Autor Thema: Offene Rechnungen  (Gelesen 76347 mal)

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Offline Felixx

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Offene Rechnungen
« am: 7. November 2008, 17:40:16 Uhr »
So, ich stell das jetzt mal hier rein.
Wie verprochen, jeweils am ersten Freitag im Monat ein Kapitel.
Das ist also das vollständige erste des zweiten Teils.
Viel Spaß!

Felixx


Offene Rechnungen

I.
Zwei Jahre später.............

„Hast du ihn gesehen?“
Shushila rührte unruhig in ihrer Teetasse und schaute Fernandez erwartungsvoll an.
Seit der für tot erklärte Captain Future vor ein paar Tagen wieder aufgetaucht war, überschlugen sich die Gerüchte und Mutmaßungen.
Besonders hier, auf der erdnahen Raumbase, die als Startplatz für die großen Föderationsschiffe galt, brodelte es unter den Besatzungen. Jder wollte etwas anderes gehört haben, natürlich alle aus zuverlässiger Quelle.
Bisher hatte aber noch niemand Curtis Newton persönlich gesehen oder mit ihm sprechen können.

Das alles steigerte natürlich nur die Neugier und die Vermutungen.Shushila war äußerst zufrieden, wirkliche Informationen aus erster Hand zu bekommen.
Denn heute Morgen hatte sich Curtis bei seinem Freund endlich gemeldet und ihn gebeten, zu ihm auf seine Basis unter dem Krater Tycho zu kommen.
Unruhig und auch ein bisschen ängstlich hatte sie seine Rückkehr erwartet. Was würde er ihr berichten? Wo war Curtis in den letzten zwei Jahren gewesen? Wieso hatte er sich nicht gemeldet?
Ihr schossen Hunderte von Fragen durch den Kopf und wie immer, wenn ihre Neugier nicht sofort gestillt werden konnte, wurde Shushila ungeduldig:
„Hast du nun mit ihm sprechen können?“, fragte sie nochmals nach.

Fernandez antworte nicht, er ließ sich in einen Sessel fallen und fuhr sich nervös mit der Hand übers Gesicht.
Diese Geste macht er nur, wenn er im höchsten Maße beunruhigt war und nicht wusste, was er tun sollte.
„Ja, habe ich“, antwortete er schließlich doch noch leise.
Atmete tief ein und aus, lehnte sich dann zurück und starrte ins Leere.Fernandez wirkte geschockt und verwirrt.
Shushila schloss für einen Moment die Augen, also waren die Gerüchte wahr, hatte sich ihre schlimmsten Befürchtungen doch bestätigt: Curtis war in der Gewalt von Ul Quorn gewesen!
Teilnehmend setzte sie sich auf die Armlehne des Sessels, strich Fernandez sanft über den Arm und ließ ihm Zeit.
„Er..... er hat sich verändert“, begann der auch nach einer Weile zögernd.
Shushila nickte nur.
„Curtis ist nicht mehr derselbe! Und ich meine das nicht nur körperlich! Obwohl körperlich ...“, er sprang auf und begann auf und ab zu gehen, als ob ihm so die Worte leichter fallen würden.
„Ich weiß nicht, wie er das überleben konnte, jedenfalls sieht er aus wie ein Gespenst. Er scheint gefoltert worden zu sein, ist völlig abgemagert, total am Ende. Aber er repariert schon wieder an der „Comet“ herum, er hat es geschafft, Grag wieder in Gang zu kriegen und das Einzige, worauf er im Moment fixiert ist,  ist so schnell  als möglich nach Scapa Flow zu kommen!“
Mit großen Augen hatte ihm Shushila zugehört.
"Und der Professor?!"
Traurig schüttelte Fernandez den Kopf, blieb dann vor ihr stehen und sah sie hilfssuchend an:
„Curtis will, dass du ihn für den Flug in einer Stasekammer fit machst, wenn er nach Scapa Flow fliegt!“

„Das werde ich nicht tun!“
Shushila glitt in den Sessel, setzte ihre Teetasse ab und hob abwehrend die Hände.
„Das könnte ihn umbringen, schon ein gesunder Organismus hat mit einem Flug unter Stase zu kämpfen! Wenn er wirklich so schwach ist, wie du sagst, dann sollte er sich unbedingt noch ein paar Wochen erholen, ehe ich ihn in den Tiefschlaf versetze! Eben ist er dem Tod von der Schippe gesprungen, da werde ich ihn nicht wieder draufsetzen!“

„Ich wusste, dass du das sagst. Glaub mir, ich habe genau das Gleiche gesagt, es gebetsmühlenartig wiederholt...“

„Und ?!“

Unwillig schüttelte Fernandez den Kopf:
“Er hat mir gar nicht richtig zugehört, hat gelächelt und seine Bitte wiederholt“, gequält sah er auf.
„Entweder du tust es oder er wird es Grag oder Otto tun lassen, ich kann ihn nicht aufhalten. Bitte, er wollte mir nichts über die letzten zwei Jahre erzählen, aber er muss in die Hölle geschaut haben. Vielleicht war der einzige Gedanke, der ihn aufrecht erhalten hat, der an Joan? Curtis ist zäh, er wird es schon schaffen, aber ich wäre beruhigter, wenn du die medizinische Vorbereitung übernehmen würdest!“

Widerstrebend nickte Shushila, sie konnte Fernandez seine Bitte nicht abschlagen.
Dann beschäftigte sie ein anderer Gedanke:
„Hast du es ihm erzählt?“

„Was?“

„Was wohl!“, reagierte sie ungeduldig.

Fernandez drehte ihr demonstrativ den Rücken zu, verschränkte die Arme vor der Brust und trat ans Kabinenfenster.
„Nein, habe ich nicht! Ich habe nicht gewusst, wie ich es meinem besten Freund, der sich gerade mit Müh und Not aus seiner Geiselhaft befreien konnte, beibringen sollte, dass zwei Jahre doch eine recht lange Zeit sind und sich viel verändert hat. Ich gebe offen zu, dass ich es einfach nicht fertig gebracht habe, mit der Tür ins Haus zu fallen, ist das so schwer zu begreifen?“
Er war laut geworden und nun sah er Shushila aufgebracht an.
Zu einem anderen Zeitpunkt und zu einem anderen Anlass hätte sie ihm für diesen Ton die Hölle heiß gemacht, doch Shushila spürte, dass Fernandez immer noch mit dem Wiedersehen mit Curtis zu kämpfen hatte.

„Sollen wir Joan informieren?“, fragte sie vorsichtig.
„Nein!“
Die Antwort kam prompt und sehr entschieden.
„Wenn Curtis sowieso nach Scapa Flow aufbricht, dann erfährt sie es früh genug, dass es wieder unter den Lebenden weilt. Ich denke es ist besser, wenn sie beide die gleiche Ausgangsposition haben, wenigstens dieses eine Mal!“
Man konnte seiner sarkastischen Bemerkung immer noch den Unwillen über Joans Entscheidungen in den letzten Jahren anhören.
„Und ich warne dich“, er sah sie streng an.
„Du wirst es verdammt noch mal auch nicht tun! Hast du mich verstanden? Lass die beiden das allein klären! Es haben sich damals viel zu viele dauernd eingemischt. Und was ist dabei rausgekommen? Also, lass die Finger davon!“
Unter seinem Blick senkte Shushila die Augen und zuckte mit den Schultern: Wie du willst!


II.
Noch wie war sie auf der Basis der Future- Mannschaft auf dem Mond gewesen.
Shushila erinnerte sich noch an ihre Rückkehr zur Erde vor zwei Jahren. Damals war die Station zum Großteil zerstört gewesen, Captain Future auf der Suche nach Ul Quorn verschollen und Fernandez hatte Himmel und Hölle in Bewegung gesetzt, um seinem Freund suchen zu lassen.
Aber alles war umsonst gewesen.
Die Regierung verweigerte nach einigen Monaten weitere Finanzmittel für die Suche der „Magellan“ , Fernandez hatte weiter gemacht, bis seine privaten finanziellen Mittel erschöpft waren, dann musste er aufgeben.
Hinzu kam, dass egal, welche Spur sie auch verfolgten, welchen Hinweisen sie auch nachgingen, die Future- Crew verschollen blieb, als hätte sie die Finsternis des Alls verschluckt.
Als sie näher heranflogen, konnte sie die Teleskope und Aufbauten der Basis erkennen.
Von Trümmern oder Beschädigungen keine Spur, erstaunt sah sie Fernandez an, der das Shuttle steuerte.
„Frag nicht mich! Ich war genauso überrascht wie du, als ich gesehen habe, dass hier wieder alles aufgebaut wurde. Da war jemand mit sehr viel Geld am Werk! Ich denke, selbst Curtis hätte Schwierigkeiten gehabt, es so wieder hinzu kriegen! Und vor allem in so kurzer Zeit!“
Vor einigen Monaten war die Station noch ein Trümmerhaufen gewesen.

„Und wer hat das alles veranlasst?“
Stirnrunzelnd betrachtete Shushila neugierig Captain Futures Basis.

„Wenn ich einen Tipp abgeben sollte, dann Joan!“
Fernandez leitete die Landung ein.

„Joan!“, Shushila schnaubt verächtlich.
„Die hat weiß Gott andere Sorgen gehabt, ich denke nicht, dass sie sich um noch eine weitere Raumstation kümmern konnte!“
Ratlos zuckte Fernandez mit den Schultern und landete im Hangar der Mondbasis.

„Otto! Schön dich zu sehen!“
Shushila ging auf den Androiden zu und umarmte ihn.
Dann hielt sie ihn ein Stück von sich weg:
“Wie geht es dir?“
„Mir geht es gut, manchmal ist es von Vorteil, wenn man nur menschlich aussieht, ohne dass man wirklich ein Mensch ist“ ,antwortete der Androide sanft.
Beklommen nickte Shushila, was war allen hier widerfahren?
„Wo ist Curtis?“, fragte sie deshalb rasch.
„Schon auf der medizinischen Station, er erwartet dich bereits, ich bringe  dich hin!“, erbot er sich.
„Alle klar, ich helfe derweil Grag mit der „Comet“, schlug Fernandez vor und es schien, dass er lieber nicht Shushila Untersuchungsergebnisse abwarten wollte.

Los jetzt, du bist Ärztin, du bist ein Profi, reiß dich zusammen, befahl sich Shushila, bevor sie das Labor betrat.
Doch trotzdem fühlte sie sich beklommen, als sie durch dieTür trat.

„Curtis?“
Er drehte sich herum und Shushila hielt den Atem an.
Dann quälte sie sich ein Lächeln ab,ging auf ihn zu und umarmte ihn, vielleicht würde er so ihr Entsetzen nicht bemerken.
Vorsichtig, als könne sie den viel größeren Mann zerquetschen, schloss sie ihn in ihre Arme.
Curtis erwiderte die Umarmung, was sie erstaunte, früher waren ihm solche Gesten immer ein wenig peinlich gewesen.

„Ich hatte ganz vergessen, wie schön du bist“, sagte er freundlich, als sie sich wieder von ihm löste.
Wenigstens seine Stimme war noch die gleiche.
„Du willst mich sicher durchchecken?“, fragte Curtis, die ihn immer noch mitleidig anstarrende Ärztin.

Die Frage löste Shushila aus ihrer Erstarrung und sie nickt heftig:
„Zieh das T- Shirt aus, ich muss deine Herzfunktion überprüfen!“

Während der medizinischen Bestandsaufnahme musste Shushila immer wieder schlucken oder ihre zitternden Hände beruhigen.
Curtis war völlig abgemagert, schien nur noch aus Haut, Sehnen und Muskeln zu bestehen, auf seinem Oberkörper fand sie mehrere schlecht verheilte Wunden, die von Brandverletzungen zu stammen schienen. Deutlich waren auf seinem Rücken die Spuren von grausamen Peitschenhieben zu erkennen, über den Handrücken seiner rechten Hand zog sich eine helle große Narbe. Er musste monatelang gehungert haben.
Curtis´ Züge wirkten durch die Magerkeit scharf und viel älter, als er war. Noch dazu war sein Schädel kahl rasiert.

„Es ist schön, dass du wieder da bist!“
Sie probierte ein Lächeln.
„Joan hat nie daran geglaubt, das du tot bist“, versicherte sie ihm abschließend.
Das war die Wahrheit, Joan hatte sich stets geweigert, auch nur über die Möglichkeit seines Todes nachzudenken.

„Wirst du mir helfen?“, fragte Curtis die Ärztin leise, in seinen Augen glitzerte es gefährlich.
Shushila konnte ihn nicht mehr ansehen, Tränen stiegen ihr in die Augen.
Ja, Fernandez hatte Recht, es musste ihn etwas aufrechterhalten haben, etwas musste ihn am Leben erhalten haben. Sonst hätte er das nicht überlebt. Curtis war wirklich zäh, aber ihm jetzt daran zu hindern, zu Joan zu fliegen, würde ihn zusammenbrechen lassen.
Und deshalb durfte sie  ihn nicht aufhalten. Das wäre nicht fair.

Sie würde jede Menge Antibiotika, Vitamine und Medikamente in die Staseflüssigkeit geben, Turrow müsste Curtis dann nach seiner Ankuft auf Scapa Flow sofort überwachen, mit etwas Glück würde er es überstehen und Joan.....

Vielleicht halfen die zwei Wochen in der heilenden Flüssigkeit der Stasekammer, dass sich dieser erbarmungswürdig magere, kahlköpfige Schatten von einem Mann wieder etwas erholte.
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #1 am: 7. November 2008, 17:42:11 Uhr »
III.
„Kannst du dir vorstellen? Ich habe heute morgen Madame Antoinette empfangen, ihres Zeichens stolze Besitzerin eines „Massagesalons“, Joan schüttelte über ihr eigenes Verhalten noch nachträglich den Kopf.
Ihre neue Aufgabe als Master hielt für sie bestimmt einige moralische Klippen bereit, an denen ihr Sinn für Anstand und Gerechtigkeit Schiffbruch erleiden würde, dachte Curtis, behielt aber seine Vermutungen lieber für sich.
„Und ich bin mit ihr sogar ganz in Ruhe und aller Höflichkeit total professionell die Aufenthaltsgenehmigungen für ihre „Therapeutinnen“ durchgegangen, als ob ich nicht wüsste, was das für Therapien sind, die dort angeboten werden!“
Sie schnaubte verächtlich und schaute Curtis, der neben ihr lief, prüfend von der Seite an, als erwarte sie, dass er ihre Entrüstung teile.
Der musste aber nur  schmunzeln,  wagte bei diesem Blick aber lieber nicht, einen Scherz über Professionalität im Zusammenhang mit Madam Antoinettes „Angestellten“ zu machen.
Er versuchte, so diplomatisch wie möglich zu bleiben:
„Nun ja, soweit ich informiert bin, gilt Madam Antoinette als absolute Koryphäe auf ihrem Gebiet, ihre Mädchen sollen die besten sein. Ich meine, die besten Therapeutinnen!“, fügte er schnell auf Joans scheelen Blick hinzu.

„Und woher weißt du das?“, fragte sie giftig.
Bevor Curtis aber um eine Antwort verlegen werden konnte, hatten sie ihr Ziel erreicht: den Container mit Michael Newtons persönlichen Habseligkeiten.
Etwas abseits von den zu fast endlos erscheinenden Reihen übereinandergestapelten Containern aus allen Ecken des Universums stand er allein für sich am Ende eines Ganges und war damit deutlich auszumachen.
Etwas ratlos trat Curtis näher.
Joan hatte ihn informiert, dass eine der unzähligen  letzten Anweisungen und Zusätze zum Testament seines Onkels sich auf diesen Container bezogen: Nur er sollte ihn öffnen und den Inhalt sichten.
Wieso zum Teufel gerade er? Dass Michael Newton ihn nicht gerade ins Herz geschlossen hatte, war allgemein bekannt. Wozu also noch dieser letzte Gruß aus dem Grab?
Die Tür war mit einem Zahlencodeschloss gesichert, Curtis betrachtete das Display.
„Er war sich sicher, dass du die Kombination kennen würdest“, sagte Joan, die hinter ihm stand, leise.
Stirnrunzelnd dachte Curtis nach, dann musste er grinsen und wollte schon die ersten Zahlen eintippen, zögerte dann aber.
Wie er seinen Onkel kannte, würden dort hinter der Tür noch ein paar Überraschungen auf ihn lauern, auf die er jetzt absolut keine Lust verspürte. Er hatte genug von Geheimnissen, Intrigen, er war der ganzen Geheimniskrämerei und des Hakenschlagens müde und überdrüssig. Das entsprach so gar nicht seinem Naturell.
Was immer da drin sein mochte, es konnte warten!
In einer Stunde wollte die Future –Crew zur Erde aufbrechen und wenn ihn nicht Joans Nachricht erreicht hätte, dann würde er sich jetzt schon auf der  „Comet“ befinden und die letzten Sicherheitschecks durchführen. Aber er hatte der Chance, sie noch einmal sehen und sprechen zu können, einfach nicht widerstanden.
Curtis ließ  seine Hand vom Display sinken und drehte sich zu Joan um.
„Willst du nicht wissen, was drin ist?“, fragte sie ihn verblüfft.
„Doch, wenn ich wieder zurück bin“, antwortete er und sah sie ernst an. „Wenn ich zurückkommen darf, meine ich.“
Joan holte tief Luft, versucht nicht loszuweinen, konnte aber nicht verhindern, dass ihre Augen sich mit Tränen füllten.
Sie nickte nur und senkte dann den Kopf.

