Autor Thema: Das Ungeheuer vom Lake Clyde  (Gelesen 5416 mal)

0 Mitglieder und 1 Gast betrachten dieses Thema.

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« am: 14. Februar 2012, 14:57:35 Uhr »
Ein 2772/Mentalist/Starman-Crossover

So, zur Abwechslung mal wieder eine Geschichte auf Deutsch. Johanna hat mich mit "Duell" auf die fiese Idee gebracht, auch mal ein Crossover mit dem Mentalisten Patrick Jane und seiner CBI-Crew zu versuchen. Übrigens, Patrick Jane plus Tom Richards ergibt Wahnsinn im Doppelpack, also betrachtet Euch als gewarnt! (Nur für den Fall, daß sich hier jemand Hirnwürmer oder was anderes mit langen Tentakeln einfängt... Schmerzensgeld gibt´s keines!)


Kimball Cho bemerkte als erster die große, dunkle Limousine, die direkt hinter der Absperrung hielt, ein teurer, typischer Promi-Wagen mit eigenem Chauffeur und dem Kennzeichen einer einheimischen Verleihfirma. Die Person, die da kam, war also wichtig oder zumindest wohlhabend, und nicht von hier. Irritiert folgte Lisbon seinem Blick. Als sie den Mann erblickte, der soeben ausstieg, ohne auf die Hilfe seines Fahrers zu warten, zog sie eine Augenbraue hoch. Keiner von den CBI-Agenten erkannte den Mann, aber der erste Eindruck war der einer leicht exzentrischen Person. Was vielleicht mit dem naturblonden Haar zusammenhing, das zu einem üppigen Pferdeschwanz zusammengebunden dem Mann bis hinunter auf den Hintern reichte. Oder mit dem altmodischen silbernen Stock mit Glaseinlage im Knauf, den der schlanke, hochgewachsene Mann sicher nicht als Gehhilfe benötigte, denn er bewegte sich so leichtfüßig wie ein geübter Tänzer, der aber gut zu seinem sündteuren, halb-legeren Anzug paßte. Dem Mann sprang der Reichtum geradezu aus allen Knopflöchern, gerade weil er so dezent und bewußt-unauffällig gekleidet war. Die zweite Person, die sich soeben aus dem Fahrersitz der Limousine schlängelte, so unauffällig, daß man die einzelnen Bewegungen kaum wahrnahm, war ein schlanker Mann mittleren Alters mit eindeutig japanischen Zügen, dem man den durchtrainierten Bodyguard auf den ersten Blick ansah.
Wer war der Blonde? Modedesigner, Filmstar, exzentrischer Milliionär, vielleicht sogar der schwule, reiche Liebhaber des jungen Mannes, der hinter Lisbon am Boden lag? Denn schon kam er an, den Polizisten, der ihn zurückhalten wollte, mit einem einzigen vornehmen Blick von oben herab in seine Schranken weisend --
"California Bureau of Investigation, Agent Teresa Lisbon. Darf ich fragen, wer Sie sind und was Sie hier wollen?" Mit ihrem gewohnt eiskalten Tonfall ließ Lisbon von Anfang an wissen, daß sie sich weder von gutem Aussehen noch von sichtbarem Reichtum beeindrucken ließ, wer immer ihr ungebetener Besucher auch sein mochte.
"Richards. Thomas Adalmar Richards der Dritte. Zu Ihren Diensten, Agent Lisbon." Zu nicht nur ihrer Überraschung deutete der Mann sogar eine Verbeugung an, so höflich und formvollendet wie jemand, der noch dem vorletzten Jahrhundert entsprungen war. Gerade daß er sich einen Handkuß verkniff...
"Darf ich mir die Leiche mal ansehen?" fragte er dann mit einer Kopfbewegung in die entsprechende Richtung.
"Das hier ist keine Unterhaltungsvorstellung, Mr. Richards, sondern eine Ermittlung in einem Mordfall. Also ist die Antwort nein." Und wenn er noch so höflich war, das CBI hatte hier Arbeit zu tun, und die bestand nicht darin, einem reichen Schnösel einen billigen Nervenkitzel zu servieren.
"Gilt das auch dann, wenn ich das Mordopfer kennen sollte?"
"Sie kannten ihn?"
Rigsby reagierte, bevor sie etwas zu ihm sagen mußte, abermals entfernte er die Plane, die die Leiche bedeckte.
Richards ging neben dem Toten in die Knie und musterte ihn sorgfältig, insbesondere das Gesicht, ohne jedoch etwas zu berühren, was Lisbons größte Sorge - und Anlaß für eine sofortige Standpauke - gewesen wäre.
Richards drehte ihr sein Gesicht zu. "Er wurde erschossen."
Tolle Erkenntnis, Mr. Sherlock Holmes, als ob die zwei Einschußlöcher in der Brust samt des ausgetretenen, mittlerweile geronnenen Blutes nicht deutlich sichtbar gewesen wären, da die Leiche des fünfundzwanzigjährigen Mulatten auf dem Rücken lag.
"Und es hat noch niemand die Kugeln berührt..." Ein hartnäckiger Sonnenstrahl schien sich in den Knauf von Richards´ Stock verirrt zu haben, weil es dort für einige Zeit wahrnehmbar blau aufblitzte. In den gläsernen Knauf des Stocks war ein schmückender blauer, facettierter Kristall eingelassen, der den Effekt verursachte.
Richards blieb noch einige Minuten stumm und in sich versunken in seiner Haltung, als wolle er dem Toten seine Referenz erweisen. Dann erhob er sich. "Chad E. Brown. Was für eine Schande, er war so ein vielversprechender junger Mann."
"Also kannten Sie ihn?"
Der Mann lächelte Lisbon an. Er besaß ein sehr hübsches, jungenhaftes Lächeln, genauso wie Jane, der - bis jetzt ungewohnt schweigsam - sein potentiell neustes Opfer fixierte. Offenbar war er noch damit beschäftigt, sich sein eigenes Bild von dem Besucher zu machen.
"Chad ist, oder war, ein Mitglied des Sambo-Brown-Klans, der seit 1820 die Hausdiener meiner Familie stellt. Er selbst war kein Diener, nicht alle Mitglieder der Familie arbeiten für mich, und Chad wollte hier in Kalifornien sein eigenes Leben leben. Dennoch gibt mir ein solcher Vorfall zu denken. Ich bin ein reicher Mann mit Einfluß, ich habe Feinde, und das hier könnte durchaus ein Versuch sein, über die Angehörigen meiner Untergebenen an mich heranzukommen. Falls es sich um einen normalen Mordfall handelt, ein Überfall, Streit um Geld oder eine Frau oder aus einem der anderen zehntausend Gründe, warum Menschen Menschen töten, wäre das eine Erleichterung für mich, trotz der Tatsache, daß es ein Todesopfer gab. Sollte es aber andere Hintergründe geben, möchte ich, daß Sie mich darüber umgehend in Kenntnis setzen. Haben Sie schon irgendwelche Informationen?"
Lisbon unterdrückte gerade noch ein verachtungsvolles Schnauben. Sie selbst waren gerade einmal eine halbe Stunde hier, informiert von den örtlich zuständigen Streifenbeamten, die wiederum von der Anwohnerin, die die Leiche nochmals eine Stunde vorher entdeckt hatte, alarmiert worden waren. Wenn die Anwohnerin den Toten nicht zufällig gekannt und wiedererkannt hätte, würden sie noch im Dunkeln tappen bezüglich seiner Identität, da er weder Führerschein noch sonst eine Identifikation bei sich trug. Und auch keine Brieftasche, die offenbar geraubt worden war - als Teil eines Raubdelikts oder vielleicht erst danach oder, wie Mr. Richards andeutete, um ein solches vielleicht vorzutäuschen. Woher also sollte sie Informationen haben? Hielt der Mann sie vielleicht für eine Hellseherin?
"Bis jetzt nicht." antwortete sie kurz angebunden. "Abgesehen davon, daß der Mann erschossen wurde. Was vor nicht länger als vier Stunden geschehen sein kann, sonst hätte ihn der Hausmeister, der hier jeden Morgen um sechs Uhr früh seine Runde macht, entdeckt. Haben Sie einen konkreten Gund, warum Sie gerade jetzt und heute hier aufgetaucht sind?"
Der Mann lächelte sie unvermindert an. "Ja, den habe ich. Ich kam extra aus Washington hierher, weil Chad mich anrief. Er habe etwas entdeckt, was vielleicht in meine Interessenbereiche fiel... aber er sagte nicht, was. Das wollte er mir lieber persönlich anvertrauen, sobald ich bei ihm bin."
"Ihre - Interessenbereiche?" Jane hielt es nicht mehr länger aus. Die ganzen unbewußten Signale, die Richards genauso wie jeder andere Mensch permanent ausstrahlte, erschienen ihm - widersprüchlich. Und höchst ungewöhnlich. Dieser Mann war viel mehr, als er auf den ersten Blick zu sein schien...
"Jane ist mein Name. Patrick Jane." Mit einem freundlichen Lächeln auf den Lippen trat er auf Richards zu und reichte ihm die Hand, um seinen Händedruck zu testen. Die gepflegte Sprechweise des Mannes deutete für ihn auf ein Großwerden an der Ostküste, zusätzlich vielleicht sogar eine Erziehung an einem etablierten und sehr teuren Institut im Ausland, insbesondere in England, hin. In diesen Gegenden pflegte man häufiger die Hände zu schütteln als im weniger zivilisierten Rest der Vereinigten Staaten, wo man es meistens mit einem unpersönlichen "How do you do" beließ, deshalb glaubte er Mr. Richards mit dieser Annäherung nicht irritieren zu können.
Aber er war es selbst, der gleich darauf irritiert war. Sogar hochgradig irritiert.
In dem gleichen Augenblick nämlich, als ihre Hände sich berührten, fühlte er einen deutlichen elektrischen Schlag, als wäre er mit Gummisohlen auf einem Kunststoffboden dahingeschlurft und hätte die angesammelte Aufladung mit der unvorsichtigen Berührung abgegeben. Der Impuls war so heftig, daß er unwillkürlich nach unten, auf sein Füße starrte, ob da nicht ein Fleck mit Kunststoffbelag oder vielleicht auch ein schlecht isoliertes Kabel mitten im Garten verlegt war...
Richards lächelte ihn nur an, und sichtlich erfreut, wie es Patrick vorkam. "Sie sind Empath, Mr. Jane?" fragte er ganz unerwartet.
"Ich dachte, Telepathie gibt es nicht?" fragte Lisbon sofort, jetzt beide Augenbrauen hochgezogen und in Erinnerung an diverse Diskussionen, die sie beide und insbesondere Grace Van Pelt schon zu diesem Thema geführt hatten, und überspielte damit dankenswerterweise Janes Verwirrung.
"Empath, nicht Telepath." korrigierte Richards sofort. "Das ist ein Unterschied. Telepathen lesen Gedanken, Empathen können die Gefühle, Beweggründe und Absichten einer Person lesen wie ein offenes Buch. Deshalb sind sogenannte und echte Hellseher häufig Empathen, aber auch viele gute Psychiater, sofern sie fähig sind, ihre eigenen Empfindungen von denen ihrer Patienten dauerhaft zu distanzieren. Wer die Distanzierung nicht beherrscht, hält sich lieber fern von seinen Mitmenschen. Ich war leider auf beiden Gebieten immer ein Totalversager. Aber ich kann es spüren, wenn mir jemand begegnet, der in dieser Beziehung begabt ist, und das hier war gerade ziemlich eindeutig."
Lisbon zeigte auf einmal die Andeutung, nur die Andeutung wohlgemerkt, eines heiteren Lächelns. Es würde sich bestimmt lohnen, diesen Mann mit Van Pelt zu verkuppeln und zu sehen, was dabei herauskam, dachte sie gerade, und Jane wußte das genau, auch ohne Telepath zu sein.
"Da hat er Sie wohl eiskalt erwischt, was, Jane?" mischte sich Kimball frech ein. "Jetzt sind Sie entlarvt, Mann!"
"Von was für Interessenbereichen Ihrerseits sprachen Sie gerade?" fragte Lisbon, bevor sich die beiden ein weiteres Wortduell liefern konnten.
« Letzte Änderung: 14. Februar 2012, 15:36:11 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #1 am: 22. Februar 2012, 12:34:58 Uhr »
"Ich bin so etwas wie ein Hobbyforscher, im Bereich der ungewöhnlichen Phänomene. Allerdings nicht im Sinne von Yeti, Sasquatch oder dem Ungeheuer von Loch Ness, die sind schon wieder zu gewöhnlich für mich, und zu sehr mit Fälschungen aus jüngerer Zeit belastet. Ich befasse mich mit den wirklich  ungewöhnlichen, echten, seltenen und nicht selten auch gefährlichen Dingen. Ersparen sei es mir bitte, Beispiele zu nennen, die würden Sie mir ohnehin nicht glauben. Aber alle meine Freunde, Verwandten und Mitarbeiter wissen von meiner Passion, und sie wissen, auf was ich anspringe. Chad hätte mich nicht angerufen, wenn er nicht geglaubt hätte, daß es interessant und vielleicht auch wichtig wäre."
Sein Lächeln verlor sich, als er beobachtete, wie die Leiche auf eine Bahre gehievt und abgedeckt wurde, da alle verwertbaren Spuren inzwischen gesichert worden waren.
"Und wenn einer Ihrer Feinde, die Sie erwähnten, den Ermordeten auf eine falsche Spur lockte, um an Sie heranzukommen?" fragte Rigsby clever dazwischen.
"Diese Möglichkeit kann ich nie ganz ausschließen, und ich will sie auch gar nicht ausschließen. Ich möche gern Bescheid wissen, wenn es jemand auf mich abgesehen hat, verstehen Sie? Zum Glück habe ich durchaus Möglichkeiten, mich zur Wehr zu setzen, wenn mich jemand angreift."
"Wie? Tragen Sie eine Waffe?" Der Leibwächter trug eine, das wußte Lisbon ohne hinzusehen, aber unter Richards´ gutgeschnittenem Anzug konnte sie keine verdächtige Ausbeulung erkennen.
"O ja. Wenn auch von anderer Art, als Sie jetzt denken. Schußwaffen überlasse ich denen, die damit besser umgehen können als ich. " Jetzt lächelte der Mann wieder.
"Benutzen Sie Messer?" riet Jane auf Gutdünken, nur um vielleicht eine weitere Reaktion auszulösen.
"Kann ich mit umgehen, aber, nein. Es ist etwas für Spezialisten wie mich. Vielleicht zeige ich es Ihnen bei Gelegenheit. Haben Sie Chads Wohnung schon durchsucht?"
"Grob überflogen. Aber da Sie besser wissen, weswegen Mr. Brown Sie vielleicht angerufen hätte... gehen wir."
Einer der Polizeibeamten, die den Mordfall aufgenommen hatten, hatte bis jetzt die Wohnung überwacht, damit nichts abhanden kam, während sich die CBI-Leute draußen um die Leiche scharten.
Als sie den Livingroom betraten, deutete Richards sofort auf ein großes Schwarzweiß-Foto älteren Datums, das an prominentem Platz gerahmt hing und einen ganzen Klan von mehr oder weniger dunkelhäutigen Personen zeigte, die alle einen kleinen, würdigen, alten Mann im spärlichen Weißhaar umringten.
"Der Sambo-Brown-Klan. Das in der Mitte war Großvater Sambo. Inzwischen wären noch viel mehr Personen auf dem Foto zu finden, darunter Chad, der damals noch gar nicht auf der Welt war. Das hier wurde Ende der Vierziger Jahre aufgenommen, kurz vor Sambos Tod. Sambo wurde noch als Sklave geboren, und er gelangte als Gewinn eines Pokerspiels in den Besitz meiner Familie. Verrückte Zeit, damals... aber danach wurde er sofort freigegeben. Meine Familie hat nie was von Sklaverei gehalten. Uropa Hendriksen siedelte in Pennsylvania, wissen Sie, mit guten, arbeitsamen Christen, Puritanern und Amish als Nachbarn, und da betrachtete man Sklaverei als höchst unmoralische Sache und nicht mit dem christlichen Gewissen vereinbar."
"Sie sind nicht christlichen Glaubens?"
Richards lächelte wieder. "Agnostiker. Für religiösen Glauben war meine Familie immer zu schräg, ich bin nicht der einzige mit einer Neigung zu sonderbarem Zeug, und wir waren auch immer zu ungläubig, zu wissensdurstig und zu wahrheitsliebend, um uns von einer bestimmten Richtung vereinnehmen und Denkblockaden verpassen zu lassen. Und ich selbst habe zu viel gesehen und erlebt, um noch irgendeinem Verein von dieser Sorte beizutreten. Keine gute Voraussetzung, wenn ich in die Politik möchte, ich weiß," er lachte leise, "aber da ich keine Intentionen in dieser Richtung habe, kann mir das herzlich egal sein."
Während sie miteinander redeten, hatten sie mit geübten Blicken die Wohnung abgesucht, mit Richards als gespanntem Zuschauer, wenn die CBI-Mitarbeiter Schränke und Schubladen öffneten, und hin und wieder auf seine Vorschläge reagierten, nach Verstecken auf der Unterseite besagter Schubladen, der inneren Rückseite der Schränke oder hinter losen Kacheln im Badezimmer oder lockeren Dielenbrettern zu suchen.
"Oh." machte er irgendwann, als sie die Schranktür im Schlafzimmer öffneten, hinter der sich die privaten Unterlagen, Versicherungsbescheinigungen, bezahlte Rechnungen und die restliche Buchhaltung des verstorbenen Mr. Brown befanden. Er deutete auf ein Objekt, das zwischen den Ordnern lag, ein kleiner, grauer, poröser fünfzackiger Stein, der aussah wie ein versteinerter Seeigel ohne Stacheln, ein Fundstück aus irgendeiner Kiesgrube vielleicht, der aber ungewöhnlich schwer auf Lisbons Hand wog, als sie ihn aufnahm, als bestünde er in Wahrheit aus Blei. "Würde es Ihnen etwas ausmachen, das in sichere Verwahrung zu nehmen? Das ist ein sehr kostbares Stück, und es sollte in jedem Fall in die Hände eines anderen Familienmitglieds gelangen, auch wenn alles andere verloren ginge. Die Browns wissen, was es ist, und was es bedeutet."
"Was ist das?" wollte Teresa wissen.
"Eine Art Dämonenbanner. Sehr selten und sehr kostbar. Ich weiß das, weil das Stück ursprünglich von mir stammt, ich habe noch ein paar davon. Ich habe eine Reihe davon verteilt an Leute, die mir vertrauenswürdig und intelligent genug erschienen. Irgendwer davon, ich denke die alte Alina, Chads Tante, hat ihn an Chad weitergegeben, wahrscheinlich als Glücksbringer. Hat ihm wohl nicht viel geholfen... aber dafür sind die Dinger eigentlich auch nicht gedacht."
"Wofür dann? Dämonenbanner..." Cho wog den Stein in der Hand, ebenfalls erstaunt über das Gewicht, bevor er ihn in das Tütchen für Beweismittel versenkte.
"Dämonenbanner, in Anführungsstrichen." korrigierte Richards. "Die Viecher, gegen die er wirkt, haben mit dem, was man landläufig unter Dämonen versteht, nichts zu tun. Mit daimones, so die ursprüngliche Bezeichnung, bezeichnete man so etwas wie das Schicksal eines Menschen bestimmende Geister, die sowohl gut als auch böse sein konnten, dämonisiert im Sinne des Wortes wurden sie erst durch das Christentum. Aber mit dem, wogegen dieser Sternenstein hilft, möchten Sie niemals etwas zu tun bekommen, das können Sie mir glauben. Und diese Dinge sind verdammt real."
"Und was macht man damit? Jeden Samstag nachts in unzulänglicher Bekleidung um große Bäume hüpfen und den Mond anheulen, oder lieber an einem Kreuzweg einen schwarzen Hahn opfern?"
Tom Richards lachte über Janes ganz bewußt provozierende Frage. "Nein, er muß nicht durch irgendwelche Zeremonien aufgeladen werden. Das Material allein wirkt schon. Und das Design, das auch seinen Grund hat. Sie können gerne darüber nachlesen. Howard Lovecraft zum Beispiel hat etwas darüber geschrieben."
"Lovecraft? War der so etwas wie ein Dämonenjäger?" fragte Rigsby, dem der Name offenbar nichts sagte.
"Der? Nie im Leben. Der war ein labiles Muttersöhnchen mit leicht perverser Veranlagung, und wäre vermutlich beim ersten Anblick seines eigenen Schattens in geistige Umnachtung gestürzt, wenn ihm jemand verraten hätte, daß hinter seinen Beschreibungen mehr steckte als seine eigene blühende Phantasie. Er hat sein ganzes Leben lang nicht geahnt, daß er tatsächlich einen direkten geistigen Kanal zu realen Gegebenheiten besaß. Nicht alles ist so, wie er es beschrieben hat. Aber ich weiß aus eigenen Erfahrungen, daß er ein paarmal auch verdammt dicht dran war."
Sie hatten jetzt alles durchsucht, erfolglos - bis auf eines.
Richards stand wieder vor dem großen alten Familienphoto und deutete mit seinem Stock darauf. "Würden sie es bitte auseinandernehmen?" fragte er Lisbon. Cho griff sogleich zu und holte das Bild von der Wand. Hinten im Rahmen steckte nichts. Aber als er es vorsichtig zu zerlegen begann...
"Was ist das? Ein Lageplan?" fragte Lisbon, nachdem sie es vorsichtig auseinandergefaltet und geglättet hatte.
"Nein. Da ist eine Fälschung." antwortete Richards ganz unerwartet, ohne auch nur einen Blick darauf zu werfen. "Versteckt genau da, wo jemand, der nach solchen Dingen fahndet, sofort als Erstes nachsehen würde. Aber es ist ein Beweis, daß Chad tatsächlich etwas auf der Spur war. Den wirklichen Hinweis hat er da versteckt, wo man ihn zuletzt suchen würde."
Er hielt den Papierkorb in der Hand, der ganz altmodisch aus Weiden geflochten und mit rotem Stoff ausgeschlagen war. Selbstverständlich hatte Cho den Inhalt inspiziert, zwei Tageszeitungen der vergangenen Tage, Werbung, eine beglichene und zerrissene Rechnung... und eine abgerissene Eintrittskarte einer Zaubershow, die zwei Wochen zuvor stattgefunden hatte, und die sich ganz unten zwischen den Falten des Stoffs versteckt hatte. Tom nahm die Karte und hielt sie Lisbon unter die Nase.
"Ich bin unter anderem Ehrenmitglied der Association of American Magicians, der bedeutendsten Vereinigung von Magiern und Illusionisten in den Staaten, und Chad wußte das. In meine Augen schreit diese winzige Karte geradezu "Hinweis!" Ich schlage vor, wir suchen die Adresse auf, unter der diese Show stattfand, und forschen dort weiter. Werden Sie mich begleiten, Agent Lisbon?"
"Whoa, jetzt mal langsam mit den Pferden, Cowboy. Gehen Sie immer so forsch vor? Und woher wissen Sie das mit der Fälschung?"
"Selbstverständlich. Ich habe meine Zeit schließlich nicht gestohlen. Und den Trick mit der Fälschung als Hinweis kennt jeder, der irgendwann einmal in meinen Diensten stand. Chad bekam ihn im Rahmen einer allgemeinen Einführung mit, die in Lyon´s Home, meinem Zuhause, regelmäßig für den Nachwuchs veranstaltet wird. Kinder lieben Agentenspiele, wissen Sie, selbst wenn sie später einen viel harmloseren Berufsweg gehen, und sind deshalb begeistert bei der Sache, wenn man sie spielerisch in ganz und gar ernst zu nehmende Agententricks einführt. Aber man kann ja nie wissen. Ich sagte ja bereits, daß es durchaus Leute gibt, die versuchen könnten, über meine Bedienstete oder deren Angehörige an mich heranzukommen. In solchen Fällen sollten sie nicht ganz unvorbereitet sein, und deswegen machen wir diese Kurse."
"Dann müssen Sie sehr mächtige und gefährliche Feinde haben, Mr. Richards. Sie können nicht zufällig ein paar Namen nennen?"
Er schüttelte den Kopf. "Es ist sinnlos zu spekulieren, solange ich nicht mehr darüber weiß. Und nicht alle meine Gegner stellen sich vorab namentlich vor. Also, fahren wir?"
Lisbon seufzte, und gab nach. Sie machte einen Anruf an Van Pelt im Büro (bei dem sie auch insgeheim die Order an Grace gab, das Privatleben dieses sonderbaren Heiligen namens Tom Richards möglichst gründlich in Erfahrung zu bringen), und nach wenigen Minuten wußte sie, wo die Zaubershow stattgefunden hatte, in einem zweitklassigen Etablissement in der Von Pinn Road.
Eine Karawane von drei Fahrzeugen machte sich auf den Weg, Lisbons Wagen voran, in der Mitte Richards´ gemietete Limousine und Janes silberner Citroen hinterher, denn das Weitere wollte Patrick sich auf keinen Fall entgehen lassen.
