Autor Thema: CF der Film - Version 2772  (Gelesen 9518 mal)

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Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #15 am: 28. Januar 2013, 13:01:09 Uhr »
"Lassen Sie es stehen, das mache ich schon. Jetzt suchen wir erst mal eine Nachtausstattung für Sie zusammen. Gepäck haben Sie ja keines..." Siwa musterte ihn von oben bis unten, als er stand. Frans war mit seinen Einsdreiundneunzig nur ein paar Zentimeter größer und etwas breiter in den Schultern als der gleichfalls schlanke und durchtrainierte Junge.
"Ich denke, einer von meinen Pyjamas könnte Ihnen gerade noch passen, Unterwäsche dito. Ein Ersatzset Rasierzeug und andere Necessaires für unerwartete Gäste sind immer vorhanden. Zwei abgetrennte Schlafzimmer gibt es hier auch, was will man mehr. Und wenn sonst noch was fehlt, dann kann ich immer noch ein vierarmiges, schuppiges Heinzelmännchen rufen, das uns das Gewünschte auf dem Markt besorgt. Eine Raumstation wie Otrona schläft nie." Er grinste, und Frans grinste zurück, da er den Witz jetzt verstand. Siwa zeigte ihm Schlafgemach und Badezimmer, erklärte ein paar unverständliche Armaturen in letzterem, insbesondere die wassersparende Ultraschall-Dusche und das auch bei Null-G noch zu benutzende stille Örtchen, typische Einrichtungen in einer Raumstation, und plünderte dann den Kleiderschrank um den versprochenen Pyjama, der fast aussah wie ein japanischer Herren-Kimono. "Auf Dhoan-Sek, der Hauptwelt der Dhoanor, ist das hier Straßenbekleidung," erklärte er, "da laufe  ich nur in so was herum. Aber das Zeug ist so bequem, daß es auch fürs Bett taugt." 
"Sagen Sie..." begann Frans etwas später, nachdem er diverse Anwendungsmöglichkeiten des Badezimmers durchgetestet und sich umgezogen hatte und Richtung Schlafzimmer tapste. "...diese Benu. Die Herren der Benu Incorporated, und damit auch Ihre jetzigen und meine zukünftigen Bosse, wenn ich das richtig verstanden haben..."
"Darüber reden wir lieber morgen, sonst können Sie nicht mehr schlafen."
"Sind sie so schlimm?"
"Furchterregend. Ich mache mir jedesmal fast in die Hose, wenn ich einem begegne."
"Sehen sie so fürchterlich aus?"
"Es ist nicht das Aussehen, sondern ihre Ausstrahlung. Die fühlt sich an wie der Hammer Gottes, der genau auf Sie herabkommt, da haben Sie nur noch das Bedürfnis, sich in das erstbeste kleine Mauseloch zu verkriechen, bevor Sie geplättet werden. Brrr." Der Junge schüttelte sich und schnitt eine Grimasse.
"Carolus Rye, mein Lehrer, sagt immer, daß Menschen nicht dafür gemacht sind, mit Halbgöttern umzugehen, und er hat recht, wie immer."
Damit ließ er seinen Gast allein, der sich auf dem Bett ausstreckte, vor Erleichterung seufzte und im nächstem Moment schon eingeschlafen war. Da seine Aufgabe fürs erste gelöst war, konnte auch Siwa sich Entspannung gönnen. Wenn Frans nicht von selbst zu ihm gekommen wäre, hätte Siwa sich bei den Sfarrk nach dem Neuankömmling erkundigt - keine Chance, daß die Echsen von seiner Ankunft nichts mitbekommen hatten - und sich anschließend auf den Weg machen müssen, um ihn einzusammeln. Eine Mühe, die ihm jetzt erspart blieb, worüber er keineswegs böse war, weil er als Matrixtechnikerlehrling für so manchen Bewohner dieser Station eine wandelnde Zielscheibe darstellte und ständig auf der Hut sein mußte, trotz aller Schutzvorrichtungen, über die er als M-Tec-Lehrling verfügen konnte.

Als Frans erwachte, dachte er als erstes: Was für ein Alptraum! Aliens, Raumschiffe, Raumstationen... nein. So kurz nach dem Aufwachen wollte er nicht darüber nachdenken, und später hatte er es mit etwas Glück vielleicht schon vergessen.
Die Augen noch geschlossen, lauschte er. Er wußte nicht, wie spät es war, aber eigentlich hätte er schwaches Rauschen und hin und wieder Sirenen vom nie endenden Verkehr draußen hören müssen, vielleicht Flattergeräusche, Gurren und das Kratzen kleiner krallenbewehrter Füße, wenn die Tauben sich mal wieder auf der Hausfassade direkt über seinem Fenster häuslich eingerichtet hatten, das unregelmäßige Surren der Klimaanlage oder das Ächzen und Schlagen des Lifts, sofern beide mal wieder zu funktionieren geruhten und letzterer gerade benutzt wurde. Aber alles, was er hörte, war eine Art leises weißes Rauschen wie von einer perfekt funktionierenden Lüftung, die das Haus, in dem er wohnte, schon seit ewigen Zeiten nicht mehr kannte... er öffnete die Augen und starrte gegen eine Zimmerdecke, die ihm fremd war. Ein Rundblick in dem fremden Zimmer bewies ihm, daß der Alptraum noch nicht vorbei war. Seufzend drehte er sich auf die Seite. Er mußte sehr lange geschlafen haben und lange in der gleichen Rückenlage, weil er sich irgendwie ganz steif fühlte. Aber da sein Gastgeber ihn bis jetzt nicht aus dem Bett geworfen hatte, war ihm wohl ein gründliches Ausschlafen gegönnt. Er zog die Decke höher, obwohl es im Raum nicht kalt war, machte die Augen wieder zu und nickte ein.
Beim zweiten Aufwachen hörte er zu seiner Überraschung Vogelgezwitscher. Also doch ein Alptraum... aber als er sich umsah, fand er sich im gleichen Schlafzimmer wieder. In eine Wand eingelassen war ein großer Flachbildschirm, den er vor dem Einschlafen gar nicht bemerkt hatte, der jetzt aber angeschaltet war und die Illusion eines Fensters erzeugte, hinter dem blauer Himmel und eine grüne, sonnenbeschienene Landschaft mit Bäumen und blühenden Wiesen zu sehen waren, und aus dessen verborgenen Lautsprechern das Vogelgezwischer drang. Das war vermutlich eine dezente Aufforderung, endlich aus den Federn zu kriechen. Er rieb sich die Augen, gähnte, streckte sich, bis sämtliche Gelenke knackten und die Muskeln protestierten, und stand auf. Sein erster Gang führte ihn ins Badezimmer, wo er alles Nötige für eine Entleerung und Grundreinigung fand und seinen Overall, der offenbar zwischenzeitlich einer schnellen Reinigung unterzogen worden war. Die Küche war leer. Frans fand Siwa im Wohnzimmer des Appartments, wo der Junge sich gerade mit seinem Laptop amüsierte, vermutlich hatte er die vergangenen Stunden auf seine Weise totgeschlagen. Da er sich erinnerte, was Siwa gestern über die migräneproduzierenden Lehrprogramme gesagt hatte, blieb er im Durchgang stehen, aber der blonde Bursche lachte ihn nur an, wünschte einen Guten Morgen und bedeutete ihm näherzutreten. Also war es kein Lehrprogramm, mit dem er sich gerade befaßte.   
"Ich habe heute früh ein Update von Nh´Nafress bekommen." begann Siwa gewichtig und deutete auf sein Gerät. "Die ersten Testaufnahmen für den Film, Locations und so. Die zeige ich Ihnen dann gleich. Aber zuerst das Wichtigste: Frühstück!"
Damit ließ er den Laptop erst mal Laptop sein und schob Frans in die Küche zurück. Frans war sicher, daß Siwa schon vorher gefrühstückt hatte, aber der Junge schien wirklich unersättlich zu sein, weil er auch jetzt wieder fleißig mithielt. Oder, fiel Frans plötzlich in jähem Schreck ein, er hatte so etwas wie die außerirdische Version eines Bandwurms oder ähnlichen Mitessers... "Testaufnahmen?" machte er, um sich von dem Gedanken abzulenken, er mußte professionell bleiben, egal unter welchen Umständen.
Abermals stellte sich zumindest ein Teil des Essens als identifizierbar heraus, es gab Croissants, Butter, Marmelade, Käse und eine Art gebratenes Frühstücksfleisch, das vermutlich aus zerkleinertem "Jägerglück" bestand und nicht übel schmeckte, dazu gab es Säfte, ein süßlich-milchiges außerirdisches Gebräu namens Less, Tee und Kaffee, letztere drei frisch aus einem Küchenautomaten. Siwa hielt sich an Fruchtsaft und Less, von Kaffee hielt er nichts. "Ich rieche ihn gern, aber der Geschmack ist mir irgendwie zuwider. Zu bitter und verbrannt für meine verwöhnte Zunge." hatte er dazu erklärt.
"Ja. Testaufnahmen. Von Hintergründen, ausgewählten Drehorten, einzelne Trickaufnahmen und so, ich habe sie bereits überflogen." kaute er jetzt zurück und jagte mit dem Finger einem Brotkrümel nach, der ihm beim Sprechen mit vollem Mund unfein entfleucht war. "Wurde alles mit einer speziellen Technik gefilmt, an der meine Matrixtechniker-Kollegen und vermutlich auch der eine oder andere Benu herumgebastelt hat, das heißt, es ist so realistisch, als ob der Zuschauer selbst vor Ort wäre. Nur selber erleben wäre noch echter. Außer Ihnen ist bis jetzt nur ein weiterer Schauspieler ausgewählt worden, einer der Typen vom DCD, dem Department for Construction and Development auf Nh´Nafress, der Ihren fiesen Gegenspieler mimen wird. Da müssen Sie sich anstrengen, die Leute aus der Konstruktionsabteilung sind von Natur aus fiese Bastarde, selbst ohne einen Funken Erfahrung als Schauspieler kann der Sie mühelos an die Wand spielen, wenn Sie nicht aufpassen," wiederholte Siwa, was er bereits zu seinen Freunden auf Nh´Nafress gesagt hatte.
"Verstehe. Äh, warum haben die Leute von der Konstruktionsabteilung so einen schlechten Ruf?"
"Das DCD ist zuständig für die Entwürfe der ganzen Maschinen und Anlagen, die anschließend von der Hammer-Werft auf Nh´Nafress, die der Benu Incorportated gehört, gebaut werden. Die Leute haben Zugang zur besten Benu-Hochtechnologie, die jeder normalen menschlichen Technologie Lichtjahre voraus ist, und sie nützen das nach Strich und Faden aus. Zum Beispiel indem sie in alle ihre Produkte sogenannte Ostereier einbauen, die sich zu den unmöglichsten Zeiten von selbst aktivieren. Zum Spaß der Benu, aber nicht unbedingt zum Spaß der Käufer der Produkte. Manches davon springt schon vorzeitig den Arbeitern in der Werft ins Gesicht, weshalb das DCD auch dort nicht gerade beliebt ist." Siwa zeigte ein niederträchtiges Grinsen.
"Und warum wird es dann gekauft?"
"Weil es einfach nichts besseres auf dem Markt gibt. Und die Ostereier sind geradezu berühmt, je fieser, desto besser. Auf der Erde haben sie eine riesige Fangemeinde. Wer von sich behaupten kann, ein besonders gefährliches Osterei überlebt zu haben, kann sich als Superstar verkaufen." Siwa lachte über die Miene, die Frans jetzt zog. "Keine Sorge, das war jetzt etwas übertrieben, aber so wird es von den Fans tatsächlich dargestellt. Die Ostereier sind alle darauf programmiert, niemanden zu verletzen... aber in peinliche Situationen bringen können sie einen schon."
"Zum Beispiel?"
"Ein absoluter Kundenrenner vor ein paar Jahren waren die Segelboote, die sich nach einiger Zeit in Unterseeboote morphten. Nur wußte leider niemand, wann das jeweils sein würde, bei einigen Eigentümern passierte es sofort, andere warten bis heute darauf. Aber die Dinger sind weggegangen wie warme Brötchen in einer Hungersnot." Er grinste weiter. "Und wenn Sie gestern den "Feuerzahn" im Dock gesehen haben - diese Hammer-SyMOrs bestehen praktisch nur aus Ostereiern. Das Problem ist, daß die wirklich interessanten Teile alle nicht im Benutzerhandbuch stehen, die muß man selber entdecken. Und die meisten Piloten halten sich da bedeckt, wollen die anderen nicht wissen lassen, wieviel sie schon herausgefunden haben. Präsident Andreou hat sein altes Shuttle, den "Henker von Paris", mit Benutechnologie aufmotzen lassen, daß es jetzt bald einer SyMOr gleichkommt. Der hat seine Ostereier inzwischen gut im Griff... aber fragen Sie mich nicht danach. Er würde es bestimmt nicht gut finden, wenn ich seine Tricks verrate."
Also hatte Frans sich doch nicht verlesen. Der mysteriöse "Henker" war ein irdisches Raumschiff.
« Letzte Änderung: 28. Januar 2013, 13:52:09 Uhr von DAOGA »

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #16 am: 19. Februar 2013, 12:54:28 Uhr »
"Sie sagten, Sie sind Matrixtechniker. Was ist das eigentlich?"
"Wieviel wissen Sie über Energiematrizen, Dhyarras, Sternensteine?"
"Überhaupt nichts. Das sagt mir nichts." Am Gesichtsausdruck des Mannes erkannte Siwa, daß Frans das ehrlich meinte. Erstaunlich, fand er, bis ihm einfiel, daß die meisten Zeitgenossen keine Ahnung von Matrixtechnologie hatten. Er durfte nicht immer von seinen eigenen Verhältnissen ausgehen, die ja schließlich alles andere als gewöhnlich waren.
Also zeigte er Frans, was es damit auf sich hatte. Der Schauspieler sperrte Mund und Nase auf, als mit einem Mal das gesamte Frühstück samt Geschirr abhob und durch die Luft zu tanzen begann, wie von einem unsichtbaren Wirbelwind erfaßt. Doch kein Krümel fiel von einem Teller, kein Tropfen schwappte über, egal wie wild die Gefäße sich bewegten. Und dann senkte sich wieder alles herab und landete friedlich am gleichen Platz wie zuvor, vor dem wilden Ritt...
Siwa zeigte seinen Ring mit dem haselnußgroßen Kristall, der immer noch blau leuchtete. "Das hier ist eine sogenannte Energiematrix, und was man damit zum Beispiel anstellen kann, haben Sie soeben gesehen. Ein gut trainierter Techniker mit einer gut eingefahrenen Matrix kann noch viel mehr Dinge damit machen, im großen Maßstab ebenso wie im kleinen. Eine Matrix ist ein kostbares Allzweck-Werkzeug, das mit Gedanken gesteuert wird. Allerdings gehört zu den ersten Regeln, die jeder Anfänger lernt, daß man seine Finger von fremden Matrizen lassen muß. Die Dinger sind nämlich auf ihre jeweiligen Benutzer verschlüsselt, das heißt programmiert, und wehren sich gegen jeden anderen, der sich daran vergreift. Die Intensität der Gegenwehr hängt davon ab, wie stark die Matrix ist, und wie stark der illegale User selbst ist. Bei einer schwachen Einser bekämen Sie als absoluter Neuling nur eine gewischt, daß es Sie von den Beinen haut und Sie für den Rest der Woche an mörderischer Migräne leiden. Wenn Sie aber an eine Fünfer geraten, die um fünf Potenzen stärker ist als die Einser, dann gute Nacht. Die löscht im harmlosesten Fall Ihren gesamten Verstand aus, daß Sie den gesamten Rest Ihres Lebens als unheilbarer sabbernder Idiot in einer Anstalt verbringen, im weniger harmlosen Fall reduziert sie Sie gleich zu einer zerpuffenden Aschenwolke. Und für den rechtmäßigen Eigentümer wäre das auch nicht erfreulich, weil der nämlich in jedem Fall einen energetischen Rückstoß abbekommt. Mein Exemplar hier ist eine Dreier, da müssen Unbefugte schon mit dauerhaften körperlichen und geistigen Schäden rechnen. Und ich würde wieder den Rückstoß abbekommen, der auch alles andere als angenehm ist. Also - erste Regel, in jeder Lebenslage: Finger weg von meiner Matrix, und von jeder anderen, die Ihnen über den Weg laufen sollte!" mahnte er mit wedelndem Zeigefinger. "Übrigens werden nur Matrizen bis maximal Stufe drei als Ring getragen. Bei stärkeren Matrizen ist es zu gefährlich, wenn die von ihnen ausgehenden Energien über die Arme und übers Herz laufen, deshalb tragen die Vierer- und Fünfertechniker sie meistens anderswo, und nie ohne zusätzliche Dämpferkristalle, die mögliche Rückstöße auffangen, sonst ist es der Benutzer selber, der sich in ein Aschehäufchen verwandelt, wenn irgendwas schiefgeht."
Frans beäugte neugierig den Ring, und etwas fiel ihm ein. "Meine Rolle, die ich spielen soll - dieser Captain, der trägt doch einen Ring als Erkennungszeichen..."
"Stimmt, ist mir auch gerade aufgefallen. Und da es ja ein Werbefilm werden soll... wahrscheinlich war das einer der Faktoren, warum man gerade diese alte Serie ausgewählt hat und nicht eine andere, das soll wohl speziell Werbung für unsere Personalabteilung werden, die immer auf der Jagd nach neuen Mitarbeitern ist. Die Benu achten sehr auf solche Kleinigkeiten, wissen Sie."
"Sie wollten mir heute mehr über die Benu erzählen." Siwa sah aus, als sei er noch keine achtzehn Jahre alt, aber irgendetwas in seinem ganzen Verhalten hatte Frans inzwischen überzeugt, daß das eine Täuschung war. Manche Typen sahen noch mit Vierzig wie Jugendliche aus und konnten solche Rollen glaubhaft und ohne allzuviel Makeup spielen, wie Frans wußte. Siwa war mit Sicherheit schon volljährig, auch seine Zurückhaltung in Bezug auf das alkoholische Biergemisch gestern hatte das bewiesen, bei dem kein Achtzehnjähriger aus L.A. oder sonstwo in den Staaten Nein gesagt hätte, und deshalb dachte Frans erst mal nicht daran, ihn einfach zu duzen.
"Ist viel einfacher, wenn ich es Ihnen zeige. Ich sagte doch, wir haben erste Testaufnahmen bekommen. Platz!"
Statt in das Wohnzimmer zurückzukehren und den Laptop zu holen, bewies er Faulheit und befahl das Gerät einfach zu sich. Der Laptop materialisierte gehorsam und in einer neuen blaustrahlenden Leuchterscheinung, die Frans zurückschrecken ließ, auf dem Küchentisch.
"Licht aus!" bellte Siwa dann in der Aliensprache. Die verborgenen elektronischen Heinzelmännchen des Appartments reagierten, indem sie in der Küche das Licht herunterdämmten, bis nur noch die schwache, stromunabhängige Notbeleuchtung blieb, die in einer Raumstation immer und überall Vorschrift war. Es war nicht ganz so dunkel wie in einem verdunkelten Kino, aber es reichte. Siwa hatte den Laptop geöffnet, aber diesmal kam nicht der kleine immaterielle Holoschirm, den Frans schon kannte. Stattdessen lösten sich auf den kurzen Befehl: "Schirm! Groß!" mehrere metallene Eckstücke aus dem Gerät und schwebten ganz von selbst davon, immer präzise gleichförmige Abstände voneinander einhaltend. Vier blieben unten, etwa auf Tischplattenniveau, vier weitere schwebten fast bis an die Zimmerdecke hinauf, bis sie einen immateriellen Kubus markierten, der fast die ganze Küche einnahm, und im dessen Inneren Frans und Siwa saßen.
"Sitzen Sie gut?" fragte Siwa. "Dann bewegen Sie sich nicht, solange die Aufnahmen laufen. Sie könnten orientierungslos werden und sich verletzen, oder Sie könnten ganz im Film verloren gehen. Sowas soll schon passiert sein, wissen Sie." Er grinste wieder fies. "Film ab."
Schlagartig vertiefte sich die Dunkelheit um Frans herum. Die floureszierenden Notlichter schienen zu verschwinden, stattdessen bildeten sich zahlreiche kleine, leuchtende Pünktchen - Sterne? Und zwar nicht nur vor und über ihm, wo der Schirm sich erstreckte, sondern ringsherum, auch dort, wo seine Hand den Küchentisch fühlte, und sogar nach unten, wo der Boden und seine eigene untere Anatomie sein mußte. Auf einmal schien er mitten im Weltraum zu schweben, als körperloser Geist, und die Illusion war wirklich perfekt, bemerkte er, als er den Kopf drehte und nirgendwo mehr etwas von der Küche, von Siwa, seinem Laptop oder dem Küchentisch entdecken konnte. Nur Weltraum, überall, ewig, still (selbst das leise Rauschen der Lufterneuerungsanlage schien verstummt) und in endlose Fernen reichend...
"Toll, was? Totales TriVi-Surrond. Es ist tatsächlich ein Mix aus herkömmlicher TriVi-Holo-Technik und irgendwelchen Psycho-Telepathie-Tricks, wie sie die Benu benutzen, die Filmprojektoren werden dazu mit speziellen Benu-Gimmicks ausgestattet, damit dieser Effekt auch voll ´rüberkommt. Wenn Sie sich darauf konzentrieren, können Sie übrigens die telepathische Beeinflussung zurückdrängen, dann sehen Sie nur die normale Holoshow. Sie sind kein Gefangener des Films, solange er läuft, wenn Sie das jetzt meinen sollten. Aber es sieht einfach besser aus, wenn man sich voll darauf einläßt."
Es stimmte. Sobald Siwa das gesagt hatte und Frans sich darauf konzentrierte, Tisch und Küchenbeleuchtung und den jungen Burschen zu sehen, konnte er sie auch, irgendwie, wieder wahrnehmen. Es war wie ein Wechsel zwischen Zwei- und Drei-D, wenn man im 3-D-Kino saß und zwischendurch mal die Brille abnahm... langsam ließ er sich wieder in die volle hypnotische Illusion zurücksinken, gespannt, was noch kommen würde.
"Das hier ist ein Standbild, das am Anfang kommen wird, damit sich die Zuschauer an den Zustand gewöhnen." erklärte Siwa, und Frans konnte an seiner Stimme hören, daß er amüsiert war. "Da könnte der eine oder andere schon raumkrank werden. Aber wer es übersteht, kann dann den ganzen Film in aller Ruhe genießen. Lassen wir es mal weiterlaufen."
Er gab eine entsprechende mündliche Anweisung an seinen Wunder-Laptop.
Irgendwo vor ihnen, zwischen den Sternen und dem viel zu groß und nah und intensiv wirkenden
Band der Milchstraße, blitzte etwas auf. Es leuchtete hell - ein Raumschiff? Ein Komet? Denn es wurde immer größer, in flammendem, gleißendem Weißgelb, und dann war es neben Frans, irgendwie, schwebte unmittelbar neben ihm, der wieder weder Siwa noch die Küche noch sonst etwas reales sehen konnte, sondern nur schwarzen, sternenbespickten Weltraum um sich herum. Nein, das war definitiv kein Raumschiff, und auch kein Komet. Es war eine Art flammender Feuervogel, der da scheinbar fast auf Armesreichweite neben ihm hing, mit einer Art beschopftem Vogelkopf, weiten Schwingen und einem pfauenähnlich langen Schwanz, aber alles aus weißem, fließendem Feuer, das wie eingeforen im Vakuum wirkte, weil auf einmal keine einzige Flamme mehr flackerte oder züngelte. Wie groß das Ding war, konnte Frans nicht erkennen, weil es hier, in der Leere des Weltalls, keine Vergleichsmaßstäbe gab, es konnte ein paar Meter lang sein oder so groß wie ein ganzer Planet. Nun ja, wohl eher ersteres, obwohl er wirklich nicht sicher sein konnte...
"Ich habe wieder auf Standbild geschaltet. " hörte er Siwas Stimme. Siwa hatte also noch etwas anderes, mit dem er den Laptop steuern konnte als allein durch mündliche Befehle.
"Das, was Sie hier sehen, ist ein Benu, das ist ihre natürliche Form, jedenfalls soweit wie wir sie wahrnehmen können und dürfen. Sie sind Energiewesen, jeder von ihnen enthält das energetische Äquivalent einer mittleren Sonne, deshalb sind sie auch so unglaublich mächtig. Übrigens ist das hier nur das reine Bild. Ich bin sicher, wenn der Film mal fertig ist und in Kinos läuft, werden die Benu auch ein bißchen was von ihrer Aura in dieses Bild eingearbeitet haben. Nicht zu viel, weil sich sonst die Zuschauer alle in die Hosen machen, aber zu spüren bekommen werden sie es zweifellos. Benu sind hinterhältige Kreaturen und haben einen total fiesen Humor, so einen kleinen Gag lassen die sich bestimmt nicht entgehen." Frans konnte es nicht sehen, aber er wußte, daß Siwa abermals grinste. "Wie groß ist so ein Benu?" fragte er zurück.
"So groß wie er will. Meistens sind sie zwischen dreißig und hundert Meter lang, wenn sie irgendwo auftauchen, aber wie ich gehört habe, können sie sich locker auf Planetengröße ausdehnen. Sie können sich aber auch viel kleiner machen, und, was wichtig ist, sie sind Meister der Tarnung. Als ich meinem ersten Benu begegnete, hatte ich kein Ahnung, daß es einer ist, weil er menschliche Gestalt angenommen und seine Aura abgeschirmt hatte. Und die Illusion war wirklich perfekt! Erst als ich kurz danach an einem ganz anderen Ort der echten Person begegnete, die der Benu imitiert hatte, wurde mir klar, daß die erste Ausgabe ein Doppelgänger gewesen sein mußte. Achtung, ich lasse weiterlaufen."
« Letzte Änderung: 19. Februar 2013, 13:41:11 Uhr von DAOGA »

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #17 am: 28. März 2013, 12:42:42 Uhr »
Das Energiewesen neben ihnen bewegte sich wieder, seine Flammen züngelten und spielten, die mächtigen Schwingen bewegten sich leicht, und die Zuschauer bewegten sich mit ihm, weil Frans leichte Veränderungen im Abstand der nächsten Sterne um sie herum bemerkte. Vor allem ein Stern, eine trübe rote Sonne, kam ständig näher. Der trübe Effekt kam zum Teil von ganzen Gürteln von Asteroiden und Staubwolken, die diesen Stern zu umgeben schienen. Sie glitten lautlos durch Staub und an größeren, driftenden Trümmern aus Fels und grauem oder kohlschwarz eingefärbtem Eis vorbei, ein paarmal stieß der Benu wie spielerisch ein paar Teile davon, die sich frech mitten in seinem Weg tummelten. Und weiter ging es, hinein in dieses fremde Sonnnensystem...