Curtis trat näher und nahm sie in die Arme, aufschluchzend schlang Joan die Hände um seinen Nacken:
“O Gott Curtis, wie konnte uns das nur passieren?“
Er wusste keine Antwort darauf. Zumindest keine, die ihm schlüssig erschien.
Beruhigend streichelte er ihr übers Haar, sog dessen Duft ein und  spürte die weiche Wärme ihres Körpers. Schloss die Augen und genoss für diesen Moment, die Frau, die er liebte, in den Armen  zu halten. Was auch passierte, niemand würde ihm diese Erinnerung nehmen können, sie war sein Eigentum.
Doch die Zeit war nicht aufzuhalten.
Sanft löste der schließlich ihre Arme von seinem Nacken, sodass er ihr ins Gesicht blicken konnte.
„Nicht weinen, ja? Du weißt, dass ich das nicht ertragen kann.“
Er wischte ihr zärtlich die Tränen ab.
„In ein paar Monaten bin ich wieder da und dann..“, er stockte und suchte nach den passenden Worten.
„..dann werden wir versuchen, alles zu klären? Versprochen.“
Curtis streichelte ihre Wange und schaute ihr in die Augen.
Joan versuchte sich zu beruhigen und nicht mehr zu schluchzen, schließlich brachte sie sogar ein schiefes Lächeln zustande.
„Pass auf dich auf“, bat sie einfach.

„Mach ich,“ antwortete er leichthin und wusste doch, dass dies nicht so einfach werden würde.

Bewusst hatte er Joan verschwiegen, weshalb er so überstürzt einen Tag nach der großen Feier aufbrechen wollte, sie wusste nur, dass es auf der Mondbasis eine Havarie gegeben hatte.
Dass Ul Quorn wieder aufgetaucht war, verschwieg er lieber und hatte auch seine Crew und vor allem die stets geschwätzige Shushila strengstens instruiert, nichts darüber verlauten zu lassen.
Es war einfacher, wenn Joan noch nicht die ganze Wahrheit erfuhr, wenigstens jetzt noch nicht. Sie würde schnell herausfinden, dass ihr als Master von Scapa Flow Informationskanäle zur Verfügung standen, von denen einige Abteilungen der Planetenpolizei nur träumen konnten. Und Joan würde sie zu nutzen wissen, es war also nur eine Frage der Zeit, wann sie das gesamte Ausmaß der Katastrophe erfahren würde.
Aber dann wäre sie immer noch hier auf der Station und damit unerreichbar für Ul Quorn und seine perfiden Rachepläne, wenigstens darüber  würde er  sich dieses Mal nicht den Kopf zerbrechen müssen.
Er küsste Joan sanft noch ein letztes Mal auf die Stirn:
„Ich komme wieder“, flüsterte er ihr noch zu, dann verließ er rasch den Lagerraum.
Bevor er um die Ecke bog, schaute Curtis kurz zurück, Joan stand ziemlich verloren zwischen den riesigen Frachtcontainern, hob die Hand und winkte ihm verzagt zu........



Wie immer in den vergangenen zwei Jahren wachte Curtis Newton an dieser Stelle des Traums auf, aber er öffnete die Augen nicht und lag völlig reglos, so als ob er immer noch schlafen würde.
Seine mittlerweile in der ständigen Bedrohung und Ungewissheit geschärften Sinne, versuchten sich zu orientieren: Wo war er? Drohte Gefahr? Würde er gleich angegriffen werden?

Aber nur das leise Rauschen des Klimaaggregates war zu hören, die Zudecke fühlte sich weich an, roch sauber und er spürte nicht die Anwesenheit von weiteren Personen im Raum.
Dann setzte die Erinnerung ein, er war Zuhause, in Sicherheit, hier drohte keine Gefahr.
Er entspannte sich wieder und versuchte, mit immer noch geschlossenen Augen, sich das Gesicht Joans bei ihrer letzten Begegnung zurückzuholen.

Unzählige Male hatte er das in den letzten Jahren getan.
Curtis hätte auf Anhieb sagen könne, dass Joan an dem Tag ihre langen blonden Haare zusammengebunden hatte, dass sie eine ausgewaschene Jeans und ein schwarzes T- Shirt trug und dass sie von der Feier am Vorabend noch etwas blass und müde aussah.

Wann immer er gedacht hatte, dass der Tod eine rasche und eigentlich doch recht gnädige Option wäre, war dieser Traum gekommen, wie eine Vision.
Und er hatte sich an sein Versprechen erinnert: Ich komme wieder. Das wollte er einlösen.
Das hatte ihn weiter machen lassen. Hatte ihm Kraft gegeben, zu widerstehen, alles zu ertragen. Ohne zu verzweifeln.

Morgen würde er mit der „Comet“ nach Scapa Flow aufbrechen.
Shushila und auch Fernandez hatten vergeblich versucht, ihm das auszureden, ihn dazu zu bringen, wenigstens noch ein paar Wochen zu warten.
Curtis schien es, dass jetzt, da er wieder frei war, die Zeit davonrannte.
Alle Bedenken seiner Freunde hatte er abgewiegelt, hatte sich jedem vernünftigen Argument verschlossen.
Er wusste, dass er in einem körperlich geradezu jämmerlichen Zustand war, er spürte das bei jeder Bewegung, bei allem was er tat.
Es war unnötig, dass ihn Shushila noch darauf hinwies. Er kannte das Risiko.
Und er wusste, dass beide in Sorge um ihn waren.
Seufzend stand er auf, wobei sich nur allzu deutlich immer noch die Verletzungen und schlecht verheilten Wunden auf seinem Oberkörper bemerkbar machten und schlich in den Nebenraum.
Dort angelte er sich aus dem Kühlschrank einen Eiweißcocktail. Shushila hatte ihn streng angewiesen, so schnell als möglich wieder zu Kräften zu kommen und hatte ihm das Zeug verschrieben. Angeblich würde es den Heilungsprozess beschleunigen.
Curtis lehnte sich gegen den Schrank, öffnete die kleine Plastikflasche und quälte sich pflichtschuldig den widerlich süßen Brei rein.
Obwohl er schon wieder etwas erholter aussah und auch ein wenig an Gewicht zugenommen hatte, war Shushila das Entsetzen regelrecht ins Gesicht geschrieben gewesen, als sie ihn zum ersten Mal wiedergesehen hatte.
Zum Glück hatte Curtis ein paar Tage verstreichen lassen, ehe er sich bei Fernandez und ihr gemeldet hatte.
Sie wären noch entsetzter und besorgter gewesen, wenn sie gesehen hätten, wie er aussah, als er gerade zurückkehrte.
Bei dem Gedanken musste Curtis sogar ein wenig grinsen, sicher hätte Shushila ihn dann irgendwo eingesperrt und zwangsgefüttert.
Aber selbst als er sich kaum noch auf den Beinen halten konnte, hatte er stets nur einen Gedanken gehabt: Zu Joan zu fliegen, zu ihr zurückzukehren.

Ein Grund für diese Besessenheit war auch die innerliche Leere und Zerrissenheit, die er spürte.
Vielleicht fand er ja dort auch den Teil seiner selbst wieder, der ihm während der endlosen Monate der Schufterei in der Mine auf diesem gottverlassenen Planeten, und vor allem dann unter der Folter, abhanden gekommen war.
Dabei hatten er und Otto sich stets bemüht, nach ihren Prinzipien zu handeln, egal wie schlecht es ihnen auch gehen mochte.
Dies hatte ihnen beiden eine besondere Position unter den anderen Gefangenen und ihren Leidensgenossen eingebracht, aber auch damit die unbarmherzige Verfolgung durch ihren Peiniger.
Nichts brachte Ul Quorn mehr zur Raserei als die Tatsache, dass Captain Future selbst unter unmenschlichen Bedingungen für andere ein Vorbild war.

Dann passierte noch die Sache mit N`rala und der Hass des Marsianers kannte keine Grenzen mehr, gedemütigt und an seiner empfindlichsten Stelle getroffen, hatte er beschlossen, Curtis langsam und qualvoll sterben zu lassen.
Bewusst verbot er sich jede Erinnerung an diese Zeit, verbissen weigerte er sich, darüber nachzudenken. Das konnte er nicht, wenigstens jetzt noch nicht.

Irgendwann in diesen endlosen Monaten hatte Curtis schließlich aufgegeben, ihm lag nichts mehr daran, weiter am Leben zu bleiben, nur um weiter zu leiden.
Doch dann war dieser gerissene Akrylllianer, einer von Ul Quorns Speichelleckern, um ihn herumgeschlichen und hatte  ihn mit seinen merkwürdigen Bemerkungen und Andeutungen über Scapa Flow und das, was dort auf ihn warten würde, aus seiner Gleichgültigkeit gerissen hatte.
Obwohl er sich keinen richtigen Reim auf die süffisanten und schleimig drohenden Bemerkungen des widerlichen Verräters machen konnte, musste er zu seinem Entsetzen nun erkennen, dass Ul Quorn damit wahrscheinlich herausgefunden hatte, wo sich Joan aufhielt.
Wenn ihm schon der eigene Tod keine Angst mehr einjagen konnte, allein die Vorstellung, Joan könnte in die Hände von Quorn fallen, versetzte Curtis in Panik und schaffte es, dass er seine letzten Kräfte mobilisierte.
Otto und er setzten alles auf eine Karte und wagten die eigentlich aussichtlose Flucht.

Und genau die Erinnerungen daran verfolgten ihn jetzt: Noch niemals war er so rücksichtslos, brutal und unbarmherzig hart vorgegangen.
Dabei  waren es aber gerade jene Eigenschaften, die ihn entkommen ließen, ihm halfen, zu überleben, musste er sich eingestehen.  Aber gleichzeitig verachtete sich Curtis im nachhinein dafür.
Niemals hatte er so werden wollen, niemals hatte er so handeln wollen. Er erkannte sich selbst nicht wieder.
Jetzt verspürte er einen glühenden und gleichzeitig tödlich, kalten Hass auf Ul Quorn dafür, dass dieser recht behalten hatte, mit seinen höhnischen Bemerkungen, dass nach einer Weile unter seiner Regie von dem strahlenden rechtschaffenen Helden nicht mehr viel übrig bleiben würde.

Und die bitterste Niederlage war, dass er Professor Simon zurücklassen musste. Auch wenn der Professor ihn zur Flucht ermuntert und es strikt abgelehnt hatte, dass Curtis auf ihn Rücksicht nahm.
Die Erinnerung daran schmerzte regelrecht körperlich. Simon war stets wie ein Vater für ihn gewesen und jetzt schien es, als hätte er diesen zum zweiten Male verloren.

Er senkte den Kopf, atmete tief durch und streckte sich vorsichtig, es ging mit jedem Tag schon ein bisschen besser. Trotzdem vermied er tunlichst jeden Blick in einen Spiegel.
Der Eiweißdrink war alle.
Entschlossen schmiss Curtis die leere Flasche in den Müllaufbereiter und ging wieder zu Bett. Er würde seine Kräfte im Moment noch einteilen müssen.

Zuerst würde er nach Scapa Flow fliegen, um Joan wiederzusehen, dann würde er Simon befreien und sich um Ul Quorn kümmern. Und er würde das tun, was sein Onkel ihm vor über zwei Jahren schon geraten hatte: ihn töten.
Die Sache musste ein Ende haben, Curtis wollte die Rechnung endlich begleichen.
Zahltag!

 







 
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #2 am: 7. November 2008, 17:47:52 Uhr »
IV.
„Es gefällt mir nicht, es gefällt mir ganz und gar nicht“, presste Shushila zwischen den Lippen hervor und beobachtete dabei unverwandt die „Comet“, die sich langsam und majestätisch aus dem Hangar der Basis erhob und schnell an Höhe und Geschwindigkeit gewann.
„Das sagst du jetzt ungefähr zum hundersten Mal zu mir, du hast es Curtis vielleicht tausend Mal gesagt, bevor du ihn in Tiefschlaf versetzt hast. Ich denke mal, wir haben es alle begriffen, aber ändern werden wir es nun auch nicht mehr können!“
Fernandez legte den Arm um sie und schaute aber ebenso besorgt dem Raumschiff seines Freundes hinterher.
Vergeblich hatte die Ärztin in den letzten beiden Tagen auf Curtis eingeredet, hatte ihm in den schillerndsten Farben mögliche grässliche gesundheitlich Konsequenzen ausgemalt, die der Stase –Flug in seinem instabilen Zustand mit sich bringen könnte, umsonst.
Curtis hatte nur immer brav genickt, sie mit einem schwer deutbaren Blick aus seinen grauen Augen gemustert, um dann schulterzuckend den Flug nach Scapa Flow trotzdem weiter vorzubereiten.

Als Shushila für einen kurzen Moment, die wahnwitzige Idee durch den Kopf schoss, Curtis einfach gegen seinen Willen in ein künstliches Koma zu versetzen, hatte sich Fernandez nur vielsagend an die Stirn getippt.
„Da mache ich nicht mit!“, erklärte er kategorisch.
Niemals würde er seinen Freund so hintergehen.
Im Gegenteil, der Captain der „Magellan“ hatte nach Leibeskräften mitgeholfen, Grags Systeme und Funktionen wieder vollständig herzustellen und die „Comet“ startklar zu machen.
Rastlos hatte er von morgens bis spät abends geschuftet, immer darauf bedacht, nur ja nicht zu viel Zeit für private Gespräche mit Curtis zu haben.
Auf Nachfragen nach seinen Erlebnissen in den vergangenen zwei Jahren reagiert der sowieso sehr einsilbig und schroff.
Das war nichts Neues, Fernandez  wusste, dass Curtis Zeit brauchte, um über bestimmte Sachen reden zu können. Er würde von selbst darüber sprechen, wenn er es konnte.
Wenn man versuchte, bei ihm mit der Tür ins Haus zu fallen, verschloss er sich nur umso mehr.

Die Frage, die Fernandez am meisten fürchtete und der er am liebsten aus dem Weg gegangen wäre, war die nach Joan. Was sie jetzt, nach über zwei Jahren, tat. Wie jetzt ihr Leben aussah.
Aber er musste sich keine Antwort abringen, Curtis fragte einfach nicht.
Fernandez beschlich der Verdacht, dass er mehr wusste, als er und Shushila ahnten.
Es schien, als würde Curtis von einer inneren Unruhe angetrieben, von Vermutungen, die ihn nicht los ließen.
Verbissen hielt er an seinem Ziel fest, nach Scapa Flow zu fliegen, um Joan wiederzusehen.
 
Nachdem, was Shushilas Anamnese ergab, musste er durch die Hölle gegangen sein.
Zähneknirschend hatte Fernandez den Bericht durchgelesen und sich dabei immer wieder gefragt, wie Curtis das überleben konnte.
Und so brachte er es einfach nicht übers Herz, seinem Freund zu warnen oder ihn vorzubereiten.
Und Curtis hatte nicht gefragt, das beunruhigte ihn.

„Hat er sich eigentlich bei dir nach Joan erkundigt? wandte er sich deshalb an Shushila, als sie zu ihrem eigenen Shuttle gingen.
„Nein, nicht einmal“, sie schüttelte den Kopf und blickte  noch einmal zu dem Panoramafenster des Hangars zurück.
„Nur Otto hat vorsichtig nachgefragt.“

„Und?“ Fernandez sah sie lauernd an.

„Nun, ich habe genauso vorsichtig geantwortet, dass es Joan gut geht. Das ist ja auch die Wahrheit.“
Herausfordernd blitzte sie zurück, Fernandez konnte in ihrem Blick sehr deutlich den Vorwurf ablesen: Du warst es, der befohlen hatte, wir werden ihn nicht informieren, du lässt ihn ins Messer laufen, nicht ich.

