Autor Thema: Das Ungeheuer vom Lake Clyde  (Gelesen 5415 mal)

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #15 am: 17. Juli 2012, 10:20:38 Uhr »
Fasziniert und in dem Bewußtsein, daß sie nach wie vor sicher in dem Vorführraum im CBI-Hauptquartier saßen und nicht kilometertief in einer Felsspalte im Inneren der Erde, die sich jederzeit bei einem neuen, schwachen Erdbeben, das an der Oberfläche vielleicht nicht einmal spürbar war, schließen konnte, sahen sie dem Vorgang zu. Es mußten zwei der Wesen sein, erkannten sie schnell. Die übereinander hergefallen waren wie zwei extrem heißblütige Liebhaber, jedoch viel weiter gingen als es der schärfste menschliche Casanova jemals fertiggebracht hätte. Denn die Wesen verschmolzen völlig miteinander wie zwei Klumpen schmelzenden grauen Wachses, begleitet von wildestem Tentakelgefuchtel, aber offenbar völlig freiwillig, bis am Ende nur noch ein einziges Wesen übrig blieb, mit mehr Tentakeln als bisher und einem Zentralkörper, der um ein ganzes Stück größer geworden war. Nach dem Prozeß blieb es minutenlang wie erschöpft liegen, aber dann raffte es sich auf. Umgeben und bewegt von seinen zahlreichen harten Tentakeln rollte es sich fort wie ein großes Knäuel Tumbleweed, durch die weiterführenden Öffnungen im Fels hindurch. Den Beobachter bemerkte es entweder nicht, oder es ignorierte ihn konsequent, es machte jedenfalls keine Anstalten, über Tom/die Agenten/ herzufallen. Das Wesen rollte ihnen voran in eine riesige Höhle, und hier lief etwas ab, was man nur als eine Massenorgie bezeichnen konnte. Überall wo man hinsah, wild peitschende Tentakel, ganze Meere von grau segmentierten Auswüchsen, die die gelbliche, von kochenden, ätzenden Schwefeldämpfen erfüllte Luft peitschten. Und überall verschmolzen Leiber miteinander wie graues Wachs, wuchsen, blieben eine Weile wie erschöpft liegen, näherten sich dann anderen der gleichen Größe und begannen erneut den Verschmelzungsprozeß... Tom/die Agenten/ blieben im Schatten, versteckten sich in der Randzone der riesigen Naturhöhle hinter gesplitterten, zerrissenen Felsen und schwebten weiter. Sie/Tom/ hatten die Lichtausstrahlung des Schutzfeldes gedämpft, um keine Aufmerksamkeit zu erregen. Daß sie trotzdem etwas sehen konnten, lag an dem roten Glühen, das von der anderen Seite der Höhle kam und von der niedrig hängenden Höhlendecke zurückgeworfen wurde. Als sie sich dieser Zone näherten, konnten sie die Ursache des Glühens erkennen. Dort kochte ein riesiger See aus Lava, von dem die Tentakelwesen sich fernhielten und der wohl die Ursache der schwefligen Dämpfe und der Hitze war. Hin und wieder blubberte und spritzte die Lava bis zu den bizarr geformten Steinstalaktiten und Formationen, die von der rauhen, gesplitterten Decke herabhingen, und mitten in dem flüssigen Stein bewegten und schlängelten sich Dinge, weiß in der Farbe und viel dicker und länger als jede Riesenschlange, erschienen aus der Lava, reckten ihre spitzen Schnauzen in die schwefelgeschwängerte Luft und tauchten wieder ab.
"Was Sie hier sehen, sind sogenannte Feuerwürmer. Das sind die Helfer der "Schwestern", die Woods erwähnt hat, die ihnen die Wege in der Tiefe geöffnet haben. Wie Sie sehen, mögen Feuerwürmer es gerne heiß. Sie leben in Lava, können sich durch ihre innere Hitze aber auch durch lange Strecken kaltes Gestein hindurchschmelzen. Auf diese Weise sind diese ganzen Tunnel unter dieser Stadt entstanden, die glasierten Wände sind ein untrügliches Zeichen für die Arbeit von Feuerwürmern. Das einzige, was sie absolut nicht ausstehen können, ist kaltes Wasser. Lava und Wasser, das ergibt zusammen Dampf, und zwar von der explosiven Sorte, die sogar einen Feuerwurm verletzen oder töten kann. Deswegen werden die Feuerwürmer den "Schwestern" nur einen Teil des restlichen Weges bahnen, den Durchstoß zum Pazifik müssen sie dann aus eigener Kraft schaffen. Und das ist der Zeitpunkt, an dem ich sie packen kann. Bis dahin werden sie so ziemlich alle miteinander verschmolzen sein, dann bilden sie zusammen den Leviathan der Legende, und das ist okay für mich. Denn je größer sie sind, um so leichter wird es sein, sie alle miteinander auf einen Schlag zu vernichten."
Damit löschte Tom die Vision einer felsigen Hölle, gefüllt mit Lava, Schwefeldampf und peitschenden Tentakeln, und die Agenten fanden sich in ihrem dunklen, kühlen und stillen Vorführraum wieder. Sie blinzelten ins Licht, das Larry wieder anschaltete. Sie sahen erneut geschockt und graugesichtig, beinahe niedergeschlagen aus, und jetzt wußte Hightower warum, sie fühlte ganz genauso. Und verzweifelt klammerte sie sich an den Gedanken, daß das alles nur ein böser Traum, eine üble Phantasievorstellung gewesen sein mußte, vielleicht ein Trailer für einen neuen Gruselfilm, den sie sich ganz bestimmt nicht ansehen würde...
"Ihren Stock in allen Ehren," begann Cho zögerlich, "aber glauben Sie wirklich, daß Sie mit diesen Riesenviechern, die da unten gerade entstehen, auch noch fertig werden?"
"Nicht mit meinem Stock." lächelte Richards. "Für so große Kaliber hab ich etwas anderes, eine ganz große Kanone. Das schöne an der Sache ist, sobald die Viecher miteinander verschmelzen, machen sie Arbeitsteilung. Aus dem einen wird vielleicht ein Tentakel, aus einem anderen der Magen des Viehs, aus dem dritten ein Stück Schwanz und so weiter. Wenn sie dann wieder zerstückelt werden, können sie aber nicht mehr so einfach wieder ins Singledasein zurückkehren. Oder mit anderen Worten, je größer sie werden, je mehr von ihnen zu einem einzigen Individuum verschmelzen, um so leichter ist es, sie alle miteinander endgültig ins Jenseits zu schicken. Wenn man eine Knarre hat, die groß genug dafür ist, und die habe ich zufällig."
"Die möchte ich sehen!" forderte Jane sofort.
"Werden Sie vielleicht. Allerdings weiß ich nicht, ob ich Ihnen das auch noch an den Hals wünschen möchte."
"Was haben Sie jetzt vor? Heute am Moss Beach, um fünfzehn Uhr." Lisbon stellte die Frage, bevor es Hightower tun konnte.
"Nun, ich habe meine Kontakte bei der FSA etwas angebohrt. Die versprachen mir, sich umzuhören, ob sich dort, in der Gegend des Moss Beach, schon mal irgendetwas ungewöhnliches getan hat. Vielleicht etwas, was sehr lange her ist, was nur noch in alten Eingeborenenlegenden von der Gegend überliefert wurde. Außerdem müssen wir davon ausgehen, daß es außer Woods und seinen zwei Töchtern noch mehr von diesen Wesen gibt, die menschliche Gestalt angenommen haben. Ein paar sind es mit Sicherheit, weil die für die notwendigen Blutopfer für die Erweckung sorgen mußten. Aber ich bin der Überzeugung, daß auch die die Zusammenkunft nicht verpassen wollen. Sie werden wahrscheinlich den oberirdischen Weg nehmen, ganz normal per Auto oder sonstigen Verkehrsmitteln, und irgendwo an der Bay oder in der weiteren Umgebung, wo Meerwasser zu finden ist, ins Wasser gehen, damit sie ihre menschlichen Tarnungen abstreifen können. Ich habe die Agency bereits auf diese Möglichkeit hingewiesen, und sie haben mir versprochen, daß die Behörden von San Francisco und Umgebung die ganze Gegend nach verlassenen Fahrzeugen, Kleiderüberresten an den Ufern und dergleichen absuchen werden. Dann können wir vielleicht später abschätzen, wie viele es waren und nach den Hinterbliebenen der Befallenen und ihrer Menschenopfer suchen."
"Und wie erklären wir das der Allgemeinheit?" Hightower wußte genau, daß ihre Behörde von der Arbeit, die da nahte, nicht ausgenommen blieb. Vermißtenfälle, von denen sich viele nie würden aufklären lassen, und jede Menge Papierkram...
"Mal wieder eine Selbstmordsekte. Die Agency wird sich was Glaubwürdiges ausdenken." versicherte Richards.
Die Abteilungsleiterin sah auf ihre Uhr, obwohl sie wußte, wie spät es war. "Bis fünfzehn Uhr sind es noch ein paar Stunden. Was haben Sie bis dahin vor?" Die Fahrt bis zum Moss Beach würde einige Zeit in Anspruch nehmen, schließlich waren sie hier in Sacramento und Moss Beach lag südlich von San Francisco, mehr als neunzig Meilen von hier, was bis zu drei Stunden Fahrtzeit mit dem Auto ausmachen konnte, sofern man nicht in eine Rushhour geriet, und immer noch etwa eine Stunde mit einem Helikopter. Sie durften also nicht zu spät aufbrechen. Und sie nahm an, daß Richards die große Kanone, von der er gesprochen hatte, noch vorbereiten mußte, da er sie offensichtlich nicht bei sich trug.
"Wie gesagt, ich hoffe auf Neuigkeiten von der Agency. Die Agenten dürften etwa jetzt auf dem International Airport landen und sich sofort auf den Weg zum Moss Beach machen. Deshalb werde ich in etwa einer halben Stunde aufbrechen, damit wir frühzeitig dort ankommen."
"Warum erst dann? Ihr Weg ist doch viel weiter." warf Cho ein.
"Dafür bin ich erheblich schneller." grinste Tom ihn heiter an. "Wir haben also noch etwas Zeit für einen kleinen Plausch."
Ein dezentes Klopfen kam von der Tür, dann steckte Rigsby den Kopf herein. "Verzeihung, dürfen wir eintreten?" Er und Grace waren zurück von dem Besuch auf der Baustelle mit dem mutmaßlichen Mafia-Opfer und wollten mit etwas Glück noch etwas von der Einmann-Richards-Show hier mitbekommen.
Hightower nickte, die Unterbrechung kam ihr ganz gelegen. "Wir sind hier fertig, denke ich. Gehen wir zurück ins Büro." Da ist es heller, die Sonne scheint, und da lauern keine tentakelbewehrten Ungeheuer in dunklen, schwefelverkrusteten Ecken, sagte sie nicht laut, obwohl sie es sich vermutlich dachte, so wie ihre Agenten auch.
Statt sie in ihr eigenes kleines Abteil zurückzuführen, wählte Hightower lieber das Gemeinschaftsbüro von Lisbons Team.
"Sagen Sie, warum gehen die Monster gerade zum Moss Beach? Was ist da?" fragte Cho dann als erstes, bevor Hightower ihre nächste Frage stellen konnte.
Tom zuckte die Achseln. "Keine Ahnung. Vielleicht war da mal vor Millionen von Jahren irgendein besonderes Ereignis, an das sich die "Schwestern" erinnern. Vielleicht sind sie dort in unsere Realität übergewechselt, oder es ist einfach eine Ecke, an der sie besonders gerne abhängen. Den Umweg Richtung Süden, von hier aus gesehen, könnte ich mir damit erklären, daß die Feuerwürmer, die ihnen den Weg bahnen, sich im zerrissenen Untergrundbereich des Mount Diablo besonders wohlfühlen. Diablo gilt als geologische Anomalie, ein Stück zusammengebackener Fels, das von den aktiven Verwerfungen der San-Andreas-Zone in die Höhe gedrückt wird. Er ist kein Vulkan der Cascade Range, könnte aber zu einem werden, wenn die Feuerwürmer etwas nachhelfen, indem sie führende Lavaschichten in dieser von Natur aus sehr instabilen Zone anbohren."
"Ein neuer Vulkan? So nahe bei San Francisco?" Eine sehr unangenehme Vorstellung, aber Richards nickte.
"Wäre möglich. Deshalb sehe ich die Situation so kritisch. Ich weiß nämlich nicht, was die "Schwestern" nach ihrer großen Zusammenkunft vorhaben. Woods hat von Welteroberung gefaselt, aber das war etwas zu schwammig. Normalerweise würde ich jetzt versuchen, ein einzelnes von den Monstern aufzutreiben und auszuquetschen, aber leider mußte ich die Erfahrung machen, daß sie sich offenbar gegenseitig abschirmen können, ich kann sie einfach nicht aufspüren. Je mehr von ihnen aufeinander hocken, um so besser ist die Abschirmung. Aber da wird mir die Zusammenkunft sogar helfen. Sobald ich die großen verschmolzenen Exemplare erledigt habe, ist auch ihre Abschirmung hinüber, und dann kann ich mit Unterstützung durch Sie und die FSA in aller Ruhe Jagd auf mögliche Überbleibsel machen. Wie das vor sich geht, hat Agent Lisbon Ihnen inzwischen wahrscheinlich erzählt."
"Sie sind sehr zuversichtlich, Mr. Richards."
Tom nickte und lächelte. "Ich bin ein unverbesserlicher Optimist. So schlimm kann es gar nicht werden, daß es nicht noch besser kommen könnte." Soviel hatten Lisbon und ihr Team inzwischen selbst mitbekommen, daß Tom ein sonniges Gemüt besaß und auch in Krisensituationen noch die Zeit für einen kleinen Witz zur Auflockerung aufbrachte.
"Dürfen wir Ihnen ein paar persönliche Fragen stellen?" fragte Lisbon.
"Nur zu. " Er lächelte weiter. Er wußte genau, daß sie über ihn recherchiert hatten und jetzt vor Neugier fast platzten. Und er war mehr als bereit, dem metaphorischen Affen Zucker zu geben.
« Letzte Änderung: 17. Juli 2012, 11:20:04 Uhr von DAOGA »

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #16 am: 31. Juli 2012, 12:38:29 Uhr »
Lisbon kam auf den Überfall des Fanatikers vor ein paar Jahren zu sprechen. Zu ihrer Überraschung bestätigte Tom. Er war tatsächlich jener "Thomas der Unsterbliche", seit Jahrzehnten eine lebende Legende in magischen Zirkeln.
"Aber Sie erlitten nur ein paar Blutergüsse, richtig?"
"Zum Glück für mich." antwortete Richards. "Ein Rippenbruch oder ein schlimmerer Schaden wäre sehr unangenehm gewesen, weil man innere Verletzungen bei mir nur sehr schwer operieren kann."
"Warum? Leiden Sie an einer Krankheit?"
"Ganz im Gegenteil." lächelte der Mann. Schon beim Eintritt hatte er das Samuraischwert auf Chos Schreibtisch erspäht und den Sinn begriffen. Jetzt langte er danach, wobei er sorglos einfach die scharfe Klinge anfaßte, und drückte den Griff Jane in die Hand, bevor der zurückschrecken konnte. Dann zog er seine Jacke aus und krempelte den Ärmel seines teuren Seidenhemds hoch.
"Mit Ihrer Erlaubnis, Agent Hightower. - Nun, wollen Sie einen kleinen Test mit mir machen, Mr. Jane? Sie brennen darauf, mir auf den Zahn zu fühlen, das konnte ich schon die ganze Zeit sehen. Jetzt ist Ihre Gelegenheit... versuchen Sie mich zu verletzen!" Er bot ihm den entblößten Arm dar. "Stechen Sie, schneiden Sie, was und wie Sie wollen... los, Sie dürfen, nur zu, und keine Hemmungen!"
Da Patrick zögerte, sichtlich verdutzt, griff Richards nach seiner Hand und half nach, indem er Janes Hand, die Klinge voran, mit erstaunlicher Kraft gegen seinen Arm drückte. Jane fühlte den Widerstand, das Schwert war spitz und scharf genug, es hätte in Richards´ Haut dringen müssen - aber es ging nicht. Die Klinge stand gegen den Arm, der sie mit Kraft zurückdrückte, und verursachte eine sichtbare Delle in der Haut, drang aber nicht tiefer ein. Abermals führte Richards Janes Hand, drückte die Klinge herab, bis die scharfgeschliffene Schneide unter hohem Druck über seine Haut glitt - aber es gab nicht einmal einen Kratzer, geschweigedenn den tiefen, häßlichen, blutenden Schnitt, der jetzt eigentlich fällig gewesen wäre.
"Agent Lisbon, wollen Sie mal?" fragte ein grinsender Richards, der merkte, daß Jane offenbar zu viel Hemmungen besaß, um ihm ernsthaft auf den Leib zu rücken. "Sie können es auch an einem anderen Teil von mir ausprobieren. Nein, nicht da, wir sind hier jugendfrei," scherzte er, als sie prompt das Gesicht verzog, "aber an meine Heldenbrust werden Sie sich vielleicht herantrauen..." Und schon legte er den Schlips ab und knöpfte sein Hemd auf, anschließend reichte er ihr die Waffe und machte eine einladende Geste. "So. Und jetzt stellen Sie sich vor, ich sei Ihr Ehemann, der Ihnen gerade massiv Hörner aufgesetzt hat... nicht? Womit sonst könnte man Sie in mörderische Stimmung versetzen?"
"Jane, das ist Ihr Stichwort." witzelte Cho, der gespannt zugesehen hatte. "Darf ich mal?"
"Nur zu."
Kimball Cho, der in jungen Jahren einer Straßengang angehört hatte, zeigte deutlich weniger Zurückhaltung. Als er merkte, daß mit vorsichtigem Handeln in der Tat nichts ging, begann er wirklich Kraft anzuwenden, bei jedem Stoß, jedem Schnitt, den er ansetzte. Jeden anderen hätte er bereits schwer verletzt und verstümmelt, wahrscheinlich getötet... aber bei Richards ging wirklich nichts unter die Haut, eher bog sich die Klinge, bis sie zu brechen drohte, oder rutschte wirkungslos ab.
"Mann, Sie gäben eine tollen Teflon-Präsidenten ab! Bei Ihnen wären die Bodyguards arbeitslos!" staunte er, als er schließlich aufgab, schneller atmend durch die Anstrengung und psychisch leicht aufgelöst. Er verstand es einfach nicht.
"Wie ist so etwas möglich?"
"Die ganze Geschichte erspare ich mir, die würden Sie sowieso nicht glauben. Aber vielleicht haben Sie schon mal davon gehört, daß Drachen laut alten Legenden eine beinahe unbezwingbare Hornhaut besitzen, und daß einige Personen, denen es trotzdem gelang, einen Drachen zu erlegen, durch den Kontakt mit dem Blut oder Schleim des Drachens gleichfalls eine solche Hornhaut erwarben. Nun, diese Geschichten haben alle einen wahren Kern. Auch ich kam mit einem leibhaftigen Drachen in Kontakt, und das hier ist das Ergebnis."
"Sie haben einen Drachen getötet?" staunte Cho. Vielleicht war er auch etwas schockiert, denn in dem Kulturkreis, aus dem seine Vorfahren stammten, waren Drachen nicht die mordlüsternen Ungeheuer westlicher Geschichten, sondern verehrte Verkörperungen der Natur und ihrer Elemente.