"Warum?" fragte Frans. "Warum hat sich ein getarnter Benu mit Ihnen getroffen, was ist an Ihnen so wichtig?"
"Ich spekuliere mal, daß sie damals schon wußten, daß ich mal für sie arbeiten würde, und wollten mich einfach mal beschnuppern. Man sagt Benu nach, daß sie in die Zukunft sehen können, daß sie parallele Zeitdimensionen wahrnehmen können und deswegen Geschehnisse manipulieren, die für uns simple menschliche Wesen einfach nicht nachvollziehbar sind. Als Benu-Sklave bekommt man nämlich am laufenden Band Aufträge, deren Sinn beim besten Willen nicht durchschaubar ist. Sachen wie: Gehen Sie in den nächsten Park, suchen Sie das dritte Gänseblümchen von rechts und rupfen Sie ihm genau drei Blätter aus. Also, entweder haben die Benu einfach nur Spaß mit solchem Quatsch - was des öfteren tatsächlich der Fall ist, wie ich glaube - oder es hat seinen Grund, den wir bloß nicht begreifen."
Sie fielen in dieses fremde und unglaublich schmutzige, weil mit Asteroidenschwärmen und Staubwolken regelrecht verseuchte Sonnensystem hinein, auf die rote Sonne zu. Die entweder sehr jung war, wenn der ganze Dreck sich noch nicht zu Planeten komprimiert hatte, oder vielleicht auch sehr alt, wenn die Planeten bereits wieder zu Trümmern zerfallen waren. Aber da, da war noch einer übrig. Ein rötlicher, marsähnlicher Planet mit recht dünner Atmosphäre. Doch als sie ihm immer näher kamen und schließlich darauf hinunterstürzten, entdeckte Frans, daß die trockene, tote Oberfläche übersät war mit bunten glitzernden Juwelen, die wie achtlos überall verstreut lagen - runde, kuppelförmige Strukturen in hellen Pastelltönen in allen erdenklichen Farben, hellblau und rötlich und grün und golden, weiß und silbern, keine zwei von ihnen völlig gleich in Größe und Farbe...
"Das hier ist Nh´Nafress." erklärte Siwa. "Und das da sind die Kuppelstädte des Planeten. Die Atmosphäre ist viel zu dünn und nicht atembar, deshalb liegen alle wichtigen Anlagen und Siedlungen in diesen Kuppeln, die teilweise energetischer Natur und teilweise handfeste technische Konstruktionen sind. Da die Atmosphären in den Kuppeln ohnehin allesamt künstlich sind, gibt es eine Kuppel für jeden Geschmack und jeden Arbeitsbereich, von subtropischen Regenwäldern bis zu eiskalter Arktis. In einer der Kuppeln gibt es sogar einen riesigen tropischen Ozean, mit Korallenriffen und Sandstränden und Palmeninseln... und wegen dieser Vielfalt auf engsten Raum glaube ich auch, daß hier der größte Teil der Dreharbeiten für den Film stattfinden wird. Das alles hier gehört nämlich der Benu Incorporated, wissen Sie. Hier befindet sich auch die Hammer-Werft, die vermutlich die gesamte Filmtechnik, Kameras und was man sonst so braucht, stellen wird." Soeben durchdrangen sie wie ein immaterieller Geist eine der Kuppeln, deren flammendes energetisches Geflecht Frans so aus nächster Nähe begutachten konnte, und fanden sich mit einem Mal in einer Sumpflandschaft wieder, wo die rasante Fahrt erst mal endete. Für diese Kamerafahrt allein, von den Tiefen des Weltalls bis hierher, hätte so mancher Trickexperte in Hollywood schon seine Seele verkauft, überlegte Frans. Wenn der Rest des Films mit ähnlichen Tricks aufwarten konnte, kam es vermutlich auf eine halbwegs intelligente Story gar nicht mehr an. Im Augenblick jedenfalls steckte er mitten im Sumpf. Ringsum waren Schilfhalme, so hoch, daß er nicht darüber hinwegsehen konnte, und auf allen Seiten so nah, daß er glaubte, nur die Hand danach ausstrecken zu müssen... zaghaft versuchte er es, und, verdammt, ganz kurz glaubte er tatsächlich, den berührten Halm zwischen den Fingern zu fühlen, die rauhe, kratzige Oberfläche des Halms und das weiche Büschel der unscheinbaren braunen Blüten an der Spitze --
"Sie haben es gemerkt." hörte er Siwas zufriedene Stimme. "Das ist wieder eines der Benu-Gimmicks. Genau an den Stellen, die den Zuschauer zum Zugreifen verlocken, wird es in der Regel auch einen kurzen sensorischen Input geben. Aber hier ist der zum Glück nicht unten, sonst hätten wir jetzt nasse Füße."
Frans sah nach unten, und merkte, daß die Schilfhalme aus stillem, dunklem Sumpfwasser unbekannter Tiefe herausragten, über dem er als körperloser Beobachter schwebte. Er bewegte sich wieder, aber nicht aus eigener Kraft, der Film lief weiter. Es ging voran, durch die Schilfhalme, die sich vor ihm teilten. Seine Hand griff danach, und erneut konte er rauhe Halme spüren, die unter seiner Hand davonglitten. Die Illusion war wahrhaftig perfekt, das war ein Traum, kein Kinofilm mehr. Kleine geflügelte Tiere, Insekten, Vogelartige und ganz unbekannte Kreaturen, die alle nicht so aussahen, als stammten sie von der Erde, wichen ihm aus oder blieben auch auf Zweigen und Ästen sitzen, unbekümmert um den fremden Besucher, und ganz kurz glaubte er sie sogar zu hören, ein Summen und Zirpen und vogelähnliche Rufe. Einmal umschwärmten ihn riesige Moskitos so aufdringlich sirrend, daß er fast nach ihnen schlug. Aber zumindest blieb hier der sensorische Input eines Kontakts mit einem Schwarm blutgieriger Stecher aus.
"Denken Sie nicht so laut, Feind hört mit!" hörte er Siwas vergnügten Kommentar dazu. "Bringen Sie die Benu nicht auf dumme Gedanken!"
Konnte der Bursche etwa - aber nein, das war vermutlich etwas, was sich jeder Zuschauer bei dieser Szene dachte, da mußte man keine Gedanken lesen können. Frans erinnerte sich, was Siwa über den bösen Humor der Benu gesagt hatte, und daß bei solchen Filmbossen vermutlich durchaus mit echten Moskitobissen beim Zuschauer einer passenden Filmszene gerechnet werden mußte.
"Verdammt, das alles sind nur Testaufnahmen?" fragte er stattdessen. Die Gelder, die allein diese Tricks hier schon gekostet haben mußten...
"Kleinkram. Vermutlich hat ein Benu die Strecke abgeflogen und dann seine Erinnerungen irgendwie auf einen Datenträger überspielt. Die können sowas, wissen Sie, selber als lebende Kameras funktionieren. Da müssen sich die menschlichen Kameraleute anstrengen, daß sie überhaupt was nennenswertes zusammenbekommen, bei solcher Konkurrenz. Und das werden sie, schätze ich mal, die haben ja auch so etwas wie einen beruflichen Ehrgeiz."
"Moment mal. Ein Benu als lebende Kamera?" Siwa überraschte ihn doch jedesmal aufs Neue, gerade wenn er dachte, daß es gar nicht mehr schräger kommen konnte.
"Und ich möchte wetten, sie haben einen Heidenspaß dabei. Soviel ich weiß, hat die Firma sich bis jetzt noch nie im Filmbusiness versucht. Bei nagelneuem Spielzeug haben die Benu immer ganz dicke ihre Klauen drin, das weiß jeder in der Firma."
Frans gab sich geschlagen. Das Schilfmeer teilte sich endlich vor ihm zu einer weiten Wasserfläche unter einem strahlendblauem Himmel, in dem nur ganz matt die regelmäßigen Strukturen und Muster der Kuppel zu erkennen waren, und am jenseitigen Ufer wartete eine Anlegestelle aus weißem Marmor auf den über das Wasser dahergleitenden Ankömmling. Dahinter erhoben sich Gebäude in einem futuristischen Stil, mit makellos weißen hochragenden Mauern und Dächern aus einem Material, das wie polierter Marmor aussah, aber in Wahrheit vermutlich irgendein High-Tech-Baustoff war. Die elegante Linienführung und die sparsam aber effizient angebrachten großflächigen Verzierungen, die an Jugendstil erinnerten, täuschten beinahe über die wuchtige, kompakte Bauweise hinweg. Die meisten Gebäude waren riesig, einige wenige kleinere Exemplare dazwischen wirkten wie frische Champignons auf einer Wiese, Auswüchse irgendwelcher unterirdischer Strukturen, die sich zwischen allen Anlagen erstreckten. Immer noch scheinbar fliegend glitt Frans zwischen den Gebäuden hindurch, ein paarmal den Wänden so nahe kommend, daß er die Fassade unter seinen tastenden Fingern fühlen und einen Blick durch die winzig erscheinenden Fenster in die Räume dahinter tun konnte. In Wohnräume, Arbeitsräume, Freizeitanlagen oder Archive, vielfältig und sich in der Ausstattung kein einziges Mal wiederholend, abermals keine Trickaufnahme, sondern die reale Abbildung von realen, bewohnten Gebäuden, wie er jetzt wußte...
"Das ist der typische Baustil auf Nh´Nafress. Mauern so dick wie bei einer mittelalterlichen Burg, Panzerglasfenster und alles geschützt bis zum Gehtnichtmehr, für den Fall, daß eine der Kuppeln mal zusammenbricht und die Atmosphäre entweicht. Dann sollen zumindest die Leute, die sich in den Gebäuden aufhalten, einen Schutz haben. Und es gibt auch sehr viele unterirdische Anlagen aus der Anfangszeit der Besiedlung, die als Schutzräume dienen können." hörte er Siwas Stimme.
"Ist so ein Zusammenbruch schon mal passiert?"
"Früher, als die ersten Kuppeln errichtet wurden und die gesamte Kuppeltechnologie noch Neuland war, da gab es ein paarmal gefährliche Situationen. Aber das ist lange her. Und vor ein paar Jahren gab es einen Vorfall... ein Überfall einer Alienrasse, die die Energiequellen der Kuppeln für eigene Zwecke mißbrauchen wollten. Das hätte hier vermutlich niemand überlebt. Aber da haben wir, meine M-Tec-Kollegen und ich, einen Riegel vorgeschoben. Und die Benu haben dann dafür gesorgt, daß so etwas nie wieder passieren kann."
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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #18 am: 16. April 2013, 13:37:33 Uhr »
Frans konnte es nicht sehen, aber irgendwie glaubte er zu spüren, daß Siwa gerade etwas tat. "Und irgendwie habe ich den Verdacht, daß unser Abenteuer damals was mit dem Drehbuch für Ihren Film zu tun haben wird. Die alten Science-Fiction-Geschichten, deren Kurzfassungen wir eben gelesen haben, lassen sich kaum realistisch in die heutige Zeit übersetzen, daran sind damals schon diese Zeichentrick-Fassungen fast gescheitert, wie ich das sehe. Wenn sich die Menschen auf Dhoan-Sek plötzlich in ihre eigenen haarigen Urahnen verwandeln würden, würde das den Dhoanor kaum ein verwundertes Schnauben entlocken, sie würden sie vermutlich stattdessen als ihre lange vermißten Kumpel willkommen heißen. Das Sprengen der Gravium-Minen wäre kontraproduktiv, weil die nämlich in der Oortschen Wolke und im Kuipergürtel des irdischen Sonnensystems liegen und die Rohstoffe nach einer Sprengung sogar leichter zugänglich wären, und auf einen vorgetäuschten anfliegenden Riesenplaneten würde heutzutage auch keiner mehr reinfallen. Für Beinahe-Unsterblichkeit wird in absehbarer Zeit unsere ganz reale Nanotechnologie sorgen, da brauchen wir keine versteckten Zauberquellen mit gefährlichem Lebenselixir mehr, und auf den Auswüchsen der Gentechnologie haben die Benu wachsam die Finger drauf. Nossir, das läuft alles nicht, da muß als Grundlage was Modernes ran. Und Matrixtechnologie, wie wir M-Tecs sie vertreten, ist so up to date wie es nur geht. In dem Überfall hatten wir ein paar Momente, die absolut filmreif waren, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Aber wir hatten auch tragische Verluste..."
Frans konnte an Siwas Stimme hören, daß ihm die Sache immer noch nachging. "Wäre es Ihnen lieber, wenn dieser Film nicht gemacht würde, so wie Sie annehmen - mit Ihrer Geschichte, nur leicht verfremdet?"
Siwa blieb eine Minute lang still, er dachte wohl nach. Der Film hatte wieder angehalten, nach einer Kamerafahrt quer durch das Kuppelgelände und wieder durch die Energiemauer hindurch schwebten sie gerade in einer öden, lebensfeindlichen Marslandschaft. Direkt vor ihnen war ein riesiger Krater im kahlen Boden, an dessen Grund es düster-glasig schimmerte, und in der Ferne, hinter einer niedrigen Bergkette, das freundliche Leuchtsignal der oberen Rundung einer weiteren Kuppel, das dem schwachen rötlichen Tageslicht Konkurrenz machte wie ein aufsteigender naher Mond.
"Nein. Ich glaube, ich kann für alle sprechen, die damals dabei waren, daß unsere gefallenen Kameraden ein filmisches Denkmal verdienen, selbst wenn sie stark verfremdet dargestellt werden, und wir andere durch fiktive Helden ersetzt." hörte Frans dann, in einem nachdenklichen Tonfall. "Ein materielles Denkmal haben wir damals selbst aufgestellt, aber das wird kein menschliches Wesen jemals zu Gesicht bekommen, wenn alles gut geht... aber je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr denke ich, daß das in der Tat ein geeigneter Stoff für den Film wäre... Aha. Dachte ich´s mir doch!"
Frans konzentrierte sich auf die Realität, bis das Hologramm um ihn herum zu verschwinden begann und er Siwa erkennen konnte, der neben dem dreidimensionalen Großschirm für die Testaufnahmen auch den kleinen blattförmigen Schirm, den er ihm zuerst gezeigt hatte, wieder aufgerufen hatte und ihn eifrig malträtierte, Leuchtsymbole herumschob und Dateien aufrief, nur um sie gleich wieder mit unwirschen Handbewegungen fortzuwischen. Siwa kannte die öde Landschaft auf Nh´Nafress aus eigener Anschauung gut genug, um sich von den Aufnahmen nicht mehr faszinieren zu lassen.
"Da, sehen Sie," machte er jetzt und deutete auf eine Seite mit Text, die er stehen ließ. Immaterielle Lesezeichen zeigten an, daß Frans nur das Deckblatt sah und da mehr Text als nur die eine Seite vorhanden war. Und als er es betrachtete, hatte er das Gefühl, daß es dicker zu werden schien, daß mehr Lesezeichen auftauchten und einzelne auch wieder verschwanden, während er zusah.
"Als Drehbuch taugt das wohl noch lange nicht, aber es ist ein erster Entwurf. Ich dachte mir schon, daß ich sowas bekomme, irgendwo in dem anderen Kram versteckt... sehen Sie, es verändert sich. Da arbeitet jemand daran, während wir hier miteinander sprechen. Offenbar läuft gerade ein Brainstorming, wo jeder von den Drehbuchautoren seinen Senf dazugibt. Sie können sich gerne einlesen, aber es wird sich zweifellos noch etliche Male ändern, wenn jemand eine ganz neue Superidee hat, die die bisherigen Planungen ganz über den Haufen wirft. Mit Auswendiglernen ist also noch nichts." Er grinste.
Frans nickte und rückte neugierig näher heran, und Siwa deaktivierte den Riesenschirm mit den Testaufnahmen und ließ die Zimmerbeleuchtung wieder hochfahren. "Den Rest der Aufnahmen schauen wir uns später an, wahrscheinlich kriegen wir auch dafür Updates, wenn neue Schauplätze ins Spiel kommen. Vielleicht sehen wir dann sogar schon erste Bilder von den anderen ausgewählten Schauspielern."
Wieder einmal mußte Frans seine vorgefertigte Meinung revidieren. Diese Firma Benu Inc. schien unglaublich schnell und effektiv zu arbeiten. Regisseure in Hollywood hätten verzweifelt die Haare gerauft und die ganze Sache hingeworfen, wenn zum Zeitpunkt des Castings noch nicht einmal ein erster Drehbuchentwurf vorlag. Allerdings hing dort am Drehbuch und der Glaubwürdigkeit des Regisseurs, der anhand dieses Drehbuchs den potentiellen Erfolg des ganzen Films darzulegen versuchte, häufig die ganze Finanzierung, und dieses Problem fiel hier wohl flach, wenn die Firma allein und nicht ein Konsortium von Banken und Privatfinanziers das Projekt sponserte. Und wie Frans das sah, wurde das wohl ein Low-Budget-Projekt. Nicht unbedingt von der Qualität des Produkts her, denn auch aus billig hergestellten Filmen konnten Kassenknüller werden, wenn alle Bedingungen stimmten, sondern von der Herkunft der eingesetzten Mittel, die offenbar weitgehend aus den vorhandenen Beständen der Firma selbst kommen würden. Einschließlich dieser phantastischen lebendigen 3-D-Kameras, der Benu, die gleichzeitig die spielfreudigen obersten Bosse der Firma waren... Siwa öffnete die erste Seite, und sie begannen zu lesen.
Die Originstory des Helden sollte unverändert übernommen werden. Die Auseinandersetzungen des Vaters, eines brillanten Wissenschaftlers, mit einem kriminellen ehemaligen Kollegen, der dessen Forschungsergebnisse mißbrauchen wollte, und die Flucht der kleinen Familie auf den einsamen Erdmond. Der Überfall der Verbrecherbande auf die erste primitive Mondbasis, die den kleinen Curtis Newton als Waisen zurückließ. Seine Kindheit, fern und unbeleckt von der Menschheit, nur begleitet von zwei künstlichen Wesen und einem lebenden Gehirn in einem Glaskasten. Dazu blinkten immer wieder kurz Bilder auf den Seiten auf, Entwurfsskizzen, wie Frans sie von anderen Storyboards her kannte, allerdings war er sich nicht sicher, ob es sich dabei um Fotografien, fotorealistische Zeichnungen oder ganz andere Erscheinungen handelte, und als er zurückblätterte und noch einmal draufzuklicken versuchte, waren die Abbildungen meistens wieder verschwunden, manchmal auch "nur" verändert, und einige schienen gar lebendig zu sein wie ein kurzes Stückchen Film mitten im Text. Er sah zu Siwa, der grinste bloß vor sich hin.
"Fragen Sie nicht." machte er nur. "Benu lieben es, unsere primitiven Sinne zu verwirren, daran ergötzen sie sich königlich. Ich habe keine Ahnung, wo die Bilder herkommen, und ob wir beide das gleiche wahrnehmen. Vielleicht sind da in Wahrheit nur große weiße Leerstellen, in denen unsere eigene Phantasie spielen darf und dabei aufgezeichnet wird, und wir finden unsere ureigenen spontanen Vorstellungen später plötzlich in reale Bilder umgesetzt wieder. Benu sind extrem starke Telepathen, wissen Sie, und lassen sich manchmal auch von den Gedankengängen von so niederen Kreaturen wie unsereins inspirieren."
"Wozu brauchen Sie überhaupt einen Film, wenn Sie so mächtige Aliens direkt vor der Nase haben?" motzte Frans. Verdammt, langsam reichte es ihm, Benu hier und Benu dort, jedesmal wurde ein gutes Teil seines ganzen Weltbilds über den Haufen geworfen, und er wußte immer noch nicht, wo... und vielleicht wann? ... er eigentlich war. Aber Siwa grinste nur fröhlich weiter. "Weil der größte Teil der Menschheit diese Erfahrung nicht macht. Wir Matrixtechniker sind ja nicht gerade das, was man so als normal bezeichnet. Man nennt uns Ceetan-Benu, Freaks und schlimmeres und traut uns so ziemlich jede Gemeinheit zu, erheblich mehr als wir in Wahrheit dürfen. Vielleicht ändert der Film daran ein wenig, wenn er ein bißchen was von der Wahrheit zeigt. Und das wird er, wenn unsere fleißigen unbekannten Drehbuchautoren was taugen."
Frans steckte die Nase wieder in das immaterielle Drehbuch. Was der Junge sagte, ergab Sinn, von dem winzigen Detail abgesehen, daß Frans bis gestern überhaupt nicht gewußt hatte, daß es sowas wie Matrixtechniker - Benu-Bastarde, wie "Ceetan-Benu" übersetzt hieß - überhaupt gab, und welche Kosenamen man ihnen an die Köpfe warf. Während er weiterlas, versuchte er den Gedankenfaden wiederzufinden, den er gerade kurz in der Hand gehabt hatte.
"Wann?" kam es ihm plötzlich, so plötzlich, daß es ihm laut entfleuchte. Er drehte sich zu Siwa um. "Wann bin ich? Welches Jahr schreiben wir?"
"Immer noch das gleiche wie gestern. Außer wir beide haben gigantisch verschlafen und den Jahreswechsel vergeigt. Auf so einer Raumstation verliert man schnell das Zeitgefühl, wissen Sie... warum fragen Sie?"
"Nur so. Also, welches Jahr?"
Siwa sagte es ihm, und irgendetwas am Gesichtsausdruck seines Gasts deutete an, daß damit etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Frans Hauser starrte ihn nämlich an, als sei er soeben verrückt geworden... und Siwa schwante etwas. Mit einer Handbewegung forderte er ein kleines schwebendes leeres Abfragefeld von seinem Laptop an, das neben den auseinandergefächerten Seiten des Dehbuchs in der Luft hängen blieb.
"Geben Sie mir Ihren vollen Namen und Ihr Geburtsdatum." forderte er. "Und das Datum, an dem man Sie geholt hat."
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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #19 am: 27. Juni 2013, 21:36:15 Uhr »
Der Junge versuchte nicht einmal, ihm irgendetwas einzureden oder zu beschönigen, erkannte Frans, er war schlicht ahnungslos gewesen, daß er da einen Gast aus der fernen Vergangenheit beherbergte... und er gab ihm wahrheitsgetreu die gewünschten Daten. Siwa gab sie ein, und ein Blatt tat sich auf, das unter anderem auch ein paar Fotos von Frans zeigte. Frans konte sogar von jedem einzelnen sagen, wann und wie es entstanden war, denn die meisten entstammten Produktionen, in denen er mitgewirkt hatte.
"Frans Hauser. Geboren am dreizehnten August Neunzehnhundertsechsundachtzig in Borken, Germany. Gestorben..." Er sagte nichts mehr. Denn es war exakt das zweite Datum, das Frans ihm soeben genannt hatte.
"Bei einem Hausbrand?" Sie starrten sich an.
"Das Haus hat nicht gebrannt!" stellte Frans kategorisch richtig. "Jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als ich... den Vertrag unterschrieben habe."
Siwa entdeckte und öffnete ein paar weitere Seiten. Grau und kaum noch lesbar, die Kopie einer Kopie, vermutlich irgendwann auf einem altmodischen Datenträger überspielt und von dort wieder abkopiert - der Brandbericht. Frans sah drein, als wolle er es gar nicht so genau wissen, aber jetzt blieb Siwa hart. "Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Benu eine gewisse Macht über Raum und Zeit besitzen. Die haben Sie hierhergeholt unmittelbar bevor Sie dort gestorben wären, um die Zeitlinie nicht zu sehr durcheinanderzubringen.. und Ihnen gleichzeitig eine zweite Chance zu gewähren. Aber es kann sein, daß Sie trotzdem erst mal wieder zurückgeschickt werden, um das Angebot zu überdenken... und vielleicht gleichzeitig die Zeitlinie zu verändern. Dann müssen Sie das wissen, es kann Ihr Leben retten!"
Sie fixierten sich immer noch, und Frans sah ganz so aus, als wolle er seinen Schock an Siwa auslassen, aber dann gab er plötzlich nach. "Sie müssen es ja wissen." brummte er. Verdammt, das traf ihn hart, seine eigene Todesanzeige zu lesen, und keine von der voreiligen Sorte, wie es sie in Hollywood und anderswo häufiger gab. Gegeben hatte, wenn dies hier tatsächlich das 28. Jahrhundert war, denn in dieser Zeit hatte man vermutlich bessere Methoden, einen Todesfall zu verifizieren. Also las er gehorsam den Bericht, zumindest das, was noch zu entziffern war. Acht Jahrhunderte hatten dem Bericht nicht gutgetan, es war vermutlich ein Wunder, daß überhaupt noch etwas vorhanden gewesen war, da hatten diese ominösen Benu wohl ein weiteresmal die Klauen im Spiel gehabt. Der Brand war nicht in seiner Wohnung ausgebrochen, sondern in einer Küche zwei Stockwerke tiefer, das war schon mal eine Erleichterung. Jemand hatte vergessen, den Herd auszuschalten, die Einrichtung war in Brand geraten, dann das ganze Haus, das ortstypisch mit viel dünnem, trockenem Sperrholz zwischen den Backsteinwänden hochgezogen worden war. Zwei Bewohner der oberen Stockwerke, die zu früh schlafen gegangen waren, einer von den beiden Frans Hauser, waren von den Rauchgasen betäubt worden und hatten es nicht mehr aus dem lichterloh brennenden Bau geschafft.
Frans war immer noch kalkweiß im Gesicht.
"Trösten Sie sich. Wenn Sie Glück haben, können Sie das aus der Welt schaffen." machte Siwa. Um abermals fassungslos von seinem Gast angestarrt zu werden. "Was denn? Wenn die Sie von dort geholt haben, wird es ihnen ein leichtes ein, Sie auch dorthin wieder zurückzubringen."
"Äh, sind Zeitreisen in dieser Zeit etwa normal?" Weil der Junge so gar nicht erstaunt dreinsah...
"Für uns Menschen nicht. Ich bin einer von ganz wenigen, die wissen, daß Zeitmaschinen erstens tatsächlich funktionieren und zweitens wo sich eine befindet. Ich habe sie sogar schon benutzt... aber das Ergebnis war nicht so berauschend. Ein guter Rat für Sie, wenn Sie mal über eine stolpern sollten,  lesen Sie erst das Benutzerhandbuch gründlich durch. Das erspart Ihnen den einen oder anderen massiven Tritt ins Fettnäpfchen. Aber für die Benu, die Sie hergeholt haben, ist das was anderes. Ich habe ja schon gesagt, daß die eine ganz andere Wahrnehmung von Raum und Zeit haben als wir. Für die ist es wahrscheinlich eine Selbstverständlichkeit, in der Zeit herumzupfuschen und sich das Ergebnis gleich vor Ort anzusehen. Aber die benutzen dafür auch nicht eine kleine Blechbüchse mit viel Technik drin."
