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #36 am: 5. September 2016, 11:00:46 Uhr »
Eine dreiviertel Stunde später saßen sie im Büro des Agenturmitarbeiters, und Tom übte sich in Geduld, während Rick Summersby den vorgelegten Vertrag prüfte und sich hin und wieder leise mit Frans Hauser unterhielt. Frans hatte ihm bereits gesagt, daß es sich um sehr ungewöhnliche Umstände handelte, die vielleicht in einer Daueranstellung mündeten, aber erneut machte Richards keine Fisimatenten betreffend Ricks Honorar. Die geforderte Summe würde postwendend bezahlt werden, und Frans konnte schon das Bedauern in Ricks Gesicht lesen, daß er nicht mehr verlangt hatte.
Was allerdings einige kleinere Änderungen in der Vetragsgestaltung anging, auf denen Rick bestand, die schienen die Befugnisse von Richards als Vertreter der Benu Inc. zu überschreiten. Statt darüber zu verhandeln, verwies er abermals auf das leere Blatt Papier aus dem Laptop, der aufgeklappt auf dem Schreibtisch lag. Erneut hatte Richards geholfen, das versiegelte Gerät zu öffnen, diesmal aber ohne die auffallende Lightshow, nur mit einer unauffälligen Handbewegung, die Rick wahrscheinlich gar nicht bemerkt hatte.
„Bitte legen Sie das Blatt zusammen mit den beanstandeten Seiten in den Laptop,“ sagte er, als Rick und Frans sich einig waren, was geändert werden sollte, und Richards selbst, der auch einiges von der Materie zu verstehen schien, keine Einwände dagegen fand.
„Und dann schließen Sie den Deckel.“
Zwar verstanden weder der Schauspieler noch sein Agent, was das bedeuten sollte, aber Frans hatte inzwischen gelernt, rätselhafte Anweisungen zu befolgen und unmögliche Dinge zu akzeptieren. Erstaunlicherweise ließ sich der Deckel danach wieder öffnen, die Versiegelung war diesmal nicht eingerastet. Er zog die Blätter wieder heraus... das am Anfang leere und dann in ihrer beider Handschrift beschriftete Blatt war wieder makellos weiß und unbeschriftet, und die anderen Seiten hatten sich verändert.
Das waren nicht mehr die Seiten, deren Text sie durchgegangen waren, der Text war jetzt anders, enthielt die geforderten Änderungen.
Zwei Augenpaare glotzten Richards fassungslos an, der nur unschuldig die Schultern hochzog und sie angrinste. „Fragen Sie mich nicht, was da für eine Technik dahintersteckt, ich bin selber nur Lehrling, wissen Sie. Ich kenne noch längst nicht alle Tricks.“
Erneut wurde der vollständige Vertrag durchstudiert. Bei einer Firma, die mit solch hinterhältigen Methoden arbeitete - die selbst für Hollywood-Verhältnisse eine neue Dimension bedeuteten - prüfte Rick lieber doppelt und dreifach.
Obendrein befanden sich unter den geänderten Blättern drei neue, das Schwanzende des Vertrags, wo die Unterschriften draufzusetzen waren, gleich in dreifacher Ausfertigung für Kunden, Auftraggeber und Agent. Diese Seiten bestanden aber aus anderem Papier, schwerem handgefertigtem Büttenpapier, das als Wasserzeichen das Emblem der Benu Inc. trug.
„Keine Sorge. Wenn Sie das hier unterschreiben, bekommen Sie dauerhafte Ausfertigungen, die mit dem letzten Entwurf identisch sind und sich nicht mehr ändern.“ besaß Richards die Unverfrorenheit anzumerken.
Er feixte immer noch, das deutlich sichtbare Mißtrauen der beiden war ihm nicht entgangen.
 „Solche Hinterhältigkeiten hat die Firma nicht nötig, und außerdem geht es nach wie vor nur um eine Probephase. Während der Ausbildungszeit“ - die, wie auch vertraglich festgehalten war, sich auf die Ausbildung bei Richards und die anschließenden Dreharbeiten erstreckte - „können Sie jederzeit und ohne Gefahr von Gegenforderungen kündigen.“
So wie es im Vertrag festgehalten worden war, aber es schadete nicht, nochmals darauf hinzuweisen. „Das werden Sie aber bestimmt nicht, soviel garantiere ich Ihnen.“
Abermals ließ er ihnen Zeit, den Vertrag zum x-ten mal durchzugehen, bis Frans schließlich meinte, die Unterschrift riskieren zu wollen. Auf Anweisung von Richards schob er den ganzen Vertrag in den Laptop, der das Papier fraß wie ein Reißwolf - nur um nach abermaligem Deckelzuklappen einen Stapel ganz anderen Papiers, abermals edles Büttenpapier, auszuspucken wie ein unerschöpfliches Wunderhorn. Und wieder wurde nachkontrolliert, ob jeder einzelne Buchstabe im endgültigen Vertrag da war, wo er zu sein hatte. 
„Klasse. Jetzt gehören Sie mir, mit Haut und Haaren!“ freute sich Richards, als selbst Rick nichts mehr einwenden konnte. Schließlich war er nur ein bezahlter Berater und Auftragsbeschaffer, und Frans derjenige, der die Entscheidung traf. Übermütlich und deutlich beschwingt schüttelte Tom seinem frischgebackenen Lehrling, und dann auch dem Agenten die Hand.
„Sagen Sie, wo bekommt man so einen Wunderkasten?“ fragte Rick, immer noch fassungslos. Er starrte abwechselnd Tom und das Gerät an.
„Nur von der Benu Incorporated, und die sucht sich ihre Leute selber. Da kann man sich nicht bewerben, man kann sich nur von Mitarbeitern wie mir anwerben lassen, oder von den Bossen der Firma selber, und ich glaube, im Augenblick haben wir keinen Bedarf an Agenten, sonst hätte man mir das mitgeteilt. Sorry. - Wie schnell können Sie Ihren Hausstand auflösen, Frans?“ Damit schob er seinen neugewonnenen Frischling auch zur Tür hinaus, er schien es jetzt eilig zu haben.
Vor dem Haus, das heute immer noch stand dank Frans, trennten sie sich. Bevor der Schauspieler nach oben fuhr, um zu packen - der Lift geruhte zu funktionieren - sagte Richards zu ihm: „Übrigens, wir nehmen keinen Linienflug. Ich fliege selber, wie ich Ihnen schon gesagt habe. Achten Sie darauf, daß Ihre Reisekoffer fest schließen, legen Sie lieber eine dicke Jacke an und nehmen Sie Handschuhe, Schal und eine enganliegende Mütze mit, es könnte kühl werden während des Fluges. Auch eine Sonnen- oder Schutzbrille, falls Sie eine haben. Und es könnte auch nicht schaden, ein Paar frische Unterwäsche griffbereit zu halten. Nur für alle Fälle.“
Er grinste verschmitzt. Er verzichtete aber darauf, mit nach oben zu kommen, gedachte sich die Zeit des Wartens lieber hier unten zu vertreiben, mit was auch immer sein Interesse in dieser abgelegenen Seitenstraße erregt hatte.
Welche Maschine flog er wohl, einen alten Doppeldecker, oder irgendetwas aus dem Zweiten Weltkrieg? Auf jeden Fall etwas mit offener Pilotenkanzel und reichlich Zugluft, sonst wäre er nicht auf die Kleidung hingewiesen worden, dachte sich Franz, als er einpackte und sich umzog. In den Staaten gab es genug reiche und exzentrische Flugzeugnarren, die sich mit dem Luxus in einem fremd pilotierten modernen Privatjet nicht zufriedengaben und selber ans Steuer uralter, aber säuberlich restaurierter Kisten setzten, wenn der Terminkalender es erlaubte. Aber er hatte nicht danach gefragt, da wollte er gerne mitspielen und sich überraschen lassen.
Als er auch mit Mrs. Strangewell alles geklärt hatte und mit seinen zwei Reisetaschen unten aus der Tür kam, dachte Richards nicht daran, ein Taxi zu rufen, das sie beide zu einem Flughafen brachte. Stattdessen ging er voran zu einer Einfahrt, hinter der er das gefunden hatte, was er jetzt benötigte - einen abgeschlossenen, unfrequentierten Hinterhof, der zu drei Vierteln aus fensterlosen Brandmauern bestand und wo mit etwas Glück nicht allzuviel neugierige Augen aus den wenigen verschmutzten Fensterscheiben des restlichen Viertels lugten.
„Habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich als Hobby unter anderem die Kunst der Zauberei betreibe?“ fragte er munter, als sie in dem hoffnungslos vermüllten, pflanzenlosen Hof standen und Frans sich schon wieder fragte, was sein neuer Brötchengeber diesmal vorhatte.
„Ich zeige Ihnen jetzt meinen besten Trick, und ich garantiere Ihnen, daß Sie Bauklötze staunen werden! Aber haben Sie keine Angst, Ihnen geschieht nichts. Versprochen.“
Er stellte seine Reisetasche bei Franz ab und zog sich bis in die Mitte des Hinterhofs zurück, steckte seinen Stock unter seinen Gürtel wie ein Japaner sein Schwert - jetzt wusste Frans auch, warum der Gürtel, der so gar nicht zu dem teuren Anzug paßte, so abgenutzt aussah, er schien das häufig zu tun - stellte sich ruhig hin und schloß die Augen.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #37 am: 7. September 2016, 10:05:51 Uhr »
Und erschlaffte, als hätte er das Bewußtsein verloren. Doch statt zusammenzusinken, hing er reglos in der Luft wie an unsichtbaren Fäden und begann langsam emporzuschweben, wie von einem unsichtbaren Aufzug hochgehoben...
während Frans dastand und versuchte, hinter den Trick zu kommen, verblaßte der Mann vor seinen Augen. Um von etwas viel größerem ersetzt zu werden, zuerst diffus wie eine große Nebelwolke, dann aber an Masse und Formen und Farbe - einem hellen Blau, durchmischt mit Gelb und Orange und Schwarz und einem Flecken Braun - gewinnend und eine ganz spezielle Gestalt annehmend, und als dieses Ding dann entgültig materialisert war, im langsamen Herabschweben den Boden berührte und seine Augen öffnete, fand Frans es äußerst angemessen, sich langsam, sehr langsam und vorsichtig, in Richtung der Einfahrt zurückzuziehen...
„Keine Bange, ich fresse Sie nicht. Ich bin es immer noch, ich habe nur einen anderen Körper angenommen.“ nahm er die Stimme von Richards wahr. Aber nicht mit seinen Ohren, nur in seinem Kopf, irgendwie... telepathisch?
„Wie ich Ihnen gerade gesagt habe, betreibe ich als eines meiner vielen Hobbys die Zauberei. Ich bin sogar Ehrenmitglied der angesehenen Society of American Magicians. So eine Ehrenmitgliedschaft bekommt man aber nicht für simple Kartentricks und eine zersägte Jungfrau hier und da. Wie ich zu diesem Trick hier gekommen bin, erkläre ich Ihnen ein anderes mal, das ist nämlich eine längere Geschichte. Für den Augenblick ist das unser Transportmittel. Ich bin so gekommen, und so werden wir auch nach Washington reisen. Wir werden auf jeden Fall zum Abendessen dort ankommen, selbst wenn wir vorher noch ein paar Umwege machen.“
Das Ding hatte sich niedergekauert, ganz unbekümmert um den Abfall unter ihm, den es mit seinem Tonnengewicht geräuschvoll zusammenpreßte wie ein falsch geparkter Großcontainer, und Frans sah jetzt deutlich, daß der braune Fleck eine Art von Sattel war, den es festgeschnallt auf dem Nacken trug, mit dem aufgestickten Namen “Azure“ auf einer Seite. Dick gepanzerte Augenlider zwinkerten über vielfarbig gemusterten Augen, gewaltige Schwingen schrammten fast die Hofwände entlang, obwohl sie eng an den schlanken, geschuppten Reptilienleib gefaltet waren, und die Krallen mächtiger handähnlicher Pranken hinterließen helle Marken in dem verwitterten Betonboden des Hofes.
„Ich sagte doch, Sie brauchen ein frisches Paar Unterwäsche.“ kommentierte die Richards-Stimme deutlich amüsiert, als Frans sich immer noch nicht zu regen wagte. „Und jetzt kommen Sie her und laden Sie Ihr Gepäck auf, und meine Tasche bitte mit, wenn Sie schon dabei sind. Na los, bewegen Sie sich, sonst hängen wir morgen früh noch hier herum, und dann kann ich mich gleich als Sehenswürdigkeit vermieten.“
Der blaue Drache hatte sein Maul etwas geöffnet, so daß die mächtigen Fleischfresser-Reißzähne zu sehen waren, jeder einzelne so lang wie ein Unterarm und verdammt viele davon, aber genauso wie bei der hilfsbereiten Sfarrk im Einwanderungsbüro von Otrona hatte Frans das Gefühl, daß er gerade freundlich angelacht wurde, in einem zähnestarrenden Drachengrinsen. Und, verdammt, der ganze Aufwand, den Richards bisher betrieben hatte, war einfach zu groß, als daß er Frans einfach als Drachenfutter vorgesehen hatte. Vielleicht kam das ja irgendwann später und war der Grund, warum es keine „Aussteiger“ in der Firma gab...
er faßte die Taschen fester und sich selbst ein Herz, und wagte es näherzutreten. Verdammt, das Ding, der Drache, Azure, schien irgendwie ständig größer zu werden, je näher er ihm kam...