"Nicht getötet. In dieser Hinsicht irren die alten Geschichten. Oder, wahrscheinlicher, sie führten absichtlich in die Irre. Die Verbindung mit dem Drachen ist keine im Tod, sondern eine im Leben."
"Das ist sehr schön, sehr poetisch ausgedrückt." meinte Jane. Er war beeindruckt. Zum erstem Mal in seinem Leben begegnete er einem Phänomen, das er sich nicht erklären konnte und allem Anschein nach sogar echt war, denn der lebendige Beweis stand direkt vor ihm.
"Ärgerlich ist diese sogenannte Hornhaut, die in Wahrheit eine Art energetisches Schutzfeld ist, immer dann, wenn ich innere Verletzungen erleide, die operiert werden müßten. Heute kann man in solchen Fällen minimal-invasiv arbeiten, mit Hilfe von Sonden und Endoskopen, die durch die normalen Körperöffnungen eingeführt werden, aber diese Technologie gibt es noch nicht lange. Davor... zum Glück habe ich im Lauf der Zeit einiges an ungewöhnlichen Techniken gelernt. Deshalb war ich fast immer in der Lage, mir selbst zu helfen, wenn es nötig war. Aber der beste Schutz ist natürlich, immer rechtzeitig auszuweichen." 
"Und darum nennt man Sie den Unsterblichen?"
"Unter anderem." Wieder zeigte Richards sein jungenhaftes, fröhliches Grinsen.
"Wie alt sind Sie eigentlich genau, Mister? Hundert Jahre, hundertfünfzig, vierhundert?"
"Sie schätzen zu niedrig, Miss Van Pelt. Vor ein paar Jahren habe ich mein erstes volles Millennium gefeiert. Eine volle Woche lang. Wir, das heißt meine geladenen Gäste und ich, haben satte Orgien gefeiert, in jeder nur erdenklichen Weise, und waren ab dem ersten Tag total zugedröhnt. Hinterher war ich eine weitere geschlagene Woche lang krank, mit einem Kater so groß wie der Mount Everest, der es sich auf meinem armen Kopf bequem gemacht hatte. Ich vertrage nämlich bis heute nicht viel." Er lächelte etwas zerknirscht.
"Tausend Jahre!" Da blieb sogar Lisbon zuerst die Spucke weg. Hightower sagte gar nichts, die war längst sprachlos.
"Kreuzzüge? Pest? Christoph Kolumbus?" frage Jane, und Tom nickte. "Hab ich so ziemlich alles mitgemacht. Und mir fast meinen Hintern weggesammelt dabei. Ich wußte ja, wieviel das Zeug mal wert sein würde, das mir überall in die Hände fiel... die Hälfte der Museen in aller Welt ist heute gefüllt mit Gegenständen aus meinen Sammlungen. Meine Familie bestand immer aus beinahe krankhaften Sammlern, aus Abenteurern, Historikern und simplen Grabräubern, müssen Sie wissen. Bei mir liegt das im Erbgut."
"Sie wußten...? Vorher? Sind Sie auch ein Hellseher, Mr. Richards?"
"Eindeutig nicht." Er lachte. "Die einzige nennenswerte parapsychische Fähigkeit, die ich ohne meine Matrix besitze, ist die, daß ich Raum-Zeit-Resonanzen wahrnehmen kann. Aber nur ein paar Minuten im Voraus, und das ist eine Fähigkeit, die normalerweise keinen Fliegendreck wert ist. Aber ich war zum Glück immer gut in Geschichte, und habe ein erstklassiges Gedächtnis für Ereignisse und Jahreszahlen."
Stille, unterbrochen nur vom - beinahe hörbaren - Kreisen und Surren winziger Zahnräder in den Gehirnen der CBI-Agenten, die auf Hochtouren arbeiteten.
Dann begannen sie fast gleichzeitig loszufragen, wie Richards erfreut bemerkte, der still und leise, fast hinterhältig vor sich hin lächelte.
Lisbon setzte sich durch. "Wann wurden Sie geboren, Mr. Richards?" stellte sie die einzige richtige Frage.
"Wenn Sie so fragen - überhaupt nicht. Mich gibt es noch gar nicht, heute, in dieser Zeit."
"...Zeitreise?" Rigsby natürlich.
"Hm-hm." nickte Richards zufrieden. "Aber sollten Sie jemals über eine funktionierende Zeitmaschine stolpern - kleiner Tip: lesen Sie vorher das Benutzerhandbuch gründlich durch. Das habe ich damals versäumt. Und jetzt sitze ich hier, Anfang einundzwanzigstes Jahrhundert, und kann nicht zurück. Außer auf die natürliche Weise, die mir gegeben ist dank meiner Langlebigkeit, durch Aussitzen." Er breitete wie ergeben die Arme aus, faltete sie dann hinter seinem Nacken und starrte gegen die Decke.
"Wann?" fragte Lisbon erneut, mit überraschend sanfter Stimme diesmal, als täte ihr Richards, der gestrandete Zeitreisende, leid - für den sie gleich anschließend die netten Mitarbeiter von der psychiatrischen Abteilung rufen würde...
"Ich bin Jahrgang 2728. Ein ganz besonderer Jahrgang." imitierte er augenzwinkernd eine gewisse Filmfigur. "Und ich werden dann noch am Leben sein, zurück aus der Vergangenheit, wenn ich den Zeitstrom nicht selbst massiv verändere, das hat mir ein Vögelchen aus der Zukunft gezwitschert."
Wieder starrten sich die Agenten an, jetzt jedoch mit deutlich sichtbar zunehmendem Unbehagen, bis -
"Okay, Leute, die Märchenstunde ist vorbei, und wir haben Arbeit!" befahl Lisbon, Tonfall so eiskalt wie immer, und klatschte in die Hände, als wolle sie Hühner scheuchen. Und an Tom gewandt: "Mit Ihrer Phantasie sollen Sie nach Hollywood gehen. Die nehmen Sie sicher mit Kußhand."
Treuherzig entgegnete Richards: "Die wollen mich nicht, für die sind meine Stories viel zu unglaubwürdig. Die einzigen, die mir glauben, sind die Leute von der FSA. Die haben ein paar von meinen verrückten Abenteuern mitgemacht, wissen Sie, und müssen zwangsläufig akzeptieren, daß auch der Rest wahr ist, oder es zumindest sein könnte."
"Gestatten Sie eine Frage. Wenn Sie alles wußten - warum haben Sie nicht in die Geschichte eingegriffen? Nehmen wir den 9-11 - warum nicht? Sie wissen, daß ich Sie sofort wegen Mitwisserschaft an einem Terrorakt festnehmen könnte, wenn Ihre Geschichte wahr ist?" Hightower hatte endlich ihre Stimme - und ihren scharfen Verstand - wiedergefunden.
« Letzte Änderung: 31. Juli 2012, 13:09:34 Uhr von DAOGA »

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #17 am: 5. September 2012, 21:03:17 Uhr »
Richards schenkte ihr ein düsteres Lächeln. "Hitler wäre ein besseres Beispiel gewesen. Ich durfte ihn nicht verhindern, weil er in meiner Zeitlinie nicht verhindert worden ist, okay? Jeder Eingriff in die Gegenwart - unsere Gegenwart, die gerade jetzt geschieht - verändert die Zukunft in unabsehbarer Weise. Wenn mir meine eigene Zeit, so wie ich sie kennengelernt habe, gleichgültig wäre, oder wenn ich sie einer Existenz nicht für würdig befunden hätte, dann hätte ich mit der Zeit gespielt auf Teufelkommraus, ohne Rücksicht auf Verluste, dann wäre ich schon seit Jahrhunderten der Herr der Welt, und keiner könnte mich von meinem hohen Roß herunterbringen. Und im Fall des 9-11 habe ich eingegriffen. In der ursprünglichen Zeitlinie, die Sie nie kennengelernt haben, weil sie hier niemals wahr wurde, waren es nicht zwei, sondern vier Flugzeuge, die entführt wurden, eines traf das Pentagon, ein anderes hatte Kurs auf das Weiße Haus und stürzte bei Pittsburgh ab, und da das WTC nicht wegen einer fingierten Bombenwarnung kurz vorher geräumt worden war - raten Sie mal, von wem die kam - gab es insgesamt mehr als dreitausend Tote. Mit Menschen, die vor laufenden Kameras vor Verzweiflung aus den obersten Stockwerken sprangen, weil ihnen alle Fluchtwege durch das Feuer versperrt waren, ein viel größeres neues amerikanisches Trauma als Sie es  erfahren mußten. In meiner Vergangenheit waren es nicht nur die einhundertsiebenundfünfzig Personen in den Flugzeugen, die schnell gestorben sind und von denen Sie aus den Nachrichten wissen. Glauben Sie vielleicht, es ist einfach, von Auschwitz zu wissen und nichts unternehmen zu dürfen?" Seine Stimme klang auf einmal rauh, und er wandte sich ab, fassungslose Gesichter hinter sich lassend.
Dann stand Jane plötzlich neben ihm - so schnell hatte er sich noch nie bewegt, solange sie ihn kannte, realisierte Lisbon eine geschlagene Sekunde später - und berührte ihn sanft am Arm.
"Sie? Die Kassandra, die immer wieder warnt, die seit Jahren so viele Menschenleben gerettet hat - das waren Sie?"
Jeder wußte, wer Kassandra war. Eine bis zur Unkenntlichkeit elektronisch verfremdete, weiblich klingende Maschinenstimme, die sich seit vielen Jahren immer wieder und meistens an mehreren Orten gleichzeitig, bei Behörden, Botschaften und Pressestellen meldete und hauptsächlich Naturkatastrophen, aber auch hin und wieder große technische Unfälle vorhersagte. Und Attentate, die jedoch nur einem beschränkten Personenkreis, der zu schweigen wußte, bekanntgegeben wurden, wie die CBI-Agenten schlagartig begriffen. Anders als bei der antiken Kassandra, die von den Göttern mit dem Fluch belegt worden war, daß niemand ihren Aussagen Glauben schenken würde, bevor es zu spät war, hatten die  Menschen dieser Zeit schnell begriffen, daß es ratsam war, auf Kassandra zu hören - trotz der immer wieder auftauchenden Nachahmer, die Verwirrung zu stiften versuchten, oder Personen, die zu wissen behaupteten, wer sich hinter dem Pseudonym verbarg, und daraus Kapital schlugen. Nach den Tsunamis von Sumatra und Japan, den Erdbeben von Haiti und China und im Iran und der Türkei, Überschwemmungen, Stürmen und vielen weiteren Katastrophen, vor denen Kassandra gewarnt hatte, mußte die Zahl der von ihr geretteten Menschenleben mittlerweile in die Hunderttausende gehen.
Richards lächelte traurig. "Naturkatastrophen lasssen sich nicht von menschlichen Vorhersagen beeinflussen, anders als Terroristen oder Diktatoren, die ihre Übeltaten einfach auf eine andere Gelegenheit verschieben können. Sie passieren, wenn sie passieren, und eine rechtzeitige Warnung kann nur die Opferzahl begrenzen. Das Risiko, den Zeitstrom zu verändern, für mich ist hier viel geringer. Ein Hellseher, der wüßte, was morgen alles passiert, bin ich nicht, und war ich nie. Ich habe nur ein gutes Gedächtnis, wie gesagt."
"Aber - wenn Sie vom 9-11 wußten, warum haben Sie es dann nicht ganz verhindert?" fragte Cho, der noch etwas auf dem Schlauch stand.
"Sehen Sie sich sämtliche politischen und sonstigen Entwicklungen danach und seither an, und dann sagen Sie mir, warum ich es nicht ganz verhindert habe. Der Mensch lernt nun mal nur aus Fehlern, und manches Übel ist nötig, um größere Übel zu verhindern. Ohne Hitler wäre ganz Europa um 1960 ein Vasallenreich der Sowjetunion gewesen, stattdessen sind die Länder heute freie und gefestigte Demokratien, bis weit in die ehemalige Sowjetunion hinein. Hitler kam mit seinem Angriff Stalin, der genau die gleichen Welteroberungspläne hegte, nur um wenige Jahre zuvor und hat ihn auf diese Weise ausgebremst, wußten Sie das?"
Kimball konnte darauf nur den Kopf schütteln.
"Heißt das, Sie wissen, was die Zukunft bringt?" fragte Jane erregt.
"Nur in großen Dimensionen, was es bis in meine Zeit in die Geschichtsbücher geschafft hat, aber  - ja. Und die Kassandra wird auch in Zukunft warnen. Meine guten Freunde bei der FSA werden dafür sorgen, daß meine Warnungen an die richtigen Stellen gelangen."
"Es werden noch weitere schlimme Dinge kommen?" fragte Rigsby.
"Verdammt schlimme. Hören Sie auf die Kassandra, wenn ihre Stimme erklingt. Aber machen Sie sich nicht verrückt deswegen. Leben Sie ihr Leben und lieben Sie Ihre Liebsten, als wäre jeder Tag Ihr Letzter. Leben Sie so, daß Ihnen an Ihrem tatsächlich letzten Tag, wann immer der sein wird, nichts leid tun muß. Ich kann Ihnen keinen anderen Rat geben." Er merkte, daß Rigsby weitersprechen wollte, und schüttelte den Kopf. "Nein, ich weiß nicht, wann und wie Sie sterben werden, oder irgendein anderer von Ihnen, und ich möchte es auch gar nicht wissen."
"Aber Sie - Sie sind unsterblich!"
"Nur fast. Ich altere auch, nur viel langsamer als alle anderen. Die Umstände, die mir diese langsame Alterung beschert haben, kann ich an anderen nicht wiederholen. Ich habe es versucht, glauben Sie mir, bei meinen Ehefrauen, Kindern, Freunden, Dienern... aber mehr als ein paar zusätzliche Jahrzehnte konnte ich bei keinem herausschinden. Sambo Brown, mein Diener, den ich einst als Sklave beim Pokern gewann, sah aus wie achtzig, als er an Altersschwäche starb, aber er war in Wahrheit über hundertfünfzig Jahre alt."
"Aber Van Pelt sagte, Sie hätten keine Ehefrau oder Kinder."
"Nicht mehr." Richards seufzte. "Alle längst dahin und zu Staub zerfallen."
"Schluß jetzt!" forderte Jane, in ungewohnt strengem Tonfall. "Das würde ja sogar Micky Maus in Disneyland Depressionen bescheren!"
"Schon gut. Das ist alles lange her." lächelte Tom ihn an und tätschelte Janes Hand, die immer noch auf seiner Schulter lag. "Zeit kann tatsächlich manche Wunden heilen. Oder zumindest die verblassende Erinnerung. Aber ich war immer ein Weichei, wie mir mein Lehrer vor langer Zeit bescheinigt hat, ich bin es noch, und ich werde für alle Zeiten ein Weichei sein."
"Was für ein Glück für uns", seufzte Jane, und das meinte er ehrlich. Ein Zeitreisender, der kein Weichei war wie Richards, der Geschehnisse rund um den Globus, von denen er im Voraus wußte, rücksichtslos für seine persönlichen Zwecke ausnutzen, Ereignisse und Menschen manipulieren konnte... eine grausige Vorstellung.
"Sie kennen die Zukunft?" Rigsby konnte es immer noch nicht fassen. "Wie sieht es da aus? Gibt es einen Dritten Weltkrieg? Raumfahrt zu anderen Sonnensystemen? Begegnungen mit Aliens?"
"Ja, und ja, und ja." antwortete Tom ernsthaft und nickte. "Die letzten zwei Dinge habe ich schon mitgemacht, und das erstere werde ich wohl. Zumindest beobachten, von einem sicheren Platz aus."
"Haben Sie da Tipps?" Jetzt waren alle ganz Ohr.
"Als erstes, bis dahin wird es noch einige Zeit dauern, also machen Sie sich nicht gleich verrückt. Bis es soweit ist, wird das schöne Kalifornien noch einige Erdbeben erleben." Erleichtertes Gegrinse bei seinem gebannten Publikum.
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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #18 am: 25. September 2012, 13:17:01 Uhr »
"* Dreh- und Angelpunkt des Dritten Geschehens, wie man den Weltkrieg später nennen wird, ist wieder mal Europa, obwohl der Rest der Welt auch ordentlich was abbekommt. Aber diesmal sind zur Abwechslung mal nicht die Deutschen schuld. Es beginnt in einem Jahr, in dem in Mitteleuropa der Frühling ungewöhnlich früh beginnt. Im Juni wird dort ein Himmelszeichen in nördlicher Richtung zu sehen sein, drei Tage lang. Das Zeichen ist ein anfliegender Himmelskörper, der zwar rechtzeitig erkannt, aber nicht abgewehrt werden kann, und es ist offensichtlich, daß er irgendwo in Mitteleuropa einschlagen wird. Die Panik in diesen Ländern ist unbeschreiblich, aber man kann nichts machen, weil sich schnell herausstellt, daß es kein Einzelobjekt ist, sondern ein ganzer Schwarm von Objekten, vermutlich der Rest eines ausgebrannten Kometen. Sobald Sie hiervon erfahren, sollten Sie sich selbst in Sicherheit bringen. Meiden Sie das Ausland, insbesondere Europa, den Nahen und Fernen Osten, Afrika und auch alle größeren Städte hier im Land, denn wie Sie sich vorstellen können, geht es überall da drunter und drüber. Der Großteil Großbritanniens und fast ganz Irland werden absaufen, außerdem weite Gebiete unserer Ostküste einschließlich New Yorks und Washingtons und sämtliche weiteren Küsten auf beiden Seiten des Atlantiks, wenn eine Kriegspartei eine Bombe auf den Cumbre Vieja, einen morschen Vulkan auf der Kanareninsel La Palma, abwirft und dadurch einen gigantischen Tsunami auslöst. In der gesamten Alten Welt werden zahlreiche Parteien das Chaos zu nutzen versuchen, indem sie Kriege anzetteln und jähe Vorstöße durchführen. Aber weil sie alle zu wenig Vorbereitungszeit haben, gehen die meisten Unternehmungen nach ein paar Überraschungserfolgen in die Hose, zu diesem Zeitpunkt gibt es einfach noch zu viel Kriegsgerät und organisierte Gegenwehr in den überfallenen Ländern. Die ersten kosmischen Impakte verursachen schwere Katastrophen, wenn das Elsaß und Teile von Böhmen, beides schlafende vulkanische Zonen, schlagartig erwachen und in die Luft fliegen. Insbesondere die Mitte Europas mit Deutschland, Frankreich und Norditalien erwischt es dabei ziemlich übel, vom böhmischen Raum bleibt so gut wie gar nichts übrig, da sehen weite Gebiete aus wie am Mt. Helens nach dem Ausbruch. Viele Großstädte werden im Lauf diverser Militäraktionen bombardiert, vereinzelt sogar mit Nuklearwaffen, aber einen totalen Atomkrieg wird es nicht geben. Die militärischen Aktionen werden vorbei sein, sobald Prag zerstört ist, wo sich das Hauptquartier der Angreifer befand. Das letzte große Gefecht, die Entscheidungsschlacht der kriegführenden Mächte, fand im deutschen Westfalen statt. Aber auch ohne diese zwei letzteren Ereignisse hätte der Krieg nicht mehr lange dauern können, denn zu dieser Zeit herrschte schon überall die Seuche." Er machte eine kurze Pause, um die Wichtigkeit dieses Details hervorzuheben. "Nein, diese Seuche war keine Pest, kein Typhus, keine Cholera oder eine andere altbekannte Krankheit, wie sie im Rahmen der Zerstörungen und folgenden Hungersnöte natürlich regional überall auftraten, sondern etwas ganz neuartiges. Man hat es nie genau herausgefunden, aber es deutet alles darauf hin, daß es sich um einen künstlich erzeugten Erreger aus einem Labor handelte, der als biologische Waffe eingesetzt wurde, um die Soldaten des Gegners kampfunfähig zu machen." Tom schien nicht zu merken, daß er allmählich in die Vergangenheitsform gerutscht war, er dozierte wie ein Schullehrer vor seiner Klasse. "Das Virus war eigentlich nicht dafür gemacht zu töten, es sollte seine genetischen Komponenten, die auf eine dauerhafte Dämpfung aggressiver Neigungen in den Befallenen hinausliefen, in den menschlien Gencode einbauen und auf diese Weise die Kämpfer in harmlose Blümchenküsser verwandeln, aber leider stellte sich heraus, daß viele damit nicht kompatibel waren. Man schätzt die durchschnittliche Mortalitätsrate auf ein Drittel. Bei einem weiteren Drittel der Befallenen wirkte es sich in kurz- oder längerfristig anhaltenden geistigen Störungen aus. Interessanterweise gab es starke Unterschiede bei den verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Während die Nordeuropäer sich als ziemlich resistent erwiesen, was zumindest Todesfälle anging, schlug es bei den semitischen und vielen afrikanischen Bevölkerungsgruppen, also im Nahen Osten und in Afrika, um so verheerender zu, dort wurden ganze Länder entvölkert. Ich möchte mal mutmaßen, daß diese Unterschiede auf die mittelalterlichen Pestepidemien zurückzuführen sind, die schon damals knapp ein Drittel der Bevölkerung auslöschten und nur die übrigließen, die mehr oder weniger immun gegen den Erreger waren. Diese Immunität wirkte sich wohl auch bei der neuen Seuche aus. Hier in den Staaten wurde übrigens frühzeitig für die Ausgabe eines Mittels gesorgt, das zwar die Epidemie an sich nicht verhindern konnte, aber die schweren Symptome, Todesfälle und geistige Störungen, stark eingedämmt hat. Und da habe ich übrigens auch eine Ahnung, wer den warnenden Engel spielen wird, kurz vorher."