Aha. So simpel wie der Junge es ausdrückte, ergab es sogar einen Sinn. "Was wollten Sie eigentlich tun, nachdem Sie mich aufgespürt haben?"
"Bis jetzt habe ich noch keine speziellen Anweisungen gefunden, aber ich gehe davon aus, daß ich Sie nach Nh´Nafress schaffen soll, wenn dort die Dreharbeiten stattfinden sollen. Wie wäre es fürs Erste mit einer Sightseeing-Tour zum "Feuerzahn", einschließlich kurzer Spritztour? So eine Hammer-SyMOr haben selbst viele heutige Zeitgenossen noch nie von innen gesehen, außer in einem Sim vielleicht."
Na, das war doch ein Vorschlag. Diesen bizarren Weltraumfisch mal von innen zu sehen, einen Flug mitzuerleben... das reizte Frans durchaus, wenn es ungefährlich war. Und Siwa schien keine Scheu davor zu haben.
"Das Kapitänspatent für große Fahrten, sprich hinaus in den interstellaren Weltraum zwischen den Sonnensystemen habe ich noch nicht, dafür müßten wir erst meinen Lehrer Carolus Rye auftreiben, der sich kurz vor dem Anlegen hier auf die feine Englische verflüchtigt hat, aber für eine kleine Spritztour um den Häuserblock, bis nach Sonabir und nach Otrona II, reicht es schon." erklärte Siwa. "Auf Otrona II kann ich Ihnen dann die örtliche Sehenswürdigkeit zeigen, nämlich einen waschechten Gangster, der sogar Ihren Captain Future bei Laune halten könnte." Er grinste. "Und auf Sonabir können wir in Schutzanzügen aussteigen und uns die Landschaft anschauen. Kleine grüne Männchen gibt es da leider nicht, nur ein paar Bergbaubetriebe, jede Menge tote Landschaft und nicht atembare Luft. Aber da man in Ihrer Zeit noch nicht auf andere Welten gereist ist, wird das trotzdem bestimmt ganz interessant für Sie." Frans nickte nur, auf einmal ganz atemlos. 
"Na dann. Wollen wir?"
Frans sah den Jungen an, der einfach so losgehen wollte, ohne etwas mitzunehmen, nicht mal nach einer Jacke angelte... die man in einer klimatisierten Raumstation oder einem Raumschiff ja ohnehin nicht brauchte, wie ihm sofort einfiel... Siwa grinste immer noch. "Alles was ich brauche, habe ich hier." sagte er und hielt seine Hand mit dem Zauberring hoch. "Ein Dhyarra ist ein universelles Allzweckwerkzeug, Türschlüssel und vieles andere mehr, und notfalls kann ich meinen Lappy rufen, der enthält auch noch ein paar nützliche Gimmicks."
Da fiel Frans nichts mehr ein. "Also los." Bereitwillig folgte er seinem Gastgeber, der sich bestens auf Otrona auszukennen schien, weil er genau wie Moses die Echse vorher alle möglichen Abkürzungen nahm, wo Frans nie im Leben eine gesehen hätte. Schon nach einer halben Stunde waren sie am Dock, in dem der "Feuerzahn" lag, aber diesmal ging es nicht hinauf zum Laufsteg, sie betraten die riesige Halle direkt. Immer noch, oder vielleicht schon wieder, standen zwei schwarze Riesenspinnen links und rechts der offenen Luke postiert, aber das Gleis war schon abgebaut, das Entladen offenbar beendet. Unbekümmert schnürte Siwa direkt auf die Luke zu, und Frans mußte notgedrungen folgen, obwohl ihm gar nicht mehr geheuer war, hier unten sahen diese Spinnen noch viel größer und bedrohlicher aus als von da oben auf dem verglasten Steg, wie bizarre, hochgefährliche Alienkrieger, die sie vielleicht tatsächlich waren... unmittelbar vor der "Zungen-Gangway", die ins Schiff führte, blieb Siwa stehen und hob die Hand mit dem Ring.
"Ich habe Sie bei der KI als Gast angemeldet, sonst kämen Sie gar nicht erst ins Schiff rein." erklärte er, als das blaue Aufblitzen wieder erloschen war. Er hatte das Wort KI zusammengezogen, so daß es wie "Kay" klang, und vielleicht war das auch der inoffizielle Name des Schiffsgehirns. "Übrigens, da drinnen wimmelt es von sonderbaren Lebewesen, diese Cyders hier sind nur zwei von sehr vielen." fuhr er fort, auf die Riesenspinnen weisend. "Manche davon sind so groß wie die da, aber viele andere sind winzig klein, und es gibt sie in allen möglichen Formen, sie krabbeln und fliegen und schwimmen und schleimen überall da drin herum. Also, bevor Sie nach einer Dose Schädlingsbekämpfungsmittel schreien - die Viecher gehören allesamt zum Schiff dazu, es sind alles Halbroboter, die für die Wartung und Reparatur des Schiffes zuständig sind, und deshalb machen Sie sie bitte nicht platt, wenn es sich vermeiden läßt. Die Cyders werden Ihnen in den meisten Fällen ganz von selbst ausweichen. Echtes Ungeziefer gibt es in einer Hammer-SyMOr nicht, dafür sorgen die Cyders, sie fressen alles, was sich unerlaubt hineinverirrt."
Gut zu wissen, dachte sich der Schauspieler, dem abermals das Herz in die Hose zu rutschen drohte. Aber Siwa stieg schon unverdrossen die Gangway hoch, den beiden ungeheuerlichen Türwächtern rechts und links nicht die geringste Aufmerksamkeit gönnend. Zögerlich, beinahe auf Zehenspitzen und voll Panik auf die geringste Regung der Spinnen wartend, folgte ihm Frans. Siwa erwartete ihn, fröhlich grinsend und mitten in der Luke stehend, genau zwischen den gemeingefährlich aussehenden Zahnreihen dieses Riesenkiefers, der als Tür fungierte und der aussah, als würde er jeden Moment zuschnappen.
"Na, das war doch nicht so schwer bisher, oder? Dann zeige ich Ihnen gleich mal das Cockpit, das wird Sie am meisten interessieren. An den Mannschaftsquartieren ist nichts besonderes dran, die sehen auch nicht viel anders aus als das Appartment auf der Station." Und schon stiefelte er los, in die Tiefen des Raumschiffs hinein. Angesichts der Gesamtgröße des Raumschiffs im Dock konnte der Weg zum Cockpit nicht allzuweit sein, dachte Frans zuerst, als er erst mal in alle Richtungen sicherte, bevor er den ersten Schritt tat. Die organischen Formen der Außenhülle setzten sich hier drin fort, es schien keine einzige wirklich flache Wand und keine gerade Linie zu geben, alles war irgendwie organisch geformt, gebogen, geschwungen, gerippt oder von Auswüchsen und aderartigen Strukturen durchwachsen und überzogen... und es roch hier drin. Es war kein unangenehmer Geruch, fast wie ein Wald nach einem Regenguß, nach Kräutern und Pflanzen, nach frischem Wasser irgendwo und ein wenig nach ätherischen Ölen... und es war auch keineswegs so finster, wie er nach der beinahe an Werke von Giger gemahnenden Ausstattung angenommen hätte. Echte Schattenzonen und finstere Löcher gab es hier drin nicht, weil alles irgendwie ein wenig aus sich selber heraus zu leuchten schien in einer Art von Biolumineszenz, auch dort, wo die vorhandenen Deckenleuchten nicht hinschienen, was in seiner Gesamtwirkung an einen Wald bei hellem Sonenlicht erinnerte, mit helleren Lichtbahnen hier und da in einer insgesamt freundlich grün und braun und gelb leuchtenden Umgebung. Da störten die paar kleinen Cyders, die er hier und da über Wandflächen und astartige Auswüchse wuseln oder im Lichtschein tanzen sah wie seltsame Käfer und Mücken, auch nicht mehr, das hier war ihr Lebensraum, ihr Biotop, hier gehörten sie hin...
"Kommen Sie, sonst verlaufen Sie sich noch." hörte er die amüsierte Stimme von Siwa von etwas weiter weg, und er setzte sich gehorsam in Bewegung. Eine Art Spinnwebe strich über sein Gesicht, die Begrüßung einer weiteren Cyder, die mit sanftem Schwingenschlag an ihm vorbeiglitt, um ihren unbekannten Aufgaben nachzugehen.
"Bleiben Sie lieber bei mir, sonst muß ich Sie bald suchen gehen. In einer Hammer-SyMOr kann man sich ganz fürchterlich verlaufen." sagte der blonde Junge, als er zu ihm aufgeschlossen hatte. "Das hier ist eine kleine, die für Übungs- und Kurierflüge benutzt wird, bei den größeren Apparaten braucht man in einigen Räumen ein Fahrzeug, um in vernünftiger Zeit von einem Ende zum anderen zu gelangen." Er schritt munter aus, und bald bemerkte Frans, daß sie eigentlich schon quer durch das ganze Schiff und wieder hinaus hätten gelangen müssen, bei diesem Tempo und der Größe des Schiffes. Aber da weitete sich der Gang erneut nach zahlreichen Abzweigungen, die Siwa ignoriert hatte, ein zahngespicktes Schott fuhr auf, und sie blickten in eine Raum, der auf Anhieb an eine Tropfsteinhöhle erinnerte. Von mildem grünlichem Licht erfüllt, war da ein riesiger rundlicher Raum, der allein schon den größten Teil des ganzen Schiffes hätte einnehmen müssen --
"Kann das sein?" fragte Frans, der allmählich begriff. "Dieses Schiff ist innen größer als von außen?"
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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #20 am: 17. Juli 2013, 20:57:58 Uhr »
"Einen Dummen haben die Benu mit Ihnen nicht ausgesucht." freute sich Siwa, der über das ganze Gesicht lachte. "Perfekt erkannt. Dieses Schiff ist zum größten Teil in eine Dimensionsfalte hineingebaut, und was man von außen sieht, ist nur der geringste Teil davon. Nicht mehr als eine Dimensionstür mit Flügeln, so hat es jemand vom DCD mal bezeichnet, der Rest steckt in einer sogenannten Taschendimension, dort kann man so groß bauen wie man will - und glauben Sie mir, sogar so eine kleine 80-Meter-SyMOr ist auf der anderen Seite der Tür verdammt groß. Übrigens sind SyMOrs selber auch teilorganisch, genauso wie die Cyders, die mit ihnen in Symbiose leben. Eine SyMOr wächst jedes Jahr um ein paar Räume, wenn sie gut gefüttert wird. Kommen Sie.'" Und er schritt hinein in die Tropfsteinhöhle, in der sich zwischen organisch gewachsenen stalaktitenartigen Säulen die ersten Dinge befanden, die Frans in diesem Schiff als definitiv technisch erkannte - Metallrahmen, zwischen den Säulen eingelassen, die vermutlich so etwas ähnliches wie den Bildschirm von Siwas Laptop darstellten, Rahmen für holographische Bildprojektionen. Jedoch gab es hier nichts, was nach Stühlen oder anderen Sitzgelegenheiten ausgesehen hätte, die verhinderten, daß etwaige Zuschauer sich bei einer längeren Show die Beine in den Bauch standen. Stattdessen gab es im Boden große kreisrunde Löcher, nicht unähnlich den Tropflöchern in einer Höhle, die hier jedoch nicht mit Wasser gefüllt waren, stattdessen konnte Frans abermals die organischen Wucherungen und Strukturen des Schiffes darin erkennen. Die Löcher waren nicht sehr tief und es war leicht, hineinzusteigen, was Siwa soeben demonstrierte.
"Sie werden es nicht glauben, aber das hier sind die Pilotensitze." sagte er, während er sich in seinem Loch bequem auf einer Art Moospolster niedersetzte, und Frans glaubte es in der Tat nicht. Da waren nirgendwo Instrumente, Anzeigetafeln, Schalter oder Displays, das ganze Zeug, das ein Pilot doch brauchte. Es gab hier nicht einmal einen Ausblick nach draußen, daß man gesehen hätte, in welche Richtung man flog...
"Sie werden sich fragen, wo denn hier die ganzen Instrumente sind." betätigte Siwa prompt seinen Gedankengang. "Nun, die sind im Schiff versteckt. Als Pilot verbindet man sich direkt mit allen Systemen dieses Schiffes, alles was die Kay zur Verfügung stellen kann, und zwar über ein biologisches Sensorensystem. Die Steuerung funktioniert mimetisch, was wörtlich so viel bedeutet wie, Sie wackeln mit Ihrem Hintern und das Schiff bewegt seinen Schwanz. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß Sie hier nur daran zu denken brauchen, mit Ihrem Hintern zu wackeln. Gedankensteuerung gewissermaßen. Das einzig eklige daran ist die Verbindung an sich, die ist nämlich mal wieder eine Bosheit der Konstruktionsabteilung. Ich weiß nämlich aus sicherer Quelle, daß die sowas auch völlig ohne direkten Körperkontakt hinbekommen, nur über das Implantat, das jeder angehende Pilot, so wie ich, im Nacken trägt." Seine Hand deutete auf seinen Hinterkopf, wo sich vermutlich unter der Haut irgendwo das erwähnte Implantat befand. "Irgendwer von diesen Witzbolden hat vermutlich zu viel Jules Verne gelesen. Oder Lovecraft, was auf das gleiche herauskommt. Nun, jetzt kommen Sie mal her und suchen Sie sich einen von den Sitzen aus. Ich war mir sicher, daß Sie selber mal gern wissen wollten, wie sich so eine SyMOr fliegt, und habe Sie deshalb als Gast mit allen Rechten angemeldet. Und fliegen können Sie nur, wenn Sie sich selber ins System einklinken. Wenn Sie draußen bleiben, sehen Sie nicht viel, nur das wenige, was auf den Bildschirmen da landet, die sind nämlich für Gäste ohne Flugbeteiligung gedacht."
Abermals zögerte Frans zuerst. Das ging ja noch viel weiter als gedacht...
"Äh, ich bekomme aber kein solches Implantat verpaßt?" fragte er, bevor er die ersten Schritte auf das nächste Loch zu tat.
"Nein, keine Sorge. Für reine Gäste gibt es kein Implantat, da reicht die normale Kontaktverbindung völlig, die löst sich hinterher wieder völlig auf. Nur Piloten brauchen das Teil, weil es den Datenaustausch beschleunigt. Sie müssen sich aber beim Einklinken entspannen, das ist wichtig. Wenn Sie zu erschreckt oder abweisend reagieren, kann das die Kay beeinflussen, so daß sie Sie abweisen könnte, und das wäre schlecht. Haben Sie keine Angst, es tut nicht weh, und es ist nur für eine Minute lang unangenehm. Sehen Sie mir jetzt zu, wenn ich mich einklinke."
Siwa setzte sich zurecht und schloß entspannt die Augen, gar nicht ängstlich aussehend... und, da! Schneller als ein Auge beobachten konnte, schossen zu allen Seiten des Loches so etwas wie dünne Tentakel heraus, grünlich und mit zahlreichen winzigen Saugnäpfen besetzt wie die Fangarme von Tintenfischen, oder von hirnsaugenden chthonischen Monstern aus fremden Dimensionen... und Frans begriff, warum Siwa ausgerechnet Verne und Lovecraft erwähnt hatte. Blitzschnell war der Junge in ein ganzes Geflecht von grünen, dünnen Tentakeln gewickelt, nur noch ein regloser Klumpen aus feucht glitzerndem Grün in einem Loch, wie das Opfer einer bizarren fleischfressenden Pflanze, kaum daß noch ein Stückchen Haut, Kleidung oder blondes Haar unter dem grünen Gewirr herauslugte... und dann schob sich etwas wie eine übergroße Seifenblase aus Licht über das ganze Loch und schloß es von der Außenwelt ab, verbarg jedoch nicht das, was darunter geschah, nämlich überhaupt nichts. Siwa rührte und regte sich nicht mehr, und Frans fragte sich verzweifelt, was jetzt wohl zu tun war...
"Sie sitzen ja immer noch nicht." hörte Frans plötzlich Siwas Stimme. Aber nicht von dem Loch, in dem Siwa steckte, bis über beide Ohren von grünem Gewimmel überzogen und ganz still und reglos. Die Stimme schien aus allen Richtungen zu kommen, vermutlich über Lautsprecher.
"Ja, ich bin es. Ich spreche jetzt zu Ihnen über die Systeme des Schiffes. Mein Körper ist eingeklinkt und schläft in einem undurchdringlichen Stasisfeld, das ist diese komische Seifenblase da über meinem Loch. Ein Stasisfeld ist zeitlos, mit anderen Worten, ich werde da drin keine Sekunde älter, auch wenn ich ein paar Millionen Jahre da drin bleiben  würde. Was aber nicht geht, wie Sie sich erinnern werden, weil mich die Kay in spätestens vier Stunden aus dem System werfen wird. Deshalb sollten wir die Zeit nutzen. Suchen Sie sich einen Sitz, ist egal welchen, setzen Sie sich hinein und enspannen Sie sich. Sie können gern die Augen zumachen, wenn Sie das Sensorengewimmel nicht sehen wollen, aber Sie dürfen auf keinen Fall in Panik verfallen oder sich wehren, sonst stuft die Kay Sie als psychisch ungeeignet ein, und dann haben Sie bei allen Hammer-SyMOrs für alle Zeiten verspielt, die geben das nämlich untereinander weiter. Sie werden aber sehen, es ist gar nicht schlimm. Nach dem ersten Mal werden Sie sich gar nicht mehr erklären können, warum Sie solchen Bammel davor hatten, das ist nämlich ein total cooler Zustand."
Er verstummte, und es wurde wieder still. Völlig still in dieser künstlichen, grünlich leuchtenden Tropfsteinhöhle, in der kein einziger fallender Wassertropfen ein Echo verursachen wollte, nicht einmal eine vorwitzige Cyder kribbelte hörbar über die Wände. Frans stand da, er wußte, daß Siwa auf ihn wartete und daß die Zeit lief, die Vier-Stunden-Frist konnte nicht überschritten werden. Schließlich faßte er sich ein Herz. Verdammt, wenn dieser Junge aus der fernen Zukunft sich das traute, warum dann nicht er, der Beinahe-Steinzeit-Barbar aus der fernen Vergangenheit, zwar nicht ganz Conan, aber so auf halbem Wege... dann saß er in seinem Loch, unsicher, was jetzt passieren würde, und spähte zu Siwa hinüber, dessen grün überzogenen Kopf unter der Seifenblasen-Stasiskuppel er in seiner sitzenden Haltung in seinem eigenen Loch gerade noch sehen konnte. Er versuchte sich zu entspannen wie befohlen, schloß die Augen aber nicht. Wenn er hier denn seine Tage beschließen sollte, dann wollte er wenigstens alles mitbekommen.. und da schoß schon das Tentakelgewimmel aus bisher verborgenen Löchern überall um ihn herum, berührte ihn sanft, aber keineswegs zwingend, würgend oder auch glitschig und kalt, sondern im Gegenteil angenehm wie weiche Seide und schmeichelnd, und begann ihn einzuwickeln...

und als nächstes sah er zu seiner Verblüffung das Dock um sich herum. Er war nicht mehr in dieser Höhle, sondern schien irgendwo oben auf der Hülle des Raumschiffs zu sitzen. Er sah das helle Licht der Deckenstrahler, die elektronischen Anzeigetafeln, konnte einige eifrige Echsenarbeiter unten auf dem Hallenboden sehen, die sich mit irgendeinem Frachtstück befaßten, und die Wächterspinnen, die sich soeben in das Schiff zurückzogen, gefolgt von der Gangway-Zunge, die ihre Verbindungen zum Boden löste und sich gleichfalls einfuhr... Frans sah das alles aus einer Position, als ob er irgendwo oben auf dem Schiff hockte, aber er konnte seinen eigenen Körper nicht wahrnehmen! Wo, oder vielleicht besser wie zum Geier war er?
"Verwirrend, nicht wahr?" hörte er Siwas amüsiert klingende Stimme. Nicht mit seinen Ohren, sondern irgendwie... in seinem Geist?
"Visueller Input ist das erste, was jeder Anfänger bekommt. Wenn ich Ihnen sofort den gesamten Input des Schiffes überspielen ließe, würde Ihnen das Hirn explodieren, da muß man sich erst dran gewöhnen. Sie sehen jetzt übrigens nicht mit Ihren eigenen Augen, sondern mit ein paar von den zahlreichen Kamera-Augen des Schiffes. Und jetzt gebe ich Ihnen mal die Sightseeing-Tour durchs Schiff. Auf diese Weise geht das nämlich erheblich schneller als wenn wir uns die Füße wundlaufen. Nicht erschrecken, das bin nur ich."
Und Frans hatte das Gefühl, als würde ihn jemand an der Hand nehmen und sein "Ich", wie auch immer sich das zur Zeit definieren ließ in dem sonderbaren geisterhaften, körperlosen Zustand, in dem er sich seit dem "Einklinken" befand, davonziehen.
Szenenwechsel. Er war wieder im Höhlen-Cockpit, neben sich eine unsichtbare aber fühlbare Präsenz, die er unschwer als Siwa identifizieren konnte. Aber sie beide waren nicht zurück in den Löchern, in ihren reglosen, eingewickelten Körpern, sondern hingen irgendwo unter der Decke des Raums und sahen hinab auf den Boden mit seine zahlreichen leeren und zwei gefüllten und von Schutzfeldern überspannten Löchern. Da unten rührte sich nichts. Dafür war die gesamte Umgebung lebendig, entdeckte der Schauspieler mit einem Mal, ganz plötzlich konnte er pulsierende Energieströme, Felder, energetische Netze in vielen bunten, leuchtenden Farben wahrnehmen, zwischen denen Cyders in vielen Varianten herumturnten wie winzige Punkte oder Striche, auf und in den organisch gewachsenen Strukturen, die das Schiff ausmachten, er fühlte geradezu die energetischen Gezeiten, die den gesamten Koloß erfüllten, und ihre zwei Körper waren nur zwei winzige aber wichtige Rädchen im Getriebe, eingebunden in die nach allen Richtungen wirbelnden und gischtenden Datenströme und zugleich sicher geschützt in den undurchdringlichen Stasisfeldern.
Er fühlte Siwas Händedruck und ließ sich mitziehen, in die anderen Räume des Schiffes und sogar dazwischen, denn in ihrem körperlosen Zustand war feste Materie kein Hindernis. Mannschaftsquartiere, Küchen, Versammlungssäle, Arbeitsräume, Laderäume, die in der Tat gigantisch und weitgehend leer waren, dann ein weiterer gigantischer Raum, den Siwa spöttisch und massiv untertreibend als "Badezimmer" deklarierte, der in Wahrheit den Kühlwasservorrat für den Antrieb enthielt - falls der Antrieb jemals Wasser zum Kühlen benötigen sollte, was jedoch bisher noch nie geschehen war, wie Siwa ihn wissen ließ - und so groß, daß im badewannenwarmen Wasser ein ganzes belebtes Korallenriff samt Palmeninsel und Sandstrand Platz hatte, die unter einer ewig scheinenden künstlichen Tropensonne lagen.
"Das können wir bei Gelegenheit leibhaftig ausprobieren." versprach Siwa dazu. "Ohne anwesende Weiblichkeit brauchen Sie nicht mal eine Badehose. Nur Gummienten sollten Sie nicht mitbringen... die werden nämlich immer von den Seeschlangen gefressen und bereiten den armen Tieren dann Bauchschmerzen."
Und Frans glaubte ihm aufs Wort, weil er das bunte, wimmelnde Getier in den Tiefen des "Badewassers" einschließlich der erwähnten Seeschlangen mit eigenen immateriellen Augen sehen konnte, als seine Sehnerven kurzfristig automatisch auf ein paar Cyder-Augen unter Wasser geschaltet wurden, sobald er sie in seiner immateriellen Form berührte.
Danach führte Siwa ihn in einen anderen interessanten Raum, nämlich die Krankenabteilung, wo Frans etwas entdeckte, was er sofort wiedererkannte, und er fühlte sich prompt wie im falschen Film. Abermals lachte Siwa, kein hörbares Lachen, sondern eine telepathische Übertragung, warm und gleichzeitig prickelnd wie Champagner, die Frans angenehm durchlief.
"Stimmt, da haben die Kollegen vom DCD sich von dem Film inspirieren lassen. Sie werden es nicht glauben, aber das Ding funktioniert sogar. Einen Doc haben wir auch, der sieht aber nicht ganz so gut aus wie der Holodoc aus der Star-Trek-Reihe. Sehen Sie, die Cyber da, das ist unser Doc." Sie sahen das Cybertier, abermals eine Riesenspinne, jedoch mit auffallend grellen gelb-rot-schwarzen Farbmarkierungen und einem platten, vertieften Rücken zwischen den zahlreichen Beinen und Greifern, der als Transportplattform für einen Patienten verwendet werden konnte. Ruhend, da es für sie gerade nichts zu tun gab, saß sie in einem typisch nach Spinnenart mit weichem Gespinst ausgekleideten Loch und träumte vielleicht von ihrem nächsten Patienten oder ging virtuelle Krankenakten durch.
"So, und jetzt führe ich Sie zum Heiligtum." versprach Siwa. "Der Antrieb des Schiffes, das Herz, von dem diese ganzen Energien hier stammen."
Frans hatte es schon geahnt, weil die ganzen energetischen Strukturen um sie herum von einem einzigen Ort zu kommen schienen, dem sie sich zunehmend näherten. Und dann konnte er es sehen, in einem kugelförmigen Raum und eingesperrt hinter energetischen Mauern, die sogar für sie in ihrem geisterhaften Zustand undurchdringlich waren.
"Da wollen Sie gar nicht hinein, glauben Sie mir. Da drin würden Sie verglühen wie eine Schneeflocke in einem Hochofen." erklärte sein fleißiger Fremdenführer, während sie ihre immateriellen Hände auf die glasartig wirkende, jedoch absolut unzerstörbare Barriere legten und staunten über die flammende energetische Hölle, die dahinter tobte. Frans sah und spürte diese gigantische, pulsierende, dreizehnteilige Herz, fühlte es mit jede Fiber seiner Existenz auf eine Art, wie er noch niemals zuvor gefühlt hatte, er fühlte diese unglaubliche Macht, die über jeden simplen Maschinenantrieb, den er kannte, weit hinausging, mehr als selbst ein Atomreaktor, nicht weniger als das Innere einer lebendigen, aktiven Sonne und sogar noch mehr, und das alles auf eine handliche Ausgabe von etwa zwanzig Metern Durchmesser zusammengepreßt...