Es war noch viel zu früh am Tag für eine Show, als sie bei dem Theatergebäude ankamen. Die Vorstellungen fanden erst abend statt, tagsüber wurde nur geprobt. Außerdem hatte die letzte Aufführung der Zaubershow am letzten Sonntag stattgefunden, und in den Werbeboxen prangten bereits die Anschläge für die nächste Attraktion.
"Durchsuchen wir das Gebäude?" fragte Lisbon, aber Richards schüttelte nur den Kopf. "Zu viel der Mühe. Wir fragen einfach den Pförtner."
Sie fanden den Mann schnell, und Richards stellte sich ihm vor: "Mein Name ist Thomas A. Richards, Ehrenmitglied der Association of American Magicians. Könnte es sein, daß vor einiger Zeit hier etwas für mich hinterlegt wurde, vielleicht im Rahmen der Zaubershow, die bis einschließlich letztes Wochenende hier lief?"
Der Mann musterte ihn von oben bis unten, insbesondere Toms langen Pferdeschwanz, der ihm vermutlich als auffälligstes Merkmal des potentiellen Empfängers des hinterlegten Gegenstandes genannt worden war. Da er dann zu dem Schluß kam, es handle sich nicht um ein angefügtes Haarteil, sondern um das originale Haupthaar seines Gegenübers - für solche Sachen hatten altgediente Theaterpförtner, die jeden Tag Perücken und Haarteile zu sehen bekamen, einen Blick - nickte er, und ging, um das Hinterlegte zu holen. Es war ein kleines Päckchen, das er Tom dann überreichte. Richards nickte dankend und hielt plötzlich, wie durch Zauberei, einen Geldschein zwischen den Fingern, der genauso fix in eine der Taschen des Arbeitoveralls, den der Pförtner außerhalb der Einlaßzeiten für die Vorstellungen trug, verschwand. Lisbon, Cho und Jane, die dabeistanden, dachten sich im Stillen, daß Tom nicht der einzige hier war, der was von Zauberkunststückchen verstand. Wenn man sein ganzes Leben an solch einem Ort arbeitete, guckte man sich den einen oder anderen Trick ab.
Sie zogen sich zu den Autos zurück, und dort öffnete Tom das Päckchen.
Der Inhalt bestand aus einem Packen Photographien, ferner einem Stadtplan und einer undurchsichtigen gebauschten Papiertüte, in der es raschelte, als er sie probehalber schüttelte. Auf dem Plan waren mehrere Stellen angekreuzt, und Lisbon wußte sofort, daß das eine Aufgabe für Van Pelt und ihren allwissenden Computer darstellte - herauszufinden, was sich an diesen Stellen finden ließ und was sie miteinander gemeinsam hatten.
Tom öffnete neugierig die Papiertüte und schüttelte den Inhalt auf den entfalteten Plan, den Lisbon auf der Motorhaube ihres Wagens ausgebreitet hatte. Vorläufig vermied er erst einmal einen Kontakt mit dem Tüteninhalt, schließlich wußte er noch nicht, um was es sich dabei handelte, und es konnten durchaus auch giftige Stoffe sein.
« Letzte Änderung: 22. Februar 2012, 13:30:10 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #2 am: 29. Februar 2012, 12:39:47 Uhr »
Die Dinger, die aus der Tüte rutschten, sahen aus wie Pflanzenteile. Vermutlich Teile oder Umhüllungen von großen Samenkörnern, bräunlich in der Farbe und relativ groß, rauh und schuppenartig, manche rundlich, andere spitz zulaufend und alle auf der Innenseite glatt und abgerundet, hohl und leer, sie hätten aber genausogut auch tierischen Ursprungs sein können, abgesprungene Schuppen und Teile eines gepanzerten, mit vielen kleinen Hörnern und Stacheln besetzten exotischen Lebewesens, das sich hin und wieder häutete. Einige waren hart und abgenutzt und schienen schon versteinert, andere dagegen waren relativ frisch, sie knisterten und raschelten, wenn sie sich gegeneinander bewegten.
Abermals fing sich ein Lichtstrahl in dem blauen Kristall im Knauf von Tom Stock und setzte sich hartnäckig darin fest, was den CBI-Agenten nicht weiter auffiel, da die Sonne vom Himmel schien.
Tom schüttete die Schuppen, Pflanzenteile, was auch immer zurück in die Tüte und besah sich zusammen mit den CBI-Agenten die Photographien. Die meisten waren dunkel und ziemlich verschwommen und schienen jeweils bei Nacht oder in einer finsteren Umgebung gemacht worden zu sein. Die Abbildungen zeigten... Baustellen, etwas, was nach Tunnel oder Kanalisation aussah, und immer wieder Detailaufnahmen von Dingen, die den Teilen in der Tüte ähnelten. Teilweise offenbar eingebettet in Erde oder Felsen, aber ein Foto zeigte ein ganzes "Feld" der schuppenartigen Teile in rundlicher Form, beinahe wie die Detailaufnahme eines kurzstacheligen Igels oder eines bizarren runden Kürbis.
Cho sichtete den Stadtplan. Da er sich gut in der Stadt auskannte, konnte er sofort zu den markierten Stellen etwas sagen. "Wenn ich mich nicht irre, sind das alles Stellen, an denen gerade gebaut wird. Tiefbau, um genau zu sein. Da werden Rohre verlegt oder Tiefgaragen angelegt. Und wenn ich mir diese Fotos hier ansehe... war Mr. Brown vielleicht ein Fossiliensammler, und bei den Bauarbeiten kam etwas zum Vorschein, was sein Interesse weckte? Und könnte das was mit Ihrem "Dämonenbanner" zu tun haben, der ja wie ein versteinerter Seeigel aussieht?"
"Bingo. Der Kandidat hat hundert Punkte." murmelte Richards, gar nicht spöttisch. "Falls Sie mal Ihren Beruf wechseln möchten, kommen Sie zu mir. Leute mit Ihrer fixen Auffassungsgabe kann ich gebrauchen."
Cho lächelte, erfreut über das unerwartete Kompliment. "Ich werde daran denken." versprach er unbestimmt.
"Wegen ein paar versteinerten Pflanzen jemanden ermorden, ist das nicht etwas extrem?" warf Jane ein.
"Sie haben keine Ahnung. Fossiliensammler können Fanatiker sein. Haben Sie schon mal was von den "Bone Wars" gehört? Das war gegen Ende des vorletzten Jahrhunderts. Hauptdarsteller die sogenannten Dinosaurierjäger Marsh und Cope, und sie haben sich gegenseitig nicht die Butter auf dem Brot gegönnt, sie zerstörten sogar absichtlich wertvolle Funde, nur damit sie dem anderen nicht in die Hände fallen konnten. Und heute gehen die Preise für seltene Fossilien in irrsinnige Höhen. Für einen halbwegs guterhaltenen T-Rex müssen Sie leicht fünf bis zehn Millionen locker machen, je nachdem wer sonst noch mitbietet und wie bekannt das Exemplar ist. Aber ich glaube nicht, daß es hier um so etwas ging. Ich habe zwar auch Fossilien in meinen Sammlungen, aber ich war nie speziell darauf aus. Nur wegen ein paar versteinerten Pflanzenteilen hätte Chad mich nicht angerufen. Und außerdem sind die meisten der Teile in der Tüte gar nicht versteinert, sondern ziemlich frisch."
Er reichte die restlichen Fotos an Lisbon zurück. "Ich habe nichts dagegen, wenn Sie diese Sachen hier erst einmal für weitere Ermittlungen behalten. Unter der Voraussetzung, daß Sie mich informieren, sobald Sie etwas herausfinden. Übrigens, wenn an der Leiche die Obduktion durchgeführt wird, möchte ich gerne dabei sein. Ich weiß, daß normalerweise keine Zivilpersonen dazu zugelassen werden," fügte er schnell an, um Lisbons Absage zuvorzukommen. "Aber ich bin selbst Doktor der Medizin und werde bestimmt nicht umkippen dabei, versprochen. Und vielleicht kann ich den Pathologen etwas unterstützen."
"Erwarten Sie etwas besonderes dabei zu finden?" Lisbon dachte nicht daran, diesem sonderbaren Heiligen über den Weg zu trauen, seiner ganzen Freundlichkeit und Offenheit zum Trotz.
"Ich habe da so eine Ahnung. Aber ich will Ihrem ordentlich bestellten Pathologen nicht vorgreifen." erklärte Richards etwas diffus. Agent Lisbon wußte noch nicht, daß eine Ahnung bei Tom Richards das gleiche war wie ein berechtigter Verdacht, den einer ihrer eigenen Mitarbeiter äußerte. Nach einigem Zögern nickte sie und griff zum Handy, um den Termin zu erfragen. "Heute nachmittag, drei Uhr." teilte sie dann mit, und nannte ihm die Adresse des CBI-Hauptquartiers und ihr Büro, wo sie sich kurz vor dem Termin in der Pathologie treffen würden.
"Ich werde da sein." versprach Tom lächelnd und stieg in seine Limousine.

Lisbon, Cho und Jane fuhren selbst zurück zum Büro, wo Rigsby inzwischen eingetroffen war und gerade Grace Van Pelt, die am Computer arbeitete, über die Schulter sah, als der Rest der Guppe eintrat. Es war nicht genau zu erkennen, ob die beiden gerade dienstlich miteinander verkehrt oder Süßholz geraspelt hatten, aber da keiner der beiden irgendwie schuldbewußt dreinschaute, mußte es wohl dienstlich gewesen sein.
"Haben Sie etwas über unseren unerwarteten Gast herausgefunden, Van Pelt?" fragte Lisbon sofort.
"Wroarrr!" schnurrte Grace ganz unerwartet, wie eine läufige Katze. "Und wie! Sie verstehen es, einem Mädchen eine Herausforderung zu präsentieren, Lisbon!"
Da Teresa nur die Augenbrauen hochzog, was durchaus schon als Warnsignal interpretiert werden konnte, beeilte Grace sich zu erklären: "Zuerst habe ich nichts gefunden, es war gerade so, als existiere unser Mr. Richards der Dritte überhaupt nicht, er ist geradezu exzellent darin, seine Spuren zu verwischen, aber dann bekam ich doch ein paar Fäden zu fassen. Angeblich wurde er Anfang 1945 in Dresden geboren, als sein Senior, Richards der Zweite, für einige Zeit einen Abstecher nach Nazi-Deutschland machte. Hier, sehen Sie, das ist das einzige Bild von seinem Vater, das ich auftreiben konnte." Auf dem Bildschirm erschien ein Schwarzweiß-Foto, das... genau die gleiche Person zeigte, mit der Teresa und die anderen vor kurzem gesprochen hatten, teurer Maßanzug, nur anders geschnitten, und langer Pferdeschwanz inklusive.
"Kaum zu glauben, daß Vater und Sohn einander so verblüffend ähnlich sehen, nicht wahr?" machte Rigsby dazu. Grace fuhr fort: "Das war übrigens kurz vor der Bombardierung, in der sämtliche Unterlagen über die Geburt und die Identität der Mutter vernichtet wurden, lediglich der Fakt der Geburt an sich wurde über die amerikanische Botschaft weitergemeldet. Aber für einen jetzt über Sechzigjährigen sieht der Junior noch verdammt jung und knackig aus, wie Rigsby mir gerade sagte. Der Tod seines Vaters ist ähnlich diffus, angeblich hielt er sich 1975 in Saigon auf und kam dort bei Einnahme der Stadt durch die Nordvietnamesen um. Die Unterlagen dazu gingen abermals bei den Zerstörungen verloren, lediglich der Todesfall an sich wurde über die Streitkräfte weitergemeldet. Kurze Zeit danach tauchte der Junior übrigens zum ersten Mal auf. Und jetzt seht euch das hier an. Das sind die Unterschriften von Junior und Senior, und hier habe ich sogar auf einem alten Dokument eine vom Großvater, von Thomas Adalmar Richards dem Ersten gefunden."
Die anderen studierten die Unterschriften. Und sie hätten keine ausgebildeten Agenten sein müssen, um es zu erkennen...
"Sie sind praktisch identisch!" staunte Cho.
"Ist so etwas überhaupt möglich, selbst bei nahen Verwandten?" bemerkte Lisbon.
Grace fuhr fort: "Ich kann mir nicht helfen, aber ich sehe da ein Muster, versteht ihr? An den Aufenthalten des Senior in Dresden und Saigon ist nicht zu deuteln, aber bei Geburt wie Todesfall habe ich ein sonderbares Gefühl, und das mit der Unterschrift kommt mir auch bekannt vor. Seid ihr sicher, daß der Typ nicht in Wahrheit Russel Nash alias Connor MacLeod heißt und aus Schottland stammt?"
"Na, wie der Schauspieler sieht er nicht aus, und ein Schwert habe ich auch nicht bei ihm gesehen," kommentierte Cho, der begriff, worauf sie anspielte. "Aber er sagte was von einer ungewöhnlichen Waffe..." Sie starrten sich an.
"Fein. Würde mich bitte jemand im Klartext aufklären, was dieser Nerd-Jargon zu bedeuten hat?" blaffte Lisbon, die sich mal wieder ausgeschlossen fühlte. Sie hatte keine Ahnung, wovon hier die Rede war.
"Daß es gar keinen Richards den Dritten gibt. Es gibt immer nur den einen... der seit mindestens 1900 hier herumgeistert, als Nummer Zwo geboren wurde. Vielleicht auch viel länger, wenn er auch identisch ist mit dem allerersten Thomas A. Richards von anno 1857. Und wer weiß wie vielen Personen davor, für die keine Informationen mehr vorliegen." Grace sah, wie Lisbon ungläubig den Kopf schüttelte und fuhr fort: "Und er benutzt Kriege und Bombardierungen, um seine angeblichen Tode und genauso angeblichen Geburten zu verschleiern, zumindest in der neueren Zeit, seit amtliche Registrierungen zunehmend wichtiger wurden. Er scheint von solchen Ereignissen, die er benutzen kann, Kriegen, Bränden und so weiter, immer bereits vorher gewußt zu haben, weil er ja offenbar ganz gezielt dorthin gereist ist, jedesmal kurz bevor es dort gekracht hat. Aber lassen wir das komische Zeug erst einmal, und widmen wir uns dem aktuellen. Unser Thomas A. Richards hier, der wievielte er auch sein mag, hat demnach Kontakte zu Gott und der Welt, und das ist nicht übertrieben. Jedesmal wenn ich eine Spur zu verfolgen versuchte, stieß ich auf ungefähr tausend neue, von denen die meisten in Sackgassen endeten. Sackgassen mit geheimen Hintertürchen, wie ich annehme, aber um die zu knacken, bin ich nicht gut genug. Das wäre Stoff für viele, viele einsame Abende am Computer... aber kommen wir zu dem, was ich eruieren konnte. Er muß immens reich sein, es scheint kaum einen Geschäftszweig zu geben, wo er nicht die Finger drin hat. Abgesehen von organisiertem Verbrechen vielleicht, aber wer weiß. Daß ich da in der kurzen Zeit noch nichts gefunden habe, muß nichts bedeuten, sowas wird er kaum öffentlicher machen als seine normalen Einkünfte. Er ist promovierter Arzt - wobei auch hier mal wieder Unterlagen verlorengingen, glaube es wer mag - und praktiziert auch hin und wieder im DeVille Memorial Hospital in Washington, das ihm übrigens selbst gehört und in dessen Nähe er eine große Villa besitzt. Nebenbei arbeitet er als Berater für die FSA, die Federal Security Agency, woraus er übrigens, erstaunlicherweise, kein Geheimnis macht. Diese Agency wurde 1939 für die Durchführung sozialer Leistungen wie Gesundheitsprogramme, Rentenprogramme und Lebensmittelkontrollen gegründet und fungierte nebenbei als Deckadresse für das War Research Service, das sich mit der Entwicklung biologischer und chemischer Waffen befaßte. Jedoch wurden alle diese Aufgaben nach dem Zweiten Weltkrieg nach und nach an andere neugegründete staatliche Stellen abgegeben, heute rangiert die FSA unter reinem Geheimdienst. In diesem Bereich ist sie, wie Sie vielleicht wissen, in erster Linie für interne Sicherheit zuständig, mit Terrorismusbekämpfung, Unterstützung der Gesundheitsbehörden bei landesweiten Epidemien oder bei terroristischen Angriffen mit ABC-Waffen, wobei sie staatenweit agiert und ihre Anweisungen von ganz oben bekommt. Aber sie dient auch weiterhin immer wieder als Deckbehörde für streng geheime Einsätze, die in die gleiche Richtung gehen, wobei das Wort "präventiv" recht großzügig ausgelegt wird. Diese Leute warten nicht immer darauf, bis was passiert, sie werden schon bei reinen Verdachtsfällen aktiv. Gerüchteweise haben sie auch mit allem zu tun, was Alien-Sichtungen und abgestürzte UFOs angeht, aber das geht schon in den Bereich der Spekulationen und Verschwörungstheorien. Realistisch anzusiedeln sind sie irgendwo zwischen dem FBI und der CIA, aber, wie gesagt, landesintern und streng geheim. Die kneifen sogar beim ihr-wißt-schon-was die Hintern zusammen... aber ich habe trotzdem etwas über unseren Mr. Richards herausbekommen. Indem ich ganz frech dort angerufen habe, in ihrem Hauptquartier in Washington - sorry, Lisbon, das geht auf mich - und ganz unschuldig nach ihm fragte. Da bekam ich ein paar Leute an die Strippe, die mit ihm gearbeitet haben und rein privat natürlich, nicht dienstlich, ihre Ansichten zum Besten gaben. Die Meinungen über ihn dort scheinen recht verquer zu laufen, während ihn die einen in den siebten Himmel loben, sehen ihn die anderen als total verrückt und möchten ihn lieber heute als morgen wegsperren und den Schlüssel im tiefsten Ozean versenken. Er war in den letzten Jahren in etliche Aktionen verwickelt, die der allerobersten Geheimhaltungsstufe unterliegen, noch geheimer als streng geheim, doch hat man mich durch die Blume wissen lassen, ich bräuchte nur Mr. Richards selbst danach zu fragen, dann würde ich zweifellos alles erfahren, was es zu wissen gibt. Mit Geheimhaltungsvorschriften hat er es nämlich nicht, und er ist auch sonst recht eigenwillig, weshalb er vom leitenden Chef der FSA, einem gewissen General Martin Wade, auch regelmäßig heruntergeputzt wird. In Kurzform, er scheint dort deren ureigene Version unseres sehr beliebten und geehrten Mr. Jane zu sein."
"Oh, der Horror." murmelte Kimball Cho mit vorsätzlich unbewegtem Gesicht, obwohl ihm wieder einmal der Schalk aus den Augenwinkeln sprang. "Aber jetzt wird mir einiges klar."
"Was, bitte, soll das jetzt wieder heißen?" zog Jane ihn prompt auf. Der ehemalige Mentalist war fasziniert. Dieses neue Zielobjekt entpuppte sich als Hauptgewinn, mit Schichten unter Schichten unter Schichten, wie eine Zwiebel, und jede davon neu und aufregend und leuchtend wie ein bunter Luftballon... mit einem angeblichen Unsterblichen hatte er es noch nicht zu tun gehabt. Welch eine Herausforderung, diesen Mann zu entlarven als den Betrüger, der er war... da der Besagte aber zur Zeit nicht greifbar war, ließ Jane seine freudige Erregung lieber an seinem viel zu rationellen ewigen Gegenspieler Cho aus.
"Na, Sie haben uns bis jetzt nie verraten, daß Sie einen älteren Bruder haben! Warum haben Sie ihn die ganze Zeit vor uns versteckt? Hatten Sie Angst vor der Konkurrenz?" witzelte Kimball.
"Die blonden Haare, das Lächeln, das leicht verrückte Gebaren... wir hätten gleich darauf kommen können!" schlug Rigsby in die gleiche Kerbe, um Jane zu triezen. "Der Typ ist der perfekte Mycroft zu Ihrem Sherlock Holmes!"
Jane hob abwehrend die Hände. "Gnade, ich wußte bis heute nichts von seiner Existenz, Ehrenwort! Sie meinen also, ich soll ihn adoptieren?"
"Noch einen von Ihrer Sorte? Um Himmelswillen, bloß nicht!" unterbrach Lisbon die Nonsens-Einlage, und wandte sich gleich wieder an Van Pelt. "Was gibt es über seinen Bodyguard, diesen Larry Kiromoto? Als ich seine Hände sah, fiel mir auf, daß von seinem rechten kleinen Finger ein Glied fehlt. Bei Japanern ist das oft ein Zeichen für eine Mitgliedschaft bei der Yakuza."
« Letzte Änderung: 29. Februar 2012, 13:48:19 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #3 am: 13. März 2012, 13:12:09 Uhr »
"Diese Annahme ist korrekt. Kiromoto war ein Yakuza - bis Richards ihn aus Japan importiert hat, als seinen Bodyguard, Chauffeur, Haushälter und Mädchen für alles. Die Hintergründe sind unbekannt, normalerweise gehen entlassene Yakuza nicht in Rente, wenn Sie verstehen. Aber er scheint seitdem sauber geblieben zu sein. Seinen Vornamen Larry hat er übrigens von seinem Vater, er ist nämlich nur Halbjapaner. Verhält sich aber angeblich die meiste Zeit japanischer als jeder echte Sohn der aufgehenden Sonne. Er ist verheiratet und hat eine Sohn und eine Tochter, der Sohn und die Ehefrau stehen gleichfalls in Richards´ Diensten, die Tochter besucht noch das College."
"Hat Richards noch Verwandte?"
"Ja, einige davon leben in einem Kaff namens Lyon´s Home in Pennsylvanien, das er auch als seinen Herkunftsort angibt, wenn man ihn fragt. Allerdings sind das alles entfernte Verwandte, die meisten von ihnen unter dem alteingesessenen Familiennamen Hendricks, denen der Ort praktisch gehört, weitere Personen mit Namen Richards scheint es dort nicht zu geben. Keine Ehefrau, keine Kinder. Bis jetzt, aber wer weiß, wann der nächste Krieg oder Brand kommen wird. Oder eine Naturkatastrophe. Viel Zeit bleibt ihm da nicht mehr, sonst wird die zeitliche Differenz zwischen ihm und seinem angeblichen Sohn und Erben zu groß. Ich bleibe da am Ball... und ich werde sicherheitshalber ermitteln, ob es in letzter Zeit ungeklärte Fälle von Enthauptungen gab. Nur einfach so, wißt ihr."
"Enthauptungen?" Das wurde ja immer konfuser...
"Schon gut, ich besorge Ihnen den Film, damit Sie was für Ihre Allgemeinbildung tun können." warf Jane schnell ein. "Dann können Sie auch mitreden. - Wird Ihnen gefallen. Garantiert." zwinkerte er, obwohl er eigentlich wußte, daß Teresa nicht auf schwertschwingende Fantasy stand. Aber manchmal war es wirklich erstaunlich, erkannte er, was man sogar aus solchen Machwerken lernen konnte...
"Er erwähnte etwas von einer Ehrenmitgliedschaft in einer magischen Vereinigung. Haben Sie da etwas gefunden?" warf Rigsby ein.
"O ja, und wie. Aber damit betreten wir wieder die Unbekannten Dimensionen. Also, Lisbon, wenn Sie jetzt gehen möchten..."
Jane konnte es nicht lassen, er mußte sofort die Töne der Eingangsmelodie der bekannten Fernsehserie summen. Lisbon ging natürlich nicht, sie war genauso neugierig wie die anderen.
"Thomas Adalmar Richards, entweder der erste der Linie oder zumindest eine Person dieses Namens, ist - oder war - in der Tat Ehrenmitglied der angesehenen Society of American Magicians. Und zwar schon seit ihrer Gründung, die im Jahr 1902 in Martinka´s Magic Shop in New York stattfand. Wenn dieser Mann damals bereits die Ehrenmitgliedschaft verliehen bekommen hat, bedeutet das, daß er in diesen Kreisen schon vorher eine Legende gewesen sein muß. Magische Zirkel gibt es nämlich nicht erst seit 1902, es gab sie schon viel früher im Rahmen von okkultistischen Vereinigungen, Freimaurerzirkeln, Illusionistengilden oder Alchimistischen Verbindungen."
"Woher wissen Sie so viel darüber?" fragte Jane, durchaus erstaunt. Van Pelt lächelte ihn an. "Ich glaube an übersinnliche Dinge, aber ich weiß auch, daß sich gerade in diesem Bereich jede Menge Betrüger und Hochstapler tummeln. Leute wie Sie selbst einer waren. Die Dummen wollen betrogen sein, wie Sie so oft durch die Blume andeuten. Sie kennen auch das Sprichwort, daß man am besten einen Dieb einsetzt, wenn man einen Dieb überführen will... und wer wäre besser geeignet, die Spreu der Betrüger vom Weizen des Wahrhaftigen zu trennen, als jemand, der scheinbar übernatürliche Phänomene jeden Abend gewerbsmäßig in aller Öffentlichkeit vorführt? Unsere Ansichten dazu differieren keineswegs so sehr, wie Sie zu glauben scheinen, Jane. Wir sind uns lediglich uneins darüber, wieviel Weizen nach Entfernung der Spreu übrig bleiben wird. Sie gehen von einem Anteil aus, der nicht über Null Prozent liegen kann, während ich von einer deutlich größeren Menge ausgehe." Sie drehte sich wieder ihrem Monitor zu, während Jane etwas verdattert dreinschaute, bis er die Ellenbogenstöße bemerkte, die Cho und Rigsby grinsend hinter seinem Rücken austauschten.