„Klettern Sie hinauf. Benutzen Sie die Haltegriffe, aber fassen Sie auf keinen Fall die Schuppen an, deren Kanten sind nämlich scharf wie Rasiermesser. Der Sattel hat einen speziellen Schutz davor, sonst wäre er nach einem einzigen Flug schon auseinandergeschnitten. Befestigen Sie zuerst das Gepäck, packen Sie es am besten in diese Lederhüllen, die da hängen, und schnallen Sie alles gut fest, daß nichts herausfallen kann, wenn ich beispielsweise einen Looping fliege.“
 Leises Gelächter hallte in Fransens Kopf wider, als das Wesen seine Gedanken zu erraten schien. „Keine Sorge. Drachenflüge sind meistens weniger aufregend als eine Achterbahnfahrt. Außer Sie wollen es aufregend, das läßt sich machen.“
Statt auf das dargebotene Vorderbein zu steigen und auf den Sattel hochzuklettern, sah Frans direkt zum Kopf des Drachen empor. Er scheute immer noch vor einer Berührung zurück, und das Ding, zu dem Richards geworden war, wusste warum.
„Sie sind nicht der erste Lehrling, der mir aufs Kreuz steigt, und Sie werden garantiert nicht der letzte sein. Die anderen sind übrigens alle noch am Leben, und ihre Mägen haben es auch überstanden. Für Notfälle gibt es Spucktüten, im Handschuhfach vorne im Sattelhorn.“ Immer noch klang es definitiv amüsiert. „Da ich selber mein schnellstes verfügbares Transportmittel bin, geht es gar nicht anders, und ein paar von den Lehrlingen sind inzwischen begeisterte Drachenreiter. Warten Sie nur ab, bis Sie Agent Wylie begegnen. Der will gar nicht mehr von mir herunter, wenn er mal darf.“
„Der Agent? Der weiß davon?“ Abermals war Frans verblüfft.
„Ein paar von den Bundesagenten wissen davon. Und ihr Oberboss, General Wade. Der möchte mich am liebsten für sich selber haben. Meine Drachenform jedenfalls, meine menschliche Version ist ihm schon zu sehr auf den Wecker gegangen.“ Abermals leises telepathisches Gelächter, warm und prickelnd wie Champagner, und abermals wurde Frans an Siwa erinnert. „Aber jetzt hoch mit Ihnen!“
Diesmal wagte Frans es. Eine mächtige Drachenpranke, die sich mit katzenartiger Geschmeidigkeit in alle möglichen Richtungen verbiegen konnte, hievte ihm die Taschen und den Laptop hoch wie ein Gabelstapler, und er verstaute sie in den clever angebrachten mächtigen Satteltaschen aus Leder und befestigte alles mit den vorhandenen starken Lederschnallen.
„Sitzt alles gut?“ fragte der Drache, der dank seines langen Halses mühelos seinen Kopf nach hinten wenden konnte und Frans dabei beobachtete, wie er auf seinem Nacken herumturnte.
„Dann setzen Sie sich in den vorderen Sattel, schließen Sie die Chaps“ - hüfthohe Lederfutterale, die die Beine des Reiters gegen kalte Zugluft während des Fluges schützten, ähnliche Lederchaps, nur viel kleiner, wurden von Cowboys benutzt, wenn sie häufig durch dorniges Unterholz reiten mußten, wusste Frans  - „und schnallen Sie sich gut fest. Sind Sie dick genug angezogen?“ Das war Frans, der in Erwartung eines altmodischen Flugzeugs standesgemäß ein weißes Tuch um den Hals geschlungen trug und darunter bereits deutlich transpirierte. In diesem Hof staute sich die Hitze fast so intensiv wie in seiner Wohnung. Eine Fliegerkappe besaß er logischerweisen nicht, da mußte eine simple Wollmütze aushelfen, die er zum Glück - es war ja Sommer - beim letzten Kofferausleeren vergessen hatte zu entsorgen, und eine ganz normale Sonnenbrille vervollständigte das Outfit.
„Boaah eyyh!!“ Der Ausruf ließ zwei Köpfe herumfahren, einen menschlichen und einen ziemlich großen geschuppten. Drei Jugendliche mit Fahrrädern standen in der Einfahrt und starrten sie aus riesengroßen Augen an.
„Wir haben Publikum.“ hörte Frans prompt Richards´ amüsierten Kommentar. „Soll ich sie fressen?“
Frans wollte erschreckt hochfahren, und merkte erst dann, daß Richards ihn auf den Arm nahm, denn abermals fühlte er ein Lachen wie eine warme Woge in seinem Geist. Der Mann war einfach ein Witzbold, sogar in seiner anderen Gestalt.
„Die Jugend von heute ist zäh und chronisch ungenießbar, da kriegen Sie nur Bauchgrimmen von.“ erklärte er laut. „Ich bin festgeschnallt. Wollen wir?“ Er war jetzt echt gespannt, wie Richards aus diesem engen Hof, in dem er nicht einmal die Flügel ausbreiten konnte, starten wollte. Durch die Einfahrt ging es nämlich auch nicht, außer der Drache robbte auf seinen Bauchschuppen hindurch wie ein Kadett beim Drill. 
„Dann halten Sie sich mal gut fest und beißen Sie die Zähne zusammen.“ Die riesige bewegliche Masse unter dem Schauspieler-Hintern beschrieb eine Drehung, bis der Drache die höchste der Brandwände fixierte, dann tat er ein paar Schritte auf die Mauer zu - und bog sich nach oben, zuerst der Kopf, dann der Hals, parallel zur Wand, und dann folgte der Rest des langen, biegsamen Reptilienkörpers samt Schwanz, einfach senkrecht hinauf. Lediglich die Spitzen seiner Krallen in die Wand hakend, lief er die Hausfront einfach hoch, mit erstaunlicher Geschwindigkeit und scheinbar völlig unbelastet durch Reiter und Fracht, so leicht, als wäre er schwerelos, wie ein großer bizarrer Luftballon mit Beinen, der an der Wand hochglitt. Frans war im Moment nur noch dankbar für das Netzwerk von Sicherheitsgurten, die ihn im Sattel hielten, dazu klammerte er sich verzweifelt mit sämtlichen verfügbaren Gliedmaßen an den Griffen fest, ständig in entsetzlicher Erwartung, daß sie jeden Moment das Übergewicht bekamen und hintenüber zurück in den Hof stürzten. So einfach wie im Film „Eragon“, wo der Reiter schon beim ersten Ausflug freihändig auf seinem Drachen herumbalancierte, war das also keineswegs, fiel ihm der passende Vergleich ein. Und da war schon das Dach des Gebäudes unter ihnen, verwittert, schon in die Jahre gekommen und keineswegs mehr fähig, ein Gewicht von mehreren Tonnen zusätzlich zu verkraften - aber so lange, daß es hätte Schaden nehmen können, verweilten sie gar nicht, weil Azure blitzschnell und ohne anzuhalten die Flügel spreizte und im nächsten Moment die ersten gewaltigen Schläge dieser Schwingen sie hochtrugen, während Frans voller Erleichterung zurück in eine aufrechte Haltung kippte. Weit unter sich zurück ließen sie drei minderjährige Zuschauer, die wahrscheinlich immer noch ihren Augen nicht trauten. Und immer höher hinauf ging es, in den weißlichen, smogverhangenen Himmel, der Sonne entgegen...
und dann war es auf einmal völlig schwarz, still und leer...
und sie waren wieder da, blaustrahlender Himmel und Sonne über sich, aber das Land lag viel tiefer unter ihnen, ihr Startplatz gar nicht mehr erkennbar in dem Gewimmel von Mikrohäuschen, die den Boden in seltsamen Mustern überzogen, verschleiert vom unvermeidlichen braunen Smog von L.A.. In einem einzigen schwarzen, leeren Sekundenbruchteil hatten sie einen gewaltigen Höhenunterschied überwunden, und Frans mußte schlucken, um den Druck in seinen Ohren loszuwerden. Kühler Flugwind pfiff ihm um dieselben und minderte das Stechen der Sonne, und er war jetzt dankbar für das schützende Halstuch, das ihm vermutlich eine Verkühlung ersparte. Was war das eben gewesen? Hatte er einen kurzen Blackout gehabt, mit Betonung auf „Black“, oder...
„Ich bin teleportiert. Wir nennen es „blinken“, meine Reiter und ich, das geht schneller als reines Fliegen. Gibt es hier jemanden, den Sie noch schnell beeindrucken wollen, bevor wir auf Kurs Washington gehen?“ hörte er Richards´ Stimme. „Dann haben Sie jetzt die Gelegenheit dazu.“
Der Schauspieler hörte einen gewissen Unterton von Vorfreude heraus, Azure wartete geradezu darauf, sich ein wenig aufzuspielen.
O ja, Frans fielen da durchaus ein paar Personen ein, und ein Ort dazu. Ein Ort, von dem er wusste, daß dort um diese Tageszeit vermutlich gedreht wurde, bei makellosem Wetter unter freiem Himmel... ein ganzes Stadtviertel, das im wesentlichen aus Kulissen bestand. Straßenszenen für Fernsehserien wurden gerne an Originalschauplätzen gedreht, die Behörden und viele Privatpersonen im weiteren Einzugsbereich von Hollywood waren für kurze Szenen - und mehr brauchte man meistens nicht, um einer Episode den Hauch des Realen zu verleihen - sehr kulant, aber wenn es Explosionen und sorgfältig choreographierte Schießereien oder Massenszenen gab oder sich Autos eine Verfolgungsjagd lieferten, wich man für Detailaufnahmen lieber auf die gesicherte „Kunststadt“ auf einem weitläufigen Studiogelände mit ihren jederzeit veränderbaren Hausfassaden und Straßenflächen aus. In den Drehpausen kurvte zuweilen eine kleine Touristenbahn auf gummibereiften Rädern herum, damit zahlende Gäste vor Ort und live erleben konnten, wie ihre Lieblingsserien und andere Filmproduktionen entstanden.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #38 am: 25. Oktober 2016, 18:28:33 Uhr »
Frans mußte nichts sagen, sein telepathisch begabtes Reittier pflückte ihm die Gedanken einfach aus dem Gehirn und befand sie für gut. Eine kurze Frage - nach einem besonders auffallenden Gebäude, das Azure als Bezugspunkt ansteuern konnte - und eine schwarze/leere Sekunde später glitten sie bereits über das Gelände. Wo im Moment alles perfekt zusammenkam, eine Aufnahme gerade abgeschlossen war, wie Frans fachkundig an dem Menschengewusel erkannte, und die Touristenbahn in Sichtweite, jedoch mit genug Abstand vom Geschehen, um Aufnahmeleiter und Schauspieler nicht zu stören, ihre Runde drehte.
Als Schauspieler mit Leib und Seele hätte Frans es gehaßt, in eine laufende Aufnahme hineinzuplatzen. Aber es war gerade eine Pause, die ideale Zeit, etwas dazwischenzufunken... Erste Köpfe da unten drehten sich, als sie über sie hinwegglitten.
Azure beschrieb eine elegante Wende und flog erneut an, tiefer diesmal, und diesmal brüllte er lautstark, ein uriger Ton, der schier die Luft zum Erzittern brachte und weiter unten alles zum Stillstand. Die Touristenbahn stoppte. Jetzt guckte alles da unten, die Touristen samt Fahrer, die Schauspieler und das ganze Filmteam, vom Aufnahmeleiter bis zum geringsten Kabelschlepper.
Azure teilte mit, wo er zu landen gedachte, und Frans stimmte grinsend zu. Was für ein Spaß!  Allmählich begann er zu verstehen, warum Agent Wylie so gerne auf Richards´ Drachen ritt.
Nur wenige Meter hinter der kleinen Elektrobahn, die keine Schienen brauchte, setzten sie elegant auf, mit keinem Flügelschlag zu viel. Im gemütlichen Schlendergang spazierte Azure dahin, dicht an der Bahn vorbei, die Touristen sollten gefälligst was zu gucken haben. Amüsiert lauschten sie den fast hysterischen Anweisungen des Fahrzeugführers, sich unter keinen Umständen aus dem Fahrzeug zu lehnen oder das Tier zu reizen.
Frans ließ sich seinerseits die Chance für ein wenig Angeberei nicht entgehen, er lüpfte die Mütze und verbeugte sich zum Publikum, oben im Sattel thronend, und sein rotes Haar flammte in der Sonne. Die Leute glotzten mit offenstehenden Mündern und Augen so groß wie Untertassen, die psychisch stabileren Zeitgenossen ließen ihre Kameras klicken und surren, filmten geradewegs in Azures grinsend geöffneten Rachen hinein, als er den Kopf auf Augenhöhe der Wageninsassen senkte.
„Gar nicht schlecht für jemanden, der eigentlich schon tot sein sollte, nicht wahr?“ sagte Frans zu dem Drachen.
