Autor Thema: Nasskalt erwischt  (Gelesen 1506 mal)

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Offline Lost In Space

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Nasskalt erwischt
« am: 19. Juni 2012, 21:54:49 Uhr »

Hallo zusammen,

wollte nur kurz mal reinschauen und ein Lebenszeichen von mir geben :)

Als "Entschuldigung" für die lange Abstinenz hab ich eine kleine Geschichte aus dem Terra-Team-Universum mitgebracht. Ich hoffe, sie gefällt euch.

 8)


Nasskalt erwischt

Ich war noch niemals in Atlanticana gewesen. Deswegen nahm ich Cliffs Einladung ohne zu zögern an. Natürlich war mir klar, dass mein Kollege nur daran interessiert war, seiner legendären Eroberungsliste ein weiteres Opfer hinzuzufügen, aber wenn mir seine überschäumende Libido die Chance ermöglichte, die mysteriöse Stadt auf dem Grund des Atlantischen Ozeans mit eigenen Augen zu sehen, sollte er es ruhig versuchen.



„Grade mal zwei Kontrollen auf dem Weg hierher“, spottete ich, als er mich an der Außenschleuse Nord in Empfang nahm. „Das ist eure gefürchtete Rundum-Überwachung?“

„Bei dir reicht das vereinfachte Verfahren. Du bist bei der Raumpatrouille und deshalb sowieso schon zwanzigmal durchleuchtet“, entgegnete er ungerührt und hauchte einen Kuss auf meine Wange. „Willkommen in Atlanticana. Ich hab dir einen unvergesslichen Abend versprochen. Und du weißt, ich neige zu Untertreibungen.“
Er bot mir seinen Arm an.

„Irgendwann rächt sich deine große Klappe.“ Kopfschüttelnd hakte ich mich unter, und er zog mich hinüber zu den innerstädtischen Transportkapseln.



„Nicht viel los hier bei euch.“ Wir waren die einzigen Passagiere in dem für mindestens zehnmal so viele Personen ausgelegten Transportmittel.

„Hab ich extra so arrangiert“, erwiderte er und grinste breit. „Für den Fall, dass du über mich herfallen willst.“

„In deinen Träumen, Johansson.“ Ich plumpste in einen der umlaufenden Sitze. Meine Füße brannten und ich wünschte mir meine ausgelatschten Leinenschuhe anstelle dieser elendig hochhackigen Stiefeletten.

„Dort machst du noch ganz andere Sachen, Vallo.“

Kurzzeitig war ich ernsthaft versucht, ihm das unverschämte Grinsen mit einem der mörderisch spitzen Absätze aus dem Gesicht zu treiben, ließ es aber bleiben. Wer weiß, ob die örtlichen Guardians mein Handeln ebenfalls als Notwehr betrachtet hätten. Stattdessen räkelte ich mich völlig undamenhaft in meinem Sitz und strafte ihn mit Missachtung.



Das schrille Kreischen traf mich völlig unvorbereitet. Ich schoss aus dem Sitz und knickte dabei mit diesen dämlichen Schuhen um. Ein stechender Schmerz raste durch meinen linken Knöchel und ich sackte zurück auf den Sitz, während unsere Transportkapsel zitterte und bebte. Einen Wimpernschlag später knallte es ohrenbetäubend und die Welt um mich versank in nachtschwarze Totenstille.

„Cliff?“

Keine Antwort.

„Johansson, bist du ok?“

Ein Stöhnen drang aus der Dunkelheit. „Hab mir den Kopf an der Konsole angeschlagen. Bei dir?“

„Linker Knöchel, vermutlich verstaucht. Was zum Teufel ist hier passiert?“

Schritte tappten auf mich zu. Eine Hand patschte suchend an der Wand entlang, über meinen Kopf, dann quietschte es links neben mir. „Keine Ahnung, Kay“, gestand er. „Muss wohl irgendwas die Tunnelröhre beschädigt haben.“

„Tolle Aussichten in zweihundert Metern Tiefe.“

„Zweihundertdreißig.“

„Als ob das noch einen Unterschied machen würde“, schnaubte ich und befühlte meinen geschwollenen Knöchel.