"Aber zurück zu unserem Mr. Richards. Als Ehrenmitglied trat er immer außerhalb der Konkurrenz auf, und tut das bis heute. Bei den regelmäßigen Treffen der Magier werden selbstverständlich Zaubertricks vorgeführt und bewertet, und auch der Nachwuchs wird getestet in einer ganzen Reihe von Kategorien, die besten Leistungen werden mit Preisen ausgezeichnet. Auch die Bühnenmagier und Illusionisten haben so etwas wie ihre Oscarverleihung, müßt ihr wissen. Richards blieb immer außerhalb der Konkurrenz, er wetteiferte nie um Preise und führte nur wenige Tricks vor, die dafür aber um so spektakulärer sein müssen. Übrigens wiederholte er häufig Tricks, die er viele Jahre zuvor einmal vorführte, nur um zu beweisen, daß er immer noch derselbe sei... seit 1902 lief er unter den  Künstlernamen "Thomas der Zweifler" und "Thomas der Unglaubliche", aber bereits in den Fünfziger Jahren bekam er offiziell den Ehrentitel "Thomas der Unsterbliche" verliehen. Und als solcher tritt er bis heute auf, jedes Jahr seit 1902, mit nur wenigen Ausnahmen, wenn er verhindert war... dieser Titel, "der Unsterbliche", sorgte vor ein paar Jahren übrigens für einen unangenehmen Zwischenfall. Ein religiöser Fanatiker, dem offenbar der Unterschied zwischen Bühnenzauberei und echter schwarzer Magie nicht geläufig war, hatte es geschafft, sich in das Treffen einzuschmuggeln und wollte die sogenannte Blasphemie gegen seinen Gott und seine Religion beseitigen, indem er den angeblichen Unsterlichen umlegte. Er feuerte mehrmals mit einem Kaliber .38 aus kurzer Distanz auf Richards...  die Kugeln durchschlugen auch seine Kleidung, schlugen sich dann aber an Richards´ Körper platt, sie durchdrangen nicht seine Haut. Alles was er davontrug, waren üble Blutergüsse ... oh. Das muß verdammt wehgetan haben."
Längst drängten sich die anderen um ihren Monitor, wo sie am laufenden Band Texte und Bilder aufrief, die ihre Worte untermauerten. Zeitungsartikel, interne Informationen der magischen Gilden, und jetzt gerade die Bilder aus einer polizeiinternen Datei, auf die sie Zugriff hatte, die die Blutergüsse, aufgenommen kurz nach dem Angriff - auf einem durchaus ansehnlichen männlichen Oberkörper, in ihrer Ausdehnung beschränkt, wie es den Folgen eines Beschusses zustand, aber dafür in allen erdenklichen Farben schillernd - dokumentierten.
"Der Täter landete in der geschlossenen Psychiatrie, und da ist er bis heute. Richards verzichtete auf eine Anklage wegen Mordversuchs angesichts des deutlich zerrütteten geistigen Zustand des Täters - er hält offenbar nicht viel von Religion - so daß der Staatsanwalt die Sache übernehmen mußte." Sie fand weitere Bilder, die die Einschußlöcher in dem mittelalterlich wirkenden Wams, das Richards damals für die Vorführung getragen hatte, zeigten, zwei, vermutlich die ersten Treffer, vorne, die beiden anderen an der Seite und auf dem Rücken, als Richards sich im Sturz gedreht hatte, die restlichen Schüsse waren fehlgegangen und hatten noch einen Streifschuß bei einem Unbeteiligten verursacht. "Seinem Ruf als tatsächlich Unsterblicher hat das natürlich einen wahnsinnigen Auftrieb beschert, er hat diese Popularität aber nie ausgenutzt. Es konnte übrigens auch nie nachgewiesen werden, ob die zwei in Wahrheit zusammengearbeitet haben und der Angreifer eine Pistole mit manipulierten Patronen benutzte, bei denen eine veränderte Zusammensetzung des Treibmittels zu einer deutlich verringerten Austritts- und Aufprallgeschwindigkeit des Geschosses führt. Oder irgendeinen anderen Trick, der die Einschüsse vorgetäuscht hätte. Die Benutzung von Platzpatronen ist nämlich gang und gäbe bei bestimmten Tricks, bei denen der Magier auf ihn abgefeuerte Kugeln scheinbar mit der Hand und den Zähnen auffängt."
"Beeindruckend. Die arbeiten wirklich mit allen Schikanen, was?" staunte Rigsby.
"Also gut." beendete Lisbon das Thema, bevor es endgültig zu einer Fachsimpelei über Zaubertricks ausartete. "Wir haben es also mit jemandem zu tun, der schon seit mehr als hundert Jahren auf Erden wandelt und dabei aussieht wie ein gut erhaltener Endvierziger. Jemand, der Feinde hat - die wahrscheinlich in der Faltencreme- und Krückstock-Industrie sitzen, wie ich das so sehe. Er hat darum gebeten, bei der Obduktion an Chad Brown dabei sein zu dürfen, dann können wir diesem seltsamen Heiligen genauer auf den Zahn fühlen."
Überflüssig zu erwähnen, daß die verspätete Mittagspause heute sehr knapp gehalten wurde, sie alle wollten den zweiten Auftritt von Mr. Richards nicht verpassen.
« Letzte Änderung: 13. März 2012, 13:35:04 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #4 am: 20. März 2012, 09:38:05 Uhr »
Pünktlich kurz vor drei Uhr fuhr dessen Limousine vor dem CBI-Hauptquartier vor.
Lisbon hatte ihre Kollegen dazu vergattert, Richards erst einmal nicht auf seinen sonderbaren Lebenslauf anzusprechen. Das wollte sie selbst bei passender Gelegenheit tun.
"Mr. Richards!" Jane strahlte, aber verkniff sich diesmal einen Händedruck. Er wollte nicht wieder so einen elektrischen Schlag abbekommen - auch wenn er immer noch davon ausging, daß es einfach eine simple elektrische Aufladung gewesen war, wenn nicht von ihm, dann wahrscheinlich von Richards.
Grace und die anderen blieben stumm, sie warteten darauf, daß dieses Wundertier von sich aus etwas abgab. Nur Lisbon konnte logischerweise nicht still bleiben. "Sind Sie bereit, Mr. Richards?" fragte sie. Und als er nickte, gab sie ein Zeichen. "Dann los. Unser Pathologe, Mr. Partridge, wartet schon auf uns."
Sie machten sich auf den Weg. Die ganze Gruppe einschließlich Larry, Toms Bodyguard, pilgerte zum Lift, nur Grace blieb zurück, weil Obduktionen nicht unbedingt ihr Ding waren und weil sie noch weitere Recherchen anstellen wollte, mit deren Ergebnisse sie Richards später vielleicht konfrontieren konnte.
Partridge hatte eine zweite Garnitur an Ausstattung für den Gast bereitgelegt, Kittel, Handschuhe und Schutzbrille, aber Richards ignorierte sie. Stattdessen blieb er vor der Leiche stehen, die bereits nackt bereitlag, jedoch noch abgedeckt war. Auf Toms Nicken hin zog Partridge das Tuch weg.
Tom hatte genug Leichen in seinem langen Leben gesehen, weitaus mehr als Partridge ahnen konnte. Und verglichen mit vielen anderen war diese hier frisch und gut erhalten, und Chad Brown war zu Lebzeiten durchaus ansehnlich gewesen, ein durchtrainierter junger Mann. Jetzt lag er hier, still und starr und tot...
Oder doch nicht? Denn die Haut über dem Brustkorb und insbesondere am Bauch war nicht schlaff und reglos. Es sah aus, als würden sich da Muskelstränge bewegen, leise pulsieren, sich zu straffen und wieder schlaff zu werden, und das, obwohl Tom Richards genau fühlen konnte, daß der Körper kalt und starr war, sogar ohne daß er ihn berührte...
Auch Partridge fiel es auf. Er wußte genauso gut wie Richards, daß Brown eine Leiche war und nichts anderes. Mit solchen Schußwunden direkt im Herzen blieb niemand am Leben. Aber trotzdem, da schien Leben zu sein.
"Sonderbar. Das sieht so aus, als ob sich etwas bewegt! Was kann das sein - ein Bandwurm vielleicht?"
"Treten Sie zurück!" forderte Richards sofort. Seine Stimme klang so befehlend, daß Partridge ganz automatisch zurückwich. Was sein Glück war, denn so stand Tom näher an der Leiche - die im nächsten Augenblick über ihre ganze Länge aufriß, als sei sie von innen heraufgeschlitzt worden, was in der Tat der Fall war. In einem einzigen Sekundenbruchteil schoß ein wahrer Strom von peitschendünnen, metallischgrauen, segmentierten Tentakeln hervor und in die Höhe und auf das nächststehende Opfer zu, das Tom Richards hieß - noch während Toms Leibwächter Larry Kiromoto damit beschäftigt war, die anderen, die wie erstarrt wirkten vor Grauen und Unglauben, zurückzureißen und außer Reichweite der nach allen Seiten peitschenden Fangarme zu bringen, wurde sein Herr und Meister beinahe völlig von der auf ihn zuschießenden Masse peitschender Tentakel eingehüllt. Nur sein Kopf sah noch heraus aus der wimmelnden Masse, seine Beine, weil das Ding sich auf sein Körpermitte konzentrierte, und seine rechte Hand, die hoch erhoben seinen Silberstock hielt. Aber sein Gesicht zeigte keineswegs einen Ausdruck von Angst, Grauen oder Schmerz, wie zu erwarten gewesen wäre. Ganz im Gegenteil, seelenruhig und mit geradezu wissenschaftlicher Neugier inspizierte er die Monstrosität, die ihn angefallen hatte, die Beschaffenheit der Tentakel, die Art und Geschwindigkeit, in der sie sich bewegten - die Agenten hatten ihre Waffen gezogen, kaum daß sie sich in eingermaßen sicherer Entfernung wußten, aber sie wagten nicht zu schießen, denn der Mittelpunkt des unheimlichen Wesens, oder das, was bei dem Ding so etwas wie ein Zentralkörper sein mochte, mußte sich in unmittelbarer Nähe von Richards´ Brust befinden, hatte vielleicht sogar schon begonnen, sich in ihn hineinzufressen. So wie etliche Tentakel gerade versuchten, sich in seine Augen, Ohren, den Mund und andere Körperöffnungen hineinzubohren, immer wieder Vorstöße unternahmen, jedoch immer wieder in allerletzte Sekunde stoppten und sich wie unwillig zur Seite bogen, als würde etwas Unsichtbares ihre Vorwärtsbewegung abwehren...
"Nicht schießen!" forderte Larry die Agenten auf. "Er ist nicht in Gefahr!" Er hatte beide Arme ausgestreckt und sich als lebende Barriere zwischen den Agenten und Richards positioniert, als wolle er die CBI-Leute daran hindern, in einem ebenso heroischen wie vergeblichen Rettungsversuch nach vorne zu stürmen - oder umgekehrt das Tentakelwesen hindern, sich auf die Agenten zu stürzen...
"Aber - das Ding da - es frißt ihn!" stotterte Cho, während die anderen noch schier sprachlos waren vor Schreck.
"Er hat Erfahrung mit solchen Sachen und weiß sich zu schützen. Lassen Sie ihn machen!" Larry war inzwischen oft genug mit seinem Brötchengeber in Einsätzen der bizarren Art gewesen und wußte, daß seine Aufgabe im Wesentlichen darin bestand, unerfahrene Außenstehende - hier also die Agenten des CBI - auf sichere Distanz zu halten, damit Tom ungestört agieren konnte. Für den Fall, daß sein Boss einmal an einen Gegner geriet, dem er nicht Herr wurde, hatte Larry bereits vor Jahren strikte Anweisungen erhalten, nach denen er zu handeln hatte.
Seine mit klarer, ruhiger Stimme gegebenen Befehle verfehlten heute ihr Ziel nicht, die Agenten behielten die Nerven.
Tom schien inzwischen genug zu haben von dem Gewimmel um ihn herum, das nach wie vor hartnäckig versuchte, sich in ihn hineinzubohren und sich gleichzeitig schon gierig nach den anderen Anwesenden ausstreckte. Die anderen sahen, wie die Tentakel, die sich in ihre Richtung bewegten, auf einmal zurückgebogen wurden wie von einer unsichtbaren Kraft, nicht mehr weiter auf sie zudringen konnten, als ob da auf einmal eine unsichtbare Mauer war, die sie stoppte und zurückhielt, gegen die die gefährlichen harten Spitzen der grauen Fangarme vergebens prallten. Und Tom schien plötzlich in die Höhe zu wachsen, aber in Wahrheit hoben seine Beine, seine ganze Gestalt vom Boden ab, scheinbar emporgehoben von dem Tentakelwesen um ihn herum -- der Knauf seines erhobenen Stocks sprühte auf einmal Funken, die von bläulich zu gelblichweiß umfärbten, und im nächsten Moment wuchs ein glühender Feuerball rings um ihn herum, der beide, Tom und das Tentakelwesen, verschlang.
Der Feuerball war so grell, daß die Zuschauer unwillkürlich die Hände vor die Augen schlugen. Zu mehr als dieser Reaktion waren sie nicht fähig, es war viel zu schnell passiert, keine Zeit mehr, vor dem Feuer, der Explosion zu fliehen... doch die begleitende jähe Hitze, die bei solch einem Feuerball einfach kommen mußte, blieb aus, die Luft in dem Raum blieb unverändert kühl, trotz dieses intensiven gelblichweißen Lichts, das der Feuerball ausstrahlte und das die Leuchtkraft der Neonröhren mühelos überdeckte... als die Agenten sich schließlich trauten, vorsichtig durch die Finger hindurch zu spähen, stellten sie fest, daß die Feuerkugel statisch war. Sie bewegte sich nicht, wurde weder größer noch kleiner und hing einfach in der Mitte des Raums in der Luft, ein perfekt rundes, in grellstem Weißgelb glühendes Objekt wie eine gefangene Miniatursonne - oder das kochende Innere eines Hochofens...
und dann erlosch es.
Von einer Sekunde auf die andere.
Die Beleuchtung durch die Neonröhren wirkte auf einmal düster, ihre Augen brauchten einige Zeit, um sich wieder an die normale Helligkeit zu gewöhnen. Sie sahen Tom Richards an der Stelle, wo soeben noch der Feuerball gewesen war. Gerade löste sich etwas Schwarzes von seinem Gesicht und verschwand im nächsten Augenblick spurlos. Keiner von ihnen konnte sagen, was es gewesen war, aber es mußte wohl die Funktion einer Schweißerbrille besessen haben, ein Schutz für Toms Augen gegen die gleißende Glut des Feuerballs. Toms Hand, die den Stock hielt, war immer noch erhoben, und immer noch glühte der Knauf des Stocks in unheimlichem blauem Licht, das der in den Knauf eingelassene blaue Kristall abgab. Immer noch schwebte Richards ein Stück über dem Boden - vermutlich aus dem simplen Grund, weil sonst ein Stück des Fußbodens dem vernichtenden Feuerball zum Opfer hätte fallen müssen - und seine Augen blickten abwesend ins Leere.
"Stören Sie ihn noch nicht." warnte Larry die Agenten. "Erst wenn er fertig ist, dürfen Sie ihn ansprechen."
Er wußte, was sein Herr gerade trieb, warum die Energiematrix immer noch aktiv war. Richards hatte die biologische Signatur des Tentakelmonsters aufgenommen und fahndete jetzt nach weiteren Ungeheuern, die dem Leichnam vielleicht schon vorher entschlüft waren und sich in diesem Raum oder in der Nähe versteckten. Als das blaue Feuer des Stocks dann langsam nachließ, Toms Füße auf dem Boden aufsetzten und seine erhobene Hand mit dem Stock herabsank, konnte Larry sicher sein, daß in diesem Raum im Augenblick keine weitere Gefahr drohte. Jetzt erst ließ er selbst seine ausgestreckten Arme sinken.
Toms Schultern sackten nach vorne, und er ließ den Kopf hängen, als hätten ihn die vergangenen Minuten schwer erschöpft. Was auch der Fall war, wie Larry wußte, weil die Benutzung und vor allem die notwendige permanente Kontrolle über eine aktive Energiematrix der Stufe Fünf den Benutzer sehr viel Kraft kostete. Aber noch bevor Larry bei ihm war, um ihn zu stützen, richtete er sich aus eigener Kraft wieder auf und zeigte ein schwaches Lächeln. Das diesmal jedoch nicht freundlich wirkte, sondern mehr wie das Zähnefletschen eines Raubtiers, das erschöpft aber zufrieden über einem besiegten Gegner stand. Larry kannte dieses Lächeln gut, er hatte es inzwischen oft genug erlebt.
"Was - was sind Sie, Mr. Richards?" fragte Lisbon, die endlich ihre Zunge wiedergefunden hatte.
"Sind Sie von den Ghostbusters, oder so?" schob Rigsby sofort unverschämt nach.
"Oder so." bestätigte Tom. Er bemerkte, daß sie respektvoll Abstand hielten. Von ihm und seinem Stock, der endlich aufgehört hatte, blaues Licht abzugeben.
"Wie haben Sie das gemacht?" wollte Cho wissen. Jane hielt erst mal den Mund, er kam überhaupt nicht damit klar, daß sein simples Weltbild, das ganz ohne übernatürliche Phänomene auskam, soben gründlich durchgerüttelt worden war.
"Hiermit." erklärte Tom freundlich und hob abermals seinen Stock. "Im Knauf dieses Stockes befindet sich eine sogenannte Energiematrix, auch Dhyarra oder Sternenstein genannt. Das ist die Waffe, die ich heute vormittag erwähnt habe. Aber eine Energiematrix ist nicht nur Waffe, sondern ein sehr nützliches Multifunktionsgerät. Ein paar von den Dingen, die man damit anstellen kann, haben Sie soeben beobachtet. Wenn Sie jetzt aber Gedanken hegen, mir das Ding abzunehmen und damit herumzuspielen - davon muß ich dringendst abraten. Diese Matrix hier ist eine Stufe Fünf, das bedeutet, sie hat das mittlere energetische Potential einer stärkeren Wasserstoffbombe. Man braucht eine spezielle psychische Befähigung und eine jahrelange Ausbildung, um damit umgehen zu können. Wenn man beides nicht hat, bedeutet die geringste Berührung der Matrix den Tod, und zwar auf eine ebenso schnelle wie unangenehme Weise. Übrigens ist es auch nicht ratsam, den Stock mit ungeschützten Händen zu berühren. Der Stock besteht zwar aus Silber und nicht aus Eisen, aber er lädt sich trotzdem hin und wieder ordentlich auf, wenn die Matrix aktiviert ist. Ich werde damit fertig, weil ich daran gewöhnt bin und die Matrix auf mich programmiert ist, aber bei jedem anderen wäre mit schweren gesundheitlichen Schäden zu rechnen, vielleicht sogar mit dem Tod. Deshalb lautet übrigens die allererste und allerwichtigste Regel, die man allen Lehrlingen unserer Zunft beibringt: Finger weg von fremden Matrizen. Außer man besitzt die Lizenz, Matrizen einer bestimmten Stärke zu benutzen, und die ausdrückliche Erlaubnis des jeweiligen Eigentümers, der für eine gefahrlose Benutzung erst seine eigene Programmierung löschen muß. Haben Sie das alle verstanden?"
"Wie eine Wasserstoffbombe, sagten Sie?" machte Cho, mehr verdutzt als erschreckt. Er hatte wohl noch gar nicht richtig kapiert, was das bedeutete, es war einfach zu unglaublich, um wahr zu sein. Ein so kleiner, blauer Kristall, nicht größer als ein Taubenei, sollte solche Macht besitzen - nein. Unmöglich.
"Keine Sorge. Energiematrizen können nicht einfach explodieren, so funktionieren sie nicht. - Aber wir verschwenden unnötig Zeit. Mr. Partridge? Würden Sie jetzt mit der Obduktion beginnen?"
Der hatte bereits einen Blick auf die Leiche geworfen, aus der das Tentakelmonster herausgekommen war. "Nicht mehr viel da zu obduzieren, oder?"
Der Pathologe hatte recht. Die anderen Agenten bemerkten es, als sie ihre Aufmerksamkeit jetzt von Richards abwandten und stattdessen den Überresten Chad Browns widmeten. Nein, keiner von ihnen begann zu würgen, aber sie alle sahen auf einmal reichlich blaß um die Nase aus. Cho pfiff durch die Zähne. "Verdammt!" war Lisbons Kommentar. Rigsby tat gar nichts, er war wohl damit beschäftigt, seinen Mageninhalt an der ihm angemessenen Stelle zu behalten, und Janes Gesicht hatte auch den letzten Anflug seiner üblichen Heiterkeit verloren.
« Letzte Änderung: 20. März 2012, 10:51:38 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #5 am: 26. März 2012, 12:32:15 Uhr »
Von der Leiche waren nämlich im wesentlichen nur noch Haut und Knochen übrig, erstere dünn wie Pergament und über den ganze Rumpf aufgeschlitzt und zerfetzt, letztere sauber blankgenagt - oder blankgeätzt? - wo sie zwischen den Hautfetzen hervorragten. Teile, die heute morgen noch mit Muskelgewebe bespannt gewesen waren wie Arme und Beine waren in sich zusammengesunken wie leere Hüllen, in denen nur noch lose die Knochen  lagen, das Gesicht war eine pergamentdünne Totenmaske, direkt über den Totenschädel aufgespannt.
"Es hat alle weichen Gewebeteile aufgefressen, um wachsen zu können. Diese Viecher müssen einen unheimlich schnellen Metabolismus besitzen." überlegte Richards laut, den der gruselige Anblick wenig zu irritieren schien.
"Wenn es noch etwas mehr Zeit gehabt hätte, hätte es auch Haut und Knochen absorbiert, und alles, was dann noch übriggeblieben wäre, wären vielleicht ein paar künstliche Körperteile wie etwa Zahnplomben gewesen. Da sind wir wohl gerade noch rechtzeitig eingetroffen."
Er blickte Partridge an. "Ich möchte, daß Sie nach den Kugeln suchen, die Chad getötet haben."
"Wollen Sie - ?" machte der Pathologe und wollte Tom das zweite Paar Gummihandschuhe reichen, aber der schüttelte nur den Kopf. "Danke, ich habe meinen guten Anzug an. Das überlasse ich gerne Ihnen."
"Sind Sie sicher, daß es sicher ist?" fragte Lisbon.
"Es müßte sicher sein, ich habe vorhin die Leiche auf weitere unfeine Überraschungen gescannt und nichts gefunden. Aber, Agent Lisbon, wenn Sie erlauben, werde ich auch die Reste der Leiche kremieren, sobald Mr. Partridge mit seinen Untersuchungen fertig ist, auf die gleiche Art, wie ich das Monster vernichtet habe. Manche von diesen... nichtirdischen Lebensformen wie die, mit der wir es gerade zu tun hatten, können sich schon aus einer einzigen übriggebliebenen Zelle regenerieren. Und in Fragen einer möglichen biologischen Kontamination gehe ich nicht gerne Risiken ein."
Sie blickte ihn an und überlegte. Normalerweise wäre eine solche Entscheidung weit über ihre Kompetenzen hinausgegangen, schließlich hatten in der Regel die Angehörigen eines Mordopfers das Entscheidungsrecht darüber, was nach der Obduktion mit der Leiche geschah, und die konnten sehr sauer auf eine vermasselte Beerdigung reagieren, wie sie aus bitterer Erfahrung wußte. Aber, verdammt, biologische Kontamination, wenn das nicht gefährlich klang. Und es war gefährlich, das hatten sie alle miterlebt. Und Richards war nach allem, was er ihnen erzählt hatte, fast so etwas wie ein Familienmitglied von Chad Brown...
Sie nickte. "Das nehme ich auf meine Kappe, Mr. Richards."
Er nickte dankend zurück.
"Da ist eine der Kugeln." meldete Partridge, ein Objekt betrachtend, das er gerade aus dem leeren Brustkorb der Leiche gefischt hatte. "Denke ich zumindest."
"Denken Sie?" schoß Lisbon sofort zurück. "Was soll das heißen?"
"Sehen Sie es sich selbst an." Er reicht ihnen die Schale, auf der er seine "Fundstücke" für die weitere Untersuchung sammelte. "Und da..." murmelte er zu sich selbst, als er sich wieder über die Leiche beugte, "ist auch Nummer zwei. Ist bis in den Unterleib hinuntergerutscht, wahrscheinlich als das Vieh herausgekommen ist, die Eintrittwunden waren viel weiter oben..."