„Allemal besser als das Leichenschauhaus.“ stimmte Richards´ vergnügte Stimme zu. Sie trotteten weiter, dorthin, wo die echten, großen Filmkameras standen. Die Kameraleute riskierten einen Anpfiff vom Aufnahmeleiter wegen der Verschwendung von Filmmaterial, sie hatten ihre Apparate geschwenkt und hielten auf den ungewöhnlichen Anblick. Irgendwer erkannte den Drachenreiter, kein Wunder bei seinen auffälligen Haaren.
„Das ist Frans Hauser!“ ging es herum. Den meisten sagte der Name nichts, Frans war nur einer unter abertausenden aspirierenden Schauspielern, die nie über Minirollen hinauskamen und die Masse zur Klasse machen mußten. Bis jetzt jedenfalls, denn jetzt hätte so mancher ihn vom Fleck weg engagiert, vorausgesetzt daß er seinen geflügelten Untersatz zu den Dreharbeiten mitbrachte.
Aber Frans war nur für eines hier, um sich von denen, die er hier kannte, zu verabschieden. Frans befreite sich von seinen Gurten, sobald Azure sich niederlegte, um ihn abzusteigen zu lassen. Und dann war der Schauspieler umringt von seinen Bekannten und noch viel mehr Leuten, die ihn nicht kannten, das aber im Moment sehr gern ändern wollten.
„Sorry, Ladies and Gentlemen, ihr werdet mich so bald nicht mehr zu sehen bekommen. Ich habe ein neues Engagement, wie ihr sehen könnt.“ tönte er angeberisch. „Die nächsten hundert Jahre Drachenscheiße schippen, vermutlich...“
Ein kleiner Seitenblick auf Azure, aber inzwischen wusste Frans schon, daß Azure beziehungsweise sein Alter Ego einen Spaß verstanden. Das Grinsen des Drachenmauls war jedenfalls noch um einige Handspannen gewachsen.
„Nein, ich bin nicht sein Eigentümer, und ich glaube auch nicht, daß er für Aufnahmen zur Verfügung steht, aber ich kann ja mal seinen Agenten fragen.“ Frans grinste jetzt fast so breit wie sein Transportmittel. Sie beide genossen die Szene.
Dann tat Frans, wofür er zumindest pro forma gekommen war, nämlich sich von ein paar Bekannten zu verabschieden und dabei groß anzugeben, wobei in diesem Augenblick jeder so tun wollte, als sei er mit Frans ganz dick Freund, das übliche Verhalten in L.A., wo jede Chance auf einen vielversprechenden Kontakt sofort genutzt wurde...
Dann legte Azure sich wieder gehorsam hin und bot Frans ein Vorderbein als Aufstieghilfe an wie ein gut dressierter, wenn auch zu groß geratener und falsch gefärbter Elefant mit Flügeln. Wieder oben thronend, sah der Schauspieler keine ängstlichen Gesichter mehr da unten, nur noch Bewunderung und blanken Neid. Und er nahm sich vor, Richards später dringend danach zu fragen, was er eigentlich mit den ganzen lästigen Drachen-Groupies machte, die sich doch sicher ansammelten. So ein Drachen hatte doch garantiert einen gesunden Appetit, oder? ....

Und dann waren sie wieder in der Luft, nachdem sein Reittier für den Start effektheischend eine der höheren Kulissen hinaufgelaufen war, so schwerelos wie vorher die Mauer des Hinterhofs und ohne die leichtgebaute Hausimitation umzuwerfen oder zum Einsturz zu bringen, und Azure ging auf Ostkurs.
Frans war zuerst einmal ganz still und schweigsam. Nicht etwa weil er sich bei den Aufschneidereien gerade eben verausgabt hätte, sondern weil er sich über sich selbst wunderte. Irgendwie hatte er plötzlich, bei dem zweiten Ritt seines Lebens!, das Gefühl, als hätte er schon sein ganzes Leben im Sattel eines Drachens verbracht, als gehöre er hier hin, er genoß es einfach, selbst die geringste Bewegung dieses mächtigen Leibes unter seinem Hintern fühlen zu können, und selbst beim Aufsteigen vorhin, dem zweiten Mal überhaupt in seinem Leben, hatte er keine Nervosität mehr verspürt. Und das hatte vermutlich nicht daran gelegen, daß er selbst etwas aufgedreht gewesen war.
Die Stimme von Richards schwieg gleichermaßen, er wollte ihm wohl Zeit lassen, die Sache zu verdauen.
Plötzlich „blinkte“ Azure, vermutlich weil ihm die Landschaft unter ihm zu langweilig wurde, und dann waren sie ganz anders, an einem Ort, den Frans von oben nicht erkannte. Unter ihnen erstreckte sich eine Struktur, die auf Anhieb an den Meteoritenkrater in Arizona erinnerte, aber viel flacher und größer und im Inneren grün bewachsen, während die Kraterränder und das höhergelegene Land darum herum ziemlich karg und öde und vertrocknet aussahen, obwohl das Land in weiterer Ferne wieder fruchtbar grün und dicht bewaldet wirkte, und im Zentrum dieses kahlen Kraters, genau unter ihnen, lag so etwas wie ein mittelalterlich anmutendes Dorf, kreisrund eingeschlossen von etwas, was nach einer gut erhaltenen ununterbrochenen Wehrmauer aussah. Genau in der Mitte dieses Dorfes stand ein mächtig hochaufragender schwarzer Turm, der selbst bei diesem schönen Wetter aussah, als stamme er direkt aus dem Dekor eines Hammer-Gruselfilms.
„Wo sind wir?“ fragte er.
„Ein ganzes Stückchen weiter.“ lautete die Antwort. „Das da unten ist Lyon´s Home in Pennsylvanien. Dort bin ich aufgewachsen, aber wir werden heute nicht dort landen. Ich wollte es Ihnen nur kurz von oben zeigen, vielleicht besuchen wir es ein andernmal.“
Pennsylvanien, das war schon fast Ostküste, daher also Richards´ unverkennbarer Ostküsten-Akzent.
„Sagen Sie, wie weit können Sie „blinken“?“ wollte Frans wissen.
„So weit wie ich will, jedenfalls auf der Erde.“ lautete die Antwort. „Ob ich im Weltall noch viel weiter käme... keine Ahnung, aber ich glaube nicht, daß ich über Lichtjahre hinweg teleportieren kann. Bis zum Mond käme ich vielleicht, aber ich will Azure nicht sorglos aus Spiel setzen. Er ist viel zu kostbar. Das werden Sie aber alles noch erfahren als mein Lehrling.“ Er blinkte erneut, und -
diesmal erkannte Frans einige Landmarken in der Ferne sofort, jeder Amerikaner hätte sie sofort erkannt. Azure flog noch ein Stück, um Frans noch ein paar Minuten Fluggenuß zu gönnen und begann dann über einer Stelle zu kreisen, sie hatten ihr Ziel erreicht.
„Wir sind da. Das da ist Lyonshome Manor, das ich übrigens nach Lyon´s Home benannt habe.“
Unter ihnen lag ein stattliches Anwesen, das in der heutigen Zeit und in dieser Lage nahe der Hauptstadt Washington vermutlich ein Vermögen wert war. Das Herzstück war ein riesiges Herrenhaus, das sicher schon vor 1850 errichtet worden war, mit zahlreichen alten und neueren Nebenflügeln, ehemaligen Ställen und Scheunen und Gärten außen herum. Ein paar Personen, vermutlich Bedienstete des Anwesens, waren gerade im Freien unterwegs und blickten nach oben, als sie den anfliegenden Giganten bemerkten. Azure steuerte die Rückseite des Herrenhauses an, wo ein weiter Innenhof genug Platz für ihn bot. Während der Drache mit knapp bemessenen Flügelschlägen niedersank, konzentrierte sich Frans auf die Gesichter der Leute, die stehengeblieben waren und ihnen zusahen.
Das großäugige Staunen der Leute, die sie auf dem Filmgelände heimgesucht hatten, blieb hier aus, man schien an Besuche großer Reptilien gewöhnt zu sein. Stattdessen glaubte er bei den Leuten einen seltsamen Mix wahrnehmen zu können aus Ehrfurcht?, Freude? - die sich vermutlich auf die sichere Rückkehr ihres Herrn und Meisters bezog - und vielleicht sogar so etwas wie Besitzerstolz, und Frans erinnerte sich an die Psychologiekurse, die er zur Vorbereitung auf seine Theaterausbildung besucht hatte.
Darin war unter anderem das Verhältnis zwischen Diener und Herrschaft thematisiert worden, weil es in Theaterstücken relativ häufig vorkam. Der symbiotische Zustand langjähriger Dienstverhältnisse pflegte nicht selten dazu zu führen, daß die Diener im Lauf der Zeit ihre Herren regelrecht als ihr persönliches Eigentum zu betrachten begannen, das im Austausch für Lohn und Wohnung gehegt und gepflegt und notfalls auch verteidigt werden mußte. Übrigens in Analogie zum Tierreich, zu den Arbeiterinnen und Soldaten in Ameisen- und Termitenstaaten, die vermutlich auch einen persönlichen Besitzanspruch auf ihr gesamtes Nest samt der Königin geltend gemacht hätten, wenn man mit ihnen hätte reden können.
Noch wusste Frans nicht, daß Tom selbst dieses umgekehrte Besitzverhältnis zuweilen in seiner ironischen Art thematisierte, indem er sich selbst mit einem kostbaren alten Möbelstück verglich, das von einer Dienergeneration an die nächste weitervererbt und hin und wieder abgestaubt und gelüftet wurde und einen weiten Bogen um jeden Flohmarkt machen mußte, weil irgendwer vielleicht tatsächlich mal auf die Idee kam, es an einen reichen Sammler zu verticken.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #39 am: 26. Oktober 2016, 15:28:23 Uhr »
Aber das im Augenblick definitiv vorherrschende Gefühl bei ihren Zuschauern war reine Neugier. Neugier nicht etwa auf den Drachen, sondern auf den fremden Reiter in Azures Sattel. Sie wußten, daß er ein Neuzugang war und von Richards persönlich ausgesucht, weil nicht jeder auf dem Rücken des Hausherrn geduldet wurde.
Von Azure kam kein Kommentar, als er sich niederlegte, um Frans das Absteigen zu ermöglichen. Abermals half ein Gabelstapler in Form einer Drachenpranke, das Gepäck zu bewegen. Sobald Frans selbst auf dem Boden stand und die Taschen aufgenommen hatte, zog er sich zurück. Richards wollte sicher nicht in seiner Drachengestalt bleiben, und für die Rückverwandlung brauchte er bestimmt Platz.
Und er täuschte sich nicht. Azure schloß seine Augen, sein Kopf sank herab, als wolle er schlafen - und der ganze erschlaffende Drachenleib hob sich, schwebte ein Stück empor, während er schon durchsichtig wurde... und kurz danach materialisierte ein gleichfalls schlaffer, vielleicht bewußtloser Tom Richards, komplett mit Stock und Anzug und langem blondem Pferdeschwanz, und sank dem Boden entgegen. Er erwachte zum Leben und öffnete die Augen, kurz bevor seine Füße aufsetzten. Als er dann stand, atmete er tief durch, und ein Lächeln flog über sein Gesicht, als er die Zuschauer sah.
Die übrigens abermals kein großäugiges Staunen zeigten, stattdessen die Faszination von Personen, die einem Zaubertrick zusahen, den sie bereits kannten, der aber jedesmal von neuem beeindruckte.
Aber ohne große Begrüßung seiner Bediensteten - schließlich war er erst am Vormittag örtlicher Zeit abgeflogen - strebte Richards anschließend auf Frans zu.
„Kommen Sie. Jetzt suchen wir erst ein Zimmer für Sie, und dann gibt es einen Imbiß.“ Munter schob er ihn in Richtung des Hintereingangs des Haupthauses, einer mächtigen metallbeschlagenen Holztür, die aussah, als habe sie im Mittelalter als Burgtor gedient. Die Schlösser waren teils alt, teils neu und insgesamt sehr solide, keine Chance für Einbrecher, außer sie benutzten mindestens eine Panzerfaust.
Das ganze Hauptgebäude bewies sein Alter in seiner Wehrhaftigkeit, die einst vielleicht nötig gewesen war, im ganzen untersten Stockwerk gab es in den massiven, dicken Mauern nur schmale, hochliegende Fenster, die obendrein vergittert waren. Handgeschmiedete Gitter gab es auch an den größeren Fenstern weiter oben, und als Frans seinen ersten Blick durch die Tür tat, hatte er sofort den Eindruck, ein altehrwürdiges Gebäude irgendwo in Europa zu sehen, sowohl was die Ausstattung anging - alt, gediegen, kultiviert und gut gepflegt - als auch den „Hausgeruch“, der ihm entgegenwehte, ein Mix aus dem süßlichen Weihrauchduft von altem Holz, einem leichten Hauch von kühlem Kellergeruch aus dem gefliesten Flur und etwas Essensduft aus einer Küche, aber keine Andeutung von billigem Sperrholz oder Kunststoff. Er mußte aber seine kunsthistorischen Betrachtungen hintenan stellen, weil er als erstes dem japanisch aussehenden Butler und einer Japanerin, seiner Ehefrau, vorgestellt wurde, die von der Rückkehr ihres Herren samt Ankunft eines Gastes erfahren hatten und sich vor ihnen beiden verneigten.