"Hier wo wir jetzt sind, kommt sonst niemand her. Das alles hier ist hermetisch abgeschirmt und abgeriegelt, selbst die Besatzung einschließlich uns beiden bekommt niemals körperlichen Zutritt gewährt, da wäre nämlich viel zu gefährlich. Und es gibt hier auch keine Cyders, die würden schon hier draußen, außerhalb der eigentlichen "Hot Zone" bei lebendigem Leibe geröstet werden. Die einzigen, die in diesem Raum überleben können, sind Benu, und die sind es auch, die in der Werft den Antrieb zusammensetzen, konfigurieren und dann zünden. Und sobald der mal gezündet ist, läuft er dauerhaft, das Schiff braucht nämlich ständig Energie, mal mehr und mal weniger. Ein Abschalten für Reparaturen oder so ist nicht möglich. Der Arbeitskranz kann allenfalls deaktiviert werden, wenn eine der Matrizen beschädigt wird, was eigentlich nur durch eine extreme Überlastung passieren kann, aber so etwas ist bis jetzt noch nie geschehen, soviel ich weiß. Sollte es aber mal geschehen, dann steht für alle Fälle ein Ersatzkranz an Matrizen zur Verfügung, der irgendwo in der Nähe gut versteckt ist. Fragen Sie mich aber nicht wo, das ist eines der vielen Geheimnisse der Hammer-SyMOrs, die selbst die Piloten nicht erfahren. Aber jetzt wollen wir mal. Sind Sie bereit für den Start?"
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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #21 am: 22. August 2013, 21:24:19 Uhr »
Frans nickte nur, wie auch immer das gehen mochte in seinem geisterhaften Zustand, er war immer noch überwältigt. Siwa schien seine Bewegung trotzdem wahrgenommen zu haben, er streckte die Hand in Richtung des Herzens aus, und irgendwie! - zog er eine winzigkleine Menge an Energie aus der Flammenhölle, ohne sich selbst dabei zu verbrennen, und verschob die abgezwackte Menge an einen anderen Ort irgendwo im Schff - und als nächstes saß Frans wieder als ein geisterhafter Pickel oben auf dem Schiff und sah das Dock um sich herum, aber diesmal sah er mehr. Nämlich daß das ganze Schiff unter ihm und um ihn herum jetzt von einer Art bläulich leuchtendem Energiefeld umhüllt war. Zugleich hörte er die Kommunikation mit, die Siwa mit dem zuständigen Tower der Stationsdocks führte, und sie klang gar nicht so unähnlich den Gesprächen zwischen einer Flugzeugbesatzung und einem Tower irgendwo auf der Erde, wie er es aus diversen Filmen kannte. Er sah sich um, fühlte sich einsam und abgehängt, irgendwie wollte er zu Siwa gelangen - und da war er schon im nächsten Augenblick, zu seiner Überraschung in einer Umgebung, die jetzt in der Tat viel Ähnlichkeit mit einem Flugzeugcockpit hatte. Da waren die ganze Anzeigen, Instrumente, Monitore, Schalter und Hebel, die er vermißt hatte, eine große Frontscheibe mit Ausblick auf das Dock, und da war auch Siwa direkt neben ihm in einem normalen Pilotensitz. Er trug auf einmal eine Kapitäns-Uniform, die der des geschniegelten Andreou glich. Siwa lachte ihn fröhlich an, ließ sich aber nicht in seinem Verkehr mit der Flugleitzentrale beirren, der interessanterweise nicht über ein Mikrophon in der Instrumentenkonsole, sondern über einen altmodischen Kopfhörer samt Kehlkopfmikrophon lief, den Siwa trug. Die Genehmigung für das Ablegemanöver kam umgehend, und Siwa zeigte Frans einen hochgestreckten Daumen.
"Hammer-SyMOrs bekommen immer Startpriorität. Mein Lehrer Carolus hat ihnen nämlich schon ein paarmal die Docktore herausgerissen, wenn er es eilig hatte, und die Dinger sind verdammt schwer zu ersetzen." erklärte er grinsend, als er ein paar Sekunden Luft hatte.
"Es gibt also doch ein normales Cockpit." machte Frans fragend. Warum dann die Show mit diesen Löchern?
"Täuschen Sie sich nicht. Unsere Umgebung samt uns beiden hier ist ein rein virtuelles Konstrukt, eine Art Hologramm, das unseren Vorstellungen davon entspringt, wie ein Cockpit gefälligst auszusehen habe. Eine Krücke für Lehrlinge, gewissermaßen, damit wir uns langsam einfühlen können und nicht zu viel Input auf einmal bekommen. Die erfahrenen alten Hasen unter den Piloten brauchen so etwas nicht mehr, die gehen direkt über die echten Schiffssysteme, und die sehen ganz anders aus. Und fühlen sich auch ganz anders an."
Also wieder mal hereingefallen. Frans beschloß ab sofort lieber seinen Mund zu halten, bevor er sich noch öfter als Dummkopf outete, und vergaß seinen Schwur sofort wieder, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Siwa hatte, irgendwie, abermals ein bißchen Energie aus dem Herzen geholt und drückte damit, irgendwie, gegen ihre Umgebung, insbesondere nach unten gegen den Boden, wo sich ein Feld wie die Luftschicht unter einem Luftkissenboot aufbaute, und die Hammer-SyMOr begann rückwärts zu rutschen, durch das große Schott hinter ihr, das sich geöffnet hatte, und keine einzige der vielen Schuppen an diesem Raumschiffskörper stellte sich quer und hinderte die Bewegung...
"Wie funktioniert das?" wollte Frans sofort wissen. Siwa wußte, was er meinte, weil er damals beim erstem Mal in diesem engen Dock genau die gleiche Frage gestellt hatte.
"Das Energiefeld um uns herum hüllt uns perfekt ein, das wirkt wie eine Art energetisches Gleitmittel. Wir können gar nicht hängenbleiben, selbst wenn wir es mit Gewalt versuchen würden. Allerdings gibt es noch ein paar andere Tricks, wie man aus einer Zwickmühle herauskommt, das DCD läßt sich in jeder Lebenslage ein paar Hintertürchen offen. Die zeige ich Ihnen aber ein andernmal, wenn Sie die Grundlagen begriffen haben."
Sie durchquerten nicht ein, sondern drei dicke Sicherheitsschotten, bevor sie endlich draußen waren, im Weltall. Und dann saß Frans abermals schlagartig auf der Schiffshülle, weil es da was zu sehen gab, viel mehr als er durch die virtuelle Fensterscheibe des virtuellen Cockpits hatte erkennen können.
"Verdammt, wie kann ich das steuern?" maulte er laut, in der Hoffnung, Siwa könne ihn durch die perfekte Laut-Losigkeit des Weltraums hindurch hören.
"Sie müssen sich darauf konzentrieren, wo Sie hinwollen, und was Sie zu tun gedenken. Die Kay reagiert auf Ihre Gedanken. Mimetisch, erinnern Sie sich?" hörte er prompt Siwas Stimme. Und  - "Nein, ich komme jetzt nicht zu Ihnen hinaus, ich muß das Schiff erst ein Stück von der Station wegbringen, der Platz hier wird wieder gebraucht. Jede Liegezeit kostet Geld, wissen Sie?"
Solchermaßen beruhigt sah Frans sich um, beobachtete in aller Seelenruhe das Gewimmel von kleinen Zubringern und Exoskeletten samt Arbeitern in Raumanzügen, die um einige außen angedockte viel größere Raumschiffe herumwimmelten, er sah die erschreckend flammende Riesenscheibe einer viel zu nah wirkenden Sonne, ohne geblendet zu werden, und die Außenhülle der Station selbst, die keineswegs dem silber- und chromblitzenden Image diverser Science-Fiction-Raumstationen entsprach, sondern größtenteils in eine grauschwarze Masse von Felsen hineingebaut zu sein schien, mit nur wenigen daraus hervorlugenden Metallkonstruktionen und offenstehenden Andockluken. Zugleich fühlte er, wie das Schiff sich weiter bewegte, getrieben von der Energie, die Siwa aus dem Herz geholt hatte und die sich jetzt allmählich verbrauchte. Doch im Vakuum des Weltraums gab es keinen Luftwiderstand, der ihre Vorwärtsbewegung langsam abgebremst hätte, mit dieser langsamen Vorwärtsbewegung hätten sie für alle Zeiten durch das Weltall driften können, wenn nicht gerade die Schwerkraft der Sonne oder des graubraunen Planeten, in dessen Orbit sie unübersehbar hingen, sie vorzeitig einfing. Die tentakelbestückte Schnauze des Schiffes schwang herum, bis sie auf den Planeten wies, und gleichzeitig nahm Frans wahr, daß sie sich mit zunehmender Geschwindigkeit von der Station entfernten. Siwa beschleunigte sachte. Aber zugleich tauchten plötzlich Graphiken und Zahlen, manche davon in Bändern ablaufend wie im Film "Matrix", rings um ihn herum vor dem Hintergrund leeren Weltalls auf, und er begriff, daß es sich dabei um projizierte Hologramme handelte, die nicht etwa vom Schiff hinaus in den Weltraum projiziert wurden, sondern die nur er aus seiner virtuellen Sicht zusammen mit seiner Umgebung wahrnahm.
"Das sind unsere Kursangaben für den Abstecher nach Sonabir." hörte er wieder Siwas Erklärungen. "Die hat uns die Flugleitzentrale von Otrona Eins soeben übermittelt und mir damit die Arbeit erspart. Da die beiden Otronas den Planeten umkreisen, fühlen sich ihre Zentralen für solche Sachen zuständig. Unsere Kay hat die Daten sicherheitshalber gegengerechnet und abgecheckt, damit wir nicht "rein versehentlich" gegen einen anfliegenden Transporter von Sonabir knallen oder so. Trau schau wem auf Otrona Eins, wissen Sie, da können die Gangster überall sitzen, sogar in der Flugleitzentrale. Und die sind sich keineswegs zu fein dafür, einen Feind oder Konkurrenten mit gefälschten Flugdaten ins Verderben zu schicken."
Frans nickte nur als Zeichen, daß er verstanden hatte, und versuchte, wenigstens ein paar von den eingeblendeten Daten zu begreifen. Das erwies sich als leichter als gedacht, weil die Daten ziemlich narrensicher angeordnet waren, Siwa als Pilot brauchte den Angaben zu Richtung, Geschwindigkeit, Eintrittwinkel etcetera eigentlich nur blind zu folgen.
"Aber selbst wenn wir gegen irgendein Hindernis fliegen würden, würde uns nicht viel passieren." hörte Frans ihn wieder. "Hammer-SyMOrs sind ziemlich widerstandsfähig. Wenn wir gegen einen Berg knallen, hat der Berg anschließend ein Loch, und wir keinen Kratzer. Das läuft über sogenannte Relativ-Schutzfelder, aber um zu erklären, wie die funktionieren, müßte ich Sie erst tiefer in die Geheimnisse von uns Matrixtechnikern einweihen, das fällt nämlich unter höhere Physik, M-Tec-Version."
Sie stürzten auf den Planeten herab, scheinbar langsam, weil das Rund vor ihnen nur langsam größer wurde, aber in Wahrheit mit einer erschreckend hohen Geschwindigkeit, als Frans die entsprechenden Daten las.
"Ein irdisches Shuttle Ihrer Zeit durfte mit nicht mehr als Mach vierundzwanzig in die Erdatmosphäre eindringen und auch dann nur mit der besonders gepanzerten und bremsenden Unterseite voran, sonst wäre es durch die Reibungshitze verglüht, aber erstens hat Sonabir eine viel dünnere Atmosphäre als die Erde und zweitens hält unser Schutzfeld sehr viel mehr Reibungshitze aus als der primitive Hitzeschutzschild eines Shuttles Ihrer Zeit, deshalb können wir schneller runter."
Frans saß wieder in dem virtuellen Cockpit und sah zu seiner Verwunderung, daß Siwa die Daten über antike Shuttles gemütlich schmökernd einem dicken, ledergebundenen Uralt-Lexikon entnahm, wenn er doch eigentlich die Hände auf den Steuerhebeln haben sollte. Auf seinen verweisenden Blick hin wurde er nur erneut angelacht, und er begriff, daß er sich wieder einmal hatte täuschen lassen. Selbstverständlich hatte Siwa alles im Griff, und was hier als sperrige ledergebundene Schwarte auftauchte, war in Wahrheit eine kleine Info-Datei, die Siwa nicht mehr als einen mentalen Seitenblick im Zeitfenster eines Sekundenbruchteils abverlangte.
"Da wir uns nur die Landschaft mal anschauen, aber nicht auf dem Gelände von einer der Siedlungen landen wollen, brauchen wir auch da unten keine spezielle Genehmigung für den Anflug. Mit anderen Worten, uns steht der gesamte Planet zur Verfügung, solange wir uns von den gekennzeichneten Verkehrswegen und Sperrzonen fernhalten. Da auf der sonnenzugewandten Seite allerdings die Strahlungswerte ziemlich hoch sind und die Nachtseite mangels Mond ziemlich finster ist, sollten wir uns auf die Zwielichtzone dazwischen konzentrieren. Sonabir braucht mehrere irdische Tage für eine einzige Umdrehung, deshalb haben wir Zeit genug für einen ausgedehnten Spaziergang bei Sonnenauf- oder -untergang. Sehen Sie irgendwas, was Sie speziell interessiert?"
Inzwischen waren sie tief genug, daß kleinere Landmarken sichtbar wurden, Gebirgszüge, Krater, große leere Ebenen... und da und dort ein winziger Fleck, mit virtuellen Leuchtmarkierungen gekennzeichnet, die Bergbau- und Forschungssiedlungen auf dieser Welt und die von ihnen ausgehenden Flugrouten. So etwa wie Vegetation gab es nicht, hatte sich auf dieser seit ihrer Entstehung lebensfeindlichen merkurähnlichen Welt nie entwickeln können. Auch tief eingegrabene Spuren von Wasser, von Flußsystemen wie auf der Erde, gab es nicht, nur viel kleinere aber ähnlich aussehende Strukturen, die vermutlich von Lavaströmen veursacht worden waren, weil sie immer in Verbindung mit Kratern standen. Siwa glich den Anflugwinkel etwas an, sie stürzten nicht mehr senkrecht hinunter, sondern beschrieben eine zunehmend flacher werdende Bahn, die sie über einen weiten Teil des Planeten führen würde, und außerdem begann er abzubremsen, was Frans nur an dem Gezeitenwechsel in den Datenströmen um sich herum wahrnahm, aber nicht durch Andruckkräfte irgendeiner Art.
"Da drüben wäre was interessantes." schlug Siwa vor, weil Frans immer noch nichts sagte, und deutete schräg nach links vorne.
"Ein alter Doppelkrater, ich war da schon mal, der ist gut geeignet zum Sammeln von Souvenirs. Der eine, große Krater war mal ein Vulkan und hat bei einem Ausbruch echte Diamanten ausgespuckt, der zweite, jüngere ist nur ein kleines Loch im großen verwitterten Krater, der wurde von einem einschlagenden Meteoriten verursacht und hat den Sand in der Gegend zu sogenanntem Wüstenglas zusammengeschmolzen. Mit dem, was da herumliegt, können Sie bei jedem Mineraliensammler Respekt einheimsen, sowas gibt es nur höchst selten."
Frans nickte eifrig, das hörte sich in der Tat verlockend an. Ganz auf die fremdartige, tote Umgebung konzentriert, hörte er nur mit einem Ohr hin, wie Siwa mit den nächstliegenden Bodenstationen kurz Kontakt aufnahm und erklärte, warum sie nicht einen der offiziellen Landeplätze anflogen. Die Leute mußten schließlich Bescheid wissen, daß sie mit Absicht mitten in der Pampa landeten und nicht etwa einen Defekt hatten oder aus anderem Grund Hilfe benötigten.
Aber dann. Wieder hatte Siwa abgebremst, mit Hilfe der Energien, die er immer wieder mit bewundernswertem Geschick in homöopathischen Dosen aus dem flammenden Herz des Schiffs zog, und ein kleines Restchen verwendete er nun dazu, endgültig zu stoppen und das Schiff mustergültig sanft auf dem kahlen, aus nacktem Sand und kleinen Felsbrocken bestehenden Boden zu landen. Ein Blick auf eine virtuelle Borduhr bewies Frans, daß die Vier-Stunden-Frist noch nicht ganz verstrichen war, obwohl es ihm jetzt viel länger vorkam.
"So, Zeit zum Ausklinken. Und - tschüssi!" winkte Siwa grinsend in seinem virtuellen Cockpit, und --
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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #22 am: 21. Februar 2014, 12:49:44 Uhr »
verwundert, daß es auf einmal pechschwarz um ihn herum war, zwinkerte Frans, und merkte erst dann, daß es so schwarz gewesen war, weil er schlicht die Augen zugehabt hatte. Er war wieder n dem höhlenartigen Raum und saß ganz real und körperlich in dem Loch, gerade sah er noch letzte grüne Tentakelspitzen in Löchern und Ritzen rings um ihn in den Wänden seines Lochs verschwinden. Das Geflecht aus teilorganischen Sensoren hatte ihn freigegeben, und dafür war er dankbar. Verdammt, das war jetzt ein Erlebnis gewesen, von dem er den Rest seines Lebens zehren konnte, sofern es nicht nur ein extrem bizarrer Traum gewesen war, nur wie man dahin kam fand er nicht so angenehm, obwohl die Tentakel ihm offenbar nichts angetan hatten... er tastete sich trotzdem erst einmal auf Blessuren ab und entdeckte dabei ein Stück weit entfernt Siwas Gesicht, das ihn aus einem anderen Loch im Boden angrinste.
"Alles noch dran?" fragte der Junge ihn spöttisch. Doch als Siwa sich dann zu bewegen begann und mit steifen, mühsamen Bewegungen aus seinem Loch herausquälte, erkannte Frans, daß er sich nicht als einziger auf einmal so seltsam fühlte, so beschränkt, so unzulänglich, so langsam und steif und irgendwie halb blind...
"Und jetzt wissen Sie auch, was die Piloten der Hammer-SyMOrs als After-Party-Blues oder Flieger-Turkey bezeichnen." erklärte Siwa mit schrägem Grinsen und machte ein paar Stretch-Übungen, um wieder ein Gefühl für seinen echten Körper zu bekommen.
"Es dauert eine Weile, bis man von dem ganzen Dateninput wieder herunterkommt, wie ein Junkie von seinem Trip. Und deshalb ist diese Vier-Stunden-Frist so wichtig, ohne eine Zwangsbeschränkung würde man das System spätestens beim zweiten Mal nie wieder verlassen. SyMOr-Fliegen hat ein höllisches Suchtpotential, gewöhnliche Rauschgifte sind ein Nichts dagegen."
Vor allem weil alles daran real war und kein Drogentraum. Langsam und staksig folgte Frans seinem Gastgeber, der mit zunehmender Geschmeidigkeit voranging, hinaus aus dem Cockpit und abermals durch breite Gänge, bis sich erneut eine zahngerahmte Tür vor ihnen öffnete und sie einen größeren Raum betraten. Direkt gegenüber lag eine weitere zahnige Tür, die geschlossen war und mit buntleuchtenden Warnsignalen überzogen - sie befanden sich in einer Art Schleuse, mit nur noch eben dieser Tür zwischen sich und dem, was da draußen auf sie wartete. 
"Bereit für einen kleinen Spaziergang?" fragte Siwa und strich mit den Händen über gerippte Oberflächen, die sich zu beiden Seiten der Türen erstreckten. Als diese Oberflächen sich daraufhin öffneten wie eine im Zeitraffer aufklappende Fliegenfalle, entdeckte Frans, daß es sich ganz simpel um Schränke handelte, in denen Ausrüstung untergebracht war, unter anderem etwas, was definitiv Raumanzüge sein mußten. Obwohl sie nicht so aussahen wie die Raumanzüge, die er von den Bildern der NASA her kannte, plastikweiß und freundlich und definitiv künstlich. Diese hier sahen mehr aus wie ein Mix aus altmodischer Tiefseemontur und noch altmodischeren Ritterrüstungen, schwer und mit viel Grau und Schwarz. Das Anlegen von solch einem Ding mußte ein Buch mit sieben Siegeln sein, und sich darin zu bewegen noch viel schwieriger... was Siwa aber keineswegs abhielt.
"Also, erste Regel im Umgang mit diesen Raumanzügen. Legen Sie alles ab, was spitz oder scharf ist und potentiell den Anzug aufreißen könnte. Sogar eine scharfkantige Gürtelschnalle könnte gefährlich werden, zu spitze Schuhe, Metallbeschläge, scharfe Kanten, alles was reibt oder Löcher bohrt..."
Frans zeigte nur seine leeren Overalltaschen, er hatte nichts derartiges an sich. Siwa nickte, klopfte sich selbst auf vergessenes Zeug in seinen Taschen ab und musterte sicherheitshalber seinen Ring, daß der keine scharfe Kante an der Einfassung des Steins zeigte.
"Müssen Sie vorher noch mal? Da draußen ist nämlich nicht so gut pinkeln... nein? Also gut, dann los."
Einer der offenstehenden "Schränke", die reichlich Fassungsvermögen hatten, war leer, was aber keineswegs ein Irrtum von Siwa war. Der Junge stellte sich nämlich einfach in das Gelaß hinein, und abermals - so wie vorher in den Pilotenlöchern - schoß jäh ein Etwas in geschecktem Gelb und Rot aus den Wänden des "Schrankes" hervor und begann Siwa einzuhüllen, nur daß diesmal noch sein Kopf daraus hervorlugte. Seelenruhig hob er erst sein eines Bein, dann das andere, damit das sonderbare gewebeartige Etwas auch seine Füße komplett einwickeln konnte, und als er dann wieder aus dem "Schrank" heraustrat, trug er zur großen Verblüffung des Schauspielers direkt über seiner normalen Kleidung so etwas wie einen Taucheranzug, der ihm bis zum Hals reichte und alles darunter perfekt und lückenlos bedeckte. Siwa drehte sich um sich selbst, damit Frans ihn von allen Seiten begutachten konnte. Abgesehen von dem organisch gewachsen aussehenden Fleckenmuster aus Gelb und Rot und der Tatsache, daß sie weder Nähte noch Reißverschlüsse oder ähnliches aufwies, hätte die Umhüllung ein irdischer Taucheranzug sein können, und sie fühlte sich auch durchaus gummiartig an, als Frans sie betastete, trocken, glatt und nachgiebig. Siwa zeigte seine Hände, wo die Hülle etwas dünner war, damit er in der Umhüllung noch etwas fühlen konnte, sie lag unmittelbar auf seiner eigenen Haut auf wie eine zweite künstliche Hautschicht.
"Das ist ein Nano-Anzug, die Unterwäsche gewissermaßen, die wird Ihnen perfekt auf den Leib geschneidert von dieser nützlichen kleinen Einheit hier. Er ist in gewissem Rahmen strahlungsabweisend, selbsttätig temperaturregelnd und auch bis zu einem gewissen Maß selbstreparierend, aber im Weltall ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste, da kann jeder kleine Fehler der eine kleine Fehler zu viel sein. Jetzt sind Sie dran, bitte Füße heben und Finger spreizen, und dann gehen wir den nächsten Schritt."
Unbekümmert schubste Siwa ihn auf den "Schrank" zu, und bevor Frans es sich versah, trug auch er die "Unterwäsche", die sich durchaus nicht lästig anfühlte über seinem Overall, anders als manche echten Taucheranzüge.
"So, jetzt kommt die zweite Komponente, der Panzer. Unterwäsche und Panzer sind in Wahrheit eine symbiotische Einheit, man hat sie nur getrennt untergebracht, damit man sie leichter anlegen kann." plauderte Siwa fröhlich weiter. Statt die Teile aus dem Schrank zu holen, stellte er sich nur unmittelbar davor, den Rücken zum Panzer gewandt, und irgendwelche Servosysteme schoben die grauschwarzen Panzerteile hervor und über Siwas Körper, wo sich die Teile sofort mit der Unterwäsche zu einer Einheit verbanden. Abermals mußte er die Füße heben, als sich schwere Sicherheitsschuhe, Bestandteile des Panzers, über seine eigene Fußbekleidung samt Umhüllung schoben, und dann stand mit einem Mal kein Sporttaucher mehr vor Frans, sondern ein gewappneter junger Ritter aus der Tafelrunde von König Artus.
Oder so sah es jedenfalls aus, ganz martialisch mit scheinbar metallischen Arm- und Beinschienen, einem enganliegenden und doch sehr beweglichen Körperharnisch, Schulterschützern, sogar die Handrücken bis über die Knöchel trugen eine panzerartigen Schutz, der sich nicht auf die Finger, die ja zum Greifen und Tasten notwendig waren, fortsetzte... der Helm, der im Stil perfekt dazu paßte, nur mit einer umlaufenden Sichtscheibe, wie sie kein Ritter je getragen hätte, war das letzte Tüpfelchen auf dem i. Auf Siwas Nicken hin atmete Frans durch und stellte sich vor den anderen Schrank mit einer Rüstung, so wie Siwa es getan hatte. Und abermals wurde diese unheimliche organisch wirkende Maschinerie aktiv, forderte ihn auf, nacheinander erst das eine, dann das andere Bein zu heben, damit die Stiefel - die ebenfalls aus mehreren ineinander beweglichen Komponenten bestanden - angepaßt werden konnten, die einzelnen Panzerbestandteile schienen regelrecht mit der "Unterwäsche" zu verwachsen, sobald sie auf seinen Körper aufgesetzt waren, und dann stand auch Frans voll gepanzert da. Natürlich erwartete er, beim ersten Schritt sofort auf die Nase zu fallen, sah das Ding doch verdammt schwer aus... aber das war es nicht, stellte er zu seiner Überraschung fest. Was aussah wie Metall war gar keines, vielleicht Horn oder eine andere organisch erzeugte Substanz, oder vielleiht ein Kohlefaser- oder Kevlar-Amalgam, ein hypermoderner Kunststoff, genauso stabil wie ein Panzer aus Metall, aber mit nur einem Bruchteil des Gewichts. Genau wie Siwa reckte und streckte und drehte er sich, hob die Arme zur Decke und tat ein paar Schritte, um den perfekten Sitz des Anzugs zu testen, und er fühlte sich gar nicht so belastet, wie er es erwartet hatte.
"Äh, und was mache ich, wenn ich jetzt doch mal muß?" fragte er scherzhaft. 