Ein zweites kleines, rundes Objekt klickerte aus seinem Greifinstrument in die Schale. Aber diese zwei Dinger waren definitiv keine Kugeln, wie man sie aus einer Pistole abfeuerte. Sie waren rund, ja, aber nicht aus Blei oder Stahl. Sie waren frei von Blut oder Gewebefetzen, die ursprünglich sicher an ihrer rauhen, leicht schuppigen Oberfläche gehaftet hatten. Und sie waren innen hohl, was leicht zu erkennen war, weil jeweils ein Teil fehlte. Die Hülle der Geschosse war tatsächlich recht dünn, ihre Innenseite im Unterschied zur Außenseite sauber geglättet. Und sie ähnelten stark etwas, was sie erst vor kurzer Zeit gesehen hatten...
"Das sind Samenkörner!" staunte Cho als erstes.
"Oder Eier, die man anstelle von Kugeln in Patronen geladen hat, und aus denen nach einem Treffer Tentakelmonster wachsen, die das Opfer von innen her auffressen. Ekelhafte Vorstellung."
"Zwei Kugeln, aber nur ein Monster?" fragte Jane, und alle Augen richteten sich wieder auf Richards.
"Was soll ich sagen. Diese Biester teilen halt nicht gern. Vermutlich hat das stärkere das schwächere noch im Mutterleib, gewissermaßen, gefressen. Natürliche Auslese und so." Tom zuckte mit den Schultern. Wenn es ein weiteres Exemplar gegeben hätte, hätte seine Matrix es aufspüren müssen, da war er sich ziemlich sicher, von dem ersten hatte er schließlich eine perfekte biologische Signatur erhalten.
"Was wäre eigentlich passiert, wenn Sie gerade nicht bei uns gewesen wären?"
"Muß ich diese Frage beantworten?" fragte Tom ehrlich zurück, und entdeckte eine Runde fragender Gesichter.
"Na gut. Es hätte mindestens einen von Ihnen, vielleicht auch mehrere, angefallen, sie gefressen und sich danach reproduziert. Und danach wäre es mitsamt seinen Ablegern wieder auf die Jagd gegangen, um sich weiter vermehren zu können. Reicht Ihnen das?"
"Wie kann man so etwas bekämpfen? Ich meine, wenn man nicht so ein Werkzeug hat wie Ihren Stock."
"So gut wie gar nicht. Außer Sie setzen eine Atombombe ein, und selbst die würde nicht mehr viel Nutzen bringen, wenn die Biester sich erst einmal ausreichend vermehrt haben, schätze ich. Gegen Strahlung und andere Dinge, die Menschen in ernsthafte Bedrängnis bringen würden, sind solche Viecher nämlich weitgehend immun. Ich mußte unser Exemplar hier mehrere Minuten lang auf Sonnentemperatur braten, bis es sich in Asche verwandelte, und was danach noch von ihm übrig blieb, habe ich sicherheitshalber per Teleporter-Eilpost in das Schwerkraftzentrum unseres Sonnensystems transferiert, mit anderen Worten, die Reste müßten mittlerweile irgendwo im Herzen unserer Sonne verdampft sein. Aber alle Ihre Bedenken sind völlig korrekt, und ich teile sie. Wir müssen herausfinden, wer da solche Eier verschießt, und zwar möglichst bevor sich irgendwo ein weiteres Monster aus einer Leiche herausarbeitet!"
"Woher wissen Sie so viel darüber? Und warum sind Sie, verzeihen Sie meine Ausdrucksweise, so kaltschnäuzig im Umgang mit Monstern, die jedem anderen das Blut in den Adern gefrieren lassen?"
Tom lächelte. "Die Federal Security Agency nimmt meine Dienste als Schädlingsbekämpfer der außergewöhnlichen Art häufiger in Anspruch. Da lernt man viel, weil jeder Fall anders gelagert ist. Ungeheuer mit Tentakeln und einer Vorliebe für Menschenfleisch sind eine Art Spezialität von mir. Meine Matrix ist nicht die einzige Waffe dagegen, ich habe da noch etwas anderes. Aber leider ist es etwas, was auch nicht von anderen benutzt werden kann, ich bin also gewissermaßen selbst der wichtigste Bestandteil meiner Waffen." Er warf einen Blick auf den Pathologen, der zwar zugehört, aber unterdessen fleißig weitergearbeitet hatte. Schwierig war seine Arbeit heute nicht, bei einem Leichnam, der unter seiner letzten verbliebenen Hautschicht praktisch sauber skelettiert war.
"Wenn Sie fertig sind, Mr. Partridge, sagen Sie bitte Bescheid, damit ich hier saubermachen kann. Ich muß auch alle Proben, die Sie nehmen, sterilisieren, nur für alle Fälle. Und die Instrumente natürlich, die Sie benutzt haben, den Tisch, Ihre Handschuhe und alles andere."
"Mich auch?" grinste der Mann unter seiner Maske zurück.
"Wenn Sie darauf bestehen... oder wenn Sie sich verletzt haben sollten, oder mit einem Stück der Leiche direkten Kontakt hatten." zählte Tom gnadenlos die Möglichkeiten auf.
"Was ist mit den Kollegen, die die Leiche hergebracht haben?"
"Wie lange ist es her, daß die Leiche hier angeliefert wurde? Zwei Stunden? Und vorher lag sie maximal vier Stunden im Hof, bis sie entdeckt wurde? Dann waren die Kollegen noch nicht in Gefahr. Ganz so schnell wachsen diese Biester auch wieder nicht, jedenfalls am Anfang. Und zum Glück für uns. Aber für alle Fälle habe ich die biologische Signatur des Monsters genommen und in meiner Matrix gespeichert. Wenn es noch mehr von der Sorte geben sollte, werde ich sie aufspüren können."
"Auch mit Ihrem Werkzeug?" fragte Rigsby, und Tom nickte.
"Also ich bin fertig. Mehr kann ich hier nicht mehr erfahren." gab Partridge es schließlich auf, an den Überresten herumzuschnipseln und zu -sägen. "Machen Sie Ihren Voodo-Zauber gegen fiese Monster, oder was auch immer."
Tom und der Pathologe klärten kurz, was nur zu sterilisieren, und was aus Sicherheitsgründen und der Einfachheit halber gleich ganz zu vernichten war, zusammen mit der Leiche. "Wohlgemerkt, meine Art der Sterilisation zerstört nur Spuren eindeutig nichtmenschlicher Art. Gegen menschliche Hinterlassenschaften müssen Sie Ihr Werkzeug noch selbst auf die normale Weise reinigen," teilte Tom dem Spezialisten mit.
"Schade. Ich hatte schon gehofft, diese Arbeit mal ausfallen lassen zu können." bedauerte Partridge. Als erfahrener Forensiker wußte er selbstverständlich, wie wichtig eine penible Reinigung nach jeder einzelnen Obduktion war, damit nicht etwa übertragene Genspuren die nächste untersuchte Leiche kontaminierten und dadurch möglicherweise Beweismittel unbrauchbar machten. Sein Werkzeug wie Knochensäge, Skalpelle und Sonden, die er gerne wiederverwenden wollte, lagen auf einem Beistelltisch, neben dem er sich positionierte, die Schürze, Gummihandschuhe und anderer Kleinkram, der bedenkenlos vernichtet werden konnte, landeten kurzerhand auf der Leiche.
"So. Und jetzt halten Sie mal Ihre Ohren fest." forderte Tom und hob seinen Stock.
"Ohren festhalten? Warum das?" Partridge wußte nicht, ob er diese Anweisung wörtlich nehmen sollte.
Tom ließ sich so eine Steilvorlage für einen kleinen Scherz natürlich nicht entgehen. Er grinste. "Na, Sie wollen doch nicht, daß Ihnen was Wichtiges abhanden kommt, oder?"
Also hob Partridge wohl oder übel beide Hände an seinen Kopf, um dem Befehl Folge zu leisten. Tom gönnte sich einen kleinen Seitenblick auf die anderen CBI-Agenten. Lisbon hatte die Augenbrauen hochgezogen, und Rigsby und Cho bemühten sich ernsthaft, sich ein Grinsen zu verbeißen. Allerdings warfen sie alle drei ihrerseits vielsagende Seitenblicke auf einen weiteren Anwesenden, von dem sie genau wußten, daß er gleichfalls gerne die Leute mit solch kleinen Gemeinheiten aufs Kreuz legte. Diese Person mußte aber soeben etwas wahnsinnig Interessantes an der Decke des Raums entdeckt haben, weil besagte Decke auf einmal so völlig ihre Aufmerksamkeit beanspruchte...
« Letzte Änderung: 26. März 2012, 13:10:26 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #6 am: 5. April 2012, 09:40:58 Uhr »
Tom zögerte nicht länger. Der Knauf seines Stocks blitzte blau auf, und im nächsten Moment brach eine wahre Flut von blauem Licht daraus hervor, auf Partridge und seinen Beistelltisch zu, und sogar durch beide hindurch wie eine unbekannte aber mächtige Form von Strahlung. Es dauerte nur wenige Sekunden. Noch während der Pathologe geblendet von dem unangenehm blauen Licht in seinen Augen blinzelte, war die Desinfektion auch schon vorbei, und Tom konzentrierte sich auf sein Zerstörungswerk. Abermals ein blaues Blitzen. Diesmal formte sich das Licht zu einer großen Blase, in der die Leichenreste und was sonst zu vernichten war gefangen und schwerelos in die Höhe schwebten. Die anderen waren schon auf eine erneute Lichtflut aus einem tobenden Hochofen gefaßt, aber diesmal blitzte es nur kurz hell gelblichweiß auf, und der gesamte Inhalt der Blase war spurlos verschwunden. Und dann kam abermals eine blaue Strahlungsflut, die sorgsam den Autopsietisch von oben bis unten bestrich und sogar den Boden darunter und alles auslöschte, was von dem Tentakelmonster vielleicht noch daran haften mochte.
"Okay. Alles sauber." verkündete Tom dann zufrieden. "Sie können übrigens die Hände von den Ohren nehmen, Mr. Partridge. (Jetzt hemmungsloses Grinsen im Hintergrund, Janes Lächeln allein hätte gereicht, den Raum taghell zu erleuchten. Der Mentalist war begeistert - endlich jemand, der in Sachen Humor voll auf seiner Linie lag.)
"Jetzt ist nur noch eines übrig - die zwei Geschosse und die Gewebeproben, die Mr. Partridge genommen hat. Die werden gebraucht als Beweismittel, nicht wahr, Agent Lisbon? Sonst würde überhaupt nichts mehr den Mordfall bezeugen außer unsere Aussagen, nachdem keine Leiche mehr existiert. Am liebsten würde ich sie auch vernichten, aber da das nicht geht, muß ich etwas anderes machen."
Ein leichter Nebel von schwachem blauem Licht rieselte aus dem Knauf von Tom Stock auf die Plastikschale mit den Geschossen und den paar Knochen- und Hautproben, die der Pathologe aus der Leiche geschnitten hatte. Der Nebel löste sich gleich wieder auf, und Schale samt Inhalt schienen unverändert.
"Ich habe diese Teile mit einem Überwachungs- und Zerstörungsprogramm versehen. Sie können noch die üblichen chemischen und sonstigen Untersuchungen damit anstellen, Mr. Partridge, aber sobald mein Überwachungsprogramm an diesen Teilen eine unnatürliche Aktivität entdeckt, wie sie von einem heranwachsenden Tentakelwesen ausgehen könnte, wird das Zerstörungsprogramm aktiv, und alle Teile zerfallen auf der Stelle zu harmlosem und völlig nutzlosem Staub. Nur damit Sie sich nicht wundern, falls Sie plötzlich nur noch ein paar Staubhäufchen vorfinden sollten."
"Verdammt, Mr. Richards!" platzte Lisbon heraus und trat vor, bis sie direkt vor Tom stand, gerade daß sie ihm nicht ihren Zeigefinger in die Nase bohrte. "Wenn Sie nicht für die FSA arbeiten würden, würde ich jetzt alles daransetzen, Sie für den Rest Ihres Lebens festnehmen zu lassen. Sie können Leichen spurlos verschwinden lassen, Beweismittel auflösen, die sich unter Verschluß im Labor befinden, und was weiß ich noch alles anstellen ... Sie sind ein Risiko größten Ausmaßes! Eine wandelnde Katastrophe für Agenten wie uns, und für eine Behörde wie unsere! Ist Ihnen das eigentlich klar?"
Der Mann lächelte sie für ihre Tirade nur an, die Hände lässig auf seinen Stock gestützt. "Dabei haben Sie bis jetzt nur einen winzigen Bruchteil meiner Macht kennengelernt, Agent Lisbon," entgegnete er locker. "Wenn ich wollte, würde mir längst die ganze Welt gehören. Nur leider kann ich mit der Welt nichts anfangen, und deswegen lasse ich es. Ich schlage vor, nachdem wir hier fertig sind, verlassen wir diese depressionenerregende Räumlichkeit, und suchen eine angenehmere Umgebung auf, wie Ihr Büro zum Beispiel?"
Dagegen konnte sie nichts erwidern, und sein ausnehmend höflicher Ton nahm ihr den Wind aus den Segeln.
"Wie kommt die FSA nur mit jemand wie Ihnen klar?" fragte sie, während sie mit dem Lift nach oben fuhren.
"Am besten, indem sie so viel Abstand von mir hält wie nur möglich." erwiderte Tom heiter. "Aber ich kenne keine Gnade. Sie werden mich nicht los, egal wie sehr sie betteln mögen."
Janes hinterhältiges Schmunzeln verriet Lisbon, wie sehr ihr eigener Berater diese Antwort zu schätzen wußte.
"Ach, und wie löst die Agency dieses Dilemma?" fragte Cho ganz unschuldig.
"Indem sie auf meine Ratschläge hört und mir ein paar Agenten zur Verfügung stellt, wenn ich sie brauche. Leider weigert sich General Wade, der Leiter der FSA, zunehmend, mir jemanden zu schicken. Er behauptet, ich verwandle alle seine guten Agenten in Spoekenkieker. Keine Ahnung, was er damit meint." Tom zog die Schultern hoch, und jetzt war er es, der mit verschmitztem Augenzwinkern die Unschuld vom Lande mimte. "Vielleicht sollte ich zur CIA überlaufen. Die wollen mich schon lange haben, wissen Sie, und bei denen gibt es noch genug ahnungslose und unschuldige Agenten, die ich hirnwaschen kann." Er grinste, diese Bemerkung war offensichtlich nicht ernst gemeint gewesen.
Zurück in ihren engen, vertrauten Büroräumen wirkten die Ereignisse in der Pathologie auf die Agenten wie ein böser, glücklich überstandener Traum. Aber sie wußten alle, daß es die reine, brutale Wirklichkeit gewesen war.
"Also. Wie gehen wir jetzt weiter vor? Daß es nötig ist, schnell zu handeln, darüber sind wir uns wohl alle einig, oder?" fragte Lisbon.
"Ich werde den gewonnenen biologischen Fingerabdruck des Monsters nutzen, um nach anderen seiner Art zu suchen." versprach Richards. "Ich kann meine Matrix wie ein Suchgerät agieren lassen, das dauert nur einige Zeit, weil ich in alle Richtungen gleichzeitig suchen mußt. Sie sollten unterdessen versuchen, Chads letzte Tage nachzuvollziehen. Mit irgendwem muß er Kontakt gehabt haben, jemand, der ihm dann zwei Geschosse in die Brust gejagt hat. Die Gegner, mit denen ich normalerweise zu tun habe, gehen nicht wie Gangster vor, die benutzen keine Schußwaffen. Und sie bauen definitiv keine Monstereier anstelle von Kugeln in Patronen ein. Ich würde empfehlen, halten Sie Ausschau nach allem was ungewöhnlich ist. Nach Sekten, Geheimgesellschaften und nach verrückten Wissenschaftlern oder nach Leuten, die sich für solche halten."
Lisbon lächelte ihn dafür beinahe freundlich an. Beinahe, wohlgemerkt.
"Wir sind hier in Kalifornien, dem Staat von Flower-Power, Silicon Valley, Esoteric-Trips und Hollywood, dem Staat der Reichen, Schönen und Durchgeknallten, falls Sie das nicht bemerkt haben sollten, Mr. Richards. Hier werden Sie kaum jemand finden, der sich nicht für etwas Ungewöhnliches hält."
"Dann eben die ungewöhnlichen Ungewöhnlichen. Oder vielleicht auch solche, die sich mit Absicht unauffällig verhalten, die wiederum zu gewöhnlich wirken für den hiesigen Standard. Achten Sie einfach auf alles, was irgendwie aus der Reihe tanzt. Setzen Sie Ihren Mr. Jane darauf an. Ich denke, er hat eine Ahnung, was ich meine."
Er lächelte Patrick an, der eifrig nickte, über das ganze Gesicht strahlend.
"A propos, Agent Lisbon, können Sie gut werfen?" fragte Tom dann unerwartet.
"Und wie." antwortete Jane an ihrer Stelle, immer noch strahlend. "Mit Stiften, Orangen, Handys, Ziegelsteinen, Computern, Stühlen..." und diversen anderen Dingen, die die temperamentvolle Agentin bei diversen Gelegenheiten in artsuntypische Bewegung versetzt hatte.
"Perfekt." lachte Tom retour. "Erinnern Sie sich an den Sternenstein, den ich Sie bat in Verwahrung zu nehmen? Bitte, Agent Lisbon, tragen Sie ihn bei sich, während Sie ermitteln. Nur für den Fall, daß Sie auf ein weiteres Monster stoßen, wenn ich nicht dabei bin. Ihre Dienstwaffen werden Ihnen gegen solche Wesen nämlich nicht viel helfen. Ein Treffer mit dem Sternenstein könnte erheblich mehr Wirkung zeigen. Aber bitte, seien Sie vorsichtig, und das gilt für Sie alle. Ich möchte nicht weitere Monster aus Ihren Eingeweiden fischen müssen, wenn Sie wissen, was ich damit sagen will. Ich kehre jetzt in mein Hotel zurück, von wo ich meine Art der Suche starten werde. Wenn ich etwas finden sollte, werde ich Sie sofort informieren, und Sie halten es bitte umgekehrt genauso, Agent Lisbon. Sie wissen jetzt, wogegen wir kämpfen, und in solchen Sachen gehe ich kein Risiko ein."
Er gab ihnen eine Visitenkarte seines Hotels und ging ab, lautlos gefolgt von seinem Leibwächter.
Kaum waren sie draußen, starrten Lisbon und die anderen sich an.
"Haben wir das vorhin alle tatsächlich erlebt, oder hat mir jemand was in den Kaffee getan?" fragte Teresa. Da die Frage eindeutig rhetorischer Natur war, bekam sie keine Antwort. Nur Van Pelt, die lieber im Büro Telefon und Computer gehütet hatte - Obduktionen waren nicht ihr Ding - sah fragend drein. "Was war denn?" fragte sie, verdutzt über das plötzliche bedrückte Schweigen und die seltsam ernsten Mienen ihrer Kollegen. "Hat der Typ gerade tatsächlich was von Monstern gesagt?"
"Fragen Sie nicht." sagte Jane. "Das würden Sie uns doch nicht glauben."
Sie glaubte es, auch ohne mehr darüber zu wissen. Wenn selbst Jane in diesem ernsten Zustand war, dann mußte es etwas wahrhaft Erschreckendes gewesen sein.
"Und jetzt erst mal den Papierkram." seufzte Lisbon. "Eine Leiche, die aus Sicherheitsgründen sofort vernichtet werden mußte - gibt es dafür überhaupt eine Vorschrift, die man zitieren kann?"
"Ich suche danach," versprach Grace sofort, weil sie merkte, daß die Kollegen jetzt dringend moralische Unterstützung brauchten. "Mußten Sie wirklich die Leiche vernichten?"
"Bräuchte ich sonst die Vorschrift?" motzte Lisbon sofort, daß Van Pelt fast den Kopf einzog.
"Fragen Sie jetzt nicht." wiederholte Jane warnend in Richtung auf Grace, bevor Teresa endgültig in die Luft ging. "Später, wenn wir es selber verdaut haben, dann dürfen Sie Fragen stellen."
"Was für ein Glück, daß Hightower heute nicht da ist. Da wäre das Verdauungsendprodukt jetzt schon im Luftverteilungsgerät," versuchte er dann einen Witz, der seiner wirklich nicht würdig war, ein guter Hinweis auf seinen seelischen Zustand. "Wir haben also noch etwas Zeit, uns etwas auszudenken."
"Schieben wir es doch einfach Richards in die Schuhe. Schließlich war er es, der die Leiche vernichtet hat, und er arbeitet für die FSA." schlug Cho ganz pragmatisch vor. "Ich schätze, sobald die von der Sache erfahren, bekommen wir ganz schnell einen offiziellen Maulkorb, Hightower inclusive, und ein Chad Brown hat einfach nie existiert, wenn jemand fragt. Problem gelöst."
Lisbon überlegte eine Weile und nickte dann. "Gefällt mir nicht, aber ist in so einem Fall wohl das beste. Aber bis die FSA anfängt, hier herumzuschnüffeln, sollten wir bereits aktiv sein. Cho  Sie gehen dieser Spur mit den Baumaßnahmen nach. Rigsby und Van Pelt, Sie treiben mir einen Botaniker auf, der diese komischen Samenhülsen identifizieren kann."
"Einen Zoologen, meinten Sie. Wenn Tiere aus den Dingern schlüpfen, brauchen Sie einen Zoologen," versuchte Jane hilfreich zu sein. Dann riß er schützend die Arme über den Kopf, noch bevor Lisbon handgreiflich auf ihn losgehen konnte (was sie vielleicht getan hätte, oder vielleicht auch nicht, in ihrem momentanen irritierten Zustand war sie zu allem fähig), und "schlich" in übertriebener Gestik davon. "Ich bin ja schon still!" maulte er scherzend aus seiner Ecke.
"Botaniker, Zoologe, Astrologe - egal. Treiben Sie mir jemanden auf!" bestätigte Lisbon ihren Befehl an Van Pelt. 
Cho war der erste, der mit seiner Aufgabe Erfolg hatte.
"Sämtliche Baumaßnahmen, die auf dem Stadtplan markiert sind, haben gemeinsam, daß die Firma New Dawn Inc. dabei zum Zuge kam. Von der hab ich gehört, sie gehört nämlich zum Imperium von Kyle Myers."
"Dem Fernsehprediger?"
« Letzte Änderung: 5. April 2012, 10:26:52 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #7 am: 18. April 2012, 12:20:19 Uhr »
"Genau dem. New Dawn ist sehr bekannt, weil sie die Predigten von Myers in die Tat umsetzt, gestrauchelten Menschen eine Hilfe zur Selbsthilfe zu geben, indem sie den Leuten einen Job anbieten. Vor allem straffällig gewordene Jugendliche, Junkies und Gangmitglieder sollen da durch harte Arbeit auf den rechten Weg zurückgeführt werden. Als Gegenleistung für Job und Ausbildung müssen sie nur an Sonn- und Feiertagen ein paar Stunden lang den Predigten von Myers und seinen Co-Predigern lauschen. Aber da es anschließend meist Tanz - in züchtiger Weise - oder sonstige Feiern gibt, machen die meisten da mit. Myers ist nicht der Typ, der seinen Anhängern totale Enthaltsamkeit und Freudlosigkeit predigt, er meint, wer tüchtig arbeitet, darf sich auch mal was gönnen. Seine Sendung heißt übrigens "Kyle of God", eine Anspielung auf das deutsche Wort "Keil", Myers hatte deutsche Vorfahren. Der "Keil Gottes", teile und herrsche, also an Bescheidenheit leidet der Mann nicht unbedingt."
Lisbon nickte. "Fein. Er paßt genau ins Bild, das Richards uns gegeben hat. Dann suchen wie diesen "Keil Gottes" mal auf. Jane, ich glaube, das wird ein Festschmaus für Sie!"
Grace war die einzige, die verdutzt blinzelte. Sonst versuchte Lisbon Jane doch immer zurückzuhalten, auch wegen Hightower, die Janes exzentrisches und häufig unangemessenes Verhalten gar nicht schätzte - bis die beiden mit Cho zur Tür hinaus waren und Rigsby sie über die Vorgänge in der Pathologie aufklärte. Menschenfleischfressende Monster in ihrem eigenen Amtskeller, verdammt, über so etwas konnte man lachen, wenn es als Witz kam, aber das hier war kein Witz, das machte Rigsby deutlich.
"Es gibt übrigens tatsächlich Vorschriften zum Vorgehen bei kontaminierten Leichen," erklärte sie ihm dafür anschließend. "Nicht bei uns, offenbar gab es so einen Vorfall bei uns noch nicht, aber beispielsweise beim CDC, dem Seuchenkontrollcenter in Atlanta, wo man mit gefährlichen Erregern umgeht. Die kann ich analog zitieren, damit Hightower zufrieden ist."