„Das ist Frans Hauser, bis auf Weiteres mein neuer Lehrling - Larry Kiromoto, meine rechte Hand und Mädchen für alles. Und seine Ehefrau, Moriko Matsuhara, die zuständige Dame des Hauses, da ich zur Zeit ungebunden bin.“ Tom grinste. Die beiden Japaner verzogen keine Miene, als sie sich anmutig vor dem Gast verneigten, und Frans wußte, daß sie ihrem Brötchengeber die kleine Unverschämtheit nicht übel nahmen, sie wußten längst, wie sie Tom zu nehmen hatten und daß er es in seiner amerikanischen Flapsigkeit nicht böse meinte.
„Alle anderen werden Sie früher oder später noch kennenlernen. Wundern Sie sich nicht über den Betrieb, es wohnen ziemlich viele Leute hier, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen.“ Tom trennte sich bald von ihnen, vermutlich hatte er etwas zu erledigen, und Frans folgte weiter dem japanischen Haushofmeister. Er verlor schon nach der dritten Treppe und dem ungefähr fünften Flur die Orientierung, der Gebäudekomplex war das reinste Labyrinth. Larry ging voran und führte ihn zu einem Zimmer, das für den neuen Mitbewohner vorbereitet worden war.
„Wenn Sie etwas brauchen sollten oder etwas nicht nach Ihrem Geschmack ist, lassen Sie es mich bitte wissen, ich kümmere mich darum.“ sagte der Halbjapaner vornehm, und Frans verbeugte sich dankend, wie er es bei den Sfarrk, den Japanern des Weltalls, gelernt hatte.
Die Einrichtung war altmodisch-rustikal, ließ jedoch auch moderne Erleichterungen nicht vermissen. Insbesondere das Badezimmer ließ nichts zu wünschen übrig, stellte Frans fest, als er sich frischmachte und umzog. Als er fertig war und den Kopf zur Tür hinausstreckte, wartete da nicht Larry auf ihn, sondern ein Knirps mit dunkler Haut und schwarzem Kraushaar, der ihn trotzdem irgendwie sofort an „Moses“, die kleine Sfarrk-Echse, erinnerte.
„Hi, Sie sind Mr. Hauser, nicht wahr?“ grüßte der Kleine ihn auf lässige amerikanische Art. „Ich bin Billy. Ich soll Sie zum Speisesaal bringen, sonst verlaufen Sie sich. Hier verläuft sich am Anfang jeder. Sind Sie echt ein Filmschauspieler?“ 
„Ja, bin ich, aber nur ein ganz unberühmter.“ lächelte Frans und ließ sich gerne Fragen stellen, während er abermals durch das Zimmerlabyrinth geführt wurde. Billy brachte ihn in den Speisesaal des Anwesens, wo eine Art Büffett aufgebaut war, zahlreiche Speisen und Getränke der verschiedensten Art, gewärmt oder gekühlt und alle unter schützenden Kunststoffhauben, dazu Stapel von Tellern und Besteck. Es gab im Saal kleine Einzeltische und größere Sitzgruppen, teilweise abgetrennt durch Paravents und üppig wuchernde Hängepflanzen, und eine entspannte Restaurantatmosphäre herrschte, nur daß Frans keine Kellner sah, hier war Selbstbedienung angesagt. Ein paar Leute waren anwesend, ließen es sich schmecken oder unterhielten sich bei einem Kaffee. Einige davon waren vermutlich Bedienstete des Anwesens, weil sie Arbeitskleidung trugen, von den anderen ließ es sich nicht sagen, auch ein paar Kinder waren dabei, beschäftigten sich miteinander oder machten Hausaufgaben auf ihren Tischen und benahmen sich erstaunlich gesittet. Eine weitere Person betrat den Saal, direkt nach Frans und Billy, es war der Hausherr selbst, der sich sofort zu Frans gesellte, ohne besondere Aufmerksamkeit bei den anderen Anwesenden zu erwecken. Billy zeigte Frans einen hochgereckten Daumen und verschwand, da sein Job erledigt war, nicht ohne noch schnell ein Stück Kuchen von der Auslage mitgehen zu lassen.
„Gibt es eine Feier?“ fragte Frans, auf das Büffett weisend. Gleich neben dem Saal lag die Küche, die breite Durchreiche stand offen, und er sah eine Köchin und ihre Gehilfen werken in Vorbereitung des Abendessens.
„Nein, das sieht hier immer so aus. Auf diesem Grundstück arbeiten und wohnen eine Menge Leute, und es gibt außerdem eine Menge Angehörige meiner Bediensteten, die den größten Teil des Tages auswärts sind und zu den unterschiedlichsten Zeiten zurückkehren. Es wäre ein zu großer Aufwand, die Mahlzeiten nur zu festen Zeiten auszugeben und die Leute dazu in ein starres Zeitkorsett zu zwängen. Also sind hier rund um die Uhr ein paar Kleinigkeiten zu finden, zu den Hauptessenszeiten gibt es ein zusätzliches Angebot, und jeder, der es durch die Sicherheitskontrollen an der Eingangstür hereinschafft, wird auch mit durchgefüttert.“
Tom hatte sich einen Teller genommen und lud sich auf, was ihm gerade gefiel, eine bunte Mischung aus Süßem und Handfestem, alles auf den gleichen Teller, wählte sich einen Saft dazu aus und forderte Frans auf, es ihm gleichzutun. 
„Gibt das kein Problem mit den Kindern, wenn sie so unbegrenzt Zugang zu Kuchen und Süßigkeiten haben?“ fragte Frans mit einer Kopfbewegung zu dem Tisch im Hintergrund.
Tom lächelte. „Kinder haben einen feinen Instinkt, was sie brauchen und wie viel davon. Am Anfang schlagen sie natürlich über die Stränge, schlemmen Kuchen und Schokolade, bis sie umfallen. Aber das gibt sich bald. Ständige Verfügbarkeit macht Süßes schnell langweilig, da probieren sie lieber was neues aus. Das Angebot wechselt ständig, es gibt immer wieder neue kulinarische Entdeckungen zu machen, dank unseres guten Küchenteams... und fett wird hier keiner, dafür gibt es zu viel zu tun und zu erleben. Wer nicht gerade arbeitet, geht seinen Hobbys nach. Wir haben einen Trainingsraum hier, der keine Wünsche offen läßt, Larry und die Sicherheitsleute veranstalten regelmäßig Kurse, es gibt Sauna und Swimmingpool und genug Platz auf dem Anwesen für Jogging und Tennis. Nur mit Football und Basketball habe ich es nicht, aber da sind die Sportplätze nicht weit weg.“
Sie aßen. „Das muß doch unheimlich viel kosten, der Unterhalt von dem allen hier.“
„Ich bin reich. Verdammt reich sogar, ich hatte genug Zeit, mir ein immenses Vermögen zu erwerben, und es wächst immer noch. Aber ich sitze nicht auf den Geldsäcken wie Dagobert Duck, sondern ich investiere. In alles, was mir wichtig erscheint, auch in menschliche Arbeitskraft. Die Leute, die hier mit mir zusammenleben, befinden sich alle in einer Vertrauensstellung. Eine Stellung, die auch Gefahr in sich birgt, denn jemand wie ich hat logischerweise auch Feinde. Mehr und heimtückischere, als Sie sich im Moment vorstellen können. Sie werden das alles noch erfahren, so nach und nach. Und Sie werden meine Lehrlinge kennenlernen. Im Moment ist keiner anwesend, die Ärzte sind im Hospital und Paul, Scott und Mai Lin bei ihren Familien. „Meine“ Geheimdienstler sind im Augenblick auch nicht da... aber die wissen bestimmt schon von Ihrer Existenz und tauchen morgen auf, um Sie zu beschnuppern.“ Er grinste fröhlich und widmete sich den gebackenen Mini-Kartoffeln, der Gedanke an Agentenbesuch in seinem Heim schien ihm keine Bauchschmerzen zu verursachen.
„Und was haben Sie mit mir vor, wenn ich fragen darf?“
„Ich werde Sie schleifen. Gnadenlos. Ich werde Sie testen, in jede Richtung, die mir einfällt. Ich werde Wissen in Ihren Schädel hineinzwängen, bis Sie nicht mehr wissen werden, wo oben und wo unten ist. Ich werde Sie durch alle sieben Höllen des Wahnsinns zerren, und behaupten Sie ja nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“ Tom grinste fies. „Betrachten Sie es als gründliche Vorbereitung auf Ihre Rolle. Da es eine actionbetonte Rolle ist, wird Ihnen ein wenig Training nicht schaden. Dafür werden Larry und die anderen sorgen. Auf Otrona scheinen Sie sich ja gut geschlagen zu haben, sonst hätte die Firma Sie als ungeeignet eingestuft und ohne den Laptop zurückgeschickt.“
„Was wollten die eigentlich testen, dort auf der Raumstation?“
„In erster Linie wahrscheinlich, ob Sie nervlich mit Aliens kompatibel sind. Das packt nämlich nicht jeder Homo Sapiens, und in dem Film werden vermutlich echte Außerirdische mitspielen, wie ich die Benu kenne.“
Er wirkte auf einmal abgelenkt, und Frans folgte seinem Blick. Eine Küchenhilfe tauschte gerade geleerte Gefäße durch neue gefüllte aus, darunter zwei große Suppenkessel. Tom war sofort auf den Beinen, um die Lieferung zu inspizieren. „Es ist Bouillabaisse!“ stellte er fest und schnappte sich schon das größte Geschirr, das er finden konnte. „Greifen Sie zu, die ist köstlich!“
Frans stand eigentlich nicht auf Meeresfrüchte, aber Tom hatte recht, seine Köchin verstand ihr Handwerk. Während sie Suppe löffelten und das frische Weißbrot kauten, registrierte der Schauspieler, daß Richards beim Essen ein ähnliches Fassungsvermögen besaß wie sein Verwandter in der Zukunft.
„Sagen Sie, Ihr Verwandter Siwa - wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen? Ist er Ihr Sohn?“
Tom schüttelte den Kopf. „Das ist komplizierter und genauso unglaublich wie vieles andere. Erzähle ich Ihnen auch ein andernmal. Nur soviel, ich stamme von ihm ab und nicht umgekehrt.“
Dann mußte Tom sich leider rar machen, weil er Pflichten zu erfüllen hatte. Frans gabelte Billy wieder auf und ließ sich von ihm den Rest des Tages lang das Haus zeigen und alles andere was relevant erschien, wobei sich Billy als erstklassiger Fremdenführer erwies, der die beeindruckende Vergangenheit des Gebäudekomplexes glänzend zu präsentieren wußte.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #40 am: 11. November 2016, 13:51:44 Uhr »
Am nächsten Morgen war Frans dann ziemlich nervös, weil Tom ihm versichert hatte, daß als erstes „seine“ Bundesagenten auftauchen würden, um den Neuzugang zu begutachten.
„Keine Panik.“ erklärte Tom dazu, sein Standard- und Lieblingsspruch, als sie beim Frühstück mit frischen Croissants, Obst und jeder Menge Leckereien saßen, das Frans trotzdem nicht recht schmecken wollte.
„Mit General Wade und seinen Leuten kann man gut leben, vor allem mit „unseren“ drei, Wylie, Fox und Smith. Benjamin Wylie ist nicht sonderlich bedarft, jedenfalls wenn es nach Fox geht, aber er kann Befehle befolgen, ist lernfähig und besitzt insgeheim ein Herz aus Gold. Zur Agency kam er übrigens nur, weil General Wade zufällig ein Verwandter von ihm ist.
George Fox hatte früher einen ziemlich üblen Ruf als skrupelloser Bürokrat, der für seine Karriere über Leichen geht, aber nach einer psychotischen Episode, die auf ein Vietnam-Trauma zurückging, hat er sich völlig verändert und auf seine alten Tage seine sanfteren Seiten entdeckt, was seiner Gesundheit gut tut. Einen scharfen Spürsinn für alles, was irgendwie aus der Reihe tanzt, hat er aber immer noch, er hat eine ziemlich gute Leistungsbilanz in der Agency. Er ist ein geborener Jäger, der nicht gern hinterm Schreibtisch sitzt.
John Smith, der dritte im Bunde, heißt angeblich wirklich so, das können Sie jetzt glauben oder bleiben lassen.“ Er grinste. Das war also der Mann, mit dem Frans am Telefon gesprochen hatte.
„Er ist der Typ korrekter Beamter, der gern alles in dreifacher Ausfertigung hat. Im Einsatz geht er durchaus mal ein Risiko ein, aber er ist nicht leichtsinnig, weder Rambo noch James Bond. Er ist noch jung und intelligent und macht bestimmt Karriere, wenn er sich nicht irgendein Laster einzufängt. Vielleicht wird er sogar mal der Nachfolger des Generals. Wade ist ein alter Haudegen und zäher Knochen, der macht es noch ein paar Jahre. Bis der in Pension geht, könnte Smith die nötigen Stufen auf der Karriereleiter schon erklommen haben.“
Solchermaßen vorgewarnt, brachte Frans die Begegnung kurz danach hinter sich, ohne auch nur ein einziges Mal in Panik auszubrechen. Bundesagenten waren tatsächlich ganz normale Menschen, erkannte er schnell, anders als Richards selbst, sein Verwandter in der Zukunft und einige sonderbare Zeitgenossen, die zum Inventar von Lyonshome Manor gehörten. An diesem und in den darauf folgenden Tagen lernte Frans auch Toms Lehrlinge kennen.
