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=> FanFiction (Non-"Captain Future") => DAOGA => Thema gestartet von: DAOGA am 30. August 2012, 21:05:36 Uhr

Titel: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 30. August 2012, 21:05:36 Uhr
So, wie vor langer Zeit mal angedroht, meine Version (Vision) eines CF-Films. Da die Story aber ziemlich schräg ist (und noch lang nicht fertig - aber was will man schon von einer Geschichte erwarten, die damit beginnt, daß der Hauptdarsteller ganz schnöde von Aliens aus der Zukunft entführt wird?  ;D ) stelle ich sie lieber hier ein. Am Anfang ist auch noch nicht viel mit Film los. Denn wie bei jedem Filmprojekt beginnen wir... mit dem Casting.
(Und hier die für meine Geschichten schon übliche Warnung: Wer kein verrücktes Zeug mag, soll diese Geschichte lieber nicht lesen. Nichtbeachtung auf eigenes Risiko!)


Cast I: Hauptdarsteller: Frans Hauser, L.A.

Planet Nh´Nafress.
Dieses Mal hatte Siwa die kleine 80-Meter-SyMOr so sanft, aber nicht unnötig langsam gelandet, daß es seinem Lehrer Carolus Rye ein anerkennendes gedankliches Nicken entlockte. Das er natürlich nicht sehen konnte, denn noch waren sie beide in das schützende Stasisfeld der Pilotensitze eingehüllt, aber er konnte es durch ihre telepathische Verbindung spüren. Ein Nicken von Carolus, das war so gut wie lautstarkes Lob von jedem anderen. Entsprechend stolz war er dann auch, als sie kurz danach auf unsicheren Beinen die Rampe hinunterstaksten auf das von geschäftigem Betrieb erfüllte Landefeld, tief die künstliche, von zahllosen Gerüchen geschwängerte Luft der Riesenkuppel einatmeten und sich wieder einmal an ihre völlig unzulänglichen, schwachen menschlichen Gliedmaßen gewöhnen mußten, während das Schiff bereits von den Technikern von Nh´Nafress übernommen wurde für die üblichen Versorgungs- und Inspektionsmaßnahmen. Sie beide hätten sonstwas darum gegeben, für alle Zeiten und den Rest ihres langen Matrixtechniker-Lebens - und weit darüber hinaus, denn innerhalb von Stasisfeldern verging keine Zeit - eingeklinkt in den mächtigen Körper und die unzähligen übermenschlichen Sinne des teilorganischen Raumschiffes verbleiben zu können. Sie beide, so wie auch jeder andere, der diese Erfahrung jemals hatte machen dürfen. Aber das sollte nicht sein. Ausgeklügelte Sicherungsprogramme verhinderten, daß jemand länger als eine gewisse vorgegebene maximale Zeitspanne im Pilotensitz des Schiffes verblieb, sofern nicht gerade ein absoluter Notfall vorlag, und die Parameter für einen solchen waren schwer zu erreichen und unmöglich zu fälschen, oder mit anderen Worten: ein derartiges Ereignis war bis heute noch nie eingetreten. Wer sich aber unter normalen Verhältnissen sträubte, den Pilotensitz zu verlassen, mußte durchaus damit rechnen, daß die KI des Schiffes eine der größeren autonomen Einheiten, eine der riesigen schwarzen, spinnenförmigen Cyders, losschickte, um ihn mit Gewalt daraus zu entfernen, bis die vorgegebene Ruhezeit eingehalten worden war. Keine Chancen also in einer Hammer-SyMOr für einen Captain Kirk, der im Film praktisch in seinem Pilotensitz zu wohnen schien, wie Carolus einmal spöttisch bemerkt hatte. Es war nicht vorgesehen, und damit basta! Noch kein Pilot hatte es geschafft, diese Programmierung zu löschen oder ein Hintertürchen auszugraben, mit dem man sie übergehen konnte. Geben tat es sicher eines, die Konstrukteure der Hammer-Werft auf Nh´Nafress waren für ihre Hintertürchen, "Ostereier", "Abkürzungen" und anderen fiesen Überraschungen berüchtigt. Aber als Siwa dieses Mal auf dem Landefeld stand und sich umsah, verstand er, daß die Sache ihren Grund und auch das Leben außerhalb einer SyMOr seine Reize hatte. Er wurde nämlich erwartet, von einem dreiköpfigen Begrüßungskommitee.
"Elfe! Bonecat! Nath!" Begeistert begrüßten sie sich, während Carolus angesichts des jugendlichen Überschwangs der vier vor sich hin lächelte, um dann umvermittelt abzuheben und davonzuschwirren wie Superman persönlich, getragen von den Kräften seiner Fünfermatrix, die er hier auf Nh´Nafress ganz unverfroren benutzen konnte.
Siwa war der erste, der wieder ernst wurde. "Ist irgendwas los?"fragte er. Denn beim letzten Mal, als sie sich gesehen hatten, hatte nicht weniger als das Überleben des gesamten Planeten auf dem Spiel gestanden.
Doch Elfe und Bonecat grinsten weiter wie Honigkuchenpferde, also konnte es nichts Schlimmes sein.
"Und wie!" versprach Elfe.
"Sie machen einen Film!" sprudelte Bonecat heraus.
"Film?" So kurz nach der Trennung von Bordgehirn der SyMOr stand Siwa noch voll auf dem Schlauch. Es dauerte eine Weile, sich wieder an den gewöhnlichen beschränkten Input von Sinnen nach Menschenmaß zu gewöhnen.
"Die großen Bosse haben entschieden, sie brauchen mehr Werbung für die Firma. Also drehen sie einen Film. Mit mehr Product Placement als im letzten James Bond/Disney-Streifen." grinste Elfe mit einem diffusen Fingerzeig nach oben, in Richtung der imaginären "Bosse". "Als ob die Bestellisten nicht eh schon endlos wären."
"Ein Western wird es also nicht." mutmaßte Siwa prompt. Außer es stand neuerdings auch Pferdezucht auf dem Programm der Hammer-Werft, die nicht nur Raumschiffe und gewöhnliche Wassergefährte herstellte, sondern auch alles andere, was gut und supermodern und arschteuer war, einschließlich einer ganze Menge gentechnisch produzierter teil- bis vollorganischer Produkte. "Was dann? Herz-Schmerz? Action?"
Elfe verpaßte ihm prompt einen nur halb gespielten Hieb. "Nein, du Banause! Science Fiction natürlich!"
Science Fiction. Darauf wäre Siwa so ziemlich zuletzt gekommen, noch nach Steinzeitkomödien. Dieses Genre war zur Zeit töter als tot. War es jedesmal, wenn die Entwicklungen der Realität, was Kontakte mit Aliens und fernen Welten anging, die schönsten Phantasien von Drehbuchautoren weit in den Schatten stellten.
"Klar. Werbefilm. Hätte ich drauf kommen müssen." redete er sich schwach heraus.
"Mann, die SyMOr hat dir wohl das Gehirn vermatscht!" erregte sich Elfe angesichts seines deutlich gezeigten Mangels an Begeisterung und zeigte überraschenderweise für ein paar Minuten keinerlei Tendenz, nach Elfenart ins Unsichtbare zu verschwinden. Wenn sie sich aufregte, begann die zierliche Frau auf einmal nach außen abzustrahlen und blieb dadurch wahrnehmbar. "Die drehen einen Film, und wir sind dabei!"
Aha, die Sache wurde schon deutlicher. "Was. Wir kriegen die Hauptrollen?"
Sie giggelte. "Nicht ganz. Für die Hauptrollen brauchen sie Schauspieler, die dem vorgegebenen Aussehen der Rollen entsprechen. Da hätten wir nur eine Chance, wenn wir uns Tarnungen umhängen - aber die anderen Rollen werden alle mit Firmenmitarbeitern besetzt! Die Rolle des Oberfieslings ist schon vergeben, die bekommt einer aus der Konstruktionsabteilung --"
Jetzt verstand Siwa, warum die beiden Lehrlingskollegen so lachten.  Er lachte auch. "Das paßt. Die sind allesamt von Natur aus Bastarde, ganz ohne Schauspielausbildung. Da wird der "Held" sich mächtig anstrengen müssen, damit der Bösewicht ihn nicht gnadenlos an die Wand spielt!"
Bonecats Augen spielten auf einmal in einem violetten Farbton, und auch Elfes Gesicht zeigte diesen typischen Ausdruck -- Siwa seufzte. "Was jetzt? Also spuckt es schon aus. Wo ist der Pferdefuß?"
Elfe tauschte Blicke mit Bonecat, und der Dhoanor mit rötlich getüpfeltem Pelz begann zögernd: "Deswegen haben sie uns, und vor allem dich, gerufen. Weißt du, der Hauptdarsteller soll einen  mutigen Weltraumhelden spielen. Und unsere Bosse wollen sicher sein, daß sie sich da keine Fehlbesetzung einhandeln. Deshalb... wollen sie ihn nach Otrona schicken."
Nach Otrona II? Damit er dort lernte, was man bei einem Aufenthalt in einer echten Weltraumstation im echten Weltraum so draufhaben mußte, so daß er es später vor der Kamera glaubhaft mimen konnte? Das war doch kein Problem...
"Nein." zerstörte Elfe gnadenlos seinen Gedankengang. "Nicht nach Otrona II. Nach Otrona I. Auf den "Stern der Verbrecher"."
Siwa verschluckte sich fast, und dann spuckte er los. "Nach Otrona I? Unmöglich, das können die nicht machen, da überlebt ein unbedarfter Schauspieler doch keine zehn Minuten!" Ja, verdammt, er wußte genau, daß sie es machen konnten, das war genau die Tour, die er den berüchtigten "evil Overlords" der Hammer-Werft zutraute.
"Oh, und weil ich mich da so gut auskenne, soll ich dabei den Anstandswauwau spielen, was?" zog er prompt den richtigen Schluß. Elfe und Bonecat nickten unisono, und er zog eine Schnute. "Glauben die, ich bin kugelsicher? Oh, bin ich ja fast. So ungefähr. Oder so." maulte er vor sich hin, während sie alle vier per pedes dem nächsten Zugang zur Untergrundbahn zustrebten, der sich hinter den Abfertigungshallen und unter einem eigenen kleinen Schutzfeld befand. Klar, sie hätten bis zu ihrer Unterkunft auch fliegen können, die Kraft ihrer zwei Dreier und Bonecats mittlerweile gut trainierter Einser hätte locker gereicht, sie alle vier zu tragen und in ein eigenes Schutzfeld zu hüllen, aber auch ein Matrixtechnikerlehrling mußte sich hin und wieder mal die Beine vertreten. Insbesondere nach einem Flug über mehrere tausend Lichtjahre.
"Wieder mal eine der Schnapsideen der Benu, ich hab´s gewußt!" schimpfte Siwa leise vor sich hin. Otrona I, der sogenannte Stern der Verbrecher, trug seinen Namen nicht umsonst. Die uralte Raumstation hatte seit Jahrhunderten alles gesammelt und aufgenommen, was man auf dem Planeten, den sie umkreiste, nicht mehr hatte haben wollen. Zuerst von Dhoan-Sek, in dessen Umlaufbahn sie erbaut worden war, später von Shive, und jetzt kreiste sie seit geraumer Zeit um Sonabir, den zweiten Planeten der Sonne Dhoan. Dort gab es zum Glück keine eigenen Lebensformen, die Verbrecher hätte hervorbringen können, nur einige Bergbauanlagen und Forschungsstationen, deren Besatzungen glücklich waren, nach Ableistung ihrer Kontrakte wieder auf ihre eigenen Welten zurückkehren zu können. Es reichte auch so schon, was sich mittlerweile auf Otrona I so tummelte, mehr schlecht als recht im Zaum gehalten vom sogenannten "Rat" der Raumstation, der sich aus den größten Gangstern des ganzen Dhoan-Systems zusammensetzte, und ihrem halbseidenen "Präsidenten" Andreou, den Siwa persönlich kannte. Andreou war aber erst später Präsident geworden, nach den Ereignissen, denen Siwa seine beinahe intimen Kenntnisse von Otrona I verdankte.
"Und was sagt der Pechvogel dazu? Der Schauspieler, meine ich?"
"Der wird gar nicht gefragt." Auch Elfe zog jetzt eine Schnute. Auch ihr mußte nicht alles gefallen, was man sich in der Chefetage ausdachte. "Man hat ihm einen Portschlüssel untergejubelt."
Siwa stoppte so abrupt, daß Nath, der Diener, der ihm getreu und glücklich sein spärliches Gepäck hinterhertrug, beinahe auf ihn draufprallte. "Hat? Heißt das, er ist schon dort?"
"Ist er. Aber sie haben gesagt, daß du noch rechtzeitig ankommen wirst."
Zeitmanipulation also auch noch. Die Sache mußte irgendwem wirklich wichtig sein, daß man sich auf so etwas einließ. Na, hoffentlich ließen sie ihm wenigstens die Gelegenheit, das Wiedersehen mit seinen Lehrlingskollegen und Nath ordentlich zu feiern, bevor er ohne die eigentlich geplante Landung auf Dhoan-Sek nach Otrona I weiterflog. Die letzten paar Monate hatte er auf der Erde verbracht, zuhause in Lyon´s Home, das trotz Maximilians aufopfernder Vollzeittätigkeit hin und wieder auch die Hand seines wahren Herrn fühlen mußte, und bei verschiedenen Aufträgen, die er als Dreierlehrling für seine Brötchengeber zu erfüllen hatte. Nicht zu vergessen die Sache mit den Drachen - nein, über Langeweile konnte er sich wahrlich nicht beklagen. Und jetzt auch noch Schutzengel spielen für einen unbedarften Schauspieler, was bedeutete, daß sein Besuch bei seinen Freunden auf Dhoan-Sek sich wieder auf unbestimmte Zeit verschieben würde... seine Begeisterung hielt sich wahrlich in Grenzen.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 5. September 2012, 22:13:07 Uhr
Das gleiche konnte zu dieser Zeit auch ein gewisser Frans Hauser behaupten. Harmlos ausgedrückt. So genau wußte er immer noch nicht, ob das hier die Realität oder nur ein sehr intensiver Alptraum war. Gezwickt hatte er sich schon, unmittelbar nach seiner Ankunft hier, wo immer "hier" sein mochte, denn solch eine Umgebung hatte er nie zuvor zu Gesicht bekommen. Der Schmerz war heftig gewesen, der Effekt jedoch ausgeblieben, denn er war immer noch "hier". Und es sah und hörte und fühlte sich so echt an wie alles andere, wenn er wach war. Seine Umgebung war... fremdartig. Da war kein Himmel, den er sehen konnte, nur Metallwände, wo er auch hinblickte. Manchmal mit Kunststoffen verkleidet, die wahlweise Naturstein oder, in bunten Farben, eine natürliche Umgebung vortäuschen sollten, viel häufiger jedoch mit Graffiti der unbekannten, aber leicht zu verstehenden Art beschmiert, denn gewisse Dinge schienen universal zu sein. Universal, das war Frans sofort in den Sinn gekommen, als er den ersten Bewohner dieses Ortes zu Gesicht bekommen hatte. Dabei hatte es sich nämlich keineswegs um einen Menschen gehandelt, sondern um ein auf zwei Beinen dahinwandelndes, mit einer kurzen Hose bekleidetes Katzenwesen mit deutlich ausgeprägter Tigervisage. Während Hauser zu Stein erstarrte und sich fast in die eigene Unterbekleidung machte, warf das Wesen ihm nur einen undeutbaren Blick aus sonderbar großen und buntgestreiften Augen, so gar nicht wie die Augen einer irdischen Katze, zu und strebte weiter. Es dauerte eine Weile, bis der junge Schauspieler seinen Atem wieder unter Kontrolle hatte und sein Herz nicht mehr bei jedem Schlag versuchte, ihm aus dem Hals zu springen. Langsam und sehr vorsichtig wagte er sich weiter und begegnete weiteren Bewohnern, Katzenwesen, die den verschiedensten Rassen der Gattung der Feliden entsprungen zu sein schienen, von Tigern und Löwen über gefleckte Kleinkatzen bis hin zu Säbelzahntigern, und Mitgliedern einer ganz anderen Spezies, die aussahen wie schlanke, meist aufrecht gehende, vierarmige Eidechsen mit grünlich-brauner Schuppenhaut. Die meisten dieser Wesen waren größer als Frans Hauser, der mit seinen Einsneunzig schon zu den größeren der Gattung Mensch zählte, und allein dem bloßen Aussehen nach einem Menschen körperlich überlegen mit ihren scharfen Krallen und Fangzähnen, ihren unter Fell und Schuppen sichtbaren Muskeln und ihren blitzschnellen Reaktionen, doch schien es keines davon unmittelbar auf ihn abgesehen zu haben. Sie nahmen ihn durchaus wahr, doch die Reaktionen auf seine Anwesenheit bestanden aus nicht mehr als einem wachsamen Seitenblick und vielleicht einem kurzen Zucken pelziger Katzenohren hier und da, während sie alle ihren Tätigkeiten nachgingen oder einfach müßig abzuhängen schienen. Nachdem die ersten Wesen, denen er begegnet war, nicht daran dachten, über ihn herzufallen, hatte Frans es für die beste Taktik gehalten, einfach so zu tun, als gehöre er dazu. Niemanden belästigen oder aufdringlich anstarren, denn das mochte bei diesen Aliens einen Angriff provozieren, und sich langsam fortbewegen, zu schnell für einen Müßiggänger, aber ohne Eile und die Augen nach vorne gerichtet, als habe er durchaus ein bestimmtes Ziel... eine Taktik, die zu funktionieren schien. Als Durchschnittsmensch und in dem grauen Oberall, den er seit seiner Landung trug, schien er hier nicht weiter aufzufallen...
Da! Fast hätte er es übersehen!
Drei Personen trudelten aus etwas heraus, was durchaus die hiesige Version einer Kneipe sein konnte, und eine der Personen war eindeutig ein Mensch! Eingeklemmt zwischen zwei der Katzenwesen schwankte der Fremde, fröhlich ein obszönes Trinklied gröhlend, davon. Seine haarigen Begleiter schienen genauso angedröselt zu sein wie er, nur mit Mühe hielt die Dreiergruppe sich gegenseitig auf ihren insgesamt sechs Beinen. Nichts ließ darauf schließen, daß der Fremde in Bedrängnis war, wenn man von der einen oder anderen Kratzwunde, die er sich von seinen scharfkralligen, sorglos untergehakten Kumpanen zweifellos einhandelte, absah... Hauser ging weiter. Der Geruch, der aus dem Lokal drang, stieß ihn ab, sonst hätte er jetzt dort vielleicht sein Glück versucht, ob dort noch mehr menschliche Wesen zu finden waren. Aber seiner Nase nach war dort offenbar gerade so etwas wie Reizgas versprüht worden, wahrscheinlich hatten die fröhlichen Zecher deswegen das Weite gesucht. Hauser fühlte sich trotzdem erleichtert. Also gab es hier Menschen, deshalb ignorierten ihn die Aliens, und mit etwas Glück blieb das auch so, bis er endlich erfuhr, was zum Teufel hier los war. Er erinnerte sich...

Statt auf einen Anruf seines Agenten zu warten, war er selbst den ganzen Tag unterwegs gewesen, hatte mehrere Studios darauf abgeklopft, ob dort heute oder vielleicht demnächst eine Rolle, und sei es nur die für einen kurzen Werbespot oder eine Massenszene, zu besetzen wäre. Es kam häufiger vor, daß ein Akteur kurzfristig ausfiel oder absagte, und dann bekam der die Chance, der gerade frei und greifbar war, insbesondere bei schnell abgedrehter, kurzlebiger Ware wie einem Werbe-Jingle. Im Filmbusiness war Zeit gleich Geld, und warten würde ein Regisseur allenfalls auf die hochbezahlten Diven mit den berühmten Namen, und selbst das nur maximal ein- oder zweimal, nicht jedoch auf jederzeit zu ersetzende No-Name-Schauspieler, die sich zu Dutzenden in den Studios herumdrückten. Die Konkurrenz war immens in diesem Geschäft, und Frans Hauser hatte es bisher noch nicht geschafft, von sich reden zu machen, genauso wie so viele andere, die irgendwann ihre Liebe zur Schauspielerei entdeckt hatten und jetzt meinten, die Welt müsse ihnen offenstehen, während sie sich mehr schlecht als recht mit Statistenrollen im Theater oder bei drittklassigen Fernsehproduktionen durchschlugen, die ihnen manchmal nicht einmal das Geld für die monatliche Miete einbrachten. Und was hatte er zu bieten, was die anderen nicht hatten? Frans wußte, daß er gut aussah, mit seinem gut trainierten Körper und einem offenen jungenhaften Gesicht, aber das tat praktisch jeder, der von der großen Karriere vor der Kamera träumte, und der Rest leistete sich einen Schönheitschirurgen. Sein deutscher Name war nicht mehr unbedingt ein Makel, seit den Amerikanern ausländische Zungenbrecher wie beispielsweise Schwarzenegger geläufig waren, und er war immerhin kurz genug, um als Künstlername durchzugehen. Und auch sein flammendrotes Haar, sein größtes Manko, konnte dank rothaariger Größen wie Robert Redford oder Sean Bean heute vor der Kamera bestehen. Seinen niederländisch angehauchten deutschen Akzent hatte er schon als Kind verloren, bald nachdem seine Eltern über den großen Teich gemacht hatten, aber er beherrschte immer noch genug von der Sprache, um beispielsweise eine Nebenrolle als fieser Nazischerge oder verrückter deutscher Wissenschaftler ausfüllen zu können. Es gab Gerüchte, daß Quentin Tarantino einen Actionstreifen mit Nazis plante, und Frans gedachte seinen Agenten darauf anzusetzen. Aber auf Gerüchte konnte niemand seine Zukunft aufbauen, auch Frans Hauser nicht. Das alles war nicht genug. Etwas fehlte. Die große Chance, der unerwartete Sprung nach vorne, der berühmte Zufall, der sein Leben ändern würde...
Gegen Abend kehrte er müde und erfolglos in sein winziges Appartement im fünften Stock eines heruntergekommenen Mietshauses zurück. Aus der Wohnung im ersten Stock erklang empörtes Kindergeschrei. Doch gerade als er hoffte, diesmal unbemerkt die Treppe emporschleichen zu können -der Lift ging schon seit Wochen nicht - erschien doch noch seine Vermieterin in der Tür. Statt ihn gleich wegen der wieder einmal ausstehenden Miete zusammenzustauchen, hielt sie ihm einen bauchigen großen Umschlag vor die Nase. "Das war für Sie in der Post. Ich will sehr hoffen, daß es eine fette Erbschaft ist, oder wenigstens ein Angebot von Hollywood. Sonst können Sie Ende dieses Monats Ihre Sachen packen und ab sofort in Ihrer Luxus-Limousine nächtigen!"
"Jawohl, Mrs. Strangewell," seufzte Frans, der im Gespräch mit dieser Frau jedesmal mit voller Absicht sein Deutsch herauskehrte, um das zu kaschieren, was er über sie dachte, und nahm das Kuvert und die restliche Post entgegen. Ohne zuerst einen Blick darauf zu werfen, verflüchtigte er sich in seine Wohnung, froh, daß er heute der üblichen längeren Standpauke entgangen war. Und er wußte genau, daß er sich in seiner Lage noch glücklich schätzen durfte. Er wußte von Leuten, die fest angestellt waren und sich trotzdem keine feste Bleibe leisten konnten, die jede Nacht draußen in der Wüste im Schlafsack verbrachten und morgens vor der Ankunft im Büro irgendwo unterwegs an einer Tankstelle duschten und sich rasierten... der alltägliche Alptraum des American Way of Life.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 25. September 2012, 16:05:47 Uhr
Die Post landete auf der abgenutzten, schäbigen Couch, und Frans fuhr als erstes aus Anzug und Schuhen. Als zweites riß er erst einmal die Fenster auf und sog die smoggeschwängerte, hier oben nach sonnengewärmtem Staub, bröselndem Ziegelwerk und Taubendreck riechende Stadtluft ein. Die Klimaanlage funktionierte synchron mit dem Lift, das hieß, den größten Teil des Jahres nicht, und zu dieser Jahreszeit verwandelte die Sonnenhitze sein Appartement regelmäßig in einen Brutofen, mit ein Grund, warum die Miete so niedrig war. Niedrig hieß aber leider nicht nichtexistent... nach dem nötigen Besuch des winzigen Örtchens und einer nur am Anfang von etwas rieselndem Rost gestörten Dusche konnte er sich endlich auf der Couch ausstrecken, nur noch mit Shorts bekleidet, Bananenmilch aus der Kühlbox und ein unterwegs gekauftes Sandwich auf dem Abstelltisch neben sich, und sich der Post widmen. Ein paar Rechnungen, jede Menge Werbung... und das große Mystery-Kuvert. Sein Name und seine Anschrift waren korrekt auf das braune Papier aufgedruckt, aber statt eines Absenders gab es nur ein goldfarbenes Emblem, das eines modisch stilisierten, aufsteigenden Phönix in einem flammenden Sonnenreifen. Frans konnte sich nicht erinnern, dieses auffällige Symbol schon einmal gesehen zu haben in diesem Land, in dem jeder stolz war auf sein persönliches Company-Logo. Er riß den Umschlag auf. Weißes Papier war darin, die Titelzeilen nebst Firmenlogo nobel in gold-rot-schwarz gedruckt - ein Rollenangebot! Sie hatten nicht einfach seinen Agenten kontaktiert, sondern ihn direkt angeschrieben, so als gäbe es noch kein Telefon? Höchst ungewöhnlich. Frans studierte das Schriftstück genau. Die Firma Benu Incorporated, von der er noch nie gehört hatte, beabsichtigte demnach, einen Werbefilm für ihre Produkte zu drehen, allerdings keinen Kurzfilm von wenigen Minuten Dauer, sondern einen richtigen Film von Spielfilmlänge, "to run in cinemas all over the world", wie es hieß. Das geplante Genre war Science Fiction, jedoch stand kein Titel dabei, noch irgendein Hinweis, ob der Film eventuell auf einem bekannten Buch basierte. Vielleicht war es ja ein so streng geheimes Projekt wie damals der erste Batman-Streifen, bei dem jede Drehbuchzeile und jedes Standfoto wie ein Staatsgeheimnis behandelt worden war, überlegte Frans, und man wollte noch keine Pferde scheu machen, solange er noch nicht zugesagt hatte. Die nächste Dreierreihe von "Star Wars"-Episoden konnte es jedenfalls nicht sein, so geheim konnte George Lucas ein neues Projekt gar nicht halten, daß nicht zumindest Gerüchte in der ewig brodelnden Gerüchteküche des Filmbusiness von L.A. und San Francisco aufgetaucht wären. Außerdem hätte dieser Regisseur kaum einen Film explizit als "Werbefilm" bezeichnet, die Actionfiguren und Comics und sonstigen Ableger zu seinen Filmen waren reine Selbstläufer... nein. Lucas zumindest schied aus. Frans las weiter.