Lisbons zweite Anweisung ließ sich sehr viel schwerer umsetzen. Die Botaniker, zu denen Van Pelt Kontakt aufnahm, schüttelten die Köpfe, sobald die Rede auf tentakelbewehrte Tiere kam, die Zoologen wiederum lachten sie aus wegen der "Pflanzenhülsen". Da Rigsby erwähnt hatte, daß Richards nach eigenen Angaben häufiger für die FSA als "Schädlingsbekämpfer" fungierte, nahm Van Pelt schließlich wieder mit dieser Behörde Verbindung auf. Sie bekam einen gewissen Agent Wylie an die Leitung. Anders als die Experten vorher lachte er nicht über das, was Grace ihm mitteilte. "Er mußte seinen Stock einsetzen, um das Vieh zu braten, sagen Sie? Dann werden Sie es kaum in einem zoologischen Handbuch finden. Eher in Büchern, die sich mit Yeti, Sasquatch und dem Ungeheuer von Loch Ness befassen. Hängen Sie sich an Richards, wenn Sie mehr wissen wollen, er ist sehr freizügig im Umgang mit seinem Wissen. Aber nehmen Sie einen Vorrat an frischer Unterwäsche mit, die werden Sie nämlich brauchen. Seien Sie vorsichtig, und richten Sie sich in jedem Fall nach seinen Anweisungen."
Das klang ja sehr vielversprechend. Wylie gab ihr seine direkte Durchwahl und die eines weiteren Agenten namens Fox, weil sie beide wohl als die Verbindungsleute zu Richards fungierten. "Bitte halten Sie uns auf dem Laufenden, und rufen Sie uns sofort an, wenn Sie Verstärkung oder Hilfe brauchen." sagte er noch zu ihr. "Bei uns wird niemand lange Fragen stellen, wenn Richards involviert ist."
"Oha!" machte Rigsby anschließend, der dem Gespräch über Lautsprecher zugehört hatte. "Mit anderen Worten, der angebliche Berater darf dort sogar Befehle erteilen. Das heißt, der Mann ist bei denen wirklich wichtig. Das sollte Lisbon erfahren."
Grace nickte und griff zum Handy, um Lisbon die Neuigkeiten mitzuteilen.
Teresa und ihre Begleiter waren soeben vor dem Firmensitz der New Dawn Inc., der sich ebenfalls in Sacramento befand, vorgefahren. Das Gebäude war großzügig und sehr hell gestaltet, heller polierter Marmor, viel Glas, Grünpflanzen und Lichtschächte, die das Tageslicht angenehm um seine Sonnenhitze beraubt hereinleiteten, im Eingangsbereich, dazu großzügige Hinweistafeln mit vergoldeten Lettern, die die verschiedenen Abteilungen der Firma angaben für den Fall, daß man den Portier in flotter Dienstuniform nicht behelligen wollte. Es war ein ansprechender und durchaus gelungener Mix aus einer modernen, stil- und erscheinungsbewußten Firma und einer Sektenzentrale. Vergeistigte Meditierer in langen Gewändern waren nicht zu sehen, dafür gutgekleidete Angestellte beider Geschlechter, die eifrig dahineilten, und auch hin und wieder ein Arbeiter in firmeneigener Montur, der selbst mit Farb- oder Dreckspuren auf derselben kein Hochziehen einer Nase von den Bessergekleideten erntete. Hier waren Schraubschlüssel und Feder in der Tat gleichberechtigt, so wie der "Keil Gottes" es predigte, und Jane hätte es nicht gewundert, hier irgendwo auch das alte Hammer- und Sichel-Symbol zu entdecken.
Lisbon erhielt Van Pelts Anruf, gerade als sie auf den Portier hinter seinem Empfangstresen zusteuerte. Das unverblümte Hilfsangebot der FSA gab ihr genauso viel zu denken wie Grace. Richards schien nicht übertrieben zu haben, als er von Anfang an mehr hinter der Sache vermutete als einen simplen Mord. Aber bald, vielleicht, würden sie mehr erfahren...
"Agent Teresa Lisbon, California Bureau of Investigation," stellte sie sich dem Portier vor, dessen Name sie von seiner Plakette ablas, "Mr. Horace, ist Mr. Kyle Myers hier zu sprechen? Oder der Geschäftsführer, Mr. Boller?"
Der Mann sah sich ihre Dienstmarke genau an. "Mr. Boller ist gerade abwesend," sagte er dann, "aber Mr. Myers bereitet seine nächste Sendung vor, oben in der Werbeabteilung." Er nannte ihnen das richtige Stockwerk und das Zimmer, wo sie sich melden sollten, damit sie nicht mitten in eine laufende Aufzeichung hineinplatzten.
Sie wurden in einen Raum geführt, der vom nächsten durch eine große schalldichte Glasscheibe abgetrennt war. Der Nachbarraum war der Aufnahmeraum, sie sahen die Kulisse mit dem bekannten New-Dawn-Sonnenemblem in Gold auf weißem Untergrund, vor der Myers soeben die letzten wohlwollenden Sätze seiner heutigen Sendung in die Kameras sprach. Kameraleute, Aufnahmeleiter und Myers selbst schienen zufrieden zu sein mit dem Ergebnis, es mußte nichts verändert oder nachgedreht werden. Einer von Myers Assistenten sagte ein paar Worte zu ihm und wies in Richtung des Fensters, und Kyle Myers, ein hochgewachsener Mann in den frühen Sechzigern mit perfekt weißem, dichtem Haar und einem gewinnenden Zahnpasta-Lächeln, sah zu den CBI-Leuten hin. Er wechselte noch ein paar Worte mit seinem Fernsehteam und kam dann herüber in den Beobachtungsraum, um sich um seine ungebetenen Gäste zu kümmern.
"Agent Lisbon, CBI," stellte Teresa sich vor. "Das hier sind Agent Cho und Mr. Jane. Wenn Sie kurz Zeit für uns hätten, Mr. Kyle..."
"Aber immer, Agent Lisbon. Was kann ich für Sie tun?" Einladend wies er auf die Stühle, die sein Assistent soeben hilfreich bereitstellte. Sie nahmen Platz. Der Assistent servierte Tee und einen kleinen Imbiß, bei dem Myers hungrig zugriff, offenbar legte er nur eine kurze Pause ein, um anschließend weiterzudrehen.
"Es geht um ein Mitglied Ihrer Gemeinde. Einen gewissen Chad E. Brown."
"Chad E. Brown..." Myers wiederholte den Namen, ließ ihn beinahe auf der Zunge rollen. Er schien ernsthaft zu überlegen, ob er diesen Namen schon einmal gehört hatte. Dann schüttelte er andeutungsweise den Kopf. "Es tut mir leid, Agent Lisbon. Aber ich scheine diesen Namen zum erstenmal zu hören. Es ist leider nicht so, als ob ich alle Mitglieder meiner wachsenden Gemeinde persönlich und namentlich kenne. Für mich ist es ausreichend, wenn die Menschen meine Botschaft hören, sie verstehen und in ihrem Herzen bewahren. Meine vielen Pflichten als Galionsfigur der New Dawn bringen es leider mit sich, daß ich nicht mehr die Zeit habe, mich zu jeder Zeit um jede der Teilgemeinden zu kümmern. Oder um ihre Mitglieder. Diese Aufgabe habe ich deshalb schweren Herzens, aber guten Gewissens einigen guten, treuen Freunden überlassen, von denen ich weiß, daß sie an die Gute Botschaft so sehr glauben wie ich selbst. Aber natürlich sollen die Menschen mich nicht nur auf dem Bildschirm, sondern auch direkt erleben, und natürlich ansprechen können mit ihren Bitten und Wünschen. Deshalb wechsle ich wochenweise zwischen den Teilgemeinden hin und her. Aber trotzdem. Ein Mr. Chad Brown ist mir auf Anhieb kein Begriff."
"Er wurde ermordet. Erschossen. Heute früh, er wurde im Vorgarten des Hauses, in dem er wohnte, tot aufgefunden."
Die Betroffenheit, die Myers zeigte, war, soweit die Agenten sehen konnten, echt. Echt, aber nicht sehr intensiv, wie es bei der Mitteilung vom Tod eines Menschen, den man gar nicht kannte, üblich war. "Mein Beileid. Hat - gibt es Hinterbliebene?"
"Ein ganzer Familienklan, der irgendwo bei Washington lebt," gab Lisbon weiter, was sie von Richards erfahren hatte. Sie war gespannt wie ein Flitzebogen. Wußte Myer etwas von der bösen Überraschung, die sich in Browns Körper versteckt hatte? "Nur fürchte ich, wird es kein Begräbnis geben."
Myers guckte verständnislos drein. "Warum? Ich weiß nicht viel über Polizeiarbeit - aber wird die Leiche nicht freigegeben, sobald die Untersuchungen abgeschlossen sind?"
Er schien wirklich nichts zu wissen. "Sie mußte vernichtet werden. Sie war kontaminiert. Ein Risiko für die öffentliche Sicherheit, Sie verstehen?"
"Ach. Ich verstehe. Deshalb befaßt sich das CBI damit, statt die City Police. Aber was meinen Sie mit "kontaminiert"? Hatte dieser Mr. Brown mit Giftmüll zu tun? Oder mit..." er sah etwas unbehaglich drein, "mit Atomkraft?" Myers hatte nämlich nie ein Hehl daraus gemacht, daß er Atomkraft und alles, was dazugehörte, als Werk des Gottseibeiums betrachtete und er am liebsten im Stil eines moslemischen Imams eine Fatwa dagegen ausgesprochen hätte. Womit er sich in einem Staat, dessen Energieversorgung hauptsächlich von Atomenergie abhing, trotz des ständigen hohen Erdbebenrisikos, nicht nur Freunde machte.
"Nein. Es war biologisch." Abermals Unverständnis. Hier waren sie an der falschen Adresse, erkannte Lisbon.
"Biologisch? Dann wundert es mich, daß sich das FBI noch nicht eingeschaltet hat. Oder irgendein Gesundheitsamt."
"Die FSA, genauer gesagt. Geheimdienst. Die werden wahrscheinlich bald auftauchen, um herumzuschnüffeln. Ich hoffe in Ihrem Interesse, daß Sie dann eine weiße Weste vorzuweisen haben."
Myers zeigte nicht das geringste Anzeichen von Erschrecken. Stattdessen lächelte er. "Meine Sünden aus meiner wilden Jugendzeit, bevor ich Erleuchtung erlangte, sind kein Geheimnis. Ich habe sie nie dazu gemacht. Selbst einem Sensationsreporter dürfte es schwerfallen, daraus noch einen Knüller herauszuschlagen. Und was mein Leben seither und New Dawn betrifft, da ist mein Gewissen rein. Maximale Transparenz war immer mein Motto. Es gibt keinen einzigen Cent an Spendengeld, dessen Herkunft und Verwendung nicht verfolgt werden könnte. Ich selbst lebe sparsam in einem kleinen Appartment, wie Sie vielleicht wissen, und fahre einen alten Buick. Die große Villa und die teuren Wagen dienen nur Repräsentationszwecken und sind Eigentum der Firma. Überflüssiger Tand aus meiner Sicht, das Geld wäre in einem der Hilfsprojekte besser angelegt gewesen, aber Mr. Boller bestand darauf. Nicht einmal meine sporadischen Frauenbekanntschaften taugen für einen Skandal. Obwohl eine einmal versucht hat, einen zu provozieren. Ich fürchte, die Herrschaften vom Geheimdienst werden bei mir nur ihre Zeit verschwenden." Er lächelte die CBI-Agenten fröhlich an.
Lisbon warf einen Seitenblick auf Jane, der - sehr ungewöhnlich für ihn -  noch nicht versucht hatte, dem falschen Heiligen auf den Zahn zu fühlen, ihn mit unpassenden Bemerkungen oder offenen Beschuldigungen aus der Bahn zu werfen, was eigentlich bei Begegnungen mit Sektierern und Predigern sein Standardvorgehen war, beinahe eine Besessenheit des Ex-Hochstaplers, der seit seiner tragischen "Bekehrung" auch keinen Betrug durch andere mehr dulden wollte. Jane sah nur ernst drein, lauschte aufmerksam und tat auch nach Lisbons Blick, den er selbstverständlich bemerkte, den Mund nicht auf. Nun ja, vielleicht saß ihm die Begegnung mit dem Monster immer noch in den Knochen.
« Letzte Änderung: 18. April 2012, 13:14:47 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #8 am: 23. April 2012, 12:29:41 Uhr »
"Da Mr. Boller, Ihr Geschäftführer, zur Zeit nicht anwesend ist - könnten Sie uns stattdessen die Namen Ihrer Freunde nennen, die, wie Sie sagten, Ihre Teilgemeinden leiten?" warf Cho geschäftig ein. "Insbesondere jene Teilgemeinde, zu der Mr. Brown vermutlich gehörte. Er lebte in Midtown."
Ein Schatten schien über Myers´ Gesicht zu fallen. Nur kurz, und außer den geübten CBI-Agenten hätte es vermutlich niemand bemerkt. "Dann könnte Mr. Brown zu Halden Woods´ Gemeinde gehört haben. Die anderen Gemeindeleiter sind Samuel Shriver, Brenton Farlane und Todd Lacoma. Dazu kommt noch Mr. Hank Friers, der für die Betreuung unserer Anhänger in anderen Landesteilen und im Ausland zuständig ist und sein Büro in unserer Filiale in San Francisco hat. Fernsehen und Internet machen es heute möglich, die Gute Botschaft in der ganzen Welt zu verbreiten, wissen Sie."
"Mr. Halden Woods macht Ihnen Sorgen?" Cho war ein guter Beobachter, wenn auch längst nicht so gut wie Jane.
"Nein, er macht mir keine. Er ist mein Freund, er weiß, daß ich immer Klartext spreche, und ich würde ihn darauf ansprechen,wenn sein Verhalten in irgendeiner Weise nicht untadelig wäre. Aber er macht seit einiger Zeit den Eindruck, als hätte er selbst welche, oder als sei er krank. Ich habe ihn noch bei meinem letzten Besuch in der letzten Woche wieder darauf angesprochen. Ob es vielleicht Probleme mit seiner Familie gäbe - er hat eine Frau und zwei Töchter, wissen Sie. Oder ob er krank sei, er sah einige Zeit gar nicht gut aus. Oder ob es vielleicht Probleme mit Drogengangs gebe, die Ärger machen, weil ihre Mitglieder lieber zu New Dawn überlaufen und sich hier ihre Brötchen fortan auf ehrliche Weise verdienen, wofür sie Vergünstigungen in Gerichtsverfahren erhalten. Solche Sachen hatten wir schon. Er hat alles geleugnet und gesagt, er wisse nicht, wovon ich spräche. Aber, da war etwas. Etwas, worüber er mit mir nicht sprechen wollte. Vielleicht erfahren Sie mehr, Agent Lisbon. Dann wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie mir einen Hinweis geben könnten. Halden ist mein Freund, und ich will ihm helfen."
Mehr schienen sie hier im Augenblick nicht erfahren zu können, also verabschiedeten sich die Agenten.
"Wetten, daß Mr. Woods von unserem Besuch schon weiß, wenn wir dort ankommen?" fragte Jane, als sie zu den Autos gingen.
"Ich wette nicht. Schon gar nicht, wenn ich weiß, daß ich verlieren würde. Und das würde ich bei Ihnen immer." antwortete Cho gelassen.
"Hallo, Jane. Auch wieder unter den Lebenden?" wunderte sich Lisbon. "Sie haben kein einziges Wort gegen Mr. Myers fallengelassen, und das obwohl es Ihnen diesmal ausdrücklich erlaubt war? Mir scheint, Sie lassen nach."
Patrick lächelte schief. "Ich spare mir meine Munition für die lohnenderen Ziele. Myers ist unter den ganzen Betrügern und Bauernfängern im Land einer der harmloseren. Einigen seiner Aussagen könnte ich sogar zustimmen, wenn ich gute Laune habe. Der Nutzen seiner verschiedenen Unternehmungen für die Allgemeinheit hält sich mit dem Schaden, den er in den Köpfen der Menschen anrichtet, in etwa die Waage, deshalb bin ich geneigt, ihn erst mal zu tolerieren. Mal sehen, wie dieser Mr. Woods so ist."
"Herzliches Beileid, Mr. Woods." murmelte Cho vor sich hin, weil er Jane kannte. Die "Munition", der Myers entgangen war, mußte dann eben irgendwo anders verschossen werden, mit dem Gemeindeleiter als sehr wahrscheinlichem Ziel.
Vor dem landestypischen Gebäude aus Adobe und weiß gestrichenem Holz, das der Gemeinde als Begegnungszentrum diente und wo sie Mr. Woods vermutlich finden würden, weil sein eigenes Wohnhaus gleich dahinter angrenzte, fuhr gleichzeitig mit ihnen eine große Limousine vor, die sie wiedererkannten.
"Mr. Richards! Haben Sie hier auch irgendwelche Bekannte?" begrüßte Lisbon ihm, als sie ausgestiegen waren. Richards´ Leibwächter stand neben ihm, wachsam wie immer. An einem Riemen über seiner Schulter trug er etwas, was aussah wie ein in ein paar alte Lumpen gehüllter Stock.
Tom Richards lächelte sie an. "Unwahrscheinlich, wenn auch nicht unmöglich. Nein, wir haben ein paar eigene Ermittlungen angestellt und stießen auf diese New Dawn Gemeinde."
"Haben Sie etwas feststellen können mit Ihrem, äh, Werkzeug?" Sie blickte kurz auf den Silberstock, den Tom selbstverständlich bei sich trug und fragte sich, ob das Ding auf Kiromotos Rücken etwas ähnliches war.
"Wenn Sie meinen, ob ich weitere Monster gefunden habe - nein, das nicht. Aber ich bin auf einige Anomalien gestoßen, die ich mir anschauen will. Wissen Sie übrigens, daß wir uns gerade im Becken eines ausgetrockneten Sees bewegen?"
Was für eine ungewöhnliche Anmerkung. Aber Richards war kein gewöhnlicher Mensch, das wußten die Agenten bereits. Ausgetrocknete Seen, die gab es im geologisch aktiven Kalifornien reichlich. Einige waren Salzseen, die letzten Überbleibsel verlandeter Meeresarme, andere ehemalige Süßwasserseen, die ein reiches Erbe in Form abgelagerten Schlammes hinterlassen hatten, auf dem heute unter künstlicher Bewässerung fette Ernten eingefahren werden konnten.
"Das gesamte Central Valley, indem wir uns hier befinden und das sich zusammensetzt aus dem Sacramento Valley im Norden und dem San Joaquin Valley im Süden, war mal komplett vom Meer abgeschlossen, als sich die Küste anhob, und die Flüsse haben das Tal mit Süßwasser gefüllt. Das war vor ungefähr zwei Millionen Jahren, die Geologen bezeichnen diesen prähistorischen See als Lake Corcoran oder Lake Clyde. Aber vor etwa fünfhundertsechzigtausend Jahren ist er wieder ausgelaufen, als die Felsbarrieren nach Westen brachen und die Wassermassen in den Pazifik abflossen. Das heißt, daß der See gut eineinhalb Millionen Jahre bestanden hat."
"Sie haben gut aufgepaßt in Geographie, Mr. Richards. Und, hat das irgendetwas mit unserem Mordfall zu tun?"
"Ja, das glaube ich. Wesen mit Tentakeln halten sich meistens im Wasser auf, wissen Sie? Aber widmen wir uns jetzt erst mal Mr. Woods. Wollen wir?" Er machte eine einladende Geste zu dem Gebäude.
Sie gingen los, und wie selbstverständlich überließ Richards Lisbon die Führung. Genauso wie Jane wollte er sich erst einmal im Hintergrund halten, um in aller Ruhe die Lage zu peilen und die weitere Vorgehensweise zu überdenken. Hinter ihnen hielt gerade ein weiterer Wagen an, und sie erkannten Agent Rigsby, der von Grace erfahren hatte, wo sie gerade waren, und nun das Einsatzteam komplettierte. Eilig schloß er zu seinen Kollegen auf.
Im Gemeindezentrum fanden sie nur einen jungen Farbigen in Jeans und T-Shirt an, der gerade den glattgebohnerten Holzboden wischte. Ein dezent gehaltenes Plakat neben der Eingangstür machte auf die nächsten Gemeindetreffen, wichtige Termine und ein paar bevorstehende Feiern aufmerksam. Der junge Mann nickte auf Lisbons Frage, ja, Mr. Woods sei gerade zuhause und er würde ihn herholen. Wozu er ja nicht weit zu laufen hatte, da Mr. Woods´ Heim gleich hinter diesem Gebäude lag. Sie warteten und sahen sich interessiert um, entdeckten jedoch nichts ungewöhnliches in dem großen Versammlungsraum mit den vielen Stühlen, den nicht entzündeten Kerzen auf ihren schmucklosen Ständern und der unvermeidlichen Bibel, die auf einer patriotischen Stars-and-Stripes-Decke lag, aufgeschlagen im Buch Exodus, wie Cho registrierte. So wie dieser hier sahen tausende von kleinen gemeindlichen Versammlungssälen in den Staaten aus. 
Das Geräusch von Schritten brachte sie dazu, sich dem Eingang zuzuwenden. Es waren der junge Farbige, ein kräftig gebauter Mittfünfziger mit graumeliertem Haar, bei dem es sich um Halden Woods handeln mußte, und zwei hübsche, etwa sechsjährige Mädchen mit großen dunklen Augen und langem lockigem Haar, die offensichtlich Zwillinge waren. Das mußten Woods´ Töchter sein, die Myers erwähnt hatte.
"Danke, Joe. Du kannst für heute Schluß machen." sagte Woods zu dem jungen Gemeindearbeiter, der gleichmütig nickte, nach Eimer und Schrubber griff und sich verzog. "Sie wollten mich sprechen?" wandte er sich dann an seine Gäste.
"Agent Lisbon, California Bureau of Investigation," grüßte Teresa in ihrem üblichen coolen Business-Tonfall. "Das hier sind die Agenten Cho und Rigsby, Mr. Jane, Mr. Richards und Mr. Kiromoto. Wir sind hier, weil wir in einem Mordfall ermitteln, der ein Mitglied Ihrer Gemeinde betraf."
"Ein Mordfall?" Seine Augen wanderten von Lisbon zu Richards, seltsamerweise, und wieder zurück. Die anderen Anwesenden nahm er zwar wahr, beachtete sie aber nicht. Seine beiden Töchter standen flankierend neben ihm, ruhig und mit reglosen Gesichtern, die Augen fest auf die Gäste gerichtet.
"Nein, was für hübsche Töchter Sie haben!" machte Jane, so unpassend wie immer, und wollte auf sie zugehen. Kinder waren für ihn bei Ermittlungen die ergiebigsten Opfer, weil sie leicht zum Reden zu bringen waren und meistens mehr wußten und mitbekamen, als die Erwachsenen um sie herum ahnten oder glauben wollten.
"Stopp, Jane!" zischte Richards hastig. "Fassen Sie sie nicht an!"
Während Jane im Schritt abrupt stoppte und er und die Agenten ungläubige Seitenblicke auf Tom warfen, verzogen die Mädchen keine Miene. Sie blickten die ungebetenen Gäste weiterhin nur an, ruhig abwartend, die Lage abschätzend - gar nicht wie kleine Kinder, eher wie zwei gut dressierte Bluthunde, die auf das Signal ihres Herrn zum Angriff warteten, wie Jane schlagartig auffiel. Und ihm fiel noch mehr ein, was erst zwei Stunden zuvor passiert war. Er erbleichte und wich ein Stück zurück.
Die anderen Agenten und natürlich Larry bemerkten Toms Haltung. Er hielt seinen Stock nicht lässig aufgestützt wie sonst, wenn er einfach dastand und nichts tat, sondern leicht erhoben in der rechten Faust, den Knauf nach vorne gerichtet - als erwartete er, jederzeit einen Angriff abwehren zu müssen. Noch gab die Matrix im Knauf kein strahlendes Licht von sich...
Woods lächelte und nickte Richards zu. "Sie sind Mr. Richards?" fragte er. "Schön, Sie endlich kennenzulernen."
Er hob die Hand und tat, als wolle er näherkommen, und lächelte noch breiter, als Tom daraufhin seinen Stock etwas weiter anhob. Toms Miene war gespannt, keine Spur von einem Lächeln war zu sehen. Er hatte seinen Gegner bereits erkannt.
"Sie wollen also keinen freundlichen Händedruck." lächelte Woods.
"Danke, ich verzichte. Sie wissen, wer ich bin?"
Die beiden Mädchen taten einen, zwei kleine Schritte vorwärts, scheinbar unbemerkt, doch Tom forderte sofort in scharfem Tonfall: "Halten Sie Ihre Was-auch-immer zurück!"
