Autor Thema: Der Apfel  (Gelesen 1780 mal)

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Offline Lost In Space

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Der Apfel
« am: 20. Dezember 2009, 22:53:15 Uhr »
Nachdem VSG sich die Mühe gemacht hat, hier eine Autorenecke einzurichten (vielen lieben Dank dafür, VSG!!  :-*), mach ich halt mal den Anfang, damit die Rubrik nicht so jungfräulich dahinvegetiert...   :)

Ist nicht wirklich Fan-Fiction, aber ein wenig Science-Fiction und war meine Antwort zu einer Aufgabe während meines Belletristik-Studiums. (Sorry, mehr hab ich im Moment leider nicht zu bieten :( )

Trotzdem viel Spaß damit
CJK


~~ o ~ O ~ o ~~

Der Apfel


Ich bin nicht neugierig. Nie gewesen. Ich wollte nur wissen, wem die Treibjagd dieses Mal galt.

Es mussten mehrere sein. Mindestens vier. Und sie waren höchstens noch einen Block entfernt. Das Trampeln genagelter Sicherheitsstiefel klang auf dem harten Plasto-Metall-Belag der Gassen wie heiseres Hundegebell. Ich beschloss, die rostige Gitterbox, halbvoll mit noch verwertbaren Baumaterialien, schützend vor meiner improvisierten Behausung zu postieren. Nur für den Fall, dass einer der Gesetzeshüter "stolpern" und mein Heim mitreißen würde.

Tja, und dann kam er um die Ecke gefegt. Erst wollte ich meinen Augen nicht trauen, denn was da mit roten Wangen und flatternder Kapuze auf mich zugestürzt kam, reichte mir gerade bis zum Bauchnabel. Der Dreikäsehoch konnte nicht älter als sechs oder sieben sein. Für einen Moment glaubte ich zu halluzinieren und gab dem Schnaps, den ich vorher gegen zwei gekl...spendete Protein-Riegel eingetauscht hatte, die Schuld daran. Ich schloss die Augen und riss sie gleich darauf wieder auf. Der Kleine war inzwischen fast auf meiner Höhe angekommen. Große blaue Kulleraugen scannten die Umgebung unablässig nach einem geeigneten Versteck, aber alle Hütten und Verschläge rundherum waren verschlossen und bestmöglich gesichert. Das hier ist Hopes End, Kleiner. Sammelstelle aller zerbrochenen Kolonisten-Träume. Endstation.

Keine Ahnung warum, aber ich fand mich plötzlich in der Gitterbox wühlen und gab dem Knirps mit einer Handbewegung zu verstehen, dass er hineinklettern sollte. Er verstand sofort. Verdammt pfiffiges Kerlchen.

Seine dreckigen Klamotten fielen zwischen den verschmierten Stofffetzen, die ich aus unerfind-lichen Gründen mit da drinnen aufbewahrte, kaum auf. Schnell stülpte ich einen der Kartons über ihn und setzte meinen Weg fort. Ich hatte mein Ziel fast erreicht, als fünf Guardians um die Ecke stoben. Und ihrem Gesichtsausdruck nach zu urteilen, riss sie der Anblick der verwaisten Gasse nicht unbedingt zu Begeisterungsstürmen hin. Der Größte unter ihnen, offenbar der Anführer, schickte seine Kameraden mit knappen Handzeichen weiter. Er selbst verlangsamte seinen Schritt und blieb neben mir stehen. Oh Freude.

„Wo ist er?“, kam er ohne Umschweife zur Sache.

Frech deutete ich die Gasse hinunter.

„Sicher?“ Mit wachen Augen blickte er umher, aber alle möglichen Schlupflöcher in die umliegenden Hütten waren versperrt. Fast alle.

„Flink wie ein Wiesel, der Kleine“, nickte ich und gab der Gitterbox einen Stoß in Richtung meiner Unterkunft.