Er sollte nicht weniger als die Hauptrolle erhalten. Starkes Stück, fand er, für eine Firma, die er nicht mal kannte, die aber ihn recht gut zu kennen schien. Nun ja, vielleicht hatten sie doch auf irgendwelchen Umwegen von seinen Qualitäten erfahren. So wie alle angehenden Schauspieler versuchte er in möglichst vielen Positiv-Karteien verfügbarer Kräfte zu erscheinen. Aufgabe seines Agenten war es dann, hoffnungsvollerweise, die eingehenden Aufträge zu sichten und die Spreu der Kurzzeitjobs vom Weizen des wahrhaft Lukrativen zu trennen. Obwohl er im Augenblick schon mit purer Spreu zufrieden gewesen wäre... er sichtete den Rest des Blätterberges. Es war bereits der komplette, ausgearbeitete Arbeitsvertrag für die Dreharbeiten, deren Dauer auf etwa ein Jahr geschätzt wurde. Forderungen wurden gestellt. Er würde für die Dauer an den Drehort umziehen müssen, was im Klartext hieß, daß nicht in den hiesigen Studios gedreht werden würde. Vielleicht in einem der Studios in Kanada, was keineswegs ungewöhnlich war, da Kanada Film- und Fernsehproduktionen recht großzügig förderte. Frans war durchaus nicht abgeneigt, einen solchen Sprung zu wagen. Vorab, und um sich abzusichern, verlangte die Firma eine Spanne von einigen Tagen für Testaufnahmen. Einige Tage, das hieß wohl, man wollte mit ihm schon auf Nummer sicher gehen. Normalerweise war das eine Sache von maximal einer Stunde, Wartezeiten nicht mitgerechnet, bestehend aus Vorsprechen, einige schnell memorierte Zeilen mit dem geforderten Gefühlsausdruck vortragen, vielleicht ein schnelles Take mit der Kamera, und dann, das "Ja" oder "Wir kommen vielleicht auf Sie zurück" des zuständigen Regisseurs, wobei letzeres fast immer gleichbedeutend mit einer Absage war. Der Löwenanteil des Vertrags bestand aus den üblichen Paragraphen, Absicherungen und Klauseln, die er schon von früheren Engagements her kannte, und die ihm sein Agent einmal erklärt hatte. Ein Drehbuch oder zumindest Ausschnitte desselben, die es ihm ermöglicht hätten, sich auf die beabsichtigte "Richtung" seiner Rolle einzustimmen, lag nicht dabei. Geheimhaltung, oder war der Inhalt an sich nicht so wichtig, solange er nur eine gute Figur machte, egal was er spielen sollte? Oder wußte man gar von seiner Notlage und war sicher, daß er gar nicht ausschlagen würde? -
Aber da waren ein paar Sachen, die ihn stutzig machten. Wenn er sich bewährte, hieß es da, könne er mit weiterer Beschäftigung, vielleicht sogar einer Daueranstellung rechnen... Klauseln betreffend eventueller Fortsetzungen eines Films, falls er unerwartet ein Publikumserfolg werden sollte, waren keine Seltenheit, aber "Daueranstellung"? So etwas gab es in Amerika höchst selten und in Hollywood grundsätzlich nicht - oder allenfalls für hochdotierte Spezialisten, die hinter den Kulissen wirkten und deren Wissen in Bezug auf Spezialeffekte als unverzichtbares Firmengeheimnis galt. Nie jedoch für einen Durchschnittsschauspieler, der jederzeit durch einen anderen ersetzt werden konnte. Sonderbar... erneut las er den Vertrag durch. Das Gehalt, das ihm angeboten wurde, war für seine Verhältnisse üppig, und vermutlich angemessen für eine No-Name-Hauptrolle in einem Film, bei dem schon von vorneherein auf seinen rein kommerziellen Charakter hingewiesen wurde. Rick, sein Agent, würde jubeln, falls er nicht schon davon wußte, der erste wirklich bedeutende Vertrag für Frans Hauser - samt dem entsprechenden Honorar für Rick... Falls Frans mit der mehrtägigen Testphase einverstanden war, so hieß es ganz am Schluß des Papierwusts, solle er an der vorgegebenen Stelle unterschreiben. Natürlich würde Frans den ganzen Vertrag an Rick weitergeben und dieser ihn erst mal gründlich durchforsten, ihn auf hinterhältige Klauseln abklopfen und gegebenenfalls hier und da Nachbesserungen für seinen Mandanten einfordern, all diese Dinge tun, für die ein anständiger Agent zuständig war. Aber wegen ein paar Testaufnahmen würde er auf jeden Fall unterschreiben, zumal da hier nichts von einer Reise nach Kanada oder sonstwohin stand. Bevor er den Stift zückte, blätterte er noch einmal vor und zurück, und dann wußte er auf einmal, was ihn noch gestört hatte. Nirgendwo stand eine Anschrift dieser Firma Benu Inc., weder auf dem Briefkopf, noch auf dem Umschlag, noch irgendwo im Vertrag selbst. Die aufgeführten Namen der Geschäftsführung waren ihm unbekannt und klangen samt und sonders ausländisch, auf eine Art, die er auf Anhieb keinem bestimmten Land zuordnen konnte. Keine Anschrift, und, noch extremer, keine Telefonnummer - das hieß, entweder erhielt Rick diese Daten direkt von der Firma, oder... was oder? Für einen dummen Scherz wäre die Anfertigung dieses ganzen Schriftstücks etwas zu aufwendig gewesen. Das Papier war nämlich schwer und teuer, handgeschöpft mit einem verschlungenen, unbekannten Wasserzeichen, aus dem Frans erst nach einigem Nachdenken und gegen-das-Licht-halten das Emblem des Phönix im Flammenkranz wiedererkannte. Nun ja, heute war er zu müde, aber morgen würde er als allererstes Rick aufsuchen und die Sache klären. Nur die Unterschrift wegen der Testaufnahmen wollte er heute noch auf das Papier setzen, notfalls konnte er es immer noch im Papierkorb entsorgen, wenn die Sache unkoscher war. Der Kugelschreiber huschte über das Papier --

und im nächsten Augenblick erfaßte ihn ein irrsinniger Wirbel, der ihn vor Schreck aufschreien ließ. Wie in einer irrsinnigen Vision glaubte er mitzuerleben, wie dieser Tornado aus dem Nichts ihn durch die Decke seiner Wohnung, durch das flache Dach und immer höher emporriß, bis es - in Sekundenbruchteilen! - erst tiefblau und dann schwarz um ihn wurde, als würde er weg von der Erde hinein in den Weltraum gerissen --
und was danach geschah, bekam er nicht mehr mit. Er wurde ohnmächtig.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 2. Oktober 2012, 14:46:25 Uhr
Als er irgendwann später erwachte, lag er auf einem harten Boden. Und es stank. Was daran lag, daß der Boden, der viel zu nahe an seinem Gesicht war, nicht unbedingt sauber genannt werden konnte, die Metallplatten (Metall? In seiner Wohnung? Was zum Geier hatte er getrunken, daß er sich nicht erinnern konnte, sie verlassen zu haben?) waren bedeckt mit einer undefinierbaren Mischung, die sich im wesentlichen aus zusammengebackenem Schmutz unbekannter Herkunft, Staub und irgendwelchen öligen Bestandteilen zusammensetzte. Angeekelt setzte er sich auf und starrte auf seine Kleidung. Befand er sich gerade in einem Dreh, und war ungünstig gefallen, hatte er sich vielleicht den Kopf gestoßen, weil er so total einen Filmriß hatte? Wo war die Kamera, und das zornesrote Gesicht des Aufnahmeleiters, der gleich "Cut!" brüllen würde, gefolgt von der Anforderung des Studioarztes und diversen auserwählten Flüchen und der Hektik unter den Mitarbeitern, die darauf folgte... aber die Lichter, die auf ihn herabschienen, waren keine grellen Filmscheinwerfer, sondern ordinäre Neonröhren, er sah weder einen Aufnahmeleiter noch irgendjemand sonst, hörte niemanden büllen, und er fühlte auch nicht die Kopfschmerzen, die er mit einem Stoß gegen den Kopf oder einem simplen Kater in Verbindung brachte. Er sah an sich herab. Das letzte, an was er sich erinnerte, war, daß er nur mit Shorts bekleidet in seinem überhitzten Appartement gesessen und über ein ungewöhnliches Angebot nachgedacht hatte. Er hatte unterschrieben -- Filmriß. Jetzt trug er so etwas wie einen grauen Overall mit passenden bequemen Stiefeln, mit einem leuchtendblauen Emblem auf der linken Brustseite, das wieder - er schielte nach unten - den Phönix im Flammenkreis zeigte, diesmal umgeben von einem roten Kreis. Hatte er die Testphase etwa schon angetreten und erinnerte sich nur nicht, vielleicht weil er zur Feier des ersten guten Auftrags mit Rick einen zu viel gehoben hatte? Aber so etwas hatte er noch nie getan, und würde er vermutlich auch nicht tun, denn es hätte beim Auftraggeber höchst unprofessionell gewirkt, am ersten Tag gleich mit den deutlichen Spuren eines Katers aufzutauchen... für alle Fälle, daß er eingeschlafen war und das ganze hier nur träumte, zwickte er sich, und zuckte zusammen. Der Schmerz war real genug, und seine Umgebung weigerte sich standhaft, sich in bekanntere Gefilde zu verwandeln, sie blieb irgendeine Sackgasse zwischen Metallwänden, unter ihm der nicht zu saubere Boden, über ihm eine unverkleidete Metalldecke mit abgehängten Neonröhren, die zumindest ein angenehmeres Lichtspektrum zu haben schienen als die üblichen Röhren, die er von diversen Büros kannte. Wo war er hier, vielleicht in einem abgelegenen Teil eines Studios? War er unter Räuber gefallen, vielleicht unter Drogeneinfluß hierhergeschafft worden, damit er nicht störte?... bei was störte? Wie lange hatte er dort auf dem Boden gelegen? Es gab nur eine Methode, das herauszufinden, bevor seine Phantasie endgültig mit ihm durchging. Er machte sich auf den Weg. Es gab keine Tür und keine Absperrung, die ihn hinderte. Er bog um eine Ecke und stellte fest, daß hier so etwas wie ein breiterer Gang verlief, immer noch Metallwände, Neonröhren an der Decke und verschiedenes herumstehendes Gerät, das offenbar nicht der Bodenreinigung diente, weil es hier genauso schmutzig war wie in der kleinen Sackgasse hinter ihm. Und da kam jemand den Gang entlang, mit fast unhörbaren, geschmeidigen Schritten. Frans erblickte den Kommenden, und er vergaß alle Fragen, die er hatte stellen wollen. Stattdessen wurden ihm die Knie weich. Denn der, der da kam, war kein Mensch. Und das war keine Maske, die diese nahende Person trug, Frans hatte genug davon in seiner Zeit am Theater gesehen, um echt und nachgemacht auf Anhieb unterscheiden zu können. Nein, dieser Nicht-Mensch war echt... es war ein aufrecht gehendes, bepelztes Tigerwesen! Hausers trainierte Schauspieler-Sinne konnten nicht anders, als das Gesehene sofort zu analysieren, während er vor Schreck fast auf der Stelle festfror. Der Rumpf des Wesens war breiter gebaut und seine Gliedmaßen länger als bei einem normalen Tiger, und es bewegte sich geschickt und flink, mit geschmeidigen Bewegungen auf seinen zwei Beinen vorwärts, also ganz anders als ein Zirkustiger, der sich vor seinem Dompteur auf die Hinterbeine stellte und ungelenk hüpfte. Es war vielleicht einen Kopf größer als Frans, und der Schauspieler war sich sicher, daß in dieser Katzenschnauze mindestens zwei lange, scharfe Reißzähne staken, vielleicht auch einige mehr. Aber das Wesen zeigte seine Zähne nicht. Seine Augen, seltsam große Augen mit einem senkrechten farbigen Streifenmuster, die mehr an die Facettenaugen bestimmter Insekten erinnerten als an die einer Großkatze, starrten Frans an. Oder vielleicht starrten sie das Symbol auf dem Brustteil seines Overalls an, Frans konnte sich nicht sicher sein bei diesen unmöglichen Augen. Jedenfalls starrte "es" ihn an - und strebte vorbei. Ohne stehenzubleiben oder auch nur im Schritt abzubremsen, ohne ihn anzusprechen, anzuspringen, was auch immer... es ignorierte ihn einfach. Nur ein kurzes Ohrenzucken, als es vorbeiging, als erwartete es halb, von ihm angesprochen zu werden - und Frans sah, daß sich die Ohren des Wesens in seine Richtung nach hinten drehten, während es geschmeidig davonglitt. Es ignorierte ihn bewußt, aber es traute ihm nicht ganz über den Weg - so sah es Frans. Nun, vielleicht hatte er es einfach zu aufdringlich angestarrt in seinem Schrecken. Er blieb noch einige Augenblicke stehen, bis sich sein Herzschlag wieder so einigermaßen beruhigt hatte, und setzte dann seinen Weg fort. Bald traf er auf andere Katzenwesen, die ihn genauso ignorierten wie das erste Exemplar, dann auch auf die Eidechsen, die hier die Funktion von chinesischen Kulis zu erfüllen schienen, weil er sie kaum einmal unbeladen antraf, wenn sie auf den breiten Gängen dieses sonderbaren Ortes unterwegs waren, und so war er schließlich hier gelandet, bei einer Kneipe und dem ersten Beweis, daß es hier auch menschliche Wesen gab. Inzwischen war er auf einer noch breiteren "Hauptstraße" angekommen. Die außerirdischen Entsprechungen von Läden, Lokalen, Werkstätten und Büros säumten den Weg, Katzenwesen und Eidechsen und sogar Miniaturausführungen derselben, die nur Kinder sein konnten, belebten die Straßen, kleine Elektrofahrzeuge kurvten herum und transportierten Lasten, die die vierarmigen Echsen nicht bewegen konnten oder wollten, Gruppen standen herum und diskutierten irgendwelche Dinge, Verkäufer und Käufer feilschten um Preise, einzelne Personen befaßten sich mit ihren breiten, tastenbestückten Armbändern, die die Funktionen eines Allzweckkommunikations- und Unterhaltungsgeräts zu erfüllen schienen, Bekannte begrüßten einander... ganz normaler Alltag an diesem Ort, und niemand achtete auf Frans. Er konnte irgendwie fühlen, daß zahlreiche Augen auf ihn gerichtet waren, auf ihn oder vielleicht auf die Phönix-Plakette auf seinem Overall, aber niemand trat bewußt auf ihn zu und fragte ihn nach woher und wohin.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: Felixx am 2. Oktober 2012, 17:36:20 Uhr
Auch auf die Gefahr hin, jetzt als totaler Depp dazustehen....

 [mindoubt]

Wann tauchen dann unsere bekannten Helden auf?
 [jump]
felixx
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 4. Oktober 2012, 08:06:00 Uhr
Hier geht es um eine Filmproduktion, nicht um unsere "Helden"! Deshalb poste ich die Geschichte ja auch hier und nicht unter CF-Fanfiction. Diese Geschichte spielt in "meinem" 2772-Universum, und da exisitert CF nur, wie in unserem, als Pulp- und Animeserie. Welche Rolle Frans übernehmen soll, ist ja wohl klar. Aber bevor er das tun kann, muß er erst die Testphase überleben bestehen...  :-\
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: Felixx am 4. Oktober 2012, 08:32:19 Uhr
Ok, ok, ich bin der Depp..... :-[

felixx
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 4. Oktober 2012, 08:55:31 Uhr
*no comment* Aber ich hoffe, Du liest trotzdem weiter mit...  :-*  ;)
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 11. Oktober 2012, 12:36:09 Uhr
Frans las die Beschriftungen der Schilder an und in den Läden und studierte neugierig kleine Plaketten aus Plastik an den Hausecken, die auf Durchgänge zwischen den Geschäftsbetrieben und kleinere Betriebe und Wohneinheiten in diesen hinteren verwinkelten Bereichen hinwiesen. Manche Plaketten waren alt und verschmutzt oder mit Graffiti überzogen, andere relativ neu und leuchtend. Abermals dauerte es eine Weile, bis Frans es bemerkte. Er las - und verstand! - Schriftzeichen, die definitiv nicht dem lateinischen Alphabet entstammten, die mehr einem Mix aus einfachem Japanisch und Hebräisch mit Einschlägen ins Griechische ähnelten - rein von der Optik her, nicht vom Inhalt - und die keiner der Sprachen entstammten, die er gelernt hatte, nämlich amerikanisches Englisch, Deutsch, Niederländisch und ein weing Spanisch. Trotzdem verstand er sie. Warum? Wie kam das zustande? Und auch die dazugehörige Sprache verstand er, wenn er im Vorbeigehen Gesprächsfetzen aufschnappte oder Meldungen aus einem auf Mithörlautstärke geschalteten Armbandgerät - eine bellende, hustende Geräuschfolge, wenn sie von den Katzenwesen stammte, und eine zischelnde, lispelnde Variante von den Echsenwesen.
Mittlerweile begriff er gar nichts mehr. Da waren weitere Dinge, die ihm auffielen. Die Fenster in den Gebäuden beispielsweise, und die Türen. Erstere waren grundsätzlich fest eingebaut, bestanden aus dickem Sicherheitsglas und sahen so aus, als ließen sie sich nur mit Gewalt öffnen, letztere waren extrem massiv, fast so dick wie die Wände, und mochten im geschlossenen Zustand sogar luftdicht sein. War das gedacht zum Schutz vor Überfällen, die bei so wehrhaften Bewohnern, selbst wenn sie sich im Augenblick in seiner Umgebung gesittet verhielten, an der Tagesordung sein mochten, oder gab es hier andere Bedrohungen - Giftgase vielleicht, oder eine unverträgliche Atmosphäre? Denn das alles hier lag nicht unter freiem Himmel, sondern unter neonlampenbestückten Metalldecken. Befand sich das alles hier vielleicht tief unter der Erde, oder an einem ganz anderen Ort? Die Fragen drängten stärker, als Frans ein Stück weiter eine massive Mauer erreichte, die diesen Stadtteil abzuschließen schien, und er die gigantischen Schottenwände aus massivem Metall sah, mit denen das riesige Tor im Notfall luftdicht versiegelt werden konnte. Seitlich des Tors fand er schließlich, was er hier halb erwartet hatte zu finden, nämlich so etwas wie eine Stadtkarte, einen elektronischen Wegweiser.  Interaktiv sogar, er verriet auf Knopfdruck alles, was man zu diesem Ort wissen mußte. Frans ging das ganze Menü mehrfach durch, um auch ja keine Seitenverweise auszulassen, und seufzte dann schwer. Wenn das Ding und seine ganze Umgebung ihn nicht anlogen, dann befand er sich hier weder auf der Erde noch in irgendeiner streng geheimen unterirdischen Anlage voller Aliens, die er dem amerikanischen Militär durchaus zugetraut hätte, sondern auf einer Raumstation namens Otrona. Im sogenannten Sektor Gelb-Eins, einem von vielen Sektoren, aus denen sich die zylinderförmige Raumstation zusammensetzte. Eine zum Teil grau eingefärbte Animation, die auf einigen Bildern aufgetaucht war, zeigte die Raumstation sogar noch größer, doch war anscheinend vor einiger Zeit der größte Teil des anderen Endes des Riesenzylinders abhanden gekommen. Welche Katastrophe war wohl dazu fähig, diese massiv gebaute Anlage so sauber in zwei Hälften zu trennen, überlegte Frans. Doch als er nach Angaben dazu suchte, oder zu der simplen Frage, um welchen Planeten diese Station denn nun eigentlich kreiste, wurde er an das Nachrichten- und Datenarchiv von Otrona verwiesen, und da kam man vermutlich nur heran, wenn man eines dieser Allzweck-Armbänder besaß. Die übrigens so ziemlich jeder außer ihm zu tragen schien. Er ging ein paar Seiten zurück zur allgemeinen Übersicht - da waren die Docks, und ein Büro, das als "Einwanderungsbehörde" markiert war. Wenn er so ein Armband und mehr Erkenntnisse erlangen wollte, dann bestimmt dort, und falls man ihm in der Behörde Schwierigkeiten bereitete, dann war das wohl das Problem desjenigen, der ihn hierhergezaubert hatte. Inzwischen war er nämlich so weit, daß er so ziemlich alles zu glauben bereit war, einschließlich der Theorie, ein Tornado hätte ihn hierhergebacht wie weiland Dorothy in das Land Oz. Was das alles mit dem Rollenangebot zu tun hatte, ob es überhaupt noch galt, wenn er jetzt auf unbestimmte Zeit in einer Raumstation im fremden Nirgendwo herumhing und vielleicht erst, so alle Weltraumgötter wollten, in Wochen, Monaten oder gar Jahren nach Hause auf die Erde zurückkehren konnte... er wußte es nicht. Stattdessen versuchte er sich den Weg durch die verschiedenen Sektoren hindurch, die nach Farben und Nummern geordnet waren, bis zu dieser Einwanderungsbehörde einzuprägen, und ging wieder los. Allzu schlimm verlaufen konnte er sich nicht, wenn er sich immer an die breiten Hauptverkehrsadern hielt, so viel wußte er jetzt, und spätestens am Tor der nächsten Sektorengrenze würde er den nächsten Wegweiser finden, wo er sich neu orientieren konnte.
Ein Personenauflauf. Vor ihm. Als er näher herankam, sah er die Ursache, zwei der Katzenwesen waren aufeinander losgegangen. Die Umstehenden sahen zu, wie die beiden Kontrahenten sich umkreisten und dann plötzlich aufeinander zusprangen und wilde Prankenhiebe austeilten und einsteckten, sich voneinander trennten und erneut lauernd umkreisten, aber niemand mischte sich ein, und es tauchte auch niemand auf, den man als eine hiesige Version der Polizei betrachten konnte, um einzuschreiten und die Sache zu beenden. Solche Duelle schienen hier normal zu sein und nichts, worüber man sich besonders erregen mußte. Frans Hauser vermißte die Fanclubs der beiden, die bei einem ähnlichen Kampf im Slum einer amerikanischen Stadt ihre Favoriten lautstark angefeuert hätten, aber das schien hier nicht üblich zu sein. Auch er hatte nicht die Absicht, sich einzumischen, er wollte einfach nur in großem Bogen um die Kämpfer herum und weiter. Vorsichtig, weil die Zuschauer dicht standen, suchte er sich seinen Weg durch die Menge. Die meisten ignorierten ihn, aber einige, die das Emblem auf seinem Overall entdeckten, wichen unwillkürlich ein Stückchen vor ihm zurück, als leide er an Aussatz. Das Zeichen des Phönix im Flammenkranz schien für diese Wesen eine Bedeutung zu haben, die sich ihm noch nicht erschlossen hatte.
Ups. Vor lauter Konzentration auf die beiden Streiter, die bei ihrem Schlagabtausch ständig die Position wechselten und ihre Zuschauerschaft mitzogen, wäre er beinahe auf einen der Zuschauer geprallt. Ausgerechnet auf eines der Katzenwesen, die ihm nach wie vor den Eindruck vermittelten, als gingen sie beim geringsten Anlaß jedem an die Kehle, einem wehrlosen Menschen sowieso... das Löwengesicht starrte ihn an, sichtlich empört, doch dann erfaßten diese sonderbar gestreiften Augen das Emblem auf Hausers Overall, und es schrak zurück, die bereits halb zum Schlag erhobene Hand mit den ausgefahrenen spitzen Krallen stoppte mitten in der Bewegung.
"Bennu-Sfaarak! Haint´n terougona ye!" fauchte das Katzenwesen ihn an. "Benu-Sklave! Mit dir lege ich mich nicht an!" Da diese Sprache recht doppeldeutig war, wie Frans mit seinem neugewonnenen Sprachwissen erkannte, konnte man die Aussage auch anders auslegen, aber er nahm an, daß diese Fassung dem Gemeinten am besten entsprach. Da er seiner eigenen Zunge aber mißtraute, was das Beherrschen der fremden Sprache in längeren Sätzen anging, gab er nur ein diffuses "Aye" von sich, suchte nach der nächsten Lücke zwischen den glotzenden Umstehenden und machte, daß er weiterkam. 