"Schon gut." Woods legte seine Hände auf die dunkelgelockten Köpfchen und ließ sie dort liegen. Die Kinder blieben ruhig stehen, keine Beschwerde, kein einziger Laut kam über ihre Lippen. Nein, keine Kinder. Bluthunde, dachte Jane abermals. Frei von allem, was man als kindlich und unschuldig bezeichnen konnte, nur dazu geschaffen, einen Feind in Stücke zu reißen und zu vernichten, eingehüllt in eine harmlos wirkende Verpackung. Patrick schluckte, sein Mund fühlte sich trocken an.
« Letzte Änderung: 12. Juni 2012, 13:25:38 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #9 am: 3. Mai 2012, 13:13:54 Uhr »
"Ich kannte Sie bis jetzt nicht mit Namen, Mr. Richards. Aber ich weiß, was Sie in der Wüste getan haben."
"Dann wissen Sie auch, daß ich Ihnen Knüppel zwischen die Beine werfen werde, so gut ich kann."
Lisbon und die anderen schwiegen, sie hörten dem verbalen Schlagabtausch nur zu. Sie wußten, daß Richards das Gespräch übernommen hatte, um so viel Informationen wie möglich zu erlangen, und Woods gewährte sie ihm großzügig, sich sicher fühlend in vermeintlicher Überlegenheit. Aber die Agenten waren bereit, jederzeit ihre Dienstwaffen zu ziehen. Wenn Richards so konzentriert war und seinen Stock im Anschlag hielt, war das sicher kein gutes Zeichen, und Woods wirkte gar nicht, als wolle er irgendetwas leugnen. Sollte er reden, solange er konnte und wollte.
"Das können Sie nicht. Wir sind Legion. Wir sind der Leviathan der Legende." erklärte Woods ruhig. "Daß Sie unsere Schwestern verschwinden ließen, wie auch immer Sie das gemacht haben, ist nur ein kurzfristiger Rückschlag für uns. Wir können es auch alleine schaffen, es wird nur etwas länger dauern."
"Sie hatten Kontakt mit Ihren ... Schwestern?"
"Wir haben ihre Präsenz gefühlt. Wir mußten nicht miteinander sprechen. Wir sind eines Geistes, wir benötigen keine Worte, um uns zu verständigen."
Tom wandte leicht den Kopf, dahin, wo das Tischchen mit der Bibel darauf stand. "Hat Exodus irgendeine besondere Bedeutung für Sie?"
Woods lächelte weiterhin. "Der Exodus zur großen Zusammenkunft. Der Text in diesem Buch ist sehr passend."
Er reagierte nicht auf den leisen Laut der Überraschung, den Rigsby unwillkürlich von sich gab. Zusammenkunft - also doch so was wie in dem Film?
"Ewige Zeiten waren wir gefangen, seit das Land sich hob und trocken fiel und wir in tiefen Schlaf versanken, um auf die Rückkehr des Ozeans zu warten. Es waren unsere Schwestern, die uns geweckt haben. Und ein ahnungsloser Bauarbeiter der New Dawn, der sich verletzt hatte." Er lachte leise. "Aber diesmal sind die Verhältnisse anders. Wir sind wach, wir haben Möglichkeiten, die uns damals fehlten, und wir werden nicht wieder einschlafen."
"Den letzten Krieg haben Sie aber verschlafen."
Woods zuckte mit den Schultern. "Ein kleines Versehen. Bis die Sterne wieder richtig stehen und unsere Schwestern erneut Kontakt zu uns aufnehmen, werden wir diese Schlacht hier schon gewonnen haben."
"Der Exodus - wann findet er statt, und wohin?" Toms Frage kam mit stählerner Schärfe. Insgeheim war er gespannt - würde das Wesen, das sich in Woods versteckte, auch das preisgeben? Ja, es tat es. Überheblich und offenbar ahnungslos in Bezug auf Toms Möglichkeiten...
"Der Exodus läuft schon längst. Unsere Schwestern riefen um Hilfe für uns, und sie wurde gewährt. Völlig unbemerkt von den Oberflächenkreaturen, die für die Vorgänge in der Erde blind und taub sind, wurden uns die Wege in der Tiefe geöffnet. Jetzt sammeln wir uns, um gemeinsam Großes zu erreichen. Das ist die Zusammenkunft."
"Und Chad Brown kam dahinter und drohte alles auffliegen zu lassen, also ließen Sie ihn töten."
"Töten ist ein so unschönes Wort. Uns wurde eine neue Schwester geboren, gestählt im Zweikampf bereits im Mutterleib. Klingt das nicht viel besser?"
"Nicht soweit es mich betrifft." knurrte Tom und hob seinen Stock unmerklich noch etwas weiter an. "Nach der Zusammenkunft - was ist dann geplant?"
"Ganz einfach. Danach erobern wir die Welt." entgegnete Woods leichthin. "Nur zu schade, daß Sie es nicht mehr miterleben werden. Aber Sie sind einfach zu gefährlich für uns, Sie verstehen?" Und damit --
warf er seine Tarnung ab.
Vor den entsetzten Augen der Agenten platzte das, was Halden Woods gewesen war, regelrecht auseinander, genauso wie seine beiden Töchter. Fetzen menschlicher Haut regneten nach allen Seiten, während sich blitzschnell ein dreifaches Gewimmel grauer, segmentierter Tentakel entfaltete - und im nächsten Moment vorwärtsschnellte. Ein blauer Blitz brach aus Toms Stock, schleuderte die größte Tentakelmasse in der Mitte zurück. Larry Kiromoto griff nach oben, wo das Ende des lumpenumwickelten Stocks über seinen Rücken hing. Doch um was es sich bei dem Stock in Wahrheit handelte, wurde sogleich offenbar, als blankes Metall einen schimmernden Halbkreis durch die Luft beschrieb, und im nächsten Moment Tentakelstücke nach allen Seiten flogen, als die Schwertklinge mit verheerender Wucht in einen der beiden kleineren Monsterkörper einschlug.
Lisbon und ihre Männer überwanden ihre Starre sofort, als das dritte der Wesen sich auf sie stürzte. Kugeln aus drei Dienstwaffen schlugen in den Zentralkörper zwischen all den peitschenden Fangarmen, bewirkten jedoch nicht mehr, als das Ding zum Zucken und manchmal zum kurzfristigen Zurückweichen zu bewegen, bevor es sich auf seinen zahlreichen Auswüchsen erneut vorwärts schnellte und die nächsten Kugeln einfach schluckte. Blaues, weißes und rotes Feuer zuckte aus Toms Stock, dazu knisterte und flirrte es bläulich von Kraftfeldern und scharfen energetischen Klingen, die er seinem Gegner entgegenschleuderte, doch diesmal schien er Probleme zu haben, mit dem Monster fertigzuwerden, anders als vor Stunden im CBI-Hauptquartier. Sein Bodyguard mißbrauchte unterdessen sein echtes, handgeschmiedetes Samuraischwert als Axt, um seinen eigenen Gegner in möglichst viele handliche Teile zu schnetzeln, Teile, die sich auch abgetrennt und verstümmelt noch am Boden wanden wie zerschnittene Regenwürmer.
Lisbons Waffe gab nur noch ein Klicken von sich, das Magazin war leer. Hastig wechselte sie es, während Rigsby und Cho weiterfeuerten und das Wesen auf Distanz hielten, eine Distanz, die zusehends schrumpfte, obwohl sie langsam zurückwichen, und sie erinnerte sich dabei an etwas, was Richards gesagt hatte. Hastig fuhr ihre Hand in ihre Anzugtasche. Zutiefst darin begraben lag ein kleiner, schwerer, fünfzackiger Stein, den er ihr geraten hatte bei sich zu tragen. Jetzt fühlte sie den Stein in ihrer Hand, und im nächsten Moment setzte sie ihre gefürchtete Wurfhand ein. Auf so kurze Entfernung konnte sie gar nicht danebenwerfen --
Ein abscheuliches Kreischen ging von dem getroffenen Ungetüm aus, die Tentakel zuckten abrupt zurück und wickelten sich um den amorphen Hauptkörper, an dem der Stein haftete wie mit Leim bestrichen. Leim, den der Monsterkörper selbst produzierte, denn zwischen den Tentakeln, an der getroffenen Stelle, schien der Körper des Wesens auf einmal zu schmelzen wie erhitztes Gummi, schwärzlich, stinkend und Fäden ziehend. Und immer noch kreischte es, in höchsten Tönen wie Kreide auf einer Schiefertafel, aber viel
lauter--
bis Kiromoto auch mit ihm kurzen Prozeß machte und zustieß und hackte, bis nichts mehr daran komplett genug war, um noch schreien zu können.
Tom hatte es inzwischen doch geschafft, seinen eigenen Gegner in die energetische Zange zu nehmen. Abermals hing ein gleißender Feuerball in der Luft und vernichtete, was einst Halden Woods gewesen war, und auf Kiromotos Nicken hin dirigierte er den Feuerball überall dorthin, wo sich die Überreste von Woods´ Zwillingen am Boden wanden, alles aufleckend, verschlingend, verdampfend, desintegrierend, was er berührte, Monsterreste und Fetzen von Menschenhaut, eklige Flüssigkeiten, besudelte Bodenteile und sich windende Tentakelenden...
Jane hatte sich gleich zu Beginn in den hintersten Winkel verkrochen, einen der Stühle als armselige Waffe an sich gerafft und die ganze Szene mit entsetztem Gesichtsausdruck beobachtet. Er betrachtete sich selbst als überlegenen Geist, nicht als Kämpfer, der sich die Knöchel blutig schlagen wollte. Solch niedere Tätigkeiten überließ er gerne anderen. Aber, verdammt, in so einer Lage hätte er gerne so eine Superwaffe gehabt wie Richards, die einem solche Monstrositäten wirksam vom Leib halten konnte...
Endlich hatte der Feuerball gefressen, was zu fressen war. Richards und sein Leibwächter hatten sorgfältig darauf geachtet, auch den letzten Tropfen schleimigen, stinkenden Monsterbluts, den letzten kleinen Fetzen grauen, gummiartigen Fleisches und das letzte übrig gebliebene Hautstück der bedauernswerten menschlichen Opfer zu beseitigen, auch wenn dabei die oberste Schicht des Bodenbelags und Teile der Einrichtung dran glauben mußten, und so erlosch die flammende, fressende Hölle mit einem Schlag, implodierte und fiel in sich selbst zusammen, als sie erneut ihren ganzen Inhalt in das Schwerkraftzentrum dieses Sonnensystems transferierte. Nur ein kleiner fünfzackiger Stein lag noch da, wo eines der kleineren Monster sein verdientes Ende gefunden hatte, grau und unscheinbar und porös, aber sauber, denn das Material schien sich irgendwie selbst von allen klebrig daran haftenden Monsterüberresten gereinigt zu haben. Richards bückte sich und hob den Stein auf, musterte ihn kurz und drehte sich dann zu Lisbon um.
"Hier, Agent Lisbon." sagte er und reichte ihr den Sternenstein zurück. "Behalten Sie ihn, das hier ist noch nicht vorbei. Gut gedacht übrigens, Sie haben perfekt reagiert." lächelte er sie an. Sie lächelte nicht zurück, sie war einfach noch zu sehr geschockt. Den Stein nahm sie sehr zögerlich mit spitzen Fingern entgegen und betrachtete ihn angewidert, nach übersehenen Überresten des Monsters suchend, die doch wie Leim und geschmolzenes Gummi an den porösen Material gehaftet hatten. Als sie aber keine finden konnte - der Sternenstein schien sich tatsächlich selbst zu reinigen, indem er das Material zersetzte oder aufsaugte, vielleicht regelrecht auffraß - versenkte sie ihn schaudernd in ihrer Jackentasche.
In diesem Moment hörten sie eine näherkommende Polizeisirene von draußen, und dann das Knirschen der Reifen eines Wagens, der draußen auf dem Kiesweg anhielt, als die Sirene verstummte. Die Stunde der Twilight-Zone war vorbei, die Realität hatte sie wieder.
Cho seufzte, steckte seine Waffe weg und machte sich auf, die übereifrigen Polizeibeamten da draußen zu bremsen. "Die sind heute aber ganz besonders fix." bemerkte Rigsby. "He, Jane, kommen Sie aus Ihrer Ecke. Es ist vorbei."
« Letzte Änderung: 3. Mai 2012, 14:12:54 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #10 am: 9. Mai 2012, 12:46:09 Uhr »
"Wir sind es, Officers! Kimball Cho vom CBI!" hörten sie durch die offenstehenden Türen. Gleich darauf kam er zurück, im Schlepptau zwei erleichtert dreinguckende Polizisten, ein Mann und ein Frau.
"Sorry, Agent Lisbon," sagte die Frau, die ihre langen kastanienbraunen Haare zu einem ordnungsgemäßen Pferdeschwanz zusammengebunden trug und noch dabei war, ihre Waffe wieder im Holster zu verstauen. "Wir wurden informiert, daß hier geschossen wird..."
"Das wurde es." bestätigte Teresa. "Aber wie Sie sehen, ist die Lage unter Kontrolle."
Das befriedigte die Polizisten nicht unbedingt. Sie bemerkten das Muster der Einschußlöcher in den Wänden, hinterlassen von den Schüssen, die das Tentakelwesen knapp verfehlt hatten, die wild durcheinanderlaufende Spur brenzlig riechender verkohlter Stellen auf den Bodendielen, wo Toms Feuerball sein Vernichtungswerk durchgeführt hatte, und die vermutlich ersetzt werden mußten, damit niemand durch den Boden brach... aber nichts und niemand, worauf die CBI-Agenten oder jemand anderes hätte schießen müssen. Offenbar nicht einmal auf jenen Japaner, der gerade mit ausdrucksloser Miene, aber scheinbar durchaus selbstzufrieden sein Samuraischwert mit einem Taschentuch polierte. Oder den großen blonden Mann mit dem langen Pferdeschwanz und dem teuren Anzug, der sich ausruhend auf seinen altmodischen Silberstock stützte und neugierig zuhörte.
"Soll ich sie wegschicken?"wollte Lisbon von Richards wissen, eingedenk der Tatsache, daß er über die FSA vermutlich durchaus Weisungsbefugnis für sie alle besaß. Aber Tom schüttelte den Kopf. "Je mehr desto lieber," antwortete er mit einem seiner Lieblingssätze, "könnte sein, daß wir zusätzliche Hilfe brauchen, beim Absichern oder so. Sie können dableiben und die Augen offenhalten, sollen sich aber im Hintergrund halten. Und ja nichts anfassen, was ich nicht vorher überprüft habe."
"Sagte Myers nicht etwas davon, daß Woods verheiratet ist?" fragte Jane, der langsam seinen Schrecken überwand, was sich positiv auf sein Denkvermögen auswirkte. "Er war hier, die Zwillinge - was ist mit der Frau?"
"Exzellente Frage, Mr. Jane." sagte der Blonde. "Sehen wir gleich nach."
"Haben Sie etwa noch nicht genug?" staunte Lisbon.
"Warum? Wir sind unverletzt und bewaffnet, kampffähig - und außerdem weiß ich nicht, ob Woods es noch geschafft hat, eine Warnung an seine "Schwestern" weiterzugeben. Es ist besser, wir handeln schnell."
"Haben Sie etwa verstanden, wovon Woods gefaselt hat?" wollte Cho wissen. "Für mich war das völliger Nonsens."
"Weil Ihnen mein Hintergrundwissen fehlt. Alles was ich ihn gefragt habe, und was er geantwortet hat, macht perfekten Sinn. Diese Wesen sind in der Tat so etwas wie Schwestern, Woods hat es selbst bestätigt. Sie sind Schwarmintelligenzen wie Bienen - oder wie die Borg in "Star Trek". Ich weiß nur nicht, wie gut die Kommunikation zwischen ihnen ist. Wenn sie sich begegnen und schwänzeln müssen wie Bienen oder wenigstens Boten schicken oder telefonieren, um zu kommunizieren, dann haben wir eine gute Chance. Wenn sie dagegen über die Distanz dauervernetzt sind wie die Borg, mit eingebauten Funkgeräten oder Telepathie, dann haben wir jetzt ein ganz großes Problem. Dann wissen die anderen ihrer Art nämlich schon, daß wir einen ihrer Führer erledigt haben, und werden etwas unternehmen."
"Sie meinen, Woods war ein Anführer?"
Richards nickte. "Eindeutig. Die Schwierigkeiten, die er mir beschert hat, sind ein Hinweis. Die Wichtigeren ihrer Art sind nämlich gegen Matrizen wie die meine mehr oder weniger gefeit, sie wurden so erschaffen. Also jetzt los." Er nickte Lisbon zu, die zurücknickte und loszog, wieder an der Spitze ihres Teams, heraus aus dem Gemeindezentrum und auf dem gepflasterten Weg durch den üppig wuchernden Garten und über eine schattige Terrasse zur anderen Seite des Grundstücks, wo sich Woods´ im gleichen Stil erbautes Eigenheim befand.
Jane rückte zu Richards auf. "Hören Sie - die zwei Mädchen--"
Tom schüttelte leicht den Kopf. "Sie waren tot, sobald sie infiziert wurden. Niemand hätte mehr etwas für sie tun können. Sie haben es selbst gesehen - das waren nur noch leergefressene Hüllen."
Patrick ließ den Kopf hängen und fiel zurück, das Herz war ihm schwer. Erneut war er auf einen Gegner gestoßen, der sich nicht scheute, hilflose Kinder zu ermorden. Genauso wie vor einigen Jahren seine eigene Tochter von dem Massenmörder Red John umgebracht worden war.
Für ihn rückte Rigsby auf. "Sagen Sie, das war ja fast wie in "Men in Black", mit der kosmischen Riesenschabe! Diese Wesen - sind das Außerirdische?"
"Nicht ganz. Sie stammen aus einer anderen Dimension, von einer Welt, die unserer vollkommen fremd ist. Aber es scheint Tore zwischen den beiden Welten zu geben, die sich zu bestimmten Zeiten öffnen, und dann gelangen Teile der dortigen Fauna und Flora herüber in unsere Welt. Das ist früher schon passiert - die Artgenossen von Woods, die dann jahrtausendelang hier unter der Erde des ausgetrockneten Sees geschlafen haben - und es wird auch in Zukunft wieder passieren. Und deshalb müssen wir wachsam und kampfbereit sein."
"War es das, was Sie in der Wüste getan haben?" wiederholte Lisbon die Worte von Woods, von dem Wesen, das Woods gewesen war, und Tom nickte.
"Da war ich aber auch nicht allein. Ich hatte Helfer dabei, von der FSA und von den Marines. Alles streng geheim natürlich, alles wurde hinterher vertuscht, und wenn Sie jemandem ein Sterbenswörtchen davon erzählen, landen Sie wegen Hochverrats vor dem Kriegsgericht." Er lächelte.
Sie hatten den Eingang von Halden Woods´ Haus erreicht und drangen ein, in geübter Polizeimanier, die Waffen im Anschlag, obwohl sie inzwischen wußten, wie wenig sie ihnen im Kampf gegen weitere Monster helfen würden. Tom hielt seinen Stock bereit, doch das Haus war leer. Im Erdgeschoß und oberen Stockwerk fand sich nichts, was irgendwie ungewöhnlich gewesen wäre. Normale Einrichtung, Möbel, der Arbeitsraum von Woods mit vielen Unterlagen und Büchern, Kinderzimmer, Küche und Schlafzimmer, alles hübsch ausgestattet und sauber, wie es sich für einen Gemeindeleiter gehörte... und eine verschlossene Metalltür, die in einen Keller zu führen schien. Typisch amerikanische Häuser waren eher selten unterkellert.
Ein Schlüssel war nicht aufzufinden, der Nagel, an dem er üblicherweise zu hängen schien, war leer. Vielleicht hatte Woods den Schlüssel bei sich getragen, und er war zusammen mit seinen Überresten vernichtet worden. Aber das machte nichts. Tom richtete seinen Stock auf das Schloß, flankiert von Lisbon und Cho, die ihre Waffen auf die Tür richteten. Im Schloß klackte es leise, und die Tür schwang auf. Der Treppenabgang dahinter lag im Dunkel, aber es gab einen Lichtschalter. Tom schnupperte, der Geruch, der von unten heraufstrich, war ihm wohlbekannt. Den Agenten gleichfalls, weil Lisbon und Cho gleichermaßen das Gesicht verzogen.
Es roch nach vergossenem Blut, das nicht mehr allzu frisch war. Langsam schlichen sie die Treppe hinunter, nach allen Seiten sichernd. Vom unteren Treppenabsatz ging ein kurzer Flur ab, an dem links und rechts, dem Grundriß des Hauses entsprechend, mehrere Räume lagen. In den ersten befanden sich Vorräte auf Regalen, verstaubte Kleingeräte, Kisten und abgestelltes Gerümpel. Je weiter sie vordrangen, um so stärker wurde der Geruch, und im hintersten, letzten und größten Raum...
Zum Glück waren die Agenten mit solchen Anblicken vertraut. Niemand würgte, nicht einmal Jane, obwohl die Luft von dem Gestank zum Schneiden dick war und sich auch schon die ersten trächtigen Aasfliegen eingefunden hatten, obwohl den Agenten nirgendwo ein offenstehendes Kellerfenster aufgefallen war.
"Ich nehme an, das ist Mrs. Woods." sagte Lisbon.
"Sie wurde lebendig aufgehängt und ausgeblutet." stellte Tom sachverständig fest. Er warf einen Blick an die Decke, wo ein starker Metallhaken befestigt war. "Erst danach wurde sie abgenommen und auf den Stein gelegt. Das Blut ist am Stein entlang in den Boden gelaufen." Er umkreiste den Stein, auf dem die Frau lag, einen riesigen Block aus schwarzem, glasig schimmerndem Obsidian, der sorgfältig zubehauen und offenbar mit Reliefs indianischer Herkunft verziert war. Genau konnte man es nicht sehen, weil die Leiche darauf lag.
"Bitte treten Sie zurück, sonst haben Sie gleich Plattfüße." scherzte er, als seine Matrix wieder einen schwachen Lichtschein absonderte. Ohne daß er den Stein oder die Leiche berührt hätte, begann sich beides zu bewegen, zur Seite zu schieben. Es stellte sich heraus, daß der gewiß tonnenschwere Steinblock in Wahrheit ein Deckel war, denn darunter tat sich ein schwarzes Loch auf. Die Ränder, auf denen der Stein gelegen hatte, waren gleichfalls sauber und glatt aus Stein zusammengefügt, damit der Block perfekt lag, aber als Tom seine Matrix als Taschenlampe benutzte und nach unten leuchtete, kam ein unnatürlicher Schimmerglanz zurück. Der Tunnel, der sich da unten nach zwei Seiten ins Unbekannte erstreckte, hatte perfekt glatte, abgerundete Wände, die wie Glas glänzten.
"Das wurde nicht gegraben, sondern in den Boden geschmolzen." erklärte Richards, nachdem er es sich gründlich agesehen hatte. Er kauerte neben dem Loch und leuchtete nach unten in die Gänge hinein, so weit er sehen konnte. "Das ist das Werk sogenannter Feuerwürmer, die Helfer, von denen Woods gesprochen hat. Verdammt, das ist ganz übel. Feuerwürmer in einer tektonisch instabilen Gegend wie Kalifornien, das ist wie ein brennendes Streichholz mitten im Benzindepot. Die Biester können ganze Gebiete untergraben, bis es kracht, und sie lieben Vulkane und heiße Bäder in flüssiger Lava. Mir bleibt nichts anderes übrig, das muß ich mir genauer anschauen."
Der Boden des Ganges da unten war mit etwas bedeckt, was weder Geröll noch trockenes Laub war, obwohl es auf den ersten Blick von oben so aussah. Tom nahm mit Hilfe der Kraft seiner Matrix eine Probe davon auf und ließ es emporschweben, bis es vor seinem Gesicht hing. Es war das gleiche Zeug wie in der Papiertüte in Chad Browns Hinterlassenschaft, schuppige und stachlige Überreste wie von bizarren Pflanzenteilen, die hier aber eindeutig Teile von Tieren waren - von Wesen nicht unähnlich jenen, in die Woods und seine Töchter sich verwandelt hatten. Wesen, die sich offensichtlich da unten in dem Gang gehäutet hatten, den Mengen an Resten nach zu urteilen, nachdem sie sich am frischen, von oben herabströmenden Blut gelabt hatten...
"Woods sagte etwas von einem verletzten Bauarbeiter der New Dawn. Das war es, was den Prozeß gestartet hat. Die seit mehr als zwei Millionen Jahren schlummernden Wesen wurden durch ein unbeabsichtigtes Blutopfer wieder zum Leben erweckt. Danach haben sie um Hilfe gerufen, bis die Feuerwürmer kamen, um sie auszubuddeln, und sie suchten sich menschliche Wirte, um sich unerkannt in der Oberwelt orientieren zu können und Opfer für weitere Erweckungen zu suchen. Möchte wetten, Agent Lisbon, wenn Sie nachprüfen, wird es in letzter Zeit einen starken Zuwachs an Vermißtenfällen gegeben haben, und die Verschwundenen werden nie wieder auftauchen."