Abwehrend hob er deshalb auch die Hände:
„Ich weiß, ich weiß, das wirst du mir bis in alle Ewigkeiten aufs Brot schmieren. Aber sag selbst, hättest du ihm ganz unverblümt die Wahrheit ins Gesicht schleudern können?“

Deutlich konnte er sehen, wie Shushila streitlustig die Stirn runzelte, schon wollte sie auffahren, doch plötzlich schien sie sich an etwas zu erinnern:
“Nein“, kam es kleinlaut als Antwort.
„Es wird ein Schock für Joan sein.“

„Für beide, aber Joan hat noch den unschlagbaren Vorteil, dass man auf Scapa Flow die Ankunft eines Schiffes ungefähr sechs Stunden vorher mitbekommt. Also, im Gegensatz zu Curtis kann sie sich seelisch und moralisch fast einen halben Tag lang darauf vorbereiten und kann immer noch entscheiden......“

Shushila hörte gar nicht mehr zu, ihre Gedanken wanderten ein Jahr zurück...


„Gott sein Dank, dass du da bist“, Maximiliano, wie immer in einen weiten Kaftan gewandet, erwartete sie bereits auf dem Shuttledeck und umarmte sie fahrig.
Bevor Shushila auch nur eine Frage stellen konnte, zog sie der Dicke auch schon an der Hand hinter sich her wie ein unerzogenes Kind
Erstaunt  musste die Ärztin feststellen, dass er sie statt zu den Liften nach oben in den Wohnbereich zu einem der Transportlifte für die Lagerräume schleifte.

Max war gestresst, das konnte man deutlich sehen. Sein Teint wirkte grau und müde, seine sonst immer freundlich lächelnden Züge waren angespannt und, das augenfälligste Merkmal, dass etwas nicht in Ordnung sein konnte: Das Blau seines Kaftans biss sich unübersehbar mit dem Rot der weiten Hose.
Niemals würde der  stilsichere und farbverrückte Max im Normalfall so etwas übersehen.

„Wo bringst du mich hin? , fragte Shushila, nachdem sie mit hochgezogenen Augenbrauen, den nicht ganz gelungen modischen Auftritt des Cheflogistikers von Scapa Flow konstatiert hatte.

„Na - zu Joan!“

„Seit wann wohnt sie im Frachtbereich? Oder habt ihr sie etwa da eingesperrt?“

Maximiliano warf ihr einen vernichtenden Blick zu.
„Wohl kaum“, antwortete er beleidigt.
„Aber sie steht ständig vor diesem Container und es ist furchtbar kalt da unten, ich kann aber den Frachtraum nicht heizen, weil da gerade die arkturianischen Birnen lagern und sie isst seit Tagen nichts.........“

Während der Lift in die untersten Etagen von Scapa Flow unterwegs war, rang Max die Hände, gestikulierte wild, schluchzte zwischendurch hektisch, wedelte dann mit einem Taschentuch herum und berichtete Shushila von Joans zunehmender Schwermut und Verzweiflung.

Die ersten paar Monate nach Curtis` Abreise hielt sich Joan sehr gut. Obwohl sie schockiert war, als sie herausfand, auf welchen Gegner Curtis dieses Mal treffen würde, war sie optimistisch.
Schnell arbeitete sie sich in die unzähligen Aufgabenbereiche des Masters ein, fand sogar ziemlichen Gefallen daran, soviel Verantwortung zu übernehmen und nicht nur Shushila erschien es, dass Michael Newton mit der Wahl seines Nachfolgers ein glückliches Händchen gehabt hatte.

Anders als Newton führte Joan Scapa Flow nicht als „Alleinherrscher“, sondern beriet sich bei bestimmten wichtigen Entscheidungen mit Turrow, Richards und Maximiliano.
Und anders als ihr Vorgänger  respektierte sie auch deren Ratschläge und tat nicht prompt das genaue Gegenteil davon.
Scapa Flow blühte regelrecht weiter auf und als die „Magellan“ nach einem halben Jahr wieder hier Station machte, stellte die Crew verblüfft fest, dass weitere Anbauten an der Basis vorgenommen worden waren.

Aber schon damals war Shushila aufgefallen, dass Joan immer stiller und melancholischer wurde.
Auf ihre Nachfragen hin reagierte sie erst einsilbig, als die Ärztin aber nicht locker ließ, offenbarte Joan ihr eine explosive Mischung aus Schuldgefühlen, Selbstmitleid und schlechtem Gewissen.
Egal, was Shushila sagte, welche vernünftigen Argumente sie auch vorbrachte, Joan verstrickte sich immer tiefer in das Gestrüpp aus unbewältigten Problemen und gab sich an allem, was passiert war, die alleinige Schuld.
Wahrscheinlich hätte Curtis über diese Sicht der Dinge den Kopf geschüttelt, aber er war nicht anwesend, um ihr zu widersprechen und so blieb Joan mit ihren Grübeleien sich selbst überlassen.

 Besonders traf sie damals, dass sie sehr darauf gehofft hatte, dass Fernandez neue Informationen oder gar Nachrichten von Curtis mitbringen würde, aber er musste sie enttäuschen.
Der Captain der „Magellan“ versprach ihr, nach Captain Future und seiner Crew zu suchen und Fernandez tat  wirklich alles, was in seiner Macht stand.

Eine seiner bittersten Niederlagen bestand darin, dass er Joan schließlich per Subraumübertragung mitteilen musste, dass eine weitere Suche keinen Sinn machte.
Curtis war seit fast einem Jahr verschwunden, es gab keinerlei Lebenszeichen von ihm.
Selbst ein geborener Optimist wie Fernandez räumte mittlerweile die Möglichkeit ein, welche die Klatschpresse schon vor Monaten durchgehechelt hatte, dass Captain Future mitsamt seiner Crew ums Leben gekommen war.

Aufgebracht bot Joan ihm unbegrenzte finanzielle Mittel an, um weiter zu suchen, aber Fernandez lehnte ab.
„Joan, es nützt nichts, alles Geld, alle Credits dieses Universum nützen nichts, wenn wir nicht wissen, wo wir suchen müssen! Wir haben nicht den kleinsten Hinweis, nichts! Es ist, als hätte es sie nie gegeben!“
Shushila hatte weinend danebengestanden und hatte sich verzweifelt gewünscht, die völlig hilflose und verängstigte Freundin in die Arme schließen zu können und nicht mehrere Lichtjahre von ihr entfernt zu sein.
Joan hatte nicht geweint, aber sie sah aus, als sei etwas in ihr zerbrochen.
Seitdem hatte sie auf ihre Mails keine Antworten mehr erhalten und beunruhigt Fernandez überredet, auf einer Mission den „kleinen“ Abstecher nach Scapa Flow zu machen.



„...und ich kann dir sagen, dass wir alles versucht haben, sie muss wirklich nicht viel tun im Moment, Richards nimmt ihr  einen Großteil aller Aufgaben ab, eine Trauung habe gestern sogar ich übernommen und Turrow ist Tag und Nacht abrufbereit Wir haben alles versucht, aber es wird jeden Tag schlimmer, als K´helar hörte, dass ihr in der Nähe seid, da dachten wir, dass......“

Shushilas Gedanken schweiften ab und  wanderten einen Moment zu dem „glücklichen“ Paar, das von Maximiliano getraut worden war und sie bedauerte es ehrlich, nicht dabei gewesen zu sein.

Dann rief sie sich selbst wieder zur Ordnung.
„Organisch ist sie also völlig gesund?“, unterbrach sie unvermittelt den Redeschwall das Dicken.

Irritiert stutzte Max, dann fasste er sich rasch:
“Ja, Turrow meint, sie sei völlig gesund, nur ich finde, dass sie viel zu dünn ist, das kann unmöglich gesund sein. Und ich habe seit Tagen nicht mehr richtig geschlafen, aus Sorge um sie und jetzt sieh mich nur an! Ich bin ein Wrack! Ein farbenblindes Wrack, Schätzchen“, theatralisch anklagend hob er die Hände zur Kabinendecke, als ob dort die Anlaufstelle für seine Beschwerde wäre.
Doch Max wäre nicht Max gewesen, wenn er nicht auch an Shushila etwas auszusetzen gehabt hätte:
„Aber eines muss ich dir trotzdem sagen, in einem Sari machst du tausend Mal mehr her als in dieser dunkelblauen Uniform, die steht dir nämlich nicht. Das beisst sich mit deiner Haarfarbe und außerdem bist du zu klein für so enganliegende Teile, deine Beine sind dafür nicht lang genug, wenn ich auch sonst zugeben muss, dass du eine geradezu atemberaubende Figur......“

„Max?!“

„Ja?!“

„Halt die Klappe, halt einfach die Klappe, ja?“

Schwer beleidigt schnaufte Max noch ein bisschen, schwieg aber.
Der Lift hielt an und öffnete sich zu einer riesigen Halle, die mit unzähligen, akkurat übereinandergestapelten Containern gefüllt war.
In den Gängen dazwischen huschten die Laderoboter hin und her, luden die Waren aus, verstauten sie auf kleineren Transportern und die größeren Exemplare von ihnen nahmen die geleerten Container wieder zum Frachtdeck mit zurück und brachten im Gegenzug wieder  neu angekommene Fracht.
Das Gewimmel war beeindruckend und Shushila bewunderte es für einen Moment auch gebührend.
Man konnte über Max denken, was man wollte, als Logistiker war er unschlagbar.
Auf anderen, ähnlich gro0en Stationen, herrschte im Frachtbereich das  schiere Chaos.
In Max` Reich dagegen lief alles reibungslos wie am Schnürchen.

Sichtlich stolz wies ihr Max den Weg durch das von ihm erschaffene Labyrinth.

„Was ist das eigentlich für ein Container?“
Shushila wich erschrocken einem Transporter aus und versuchte sich krampfhaft, den Weg zurück einzuprägen.

Max, immer noch beleidigt stapfte voraus:
“Es ist kein Frachtcontainer, sondern eine Spezialanfertigung, voll klimatisiert, mit allem Drum und Dran! Michael hat dort seine persönlichen Sachen einlagern lassen und die Anweisung gegeben, dass nur Curtis ihn öffnen soll. Und kurz bevor Curtis damals von hier weg ist, waren er und Joan noch einmal bei diesem Container. Das war das letzte Mal, dass sie sich gesehen haben.....“
Seine Stimme war zu einem Flüstern geworden, sein massiger Körper wurde von einem Schluchzer geschüttelt. Auch Max trauerte um Captain Future.
Tröstend legte ihm Shushila eine Hand auf die Schulter, dankbar tätschelte Max diese und atmete tief ein.

Schließlich bogen sie um eine Ecke und am Ende von einem der Gänge erkannte Shushila im dämmrigen Licht des Raumes Joan, die mit dem Rücken zu ihnen stand.

„Du bist unsere letzte Hoffnung“, flüsterte Max dramatisch.
„Tu etwas, irgendetwas! Egal, was es kostet, egal, wen oder was wir dafür bestechen oder was wir dafür tun müssen, aber sie soll wieder lächeln können, ja? Bitte!“
Auf seinen Wangen zeigten sich hektische rote Flecken und entschlossen schob er die Ärztin in die Richtung Joans, bevor er selbst davon schlich.

Nur zögerlich näherte sich Shushila Joan.
Was sollte sie tun können, was Turrow, Richards, Max und sogar K´helar nicht geschafft hatten?
Sie räusperte sich, aber Joan hob nicht einmal den Kopf, sie hatte die Hand an den Container gelegt, als sei er ein lebendiges Wesen.

„Du solltest nicht hier sein, Süße!“ ,sanft berührte Shushila Joan an der Schulter und schämte sich sofort für diese dumme Bemerkung.
Endlich sah Joan sie an, ihre Augen wirkten erloschen und ihr Gesicht war schmal geworden:
„Nein, da hast du Recht, ich sollte nicht hier sein. Ich sollte bei ihm sein“, antwortete sie tonlos, als ob ihr das Sprechen unendliche Mühe machte und wandte ihr Gesicht dann wieder dem Container zu, als ob sie ihn beschwören könnte, etwas für sie zu tun.

Ja, aber dann wärst du vielleicht genauso tot wie er, dachte Shushila mitleidig, wagte es aber nicht, diesen Gedanken laut zu äußern.

Wenn sie wenigstens weinen und toben würde, aber diese absolute, ruhige  Hoffnungslosigkeit!

Shushila überlegte kurz, das sah wirklich schlimm aus, sie fröstelte. Und hier war es wirklich kalt. Wenn sie die sanfte Tour wählte, dann würde sie noch eine ganze Weile hier mit Joan herumstehen und  auf sie einreden, wobei sie sich dann halt zu zweit den Tod holten.
Oder sie fuhr die harte Variante, dann würde es schneller gehen, aber es würde Joan mehr weh tun.
Ihr fiel die lebenslustige, eigentlich immer realistische und mit einem recht gesunden Sinn für Humor ausgestattete Joan ein, die sie kannte. Was würde diese in der gleichen Situation für sie tun?

Shushila entschied schnell:
“Und du denkst, dass Curtis das so gewollt hat, ja?!“
Ihr Ton war aufreizend, provozierend.

„Was sollte er gewollt haben?, beunruhigt sah Joan sie wieder an.

Die Ärztin nahm allen Mut zusammen, das würde jetzt weh tun, aber es musste sitzen:
„Na dass du hier stehst, dir in der Arschkälte den Tod holst, melodramatisch einen Frachtcontainer anwimmerst und alle, die dich brauchen, im Stich lässt. Genauso hat er das gewollt, nicht wahr?“

Zorn blitzte in Joans Augen auf.
„Wie kannst du so etwas sagen“, fuhr sie auf.

Aber Shushila winkte ab und verkniff sich ein triumphierendes Lächeln, Joan hatte angebissen.
„Wie ich das sagen kann? Ich habe Curtis gekannt, vergiss das nicht! Und ich weiß, wenn er eines nicht gewollt hätte, dann dass du dich aufgibst, dass du ohne ihn nicht weiter machst. Den Captain Future, den ich kannte, hatte für Selbstmitleid ziemlich wenig übrig oder habe ich ihn falsch eingeschätzt? Er würde dich fragen, was du hier unten zum Teufel noch einmal suchst und dann würde er dich nach oben scheuchen, wo du zur Zeit dringender gebraucht wirst!“

Sie trat näher zu Joan und nahm sie in die Arme, spürte, wie die sich zuerst dagegen sperrte, doch Shushila gab nicht nach, drückte die Freundin an sich und merkte erleichtert, wie diese zu weinen begann.
Tränen konnten heilsam sein, vielleicht waren sie der Beginn davon, dass sich Joan der schmerzhaften Tatsache stellte, dass Curtis höchstwahrscheinlich tot war, dass sie ihn und die Erinnerung an ihre letzte Begegnung loslassen musste.

Geduldig ließ sie Joan schluchzen und murmelte nur beruhigende Worte.
„Was ist eigentlich in dem Container?“ ,versuchte sie nach einer Weile abzulenken.

Joan löste sich aus der Umarmung und wischte sich mit beiden Händen die Tränen vom Gesicht:
“Ich weiß es nicht, zumindest nicht wirklich“, schniefte sie.

„Du bist hier der Boss und weißt nicht, was sich in dem Ding befindet? Bist du kein bisschen neugierig?“
Das konnte Shushila nicht glauben, sie ging zum Display und gab verschiedene Zahlenkombinationen ein, ohne Erfolgt.
„Kennst du die Kombination?“

Joan schüttelte den Kopf:
“Nein, in der Anweisung von Michael stand, dass Curtis schon wüsste, welche Zahlenkombination er eingeben müsste, aber er wollte sie nicht öffnen, als er hier...“, sie brach ab.

Unbekümmert gab Shushila eine weitere Zahlenkombination ein.
„Hmm, also sein Geburtsdatum ist es definitiv nicht“, stellte sie enttäuscht fest.
„Kennst du die Daten seiner Eltern?“

Erwartungsvoll sah sie Joan an, die hatte den Mund offen vor Empörung.
„Nur Curtis sollte ihn öffnen!“, hauchte sie entsetzt.

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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #3 am: 7. November 2008, 17:52:06 Uhr »
Shushila merkte, dass sie zu weit gegangen war, sie legte Joan den Arm um die Schulter und dirigierte sie so sanft, aber nachdrücklich, Richtung Lift oder zumindest dorthin, wo sie den Ausgang in diesem Labyrinth vermutete.
„Liebes, ich will dir nicht weh tun, wirklich nicht. Aber denkst du nicht, dass es Zeit ist, weiterzugehen? Weiterzuleben? Nicht nur darüber nachzugrübeln, was wäre gewesen, wenn ich dieses oder jenes nicht getan oder gesagt hätte?“
Prüfend schaute sie Joan an, die mit gesenktem Kopf neben ihr hertrottete.