Für etliche Schritte lauschte er noch, ob das Wesen ihm vielleicht nachkam, um sich auf die handfeste Art für seine kurz angebundene Antwort zu "bedanken", und er frage sich, ob er es noch rechtzeitig hören würde, wenn es sich von hinten mit einem Satz auf ihn stürzte, so lautlos wie diese Wesen auf ihren unbeschuhten Pfoten waren.. aber es geschah nichts, und als er sich einen Häuserblock weiter einen Blick zurück gönnte, war das Wesen verschwunden, seinen eigenen Zielen folgend. Mit einem "Benu-Sklaven" wollte es tatsächlich nichts zu tun haben. Hieß das, daß er hier wegen des Abzeichens als eine Art Paria galt, den man am besten zu meiden hatte? Dann diente es wohl als eine Art Schutz für ihn, der sich mit den hier geltenden Regeln noch nicht auskannte, begriff er, eine kleine Maßnahme der Person oder Macht, die ihn hierhergebracht hatte.
Er suchte und fand den nächsten Wegweiser an der nächsten Sektorengrenze. Das Einwanderungsbüro lag zwischen den Docks der Raumstation, was absolut Sinn machte. Die Docks einer außerirdischen Raumstation, wo der Logik folgend mit Raumschiffen zu rechnen war... Frans war gespannt. Ob er hier wohl eine fliegende Untertasse fand, oder etwas anderes, was ihn zurück nach Hause, auf die Erde bringen konnte? Reichte es hier, den Daumen zu heben, um als Anhalter mitgenommen zu werden, wie an einer irdischen Tankstelle? Denn den berühmten Reiseführer durch die Galaxis hatte er leider nicht in der Tasche, noch nicht einmal das empfohlene Handtuch oder einige Einheiten der hiesigen Währung, die Taschen seines Overalls hatten sich bei einer Inspektion als jungfräulich leer entpuppt.
Je näher er den Docks kam, um so intensiver wurde der Betrieb. Die Katzenaliens schienen durchaus den Müßiggang zu schätzen, er hatte inzwischen genug von ihnen gesehen, die ganz nach Katzenart einfach so irgendwo abhingen und den lieben Gott einen guten Mann sein ließen, aber dafür wimmelte es hier geradezu von den ewig geschäftigen Eidechsen. Da mußte wohl irgendwo ein Nest sein, dachte er amüsiert... und er ahnte nicht, daß er damit der Wahrheit ziemlich nahe kam.
Im Bereich der Docks gab es Wachen, zu erkennen an ihren uniformähnlichen Aufzügen, die ihnen sogar für Aliens einen "dienstlichen" Anstrich verliehen, aber extra abgesperrt war dieser Bereich nicht, kein Wunder bei diesem unaufhörlichen Kommen und Gehen und dem Transport zahlreicher Waren zu den Verladesystemen oder von dort in den Rest der Station. Frans vermutete, daß es zusätzlich zu den sichtbaren Wachen auch Kameraüberwachung und weitere unsichtbare elektronische Überwachungssysteme gab, die die Einfuhr von Waffen, Sprengstoffen und ähnlichen gefährlichen Konterbanden verhinderten. Er selbst hätte es jedenfalls so gemacht. Bevor er nach dem Einwanderungsbüro suchte und sich dem zu erwartenden Ärger dort stellte, wollte er sich noch so viel wie möglich ansehen, nachdem er schon mal hier war. Er suchte und fand einen Zugang zu einem der Docks, die aufgeteilt wie Tortensegmente die Enden der zylinderförmigen Raumstation ausmachten, und fand sich auf einer Art Laufsteg für Besucher wieder, viele Meter über dem eigentlichen Dock und getrennt von ihm durch dicke Scheiben aus Sicherheitsglas.
Und da waren sie endlich. Raumschiffe!
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 31. Oktober 2012, 12:56:18 Uhr
Ein deutliches Gefühl von Déjà-Vu überkam ihn. Er kam sich fast vor wie der junge Anakin Skywalker. Das hier hatte in der Tat gewisse Ähnlichkeit mit Szenen aus den ersten Episoden der Star-Wars-Serie. Falls er jemals zur Erde zurückkam, konnte er ohne falsche Bescheidenheit "Du" zu George Lucas sagen, zumindest was den Inhalt seiner Filme anging.
Er sah genauer hin. Nun ja, auf den zweiten Blick waren die meisten Maschinen, die er da unten stehen sah, ziemlich klein, ein wirklich großes Raumschiff hätte in dieses Dock trotz seiner Größe nicht hineingepaßt. Und es waren auch keineswegs schnittige Raumflitzer wie in den Kinofilmen, sondern eher plumpe, mit Greifern und undefinierbaren Auswüchsen überzogene Einheiten, manche davon nur großgeratene Exoskelette, von denen die meisten wohl dem Raumverkehr und Arbeiten in unmittelbarer Nähe der Station dienten und nicht für längere Flüge geeignet waren. Auch Roboter, die in den SF-Filmen überall zu sehen waren, entdeckte er nicht, nur lebendige Arbeiter, erkennbar an ihren grellgefärbten Overalls, die den größten Teil ihrer Körper bedeckten und sie allein dadurch schon von den spärlicher bekleideten restlichen Stationsbewohnern unterschieden. Er sah Katzenwesen, eine Menge Echsen und hin und wieder einen einzelnen Menschen, die da unten ihren Tätigkeiten nachgingen. Offenbar verließ man sich lieber nach wie vor auf die klassische menschliche beziehungsweise unmenschliche Arbeitskraft. Oder vielleicht war auch die Entwicklung von künstlichen Lebensformen hier noch nicht so weit fortgeschritten, daß Roboter tatsächlich eine bedeutsame Entlastung dargestellt hätten.
Elektronische Hinweistafeln hingen unter der Decke. Den größten Teil der angezeigten Daten verstand er nicht, aber sie erinnerten ihn daran, daß es hier vielleicht auch ein Terminal für Besucher gab, das ihm Hinweise zu den vorhandenen Raumschiffen, ihren Besatzungen und nächsten Reiseziele geben konnte. Also machte er sich wieder auf den Weg, und da er allmählich Übung darin bekam, sich an diesem Ort zurechtzufinden, entdeckte er tatsächlich bald ein solches Terminal. Als er das Display betrachtete, das die Umgebung der Docks samt der gerade im Hafen liegenden oder in der Nähe befindlichen Maschinen anzeigte, verstand er. Natürlich, nur kleine Einheiten waren wirklich geeignet, um in die Docks einzufliegen. Die richtigen, großen Raumschiffe, die zu anderen Welten flogen und vielleicht sogar in andere Sonnensysteme, die waren zu groß und blieben draußen, waren nur über lange, stabile Verbindungsgänge mit der Station verbunden, wobei das Andockmanöver wegen des Gewichtszuwachses für die ganze Station und der dadurch nötig werdenden Autstarierung des Gleichgewichts jedesmal eine Wissenschaft für sich darstellen mußte. Frans tippte sich gespannt durch die verschiedenen Menüs. Er entdeckte Ankunfts- und Ablegezeiten, eine Menge Zubringerverkehr, der hauptsächlich von den kleinen Einheiten durchgeführt wurde, die er gerade im Dock gesehen hatte... während die Daten der Zubringer sich auf dem Display regelmäßig und ziemlich schnell änderten, weil Landemanöver durchgeführt wurden, Ausschleusungen stattgefunden hatten oder Flugpläne vorgelegt und abgesegnet worden waren, tat sich bei den Daten der großen Schiffe nichts. Ein Frachter von Sonabir hatte vor fünf Stunden abgelegt und wurde immer noch entladen, deshalb wahrscheinlich der fleißige Verkehr auf den Hauptstraßen im Dockbereich, den er die ganze Zeit beobachtet hatte, die ganzen mitgebrachten Frachtgüter mußten jetzt verteilt und zu ihren Weiterverarbeitungsfirmen oder Lagerhallen auf der Station gebracht werden. Kleine Einheiten überprüften den Frachter auf beim Start von Sonabir aufgetretene Schäden und reparierten das eine oder andere. Die kleinen vielgliedrigen Maschinen und Fluganzüge schwärmten um den riesigen stromlinienförmigen Raumschiffskörper wie bizarre Putzerfische um einen Hai. Ein anderes Raumschiff, offenbar ein Linienschiff, hatte "Dhoan-Sek" als Heimathafen angegeben, wo immer das auch liegen mochte, es würde in umgerechnet zwölf irdischen Stunden eintreffen. Wieder einmal stutzte Frans kurz, als sein Gehirn ganz ungefragt und unbestellt die Umrechnung der fremdartigen Zeiteinheiten "Lax" und "Varilax" in irdische Minuten und Stunden präsentierte. Das war wohl auch ein Teil seiner so spontan erworbenen Fremdsprachenkenntnisse, überlegte er. Aber da es ihm hier half, die Angaben zu verstehen... er las weiter, scrollte die Daten hinauf und hinunter. Immer wieder die gleichen Namen. Sonabir schien am nächsten zu liegen, von dort gab es einen regelmäßigen Pendelverkehr nach Otrona, so alle paar Tage mal, und immer mit Frachtern, Frans konnte die Namen der Schiffe und ihren Flugverkehr der vergangenen zwei Monate genauso abfragen wie die prognostizierten Anlege- und Ablegezeiten der Flüge in den kommenden Wochen. Seltener als Sonabir tauchte der Name Shive auf, noch seltener die Namen Dhoan-Sek und Nh-Nafress, auch hier meistens Frachter, aber hier gab es vereinzelt auch Schiffe, die als "Privatflug" oder "undefiniert" gekennzeichnet waren. Das gab es hier also auch, private Luxusfahrzeuge der hiesigen Reichen und Schönen und Ganoven. Dazwischen fand Frans immer wieder ein mysteriöses O 2, meistens als Durchgangsstation von und zu den letzteren beiden Orten Dhoan-Sek und Nh´Nafress erwähnt, wenn es die größeren Raumschiffe betraf, und er kam nach einigem Grübeln darauf, daß es sich bei dem seltsamen Kürzel O 2 nicht um eine irdische Telefongesellschaft, sondern um eine weitere Raumstation namens Otrona 2 handeln müsse, die den hiesigen Bewohnern so gut bekannt war, daß man ihren Namen gar nicht voll ausschrieb. Oder vielleicht konkurrierten sie auch miteinander und waren nicht gut aufeinander zu sprechen, weshalb man ihnen hier auf dem Display nicht einmal den vollen Namen gönnte, überlegte der Besucher von der Erde, der ähnliches Geschäftsgebaren aus einem Haifischtümpel namens Los Angeles kannte. Er grinste sich eins.
Erneut registrierte das Display eine Änderung. Ein weiteres Schiff kündigte sich an. "Feuerzahn", las Frans den Namen laut vor. Das hörte sich richtig gefährlich an. Heimathafen Nh´Nafress, was Frans genausoviel sagte wie alle anderen Namen davor. Als Begründung für die Landung auf Otrona wurde Fracht angegeben. Aber dieses Schiff unterschied sich von den anderen. Allmählich lernte Frans aufgrund von Vergleichen der einzelnen Daten, interessante Details zu erkennen und herauszufischen. Dieses Schiff hier kam rasend schnell heran, wenn er den Angaben trauen durfte, mit einer geradezu irrsinnig hohen Geschwindigkeit im Vergleich mit allem anderen Flugverkehr rings um die Station, und neben seine Ankunftsbestätigung war ein Symbol gesetzt. Als Frans eine Erklärung dieses Symbols anforderte, hieß es schlicht: "Ankunft per Hypersprung bestätigt."
Hypersprung... verdammt, Frans hatte genug Science Fiction gelesen, um zu begreifen, was das hieß. Die anderen Raumschiffe, Frachter von Sonabir und den unaussprechlichen anderen Orten, von denen er gelesen hatte, waren systemgebundene Schiffe. Groß und schnell genug, um zwischen den Welten eines Sonnensystems zu verkehren, aber nicht geeignet, den viele Lichtjahre tiefen Abgrund zum nächsten Sonnensystem zu überwinden... aber das galt nicht für den "Feuerzahn" von Nh´Nafress. Hier hatte Frans, wonach er gesucht hatte! Er fragte die voraussichtliche Ankunftszeit ab, und das Dock, wo das Schiff anlegen würde. Dieses Schiff, den "Feuerzahn", würde er sich auf keinen Fall entgehen lassen, und wenn die Besatzung aus neunköpfigen Monstern vom Orionnebel bestand!
Aber bevor er sich auf den Weg zum Dock C-6 machte, fragte er noch ab, was er bis jetzt die ganze Zeit hinausgeschoben hatte. Eine Frage nach der Erde...
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 19. November 2012, 14:18:14 Uhr
Erde. Dreck. Bodenbedeckung. Landwirtschaft. Persönliche Mitteilung. Stationshandel. Planet.
Das Display gab ihm diese Reihe von Optionen vor, an denen er sich weiterhangeln konnte. Nein, er wollte keine Definition des Wortes "Erde" und aus welchen üblichen, harmlosen, nützlichen, unnützen oder potentiell gefährlichen Substanzen oder Organismen sich Erde zusammenzusetzen pflegte. Auch über die Möglichkeit des Betriebes einer Landwirtschaft an Bord der Station wollte er nicht informiert werden, nicht darüber, welches unglückliche Alien rein zufällig die Lautfolge "E-R-D-E" als Bestandteil seines Namens trug und wie man es kontaktierte, und nicht, welcher Stationshändler ihm einen Sack reiner, sterilisierter Planetenerde für das Befüllen eines Blumentopfes verkaufen konnte. Der Planet Erde war es, der ihn interessierte. Aber das Datenangebot dieses Dock-Terminals war begrenzt auf Dinge, die diese Station und insbesondere den Flugverkehr betrafen. Als er den "Planeten" antippte, bekam er nicht etwa Angaben über seine Heimatwelt, sondern... abermals Flugdaten? Frans las, und begriff. Da war er wieder, der "Feuerzahn" von Nh´Nafress. Und andere Schiffe, deren Namen er gelesen, und einige weitere, von denen er bisher nichts gewußt hatte, weil sie in den letzten Wochen hier weder angelegt hatten noch von hier abgeflogen waren. "Schwarzer Stern" von Orvun, Dhoan-Sek - okay. "Feuerwälzer" von Nh´Nafress - auf Nh´Nafress schien man es mit Feuer zu haben. Aber okay. "Henker von Paris", Heimathafen... Asimov?? Vielleicht ein Schreibfehler, verballhornte Alien-Wörter, die sich wie die Hauptstadt Frankreichs und der berühmte Autor lasen, dachte Frans und malträtierte das Display, um endlich herauszufinden, was die Flugdaten all dieser Schiffe mit der Erde zu tun hatten. Und da kam es. Eingebettet in die Daten jedes einzelnen Schiffes in dieser Auflistung: ein Abstecher zur Erde. Manche hatten sogar mehrere davon hinter sich, wie "Feuerzahn", "Henker" und Schwarzer Stern". Zu behaupten, daß Frans Hauser sich jetzt etwas aufgedreht fühlte, war eine glatte Untertreibung. Verdammt, hier lief so etwas wie ein regelmäßiger Verkehr von außerirdischen Schiffen mit der Erde ab? Aber - er las die Schiffsnamen erneut. Keines davon lag jetzt gerade im Dock, keines, von dem aus man ihn hier auf der Station hätte abladen können, wenn es denn an seiner Entführung beteiligt gewesen war - und es war auch keines vor kurzem abgeflogen. Der eilige "Feuerzahn" lief in etwa einer Varilax ein, was vermutlich gerade noch genug Zeit für ihn ließ, das betreffende Dock so rechtzeitig zu erreichen, daß er die aussteigende Besatzung begutachten konnte. Also nach wie vor keine Antwort auf die Frage, wie zum Geier er eigentlich hierhergekommen war... er fragte noch den Weg ab und machte sich auf, um dem "Feuerzahn" mal auf denselben zu fühlen.
Dieses Dock war so gut wie leer, stellte er fest, als er auf einem identischen Besuchersteg stand und in die riesige Halle hinunterblickte. Die Größe des Raumschiffs war mit knapp achtzig Metern Länge angegeben worden, beziehungsweise deren Äquivalent in Alien-Maßen. Damit fiel der "Feuerzahn" schon unter die Rubrik der kleineren Kaliber und mochte so eben noch in den Raum hineinpassen. Frans war gerade noch rechtzeitig angekommen, um die Ankunft mitzuerleben. Da öffnete sich das riesige Hangarschott, und das erste, was sich da hereinschob, war... ein wirres Geflecht von riesigen, borstigen, starren Tentakeln, gefolgt von einer dick geschuppten, gepanzerten Schnauze. Was in aller Welt war das denn? Frans klammerte sich an die Brüstung und klebte fast mit seinem Gesicht an der Panzerglasscheibe, die ihn vom Dock trennte. Weitere Schuppenmassen folgten. Angelegte Flossen, groß und klein, wie bei einem exotischen Fisch, angelegt deshalb, weil das Ding sonst nicht durch das Tor gepaßt hätte. Hier und da waren Öffnungen in dem Schuppenpanzer. Keine Löcher - mehr so etwas wie Augen, geschützt durch gepanzerte Lider? Und mehr Tentakel, Schuppen, Flossen und Dinge, die auf den ersten Blick wirkten wie gezackte Narben im Schuppenpanzer, in Wahrheit jedoch so etwas wie geschlossene, zahngespickte Mäuler darstellten?? - Und da, ein aufgemaltes rotes Emblem auf einer der größeren Flossen. Der Phönix im Flammenkranz, das Symbol der Benu Incorporated!
Und dann war das unbeschreibliche Ding, der Riesenfisch aus dem Weltraum, ganz im Dock, das er fast komplett ausfüllte. Wie man dieses Etwas jemals wieder hinausbugsieren wollte, war Frans völlig schleierhaft, denn es war absehbar, daß sich im Rückwärtsgang die Tausende von Schuppen und Dutzende von Flossen abspreizen und querstellen würden, und einfach umdrehen konnte sich das Ding nicht, dafür war das Dock zu eng.
Ein Signal ertönte. Die Außenschotten waren wieder hinter dem einfliegenden Schiff geschlossen und gesichert worden, die Gefahr einer explosiven Dekompression nicht mehr gegeben. Da kam schon die Belegschaft dieser Dockstation, um auf die aussteigende Raumschiffscrew und die angekündigte Fracht zu warten, einige Echsenarbeiter in ihren Overalls, ein paar Katzenwesen, die vielleicht als Aufseher fungierten - und ein Erdenmensch. Aber der trug keinen Arbeitsanzug. Ein unerwarteter Anblick, Frans glotzte. Der Mann dort unten... trug einen weißen Anzug mit Ärmelstreifen, der selbst nach irdischer Definition als Kapitänsuniform gegolten hätte. Und er sah gut aus. Lockiges dunkles Haar, ein kleines Bärtchen auf der Oberlippe, die ganze Gestalt geschniegelt und hochglanzpoliert, der Mann hätte mühelos eine Hauptrolle als moderne Version des jungen Errol Flynn einheimsen können. Definitiv kein Arbeiter, dachte der Schauspieler auf dem Besuchersteig. Passagier, Ersatzkapitän für das gerade eingelaufene Schiff - oder Begrüßungskomittee? Jetzt war Frans so gespannt wie eine Sprungfeder...
Eine der "Narben" auf dem Körper des Fisch-Schiffs öffnete sich. Die "Wundränder" glitten nach beiden Seiten auseinander, dabei schier endlose Reihen von spitzen Zähnen entblößend, die wie die Teile eines Reißverschlusses ineinander gegriffen hatten und nur auf die Distanz bis zu Hausers Standort winzig aussahen. Darunter wurde etwas sichtbar, was wie rotes, rohes Fleisch aussah - oder wie Zahnfleisch... auch das öffnete sich, glitt auseinander. Etwas schwarzes, massives schnellte aus dem unteren Rand der Narbe heraus und sauste schräg nach unten, wie eine leckende schwarze Zunge, die an den Rändern mit zahlreichen, tastenden, wimmelnden Tentakeln besetzt war. Doch die zuckende, suchende Bewegung von Zunge und Tentakeln erstarb sofort, und das Zungen-Ding erstarrte zu einer bizarren Form von Gangway, deren Rand-Tentakel sich zu Stützen derselben im unteren Teil und einer Art von Handlauf oben, nahe am Schiffsleib, verschlungen hatten. Die Wesen, die mit so einem Schiff flogen, mußten verdammt bizarr sein, dachte Frans... und da kam schon eines, wankte auf unsicher wirkenden Beinen die verblüffend gleichmäßige Zungen-Gangway hinunter. Aber das war keineswegs ein bizarres Alien.
Normal aussehende legere Kleidung, sogar für die Begriffe eines simplen Erdenmenschen wie Frans Hauser, schulterlanges blondes Haar, von dem ein ordentliches Büschel am Hinterkopf zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, glattes Menschengesicht ohne Bart... zuerst hätte Frans den Ankömmling wegen der langen Haare für eine junge Frau gehalten, aber auf den zweiten Blick erkannte er einen jungen Burschen, garantiert noch keine zwanzig Jahre alt. Der Junge und der Errol-Flynn-Verschnitt begrüßten einander begeistert, auf eine Art, wie sie nur unter guten Bekannten üblich war. Vielleicht waren sie ja sogar miteinander verwandt. Frans beobachtete weiter, gespannt, wer sonst noch ausstieg. Da wurde er allerdings entäuscht, denn der Rest der Besatzung von dem Fisch-Schiff ließ sich nicht blicken.
Nach der Begrüßung überreichte der Junge einem der abwartend herumstehenden Katzenwesen im Arbeitsanzug ein Gerät, das er am Gürtel festgemacht mit sich getragen hatte. Es war etwa unterarmlang und länglich und mit mehreren Anzeigen und Bedienungsknöpfen versehen. Frans hätte es auf den ersten Blick für eine Waffe gehalten, aber das schien es nicht zu sein. Denn das Katzenwesen nickte auf überraschend menschliche Art und gar nicht feindselig gegenüber dem Menschenjungen, richtete das Gerät auf das Schiff und betätigte einen der Schalter. Unterdessen machten der Junge, der mutmaßliche Kapitän und ein weiterer Katzenmann, der die körperlichen Ausmaße samt dem schwarzen Fell eines irdischen Gorilllas mitbrachte und statt eines Arbeitsoveralls die übliche Hose samt einem reichlich mit Gerätschaften bestückten Gürtel trug und der den Kapitän offenbar begleitet hatte, auf den Weg, um das Dock zu verlassen. Das stürzte Frans in einen Zwiespalt. Einesteils waren diese beiden Menschen wohl der beste Weg für ihn, endlich mehr zu erfahren, aber andererseits wollte er unbedingt noch wissen, was da weiter mit diesem Schiff ablief, was dieser Arbeiter da mit dem länglichen Gerät anstellte... da sah er es schon. Aus der Luke des Schffes kam nämlich wieder etwas, und diesmal sah es ganz so aus wie etwas, was zu solch einem Weltraumfisch paßte. Lange, schwarze Insektenbeine tasteten sich zur Luke heraus, eine ganze Menge und in ziemlicher Größe, mindestens so lang wie der junge Bursche vorher, schätzte Frans... größer sogar. Das Wesen, das da nicht allzu schnell die Luke passierte, sah aus wie eine gigantische schwarze Spinne mit viel zu vielen Beinen und Greifapparaten. Auf gut drei, wenn nicht gar vier Meter Höhe schätzte Frans das Lebewesen, mit entsprechender Breite wegen der äußeren, weit ausladenden Beine. Und daß es sich so langsam und tastend weiterbewegte, hatte seinen Grund, stellte er fest, als das Ding endlich ganz draußen war und die Zungengangway herabkam, es bewegte sich nämlich rückwärts. Etliche Beine von dem schwarzen Etwas manipulierten etwas, links und rechts, was sich hinter dem Ding über dem Boden zu winden und zu schlängeln schien, sich dann perfekt gerade ausstreckte und liegenblieb... so etwas wie zwei Schienen entstanden, überall wo die Riesenspinne zurückwich. Leises Rumoren und Schlagen zeigte an, daß unten im Dock Maschinen anliefen, und Frans entdeckte, daß sich eine der Seitenwände des Docks geöffnet hatte und sich dort passende Anschlußteile für die Schienen aus dem Schiff aus der neuentstandenen Öffnung schoben. Katzenwesen und Eidechsenarbeiter standen abwartend und aufmerksam zusehend herum, der eine Luchs-Typ, dem der blonde Bursche das waffenartige Gerät in die Hände gedrückt hatte, manipuliert fleißig daran herum, die scheinbare "Mündung" auf die Spinne gerichtet... und der Zuschauer von der Erde begriff, daß es sich dabei um eine Art Kommunikationgerät, vielleicht sogar eine Art Fernbedienung handelte, mit dem das Katzenwesen die Handlungen der Riesenspinne beeinflussen konnte. In verblüffend kurzer Zeit war eine Schienenverbindung zwischen dem Schiff und dem stationseigenen Transportgleis fertiggestellt, und das Entladen konnte beginnen.