„Die Dinger hier sind für viel höhere Drücke ausgelegt, da passiert nix.“

Eingeschlossen in einen zerbeulten Zylinder aus Altmetall und mit mehreren hunderttausend Tonnen Meerwasser über dem Kopf konnte ich Cliffs Optimismus nicht recht teilen.

„Wir haben für mehr als zwanzig Stunden Luft. Bis dahin sind wir längst in Sicherheit,“ versuchte er mich zu beruhigen.

Ich zog mein Cape fester um die Schultern. „Wir müssen uns also nur zwischen erfrieren und zerquetscht werden entscheiden? Da bin ich ja beruhigt.“

„Das hier ist Atlanticana, Kay. Nicht irgendein mies gewarteter, weltvergessener Außenposten im äußeren Sonnensystem.“

„Dort gäbe es wenigstens Rettungskapseln. Und Licht.“

„Und wer sollte uns dort rausholen? Die Putzroboter?“

„Aber hier unten findet uns jemand, was?“

„Ich versprech’s dir.“ Warme Hände umschlossen meine eiskalten Finger. „Und jetzt hör auf zu zittern.“

„Mir ist kalt“, log ich.

„Ja, bei den arktischen Temperaturen hier drinnen kann das schon mal vorkommen.“

„Spar dir deinen Sarkasmus.“ Ich riss mich los und schlang beide Arme um meinen Oberkörper.
Ein Luftzug strich über mein schweißnasses Gesicht, in seinem Sog der unaufdringliche Geruch von Cliffs Rasierwasser. Etwas Weiches landete auf meinem Schoß. Ich griff instinktiv zu.

„Die Jacke ist temperaturregulierend. Du kannst also aufhören, mit den Zähnen zu klappern.“

„Danke“, murmelte ich und hoffte inständig, dass mein Kopf vor lauter Scham nicht anfangen würde zu glühen. Aber besser als Frostbeule aufgezogen als ... ich schüttelte unwillig den Kopf und wickelte mich in den weichen Stoff.

„Was macht dein Knöchel?“

Ich war so sehr darauf konzentriert, nicht auf jedes Ächzen und Stöhnen der geschundenen Außenhaut zu lauschen, dass ich beim Klang von Cliffs Stimme zusammenfuhr.
„Geht so“, antwortete ich nach kurzem Überlegen. Der stechende Schmerz war dumpfem Pochen gewichen. Und das war zu ertragen.

„Bevor du mir jetzt gleich eine bretterst: ich will nur deinen Fuß hochlegen, okay?“ Warme Hände griffen nach meinem Bein. „Was dagegen, wenn ich dieses Mörderschuhwerk entferne?“, fragte er, und ich konnte hören, dass er grinste.

„Nur die Schuhe, Johannson“, warnte ich und konnte nicht verhindern, dass meine Mundwinkel ebenfalls zuckten. Für einen wunderbaren Moment dachte ich nicht mehr daran, am Grund des Atlantiks festzusitzen. Und wenn ich nicht drauf bestanden hätte, dass Cliff mich auch von der zweiten Monsterstiefelette erlöste, hätte ich vermutlich gar nichts bemerkt. Aber als mein gesunder, jetzt unbeschuhter Fuß zurück auf den Teppich glitt, war es plötzlich da.

„Wasser.“

Ich wollte schreien, aber es wurde nur ein Röcheln.

„Es wird jeden Moment jemand auftauchen, um uns hier rauszuholen. Keine Panik.“

„Keine Panik? Wir werden hier verrecken!“, kreischte ich und fuhr aus dem Sitz. Meine Atemfrequenz erreichte Hyperventilations-Niveau.

„So, jetzt reicht’s.“
Nasse Hände grabschten nach meinem Handgelenk und drückten mich mit Gewalt auf den Sitz zurück. Ein solider Hintern pinnte mich dort fest.
„Wenn wir nicht schon zusammen in brenzligeren Situationen gesteckt hätten, würde ich denken, du wärst eine verdammte, hysterische Tussi, Vallo.“ Er packte mich an den Schultern und schüttelte mich wie einen Cocktail. „Du bist doch an der Küste aufgewachsen, wie kann dich so ein bisschen Wasser nur dermaßen aus der Fassung bringen?“

Ich schluckte. Sein Gesicht war so nah vor mir, dass ich den warmen Atem auf meiner Wange spürte. Keine Ahnung, ob es seine Nähe oder der immer präsente Geruch nach Minze in seinem Atem war, aber ich fühlte mich plötzlich viel ruhiger.