„Deine Hütte?“ fragte er lauernd.

Bevor ich antworten konnte, hatte er schon die Wolldeckentür zur Seite geschoben und sich durch den niedrigen Eingang geduckt. Aber bitte doch – soll keiner behaupten, ich wäre nicht gastfreundlich.
Als die Gitterbox endlich den ihr zugedachten Platz erreicht hatte, kam er wieder zum Vorschein und eilte ohne ein weiteres Wort seinen Kameraden hinterher, nicht ohne mir zuvor noch einen misstrauischen Blick zuzuwerfen.

Kaum waren die Schritte verklungen tauchte ein verstrubbelter blonder Haarschopf zwischen meinen Schätzen auf.

„Danke, alter Mann.“ Grinsend schwang sich der Bengel über den Rand der Gitterbox und ließ die Beine baumeln.

„Hat sich’s gelohnt?“ wollte ich wissen.

Statt einer Antwort langte er tief in seinen löchrigen Pullover und zog einen Apfel hervor. Dann biss er herzhaft hinein.

Ich schluckte hart und riss meinen Blick gewaltsam los. Meine letzte Begegnung mit nicht-synthetischen Lebensmitteln lag schon Monate zurück. Eine halbe Tomate. Hatte höchstens ein paar Minuten in der Tonne gelegen. Allein beim Gedanken daran lief mit das Wasser im Mund zusammen.

Meine neue Bekanntschaft schien indes angestrengt über etwas nachzudenken. Regungslos saß er da und starrte stumm auf den fehlenden Bissen, die Fingerchen fest um die Frucht gepresst. Plötzlich schien er zu einer Entscheidung gekommen zu sein. Er klemmte sich das rotgelbe Obst zwischen die Zähne, und seine schmutzige Hand verschwand noch einmal im zerschlissenen Oberteil.

„Iier allger Ngann“, nuschelte er um das süße Hindernis herum und warf auch mir einen Apfel zu.

„A... Aber...“, stotterte ich, doch er winkte ab und glitt geschmeidig wie eine Katze von der Gitterbox. „Ich weiß, wo’s noch viel mehr davon gibt“, strahlte er und rannte davon. Nach ein paar Metern drehte er sich noch einmal um und winkte mir zu. Dann war er verschwunden.

Ich habe den Kleinen nie wieder gesehen, aber seit diesem Tag finde ich in regelmäßigen Abständen köstliche kleine Überraschungen auf meiner Türschwelle.
Manchmal zahlt sich ein wenig Neugier doch aus


ENDE



~~ o ~ O ~ o ~~
« Letzte Änderung: 21. Dezember 2009, 14:20:42 Uhr von CJK »
"Ich bin nur ein kleiner, unbedeutender Pilot in einer Welt voller weltverbessernder, zwangsoptimistischer Wissenschaftler, der gerade gezwungen wurde, alle seine Prinzipien über den Haufen zu werfen." - Jim "Shadow" Koenig; Projekt Chamäleon

Offline JohnNewton

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Antw:Der Apfel
« Antwort #1 am: 22. Dezember 2009, 08:57:57 Uhr »
wow [bigeek], goldi genial!!!
egal was man von dir liest es ist immer spitze!!!

eine sich vor der schreibkunst goldis verneigende joan, will mehr lesen [jump]
John

Wer nicht mehr Träumt, lebt nicht mehr.
Lebe deinen Traum!

Offline Lost In Space

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Antw:Der Apfel
« Antwort #2 am: 27. Dezember 2009, 20:16:49 Uhr »
Vielen Dank, ihr beiden.   :-*

Freut mich, wenn euch die Geschichte gefallen hat. Leider hab ich im Moment keine CaFu-Story, die ich hier im Forum posten könnte. Glücklicherweise sind Felixx und Spacy in diesem Bereich aufopferungsvoll tätig... vielen Dank dafür an dieser Stelle.

Winkewinke
CJK
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