„Er wird wiederkommen, er ist nicht tot“, murmelte sie störrisch.

Shushila seufzte auf:
„Es ist über ein Jahr her, seit über einem Jahr hat ihn niemand mehr gesehen, niemand auch nur den Hauch einer Spur gefunden. Weder von Curtis, noch von seiner Crew, noch von der „Comet“. Manuel sagt, dass er niemals so lange fort bleiben würde, schon gar nicht, ohne sich wenigstens einmal zu melden. Vielleicht solltest du der Realität ins Auge  sehen und.....“

Erschrocken war Joan stehen geblieben und schaute sie mit tränenüberströmtem Gesicht an.
Shushila zerschnitt es das Herz, warum nur musste ausgerechnet Joan so leiden?

Zum ersten Mal sprach diese aber  aus, woran sie sich bisher weigerte, auch nur zu denken, auch nur die Möglichkeit in Betracht zu ziehen:
„Du meinst, ich soll also akzeptieren, dass er tot ist, dass ich ihn nie wiedersehen werde?“

Das klang so furchtbar endgültig und unabänderlich und Joan sah so verzweifelt aus, dass auch Shushila die Tränen in die Augen stiegen.

Sie musste eine Antwort finden, die Joan nicht allem Mut nahm, die sie aber auch wieder ins Leben zurückbrachte.
Zart fuhr sie der Freundin durchs Haar und suchte nach Worten:
„Das kannst nur du für dich entscheiden, was du glauben oder akzeptieren willst, Liebes!
Aber du solltest immer daran denken, dass er dir nicht verzeihen würde, wenn du jetzt aufgibst. Hör auf, aus diesem Container einen Schrein zu machen, hör auf dich zu quälen!
Lass uns nach oben gehen und fang wieder an zu leben, tu es für Curtis. Er hätte es so gewollt! Er liebt dich, er wollte dich immer in Sicherheit wissen, du bist alles für ihn. Es würde ihm das Herz brechen, wenn er dich so sehen würde!“

Unbewusst sprach auch Shushila nicht in der Vergangenheit von Curtis und obwohl Joan bei ihren letzten Worten wieder hemmungslos zu schluchzen begann, erreichte sie doch gerade damit, was sie wollte..........


Joan „kehrte zurück“.
Zwar nur langsam, manchmal gab es Rückschläge und finstere Stunden, aber als die „Magellan“ nach einem halben Jahr wieder auf Scapa Flow Station machte, empfing sie eine sichtlich erholte und ausgeglichenere Joan, welche die Geschicke der riesigen Raumstation wieder mit Mut, Klugheit und Charme lenkte.

Der Container jedoch blieb ungeöffnet, Shushila wagte nicht, dass Gespräch wieder auf seinen geheimnisvollen Inhalt zu bringen.
Irgendwann würde Joan die Kraft finden, ihn zu öffnen, schon um Curtis` Erbe zu sichern.
Sollten die letzten Geheimnisse des Michael Newton in ihm schlummern, die Seelenruhe ihrer Freundin war ihr wichtiger.


„Magellan an Shushila! He, bist du noch da?“
Sie fuhr aus ihren Erinnerungen auf.
Das Shuttle hatte schon längst wieder die Raumbase erreicht und dockte an.
Beunruhigt, über die so ungewohnt schweigsam aus dem Fenster starrende Shushila, hatte Fernandez sie gerufen.
Schnell schüttelte sie die Erinnerungen ab, löste den Sicherheitsgurt und folgt ihm aus dem Shuttle.
„Woran hast du dir ganze Zeit gedacht?, erkundigte sich Fernandez besorgt.

Shushila massierte sich mit verzerrtem Gesicht den Nacken.
„An das, was vor einem Jahr auf Scapa Flow war, als Joan praktisch zusammengebrochen ist und ich ihr geraten habe, Curtis ` Tod als unabänderliche Tatsache zu akzeptieren.“
Sie seufzte auf, Fernandez nickte nur.
„Wie hattest du einmal so treffend gesagt, als Chirurgin bin ich ein Ass, als Psychologin eine Niete. Und du hattest Recht damit!“

Denn jetzt befand sich der Todgeglaubte auf dem Weg nach Scapa Flow. Nach über zwei Jahren, in denen sich Joan heldenhaft bemüht hatte, ihren eigenen Weg zu finden und ihr Leben gerade wieder im Griff hatte, zur Ruhe gekommen war.
Einfach würde das Wiedersehen für beide nicht werden.
Vielleicht hätten sie Curtis doch ein wenig vorbereiten sollen.

Wahrscheinlich wälzte Fernandez ganz ähnliche Überlegungen, denn auch er seufzte nachdenklich auf:
 „Lass uns was trinken gehen, ja? Ich könnte ein oder zwei oder drei Drinks vertragen“, schlug er Shushila vor.

„Einverstanden“, reagierte sie schnell, fast erleichtert..
„Lass uns auf Curtis anstoßen, auf seine Wiederkehr von den Toten!“

„Und darauf, dass es ihn auf Scapa Flow nicht gleich umhaut“, schlug Fernandez im Gegenzug vor.

„Meinst du jetzt gesundheitlich oder das andere?“
Shushila biss wie immer sofort bei doppelbödigen Bemerkungen an, er musste grinsen.
„ Beides“, meinte er und Shushila verdrehte vielsagend ihre Augen.


 
 










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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #4 am: 7. November 2008, 17:53:50 Uhr »
 V.  Scapa Flow

Richards lehnte sich zufrieden im Sessel zurück.
Er hatte dem Sicherheitsdienst gerade Anweisung gegeben, dass zwei rauflustige Kadetten  der Sternenflotte auf recht unrühmliche Weise zu ihrem Schiff zurückverfrachtet wurden, nicht ohne ihnen noch vorher das weitere Betreten von Scapa Flow zu verbieten.
Die Gesichter der inzwischen ausgenüchterten Delinquenten hatten Bände gesprochen: Ihr Schiff, die „Stargazer“, würde noch vier Tage im Orbit verbleiben. Vier lange Tage, in denen  ihre Kameraden auf der Station Party machen würden und sie nur einen sehnsuchtsvollen Blick darauf werfen dürften.
Der endgültige Rausschmiss von Scapa Flow war eine empfindliche Strafe, das wusste Richards nur zu genau und vor allem schreckte das auch andere halbwüchsige Kraftprotze ab, Ähnliches anzustellen und Randale zu machen.

Auf seinen Monitoren konnte er sehen, dass eben die letzten Shuttles die Station verließen.
Für die nächsten zehn Stunden würde Scapa Flow keine neuen Gäste mehr empfangen und die, die sich jetzt noch hier befanden, besaßen  entweder genügend Geld, um in einer der luxuriösen Suiten zu übernachten oder sie hatten eine unverwüstliche Natur, sodass sie die Nacht im Casino, in den Clubs oder in einem der anderen unzähligen Läden durchfeierten.
Dadurch wurde die Sicherheitslage wesentlich übersichtlicher, Richards konnte sich entspannen.

Noch die Liste mit den durch die Reichweitenscanner erfassten Raumschiffe durchgehen, die im Laufe der Nacht den Orbit um Scapa Flow erreichen würden und die morgige Shuttledeckverteilung überprüfen und weiterleiten, dann war alles geschafft.

Richards nahm sich seine Tasse mit Kaffe, wie immer schwarz und stark wie Rohöl, legte genüsslich die Füße auf den Schreibtisch und begann, den Schiffen Parkpositionen und Landegenehmigungen für ihre Shuttles zuzuteilen.

Ungefähr in der Mitte des Dokuments stieß er auf eine Schiffs- ID- Nummer, die ihn wie elektrisiert auffahren ließ.
Er verbrühte sich die Zunge an einem zu hastigen Schluck Kaffee, fluchte leise und rief den diensthabenden Navigator auf, um sich den zwölfstelligen Code des Schiffes noch einmal bestätigen zu lassen.
Wenige Sekunden später erschien die nochmals aktualisierte Liste auf dem Monitor seiner Schreibtischkonsole.
Richards verglich diese Zahlen mit denen auf der ersten: sie stimmten überein.
Trotzdem blieb er misstrauisch:
„Und es besteht auch keinerlei Zweifel darüber, dass es sich nicht um einen Zahlen- dreher handelt?“, bohrte er noch einmal persönlich nach.

„Sir, das Schiff fliegt mit mehrfacher Lichtgeschwindigkeit und ist noch zu weit entfernt, um Funkkontakt aufzunehmen, aber nach dem, was unsere Scanner bisher...“

„Wann können wir sicher sein, dass es sich wirklich um dieses Schiff handelt?“, unterbrach Richards ungeduldig.

„In etwa zwei Stunden, Sir!“
Richards warf einen kurzen Blick auf die Uhr, das würden die längsten zwei Stunden seit Jahren werden!
„In zwei Stunden führen sie einen nochmaligen Reichweitenscann durch, mit allem, was wir zu bieten haben, klar? Das Ergebnis wird sofort an mich übermittelt!“, befahl er schroff.

„Ja Sir, sollen die Daten an ihre Privatkonsole transferiert werden?“

„Nein, ich werde hier sein, Richards Ende!“

Das war’s, sein ruhiger Feierabend war vorbei!
Schon wollte sich Richards wieder seiner Tasse Kaffe zuwenden, als ihm einfiel, dass Dr. Turrow in letzter Zeit seinen Blutdruck bemängelt hatte.
Sollte sich das Ergebnis des Scanns bestätigen, dann würde es genügend Aufregung geben, um diesen in ungesunde Höhen schnellen zu lassen, besser, er ließ den Kaffee weg.
Bedauernd schnupperte er noch einmal an dem Getränk, Max hatte weder Kosten noch Mühen gescheut und die Bohnen extra einfliegen lassen,  eigentlich schade drum.
   ----------------------------------------------------------------------------------------

Joan saß an Michael Newtons antikem Schreibtisch, den sie übernommen hatte, weil er  einfach unbeschreiblich elegant und  stilvoll war. Sonst hatte sie aber entschlossen den ersten Raum des Masterquartiers „entschärft“ und die kostbaren und repräsentativen Möbel, die vorher hier standen, durch eine wesentlich praktischere Büroeinrichtung und eine bequeme Sitzgruppe ersetzt. Von dem wirklich wunderschönen Schreibtisch hatte sie sich aber nicht trennen können.

Ergeben arbeitete sie nun an dem guten Stück den langweiligen Schriftkram ab, der ihr von Turrow, Richards und Maximiliano im Laufe des Tages zugearbeitet wurde.
Sie wusste, dass alle drei ihr so viel Arbeit wie möglich abnahmen und viele der Dokumente mussten nur noch kurz überflogen und absigniert werden. Das war immer die letzte, wenn auch ungeliebteste Aufgabe des Tages.

So spät arbeitete Joan sonst selten noch, aber sie hatte sich vorhin mit Max den Luxus gegönnt, dem ausgelassenen Treiben der Kadetten zuzuschauen, die das Bestehen ihrer Prüfungen feierten.
Sehnsüchtig hatte sie auf der Galerie gestanden und der Zeremonie, die der Captain der „Stargazer“ auf dem Promenadendeck abhielt, zugehört.
Sie erinnerte sich, dass auch sie damals nach der Abschlussfeier mit ihren Kommilitonen durch die Bars und Clubs gezogen war und bis heute fehlte ihr die Erinnerung daran, wie sie in ihr Bett im Wohnheim zurückgekommen war.

Kaum hatte der letzte Kadett seine Ernennungsurkunde erhalten, warfen sie alle wie auf Kommando die Mützen in die Luft und brachen in ohrenbetäubendes Geheul aus.
Aller Stress und alle Sorgen der letzten Wochen und Monate fielen von ihnen ab, jetzt ging es nur noch darum, zu feiern, allen aufgestauten Frust abzulassen.

Amüsiert registrierte Joan, wie einer der Kadetten, ihre Anwesenheit auf der Galerie bemerkte und seinen Freund auf sie aufmerksam machte.
Beide schauten bewundernd zu der blonden, schlanken Gestalt hoch und winkten ihr hektisch zu, zu ihnen nach unten zu kommen.
Schnell verschwand sie aus deren Blickfeld und ließ durch Max die frohe Botschaft überbringen, dass die Drinks in den Bars für die Absolventen heute Abend frei seien.
Der Jubel über diese Botschaft drang noch bis zu ihr hoch, aber sie war schon auf dem Weg in ihr Privatquartier.

Der Türmelder summte, Joan betätigte die Gegensprechanlage.

„Ich bin’s, Max, du musste noch die Shuttledeckverteilung absegnen, meint Richards!“

Monatelang hatte Joan wie besessen die Reichweitenscanns Abend für Abend kontrolliert.
Immer auf der Suche nach der „Comet“, manchmal hatte sie sogar mehrmals am Tag weitere Scanns angeordnet.
Doch seit einigen Monaten hatte sie das aufgegeben, es war einfach zu frustrierend.

Der  Alltag auf Scapa Flow lief weiter, forderte seinen Tribut und mehr und mehr ertappte sich Joan dabei, dass sie Curtis zwar nicht vergaß, aber dass er in den Hintergrund gedrängt wurde, dass die Erinnerung an ihn verblasste.
Schweißgebadet wachte sie manchmal nachts auf und versuchte, sich an seine Stimme zu erinnern. Es fiel ihr immer schwerer und das machte ihr zu schaffen.

Max trat ein und überreichte ihr die Disc mit dem Datensatz, Joan bedankte sich und legte sie auf den Stapel mit noch unerledigten Dokumenten.

Richards Vergabeprinzipien war zu trauen, er bevorzugte niemanden, egal ob es ein hohes Tier aus der Regierung war oder nur eine Frachterbesatzung. Bei ihm ging es nach dem Prinzip: wer zuerst kommt, mahlt zuerst!
Und Joan war damit völlig einverstanden, die Schiffe, die im Laufe der Nacht zuerst den Orbit erreicht, sollten auch zuerst ein Shuttledeck zu Verfügung gestellt bekommen.
Es war also eine reine Formsache, ihre Unterschrift darunter zu setzen!

Als Max sah, dass Joan die Disc einfach  achtlos auf den Stapel legte, begann er unruhig von einem Bein aufs andere zu treten.
Turrow, er und Richards hatten nämlich gelost, wer es Joan sagen sollte, dass keinerlei Zweifel mehr daran bestanden, dass die „Comet“, das Raumschiff Captain Futures, in etwa vier Stunden den Orbit um die Station erreichen würde.
Ihn beschlich das ungute Gefühl, dass Turrow beim Losen gemogelt hatte, denn er und Richards hatten sehr erleichtert reagiert, als Max das kürzere Streichholz zog.
Keiner wusste, wie Joan auf diese Nachricht reagieren würde.
Zu viel war in den letzten beiden Jahren passiert, dass sich nicht rückgängig machen ließ.
Wie würde sie reagieren? Wie würde Curtis Newton reagieren?
Vor allem: Was würde er als Grund vorbringen, weshalb er sich über zwei Jahre nicht gemeldet hatte?
Max, der Joan aufrichtig liebte, wollte sie nicht wieder leiden sehen, es freute ihn, dass sie fast wieder die „alte“ Joan war, ihren Humor wiedergefunden hatte und auch sonst ausgeglichen und zufrieden wirkte.

Joan  dagegen bemerkte Max` Unruhe und beschämt stellte sie fest, dass sie keine sehr gute Gastgeberin war. Sicher wollte Max nur noch ein Schwätzchen machen, der Kram erforderte eh nicht ihre volle Aufmerksamkeit, also bot sie ihm schnell einen Platz an und holte ihm noch einen Drink, ehe sie sich wieder an den Schreibtisch setzte.

Sie hatte sich nicht getäuscht, Max ` Redeschwall begann wie eine angebohrte Quelle zu sprudeln.
Mit halben Ohr hörte Joan amüsiert zu, es gab keinen, nicht mal Richards, der besser über den neuesten Klatsch und die neuesten Gerüchte, die auf der Station die Runde machten, informiert war, als Max.

Obwohl Joan nicht alles interessierte, war dies immer eine gute Möglichkeit, auf dem laufenden zu bleiben und gut informiert zu sein, schließlich war sie das ihrem Ruf als Master schuldig.
Zu guter Letzt angelte sie sich die von Max gebrachte Disc hervor, lud sie in ihre Konsole, überflog die dort aufgestellte Liste kurz, zeichnete sie ab und hielt die Disc Max wieder hin.
Sicher musste er sie noch vor dem Morgen im Kontrollzentrum abgeben.