Sie sahen ihn ernst an und sagten nichts. Sie verstanden. 
"Aber danach... wird sich die Menschheit verändern. Auch wegen dem Erreger, der seine Aufgabe erfolgreich erfüllt. Die, die überlebt haben, werden sich ein neues Leben aufbauen, und es wird viel friedlicher sein als vorher. Es gibt keine Kriege mehr, dieses ewige aggressive, instinktgesteuerte Konkurrenz- und Machtgerangel fällt weg, das die Menschheit so lange dominiert hat, und nach den ersten schweren Nachkriegsjahren wird man alles daransetzen, Krankheiten, Hunger und Not für immer zu verbannen. Es gibt auch keine Überbevölkerung mehr, weite Gebiete werden von der Natur zurückerobert, und die Erfindungen insbesondere auf dem Gebiet der Nano- und Gentechnologie, die bis dahin gemacht werden, werden viele Bereiche des menschlichen Zusammenlebens völlig verändern. Das sind Prozesse, die in meiner Zeit, im achtundzwanzigsten Jahrhundert, immer noch andauern und keineswegs beendet oder vollendet sind. Und deshalb kann ich auch nicht sagen, was die ferne Zukunft danach bringen wird. * Wie es aussieht wohl leider einen neuen Krieg, diesmal gegen einen Feind, der nicht von unserer Welt oder aus unserer Dimension stammt. Ein Feind, der übrigens auch mit diesen Wesen zusammenarbeitet, gegen die wir hier und heute stehen. Erste Scharmützel des neuen Krieges hatten wir schon in meiner Zeit, dem Rest muß ich genauso abwartend entgegensehen wie Sie und meine Freunde von der FSA und Ihre Nachfahren. Aber ich rechne mir gute Chancen aus. Diesmal sind wir besser gerüstet als beim letztenmal, als wir Menschen noch mit Keulen und Steinen kämpften... Sorry, das zu erklären würden jetzt wirklich zu lange dauern. Nur soviel dazu, es ist eigentlich der Krieg einer Alienrasse, mit der wir schon in der Vergangenheit befreundet waren und in der Zukunft wieder befreundet sein werden, und wir Menschen werden jedesmal von Neuem mit hineingezogen, wenn der Feind über sie herfällt. Die Typen, die den Dritten Weltkrieg samt der Seuche ausgelöst haben, waren vermutlich Agenten dieses Feindes, oder ihrem menschlichen Handlanger. Auch das ist ein Grund, warum ich da in jedem Fall eingreifen werden, für diese Bastarde kenne ich keine Schonzeit, und sie sind jetzt schon fleißig aktiv. Deshalb werde ich mich in den nächsten siebenhundert Jahren auch bestimmt nicht langweilen."
"Also das ist es, warum Sie uns das alles erzählen. Sie brauchen Helfer in diesem Krieg." Cho verstand als erster.
Tom nickte. "Ein weiteres Paar offene Augen kann nie schaden. Sie alle sind jetzt informiert, Sie haben zumindest eine Ahnung, worauf Sie achten müssen und wen Sie informieren sollten, wenn Ihnen etwas auffällt. Aber verfallen Sie nicht in Paranoia. Nicht hinter jedem Schatten an der Wand steckt ein Monster, manchen Schatten wirft man auch selbst, wenn Sie verstehen, was ich damit sagen will."
"Sagen Sie, wenn Sie aus dieser Zeit stammen - dann tragen Sie doch das veränderte Erbgut des Erregers in sich?"
Tom sah, wie sie fast automatisch von ihm wegzurücken versuchten, und lachte freundlich. "Das stimmt, ich trage es in mir. Aber ich bin nicht ansteckend. Sie würden es nicht einmal bekommen, wenn Sie von mir eine Bluttransfusion bekämen. Das Virus hat sich von selbst totgelaufen, sobald alle in Frage kommenden Überträger das neue Erbgut schon in sich trugen. Es fand keine Wirte mehr und ist ausgestorben, schon lange vor meiner Geburt. Was da in mir steckt, sind nur ein paar veränderte Abschnitte von Erbgut, die man ohne eine sehr aufwendige Genanalyse nicht einmal aufspüren könnte."
"Äh, wissen Sie, es gibt da den Film "Terminator"..."


* Quellen: Mühlhiasl/Stormberger, der "blinde Jüngling von Prag", das "Lied der Linde von Staffelstein", Nostradamus
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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #19 am: 2. Oktober 2012, 12:36:07 Uhr »
Tom lächelte Rigsby heiter an. "Weiß ich, kenne ich. Den habe ich schon in meiner eigenen Zeit gesehen, als Uralt-Klassiker. Ich war ein hoffnungsloser Fan dieser alten Schinken, in meiner freien und unschuldigen Jugendzeit. Sie spielen auf das Ende an, und auf den zweiten Teil. Nun, diese Möglichkeit kann ich nicht ausschließen. Aber ich weiß nicht, wie der Krieg ohne die Seuche zu Ende gegangen wäre, und wie es danach weitergegangen wäre. Hätte am Ende vielleicht doch noch jemand diese ganzen alten Atomwaffenarsenale aus dem Zwanzigsten Jahrhundert eingesetzt? Das ist etwas, was ich, ehrlich gesagt, niemals erfahren möchte... und ich werde es erfahren, wenn etwas schiefgeht, wenn ich irgendwann zu sehr in der Vergangenheit herumgepfuscht haben sollte. Das ist einer der Flüche der Langlebigkeit, man wird auf jeden Fall alt genug, um von den eigenen Fehlern eingeholt zu werden."
Hightower schüttelte wieder einmal nur den Kopf. Sie hatte sorgfältig zugehört, allein sie weigerte sich, auch nur ein Wort davon zu glauben. Möchtegern-Kassandras gab es wie Sand am Meer, und der Rest war auch nur Phantasie und gut erfunden. Die Bilder, die der Mann ihnen vorher gezeigt hatte, würde sie auch irgendwann und irgendwie erklären können... "Sie wissen, daß Ihre Geschichten völlig ausreichen, um Sie jetzt ohne weiteres in eine Anstalt einweisen zu können?"
Tom lächelte weiter. "Das würde nichts bringen, weil die FSA mich sofort wieder loseisen würde. Die wissen längst, daß ich verrückter als ein Märzhase bin. Nur leider können sie es sich nicht leisten, auf meine Dienste zu verzichten, sonst hätten sie mich schon längst abgeschossen."
Richards war Jane in der Tat sehr ähnlich, bemerkte Hightower.
"Und was werden Sie in Bezug auf den Dritten Weltkrieg unternehmen? Nummer Eins haben Sie nicht verhindert, Nummer Zwei auch nicht... obwohl Sie es hätten tun können, oder?" Grace hatte endlich mal ein lohnenswertes Opfer gefunden, mit dem es sich lohnte, über Moralvorstellungen zu diskutieren.
Er schüttelte den Kopf. "Gegen die menschliche Dummheit kämpfen selbst die Götter vergebens, und ich bin kein Gott. Ich hätte mich zwar zum Gottkaiser der ganzen Welt machen können, schon vor sehr langer Zeit, aber damit hätte ich erstens die gesamte Geschichte verändert, und mich selbst damit in eine Parallelwelt befördert, in der ich wahrscheinlich nie zur Welt gekommen wäre, in meiner eigenen Zeit... und zweitens bin ich mir gar nicht sicher, ob ich damit irgendetwas tatsächlich zum Besseren verändert hätte. Ich mußte immer wieder die Erfahrung machen, daß manche Dinge einfach vorherbestimmt sind zu geschehen, und wenn ich ihr Geschehen beim ersten Mal verhindert habe, dann wiederholt die Szene sich einfach, so lange und so unkontrolliert, bis es am Ende doch passiert ist, und vielleicht unter viel schlimmeren Bedingungen als beim erstenmal. Die Zeit scheint so konstruiert zu sein, auf bestimmte Ereignisse als Kulminationspunkte zuzusteuern wie auf winzige, allesverschlingende Schwarze Löcher, anders kann ich mir das nicht erklären. Wenn ich beispielsweise den Untergang der Titanic verhindert hätte, wären stattdessen vermutlich eine ganze Reihe von anderen Schiffen untergegangen, mit nicht weniger Opfern als beim tatsächlichen Unglück, aus dem einfachen Grund, weil das Titanicunglück und die Aufmerksamkeit, die es hervorgerufen hat, eine ganze Reihe von Verbesserungsmaßnahmen zur Folge hatten, die unter anderen Umständen noch lange auf sich hätten warten lassen. Und das Problem mit Hitler habe ich ja schon angedeutet. Nichts ist so schlimm, daß nicht auch irgendwann gute Dinge daraus erwachsen, selbst ein Weltkrieg nicht. Ganz ehrlich, ich glaube nicht, daß ich irgendeinen der Kriege hätte verhindern können, ohne massivst in die Zeit einzugreifen. Es gab jedesmal zu viele Kräfte, die gezielt auf den Krieg zusteuerten wie auf ein unabwendbares Ereignis. Das ist auch bei Nummer Drei so. Da ich also nicht willens und vermutlich auch gar nicht fähig sein werde, die Sache zu verhindern, habe ich mir eine andere Taktik überlegt."  Die Agenten hörten nach wie vor gebannt zu, sie hatten selten so unglaubliche Sachen aufgetischt bekommen. Hightower und Lisbon dachten sich soeben, nach allem, was er uns aufzubinden versucht hat, darf er auch noch den Rest erzählen, es war an ihren Gesichtern deutlich abzulesen. Richards nahm es amüsiert zur Kenntnis.
"Eingreifen werde ich selbstverständlich, Sie brauchen nicht glauben, daß ich untätig zusehen werde. Aber auf eine Weise, durch die die Zeit nichts davon merken wird, was das genannte Risiko einer Wiederholung minimiert. Das ist eine der Lektionen, die ich schon in der Vergangenheit lernen mußte. Wer die Zeit betrügen will, muß hinterhältig denken und agieren, so heimlich wie ein Dieb in der Nacht. Im Lauf der Jahre bin ich tatsächlich zu der Überzeugung gekommen, daß die Zeit so etwas wie ein Lebewesen ist, und zwar eines, das sich nicht gern gegen den Strich bürsten läßt. Jedenfalls nicht von so einem kleinen Ungeziefer wie mir. Also muß ich heimlich vorgehen, mit Graswurzeltaktiken. Mein Vermögen hilft mir dabei. Ich bin reich, das wissen Sie vermutlich. Ich würde nicht sagen "unermeßlich reich", aber für ein "verdammt reich" langt es. Ich sitze aber nicht täglich auf dem Geld wie Dagobert Duck in seinem Geldspeicher, sondern ich investiere. In Firmen, Handels- und Transportunternehmen, Schulen, Museen, Forschungszentren, in Gemeinden und Landbesitz in der ganzen Welt. Es hat keinen Sinn, Miss Van Pelt, dem allem nachzuspüren," er lächelte sie an, da sie jetzt sichtlich betroffen dreinguckte, weil sie sich ertappt fühlte, "das läuft alles über Decknamen und Strohmänner und Firmenverflechtungen, und nicht erst seit gestern. Die wenigsten Geschäftsführer oder Landpächter oder sonstigen Verwalter meines Eigentums haben eine Ahnung, wer ihr Brötchengeber in Wahrheit ist, und manche von ihnen werden den ganzen Besitz sogar für ihren eigenen halten. Solange sie mit den ihnen gegebenen Talenten wuchern und sie vermehren, wie es in der Bibel so schön steht, habe ich auch keinen Grund, sie vom Gegenteil zu überzeugen. Aber eines fernen Tages, wenn es soweit ist, werden all diese Leute klare Anweisungen erhalten, denen sie sich nicht entziehen können. Denen sie sich auch nicht entziehen sollten, wenn ihnen ihre eigene Haut lieb ist. Ich weiß nämlich, wo die Gefahren lauern werden, und wo es einigermaßen sicher sein wird. Diese letztere Orte werden schon heute von mir gefördert und vorbereitet. Ganz unmerklich natürlich. Da wird hier vielleicht eine heruntergekommene Farm aufgekauft und mit einem guten Pächter wieder auf Vordermann gebracht, woanders bekommt eine Gemeinde, die unter chronischer Wasserknappheit leidet, eine Zisterne finanziert, ein Städtchen mit Umweltproblemen bekommt Hilfe durch einen externen Berater, und das Museum der Nachbargemeinde erhält vielleicht eine Tiefgarage, die in Katastrophenfällen auch als Schutzbunker für Menschen und Kunstwerke gleichermaßen dienen kann, und zugleich gibt es an der Börse Umschichtungen bestimmter Firmenwerte, die für Änderungen in landwirtschaftlichen oder technischen Bereichen sorgen... lauter winzige Maßnahmen, die jede für sich gesehen so unscheinbar sind, daß sie vielleicht nicht einmal für eine Fußnote in einer regionalen Tageszeitung reichen. Die aber in ihrer Gesamtheit eines Tages, wenn es soweit ist, die Überlebenschancen in diesen Gebieten rapide steigern werden. Für die Wohltaten, die ich heute verteile, werden die Empfänger irgendwann, eines fernen Tages, bezahlen müssen, indem sie Flüchtlinge aus den weniger glücklichen Zonen aufnehmen müssen. Aber zu diesem Zeitpunkt werden sie fähig sein, diese Belastung zu tragen, weil ich ihnen die Mittel dafür in die Hand gebe. Wohlgemerkt, ich kann nicht jeden Einzelnen vor den kommenden Katastrophen retten, das ist auch gar nicht Sinn der Sache. Aber für ein paar Millionen Menschenleben sollte mein Vermögen schon reichen. Da ist besser als ein paar Archen für Superreiche im Himalaja, Platzpreis eine Milliarde pro Nase, nicht wahr?" Jetzt hatte es den Zuhörern abermals die Sprache verschlagen, und Richards lehnte sich bequem zurück, ein fieses Grinsen im Gesicht. Er liebte es, seinem ahnungslosen Publikum die dicksten Brocken ohne Vorwarnung um die Ohren zu hauen.
"Und - und die FSA weiß das alles?" Cho klang richtig schockiert, als er endlich seine Stimme wiederfand.
"Nur das grobe Gerüst, so wie ich es Ihnen gerade geschildert habe. Aber sogar denen ist bewußt, daß Panikmache, wie ein Anruf von Kassandra sie auch in günstigen Fällen immer darstellt, bei länder- und globusumspannenden Katastrophen eher kontraproduktiv ist. Sie wissen von meiner Angst, den reizbaren Riesentiger namens Zeit zu sehr am Schwanz zu zupfen. Und sie stimmen mit meiner Linie, lieber in aller Heimlichkeit Vorbereitungen zu treffen, voll überein, typisch Geheimdienst eben, und geben meine Ratschläge an andere offizielle Stellen weiter, die dann für so Dinge wie großangelegte Notfallübungen und bessere Ausstattungen von Rettungsdiensten sorgen. Wenn der Riesentsunami, von dem ich Ihnen erzählt habe, eines Tages auf unsere Küsten prallen wird - und das ist ein unvermeidliches Ereignis, sogar ohne einen Krieg, der Vulkan ist nun mal morsch und wird nun mal irgendwann auseinanderfallen, so oder so, ob jetzt jemand nachhilft oder nicht - dann werden viele der besonders gefährdeten Gebiete wie aus heiterem Himmel und ganz plötzlich weitgehend geräumt und menschenleer sein. Und die Zeit wird nichts davon merken, bis es zu spät ist." Wieder grinste er fies. "Mein alter Feind, das Ungeheuer Zeit. Das könnte glatt ein Romantitel sein. A propos Zeit, meine Helfer von der Agency dürften jetzt ungefähr von San Francisco zum Moss Beach aufbrechen, es wird auch für mich Zeit. Wenn Sie mitkommen möchten, sollten Sie sich fertigmachen." Er machte eine Kopfbewegung in Richtung der Schutzanzüge.
"Glauben Sie, wir brauchen das Zeug?" fragte Lisbon, sich lieber an realere und faßbare Dinge klammernd, wie den bevorstehenden Einsatz am Moss Beach und ihre sehr reale Abneigung gegen die Schutzkleidung. Sie haßte das Zeug, es zwickte an den unmöglichsten Stellen, es war schwer und heizte sich auf, wenn die Sonne Kaliforniens es mal wieder zu gut meinte, von den Druckstellen in der Kleidung und den Schweißspuren hinterher gar nicht zu reden, aber leider gab es manchmal Situationen, in denen man dankbar war für eine dicke Schicht Kevlargewebe zwischen sich und einem drohenden Unheil.
"Ich will es nicht hoffen. Wenn Sie so nahe an die Ungeheuer herankommen, daß Sie einen Schutzanzug brauchen, dannn würde das bedeuten, daß ich versagt habe. Aber es kann ja sein, daß ich dringend jemand zum Absperren eines Geländes brauche, das ist nämlich meistens die Hauptaufgabe meiner Helfer, Kommunikation mit anderen Stellen, Gebiete absperren und das Fernhalten von Unbeteiligten. Mit Ihrer Erlaubnis, Agent Hightower..."
Sie blickte ihn sinnend an, konnte es aber nicht verweigern. Nicht wenn auch nur das geringste von dem, was sie erfahren hatten, stimmte. Sie nickte.
"Cho, Rigsby, fertigmachen. Jane, Sie sind auch dabei?" fragte Lisbon kurzentschlossen, bevor sie es sich noch anders überlegte, nach Hause fuhr und sich in ihrem sicheren Bett die Decke über den Kopf zog. Verdammt, sie hatte das Gefühl, als würde sie diese Entscheidung noch bereuen... Jane nickte natürlich, der Verräter. Seine chronische Neugier würde ihn noch mal umbringen, auch das wußte sie.