Die farbig lackierte, schon leicht abgenutzt aussehende Schmalseite eines Großcontainers, der sich kaum von seinen Gegenstücken auf irgendeinem Containerbahnhof auf der Erde unterschied, schob sich aus der Luke des Fisch-Schiffs, gefolgt von einer zweiten Riesenspinne, die sorgsam darauf achtete, daß der Container auf dem kurzen abfallenden Wegstück die Rampe hinunter nicht aus der Bahn geriet, sondern sauber auf den ausgelegten Schienen blieb. Der ganze Container war oben abgedeckt mit einer dünnen Plane, die leicht grünlich leuchtete. Spinne Nummer Eins hatte sich seitlich postiert und sorgte mit leichtem Antippen einiger ihrer Riesenbeine hin und wieder gleichfalls dafür, daß der Container sicher auf das stationseigene Gleis gelangte. Spinne Nummer Zwei ließ sich auf die andere Seite der Rampe hinunter und blieb dort, um bei der Überwachung der Containerbewegungen mitzuhelfen. Was offenbar hieß, daß entweder die Spinnen extem stark waren, wenn sie die großen Frachtstücke so simpel auf Kurs halten konnten, oder die Container trotz ihrer Größe nicht allzuviel wogen. Und da glitt der nächste Container aus der Luke, verziert mit farbigen Firmenemblemen der außerirdischen Art, und wieder abgedeckt mit grünlich leuchtender Folie... ganz unerwartet für Frans schoß irgendetwas Fliegendes über dem Container heraus aus dem Schiff, dem ersten hinterher, sammelte sich über dessen Folienbedeckung - und hob sie hoch, indem es sich um sie sammelte und unter sie drunter schob, formlos und grau und ungestalt und wild durcheinander und auseinander schwärmend, ganze Knoten und Wirbel in der Luft bildend wie ein riesiger Bienenschwarm, der anschließend mit seiner Folienbeute ins Schiff zurückkehrte. Und Frans begriff wieder. Die Folie gehörte zum Schiff, wurde vermutlich wieder und wieder benutzt, um...
das Gewicht der gigantischen Container so weit zu reduzieren, bis sie nicht mehr wogen als riesige Luftballons, die von den Transport-Spinnen mit Leichtigkeit zur richtigen Stelle auf dem stationseigenen Transportsystem dirigiert werden konnten, von wo aus sie dann Angelegenheit der Station waren. Denn die Folien bestanden aus Dhyarit oder Gravium, einem metallischen Über-Element, das bei Anlegen einer elektrischen Spannung (erledigt durch einen simplen kleinen Akku, der an einer Ecke von jeder der Folien befestigt war) die Schwerkraft manipulierte, in diesem Fall: sie bis auf beinahe Null reduzierte. Bei diesem Prozeß verbrauchte sich das Gravium allmählich, bis nichts mehr übrig war als ein wenig inaktive, nutzlose Asche. Allerdings war der Schwund des kostbaren und teuren, weil extrem seltenen Über-Elements durch Verbrauch um so geringer, je größer die Fläche des aktivierten Metalls war...
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 3. Dezember 2012, 12:34:11 Uhr
Franz zuckte zusammen. Woher wußte er das? Auf einmal schienen ihm die Begriffe "Dhyarit" und "Gravium" ganz selbstverständlich  zu sein, aber er konnte sich nicht erinnern, sie jemals gehört oder gelesen zu haben, ganz zu schweigen davon, was man mit dem Zeug, das damit gemeint war, anfangen konnte... wieder ein Bröckchen Wissen, das zusammen mit seinen spontan aufgetauchten Sprachkenntnissen gekommen sein mußte. Was sich wohl sonst noch alles an interessanten Sachen in seinem Gehirn verstecken mochte? Aber es war wohl sinnlos, darüber nachzugrübeln und zu versuchen, mit Gewalt etwas herauszupressen. Er mußte auf weitere Stichworte, weitere bildliche Assoziationen warten... oder selbst aktiv werden und danach suchen, wie bei einem Computerspiel.
Gravium war eine feine Sache, wenn man etwas Schweres transportieren wollte, so viel hatte er jetzt begriffen. Wofür man das Zeug hier sonst noch einsetzte, würde er wohl merken, jetzt, da er einen Faden des metaphorischen Wollknäuelchens in der Hand hatte und wußte, worauf er achten mußte. Aber -- er schrak zusammen, und blickte fast panisch umher. Der Kapitän und der junge Bursche, die er doch hatte befragen wollen, zusammen mit ihrem Katzen-Gorilla - sie waren inzwischen gegangen! Entschwunden durch die gleiche Öffnung, aus der die Gleise ragten... wie zum Henker kam er da jetzt hinunter, und schnell genug, um die beiden noch zu erwischen, bevor sie irgendwo in den Tiefen dieser riesigen Weltraumstation verschwanden? Er fühlte die Bewegung neben sich mehr als daß er sie hörte, und drehte den Kopf. Eine der Echsen stand neben ihm auf dem Besuchersteg und blickte hinunter in die Halle. Frans wußte, daß die Echsen reden konnten, und sehr viel unheimlicher als die gefährlich aussehenden Katzen-Aliens waren sie eigentlich auch nicht...
"Verzeihen Sie," versuchte er seine ungeübte Zunge in der fremden Sprache und den höflichsten Worten, die sein neugewonnenes Vokabular ihm eingab. "Diese zwei Menschen, dort unten...?" Und er deutete nach unten, wo die beiden verschwunden waren. "Wohin?"
"Aht-Schar Patssisss Andreou." zischelte die Echse prompt. "Weh Sssiwah Hendricksss. Protuh o so Otrona. Can Tuan raakhaa. Hedaa--" Und alle vier Echsenhände drehten sich, die Handflächen nach oben.
Aht-Schar war der Titel des hiesigen Präsidenten, Häuptlings, Obermotzes oder wie man es sonst übersetzen mochte, Patsis Andreou war der Name, der griechisch klang, was er aber nicht unbedingt sein mußte. Das mußte der Hübsche in der Uniform gewesen sein. Und Siwa Hendricks, Besucher auf Otrona, der junge Bursche aus dem Raumschiff. Bei jemandem oder an einem Ort, der Can Tuan hieß, konnte er mehr erfragen, möglicherweise. So übersetzte Frans für sich mit seinen neuen Sprachkenntnissen.
"Can Tuan?" fragte er zurück.
"Aht-Jeraaa." Und zwei von vier Echsenhänden deuteten in eine bestimmte Richtung, hinein in den Leib der Raumstation. Aha, also war der Sitz des Obermotzes gemeint. Die Echse wußte nicht genau, ob der Präsident zu seinem Regierungssitz unterwegs war oder ob er mit seinem Besucher woanders hinzugehen gedachte. Trotzdem, das war ein Hinweis, mit dem Frans etwas anfangen konnte. So gut es ihm möglich war, bedankte er sich bei der Echse und stiefelte los. Schade, daß er nicht fähig war, die Mimik des fremden Wesens zu lesen. Er hätte zu gerne gewußt, was sich die Echse gerade über ihn dachte, nach ihrem kurzen Austausch, ob er sie zu freundlich, zu unfreundlich, zu zuvorkommend, zu herablassend behandelt hatte oder ob er vielleicht etwas ausgelassen hatte, was im Umgang mit diesen Wesen üblich war... sie sah ihm jedenfalls nach, als er um die Ecke bog und er sie noch mal für einen Sekundenbruchteil aus dem Augenwinkel heraus ansehen konnte, ohne daß es verdächtig wirkte.
So. Wohin jetzt? Doch zum Einwanderungsbüro, das ganz in der Nähe sein mußte, wenn er den letzten Wegweiser richtig gelesen hatte, oder doch den beiden Menschen hinterher, auf gut Glück zurück in die Tiefen der Raumstation? Da ihm allmählich die Füße wehtaten - erst ein ganzer Tag, den er auf der Suche nach einem Auftrag zugebracht hatte, und dann, paff!, gestrandet irgendwo in einer riesigen Raumstation in einem fremden Sonnensystem, weit weit weg vom Planeten Erde - entschied er sich für den kürzeren und eindeutigeren Weg. Der Besucher hatte nicht den Eindruck gemacht, als wolle er unmittelbar wieder abreisen, und das Entladen des Raumschiffs dauerte vermutlich einige Zeit. Und vielleicht konnte auch das Einwanderungsbüro Kontakt mit ihm aufnehmen, wenn Frans darum bat... ein paar weitere interessante Einblicke in den Betrieb in echten Weltraum-Docks später fand Frans tatsächlich die außerirdischen Markierungen an einer Wand, die ihn zum Büro der Behörde führten. Er trat ein.
Unmittelbar hinter der Tür war erst mal ein größerer Raum, ein Wartesaal, der zur Hälfte mit Sitzgelegenheiten unterschiedlicher Art und einigen fest am Boden montierten Tischen ausgestattet war. Recht viel Betrieb war nicht gerade, Frans war der einzige Anwesende. Er befand sich auf einer Raumstation, rief er sich in Erinnerung, wo man jedes ankommende Fahrzeug wahrscheinlich schon auf hunderte Meilen Entfernung wahrnehmen konnte und wohl kaum jemand als illegaler Einwanderer einzudringen vermochte. Vermutlich wurde der größte Teil der Arbeit elektronisch gemacht, wenn die Raumschiffe die Einwanderer schon im Anflug vorankündigten und die Leute hier dann nur noch auftauchten, um ihre Unterschrift auf Papiere zu setzen und ihre Ausweise, Arbeitgenehmigungen oder sonstiges entgegenzunehmen. Hinter einer gläsernen Trennwand an einer Seite des Raums befand sich so etwas wie ein Schalter, in dessen Sessel eine von den vierarmigen Echsen hockte und dem einsamen Neuankömmling neugierig entgegenblickte.
Frans fühlte sich irgendwie erleichtert, daß es eine Echse war. Eines der so gefährlich aussehenden Katzenwesen hätte er sich vermutlich nicht anzusprechen getraut. Aber so trat er näher, sich insgeheim über sich selbst wundernd, wie schnell er Vertrauen zu völlig nichtmenschlichen Lebensformen fassen konnte.
"Verzeihung, könnte ich hier vielleicht eine Auskunft bekommen?" begann er zögernd. Natürlich nicht auf Englisch, sondern in dieser sonderbar kurz angebundenen, knurrenden und hustenden Aliensprache, die er jetzt auf so wunderbare Weise beherrschte. Irgendwie hatte die Sprache Ähnlichkeit mit dem Deutschen, weder in den Worten noch in der Grammatik, die beide denkbar einfach schienen, aber irgendwie... vielleicht in der Art, wie die Worte ausgesprochen wurden. Wie hatte mal ein bekannter Politiker die deutsche Sprache definiert, als "Mischung aus Husten, Räuspern und Spucken"? Wenn man noch etwas Fauchen und Knurren dazugab, ergab das perfektes Alien... Frans las die Haltung der Echse als ein "Ja, bitte?", und fuhr mutig fort: "Es ist so, ich scheine mich verlaufen zu haben. Vielleicht können Sie mir sagen, wohin ich mich wenden soll?"
Ein Finger an einer von vier Händen deutete auf Frans. "Benuna?" fragte das Wesen.
"Benu--" begann Frans, und verstand plötzlich. Die Echse, die Schalterangestellte - irgendwie hielt er "sie" für weiblich, er wußte nicht wieso - deutete auf das Emblem auf seinem Anzug, das Emblem der Benu Inc., das hier anscheinend allgemein bekannt war. Benu-na, hatte sie gesagt, was hieß "Von den Benu?"
"Ja, genau!" bestätigte er. "Die Firma hat mir ein Stellenangebot zugeschickt, und ganz plötzlich war ich hier. Aber ich weiß nicht mal, wo "hier" eigentlich ist."
Das schmale Echsenmaul wirkte auf einmal doppelt so breit, als die Angestellte ihre Mundwinkel nach hinten zog, wobei sie ihre spitzen Zähne ein Stückchen weit entblößte. Nur ein Stückchen weit, es war noch keine bedrohliche Geste, und Frans begriff, sie grinste über das ganze Gesicht. Offenbar waren derartige Streiche von der Benu Inc. nichts ungewöhnliches, und dieses Wesen freute sich einfach, einmal bei so einem Streich live dabeizusein. "Äh, machen die das mit allen Neulingen so?" fragte er verdutzt.
"Nur mit denen, von denen sie Großes erwarten." antwortete das Wesen zu seiner Verblüffung und grinste weiter.
Frans überlegte kurz. "Warum?" fragte er dann. "Was gibt es hier, an dem man... Größe... beweisen könnte?"
Verdammt, er war Schauspieler! Welche verborgenen Qualitäten glaubte die Firma in ihm zu finden?
"Das hier ist Otrona Eins." antwortete das Alien. "Haben Sie diesen Namen schon einmal gehört?"
"Nein, noch nie." sagte Frans wahrheitsgemäß. "Ich habe bis jetzt... zu weit entfernt von hier gelebt, um davon zu hören."
"Otrona Eins trägt auch den Namen "Stern der Verbrecher". Auf anderen Welten geht die Geschichte um, daß hier nur Gesetzlose leben und jeder tun und lassen könne, wie ihm beliebt. Deshalb kommen viele Leute hierher, die das glauben, und sie müssen erst belehrt werden, daß das keineswegs der Wahrheit entspricht."
"Ich verstehe. Das hier ist eine Raumstation, und da muß die Sicherheit vorgehen." Frans hatte ein paar Episoden "Babylon 5" gesehen und war jetzt dankbar dafür. Verdammt, was man aus Fernsehserien alles lernen konnte!
Die Echse nickte auf menschliche Art, was sicher nicht eine normale Reaktionsweise dieser Alienrasse war, sondern angelernt. Das Wesen war im Umgang mit Menschen vertraut, begriff Frans, was nicht ganz unerwartet kam, schließlich gab es hier ein paar davon.
"Trotzdem sollten Sie hier vorsichtig sein. Nicht jeder hält sich von einem Neuling der Benuna fern. Einige mag sogar die Aussicht verlocken, Ihnen Schaden zufügen zu können." sagte sie und deutete erneut auf das Emblem auf seinem Overall.
"Benu-Sklave" hatte das Katzenwesen, dem Frans früher begegnet war, geradezu verächtlich zu ihm gesagt. Das war also jemand gewesen, der die Benu nicht leiden konnte. Und diese Echse machte Frans soeben darauf aufmerksam, daß es hier Leute gab, die es nicht nur bei einer Beschimpfung beließen, sondern sogar noch weiter gehen würden.
"Ich danke Ihnen für die Warnung." sagte er deshalb. "Gibt es hier jemand von der Firma, mit dem ich sprechen kann?" fragte er anschließend.
"Ich werde nachfragen." machte die Echse, und begann dann unerwartet eine Folge von Pfeif-, Knurr- und Zischgeräuschen von sich zu geben, bei der es sich wahrscheinlich um die Muttersprache dieses Aliens handelte, jedenfalls verstand Frans diesmal nichts davon. Er war auch gar nicht der Empfänger der Ansage, sondern die Mikrofone, die sich irgendwo in dem mit zahlreichen technischen Gimmicks ausgestatteten breiten Sessel des Aliens oder vielleicht auch in dem Schreibtisch samt Monitoren und Geräten darauf versteckten. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten, auf einem der Bildschirme vor der Echse tauchten Ketten von Symbolen in Alienschrift auf, und aus einem Lautsprecher kam die mündliche Version derselben in denselben knurrenden, pfeifenden und zischenden Lauten.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 18. Dezember 2012, 12:43:34 Uhr
"Hoar Ssiwa Hendrickss ist vor kurzem von Nh´Nafress eingetroffen." übersetzte die braunschuppige Angestellte für Frans. "Ssiwa Hendrickss ist Benuna, er wird Ihnen sicher weiterhelfen."
"Ich war als Zuschauer im Dock, als der "Feuerzahn" einlief. Das war dieser blondhaarige Junge, nicht?"
Als die Echse abermals nickte, fragte Frans weiter: "Ist er hier bekannt?"
"Aye. Gut bekannt. Er kam als Gesetzloser hier an. Nach dem Überfall blieb er auf dem Teil der Station, das jetzt als Otrona Zwei bekannt ist, und wurde Benu-Lehrling."
Das mysteriöse O 2 war also in der Tat eine weitere Raumstation, Frans hatte also richtig geraten. Aber, wenn der junge Bursche als Gesetzloser hier angekommen war, dann mußte er früh mit seiner Verbrecherkarriere angefangen haben. Problemjugend gab es also sogar hier, dachte Frans amüsiert.
"Entschuldigen Sie, aber was hat es auf sich mit dem Überfall und Otrona Eins und Zwei?"
Die Echse gab ihm die Geschichte in Kurzform. Von dem Überfall menschlicher Söldner auf die Station, verlockt von dem Irrglauben, sie könnten auf dem angeblich gesetzlosen "Stern der Verbrecher" ein Verbrecherregime einführen, die mit einer völligen Auslöschung der Invasoren und einer Explosion endete, die die Station in zwei Hälften zerriß.
"Zuerst wurde als Grund, die Hälften nicht mehr zusammenzufügen, die Sicherheit vorgeschoben, als man auf Otrona Zwei noch mit unentdeckten Bomben des Feindes rechnen mußte. Später stellte sich heraus, daß die neu eingesetzten Regierungen der beiden Hälften tatsächlich dem politischen Leumund beider Stationen dienlich waren, und deshalb beließ man es bei zwei unabhängigen Raumstationen. Otrona Eins behielt den Titel "Stern der Verbrecher"," und dabei machte das Alien eine Miene, die sogar Frans inzwischen als mitleidigen "ich-weiß-es-besser"- Ausdruck erkannte, "und Otrona Zwei wird offiziell vom Hohen Rat Ennar Ektheb geführt, der schon vor dem Überfall einen Sitz im Rat von Otrona hatte und den passenden schlechten Ruf dazu, aber inoffziell ist es ein Sitz der Benuna."
"Oh. Sie meinen - daß ich hier gelandet bin, auf Otrona Eins, war vielleicht ein Fehler?"
"Benu machen keine Fehler. Sie sind charrash -- fremd."
Also handelte es sich bei den Benu um eine weitere Alienrasse, was Frans inzwischen schon stark vermutet hatte. Eine, die so fremdartig war, daß selbst die Echsen sie als fremdartig betrachteten, und zugleich so mächtig, daß die meisten Bewohner dieser verrufenen Station ihre menschlichen Untergebenen respektierten, oder sie zumindest in Ruhe ließen. Aliens, die ausgerechnet an Frans ein Interesse zeigten - warum? Aber das konnte diese freundliche Alien-Eidechse hier ihm sicher nicht sagen, da mußte er sich an diesen Siwa Hendricks halten. Also wieder ein Trip quer durch die Raumstation... er unterdrückte ein Seufzen, denn inzwischen fühlte er sich reichlich fußkrank, seine Kehle war trocken und sein Magen definitiv leer. Er war nicht einmal dazu gekommen, seine Milch zu trinken, zuhause in seinem Appartment, vor unbekannt langer Zeit und vermutlich irgendwo in einer ganz anderen Region der Milchstraße... die Angestellte schien sein Befinden zu erraten.
"Ich werde Ihnen einen Führer rufen. Wenn Sie unterdessen Platz nehmen möchten?" fragte das freundliche Alien und wies auf die Sitzgelegenheiten in dem Wartesaal, so höflich wie irgendein Firmenmitarbeiter in good old America. Dann knurrte, jaulte und zischte es wieder in seine Mikrophone, diesmal allerdings ohne Antwort zu bekommen.
Frans hatte sich niedergesetzt und wartete geduldig, er brauchte aber nicht lange warten. Schon nach ein paar Minuten ging die Tür auf, und eine weitere Echse schlüpfte herein. Diese hier war aber bedeutend kleiner als die hinter dem Schalter, sie reichte Frans, als er aufstand, nur bis an die Brust und wirkte noch dünngliedriger und schlacksiger als die anderen Echsen, die er bisher gesehen hatte - es schien ein Kind dieser Rasse zu sein.
"Mssachhs hier wird Sie führen," sagte die Angestellte und wies auf das Kleine. Und dann machte sie zum Abschied, zur großen Überraschung des Schauspielers, eine deutlich erkennbare Verbeugung. Die Geste war vermutlich gleichfalls fremdartigem, möglicherweise menschlichem Verhalten entnommen worden, wirkte bei dem braun und grau geschuppten Geschöpf aber erstaunlich elegant und anmutig. Frans wußte, was Höflichkeit war, und ließ sich nicht lumpen, indem er die Geste erwiderte und sich laut bedankte. Dann drehte er sich um und folge seinem Führer.
Frans Hauser fühlte sich trotz seiner Erschöpfung glücklich, beinahe beschwingt, als er der kleinen Echse folgte. Sein erstes, sogar längeres Gespräch mit einem leibhaftigen Alien, und er hatte diese Aufgabe mit Bravour bestanden, wie er gern annehmen wollte! Selbst wenn es "nur" eine Echse gewesen war, die auf dieser Station allgegenwärtig zu sein schienen, und nicht eines der ihm nach wie vor viel gefährlicher erscheinenden Katzenwesen. Auf jeden Fall konnte er sich jetzt bei den "Men in Black" bewerben, wenn es mit der Schauspielerei nichts wurde, überlegte er, wobei er unbewußt vor sich hin lächelte. Sein kleiner Führer wuselte flink dahin, und zweifellos hätte er noch sehr viel schneller gekonnt, wenn er nicht einen fußlahmen Menschen im Schlepptau gehabt hätte. Immer wieder warf das Wesen Blicke zurück, ob Frans ihm auch folgte, und achtete darauf, daß sie sich nicht verloren, wenn sie mal in eine dichtere Traube von Passanten gerieten. Anders als Frans vorhin hielt der Kleine sich keineswegs an die breiten Hauptverkehrsstraßen, er führte ihn immer wieder durch enge Passagen, Hinterhöfe und Zonen, die wie außerirdische Entsprechungen orientalischer Basare wirkten. Zuerst dachte er noch, die Mini-Echse wollte ihn möglichst fix an seinem Bestimmungsort abliefern, aber nach einiger Zeit ging ihm auf, daß sein Führer ihm offenbar ein paar besondere Sehenswürdigkeiten zeigen wollte und deshalb ein paar Umwege machte. Soeben erreichten sie einen größeren Platz, in dessen Mitte sich so etwas wie ein ziemlich großer, milchweißer, gläsern-durchsichtiger Baumstamm erhob, dessen Astgewüchse durch die Decke ins nächste Stockwerk darüber gedrungen waren. Der untere Teil, wo die Wurzeln sein mußten, war gegen näheren Zutritt abgesperrt, umringt von abgestellten Warenpaletten und mit Graffiti und Werbeplakaten verzierten Bretterwänden, die dort schon einige Zeit als Barriere stehen mußten, so ramponiert wie sie waren.
"Was ist das?" fragte Frans seinen Führer und deutete auf den "Baum".
Das Kleine imitierte ein menschliches Achselzucken, kaum erkennbar bei seinen dürftig ausgeprägten Eidechsenschultern. "Ein Überrest des Überfalls. Na-no-tech-no-logisch." zischelte es. "Niemand weiß, wofür es gut ist. Aber zumindest ist es keine Bombe."
Frans erinnerte sich an das, was die Angestellte ihm über den Überfall erzählt hatte, und über die sogenannten "Überreste", die man bis heute nicht entfernt hatte, weil sie sich untrennbar mit zahlreichen Stationseinrichtungen verbunden hatten. Aber zumindest war es keine Bombe, wie beruhigend.
"Übrigens, wie darf ich dich nennen?" fragte er dann weiter. "Ich verstehe eure Sprache nicht, und was die ehrenwerte Hüterin des Büros gesagt hat, kann ich nicht aussprechen. Ist es dir recht, wenn ich dich "Moses" nenne?"
"Was bedeutet +Moses+?" fragte die Echse, sorgsam auf seine Antwort gespannt, sie hing geradezu an seinen Lippen. Frans konnte ihren Gesichtsausdruck nicht deuten, war es Spannung, Ärger über den fremden Namen oder Amüsement über seine Sprachunkenntnis, vielleicht auch alles zusammen?
"Moses hieß ein Führer eines Menschenvolkes in uralten Zeiten. Und da du jetzt mein Führer bist, wäre der Name passend. Was hältst du davon?"
Das Kleine zischelte ihn an, gab ein ganzes Zisch-Trommelfeuer von sich, begleitet von hektischen Bewegungen aller vier Arme, aber es war kein einziges Wort darunter, das Frans verstanden hätte. "Ja oder nein?" fragte er, als die Echse schließlich zu einem Ende kam, vermutlich weil ihr die Luft ausgegangen war.
"Ja! Jajajajajaja!"
"Schon gut. Also Moses." Frans lachte über den Eifer, mit dem die Miniechse ihren Menschennamen akzeptiert hatte. "... und sind wir bald da?" stellte er dann die klassische Frage an alle Führer der Weltgeschichte, mit der sich vermutlich schon der Original-Moses hatte herumärgern müssen.
"Gleich." versprach der neugetaufte Führer.
Sie erreichten einen breiteren Korridor, an dem offenbar wieder bessere Kreise residierten, denn die Fassaden aus dekompressionssicherem Metall und Kunststoff waren hier besser gepflegt und es waren weniger Kramwarenhändler zu sehen, dafür mehr von den Elektro-Transportern, die auf der abmarkierten Fahrbahn in der Mitte des Ganges verkehrten. Schilder deuteten auf zahlreiche Büros in den Blöcken rechts und links hin. Moses steuerte auf einen verglasten Eingang zu, hinter dem ein Katzenwesen als Pförtner fungierte, indem es faul auf einem dicken Lederpolster herumlungerte und irgendetwas auf einem Bildschirm verfolgte, während es sich irgendwelche Katzenleckerli ins Maul schob. Aber das Wesen war trotzdem aufmerksam, es hatte sie schon vor ihrem Eintreten bemerkt, aufmerksam geworden durch ihr Stehenbleiben, und musterte sie durch das Glas der Tür hindurch. Moses und der Pförtner tauschten ein paar Worte aus, von der Frans nur die Hälfte des Pförtners verstand, weil die Echse wieder in ihre Muttersprache verfallen war, übrigens abermals mit erklärenden Gesten ihrer vier Arme. Das Verstehen der Echsensprache schien leicht zu sein, nur das Sprechen war schwer, schloß Frans aus der gezeigten Bilingualität des Katzenwesens. Egal was sie auch gerade vereinbart hatten, der Pförtner winkte ihnen, daß sie weitergehen konnten. Moses nickte ihm dankend zu und ging weiter voran. Eine weitere Tür öffnete sich vor ihnen, offenbar vom Pförtner ferngesteuert, weil diese Tür genauso dick und luftdicht verschließbar war wie alle Außentüren in dieser Station. Danach standen sie abermals in einem Flur, der hier aber schon wohnlich aussah, mit fest an die Wände montierten bunten Bildern und einem kurzflorigen Teppichboden in hellem, freundlichen Grün, der fast erfolgreich einen Rasen zu imitieren versuchte. Von diesem Flur gingen drei Türen ab, wieder die dicke Version mit je einem Guckloch zusätzlich zu den Kameras, die bestimmt unsichtbar in der Decke montiert waren.