Die normalsten unter ihnen waren zweifellos die drei Ärzte aus seinem Privathospital, Dr. Thaum, Dr. Maurice und Dr. Terrell, die sich als fähig für die Benutzung einer Matrix erwiesen hatten und von denen Tom hoffte, daß sie sich mindestens bis zur dritten Stufe der Matrixtechniker hochlernen und -arbeiten konnten und würden, dem Standardlevel für universell einsetzbare Techniker. Das war, wie Tom erklärte, eine Fähigkeit, die nicht jedes menschliche Wesen besaß, die meisten blieben schon auf Level Eins hängen, sofern sie überhaupt die notwendige psychische Qualifikation für die Benutzung einer Matrix besaßen.
Dann waren da Scott Hayden und sein Vater, Paul Forrester, Toms „Haustier-Alien“ vom Planeten Algieba. Für Frans, der mit außerirdischen Eidechsen parliert und einen Drachen geritten hatte, besaßen ein intelligenter blauer Kugelblitz in einem menschlichen Klonkörper und sein beinahe-menschlicher Sohn keinen besonderen Exotik-Faktor, zumal Paul sich als absolut harmlos, als hingebungsvoller Familienmensch und freundlicher und naiv-weiser Gesprächspartner entpuppte, mit dem sich hervorragend philosophieren ließ.
Scott stand mitten im Studium, auch er wollte Arzt werden, ein gutaussehender, aber zurückhaltender, manchmal sogar scheu und etwas traurig wirkender junger Mann, auf den die weiblichen Studenten nur so flogen.
Er wurde auch dem letzten Neuzugang vor ihm vorgestellt, einer bildhübschen jungen Chinesin namens Mai Lin Wong, deren kohlrabenschwarzer Drache Renying die Gefährtin von Azure war. Die Wongs waren in China als Dissidenten verfolgt worden und als illegale Immigranten in die Staaten gelangt. Doch sobald General Wade von Tom erfuhr, was es mit Mai Lin auf sich hatte, regnete es Aufenthaltsgenehmigungen. Einige Mitglieder der Familie Wong hatten inzwischen die Hürden für eine rechtsgültige Einbürgerung überwunden, der Rest würde es bald tun. Für den General war das ein billiger Handel, eine Gruppe arbeits- und leistungswilliger Einwanderer zu akzeptieren, damit er den Schatz namens Renying beanspruchen und gleichzeitig den verdammten Roten in Beijing eins auswischen konnte.
Wade war ein überzeugter Kommunistenfresser alter Schule und deswegen hocherfreut, als sich bei einem Überfall einer fremdländischen Macht auf Lyonshome Manor (die übrigens des öfteren stattfanden, wenn Frans Toms Worten glauben wollte) chinesische Agenten als Urheber erwiesen, die zur Abwechslung mal nicht Tom Richards selbst oder Paul Forrester, sondern Mai Lin Wong im Visier gehabt hatten. Jedenfalls holten sich die Chinesen zuerst bei Toms geschulten Sicherheitskräften blutige Nasen und landeten dann zur hochnotpeinlichen Behandlung in Wades Verhörräumen. Was danach mit ihnen geschah, ob Wade sie einfach mit einem Tritt in den Hintern nach Hause schickte oder sie gegen aufgeflogene amerikanische Agenten austauschte, interessierte Richards nicht, das war Sache der Regierung. Jedenfalls zog Wade mit seiner Agency regelmäßig Profit aus den Kuhhändeln, die er mit Tom geschlossen hatte, weil diese Anhäufung von Aliens, Drachen und anderen Anomalien ausgerechnet in Washington, direkt vor seiner Haustür, der beste Köder für feindliche Mächte war, den er sich wünschen konnte.
Was Frans am Anfang verwunderte, war die Nonchalance, mit der die Beteiligten selber damit umgingen. Der „innere Kreis“ um Tom Richards wusste über alles Bescheid, Außerirdische, Matrixtechnologie, Drachen, Toms Langlebigkeit und seine Herkunft aus der Zukunft und vieles anderes mehr - sie wußten es und akzeptierten es und betrachteten es keineswegs als Grund, die Mäuler aufzureißen und ihre Weisheit der ganzen Welt kundzutun. Es war halt so, man war stolz darauf, lebte damit und basta. Und wenn sich daraus mal das eine oder andere Abenteuer ergab, Kabbeleien mit Agenten, Gangstern, fiesen Invasoren aus dem Weltall und anderen unangenehmen Zeitgenossen, um so besser. Als Hasenfüße konnte man die Leute, mit denen Richards sich umgab, nicht gerade bezeichnen, sie waren gut trainiert und wußten, wie sie bei Zwischenfällen zu reagieren hatten.
Was Wylie und die anderen Bundesagenten anging, so hatten sie eigentlich den Auftrag, Richards und seine Machenschaften für ihre Agency und die Regierung der Vereinigten Staaten im Auge zu behalten und notfalls zu bremsen, wenn er über die Stränge schlug, waren aber inzwischen gut Freund geworden mit Toms wilder Truppe und gleichberechtigt eingebunden in so manches, was hier ablief. Wahrscheinlich war es der reine Unterhaltungswert, der die Agenten so gern nach Lyonshome Manor kommen ließ, dachte Frans sich irgendwann, als er wieder einem schier unglaublichen aber garantiert wahren Garn über Toms verrückte Abenteuer lauschte, das der alte Dawson, selber ein pensionierter Ex-Geheimdienstler vom Schlag und Ruf eines realen James Bond, von sich gab. Mit dem, was in der Umgebung von Tom Richards so alles passierte, konnte selbst Hollywood kaum mithalten, und die Agenten bekamen regelmäßig ihr Teil davon ab.
Die Hausangestellten, allen voran der Butler Larry Kiromoto, ein Halbjapaner und ehemaliger Yakuza, waren nicht nur in ihren täglichen Pflichten geübt, sondern auch in allen Arten von Selbstverteidigung und der Benutzung einer ganzen Reihe von konventionellen bis unorthodoxen Waffen, die sich gut versteckt und jederzeit griffbereit in den jeweiligen Tätigkeitsbereichen finden ließen. In Sachen kämpferischer Schlagkraft war Lyonshome Manor besser ausgerüstet als so manches Polizeirevier in den Problemvierteln von Washington, und das war leider auch nötig angesichts der wiederholten Angriffe und Überfälle.
Von Rechts wegen hätte sich der größte Teil der Schutz- und Sicherungsmaßnahmen auf Tom Richards selbst beziehen müssen, denn wie Frans auch irgendwann von Dawson erfuhr, war Richards offiziell zum ersten schützenswerten lebendigen Kulturgut und Nationalerbe in menschlicher Form erklärt worden, analog zu den menschlichen Nationalschätzen, die etwa in Japan bewahrt wurden, jedoch völlig unüblich für amerikanische Verhältnisse, wo eigentlich nur Baudenkmäler, Naturwunder, Kunstgegenstände, hervorragende Exemplare der Flora und Fauna des Landes und immaterielle Güter wie etwa das Rezept für Coca-Cola als nationale Kulturgüter anerkannt werden durften, aber grundsätzlich keine lebenden Personen.
Thomas Adalmar Richards der Dritte, so sein voller Name, den er in dieser Zeit führte (er hatte viele andere getragen in der Vergangenheit) war in einer regelrechten Nacht-und-Nebel-Aktion in die Listen eingeschmuggelt worden.
Allerdings war Richards nicht der Typ, der sich bei Gefahr in einen sicheren Tresor sperren ließ. Wenn Action geboten war, konnte man sicher sein, daß man ihn im dicksten Gewühl wiederfand, und er besaß auch die besten Methoden, sich selbst zu schützen. Deshalb galten die Schutzmaßnahmen zuerst den hilflosen Personen im Haus, den Kindern, einigen wenigen Alten, die aus dem kampffähigen Alter heraus waren, und Forrester samt Familie, weil Paul als Mitglied einer hundertprozentig pazifistischen Rasse nicht fähig gewesen wäre, Gewalt anzuwenden, um sich selbst und andere zu beschützen.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #41 am: 15. November 2016, 12:34:07 Uhr »
Wie gut Richards im Kampf war, erfuhr Frans, als er zu seiner ersten Trainingsstunde zitiert wurde und er ein Match zwischen Tom und seinem Butler Larry beobachten durfte. Larry war ein Yakuza gewesen, bevor Richards ihn rekrutiert hatte, und er hatte noch nichts verlernt, was original fernöstliche Kampf- und Mordtechniken anging, aber sein Boss war ihm hoffnungslos überlegen. Die beiden benutzten für die Übung nur Kendostöcke, keine echten Schwerter, Frans hätte aber trotzdem nicht zwischen die beiden geraten mögen, weil keiner der beiden Probleme gehabt hätte, ihn innerhalb weniger Sekunden auf mindestens zehn verschiedene Arten umzubringen und zusätzlich sauber zu häuten und filetieren. Und erst die Geschwindigkeit, mit der alles ablief... bis jetzt hatte der Schauspieler solche Szenen nur in gut choreographierten Eastern gesehen, wo mit Kameratricks und später wegretuschierten Seilen fleißig nachgeholfen worden war. Tom bewegte sich wie Neo in „Matrix“ - und wie Frans kurz danach von Tom selbst erfuhr, war das gar nicht weit von der Wahrheit entfernt. Tom konnte nämlich einen speziellen Trick benutzen, die sogenannte Schnellzeit, die nur geübten Matrixtechnikern wie ihm (und vielleicht einigen vergeistigten Kampfmönchen in China) zugänglich war, in der die Zeit viel langsamer ablief als normal.
Ein weiterer Trick, den Frans bis jetzt nur aus fernöstlichen Filmen kannte und nicht für real gehalten hatte, war Toms Benutzung seines langen Haares, das zeitweise ein regelrechtes Eigenleben anzunehmen schien und sich als bestens geeignet entpuppte, einen Gegner zu verwirren oder sogar zu fesseln.
„Haar-Kung Fu,“ erklärte Tom hinterher grinsend. „Extrem schwer zu lernen, unmöglich auszuführen. Man braucht eine monstermäßige Aura, um es richtig hinzubekommen, aber zu meinem Glück besitze ich so eine. Und natürlich braucht man das richtige Equipment.“ Und streichelte selbstgefällig seinen langen Pferdeschwanz, immer noch grinsend. Um anschließend, gnadenloser Sklaventreiber der er war, Frans in den Ring zu schicken, damit der bei ein paar leichten Übungen zeigte, was er so an Selbstverteidigungstechniken kannte, dank des Laptop-Kurses aus der Zukunft.
Allerdings nicht mit Larry, sondern mit Benjamin Wylie, dem Geheimdienst-Agenten und begeisterten Drachenreiter. Da war die Blamage  für Frans nicht ganz so groß, weil auch Wylie noch als Anfänger zählte. Inzwischen wusste Frans schon, daß Tom mehrere Male in streng geheime Geheimdienstaktionen verwickelt gewesen war, in denen seine ganz speziellen Fähigkeiten gefragt gewesen waren, und er dadurch ein enges Band zu Wylie und den anderen Agenten geknüpft hatte.
Da aber niemand ausschließen konnte, daß es in der Zukunft weitere derartige Situationen geben würde, hatte Tom mit General Wade, dem obersten Chef dieser Geheimdienstabteilung, ein Abkommen über gegenseitige Fortbildungsmaßnahmen geschlossen, um ihre Schlagkraft beim nächsten Einsatz zu verbessern. Tom und seine Crew drillten die Agenten in fortgeschrittenen und manchmal auch reichlich schmutzigen Kampftechniken und anderen nützlichen Tricks und erhielten im Gegenzug die Erlaubnis, sich mit den Agenten in deren Einrichtungen fortzubilden.
Auf diesem Weg bekam Frans schon ein paar Tage nach seiner Ankunft die Gelegenheit, auf Fürsprache von Richards zwei Wochen zusammen mit den Bundesagenten auf der berühmt-berüchtigten und immer noch streng geheimen „Farm“ zu verbringen, wo sonst hauptsächlich Mitglieder der CIA ausgebildet wurden. Dort lehrte man natürlich nicht nur den bewaffneten und unbewaffneten Kampf samt Schießtraining, sondern auch alles andere, was ein Geheimdienstler wissen mußte, Observierungen und Verhörtechniken, Kryptographie, Fahrzeug- und Waffenkunde, Notfallmedizin, Überlebenstechniken, Weltpolitik, Gesetzeskunde und  technische Kenntnisse bis hin zur Identifizierung und Entschärfung von Bomben... und Frans stellte sich keineswegs sehr viel ungeschickter an als die echten Agenten, die mit ihm gekommen waren. Viele Kenntnisse echter ausgebildeter Agenten fehlten ihm, das war klar, aber als Schauspieler war er kompensations- und anpassungsfähig, und es war in der Tat ein exzellentes Training für jeden Film, der im Agenten- oder Behördenmilieu spielte.