"Kein Schutzanzug für Sie, aber Sie sind ohnehin nicht der Typ, der den Helden spielt. Sie halten sich im Hintergrund, und beim geringsten Anzeichen, daß etwas schiefgeht, laufen Sie, was Sie können. Van Pelt, Sie bleiben hier und halten Kontakt. Und jetzt, Mr. Richards? Welches Transportmittel schwebt Ihnen vor? Soll ich einen Helikopter anfordern?"
"Nein, das dauert zu lange. Ich habe etwas viel besseres. Aber ich weiß jetzt schon, daß der General mich dafür wieder rügen wird."
"Warum machen Sie es dann?" fragte Lisbon.
"Weil ich ich bin." Er grinste auf seine unwiderstehliche Jane-Art.
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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #20 am: 10. Oktober 2012, 12:57:58 Uhr »
Sobald sie ihren Schutz angelegt und ihre Bewaffnung eingesteckt hatten, führte Tom sein neugewonnenes Team hinaus, vor den Eingang, aber er ging nicht weiter in Richtung Parkplatz. Hightower und Van Pelt waren selbstverständlich dabei, sie wollten sich nicht entgehen lassen, was der Verrückte jetzt schon wieder vorhatte.
"Und jetzt alle, die nicht mitreisen, bitte zurücktreten!" forderte Tom die beiden auf. Sie gehorchten unwillkürlich, ohne nachzudenken. Denn was konnte er schon machen... Er hob seinen Stock --
Diesmal spuckte die Matrix nicht blaues, sondern reinweißes Feuer, das in einem einzigen Sekundenbruchteil Tom selbst und Lisbon und ihr Team einhüllte, lautlos und völlig ohne Hitzeentwicklung, und sie voneinander trennte, bis jeder von ihnen nichts mehr sah als reine weiße Feuerglut rings um sich herum...
und dann sah Lisbon/Jane/Cho/Rigsby auf einmal das Land tief unter sich. Sie/er/er/er schwebte hoch in der Luft und bewegte sich mit verblüffender Geschwindigkeit, viel schneller als ein Helikopter, auf jeden Fall so schnell wie ein Verkehrsflugszeug, in Richtung Südwesten, auf San Francisco zu. Hin und wieder erkannte sie/er/er/er Landmarken unter sich, Highways und Straßenkreuzungen, auffallende Gebäude, karge Wüstenflächen und dazwischen bewässerte Gebiete in reichem Grün, die auftauchten und schon hinter ihr/ihm/ihm/ihm zurückblieben. Doch als Lisbon/Jane/Cho/Rigsby den Blick etwas schweifen ließ, stellte sie/er/er/er fest, daß es nicht ihr/sein/sein/sein Körper war, der da wie Superman höchstpersönlich durch die Luft schoß, sondern ein ziemlich groß aussehendes, weiß flammendes Etwas mit weit ausgepreizten Schwingen aus weißer Feuerglut. Als sie/er/er/er kurz dem Verlauf eines kleinen Gewässers in der Tiefe folgte, konnte sie/er/er/er im eigenen Spiegelbild auf der Wasseroberfläche erkennen, daß sie/er/er/er einen langen Vogelschweif aus Feuer hinter sich herzog, so lang wie die Schleppe eines Pfaus. Aber es war kein Pfau.
"Was zum ...?" machte Lisbon, ziemlich gleichzeitig mit Janes "Sagenhaft!", Chos beinahe panischem "Was ist das, wo bin ich, wo sind die...?" und Rigsbys entgeistertem "Bin ich tot?" Nur von Larry Kiromoto, der selbstverständlich auch mit von der Partie war, kam kein Kommentar, weil er diesen Zustand nicht zum ersten Mal erlebte.
Im nächsten Augenblick hörten sie alle Richards´ vergnügt klingende Stimme. "Keine Panik, alle miteinander. Wir sind alle noch beisammen, und Sie sind alle gesund und lebendig. Wir befinden uns gerade im Inneren einer sogenannten Fluggestalt, der energetischen Matrixtechniker-Version eines fliegenden Transportmittels. Daß Sie sich selbst oder gegenseitig nicht sehen können, liegt daran, daß ich Ihre Sehnerven auf die normaloptischen Systeme meiner Gestalt geschaltet habe. Mit anderen Worten, Sie alle sehen gerade durch die Augen meiner Fluggestalt. Und wenn Sie sich gerade etwas sonderbar fühlen, beispielsweise Ihre eigenen Zungen nicht spüren können, obwohl Sie doch sprechen, dann ist das auch normal. Während eines solchen Fluges werden Ihre Körper nämlich in ein zeitloses Stasisfeld gehüllt, und unsere Kommunikation erfolgt telepathisch. Das ist übrigens Standard in Fluggestalten, Stasisfelder dienen der körperlichen Sicherheit der Passagiere."
Aufgeregtes Gemurmel. Cho setzte sich durch. "Was heißt das, normaloptisch?" wollte er, ganz der Praktiker, wissen.
"Normal entspricht dem normalen menschlichen Sichtvermögen. Wenn es jetzt Nacht wäre, könnte ich auf Nachtsichtmodus mit Infrarot schalten, oder auf Röntgenblick, oder auf eine von mehreren Arten von Aurasicht. Soll ich es Ihnen mal zeigen?" Er wartete die Meinung der Agenten gar nicht erst ab. Mit einem Mal war der Himmel und die Luft um sie herum, gerade noch in das strahlende Hellblau eines prächtigen Nachmittages getaucht, pechschwarz, nur eine ungeahnte, noch nie gesehene Menge an Sternen ließ das Firmament in tausenden von farbenprächtigen Brillanten blitzen. Zum Ausgleich leuchtete das Land unter ihnen geradezu in unzähligen Farben, wie sie sich nur ein Impressionist ausdenken konnte. Von matten schlammigen Brauntönen bis zu beinahe schwarz, wo sich unfruchtbare Wüstenzonen und felsige Gebiete erstreckten, über freundliche, helle Farben der bewässerten, fruchtbaren Zonen und Gärten bis zu den laserartig hell gleißenden Gespinsten und Leuchtpunkten überall dort, wo sich Stromleitungen über das Land zogen oder gerade energieintensive Maschinen liefen. Winzige hellere Leuchtpunkte auf den milden Bodenfarben zeigten an, wo sich in Wahrheit menschliche Wesen bewegten. Tom ließ seinen Passagieren einige Minuten, den ungewohnten Anblick aufzunehmen. Als er wieder auf Normalsicht umschaltete, überflogen sie bereits die östlichen Außenbezirke von San Francisco, und gleich darauf kam die Golden Gate Bridge in Sicht.
"Wenn wir mehr Zeit zur Verfügung hätten, ließe ich jeden von Ihnen mal kurz ans Steuer. Aber den Rest hier fliege ich lieber selber. Wenn der General mich schon rügt, dann soll er auch vollen Anlaß dazu haben," lachte Tom, der inzwischen abgebremst hatte und tiefer gegangen war und jetzt nicht allzuweit von einer Fähre entfernt dicht über der Wasseroberfläche über die Bay glitt, so daß sie erneut ihr eigenes vogelartiges Spiegelbild sehen konnten. Sie wischten sauber und elegant direkt unter der Brücke hindurch und zogen danach energisch und fast senkrecht hoch, um dann entlang der Küste auf Südkurs zu gehen.
Die Agenten hatten durch die Augen der Fluggestalt die fassungslosen Gesichter der Passagiere auf der Fähre genau erkennen können, als sie daran vorbeigeschossen waren. Was sich die Leute im Anblick der riesigen flammenden Gestalt wohl gedacht hatten? Hatten sie vielleicht an einen Flugzeugabsturz geglaubt, an einen Kometen, oder an...
"Das füllt die Statistik der UFO-Sichtungen für diesen Monat!" hörten sie Tom lachen.
"Ach, Sie sind also die Ursache dafür. Na vielen Dank auch. Wieviele UFO-Sichtungen gehen denn so auf Ihr Konto?" fragte Jane frech.
"Weniger als Sie jetzt denken werden. Der General liebt es nämlich ganz und gar nicht, wenn ich so etwas mache, und deshalb verkneife ich es mir meistens. Aber - da sind wir schon." Sie waren ziemlich tief über schmale Streifen Sandstrand geglitten, unterbrochen von zahlreichen felsigen und bewachsenen Stellen und vereinzelten Anlegestellen, durch schwache Dunstwolken, die das kühle Wasser des Pazifiks verursachte, wenn es hier auf die sonnengewärmte Küste traf... sie erreichten Montara und gleich darauf Moss Beach, und da sahen sie eine große, schwarze Limousine vermutlich ziemlich verbotswidrig auf dem Strand knapp vor der Wasserlinie geparkt, zwei dunkel gekleidete Männer daneben... die Agenten erfuhren jetzt, daß Toms "Fluggestalt" nicht nur rasend schnell fliegen, sondern auch genauso schnell stoppen konnte, von inmer noch gut hundert Meilen pro Stunde auf Null in weniger als einer Sekunde und ganz ohne daß sie etwas von der Bremsbewegung spürten, die sie normalerweise hätte zerquetschen müssen. Eine kleine, elegant ausgeführte Kehrtwende - nur durch sanfte Bewegungen der riesigen Flügel initiiert - brachte sie zurück zu der Limousine, und nicht weit von ihr sanken sie dem Boden entgegen.
Abermals reinweißes Feuer um sie herum, als die Augen der Fluggestalt sich für sie schlossen und ihre eigenen begrenzten Sinne die Arbeit wieder aufnahmen...
und sie standen auf dem Boden, in genau der gleichen Position, in der Tom sie in Sacramento aufgenommen hatte. Aber jetzt standen sie auf dem Strand, vor sich das endlose, friedlich rauschende Meer, und keine zwanzig Meter entfernt das Auto, neben dem zwei Männer in korrekten dunklen Anzügen standen, abwartend und gefaßt und keineswegs geschockt über die unerwartete Szene. 
Tom ließ seinen Stock sinken und lächelte die Männer an. "Hi, George, Ben!" grüßte er sie laut. Während der ältere der beiden nur mißmutig das Gesicht verzog, grinste der jüngere über das ganze Gesicht über den gelungenen Auftritt.
"Darf ich vorstellen?" machte Tom und wedelte munter mit den Händen nach beiden Seiten. "Agent George Fox und Agent Benjamin Wylie von der Federal Security Agency. Und hier die Agenten Lisbon, Cho, Jane und Rigsby vom California Bureau of Investigation."
« Letzte Änderung: 10. Oktober 2012, 13:14:43 Uhr von DAOGA »

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #21 am: 6. November 2012, 08:31:28 Uhr »
"Wie haben nicht  lange gebraucht, um neue Spielgefährten zu finden." sagte der Ältere der FSA-Agenten zu ihm. Er war ein schlanker, drahtiger, kleiner Mann mit ausdünnendem grauem Haar, schmalem Gesicht und den wettergegerbten Gesichtszügen und wachsamen Augen eines Mannes, der nicht viel von seiner Zeit hinter seinem Schreibtisch verbrachte. Sein Partner war deutlich jünger, kräftig gebaut und wirkte mit seiner Sonnenbrille, dem Anzug und dem breiten, gutmütigen Grinsen mehr wie ein zweitklassiger und nicht sehr intelligenter Mafioso als wie ein Regierungsagent.
"Das ist ein Talent, das man erst einmal haben muß, George." gab Tom grinsend zurück.
"So. Hat er Sie also in eines seiner verrückten Abenteuer abgeschleppt." lachte der andere, Wylie, die CBI-Agenten an. "Möge Gott sich Ihrer armen Seelen erbarmen."
"Was. So schlimm?" grinste Jane prompt zurück.
"Schlimmer als schlimm. Bei ihm kommt es immer noch verrückter, nie normaler, also machen Sie sich keine falschen Hoffnungen." erwiderte Wylie unbeeindruckt. Aber trotz seiner dramatischen Worte schien er Spaß daran zu haben, wieder einmal mit Tom Richards zusammenarbeiten zu können. Die Blicke, die er Tom zuwarf, las Jane als... tiefe Hochachtung, beinahe Ehrerbietung, Vorfreude auf Kommendes, vielleicht sogar so etwas wie Liebe?...
aber Wylie war mit Sicherheit nicht schwul. Er schien nicht mit besonderen Geistesgaben gesegnet, vermutlich hatte er Protektion erhalten von jemand anderem, wahrscheinlich einem engen Verwandten, um überhaupt in die Agency aufgenommen zu werden, er war stark und treu und gewiß lernfähig, aber er war nicht schwul. So viel wußte Jane jetzt schon. Die Liebe, eine von der brüderlichen Art, mußte einen anderen Grund haben, etwas was zweifelsfrei mit Toms offenem Charakter zu tun hatte, der bei jedem Agenten mit dem Herz am richtigen Fleck den Beschützerinstinkt aktivierte. Genauso wußte Jane, daß Fox, der ältere, der Anführer der beiden war, ein erfahrener alter Hase mit der scharfen Witterung eines Bluthundes, der aber im Lauf der Zeit viele Enttäuschungen erlebt haben mußte, den Faltenlinien in seinem Gesicht nach zu urteilen. Erst in letzter Zeit schienen die Linien sich etwas gemildert zu haben, als ob Fox eine Last, die er viele Jahre lang mit sich herumgetragen hatte, endlich losgeworden war... und trotz der bösen Miene, die er jetzt abermals zeigte, diesmal mit seinem plappermäuligen Sidekick als Ziel, schien auch dieser Mann insgeheim seine Freude an Toms Verrücktheiten zu haben. Da war noch viel Feuer unter der grauen Asche, dachte Jane.
"So, genug der Plänkeleien. Was habt ihr für mich?" fragte der blonde Mann gerade.
"Wen, wollten Sie sagen." mischte sich unerwartet eine weitere Person ein, die bis jetzt auf dem Rücksitz der Limousine gesessen und bei offenstehender Tür den kühlen Hauch von der laufenden Klimaanlage genossen hatte, statt sich hinaus auf den schattenlosen Strand zu begeben. Es war ebenfalls ein älterer Mann, dieser mit einem dünnen, grauen Bart, und seine legere Kleidung, bestehend aus einem verwaschenen Hemd, das oben für ein paar Knöpfe offen stand, Jeans und einer leichten Jacke, die auf dem Rücksitz lag, sprach dafür, daß er nicht zur Agency gehörte. Er hätte ein freischaffender Künstler sein können, oder ein Wissenschaftler, der die Wissenschaft noch um ihrer selbst willen betrieb und nicht als Karrieresprungbrett in die Wirtschaft.
"Verdammt, wann habt ihr Regierungstypen das Beamen gelernt?" fragte er jetzt. Eine verständliche Frage angesichts der Art, wie die neue Gruppe hier angekommen war.
"Das können sie erst, seit sie mich haben. Ohne mich geht es nicht." antwortete Tom heiter und völlig unbescheiden. Der Fremde lachte zurück, er begriff sofort, daß auch Tom nicht zu den Agenten gehörte, obwohl er offensichtlich gut mit ihnen stand.
"Gut zu wissen, sonst wären sie bald total unausstehlich," grinste der Mann.
"Dr. James Dreyfus von der Washington University." stellte er sich dann vor. Sie tauschten zur Begrüßung einen kräftigen Händedruck aus, den Tom mühelos nach Punkten gewann, mit Toms Drachenkräften konnte Dreyfus einfach nicht mithalten, so sehr er sich Mühe gab. Beeindruckt schlenkerte er anschließend das mißhandelte Körperteil.
"Ist wohl kein Wunder, daß die FSA was auf Sie hält. Mit dieser Kraft könnten Sie im Alleingang ein Haus einreißen."
"Für sowas gibt es heutzutage Bulldozer. Die Agency fordert mich meistens wegen meiner anderen Talente an. Schädlingsbekämpfung der ungewöhnlichen Art, beispielsweise."
"Schädlinge, wie sie in New Mexico zu finden sind, beispielsweise?" ließ der Doktor einen Versuchsballon starten.
"Zum Beispiel. Waren Sie dort?"
Der Mann lachte. "Zu meinem Bedauern, nein. Für solche Sachen gelte ich als zu politisch unzuverlässig. Zwanzig Jahre früher hätte ich vielleicht diese Chance noch bekommen, als ich jünger und bedeutend dümmer war. Da war ich nämlich einzige Zeit in staatlichen Diensten, in verschiedenen Forschungsprojekten der Army, bevor ich die Sache hingeworfen habe. Da ging es übrigens auch um Aliens, allerdings immer nur auf rein theoretischer Basis. Realistische Szenarien für verschiedene Was-wäre-wenn-Fälle und so, wissen Sie. Ich schätze, da sind Sie schon weit darüber hinaus. Ihr Ruf eilt Ihnen voraus, Dr. Richards, auch wenn es nur ein inoffizieller ist."
"Ach, ein Ex-Army-Forscher. Kennen Sie einen gewissen Professor Doktor Henry Snyder?"
"Um Himmelswillen!" stöhnte Dreyfus sofort los. "Was haben Sie denn mit dem zu schaffen?"
Tom grinste. "Er möchte mich gerne als sein persönliches Versuchskaninchen haben. Nur bekommt er mich nicht, weil Dr. Keller von der Agency das Exclusivrecht darauf hat."
Dreyfus starrte ihn staunend und sprachlos an. "Sind Sie ein Alien oder was?" entfuhr es ihm dann.
"Einer meiner entfernten Vorfahren war eines." erklärte Tom wahrheitsgemäß. "Ich bin bloß, Zitat Wylie, verrückter als ein Märzhase."
"Stimmt, das ist er!" bestätigte Wylie im Brustton der vollsten Überzeugung, während die anderen grinsten. Nur Fox warf einen resignierten Blick gen Himmel, was seine Standardbewegung in Interaktion mit Richards und Wylie zu sein schien.
"Die beiden haben mich direkt in der Universität aufgelesen und hierherverfrachtet. Also ist es wohl wichtig, oder?"
"Ziemlich." nickte Tom. "Was ist Ihr Spezialgebiet?"
"Die Verbindung von Geologie mit Mythologie. Das heißt, ich befasse mich mit Katastrophen der Vorzeit, die Eingang in die Überlieferungen der davon betroffenen Völker fanden. Die Menschen früherer Zeiten kannten zwar nicht die wahren Ursachen von Erdbeben, Tsunamis und anderen Phänomenen, aber sie haben sich natürlich Gedanken dazu gemacht, wenn so etwas geschah, und ihre eigenen Deutungen gefunden, die mit den Schilderungen der Geschehnisse weiterüberliefert wurden und sie im Lauf der Zeit oft sogar ersetzt haben. Ich versuche, den wahren Kern solcher überlieferter Geschichten zu enthüllen und ihn in Relation zu setzen mit realen historischen Ereignissen, die wir datieren und nachvollziehen können. Wir hatten da schon etliche erstaunliche Treffer, meine Helfer und ich, beispielsweise mit indianischen Überlieferungen aus Alaska und von der ganzen Westküste, aber auch in Japan, Indien, dem Nahen Osten und aus dem Mittelmeerraum."
"Perfekt. Ein Mann mit offenem Verstand also, der nicht gleich geistig abschaltet, wenn man ihm mit unglaublichen Monsterstories kommt." lachte Tom und nickte Wylie zufrieden zu, weil er es zweifellos gewesen war, der nach Toms Anruf herumgefragt und Dr. Dreyfus aufgetrieben hatte. Der Agent grinste zurück, glücklich über Toms Einverständnis.