Eine der drei Türen öffnete sich vor ihnen. Moses nickte Frans zu und bedeutete ihm einzutreten, flötete dann eine ganze Serie von seltsamen Tönen, verneigte sich tief, wobei er wieder mit allen Vieren gestikulierte, und wischte dann mit unglaublicher Geschwindigkeit davon, bevor Frans etwas sagen oder die Verbeugung erwidern konnte.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 2. Januar 2013, 19:52:31 Uhr
"Na, bei dem haben Sie aber einen Stein im Brett." hörte Frans eine vergnügt klingende, jugendliche Stimme. In der Tür stand der junge Bursche mit dem langen Blondhaar, den Frans im Dock hatte ankommen sehen. Er lehnte lässig im Rahmen und besah sich den Besucher neugierig von oben bis unten.
"Sie sind der Schauspieler?" fragte er dann ganz unerwartet. Als Frans erstaunt nickte, lachte der Blonde. "Fein, da haben Sie mir Arbeit erspart, sonst hätte ich Sie suchen müssen. Ich wurde extra hierhergeschickt, um Kindermädchen für Sie zu spielen, und ich dachte schon, ich müsse erst Ihre Einzelteile irgendwo aus einem hungrigen Magen herausfieseln. Der "Stern der Verbrecher" trägt seinen Spitznamen nicht ganz umsonst, wissen Sie."
Frans nickte abermals. Was ihm die schuppige Angestellte erzählt hate, schien der Wahrheit zu entsprechen.
"Kommen Sie erst mal rein, sonst holen Sie sich hier noch Zugluft." bemerkte der Junge salopp und gab den Weg frei. Hinter der Tür lag ein durchaus geschmackvoll eingerichtetes, weiträumiges Appartment, in dem sich auch ein menschliches Wesen wohlfühlen konnte.
"Äh, sagen Sie, ist es üblich, den Echsen Trinkgeld oder so zu geben?" war das erste, was Frans herausbekam. "Ich hätte Moses gern etwas gegeben, aber meine Taschen sind leer..."
Der Blonde fuhr herum. "Moses? Sie haben ihn Moses genannt?"
"Nun, den Namen, den die Echse im Einwanderungsbüro genannt hat, konnte ich nicht aussprechen --"
"Was hat sie gesagt, Mssachhs etwa?" Der Junge bekam das Wort tatsächlich fehlerfrei über seine Lippen, sämtliche Fauch- und Zischlaute inklusive. Als Frans nickte, lachte Siwa Hendricks abermals, so daß Frans sich unwillkürlich fragte, in welches Fettnäpfchen er da gerade ahnungslos getreten war.
"Mit diesem Wort bezeichnen die Sfarrk generell ihre Brut." wurde er sogleich aufgeklärt. "So was wie Namen in unserem Sinne haben sie nicht, obwohl sie sich untereinander irgendwie identifizieren können. Sfarrk in Dauerpositionen werden üblicherweise mit ihren Dienstbezeichnungen angeredet, also als Mechaniker, Operator oder Bodenschrubber. Nur die ganz hohen Chargen tragen echte Eigennamen, und das sind dann meistens endlose Ketten von Abstammungslisten und Ehrenbezeichnungen. Wenn Sie dem Kleinen tatächlich einen Namen verliehen haben, dann wundert es mich nicht, daß er Sie am liebsten behalten und adoptiert hätte. Der wird jetzt stolz wie Oskar sein." Er lachte immer noch.
"Oh." machte Frans. Er runzelte die Stirn. "Habe ich da einen Fehler gemacht?"
"Haben Sie ihm die Bedeutung des Namens erklärt?"
"Äh, ja, er hat mich danach gefragt."
"Nun, dann haben Sie wohl seinen Beruf für den Rest seines Lebens festgelegt. Als Moses - als Führer für die Fremden, der hier hoffentlich nie das Wasser teilen muß."
"Das wollte ich gar nicht. Äh, Sie wissen auch, was Moses bedeutet?" Frans war jetzt mit voller Absicht in sein heimatliches Yankee-Englisch zurückverfallen. Er wollte mal sehen, ob...
"Na klar, ich bin ja schließlich klassisch gebildet." antwortete der Junge unbeeindruckt und  gleichfalls auf Englisch. Er sprach es flüssig und mit amerikanischem Ostküsten-Akzent, aber mit hörbarem knurrendem Unterton dieser Alien-Sprache, die sie bis jetzt benutzt hatten, offenbar verkehrte er ziemlich viel in dieser Zunge und wurde die Sprechweise nicht so schnell wieder los."Wann sind Sie übrigens hier angekommen?"
"Das ist schon einige Stunden her, und ich war schon vorher viel auf den Beinen."
"Dann sind Sie sicher müde und hungrig, selbst wenn Sie nicht vor irgendwas Zähnestarrendem davonlaufen mußten." Er grinste und winkte Frans, ihm zu folgen, und sie wechselten vom Livingroom in eine fast gleichgroße Küche, wo der Junge sich sofort an Tiefkühltruhe und Ofen zu schaffen machte und Päckchen vom einen ins andere schob. "Setzen Sie sich, in ein paar Minuten gibt´s was feines. Ich hoffe, Sie mögen Jägerglück."
"Ich glaube, ich hatte bisher noch nicht die Ehre."
"Dann lassen Sie sich überraschen. Und keine Sorge, ich hatte oft genug Küchendienst. Meine Werke sind inzwischen selbst für menschliche Gaumen genießbar."
Gut zu wissen, dachte sich Frans. Der Junge schien ihm freundlich und gut gelaunt, kaum vorstellbar, daß er als Gesetzloser auf diese Station gekommen war. Ein angenehmer Duft nach Essen breitete sich vom Herd her aus, und Frans spürte, wie ihm das Wasser im Mund zusammenlief. Siwa suchte in dem Einbau-Vorratsschrank nach Getränken und Geschirr. "Was trinken Sie, Wasser, Coke, Saft, Biruzz?"
"Was ist das, Biruzz?"
"Ein Dhoanor-Gesöff, ein niedrigprozentiger Mix aus Bier und Fruchtsaft. Zum Glück stinkt es nicht so teuflisch wie die echt harten Dhoanor-Stöffe, bei denen fällt unsereins allein schon vom Bukett um. Sonst haben Katzen doch angeblich viel feinere Nasen als wir, aber wie die dieses Zeug verkraften... das ist echt widernatürlich."
Dhoanor, also so hießen die Katzenwesen. und Sfarrk die Echsen, alles klar, und jetzt wußte Frans auch, was in jener Kneipe, an der er vorbeigekommen war, so teuflisch gestunken hatte - kein Reizgas, sondern außerirdische Spirituosen. Er nahm nickend die gekühlte Flasche entgegen, die Siwa ihm frisch geöffnet reichte, schnupperte mißtrauisch und versuchte dann einen Schluck. Es war herrlich kühl, prickelte fast wie Champagner auf der Zunge und schmeckte gar nicht so übel. "Daran könnte ich mich gewöhnen." lächelte er und nahm einen zweiten Schluck, der schon deutlich größer ausfiel.
"Übertreiben Sie´s nicht." warnte der Blonde prompt. "Es schmeckt wahnsinnig lecker, aber auf leeren Magen wirkt selbst das niedrigprozentige Zeug recht fix. Ich muß mich immer zurücknehmen, weil ich leider gar nichts vertrage. Drei Flaschen von dem Zeug, und ich schlafe wie ein Baby. Und habe morgen einen Kater so groß wie der Himalaja." Er grinste entschuldigend und nahm sich selbst einen Saft. Dann piepste der Ofen, und er servierte das fertige Mahl, das herrlich duftete. "Wohl bekomm´s."
Er hatte sich selbst auch Geschirr bereitgestellt, aber die Portionen waren gigantisch und hätten für mehr als zwei Esser gereicht. Normalerweise, aber Frans war wirklich hungrig, seine letzte Mahlzeit
war ein geschnorrtes Sandwich zu Mittag gewesen in einer Studiokantine, vor vielen, vielen Stunden auf der Erde und vermutlich viele, viele Lichtjahre von hier... jedenfalls verschwand das Zeug in Windeseile. Die gekochten Kartoffeln als Beilage konnte er identifizieren, sie schmeckten sogar besser als die, die er sonst so in irdischen Restaurants bekommen hatte, vermutlich eine besondere Zucht, dachte er, oder auf besonderem (außerirdischem?) Boden angebaut. Das andere war ein Wurzelgemüse, vielleicht Schwarzwurzeln wegen der hellen Farbe, in Sahnesoße, auch das konnte als irdisch durchgehen. Nur beim Fleisch fragte er sich, von welchem Tier es stammte. Für Rindfleisch war es viel zu zart, für Geflügel stimmte der Geschmack nicht, und es enthielt seltsame dünne Knorpel, die sich wie Rippenreihen durch die Struktur zogen... eine Fischart vielleicht, obwohl es nicht fischig schmeckte? Er fragte seinen Gastgeber.
"Jägerglück stammt nicht vom Tier, es ist rein vegetarisch. Die Dhoanor züchten die Pflanze schon seit Jahrtausenden. Die Gewächse sehen aus wie Tannenbäume mit dicken, fleischigen Blättern, die mit fürchterlichen Stacheln bedeckt sind. Wenn man den Trick kennt, kann man sie aber ganz leicht schälen, ohne sich die Finger zu zerstechen. Geht fast wie Bananenschälen." Siwa zeigte seine Hände. "Sehen Sie, meine Haut ist noch ganz, und ich habe schon Unmengen von Jägerglück geschält. Der Name ist übrigens ein Produkt des typischen Dhoanor-Humors. Der Jäger, der nichts lebendiges fängt, ist glücklich, wenn er wenigstens einen Baum rupfen kann, oder so." Er grinste abermals und widmete sich seiner eigenen Portion, die trotz der Menge mit unglaublicher Geschwindigkeit verschwand.
"Ich bin wohl gerade richtig zum Essen gekomen," kaute Frans.
'"Nö, nicht unbedingt, aber als Matrixtechniker bestehe ich praktisch nur aus Magen. Wir haben von Berufs wegen einen immensen Kalorienumsatz, deshalb ist so ein kleiner Zwischenimbiß immer willkommen."
Kleiner Imbiß, meine Fresse, dachte sich Frans, verschluckte es aber zusammen mit einer Ladung Kartoffeln. "Ist das hier Ihr Apppartment?" fragte er dann, um Konversation zu machen.
"Nein, es gehört Andreou, dem Ratspräsidenten von Otrona. Der hat mehrere Wohnungen nahe des Can Tuan, deshalb stellt er die hier für mich bereit, wenn ich mal hier weile. Was nicht oft der Fall ist, wir M-Tecs sind hier ja nicht gerade beliebt, und Patsis macht sich auch keine Freunde, wenn er zu oft mit unsereins herumhängt."
"Als Benuna?" klopfte der Schauspieler sacht auf den Busch.
"Ja, genau. Sie hatten echt Glück, daß man Sie in Ruhe gelassen hat, nicht alle von dem Abschaum hier auf Otrona achten das Anfänger-Symbol, obwohl sie wissen, was ihnen  blüht, wenn sie einem Frischling zu nahe treten." Siwas Zeigefinger wies auf das Emblem auf Fransens Overall.
"Ach übrigens, ich glaube, wir haben uns noch gar nicht vorgestellt." fiel ihm dann ein. "Siwa Hendricks aus Lyon´s Home, das liegt in Pennsylvanien, nicht weit vom Big Apple entfernt." grüßte er und streckte die Hand aus.
"Frans Hauser. Meine Eltern stammten aus Germany, nahe der niederländischen Grenze, aber ich wohne in L.A.."
"Aus L.A., der Urheimat des Films also, Hollywood und so. Genau der richtige Ort für Schauspieler." meinte Siwa.
"Genau. Aber, sagen Sie mal, wo genau bin ich hier eigentlich? In einem Moment saß ich noch in meinem Zimmer in Downtown L.A. und unterschrieb diesen Vertrag, und im nächsten Moment hat mich ein Tornado davongetragen und hier auf Otrona abgesetzt wie weiland Dorothy im Land Oz."
Siwa lachte wieder. "Man hat Ihnen einen sogenannten Portschlüssel untergejubelt, der Sie über tausende von Lichtjahren direkt hierherteleportiert hat. Solche kindischen Tricks sind typisch für unsere fiesen außerirdischen Oberbosse, die Benu. Die lieben solchen Schwachsinn. Otrona ist eine Raumstation, wie Sie schon bemerkt haben, und schlappe dreißigtausend Lichtjahre von der Erde entfernt, im Dhoan-System, dem Heimatsystem der Dhoanor."
"Und Sie kamen über Na-Na... dingsbums hierher?"
"Ah-Nafress." machte Siwa den unaussprechlichen Namen vor. "Das ist ein Sfarrk-Name, weil Nh´Nafress zum Imperium der Sfarrk gehört. Nh´Nafress ist ein marsähnlicher Planet so ungefähr auf halbem Weg zwischen hier und der Erde, deshalb dient er als Relaisstation für den Durchgangsverkehr."
"Ich war im Dock, als Sie ankamen, oben auf der Zuschauerplattform, und habe das Schiff gesehen, den "Feuerzahn"."
Siwa nickte. "Eine Hammer-SyMOr. Klein aber fein, und vielleicht bald mein. Ich mache gerade den Flugschein dafür, wissen Sie. Die Theorie ist kein Problem, dafür gibt es Hypno-Programme, aber bis man die für die Prüfung benötigten Flugstunden zusammen hat, geht man auf dem Zahnfleisch. Länger als vier Stunden am Stück kann man nicht am Steuer sitzen, danach wirft einen die KI aus dem System für die nötige Ruhepause. Und die Flüge dauern eh selten länger."
"Vier Stunden? Von Nh-Nafress bis hier?" Über tausende von Lichtjahren? Frans konnte es kaum glauben.
"Hammer-SyMOrs sind fixe Kerlchen." Siwa grinste wieder. "Von Null auf Warp Neun in nullkommanix, und sie können praktisch aus dem Stand heraus springen - das heißt, auf Überlicht gehen. Sie brauchen auch keine saubergeputzten Einsprungzonen, weil sie über extrem starke Schutzschilde verfügen. Wenn Sie es mal ausprobiert haben, werden Sie verstehen, warum einen die KI immer wieder rauswirft -- rauswerfen muß. Sobald man sich erst einmal ins System eingeklinkt hat, möchte man es nie wieder verlassen."
Frans schüttelte nur ungläubig den Kopf. "Das hört sich an wie Krieg der Sterne."
Der blonde Junge nickte eifrig. "Ich kenne die Serie und liebe sie." lachte er. "Nur schade, daß es nur so wenige Originalepisoden gab... die späteren TriVi-Serien waren nicht mehr halb so gut. -- Werden Sie in so einem Film spielen?" frage er dann neugierig. "Man hat mir gesagt, daß es Science Fiction werden soll..."
"Mehr weiß ich leider auch nicht. In dem Schriftstück, das mir zugeschickt wurde, war von einer mehrtägigen Testphase die Rede, und daß das Genre Science Fiction sein soll. So was wie ein Drehbuch oder wenigstens ein Filmtitel oder eine Rollenbeschreibung war nicht dabei."
"Ich kann mal nachsehen, ob ich inzwischen weitere Anweisungen bekommen habe, was Sie betrifft. Man hat mir auf Nh´Nafress nur gesagt, daß ich Sie hier unter meine Fittiche nehmen soll, aber nicht, was danach passiert. Das ist übrigens ganz normal für uns Benuna, daß wir unsere Anweisungen von oben häppchenweise bekommen, und uns den Rest selber dazudenken müssen." Er war aufgestanden und stand jetzt vor der kleinen  Couch, die die Küche wohnlicher machte. Aber er setzte sich nicht hin, sondern streckte die Hand dagegen aus und sagte laut "Platz!", wie zu einem unsichtbaren Hund...
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 17. Januar 2013, 12:39:19 Uhr
Aber es war kein Hund, der aus dem ziemlich großen, blauen, kugelförmigen Blitz, der plötzlich direkt über der Couch aufflammte, materialisierte. Es war etwas flaches und viereckiges, in dunklem Rot und Gold und Chrom. Bedenkenlos griff Siwa nach dem Objekt, das auf die Kissen geplumpst war, und brachte es zum Eßtisch.
Es war ein Laptop, stellte Frans fest, ein aktentaschengroßer Apparat in dunkelrotem Kunstleder, das Firmenemblem in Gold beidseitig aufgedruckt, ein regelrechtes Steinzeit-Monstrum von Gerät. Das überraschte ihn, schien die Technologie an diesem Ort doch generell weiterentwickelt zu sein als dort, wo Frans herkam, und dort waren die Laptops inzwischen schon viel kleiner und flacher...
"Teleporter-Funktion." sagte Siwa nur als Erklärung. "Die haben diese Dienst-Laptops der Benu Incorporated alle. Zum Glück für uns ZBVler, weil wir die schweren Dinger deshalb nicht ständig mitschleppen müssen, es reicht, sie zu rufen, wenn wir sie brauchen." Er klappte bereits den Deckel auf, wodurch die üblichen Bestandteile eines Laptops, ein flaches Display und eine Tastatur, sichtbar wurden.
"Schirm. Neuer Inhalt." sagte er dann, wieder in der Alien-Sprache, aber nicht an Frans, sondern an den Laptop gewandt. Ein immaterielles, vermutlich holografisch projiziertes Blatt schob sich senkrecht aus der Spalte zwischen Display und Tastatur und zeigte mehrere Zeilen in leuchtender Alien-Schrift.
Siwa deutete mit dem Finger auf die Zeilen. "Die mit dem komischen Symbol da, das sind neue Lehrprogramme für ich, ich bin nämlich immer noch Lehrling. Das Symbol bedeutet aber nicht "radioaktiv", wie man fast glauben könnte, sondern zeigt, daß es hypnotisch unterstützte Programme sind. Oder mit anderen Worten, ich soll sie nicht abspielen, wenn andere Leute anwesend sind, weil ich die sonst alle mit einer mörderischen Migräne beglücke, die Dinger strahlen nämlich fürchterlich aus. Es reicht völlig, wenn ich selber nach einer Stunde Lehrprogramm für den Rest des Tages wie ein hirntoter Zombie herumwanke... aber da, da ist was offenes. Könnte ein Memo über Sie sein." Er öffnete die Seite, indem er die projizierte Farbfläche berührte.
Die erste Seite, die kam, war offensichtlich eine Kopie aus einem ziemlich alten Druckwerk, dem Stil der Buchstaben nach, und sie enthielt sogar ein paar kleine Scharzweiß-Zeichnungen. Die beiden lasen, und da Siwa in Schnelllesetechniken geübt war, war er der erste, der losprustete. "Captain Future, der Weltraumheld, Hexenmeister der Wissenschaft!" lachte er. "Also das soll Ihre Rolle sein! Klasse, ich liebe dieses lustige Retro-Zeug..."
Noch nicht ein einziger Take im Kasten, und schon ein erster Fan. So schlimm konnte es also nicht werden, Frans war beruhigt. Sie studierten das Memo weiter, und kicherten immer wieder, vor allem als sie die Datei mit der ersten veröffentlichten Filmversion des Materials entdeckten, eine japanische Zeichentrickserie, und sich durch die verschiedenen Länderversionen mit ihren unterschiedlichen Soundtracks hangelten.
"Voll abgedreht." meinte Siwa schließlich und mit ehrlicher Begeisterung. Verdammt, er liebte so altmodisches Zeug, kaum zu fassen, daß er nie zuvor davon gehört hatte...
"Sie meinen also, das könnte ein Erfolg werden? Ich meine, hier, im echten Weltraum, unter echten Aliens..."
Siwa grinste verschmitzt. "Hängt ganz vom Talent des Drehbuchautors ab. Eine gut gemachte Abenteuerstory geht immer und überall, egal wie hanebüchen sie sonst aufgezogen ist. Hin und wieder gibt es Phasen, in denen Retro total in ist. Und Sie dürfen den reinen Nonsens-Faktor nicht unterschätzen. Diese Zeichentrickfilme scheinen ja ungewollt recht komisch zu sein. An Geldmangel jedenfalls wird das Projekt garantiert nicht scheitern, die Benu Inc. hat es dicke. Wenn die sagen, die wollen das durchziehen, dann machen die das auch." Während Frans sich beruhigt wieder der unterbrochenen Mahlzeit zuwandte, suchte Siwa weiter, ob er vielleicht noch irgendwelche Anweisungen aus der Chefetage der Firma fand.
"Ich hätte da noch ein paar Fragen. Zum Beispiel zu den Sfarrk..."
"Oh, ja. Sich an die zu wenden war ein echter Geniestreich von Ihnen, was besseres hätten Sie gar nicht machen können."
Da Frans ihn jetzt interessiert anblickte, holte Siwa weiter aus. "Die eidechsenähnlichen Sfarrk, die Sie bis jetzt gesehen haben, sind in Wahrheit alles Arbeitsdrohnen, kleinwüchsige Sklavenarbeiter. Sie stammen alle von einer einzigen Mutter ab, der Brutmutter, die ihr Nest irgendwo im Unterdeck, tief verborgen in den Eingeweiden der Station hat. Sfarrk sind zwar warmblütige Reptilien, aber ihre Gesellschaft ist als Schwarmintelligenz aufgebaut wie ein Bienenstock auf der Erde. Die Sfarrk kamen vor ein paar Jahrzehnten nach Otrona, als eines der Piratenschiffe, die hier ihren Heimathafen haben, das Wrack eines Sfarrk-Schiffes entdeckte, mit der noch lebenden Sklaven-Brutmutter und ein paar von ihren Jungen an Bord. Da man mit ihnen nichts anfangen konnte und das Sfarrk-Imperium sie auch nicht zurückhaben wollte, hat man sie in die Unterdecks abgeschoben, die Armenviertel von Otrona, und dort, zwischen Abfall und Ungeziefer, fanden sie ideale Vermehrungsbedingungen. Wieviele es heute von ihnen auf der Station gibt weiß keiner, vermutlich sind es einige tausend. Da sie sich aber als geborene Sklavennaturen als fleißige Arbeiter erwiesen haben, denen kein Job zu mühsam oder dreckig ist, haben sie inzwischen überall ihre Klauenfinger drin, sie wissen und können alles und haben sogar einen eigenen Sitz im Rat, dem sie offiziell direkt unterstehen. Reinrassige Sfarrk, also nicht die kleinen Arbeitsdrohnen, sieht man her sehr selten, und nur als Besucher aus dem Sfarrk-Reich. Man kann sie schon auf den ersten Blick von den Drohnen unterscheiden durch ihre Form und ihre Größe, sie sehen nicht wie Eidechsen aus, sondern wie Raubsaurier von der Erde, nur mit vier Armen, und da sie ihr ganzes Leben lang weiterwachsen, können sie gigantische Ausmaße erreichen. Die reinrassigen alten Brutmütter auf ihrer Heimatwelt sind so groß, daß sie sogar einem irdischen T-Rex Respekt einflößen würden. Übrigens waren es damals beim Überfall - von dem haben Sie bestimmt gehört - die Sfarrk, die das Söldner-Invasionsheer aufgerieben und vernichtet haben. Sie brauchten damals eine eigene Erlaubnis vom Rat, oder von dem, was damals vom Rat noch übrig war, weil sie ja eigentlich nur Sklaven sind und genetisch auf absoluten Gehorsam ihrer Brutmutter und den Vorgesetzten der Brutmutter gegenüber getrimmt. Aber als sie dann die Erlaubnis hatten loszulegen..."
Siwa schüttelte den Kopf, seine Miene war ernst. "Ich war damals dabei und habe es miterlebt, wissen Sie. Den Söldnern haben ihre modernen Waffen und Kampfanzüge nicht das geringste genützt, die Sfarrk hingen in ganzen Trauben an ihnen und haben sie einfach in Stücke gerissen. Es war ein Blutbad. Und anschließend ein Festmahl für die Sfarrk. Was ein Sfarrk tötet, das frißt er auch. Jedenfalls ist nicht mehr allzuviel von den Invasoren anschließend in den Recycling-Gruben gelandet..."
Frans starrte auf die Reste seiner Mahlzeit, die ihm auf einmal nicht mehr schmecken wollte. Siwa fuhr unbeirrt fort. "Nun, die M-Tecs haben die Sfarrk schon vorher immer mit größter Hochachtung behandelt, obwohl es bis heute viele Leute gibt, die darüber die Köpfe schütteln, und ich habe damals, beim Überfall und bei den Aufräumarbeiten danach, den Grund für diese Hochachtung erfahren. Heute, kann ich sagen, stehen wir Benuna auf bestem Fuß mit ihnen. Sie sind die heimlichen Herrscher der Station, und auch auf Otrona Zwei, wo ich mich meistens aufhalte, wenn ich in diese Gegend komme. Wir haben da drüben nämlich inzwischen eine eigene Brutmutter. Keine Tochter der hiesigen, weil sie nämlich schon zu alt war um eigene, fortpflanzungsfähige Töchter zu produzieren, sondern ein junges Exemplar direkt von Sfarrka´Na, ein kostbares Geschenk der Kaiserin der Sfarrk."