« Letzte Änderung: 21. Februar 2014, 13:30:32 Uhr von DAOGA »

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #23 am: 26. März 2014, 12:41:51 Uhr »
Siwa grinste ihn an. „Das zeige ich Ihnen, sobald wir zu den Helmen kommen. Größeres Geschäft wäre peinlich, da brauchen Sie hinterher frische Unterwäsche... aber für das kleine gibt es einen netten Trick, es kann nämlich vorkommen, daß man längere Zeit in so einem Anzug steckt und kein klimatisiertes Häuschen in erreichbarer Nähe steht. Das wichtigste, was ich Ihnen jetzt zeige, ist das kleine Gerät da am Gürtel.“ Siwa deutete auf sein eigenes, ein kleines Kästchen mit einem simplen Drehschalter, das irgendwie ziemlich altmodisch aussah. Frans hatte das gleiche Modell an seinem eigenen Gürtel. „Das ist ein Schwerkraftneutralisator. Es enthält eine kleine Menge Gravium, das bei Anlegen einer elektrischen Spannung die Schwerkraft um Sie herum verändert, Sie können sich damit nach Belieben schwerer oder leichter machen, Sie sehen die Zeichen Plus und Minus hier, einfach den Schalter in die entsprechende Richtung drehen. Leichter macht man zum Beispiel, wenn nach ein paar Stunden die Rüstung doch zu drücken beginnt, wenn Sie etwas schweres tragen müssen oder wenn Sie sich einfach schneller fortbewegen wollen. Auch bei einem Sturz ist es ratsam, sofort die Schwerkraft zu verringern, auf diese Weise können Sie sich Verletzungen und eine Beschädigung Ihres Anzugs ersparen. Allerdings sollte man es nicht dauernd benutzen, weil das Gravium relativ schnell verbraucht wird, und das Zeug ist erheblich teurer als Gold. Schwerer macht man sich, wenn man auf einem kleinen Asteroiden oder einem Kometen landet, wo es nicht genug Schwerkraft gibt und jeder unbedachte Schritt Sie in den Weltraum hinausschießen könnte. Im Augenblick werden wir die Geräte nicht brauchen, weil Sonabir ohnehin eine geringere als Schwerkraft als die Erde hat, die das Gewicht der Anzüge ausgleicht, aber Sie können es gerne mal testen.“ Das tat Frans, und war erstaunt, als er bei Einstellung Plus tatsächlich in die Knie sackte, plötzlich ein mehrfaches als sein eigenes Körpergewicht spürend, während er bei Einstellung Minus eine Art Schwindel im Kopf spürte, als sein Gleichgewichtssinn auf die ungewohnte verringerte Schwerkraft hin begann, verrückt zu spielen. Hastig drehte er den Schalter wieder in Aus-Stellung.
„Gut, kommen wir zum nächsten Schritt.“ fuhr Siwa grinsend aber gnadenlos fort. Statt gleich nach den Helmen zu greifen, holte er erst etwas anderes aus den Halterungen in den „Schränken“, was wie leblose zerstückelte Riesenschlangen aussah, etwa armlange, dicke Schläuche mit auffälligem Zickzackmuster in Orange und Schwarz. „Die Anzüge samt Helme besitzen eine eigene Lufterneuerungsanlage, die aktiv wird, sobald die Helme geschlossen sind, aber in den Weltraum geht man grundsätzlich nur doppelt und dreifach gesichert, weil Murphys Gesetz hier besonders gern zuschlägt, und meistens gleich mit tödlicher Wirkung. Das hier sind zusätzliche Lufterneuerungsgeräte, die man anstelle der altmodischen Lufttanks Ihrer Zeit an die Anzüge anschließt. Da sie Zusatzgeräte sind, kann man im Notfall auch eines abtrennen und beispielsweise an jemand anderen weitergeben, dessen eigene Geräte aus irgendeinem Grund versagen. Drehen Sie sich mal um.“ Und Siwa befestigte mehrere dieser „Riesenschlangen“ irgendwo auf dem Rückenpanzer von Frans, was das Gesamtgewicht aber nicht nennenswert erhöhte, die Dinger waren ebenfalls ziemlich leicht.  Anschließend bekam Frans drei weitere Exemplare in die Hand gedrückt, die er nach Anweisung auf Siwas Panzer befestigen mußte. „Es gibt auch hier vorne am Helm einen Anschluß,“ sagte Siwa dann und zeigte ihm die Stelle, „wenn man sich allein damit ausstatten muß. Ist alles ziemlich narrensicher konstruiert, wie Sie sehen. Wie das alles kontrolliert und überprüft wird, sehen Sie gleich, wenn wir die Helme aufsetzen. Und bevor Sie sich fragen, nein, das hier sind Spezialanzüge, die nur den Passagieren einer Hammer-SyMOr zur Verfügung stehen. Die normalen Raumanzüge von der Erde sind viel komplizierter und dabei weniger sicher gebaut, in denen hab ich auch schon ein paarmal dringesteckt.“  Frans verkniff sich dazu jede Frage und nickte nur und wartete auf den nächsten Teil der Vorlesung, die Helme. Siwa führte vor, wie man das Teil aufsetzte und sicher befestigte, und Frans ahmte gehorsam jeden Handgriff nach. Kaum war der Helm sicht- und durch ein leises Zischen von Sauerstoff auch hörbar mit dem Anzugteil verschmolzen, erschienen sofort holographische Displays auf der Sichtscheibe des Helms, nicht unähnlich jenen, die Frans zuvor bei seinem Ritt durchs Weltall gesehen hatte. Siwa, der die gleichen Anzeigen in seinem Helm hatte, ging mit Frans sorgfältig alle Displays durch. Mix und Dichtigkeit aller Gase im Anzug - okay. „Es gibt gute Gründe, warum Raumfahrer einen weiten Bogen um Knoblauch und ähnliche Dinge machen...“ begann Siwa harmlos und brachte Frans damit zum Lachen, wie würden wohl diese Werte aussehen, wenn er etwa einen fahren ließ? Siwa, der seine  Gedanken sehr wohl erriet, schlug spaßeshalber ein Chili-Wettessen vor ihrem nächsten Weltraumbummel vor. „Dann leuchten Ihre Anzeigen wie ein Weihnachtsbaum!" versprach er.
"Das will ich sehen!" stimmte Frans begeistert zu. „Äh, und wie geht jetzt das mit dem Pissen...?“ Auch dazu wurde er aufgeklärt, offenbar gab es in bestimmten Teilen des Anzugs so etwas wie Nano-Roboter, die postwendend für eine porentiefe Entsorgung anfallender organischer Abfallstoffe sorgten, sogar durch die normale Kleidung hindurch. „Falls  Sie extrem schwitzen oder brechen müssen - der Helm hat auch so eine Einrichtung, da kommt so eine Art bläulicher Schleim zum Vorschein, der Ihnen den Unrat von der Haut frißt. Ist nur für ein paar Sekunden naß und unangenehm, und hinterher sind Sie sauberer als eine Fernsehdiva nach dem Tiefen-Peeling, also machen Sie sich nicht noch extra ins Hemd, wenn es mal passieren sollte.“ Danach ging Siwa die anderen Anzeigen des Helmdisplays durch, und wie Frans mit Hilfe der Armbandpads, die in den Schutzpanzer seiner Unterarme eingelassen waren, diverse Funktionen aufrufen oder ändern konnte. Zusätzlich gab es eine Sprachsteuerung, und sogar eine Handvoll jener grüner Tentakel, wie sie im Cockpit für die Kommunikation zwischen Pilot und Schiff sorgten, also abermals eine Mehrfach-Absicherung. Und natürlich gab es ein kleines Zusatzsystem, das Nährstoffröhrchen und einen kleinen Wasservorrat enthielt, falls man nicht rechtzeitig zum Essen zurück im Schiff war. „Notfalls kann auch aus dem Urin wieder trinkbares Wasser gewonnen werden, das reicht ungefähr für eine Woche, danach wird es kritisch.“ erklärte Siwa und zeigte ihm die entsprechenden Systeme, die die Filter steuerten.  „Ein trainierter Raumfahrer kann ganz unmögliche Dinge mit so einem Anzug anstellen. Aber wir wollen heute noch nicht unmöglich, wir gehen nur ein wenig spazieren. Jetzt kommt noch der letzte Teil, die Energieaufladung.“ Und schon steckte er seine gepanzerten Hände in zwei Röhren, die neben den „Schränken“ in die Wand hineinführten, und die Frans bisher für irgendein Schlupfloch für Cyders gehalten hatte. Stattdessen begannen Teile seines Anzugs, auch Stellen auf den grauen Panzerplatten, zu leuchten, zuerst schwach, dann immer stärker, bis strahlende Muster den ganzen Anzug überzogen. „Mann, das sieht ja aus wie in „Tron“!“ staunte Frans.
„Hab ich mir auch beim ersten Mal gesagt.“ antwortete Siwa. „Ja, ich kenne diese ganzen alten Filme aus Ihrer Zeit. Irgendwelche Fassungen haben immer die ganzen Jahrhunderte überlebt, manches ist auch nachgedreht oder neu inszeniert worden, die gelten heute als Klassiker. Und die Techniker auf Nh´Nafress lassen sich nicht selten in ihren Entwürfen davon inspirieren, deshalb wundern Sie sich nicht, wenn Sie hin und wieder auf etwas Bekanntes stoßen sollten. Nur daß das hier und heute keine Filmrequisiten sind. Wenn etwas von Nh´Nafress stammt, dann funktioniert es auch, da können Sie sicher sein.“ Inzwischen leuchtete auch der Anzug von Frans, in geringfügig anderen Mustern, die erfahrene Weltraumgänger vermutlich unterscheiden konnten, so daß sie sich untereinander auch in der Lichtlosigkeit des Weltalls oder in der rabenschwarzen Nacht eines mondlosen Planeten identifizieren konnten.
„So, jetzt noch eine letzte kleine Sicherheitsmaßnahme, die nur ich und andere Matrixtechniker machen können. Aber im Weltraum geht man immer auf Nummer Sicher, man sichert lieber dreifach als doppelt und läßt grundsätzlich niemals eine Sicherheitsmaßnahme aus, die einem zur Verfügung steht. “ Er hob die gepanzerte Hand, und Frans konnte dort, wo er unter dem Anzugmaterial Siwas phantastischen Ring wusste, ein leichtes blaues Leuchten sehen, das den Anzug offenbar ganz ungehindert durchdrang und sich ausdehnte. Wie eine weitere dünne Schicht legte sich das Leuchten über Siwas gesamten Anzug und verblasste sofort wieder, und dann bekam auch Frans eine solche Ladung ab.
„Ich habe uns einen extra Matrixschutz verpaßt, eine Art Mini-Schutzschirm für Arme. Jetzt könnten wir uns die Anzüge nicht mehr beschädigen, selbst wenn wir es mit Gewalt versuchten. Also? Wollen wir?“ 
Frans nickte, er war bereit. Trotzdem schlug sein Herz hoch, als Siwa sich vor das äußere Schleusentor stellte und ohne ein Wort oder eine Geste, vermutlich über eine Funktion seines Anzugs, von der Kay das Öffnen der Tür anforderte. Er hörte kein Zischen oder ähnliches vom Druckausgleich, und fühlte auch keinen Windzug auf seinem Anzug, offenbar hatte die Kay bereits ganz automatisch für einen Ausgleich der Werte gesorgt, als sich das zahngespickte Schleusentor öffnete und sein erster Blick aus eigenen Augen auf die tote Landschaft draußen fiel.
„Hier, eine Einkaufstüte.“ machte Siwa und reichte Frans einen stabilen Beutel, den er aus einem weiteren versteckten Fach neben der Schleuse geholt hatte, einen weiteren befestigte er an seinem eigenen Anzuggürtel, zusammen mit einem kurzen Stock, der sich bei einem Test als Teleskop-Stab von knapp zwei Metern Länge in ausgefahrenem Zustand entpuppte. „Packen Sie einfach alles ein, was Sie interessant finden. Um eine nötige Dekontamination oder Analyse auf gefährliche Stoffe kümmert sich die Kay bei unserer Rückkehr, die merkt es schon, wenn wir etwas mitbringen, was vielleicht gefährliche Gase oder Strahlung abgeben könnte. Mit biologischen Risiken müssen wir auf Sonabir nicht rechnen, aber auch da kann man auf fremden Himmelskörpern nie vorsichtig genug sein.“ Sie stiegen die Gangway hinunter, die diesmal nicht von monströsen Wächtern flankiert wurde, entweder weil die Riesen-Cyders die Atmosphäre nicht vertrugen oder weil es in dieser Umgebung vermutlich nichts gab, was dem Schiff gefährlich werden konnte. Und dann stand Frans zum ersten Mal auf dem Boden einer völlig fremden Welt, hörte das Knirschen des groben Sandes unter seinen Stiefeln durch seine Helmmikrophone, und konnte die Gefühle eines gewissen Neil Armstrong absolut nachvollziehen. Nur an klugen Sprüchen wollte ihm im Augenblick nichts einfallen, sein Gehirn war wie leergefegt, er war zu überwältigt von dieser Erfahrung.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #24 am: 17. April 2014, 15:47:18 Uhr »
Siwa ließ ihm Zeit, das Erlebnis zu verarbeiten. Er selbst drehte schon mal eine kurze Runde, um sich an den Anzug zu gewöhnen, und hielt Ausschau nach Dingen, die vielleicht einen genaueren Blick wert waren. Der versprochene Doppelkrater mit seiner interessanten geologischen Struktur lag hinter ein paar höheren Bodenwellen verborgen, die schon äußere Ausläufer des eigentlichen Einschlagskraters waren. Frans betrachtete den Boden, auf dem er stand, dunkelbräunlicher grober Sand, der vielleicht vulkanischen Ursprungs war oder normaler Sand, durch Beimengungen von Eisenoxyd dunkel gefärbt wie auf dem Mars, und verfluchte sich fast dafür, sich nie näher für Geologie interessiert zu haben. Verdammt, jetzt verstand er diesen Romanhelden Captain Future, daß der zwangsläufig ein Wissenschaftler geworden war, da er in einer vergleichbaren Umgebung aufwuchs...  und dann kam er sich beinahe ein wenig wie dieser Roboter aus dem Film „Planet 51“ vor, als er seine ersten Schritte tat und sich zuerst auf jeden einzelnen Stein konzentrierte, der auf seinem Weg lag, da jeder davon in seiner bröseligen Unscheinbarkeit für ihn nichts weniger darstellte als ein unbegreifliches weil außerirdisches Wunder. Aber bald hatte er sich an die Umgebung gewöhnt, und er folgte Siwa, der ihn in Richtung Krater führte. Siwas Handschuh leuchtete wieder blau. „Ich lasse meine Matrix gerade nach kristallisiertem Kohlenstoff Ausschau halten, mit anderen Worten, nach Diamanten. Wenn zu unseren Füßen ein größerer Brocken herumliegen sollte, bekomme ich ein Signal. Wenn Sie etwas sehen, was wie geschmolzenes farbiges Glas in Grün, Braun oder Schwarz aussieht, haben Sie nicht etwa einen Diamanten, sondern einen sogenannten Tektit vor sich, das ist normaler Sand, der im Moment des Impaktes geschmolzen und als glutflüssiger Tropfen weggeschleudert wurde. Das Glas im Krater selbst wird als Wüstenglas bezeichnet, weil solches Wüstenglas bereits in historischen Zeiten auf der Erde in der lybischen Wüste gefunden wurde, auch dort gab es mal einen solchen Impakt.“ Sie überschritten eine der Bodenwellen, dann eine zweite, deutlich steilere, und dann konnten sie hinab in den Krater blicken. Die tiefsten Stellen im Krater sahen aus wie ein zu Millionen von Scherben zersplitterter, unregelmäßig geformter Spiegel, dessen Trümmer das Zwielicht des viele Stunden dauernden Sonnenaufgangs widerspiegelten. „Unmittelbar nach dem Impakt war das eine einzige glatte Glasfläche, entstanden aus dem durch die Hitze zerschmolzenen Sand.“ erklärte Siwa. „Aber die ständigen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht und die Erosion haben die Glasschicht schnell splittern lassen. Hin und wieder lassen sich Souvenirjäger von den Bergbausiedlungen oder andere Besucher des Planeten hier blicken, deren Spuren werden wir auch hier finden, nicht daß Sie glauben, hier treiben sich feindselige Aliens herum.“
„Sie wissen erstaunlich viel.“
Siwa lächelte, sein Gesicht war hinter der Helmscheibe gut zu erkennen, weil die Lichtverhältnisse in der Zwielichtzone das Aktivieren der Verspiegelung nicht nötig machten.
„Lernen ist mir immer leicht gefallen, auch ohne Hypnoprogramme. Vor allem für völlig unnützes Zeug scheine ich ein phänomenales Gedächtnis zu haben, wie die Sache mit dem Wüstenglas. Da freue ich mich, wenn es sich hin und wieder doch noch als brauchbar erweist.“ Sie waren weitergegangen und fanden schließlich so etwas wie einen Trampelpfad zwischen dem zertrümmerten, uneben aufgetürmten Gestein des inneren Kraterrandes, den zweifellos besagte frühere Besucher verursacht hatten, und der sie nach unten in den Krater bis an ihr erstes Ziel führte.
„Da hat man sich schon fleißig bedient.“ meinte Siwa und deutete auf den Rand der zersplitterten Glasfläche, der irgendwie löchrig und zerrupft aussah, ohne daß die fehlenden Teile irgendwo herumgelegen hätten, weil die sich zweifellos längst in irgendwelchen Vitrinen von Forschungsinstituten und Mineraliensammlern auf einem halben Dutzend Planeten befanden. Auch Frans bediente sich, er suchte und fand einen kleineren Brocken, der halbwegs glatt und ohne gefährlich scharfe Kanten aussah, und drehte ihn vorsichtig in seinen behandschuhten Händen. Das Wüstenglas war keineswegs klar und durchsichtig, wie man es von Glas erwartete, es war von einer milchig-grünlichen Färbung, die stellenweise zu milchig-bräunlich oder marmoriertem Grau spielte, an einigen Stellen wirkte es auch porös, ohne das unverkennbare Gewicht von Glas hätte er es für zusammengeschmolzene mehrfarbige Plastikreste halten können. Siwa hatte sich einen etwas größeren Brocken ausgesucht, aber seine Matrix arbeitete wieder, und Frans beobachtete voll Erstaunen, wie sich das Glas in Siwas Händen veränderte, es schien zu schmelzen, verlor hier eine scharfe Kante, nahm dort eine neue Form an, wurde rund und glatt und wölbte sich, bis aus dem ungeformten Trümmerteil eine kleine, primitiv aussehende Götzenfigur geworden war, und das ganz ohne daß das scheinbar halbflüssig und somit heiß gewordene Glas Siwas Handschuhe verbrannt hätte.
Siwa grinste wieder und reichte Frans die Figur. „Souvenir vom Planeten Sonabir.“ sagte er. „Nehmen Sie, es ist nicht mal warm geworden.“ fügte er hinzu, als Frans zögerte, die Figur an sich zu nehmen. „Kalte Manipulation der Bindungskräfte der Moleküle, das gehört zu den ersten Techniken, die jeder M-Tec-Lehrling lernt. Schenken Sie einem M-Tec niemals etwas, was aus Glas besteht, außer Sie sind selber Matrixtechniker und haben es selbst gebastelt, nach ein paar Wochen Anfänger-Übungskurs hat nämlich jeder Lehrling gelernt, das Material aus tiefster Seele zu hassen. Da aber diese Übungen wichtige Grundlagen für eine Vielzahl von späteren Anwendungen sind, sind sie unverzichtbar, da muß jeder Lehrling durch.“   
Frans nickte und steckte die Figur zu seinem eigenen Brocken in seinen Sammelbeutel. Siwa hatte sich inzwischen einem dickeren und ziemlich großen Brocken zugewandt, und abermals arbeitete seine Matrix. Ein ganzes kantiges Teil des Brockens fiel ab, wie von einer unsichtbaren Riesensäge sauber abgetrennt, und dann löste sich eine weitere, diesmal sehr dünne Scheibe. Siwas Hand fing sie auf, bevor sie auf dem Boden zersplittern konnte. Er reichte das Teil weiter an Frans, es war ein sauber geschnittener Dünnschliff, in dem man selbst im Zwielicht durchscheinend die wolkigen Strukturen der farbigen Glasmassen erkennen konnte. Ähnliche geschnittene und polierte Steinstücke konnte man auf Mineralienbörsen erwerben oder in Museen betrachten, und Frans steckte auch dieses Teil ein, sorgsam darauf achtend, daß seine anderen Andenken die Scheibe nicht zerkratzen oder zwischen sich zerbrechen konnten. Dann umrundeten sie langsam den glasgefüllten Krater. „Da hineinzuwandern ist nicht ratsam, selbst mit unseren Schutzfeldern nicht, weil dieser Glasboden da drin unter jedem einzelnen Schritt einbrechen könnte, da sind mit Sicherheit zahlreiche Hohlräume unter dem Glasschutt.“ warnte Siwa, und Frans nickte wieder, obwohl es ihn durchaus gelüstet hätte, diesen sonderbaren Glasboden auf seine Schrittfestigkeit zu testen. „Sie sagten, es soll in dieser Gegend auch Diamanten geben?“
Sofort grinste der Junge wieder. „Das ist natürlich das Wichtigste, oder? Na, dann will ich Sie mal nicht warten lassen. Aber bevor wir hier einen eigenen Bergbau aufmachen, um danach zu suchen, nehmen wir die einfachere Methode. Meine Matrix eignet sich nämlich als Suchgerät für so ziemlich alles, worauf ich sie eiche. In diesem Fall also auf die spezifischen Eigenschaften von kristallinem Kohlenstoff, Diamanten sind nämlich nichts anderes.“ Diesmal bildete das blaue Licht, das aus dem Kristall an seinem Ring herauskroch, so etwas wie einen Nebelschleier, der rollend und in sich wallend und beinahe wie ein lebendiges Wesen davonkroch, ausgehend von dem Nullpunkt an Siwas Hand davonschwärmte und sich dabei in schmalem Winkel allmählich ausbreitete und verdünnte, doch im Halbdämmer des viele Stunden andauernden Sonabir-Morgens noch lange sichtbar blieb, bis er sich in der Distanz scheinbar auflöste... abgesehen von einigen winzig kleinen Irrlichtern, die hier und da auf dem Boden übriggeblieben waren wie hängengebliebene Energiereste. „Die Matrixenergie sucht nur an der Oberfläche, wir wollen uns ja nicht mit Graben abmühen. Sehen Sie diese kleinen Glühwürmchen-Lichter überall, wo die Energie bereits war? Überall dort sind Diamanten, aber alle nur mikroskopisch klein, die würden Sie mit bloßem Auge gar nicht sehen, und wir wollen ja ein größeres Exemplar. Die Matrixenergie markiert jede größere Ansammlung von Kohlenstoffkristallen, weil ich sie so programmiert habe, auf eine Distanz bis zu zwei Kilometern. - Sieht so aus, als wäre das auf Anhieb nichts gewesen. Die Energie hat die festgelegte Grenze erreicht, und wir haben nichts als Glühwürmchen. Also lösche ich das jetzt, und auf ein Neues direkt daneben. Irgendwann haben wir schon einen Treffer.“ Auf ein Aufblitzen aus der Matrix hin erloschen die Glühwürmchen, die nie lebendig gewesen waren, und erneut quoll blau leuchtender Nebel hervor, der sich auf die Suche machte, räumlich versetzt zu dem bereits erfolglos abgesuchten Gebiet. Diesmal sproß in etwa einem Kilometer Entfernung ein stärkeres Licht auf, und sie machten sich sofort auf den Weg dorthin, während der Such-Nebel noch den Rest der einprogrammierten Zone überstrich. Sie mußten gar nicht graben, ihr Ziel lag einfach offen im Sand, herausgewittert aus dem Gestein von den regelmäßigen drastischen Temperaturwechseln auf diesem sonnennahen Planeten und freigelegt von irgendeinem vergangenen Sturm. Etwas Muttergestein hing noch an dem Diamanten, der so gar nicht aussah wie ein perfekt geschliffenes, Reflexe sprühendes Schmuckstück bei einem Juwelier, als Frans ihn in die Hand nahm, mehr wie ein unscheinbares Stück Quarzeinschluß, unregelmäßig geformt, ganz und gar nicht glatt, und offenbar gelblich in der Färbung, was bei dem Dämmerlicht nicht so genau zu erkennen war.
„Na, da haben Sie Ihren Diamanten.“ sagte Siwa. „Soll ich noch weitersuchen, oder reicht Ihnen der da?“
„Wollen Sie etwa keinen?“ wunderte sich der Schauspieler. Sie standen hier mitten in einer offenbar reichen Lagerstätte, selbst wenn die meisten Diamanten nur Miniaturausführungen waren, und der Junge zeigte so gar kein Jagdfieber? Er sah, wie der Junge weiter grinste und mit der einen Hand auf seinen anderen Handschuh tippte, unter dem sich der Ring verbarg. „Mit meiner Matrix kann ich mir selber Diamanten basteln, alles was ich brauche ist etwas Holzkohle oder Graphit und reichlich Druck im Inneren eines Kraftfeldes, das mir die Matrix liefert. Und vielleicht noch ein paar Spurenelemente von bestimmten Chemikalien, wenn ich Farbdiamanten haben will. Das ist übrigens ein Trick, den jeder Anfänger in Matrixtechnologie ziemlich schnell lernt, weil es einfach mehr Spaß macht, als sich mit Glas herumzuärgern, mit Diamanten kann man einfach mehr Eindruck schinden. Auf Nh´Nafress, wo sich das Ausbildungszentrum für Matrixtechniker befindet, müssen die Holzkohlevorräte, die für die Grillparties gedacht sind, schärfer bewacht werden als die Goldvorräte, die es dort auch gibt. Das Gold kann dort offen herumliegen, daran vergreift sich niemand, weil es auf Nh´Nafress reichlich vorkommt und keinen Geldwert hat, aber wenn man einen Sack Kohle einen Moment aus den Augen läßt, ist er weg.“ Noch mehr Gegrinse. „Einmal, das war noch vor meiner Zeit, haben Lehrlinge eine ganze Raumschiffsladung Graphit in die Finger bekommen. Das Zeug war für industrielle Zwecke in den Fabriken gedacht, aber zwei Tage später waren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Kieswege um das Ausbildungszentrum herum mit Diamanten statt Kies gepflastert. Die Lehrer waren nicht amüsiert, wie Sie sich vorstellen können, Graphit ist nämlich teuer. Die Schuldigen mußten das Zeug wieder abtragen und irgendwo auf dem Gelände verbuddeln, per Hand versteht sich, und da liegt es bis heute. Hin und wieder spielen andere Lehrlinge Goldgräber, wenn sie Diamanten für irgendwelche Schleifübungen brauchen... aber selber basteln macht mehr Spaß und geht schneller als ausgraben, und deshalb liegt immer noch ein Riesenhaufen dort. Diamonds are forever, und essen kann man sie nun mal nicht.“ gab er eine bekannte M-Tec-Anekdote zum Besten. Und Frans begann allmählich zu verstehen, daß die Menschen dieser Zeit, oder zumindest jemand wie Siwa, ein ganz anderes Verhältnis zu bestimmten Begriffen wie etwa „Reichtum“ hatte als jemand vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Und dann wurden seine Augen auf einmal riesengroß, als er in der Ferne, weit hinter seinem Begleiter, etwas entdeckte. „Äh, sagten Sie nicht, daß auf dieser Welt nichts lebt?“ stotterte er dann. Siwa hatte seinen Gesichtsausdruck schon bemerkt und sich suchend umgedreht, aber als Frans ihm dann ins Gesicht sah, sah er, daß der Junge hinter der Helmscheibe über das ganze Gesicht lachte.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #25 am: 27. Mai 2014, 15:56:38 Uhr »
„Oonarks! Das glaube ich jetzt nicht!“ stieß er hervor und ging auch schon los, geradewegs auf die unerwarteten Besucher zu, die gerade mit sehr gemächlichen Bewegungen über eine Bodenwelle herankamen.