"Agent Wylie sagte mir auch, daß ich Meßgeräte mitnehmen sollte, wenn ich was greifbar habe. Es ist nicht viel, nur ein transportabler Seismograph mit Sofortauswertung und ein paar andere Kleinigkeiten..."
Während Tom sich die Ausrüstung erklären ließ, die der Wissenschaftler aus Washington mitgebracht hatte, und ihn seinerseits langsam und schonend darauf vorbereitete, daß Dr. Dreyfus wahrscheinlich bald ein paar echt unwahrscheinliche Kreaturen leibhaftig sehen würde, Wesen aus uralten, obskuren Überlieferungen der einheimischen Chumash-Indianer, wie Dreyfus sofort fachkundig und höchst interessiert kommentierte, klingelte Lisbons Handy. Es war Van Pelt. Sie hatte vorher bereits versucht, ihr Team zu erreichen, während sie noch unterwegs gewesen waren und die Fluggestalt ihre Handys von allen Anrufern abgeschirmt hatte, und ihre Sorge war jetzt deutlich aus ihrer Stimme herauszuhören. Sie sagte allerdings nicht, welch plötzliche tiefe Furcht sie und Hightower empfunden hatten, als schlagartig weiße, senkrechte Wände aus reinem Feuer sie beide vom Rest des Teams abtrennten und sie dann mit ansehen mußten, wie dieses weiße, starre Feuer sich wie ein massiver Block vom Boden abhob, wobei es seinen gesamten Inhalt mit sich nahm, und senkrecht nach oben schwebte, dabei nach allen Seiten Formen ausbildend - zwei mächtige Vogelfügel zu beiden Seiten, einen kurzen vogelkopfähnlichen Auswuchs auf einer dritten Seite und so etwas wie einen langen Schweif am gegenüberliegenden Ende. Dieses ganze unglaubliche und sich immer noch weiter auseinanderschiebende und vergrößernde Ding schwebte empor, bis es über dem Dach des CBI-Gebäudes hing, und setzte sich dann aus dem Stand heraus mit einer unglaublichen Beschleunigungskraft in Bewegung, in Richtung Südwesten, wo es schnell und immer noch rapide beschleunigend am Horizont verschwand wie ein bizarres UFO. Völlig entgeistert und verschreckt tauschten Grace und Madeleine Blicke aus, bemerkten dann die genauso entgeisterten Gesichter der Leute, die sich zufällig gerade auf dem Parkplatz vor dem Gebäude befunden hatten oder jetzt aus ihren Bürofenstern zu ihnen herunterstarrten, und dann griff Grace sofort zu ihrem Handy, nur um festzstellen, daß sie weder zu Lisbon noch zu einem der anderen Teammitglieder eine Verbindung bekam. Offenbar war dieses weißleuchtende, vogelförmige Objekt undurchdringlich für Funkwellen. Zwar hatte Tom Richards sich bis jetzt als freundliche und mitfühlende Natur erwiesen, trotz seiner unglaublichen Geschichten, aber... zu behaupten, daß Van Pelt sich jetzt massive Sorgen machte, war eine glatte Untertreibung.
Entsprechend erleichtert war sie, als sie etwa dreißig Minuten später endlich wieder Kontakt bekam. Sie und Hightower waren in das Büro zurückgekehrt, da sie unten vor dem Eingang auch nichts anderes tun konnte, als die Fragen erschreckter Leute abzuwimmeln und auf alles weitere zu warten.
"Lisbon! Sind Sie in Ordnung?" fragte sie also zuerst.
"Sind wir." beruhigte Teresa. "Wir stehen alle hier am Moss Beach, und die Bundesagenten sind auch schon hier, zusammen mit einem Geologen aus Washington." Lisbon hörte, wie Van Pelt das Handy weiterreichte. "-- Ja, Ma´am." machte sie dann, und wandte sich an Agent Fox. "Mr. Fox? Supervising Special Agent Madeleine Hightower möchte Sie gerne sprechen."
Fox nickte und nahm das Gerät. "Hier spricht George Fox. Bitte, Agent Hightower?"
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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #22 am: 27. November 2012, 09:20:16 Uhr »
"Mr. Fox. Als erstes, ich bedaure es, daß wir nicht direkt vor Ort miteinander sprechen können. Ihr Mr. Richards hat meine Leute weggezaubert, bevor ich ihm sagen konnte, daß ich sie begleiten wollte. Diesen Einsatz hätte ich gerne miterlebt."
Fox lächelte nicht, obwohl ihm jetzt danach war. "Ich kann noch nicht sagen, ob ich Sie dafür beglückwünschen oder bemitleiden soll, Ma´am. Wenn Mr. Richards mit von der Partie ist, bekommt man meist erheblich mehr als man bestellt hat, im Guten wie im Bösen." erwiderte er.
"Deshalb kann ich Sie jetzt nur darum bitten, auf Agent Lisbon und ihr Team ein Auge zu haben. Keiner von uns hat bis jetzt Erfahrung mit Einsätzen dieser Art. Wir hatten auch gehofft, daß Sie vielleicht über Ausrüstung verfügen, insbesondere über Waffen, die solchen Gegnern gewachsen sind. Meine Leute mußten gestern die Erfahrung machen, daß sie für solche Zwischenfälle weder ausgebildet noch ausgestattet sind."
"Da fürchte ich, Ma´am, daß ich Sie leider enttäuschen muß. Wir haben ein paar Sachen im experimentellen Stadium und unser Geologe hat einen hübschen Seismographen mitgebracht, aber bis jetzt ist Mr. Richards selbst unsere beste und zugleich einzige wirksame Waffe."
Cho, der mithörte, wandte sich an Wylie. "Stimmt das? Sie haben auch keine Waffen, mit denen man die Monster plattmachen kann?"
"Leider nein." bedauerte der Agent. "Ich sehe, Sie tragen ein Schwert bei sich, also haben Sie bereits selbst herausgefunden, was effektiv ist. Ich hoffe, Sie können auch damit umgehen. Ich trainiere schon seit Monaten zusammen mit ein paar Kollegen von der Agency Kendo und andere Schwertkampftechniken, damit wir im nächsten Einsatz nicht ganz wehrlos dastehen. Das goße Problem mit einem Schwert ist, daß man sehr nahe an einen Gegner herankommen muß, viel näher als mit einer Schußwaffe, und Sie haben ja wohl inzwischen gemerkt, wie unglaublich schnell und beweglich solche Ungeheuer sind. Da kommt es nicht nur darauf an, wie und wo man treffen muß, sondern in erster Linie darauf, schnell genug auszuweichen. Und Tom weigert sich, uns mit Schwertern bewaffnet in einen Einsatz zu schicken, solange wir im Training nicht einmal Mr. Kiromoto ausweichen können, er meint, das Tragen der Schwerter würde uns in falsche Sicherheit wiegen, wenn wir noch gar nicht so weit sind. Was allerdings total unfair uns gegenüber ist, Larry hat schon seit frühester Kindheit trainiert und ist schnell wie ein Blitz, da können wir nie mithalten."
Larry Kiromoto lächelte nicht über Wylies Bemerkung, aber Cho erkannte an seinem Blick, daß der Mann amüsiert war. Wahrscheinlich hatte er seinen Spaß daran, regelmäßig Bundesagenten vermöbeln zu können.
"Wie schnell er ist, haben wir gestern gesehen. Er hat praktisch im Alleingang drei von den Viechern erledigt."
Fox war unterdessen damit beschäftigt, Hightower zu beruhigen. "Keine Sorge, Ma´am, Mr. Richards ist sehr um die Sicherheit seiner Mitarbeit besorgt, auch wenn es nicht immer so aussehen mag, weil er sie gern kopfüber ins kalte Wasser wirft, das hat er mit uns auch so gemacht. Aber ein lebendiger Helfer ist ihm lieber als ein toter Held, wie er zu sagen pflegt, und Weglaufen hält er für den besseren Teil der Tapferkeit. Die Agenten, die den ersten Einsatz mit ihm überstehen, wissen anschließend Bescheid, und wie ich hörte, hatten Ihre Leute bereits ihre Feuertaufe."
"-- Nein, wir haben bis jetzt noch keine Feindberührung. Wenn es losgeht, wird Mr. Richards uns warnen, er hat für solche Sachen einen sechsten Sinn. außerdem haben wir Vorbereitungen getroffen. Die Küstenwache weiß Bescheid, daß sie jeden Verkehr auf dem Wasser in der weiteren Umgebung umlenken und selbst dann nicht eingreifen soll, wenn ungewöhnliche Vorkommnisse gemeldet werden, außer wir selbst fordern sie an, und ein paar Kräfte der Navy kreuzen weiter draußen. Unsere angeforderten Hilfskräfte an Land kommen soeben an, ich kann sie hören."
Aus der Ferne war eine Polizeisirene zu vernehmen, als ein Polizeiwagen und in seinem Gefolge mehrere militärische Mannschaftswagen auftauchten und im weiteren Umkreis die jeweils bis nahe ans Ufer führenden Straßen hinabfuhren, wo sie anhielten. Wie befohlen blieben sie dann dort, noch ein Stück vom schmalen Strand und der verwitterten, steinigen Abbruchkante, die ihn an den meisten Stellen vom höher liegenden besiedelten Land trennte, entfernt. Die Besatzungen stiegen aus, suchten sich Stellen mit freiem Ausblick auf das Meer, suchten die Wasseroberfläche mit Fernstechern ab, genossen die gute Meeresluft und den Sonnenschein und standen faul herum, auf Ereignisse oder neue Anweisungen wartend, stiegen jedoch weisungsgemäß nicht zum Strand hinab. Jogger, Anwohner mit Hunden oder andere Personen, die sich unmittelbar dort aufhielten, waren im Augenblick nicht zu sehen, allerdings waren die Bewohner der zahlreichen Häuser in der Gegend auf den Aufmarsch bereits aufmerksam geworden und würden bald Fragen stellen.
Ein Meldefahrzeug der Army, erkennbar an seinen vielen Antennen, kam auf die Gruppe von Agenten zu, ein Soldat stieg aus, grüßte militärisch und übergab Wylie ein Funkgerät, mit dem er direkt mit dem Einsatzleiter der Truppe sprechen konnte. Wylie nahm sofort Kontakt auf und befahl, alle ungewöhnlichen Sichtungen und Wahrnehmungen, wie etwa Erdbewegungen und ungewöhnliche Geräusche aus dem Boden sofort an ihn weiterzumelden.
Dr. Dreyfus hatte einige von seinen Geräten aus dem Wagen geladen und probehalber ein paar von seinen Sondenstäben in den Boden gebohrt, schüttelte aber bald frustriert den Kopf. "Bei diesem Boden hier wird das nichts, da registriert jede einzelne Welle wie ein Erdbeben, das die leiseren Geräusche von tiefer unten übertönt. Ich brauche festeren Grund abseits des Strandes, wie er da oben ist. Und weniger Leute in der Nähe, die herumtrampeln." Er sah Richtung Landseite, wo es festeres Erdreich und vielleicht Felsboden gab. Richards überlegte nicht lange.
"Also gut. Ich fahre gleich mit, der Wagen steht hier ohnehin nicht gut, so nahe an der Wasserlinie. Sie anderen sollten auch ein paar Höhenmeter gewinnen. Gehen Sie bitte unter keinen Umständen zu nahe ans Wasser, auch wenn dort draußen etwas passieren sollte, und bleiben Sie wachsam und beweglich, ich weiß nicht, an welcher Stelle die Viecher herauskommen werden, sie könnten sich auch genau hier direkt unter Ihnen aus dem Boden herausbohren." befahl er seiner vereinigten Truppe.
"Das klingt, als würden Sie auf einen Tsunami warten." stellte Dr. Dreyfus fest.
"Große Massen verursachen große Wellen. Und wenn das passiert, was ich erwarte, dann könnten sich da draußen bald ein paar verdammt große Massen tummeln." meinte Tom und deutete auf das Meer.
"Sind Sie nicht erschöpft, nachdem Sie uns alle hierhergebracht haben?" fragte Jane etwas besorgt, da er sich erinnerte, wie erledigt Richards am Tag zuvor nach exzessiver Benutzung seiner Matrix ausgesehen hatte, fast wie eine wandelnde Leiche. Doch Richards lächelte nur. "Danke der Nachfrage, aber, nein. Meine Fluggestalt mit allen ihren Funktionen ist ein festes Programm in meiner Matrix, wenn ich zusätzliche Passagiere oder Fracht mitnehmen will, muß ich nur ein paar einfache Variablen ändern. Das kostet mich nicht viel Kraft. Den eigentlichen Energieverschleiß hat man, wenn man die Gestalt programmiert, das kostet eine Menge Hirnschmalz, Angstschweiß und schlaflose Nächte, bis alle Faktoren perfekt zusammenspielen. In der Zeit, die man dafür braucht, könnte man glatt ein herkömmliches Flugzeug konstruieren."
"Das hört sich an wie ein Computerprogramm."
Tom nickte. "Stimmt. Matrixtechnologie für Lehrlinge hat mit Informatik viel gemein, den größten Teil der Zeit ist man damit beschäftigt, an irgendwelchen Programmen herumzufeilen. Der Spaß kommt erst hinterher, wenn alles gespeichert ist und perfekt läuft."
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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #23 am: 20. Dezember 2012, 13:26:25 Uhr »
Wylie steuerte die Limousine langsam die Lake Street hinauf, während Tom und Dr. Dreyfus sich auf dem Rücksitz über die mitgebrachten Gimmicks des Doktors unterhielten und der Rest der Crew draußen zu Fuß nachfolgte. Ein Stück weiter hielt der Wagen an, und Dreyfus suchte sich einen geeigneten Platz, um die Sondenstäbe seines Seismographen in den Boden zu stoßen. Tom half ein bißchen mit seiner Matrix nach, als der Geologe mal kurz nicht hinschaute, um die Stäbe in ein Stück massiven Felsuntergrund zu treiben.
Dr. Dreyfus verband die Kabel mit seinem tragbaren Computer, kalibrierte kurz, kompensierte für die Wellenbewegungen an der Küste, und...
"Oha. Sehen sie sich das an!" machte er fasziniert. Auf dem Monitor erschienen ganze Reihen von Schwingungsmustern, die genauso aussahen wie das, was ein normaler Seismograph an beschriftetem Papier bei einem Erdbeben ausspuckte. "Hier geht im Untergrund einiges vor, wie es aussieht!"
"Ist das normal?" fragte Fox. "Ich meine, wir sind hier in Kalifornien, wo es ständig Erdbeben gibt."
"Auf keinen Fall. Das hier sind keine tiefen Beben, das ist dicht unter der Oberfläche und verdammt nah. Wenn wir in einer Großstadt wären, würde ich sagen, da wird eine U-Bahn gebaut. Da bohrt irgendetwas. Aber so nah am Pazifik bohrt niemand, der seinen Verstand beisammen hat."
"Außer jemandem, der keine Angst vor einem plötzlichen Wassereinbruch hat, weil er auch unter Wasser existieren kann." bemerkte Tom. "Sieht so aus, als würden sie bald durchbrechen. Ich mache mich lieber fertig. Wir unterhalten uns weiter, wenn das hier vorbei ist, Dr. Dreyfus, es interessiert mich wirklich, was Sie dazu zu sagen haben." Und damit drehte er sich um und stiefelte los, überwand geschickt einen Zaun und schlug sich seitwärts ins Gebüsch, wo er hinter den Bäumen ein Versteck zu finden hoffte, nur für einige Augenblicke, in denen er ungesehen das tun konnte, was er jetzt tun mußte. --
Der Geologe sah ihm verdutzt hinterher, genauso wie die CBI-Agenten.
"Wo geht er hin?" fragte Cho.
"Nein, folgen Sie ihm nicht. Er holt jetzt seine Geheimwaffe." grinste Wylie genüßlich. "Schade, daß er es Ihnen nicht zeigen will, es ist ein phantastischer Anblick. Aber manchmal kann er auch den Geheimniskrämer spielen, wenn er will. Er hat immer seine Gründe, warum er etwa tut oder nicht tut. Warten Sie es einfach ab."
Da zumindest Wylie recht auskunftsfreudig für einen Geheimdienstler zu sein schien, nutzten die Agenten des CBI die Chance. "Sie arbeiten öfter mit Mr. Richards in solchen Fällen zusammen?" fragte Cho angelegentlich.
"Er schleift uns immer mit, wenn er die Gelegenheit bekommt, auch wenn er uns eigentlich gar nicht bräuchte." grinste der Mann zurück. "Er mag uns einfach. Vielleicht sollten wir unser Gehalt ab sofort von ihm verlangen, wenn wir ohnehin für ihn arbeiten. Leisten könnte er es sich nämlich, und er ist bei Spesenabrechnungen nicht so knausrig wie unsere Dienststelle."
"Und was haben Sie sonst mit ihm zu schaffen, wenn ich fragen darf?" wollte Lisbon wissen.
"Wenn wir von ihm angefordert werden, fungieren wir als seine Bodyguards, Chauffeure, Anstandswauwaus, Abstandhalter, Mädchen für alles... und offiziell bestellte Hüter eines lebenden nationalen Kulturguts." Wylie schwieg und lauerte grinsend darauf, wie lange es dauerte, bis der Groschen fiel. Er mußte nicht lange warten.
"Kulturgut? Was für eines denn?"
"Na, Tom Richards natürlich. Wir waren dabei, als unser General ihn wegen seiner Fähigkeiten und Leistungen zu einem lebendigen Nationalerbe erklärte. Er gilt jetzt als genauso kostbar und schützenswert wie die Freiheitsstatue, das Rezept für Coca-Cola oder unser Wappentier, der Weißkopf-Seeadler."
Ungläubiges Kopfschütteln bei den CBI-Agenten.
"Und was hat Richards dazu gesagt?"
"Er sagte, er akzeptiert den Titel, solange das nicht bedeutet, daß er ausgestopft und im Smithsonian ausgestellt wird."
Janes Lächeln machte der Sonnne am Himmel Konkurrenz, leises Gelächter kam von den anderen. Diese Antwort war so typisch für Richards!
"Ha, da kommt er!" machte Wylie auf einmal, und deutete schräg nach oben. Ihre Blicke folgten der angegebenen Richtung  und --
Nein, diesmal war es nicht die flammende, immaterielle Vogelgestalt. Das was da vom Himmel kam, war massiv und hellblau mit leuchtendgelben, orangen und schwarzen Markierungen, einem keilförmigen, gehörnten Kopf, langem Hals und noch längerem Schwanz, mit vier an den Leib gezogenen Beinen und zusätzlichen ledrigen Schwingen von erstaunlicher Spannweite, die eifrig die Luft peitschten. Sie konnten jedes Detail genau erkennen, da es genau auf sie zukam - und keine fünfzehn Meter über ihnen in bewegungslosem Segelflug hinwegzog, daß sie alle die Köpfe einzogen, als unvermittelt der riesige Schatten über sie fiel und sie tatsächlich als feines Rauschen zu hören vermeinten, wie die Luft über den riesigen schuppenbedeckten Körper strich. Sie sahen es - aber die CBI-Agenten und die Soldaten im Meldewagen wollten es einfach nicht glauben. Mit offenstehenden Mündern standen sie da und staunten, vollkommen sprachlos.
"Er landet nicht?" Wylie klang eindeutig erstaunt, als er sich umdrehte und dem weiterfliegenden Ungeheuer hinterhersah.