"Und Sie haben keine Angst, daß diese Wesen irgendwann über Sie herfallen, wenn sie einen Befehl dazu bekommen? So wie die Klonarmee über die Jedi?"
Die Star Wars-Anspielung brachte Siwa wieder zum Lächeln. "Nein, haben wir nicht. Die Hochachtung, von der ich sprach, beruht auf Gegenseitigkeit, ein paar von uns haben sich in den Augen der Sfarrk als ebenbürtig und geeignete Anführer bewiesen, die selbst der Brutmutter Befehle erteilen dürfen. Und ihre Loyalität wurde von ihrer Kaiserin auf die Führer der Station übertragen, das heißt auf den jeweiligen Rat. Nur ein einstimmiger Ratsbeschluß kann die Armee der Echsen in Bewegung versetzen, und zumindest auf Otrona Zwei haben da die Benu, unsere Oberbosse, ein Wort mitzusprechen. Hier auf Otrona Eins sind es die Grünen, die für die Lebenserhaltungssysteme zuständige Arbeiterkaste, die mit den Sfarrk zusammenstehen und meistens gegen den Rest des Rates stimmen, der überwiegend aus waschechten Ganoven und Banditen besteht. Der Stern der Verbrecher hat da schließlich seinen Ruf zu wahren. Politik halt, wie überall im Universum... aber jetzt Schluß mit den Gute-Nacht-Geschichten, Ihnen fallen ja schon die Augen zu." lachte der Junge ihn an.
Frans seufzte und nickte müde, während er unbeholfen das geleerte Geschirr zusammenschob. Er hätte auf der Stelle aufs Gesicht fallen und einschlafen können.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 28. Januar 2013, 13:01:09 Uhr
"Lassen Sie es stehen, das mache ich schon. Jetzt suchen wir erst mal eine Nachtausstattung für Sie zusammen. Gepäck haben Sie ja keines..." Siwa musterte ihn von oben bis unten, als er stand. Frans war mit seinen Einsdreiundneunzig nur ein paar Zentimeter größer und etwas breiter in den Schultern als der gleichfalls schlanke und durchtrainierte Junge.
"Ich denke, einer von meinen Pyjamas könnte Ihnen gerade noch passen, Unterwäsche dito. Ein Ersatzset Rasierzeug und andere Necessaires für unerwartete Gäste sind immer vorhanden. Zwei abgetrennte Schlafzimmer gibt es hier auch, was will man mehr. Und wenn sonst noch was fehlt, dann kann ich immer noch ein vierarmiges, schuppiges Heinzelmännchen rufen, das uns das Gewünschte auf dem Markt besorgt. Eine Raumstation wie Otrona schläft nie." Er grinste, und Frans grinste zurück, da er den Witz jetzt verstand. Siwa zeigte ihm Schlafgemach und Badezimmer, erklärte ein paar unverständliche Armaturen in letzterem, insbesondere die wassersparende Ultraschall-Dusche und das auch bei Null-G noch zu benutzende stille Örtchen, typische Einrichtungen in einer Raumstation, und plünderte dann den Kleiderschrank um den versprochenen Pyjama, der fast aussah wie ein japanischer Herren-Kimono. "Auf Dhoan-Sek, der Hauptwelt der Dhoanor, ist das hier Straßenbekleidung," erklärte er, "da laufe  ich nur in so was herum. Aber das Zeug ist so bequem, daß es auch fürs Bett taugt." 
"Sagen Sie..." begann Frans etwas später, nachdem er diverse Anwendungsmöglichkeiten des Badezimmers durchgetestet und sich umgezogen hatte und Richtung Schlafzimmer tapste. "...diese Benu. Die Herren der Benu Incorporated, und damit auch Ihre jetzigen und meine zukünftigen Bosse, wenn ich das richtig verstanden haben..."
"Darüber reden wir lieber morgen, sonst können Sie nicht mehr schlafen."
"Sind sie so schlimm?"
"Furchterregend. Ich mache mir jedesmal fast in die Hose, wenn ich einem begegne."
"Sehen sie so fürchterlich aus?"
"Es ist nicht das Aussehen, sondern ihre Ausstrahlung. Die fühlt sich an wie der Hammer Gottes, der genau auf Sie herabkommt, da haben Sie nur noch das Bedürfnis, sich in das erstbeste kleine Mauseloch zu verkriechen, bevor Sie geplättet werden. Brrr." Der Junge schüttelte sich und schnitt eine Grimasse.
"Carolus Rye, mein Lehrer, sagt immer, daß Menschen nicht dafür gemacht sind, mit Halbgöttern umzugehen, und er hat recht, wie immer."
Damit ließ er seinen Gast allein, der sich auf dem Bett ausstreckte, vor Erleichterung seufzte und im nächstem Moment schon eingeschlafen war. Da seine Aufgabe fürs erste gelöst war, konnte auch Siwa sich Entspannung gönnen. Wenn Frans nicht von selbst zu ihm gekommen wäre, hätte Siwa sich bei den Sfarrk nach dem Neuankömmling erkundigt - keine Chance, daß die Echsen von seiner Ankunft nichts mitbekommen hatten - und sich anschließend auf den Weg machen müssen, um ihn einzusammeln. Eine Mühe, die ihm jetzt erspart blieb, worüber er keineswegs böse war, weil er als Matrixtechnikerlehrling für so manchen Bewohner dieser Station eine wandelnde Zielscheibe darstellte und ständig auf der Hut sein mußte, trotz aller Schutzvorrichtungen, über die er als M-Tec-Lehrling verfügen konnte.

Als Frans erwachte, dachte er als erstes: Was für ein Alptraum! Aliens, Raumschiffe, Raumstationen... nein. So kurz nach dem Aufwachen wollte er nicht darüber nachdenken, und später hatte er es mit etwas Glück vielleicht schon vergessen.
Die Augen noch geschlossen, lauschte er. Er wußte nicht, wie spät es war, aber eigentlich hätte er schwaches Rauschen und hin und wieder Sirenen vom nie endenden Verkehr draußen hören müssen, vielleicht Flattergeräusche, Gurren und das Kratzen kleiner krallenbewehrter Füße, wenn die Tauben sich mal wieder auf der Hausfassade direkt über seinem Fenster häuslich eingerichtet hatten, das unregelmäßige Surren der Klimaanlage oder das Ächzen und Schlagen des Lifts, sofern beide mal wieder zu funktionieren geruhten und letzterer gerade benutzt wurde. Aber alles, was er hörte, war eine Art leises weißes Rauschen wie von einer perfekt funktionierenden Lüftung, die das Haus, in dem er wohnte, schon seit ewigen Zeiten nicht mehr kannte... er öffnete die Augen und starrte gegen eine Zimmerdecke, die ihm fremd war. Ein Rundblick in dem fremden Zimmer bewies ihm, daß der Alptraum noch nicht vorbei war. Seufzend drehte er sich auf die Seite. Er mußte sehr lange geschlafen haben und lange in der gleichen Rückenlage, weil er sich irgendwie ganz steif fühlte. Aber da sein Gastgeber ihn bis jetzt nicht aus dem Bett geworfen hatte, war ihm wohl ein gründliches Ausschlafen gegönnt. Er zog die Decke höher, obwohl es im Raum nicht kalt war, machte die Augen wieder zu und nickte ein.
Beim zweiten Aufwachen hörte er zu seiner Überraschung Vogelgezwitscher. Also doch ein Alptraum... aber als er sich umsah, fand er sich im gleichen Schlafzimmer wieder. In eine Wand eingelassen war ein großer Flachbildschirm, den er vor dem Einschlafen gar nicht bemerkt hatte, der jetzt aber angeschaltet war und die Illusion eines Fensters erzeugte, hinter dem blauer Himmel und eine grüne, sonnenbeschienene Landschaft mit Bäumen und blühenden Wiesen zu sehen waren, und aus dessen verborgenen Lautsprechern das Vogelgezwischer drang. Das war vermutlich eine dezente Aufforderung, endlich aus den Federn zu kriechen. Er rieb sich die Augen, gähnte, streckte sich, bis sämtliche Gelenke knackten und die Muskeln protestierten, und stand auf. Sein erster Gang führte ihn ins Badezimmer, wo er alles Nötige für eine Entleerung und Grundreinigung fand und seinen Overall, der offenbar zwischenzeitlich einer schnellen Reinigung unterzogen worden war. Die Küche war leer. Frans fand Siwa im Wohnzimmer des Appartments, wo der Junge sich gerade mit seinem Laptop amüsierte, vermutlich hatte er die vergangenen Stunden auf seine Weise totgeschlagen. Da er sich erinnerte, was Siwa gestern über die migräneproduzierenden Lehrprogramme gesagt hatte, blieb er im Durchgang stehen, aber der blonde Bursche lachte ihn nur an, wünschte einen Guten Morgen und bedeutete ihm näherzutreten. Also war es kein Lehrprogramm, mit dem er sich gerade befaßte.   
"Ich habe heute früh ein Update von Nh´Nafress bekommen." begann Siwa gewichtig und deutete auf sein Gerät. "Die ersten Testaufnahmen für den Film, Locations und so. Die zeige ich Ihnen dann gleich. Aber zuerst das Wichtigste: Frühstück!"
Damit ließ er den Laptop erst mal Laptop sein und schob Frans in die Küche zurück. Frans war sicher, daß Siwa schon vorher gefrühstückt hatte, aber der Junge schien wirklich unersättlich zu sein, weil er auch jetzt wieder fleißig mithielt. Oder, fiel Frans plötzlich in jähem Schreck ein, er hatte so etwas wie die außerirdische Version eines Bandwurms oder ähnlichen Mitessers... "Testaufnahmen?" machte er, um sich von dem Gedanken abzulenken, er mußte professionell bleiben, egal unter welchen Umständen.
Abermals stellte sich zumindest ein Teil des Essens als identifizierbar heraus, es gab Croissants, Butter, Marmelade, Käse und eine Art gebratenes Frühstücksfleisch, das vermutlich aus zerkleinertem "Jägerglück" bestand und nicht übel schmeckte, dazu gab es Säfte, ein süßlich-milchiges außerirdisches Gebräu namens Less, Tee und Kaffee, letztere drei frisch aus einem Küchenautomaten. Siwa hielt sich an Fruchtsaft und Less, von Kaffee hielt er nichts. "Ich rieche ihn gern, aber der Geschmack ist mir irgendwie zuwider. Zu bitter und verbrannt für meine verwöhnte Zunge." hatte er dazu erklärt.
"Ja. Testaufnahmen. Von Hintergründen, ausgewählten Drehorten, einzelne Trickaufnahmen und so, ich habe sie bereits überflogen." kaute er jetzt zurück und jagte mit dem Finger einem Brotkrümel nach, der ihm beim Sprechen mit vollem Mund unfein entfleucht war. "Wurde alles mit einer speziellen Technik gefilmt, an der meine Matrixtechniker-Kollegen und vermutlich auch der eine oder andere Benu herumgebastelt hat, das heißt, es ist so realistisch, als ob der Zuschauer selbst vor Ort wäre. Nur selber erleben wäre noch echter. Außer Ihnen ist bis jetzt nur ein weiterer Schauspieler ausgewählt worden, einer der Typen vom DCD, dem Department for Construction and Development auf Nh´Nafress, der Ihren fiesen Gegenspieler mimen wird. Da müssen Sie sich anstrengen, die Leute aus der Konstruktionsabteilung sind von Natur aus fiese Bastarde, selbst ohne einen Funken Erfahrung als Schauspieler kann der Sie mühelos an die Wand spielen, wenn Sie nicht aufpassen," wiederholte Siwa, was er bereits zu seinen Freunden auf Nh´Nafress gesagt hatte.
"Verstehe. Äh, warum haben die Leute von der Konstruktionsabteilung so einen schlechten Ruf?"
"Das DCD ist zuständig für die Entwürfe der ganzen Maschinen und Anlagen, die anschließend von der Hammer-Werft auf Nh´Nafress, die der Benu Incorportated gehört, gebaut werden. Die Leute haben Zugang zur besten Benu-Hochtechnologie, die jeder normalen menschlichen Technologie Lichtjahre voraus ist, und sie nützen das nach Strich und Faden aus. Zum Beispiel indem sie in alle ihre Produkte sogenannte Ostereier einbauen, die sich zu den unmöglichsten Zeiten von selbst aktivieren. Zum Spaß der Benu, aber nicht unbedingt zum Spaß der Käufer der Produkte. Manches davon springt schon vorzeitig den Arbeitern in der Werft ins Gesicht, weshalb das DCD auch dort nicht gerade beliebt ist." Siwa zeigte ein niederträchtiges Grinsen.
"Und warum wird es dann gekauft?"
"Weil es einfach nichts besseres auf dem Markt gibt. Und die Ostereier sind geradezu berühmt, je fieser, desto besser. Auf der Erde haben sie eine riesige Fangemeinde. Wer von sich behaupten kann, ein besonders gefährliches Osterei überlebt zu haben, kann sich als Superstar verkaufen." Siwa lachte über die Miene, die Frans jetzt zog. "Keine Sorge, das war jetzt etwas übertrieben, aber so wird es von den Fans tatsächlich dargestellt. Die Ostereier sind alle darauf programmiert, niemanden zu verletzen... aber in peinliche Situationen bringen können sie einen schon."
"Zum Beispiel?"
"Ein absoluter Kundenrenner vor ein paar Jahren waren die Segelboote, die sich nach einiger Zeit in Unterseeboote morphten. Nur wußte leider niemand, wann das jeweils sein würde, bei einigen Eigentümern passierte es sofort, andere warten bis heute darauf. Aber die Dinger sind weggegangen wie warme Brötchen in einer Hungersnot." Er grinste weiter. "Und wenn Sie gestern den "Feuerzahn" im Dock gesehen haben - diese Hammer-SyMOrs bestehen praktisch nur aus Ostereiern. Das Problem ist, daß die wirklich interessanten Teile alle nicht im Benutzerhandbuch stehen, die muß man selber entdecken. Und die meisten Piloten halten sich da bedeckt, wollen die anderen nicht wissen lassen, wieviel sie schon herausgefunden haben. Präsident Andreou hat sein altes Shuttle, den "Henker von Paris", mit Benutechnologie aufmotzen lassen, daß es jetzt bald einer SyMOr gleichkommt. Der hat seine Ostereier inzwischen gut im Griff... aber fragen Sie mich nicht danach. Er würde es bestimmt nicht gut finden, wenn ich seine Tricks verrate."
Also hatte Frans sich doch nicht verlesen. Der mysteriöse "Henker" war ein irdisches Raumschiff.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 19. Februar 2013, 12:54:28 Uhr
"Sie sagten, Sie sind Matrixtechniker. Was ist das eigentlich?"
"Wieviel wissen Sie über Energiematrizen, Dhyarras, Sternensteine?"
"Überhaupt nichts. Das sagt mir nichts." Am Gesichtsausdruck des Mannes erkannte Siwa, daß Frans das ehrlich meinte. Erstaunlich, fand er, bis ihm einfiel, daß die meisten Zeitgenossen keine Ahnung von Matrixtechnologie hatten. Er durfte nicht immer von seinen eigenen Verhältnissen ausgehen, die ja schließlich alles andere als gewöhnlich waren.
Also zeigte er Frans, was es damit auf sich hatte. Der Schauspieler sperrte Mund und Nase auf, als mit einem Mal das gesamte Frühstück samt Geschirr abhob und durch die Luft zu tanzen begann, wie von einem unsichtbaren Wirbelwind erfaßt. Doch kein Krümel fiel von einem Teller, kein Tropfen schwappte über, egal wie wild die Gefäße sich bewegten. Und dann senkte sich wieder alles herab und landete friedlich am gleichen Platz wie zuvor, vor dem wilden Ritt...
Siwa zeigte seinen Ring mit dem haselnußgroßen Kristall, der immer noch blau leuchtete. "Das hier ist eine sogenannte Energiematrix, und was man damit zum Beispiel anstellen kann, haben Sie soeben gesehen. Ein gut trainierter Techniker mit einer gut eingefahrenen Matrix kann noch viel mehr Dinge damit machen, im großen Maßstab ebenso wie im kleinen. Eine Matrix ist ein kostbares Allzweck-Werkzeug, das mit Gedanken gesteuert wird. Allerdings gehört zu den ersten Regeln, die jeder Anfänger lernt, daß man seine Finger von fremden Matrizen lassen muß. Die Dinger sind nämlich auf ihre jeweiligen Benutzer verschlüsselt, das heißt programmiert, und wehren sich gegen jeden anderen, der sich daran vergreift. Die Intensität der Gegenwehr hängt davon ab, wie stark die Matrix ist, und wie stark der illegale User selbst ist. Bei einer schwachen Einser bekämen Sie als absoluter Neuling nur eine gewischt, daß es Sie von den Beinen haut und Sie für den Rest der Woche an mörderischer Migräne leiden. Wenn Sie aber an eine Fünfer geraten, die um fünf Potenzen stärker ist als die Einser, dann gute Nacht. Die löscht im harmlosesten Fall Ihren gesamten Verstand aus, daß Sie den gesamten Rest Ihres Lebens als unheilbarer sabbernder Idiot in einer Anstalt verbringen, im weniger harmlosen Fall reduziert sie Sie gleich zu einer zerpuffenden Aschenwolke. Und für den rechtmäßigen Eigentümer wäre das auch nicht erfreulich, weil der nämlich in jedem Fall einen energetischen Rückstoß abbekommt. Mein Exemplar hier ist eine Dreier, da müssen Unbefugte schon mit dauerhaften körperlichen und geistigen Schäden rechnen. Und ich würde wieder den Rückstoß abbekommen, der auch alles andere als angenehm ist. Also - erste Regel, in jeder Lebenslage: Finger weg von meiner Matrix, und von jeder anderen, die Ihnen über den Weg laufen sollte!" mahnte er mit wedelndem Zeigefinger. "Übrigens werden nur Matrizen bis maximal Stufe drei als Ring getragen. Bei stärkeren Matrizen ist es zu gefährlich, wenn die von ihnen ausgehenden Energien über die Arme und übers Herz laufen, deshalb tragen die Vierer- und Fünfertechniker sie meistens anderswo, und nie ohne zusätzliche Dämpferkristalle, die mögliche Rückstöße auffangen, sonst ist es der Benutzer selber, der sich in ein Aschehäufchen verwandelt, wenn irgendwas schiefgeht."
Frans beäugte neugierig den Ring, und etwas fiel ihm ein. "Meine Rolle, die ich spielen soll - dieser Captain, der trägt doch einen Ring als Erkennungszeichen..."
"Stimmt, ist mir auch gerade aufgefallen. Und da es ja ein Werbefilm werden soll... wahrscheinlich war das einer der Faktoren, warum man gerade diese alte Serie ausgewählt hat und nicht eine andere, das soll wohl speziell Werbung für unsere Personalabteilung werden, die immer auf der Jagd nach neuen Mitarbeitern ist. Die Benu achten sehr auf solche Kleinigkeiten, wissen Sie."
"Sie wollten mir heute mehr über die Benu erzählen." Siwa sah aus, als sei er noch keine achtzehn Jahre alt, aber irgendetwas in seinem ganzen Verhalten hatte Frans inzwischen überzeugt, daß das eine Täuschung war. Manche Typen sahen noch mit Vierzig wie Jugendliche aus und konnten solche Rollen glaubhaft und ohne allzuviel Makeup spielen, wie Frans wußte. Siwa war mit Sicherheit schon volljährig, auch seine Zurückhaltung in Bezug auf das alkoholische Biergemisch gestern hatte das bewiesen, bei dem kein Achtzehnjähriger aus L.A. oder sonstwo in den Staaten Nein gesagt hätte, und deshalb dachte Frans erst mal nicht daran, ihn einfach zu duzen.
"Ist viel einfacher, wenn ich es Ihnen zeige. Ich sagte doch, wir haben erste Testaufnahmen bekommen. Platz!"
Statt in das Wohnzimmer zurückzukehren und den Laptop zu holen, bewies er Faulheit und befahl das Gerät einfach zu sich. Der Laptop materialisierte gehorsam und in einer neuen blaustrahlenden Leuchterscheinung, die Frans zurückschrecken ließ, auf dem Küchentisch.
"Licht aus!" bellte Siwa dann in der Aliensprache. Die verborgenen elektronischen Heinzelmännchen des Appartments reagierten, indem sie in der Küche das Licht herunterdämmten, bis nur noch die schwache, stromunabhängige Notbeleuchtung blieb, die in einer Raumstation immer und überall Vorschrift war. Es war nicht ganz so dunkel wie in einem verdunkelten Kino, aber es reichte. Siwa hatte den Laptop geöffnet, aber diesmal kam nicht der kleine immaterielle Holoschirm, den Frans schon kannte. Stattdessen lösten sich auf den kurzen Befehl: "Schirm! Groß!" mehrere metallene Eckstücke aus dem Gerät und schwebten ganz von selbst davon, immer präzise gleichförmige Abstände voneinander einhaltend. Vier blieben unten, etwa auf Tischplattenniveau, vier weitere schwebten fast bis an die Zimmerdecke hinauf, bis sie einen immateriellen Kubus markierten, der fast die ganze Küche einnahm, und im dessen Inneren Frans und Siwa saßen.
"Sitzen Sie gut?" fragte Siwa. "Dann bewegen Sie sich nicht, solange die Aufnahmen laufen. Sie könnten orientierungslos werden und sich verletzen, oder Sie könnten ganz im Film verloren gehen. Sowas soll schon passiert sein, wissen Sie." Er grinste wieder fies. "Film ab."
Schlagartig vertiefte sich die Dunkelheit um Frans herum. Die floureszierenden Notlichter schienen zu verschwinden, stattdessen bildeten sich zahlreiche kleine, leuchtende Pünktchen - Sterne? Und zwar nicht nur vor und über ihm, wo der Schirm sich erstreckte, sondern ringsherum, auch dort, wo seine Hand den Küchentisch fühlte, und sogar nach unten, wo der Boden und seine eigene untere Anatomie sein mußte. Auf einmal schien er mitten im Weltraum zu schweben, als körperloser Geist, und die Illusion war wirklich perfekt, bemerkte er, als er den Kopf drehte und nirgendwo mehr etwas von der Küche, von Siwa, seinem Laptop oder dem Küchentisch entdecken konnte. Nur Weltraum, überall, ewig, still (selbst das leise Rauschen der Lufterneuerungsanlage schien verstummt) und in endlose Fernen reichend...
"Toll, was? Totales TriVi-Surrond. Es ist tatsächlich ein Mix aus herkömmlicher TriVi-Holo-Technik und irgendwelchen Psycho-Telepathie-Tricks, wie sie die Benu benutzen, die Filmprojektoren werden dazu mit speziellen Benu-Gimmicks ausgestattet, damit dieser Effekt auch voll ´rüberkommt. Wenn Sie sich darauf konzentrieren, können Sie übrigens die telepathische Beeinflussung zurückdrängen, dann sehen Sie nur die normale Holoshow. Sie sind kein Gefangener des Films, solange er läuft, wenn Sie das jetzt meinen sollten. Aber es sieht einfach besser aus, wenn man sich voll darauf einläßt."
Es stimmte. Sobald Siwa das gesagt hatte und Frans sich darauf konzentrierte, Tisch und Küchenbeleuchtung und den jungen Burschen zu sehen, konnte er sie auch, irgendwie, wieder wahrnehmen. Es war wie ein Wechsel zwischen Zwei- und Drei-D, wenn man im 3-D-Kino saß und zwischendurch mal die Brille abnahm... langsam ließ er sich wieder in die volle hypnotische Illusion zurücksinken, gespannt, was noch kommen würde.
"Das hier ist ein Standbild, das am Anfang kommen wird, damit sich die Zuschauer an den Zustand gewöhnen." erklärte Siwa, und Frans konnte an seiner Stimme hören, daß er amüsiert war. "Da könnte der eine oder andere schon raumkrank werden. Aber wer es übersteht, kann dann den ganzen Film in aller Ruhe genießen. Lassen wir es mal weiterlaufen."
Er gab eine entsprechende mündliche Anweisung an seinen Wunder-Laptop.
Irgendwo vor ihnen, zwischen den Sternen und dem viel zu groß und nah und intensiv wirkenden
Band der Milchstraße, blitzte etwas auf. Es leuchtete hell - ein Raumschiff? Ein Komet? Denn es wurde immer größer, in flammendem, gleißendem Weißgelb, und dann war es neben Frans, irgendwie, schwebte unmittelbar neben ihm, der wieder weder Siwa noch die Küche noch sonst etwas reales sehen konnte, sondern nur schwarzen, sternenbespickten Weltraum um sich herum. Nein, das war definitiv kein Raumschiff, und auch kein Komet. Es war eine Art flammender Feuervogel, der da scheinbar fast auf Armesreichweite neben ihm hing, mit einer Art beschopftem Vogelkopf, weiten Schwingen und einem pfauenähnlich langen Schwanz, aber alles aus weißem, fließendem Feuer, das wie eingeforen im Vakuum wirkte, weil auf einmal keine einzige Flamme mehr flackerte oder züngelte. Wie groß das Ding war, konnte Frans nicht erkennen, weil es hier, in der Leere des Weltalls, keine Vergleichsmaßstäbe gab, es konnte ein paar Meter lang sein oder so groß wie ein ganzer Planet. Nun ja, wohl eher ersteres, obwohl er wirklich nicht sicher sein konnte...
"Ich habe wieder auf Standbild geschaltet. " hörte er Siwas Stimme. Siwa hatte also noch etwas anderes, mit dem er den Laptop steuern konnte als allein durch mündliche Befehle.