„Ich war sieben und spielte mit meinem besten Freund am Hafen“, hörte ich mich sagen. „In einem ausrangierten Fischerboot verbrachten wir oft ganze Nachmittage.“ Die Bilder von damals peitschten wieder hoch, und ich begann zu zittern. „Wir hatten den Sturm nicht kommen sehen. Das Schiff wurde losgerissen und an den Strand gespült, Sondre und ich von umstürzenden Fässern begraben. Eine Welle nach der anderen, immer mehr Wasser kam rein und konnte nicht mehr raus.“ Jemand schluchzte. Musste wohl ich gewesen sein, denn Cliff nahm mich in den Arm und strich sanft über meine Haare. Das brach den letzten Damm. Ich heulte wie ein kleines Kind und drückte mich noch fester an seine Schulter.

„Was passierte dann?“, fragte er leise, nachdem ich mich etwas beruhigt hatte.

„Ein Hafenarbeiter hörte unsere Schreie. Er kam im letzten Augenblick“, nuschelte ich gegen den wunderbar weichen Stoff seines Shirts. „Sondre und ich waren am Ende unserer Kräfte und hatten schon jede Menge Wasser geschluckt.“

In diesem Moment knirschte die Außenhaut besonders laut. Ich zuckte zusammen und wäre am liebsten in Cliff hineingekrochen. Klong. Etwas hatte außen angedockt. Gleich darauf ging ein leiser Ruck durch die Kapsel.

„Hörst du, sie holen uns hier raus“, raunte er in mein Ohr. Ich konnte spüren, dass er dabei lächelte. Er strich mir noch einmal über den Kopf, bevor er aufstand und zu seinem ursprünglichen Sitzplatz hinüberwatete. „Hab ich nicht gesagt, du sollst deinen Fuß hochlegen?“, schalt er gutmütig. Dieses Mal kam ich seinem Wunsch nur zu gern nach.

Das Modul vibrierte leicht. Es war eindeutig wieder in Bewegung. Ich lauschte ich nach draußen. Mir war jegliches Zeitgefühl abhanden gekommen und ich hoffte nur, dass dieser Albtraum vorbeigehen möge.


Und wir schafften es tatsächlich. Noch einmal schüttelte sich das Modul, dann stand es still.
Dumpfes Poltern wie von Hammerschlägen dröhnte durch die metallene Außenhaut. Als die Tür endlich ächzend zur Seite wich, riss ich geblendet die Hand vors Gesicht. Aus zusammengekniffenen Augen sah ich Cliff aufstehen und auf mich zukommen, während das Wasser aus der immer breiter werdenden Öffnung rauschte. „Du solltest nicht auftreten bevor sich ein Doktor deinen Knöchel angeschaut hat“, sagte er. Ehe ich noch etwas erwidern konnte, hatte er mich von der Sitzbank gepflückt und trug mich zum Ausgang. Dort stießen wir fast mit einem der Techniker zusammen, die unserer Konserve mit dem mechanischen Öffner zu Leibe gerückt waren. Cliff würgte seine wortreiche Entschuldigung mit der Bemerkung ab, einen Arzt aufsuchen zu müssen. Ich sah mich um und bemerkte zu meinem Erstaunen, dass wir uns in einem Dock über der Erde befanden. Eine Handvoll Arbeiter hatte gerade begonnen, die Antriebssektion der zerschundenen Kapsel zu scannen.  In der Ferne klebte die Sonne knapp über dem Horizont.

Ein Lächeln zuckte um Cliffs Mundwinkel. „Jedenfalls hatten wir in der Tat einen unvergesslichen Abend.“

„Ja, und du schuldest mir noch ein Essen. Lass uns frühstücken.“


ENDE  ;D



"Ich bin nur ein kleiner, unbedeutender Pilot in einer Welt voller weltverbessernder, zwangsoptimistischer Wissenschaftler, der gerade gezwungen wurde, alle seine Prinzipien über den Haufen zu werfen." - Jim "Shadow" Koenig; Projekt Chamäleon