"Er trägt keinen Sattel." ergänzte Fox, der ältere Agent, sofort. "Das heißt wohl, er hält es diesmal für zu gefährlich für einen Reiter."
"Reiter? Sie wollen sagen, daß Sie auf sowas reiten?" machte Cho entgeistert.
"Mr. Wylie tut das hin und wieder." bestätigte Fox mit einer Geste zu seinem Assistenten. "Mich bekommen keine zehn Pferde auf Azures Rücken. Für solche Narreteien bin ich zu alt."
"Das ist also Richards´ Drachen." staunte Rigsby. "Und zugleich seine Geheimwaffe?"
"Wir dachten alle, er will uns hochnehmen, als er davon sprach. Aber der Mann lügt nie, er untertreibt nur schamlos, oder?" kommmentierte Jane.
"Er sagt immer, er ist zu dumm zum Lügen. Aber in Wahrheit ist er nur zu faul, sich Lügen zu merken. Bei ihm ist schon die reine Wahrheit unglaublich genug." brummte Wylie. Er sah etwas verschnupft aus, weil Azure nicht angehalten und ihn mitgenommen hatte. Sie beobachteten, wie der Drache in der Ferne wendete, nachdem er ein Stück den Strand abgeflogen hatte, und Kurs hinaus aufs Meer nahm. Er patrouillierte die Zone, in der vermutlich bald die unheilige Brut des Lake Clyde erscheinen würde. Wylie drehte den Kopf. Zwischen den Bäumen und Häusern die Küste entlang blitzte Sonnenlicht auf Glas, die Ferngläser der Soldaten, die sie zur Unterstützung angefordert hatten, und der Agent griff zum Funkgerät, um sie zu weiterem Stillhalten zu veranlassen. Auf Azure durfte nicht geschossen werden, auch wenn sich jetzt vielleicht so mancher eine beeindruckende Trophäe über seinem Kamin ausmalte.

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #24 am: 28. Januar 2014, 15:11:42 Uhr »
Dreyfus hatte genauso geglotzt wie die anderen, auch er hatte noch nie einen leibhaftigen Drachen gesehen. Darüber hatte er aber seinen Seismographen nicht vergessen. Über einen Kopfhörer konnte er die Erdbewegungen, die sein Gerät registrierte und als endlose Schwingungsmuster aufzeichnete, sogar hören, ein seltsames Knirschen und Mahlen, und dazu immer wieder ein leises Knacksen, wobei es sich im Wahrheit um das Geräusch des Brechens von Felsschichten in der Tiefe handelte. Was immer da unten bohrte, es ging ganz eifrig zur Sache, und es schien sogar mehr als einen Bohrer zu geben, als der Wissenschaftler sich die Wellenmuster genau anschaute, da gab es Interferenzen und Brechgeräusche an den falschen Stellen, als ob sich da unten eine ganze Armee von felsenbrechenden Würmern in Richtung Küste bohrte... und darauf schien es, Richards´ Aussage zufolge, auch hinauszulaufen. Und da hörte der Doktor plötzlich noch etwas anderes. Ein Rauschen, Glucksen und kurzes Pfeifen, wie er es einmal bei einem Höhlenbesuch kennengelernt hatte, das Glucksen jäh eindringenden Wassers und das Pfeifen gewaltsam entweichender Luft in engen Höhlengängen...
"Ich glaube, da unten ist soeben etwas durchgebrochen!" meldete er laut.
Die Agenten wandten ihre Aufmerksamkeit von dem in der Ferne kreisenden Reptil ab. "Sollten wir das Mr. Richards nicht mitteilen? Wo steckt er eigentlich?" fragte Dreyfus sie etwas ratlos.
"Der muß sein Haustier kontrollieren, das kann kein anderer außer ihm. Wenn er etwas braucht, wird er sich schon bei uns melden. Leider können wir umgekehrt mit ihm keinen Kontakt aufnehmen, aber davon dürfen Sie sich nicht stören lassen. Machen Sie einfach weiter Ihre Messungen und sagen Sie uns sofort Bescheid, wenn Sie irgendetwas ungewöhnliches bemerkten." empfahl Wylie. Er sah sich um und merkte, daß sie inzwischen Publikum bekommen hatten, einige Bewohner der umliegenden Häuser, die auf das ungewöhnliche Treiben aufmerksam geworden waren und jetzt staunend in den Himmel starrten, wo ein leibhaftiger Drachen die Küste entlang patrouillierte.
"Agent Lisbon, jetzt sind Sie dran. Die Leute sollen sich darauf vorbereiten, daß sie vielleicht ganz fix von hier verschwinden müssen. Sie sollen das nötigste zusammenpacken und ihre Autos bereithalten, nur für alle Fälle, wenn das hier schiefgehen sollte, und warnen Sie alle, die  es noch nicht mitbekommen haben."
Da Agent Fox bestätigend dazu nickte, folgen die CBI-Agenten dem Befehl, gingen zu den Leuten und teilten ihnen mit, was sie zu tun hatten. Die vier Personen neben Meldewagen und Limousine konnten ein paar Satzfetzen hören. "- nein, nicht der Drache da oben. Die Gefahr kommt von unten aus dem Boden oder aus dem Meer, aber mehr wissen wir selbst noch nicht, möglicherweise ist mit Erdstößen zu rechnen -"
"Agent Wylie." rauschte die Stimme des Einsatzleiters der Eingreiftruppe aus dem Funkgerät. "Auf dem Meer tut sich was, es sieht aus wie kleine Strudel an der Oberfläche."
Wylie spähte hinaus, aber Azure hatte es gleichfalls bemerkt, er begann mit weit gespreizten Schwingen über dem Gebiet zu kreisen wie ein Raubvogel , der sich auf eine Beute konzentriert.
"Oh oh." kam es von Dreyfus. Er lauschte sehr sorgfältig den Signalen, die aus der Tiefe kamen, blickte aber unterdessen ebenfalls aufs Meer hinaus. "Wenn da so viel Wasser verschwindet, daß sich Strudel bilden, kann das den ganzen Untergrund in Gefahr bringen. Wenn ich Mr. Richards richtig verstanden habe, befindet sich da unten ein ganzes System von Höhlen, nicht wahr?" Noch bevor die Agenten nicken konnte, spürten sie etwas. Der Erdboden unter ihren Füßen bewegte sich kurz, er zitterte, als wäre ein Schwertransporter unmittelbar an ihnen vorbeigefahren.
"Schwach,  keine Stärke Vier auf der Richterskala." kommentierte Dreyfus sofort, als der Boden wieder zur Ruhe kam. "Wenn das kein Ausläufer eines Bebens woanders war, war das harmlos für hiesige Verhältnisse. Aber diese Geräusche gefallen mir gar nicht, da unten ist gerade der Teufel los. Es hört sich an, als ob da unten alles zusammenbricht, und ich höre Wasser, jede Menge. Wasser in Erdbebenzonen ist grundsätzlich gefährlich, es ist nämlich das Schmiermittel, auf dem sich die Gesteinsschichten in Bewegung setzen --"
Ein erneutes Beben, immer noch schwach, aber schon etwas stärker als das vorherige, unterbrach ihn. Die Asphaltdecke der Straße unter ihnen riß, nur kleine Risse, jedoch ein ganzes Netzwerk davon quer über die ganze Fläche und parallel zur Küstenlinie, welches von einer allgemeinen Schwächung des Bodens sprach und vielleicht sogar vom baldigen Abbrechen  und Abrutschen eines ganzen Landstreifens entlang der Küste. Den Anwohnern, die immer noch mit Lisbons Crew debattierten, wurde schlagartig klar, daß die Warnungen nicht aus der Luft gegriffen waren, und die ersten von ihnen verfügten sich in ihre Fahrzeuge und fuhren los, bevor vielleicht die Risse in den Straßen zu groß wurden und kein Vorwärtskommen mit dem Auto mehr erlaubten.
"Sir, da draußen auf dem Meer tut sich wieder etwas!" hörte Wylie über Funk. "Da ist etwas graues, längliches im Wasser... da ist noch eins... und da, jetzt sind es schon einige - könnten das Wale oder große Fische sein? Fahrzeuge sind das nicht, sie bewegen sich unter der Oberfläche, und für Unterseeboote sind sie zu beweglich, sie bewegen sich wie riesige Aale, oder wie Schlangen..."
Auch Azure hatte von seiner Wachposition am Himmel mitbekommen, was sich da tat. Er stürzte herunter, und als er vielleicht noch zwanzig Meter über der Wasseroberfläche war, schoß jäh ein grellweißer Flammenstrahl aus seinem Maul nach unten und traf einen der grauen Körper unter Wasser. Aber noch bevor das von der irrsinnnigen Hitze schlagartig verdampfte Wasser als kochende Fontäne hochschoß, war er schon ein Stück weiter und belegte ein weiteres graues, dahinschlängelndes Etwas mit einem feurigen Gruß, und noch eines, und noch eines...
"Das ist nicht sehr effektiv. Das Wasser dämpft das Feuer ab, ich glaube nicht, daß er damit viel ausrichtet. Sie brauchen ja nur tiefer tauchen und schon sind sie seiner Reichweite entgangen." bemerkte Dr. Dreyfus.
"Er will sie reizen, so zornig machen, daß sie sich nur noch auf ihn konzentrieren und sich sammeln, statt im Meer zu verschwinden. Sie sollen sich auf ihn einschießen und ihm folgen wohin er sie führen will, damit er sie alle auf einmal erledigen kann, und wenn es sich tatsächlich um ein Kollektivbewußtsein ähnlich einem Bienenschwarm handelt, könnte ihm das sogar gelingen." antwortete Wylie, der Richards und seine Vorgehensweisen inzwischen gut einschätzen konnte. "Corporal Bedell, haben Sie irgendwas dabei, was weittragend genug ist, von Ihrem Standort aus die grauen Dinger da unten im Wasser zu erwischen, den Drachen aber nicht gefährdet? " fragte er wieder die Truppe oben am Highway.
"Das will ich wohl meinen, Sir. Wir haben hier ein paar TOWs, die bis dorthin reichen, und außerdem kribbelt es unseren Männern schon in den Zeigefingern, sie sind alle passable Schützen. Darf ich fragen, ob es sich bei den Zielen um Bestandteile der natürlichen hiesigen Fauna handelt? - Nur für den Fall, daß es hinterher Probleme mit irgendwelchen Tierschützern geben sollte, Sir."
« Letzte Änderung: 28. Januar 2014, 15:46:21 Uhr von DAOGA »

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #25 am: 13. Februar 2014, 18:06:34 Uhr »
"Ihre Bedenken wurden zur Kenntnis genommen, sind aber unbegründet. Diese Kreaturen da unten sind alles andere als natürlich und von einem Experten zur Jagd freigegeben worden, also tun Sie sich keine Hemmungen an und halten Sie drauf, mit allem was Sie zur Verfügung haben. Ich bezweifle, daß Sie mehr erreichen werden als sie zornig zu machen, um diese Kreaturen zu vernichten braucht man spezielle Waffen. Aber Sie müssen genau darauf achten, wo sich der Drache befindet. Sie dürfen nur dorthin feuern, wo er sich gerade nicht aufhält. Machen Sie sich darauf gefaßt, daß er seinen Standort sehr schnell wechseln kann, auch über weitere Strecken hinweg. Das darf aber für Ihre Leute keine Ausrede sein. Jeden, der aus Versehen oder gar mit Absicht den Drachen trifft, bringe ich höchstpersönlich vors Kriegsgericht, verstehen Sie?"
Der Corporal bestätigte.
"Sollten die Viecher auf Ihre Nadelstiche reagieren und versuchen, auf Sie loszugehen - dann spielen Sie auf keinen Fall die Helden. Belegen Sie sie mit Feuer, aber bringen Sie sich rechtzeitig in Sicherheit. Sie müssen auf jeden Fall damit rechnen, daß diese Viecher sich auch an Land bewegen können, vielleicht sogar mit hoher Geschwindigkeit. Und sorgen Sie dafür, daß die weitere Umgebung gesichert wird, ich will keine Zivilisten in Reichweite des Viehzeugs da unten sehen. Sperren Sie die ganze Gegend ab, wenn es sich ans nötig erweisen sollte. Wer zuschauen will, kann das aus sichere Distanz tun, und die ist in jedem Fall ein ganzes Stück hinter Ihren Leuten. Diese Sache hier ist erst dann erledigt, wenn unser Experte sagt, daß sie erledigt ist."
Wylie wußte, daß die Gegend eigentlich schon vorher hätte geräumt werden sollen, schließlich gab es in Moss Beach zahlreiche Häuser, die nahe der Uferlinie standen, aber er ging davon aus, daß die Ungeheuer, sobald sie an Land krochen, umso leichtere Beute für Azure waren. Das größte Risiko bestand darin, daß sie sich gar nicht um ihren fliegenden Gegner und den Beschuß durch das Militär scherten und einfach in die Tiefen des Meeres abtauchten, um dann irgendwann, irgendwo und mit dem von ihren Opfern akkumulierten Wissen, wie man die menschlichen Oberflächenbewohner am effektivsten treffen konnte, wieder aufzutauchen und aktiv zu werden. Das einzige Gegenmittel, das Richards und seine Helfer anwenden konnten, war, sie am Ort zu halten, indem man sie bis aufs Blut reizte, bis sie so blind vor Zorn waren, daß sie gar nicht mehr daran dachten zu verschwinden.
Von überall, wo die Soldaten ihre Positionen eingenommen hatten, konnte er jetzt Schüsse hören, dazwischen das vereinzelte, heisere Fauchen abgefeuerter TOWs, die mit ihren Lenkdrähten auf ihre Opfer zurasten. Wylie wandte sich an den Fahrer des Meldewagens, ließ sich ein Fernglas geben und suchte sich eine Stelle mit gutem Ausblick auf das Meer. Er sah die Detonationen der Lenkwaffen, alle wie angeordnet weit weg von Azure, der selber klug genug war, nicht mit Absicht in die Schußlinie der Waffen zu "blinken". Die meisten Geschosse trafen, einige verfehlten die grauen, schlangenähnlichen Leiber, die sich dort im Meer wälzten, wo die seichte Strandzone langsam abfiel in die Tiefen des Pazifik, und ließen mit ihren Explosionen das Wasser aufspritzen. Jedoch konnte er nicht erkennen, daß die Wesen in irgendeiner Weise auf den Beschuß reagierten. Die Schüsse der Scharfschützen mit ihren relativ kleinen Kalibern waren für ihre zähen grauen Häute vermutlich nicht einmal Nadelstiche, aber selbst wenn ein Volltreffer ganze Brocken herausriß, schien es die Wesen nicht zu interessieren, es war wie wenn jemand versuchte, mit einem Zweiundzwanziger einen ausgewachsenen Blauwal zu erlegen.
Ein neues Geräusch mischte sich in den Lärm der Schüsse und abgefeuerten Raketen, das Gehämmer eines sich nähernden Hubschraubers, und Wylie schwenkte sein Fernglas in die Richtung. Es war ein Kampfhubschrauber, die kurzen Stummelflügel an beiden Seiten schwer beladen mit bedrohlich aussehenden Waffen. Die Maschine stammte zweifellos von einem der Navystandorte in der Gegend. Ausgestattet für die Jagd auf feindliche U-Boote, war sie vermutlich mit drahtgesteuerten Mark46-Torpedos bestückt, die aus dem Flug heraus ins Wasser abgeworfen wurden, und vielleicht auch mit ein paar Stingrays, die ergaben zweifellos einen größeren "Bums" als die TOWs der Soldaten.
Wylie wandte sich an den Sergeanten im Meldewagen und ließ sich eine Verbindung zu dem Piloten der Maschine geben. Als erstes warnte er abermals davor, dem Drachen etwas zuleide zu tun.
"Sie haben es hier nicht mit langsamen U-Booten zu tun, und auch nicht mit harmlosen Meerestieren." klärte er den Piloten von Sentinel Three dann über die Art des Gegners auf. "Machen Sie sich darauf gefaßt, daß diese Wesen außerordentlich beweglich sind und Sie auch aus dem Wasser heraus angreifen können, vielleicht mit langen Fangarmen oder mit dem Abschuß von Projektilen irgendeiner Art. Halten Sie deshalb reichlich Abstand, wenn Sie Ihre Waffen abfeuern, gehen Sie nicht zu tief und bleiben Sie auf alles gefaßt. Diese Biester sind Menschenfresser, wenn Sie sich in den Bach werfen lassen sind Sie tot. Beschießen Sie sie, töten Sie sie wenn Sie können, reizen Sie sie, und wenn sie auf Sie loszugehen versuchen, dann locken Sie sie in Richtung Festland. Diese Wesen dürfen auf keinen Fall untertauchen und entkommen, sonst haben wir sie früher oder später ganz woanders am Hals, und dann aus dem Hinterhalt und vermutlich in Armadastärke."
"Verstanden, Sir. Was machen die Viecher da eigentlich? Sieht ganz so aus, als ob sie Hochzeit machen? Na, dann verpasse ich ihnen mal den Coitus Interruptus ihres Lebens!" antwortete der Schütze im Chopper, dem es offensichtlich im Abzugsfinger juckte.
Und Wylie konnte durch sein Fernglas mitansehen, wie in der Ferne erst ein, dann noch ein längliches Objekt vom Helikopter ins Wasser fiel, die ersten Torpedos, bevor die Maschine wieder hochzog und in sicherer Höhe eine andere Stelle für den nächsten Abwurf ansteuerte. Nur wenige Minuten später - die Torpedos mußten hier ja nicht kilometerweit hinter dem Feind herlaufen - erfolgten die ersten Explosionen, die das Wasser hoch aufschießen ließen, so dicht unter der Oberfläche im seichten Wasser. Fetzen von grauen Leibern wurden mit hochgewirbelt, und Azure nutzte sogleich die Möglichkeit, ein paar größere Teile mit seinem napalmartigen Drachenfeuer in Brand zu setzen, bevor die unversehrt gebliebenen "Schwestern" im Wasser die Chance bekamen, diese abgetrennten Teile wieder mit ihren Zentralkörpern zu verschmelzen. Neue Torpedoabwürfe folgen, MG-Schüsse, neue TOWs, die hinaus aufs Meer zischten, neue Explosionen und immer wieder lange, weißgleißende Bahnen und Bomben von Drachenfeuer, das Meer vor Moss Beach verwandelte sich in einen Hexenkessel, die Miniaturversion einer ausgewachsenen Seeschlacht. Wylies Warnungen erwiesen sich als nicht unbegründet, denn mit einem Mal erhob sich ein unglaublich langer, dünner Tentakel aus dem Wasser, auf die Distanz filigran und zerbrechlich aussehend und sich scheinbar in Zeitlupe bewegend, in Wahrheit jedoch unglaublich schnell und viele Tonnen wiegend, der wie eine überdimensionale Peitsche nach dem lästigen Hubschrauber schlug. Der Pilot entkam nur dank Wylies Vorwarnung und einer fliegerischen Meisterleistung, bei der die Maschine nur scheinbar völlig unkontrolliert wie ein Blatt im Wind davonwirbelte. Doch als die Maschine dabei für eine Sekunde kopfüber in der Luft hing, entdeckte die zweiköpfige Mannschaft zu ihrem Schrecken, daß das Wasser unter ihnen von grauen Massen geradezu brodelte und ein ganzes Arsenal von ähnlichen Tentakeln nur darauf wartete, die zwei lästigen Flieger über ihnen einfach wegzuwischen.