"Das, was Sie hier sehen, ist ein Benu, das ist ihre natürliche Form, jedenfalls soweit wie wir sie wahrnehmen können und dürfen. Sie sind Energiewesen, jeder von ihnen enthält das energetische Äquivalent einer mittleren Sonne, deshalb sind sie auch so unglaublich mächtig. Übrigens ist das hier nur das reine Bild. Ich bin sicher, wenn der Film mal fertig ist und in Kinos läuft, werden die Benu auch ein bißchen was von ihrer Aura in dieses Bild eingearbeitet haben. Nicht zu viel, weil sich sonst die Zuschauer alle in die Hosen machen, aber zu spüren bekommen werden sie es zweifellos. Benu sind hinterhältige Kreaturen und haben einen total fiesen Humor, so einen kleinen Gag lassen die sich bestimmt nicht entgehen." Frans konnte es nicht sehen, aber er wußte, daß Siwa abermals grinste. "Wie groß ist so ein Benu?" fragte er zurück.
"So groß wie er will. Meistens sind sie zwischen dreißig und hundert Meter lang, wenn sie irgendwo auftauchen, aber wie ich gehört habe, können sie sich locker auf Planetengröße ausdehnen. Sie können sich aber auch viel kleiner machen, und, was wichtig ist, sie sind Meister der Tarnung. Als ich meinem ersten Benu begegnete, hatte ich kein Ahnung, daß es einer ist, weil er menschliche Gestalt angenommen und seine Aura abgeschirmt hatte. Und die Illusion war wirklich perfekt! Erst als ich kurz danach an einem ganz anderen Ort der echten Person begegnete, die der Benu imitiert hatte, wurde mir klar, daß die erste Ausgabe ein Doppelgänger gewesen sein mußte. Achtung, ich lasse weiterlaufen."
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 28. März 2013, 12:42:42 Uhr
Das Energiewesen neben ihnen bewegte sich wieder, seine Flammen züngelten und spielten, die mächtigen Schwingen bewegten sich leicht, und die Zuschauer bewegten sich mit ihm, weil Frans leichte Veränderungen im Abstand der nächsten Sterne um sie herum bemerkte. Vor allem ein Stern, eine trübe rote Sonne, kam ständig näher. Der trübe Effekt kam zum Teil von ganzen Gürteln von Asteroiden und Staubwolken, die diesen Stern zu umgeben schienen. Sie glitten lautlos durch Staub und an größeren, driftenden Trümmern aus Fels und grauem oder kohlschwarz eingefärbtem Eis vorbei, ein paarmal stieß der Benu wie spielerisch ein paar Teile davon, die sich frech mitten in seinem Weg tummelten. Und weiter ging es, hinein in dieses fremde Sonnnensystem...
"Warum?" fragte Frans. "Warum hat sich ein getarnter Benu mit Ihnen getroffen, was ist an Ihnen so wichtig?"
"Ich spekuliere mal, daß sie damals schon wußten, daß ich mal für sie arbeiten würde, und wollten mich einfach mal beschnuppern. Man sagt Benu nach, daß sie in die Zukunft sehen können, daß sie parallele Zeitdimensionen wahrnehmen können und deswegen Geschehnisse manipulieren, die für uns simple menschliche Wesen einfach nicht nachvollziehbar sind. Als Benu-Sklave bekommt man nämlich am laufenden Band Aufträge, deren Sinn beim besten Willen nicht durchschaubar ist. Sachen wie: Gehen Sie in den nächsten Park, suchen Sie das dritte Gänseblümchen von rechts und rupfen Sie ihm genau drei Blätter aus. Also, entweder haben die Benu einfach nur Spaß mit solchem Quatsch - was des öfteren tatsächlich der Fall ist, wie ich glaube - oder es hat seinen Grund, den wir bloß nicht begreifen."
Sie fielen in dieses fremde und unglaublich schmutzige, weil mit Asteroidenschwärmen und Staubwolken regelrecht verseuchte Sonnensystem hinein, auf die rote Sonne zu. Die entweder sehr jung war, wenn der ganze Dreck sich noch nicht zu Planeten komprimiert hatte, oder vielleicht auch sehr alt, wenn die Planeten bereits wieder zu Trümmern zerfallen waren. Aber da, da war noch einer übrig. Ein rötlicher, marsähnlicher Planet mit recht dünner Atmosphäre. Doch als sie ihm immer näher kamen und schließlich darauf hinunterstürzten, entdeckte Frans, daß die trockene, tote Oberfläche übersät war mit bunten glitzernden Juwelen, die wie achtlos überall verstreut lagen - runde, kuppelförmige Strukturen in hellen Pastelltönen in allen erdenklichen Farben, hellblau und rötlich und grün und golden, weiß und silbern, keine zwei von ihnen völlig gleich in Größe und Farbe...
"Das hier ist Nh´Nafress." erklärte Siwa. "Und das da sind die Kuppelstädte des Planeten. Die Atmosphäre ist viel zu dünn und nicht atembar, deshalb liegen alle wichtigen Anlagen und Siedlungen in diesen Kuppeln, die teilweise energetischer Natur und teilweise handfeste technische Konstruktionen sind. Da die Atmosphären in den Kuppeln ohnehin allesamt künstlich sind, gibt es eine Kuppel für jeden Geschmack und jeden Arbeitsbereich, von subtropischen Regenwäldern bis zu eiskalter Arktis. In einer der Kuppeln gibt es sogar einen riesigen tropischen Ozean, mit Korallenriffen und Sandstränden und Palmeninseln... und wegen dieser Vielfalt auf engsten Raum glaube ich auch, daß hier der größte Teil der Dreharbeiten für den Film stattfinden wird. Das alles hier gehört nämlich der Benu Incorporated, wissen Sie. Hier befindet sich auch die Hammer-Werft, die vermutlich die gesamte Filmtechnik, Kameras und was man sonst so braucht, stellen wird." Soeben durchdrangen sie wie ein immaterieller Geist eine der Kuppeln, deren flammendes energetisches Geflecht Frans so aus nächster Nähe begutachten konnte, und fanden sich mit einem Mal in einer Sumpflandschaft wieder, wo die rasante Fahrt erst mal endete. Für diese Kamerafahrt allein, von den Tiefen des Weltalls bis hierher, hätte so mancher Trickexperte in Hollywood schon seine Seele verkauft, überlegte Frans. Wenn der Rest des Films mit ähnlichen Tricks aufwarten konnte, kam es vermutlich auf eine halbwegs intelligente Story gar nicht mehr an. Im Augenblick jedenfalls steckte er mitten im Sumpf. Ringsum waren Schilfhalme, so hoch, daß er nicht darüber hinwegsehen konnte, und auf allen Seiten so nah, daß er glaubte, nur die Hand danach ausstrecken zu müssen... zaghaft versuchte er es, und, verdammt, ganz kurz glaubte er tatsächlich, den berührten Halm zwischen den Fingern zu fühlen, die rauhe, kratzige Oberfläche des Halms und das weiche Büschel der unscheinbaren braunen Blüten an der Spitze --
"Sie haben es gemerkt." hörte er Siwas zufriedene Stimme. "Das ist wieder eines der Benu-Gimmicks. Genau an den Stellen, die den Zuschauer zum Zugreifen verlocken, wird es in der Regel auch einen kurzen sensorischen Input geben. Aber hier ist der zum Glück nicht unten, sonst hätten wir jetzt nasse Füße."
Frans sah nach unten, und merkte, daß die Schilfhalme aus stillem, dunklem Sumpfwasser unbekannter Tiefe herausragten, über dem er als körperloser Beobachter schwebte. Er bewegte sich wieder, aber nicht aus eigener Kraft, der Film lief weiter. Es ging voran, durch die Schilfhalme, die sich vor ihm teilten. Seine Hand griff danach, und erneut konte er rauhe Halme spüren, die unter seiner Hand davonglitten. Die Illusion war wahrhaftig perfekt, das war ein Traum, kein Kinofilm mehr. Kleine geflügelte Tiere, Insekten, Vogelartige und ganz unbekannte Kreaturen, die alle nicht so aussahen, als stammten sie von der Erde, wichen ihm aus oder blieben auch auf Zweigen und Ästen sitzen, unbekümmert um den fremden Besucher, und ganz kurz glaubte er sie sogar zu hören, ein Summen und Zirpen und vogelähnliche Rufe. Einmal umschwärmten ihn riesige Moskitos so aufdringlich sirrend, daß er fast nach ihnen schlug. Aber zumindest blieb hier der sensorische Input eines Kontakts mit einem Schwarm blutgieriger Stecher aus.
"Denken Sie nicht so laut, Feind hört mit!" hörte er Siwas vergnügten Kommentar dazu. "Bringen Sie die Benu nicht auf dumme Gedanken!"
Konnte der Bursche etwa - aber nein, das war vermutlich etwas, was sich jeder Zuschauer bei dieser Szene dachte, da mußte man keine Gedanken lesen können. Frans erinnerte sich, was Siwa über den bösen Humor der Benu gesagt hatte, und daß bei solchen Filmbossen vermutlich durchaus mit echten Moskitobissen beim Zuschauer einer passenden Filmszene gerechnet werden mußte.
"Verdammt, das alles sind nur Testaufnahmen?" fragte er stattdessen. Die Gelder, die allein diese Tricks hier schon gekostet haben mußten...
"Kleinkram. Vermutlich hat ein Benu die Strecke abgeflogen und dann seine Erinnerungen irgendwie auf einen Datenträger überspielt. Die können sowas, wissen Sie, selber als lebende Kameras funktionieren. Da müssen sich die menschlichen Kameraleute anstrengen, daß sie überhaupt was nennenswertes zusammenbekommen, bei solcher Konkurrenz. Und das werden sie, schätze ich mal, die haben ja auch so etwas wie einen beruflichen Ehrgeiz."
"Moment mal. Ein Benu als lebende Kamera?" Siwa überraschte ihn doch jedesmal aufs Neue, gerade wenn er dachte, daß es gar nicht mehr schräger kommen konnte.
"Und ich möchte wetten, sie haben einen Heidenspaß dabei. Soviel ich weiß, hat die Firma sich bis jetzt noch nie im Filmbusiness versucht. Bei nagelneuem Spielzeug haben die Benu immer ganz dicke ihre Klauen drin, das weiß jeder in der Firma."
Frans gab sich geschlagen. Das Schilfmeer teilte sich endlich vor ihm zu einer weiten Wasserfläche unter einem strahlendblauem Himmel, in dem nur ganz matt die regelmäßigen Strukturen und Muster der Kuppel zu erkennen waren, und am jenseitigen Ufer wartete eine Anlegestelle aus weißem Marmor auf den über das Wasser dahergleitenden Ankömmling. Dahinter erhoben sich Gebäude in einem futuristischen Stil, mit makellos weißen hochragenden Mauern und Dächern aus einem Material, das wie polierter Marmor aussah, aber in Wahrheit vermutlich irgendein High-Tech-Baustoff war. Die elegante Linienführung und die sparsam aber effizient angebrachten großflächigen Verzierungen, die an Jugendstil erinnerten, täuschten beinahe über die wuchtige, kompakte Bauweise hinweg. Die meisten Gebäude waren riesig, einige wenige kleinere Exemplare dazwischen wirkten wie frische Champignons auf einer Wiese, Auswüchse irgendwelcher unterirdischer Strukturen, die sich zwischen allen Anlagen erstreckten. Immer noch scheinbar fliegend glitt Frans zwischen den Gebäuden hindurch, ein paarmal den Wänden so nahe kommend, daß er die Fassade unter seinen tastenden Fingern fühlen und einen Blick durch die winzig erscheinenden Fenster in die Räume dahinter tun konnte. In Wohnräume, Arbeitsräume, Freizeitanlagen oder Archive, vielfältig und sich in der Ausstattung kein einziges Mal wiederholend, abermals keine Trickaufnahme, sondern die reale Abbildung von realen, bewohnten Gebäuden, wie er jetzt wußte...
"Das ist der typische Baustil auf Nh´Nafress. Mauern so dick wie bei einer mittelalterlichen Burg, Panzerglasfenster und alles geschützt bis zum Gehtnichtmehr, für den Fall, daß eine der Kuppeln mal zusammenbricht und die Atmosphäre entweicht. Dann sollen zumindest die Leute, die sich in den Gebäuden aufhalten, einen Schutz haben. Und es gibt auch sehr viele unterirdische Anlagen aus der Anfangszeit der Besiedlung, die als Schutzräume dienen können." hörte er Siwas Stimme.
"Ist so ein Zusammenbruch schon mal passiert?"
"Früher, als die ersten Kuppeln errichtet wurden und die gesamte Kuppeltechnologie noch Neuland war, da gab es ein paarmal gefährliche Situationen. Aber das ist lange her. Und vor ein paar Jahren gab es einen Vorfall... ein Überfall einer Alienrasse, die die Energiequellen der Kuppeln für eigene Zwecke mißbrauchen wollten. Das hätte hier vermutlich niemand überlebt. Aber da haben wir, meine M-Tec-Kollegen und ich, einen Riegel vorgeschoben. Und die Benu haben dann dafür gesorgt, daß so etwas nie wieder passieren kann."
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 16. April 2013, 13:37:33 Uhr
Frans konnte es nicht sehen, aber irgendwie glaubte er zu spüren, daß Siwa gerade etwas tat. "Und irgendwie habe ich den Verdacht, daß unser Abenteuer damals was mit dem Drehbuch für Ihren Film zu tun haben wird. Die alten Science-Fiction-Geschichten, deren Kurzfassungen wir eben gelesen haben, lassen sich kaum realistisch in die heutige Zeit übersetzen, daran sind damals schon diese Zeichentrick-Fassungen fast gescheitert, wie ich das sehe. Wenn sich die Menschen auf Dhoan-Sek plötzlich in ihre eigenen haarigen Urahnen verwandeln würden, würde das den Dhoanor kaum ein verwundertes Schnauben entlocken, sie würden sie vermutlich stattdessen als ihre lange vermißten Kumpel willkommen heißen. Das Sprengen der Gravium-Minen wäre kontraproduktiv, weil die nämlich in der Oortschen Wolke und im Kuipergürtel des irdischen Sonnensystems liegen und die Rohstoffe nach einer Sprengung sogar leichter zugänglich wären, und auf einen vorgetäuschten anfliegenden Riesenplaneten würde heutzutage auch keiner mehr reinfallen. Für Beinahe-Unsterblichkeit wird in absehbarer Zeit unsere ganz reale Nanotechnologie sorgen, da brauchen wir keine versteckten Zauberquellen mit gefährlichem Lebenselixir mehr, und auf den Auswüchsen der Gentechnologie haben die Benu wachsam die Finger drauf. Nossir, das läuft alles nicht, da muß als Grundlage was Modernes ran. Und Matrixtechnologie, wie wir M-Tecs sie vertreten, ist so up to date wie es nur geht. In dem Überfall hatten wir ein paar Momente, die absolut filmreif waren, wenn ich jetzt so darüber nachdenke. Aber wir hatten auch tragische Verluste..."
Frans konnte an Siwas Stimme hören, daß ihm die Sache immer noch nachging. "Wäre es Ihnen lieber, wenn dieser Film nicht gemacht würde, so wie Sie annehmen - mit Ihrer Geschichte, nur leicht verfremdet?"
Siwa blieb eine Minute lang still, er dachte wohl nach. Der Film hatte wieder angehalten, nach einer Kamerafahrt quer durch das Kuppelgelände und wieder durch die Energiemauer hindurch schwebten sie gerade in einer öden, lebensfeindlichen Marslandschaft. Direkt vor ihnen war ein riesiger Krater im kahlen Boden, an dessen Grund es düster-glasig schimmerte, und in der Ferne, hinter einer niedrigen Bergkette, das freundliche Leuchtsignal der oberen Rundung einer weiteren Kuppel, das dem schwachen rötlichen Tageslicht Konkurrenz machte wie ein aufsteigender naher Mond.
"Nein. Ich glaube, ich kann für alle sprechen, die damals dabei waren, daß unsere gefallenen Kameraden ein filmisches Denkmal verdienen, selbst wenn sie stark verfremdet dargestellt werden, und wir andere durch fiktive Helden ersetzt." hörte Frans dann, in einem nachdenklichen Tonfall. "Ein materielles Denkmal haben wir damals selbst aufgestellt, aber das wird kein menschliches Wesen jemals zu Gesicht bekommen, wenn alles gut geht... aber je mehr ich darüber nachdenke, um so mehr denke ich, daß das in der Tat ein geeigneter Stoff für den Film wäre... Aha. Dachte ich´s mir doch!"
Frans konzentrierte sich auf die Realität, bis das Hologramm um ihn herum zu verschwinden begann und er Siwa erkennen konnte, der neben dem dreidimensionalen Großschirm für die Testaufnahmen auch den kleinen blattförmigen Schirm, den er ihm zuerst gezeigt hatte, wieder aufgerufen hatte und ihn eifrig malträtierte, Leuchtsymbole herumschob und Dateien aufrief, nur um sie gleich wieder mit unwirschen Handbewegungen fortzuwischen. Siwa kannte die öde Landschaft auf Nh´Nafress aus eigener Anschauung gut genug, um sich von den Aufnahmen nicht mehr faszinieren zu lassen.
"Da, sehen Sie," machte er jetzt und deutete auf eine Seite mit Text, die er stehen ließ. Immaterielle Lesezeichen zeigten an, daß Frans nur das Deckblatt sah und da mehr Text als nur die eine Seite vorhanden war. Und als er es betrachtete, hatte er das Gefühl, daß es dicker zu werden schien, daß mehr Lesezeichen auftauchten und einzelne auch wieder verschwanden, während er zusah.
"Als Drehbuch taugt das wohl noch lange nicht, aber es ist ein erster Entwurf. Ich dachte mir schon, daß ich sowas bekomme, irgendwo in dem anderen Kram versteckt... sehen Sie, es verändert sich. Da arbeitet jemand daran, während wir hier miteinander sprechen. Offenbar läuft gerade ein Brainstorming, wo jeder von den Drehbuchautoren seinen Senf dazugibt. Sie können sich gerne einlesen, aber es wird sich zweifellos noch etliche Male ändern, wenn jemand eine ganz neue Superidee hat, die die bisherigen Planungen ganz über den Haufen wirft. Mit Auswendiglernen ist also noch nichts." Er grinste.
Frans nickte und rückte neugierig näher heran, und Siwa deaktivierte den Riesenschirm mit den Testaufnahmen und ließ die Zimmerbeleuchtung wieder hochfahren. "Den Rest der Aufnahmen schauen wir uns später an, wahrscheinlich kriegen wir auch dafür Updates, wenn neue Schauplätze ins Spiel kommen. Vielleicht sehen wir dann sogar schon erste Bilder von den anderen ausgewählten Schauspielern."
Wieder einmal mußte Frans seine vorgefertigte Meinung revidieren. Diese Firma Benu Inc. schien unglaublich schnell und effektiv zu arbeiten. Regisseure in Hollywood hätten verzweifelt die Haare gerauft und die ganze Sache hingeworfen, wenn zum Zeitpunkt des Castings noch nicht einmal ein erster Drehbuchentwurf vorlag. Allerdings hing dort am Drehbuch und der Glaubwürdigkeit des Regisseurs, der anhand dieses Drehbuchs den potentiellen Erfolg des ganzen Films darzulegen versuchte, häufig die ganze Finanzierung, und dieses Problem fiel hier wohl flach, wenn die Firma allein und nicht ein Konsortium von Banken und Privatfinanziers das Projekt sponserte. Und wie Frans das sah, wurde das wohl ein Low-Budget-Projekt. Nicht unbedingt von der Qualität des Produkts her, denn auch aus billig hergestellten Filmen konnten Kassenknüller werden, wenn alle Bedingungen stimmten, sondern von der Herkunft der eingesetzten Mittel, die offenbar weitgehend aus den vorhandenen Beständen der Firma selbst kommen würden. Einschließlich dieser phantastischen lebendigen 3-D-Kameras, der Benu, die gleichzeitig die spielfreudigen obersten Bosse der Firma waren... Siwa öffnete die erste Seite, und sie begannen zu lesen.
Die Originstory des Helden sollte unverändert übernommen werden. Die Auseinandersetzungen des Vaters, eines brillanten Wissenschaftlers, mit einem kriminellen ehemaligen Kollegen, der dessen Forschungsergebnisse mißbrauchen wollte, und die Flucht der kleinen Familie auf den einsamen Erdmond. Der Überfall der Verbrecherbande auf die erste primitive Mondbasis, die den kleinen Curtis Newton als Waisen zurückließ. Seine Kindheit, fern und unbeleckt von der Menschheit, nur begleitet von zwei künstlichen Wesen und einem lebenden Gehirn in einem Glaskasten. Dazu blinkten immer wieder kurz Bilder auf den Seiten auf, Entwurfsskizzen, wie Frans sie von anderen Storyboards her kannte, allerdings war er sich nicht sicher, ob es sich dabei um Fotografien, fotorealistische Zeichnungen oder ganz andere Erscheinungen handelte, und als er zurückblätterte und noch einmal draufzuklicken versuchte, waren die Abbildungen meistens wieder verschwunden, manchmal auch "nur" verändert, und einige schienen gar lebendig zu sein wie ein kurzes Stückchen Film mitten im Text. Er sah zu Siwa, der grinste bloß vor sich hin.
"Fragen Sie nicht." machte er nur. "Benu lieben es, unsere primitiven Sinne zu verwirren, daran ergötzen sie sich königlich. Ich habe keine Ahnung, wo die Bilder herkommen, und ob wir beide das gleiche wahrnehmen. Vielleicht sind da in Wahrheit nur große weiße Leerstellen, in denen unsere eigene Phantasie spielen darf und dabei aufgezeichnet wird, und wir finden unsere ureigenen spontanen Vorstellungen später plötzlich in reale Bilder umgesetzt wieder. Benu sind extrem starke Telepathen, wissen Sie, und lassen sich manchmal auch von den Gedankengängen von so niederen Kreaturen wie unsereins inspirieren."
"Wozu brauchen Sie überhaupt einen Film, wenn Sie so mächtige Aliens direkt vor der Nase haben?" motzte Frans. Verdammt, langsam reichte es ihm, Benu hier und Benu dort, jedesmal wurde ein gutes Teil seines ganzen Weltbilds über den Haufen geworfen, und er wußte immer noch nicht, wo... und vielleicht wann? ... er eigentlich war. Aber Siwa grinste nur fröhlich weiter. "Weil der größte Teil der Menschheit diese Erfahrung nicht macht. Wir Matrixtechniker sind ja nicht gerade das, was man so als normal bezeichnet. Man nennt uns Ceetan-Benu, Freaks und schlimmeres und traut uns so ziemlich jede Gemeinheit zu, erheblich mehr als wir in Wahrheit dürfen. Vielleicht ändert der Film daran ein wenig, wenn er ein bißchen was von der Wahrheit zeigt. Und das wird er, wenn unsere fleißigen unbekannten Drehbuchautoren was taugen."
Frans steckte die Nase wieder in das immaterielle Drehbuch. Was der Junge sagte, ergab Sinn, von dem winzigen Detail abgesehen, daß Frans bis gestern überhaupt nicht gewußt hatte, daß es sowas wie Matrixtechniker - Benu-Bastarde, wie "Ceetan-Benu" übersetzt hieß - überhaupt gab, und welche Kosenamen man ihnen an die Köpfe warf. Während er weiterlas, versuchte er den Gedankenfaden wiederzufinden, den er gerade kurz in der Hand gehabt hatte.
"Wann?" kam es ihm plötzlich, so plötzlich, daß es ihm laut entfleuchte. Er drehte sich zu Siwa um. "Wann bin ich? Welches Jahr schreiben wir?"
"Immer noch das gleiche wie gestern. Außer wir beide haben gigantisch verschlafen und den Jahreswechsel vergeigt. Auf so einer Raumstation verliert man schnell das Zeitgefühl, wissen Sie... warum fragen Sie?"
"Nur so. Also, welches Jahr?"
Siwa sagte es ihm, und irgendetwas am Gesichtsausdruck seines Gasts deutete an, daß damit etwas ganz und gar nicht in Ordnung war. Frans Hauser starrte ihn nämlich an, als sei er soeben verrückt geworden... und Siwa schwante etwas. Mit einer Handbewegung forderte er ein kleines schwebendes leeres Abfragefeld von seinem Laptop an, das neben den auseinandergefächerten Seiten des Dehbuchs in der Luft hängen blieb.
"Geben Sie mir Ihren vollen Namen und Ihr Geburtsdatum." forderte er. "Und das Datum, an dem man Sie geholt hat."
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 27. Juni 2013, 21:36:15 Uhr
Der Junge versuchte nicht einmal, ihm irgendetwas einzureden oder zu beschönigen, erkannte Frans, er war schlicht ahnungslos gewesen, daß er da einen Gast aus der fernen Vergangenheit beherbergte... und er gab ihm wahrheitsgetreu die gewünschten Daten. Siwa gab sie ein, und ein Blatt tat sich auf, das unter anderem auch ein paar Fotos von Frans zeigte. Frans konte sogar von jedem einzelnen sagen, wann und wie es entstanden war, denn die meisten entstammten Produktionen, in denen er mitgewirkt hatte.
"Frans Hauser. Geboren am dreizehnten August Neunzehnhundertsechsundachtzig in Borken, Germany. Gestorben..." Er sagte nichts mehr. Denn es war exakt das zweite Datum, das Frans ihm soeben genannt hatte.
"Bei einem Hausbrand?" Sie starrten sich an.
"Das Haus hat nicht gebrannt!" stellte Frans kategorisch richtig. "Jedenfalls zu dem Zeitpunkt, als ich... den Vertrag unterschrieben habe."