Entgeistert starrte er Joan an, die wurde ungeduldig:
„Hey, ich dachte, du nimmst sie gleich wieder mit, ich mache nämlich jetzt Schluss, du weißt, dass ich erwartet werde!“
Schulterzuckend warf sie dem Dicken die Disc einfach in den Schoß.

Max wurde abwechselnd rot und blass, begann zu stottern, ein untrügliches Zeichen, dass etwas nicht in Ordnung war.
Joan seufzte auf, eigentlich hatte sie für Dramen und Aufzüge jetzt keine Zeit, aber die Erfahrung hatte sie auch gelehrt, dass Turrow und Richards gerne den harmlosen Maximiliano vorschickten, wenn es darum ging, irgendwelche aufgetretenen Schwierigkeiten zu beichten.

Sie stand auf, ging um den Schreibtisch herum, lehnte sich mit verschränkten Armen dagegen und sah Max streng an:
“Rück schon raus damit, was ist es dieses Mal? Hast du wieder einen Container mit rosafarbenen Badeperlen und ähnlichem Kram doppelt bestellt? Oder hat Richards etwa bei einem Probeflug mit der „Black Swan“ den Hangar beschädigt?“

Störrisch schüttelte Max den Kopf, schluckte dann ein paar mal schwer und platzte einfach heraus:
“Wir haben die „Comet“ geortet!“
Jetzt war es raus, Gott sei Dank, er wäre fast dran erstickt! Mit hastigen Schlucken trank er sein Glas in einem Zug leer.

Joan fühlte den Boden unter sich schwanken, für einen Moment wurde ihr Schwarz vor Augen.
Widerstreitende Gefühle überfluteten sie, Freude, Ungläubigkeit, Angst, totales Chaos!
Perplex starrte sie Max wie gelähmt an.

Der stand auf und schenkte sich, ohne nachzufragen, nochmals sein Glas voll Cognac.

„Ist das wirklich sicher?“, brachte Joan schließlich hervor.

Max nickte heftig:
“Ganz sicher, Richards hat es mehrmals überprüfen lassen. Sie werden den Orbit in vier Stunden erreichen.“, krächzte er und musste husten. Cognac war sonst nicht das Getränk seiner Wahl!

Endlich löste sich Joan aus ihrer Erstarrung, begann ruhelos auf und ab zu laufen, fuhr sich mit beiden Händen nervös durch die Haare und schüttelte immer wieder den Kopf.
„Und was ist mit Curtis, ich meine, wer ist auf dem Schiff...?“, unsicher sah sie Max an.

„Bei einer derartigen Geschwindigkeit befinden sich die Passagiere in Stase, das weißt du und das Schiff wird per Autopilot gesteuert“, antwortete er achselzuckend.
Joan nickte, eigentlich wusste sie das. Sinnlos, jetzt auf weitere Informationen zu hoffen.
Solange hatte sie auf diesen Moment gewartet, solange darauf gehofft und jetzt, jetzt fürchtete sie sich plötzlich davor.

Sie lehnte sich wieder an den Schreibtisch und starrte vor sich hin.
Ihre Sehnsüchte hatten sie immer bis zu dem Punkt geführt, an dem die „Comet“ und ihre Crew wiederkehrten, niemals hatte Joan weiter gedacht.
Was sie Curtis sagen wollte, wie sie ihm alles erklären wollte.
Aber zum Teufel noch mal, er würde ihr schließlich auch einiges erklären müssen!

„Richards fragt, was du jetzt tun willst“ holte Max sie mit sanfter Stimme aus ihren Überlegungen.

Joan fuhr auf.
„Er soll ein Shuttledeck bereithalten“, befahl sie schnell.
Max nickte zustimmend, es war klar, dass für Captain Future das nächtliche Landeverbot auf Scapa Flow nicht galt.

„Und ich will allein dort hingehen“, fügte Joan noch bestimmt hinzu.

Max wollte etwas einwenden, aber er überlegte es sich:
“Ich verstehe“, murmelte er nur.
„Dann werde ich mal Richards Bescheid geben.“
Ächzend erhob er sich und wollte schon gehen.

Doch spontan ging er noch einmal zu Joan, umarmte sie, küsste sie auf die Wange und flüsterte ihr zu:
“Nur Mut, so schlimm kann es doch nicht werden, oder?!“

Joan war sich da nicht so sicher.........................
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #5 am: 7. November 2008, 17:55:34 Uhr »
VI.
„Bei allen Schrauben und Platinen! Gib ihm verdammt noch einmal diese blöde Injektion, du siehst doch, dass es ihm immer noch nicht besser geht, oder?“

„Halt deine Klappe, Blechbüchse, ich werde genau nach Shushilas Anweisungen vorgehen und die hat gesagt, dass wir mit der zweiten Injektion warten.....“

„Aber er ist immer noch nicht richtig bei Bewusstsein und sein Kreislauf ist auch noch instabil, wir sollten also....“

„Das sehe ich selber, dass der Captain noch nicht wieder auf dem Damm ist, aber ich erinnere bloß an jemanden der noch zwei Wochen nach seiner Wiederbelebung Mühe hatte, unfallfrei und aufrecht zu gehen, also lass ihm noch ein bisschen Zeit, ja?!“

„Wer hatte nach zwei Wochen immer noch Mühe, aufrecht zu gehen, hä?!“

„Oh, wieso fühlst du dich da angesprochen? Ich habe keine Namen genannt, also brauchst du dich auch gar nicht so drohend vor mir aufzubauen, klar?!“

„Ich drohe nicht bloß, ich werde dir...“

„Ja, ja, mach dich nützlich und nimm Kontakt zur Station auf und lass mich hier in Ruhe, ich krieg das schon hin!“

„Das werd ich nicht! Ich krieg das schon hin, das ich nicht lache! Etwa genauso gut wie du es hingekriegt hast, dass wir Ul Quorn in die Falle gegangen sind?! Wenn das so ist, bleibe ich lieber hier, ehe du Curtis umbringst!“

„Was behauptest du?! Ich wäre daran Schuld, dass wir .....!“

„Natürlich, wenn du nicht......“

„Schluss!“, krächzte Curtis und hustete den letzten Rest der Stase- Flüssigkeit aus.
Grags und Ottos Gezänk war langsam in sein Bewusstsein gedrungen und mit den zunehmenden Schuldzuweisungen wurde die Situation jetzt brenzlig.
Angenehm war es jedoch nicht, frierend und immer noch nicht richtig bei Bewusstsein durch die Streitereien eines Androiden und eines Roboters geweckt zu werden.

Triefnass, mit einem großen Handtuch um die Schultern, saß Curtis vor der Stase- Kammer, aus der bereits die Flüssigkeit abgelassen war.
Mühsam hielt er sich wenigstens aufrecht, um seinen Kreislauf wieder in Gang zu bringen, aufstehen ging jedoch noch gar nicht, vorsichtshalber ließ er auch die Augen geschlossen.
 
Simon hatte nach solchen Flügen stets dafür gesorgt, dass alles ruhig und einem tröstlichen, schummrigen Halbdunkel blieb, um ihm so die Chance zu geben, ohne weitere Medikamentengaben wieder in Gang zu kommen.
Aber jetzt war alles anders, er musste ohne ihn zurecht kommen.

Vorsichtig versuchte er seine Augen zu öffnen
Geblendet von kaltem und grellem Licht kniff Curtis sie sofort wieder zusammen. Wenigstens hielten die zwei Streithähne jetzt ihren Mund und verschlimmerten nicht noch seine dröhnenden Kopfschmerzen.
Hinter seinen Augenlidern zuckten grelle Blitze und alles schien sich um ihn zu drehen.
Wie sagte der Professor immer? Das Erwachen nach einem Stase- Flug ist nur mit dem Aufwachen nach einem anständigen Wiskhy-  Rausch zu vergleichen!
Zumindest war ihm jetzt genauso übel, konstatierte Curtis mit grimmigem Humor.
Simon – die Erinnerung setzte jetzt wieder vollständig ein und schmerzte.
Er fehlte Curtis an allen Ecken und Enden, der Professor hatte Grag und Otto bei ihren Streitereien stets im Griff gehabt, er hätte.....

Dann begriff er mit einem Mal, dass er aber auch dort angekommen war, wo er sich die letzten Jahre hingeträumt hatte.

Jetzt trennte ihn nur ein kurzer Shuttleflug von Joan!

Entschlossen öffnete Curtis die Augen und mit eiserner Disziplin überwand der die Übelkeit, den Schwindel, es gelang ihm sogar, das Dröhnen und Rauschen in seinem Kopf zu ignorieren und aufzustehen.

„Du solltest wirklich noch ein bisschen sitzen bleiben!“
Kritisch beäugte Otto seinen Patienten, der sich auch sofort an der Wand abstützen musste.
Shushila hatte sie gewarnt, sollte Curtis sich nach dem Stase –Flug nicht schonen, so würde sein Kreislauf sehr schnell wieder zusammenbrechen und dies könnte unter Umständen sogar lebensgefährlich werden.
„Überprüf sofort seine Kreislauffunktion, mach einen Ganzkörperscann und schick die Ergebnisse und Anamnesen, die ich jetzt hier gemacht habe, noch ehe ihr auf Scapa Flow landet, an Dr. Turrow! Ist das klar?“
Das hatte sie Otto eindringlich ans Herz gelegt, als Curtis schon in Stase war und kurz bevor sie den Androiden dann in eine Form des Kältetiefschlafs versetzt hatte.
Obwohl er den Captain nur sehr ungern hinterging, schwor Otto sich, dass es das nächste war, was er tun würde.

Curtis sah nicht gut aus.
Die mit Antibiotika, Nährstoffen und Vitaminen gesättigte Stase –Lösung ließ ihn wenigstens nicht mehr ganz so erschreckend mager aussehen, von seinem Normalgewicht war er aber noch trotzdem weit entfernt.
Und Otto hoffte auch, dass alle Narben und Wunden so gut aussahen und so verblasst waren, wie diejenige, die er verstohlen auf Curtis` Handrücken kontrolliert hatte.
Shushila hatte völlig recht gehabt, der Captain gehört erst einmal weiter in ärztliche Behandlung. Turrow war dafür genau der Richtige, er würde wissen, wie man mit einem so ungeduldigen Patienten umging, schließlich war er mit Michael Newton fertig geworden, also würde er es auch mit seinem Neffen schaffen.

„Grag, nimm Kontakt zur Station auf!“, befahl Captain Future leise, aber bestimmt.

„Geht klar, Captain!“
Grag warf Otto einen kurzen Blick zu, aber der deutete mit einem leichten Heben seiner Schultern nur seine Hilflosigkeit an: Du weißt, dass es sich jetzt nicht ins Bett legen wird, um sich auszuruhen. Und weder du noch ich können ihn von dem abhalten, was er tun will!

Grag verschwand auf die Brücke.

„Gib mir die zweite Injektion!“
Hastig winkte Curtis Otto heran, lehnte sich an die Wand und legte den Kopf in den Nacken.
Otto wollte etwas einwenden, schwieg dann aber lieber und tat, wie ihm geheißen.

Er bemerkte, wie Curtis aufatmete und sich langsam fasste.
„Wie spät ist es eigentlich?“, fragte er mit schon fast normaler Stimme.

„Bordzeit oder Stationszeit?“

„Unten, auf Scapa Flow!“

„Kurz vor Mitternacht, denke ich..“

Curtis rubbelte sich mit dem Handtuch über die in den zwei Wochen Stase wenigstens notdürftig nachgewachsen Haarstoppeln, das Spezialgewebe des schwarzen Anzuges war dagegen jedoch schon völlig getrocknet.

„Landeverbot, verdammt“, fluchte er leise und schimpfte dann weiter vor sich hin.

 Er ist dünnhäutiger geworden, leicht reizbar, braust schnell auf, dachte Otto traurig, aber wer von uns hat sich dort nicht verändert?

„Captain?“
Grags Stimme über den Bordfunk, sie klang aufgeregt.
„Wir haben eine sofortige Landegenehmigung für ein Shuttledeck erhalten!“

Curtis` Kopf schälte sich unter dem Handtuch hervor, er grinste frech:
„Na also, geht doch! In einer Viertelstunde am Shuttle, Ende!“
Achtlos warf er Otto das nasse Handtuch hin und verschwand in seine Kabine.

Seufzend und sorgenvoll räumte der Androide noch die leeren Injektionspistolen weg, verstaute den zum Glück unbenutzt gebliebenen Defibrilator, überspielte  dann, sich verstohlen dabei umsehend, die Ergebnisse der medizinischen Scanns an den Stationsarzt von Scapa Flow und trollte sich dann zum Shuttle.
Was würde sie dort unten jetzt erwarten?

 
« Letzte Änderung: 7. November 2008, 17:57:31 Uhr von Felixx »
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #6 am: 7. November 2008, 17:56:52 Uhr »
Ufff.....  ;)
Das artete ja richtig in Arbeit aus...

Anstandslos überließ Captain Future Grag das Steuer des Shuttles.
Für den wachsamen Androiden ein untrügliches Zeichen, dass er sich seiner körperlichen Schwäche bewusst war.
Curtis` Augen glänzten verräterisch, sicher hatte er Fieber, eine normale Reaktion des Körpers auf den Stase- Flug. Und im gesunden Zustand für ihn kein Problem, jetzt bereitete es Otto aber Sorgen und er hoffte, dass auf dem Shuttledeck sofort Dr. Turrow die Regie übernahm.
Noch dazu schien es, dass der Captain ab und zu fröstelte, dann wieder konnte man kleine Schweißperlen auf seiner Stirn erkennen, hoffentlich beeilte sich Grag!
Doch das musste man dem Roboter wirklich nicht sagen, er flog wie der Teufel.

Kurz bevor sie die „Comet“ verlassen hatten, war es wieder zum Streit mit ihm gekommen. Grag saß nämlich schon wie festgenagelt im Kommandosessel des Shuttles, checkte die Startvorrichtungen und gab ihm damit unmissverständlich zu verstehen, dass er, Otto, auf dem Schiff zu verbleiben hätte.

Um keinen Preis  aber hätte Otto sich das Wiedersehen mit Joan entgehen lassen.
Und so kam es, wie es kommen musste.
Beide wurden schon fast handgreiflich, als Captain Future ins Shuttle stieg und mit der salomonischen Entscheidung, dass die „Comet“ im Orbit einer so gut bewachten Station wie Scapa Flow auch mit einem Funkcode gesichert werden könne,  den Zwist beendete.

Schweigend navigierte Grag das Shuttle zwischen den vielen Raumschiffen hindurch, die auf genau abgezirkelten Parkpositionen die Station umkreisten.
Ab und zu bezeugte der kurze Ausstoß der Steuertriebwerke, dass sie ihre Position hielten oder leicht korrigierten.

Dann kam Scapa Flow in Sicht.
Wie ein funkelndes Juwel auf schwarzem Samt wirkte die Station und nicht nur Curtis hielt bei ihrem Anblick kurz den Atem an.
Die unzähligen, vielfarbigen Lichter, das Glänzen der gläsernen Kuppel, das magische Strahlen schienen wie eine Verheißung zu sein. Auf Wärme, auf Leben, auf Unbeschwertheit, auf Lachen und vor allem: auf Joan.

Otto bemerkte, wie Curtis unruhig mit den Fingern auf die Lehne seines Sessels trommelte, er wirkte angespannt und nervös.
Warum nur? Alles würde gut werden!
Er hatte Shushila nach Joan gefragt und die hatte ihm erzählt, dass es Joan gut gehen würde.
Weshalb machte sich Curtis solche Sorgen? Wenn jemand verstehen würde, was ihnen alles widerfahren war, dann Joan. Sicher würde sie Curtis nicht mit Vorwürfen überhäufen, Joan würde verstehen.

Grag steuerte die Shuttlerampen an und tatsächlich, als sie näher flogen, öffnete sich eines der riesigen Tore, die Landesignale wurden angeschaltet und der Roboter landete mühelos und butterweich auf dem großen Deck.

Nachdem die gelben Warnlampen erloschen waren, die anzeigten, dass sich der Raum mit Sauerstoff gefüllt hatte, stiegen sie aus.