„Was sind Oonarks?“ rief Frans und eilte hinterher.
„Oonark heißt übersetzt so viel wie Mondwolf. Sie sind eine Lebensform vom Mond Durekey, eine der wenigen Lebensformen von dort, die harmlos genug waren um auch auf andere Welten exportiert zu werden. Es sind Lebensformen auf Siliziumbasis, also keine Kohlenstoffformen wie wir, und sie ernähren sich auch hauptsächlich von siliziumhaltigen Sachen, mit anderen Worten, von Sand und Steinen. Mit kohlenstoffhaltigem Futter, also mit Fleisch oder Pflanzen, können sie nichts anfangen, was sie für ihre Innenskelette, die zum Teil aus Kohlefaser bestehen, an Kohlenstoff brauchen ziehen sie aus der Luft. Sie sind für uns total ungenießbar und wir für Sie, und das wissen sie auch. Sie sollten sich aber trotzdem von den Mäulern fernhalten. Wenn die Tiere noch nie einen Menschen gesehen haben, könnten sie auf die Idee kommen, uns auf unsere Genießbarkeit zu testen, und das würden unsere Anzüge nicht überstehen.“ Je näher sie an die drei Tiere herankamen, das größte zuvorderst und jedes dahinter deutlich kleiner als das vorige, um so besser konnte Frans sie betrachten. Sie sahen einfach - bizarr aus. Gerade so, als seien sie aus zwei verschiedenen Tieren zusammengesetzt worden. Das Vorderteil war einigermaßen schlank, die nackte, zähe Haut bedeckt mit einem Muster von langen schwarzweißen Streifen. Die vier starken, irgendwie gummiartig wirkenden Beine endeten in vierzehigen Füßen, deren schwarze Farbe von einem seltsamen graublauen Metallschimmer durchsetzt war. Der Kopf war keilförmig und bestand in erster Linie aus einem furchterregend großen, von kräftigen Muskeln umgebenen Maul, in dem Reihe um Reihe um Reihe von starken Mahlzähnen steckten, ein echter Steinbrechapparat. Darüber glühten vier Augen in intensivem Rot, als wären die winzigen Hirne der Tiere mit glühenden Kohlen gefüllt. Das beleibt wirkende Hinterteil dagegen, das nochmals vier Beine aufwies, schien von einer Plüschfigur zu stammen, es war nämlich mit einem Pelz aus langen reinweißen Borsten besetzt, die absolut unnatürlich und gar nicht wie Haare, sondern mehr wie Kunststoff aussahen, vergleichbar den starren weißen Borsten eines Kunststoffschrubbers.
„Macht denen die Luft hier nichts aus?“ wollte Frans wissen. Die Tiere reagierten auf ihre Annäherung, die furchterregenden Köpfe drehten sich in ihre Richtung, aber an ihrem Schleichtempo änderte sich nichts. Ganz gemächlich setzten sie weiter Fuß vor Fuß vor Fuß, offenbar sorgsam darauf bedacht, daß immer so viele Füße wie möglich am Boden blieben, als hätten sie Angst plötzlich abzuheben.
„Oonarks atmen nicht wie wir. Das bißchen Sauerstoff, das sie für ihren Stoffwechsel brauchen, synthetisieren sie in ihren Mägen, die sowas wie Chemielabore sind. Kohlenstoff ziehen sie aus dem Kohlendioxid der Luft, wie gesagt, und das Silizium bekommen sie hier überall. Vermutlich ist das große Exemplar mal von einem Raumfahrer hier ausgesetzt worden, als es ihm über den Kopf wuchs, und es hat sich vermehrt. Das läuft asexuell durch Sprossen, und natürliche Feinde gibt es hier nicht für sie. Die weißen Haare am Hinterteil sind übrigens sowas wie Glasfaserkabel, sie sammeln alle Arten von Strahlung, von sichtbarem Licht bis hin zu kosmischer Strahlung, die in der Haut in brauchbare Energie für das Tier umgewandelt wird. Wenn es Tag wird, drehen sie der Sonne den Hintern zu und gewinnen so Energie für die Nacht, und sobald es ihnen zu heiß wird, graben sie sich irgendwo ein. Aber bis sie sich so weit vermehrt haben, daß sie den Planeten ernsthaft gefährden könnten mit ihrem Steinchenfressen, wird es noch viele Millionen Jahre dauern.“
„Woher wissen Sie das alles?“ staunte Frans mal wieder.
„Ein Bekannter von mir hat einen Oonark als Haustier. Und einen ausreichend großen Steingarten dazu als Futterquelle. Die Kinder aus der ganzen Nachbarschaft reiten begeistert auf dem Tier, aber immer schön nach Oonark-Art im Schneckentempo. Oonark sind vieles, stark und widerstandsfähig und genügsam und langlebig, aber schnell sind sie nicht. Ihr Höchsttempo entspricht dem eines alten Mannes am Krückstock, ein gesunder Mensch kann selbst einem ausgewachsenen Exemplar wie diesem hier mühelos davonlaufen. Solange Sie sich also nicht gerade ein Bein brechen oder aus Leichtsinn lange genug stehenbleiben, daß er Sie aus Neugier anknabbern kann, sind Sie sicher vor ihm.“ Und um seine Worte zu beweisen, tat er die letzten Schritte auf das größte der Tiere zu und tätschelte ihm die nackte schwarzweiße Flanke, kurz vor der Trennlinie zum borstig-weißen Hinterteil. Der Schädel mit dem furchterregenden Maul und den flammenden Augen schwang herum, jedoch langsam genug, daß Siwa in bequemem Fußgängertempo ausweichen konnte.
„Sehen Sie, ist nichts dabei. Und wenn wir lange genug hierblieben, daß sie sich an uns gewöhnen, könnten wir auf ihnen sogar Rodeo reiten, aber so langsam, daß Sie dabei wahrscheinlich einschlafen würden.“ 
Frans lächelte zurück, so ein originelles Tierchen hätte er gerne als Haustier mitgenommen. Aber es war wohl besser, diese kleine außerirdische Familie beisammen zu lassen in dieser überwältigenden Einsamkeit. So ließen sie sie unbehelligt weiterziehen in dieser toten, leeren Welt, die sie vielleicht in ein paar Millionen Jahren ganz erobert haben würden, und das ganz friedlich und in gemächlichem Schneckentempo, immer ein Bein vor das andere...  und die menschlichen Besucher setzten ihren Spaziergang fort. „Gibt es hier noch andere Sehenswürdigkeiten?“ fragte Frans bald. Die Erregung des Neuen klang schnell ab, und ehrlich gesagt, hier sah es auch nicht viel anders aus als in irgendeiner Wüste auf der Erde, im Tal des Todes vielleicht, bei Sonnenauf- oder untergang. Jede Menge kahle, öde Landschaft, Steine, Felsen, Hügelketten und ferne Berge, dafür keine einzige Pflanze, nicht einmal ein einsamer Kaktus, und über allem der in einer Richtung heller rötlich gefärbte, endlose Himmel, der die nahende gnadenlose Hitze der viel zu nahen Sonne ankündigte... nach spätestens ein paar Stunden hatte man an so einem Ort einfach alles gesehen, was es zu sehen gab, Diamantenvorkommen hin oder her.
„Ja, die gibt es. Es gibt riesige Höhlensysteme, regelrechte Wälder aus Kristallen, offen zutage liegende Metallvorkommen mit sehr absonderlichen Strukturen und ein paar aktive Vulkane, die sich anderswo als Touristenmagneten eignen würden. Die sind aber über den ganzen Planeten verteilt und liegen meistens in Nähe von Bergbausiedlungen, weil es üblicherweise Prospektoren sind, die mit ihren Suchdrohnen oder ganz altmodisch in eigener Person den Planeten nach brauchbaren Rohstoffen absuchen und dabei solche Sachen entdecken. Die Gesamtbevölkerung von Sonabir beläuft sich auf nicht mehr als etwa fünfzigtausend Personen zu jeder Zeit, bei so einer dünnen Besiedlung ist jede Entdeckung ein Zufallsfund.“
„Verstehe.“ So hatte Frans auch nichts dagegen, daß nach einiger Zeit wieder ihr Raumschiff in der Ferne auftauchte, sie hatten einen weiten Bogen geschlagen quer durch den riesigen Krater hindurch und näherten sich ihm aus einer anderen Richtung. Nach dem rötlichen Zwielicht-Dämmer der kahlen toten Welt kam Frans das gelblichgrüne freundliche Licht und der Waldgeruch in der Hammer-Symor wie Heimat vor, als sie endlich zurück im Schiff waren und die Helme absetzten.
„So, jetzt muß ich aber wirklich für Königstiger.“ meinte er, während eine unbekannte Maschinerie in den Schleusen-Wandschränken ihn von Panzer und „Taucheranzug“ befreite.
„Halten Sie noch ein paar Minuten durch.“ scherzte Siwa. „Die nächsten Mannschaftsquartiere sind nicht weit weg. Wir können essen, ausruhen, uns ein Sim ansehen, und danach starten wir irgendwann nach Otrona II. Solange ich keine neuen Anweisungen von oben bekomme, können wir eigentlich machen, was wir wollen.“ 
Die Mannschaftsquartiere erwiesen sich als durchaus für menschliche Bewohner geeignet, die Einrichtung vergleichbar mit der des Appartments auf Otrona I, wenn man davon absah, daß auch hier hin und wieder eine Cyder hindurchwuselte oder -flog. „Die Kay ist übrigens auf Diskretion programmiert.“ erklärte Siwa amüsiert. „Solange nicht gerade ein absoluter Notstand ausgerufen wird, brauchen Sie also keine Angst haben, daß Sie in Ihren privatesten Lebensäußerungen ausspioniert werden, selbst die Sicht des jeweiligen Captains wird verschleiert, wenn er versucht, Sie in Ihrem ´heimlich Gemach´ zu beobachten. Das einzige was er bekommen darf ist die Angabe, daß mit Ihren Vitalfunktionen alles in Ordnung ist. Aus Sicht der Cyders sind wir auch nur weitere Bestandteile des Raumschiffs, die hier leben, ihren Geschäften nachgehen, essen und Häufchen machen und sich vielleicht sogar vermehren, meistens beachten sie uns gar nicht.“ 
Das war beruhigend. Abermals gönnten sie sich ein opulentes Mahl, nachdem Frans sein unmittelbares Bedürfnis befriedigt hatte, dann führte Siwa ihn in die Benutzung eines modernen dreidimensionalen Holo-Sims ein, für das ein Computernerd aus Fransens Eigenzeit zweifellos seine Seele verkauft hätte, und anschließend war ein ausgiebiges Nickerchen angesagt. Niemand hetzte sie, keine dringenden Termine warteten, es war so verdammt geruhsam draußen im Weltall, weit weg von der Erde... ein Abenteuerurlaub von der Sorte, die Frans liebte.
Als sie viel später wieder zu neuen Schandtaten bereit waren und Siwa sichergestellt hatte, daß zwischenzeitlich keine neuen Anweisungen über seinen Laptop eingetroffen waren, konnten sie zu ihrer nächsten Etappe aufbrechen.
„Otrona II ist die andere Hälfte von Otrona I, die mal in einem Krieg verlorenging und seitdem solo existiert. Es sieht genauso aus wie der andere Teil, nur die Belegschaft ist deutlich angenehmer.“ erzählte Siwa. „Bis auf den Obermotz, was Sie wörtlich nehmen können, Ektheb ist ein Ekelpaket ersten Ranges. Lassen Sie sich nie auf eine Rauferei mit ihm ein, er ist ein Halbdhoanor, ein Mischling, und sehr viel stärker und schneller als ein Mensch. Er weiß zwar, daß Sie unter dem Schutz der Benu stehen, aber das wird ihn sicher nicht daran hindern, Ihnen eine Abreibung zu verpassen, nur so, aus Spaß an der Freude. Er liebt uns Benuna nämlich so innig wie Krätze, und ein wenig verbeulen darf er Sie, das würden die Benu durchgehen lassen, nur wenn er Sie umbringen würde, bekäme er mächtig Ärger. A propos, wie gut sind Sie in einem Kampf? In einem richtigen, wohlgemerkt?“
„Nun ja, abgesehen von ein paar kleinen Prügeleien in meiner Highschool-Zeit... ich habe ein paar Jahre Judo gemacht, es dann aber wieder aufgegeben, als ich von der Schule abging. Ging zeitlich einfach nicht mehr, Sie verstehen.“
„Fein, Judo macht beweglich. Könnte aber nicht schaden, Ihnen trotzdem ein kleines Extra zu besorgen, nur so für alle Fälle, falls Ektheb Ihnen nachstellen sollte.“ Siwa hatte seinen Wunder-Laptop wieder aufgeklappt und tippte jetzt irgendetwas. „Ich frage gerade nach, ob es okay ist, wenn ich Ihnen ein „offenes“ Lehrprogramm verpasse. Die Dinger funktionieren nicht ganz so schnell wie im Film „Matrix“, aber Ihnen wird hinterher trotzdem ordentlich der Schädel brummen. Bei uns M-Tecs gehört Selbstverteidigung zum offiziellen Lehrstoff, eben weil wir uns immer wieder unserer Haut wehren müssen, allerdings verleiht uns unsere Matrix gewisse Vorteile, die andere nicht haben. Deshalb konnte ich mir Ektheb auch immer vom Leib halten, ich bin noch einen Tick schneller als er.“ Wieder ein Grinsen, und dann war offenbar schon die Antwort da.
„Sie schicken eine Datei speziell für Sie, wird gerade hochgeladen, und dann können Sie sich mal daran versuchen.“  Siwa schob Frans das Gerät hinüber. „Allerdings  muß ich mich für die Dauer Ihres Kurses verdünnisieren, ich habe nämlich kein Interesse an einer Dosis Migräne. Aber ich wollte sowieso mal die Bestände im hinteren Laderaum durchsehen... rufen Sie mich einfach über den Bordcom, wenn Sie fertig sind. Die Kay reagiert auf mündliche Befehle, auch von hier aus. Sie brauchen nur rufen, das geht wie im „Raumschiff Enterprise“, die Serie kennen Sie doch sicher, oder?“
„Ja. Wie lange wird das ungefähr dauern?“ fragte Frans, doch etwas besorgt, wo sie doch eigentlich sofort nach Otrona II weiterfliegen wollten...
„Nur etwa eine Stunde, wenn es ein voller Kurs ist. Aber uns hetzt ja keiner, es ist egal, ob wir ein paar Stunden später auf Otrona II ankommen.“ versprach Siwa. 
„Sagen Sie, woher wissen Sie eigentlich so viel über Filme und Fernsehserien meiner Zeit?“
„Erstens, weil mich diese nostalgische Zeug schon immer angesprochen hat, das hatte einfach noch Charakter und Charme damals, nicht so wie vieles, was danach kam... und zweitens habe ich mich noch mal schlau gemacht, während Sie schliefen. Wahrscheinlich hat man mich gerade wegen meines Interesses an alten Kamellen für Sie ausgesucht.“ Siwa wich lachend zurück, noch bevor es bei Frans funken konnte, machte winke-winke von der Tür aus und war verschwunden, überließ seinen Gast seinem Lehrprogramm.
Der Schauspieler schüttelte nur den Kopf und lächelte vor sich hin. Siwa gefiel ihm, der junge Benuna schien ein patenter Kerl zu sein, frech nur dann, wenn es angebracht war, und bereits vernünftig genug, Verantwortung für ein Raumschiff und vieles andere zu tragen. Aber wahrscheinlich war er bereits älter als er aussah, dachte Frans abermals. Und dann griff er mutig nach dem außerirdischen Wundergerät, um das berüchtigte Lehrprogramm zu starten... 
„Na, ist das Hirn noch ganz?“
Frans blinzelte verwundert. Er hatte doch gerade eben erst...
Verdutzt starrte er Siwa an, der hereinkam und sich dabei ein imaginäres Stäubchen vom Laderaum von der Hose wischte. Wenn Siwa schon wieder hier war, mußte die Stunde um sein - hatte er einen Filmriß gehabt? Er runzelte die Stirn. So hirntot wie der Junge es ihm prophezeit hatte fühlte er sich nicht... aber er erinnerte sich einfach nicht!

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #26 am: 21. April 2015, 18:10:32 Uhr »
Siwa lächelte, kannte diese verdutzte Miene wahrscheinlich von anderen Gelegenheiten her einschließlich sich selber, wenn er selber regelmäßig solche Lehrprogramme durchmachte. Und dann guckte Frans abermals verdutzt, aber nach unten, weil seine Hand sich auf einmal selbständig gemacht hatte. Völlig ohne Vorwarnung hatte Siwa nach ihm geschlagen - und Fransens Hand hatte den Hieb abgestoppt, ganz ohne daß Frans bewußt etwas dazu getan hätte!
„Na sehen Sie, es wirkt schon.“ machte Siwa zufrieden und zog angelegentlich seine Faust zurück. „Das steckt jetzt alles in Ihrem Unterbewußtsein, Sie müssen es nur noch bewußt herauslassen und unter Kontrolle bekommen. Machen wir ein paar Übungsrunden? Es gibt hier auch einen Trainingsraum...“
„Verdammt, was haben die mir ins Hirn gepflanzt?“ stieß der Schauspieler hervor, ohne sich zu rühren.
„Nichts von dem unsere Bosse nicht annehmen würden, daß Sie es brauchen werden. Sie gehen sehr effektiv vor, wissen Sie. Aber was das genau ist müssen Sie selber herausfinden. Learning by doing und so, die Software ist jetzt vorhanden, aber die Hardware muß auch geschult werden. Also kommen Sie.“
Frans starrte den Jungen an, der sich wieder zur Tür begeben hatte und ihn jetzt anschaute, darauf wartend, daß er sich endlich bewegte. Aber Frans meditierte gerade darüber, einmal kurz und sehr dramatisch aus der Rolle zu fallen, indem er einen Panikanfall markierte - verdammt, er mochte es einfach nicht, so manipuliert zu werden, bis hin zu Zeiten, an die er später keine Erinnerung mehr hatte!
Siwa schien zu begreifen, was in ihm vorging. „Sie erinnern sich nicht an die letzte Stunde, nicht wahr?“ fragte er. „Das kann vorkommen, vor allem bei den ersten Kursen. Aber Sie können sicher sein, wenn etwas enthalten gewesen wäre, was Ihnen gegen den Strich geht, wären Sie an dieser Stelle ausgestiegen. Sie müssen nicht widerstandslos alles fressen, was man Ihnen vorsetzt, das ist ein Lehrprogramm und keine Hirnwäsche. Mit gehirngewaschenen Zombies können die Benu nichts anfangen, die sind viel zu langweilig für sie. Wir sollen ruhig ein wenig widerborstig sein und eigene Ideen entwickeln, sonst macht das Spiel keinen Spaß.“
„Ein Spiel?“ dehnte Frans, der gar nicht mehr wusste, ob er verblüfft oder lieber sauer sein wollte.
„Die Götter wollen Unterhaltung. Und wir sind die Bauern auf dem Spielbrett, ob uns das gefällt oder nicht. Hohes Risiko, aber auch hohe Gewinnchancen, wie das Leben halt so ist.“ erklärte Siwa ruhig. „Als Benuna sind wir im Spotlight der Geschichte. Aber Sie sind Schauspieler, da müßten Sie es eigentlich gewöhnt sein, im Scheinwerferlicht zu stehen.“
„Nur bei den --“  Frans stoppte. „Nur bei den Aufnahmen“, hatte er sagen wollen, sein Privatleben wollte er gefälligst weitab von allen Paparazzis und Scheinwerfern schön privat und anonym leben. Aber über all dem Neuen hier hatte er eine Sache vergessen - das hier war seine Probezeit, sein Vorsprechen für die Rolle, seine Testaufnahme! Ganz unwillkürlich sah er sich um, ob da irgendwo eine Kamera lauerte - und dann fiel ihm ein, daß die Wesen, die alles hier orchestrierten, nicht auf klotzige und gut sichtbare Kameras angewiesen waren, jede einzelne Cyder, die sich gerade hier im Raum befand, konnte sie gerade im Visier haben und jede ihrer Regungen festhalten. Und abermals schien Siwa seine Gedanken genau zu erraten.
„Machen Sie sich nicht ins Hemd, und verfallen Sie nicht in Paranoia. Die Benu suchen sich genau das heraus, was sie für das Projekt brauchen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und da man sich offenbar viel von Ihnen erhofft, bekommen Sie auch etwas mehr als Vorschuß. Die meiste Zeit sind wir ziemlich unüberwacht, und wenn ein Benu wirklich etwas wissen will, dann holt er es sich direkt aus unseren Gehirnen, Subtilität ist nicht unbedingt ihre Stärke. Das passiert aber zum Glück nur selten. Also entspannen Sie sich, und machen Sie immer einen Schritt vor den anderen, wie Sie es gewohnt sind. Wenn wir nach Meinung unserer Bosse links gehen sollen, wo wir normalerweise rechts gehen möchten, wird uns das entweder jemand rechtzeitig sagen, oder es soll ihn der Teufel holen.“ 
Abermals war es Siwas Nonchalance, die Frans überzeugte. Eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit gehörte wohl im Umgang mit übermächtigen Halbgöttern aus dem All dazu.
„Trainingsrunde?“ fragte Siwa abermals, und Frans nickte, stand endlich auf und folgte ihm.
„Wie wird das ablaufen mit den Dreharbeiten?“ fragte er, während sie durch weitere Korridore marschierten.
„Da muß ich mich überraschen lassen, ich habe davon viel weniger Ahnung als Sie. Ein Filmprojekt hatten wir bis jetzt noch nie. Aber das ist für Matrixtechniker-Lehrlinge wie mich normal, daß wir aus heiterem Himmel ins kalte Wasser eines völlig neuen Projekts geworfen werden und dann das beste daraus machen sollen. Lassen wir es einfach auf uns zukommen, schlimmer als falsch machen können wir es nicht.“ antwortete Siwa beruhigend und öffnete eine Tür, hinter der sich ein riesiger Saal erstreckte, der an den Markierungen auf dem Boden und den zahlreichen herumstehenden Geräten als Trainingsraum zu erkennen war. Spinde an den Wänden enthielten Trainingsanzüge, und nach wenigen Minuten standen sie sich umgekleidet auf der Matte gegenüber.
„Habe ich das gerade richtig verstanden, es würde nichts ausmachen, wenn der Film ein Flop würde?“ fragte Frans, als sie sich in Position begaben und sich zuerst einmal, wie beim Judo, voreinander verbeugten. Dann winkte Siwa, Frans solle ihn angreifen. Schlag, Abwehr, Nachstoß, Drehung, Tritt, Ausweichen, Gegenstoß - was in mäßigem Tempo eigentlich mit Judo beginnen sollte, das sie beide beherrschten, steigerte sich schon in der ersten Runde zu einem Catch-as-catch-can aller möglichen Kampfsportarten. Noch wußten sie beide nicht, was und wie viel der andere beherrschte, sie tasteten sich langsam aneinander heran, den anderen fordernd, jedoch bemüht, ihn nicht zu überfordern. Was gerade für Siwa nicht leicht war, der sonst mit seinem Lehrer Carolus Rye zu sparren pflegte, und Carolus war nicht dafür bekannt, seinem Lehrling im Ring etwas zu schenken. Außerdem mußte das Wissen, das jetzt in Fransens Schädel steckte, erst herausgelockt werden, der Körper mußte erst lernen, den instinktiven Reaktionen Folge zu leisten. 
Frans atmete etwas schneller, als sie sich trennten, Siwa wirkte völlig ungerührt, zehn Minuten im Schneckentempo brachten ihn noch nicht in Wallung. „Sehr gut, aber noch keine Zigarre, das ist immer noch Anfängerniveau bei uns M-Tecs. Und um Ihre Frage zu beantworten, ums Geldscheffeln geht es bei diesem Projekt mit Sicherheit nicht, davon hat die Firma mehr als genug. Kein Wunder, wenn ihr ein ganzer Planet gehört und auch anderswo noch einiges. Ich halte es aber für sehr verdächtig, daß man Sie aufwendig aus der Vergangenheit hierhergeholt hat, statt irgendein heutiges Nachwuchstalent oder eine komplett computergenerierte Figur zu benutzen. Daß man Ihnen damit potentiell das Leben gerettet hat, ist nur ein netter Nebeneffekt, in Wahrheit geht es vermutlich darum, daß die Benu eine Manipulation der Vergangenheit vorhaben. Aber ich werde den Teufel tun und danach fragen, in die Brennesseln setzen kann ich mich auf angenehmere Weise.“
Frans lächelte, die Art in der Siwa über seine „Bosse“ sprach, ließ die gefürchtetsten Regisseure seiner eigenen Zeit wie gute Kumpel aussehen. 
Ring frei für die zweite Runde, diesmal schon etwas schneller. Danach war Frans hochgradig erstaunt, erstens über sich selber, weil er auf einmal Dinge beherrschte, Stöße, Tritte, Ausweichmanöver und jede Menge hinterhältiges Zeug, das ihm seine früheren Judolehrer mit Sicherheit nicht beigebracht hatten, das war Freestyle-Kampfsport, das beste und fieseste aus sämtlichen Disziplinen zusammengemixt. Und zweitens staunte er über Siwa, der jeden dieser neuentdeckten Tricks mit müheloser Leichtigkeit parierte.
„Warten Sie, bis sich Carolus oder ein anderer Kollege von mir blicken läßt, dann zeigen wir Ihnen mal, wie ein Match unter M-Tecs aussieht. Da werden Sie Bauklötze staunen!“ versprach Siwa. „Wir benutzen im Kampf die sogenannte Schnellzeit. Das sieht aus wie im Film „Matrix“ - den kennen Sie, ja?“ Und Frans nickte bestätigend.
Nach der dritten Runde war Frans fix und fertig, und es war ihm immer noch nicht gelungen, einen einzigen Treffer anzubringen. Dafür hatte er einige Bewegungsabläufe bestaunen dürfen, die er bisher für reine Filmtricks gehalten hatte, wie das Hochlaufen an Wänden. Aber Siwa beherrschte das, und er hielt sich keineswegs für den besten Sportler unter seinesgleichen. 