Azure hatte inzwischen eine gewisse Routine darin gewonnen, von einer Stelle zur anderen zu teleportieren, immer genau dorthin, wo der Feind ihn nicht erwartete, und von dort aus eine weitere Feuerbombe oder einen Flammenstrahl loszulassen, und belegte den jetzt so einladend aus dem Wasser ragenden Fangarm der ganzen Länge nach mit einem feurigen Gruß, der fast so heiß brannte wie die Sonne, wie Napalm klebte und sich selbst unter Wasser weiterfraß, während der Drache sich schon wieder durch einen weiteren Teleport fix in Sicherheit gebracht hatte.   
« Letzte Änderung: 13. Februar 2014, 18:29:58 Uhr von DAOGA »

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #26 am: 3. Juli 2014, 12:56:12 Uhr »
„Gehen Sie kein Risiko ein, setzen Sie sich lieber ab!“ mahnte Wylie den Hubschrauberpiloten, als mehr und mehr lange, dünne Tentakel aus dem Wasser schossen und sich auf den Chopper konzentrierten.
„Kann eh nichts mehr machen, Sir, unsere Torpedos und Raketen sind verschossen, und das MG zeigt überhaupt keine Wirkung.“ kam die Antwort, während der Hubschrauber schon abdrehte und einem weiteren Fangarm dabei knapp entging. „Verdammt, mit jedem einzelnen dieser Torpedos hätten wir ein feindliches U-Boot versenken können, aber hier hat sich so gut wie gar nichts getan - haben wir mit unserem Einsatz überhaupt was erreicht, Sir?“ 
„Nun, sie sind wenigstens noch nicht abgetaucht und in der Tiefe verschwunden, das ist schon mal ein Erfolg.“ beruhigte Wylie den verschnupften Mann. “Trotz allem, gut gemacht, Soldat.“
„Danke, Sir. Übernehmen Beobachtungsposten in sicherer Distanz. Sentinel Three over and out.“
Während die Maschine sich in ausreichender Höhe an den Himmel heftete, um als fliegendes Auge zu dienen, solange der Treibstoff reichte, flog Azure seine Angriffe weiter. Er hatte noch reichlich Feuer zu bieten, schließlich war er für genau solche Kämpfe erschaffen worden, und die Bewegungsmuster der Tentakel entsprachen denen der kleineren Verwandten der "Schwestern", der sogenannten „Black Ones“, mit denen der Drache schon in früheren Kämpfen Erfahrungen hatte sammeln können.
„Gefällt mir nicht.“ wiederholte Dr. Dreyfus zum xten Mal. Er hatte eines der Ferngläser in der Hand und beobachtete zusammen mit den anderen die Schlacht, die jenseits der schmalen Strandlinie tobte, während seine Ohren auf die Signale seines Seismographen lauschten, der sich etwas beruhigt hatte. „Seht doch, da wimmelt jetzt gar nichts mehr, da ist unter der Wasseroberfläche alles nur noch grau in grau, eine einzige Masse von was-auch-immer. Die Viecher haben sich zusammengefügt zu einem einzigen riesigen Pfannkuchen, und was jetzt? Wird der Pfannkuchen sich ins Meer absetzen, oder kriecht er an Land und fängt an hier alles aufzufressen, wie in so einem alten Horrorfilm?“
Die Masse unter Wasser war gut zu erkennen, weil sie an zahlreichen Stellen brannte, das Meerwasser konnte Drachenfeuer nicht löschen. Doch waren die Brände winzig im Vergleich, und immer wieder erlosch eines der weißen Lichter in der Tiefe, weil der Leviathan da unten die verkohlenden Stellen einfach abwarf wie abgestorbene Hautschuppen, mitsamt des Feuers, das an ihnen fraß, bevor es sich tiefer hineinbrennen konnte. Das Gewimmel der „Zusammenkunft“ war abgeebbt, der Leviathan vervollständigt. Und auch Azure fragte sich, ob die riesige Masse, zu der die „Schwestern“ sich zusammengefügt hatten, sich jetzt einfach in die Tiefen des Meeres zurückziehen würde, um von dort aus die nächsten Schritte zur Weltherrschaft zu planen... denn dann hätte der Drache ein Problem. Aerials wie Azure waren Luftwesen, wie der Name besagte, und Drachen konnten dank ihrer Leichtgewicht-Konstruktion zwar hervorragend fliegen und schwimmen, aber nur schwer tauchen. Sobald der Leviathan abtauchte, kam Azure nicht mehr auf Schußweite an seine Beute heran, und dann war all sein sonnenheißes Feuer nichts mehr wert.
Einer der Tentakel nach dem anderen sank zurück ins Wasser, und es sah ganz so aus, als würde die endgültig verschmolzene Gemeinschaft der „Schwestern“ sich tatsächlich in die Tiefen des Pazifiks zurückziehen wollen, unbeachtet der immer noch über ihnen kreisenden oder vom Ufer aus feuernden Gegner. 
Azure kreiste über dem Gebiet, wo nur wenige Meter unterhalb jener Tiefe, in die seine Feuerstrahlen gerade noch drangen, der Feind sich breit machte, und er brüllte wütend seine Herausforderung gegen das Wasser. In früheren Zeiten, vor fast dreizehntausend Jahren, als der letzte große Krieg geführt wurde gegen die Mächte, denen auch die „Schwestern“ zugehörten, hatte es bestimmt Antiwaffen gegeben speziell gegen jene Wesen, deren Element das Wasser war, Wasserdrachen vielleicht oder Nanoparasiten, die der Legion der "Schwestern" eine noch viel größere Zahl von Gegnern entgegenzustellen vermochten, oder noch viel exotischere Waffensysteme, die ein heutiger Zeitgenosse sich nicht vorzustellen vermochte. Doch all diese Waffen, oder zumindest das Wissen darüber, wo sich die Arsenale befunden hatten, waren verloren. Vielleicht, nur vielleicht, wäre ein modernes Jagd-U-Boot in der Lage gewesen, dem Gegner wenigstens für ein paar Minuten standzuhalten, aber sicher war nicht einmal das, für einen solchen Gegner waren sie einfach nicht geschaffen worden.
War es das jetzt?
... war es das gewesen...?
Hatten sie verloren, weil...
der Gegner sich einfach nicht mehr um sie kümmerte, sie ignorierte, so winzig und unwichtig sie geworden waren?...
 
Nein, sie irrten sich.
Denn der Leviathan hatte sich nur vorbereitet auf den letzten vernichtenden Schlag gegen den lästigen Gegner, seine bis dahin pfannkuchenförmige Gestalt zusammengezogen zu einer einzigen riesigen Masse, die weder im Meer noch auf Land ihresgleichen fand.
Und jetzt erhob sich diese Masse. Abgestützt unten auf dem Meeresgrund, schob sich zuerst so etwas wie ein spitzer, grauer Berg aus dem Wasser, wie bei der Geburt einer Insel im Zeitraffer.
Azure kreischte triumphierend und schoß hinab, doch diesmal war der Feind vorbereitet. Ganz unerwartet verwandelte sich das Meer ringsum für einen Sekundenbruchteil in eine graugischtende Nagelplatte, als eine wahre Barrikade von kleinen spitzen Geschossen emporschoß, und diesmal kam der Drache nicht ungeschoren davon. Richards´ Aussage, daß Azures Panzerung zwar herkömmlichen Waffen widerstand, jedoch gegen Waffen des Feindes nur bedingt Schutz bot, weil diese gegen matrixgenerierte Schutzfelder geeicht waren, bewahrheitete sich, denn auf einmal klafften zahllose Risse und Löcher in Azures Flügel und Unterseite. Sein Not-Teleport aufwärts kam zu spät, um ihn vor den Verletzungen zu bewahren, und als er einen Sekundenbruchteil später viel höher über dem Geschehen wieder materialisierte, tropfte dunkles Drachenblut aus zahlreichen Wunden in die Tiefe. Das jedoch noch im Fall zu leblosem, wertlosem Staub zerfiel und zerpulverte, aufgelöst in einzelne Atome von einem extra dafür eingebauten Zerstörungsprogramm, noch bevor der Leviathan damit in Berührung kommen und das genetische Material in seinen eigenen Gencode aufnehmen konnte. In halbem Absturz begriffen wand Azure sich im Sturz in der Luft und pulte hastig mehrere der Geschosse aus seiner Unterseite und seinen Gliedmaßen, bevor sich die Dinger, unter deren belemnitenähnlich spitzer, scharfer Geschoßhülle sich jeweils ein sehr lebendiger und tentakelbewehrter kleiner Parasit befand, weiter in seinen Körper hineinarbeiten und ihn von innen heraus auffressen konnten.
Unterdessen streckte sich unter ihm immer mehr vom Leviathan senkrecht aus dem Wasser, und er war gigantisch. Die Tentakel, die Azure vorhin noch so eifrig mit seinem Feuer bestrichen hatte, entpuppten sich als nicht mehr als winzige längliche Hautauswüchse auf dem Rücken des Titanen, der sich da aus dem Meer emporschraubte wie ein sehr lebendiges Hochhaus vom Format eines World Trade Centers, und noch immer höher wachsend streckte es sich aus dem Wasser heraus, gegen die dem Horizont entgegensinkende Sonne, deren Licht unzählige kleine Regenbogen schuf auf den Wassermassen, die in Kaskaden an den grauen Flanken und über die tentakelartigen Auswüchse herabstürzten. Und doch war da noch viel mehr von ihm im Wasser, erkennbar nur in der Gischt, die sich über den sich windenden Erhebungen des Leibes unter den Wellen brach. Es war fast, als versuche sich ein ganzer neuer Kontinent aus dem Meer zu erheben. In seiner unglaublichen Größe schien es bereits über dem Strand zu hängen, über den es seinen drohenden Riesenschatten warf, obwohl es doch immer noch ein gutes Stück draußen im Meer war -- und da öffnete sich das Maul des Riesenwurms, kein simpler zweiteiliger Kiefer wie bei einem Säugetier, sondern in fünf dreieckige Segmente unterteilt, die sich jetzt alle gleichzeitig auseinanderschoben und ihr mit unzähligen langen und spitzen Zähnen besetztes Inneres zeigten, wie eine in die falsche Umgebung verirrte, aber dafür viel zu reale Riesenversion der Sandwürmer aus den Dune-Romanen von Frank Herbert...

hilflos wie eine dahintrudelnde Schneeflocke und scheinbar nicht sehr viel größer taumelte der verletzt herabstürzende Drache hinein ins Maul und hinein in den Schlund des Monsters, der allein so gigantisch war, daß der Leckerbissen die umgebenden Armeen von Zähnen gar nicht berührte. Und dann war er fort, verschlungen, und das riesige Maul klappte mit einem Geräusch wie von einem Überschallknall zu, und der Gigant begann befriedigt wieder abzutauchen, wobei das verdrängte Wasser erneut gegen den Strand brandete wie eine Tsunamiwelle und die mehrere Meter hohe Böschung einfach überspülte, die Gischt schoß hoch bis zu den ersten Häusern, die doch deutlich über jeder Hochwassermarke lagen. Die Zuschauer auf der Lake Street wichen hastig noch weiter zurück, die Straße hinauf, um nicht von den Beinen und anschließend vom Sog hinaus ins Meer gerissen zu werden, wo das Ungeheuer vielleicht auf weitere Beute lauerte...
Beinahe lautlos verschwanden die gigantischen Massen im Wasser, bis alles bis zum letzten kleinen Tentakel verschwunden war. Seitenblicke trafen Fox und Wylie, insbesondere Wylie, der wie gebannt hinausstarrte. Ihre - seine - vielgepriesene Superwaffe, der feuerspuckende Drache, war am Ende nicht mehr gewesen als ein Knallfrosch, also, wie um alles in der Welt sollten sie dieses Ding besiegen?  Aber der Agent reagierte nicht auf ihre Blicke. Er starrte weiterhin gespannt hinaus aufs Meer, als sei das noch nicht alles gewesen. Als sei...

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #27 am: 15. Juli 2014, 16:56:40 Uhr »
Ein Stoß traf sie. Von unten her, wie bei einem Erdbeben. Jäh und unerwartet, und im nächsten Moment hob sich der ganze Ozean vor ihnen regelrecht in die Höhe, hob sich zu einer gigantischen Blase, die im nächsten Moment zerplatzte in zahlreiche riesige Gischtfahnen, die sich nach links und rechts  in erschreckender Ausdehnung auftaten, unmittelbar vor dem Strand, und dann rasten erneut riesige Wellen auf die bereits verschwundene Strandlinie zu, als die Aufwärtsbewegung der Wassermassen endgültig ihr Ende fand und alles in sich zurückstürzte, die entstandene Aushöhlung darunter ausfüllend, und selbst die ruhigeren Zonen dicht am Ufer aufwühlte. Zugleich erfüllte ein tiefes, nachhallendes Donnern und Röhren, das aus dem Meer vor ihnen zu kommen schien und ungehindert durch Wasser, Luft und Land lief, die Luft. Und vor ihnen begann das ganze Meer zu glühen, in einem intensiv grünlich-weißen Licht, das von tief unten, vom Meeresboden zu kommen schien und sich abermals entlang der ganzen Küstenlinie erstreckte, überall dort, wo die untermeerischen Teile der riesigen Seeschlange gewesen sein mußten...
Der Boden zitterte immer noch so heftig nach von dem ersten, gewaltigen Schlag, daß die an Erdbeben doch eigentlich gewohnten Kalifornier kaum auf ihren Beinen blieben. War es das, die Einleitung zu demlange erwarteten „Big One“? Oder war das riesige Ungeheuer dort draußen unter dem Wasserspiegel mit voller Absicht auf die Küste geprallt in seinem Versuch, die große Katastrophe herbeizuführen?
Fox und Wylie stützten sich gegenseitig gegen die wellenartigen Bewegungen des Bodens, die nur langsam abnahmen. Sie waren klatschnaß von der hochgespritzten Gischt, genauso wie die CBI-Agenten, die einander in ähnlicher Weise sicherten. Und draußen auf dem Meer ließ das unheimliche Glühen von unten langsam nach, genauso wie das Wasser sich langsam wieder beruhigte, die Wellenberge niedriger und niedriger wurden, doch immer wieder schienen weißglühende Teile, Fetzen irgendeiner unbekannten Materie von teilweise erschreckender Größe, an die Oberfläche zu treiben, um sich in grellster Weißglut selbst zu zerstrahlen, bis die letzten verglimmenden Überreste wieder in die Tiefe absanken.
„Ich glaube, das war´s.“ stellte Wylie schließlich fest, als der Boden endlich aufhörte, zu zittern wie ein aufgeregter Kuhschwanz, und langsam wieder Ruhe über dem Ozean einkehrte, der aber noch Schaumkronen trug wie nach dem Untergang eines Seifendampfers. Der Agent sah blaß und verschreckt aus und war so naß wie eine ersäufte Katze, aber irgendwie wirkte er gleichzeitig  - zufrieden?
„Verdammt, was war das?“ Cho war wieder der erste, der seine Stimme wiedergefunden hatte. Er wischte sich Salzwasser aus den Augen und starrte sofort wieder hinaus aufs Meer, in Erwartung des nächsten Schlags. 
„Das war Azure.“ antwortete Wylie. „Das Monster hätte ihn nicht fressen dürfen. Drachen sind schwer verdaulich, wissen Sie?“
„Was? Wie?“ Rigsby, aber er sprach den anderen aus dem Munde.
„Das Prinzip von Waffe und Antiwaffe. Die biologischen Waffen des Gegners sind so gebaut, daß sie sich mit der Wucht einer Nuklearwaffe in die Luft sprengen können, wenn das Risiko besteht, daß ein Feind sie in seine Hände bekommt und damit herumexperimentiert. Die Drachen haben den gleichen Mechanismus eingebaut bekommen. Azure hat sich im Magen des Viehs selbst gesprengt, und es dabei in tausend Fetzen gerissen. Unser Problem dürfte damit erledigt sein.“
Sie konnten es einfach nicht glauben, obwohl sie doch gerade selbst Augenzeugen des Geschehens geworden waren. Die Seeschlange - gesprengt durch den vergleichsweise winzigen Drachen? So wie zwei Verkehrsflugzeuge gereicht hatten, die riesigen Zwillingstürme einstürzen zu lassen? Sie warteten, gespannt dorthin blickend, wo Schaum und immer weniger glühende Fetzen, die auftauchten und wieder verschwanden, vom Tod eines unvergleichlichen Giganten zeugten...
Eine ungewöhnlich große Blase tauchte aus dem aufgeschäumten Wasser. Zuerst dachten die Zuschauer, sie würde jeden Moment platzen wie die Unmengen kleinerer und kurzlebiger Blasen um sie herum, die sich alle langsam auflösten, aber das geschah nicht. Zu ihrer Überraschung befand sich im Inneren dieser Blase etwas, was zuerst nicht genau erkennbar war. Vielleicht ein gefangenes Stück Gewebe, aus irgendeinem Grund geschützt vor der Zerstrahlung, ein Trümmerstück, oder ein Meerestier... die Blase setzte sich in Bewegung und hob sich langsam immer höher aus dem Wasser, während sie in Richtung des Ufers trieb. Sie folgte den Wellen, wenn sie auf den Strand zuliefen, widersetzte sich jedoch jeder gegenläufigen Bewegung und kam immer näher. Das Etwas in ihr entpuppte sich als Kopf und Oberkörper eines Menschen. Zuerst nur das, doch die Blase wuchs weiter aus dem Wasser, und die ruhig in ihr aufrecht stehende Gestalt wurde immer deutlicher sichtbar, ein Mann im hellen Anzug und mit blondem Haar, das zu einem langen Pferdeschwanz gebunden war. Es war Tom Richards. Er bewegte sich nicht, stand ganz still, den Blick nach vorne gerichtet, nicht einmal seine Füße bewegten sich im Inneren der unbeirrt vorwärts rollenden Riesenblase, er schien nicht in ihr zu stehen, sondern zu schweben. Die Blase erreichte den Strand, wurde von einer Welle ein Stück weiter an Land getragen, sie rollte aber ganz aus eigenem Antrieb noch ein ganzes Stück weiter die von den Monsterwellen zerschmetterte Böschung und die völlig zertrümmerte Asphaltdecke der Straße dahinter hoch, bis sie den Mächten des Ozeans entgültig entgangen war... und dann löste sie sich auf, nicht weit von den Agenten entfernt. Übrigens ganz ohne das ploppende Geräusch, mit dem die Zuschauer eigentlich gerechnet hatten, und ohne ein Überbleibsel in Form nasser Tropfen, das platzende Seifenblasen zu hinterlassen pflegten. 
Lisbon bemerkte, daß Agent Wylie sich in Bewegung gesetzt hatte, und der Ältere folgte ihm auf dem Fuß. Sie beschleunigten ihre Schritte, als sie sahen, daß Richards einen, zwei Schritte vorwärts tat, aber dann plötzlich auf den zerrissenen nassen Asphalt sank, auf ein Knie herabfiel, die eine Hand schwer auf seinen Stock gestützt, der durch den Druck im aufgeweichten Boden zwischen den Asphaltbrocken zu verschwinden begann, während seine andere Hand an seinem eigenen Körper nach jenen Stellen tastete, wo Azure, sein Drache, verletzt worden war. Wylie war gleich darauf neben ihm, zögerte aber, ihn zu berühren, bis er Richards´ zustimmendes Nicken sah. Agent Wylie wusste aus Erfahrung, daß es nicht ratsam war einen Matrixtechniker Fünfter Stufe ohne seine Einwilligung zu berühren, insbesondere wenn damit zu rechnen war, daß der Techniker nach Anwendung seines Instruments immer noch „geladen“ war. Aber hier und jetzt war es in Ordnung. Tom ließ es geschehen, daß Wylie sich bei ihm unterhakte und ihn auf dem trügerischen Untergrund auf die Beine zog.