Captain Future ging voran.
Das Deck war leer und nur spärlich beleuchtet.
Keine Joan, die ihnen entgegenstürmte und dem Captain um den Hals fiel.
Kein aufgeregtes Kreischen eines aufgekratzten und hoch erfreuten Maximiliano.
Otto sah, wie der Captain kurz den Kopf senkte und sich auf die Unterlippe biss.
Sicher war auch er enttäuscht.
Im Moment wäre sogar ein vor Sarkasmus und Bosheit triefender Michael Newton ein besseres Begrüßungskommando gewesen, als diese unheimliche Stille, in der nur das Hallen ihrer Schritte und das Rauschen der Luftumwälzpumpen zu hören war.
Es war niederschmetternd!

Curtis Newton atmete schließlich tief ein, sah sich kurz um und wies mit dem Kopf in Richtung des Ausgangs.
Betreten schlichen Grag und Otto hinter ihm her.
Irgendwie hatte sie sich alle diese Szene hier vollständig anders ausgemalt.

Aus dem Halbdunkel des Eingangsbereichs kam ihnen jemand entgegen, das zumindest konnte man im diffusen Licht erkennen.
Curtis bemerkte es als Erster und begann zu laufen.

Grags Miene hellte sich sofort auf und auch Otto schöpfte neuen Mut. Na also, da war doch ihr Empfangskomitee!
Kumpelhaft rammte er dem Roboter den Ellbogen in die Seite, grinste ihn an und hielt ihn zurück.
„Lass ihnen einen Moment allein“, knurrte er, konnte aber nicht verhindern, dass er dabei übers ganze Gesicht strahlte. Sie blieben zurück.

Doch offensichtlich war es nicht Joan, die Captain Future entgegenlief, denn der blieb plötzlich wie angewurzelt stehen.

Beunruhigt sahen sich Otto und Grag an. Was zur Hölle...

Langsam, wie in Zeitlupe, ging Curtis in die Knie, als müsse er sich etwas genauer anschauen, dadurch wurde der Blick für sie frei.

Im Lichtkegel einer Lampe stand ein kleines Kind, ein kleiner Junge.

Neugierig und etwas misstrauisch schaute er zu dem fremden Mann hoch, beugte sich dann aber etwas zur Seite, um Grag und Otto näher zu begutachten.
Unbewusst waren die beiden näher gekommen und so konnten sie jetzt den Kleinen genauer betrachten.
Blonde Locken, hohe Wangenknochen, lange, dunkle Wimpern, die unverkennbaren grauen Augen und ein gewisser schelmischer Zug um den Mund.

„Kneif mich“, hauchte Otto.
Grag, ohne den Blick von dem Kleinen zu wenden, tat, wie gewünscht, wie immer, ohne seine Kräfte richtig einzuschätzen.
„Aua, bist du verrückt?“, brauste der Androide auf und boxte dem Roboter in die Seite, dass es schepperte.

Das Kind lachte glucksend auf.

Curtis warf ihnen einen kurzen Blick über seine Schulter zu.
In seinen Augen konnte man Ungläubigkeit, Unsicherheit und völlig Überraschung regelrecht ablesen.
 
Dann wandte er sich wieder zu dem Jungen und streckte vorsichtig die Hand nach ihm aus, als ob er prüfen müsse, dass dieser nicht nur eine Erscheinung sei.
Doch der Kleine wich vor seiner Hand zurück und tapste ins Dunkel.

„Er heißt Eric!“
Joans Stimme.
Endlich, so warm, so vertraut, so unendlich beruhigend.

Sie trat ins Licht, den Jungen auf dem Arm.
Der hatte seine Ärmchen um ihren Hals gelegt und musterte nun aus sicherer Position mit großen Augen die Neuankömmlinge.

Nun konnte auch Joan Curtis endlich richtig sehen und ihre Augen weiteten sich.

Noch bevor sie etwas sagen konnte, stand Curtis schnell auf, zu schnell.

Das letzte, was er sah, bevor er in die Dunkelheit fiel, war Joans erschrockenes Gesicht.
Spürte, dass sie seinen Kopf hielt, fühlte, wie sie sein Gesicht streichelte. Hörte ihre Stimme wie aus weiter Ferne.
Jetzt war alles gut, er konnte sich fallen lassen. Wenn dies das Ende war, dann war es gut so, er war bei ihr.

„Verdammt, wir müssen ihn hier wegbringen!“, hörte er noch eine barsche Männerstimme.

Weinen, das erschrockene Weinen eines kleinen Kindes? Wieso weinte da ein Kind?
« Letzte Änderung: 19. November 2008, 09:18:54 Uhr von Felixx »
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #7 am: 7. November 2008, 22:17:37 Uhr »
Die Geschichte geht ja schon mal mit einem Paukenschlag los, Felixx, gut gemacht  [bthumbup] [master]

Nur eines wollte ich gerne wisssen:
Zitat
„Er heißt Eric!“
Wie bitte bist Du denn auf DEN Namen gekommen  ;D
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #8 am: 10. November 2008, 10:20:08 Uhr »
Zitat
Nur eines wollte ich gerne wisssen:

Zitat
„Er heißt Eric!“
Wie bitte bist Du denn auf DEN Namen gekommen   
 
 

Hmm, er klingt einfach gut, oder?! ???
Eric Newton....
Und ich wollte auch nicht so einen Terz darum machen, irgendetwas Exotisches hätte wohl kaum gepasst.


Zitat
Bin ebenfalls begeistert. Ich hätte nicht erwartet, dass wir jetzt schon erfahren werden, von wem das Kind ist 



Schließlich kann sie das arme Würmchen ja nicht im Schrank verstecken. :o
Ich dachte kurz und  (relativ) schmerzlos.
Außerdem fangen ja damit die Probleme erst an.

Zitat
So, ich will jetzt wissen, was in dem Container ist! 


Gemach, gemach, wenn ich richtig in meinen Kalender gucke, geht es doch am 05.12. weiter!
Verfrühte Nikolausüberraschung!

Zitat
Joan schlägt sich ja ganz klasse als neuer Master - da hat der alte Fuchs Michael ja wirklich den Volltreffer gelandet (wie bekommt man eigentlich eine SOLCHE Menschenkenntnis?).


Das möchte ich auch mal wissen.   [mindoubt]  Aber wir haben auch noch keine intergalaktische Raumstation geleitet, falls also mal so ein Posten am Schwarzen Brett aushängt, bin ich weg! [runaway]


Schöne Woche!

Felix

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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #9 am: 10. November 2008, 13:00:04 Uhr »
Zitat
Hmm, er klingt einfach gut, oder?!
Kommt vielleicht daher, das ich bei Eric immer automatisch diesen Film (http://de.wikipedia.org/wiki/Erik,_der_Wikinger) vor Augen habe.

War ein traumatisches Erlebnis in meiner Jugend, hust.
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #10 am: 10. November 2008, 16:28:26 Uhr »
Uuuaaahhhh!
Neee!!!!! :o :o :o

Irgendwie gefiel mir halt der Klang, und da meine Ohren jeden Tag mit Namensunfällen wie "Chantal- Marie Meyer oder Pierre-Leander Kleinschmidt "traktiert werden, da war ich auf etwas ganz Einfaches aus.

Hätte es andere Vorschläge gegeben?
 ???
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Offline Felixx

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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #11 am: 5. Dezember 2008, 17:59:26 Uhr »
O Mann, was für eine Woche! [unconscious]
Vor dem "Zusammenbruch" ins Wochenende hier also die monatliche Fortsetzung.
Viel Spaß!
Felixx!

II.-I.
Klirrend zersplitterte das Glas an der Wand.
Bei dem Geräusch zuckte Serm, der Akryllianer, zusammen.
Nichts für seine riesigen, empfindlichen Ohren!
Sein teigiges, graues Gesicht mit der abgeflachten Nase und den ausdruckslosen kleinen Augen blieb jedoch unbewegt.

Verstohlen schielte er zu N`rala, aber die Marsianerin hob nur eine ihrer dünn gezupften Augenbrauen, lächelte dann mokant und wendete sich gelangweilt wieder einem Modemagazin zu.

„Verdammt, wie konnte er entkommen“, Ul Quorn schäumte vor Wut, Speichelbläschen hatten sich um seine Mundwinkel angesammelt, sein Gesicht war hochrot.
Seit mehr als drei Wochen wütete der sonst so selbstbeherrschte und eiskalte „Doktor“ vor sich hin.

„Wenn ich herausbekomme, wer ihm den Code für den Diakarvolator gegeben hat, dann wird derjenige sich wünschen, nie geboren worden zu sein!“

N´rala seufzte vernehmlich, erhob sich dann mit der ihr eigenen katzenhaftigen Geschmeidigkeit und schickte sich an, dass Zimmer zu verlassen.
„Wo willst du hin?“, blaffte Ul Quorn seine Gefährtin an.

Gelangweilt drehte sie sich um, die Augen halb geschlossen:
“Ich weiß noch nicht, vielleicht ein bisschen in der Mine spazieren?“
Das war offener Hohn, der Spaziergang in einer Pergium-Mine, die noch dazu mit Strafgefangenen betrieben wurde, war nun wirklich nicht empfehlenswert.
„ Weißt du, alles ist besser, als dir weitere drei Wochen lang zuzuhören, wie du stundenlange Monologe darüber führst, was du mit dem anstellen willst, der Captain Future entkommen lassen hat oder dir weiter dabei zuzuschauen, wie du zu viel trinkst, Gläser an der Wand zerschmeißt und dir selber leid tust!“

Serm blieb vor Überraschung der Mund offen stehen.
Mut hatte sie ja, dieses Biest.
Mut und keinerlei Gewissensbisse.
In ihren Augen konnte er nur Langeweile, Überdruss und absolute Furchtlosigkeit erkennen.
Dabei hätte sie Ul Quorns dringlichste Frage, wer Future den Code zum Abschalten des tödlichen Diakarvolators gegeben hatte, durchaus beantworten können!
Sie war es gewesen, N´rala!

Ul Quorn schenkte sich ein neues Glas voll, seine Augen glänzten bereits, langsam und drohend kam er auf sie zu. Die Marsianerin zuckte mir keiner Wimper.
Nur ihre Nasenflügel bebten, sie konnte den Alkohol riechen und es ekelte sie.
N`ralas Gesicht blieb jedoch eine spöttisch lächelnde Maske. In ihren Augen lag nicht ein Funken Angst, gelassen sah sie ihm entgegen. Die Ruhe täuschte jedoch.
Denn am liebsten hätte sie ihm mit ihren spitzen Fingernägeln das Gesicht zerkratzt, sie hasste Schwächlinge und im Moment verkörperte Ul Quorn in ihren Augen nichts anderes als das. Wahrscheinlich ahnte er gar nicht, wie gefährlich es erst einmal werden würde, sollte sie das letzte bisschen Achtung und Respekt vor ihm verlieren.
Körperlich war sie ihm jedoch unterlegen und das war in diesem Augenblick der einzige Grund, weshalb Quorns Gesicht unversehrt blieb.


Serm begann zu zittern, jetzt würde es rauskommen, sie waren verloren.
Niemand hatte es bisher gewagt, sich offen gegen Quorn aufzulehnen, selbst N´rala hatte für ihre Eigenwilligkeiten bezahlen müssen.
Kurz vor der Marsianerin blieb Ul Quorn stehen, durchbohrte sie mit seinem Blick, aber N´rala hielt stand.
„Und was sollte ich deiner Meinung nach tun?“, fragte er freundlich doch mit einem drohend gehässigen Unterton.

Am liebsten hätte Serm aufgeheult vor Freude, Ul Quorn gab sich geschlagen! Für den Moment waren sie gerettet! Aber nur für den Moment.

Entschlossen wand N`rala das Glas aus der Hand Quorns, trank selber einen Schluck und zischte dann mitleidlos:
“Dich zusammennehmen, unser Schiff klar machen und mich endlich von hier wegbringen, ehe ich vor Langeweile sterbe. Vielleicht fällt dir ja auch ein, wenn du zufällig  wieder einmal nüchtern sein solltest, wie du deine Schlappe wettmachen kannst!“

Zuerst sah es aus, als wolle Ul Quorn ausholen und die so herausfordernd auftretende Marsianerin schlagen, aber er schaute sie nur giftig an und verließ dann wortlos den Raum. Damit gab er  offensichtlich klein bei.

Zurück blieben der Akryllianer und eine sichtlich erleichterte N`rala.

„Irgendwann wird er es herausfinden, dass du es warst und dann wird er dir deinen schönen Hals umdrehen.“
Befriedigung schwang in Serms Stimme.

N`rala lachte böse auf.
„Ja, und dann werde ich ihm sagen, dass du mir dabei geholfen hast. Wem, denkst du, wird er mehr Glauben schenken, dir oder mir?“

Lächelnd ließ sie sich wieder auf einer Liege nieder, schlug die langen Beine übereinander und fixierte den Akryllianer mit stechendem Blick.
„Vielleicht sollte ich ihm nachher gleich sagen, dass du versucht hast, dich an mich heranzumachen“, schlug sie ihm in Plauderton vor.

„Und weil ich ja so einen Schlag bei den Frauen habe, wird er dir das auch sofort abkaufen“, spottete Serm, aber er war sich nicht sicher, zuzutrauen war es ihr schon.
Und seit der Sache vor  einigen Monaten war Ul Quorn in dieser Beziehung empfindlicher als eine betazoidische Jungfrau.

Doch N´rala schien schon wieder das Interesse an dem kleinen Machtspielchen verloren zu haben.
„Wie dem auch sei, Serm, wir beide werden nichts sagen. Weder du noch ich! Was passiert ist, ist passiert. Vergiss es und halt deinen Mund, dann wird auch keinem etwas zustoßen.“
Sie nahm das Modejournal wieder zur Hand.
„Und jetzt befreie mich bitte von deiner stinkenden Anwesenheit, ja?!“
Wie ein lästiges Insekt scheuchte sie Serm mit einem Winken ihrer schmalen Hand aus dem Raum.

Der konnte nun zum wiederholten Male nachvollziehen, weshalb Ul Quorn sich durch die Marsianerin manchmal bis aufs Blut gereizt fühlte.

N`rala fühlte sich in erster Linie immer für N´rala verantwortlich.  Ihre Person, ihr Wohlergehen, die Erfüllung ihrer Launen standen bisher stets im Mittelpunkt ihres Handelns.
Deshalb hatte ihn auch ihr Verhalten gegenüber Future erstaunt.

Serm wollte ihr unbedingt noch einen Schlag versetzen, sie wenigstens einmal treffen.
„Ich gehe schon. Eines hat mich aber seitdem immer wieder beschäftigt“, sicherheitshalber watschelte er schon Richtung Tür.

Gelangweilt blickte N´rala auf.

Nun konnte er ihr in die Augen sehen, jetzt oder nie!
„Was war der Grund?!“

„Der Grund für was?“
In ihren Augen blitzte es gefährlich auf. Er hatte sie, wo er  sie haben wollte, das war ihre Schwachstelle.

„Nun, der Grund, weshalb du Ul Quorns Erzfeind geholfen hast, zu entkommen, ich frage mich...“
Ein Satz rettete Serm vor die Tür, das für ihn bestimmte Glas zerschellte drinnen.
Er grinste, das war es wert gewesen. Jetzt kannte er ihren wunden Punkt, das würde nützlich sein.

Es brauchte eine ganze Weile, bis sich N´rala wieder beruhigt hatte
.

Er stand vor ihr, wie alle anderen trug er einen schmutzig orangefarbenen Overall.
Schweiß, Staub und das Getriebeöl der riesigen Bohrmaschinen hatten sich in seine Haut gefressen, sein Schädel war kahlrasiert, dunkle Flecken zeichneten sich auf seinem Rücken ab, an den muskulösen Armen traten von der mühseligen Arbeit in der Mine die Adern hervor und auch sonst erinnerte nur noch wenig an den Curtis Newton, der er einmal gewesen war.

Und trotzdem: Seine Haltung, sein Blick, alles an ihm strahlte etwas provozierend Widerspenstiges  aus.
Und das nach fast zwei Jahren, nach der ganzen Zeit, in der Ul Quorn erfolglos  versucht hatte, ihm  durch Folter, durch psychischen Terror und durch die körperlich anstrengende und stumpfsinnige Arbeit in der Mine, seinen Willen aufzuzwingen.

Future  beobachtete N´rala  fast schon amüsiert, wie sie um ihn herumging  und ihn stumm musterte.
„Du stinkst!“, blaffte sie ihn schließlich an.

„Ich bitte um Verzeihung, aber es war mir nicht möglich, heute Morgen zu duschen!“
Spöttisch schaute er sie an.
Natürlich wusste N´rala, dass die Männer nur einmal in der Woche duschen konnten, aber sie wollte ihn mit irgendetwas demütigen, ihm seine Ruhe nehmen.