„Ich schätze, ich muß aufpassen, daß der General Sie mir nicht einfach abwirbt.“ scherzte Richards nach seiner Rückkehr von der „Farm“. Wade war sehr interessiert an jedem von Toms Lehrlingen, über deren ungewöhnliche Fähigkeiten er genauestens im Bilde war, auch wenn er im Fall des Schauspielers bis jetzt darauf verzichtet hatte, ihn persönlich ins Hauptquartier der Agency zu zitieren.
„Danke, es reicht mir, wenn ich es auf der Leinwand glaubwürdig ´rüberbringe.“ antwortete Frans, auf einen Satz Spielkarten konzentriert, die vor ihm als Fächer in der Luft schwebten, ganz ohne unsichtbare Fäden, ohne Netz und doppelten Boden. Sie saßen gerade zusammen in einem der betonierten Kellerräume unter den Nebentrakten, der als Übungsraum für die angehenden Matrixtechniker unter Toms Lehrlingen diente. Irgendwo in der Nähe, aber sehr viel tiefer und obendrein einbruchs- und bombensicher geschützt durch eine Dimensionsfalte, die nur für Tom selbst zugänglich war, befand sich die „Schatzkammer“ des Hausherrn, in die Frans einmal einen Blick hatte tun dürfen, und in der Toms wertvollste Besitztümer untergebracht waren, die er selbst einem renommierten Museum nicht anvertraut hätte.
Nicht einmal Larry konnte den Raum betreten, wenn Tom Richards ihm nicht sein spezielles Permit erteilte.
Und der Inhalt rechtfertigte die Sicherungsmaßnahmen. Herzstück der Sammlung waren nämlich Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten, von namhaften Künstlern angefertigt, Rembrandt, Dürer, Goya, Picasso, Hokusai, Giotto und viele andere, die zweifellos berühmt, aber Frans zum Teil nicht mal dem Namen nach bekannt waren - Gemälde, die jedoch alle das gleiche Motiv zeigten: sie waren allesamt Portraits. Portraits von ein und derselben Person, über die Jahrhunderte hinweg. Portraits eines Mannes, der sich heute Thomas Adalmar Richards der Dritte nannte, jedoch viele andere Namen getragen hatte im Lauf der Zeit... es war aber kein Fall von krassem Narzissmus, der ihn dazu bewogen hatte, wie Tom bemerkte, nun ja, vielleicht ein bißchen... aber er hatte immer das Gefühl gehabt, daß es eines Tages mal wichtig sein könnte, seine Identität über mehr als tausend Jahre hinweg beweisen zu können, und was gab es da besseres als eine Kette von Passbildern in der Form von der Kunstwelt bis dato unbekannter, jedoch absolut echter Gemälde, die jeder wahre Kenner des jeweiligen Künstlers zu identifizieren imstande war - und wenn nicht die Kenner, dann eben moderne Verfahren wie Dendrochronologie, C14-, Röntgen-, Stil- und Pigmentanalyse? 
Soeben fügten sich die Karten zu einem perfekten Stapel zusammen, sauber nach Farben und Werten sortiert, und sanken auf den Tisch herab, ohne daß Frans oder Tom sie berührt hätten. Es war allein die Kraft der Einsermatrix in dem Ring, den Frans an der rechten Hand trug, die die Karten bewegt hatte.
„Gut gemacht.“ lobte Tom. „Und jetzt die Kerze bitte. Aber lassen Sie diesmal die Wand ganz.“ Er grinste fies, als Frans übertrieben aufstöhnte. Eine neue Kerze stand da, weißglänzend und unschuldig, wo ihre Vorgängerin kurz vorher ihre Existenz in einem unvermuteten sekundenlang andauernden Feuersturm ausgehaucht hatte.
Frans konzentrierte sich erneut. Beim letzten Mal hatte er eindeutig zu viel Energie investiert, der riesige schwarzverkohlte Fleck auf Wand und Boden war der Beweis dafür. Diesmal wollte er es besser machen. Nur ein Pünktchen Energie, ein winziges Fünkchen, ein energetischer Nadelstich... er fühlte, wie der Docht entflammte, gute zehn Meter entfernt, Frans unterbrach die Energiezufuhr sofort - und dann brannte die Kerze, wie sie sollte, und er hatte nicht einmal das Wachs zum Schmelzen gebracht.
„Perfekt!“ freute sich Tom. „Langsam haben Sie den Bogen raus. Morgen gehen wir dann über zu den Eiern.“
Eine Aussicht, die Frans erneut zum Stöhnen brachte, sein erster Versuch mit den Eiern war eine Katastrophe gewesen. Aber Tom grinste nach wie vor.
„Ist alles nur eine Frage des Fingerspitzengefühls. Das lernen Sie noch. Einen X-Wing-Starfighter aus einem Sumpf zu pflücken ist leicht, die wahre Meisterschaft erweist sich aber erst, wenn man die Macht zum Spalten eines einzelnen Haars einsetzen kann.“
Sichtlich gut gelaunt sah er zu, wie Frans sich widerstrebend den Ring mit der deaktivierten Matrix vom Finger zog. Bedauernd sah der Schauspieler, wie Tom das kostbare Instrument entgegennahm, mit einer Hand, die mit einem dichtgewebten Seidentuch vor direktem Kontakt geschützt war, und wie er den Ring sorgsam einwickelte und dann einsteckte. Aber Frans wusste, daß er genauso wenig wie die anderen Lehrlinge „seinen“ Ring außerhalb der Übungsstunden behalten durfte, solange Tom noch nicht davon überzeugt war, daß er auch in jeder Lebenslage korrekt damit umgehen konnte. Solange er noch bei jedem zweiten Versuch weit über das Ziel hinausschoß und seine Umgebung entweder abfackelte oder sonstwie deformierte, durfte der Zauberlehrling noch nicht den Besen zum Wasserholen schicken. 
„Mann, warum die Eier? Sowas muß man heute nicht mehr in Echt machen, für solche Sachen gibt es heute Computertricks, so wie in den  „Harry Potter“-Filmen, wissen Sie?“ maulte Frans gespielt, als sie sich auf den Weg nach oben machten. Selbstverständlich hätte er nicht darauf verzichtet, und wenn er hinterher noch so viel Rührei wegputzen mußte. Aber ein wenig Spaß mußte sein.
„Nennen Sie mich altmodisch. Aber auf die Eier muß ich leider bestehen.“ scherzte Tom zurück. Er wusste natürlich, daß Frans am liebsten Tag und Nacht mit seinem neuen Spielzeug geübt hätte, nachdem er nun den Dreh heraushatte, egal ob sein Meister anwesend war oder nicht. Aber Fingerspitzengefühl, genaue Kenntnis der Eigenschaften seines Werkzeugs und sehr, sehr viel Vorsicht, das waren die wichtigsten Punkte, die jeder Einserlehrling zutiefst verinnerlichen mußte, bevor man ihn mit einer Matrix auf eine ahnungslose Menschheit loslassen konnte.
„Übrigens, könnten Sie auch Küken aus so einem Ei zaubern?“
„Ich nicht ohne faule Tricks, aber Paul kann es. Er beherrscht die Kunst, einen Klon innerhalb kürzester Zeit heranwachsen zu lassen. Allerdings kostet ihn das immense Kraft, wenn er es allein tun soll, und deshalb sollten Sie ihn nicht darum bitten, nur einfach so zum Spaß, Sie wissen ja, daß er einfach nicht nein sagen kann. Im Krankenhaus kann er diese Fähigkeit viel nutzbringender einsetzen. Ich sehe lieber Nieren statt Küken heranwachsen.“
Frans nickte, inzwischen erkannte er, wann Tom einen direkten Befehl erteilte. Das war soeben einer gewesen, den Mann vom anderen Stern nicht aus simpler Neugier zu belästigen. Stattdessen sollte er einfach die Gelegenheit ergreifen und zusehen, wenn Paul das nächste Mal eine Niere, ein Auge oder ein anderes Körperteil für einen Patienten des DeVille Memorial Hospitals heranzüchtete. Obwohl so ein piepsendes, flauschiges Küken natürlich auch ganz cool gewesen wäre.
„Aber ich bleibe dabei. Computertricks sind heute der letzte Schrei!“ setzte er die Auseinandersetzung fort.
„Die chronische Faulheit der Lehrlinge leider nicht.“ parierte Tom amüsiert. „Die war sogar schon vor meiner Zeit bekannt.“
Touché, dachte Frans, der diese aberwitzigen Streitgespräche genauso genoß wie sein derzeitiger Chef.
Auf dem Weg in Toms Arbeitszimmer sahen sie in der Überwachungszentrale vorbei, wo die Computerfreaks Charly und Henry mit ihren Mitarbeitern den weltweiten Datenverkehr überwachten, interessante Neuigkeiten für ihren Boss abfischten und ein wenig herumhackten. Der alte Dawson Lynch war von ihnen so weit ausgebildet worden, daß er den Datenabgleich der Außenüberwachung des Grundstücks übernehmen konnte. Die zahlreichen Kamera- und sonstigen Überwachungssysteme, die Lyonshome Manor auf allen Seiten umgaben, besaßen die modernsten Gesichtserkennungssysteme, die es gab, und das war wichtig, weil die meisten Gangster und Agenten, die das Anwesen zu überfallen gedachten, sich erst einige Tage in der Umgebung herumtrieben, um die Örtlichkeiten kennenzulernen, Fluchtwege festzulegen und die Bewohner des Anwesens zu beobachten. Wenn darum das gleiche Gesicht einer fremden Person immer wieder auf den Aufnahmen von der Umgebung auftauchte, war es für Lynchs Truppe Zeit, diese Person einmal zu überprüfen. Die Anwohner, Lieferanten, Straßenpolizisten und regelmäßige Besucher der näheren Umgebung waren selbstverständlich bekannt, wurden aber trotzdem hin und wieder - von ihnen selbst völlig unbemerkt  - nach einem von Tom Richards selbst entwickelten Verfahren gescannt, ob sie tatsächlich noch „sie“ waren oder vielleicht durch einen feindlichen Doppelgänger ersetzt. Was übrigens auch schon vorgekommen war, die Gegner von Tom Richards arbeiteten mit allen Schikanen.
Aber heute schien es ruhig zu sein. Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, die Tarnschilde nach oben,  die neugierigen Himmelsspähern, von Satelliten bis zu überfliegenden Hubschraubern, Fluggleitern und unbemannten Drohnen den Tag vermiesten waren intakt, es gab keine Notrufe und keine Zwischenfälle an den Eingängen zum Anwesen, wo ebenfalls gut getarnte und von Tom gepimpte Scanner auf feindselige Eindringlinge warteten.
Zu schade, dachte Frans, der ehrlich nicht wusste, ob er sich einen Zwischenfall irgendwann mal wünschen sollte oder nicht. Er hätte nämlich zu gern erfahren, was in so einem Fall im Haus alles los war, weil der alte Lynch immer wieder fröhliche Andeutungen machte, ohne jemals konkret zu werden.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #42 am: 29. November 2016, 13:34:26 Uhr »
Jetzt trennten sie sich erst einmal, um ihre jeweiligen Zimmer aufzusuchen und sich umzuziehen. Eine halbe Stunde später trafen sie sich am Eingang, wo eines der Autos aus Toms Fuhrpark bereits vorgefahren worden war.
Tom Richards konnte zwar ein Auto fahren, haßte es aber, selbst am Steuer zu sitzen, insbesondere im Stadtverkehr, und überließ darum gern Frans diese Tätigkeit. Er stamme definitiv aus dem falschen Jahrhundert, um sich mit Benzinkutschen, Verkehrsregeln und Ampeln herumzuärgern, hatte er dazu erklärt, als er Frans das erste Mal als seinen Chauffeur mißbrauchte. Den größten Teil der letzten tausend Jahre hatte er sich auf den Verstand von Pferden und anderem Getier verlassen, wenn er schneller als auf Schusters Rappen vorwärts kommen wollte, und in der fernen Zukunft sorgten hochintelligente Transportsysteme ganz ohne Eingriffe eines menschlichen Fahrers für eine sichere Reise. Die heutige Fahrt ging aber nicht weit, weil Richards nur sein Privathospital aufsuchen wollte, das gleichfalls in der Gegend lag. Er hatte Termine für ein paar Heilungen, zusammen mit Forrester und seinen anderen Lehrlingen, die in Medizin machten, und wollte Frans als Zuschauer dabei haben.
„Ihr Filmheld ist ja sowas wie ein Hansdampf in allen Gassen, auch in der Medizin.“ erklärte er dazu. Selbstverständlich hatte er sich informiert, welche Rolle Frans Hauser spielen sollte, und er war davon genauso begeistert gewesen wie sein Verwandter in der Zukunft.