„Sie machen sich gut, aber Ihnen fehlt einfach die Übung.“ meinte Siwa später, als er ihm zeigte, wo die Duschen versteckt waren. „Sie kennen jetzt ein paar Tricks, sind aber noch viel zu langsam, die wirklich guten Sachen anzuwenden, die Hardware will eben auch erst mal trainiert sein. Lassen Sie sich also vorerst lieber nicht auf eine Auseinandersetzung mit Ektheb ein. Sie können ihn vielleicht mit etwas Unerwartetem überraschen und die Zeit nutzen um sich abzusetzen, wenn er eklig wird, aber wenn er Sie zu packen bekommt sind Sie fällig. Und, ja, ich rede da aus Erfahrung.“
Erfrischt und angenehm ermattet von der Anstrengung trotteten sie anschließend in Richtung Cockpit. Und diesmal freute sich Frans auf seinen zweiten Flug als Copilot. Diesmal zeigte er keine Angst mehr, als die Tentakel aus ihren Löchern fuhren und nach ihm haschten, er hieß sogar den kurzen Blackout willkommen der folgte, während er mit den Schiffssystemen verbunden wurde -
und da war wieder das virtuelle Cockpit und Siwa in seiner Kapitänsuniform, der ihn anlachte. „Wie wäre es, wollen Sie den Start übernehmen? Ich führe Sie durch die einzelnen Schritte, und dann versuchen Sie es. Falsch machen können Sie nichts, ich bin ja da und kann notfalls eingreifen, und hier gibt es auf tausend Meilen im Umkreis keinen Flugverkehr, dem wir in die Quere kommen könnten.“ Dabei zeigte er auf einen riesigen runden Radarschirm mitten auf der Steuerkonsole vor sich, der beim ersten Flug garantiert noch nicht da gewesen war  - aber es handelte sich ja nur um eine Simulation, die sich jederzeit ändern konnte, fiel Frans wieder ein. Abermals fühlte er leichten Bammel, aber inzwischen vertraute er Siwa, der würde bestimmt nichts tun, was das Schiff in Gefahr brachte.
„Also, als erstes muß Ihnen klar sein, daß Sie es hier nicht mit einem normalen düsen- oder propellergetriebenen Fahrzeug zu tun haben.“ begann der Junge. „Dort drückt man auf ein paar Knöpfe, und als Reaktion läuft der Motor und liefert Schub, oder auch nicht. Eine Hammer-SyMOr dagegen arbeitet mit reiner Energie, einmal mit den Energien, die das Herz, der Matrixkranz, erzeugt oder besser gesagt, aus anderen Dimensionen in unsere überträgt, und einmal mit den Energien, die von außen kommen, mit Gravitation, Sonnenwinden, Magnetfeldern und all den anderen Kräften, mit denen selbst das Vakuum des Alls erfüllt ist. In den Zeiten vor der Ihren sprach man vom „Äther“, heute drückt man es wissenschaftlicher aus, meint aber im Wesentlichen das gleiche. Sie schwimmt quasi in all diesen Energien und benutzt die eigene interne Energiequelle, um die anderen Energien zu manipulieren, anzureichern oder von sich zu stoßen, so daß wir dahin kommen wo wir hin möchten. Bei einem langen Flug im interstellaren Raum surfen wir quasi auf den Gezeiten der Schwerkraftwellen, die ständig durch das Universum wandern, und das fühlt sich wirklich cool an. Können Sie sich das soweit vorstellen?“
Frans nickte, vor allem weil Siwa zu seinen Worten ein Mini-Modell des Schiffes aus bunten Lichtlinien hatte entstehen lassen, das scheinbar vor seiner Nase in der Luft schwebte, umgeben von leuchtenden, sich bewegenden Lichtfeldern und Wellenlinien in anderen Farben, die die genannten Kräfte darstellen sollten.
„Wenn ich also das Schiff starten will, hole ich mir einfach aus dem Herzen die richtige Menge Energie, die gebraucht wird, um das Schiff entgegen der Schwerkraft dieses Planeten zu bewegen, und drücke damit nach oben, damit wir frei werden von besagter Schwerkraft. Aber noch bevor ich das mache, sollte ich den Kurs anlegen. Das kann man natürlich auch später machen, aber immer wenn Sie von einem Hafen aus starten wollen, wird vorausgesetzt, daß Sie einen genauen Flugplan vorlegen, damit man später nachforschen kann, wenn Sie unterwegs aus irgendeinem Grund verschüttgehen sollten. Und zumindest im engeren Orbit bewohnter Welten sollte man sich tunlichst genau an vorgeschriebene Flugrouten halten, weil man sonst leicht mit anderen Luftfahrzeugen oder mit Satelliten aneinandergerät, und die Dinger kommen verdammt teuer, wenn man sie aus purem Leichtsinn verschrottet und ersetzen muß. Vom möglichen Verlust an Menschenleben, wenn das andere Teil bemannt war, gar nicht zu reden. Zum Glück ist die Eingabe des Kurses in einer Hammer-SyMOr ein Kinderspiel, die Kay weiß nämlich immer, wo sie sich gerade befindet, und wie man von dort zu einem anderen Ort kommt, den sie ebenfalls kennt, und mit jedem neuen Flug lernt sie dazu, ergänzt oder überschreibt veraltete Daten. Sie hat einen ziemlich ausführlichen Bestand an Informationen zu Flugbahnen, Kursberechnungen, Landeplätzen, den Eigenbewegungen stellarer Körper und sogar zu den gesetzlichen Vorschriften im Luftverkehr, die an den jeweiligen Orten gelten. Mit anderen Worten, wenn Sie irgendwo zu schnell hereinkommen oder militärischen Luftraum verletzen, um nur zwei Möglichkeiten zu nennen, werden Sie von der Kay dezent darauf hingewiesen, außerdem welche Alternativrouten Sie wählen können, und welche Strafen Sie zu erwarten haben, wenn Sie nicht umgehend Abhilfe schaffen. Wenn Sie also von einem bekannten Standort zu einem bekannten Landeort wollen, müssen Sie dem Schiff das nur sagen, und es bringt Sie ganz von selbst dahin, ohne daß Sie viel dazutun müssen, die Kay berechnet alles selbständig. Aber von einem echten, ausgebildeten Raumnavigator wird selbstverständlich erwartet, daß er die Daten eigenständig auf ihre Korrektheit überprüfen kann, ein hundertprozentiges Verlassen auf eine Künstliche Intelligenz ist nicht erwünscht.“ Neue Lichtbahnen bildeten sich um Siwa herum, und an den leuchtenden außerirdischen Schriftzeichen, die daneben in der Luft hingen, konnte Frans ablesen, daß es sich um eine einfache Simulation ihres Kurses nach Otrona II handelte.
„Zu Raumflügen muß man wissen, daß im Weltraum die kürzeste Verbindung zwischen A und B nicht unbedingt immer die günstigste ist. Bei einem Start von einem Himmelskörper wie Sonabir etwa muß man sich fragen, in welcher Richtung der Start der günstigste ist, indem man die Eigenrotation des Himmelskörpers mit einberechnet, ob man mit oder gegen die Rotation starten will oder neutral, das heißt in schräger Richtung über einen Pol, wo man es dann allerdings mit einem planetaren Magnetfeld zu tun bekommen könnte, das an den Polen besonders stark wirkt. Im Weltall selbst muß man die Anziehungskräfte naher und fernerer Himmelskörper, beispielsweise Sonnen und Planeten, und deren Bahnen berücksichtigen. Beim engen Vorbeifliegen an einem stark massehaltigen Planeten etwa ergibt sich durch dessen Anziehungskraft eine Art Schleudereffekt, der einem ganz ohne eigenes Zutun zusätzlichen Schub und einen neuen Kurs bescheren kann. Zu Ihrer Zeit war die Berücksichtigung solcher Phänomene samt korrekter Kursberechnung besonders wichtig, als man auf Raumflügen noch mit jedem einzelnen Pfund Treibstoff geizen mußte, und man legte Starts meist auf enge Zeitfenster, in denen die Umgebungsbedingungen besonders förderlich für einen Start waren. Eine Hammer-SyMOr hat eigentlich mehr als genug Energie, so daß sie diese Dinge im Notfall auch ignorieren kann, aber einen guten Kapitän erkennt man daran, daß er in jeder Lebenslage mit seinen Ressourcen haushalten kann, er verwendet niemals mehr als er tatsächlich muß.“
Frans hatte abermals jedes Wort verstanden, weil Siwa weiterhin leuchtende Simulationen von Sonnen, Planeten und Miniatur-Raumschiffsmodellen um sich herumtanzen ließ, dazu eine Flut von bunten Pfeilen, die Bewegungsrichtungen und deren Veränderungen durch variable Geschwindigkeiten und Abstände von Schwerkraftzentren markierten. Er mußte jedoch angesichts des dargebotenen Wissens etwas zu anbetend dreingeschaut haben, weil Siwa fröhlich erklärte: „Was ich Ihnen gerade erzähle, gehört alles zum Anfängerkurs Weltraumnavigation für Dummies. Wenn Sie auf handfeste mathematische und physikalische Kenntnisse scharf sind, mit denen man das alles ohne Hilfe einer Kay selbst berechnen kann, können Sie eine Hypnoschulung dazu machen. Das ist alles keine Hexerei, die mathematischen Grundlagen waren schon in Ihrer Zeit bekannt. Mathematik ändert sich nun mal nicht im Lauf der Zeit, sie ist universell gültig. - Wollen wir?“  Dabei blickte er Frans auffordernd an, und der ließ sich nicht lange bitten, er nickte, zu jeder Schandtat bereit.

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #27 am: 29. Oktober 2015, 18:16:31 Uhr »
„Die Kay ist jetzt auf Jungfernflug geschaltet, das heißt, sie gibt Ihnen alle Werte, die Sie brauchen werden, in narrensicherer Form vor und wird Ihnen hilfreich unter die Arme greifen, wenn Sie einen wichtigen Mindestwert unterscheiten sollten. Und ich bin ja auch noch da. Also - los!“
Und gehorsam griff Frans hinein ins Herz, das er irgendwie, scheinbar instinktiv, in seiner Reichweite spürte, und beobachtete die überall um ihn herum fließenden Datenströme, die ihm genau anzeigten, wieviel er da an Energie umleitete und wann er jeweils das minimal notwendige Level erreichte, aber Siwa hatte ihm ja zu verstehen gegeben, daß er nicht an Stoff sparen mußte, also füllte er auch noch die angegebenen Reserven auf, bis jede einzelne Anzeige das tödliche Rot, das warnende Grün überschritten und auch das Weiß guten Durchschnitts hinter sich gelassen hatte und ein befriedigendes Blau maximaler Versorgung erreichte. Blau als positive Farbe anstelle des Grün, das hier Warnfunktion besaß, hatte wohl etwas mit der außerirdischen Herkunft dieses Schiffes zu tun, dachte Frans, der unwillkürlich an die seltsamen Augenfarben der katzenartigen Außerirdischen denken mußte. Jetzt kam der zweite Teil der Aufgabe, nämlich jedem der unzähligen Bestandteile des Schiffes, das an einem Startvorgang beteiligt war, seinen Teil der Energie zuzuweisen. Ein Signal der Kay, daß der Aufbruch bevorstand, hatte all diese Teile aus ihrem Landungsschlummer aufgeweckt, und mit einem Mal schienen tausend weit aufgerissene Mäuler um Frans herumzusein wie tausend frischgeschlüpfte Küken, die alle sperrend nach Atzung gierten. Für einen Moment glaubte er sie sogar sehen zu können, tausende von flauschig-gelben Federbällchen mit weit geöffneten Schnäbeln, die beinahe größer als der Rest des Körpers waren, manche davon winzig, andere so groß wie ausgewachsene Lämmergeier, manche so groß wie Kühe, und dazwischen ein paar besonders wichtige, wie die Systeme des Hauptantriebs, die aussahen wie quietschgelb-plüschige Blauwale, die sich gut getarnt in die Kükenschar eingeschmuggelt hatten und genauso eifrig nach ihrem Löwenanteil an Futter verlangten. Und Frans ließ sich nicht lange bitten, füllte jeden Schnabel mit exakt der Menge, die hineinpaßte, weil sie dafür bestimmt war.
„Küken!“ gluckste Siwa begeistert. Er lachte wieder einmal über das ganze Gesicht, der Junge schien überhaupt eine Frohnatur zu sein. „Sie müssen aufpassen, wenn Sie in einer Kay Ihre Phantasie spazierengehen lassen, das bleibt nämlich hängen und teilt sich auch anderen mit, die ins System eingeklinkt sind. Ab sofort werden Sie ein energiehungriges System immer als ein piepsendes Küken wahrnehmen, dafür sorgt die Kay schon, wiwiwiwi!“ machte er lachend das Gepiepse nach. „A propos, sehen Sie die verfärbten? Das ist ein dezenter Hinweis der Kay, daß die betreffenden Einheiten nicht voll funktionsfähig, also wahrscheinlich gerade in Reparatur sind. Die Idee mit den Küken ist aber nicht schlecht, man kann sie weder übersehen noch überhören.“
Frans versagte sich die Frage, was Siwa in seiner eigenen Variante anstelle von Küken sah. Und die wenigen andersfarbigen Küken hatte er eigentlich für Ausgeburten seiner eigenen Phantasie gehalten, nicht für einen sehr realen Hinweis der künstlichen Intelligenz des Schiffes. „Solange ich nicht hinterher den ganzen Hühnerstall ausmisten muß...“ entgegnete er fröhlich und hörte Siwas leises Lachen. In Lyon´s Home, wo Siwa aufgewachsen war, hielt man noch Hühner, er wusste also, was die Tiere zu hinterlassen pflegten. Und jetzt, da jedes System mit Energie versorgt war, fühlte Frans geradezu, wie die Hammer-SyMOr erwartungsfreudig ihre Muskeln dehnte, den Start in ihre natürliche Umgebung, für die sie erschaffen worden war, den Weltraum, herbeisehnte, und Frans als momentaner Bestandteil ihres Gehirns fieberte mit. Er leitete den Start ein, drückte all die Energie in den Antriebseinheiten nach unten, und dann, als sich das Schiff tatsächlich mit seinem gewaltigen Gewicht gehorsam vom Boden hob, gab er nach und nach auch ein wenig in Richtung nach hinten und spürte, wie das Schiff in schrägem Winkel nach oben schoß.
„Gut so. Fliegen Sie einfach geradeaus.“ Wieder Siwa. „Ich sorge schon dafür, daß uns nichts in die Quere kommt, und vor uns müßte alles frei sein. Vor kleinen kosmischen Geschossen, die weiter oben hin und wieder in die Atmosphäre eindringen, muß uns nicht Bange sein, die fängt der Schutzschirm ab. Aber selbst wenn wir mit etwas Größerem kollidieren sollten, erleidet der Gegner mehr Schäden als wir, dafür sorgen die Relativschirme um uns herum. Sehen Sie sie?“
Und Frans sah sie, die wie extrem dünne Matroschkapuppen ineinandergestaffelten energetischen Schutzschirme, von denen jeder seine eigene Funktion hatte und die alle zusammen wie ein aus vielen Lagen Kevlar gebildeter Panzer einen praktisch perfekten Schutz für das Schiff ergaben.  Damit hätte man sogar durch das Herz einer aktiven Sonne fliegen können, ohne Schaden zu erleiden.
„Wir sind schon fast im Orbit. Ich gebe Ihnen jetzt die Kursdaten vor, und Sie versuchen unseren Kurs anzupassen, indem Sie den Antrieb entsprechend steuern. Außerdem können Sie die Beschleunigung verringern, weiter weg vom Planeten und seiner Anziehungskraft braucht man nicht mehr so viel Dampf, um vorwärtszukommen.“
Frans nickte nur, als vor ihm und rings um ihn auf einmal Zahlenströme erschienen, blau die vorberechneten Kursdaten, rot die momentanen Bewegungsvektoren, und gehorsam dämpfte er den Energieausstoß des Antriebs ein wenig, in der einen Richtung ein wenig mehr als in der anderen und änderte so ihre Bewegungsrichtung, bis die unterschiedlich gefärbten Zahlen einander annäherten. Die Kay reagierte, indem sie sämtliche Daten fortwährend anpaßte und darauf hinwies, wenn es an einem Punkt noch mangelte.
Frans hatte sich das eigentlich so vorgestellt, daß er ein Lenkrad oder einen Joystick bewegen mußte, oder zumindest die Simulation eines solchen, aber stattdessen hatte er das Gefühl, ein Dirigent zu sein, der ganz ohne Stock, nur mit Bewegungen seiner Hände und Finger, ein ganzes Orchester auf Trab hielt. Abermals glaubte er sie beinahe sehen zu können, Instrumente diesmal statt der Küken von vorhin, alle aufs feinste gestimmt und in tausend Farbtönen schimmernd, die von ihrer Bereitschaft für ihren pünktlichen Einsatz kündeten. So zu fliegen und das Schiff zu steuern, während er zugleich das Sternenmeer und alles andere draußen wahrnahm, als würde er wieder auf der Schiffshülle sitzen und schwere- und körperlos durch den Weltraum gleiten, war ein einzigartiges, faszinierendes Erlebnis. Beinahe haßte er es, als er Siwas Stimme hörte: „Das machen Sie sehr gut. Aber jetzt muß ich wieder übernehmen, weil wir uns unserem Ziel nähern. Für das Manövrieren in Nähe einer Raumstation und das Anlegen selbst braucht es Fingerspitzengefühl, das Sie noch nicht haben. Man teilt mir gerade mit, daß die Innendocks alle belegt sind, wir müssen draußen andocken. Macht auch keinen großen Unterschied, solange man der Station keinen zu deftigen Stoß verpaßt, man muß sich einfach millimeterweise anschleichen, bis die Greifer zupacken können und den Rest erledigen. Das Gewicht unseres Schiffes auszutarieren ist der Stationsbelegschaft überlassen. Die müssen nämlich dafür sorgen, daß sich das Umdrehungsmoment von Otrona II nicht durch die dranhängende zusätzliche Masse ändert, weil sonst alle Bewohner der Station von den Füßen gerissen werden und Dinge durch die Gegend fliegen. Aktion entspricht Reaktion, ganz wichtig beim Manövrieren im All.“
Frans nickte nur, er hatte bisher nicht geahnt, daß im Weltraum zu fliegen soooo kompliziert war! Aber zum Glück war er mit Siwa an einen sehr guten Lehrer geraten.
Er fühlte, irgendwie, wie Siwa das Steuer wieder übernahm, und beobachtete gespannt, wie sie sich mit ständig abnehmender Geschwindigkeit an die Raumstation heranpirschten. Wegen des großen Gewichts ihres Schiffes, ließ Siwa ihn wissen, erhielten sie Anweisung, an der Polkuppel anzudocken, also direkt „von oben“ auf dem „Deckel“ der grob mülltonnenförmigen Station, wo sich das Schiff dann gemächlich mit der Station um die eigene Längsachse drehen würde, bis sie wieder ablegten. Während sie sich wirklich im Schneckentempo die letzten Meter an das Dock heranschlichen, bewegten sich seitlich bereits Auswüchse der Station auf das Schiff zu, die die größere Frachtluke im Visier hatten. Es wurden also mindestens zwei Verbindungen zwischen Schiff und Station geschaffen. „Haben wir etwa Fracht...“ begann Frans neugierig, und unterbrach sich, weil er im gleichen Moment schon die Daten bekam, die Kay reagierte echt fix auf seine Anfrage.
„Haben wir, selbstverständlich.“ erwiderte Siwa. „Raumfahrt ist verdammt teuer, selbst wenn sie mit beinahe selbstversorgenden Raumschiffen wie einer Hammer-SyMOr stattfindet. Deshalb achtet jeder Kapitän darauf, die einzelnen Häfen so sparsam und gewinnbringend wie möglich anzufliegen und zu jeder Zeit die Frachträume mit Nutzlast gefüllt zu haben, so viel wie die Triebwerke gerade noch verkraften. Außer Fracht haben wir auch Post und Neuigkeiten dabei, alles auf Datenträgern natürlich. Vor allem auf Raumstationen herrscht immer Bedarf an so ziemlich allem was Sie sich vorstellen können, von Biomasse für die Biokonverter bis zum neusten Klatsch und Tratsch von anderen Welten. Während wir dem Chef von Otrona II unsere Aufwartung machen, wird automatisch entladen, was für die Station bestimmt ist, und alles eingeladen, was wir zurück nach Nh´Nafress oder später nach Dhoan-Sek oder zur Erde mitnehmen sollen. Natürlich überprüft die Kay alles auf unerwünschte Bestandteile, von Ungeziefer über blinde Passagiere bis zu Bomben. In dieser Hinsicht kann man nie vorsichtig genug sein.“ 
Gleich danach war das Andockmanöver vollzogen, und Siwa und Frans quälten sich abermals mit ihren unzulänglichen menschlichen Körpern ab, sobald ihre Direktverbindung mit dem Schiff unterbrochen war. Abermals machte Siwa kein Zeremoniell aus dem Aussteigen, er prüfte lediglich, ob die Dockverbindung auch tatsächlich sicher mit Druck und Atmosphäre versorgt war - halte im Weltraum niemals etwas für selbstverständlich, bevor du es nicht selbst überprüft hast, meinte er dazu - und dann glitt schon das zweite dicke Schleusentor vor ihnen auf, und sie standen in der fremden Station. Zumindest der Dockteil sah auch nicht anders aus als in Otrona I, befand Frans bald, während sie die geschäftige Zone durchquerten.
„Die Besatzung von Otrona II ist im Schnitt etwas anständiger als die auf der Schwesterstation. Die echten Gangster haben sich damals bei der Invasion alle auf Eins geflüchtet, und später haben wir darauf geachtet, „wir“ heißt die Sfarrk, die Matrixtechniker und ein paar andere, daß von den wirklich üblen Delinquenten keiner zurückkehren konnte. Sollten Sie mal auf einem Otrona in die Bredouille kommen, flüchten Sie zu den Sfarrk, die sind uns M-Tecs grundsätzlich wohlgesonnen.“ erzählte Siwa auf ihrem Weg. Abermals wußte er genau, wo er hinwollte, wo es Durchgänge gab und wie man auf der Station am schnellsten vorwärts kam. 


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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #28 am: 2. Dezember 2015, 09:28:26 Uhr »
„Sagen Sie mal, was ist das für ein Ding da?“ deutete Frans. „Das folgt uns hartnäckig, seit wir hier angekommen sind. Ist das eine Drohne oder so?“
Siwa sah sich um, konnte aber nichts entdecken, was wie eine Drohne aussah.
„Wo?“ fragte er. „Wie sieht es aus?“
„Na, da.“ deutete Frans wieder. So auffällig wie das Teil hinter ihnen herschwebte, fragte er sich, wie Siwa es übersehen konnte. „Sieht aus wie... na ja, wie ein altmodischer Digitalwecker. Nur daß es schwebt und die Zahlen rückwärts ablaufen. Ist das ein Countdown - eine Bombe vielleicht?“ Machte der „Stern der Verbrecher“ etwa ausgerechnet jetzt seinem Namen alle Ehre?
Siwa zwinkerte verdutzt, starrte dorthin, wo Frans hinwies, und drehte sich dann zu ihm. „Geben Sie mir Ihre Hand.“ forderte er.
„Häh?“ machte Frans, aber gehorchte. Händchenhaltend, guckte Siwa noch mal hin, und dann fiel hörbar der metaphorische Groschen. Er lachte, und drehte sich wieder Frans zu. „Sorry, das konnte ich nicht sehen, weil das Ding nur Ihnen ins Hirn eingepflanzt wurde, es ist eine Art ins Hirn einprogrammierte Fata Morgana, vermutlich ist das während des Lehrprogramms passiert. Erst durch diese Berührung kann ich es per telepathischen Kontakt ebenfalls wahrnehmen. Hat man Ihnen irgendeine Frist mitgeteilt, wie lange Sie hierbleiben würden?“
Frans überlegte, und dann erinnerte er sich. „Drei Tage Probezeit, hieß es auf dem Vertrag. Sie meinen...“
„Die Uhr ist ein dezenter Hinweis darauf, wie lange Ihnen hier noch bleibt, bevor man Sie zurückschickt. Sobald die Frist abgelaufen ist, verschwindet die Illusion. Sieben Stunden ist nicht gerade viel.“ Denn so viel zeigte der rückwärts laufende Countdown noch an. „Das reicht nicht mehr, die Ladearbeiten abzuwarten, darauf zu warten, daß Carolus wieder auftaucht und den Start nach Nh´Nafress einzuleiten. Also suchen wir erst Ektheb heim und gehen danach auf Sightseeing, so viel die Station hergibt. Wie wäre es, zum Beispiel die Sfarrk zu besuchen, die Brutmutter in ihrer gut gesicherten Höhle? Das bekommen Sie sonst auf keiner Touristentour zu sehen, die Sfarrk lassen längst nicht jeden zu ihrer Königin.“
Das klang interessant. Frans nickte. „Sagen Sie, was haben die mir sonst noch alles ins Gehirn gepflanzt?“ fragte er aber mit Besorgnis.
„Keine Ahnung, aber mit Sicherheit nur Dinge, die Sie brauchen könnten oder werden. Bei Anfängern halten sich die Benu mit ihren hinterhältigen Streichen noch zurück, sie verschwenden ihre fiesen Ideen nicht an Personen, die noch nicht gelernt haben sie wertzuschätzen.“ Und dazu zog Siwa eine lustige Grimasse, weil er damit anscheinend schon Erfahrungen hatte.
Da konnte Frans einfach nicht böse sein, er entspannte sich wieder. Und ließ sich gerne von Siwa weiter durch die Station führen. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis sie ihr Ziel irgendwo in der Mitte der in viele Sektoren aufgeteilten Station erreichten.