„Geh duschen, bevor wir uns weiter unterhalten!“, befahl sie.

„Und was, wenn ich mich weigere?“, erkundigte sich Future, immer noch eher belustigt.
Es war schon ungewöhnlich, dass ihn Ul Quorns einzige Vertraute zu sich kommen ließ, noch ungewöhnlicher war, dass dieser dabei nicht anwesend war, und  jetzt schickte sie ihn noch unter die Dusche!!

„Ich denke nicht, dass du das tun wirst.!“
N´rala sagte das fast schon zärtlich und streckte ihm ihre Hand entgegen.
Darauf lag, klein, halbrund und absolut harmlos aussehend, eine Zugriffseinheit  für die Diakarvolatoren.
„Und jetzt rate mal, auf welche Frequenz dieses hier eingestellt ist?“, sie lächelte böse.

Zufrieden registrierte sie, dass der Mann vor ihr tief Luft holte, um sein Entsetzen zu verbergen.
Sicher hatte auch Captain Future, so wie alle anderen Insassen auf Stratmans Kolonie am Anfang versucht, der Hölle in den Minen zu entfliehen und somit hatte er auch mit der verheerenden Wirkung der an den Herzmuskel angeschlossenen Diakarvolatoren Bekanntschaft gemacht.
In der gesamten Förderation waren diese elektronischen Überwachungsgeräte seit langen verboten, nicht ohne Grund. Hier, im rechtsfreien Raum, außerhalb der Kontrolle der Planetenpolizei, kümmerte sich niemand darum, ob und wie die private Strafkolonie gesichert wurde. Bisher war noch niemand geflohen und so schaute man lieber nicht allzu genau hin, wie diese Tatsache zustande kam.
Wachpersonal war fast  überflüssig, übertrat jemand  die elektronisch gesicherten Grenzen, dann reagierte das Gerät.
Es waren höllische Schmerzen, wenn die elektrischen Impulse das Herz aussetzen ließen.  Stratman, der alte Fuchs, hatte die Dinger  auch noch so eingestellt, dass man trotz des sofort einsetzenden Herzstillstandes bei Bewusstsein blieb und so die schmerzhaften Krämpfe, das Verlieren der Kontrolle über seine Muskeln und das verzweifelte Ringen nach Luft miterlebte, ehe man in eine gnädigere Bewusstlosigkeit abglitt.
Nur selten wagte es jemand, sein Glück und die Stärke seines Herzens ein zweites Mal auszuprobieren.

Future überlegte noch kurz, zuckte dann aber gleichmütig mit den Schultern. Es gab sicherlich schlimmere Dinge, als die Aussicht auf eine heiße Dusche.

N´rala wies ihm mit einer Kopfbewegung den Weg ins Badezimmer.
Nachdenklich blieb sie zurück, hörte das Wasser der Dusche rauschen und versuchte, sich vorzubereiten.

Sie wollte sich selbst ein Bild machen.
Ganz wohl war ihr bei der Sache nicht, wenn Ul Quorn davon erfuhr, würde er ausrasten.
Egal, wie sehr er ihr sonst auch vertraute.

Doch in den letzten Monaten waren bei N´rala Zweifel aufgekommen.
Zweifel an seinem Verstand und an seinem Urteilsvermögen.
Seit er Captain Future in seiner Gewalt hatte, schien sich seine Ideen und Pläne zu regelrechten Allmachtsphantasien auszuweiten.
Quorn fühlte sich unbesiegbar, unantastbar, wie ein Gott dazu berufen, zu herrschen und zu befehlen.
Dass er noch immer auf der Fahndungsliste der Weltraumpolizei stand, dass sie noch immer aufpassen mussten, wo und wie sie sich in der Öffentlichkeit zeigten, schien ihm dabei zu entgehen.
Und noch etwas bereitete ihr Unbehagen: sein Umgang mit Future.

Ihr war mittlerweile klar, dass man diesen Mann nicht mit Gewalt brechen konnte.
Weder die lange Zeit in der Mine, noch Folter hatten seine ablehnende Haltung ändern können.
Captain Future würde ihnen nicht helfen, er ließ sich nicht für ihre Pläne einspannen und auch dieser Professor Simon war nicht zu knacken. Hartnäckig verweigerten beide die Mitarbeit an dem Projekt, für das vor dreißig Jahren Futures Eltern sterben mussten und für das Victor Corvo schließlich auch mit dem Leben bezahlt hatte.

Ul Quorn aber setzte auf Zeit.
„Er wird seine Meinung schon noch ändern, glaub mir“, versicherte er N´rala immer wieder, wenn sie aller paar Wochen auf der Kolonie nach dem „Rechten“ sahen.
Aber sie glaubte nicht mehr daran, dass die Lösung des Problems einfach nur Abwarten war.

Langsam erkannte sie, dass Ul Quorn von seiner Rache an Captain Future und an der Durchführung des Projektes, dass seinen Vater schon um den Verstand gebracht hatte und zum Mörder werden ließ, besessen war.

Auch N´rala konnte hassen.
Dann schlug sie zu: brutal, schnell und unbarmherzig.
Und genauso schnell war dann ihre Wut und ihr Hass verraucht.
Diese endlose und scheinbar auch völlig nutzlose Geiselhaft erschienen ihr mehr und mehr absurd.
Nach so langer Zeit musste auch der größte Hass verraucht sein.
Nicht so bei Ul Quorn.
Dabei fiel es ihr schon immer schwer, die Gründe für diesen Hass rational nachzuvollziehen.
Was ging einem eigentlich eine Fehde an, die schon eine Generation zurücklag? Waren nicht beide, Future und Quorn, eigentlich nur Opfer dieser Auseinandersetzung?  Beide hatten sie ihre Eltern verloren. Weshalb verfolgte Quorn Future mit so einen unstillbaren Hass? Wieso gab er nicht einfach auf? Was nur trieb ihn an?
Je mehr und intensiver er sich mit den Aufzeichnungen seines Vaters beschäftigte, desto unerbittlicher wurde Quorn, desto verbissener verfolgte er den Plan.

Zu Beginn versuchte er es mit roher Gewalt.
 N´rala war bei seinen „Verhören“, wie Ul Quorn seine Folterungen zynisch nannte, dabei gewesen.
Aber es verlor schnell den Reiz, einen wehrlosen Gegner zu quälen.
Angewidert hatte sie sich dann geweigert, weiter zuzuschauen. Und gegen die eiserne Loyalität der Future- Crew kam auch diese Brutalität nicht an.
Rasend vor Wut hatte Quorn schließlich den Roboter demontieren lassen, den Androiden und Future zur Zwangsarbeit in die Mine geschickt und sich des lebenden Gehirns bemächtigt.
Vielleicht hoffte er, wenn er Future von seinem Lehrer und Mentor trennte, ihn eher klein zu kriegen.
Aber er täuschte sich. Nichts veränderte sich.


Bisher kannte N´rala nur Quorns Version der Ereignisse. Und natürlich schnitt bei seiner Sicht der Dinge die Future – Crew,  insbesondere ihr Captain,  denkbar schlecht ab.

Wenn sie jedoch an deren Standhaftigkeit und unbeugsamen Willen dachte, dann fragte sie sich immer öfter, ob Ul Quorn in der gleichen Situation ein ähnlich heroisches Bild abgeben würde. Nur zu gut hatte es sich in ihr Gedächtnis eingebrannt, dass er sie schon mehrmals in brenzligen Situationen allein gelassen hatte.
Nicht dass N´rala das nicht genauso getan hätte, aber der Gedanke, dass jemand für eine Sache, für eine andere Person, zu sterben bereit war, berührte sie, obwohl sie sich fast schon vor sich selbst schämte, solche Gedanken und Gefühle zuzulassen.

Es wurde höchste Zeit, sich selbst ein Bild zu machen und dafür hatte sie Future holen lassen.
Wenn Ul Quorns Verhalten sie schon auf einen Abgrund hin zusteuerte, dann wollte sie auf alle Fälle rechtzeitig abspringen können. Und dazu brauchte sie Informationen.

Mit einem Handtuch um die Hüften kam Future wieder aus dem Bad, sein Oberkörper glänzte noch nass. Deutlich war jetzt der Diakarvolator zu sehen, der sich wie eine Spinne an seiner linken Brustseite angeklammert hatte.


„Zufrieden?“, fragte er die Marsianerin.

N´rala nickte und wies einladend auf einen reich gedeckten Tisch.
„Sicher, nimm Platz, bedien dich!“
   
Unwillig schüttelte Future den Kopf, was sollte dieses Theater bringen?

„Rücken Sie doch einfach damit raus, was  Sie von mir  wollen. Ich sage sowieso nein dazu, dann werden Sie sicher den Diakarvolator aktivieren und anschließend wird mich dieser Stümper von Arzt wieder halbwegs auf die Beine bringen!“
Ablehnend verschränkte er die Arme vor der Brust. Gleich würde dieses blauhäutige Biest ausrasten und dann begann alles wieder von vorn: Die Drohungen, die Schmerzen, die anschließende Wiederbelebung. Der gleiche Trott wie seit Monaten. Oder waren es gar Jahre?

Sie blieb absolut ruhig, ungewöhnlich. Wieso sah sie ihn so merkwürdig an?
 N´rala hob nur ihre Hände und zeigte ihre Handflächen, eine Geste guten Willens.
„Ich will mit dir reden, nichts sonst.“
Kein Diakarvolator, keine Waffen, nochmals wies sie einladend an den Tisch.   

Future bedacht sie mit einem erstaunten Blick, setzte sich aber dann.
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #12 am: 5. Dezember 2008, 18:00:23 Uhr »
II.- II.
Max saß auf einem riesigen Sitzkissen im Wohnbereich des Masterquartiers, hatte Eric auf dem Schoß und versuchte, den erst aus dem Schlaf gerissenen und dann durch das allgemeine Chaos völlig verunsicherten  Kleinen wieder zu beruhigen.

Es war ein bisschen viel für ihn, erst stürzte dieser fremde Mann zu Boden, dann setzte ihn seine Mutter einfach unsanft ab, lief zu diesem Fremden hin und kümmerte sich um diesen, ohne auf ihn zu achten. Das Schlimmste aber war, dass sie weinte. Eric hatte sie noch nie weinen sehen und deshalb geriet er in Panik.
Und diese zwei merkwürdigen Wesen, welche auf seine Mutter und den Mann zustürzten, dann waren da  auf einmal immer mehr Leute anwesend, Dr. Turrow, der sonst immer so ruhig und freundlich war, kommandierte auch noch in einem lauten Ton herum und er stand immer noch völlig allein und verlassen da.
Denn obgleich er nach seiner Mutter brüllte, kam nur Max, der ihn tröstend aufhob, streichelte und wegtrug.

Hier in seiner gewohnten Umgebung wurde er langsam ruhiger, schluchzte zwar noch ab und an ein wenig, horchte angstvoll nach nebenan, wo er seine Mutter vermutete und ab und zu schaute er misstrauisch zu den beiden Wesen, die ihn unablässig beobachteten.
Aber der Lärm und Trubel waren vorüber und auch von den beiden schien keine Gefahr auszugehen.
Nach einer Weile  kuschelte Eric sich schließlich vertrauensvoll in Max´ Schoß und betrachtete mit ihm ein holografisches Bilderbuch, bei dem die dargestellten Szenen sich bewegten.
Endgültig versöhnt zeigte er sich, als Max ihm noch eine Trinkflasche mit süßem arkturianischen Birnensaft spendierte, etwas, dass er sonst nur selten bekam.
Zufrieden genoss der Kleine Max´ wiegenden Singsang, nach und nach wurde seine Augen kleiner und, obwohl er sich heldenhaft bemühte, fielen sie ihm schließlich zu.
Dass Max ihm die Trinkflasche nach einer Weile sanft aus den Händen nahm, merkte er gar nicht mehr.

Otto und Grag, immer noch sprachlos, standen um Max und den Jungen herum.
Wie von einem magischen Band gezogen, waren sie ihnen hierher gefolgt.
Schließlich wurde der Captain nebenan von Turrow, dessen gesamten medizinischen Stab und Joan versorgt, da gab es im Moment nichts zu tun für sie.
Die eigentliche Sensation war schließlich dieser Knirps hier.

„Wie alt ist er?“, erkundigte sich Otto nachdem er und Grag eine ganze Weile Max und das Kind nur stumm beobachtet hatten.
Max runzelte die Stirn und legte den Zeigefinger auf die Lippen:
„Sechzehn Monate“, flüsterte er.

Man konnte regelrecht sehen, wie der Androide und der Roboter rechneten.

„Ist er nicht goldig?“, hauchte der kinderliebende Max noch hinterdrein und sah sie Zustimmung erheischend an.

Heftiges Kopfnicken.

Nach einer Weile erhob sich Max umständlich, der Kleine war fest eingeschlafen.
„Ich bringe ihn nur schnell ins Bett, bin gleich wieder da!“, versprach er flüsternd und tippelte mit steif gewordenen Beinen langsam und betont vorsichtig in den Nebenraum.
Der Androide und der Roboter blieben zurück.

Gespanntes Schweigen.
Otto überlegte kurz und schnappte sich dann die Trinkflasche, die Max achtlos auf dem Boden liegen lassen hatte.
Zufrieden betrachtete er den noch nassglänzenden Trinkverschluss, setzte die Kappe wieder darauf und wollte die Flasche in der Jacke seiner ausgefransten Uniform verschwinden lassen.

„Du willst doch nicht wirklich das damit machen, was ich denke, oder?“, fragte Grag trocken.

„Wieso nicht? Sicher ist sicher!“, verteidigte sich der Androide.
„Willst du es nicht bestätigt haben?!“

Grag wand ihm einfach die Flasche aus der Hand, manchmal musste man Otto vor sich selbst schützen.
„Schau ihn dir doch an! Was für eine Bestätigung brauchst du denn noch?“, er schüttelte den Kopf.
„Und außerdem“, er hob warnend die Hand und schwenkte die Flasche vor Ottos Gesicht, „ denke ich, dass der Captain entschieden etwas dagegen hätte, das hier heimlich zu tun. Denkst du nicht auch?!“

In diesem Moment ging die Tür auf und Joan fegte herein.
„War Curtis an einem Diakarvo...“, sie hob fahrig und aufgeregt die Hände, weil ihr das Wort entfallen war.

„Diakarvolator?“, half Otto aus.

“Genau, war er so einem Ding ausgesetzt?”
Angst und Sorge lagen in ihrem Blick, sie wirkte gehetzt.

Otto nickte einfach als Antwort.

„O Gott!“
Joan schlug die Hände vor den Mund.
„Wo in aller Welt...? Was habt ihr nur..? Wieso...?“,sprudelte es aus ihr hervor.
Ihre Gedanken schienen sich zu überschlagen.
Dann winkte sie energisch ab, wahrscheinlich wartete Turrow auf die Antwort.

Jetzt erst wurde sie auf das Trinkfläschchen in Grags riesigen Händen aufmerksam.
Erstaunt hob sie eine Augenbraue.
„Max hat ihn ins Bett gebracht“, sagte der Roboter verlegen, als ob das die Flasche in seiner Hand erklären würde.

Joan nickte nur:
„ Ich werde dann gleich noch einmal nach ihm sehen, er war sicher völlig durcheinander. Das war nicht unbedingt ein guter Start für die beiden, meint ihr nicht auch?“
versuchte sie zu scherzen, aber weder der Androide noch der Roboter gingen darauf ein, das verunsicherte sie:
“Ich denke mal, wir haben uns morgen alle jede Menge zu erzählen“, murmelte Joan noch nervös und eilte wieder nach nebenan.

„Da gehe ich jede Wette ein“, knurrte ihr Otto noch hinterher.

Doch dann stieß er urplötzlich Grag mit dem Ellbogen in die Seite.
„Ich fasse es nicht, Curtis hat einen Sohn. Hey, endlich kommt wieder Leben in die Bude!“
Er grinste selig.

Grag war über den abrupten Sinneswandel verwirrt und schaute den Androiden an, als hätte der gerade den Verstand verloren.

„Und jetzt tu bloß die blöde Flasche da weg, sonst denkt Joan noch sonst was!“, zischte Otto ihm auch noch zu und ging dann entschlossen zu der Tür, hinter der Max mit dem Kleinen verschwunden war.