„Ich fürchte, es wird einige Zeit dauern, bis wir wieder miteinander fliegen können.“ sagte er zu dem Agenten. Aber er klang gar nicht so traurig, wie man es bei dem Verlust, den er erlitten hatte, annehmen mußte, und Wylie wusste warum. Gleich darauf war auch Fox bei ihnen und stützte Tom von der anderen Seite, sorgsam darauf bedacht, nicht mit Toms Stock in Kontakt zu kommen.
„Ist es tot?“ fragte er, und Tom nickte.
„Es ist vorbei. Für diesesmal, jedenfalls.“
Im Triumphzug schleppten die beiden FSA-Agenten ihren angeschlagenen Helden bis zur nächsten Mauer, wo er sich hinsetzen und ausruhen konnte. Die Agenten des CBI waren ihnen gefolgt, und umstanden sie jetzt, brennend vor Neugier.
„Wie sind Sie da ins Wasser gekommen?“ fragte Cho zuerst.
„Raten Sie mal,“ forderte ein schmunzelnder Wylie ihn auf. „Mal sehen, ob Sie von selbst darauf kommen.“
„Die Verbindung mit dem Drachen. Eine Verbindung im Leben, nicht im Tode.“ zitierte Jane unerwartet. „Heißt das, Sie sind jetzt verwundbar?“
Tom grinste ihn schief an. „Sie können es gerne versuchen, aber ich glaube nicht, daß Sie Erfolg haben werden. So leicht läßt einen die Drachenfabrik nicht davonkommen.“
„Wovon reden Sie?“ wollte Lisbon wissen, die schon wieder mal nur Bahnhof verstand.
„Siwa, ein... Verwandter von mir, mußte schon einmal einen Drachen opfern, um einen Gegner zu besiegen. Aber kurz danach bekam er ganz unerwartet Ersatz, einen neuen, intakten Drachen. Ein Drachen ist nicht einfach ein teures Haustier für einen gelangweilten Millionärsschnösel wie mich, wie Sie vielleicht denken, sondern ein lebendiges, selbstreproduzierendes Waffensystem, das speziell für den Einsatz gegen solche Wesen erschaffen wurde.“ Toms Daumen deutete hinaus aufs Meer, das sich inzwischen beruhigt hatte. Das letzte Leuchten sich zersetzender Massen war erloschen, und die nachfolgenden dunklen Verfärbungen im Wasser, entstanden durch den aufgewühlten Schlick vom Meeresgrund, lösten sich allmählich auf, als die Sedimente sich wieder auf den Grund absetzten. Nur noch vereinzelte Schaumreste trieben auf der Oberfläche und wurden langsam von den friedlich dahinrollenden Wellen zerstreut.
„Und keine Armee entläßt einen willigen, gut trainierten Soldaten, nur weil er seine Kanone oder sein Flugzeug geopfert hat, um dadurch dem Feind einen wirksamen Schlag zu verpassen. Der einzige Leidtragende ist tatsächlich Mr. Wylie hier.“ Er grinste den Agenten an, der in der Tat einen etwas zerdröselten Eindruck machte, zwar glücklich darüber, daß Tom überlebt hatte, aber...
„Er hat sich nämlich schon größte Hoffnungen gemacht, Azures Sprößling zu erhalten und selbst solch eine Bindung eingehen zu können. Ben weiß, daß ich ihn in jeder Hinsicht fördern werde, wenn es dazu kommt. Aber da ich Azure leider opfern mußte, bin ich wieder der erste Anwärter in der Reihe, und Ben muß weiter auf sein Glück warten.“
„Eine Fabrik?“ fragte Rigsby ungläubig. „Eine Drachen-Fabrik?“
„Stimmt, und das können Sie getrost wörtlich nehmen. Eine richtige Fabrik, irgendwo in einer Dimensionsfalte versteckt, die lebendige, organische,  feuerspuckende Drachen als Kriegswaffen produziert. Und sie auch zurücknimmt, wenn sie repariert oder einfach nur zwischengelagert werden sollen, wenn ihr Bindungspartner, in diesem Fall ich, sie nicht braucht. Aber fragen Sie mich nicht, wie es dort aussieht oder wer diese Fabrik erschaffen hat. Ich war nie bei Bewußtsein, wenn ich dorthin gelangte, und über ihre Erschaffer weiß ich nur, daß es Aliens waren. Vermutlich von der Gattung der Dhoanor, aber sicher bin ich mir da nicht. In der Fabrik wird nämlich hauptsächlich mit Matrixtechnologie gearbeitet, und die Dhoanor, die ich kenne, haben alle nicht viel Talent dafür.“
„Aliens? Sie glauben das also wirklich, oder?“ fragte Lisbon, die die Sache immer noch nicht ganz ernst nehmen konnte. Tom lächelte sie freundlich an. „Falls Sie mal nach Washington kommen, versuchen Sie mich für einen Besuch zu kontaktieren. Dann stelle ich Ihnen ein lebendiges, wasch- und farbechtes Alien vor.“ 
Lisbons Blick glitt zu den Agenten. Der Ältere hatte mißmutig das Gesicht verzogen, Wylie dagegen mimte einen resignierten Ausdruck, die Augen fromm gen Himmel gerichtet, und warf die Hände in die Höhe als wolle er sagen, „da kann man halt nichts machen“. „Das macht einen weiteren Strich auf der Liste.“ sagte er dann zu Tom, der nur ganz unschuldig vor sich hin grinste und die Schultern hochzog.
„Strich?“
„Ich führe eine Strichliste,“ erklärte Wylie den CBI-Agenten mit hinterhältigem Schmunzeln. „Jedesmal nach zehn Strichen wegen Verstößen gegen Geheimhaltungs- und sonstige Vorschriften wird Tom von unserem General abgestraft, und wenn die hundert voll sind, bekommt er ein Freiticket für hundert Jahre Isolationshaft, bei Wasser und Brot.“
„Oh. Wieviele Striche hat er schon?“ fragte Jane, ebenfalls ganz unschuldig, während Lisbon mit einem vielsagenden Blick deutlich vernehmbar  vor sich hin murmelte: „Sowas sollten wir auch einführen.“
„Zu viele.“ antwortete Wylie ebenso genußvoll wie ehrlich. „Ab sofort werden wir ihn nur noch mit Maulkorb rauslassen.“
„Also stimmt das mit dem Alien?“ machte Rigsby überrascht.
„Kein Kommentar!“ seufzten zwei FSA-Agenten gleichzeitig. Was bekanntlich gleichbedeutend war mit einer eindeutigen Bestätigung.

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Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #28 am: 22. Juli 2014, 13:10:45 Uhr »
Die erste Frage, die Lisbon stellen wollte, nämlich warum sich der leitende General der FSA überhaupt mit jemandem wie Richards abgab, wenn er so chronisch unwillig schien, sich an die Vorschriften zu halten, konnte sie sich selbst beantworten - aus dem selben Grund, warum das CBI Jane bis jetzt noch nicht vor die Tür gesetzt hatte. Diese Leute waren einfach zu erfolgreich mit ihren exzentrischen Methoden, um leichtfertig auf sie verzichten zu können, und der mögliche Preis für ihren Nicht-Einsatz, der darin bestehen konnte, daß Mörder weiter frei herumliefen oder Monster ungestört das Land bedrohten, zu hoch.
„Warum reden Sie mit uns darüber, wenn Sie eigentlich nicht dürften, und Ihr General es nicht toleriert?“ fragte sie Tom stattdessen.
„Oh, stillschweigend toleriert er es, auch wenn er mich pro forma regelmäßig rüffelt. Wenn man ihn darauf anspricht, wird er selbstverständlich alles abstreiten. Wie eine Entscheidung darüber ausgehen würde, können Sie sich denken, ich bin schließlich nur ein Berater, und er ein mächtiger General. Aber General Wade weiß aus Erfahrung, daß ich nie etwas tue, ohne gute Gründe zu haben. Was die Aliens oder Vorfälle wie diesen hier betrifft, darüber rede ich mit jedem, von dem ich annehme, daß er es geistig verkraften kann. Einen offiziellen Erstkontakt mit Aliens wird es nämlich irgendwann geben, wissen Sie. Nicht heute und nicht morgen, aber irgendwann, und möglicherweise ohne Vorankündigung. Und dann wäre es wünschenswert, daß nicht die halbe Erdbevölkerung darüber ausflippt. Diese Gefahr ist am geringsten, wenn die Leute dann schon so weit darüber aufgeklärt sind, daß Aliens existieren, daß mindestens eines davon, das uns freundlich gesonnen ist, schon auf der Erde weilt, und daß wir fähig und bereit sind, den weniger freundlichen Aliens zu zeigen, wo der Hammer hängt. “
„Sie sind dann also sowas wie die Men in Black?“ bemerkte Jane frech.
„Die beiden da,“ Tom deutete ganz unverschämt mit dem Finger auf seine Begleiter in ihren dunklen Anzügen, und ignorierte großzügig, daß Wylie ihm prompt tadelnd auf denselben klopfte. „Mir steht Schwarz nicht so besonders.“
„Agent Why und Agent Eff. Cool!“ Jane schmachtete die Agenten geradezu an, er strahlte über das ganze Gesicht. Wylie grinste unverfroren zurück, er kannte die Filme selbstverständlich und fühlte sich durch den Vergleich gebauchpinselt, während Fox jetzt dreinsah, als leide er an akuten Zahnschmerzen. Sein Blick traf den von Lisbon, die er als die vernünftigste unter den CBI-Agenten identifiziert hatte. „Beenden wir dieses Trauerspiel?“
Sie nickte. „Bevor ich mich freiwillig in die Klapsmühle einweisen lasse...“
„Ach, wie schön ruhig und absolut frei von Aliens und Monstern und Tom Richards wäre es da.“
„Und frei von Jane. Bei näherer Betrachtung... lassen wir uns zusammen einweisen?“
„Spricht in der Tat nichts dagegen.“
Die Agenten Fox und Lisbon schritten davon, nicht gerade Hand in Hand, sich aber perfekt einig in ihrer Sichtweise der Dinge.
Jane stand der Mund offen, Cho, Rigsby und Wylie grinsten, und Tom, der Fox und seinen trockenen Humor gut kannte, kommentierte: „Ui. So ein Humoranfall einmal pro Monat, das muß doch wehtun, wenn es schließlich zum Vorschein kommt!“
Gekicher.
Dann seufzte Wylie laut, während sie alle sich in Bewegung setzten, den beiden hinterher. „Also gut, der Spaß ist vorbei, ab sofort beginnt der Ernst des Lebens wieder. Tom, sind Sie sicher, daß Sie alle Monster erledigt haben?“
„Ich habe mich bemüht, sie so zu reizen, daß sie gar nichts anderes im Sinn hatten, als mich zu erledigen.“ bestätigte Tom Wylies Kommentar von vorhin. „Aber ich sage niemals nie. Vielleicht hatten einige die ausdrückliche Anweisung, sich fernzuhalten vom Leviathan und von der Verschmelzung, um als Absicherung zu dienen. Wir müssen einfach wachsam sein und auf Berichte von ungewöhnlichen Vorkommnissen warten.“
„Also Business as usual.“ bestätigte Wylie, denn das gehörte zum täglichen Brot eines FSA-Agenten. Er seufzte abermals, weil er wusste, daß die Arbeit für FSA und CBI erst jetzt so richtig begann. Das Geschehen draußen im Meer ließ sich ohnehin nicht geheim halten, dafür würden sie sicher eine gute Ausrede finden, aber die Opfer der Monster mußten ermittelt werden, Vermißtenanzeigen überprüft und Hinterbliebene informiert werden...
und er konnte nur darum beten, daß nichts mehr vorfiel. Denn für den Augenblick waren sie ihrer stärksten und wirkungsvollsten Waffe beraubt.
Erneut begann der Boden unter ihren Füßen zu beben, nicht besonders stark, es war nur ein schwaches Zittern, dauerte jedoch an. Dreyfus bemühte seine Instrumente. „Das ist nicht hier, das ist nur ein Ausläufer. Es kommt aus Richtung Ost-Nordost. Also von der Südspitze der Bay, oder sogar dahinter?“ Unwillkürlich blickten sie alle in diese Richtung, obwohl ansteigendes Gelände und Bäume die Blickrichtung versperrten. Doch dann sahen sie doch etwas, weit entfernt am Horizont, etwas ähnliches wie eine einsame dunkle Gewitterwolke am sonst makellosen Himmel, die langsam aufstieg und wuchs, vielleicht die Rauchwolke eines Großbrandes? 
„Mount Diablo?“ fragte Cho, bevor einer der anderen etwas sagen konnte.
„Oh. Jetzt fällt es mir wieder ein.“ sagte Richards, als alle zu ihm blickten. „Verdammt, ich hätte gleich darauf kommen müssen, als ich den Diablo zuerst erwähnt habe - er ist tatsächlich mal als Vulkan ausgebrochen. Eine Mini-Eruption, irgendwann Anfang 21. Jahrhundert. Ich hab das mal irgendwo aufgeschnappt, aber es war mir völlig entfallen...“ Er rieb sich die Stirn und schüttelte den Kopf, als sei ihm unverständlich, daß er sich nicht mehr an etwas erinnern konnte, was er mehr im Vorbeigehen vor mehr als tausend Jahren aufgeschnappt hatte. Lisbon und die anderen allerdings waren der Meinung, daß es eine reife Leistung war, sich nach tausend Jahren an überhaupt noch irgendetwas aus Richards´ Version der fernen Zukunft zu erinnern.
„Also das war es, kaum zu glauben. Hätte nie gedacht, daß ich selber dabeisein würde, und sogar den Grund für den Ausbruch kenne.“ Tom haderte immer noch mit seinem unzuverlässigen Erinnerungsvermögen.
„War der Ausbruch schlimm?“ Zweifellos würden sie das sehr bald aus der Presse erfahren, vulkanische Aktivitäten so nahe an San Francisco würden Reporter, Schaulustige und Experten anlocken wie ein Honigtopf Fliegen, aber Jane wollte wissen, was Richards´ Erinnerungsvermögen noch ausspucken konnte. Und was genau geschehen war, vielleicht konnten sie ja bei Rettungseinsätzen helfen, wenn sie mehr Details erfuhren...
„Nein, es gab nur ein paar aufgerissene Spalten rings um den Berg, gefüllt mit Lava, die sich schnell verfestigt hat, weil nichts mehr nachkam. Der Untergrund des Diablo ist zerknüllt wie benutztes Toilettenpapier, da kann sich keine vernünftige Magmakammer bilden, die den Nachschub für einen großen Ausbruch liefern könnte. Wahrscheinlich ist von hier oder schon von der Bay aus Wasser in die Tunnel eingedrungen, irgendwo unter dem Diablo ist es auf die Lava-Badewannen der Feuerwürmer gestoßen und es gab eine Dampfexplosion, die die Lava durch Schwachzonen nach oben gedrückt hat. - Hoffentlich hat es dabei ein paar von den Feuerwürmern erwischt, ich hasse die Viecher nämlich. - Die Sache war am Ende sogar positiv, ich erinnere mich jetzt wieder, weil die erkalteten Lavaströme im Untergrund die kleineren Verwerfungen in der Umgebung des Diablo stabilisiert haben, sie wirkten wie Schweißpunkte, die der Gegend in der Zeit danach etliche Erdbeben erspart haben. Bis dann irgendwann später das wirklich große „Big One“ kam, das sich von diesen Schweißnähten nicht aufhalten ließ...“
Jane schüttelte jetzt gleichfalls den Kopf. „Wie schafft man es, sich über so lange Zeit an überhaupt etwas zu erinnern?“ fragte er interessiert.
„Auf die ganz altmodische Art, mit Tagebüchern.“ gab Tom willig Auskunft. „Die außer mir niemand lesen kann, weil ich eine Art Geheimschrift benutzt habe. Sobald mir damals klarwurde, daß ich auf unbestimmte Zeit festsaß, habe ich damit angefangen, alles was mir wichtig war und woran ich mich erinnern konnte festzuhalten, und ich mache das bis heute. Da ich es mir bei meinen vielen Reisen aber nicht leisten konnte, eine ständig wachsende Bibliothek mitzuschleppen, habe ich sie sukzessive immer wieder versteckt, solange ich noch kein dauerhaftes Zuhause besaß. Meistens in Gebäuden, von denen ich wusste, daß sie lange Zeit überdauern würden, vor allem in Kirchen. Die meisten Tagebücher haben es tatsächlich überstanden, nur das Wiederbeschaffen ist oft etwas schwierig, weil kaum ein Priester oder Bischof es gerne sieht, wenn ein Schatzsucher in seinen Kellergewölben herumstöbert und dann mit dem Fund stiften geht.“ Er grinste schief, hatte da vermutlich schon den einen oder anderen Strauß ausgefochten.   
„Was soll ich unseren Helfern und den Zivilisten sagen?“ fragte Wylie mit einer Handbewegung zum Meldewagen.
„Da es fürs erste vorbei zu sein scheint, spricht nichts dagegen, sie nach Hause zu schicken. Aber vielleicht werden am Diablo oder anderswo wegen der Erdstöße Helfer gebraucht. Und natürlich sollen sie Augen und Ohren offenhalten, für den Fall, daß es weitere mysteriöse Vorfälle gibt.“
„Verstehe, ich höre mich um und fahre mit, für alle Fälle. Ich nehme später irgendeine Maschine zurück nach D.C.“ Nach einem fragenden Blick zu Fox, seinem Senior Agenten, der zustimmend nickte - als Koordinator für Einsätze war Wylie nämlich durchaus brauchbar, egal was Fox in anderen Bereichen von ihm hielt - stieg er in den Wagen, um die Order zum Abschluß des Einsatzes durchzugeben. Brummen von Dieselmotoren aus der Ferne verriet, daß das Militär sich zum Abzug bereitmachte, und auch der Meldewagen mit Wylie fuhr los.
„Was ist mit mir?“ fragte Dreyfus, etwas nervös die Limousine beäugend, die ihn hergebracht hatte, bevor Fox vielleicht ohne ihn aufbrach.
„Ich möchte, daß Sie Ihre Messungen hier und in dem ganzen Dreieck zwischen Mt. Diablo und Sacramento fortsetzen. Schließen Sie sich mit den hiesigen Instituten kurz, und wenn Sie irgendwelche Instrumente oder Daten brauchen, sagen Sie es einfach Mr. Fox, er sorgt dafür, daß Sie das Nötige bekommen. Ich möchte gern wissen, wie es jetzt da unten aussieht, und ob uns vielleicht noch andere Überraschungen ins Haus stehen. George?“
Agent Fox nickte wieder, er würde sich um den Wissenschaftler kümmern, solange es nötig war.
„Dann will ich auch Sie nicht länger von Ihren normalen Pflichten abhalten, auch auf Sie wird jetzt viel Arbeit warten mit den ganzen Vermißtenfällen.“ fuhr Tom fort, an Lisbon und ihr Team gewandt. „Wenn Sie erlauben, werde ich Sie auf dem gleichen Weg wie vorhin auch wieder zurückzubringen. Aber diesmal können wir uns Zeit lassen und den Flug gemeinsam genießen, und wir machen auf jeden Fall einen kleinen Abstecher zum Mount Diablo.“
Und bevor sie etwas sagen konnten, spuckte Toms Matrix erneut Feuer, erst blau, dann weiß, und eine Flut von weißem Licht hüllte sie ein  --


Ende der Geschichte