"Heißt das, daß Sie da hinunter wollen?" Ihr Tonfall zeigte recht deutlich, was sie davon hielt.
"Ich will nicht, ich muß. Ich muß wissen, was da unten vorgeht. Aber ich gehe allein. Ich kann mich schützen, wie Sie wissen. Für jeden anderen ist das da unten tabu, auch für Sie und Ihre Mannschaft. Und damit keiner versehentlich ins Loch fällt, werde ich den Deckel hinter mir wieder schließen. Wenn sich der Deckel öffnen sollte und etwas herauskommt, was nicht so aussieht wie ich, dann halten Sie drauf, mit allem, was Sie haben. Töten Sie es, wenn Sie können, und fliehen Sie, wenn es sich nicht umbringen läßt. Feigheit ist in solchen Fällen der bessere Teil der Tapferkeit, ich will lebende Helfer, keine toten Helden. " Er nickte den Agenten zu und tat einen Schritt vorwärts, über das Loch - aber er fiel nicht hinein. Genauso getragen von den Kräften seiner Matrix wie vorher die Probe, schwebte er in der Luft und sank dann langsam tiefer. Sobald auch sein Kopf weit genug unten war, begann der schwarze Obsidianblock sich von selbst zu bewegen und in seine ursprüngliche Position zurückzuschieben, bis die Gangöffnung wieder vollständig abgedeckt war.
Larry Kiromoto sah sich um und verließ dann den Raum, nur um eine Minute später mit einer verstaubten, leeren Kiste wieder aufzutauchen, auf die er sich setzte, um die Rückkehr seines Herrn abzuwarten, egal wie lange es dauern mochte. Er nickte den Agenten zu. "Ich denke, Mr. Richards hat nichts dagegen, wenn Sie sich erst einmal um die Leiche kümmern." meinte er. "Ich meine Fotos, Tatortbeschreibung, das übliche. Nur von einer Entfernung der Leiche rate ich ab. Ihr Mr. Partridge ist sicher nicht erfreut, wenn er noch ein Monster angeliefert bekommt."
"Sie glauben, da steckt auch eins drin?" machte Rigsby entsetzt.  Er war genauso erbleicht wie die anderen Agenten, nur ihre zwei Helfer von der Citypolice sahen immer noch baff und völlig verständnislos drein.
« Letzte Änderung: 9. Mai 2012, 13:57:21 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #11 am: 21. Mai 2012, 14:35:52 Uhr »
"Es ist davon auszugehen." entgegnete Kiromoto seelenruhig. "Aber der Stein, den Sie in Verwahrung haben, Agent Lisbon, und mein Schwert sind ausreichend, damit fertigzuwerden. Trotzdem möchte ich Sie bitten, Ihre Feststellungen möglichst schnell durchzuführen. Deshalb hat Mr. Richards auch darauf verzichtet, die Leiche sofort zu kremieren, er achtet Ihre Kompetenzen. Die Kremierung wird er zweifellos nachholen, sobald er zurückkehrt." Sein ruhiges Selbstvertrauen, die Art, wie er entspannt dasaß und darauf wartete, sein Schwert einsetzen zu müssen, machte den Agenten Mut. Also nickten sie und machten sich an die Arbeit, wobei sie aber reichlich Abstand von der Leiche hielten. Viel festzustellen gab es nicht, da die Sachlage eindeutig war.
"Heißt das, Mr. Woods selber hat seine Frau umgebracht? In einem Ritualmord oder so?" fragte Police Officer Norris, immer noch ungläubig. Verdammt, sie kannte New Dawn und einige ihrer Mitglieder gut, die Firma tat viel Gutes für die Allgemeinheit und für gestrauchelte Jugendliche, von denen sogar die City Police hin und wieder einen anlieferte, auf daß ihm bei New Dawn bessere Zukunftsaussichten vorgestellt wurden, sofern der Delinquent sich zu bessern versprach. Daß dann aber ausgerechnet einer der Führer der Gemeinschaft zu solch einer Untat fähig war...
"Er konnte nichts dafür. Seit er von dem Parasiten befallen war, war er nicht mehr er selbst. Betrachten Sie es als einen Fall von krankheitsbedingter schwerer geistiger Umnachtung." empfahl Larry von seiner Kiste aus.
"Machen Sie sich keine Sorgen um Ihren Chef?" fragte Jane ihn. Während die Agenten und die zwei Polizisten eifrig den Tatort photographierten und nach weiteren Spuren absuchten, hatte er nichts zu tun und stand herum.
"Jedes Mal von neuem." verriet Larry. "Aber das sind Kämpfe, die er allein ausfechten muß. Es gibt leider niemanden außer ihm, der sich darauf versteht."

Tom Richards befand sich zu dieser Zeit schon ein ganzes Stück entfernt. In einem ziemlichen Affentempo schoß er durch die verglaste Röhre, nicht laufend, sondern schwebend in einem Schutzfeld, das seine Matrix um ihn herum generierte. Wenn ihm etwas entgegenkam - nun, entweder bemerkte er es rechtzeitig, damit er stoppen konnte, oder es gab einen deftigen Zusammenprall. In seiner undurchdringlichen Matrix-Sphäre, in deren Inneren keinerlei Beschleunigungskräfte wirksam werden konnten und keine Zeit verging, rechnete er sich gute Chancen aus, aus so einer Kollision heil und gesund und als Sieger hervorzugehen, und wenn sein Gegenspieler ebenfalls über einen adäquaten Schutz verfügte, dann mußte wohl eher der Tunnel um sie herum leiden. Was ihn auch nicht nennenswert gestört hätte, da die Kräfte seiner Matrix vollkommen ausreichend waren, um ihn im Notfall, wenn der Tunnel zusammenbrach, bis an die Erdoberfläche emporbrechen zu lassen. Immer wieder bemerkte er, daß von seiner Röhre weitere Gänge abzweigten. Die Feuerwürmer hatten hier unten ein regelrechtes Labyrinth aus Gängen erzeugt. Aber irgendwo mußte das Gewirr schließlich hinführen. Tom war fest entschlossen, das Geheimnis von Anfang bis Ende aufzudröseln. Abermals abzweigende Gänge, die grob geschätzt in die gleiche Richtung zu führen schienen - und dann war da auf einmal vor ihm eine größere Höhle. Tom bremste ab und sah sich vorsichtig um. Die Höhle war groß, aber niedrig, eine natürlich entstandene Blase im Gestein, und der Boden bedeckt mit den Häutungsüberresten von Kreaturen. In die Decke waren mehrere Haken geschlagen worden, aber erst vor kurzem, da der Stahl noch keine Spur von Rost zeigte. Unter den Haken lagen Kleiderfetzen - alle aus synthetischem Material, keine Naturfasern - , Armbanduhren, bei denen die Lederbänder fehlten, Metallbänder jedoch erhalten geblieben waren, eine Brille, ein paar Stücke Zahnersatz, etwas, was wie ein künstliches Hüftgelenk aussah und diverser Tascheninhalt wie Geldbeutel aus Plastik, Handys, Kunststoffstifte und Schlüssel. Das war alles, was von den Opfern der Monster übrig geblieben war, nachdem zuerst ihr Blut der Wiedererweckung der "Schwestern" gedient hatte und dann die ausgebluteten Leichen als Brutkästen für je ein weiteres Wesen benutzt wurden. Nicht einmal Hautfetzen oder Knochen waren hier übriggeblieben, das organische Material war komplett aufgefressen worden. Tom sah sich in der Höhle um, scannte alles und pflügte sogar die Überreste am Boden um, aber nichts bewegte sich hier, es war alles tot und leer. Die Monster waren längst abgezogen, ihrer "großen Zusammenkunft" entgegen. Eine ganze Reihe von Gängen gingen von dieser Höhle ab, neben dem einen Gang, durch den er gekommen war. Tom wählte einen auf der gegenüberliegenden Seite und schwebte weiter. Angst vor einem Verirren in dem unterirdischen Labyrinth hatte er nicht, er konnte schließlich jederzeit und wo er wollte zur Oberfläche durchstoßen. Bis jetzt hatte er noch keinen Feuerwurm entdeckt und keine Anzeichen, daß erst kürzlich einer hier gewesen war, was er als gutes Zeichen deutete. Mit etwas Glück war wenigstens diese Species schon wieder abgezogen, hatte sich in die unbekannten chthonischen Tiefen zurückgezogen, in denen sie normalerweise hauste. Auf einen Zusammenstoß mit ihnen konnte Tom nämlich absolut verzichten... er fand eine weitere Höhle, diesmal einen schräg verlaufenden Felsspalt, in dem es genauso aussah wie in der ersten Höhle. Und da war eine dritte und dort eine vierte, alle durch die Gänge der Feuerwürmer miteinander verbunden. Hier waren also die Ruhestätten der Tentakelmonster gewesen, Risse und Aushöhlungen im Boden, in die sie sich zurückgezogen hatten, als sie sich nach einer geologischen Hebung der ganzen Umgebung plötzlich vom offenen Meer, ihrem eigentlichen Lebensraum vor Millionen von Jahren, abgeschnitten fanden und die Flüsse des großen Zentraltales die neu entstandene Senke mit dem unverträglichen Süßwasser zu füllen begannen. Unter dem Boden des Lake Clyde hatten sie dann all die Äonen gelegen, von Sedimenten zugedeckt und schlafend, vielleicht süße Monster-Träume träumend, bis sich die Welt um sie herum erneut umwälzte, die Westküste des Kontinents erneut absank und das einströmende Salzwasser sie wieder erwecken würde... oder das Blut eines unglücklichen Bauarbeiters, das auf einen der Schläfer herabgetropft war. Der Salzgehalt in menschlichem Blut und anderen Sekreten entsprach ungefähr der Konzentration des Salzes im Meerwasser, wußte Tom, schließlich war auch der Mensch in seinen Vorläufermodellen irgendwann einmal dem Meer entstiegen. Nur waren die menschlichen Vorläufer keine Parasiten gewesen, die sich in einer vorgefundenen intelligenten Rasse festsetzen und deren moderne Technologien und ihr Wissen für ihre eigenen Zwecke nutzen konnten... ja, Tom war durchaus imstande, das Vorgefallene zu rekonstruieren. Jetzt wußte er auch, warum er bei seinem erfolglosen Scan nach weiteren Monstern ständig das Gefühl gehabt hatte, von irgendetwas blockiert zu werden. Er war tatsächlich abgeblockt worden, offenbar erzeugten die Tentakelwesen in ihrer Vielzahl so etwas wie ein Verschleierungsfeld, das die Fernwahrnehmung seiner Matrix massiv beeinträchtigte. Mit solchen Phänomenen war er vertraut, gerade wenn es um den "Unbekannten Feind" und dessen Helfershelfer ging, deshalb war es jetzt für ihn nur ein weiterer Beweis, daß er richtig lag mit seiner Einschätzung.
Nachdem er nun also festgestellt hatte, daß die Monster nicht mehr brav in ihren Bettchen lagen, mußte er feststellen, wo sie sich jetzt tummelten. Bisher hatte er sich, grob geschätzt, meist in südlicher oder östlicher Richtung bewegt (er konnte die Ausrichtung des Erdmagnetfelds in seiner Matrixsphäre anmessen), er war also immer noch irgendwo unter der Stadt Sacramento oder ihren Ausläufern. Also mußte er schauen, ob in der entgegengesetzten Richtung vielleicht etwas zu finden war. Nach Westen zu lag der Pazifik, das war folglich die logische Richtung, in die die Monster sich bewegen würden. Bis auf einige wenige, die sich in ihren menschlichen Hüllen an der Oberfläche aufhielten, dachte er, aber auch die würden zweifellos die große Zusammenkunft nicht verpassen wollen. Abermals bewegte er sich mit hoher Geschwindigkeit durch die Gänge, versuchte Abzweigungen zu finden, die in mehr oder weniger westliche Richtung führten. Er fand schließlich welche, als er den stark südlich verlaufenden Routen folgte, die irgendwann alle nach Westen abbogen. Und er war auf dem richtigen Weg, denn aus der Art, wie die Schmelze der Gangwände sich wieder verfestigt hatte, konnte er auf die Bewegungsrichtung der Erschaffer der Gänge schließen. Das entdeckte er, als er mit Hilfe seiner Matrix ein paar Scheiben des verglasten Materials aus den Wänden schnitt. Ja, das hier waren die Tunnel, die die Feuerwürmer auf dem Weg nach Westen, Richtung Pazifik, geschaffen hatten, um ihren Kumpanen, den "Schwestern", einen Weg in die Freiheit zu bahnen.

Die Ermittlungen waren abgeschlossen, und Lisbon beschäftigte sich und ihre Schäfchen bis zu Richards´ Rückkehr damit, schon mal ihre Einsatzberichte für den heutigen Tag vorzuformulieren. Fünf Leichen insgesamt, die alle sofort aus Sicherheitsgründen hatten vernichtet werden müssen - Abteilungsleiterin Hightower und Direktor Bertram würden die Wände hochgehen, so viel stand fest. Und da war von tentakelbewehrten Monstern noch nicht einmal die Rede... 
Die Agenten merkten, daß sich im Gang unter dem Stein etwa tat, als von unten her blaues Licht nach oben strömte, über die Flanken des schwarzen Obsidianblocks, auf dem jetzt keine Leiche mehr lag. Das Licht umspielte wie schmeichelnd den Stein, und dann begann er sich langsam zur Seite zu schieben, die Öffnung darunter freizulegen.
"Nicht schießen, ich bin es!" hörten sie die Stimme von Tom Richards, ließen aber erst erleichtert die Waffen sinken, als der Kopf des Mannes mit dem unverkennbaren Pferdeschwanz von unten auftauchte. Langsam, ruhig stehend auf scheinbar leerer Luft schwebte er empor, von den Kräften seines Zaubersteins getragen. Sie bemerkten sofort an seinem Aussehen, daß etwa passiert sein mußte. Er war graugesichtig und hohläugig und wirkte so erschöpft, als habe er mindestens die ganze letzte Woche gnadenlos durchgemacht. Als seine Füße schließlich auf Bodenebene ankamen und er einen Schritt auf die Umrandung des Loches tat, sah es aus, als würde er gleich aufs Gesicht fallen.
« Letzte Änderung: 21. Mai 2012, 15:05:50 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #12 am: 12. Juni 2012, 14:01:37 Uhr »
"Sir. Würden Sie bitte...?" sagte Larry, der noch nicht nähertrat, obwohl er den Zustand seines Chefs bemerkte.
"Ja. Natürlich." murmelte Richards, sah sich müde um, entdeckte die nach wie vor zuckenden und zappelnden Tentakelteile des Monsters, das sich kurz zuvor aus der Hülle von Halden Woods´ Ehefrau herausgearbeitet hatte und das Larry mit seinem Schwert und Lisbon mit ihrem Stein in Gemeinschaftarbeit erledigt hatten. Und schritt zur Tat, die darin bestand, daß erneut ein Feuerball, diesmal allerdings bedeutend kleiner als die vorigen, alle Überreste verschlang. Danach schwankte er aber sichtbar. Kiromoto war sofort bei ihm und stützte ihn, und da er genau wußte, was sein Herr jetzt am dringendsten brauchte, hielt er wie durch Zauberei plötzlich ein paar Schokoriegel in der Hand, über die Tom sich sofort hermachte. Er schien die Schokolade regelrecht zu inhalieren, so schnell war sie verschwunden, während Jane hilfreich eine Kiste als Sitzgelegenheit herbeibrachte.
"Was ist mit ihm?" fragte Cho verständnislos.
Larry half seinem Herrn beim Niedersetzen und sah dann andeutungsweise auf die Uhr, obwohl er genau wußte, wieviel Zeit verstrichen war. "Er hat etwa zwei Stunden lang pausenlos seine Matrix kontrolliert und sie heute schon vorher mehrmals eingesetzt, wie Sie wissen. Die Matrix besitzt gewaltige Kräfte, aber leider saugt sie ihrerseits ihrem Benutzer die Kraft aus wie ein Vampir. Diese Eigenheit läßt sich nur bis zu einem gewissen Grad kompensieren, danach wird es lebensgefährlich, und Mr. Richards hat diese Grenze fast erreicht."
"Was haben Sie da unten gefunden?" fragte Lisbon.
Richards verzog nur das Gesicht, selbst für ein Lächeln war er im Augenblick zu schwach, bis der Zucker aus den Riegeln zu wirken begann. "Eine gute Nachricht. Die Monster sind nicht mehr unmittelbar unter Sacramento. Und die schlechte, die Zusammenkunft läuft bereits. Sagen Sie, haben Sie irgendwelche Hinweise auf einen wichtigen Termin von Woods gefunden? Ein Datum, einen Ort?"
Das hatten sie tatsächlich. Während Cho, Lisbon und Larry im Keller darauf warteten, daß die unheilige Brut in der ermordeten Mrs. Woods erwachte, hatten Rigsby und Jane das Arbeitszimmer von Mr. Woods durchsucht und seinen Terminkalender gefunden. Der morgige Tag war rot markiert mit dem Vermerk: fünfzehn Uhr, am Moss Beach. Die Schrift unterschied sich deutlich von der, mit der alle anderen Eintragungen gemacht worden waren, war plump und grob und schien von einem Beinahe-Analphabeten zu stammen. Das war übrigens der einzige Eintrag in dieser Schrift, zu Terminen davor und danach waren nur Einträge in Halden Woods´ originaler Handschrift vorhanden, die er gemacht haben mußte, als er noch nicht befallen gewesen war.
Diesmal schaffte Tom ein Lächeln. "Wie schön, wenn selbst Monster pedantisch sind und einen Terminkalender führen. Das heißt, ich kann mich bis dahin ausruhen. Morgen, am Tag der großen Zusammenkunft, wenn alle "Schwestern" am Meer zusammentreffen, werde ich meine ganze Kraft brauchen. Ich schlage vor, ich suche Sie morgen früh im Büro auf und erzähle Ihnen dann, was ich da unten gefunden habe. Dann kann ich meine Matrix wieder einsetzen und muß nicht so viele Worte machen. Wenn mir etwas dazwischenkommen sollte, werde ich mich zumindest telefonisch bei Ihnen melden." Nachdenklich blickte er auf den Knauf seines Stockes, auf den er sich schwer stützte. "Sorgen Sie bitte in der Zwischenzeit dafür, daß dieser Gang hier unten so schnell wie möglich mit Beton aufgefüllt und verschlossen wird. Und informieren Sie die städtische Baubehörde. Wenn weitere Gänge dieser Art bei Bauarbeiten entdeckt oder zufällig angeschnitten werden, sollen sie sofort zerstört und aufgefüllt werden, es darf keine Forschungsexpeditionen da unten geben. Wo sich einmal Monster bewegt haben, können sich wieder welche herumtreiben, wenn Sie verstehen, was ich meine."
Ganz unvermittelt entwischte ihm ein mächtiges Gähnen. "Mann, bin ich kaputt!" machte er dann. "Dieses kleine Ungeheuer hier zu kontrollieren kostet eine Menge Energie." erklärte er dann mit einem Blick auf seinen Stock. "Ich werde schlafen wie ein Baby, sobald ich im Hotel bin."
Da er immer noch nicht besser aussah und vermutlich schon einschlafen würde, sobald er in der Limousine saß, überlegte Lisbon nicht lange. "Rigsby. Fahren Sie mit Mr. Kiromoto mit und helfen Sie ihm, Mr. Richards in sein Hotelzimmer zu bringen. Danach kommen Sie zurück ins Büro. Hightower kommt morgen zurück, und wir sollten ihr als erstes die Berichte über den heutigen Tag vorlegen."
Rigsby nickte eifrig und hakte sich bei Richards linksseitig unter, während Larrry die andere Seite übernahm, wobei sie beide sorgsam darauf achteten, dem Stock nicht zu nahe zu kommen, den Tom weit abgespreizt hielt, obwohl er die Matrix bereits deaktiviert hatte. Gemeinsam halfen sie ihm die Treppe hinauf und schleppten ihn zum Wagen.
Lisbon sah zu, bis sich der Wagen in Bewegung setzte, seufzte dann laut uind vernehmliich und griff zum Handy, um zu sehen, ob sie um diese vorgerückte Stunde noch jemand vom CDD, dem zuständigen Bauamt, auftreiben konnte.

x

Als Abteilungsleiterin Hightower an diesem Morgen das Büro betrat, merkte sie sofort: Gewitterstimmung.
Lisbon und ihr Team waren bereits vollständig versammelt, sahen total übernächtigt aus, als hätten sie die vergangene Nacht durchgemacht - was vielleicht sogar stimmte - trugen Mienen düsterer als die Sturmfronten von Hurrikan "Katrina" und starrten sie an wie Kaninchen, die auf ihre Verspeisung durch die Schlange warteten, niedergeschlagen, beinahe verängstigt, jedoch nicht im geringsten schuldbewußt, was zumindest ein kleiner Lichtblickwar.
Hightowers Blick fiel sofort auf den üblichen Verdächtigen. Doch Jane sah ebenfalls drein, als habe es ihm gründlich die Suppe verhagelt. Er zeigte nur kurz einen schwachen Anflug seines berühmten Jane-Lächelns, als er ihren Blick bemerkte, nicht mehr als ein "Hi! Ich sehe Sie auch!", aber es war nicht ernst gemeint und verschwand auch sofort wieder wie ausgeknipst.
Also kein Gewitter, sondern Weltuntergang. War etwa jemand gestorben? Aber das Team schien vollständig, niemand fehlte. -- Hightowers Blick wanderte weiter, zu Chos Schreibtisch, auf dem sich Ausrüstung häufte, drei komplette Sets von Schutzanzügen mit schußsicheren Westen, Arm- und Beinschützern und die dazugehörigen Helme, und daneben etwas, was mit Sicherheit nicht zu so einer Ausstattung gehörte, nämlich ein japanisches Samuraischwert original "Made in Taiwan", wie man es für wenige Dollar in jedem Souvenirshop erwerben konnte, billig hergestellt und mit so stumpfer Klinge, daß man darauf nach San Francisco und wieder retour reiten konnte, ohne sich wehzutun. Dieses Exemplar hier war allerdings nachträglich rasiermesserscharf zugeschliffen worden, und Hightower war sich ziemlich sicher, daß es sich um das gleiche Schwert handelte, das bis jetzt in der Asservatenkammer des CBI gelegen hatte, seit ein Agent es der verkrampften Hand eines niedergeschossenen Amokläufers entwand.
Agent Lisbon hielt Hightower eine Mappe vor die Nase. "Unsere Berichte über die gestrigen Vorkommnisse, Ma´am. Bitte lesen Sie sie, und danach stehen wir Ihnen für Ihre Fragen zur Verfügung. Wir würden es verstehen, wenn Sie die Berichte danach unter Verschluß nehmen. Allerdings sind die Unterlagen noch nicht vollständig, weil die Sache noch nicht vorbei ist."
Abermals hatte Hightower Grund zu staunen. So handzahm war die kratzbürstige Lisbon doch sonst nicht, nicht einmal ihr gegenüber --
genau diesen Moment nutzte eines der Bürotelefone, um loszuschrillen. Und die leitende Agentin beobachtete fasziniert, daß alle Anwesenden gleichzeitig erschreckt zusammenfuhren und den lärmenden Apparat anstarrten, als handle es sich um eine giftspuckende Klapperschlange.
Das Gerät mußte noch zweieinhalb mal durchläuten, bis Rigsby, der am nächsten stand, mit einem entschuldigenden Blick auf Hightower, aber immer noch zögerlich, nach dem Hörer griff. "Oh, Officer Melzer!" verkündigte er dann lauter als nötig, damit die Kollegen es auch alle mitgekamen. "Sie haben was... eine einbetonierte Leiche, wahrscheinlich ein Mafia-Delikt? Sehr schön!" Und diese letzte Bemerkung, schon normalerweise äußerst unpassend, wenn es einen Mord betraf, und im Zusammenhang mit Mafia erst recht, schien seltsamerweise die anderen zu beruhigen, vor allem da Rigsby mit seiner freien Hand ein "Okay"-Zeichen in ihre Richtung machte.
"Klar, Officer, wir kümmern uns darum, ich notiere!" machte er dann, zog sich Block und Stift heran und konzentrierte sich auf das Gespräch.
So, die Agenten warteten also auf einen Anruf. Einen Anruf, den sie fürchteten, weil er offenbar mindestens ihre bevorstehenden Todesurteile verkündete, wie Hightower dachte. Einen Anruf, neben dem ein Mafiamord wie die Ankündigung eines bezahlten Sonderurlaubs wirkte...