Es kostete Grag einiges an Überwindung, seinem Kollegen das beanstandete Trinkgefäß nicht an den Kopf zu werfen.
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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #13 am: 5. Dezember 2008, 18:01:51 Uhr »
II.-III.
„Was wollte Lady Giftzahn von dir?“, fragte Otto besorgt in einer Verschnaufpause, nachdem Curtis am späten Vormittag wieder in die Mine zurückgekehrt war.
Offensichtlich war er nicht wieder verhört, drangsaliert oder gar gefoltert worden. Er trug saubere Kleidung und es schien sogar, als ob er sich hatte duschen können.
Was relativ sinnlos war, sie hatten weitere Löcher in den Fels bohren müssen, um die Sprengungen vorzubereiten. Dabei fraß sich einer der Bohrköpfe  fest und Curtis hatte ihn unter Lebensgefahr, ständig dem unerbittlichen Mahlen der noch rotierenden anderen Bohrköpfe ausweichend, wieder losgeklopft.
Jetzt sah er  wieder wie vorher aus, staubig und  mit dem Hydrauliköl der Bohrer verschmiert.
Beide suchten hinter einer Hunt Deckung, die Vorbereitung zu einer Sprengung bot stets eine kleine Möglichkeit, sich auszuruhen.
So sehr Stratman darauf bedacht war, maximalen Profit aus seiner Mine und dem dafür von der Regierung zur „Verfügung“ gestellten lebenden „Material“ herauszuholen, so ängstlich sorgte er auch dafür, dass die Verluste so gering wie möglich blieben.
Keine Verluste, keine Kontrollen, so sein Motto. Und seine Rechnung war bisher aufgegangen, was die Future- Crew leidvoll erfahren musste. Keinem Regierungsbeamten war es bisher auch nur im Traum eingefallen, das private Strafgefangenenlager im interstellaren Raum zu kontrollieren. Zu unübersichtlich waren die gesetzlichen Gegebenheiten, keiner wusste so genau, wer nun für was und wen zuständig war und so beließ man es einfach dabei, lebenslang Verurteilte schnell und billig auf diese Weise loszubekommen.
Dass die Anzahl der Insassen nicht stimmte, dass sich unter ihnen auch die seit langem verschollene Future- Crew befand, kam so nicht ans Tageslicht.

Und wenn also in der Mine gesprengt wurde, dann war das Risiko, die Insassen  weiter arbeiten zu lassen, einfach zu groß.
Also akzeptierte Stratman lieber eine Pause, als dass er seine „Arbeiter“ größerer Gefahr aussetzte, als die das tägliche Himmelfahrtskommando in einer schlecht geführten  und unzureichend gesicherten Mine schon sowieso mit sich brachte.

Curtis lehnte sich erschöpft mit dem Rücken an die Containerwand und schloss die Augen..
Otto blickte ihn ungeduldig an.
„Nun sag schon, was wollte sie von dir?“, hakte er nach.

„Ehrlich gesagt, keine Ahnung!“, Curtis nahm eine der verbeulten Metallwasserflaschen und schüttete sich deren Inhalt einfach über den Kopf.
Dann wischte er sich mit den Händen übers Gesicht, wenigstens brannte jetzt dieser verdammte Staub nicht mehr so in den Augen.

„Wieso? Was hat sie getan?“
Der Androide wurde immer unruhiger.
Schon als der Captain von einem der Wächter abgeholt wurde und er hinter der Scheibe des Kontrollzentrums N´rala erkannte hatte, ahnte er Schlimmes.
Was würde sich Ul Quorn dieses Mal einfallen lassen? Womit konnte er Curtis nun noch quälen?

„Sie hat mich unter die Dusche geschickt, mir dann ein absolut gigantisches Essen serviert und dann wollte sie ein bisschen reden.“
Grinsend schaute Curtis Otto ins Gesicht, er war sich der unglaublichen Wirkung dieser Worte wohl bewusst.
Und der enttäuschte ihn nicht. Die Kinnlade klappte herunter und seine Augen blinkerten verständnislos.
„Du willst mir weismachen, dass die Frau, die ohne auch nur mit der Wimper zu zucken, zugesehen hat, als du gefoltert wurdest, sich heute so mir nichts dir nichts, als edle Samariterin gezeigt hat?“, ächzte er.

Das Donnern der Explosion unterbrach sie. Für einen Augenblick schwankte alles, und es wurde stockfinster, dann ging die Beleuchtung im Tunnel wieder an.
Curtis zog sich das halb zerschlissene Hemd vor den Mund, um sich notdürftig vor dem aufgewirbelten Staub zu schützen.
Trotzdem musste er husten und spucken.
„Ich konnte es selbst nicht glauben. Es war merkwürdig. Sie wollte wissen, was damals auf der Basis passiert ist, als Victor Corvo....“
Curtis machte eine vage Handbewegung.

„Und was hast du ihr erzählt?“ Otto sah ihn scharf an.

Wieder ein Achselzucken.
„Die Wahrheit, was sonst?“
Seufzend erhob sich Curtis, auch die anderen Häftlinge krochen langsam aus ihren Verstecken heraus und gingen wieder an die Arbeit.
Der Schutt  musste beräumt und das abgesprengte Gestein auf die Loren und Hundte verladen werden, damit es in die Erzwäsche abtransportiert werden konnte.
Kurz hielt Curtis noch einmal inne.
„Es war, irgendwie merkwürdig“ ,wiederholte er, legte den Kopf schief und nagte nachdenklich an seiner Unterlippe.
„N´rala schien beunruhigt zu sein. Etwas macht ihr Angst“

„Sie wird doch nicht so etwas wie ein schlechtes Gewissen in sich entdeckt haben?“, spottete der Androide bitter.
„Dagegen sollte sie schleunigst eine ihrer Designerdrogen nehmen, nicht dass sie noch menschlich wird!“

„Eher schneit es  auf der Venus!“, lachte Curtis und reichte Otto die Hand, damit er sich daran hoch ziehen konnte.
„Aber etwas nagt ab ihr.“

Otto legte ihm die Hand auf die Schulter:
“Sei vorsichtig, vielleicht ist es nur eine neue Masche. Lass dich auf nichts ein!“
Er sah den Captain warnend an.
„Hast du etwas vom Professor gehört?“, fragte er noch hoffungsvoll.
Doch Curtis schüttelte nur mit zusammengepressten Lippen den Kopf.













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Re: Offene Rechnungen
« Antwort #14 am: 5. Dezember 2008, 18:03:18 Uhr »
II.-IV.
Missmutig blickte Turrow auf seinen immer noch bewusstlosen Patienten herab.
Es passte ihm gar nicht, dass Joan angeordnet hatte, Captain Future ihn ihr Privatquartier bringen zu lassen.
Viel lieber hätte er ihn auf seiner bestens ausgestatteten Krankenstation versorgt, aber den Wünschen des Masters konnte er sich nicht gut widersetzen.

Kurz vor der Ankunft der Future –Crew hatte er die Übertragung einer Anamnesedatei auf seiner Konsole vorgefunden, die sich wie eine Horrorgeschichte las:
Multiple Verletzungen durch äußere stumpfe Gewalteinwirkung, einige bereits abgeheilt, einige immer noch entzündet, weitere schlecht heilende Wunden an den Extremitäten, höchstwahrscheinlich durch Schwerstarbeit ohne entsprechende Absicherungen, eine abklingende Lungenentzündung, ein miserables Blutbild und ein bedrohlicher Herzfunktionstest.
Es dauerte eine Weile, bis Turrow begriffen hatte, dass es sich bei den Daten um eine Übertragung von der „Comet“ handelte und dass der angekündigte Patient Future war.
Turrow hatte alles stehen und liegen lassen und war mir einem Notfallset zum Shuttledeck geeilt.
Er kam keine Sekunde zu früh, Future war zusammengebrochen.
Der Tumult  und Menschenauflauf auf dem ansonsten in nächtlicher Stille liegenden Shuttledeck war bereits beträchtlich. Richards Sicherheitsleute, die dieser natürlich in Bereitschaft gehalten hatte, ein hysterischer Maximiliano, der auch irgendwo aus dem Nichts aufgetaucht war und Joan, die verzweifelt um Hilfe rief, Turrow schloss kurz die Augen, dann übernahm er die Kontrolle.

Ohne zu zögern hatte er das Oberteil des Raumanzuges aufgeschnitten, die Paddels des Defibrilators aufgesetzt, Joan durch einen der Sicherheitsleute zurückdrängen lassen und schließlich den wimmernden Max angebrüllt, Eric wegzubringen.


Immer noch nervös kontrollierte er die Anzeigen der Überwachungssysteme, ließ sich von einem Assistenten die Ergebnisse eines ersten Scanns zeigen und ordnete dann die Gabe weiterer Infusionen an.
Der Kreislauf war stabilisiert, die Herztätigkeit wurde ständig überwacht, es war alles unter Kontrolle.
Seitdem ihm bestätigt wurde, dass der Captain einem Diakarvolator ausgesetzt gewesen war und er seine Therapie dieser Tatsache anpasste, beruhigten sich die vormals hektisch blinkenden und piepsenden Anzeigen langsam.
Er hatte alles im Griff.

Joan saß auf der anderen Seite der Liege und ließ Curtis nicht aus den Augen.
„Wird er sterben?“, fragte sie tonlos zum wiederholten Male.

„Nein, wenn ich ihn davon abhalten kann, dann nicht“, knurrte Turrow.
Er konnte verstehen, dass sie absolut schockiert war, selbst bei seiner etwas distanzierteren Sicht als Arzt auf seinen Patienten fiel es ihm schwer, sich den Captain Future ins Gedächtnis zu rufen, den er gekannt hatte.
Turrow hoffte wider besseres Wissen inständig, dass Curtis Newton nicht auch so viele seelische Narben davongetragen hatte.
Es würde für ihn und Joan kompliziert genug werden, sich der neuen Situation zu stellen, auch ohne dass einer von ihnen psychisch angeschlagen war.


Der Arzt sah aus den Augenwinkeln, wie Joan vorsichtig und doch ungläubig die Narben und die durch Shushilas kluge Zusammenstellung der Staselösung fast verheilten Wunden auf Curtis` Brust berührte, als ob sie sie so gänzlich auslöschen könnte.
Zart zeichnete sie den Bogen seiner Augenbrauen mit dem Finger nach, schaute ihn unablässig an und nahm dann schließlich einfach seine Hand.
Verlegen schaute Turrow weg, ihm schien diese Szene zu privat, er kam sich wie ein Eindringling vor.

Eine der Anzeigen begann wieder zu piepsen.
Erschrocken blickte Joan zu Turrow, aber der schaute nur kurz auf das Display und nickte zufrieden:
„Er kommt zu Bewusstsein!“

Curtis` Augenlider flatterten, er wurde unruhig, Joan flüsterte sanft auf ihn ein, plötzlich öffnete er die Augen und sah sie an.
„Joan?!“

Sie nickte nur, versuchte, nicht zu schluchzen, um ihn nicht zu beunruhigen.
Er holte tief Luft, schloss seine Augen wieder und atmete  auf, als ob eine große Last von ihm abfallen würde.
Fast dachte Joan, dass er wieder das Bewusstsein verloren hätte, doch als sie ihre Hand aus seiner lösen wollte, hielt er sie fest.
„Bleib“, bat er leise.

Turrow trat wieder heran:
“Captain, ich werde ihnen jetzt eine Injektion geben, die sie in den nächsten Minuten einschlafen lässt. Aber keine Sorge, die Wirkung hält nur einige Stunden vor, bis dahin müsste sich durch die Betazyklika ihr Herzmuskel wieder regeneriert haben. Also wundern  sie sich nicht,  sie werden gleich eine angenehme Wärme und Müdigkeit  verspüren.“

Curtis nickte, zum Zeichen, dass er verstanden hatte, zuckte aber doch leicht zusammen, als er die Kälte der Injektionspistole spürte.
Er entspannte sich, doch etwas beunruhigte ihn noch, ließ ihn gegen die Wirkung des Medikaments ankämpfen, sein bereits unsicherer Blick suchte wieder Joan.
„Der kleine Junge vorhin“, flüsterte er undeutlich.
„War das real oder habe ich das nur geträumt?“, angestrengt blickte er sie an, wartete auf die Antwort.

“Du hast nicht geträumt.“
Joan lächelte, beide sahen sich an und für einen Moment war die alte Vertrautheit wieder da.
In seinen Augen konnte sie ablesen, dass er verstanden hatte, doch dann flackerte Unruhe und Angst in ihnen auf.

„Wo ist er?“, murmelte er, versuchte den Kopf zu heben und sich aufzurichten.

Entschlossen drückte Joan ihn aufs Bett zurück:
„Er schläft, es ist mitten in der Nacht, du kannst morgen...“

„Grag soll bei ihm bleiben, ich will nicht, dass......“
Das Beruhigungsmittel wirkte, Curtis` Kopf sank zurück, er war eingeschlafen.

„Na also, das ist das Beste, was er jetzt machen kann. Sich ausruhen. Das Zeug wird ihn ein paar Stunden außer Gefecht setzen. Und wenn er morgen früh nicht gleich wieder das Universum retten will oder muss, dann wird er in ein paar Wochen wieder auf dem Damm sein.“
Turrow begann seine Tasche wieder einzupacken, vorher befestigte er noch eine breite Manschette an Curtis` Handgelenk.
„Ein Langzeitscanner, er überwacht seine Kreislauffunktionen und sendet die Daten  runter zu mir“ erklärte er.
„Ich denke zwar nicht, dass wir uns noch Sorgen machen müssen, aber sicher ist sicher.
Falls was sein sollte, bin ich so alarmiert und in zwei Minuten da. Trotzdem wäre es aus meiner Sicht besser, wenn er auf der Krankenstation läge, im Ernstfall sind zwei Minuten.....“

Müde winke Joan ab.
„Er bleibt hier“, sagte sie bestimmt.

Turrow brummte noch unzufrieden vor sich hin, während er fertig packte. Joan konnte mittlerweile genauso stur wie Michael sein, ob dies eine Nebenwirkung der Position als Master war?
Doch dann bemerkte er, wie sie immer noch sorgenvoll Curtis unablässig beobachtete und seine Hand hielt.

„Geh schlafen, er ist gut versorgt. Im Moment kannst du nichts für ihn tun. Spar dir deine Kräfte für morgen“, sagte er leise und versuchte, sie mit sich fortzuziehen.

„Ich kann ihn nicht alleine lassen, ich kann nicht,“ Joan schüttelte den Kopf und wehrte ihn ab.
„Es ist verrückt, aber ich habe Angst, wenn ich einschlafe und wieder aufwache, dass alles nur ein Traum gewesen ist. Und er gar nicht mehr hier ist.“
Sie sah ihn verzweifelt an, mit einem dieser beunruhigenden, unsicheren Blicke, die ihm so sehr zugesetzt hatten, weil er damals nicht wusste, wie er ihr helfen sollte.
Das sollte sich nicht wiederholen.

Turrow überlegte kurz, mit Logik kam er wohl hier nicht weiter und er hatte um diese Uhrzeit auch keine Lust mehr auf endlose Diskussionen. Rasch entschlossen nahm er eine Injektionspistole aus seiner Tasche und bevor Joan auch nur protestieren konnte, hatte er ihr den Inhalt auch schon in den Oberarm gespritzt.

„Au, bist du verrückt?“
Sie sprang wütend auf und schaute ihn an, völlig überrumpelt.

Gleichmütig zuckte Turrow mit den Schultern.
„Es ist ein leichtes Schlafmittel, seine Wirkung hält maximal fünf Stunden an, du wirst selig schlafen, erholt aufstehen und das war’s!“
Empört rieb sich Joan die Einstichstelle, doch bevor sie den Mund aufmachte, hob der Arzt grinsend die Hand:
„Vergiss bitte nicht, in ein paar Stunden schreit wieder die Station nach dir, und nicht nur die. Da solltest du fit sein. Und dann kannst du dir auch frisch und munter ausdenken, wie du mich für diese Aktion bestrafen willst, betrachte es mal aus dieser Sicht. Ach ja, falls du in deinem Bett aufwachen möchtest und nicht irgendwo auf dem Fußboden“, er schaute theatralisch auf seine Uhr.
„Du hast noch etwa vier Minuten....“
Triumphierend sah er sie an.

„Turrow, du verdammtes hinterhältiges..“
Joan fiel kein passendes Schimpfwort ein und so stampfte sie nur wütend mit dem Fuß auf, ging dann aber brav in Richtung ihres Schlafzimmers.

Der Arzt warf die leere Injektionsampulle in den Müll, nahm seine Tasche auf und schaute kurz noch einmal zu Curtis Newton.
„Sie macht ihre Sache wirklich gut, mein Junge, aber eines lernt sie wohl nie: Ihre Wutausbrüche reichen nicht mal ansatzweise an Michaels` Szenen ran!“
Seufzend löschte er das Licht.
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