„Da drüben geht es zur hiesigen Version des Parlamentssitzes. Drüben auf Eins heißt das Gebäude übrigens „Can Tuan“, weil es ursprünglich eine üble Räuberkneipe mit diesem Namen war, wo die Piratenhäuptlinge von Otrona residierten und regierten, während sie sich die Birnen zusoffen.“ deutete Siwa mit Wink zur historischen Vergangenheit der Raumstation. „Ich habe im Anflug die Termine abgefragt, im Moment stehen keine Versammlungen oder andere Termine des Stationsrats an, weshalb wir Ektheb wahrscheinlich bei sich zuhause antreffen. Er weiß bestimmt schon, daß mein Schiff hier angelegt hat, aber ein Anstandsbesuch gehört sich eben. Vor allem wenn ich einen Gast auf die Station mitbringe.“
„Warum bleibt er eigentlich, oder wird geduldet, wenn er doch explizit ein Gangster ist?“
Abermals schnitt Siwa eine Grimasse, aber diesmal sah sie nicht erfreut aus. „Ektheb hat sich etwas eingefangen, worauf sowohl die Benu als auch die M-Tec ein Auge haben, deshalb ist er hier quasi interniert.“ verriet er. „Er würde für sein Leben gern auf Eins mitmischen, den dortigen Chef Andreou, den er für ein Weichei hält, entthronen und dann die Puppen tanzen lassen, aber er weiß inzwischen, daß es auch zu seinem eigenen Wohl ist, wenn er hierbleibt. Also mimt er nach außen hin den Chef von Zwo, geduldet von uns M-Tecs, und liegt im wesentlichen auf der faulen Haut, weil er in Wahrheit wenig zu melden hat, weil der größte Teil der Amtsgewalt in den Händen des Rates und der Sfarrk liegt. Und solange wir keinen Weg finden, ihn von seiner unerwünschten Last zu befreien - was wir sofort täten, wenn wir wüßten wie - wird sich am Status Quo nichts ändern.“
Frans spürte, daß Siwa ihm soeben nicht alles erzählte, was es darüber zu sagen gab, aber er ließ es durchgehen. „Ist es ansteckend?“ fragte er sicherheitshalber. „Was er sich eingefangen hat, meine ich.“
„Jein.“ grinste Siwa schon wieder. „Sobald diese Gefahr eintritt, kommt er sofort in Einzelhaft, und wir lassen nur jemanden zu ihm, der sich der Sache würdiger erweist als Ektheb. Das was er hat und gerne loswerden möchte, möchten nämlich andere für ihr Leben gern haben und können nicht. - Dumm gelaufen, die ganze Geschichte.“ Und mit dieser kryptischen Bemerkung trat er ein, durch eines der dicken Schotts, die auf der Raumstation als Haustüren Standardausstattung waren, nickte in die Richtung, in der vermutlich eine Überwachungskamera eingebaut war, und kündigte laut an: „Siwa Hendricks und ein Gast von der Erde, Frans Hauser. Zu Ektheb, bitte.“
Ein darauf folgendes elektronisches Geräusch bestätigte, daß irgendeine versteckte Sicherheitsautomatik die Identität der beiden erfaßt, sie bestätigt beziehungsweise im Fall von Frans neu abgespeichert hatte, und daß der Wohnungsinhaber per Signal über die Besucher informiert worden war. Ein anderer elektronischer Ton zeigte an, daß der Zutritt erlaubt war, erneut öffnete sich eine Drucktür, die zusammen mit der Außentür eine komplette Schleuse bildete und somit einen Schutz für die dahinterliegenden Wohnräume, falls der Gang draußen aus irgendeinem Grund plötzlich seine Atmosphäre verlor - womit auf einer verletzlichen Raumstation immer zu rechnen war. Hinter dieser zweiten Tür lag ein Gang, von dem eine Reihe von Türen abzweigten, die Standardmaß besaßen, das hier um einiges größer war als bei Eingangstüren auf der Erde, jedoch individuell gestaltet mit Farbe und aufgetragenen Reliefs. Siwa tigerte schon auf eine der Türen zu, die sich bei seiner Annährung öffnete. 
Dahinter erstreckte sich ein für die Verhältnisse einer Raumstation relativ großer Raum, in dessen Mitte ein am Boden befestigter ziemlich großer Tisch bewies, daß dieser Raum des öfteren als inoffizielle Versammlungsstätte genutzt wurde. Zu allen Seiten gingen Türen ab, die größtenteils offen standen und hinter denen sich Schlafgemächer, Wohnzimmer, eine Küche und die hiesige Version des „heimlich Gemach“ befanden. Herumliegende Kleidungsstücke und Essensbehälter und bunt herumgepuzzelte andere Besitztümer bewiesen, daß der Bewohner dieses Appartments es nicht so sehr mit Ordnung hatte, alles in allem also eine typische Junggesellen-Bude. Für die allernötigste Sauberkeit sorgten vermutlich auch hier kleine technische Heinzelmänner.
Der Herr über das alles stand am Kopfende des langen Tisches, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickte ihnen entgegen, und Frans hatte den Eindruck, daß sie ihn gerade aus dem Bett geworfen hatten, obwohl er komplett angekleidet war. Vielleicht hatte er vom Dock her eine interne Vorwarnung erhalten, daß Siwa zu ihm unterwegs war. Frans musterte den Fremden voll Interesse, diesen Chef einer außerirdischen Raumstation -- und zwinkerte verblüfft, weil er sofort, beim ersten Anblick des „Gangsterhäuptlings“, ein unverkennbares Déjà-Vu hatte. Verdammt, er kannte diesen Mann, diesen außerirdischen Mischling, er hatte ihn schon irgendwo einmal gesehen, so unmöglich das schien, er zermarterte sich das Gehirn über das wo und wie - und erst dann fiel es ihm ein. Ektheb war ein vollkommenes lebendiges Ebenbild der Figur „Sabertooth“ aus den Marvel-Comics, die Frans zuhause hin und wieder an Comicständen erblickte. Die blonde Haarmähne, die breite, kräftige Figur mit schwellenden Muskeln unter dem dünnen, eng anliegenden Overall, das breite, katzenähnliche Gesicht mit der breiten Katzennase und den spitzen Ohren, dazu die nicht ganz einziehbaren langen und spitzen Krallen an den Händen - Ektheb hätte kein einziges Quentchen Schminke oder gar eine Maske benötigt, um in einem „Wolverine“ - Film den bösen Antagonisten zu spielen.
Und als jetzt Ektheb den Mund öffnete, um etwas zu sagen, waren sogar die deutlich verlängerten Reißzähne, die Sabertooth seinen Namen verliehen hatten, deutlich zu sehen.
Der Sabertooth der Comics war ein gnadenloser Killer, erinnerte sich Frans ernüchtert, jemand, der aus reinem Vergnügen tötete und sich danach das Blut seiner Opfer von den Krallen leckte. Kein Wunder, daß Siwa ihn gewarnt hatte -- und jetzt würde es ihm bestimmt nicht schwerfallen, in Ekthebs Nähe jederzeit wachsam zu bleiben.
„Schau mal an, was die Katze anschleppt.“ spottete Ektheb als Begrüßung. „Der Speichellecker der großen Bosse. Daß du dich auch mal wieder blicken läßt. Bist wohl zu fein geworden für die Ganoven von Otrona, was?“
„Leck mich, Alter. Als ob mich der Anblick deiner Visage hertriebe.“ revanchierte Siwa  sich grinsend.
Frans merkte sofort, die beiden verstanden sich prächtig, wie alte Kumpane der Landstraße, die so manchen Strauß zusammen ausgefochten hatten. Ekthebs Blick konzentrierte sich auf Frans.
„Und wer sind Sie?“ Das kam ziemlich herablassend, angemessen der Begleitung von Frans. Subtilität war nicht gerade Ekthebs Stärke.
„Guten Tag, mein Name ist Frans Hauser. Siwa hat mich auf Otrona Eins aufgelesen, wo die Benu mich ohne mein Zutun und ohne Vorwarnung abgesetzt hatten, und das ist so ungefähr die ganze Geschichte.“ Auf ein Händeschütteln oder zumindest Nähertreten verzichtete Frans lieber, da Siwa gleichfalls darauf verzichtet hatte, zu Ektheb aufzurücken. Ein höflicher Gruß samt leichter Verbeugung, nicht ganz so wie bei den Sfarrk, aber ansatzweise, mußte genügen, bis Frans sein Gegenüber besser einschätzen konnte.
„Was hat er Ihnen über mich erzählt?“ fragte Ektheb neugierig.
„Daß Sie ein Gangster sind und ich mich von Ihnen fernhalten soll.“ Mr. Mangelnde Subtilität, triff dein Gegenstück. Ein Blick zu Siwa - aber der grinste frech und streckte Ektheb die Zunge heraus, was er sich leisten konnte, weil er ja ein paar Meter entfernt stand, vermutlich knapp jenseits der Distanz, die der Halb-Dhoanor mit einem einzigen Sprung zurücklegen konnte.
„Ha!“ lachte Ektheb, und er sah nicht verschnupft aus, soweit Frans das beurteilen konnte, eher amüsiert. 
„Ein Mann, der sich wahre Worte auszusprechen traut. Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Schauspieler. Die Benu haben mich engagiert, um eine Rolle zu spielen. Die eines Weltraumhelden aus uralten billigen Romanen von der Erde.“
„Ha!“ machte Ektheb abermals. „Echsen, die sich für Helden halten, haben wir auf der Station genug. Dafür hätten sie niemand von der Erde herschicken müssen.“ - Und zu Siwa gewandt: „Und du, deine Tracht Prügel kannst du dir später abholen.“
„Fang mich erst mal, alter Mann!“ gab Siwa frech zurück. Er blieb wo er war, dachte gar nicht daran, sich näher an Ektheb heranzuwagen. 
„Die Jugend von heute.“ seufzte Ektheb, wie vertraulich an Frans gewandt. „Man hätte sie noch im Nest erwürgen sollen.“
Frans schluckte, aber die Bemerkung schien rhetorisch gemeint.
„Die Benu machen jetzt auch TriVi?“ fragte Ektheb. Smalltalk, die Antwort interessierte ihn sichtlich nicht.
„Ich weiß nicht, ob es TriVi wird oder ein klassischer Film fürs Kino. Die ersten Testaufnahmen haben jedenfalls ganz gut ausgesehen.“ antwortete Frans.
„Der Hauptteil der Aufnahmen wird auf Nh´Nafress stattffinden.“ erklärte Siwa, um anzudeuten, daß  sie für die meiste Zeit aus Ekthebs Haaren heraus sein würden. „Vielleicht fängt man hier ein bißchen Lokalkolorit ein, Weltraumspaziergänge, eine kleine Verfolgungsjagd mit Bösewichten oder so. Das Drehbuch ist noch nicht fertiggestellt. Es könnte aber sein, daß man Motive der Invasion von damals mit einbaut, zusammen mit ein paar Sachen, die auf Nh´Nafress vorgefallen sind.“
Da gingen bei Ektheb sichtbar die Ohren hoch. „Na hoffentlich kriegen sie das ordentlich hin. Wenn das ein Film für irdisches Publikum wird, werden am Ende die Invasoren noch als Helden dargestellt, oder was?“
„Keine Panik, ich war damals auch dabei, wie du weißt. Ich werde ein Auge oder zwei auf die historische Korrektheit haben.“ dämpfte Siwa ihn sofort. „Außerdem geht es vermutlich mehr um die Hintergründe. Dieser komische Aztekenpriester hat mir schon damals zu denken gegeben, und später, nach Nh´Nafress, hätte ich schwören mögen, daß der unbekannte Feind da die Hände im Spiel hatte. Und ich werde das Gefühl nicht los, daß mehr hinter dem ganzen Filmprojekt steckt. Frans stammt nämlich nicht von heute, sondern aus der irdischen Vergangenheit, er wurde extra per Zeitreise hierherteleportiert, um seine Rolle zu spielen.“
Da machte Ektheb große Augen, mit denen er Frans erneut anstarrte.
„Zeitreise.“ machte er dann tonlos. Verdammt großer Aufwand für zwei Stunden Flimmerzone, sagte er nicht laut, aber das mußte er auch nicht.
„Also gut.“ sagte er dann abrupt, ohne weitere Fragen zu stellen, und wedelte mit beiden Pranken. „Anstandsbesuch akzeptiert, raus mit euch beiden. Ich hab noch zu tun.“
Das ließ sich Siwa nicht zweimal sagen, winkte Frans per Fingerzeig zu sich und zog ab, bevor  Ektheb es sich anders überlegen konnte. Erst draußen, vor der äußeren Eingangstür und jenseits der Hörweite der Mikrophone des Eingangs, tat er den Mund auf.

Offline DAOGA

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Re: CF der Film - Version 2772
« Antwort #29 am: 22. August 2016, 17:55:00 Uhr »
„Na, das lief ganz gut. Beim ersten Beschnuppern von Neuankömmlingen versucht Ektheb immer, sich zivilisiert zu geben, das könnte allerdings bei der nächsten Begegnung schon ganz anders aussehen. Das mit den Sfarrk als Schauspieler war übrigens eine Beleidigung, aber Sie haben zum Glück nicht darauf reagiert. Er hält nicht viel von den Sfarrk, im Unterschied zu mir. Ich weiß genau, was wir hier auf Otrona an ihnen haben, ohne sie würde hier binnen kurzem alles zusammenbrechen. Jetzt hat er aber erst mal etwas, auf dem er herumkauen kann, mit dem Filmprojekt, Ihrer Herkunft und der Verwicklung mit dem unbekannten Feind. Ektheb hat die Invasion damals verdammt krumm genommen, schließlich war er bis dahin und zur Sprengung von Otrona der Herr im Haus, und er reagiert verdammt allergisch auf alles, was mit dem unbekannten Feind zu tun haben könnte. Ihm schwant jetzt wahrscheinlich schon, daß dieses Filmprojekt vielleicht als Köder dienen soll, um Agenten des unbekannten Feindes aus der Deckung zu locken, und da will er bestimmt mitmischen wollen, wenn es soweit ist. - - So lautet jedenfalls meine Einschätzung. --“
Auch Frans hatte gemerkt, wie die Erwähnung des unbekannten Feindes samt Zeitreise Ektheb stocken ließ. Das letztere Prinzip schien ihm vertraut, kein Wunder vermutlich, wenn der Gangster jemanden wie Siwa kannte, der für jede Art von Schwachsinn gut war.
„Das mit dem Köder - meinen Sie das wirklich so?“
„Anders kann ich mir diesen Aufwand nicht erklären, und Ektheb ebensowenig. Ich bin echt gespannt, was nach Ablauf Ihrer Frist hier passiert. Vermutlich schickt man Sie erst mal zurück in Ihre Zeit, um Ihre Sachen dort zu erledigen, mit dem Brand und was man sonst für wichtig hält. Die Dreharbeiten sollen ja hier stattfinden, denn zu Ihrer Zeit hatte man die Holo-Technologie noch nicht, die in dieser Zeit fürs TriVi selbstverständlich ist. Denken Sie an die Testaufnahmen, die wir gesehen haben.“ Frans erinnerte sich - verdammt, war das wirklich erst gestern gewesen? Die Zeit flog hier nur so, bei all dem Neuen, das er in jeder Minute lernte...
„Wie haben Sie Ektheb kennengelernt?“
„Wir kannten uns schon vor der Invasion. Ich wollte mal Archäologe werden, bevor das mit den M-Tecs aufkam, wissen Sie, oder wenigstens ein Indiana-Jones-Verschnitt, Abenteurer und Grabräuber wie einige meiner Vorfahren. Und dabei geriet ich mit Ektheb aneinander, der es auf das gleiche kostbare antike Fundstück abgesehen hatte wie ich. Er war ein wenig schneller. Aber bald stellte sich heraus, daß etwas weniger Gier von seiner Seite für ihn besser gewesen wäre, denn das Fundstück entpuppte sich als hinterhältiger Trojaner, der Ektheb das verpaßte, woran er seitdem leidet. Dumm gelaufen.“ grinste Siwa wieder.
„Er sah aber gar nicht krank aus.“
„Es ist auch keine Krankheit, jedenfalls nicht, wenn man keine daraus macht. Das erkläre ich Ihnen aber ein anderes Mal, weil das eine wirklich lange und unglaubliche Geschichte ist. Und stellenweise auch peinlich für alle Betroffenen.“ Er feixte weiter, ihm schien es keineswegs peinlich zu sein.
„Wo sind wir hier gerade?“ Weil ihre Umgebung irgendwie - fabrikmäßig wirkte, kaum noch Eingänge zu Wohneinheiten auf beiden Seiten, dafür lange kahle Wände, hin und wieder unterbrochen von Toren, die breit genug waren für die elektrischen Transporter, die hier und da mit Containern und anderer Fracht beladen ihrer Wege fuhren, und es gab auch keine Grünanlagen mehr, die in den Wohnvierteln für Luftverbesserung sorgten, vermutlich weil man hier den Platz in den Gängen für rangierende Fahrzeuge brauchte. Die wenigen Personen, die zu sehen waren, wirkten geschäftig und trugen zumeist grobe Arbeitsanzüge, und die meisten von ihnen waren Sfarrk, die auf der Station für alle Arten von manueller Tätigkeit zuständig zu sein schienen.
„Das ist das Fabrikviertel.“ bestätigte Siwa. „Die Rohstoffe, die auf Sonabir gewonnen werden, werden dort gleich ausgeschmolzen oder sonstwie gereinigt, anschließend werden sie hier weiterverarbeitet und in manchen Fällen zu Teilfertigerzeugnissen weiterveredelt. Auf diese Weise bleibt wenigstens ein Teil der Wertschöpfung auf Otrona, die Raumstationen leben zu einem guten Teil davon, nachdem die traditionelle Freibeuterei hier draußen so gut wie nichts bringt. Dann wird alles verpackt und mit dem nächsten abfliegenden Raumschiff an sein Ziel geschickt. Sie haben draußen sicher die Schiffe mit der Piratenflagge gesehen, das sind die Schiffe, für die die beiden Otronas Heimathafen sind. Aber auch jedes andere Schiff, das hier anlegt, erhält seinen Teil der Fracht zugewiesen, je nachdem wohin es anschließend fliegt. Wenn ich später zum „Feuerzahn“ zurückkehre, werden bestimmt schon jede Menge Charterverträge für Lieferungen nach Shive, Dhoan-Sek und Nh´Nafress auf mich warten, die ich überprüfen und absegnen muß.“
„Ist das Ihr Berufswunsch, Raumschiffskapitän?“ fragte Frans neugierig.
„Nein, das nicht gerade.“ lächelte Siwa. „Aber es kommt mit dem Job als M-Tec, weil wir ziemlich oft allein irgendwohin geschickt werden, da wäre es praktisch, selber fliegen zu können. Und mit einer Hammer-SyMOr und den ganzen Hypno-Programmen ist das ja nicht gerade schwierig, wie Sie schon gemerkt haben. In ein normales Raumschiff von der Erde dürften Sie mich damit allerdings nicht setzen, die benötigen wirklich gute und erfahrene Piloten.“
Dann trat er vor und sprach eine Sfarrk an, die gerade ihrer Wege ging. Dabei war er genauso höflich wie die Sfarrk, verbeugte sich zuerst und entschuldigte sich für die Belästigung, bevor er sein Anliegen vorbrachte. Und die Sfarrk ließ sich nicht lumpen und verbeugte sich eifrig retour, während sie versprach, das Anliegen schleunigst weiterzugeben. Ein blondhaariger Junge von der Erde und eine außerirdische braungeschuppte, vierarmige,  aufrechtgehende, schlanke Eidechse mit scharfen Krallen und Zähnen - und sie gingen miteinander um wie zwei Klischee-Japaner, lieber eine Verbeugung zu viel als zu wenig und so höflich und förmlich wie es nur ging. Deshalb bemühte sich auch Frans mit einer Verbeugung, als die Augen der Echse sich neugierig auf ihn richteten, bevor sie jäh davonschoß.
„Sfarrk sind fix, das dauert nicht lange, bis wir eine Antwort bekommen.“ grinste Siwa locker. „Diese Echsen sind übrigens alles Arbeitsdrohnen. Die echten reinrassigen Sfarrk, also die Kaste der oberen Zehntausend, sehen aus wie abgebrochene Tyrannosaurier, aber von denen gibt es hier auf Otrona keine ständigen Bewohner. Nur Shastisa, der Botschafter des Sfarrk-Imperiums, der für Kontakte mit Menschen und Dhoanor zuständig ist, läßt sich des öfteren mal auf Eins blicken, weil er gut Freund mit Andreou ist. Mit ihm wagen die Piraten von Eins nicht anzubinden, weil sein Botschafterkahn für hiesige Begriffe riesengroß und bis zu den Zähnen bewaffnet ist. Mit den großen Städteraumschiffen der Sfarrk könnte man den Film „Independence Day“ nachspielen, so riesig sind die. Deshalb, unterschätzen Sie niemals die Sfarrk, egal wie devot sie sich geben, sie sind ein ernstzunehmender Machtfaktor in diesem Teil der Milchstraße.“
„Gibt es auch Auseinandersetzungen? Sternenkriege?“ fragte Frans.
Siwa schüttelte den Kopf. „Unterschiedliche Spezies bedeuten unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Interessen und Einstellungen. Deshalb kommt man mit ein wenig Verhandlungen meistens klar. Anfängern in interstellarer Diplomatie wird immer das alte Gleichnis von den drei Typen erzählt, die sich um einen Korb Obst stritten. Am Ende stellt sich heraus, daß der eine das Obst wegen seines Fruchtfleisches haben will, aus dem er Saft macht, der zweite will die Kerne haben, und der dritte braucht die Schalen. Mit einer vernünftigen Übereinkunft profitieren alle drei, ohne daß einer übervorteilt wird oder sie sich Konkurrenz machen. Notfalls wird eine weitere Partei als Vermittler eingeschaltet, wenn es Übersetzungsprobleme gibt oder rassenspezifische Denkblockaden entdeckt werden. Die einzige Macht, die ein echtes Problem ist, ist der Unbekannte Feind, weil dessen Beweggründe unbekannt sind und er immer wieder aus dem Hinterhalt zuschlägt. Mit Wesen, die nicht kommunizieren wollen, kann man nicht verhandeln.“
„Und die Benu?“
„Die gelten als unberechenbare Querschläger, die gerne mal althergebrachte Strukturen durcheinanderrütteln, um neue Richtungen aufzuzeigen oder neue Entwicklungen anzustoßen. Frei nach dem Motto, es muß zuerst wehtun, damit es heilen kann, und man kriegt kein Omelette ohne zerschlagene Eier. Für die Betroffenen akut jeweils unerfreulich, aber auf lange Sicht meistens nützlich. Ich habe ja schon erwähnt, daß diese Wesen einen ganz besonderen Einblick in Zeitabläufe haben, sie wissen um die möglichen Folgen jeder Handlung, noch bevor sie überhaupt stattfindet, und können dementsprechend ihren Interessen gemäß manövrieren.“
Während sie hier gewichtige Informationen austauschten, waren sie weitergeschlendert, und jetzt trat ihnen eine auffällig hell gefärbte Echse in den Weg. Eine mit Bedeutung, weil sie eine Art Schärpe trug, wie sie schon auf der alten Erde die Würdenträger auszeichnete. 
Sie sprach Siwa in ihrer Sprache an, wobei sie sich eifrig verbeugte und mit allen vier Armen gestikulierte. Und Siwa antwortete in gleicher Zunge, wobei er die Verbeugungen ausführlich zurückgab und mit seinen zwei Armen zu wenig tat, was er konnte. Frans verstand natürlich kein Wort, weder mündlich noch in Gesten, aber jedesmal wenn es ihm angemessen schien oder die Sfarrk ihn anzusehen schien, imitierte er die Verbeugungen. Wie bei den Japanern, dachte er wieder und fühlte sich trotz der exotischen Szenerie ganz und gar nicht fremd. 
Dann sagte Siwa zu ihm: „Das ist die Wächterin der inneren Tore, die unmittelbaren Zugang zur Brutmutter hat. Es ist eine große Ehre, daß sie sich aus dem Nest herausbewegt, um uns selbst zu begrüßen und zu führen, aber ich sagte ja schon, daß wir M-Tecs bei den Sfarrk einen hohen Stellenwert haben. Ein Neuling wie Sie ist immer interessant, vor allem wenn ich ihn einführe, weil ich seit der Invasion damals als ein Beschützer des Nests gelte. Das ist ein Titel, den Nicht-Sfarrk nur selten erwerben können.“
Die Sfarrk winkte ihnen zu folgen, und sie folgten. Durch ein unscheinbares Druckschott in einer genauso unscheinbaren Seitengasse des Industriekomplexes, und dann ging es durch ein Gewirr von Gängen, über Treppen und durch Durchschlüpfe über technische Vorrichtungen hinweg und darunter hindurch, die die hochgewachsene, schlanke Sfarrk mit bewundernswerter Behendigkeit hinter sich brachte, Frans mit seinen breiten Schultern dagegen eckte mehrfach an.
„Machen Sie sich nicht die Mühe, sich den Weg zu merken.“ bemerkte Siwa unterwegs. „Die Sfarrk bringen uns auch wieder hinaus, und gleich darauf werden alle Wege, die wir gegangen sind, so gut versiegelt, als hätten sie nie existiert. Das ist hier drin wie in diesem alten Spiel vom verrückten Labyrinth, alles ist beweglich oder leicht abzuriegeln und die wenigen Besucher gehen nie den gleichen Weg zweimal. Wir werden auch nicht in die eigentliche Brutkammer geführt, sondern nur in eine weit abgelegene Audienzkammer, die danach abgeschottet und zu ganz anderen Zwecken benutzt wird. Die Sfarrk sind sehr auf Sicherheit aus, wenn es um das Herz ihres Staates geht, das gilt für die Drohnen genauso wie für die reinrassigen Exemplare auf ihrer Heimatwelt. In ihr Nest kommt niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis. Wer es doch versuchen sollte, muß sich mit Unmengen an Fallen, Sackgassen und scharfen Zähnen und Krallen aus allen Richtungen auseinandersetzen.“
„Noch irgendwelche Ratschläge?“
„Machen Sie mir einfach alles nach. Je höher der Würdenträger, mit dem wir es zu tun bekommen, um so tiefer die Verbeugungen. Der Rang ist erkennbar an der Menge an roten Verzierungen in den Gesichtern. Überlassen Sie mir das Reden, und antworten Sie nur, wenn Sie direkt angesprochen werden. Versuchen Sie nicht zu protzen oder zu übertreiben, das kommt bei Sfarrk gar nicht gut, schon gar nicht wenn es als Übertreibung erkennbar ist. Vornehm tiefstapeln lautet hier die Devise, und immer noch ein Stück tiefer, gutes altes englisches Understatement.“
Ein von zwei bewaffneten Sfarrk links und rechts bewachtes Metallschott öffnete sich vor ihnen, und dann standen sie in dem Audienzraum. Dem mit reichlich samtenen Vorhängen an allen Wänden, angenehme Düfte absondernden verschnörkelten Gefäßen, Zierpflanzen und einer ganzen Landschaft aus Teppichen und Lederkissen auf dem Boden eine Art altorientalisches Flair verliehen worden war. In dieser Landschaft stand entlang der Wände ein ganzer Halbkreis aus Sfarrk, die ihnen entgegenblickte, und an den verwittert wirkenden Häuten der Echsen und dem vielen blutigen Rot an ihren Schnauzen, ein Mix aus Farbe und dauerhaften Tätowierungen, die von den persönlichen Errungenschaften jedes Individuums sprachen, erkannte selbst Frans, daß er es hier mit wichtigen Persönlichkeiten zu tun hatte. Die Sfarrk waren ihrem Rang nach aufgereiht, und sofort begann ein eifriges gegenseitiges Verbeugen,  vom Niedersten bis zum Höchsten, bei dem Frans eifrig imitierte, was Siwa vorgab. Sicherheitshalber verneigte er sich noch ein wenig tiefer als sein Begleiter, das konnte nicht schaden, dachte er sich, weil Siwa den Sfarrk bekannt war, er jedoch nicht. 
Anschließend bedeutete Siwa seinem mitgebrachten Gast, daß sie sich zu setzen hatten, auf dicken Matten an einer der niedrigsten Stellen im Raum. Die dicken Lederkissen waren für die Alien-Würdenträger reserviert, die deswegen weit über den Besuchern aufragten, wie es Sitte war bei den Sfarrk.