"Bitte, Ma´am, lesen Sie die Berichte." sagte Lisbon nochmals. Da blieb Hightower nichts anderes übrig, als der Bitte schleunigst nachzukommen. Was in aller Welt war da gestern passiert? Sie zog sich mit der Mappe in ihr Büro zurück, der Blicke der Agenten bewußt, die sie durch die verglasten Abtrennwände anstarrten. Sie legte ihre Handtasche an die übliche Stelle und legte ihre Jacke ab, setzte sich auf ihren Platz, öffnete die Mappe und begann die Aktennotizen zu studieren, ohne wie sonst üblich sich erst einen Kaffee zu besorgen.  Sie las sie einmal, und dann verstand sie zumindest, warum die Agenten in diesem beinahe panischen Zustand waren. Und warum Lisbon von sich aus angeregt hatte, die Angelegenheit anschließend in der "Giftmüllabteilung" zu versenken, dem Aufbewahrungsort im Archiv für besonders brisante und kritische Fälle. Sie las ein zweites und drittes Mal. Doch noch immer weigerte sich ihr Gehirn zu begreifen, was da in verklausuliertem, emotionslosem Beamtenchinesisch geschrieben stand. Wenn man nur einmal einen einzigen Tag nicht da ist, dachte sie sich. Aber sie war zu gut ausgebildet und professionell, um diesen Satz laut zu wiederholen, nachdem sie das wartende Team hereingewinkt hatte und die Agenten sich in ihrem kleinen Büro drängten. Auch wenn die Bemerkung in diesem Fall vielleicht auflockernd gewirkt hätte...
« Letzte Änderung: 12. Juni 2012, 14:55:52 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #13 am: 19. Juni 2012, 15:28:35 Uhr »
"Ich kann davon ausgehen, daß jedes Wort in diesen Berichten der Wahrheit entspricht?" fragte sie, nur um sicherzugehen.
Nicht nur Lisbon, alle nickten. Die Berichte waren Gemeinschaftsarbeit, weil einem Agenten allein die Worte gefehlt hatten, wußte Hightower sofort. Sie wußte, daß es solche Fälle gab, hätte aber nicht geglaubt, selbst einmal einen solchen zu erleben. Normalerweise wurde von jedem Agenten erwartet, daß er oder sie eine eigene Fassung erstellte, damit man unterschiedliche Sichtweisen auf den gleichen Sachverhalt und abweichende Darstellungen und Auslassungen sofort erkennen konnte.
"Darum liegen auch die Einsatzausrüstungen auf Ihrem Schreibtisch, Mr. Cho?"
Er nickte ernst. "Wie wir bereits schriftlich niedergelegt haben, mußten wir leider die Erfahrung machen, daß unsere normalen Dienstwaffen gegen solche Gegner ungeeignet sind. Jeder von uns verfeuerte ein volles Magazin auf den gleichen Angreifer, ohne daß wir eine Wirkung feststellen konnten." Wie alle anderen bewaffneten Einsatzkräfte in Staatsdiensten mußten selbstverständlich auch die CBI-Agenten über jede einzelne Kugel, die bei einem Einsatz verfeuert wurde, Rechenschaft ablegen. "Die einzigen Waffen, die sich als effektiv erwiesen, waren der Stock von Mr. Richards, das Samuraischwert seines Bodyguards Mr. Kiromoto und der sogenannte Dämonenbanner aus dem Besitz des verstorbenen Mr. Brown, den Agent Lisbon dank der Vorwarnung von Mr. Richards bei sich trug."
"Der Stein." erinnerte Hightower sich an diesen Teil des Berichts. "Wo befindet er sich jetzt?"
Lisbon griff in die Tasche ihrer modischen Damenhose und holte das besagte Objekt hervor. Hightower nahm es entgegen, besah es von allen Seiten und wunderte sich über das hohe Gewicht des so leicht aussehenden porösen Materials, das von unscheinbar grauer Grundfarbe war wie ein normaler Kieselstein und stellenweise leicht bläulich-metallisch schimmerte. Der fünfzackige Stein war etwa so groß wie eine altmodische Dollarmünze, aber um ein mehrfaches dicker und so schwer, als bestünde er aus Blei oder mindestens aus Gold. Auf der einen Seite waren Kratzer, die so etwas wie ein stilisiertes Katzenauge zu formen schienen, mit einer senkrecht geschlitzten Pupille in der Mitte. Da das Ding eine wirksame Waffe zu sein schien, wie die Berichte behaupteten, gab Hightower es an Lisbon zurück. Schließlich bestand die Möglichkeit, daß sie es noch mal brauchen würde.
"Wenn ich die Gegenstände auf Ihrem Schreibtisch richtig verstehe, wollen Sie möglicherweise auftauchenden weiteren Monstern mit dem Schwert zu Leibe rücken, Mister Cho?" fragte sie dann.
"Von wollen kann gar keine Rede sein, Ma´am!" stellte Kimball sofort richtig. "Aber da sich unsere Dienstwaffen als nutzlos erwiesen und ich vermutlich der einzige unter uns bin, der mit einer längeren Klinge umgehen kann, ohne in erster Linie sich selbst zu gefährden... wie Sie wissen, ist es Vorschrift, im Außendienst eine Waffe zu tragen, außer die jeweilige Situation erlaubt oder erfordert es, vorübergehend darauf zu verzichten. Und ich denke, mit der Waffe laut Dienstvorschrift ist eine Waffe gedacht, die auch eine konkrete Wirkung besitzt. Ich möchte jedenfalls nicht noch mal mit meiner Dienstwaffe in der Hand und dennoch völlig machtlos vor solchen Wesen stehen. Das war eine verdammt unangenehme Situation gestern, wenn ich das so sagen darf, Ma´am, für eine Tätigkeit als Ghostbusters fehlt uns einfach das richtige Werkzeug."
Sie nickte, der Auslegung von Mr. Cho konnte sie zustimmen.
"Ich hoffe trotzdem, daß wir bei einem erneuten Vorfall dieser Art Mr. Richards an unserer Seite haben, oder zumindest Larry Kiromoto, seinen Leibwächter. Ich weiß nicht viel mehr über Schwerter als an welchem Ende ich sie halten muß, aber Kiromoto ist ein Meister im Schwertkampf, das konnte ich gestern sehen."
"Sie haben sich mehrfach mit der FSA in Verbindung gesetzt, Agent Van Pelt, ohne meine Zustimmung oder die von Direktor Bertram zu einer so weitreichenden Entscheidung zu erfragen?" fragte Hightower weiter, sie befaßte sich jetzt reihum mit allen Mitgliedern ihres Teams.
"Das nehme ich auf meine Kappe, Ma´am." sprang Lisbon sofort ein. "Zuerst ging es nur darum, Informationen über diesen Mr. Richards zu erlangen, ob er vertrauenswürdig genug sei für eine Zusammenarbeit. Dazu wird Miss Van Pelt Ihnen gleich einen eigenen Bericht übergeben, sowohl was wir von Richards selbst und der FSA erfahren haben, als auch was wir daraus schließen. Dieser Bericht ist übrigens keineswegs harmloser als das, was Sie jetzt in den Händen halten. Ganz im Gegenteil." fügte sie an als Begründung, warum der Bericht nicht gleich sofort der Mappe beigelegt worden war.
Hightower zog auch prompt die Augenbrauen hoch, aber Lisbon sprach tapfer weiter.
"Außerdem bekam ich, kurz bevor Sie ankamen, noch einmal einen Anruf von einem Agenten der FSA, einem gewissen George Fox. Er scheint der zweite Verbindungsmann der FSA zu Richards zu sein neben dem Agenten Wylie, mit dem Miss Van Pelt gestern gesprochen hat. Er versicherte mir nochmals, daß wir auf Aufforderung von Mr. Richards befugt seien, Unterstützung von jeder beliebigen staatlichen Behörde, sei es FBI, Army, Navy, Air Force oder Nationalgarde, anzufordern, die FSA würde es auf jeden Fall im Nachhinein autorisieren, notfalls unter Berufung auf den Präsidenten persönlich. Ich teilte Mr. Fox mit, daß ich solche Entscheidungen nicht fällen könne und zuerst mit Ihnen oder Mr. Bertram Rücksprache halten müsse, und er antwortete mir, daß in typischen Richards-Fällen, wie er sich ausdrückte, selten genug Zeit bliebe für Rücksprachen mit Vorgesetzten. Wir sollten uns in einem Einsatz an alle Anweisungen von Mr. Richards halten, egal wie verrückt sie klingen mögen, und ansonsten nach gesundem Menschenverstand entscheiden." Sie verschluckte den kleinen, von Fox wie nebenbei dahingesagten Nachsatz "...sofern Sie den bei sich behalten können." "Aber auf keine Fall sollten wir versuchen, die Helden zu spielen, sagte er, dafür sei allein Richards zuständig. Wir sollten uns in erster Linie aufs Absichern von Tatorten und Fernhalten von Unbeteiligten konzentrieren und den Rest ihm überlassen."
Wenn zwei FA-Agenten von der Sache wußten, würde sehr bald der ganze Verein vor ihrer Tür stehen, das wußte Hightower genau. Wahrscheinlich war es ein Wunder, daß sie nicht schon längst hier waren und alles auseinandernahmen. Aber Washington war weit, etliche Stunden Flugzeit von Sacramento entfernt, vermutlich saßen sie noch in der Maschine. Die einzige Hoffnung, die Hightower hegen konnte, war die, daß die Agenten die effektiven Waffen besaßen und mitbrachten, deren Fehlen Cho soeben bemängelt hatte.
"Mr. Jane?"
Patrick zeigte wieder ein mattes Lächeln, das diesmal etwas länger ausfiel als vorhin. Die gestrigen Erlebnisse mußten ihm, der doch die Existenz von übersinnlichen Phänomenen so vehement leugnete, ganz besonders zugesetzt haben.
"Sie hatten gerade den Stein in der Hand, und es hat Ihnen nicht wehgetan. Das beweist, daß Sie kein getarntes Monster sind, und das werde ich zukünftig auch im festesten Ton der Überzeugung verkünden, wenn jemand das Gegenteil behaupten sollte."
Die komische Einlage, die die düstere Stimmung etwas aufheitern sollte. Mehr konnte Hightower von ihm in dieser Lage nicht verlangen, Kontake mit Geheimdienststellen oder Schwertkämpfe gegen mystische Ungeheuer waren nicht das Metier ihres Beraters.
"Mr. Partridge, Mr. Rigsby?"
Der Pathologe schüttelte nur den Kopf. "Was ich dazu zu sagen habe, habe ich bereits im Bericht festgehalten. Ich will nur hoffen, daß dieser Richards und alle seine Monster sich nie wieder in meiner Abteilung blicken lassen. Und ab sofort kontrolliere ich alle Leichen sofort nach Einlieferung, egal wann sie kommen, auch um drei Uhr morgens."
"Schön zu hören."
Rigsby bewegte abwehrend die Hände, es war alles bereits gesagt, er hatte nichts hinzuzufügen. Dann fiel ihm aber doch noch etwas ein. "Wenn Mr. Richards hier auftaucht oder anruft, was er bestimmt bald tut - Ma´am, wir sind uns sicher, daß er ein verlorener Zwillingsbruder von Mr. Jane ist, in jeder Hinsicht. Vielleicht ist er sogar noch etwas verrückter." warnte er seine Vorgesetzte. Da die anderen dazu nickten, sogar Jane selber, der wieder leicht lächelte, weil er die angebliche "Verwandtschaft" offenbar als durchaus schmeichelhaft betrachtete, nahm Hightower das zur Kenntnis. Van Pelt reichte ihr das mitgebrachte Dossier über Richards, dann zogen sich die Agenten zurück und überließen ihren gestrengen Boss ihrer Lektüre und ihren Gedanken.
"Meint ihr, sie kauft uns das ab?" fragte Jane, kaum daß sie draußen waren.
"Muß sie. Spätestens wenn Richards auftaucht."
Chos kargen Worten war, wie immer, nichts hinzuzufügen.
"Wir haben einen mutmaßlichen Mafiafall. Eine einbetonierte Leiche." erinnerte Rigsby. Über dem Chaos, das Richards verursacht hatte, durften sie nicht ihre normale Arbeit vergessen.
"Fein, das übernehmen Sie und Van Pelt, fahren Sie hin. Cho, Jane, Sie bleiben bei mir, wir warten auf Neuigkeiten von Richards. Oder auf das, was Hightower veranlassen wird. Sie muß jetzt mit Direktor Bertram reden, noch bevor die FSA hier aufkreuzt, und danach wird ihre Stimmung entsprechend sein."
Lisbons Laune war weit unter Null. Sie war noch übernächtigter als die anderen, weil Jane gestern spätabends noch sein Versprechen in Bezug auf den Film - einen Fantasyreißer mit dem Titel "Highlander", den Lisbon normalerweise nicht mit der Kneifzange angefaßt, geschweige denn sich angesehen hätte - wahrgemacht hatte. Verrückter als die Realität konnte so ein Machwerk auch nicht sein, hatte sie sich gedacht, und vielleicht schlief sie ja nach den ersten paar Minuten oder so friedlich ein, eingelullt von Schwertgeklirr und dem Trampeln von Pferdehufen, oder was für Geräusche man in so einem Fantasyreißer erwarten konnte... doch wie sich herausstellte, gab es da in der Tat einige verblüffende Parallelen. Kein Wunder, daß die "Nerds" in ihrem Team so mühelos mit der Situation fertig wurden, viel müheloser als Teresa es an sich selbst feststellen konnte. Nach dem Film war es jedenfalls mit der Nachtruhe vorbei gewesen, sie hatte sich bis zum Aufstehen schlaflos im Bett gewälzt und wie ein kleines Kind darauf gelauscht, ob sich vielleicht unter dem Bett oder im Kleiderschrank Dinge rührten, die dort tagsüber nicht zu finden waren, monströse, fleischfressende Dinge mit unglaublich fixen, langen grauen Tentakeln...
« Letzte Änderung: 19. Juni 2012, 16:05:28 Uhr von DAOGA »

Offline DAOGA

  • Area-Member
  • Simon Wright
  • *****
  • Beiträge: 618
Re: Das Ungeheuer vom Lake Clyde
« Antwort #14 am: 4. Juli 2012, 12:35:57 Uhr »
Gegen elf Uhr vormittags fuhr draußen die wohlbekannte Limousine vor. Richards hatte nach dem aufreibenden Tag gestern endlich ausgeschlafen, und er hatte zweifellos auch Schlaf gefunden. Schade, daß Wayne und Grace nicht hier waren und das Folgende miterleben konnten, dachte sich Jane, als Richards und Kiromoto in der Tür standen, aber die anderen mörderischen Zeitgenossen - einschließlich Mafia, möglicherweise - schliefen auch nicht.
Richards und sein Leibwächter wurden sofort zu Hightowers Büro geleitet. Die Agenten blieben erst einmal draußen und warteten gespannt darauf, daß sie hereingerufen wurden, aber die verglaste Abtrennung war nicht gerade schalldicht, weshalb sie alles mitbekamen. Larry Kiromoto blieb bei ihnen, aber sie stellten ihm keine Fragen. Sie kannten Typen wie ihn, seinem Boss loyal bis in den Tod, und wußten, daß sie aus ihm nichts herausbekommen würden, was Tom Richards nicht autorisiert hatte. Da war es einfacher, Richards gleich selbst zu fragen, der Mann hörte sich zu gerne selbst reden.
"Mr. Richards." begrüßte Madeleine Hightower ihn und reichte ihm die Hand. Der Händedruck von Richards war fest, aber nicht drückend, besaß genau die richtige Balance aus Stärke und Sanftheit. Der Mann mußte ein vorzüglicher Liebhaber sein, dachte Hightower, die sich auf ihre Menschenkenntnis etwas einbildete.
"Sie haben meine Agenten gestern in eine gefährliche und mehr als sonderbare Situation gebracht, wenn ich ihren Berichten glauben darf." begann sie sofort und ganz sachlich, den Mann nach wie vor interessiert musternd, sein freundliches, offenes Gesicht, seine teure, aber nicht aufdringliche Ausstattung und ganz besonders seinen Gehstock, diese vorgebliche Wunderwaffe.
Er lächelte freundlich. "Das weiß ich, und es tut mir leid, aber leider ließ es sich nicht verhindern. Ich ziehe es vor, bei meinen Einsätzen von vorneherein Mitglieder der jeweiligen örtlichen Behörden beizuziehen, dann muß ich hinterher nicht so viel erklären oder die Leute von der FSA mit ihren lästigen Schweigeparagraphen losschicken. Ich hoffe sehr, Sie lassen es nicht an Agent Lisbon und ihrem Team aus, sie waren sehr mutig, hilfsbereit und lernwillig. Laden Sie ruhig alle Ihre Beschwerden auf meine breiten Schultern ab, die können es verkraften."
"Einschließlich der Rechnungen für den Psychiater?" Sie konnte nicht anders, sie mußte zurücklächeln. Im Angesicht des Mr. Richards erschienen ihr die Berichte, die sie gelesen hatte, und das Verhalten der Agenten heute morgen auf einmal seltsam erheiternd. Es war schließlich zu verrückt, es konnte gar nicht wahr sein...
"Ich könnte Ihnen die Telefonnummer des Psychiaters besorgen, der bereits für meine Einsatzkräfte von der FSA zuständig ist. Der ist Kummer der ungewöhnlichen Art inzwischen gewöhnt und wird Ihre Leute nicht sofort in die geschlossene Abteilung schicken. Meine FSA-Agenten laufen jedenfalls alle noch frei herum, und das obwohl ich sie regelmäßig in meine verrückten Abenteuer mitschleife." Er grinste fröhlich und in der Tat sehr Jane-mäßig.
"Das ist ein Angebot, auf das ich vielleicht zurückkomme. Haben Sie eine Ahnung, was Sie Agent Lisbon und den anderen angetan haben?"
Er nickte, ernst werdend. "Ich weiß es, und es tut mir leid. Aber es läßt sich einfach nicht verhindern." wiederholte er. "Ich kann solche Dinge nicht allein durchziehen, und bis jetzt habe ich keine geeigneten Assistenten, die mir zur Hand gehen könnten. Ich habe ein paar Lehrlinge, aber die sind noch nicht so weit. Mr. Kiromoto, mein Leibwächter und Mädchen für alles, ist ein exzellenter Kämpfer, und wenn ich genug Zeit zur Verfügung habe, kann ich eine ganze Einsatztruppe auf die Beine stellen, nur kann ich es leider selten vorhersehen, wann ich sie brauchen werde. Als ich nach Sacramento kam, konnte ich nicht ahnen, daß hier der ganze Untergrund mit Monstern verseucht ist."
"Ehrlich gesagt, ich kann mir so etwas gar nicht vorstellen. Monster wie in einem Gruselfilm. Sie haben nicht zufällig so etwas wie einen Beweis?"
Er lächelte wieder. "Den hätte ich sogar, aber Ihre Mitarbeiter sollen ihn sich auch ansehen, die kennen das nämlich noch nicht. Haben Sie hier einen Raum, der sich verdunkeln läßt? Dann sehen Sie es besser."
Das Großraumbüro mit seinen gläsernen Abtrennwänden war wenig geeignet, aber sie hatten einen eigenen Vorführraum. "Haben wir." nickte Madeleine deshalb. "Aber bevor wir dorthin gehen, können Sie mir vielleicht verraten, wieviel Zeit uns noch bleibt, bis Ihre Freunde von der FSA hier auftauchen?"
Tom wußte genau, daß Besuche von der Agency bei anderen Behörden ungefähr so beliebt waren wie Krätze und Beulenpest. Darum konnte er Hightowers Sorgen nachvollziehen.
"Sie sitzen schon im Flugzeug, aber ich habe sie nach San Francisco geschickt. Ich glaube nämlich, daß dort, irgendwo an der Küste, am Moss Beach, der große Showdown stattfinden wird. Die Nester der Monster in Höhlen und Felsspalten unterhalb dieser Stadt sind leer, sie sind auf dem Weg zu ihrer großen Zusammenkunft, die meines Erachtens nach im Pazifik stattfinden soll. Diese Wesen sind Salzwasserbewohner, wissen Sie. Tief in der Erde, in Süßwasser oder im Brackwasser der Bay fühlen sie sich nicht wohl. Aber wenn Sie mehr dazu wissen wollen, sollten Sie sich meine Lightshow ansehen, die enthält, was ich gestern da unten entdeckt habe."
Hightower nickte. "Kommen Sie."
Sie stand auf und ging voran zum Vorführraum, wobei sie ihren Agenten zunickte, sie sollten gleichfalls mitkommen. Tom blieb ruhig in der Mitte des Raums stehen, während die anderen sich erwartungsvoll niedersetzten. Sobald Larry das Licht löschte, begann der Knauf von Toms Stock wieder Licht auszusenden. Aber diesmal formte sich das Licht zu erkennbaren Linien und Strukturen, die mitten in der Luft hingen wie ein modernes Hologramm. Zuerst erschien etwas, was unverkennbar eine Landkarte des nördlichen Central Valley war. Das Bild zoomte auf Sacramento, und sie sahen, daß die jetzt erscheinenden durchsichtigen Konturen der Stadt markiert waren mit grellen Flecken, die sich unter den Häusern zu befinden schienen.
"Was Sie hier sehen, sind Störungszonen, die ich bei meinen ersten Versuchen, die Monster anzumessen, entdeckt habe, Orte, an die ich mit den Kräften meiner Matrix nicht vordringen konnte. Bei meiner Höhlenerkundung gestern abend konnte ich dann bestätigen, daß die farbig markierten Störungszonen identisch sind mit unterirdischen Höhlen, Felsspalten und Verwerfungen, die den Tentakelmonstern, die ich mal als "die Schwestern" bezeichnen will, weil sie sich offenbar selbst so nennen, jahrtausendelang als Schlafstätten dienten." Das Bild verschwand, ein anderes erschien - das Innere solch einer Höhle, der Boden bedeckt mit den pflanzenteilähnlichen Häutungsresten, die die Agenten schon kannten, dazu ein paar neu blitzende Metallhaken, die in die unbehauene Decke geschlagen worden waren, und darunter liegend die wenigen unverdaulichen Reste, die von den bedauernswerten Opfern übrig geblieben waren...
Tom fühlte das Unbehagen seiner Zuschauer. Denn die merkten soeben, daß seine Vorführung nicht nur eine besonders eindrucksvolle Lightshow war, sondern sie hatten vielmehr das Gefühl, plötzlich selbst vor Ort zu sein und all das aus eigenen Augen zu sehen, aus einer Position knapp über dem unratbedeckten Boden schwebend... "Keine Sorge. Was Sie jetzt gerade fühlen, mehr oder weniger stark je nach persönlicher Begabung, ist eine telepathische Übertragung. Sie sehen genau das, was ich gestern vorgefunden habe da unten, und meine Matrix überträgt die Bilder an Sie. Meine Matrix kann wie eine Fernsehkamera arbeiten, wenn ich sie so programmiere. Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, wie Sie wissen. Sie sehen also, die Nester unter der Stadt sind leer, die Ungeheuer sind erwacht und auf dem Weg zur Küste. Sie hatten sie gestern noch nicht erreicht, weil sie vorher noch etwas anderes vorhatten. Und das hier war, was ich vorfand, als ich den Tunneln in südwestlicher Richtung folgte. " In sinnverwirrendem Zeitraffer rasten sie sekundenlang durch etwas, was ein ganzes Gewirr von Tunneln mit glasähnlich glänzenden, abgerundeten Wänden zu sein schien, und dann verlangsamte sich die Kamerafahrt, als sie eine Zone erreichten, die zum größten Teil aus natürlich entstandenen Verwerfungen und Spalten zu bestehen schien, das Gestein um sie herum in teils abenteuerlichen Formen verbogen, tausendfach gebrochen und bröckelig, der unebene, zersplitterte Boden bedeckt mit dicken Schichten von Steinschutt. Nur an einigen Engstellen waren noch glasierte Durchbrüche zu sehen. Mit der Luft in dieser Zone schien etwas nicht zu stimmen, sie wirkte irgendwie dick und gelblich-rauchig, als wäre es hochgradig gefährlich, sie zu atmen. "Als ich bis dorthin gekommen war, war ich heilfroh über das Schutzfeld um mich herum. Der Ort den Sie jetzt sehen liegt ziemlich tief, mehrere Kilometer unter der Oberfläche, nahe den geologischen Bruchzonen der Verwerfungen in der Gegend des Mount Diablo. Da unten ist alles voller vulkanischer Dämpfe und extrem heiß, da könnten Sie sich nicht mal mit einem Schutzanzug lange aufhalten, ohne zu ersticken oder gegrillt zu werden. Den Tentakelmonstern macht es aber nicht viel aus, zumindest für kurze Zeit. Das hier war das erste, was ich von ihnen zu sehen bekam."
Langsam, beinahe schleichend, rückten sie/Tom gestern abend bei seiner Erkundungsfahrt/ vorwärts. Direkt vor ihnen in einer nicht allzu tiefen Spalte im Boden rührte sich etwas. Graue, segmentierte Tentakel peitschten wild, eines der Monster... oder zwei? Die da gerade irgendetwas trieben, sich um etwas stritten, sich zu fressen versuchten, sich paarten?...
"Sehen Sie genau hin. Ich habe einige Zeit gebraucht, um dahinterzukommen, was da abläuft. Das da ist das, was die "Schwestern" unter der Zusammenkunft verstehen. Sehen Sie hin!"
« Letzte Änderung: 4. Juli 2012, 13:08:58 Uhr von DAOGA »