„Sie sind aber selbst so ein Allroundgenie wie dieser Captain,“ hatte Frans erwidert. „Können Sie auch ein Raumschiff fliegen?“
Tom hatte gelächelt über den schmeichelhaften Vergleich. „Man wird nicht so alt wie ich, ohne hier und da ein paar Kenntnisse aufzuschnappen. Ich habe ein paarmal echten Raumschiffspiloten über die Schulter gesehen und ein paar Anfängerkurse gemacht, als Vorbereitung für einen eigenen Flugschein. Aber ich war noch lange nicht soweit, als ich von meinem anderen Ich in der Zukunft getrennt wurde. Dafür habe ich aber in der Vergangenheit eine Zeitlang ein Schiff kommandiert, das ganz klassisch auf dem Wasser fuhr. Sie war klein für ihre Zeit, aber ich hatte ihr ein paar fiese Zähne verpaßt, und deshalb habe ich sie auf den Namen „Piranha“ getauft.“ erzählte er dann, in Erinnerungen versunken.
„Ihren Zeitgenossen galt sie als ein Schiff des Satans persönlich, einmal weil ich mich damals deVille nannte, einem alten Freund zu Ehren - da war der Gedankensprung nicht weit - und dann weil sie auch bei Flaute und sogar bei Gegenwind schnelle Fahrt machen konnte, ohne einen Fetzen Leinwand gesetzt zu haben, weil sie nach Rauch und Schwefel stank und zuweilen Geräusche machte, die man damals von Schiffen nicht gewohnt war, und weil sie ein paarmal erheblich größere und stärkere Gegner aufgebracht oder auf den Meeresgrund befördert hat, ohne ihre regulären Kanonen einzusetzen.
Des Rätsels Lösung ist natürlich eine einfache. Ich hatte mein Wissen aus der Zukunft ganz schamlos benutzt und ihr einen selbstgebastelten Dieselantrieb verpaßt, der für die Geschwindigkeit, den Gestank und den Lärm verantwortlich war, und ihre Bewaffnung bestand außer aus zwei zeitgemäßen Kanonen, mit denen allein sie für damalige Verhältnisse total unterbewaffnet gewesen wäre, aus einer Gatling für Nahgefechte, mehreren Stalinorgeln, die dank ihres genialen chinesischen Konstrukteurs verblüffend weit und zielgenau feuerten, und sogar einer primitiven Laserkanone, die hin und wieder sogar zu funktionieren geruhte, alle natürlich gleichfalls Marke Eigenbau. Damals bestanden Schiffe im wesentlichen aus Holz und Leinwand, wissen Sie, und wenn ein Laserstrahl oder eine gut gezielte Rakete tief genug in den Laderaum vordrang, um die Pulverkammer zu erreichen, war der Kampf vorbei.
Obwohl das Versenken eines Gegners damals als ernsthafter Kunstfehler galt. Sowas konnte man sich vielleicht in militärischen Seegefechten leisten, aber in den üblichen Duellen mit Kaperfahrern verfeindeter Nationen ging es in erster Linie darum, eine „Prise“ zu machen, das heißt Beute in Form von Fracht und eines hoffentlich weitgehend unbeschädigten Feindschiffs, die sich zu Geld machen ließen, und in Form von Passagieren und Schiffsbesatzung, die entweder gegen Lösegeld ausgetauscht wurden oder manchmal auch zur eigenen Besatzung überliefen. Die Seefahrer der damaligen Zeit, insbesondere die einfachen Matrosen, waren ein ziemlich eingeschworener Haufen, und das mußten sie auch sein in einer Zeit, in der die Unterscheidung zwischen legaler Seefahrt und Piraterie meistens nur darin bestand, welche Flagge welcher Nation man führte... und über die Planke geschickt wurde damals nur sehr selten, aus genau demselben Grund, anders als heutige Piratenfilme das darstellen.
Da gehörte schon ein ziemlich übles Delikt dazu, denn selbst an Bord von ausgewiesenen Piratenschiffen war Zucht und Ordnung hoch im Kurs. Für geringere Delikte gab es die Peitsche, für ganz üble das Kielholen, das hat nicht jeder überlebt, und wer es überstanden hat, war meistens für den Rest seines Lebens davon gezeichnet. Sie haben keine Ahnung, wie die scharfkantigen Muscheln unten auf dem Schiffsrumpf einen Menschen zurichten können, wenn er mit Gewalt darübergeschleift wird. Und wenn dann das Blut noch ein paar Haifische anlockt...“ Er schauderte, hatte das alles vermutlich mit eigenen Augen mitangesehen.
„Was ist mit dem Schiff passiert?“ fragte Frans, als nichts mehr nachzukommen schien. Dieselmotor und Laserkanone auf einem Schiff aus dem ausgehenden Mittelalter, das war eine Sensation und ein gefundenes Fressen für jeden Unterwasser-Archäologen...
„Sie hat ein ehrliches Seemannsbegräbnis in den Outer Banks erhalten. Ist in einem Sturm gesunken, als ich nicht an Bord war. Sie lag zu dicht unter der Küste, und der Mannschaft ist es nicht gelungen, rechtzeitig den Diesel anzuwerfen. Das war nämlich immer ein Gefiesel. Der Wind hat sie in die Untiefen gedrückt, und die Wellen haben sie in Stücke geschlagen. War ein schwerer Verlust für mich, ich habe ihr lange nachgetrauert.“
Aber kein Wort über die Besatzung. Da hatte es wohl Diskrepanzen zwischen der Mannschaft und ihrem Kapitän gegeben, ahnte Frans, und Tom war vielleicht nicht ganz freiwillig an Land gewesen, als der Sturm losbrach. Er fragte nicht mehr weiter, weil er aus Toms Miene lesen konnte, daß ihm die Sache immer noch nachging, nach mehr als zwei Jahrhunderten.
„Aber jedesmal, wenn ich wieder auf Schiffsplanken stehe, kommen die alten Erinnerungen wieder hoch. Heute ist Seefahrt kein anspruchsvolles Geschäft mehr, mit den ganzen technischen Einrichtungen, die ich damals nicht zur Verfügung hatte, GPS, Funk, weltweite Wetterberichte und den ganzen Kram. Der Ruderstand eines modernen Schiffs sieht fast aus wie das Cockpits eines Flugzeugs, Sie können heute die meisten Funktionen in Simulationsprogrammen lernen, ohne jemals auf dem Wasser gewesen zu sein.“
Vor allem in Sims wie jenen, die der Laptop von Frans zu bieten hatte. Sie funktionierten nicht ganz so schnell wie die Systeme, die im Film „Matrix“ in Sekundenschnelle irrsinnige Mengen an Wissen in die Gehirne der Menschen pumpten, und das war ein Glück, weil Frans sonst wahrscheinlich schon nach dem ersten Sim der Kopf explodiert wäre. Auch so war er nahe dran gewesen, nach dem ersten Einführungs-Sim für Anfänger, das eine Stunde dauerte, und er hatte begriffen, warum Tom ihn davor gewarnt hatte. Denn diesmal hatte ihm nicht diese Stunde hinterher einfach gefehlt wie in dem anderen Sim, das er in der Zukunft getestet hatte.
„Ich habe auch so einen Laptop und weiß genau, wie es sich anfühlt.“ hatte Tom dazu schmunzelnd erklärt. „Aber verraten Sie das bloß nicht unseren Agenten, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr. Die glauben nämlich, da wären alle Weisheiten der Zukunft drin gespeichert... nun ja, ganz unrecht hätten sie damit nicht mal.“
Frans verstand und hielt also den Mund darüber. Er und Tom waren das Inhaltsverzeichnis seines Laptops durchgegangen, und Toms Kommentar dazu war: „Wenn Sie diese Programme alle durchhaben, können Sie sich gleich rechtmäßig als Captain Future ausgeben. Das ist das volle Ausbildungsprogramm für Matrixtechniker plus einiges Zeug, was es selbst bei uns nur als freiwilliges Angebot gibt. Wenn Sie die durchhaben, brauchen Sie nur noch ein Raumschiff, um abzuheben... und ich möchte wetten, das bekommen Sie von der Hammer-Werft auf Nh´Nafress nachgeworfen.“ Er grinste schräg.
„Die erwarten wohl, daß Sie regelmäßig das Universum retten oder so... na, trösten Sie sich. Das verlangen sie von allen von uns.“
Solche ermutigenden Kommentare zu Rolle des Schauspielers, die offenbar sehr viel größer ausfallen sollte als gedacht und auch weit entfernt von allen Kameras, gab Tom regelmäßig von sich. Frans war fast sicher, daß da ein leiser Neid mitspielte. Richards sehnte sich nach der fernen Zukunft, in der sein Original aufgewachsen war, aber er hatte Angst davor, nochmals in Kontakt mit der Zeitmaschine zu kommen, die ihn damals als Avatar von Siwa Hendricks erschaffen hatte. Oder mit einer anderen Zeitmaschine, die ihn vielleicht als zeitliche Anomalie erkannte und kurzerhand „löschte“. 


« Letzte Änderung: 29. November 2016, 13:35:59 Uhr von DAOGA »

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #43 am: 14. Dezember 2016, 15:26:04 Uhr »
Bald erreichten sie das Hospital, und Frans folgte seinem Chef in den OP, wo sie tätig werden würden. Paul Forrester, der Außerirdische von Algieba, und sein Sohn, Scott Hayden, waren schon anwesend, die Wohnung, in der sie mit Mrs. Forrester-Hayden zusammen lebten, lag in der Nähe des Krankenhauses.
Die „Wunderheilungen“, die dieses Trio unter Mithilfe ihrer Lehrlinge vollführte, blieben an diesem Tag zum Glück unblutig. Da Frans im Umgang mit seiner Matrix noch viel zu ungeübt war und auch von Medizin - noch - keine Ahnung hatte, blieb er auch nur Zuschauer. Eingebettet als Dämpfer und simpler Energielieferant im Arbeitskreis, beobachtete er fasziniert, wie eine Querschnittslähmung kuriert wurde - eine von abertausenden, die noch bevorstanden, wie Scott ihm seufzend erklärte -, ein komplizierter Hirntumor durch gezielte Überhitzung entschärft und eine schwere Brandverletzung zur schnelleren Heilung stimuliert wurde. Zum Abschluß gab es anstelle eines Klon-Kükens einen Satz neuer Sehnerven für einen bis dato nach einer Tumoroperation vollerblindeten Patienten, und danach waren alle Teilnehmer der Heilerrunde erschöpft genug, um diesen Arbeitstag für abgeschlossen zu erklären.
Zufrieden über die geleistete Arbeit zogen sie sich in den kleinen Raum oberhalb der Krankenhauslobby zurück, von wo man einen guten Ausblick in den Eingangssaal des Hospitals hatte, und ließen Details der Arbeit noch mal Revue passieren, bevor man sich auf den Nachhauseweg machte. Frans sah auf die Uhr, entdeckte, wie früh es noch war, und fragte sich ein weiteres mal, warum bei Arbeiten mit einer Matrix das Zeitgefühl so radikal abhanden kam. Manchmal verging die Zeit wie im Fluge, und ein anderesmal, so wie heute, schien sie völlig stehengeblieben zu sein, denn angesichts der Leistungen, die der Arbeitskreis heute gebracht hatte, hätte es schon weit später sein müssen.
Tom lächelte Frans an, abgespannt wie die anderen, aber genauso zufrieden aussehend, als die drei anwesenden Ärzte fröhlich vor sich hin fachsimpelten und der Schauspieler mal wieder nur Bahnhof verstand. „Machen Sie sich keinen Kopf. Sobald Sie die ersten paar Sims in Medizin durchhaben, können Sie auch mitreden.“
„Frustriert Sie das nicht?“ fragte Frans zurück. Wieder eine seiner unerwarteten Fragen, die nur indirekt mit dem Thema zu tun hatten - aber oft mehr ins Herz des Problems vorstießen als alle anderen Fragen, die er stellen könnte. „Vier Patienten ganz oder teilweise geheilt, und ... wieviel Millionen mit genau den gleichen Leiden, die noch zu heilen wären, in diesem Land und weltweit? Und unzählige neue Patienten, die jeden Tag dazukommen? Sie werden niemals fertig werden mit der Arbeit, ist Ihnen das klar?“
Tom nickte nur darauf. „Klar erkannt. Aber wir paar hier sind nur der Anfang. Matrixtechniker wachsen nicht auf Bäumen, und sie kommen auch nicht fertig ausgebildet auf die Welt. In der Zukunft wird das anders sein, da gibt es genug von uns, daß es für die wichtigsten Belange reicht, und die normale Medizintechnik wird sich auch weiterentwickeln. Wir sind die Keimzelle, der Ursprung von allem. Ich setze meinen Ehrgeiz darein, wenigstens diesen Job richtig zu erledigen. Ich kann nicht alles allein tun, ich bin kein Gott, auch wenn jeder von mir Wunder erwartet. Ich kann hier nur den Nachwuchs ausbilden und dabei mein bestes geben. Mag die Nachwelt mich dafür verfluchen oder mir Denkmäler errichten, ist mir beides herzlich egal.“
Hier stehe ich, ich kann nicht anders, das war eines der vielen Mottos, nach denen Tom Richards handelte. Frans konnte nicht anders, er bewunderte den Mann maßlos. Mit dieser Machtfülle hätte er längst der Herr der Welt sein können, das wußten sie beide, aber Tom hatte sich dagegen entschieden, um den Lauf der Geschichte nicht zu sehr zu verändern und, wie Frans irgendwann erkannte, um sich selbst nicht noch mehr zu belasten, denn er war auch so bereits völlig ausgebucht, er zerriß sich schier zwischen seinen Firmen und sonstigen Unternehmungen, dem Krankenhaus mit seinen Lehrlingen, für die er immer und jederzeit ein offenes Ohr hatte, den alltäglichen Hausproblemen, die ihm allerdings Larry und Dawson und die anderen Dauerbewohner nach Möglichkeit vom Leibe hielten, und seinen ungewöhnlicheren Aktivitäten, von denen manche angenehmer waren als andere.
Wie zum Beispiel der Besuch der jährlichen Convention der Society of American Magicians, bei der Frans interessehalber und Scott Hayden als Toms in dieser Hinsicht vielversprechendster Lehrling teilnehmen durften.
„Im letzten Jahr habe ich meinen schönsten neuen Trick vorgeführt, meine Verwandlung in Azure,“ grinste Tom, als sie ein paar Tage später und an einem ganz anderen Ort den Arbeitern zusahen, die die wenigen Requisiten für Toms Auftritt vorbereiteten.
Sonst waren es die Magier meist selbst oder ihre in die Tricks eingeweihten Helfer, die mit den Requisiten umgingen und mit Argusaugen darauf achteten, daß ja kein Fremder - und schon gar kein Konkurrent oder Spion eines solchen - auch nur in die Nähe kam, bei Tom jedoch durften es normale Arbeiter sein, weil es an den wenigen Teilen nichts getrickstes gab, was geheim gewesen wäre - eine große Röhre aus feuerfestem Sicherheitsglas und ein passendes, flüssigkeitsfestes metallenes Unterteil dazu, flüssigkeitsfest deshalb, weil es gleich mit einer bestimmten Menge an leicht brennbarem Spiritus gefüllt werden würde. Oben an der Glasröhre befanden sich Aussparungen, in denen bereits die Seile befestigt waren, mit deren Hilfe das Teil über einen Bühnenkran nach oben gezogen werden konnte, sobald das Feuer darin erloschen war. 
„Die Leute waren baff, kann ich Ihnen sagen, als sie merkten, daß der Drache echt ist, das war mal was anderes als weiße Tiger oder indische Elefanten. Ich bin sicher, sie möchten am liebsten den Trick dieses Jahr wieder sehen. Aber ich habe es mir zur Regel gemacht, alle paar Jahre einen von meinen alten Tricks wieder neu vorzuführen, als Beweis gewissermaßen, daß ich immer noch der gleiche alte Thomas der Unglaubliche bin wie vor fünfzig oder neunzig Jahren. Dieses Jahr ist der „Phönix“ dran. Den habe ich übrigens schon beherrscht, als ich weder Azure noch meine Matrix hatte. Da er aber trotzdem unter die Rubrik der Matrixtechniker-Tricks fällt, er ist nämlich ein auragebundener Trick, läuft er außer Konkurrenz, wie immer.“ 
Auch das war eines von Toms Prinzipien, er hielt sich eisern an die Regeln, die in seiner Zukunft für Matrixtechniker galten, obwohl an diesem Ende der Zeit noch niemand außer ihm selbst etwas davon wusste. Und eine dieser Regeln lautete, daß Matrixtechniker mit ihren matrix- und auragestützten Tricks in der Gilde der Illusionisten und Magier nichts zu suchen hatten, außer sie verpflichteten sich strengstens, auf alle derartigen Tricks zu verzichten und auf die „normale“ Weise zu zaubern, mit faulen Tricks, flinken Fingern und doppelten Böden, eine Frage simpler Chancengleichheit und Fairness, was allerdings für die Matrixtechniker meist allein schon aus Sicherheitsgründen nicht machbar war, sie hatten zu viele Feinde, die ihnen ans Leder wollten und die Schwäche, die aus einem Verzicht auf die Matrix bestand, gnadenlos ausgenutzt hätten.
Tom hatte den einfacheren Weg beschritten, indem er zwar seine Tricks zur Erbauung des Publikums und der anwesenden Kenner zum Besten gab, jedoch immer außerhalb der Konkurrenz und jenseits aller Auszeichnungen, die ihm in seiner inzwischen mehr als hundertjährigen Karriere als bühnenbekannter Zauberkünstler immer wieder angetragen worden waren. Eine ganze Reihe von weltberühmten Zauberkünstlern hatten heute und in den vergangenen drei Tagen bereits ihre besten Illusionen vorgeführt, Tom als ein Senior der Zunft gehörte zum Feuerwerk des Schlußprogramms.
Wie üblich beschränkte er sich auf einen einzigen Trick, der heute der „Phönix“ sein würde, und die Vorbereitungen waren simpel und schnell durchzuführen. Doch beginnen würde er seinen Auftritt als Putzmarie.
Vor ihm war nämlich „Senior Saross“ aufgetreten, der zwar gleichfalls ein Magier allererster Kategorie war, jedoch auf Bühnen gefürchtet wegen des Drecks, den er zu hinterlassen pflegte, Unmengen von abgebrannten Resten kleiner bengalischer Feuer, Lametta, Konfetti, Plastikblumen und anderer kleinteiliger Überreste, die normalerweise anschließend eine kleine Pause im Ablauf der Show erforderten, damit die Reinigungskräfte tätig werden konnten. Tom allerdings hatte sich das heute ausdrücklich verbeten, er wollte den Dreck gezielt in seinen eigenen Auftritt mit einbeziehen.
Deshalb sah die Bühne noch aus wie eine Privatwohnung nach einer aus den Fugen geratenen Party, als der Ansager in gewohnter Großspurigkeit verkündete: „... und nun einer der Stargäste unserer Veranstaltung. Die Legende. Der Mythos. Der unvergleichliche...
Thomas der Unsterbliche!“

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #44 am: 22. Dezember 2016, 15:11:12 Uhr »
Die Flutlichter flammten auf und konzentrierten sich auf Tom, der unmittelbar vor dem hinteren Vorhang auf der Bühne stand. Anstelle eines konservativen Anzugs oder eines glitzernden Bühnenfummels trug er ein weißes Gewand, das wie eine Robe oder eher ein Bademantel aus Baumwolle aussah, jedoch in Wahrheit nur aus Papier von der Qualität festeren Toilettenpapiers bestand, wie seine zwei Helfer im Publikum, Frans Hauser und Scott Hayden, wußten, weil das wichtig war für den eigentlichen Trick, den „Phönix“. In seiner Hand trug er seinen berühmten „Zauberstab“, seinen silbernen Gehstock mit der mächtigen Energiematrix im Knauf, die er zumindest jetzt gleich zu benutzen gedachte, für den eigentlichen Trick brauchte er sie nicht.
„Oh Mann. Hat die Putzfrau heute Ausgang oder was?“ fragte er jetzt laut und blickte in übertriebener Gestik nach unten, auf den müllübersäten Boden vor ihm, den er mit seinen sichtbar bloßen Füßen wohl nicht betreten wollte. Das kleine Mikrophon, das an seiner Robe festgeknipst war, verstärkte seine Stimme, so daß sie bis in die hintersten Reihen gut zu verstehen war.
„Das muß ja eine tolle Party gewesen sein! Warum hat man mich nicht dazu eingeladen?“ motzte er in gespielter Schockiertheit. Das Fachpublikum schmunzelte, es wartete eifrig, worauf Tom hinaus wollte. Denn auf diese Weise hatte „Thomas der Unsterbliche“ bisher noch keinen seiner Auftritte begonnen.
Er blickte nach links und rechts, wo sich an den Rändern der Bühne gerade noch sichtbar die Männer der Putztruppe blicken ließen, und wies auffordernd auf den Dreck zu seinen Füßen, doch die Männer winkten deutlich sichtbar ab und verschränkten die Arme. Einer von ihnen hielt ein großes Pappschild hoch. „Wir streiken!“ stand darauf zu lesen, was Gekicher im Publikum hervorrief.
Tom zuckte sichtbar die Achseln. Da war wohl nichts zu machen, hieß das.
„Nun, da heute offenbar nicht gereinigt wird, muß ich mir wohl selbst helfen. Wozu hat man einen Zauberstab, wenn man nicht mal damit herumspielen kann?“ fragte er in den Zuschauerraum und hob seinen Stock.
„Da Sie alle mit den magischen Künsten wohlvertraut sind, kennen Sie das vermutlich aus eigener Erfahrung. Oder zumindest die Singles unter Ihnen, die keine angetraute Putzkraft haben.“
Abermals leises Gelächter, aber diesmal klang es etwas nervös. Frans und Scott merkten, wie die Spannung unter den Zuschauern wuchs. Vermutlich jeder von ihnen hatte schon von den Wunderdingen gehört, die Toms Stock zugeschrieben wurden und von denen nicht einmal die Hälfte gelogen war, allerdings setzte „der Unsterbliche“ dieses Werkzeug eher selten auf der Bühne ein. Was unter anderem daran lag, daß er den Stock in dieser Form - mit einer Matrix - noch nicht allzu lange besaß, seine früheren Gehhilfen waren für Auftritte mit Tricks der herkömmlichen Sorte bestückt gewesen.
Tom hob seinen Stock, dessen Knauf auf einmal blaues Licht flammte. Hinter ihm kamen jetzt die Männer in Overalls auf die Bühne, jeder von ihnen mit einem leeren Müllsack in der einen Hand und dem Griff eines gefüllten Wassereimers in der anderen, nur der in der Mitte hielt nach wie vor sein Schild in die Höhe. Sie stellten sich in einer Reihe hinter Tom auf, stellten ihre Eimer ab und hielten ihre Säcke hoch.
Tom trat einen Schritt vor, in den Müll hinein, den er jedoch nicht mehr berührte, denn auf einmal begann er zu schweben, über dem Unrat auf dem Boden und bei jedem folgenden Schritt etwas höher, nicht nur scheinbar, sondern ganz real getragen von den Kräften seines Stocks, den er erhoben hielt und der jetzt stärker sein blaues Licht ausstrahlte. Und auf einmal begann völlig aus dem Nichts um ihn herum eine Art Mini-Sturm zu tosen, der den ganzen Unrat vom Boden hoch- und um den schwebenden Mann herumwirbeln ließ, jedoch ohne ihm auch nur ein einziges Staubkörnchen gegen die Kleidung oder in die Augen zu blasen. Zielsicher, wie von einem Magneten angezogen, schoß der ganze Dreck in die Öffnungen der Müllsäcke, die die Arbeiter aufhielten, und sobald das letzte Partikel sicher verstaut war, ließ auch der Wind aus dem Nichts, der es transportiert hatte, schlagartig nach.
Doch Tom schien noch nicht ganz zufrieden mit der Sauberkeit der Bühne, denn er schwebte immer noch mit seinem leuchtenden Stock und blickte mißbilligend nach unten. Die Arbeiter hatten ihre mäßig gefüllten Säcke mit geübten Bewegungen zugebunden und stellten sie ab, griffen stattdessen nach den Wassereimern, deren Inhalt sie mit Schwung Tom entgegenschütteten.
Doch kein einziger der Wassergüsse traf den Mann in seiner dünnen Gewandung. Genauso wie der dreckbeladene Sturmwind vorher, so schossen jetzt die Wassermassen wie von unsichtbaren Kräften gelenkt um ihn herum, über ihn hinweg und auch unter ihm durch und leckten über den Bühnenboden, immer und immer wieder in wilden Bögen und Brandungen, bis auch das letzte Schmutzpartikel weggewaschen sein mußte, und wieder hoch, um Tom herum und sogar über ihn hinweg, ohne daß auch nur ein einziger Tropfen ihn benetzt hätte, und schließlich nach hinten, zurück in die hingehaltenen Eimer, und kein einziges Tröpfchen wagte dort überzuschwappen.
Und während die Arbeiter im Triumphzug hinter die Kulissen zurückwanderten, spärlich gefüllte Müllsäcke in der einen und Eimer mit Schmutzwasser in der anderen Hand und der letzte von ihnen, der die Bühne verließ, noch einmal demonstrativ sein Streikschild schwenkte, was erneut für Heiterkeit im Publikum sorgte, ließ eine erneute, aber diesmal dezentere Brise aus dem Nichts die letzte Feuchtigkeit von der Bühne trocknen, bis Tom deren Zustand endlich für akzeptabel befand und sich hinabsinken ließ, bis seine nackten Füße den Boden berührten.
Applaus ertönte. Unter dem Publikum war keiner, den die Vorstellung bisher nicht beeindruckt hätte, denn jeder der geübten Illusionisten wusste, wie extrem schwer gerade Wasser in voller Bewegung unter Kontrolle zu halten war, vor allem in einer Weise, wie sie es soeben miterlebt hatten.
Und nur Frans und Scott wußten, daß bei dieser Nummer nicht mit komplizierten Druckluftsystemen unter der Bühne oder ähnlichen Tricks nachgeholfen worden war, sondern daß Tom die gesamte Choreographie für Wind und Wasser quasi aus dem Handgelenk heraus innerhalb von einer Viertelstunde als Programm für seine Matrix geschaffen hatte.
Aber jetzt kam er zum eigentlichen Teil seiner Vorführung, und diesmal erwiesen sich die vorher so faulen Arbeiter als fleißig, das Streik-Schild kam nicht mehr zum Einsatz.