Siwa entdeckte und öffnete ein paar weitere Seiten. Grau und kaum noch lesbar, die Kopie einer Kopie, vermutlich irgendwann auf einem altmodischen Datenträger überspielt und von dort wieder abkopiert - der Brandbericht. Frans sah drein, als wolle er es gar nicht so genau wissen, aber jetzt blieb Siwa hart. "Ich habe Ihnen doch gesagt, daß Benu eine gewisse Macht über Raum und Zeit besitzen. Die haben Sie hierhergeholt unmittelbar bevor Sie dort gestorben wären, um die Zeitlinie nicht zu sehr durcheinanderzubringen.. und Ihnen gleichzeitig eine zweite Chance zu gewähren. Aber es kann sein, daß Sie trotzdem erst mal wieder zurückgeschickt werden, um das Angebot zu überdenken... und vielleicht gleichzeitig die Zeitlinie zu verändern. Dann müssen Sie das wissen, es kann Ihr Leben retten!"
Sie fixierten sich immer noch, und Frans sah ganz so aus, als wolle er seinen Schock an Siwa auslassen, aber dann gab er plötzlich nach. "Sie müssen es ja wissen." brummte er. Verdammt, das traf ihn hart, seine eigene Todesanzeige zu lesen, und keine von der voreiligen Sorte, wie es sie in Hollywood und anderswo häufiger gab. Gegeben hatte, wenn dies hier tatsächlich das 28. Jahrhundert war, denn in dieser Zeit hatte man vermutlich bessere Methoden, einen Todesfall zu verifizieren. Also las er gehorsam den Bericht, zumindest das, was noch zu entziffern war. Acht Jahrhunderte hatten dem Bericht nicht gutgetan, es war vermutlich ein Wunder, daß überhaupt noch etwas vorhanden gewesen war, da hatten diese ominösen Benu wohl ein weiteresmal die Klauen im Spiel gehabt. Der Brand war nicht in seiner Wohnung ausgebrochen, sondern in einer Küche zwei Stockwerke tiefer, das war schon mal eine Erleichterung. Jemand hatte vergessen, den Herd auszuschalten, die Einrichtung war in Brand geraten, dann das ganze Haus, das ortstypisch mit viel dünnem, trockenem Sperrholz zwischen den Backsteinwänden hochgezogen worden war. Zwei Bewohner der oberen Stockwerke, die zu früh schlafen gegangen waren, einer von den beiden Frans Hauser, waren von den Rauchgasen betäubt worden und hatten es nicht mehr aus dem lichterloh brennenden Bau geschafft.
Frans war immer noch kalkweiß im Gesicht.
"Trösten Sie sich. Wenn Sie Glück haben, können Sie das aus der Welt schaffen." machte Siwa. Um abermals fassungslos von seinem Gast angestarrt zu werden. "Was denn? Wenn die Sie von dort geholt haben, wird es ihnen ein leichtes ein, Sie auch dorthin wieder zurückzubringen."
"Äh, sind Zeitreisen in dieser Zeit etwa normal?" Weil der Junge so gar nicht erstaunt dreinsah...
"Für uns Menschen nicht. Ich bin einer von ganz wenigen, die wissen, daß Zeitmaschinen erstens tatsächlich funktionieren und zweitens wo sich eine befindet. Ich habe sie sogar schon benutzt... aber das Ergebnis war nicht so berauschend. Ein guter Rat für Sie, wenn Sie mal über eine stolpern sollten,  lesen Sie erst das Benutzerhandbuch gründlich durch. Das erspart Ihnen den einen oder anderen massiven Tritt ins Fettnäpfchen. Aber für die Benu, die Sie hergeholt haben, ist das was anderes. Ich habe ja schon gesagt, daß die eine ganz andere Wahrnehmung von Raum und Zeit haben als wir. Für die ist es wahrscheinlich eine Selbstverständlichkeit, in der Zeit herumzupfuschen und sich das Ergebnis gleich vor Ort anzusehen. Aber die benutzen dafür auch nicht eine kleine Blechbüchse mit viel Technik drin."
Aha. So simpel wie der Junge es ausdrückte, ergab es sogar einen Sinn. "Was wollten Sie eigentlich tun, nachdem Sie mich aufgespürt haben?"
"Bis jetzt habe ich noch keine speziellen Anweisungen gefunden, aber ich gehe davon aus, daß ich Sie nach Nh´Nafress schaffen soll, wenn dort die Dreharbeiten stattfinden sollen. Wie wäre es fürs Erste mit einer Sightseeing-Tour zum "Feuerzahn", einschließlich kurzer Spritztour? So eine Hammer-SyMOr haben selbst viele heutige Zeitgenossen noch nie von innen gesehen, außer in einem Sim vielleicht."
Na, das war doch ein Vorschlag. Diesen bizarren Weltraumfisch mal von innen zu sehen, einen Flug mitzuerleben... das reizte Frans durchaus, wenn es ungefährlich war. Und Siwa schien keine Scheu davor zu haben.
"Das Kapitänspatent für große Fahrten, sprich hinaus in den interstellaren Weltraum zwischen den Sonnensystemen habe ich noch nicht, dafür müßten wir erst meinen Lehrer Carolus Rye auftreiben, der sich kurz vor dem Anlegen hier auf die feine Englische verflüchtigt hat, aber für eine kleine Spritztour um den Häuserblock, bis nach Sonabir und nach Otrona II, reicht es schon." erklärte Siwa. "Auf Otrona II kann ich Ihnen dann die örtliche Sehenswürdigkeit zeigen, nämlich einen waschechten Gangster, der sogar Ihren Captain Future bei Laune halten könnte." Er grinste. "Und auf Sonabir können wir in Schutzanzügen aussteigen und uns die Landschaft anschauen. Kleine grüne Männchen gibt es da leider nicht, nur ein paar Bergbaubetriebe, jede Menge tote Landschaft und nicht atembare Luft. Aber da man in Ihrer Zeit noch nicht auf andere Welten gereist ist, wird das trotzdem bestimmt ganz interessant für Sie." Frans nickte nur, auf einmal ganz atemlos. 
"Na dann. Wollen wir?"
Frans sah den Jungen an, der einfach so losgehen wollte, ohne etwas mitzunehmen, nicht mal nach einer Jacke angelte... die man in einer klimatisierten Raumstation oder einem Raumschiff ja ohnehin nicht brauchte, wie ihm sofort einfiel... Siwa grinste immer noch. "Alles was ich brauche, habe ich hier." sagte er und hielt seine Hand mit dem Zauberring hoch. "Ein Dhyarra ist ein universelles Allzweckwerkzeug, Türschlüssel und vieles andere mehr, und notfalls kann ich meinen Lappy rufen, der enthält auch noch ein paar nützliche Gimmicks."
Da fiel Frans nichts mehr ein. "Also los." Bereitwillig folgte er seinem Gastgeber, der sich bestens auf Otrona auszukennen schien, weil er genau wie Moses die Echse vorher alle möglichen Abkürzungen nahm, wo Frans nie im Leben eine gesehen hätte. Schon nach einer halben Stunde waren sie am Dock, in dem der "Feuerzahn" lag, aber diesmal ging es nicht hinauf zum Laufsteg, sie betraten die riesige Halle direkt. Immer noch, oder vielleicht schon wieder, standen zwei schwarze Riesenspinnen links und rechts der offenen Luke postiert, aber das Gleis war schon abgebaut, das Entladen offenbar beendet. Unbekümmert schnürte Siwa direkt auf die Luke zu, und Frans mußte notgedrungen folgen, obwohl ihm gar nicht mehr geheuer war, hier unten sahen diese Spinnen noch viel größer und bedrohlicher aus als von da oben auf dem verglasten Steg, wie bizarre, hochgefährliche Alienkrieger, die sie vielleicht tatsächlich waren... unmittelbar vor der "Zungen-Gangway", die ins Schiff führte, blieb Siwa stehen und hob die Hand mit dem Ring.
"Ich habe Sie bei der KI als Gast angemeldet, sonst kämen Sie gar nicht erst ins Schiff rein." erklärte er, als das blaue Aufblitzen wieder erloschen war. Er hatte das Wort KI zusammengezogen, so daß es wie "Kay" klang, und vielleicht war das auch der inoffizielle Name des Schiffsgehirns. "Übrigens, da drinnen wimmelt es von sonderbaren Lebewesen, diese Cyders hier sind nur zwei von sehr vielen." fuhr er fort, auf die Riesenspinnen weisend. "Manche davon sind so groß wie die da, aber viele andere sind winzig klein, und es gibt sie in allen möglichen Formen, sie krabbeln und fliegen und schwimmen und schleimen überall da drin herum. Also, bevor Sie nach einer Dose Schädlingsbekämpfungsmittel schreien - die Viecher gehören allesamt zum Schiff dazu, es sind alles Halbroboter, die für die Wartung und Reparatur des Schiffes zuständig sind, und deshalb machen Sie sie bitte nicht platt, wenn es sich vermeiden läßt. Die Cyders werden Ihnen in den meisten Fällen ganz von selbst ausweichen. Echtes Ungeziefer gibt es in einer Hammer-SyMOr nicht, dafür sorgen die Cyders, sie fressen alles, was sich unerlaubt hineinverirrt."
Gut zu wissen, dachte sich der Schauspieler, dem abermals das Herz in die Hose zu rutschen drohte. Aber Siwa stieg schon unverdrossen die Gangway hoch, den beiden ungeheuerlichen Türwächtern rechts und links nicht die geringste Aufmerksamkeit gönnend. Zögerlich, beinahe auf Zehenspitzen und voll Panik auf die geringste Regung der Spinnen wartend, folgte ihm Frans. Siwa erwartete ihn, fröhlich grinsend und mitten in der Luke stehend, genau zwischen den gemeingefährlich aussehenden Zahnreihen dieses Riesenkiefers, der als Tür fungierte und der aussah, als würde er jeden Moment zuschnappen.
"Na, das war doch nicht so schwer bisher, oder? Dann zeige ich Ihnen gleich mal das Cockpit, das wird Sie am meisten interessieren. An den Mannschaftsquartieren ist nichts besonderes dran, die sehen auch nicht viel anders aus als das Appartment auf der Station." Und schon stiefelte er los, in die Tiefen des Raumschiffs hinein. Angesichts der Gesamtgröße des Raumschiffs im Dock konnte der Weg zum Cockpit nicht allzuweit sein, dachte Frans zuerst, als er erst mal in alle Richtungen sicherte, bevor er den ersten Schritt tat. Die organischen Formen der Außenhülle setzten sich hier drin fort, es schien keine einzige wirklich flache Wand und keine gerade Linie zu geben, alles war irgendwie organisch geformt, gebogen, geschwungen, gerippt oder von Auswüchsen und aderartigen Strukturen durchwachsen und überzogen... und es roch hier drin. Es war kein unangenehmer Geruch, fast wie ein Wald nach einem Regenguß, nach Kräutern und Pflanzen, nach frischem Wasser irgendwo und ein wenig nach ätherischen Ölen... und es war auch keineswegs so finster, wie er nach der beinahe an Werke von Giger gemahnenden Ausstattung angenommen hätte. Echte Schattenzonen und finstere Löcher gab es hier drin nicht, weil alles irgendwie ein wenig aus sich selber heraus zu leuchten schien in einer Art von Biolumineszenz, auch dort, wo die vorhandenen Deckenleuchten nicht hinschienen, was in seiner Gesamtwirkung an einen Wald bei hellem Sonenlicht erinnerte, mit helleren Lichtbahnen hier und da in einer insgesamt freundlich grün und braun und gelb leuchtenden Umgebung. Da störten die paar kleinen Cyders, die er hier und da über Wandflächen und astartige Auswüchse wuseln oder im Lichtschein tanzen sah wie seltsame Käfer und Mücken, auch nicht mehr, das hier war ihr Lebensraum, ihr Biotop, hier gehörten sie hin...
"Kommen Sie, sonst verlaufen Sie sich noch." hörte er die amüsierte Stimme von Siwa von etwas weiter weg, und er setzte sich gehorsam in Bewegung. Eine Art Spinnwebe strich über sein Gesicht, die Begrüßung einer weiteren Cyder, die mit sanftem Schwingenschlag an ihm vorbeiglitt, um ihren unbekannten Aufgaben nachzugehen.
"Bleiben Sie lieber bei mir, sonst muß ich Sie bald suchen gehen. In einer Hammer-SyMOr kann man sich ganz fürchterlich verlaufen." sagte der blonde Junge, als er zu ihm aufgeschlossen hatte. "Das hier ist eine kleine, die für Übungs- und Kurierflüge benutzt wird, bei den größeren Apparaten braucht man in einigen Räumen ein Fahrzeug, um in vernünftiger Zeit von einem Ende zum anderen zu gelangen." Er schritt munter aus, und bald bemerkte Frans, daß sie eigentlich schon quer durch das ganze Schiff und wieder hinaus hätten gelangen müssen, bei diesem Tempo und der Größe des Schiffes. Aber da weitete sich der Gang erneut nach zahlreichen Abzweigungen, die Siwa ignoriert hatte, ein zahngespicktes Schott fuhr auf, und sie blickten in eine Raum, der auf Anhieb an eine Tropfsteinhöhle erinnerte. Von mildem grünlichem Licht erfüllt, war da ein riesiger rundlicher Raum, der allein schon den größten Teil des ganzen Schiffes hätte einnehmen müssen --
"Kann das sein?" fragte Frans, der allmählich begriff. "Dieses Schiff ist innen größer als von außen?"
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 17. Juli 2013, 20:57:58 Uhr
"Einen Dummen haben die Benu mit Ihnen nicht ausgesucht." freute sich Siwa, der über das ganze Gesicht lachte. "Perfekt erkannt. Dieses Schiff ist zum größten Teil in eine Dimensionsfalte hineingebaut, und was man von außen sieht, ist nur der geringste Teil davon. Nicht mehr als eine Dimensionstür mit Flügeln, so hat es jemand vom DCD mal bezeichnet, der Rest steckt in einer sogenannten Taschendimension, dort kann man so groß bauen wie man will - und glauben Sie mir, sogar so eine kleine 80-Meter-SyMOr ist auf der anderen Seite der Tür verdammt groß. Übrigens sind SyMOrs selber auch teilorganisch, genauso wie die Cyders, die mit ihnen in Symbiose leben. Eine SyMOr wächst jedes Jahr um ein paar Räume, wenn sie gut gefüttert wird. Kommen Sie.'" Und er schritt hinein in die Tropfsteinhöhle, in der sich zwischen organisch gewachsenen stalaktitenartigen Säulen die ersten Dinge befanden, die Frans in diesem Schiff als definitiv technisch erkannte - Metallrahmen, zwischen den Säulen eingelassen, die vermutlich so etwas ähnliches wie den Bildschirm von Siwas Laptop darstellten, Rahmen für holographische Bildprojektionen. Jedoch gab es hier nichts, was nach Stühlen oder anderen Sitzgelegenheiten ausgesehen hätte, die verhinderten, daß etwaige Zuschauer sich bei einer längeren Show die Beine in den Bauch standen. Stattdessen gab es im Boden große kreisrunde Löcher, nicht unähnlich den Tropflöchern in einer Höhle, die hier jedoch nicht mit Wasser gefüllt waren, stattdessen konnte Frans abermals die organischen Wucherungen und Strukturen des Schiffes darin erkennen. Die Löcher waren nicht sehr tief und es war leicht, hineinzusteigen, was Siwa soeben demonstrierte.
"Sie werden es nicht glauben, aber das hier sind die Pilotensitze." sagte er, während er sich in seinem Loch bequem auf einer Art Moospolster niedersetzte, und Frans glaubte es in der Tat nicht. Da waren nirgendwo Instrumente, Anzeigetafeln, Schalter oder Displays, das ganze Zeug, das ein Pilot doch brauchte. Es gab hier nicht einmal einen Ausblick nach draußen, daß man gesehen hätte, in welche Richtung man flog...
"Sie werden sich fragen, wo denn hier die ganzen Instrumente sind." betätigte Siwa prompt seinen Gedankengang. "Nun, die sind im Schiff versteckt. Als Pilot verbindet man sich direkt mit allen Systemen dieses Schiffes, alles was die Kay zur Verfügung stellen kann, und zwar über ein biologisches Sensorensystem. Die Steuerung funktioniert mimetisch, was wörtlich so viel bedeutet wie, Sie wackeln mit Ihrem Hintern und das Schiff bewegt seinen Schwanz. Nur mit dem kleinen Unterschied, daß Sie hier nur daran zu denken brauchen, mit Ihrem Hintern zu wackeln. Gedankensteuerung gewissermaßen. Das einzig eklige daran ist die Verbindung an sich, die ist nämlich mal wieder eine Bosheit der Konstruktionsabteilung. Ich weiß nämlich aus sicherer Quelle, daß die sowas auch völlig ohne direkten Körperkontakt hinbekommen, nur über das Implantat, das jeder angehende Pilot, so wie ich, im Nacken trägt." Seine Hand deutete auf seinen Hinterkopf, wo sich vermutlich unter der Haut irgendwo das erwähnte Implantat befand. "Irgendwer von diesen Witzbolden hat vermutlich zu viel Jules Verne gelesen. Oder Lovecraft, was auf das gleiche herauskommt. Nun, jetzt kommen Sie mal her und suchen Sie sich einen von den Sitzen aus. Ich war mir sicher, daß Sie selber mal gern wissen wollten, wie sich so eine SyMOr fliegt, und habe Sie deshalb als Gast mit allen Rechten angemeldet. Und fliegen können Sie nur, wenn Sie sich selber ins System einklinken. Wenn Sie draußen bleiben, sehen Sie nicht viel, nur das wenige, was auf den Bildschirmen da landet, die sind nämlich für Gäste ohne Flugbeteiligung gedacht."
Abermals zögerte Frans zuerst. Das ging ja noch viel weiter als gedacht...
"Äh, ich bekomme aber kein solches Implantat verpaßt?" fragte er, bevor er die ersten Schritte auf das nächste Loch zu tat.
"Nein, keine Sorge. Für reine Gäste gibt es kein Implantat, da reicht die normale Kontaktverbindung völlig, die löst sich hinterher wieder völlig auf. Nur Piloten brauchen das Teil, weil es den Datenaustausch beschleunigt. Sie müssen sich aber beim Einklinken entspannen, das ist wichtig. Wenn Sie zu erschreckt oder abweisend reagieren, kann das die Kay beeinflussen, so daß sie Sie abweisen könnte, und das wäre schlecht. Haben Sie keine Angst, es tut nicht weh, und es ist nur für eine Minute lang unangenehm. Sehen Sie mir jetzt zu, wenn ich mich einklinke."
Siwa setzte sich zurecht und schloß entspannt die Augen, gar nicht ängstlich aussehend... und, da! Schneller als ein Auge beobachten konnte, schossen zu allen Seiten des Loches so etwas wie dünne Tentakel heraus, grünlich und mit zahlreichen winzigen Saugnäpfen besetzt wie die Fangarme von Tintenfischen, oder von hirnsaugenden chthonischen Monstern aus fremden Dimensionen... und Frans begriff, warum Siwa ausgerechnet Verne und Lovecraft erwähnt hatte. Blitzschnell war der Junge in ein ganzes Geflecht von grünen, dünnen Tentakeln gewickelt, nur noch ein regloser Klumpen aus feucht glitzerndem Grün in einem Loch, wie das Opfer einer bizarren fleischfressenden Pflanze, kaum daß noch ein Stückchen Haut, Kleidung oder blondes Haar unter dem grünen Gewirr herauslugte... und dann schob sich etwas wie eine übergroße Seifenblase aus Licht über das ganze Loch und schloß es von der Außenwelt ab, verbarg jedoch nicht das, was darunter geschah, nämlich überhaupt nichts. Siwa rührte und regte sich nicht mehr, und Frans fragte sich verzweifelt, was jetzt wohl zu tun war...
"Sie sitzen ja immer noch nicht." hörte Frans plötzlich Siwas Stimme. Aber nicht von dem Loch, in dem Siwa steckte, bis über beide Ohren von grünem Gewimmel überzogen und ganz still und reglos. Die Stimme schien aus allen Richtungen zu kommen, vermutlich über Lautsprecher.
"Ja, ich bin es. Ich spreche jetzt zu Ihnen über die Systeme des Schiffes. Mein Körper ist eingeklinkt und schläft in einem undurchdringlichen Stasisfeld, das ist diese komische Seifenblase da über meinem Loch. Ein Stasisfeld ist zeitlos, mit anderen Worten, ich werde da drin keine Sekunde älter, auch wenn ich ein paar Millionen Jahre da drin bleiben  würde. Was aber nicht geht, wie Sie sich erinnern werden, weil mich die Kay in spätestens vier Stunden aus dem System werfen wird. Deshalb sollten wir die Zeit nutzen. Suchen Sie sich einen Sitz, ist egal welchen, setzen Sie sich hinein und enspannen Sie sich. Sie können gern die Augen zumachen, wenn Sie das Sensorengewimmel nicht sehen wollen, aber Sie dürfen auf keinen Fall in Panik verfallen oder sich wehren, sonst stuft die Kay Sie als psychisch ungeeignet ein, und dann haben Sie bei allen Hammer-SyMOrs für alle Zeiten verspielt, die geben das nämlich untereinander weiter. Sie werden aber sehen, es ist gar nicht schlimm. Nach dem ersten Mal werden Sie sich gar nicht mehr erklären können, warum Sie solchen Bammel davor hatten, das ist nämlich ein total cooler Zustand."
Er verstummte, und es wurde wieder still. Völlig still in dieser künstlichen, grünlich leuchtenden Tropfsteinhöhle, in der kein einziger fallender Wassertropfen ein Echo verursachen wollte, nicht einmal eine vorwitzige Cyder kribbelte hörbar über die Wände. Frans stand da, er wußte, daß Siwa auf ihn wartete und daß die Zeit lief, die Vier-Stunden-Frist konnte nicht überschritten werden. Schließlich faßte er sich ein Herz. Verdammt, wenn dieser Junge aus der fernen Zukunft sich das traute, warum dann nicht er, der Beinahe-Steinzeit-Barbar aus der fernen Vergangenheit, zwar nicht ganz Conan, aber so auf halbem Wege... dann saß er in seinem Loch, unsicher, was jetzt passieren würde, und spähte zu Siwa hinüber, dessen grün überzogenen Kopf unter der Seifenblasen-Stasiskuppel er in seiner sitzenden Haltung in seinem eigenen Loch gerade noch sehen konnte. Er versuchte sich zu entspannen wie befohlen, schloß die Augen aber nicht. Wenn er hier denn seine Tage beschließen sollte, dann wollte er wenigstens alles mitbekommen.. und da schoß schon das Tentakelgewimmel aus bisher verborgenen Löchern überall um ihn herum, berührte ihn sanft, aber keineswegs zwingend, würgend oder auch glitschig und kalt, sondern im Gegenteil angenehm wie weiche Seide und schmeichelnd, und begann ihn einzuwickeln...

und als nächstes sah er zu seiner Verblüffung das Dock um sich herum. Er war nicht mehr in dieser Höhle, sondern schien irgendwo oben auf der Hülle des Raumschiffs zu sitzen. Er sah das helle Licht der Deckenstrahler, die elektronischen Anzeigetafeln, konnte einige eifrige Echsenarbeiter unten auf dem Hallenboden sehen, die sich mit irgendeinem Frachtstück befaßten, und die Wächterspinnen, die sich soeben in das Schiff zurückzogen, gefolgt von der Gangway-Zunge, die ihre Verbindungen zum Boden löste und sich gleichfalls einfuhr... Frans sah das alles aus einer Position, als ob er irgendwo oben auf dem Schiff hockte, aber er konnte seinen eigenen Körper nicht wahrnehmen! Wo, oder vielleicht besser wie zum Geier war er?
"Verwirrend, nicht wahr?" hörte er Siwas amüsiert klingende Stimme. Nicht mit seinen Ohren, sondern irgendwie... in seinem Geist?
"Visueller Input ist das erste, was jeder Anfänger bekommt. Wenn ich Ihnen sofort den gesamten Input des Schiffes überspielen ließe, würde Ihnen das Hirn explodieren, da muß man sich erst dran gewöhnen. Sie sehen jetzt übrigens nicht mit Ihren eigenen Augen, sondern mit ein paar von den zahlreichen Kamera-Augen des Schiffes. Und jetzt gebe ich Ihnen mal die Sightseeing-Tour durchs Schiff. Auf diese Weise geht das nämlich erheblich schneller als wenn wir uns die Füße wundlaufen. Nicht erschrecken, das bin nur ich."
Und Frans hatte das Gefühl, als würde ihn jemand an der Hand nehmen und sein "Ich", wie auch immer sich das zur Zeit definieren ließ in dem sonderbaren geisterhaften, körperlosen Zustand, in dem er sich seit dem "Einklinken" befand, davonziehen.
Szenenwechsel. Er war wieder im Höhlen-Cockpit, neben sich eine unsichtbare aber fühlbare Präsenz, die er unschwer als Siwa identifizieren konnte. Aber sie beide waren nicht zurück in den Löchern, in ihren reglosen, eingewickelten Körpern, sondern hingen irgendwo unter der Decke des Raums und sahen hinab auf den Boden mit seine zahlreichen leeren und zwei gefüllten und von Schutzfeldern überspannten Löchern. Da unten rührte sich nichts. Dafür war die gesamte Umgebung lebendig, entdeckte der Schauspieler mit einem Mal, ganz plötzlich konnte er pulsierende Energieströme, Felder, energetische Netze in vielen bunten, leuchtenden Farben wahrnehmen, zwischen denen Cyders in vielen Varianten herumturnten wie winzige Punkte oder Striche, auf und in den organisch gewachsenen Strukturen, die das Schiff ausmachten, er fühlte geradezu die energetischen Gezeiten, die den gesamten Koloß erfüllten, und ihre zwei Körper waren nur zwei winzige aber wichtige Rädchen im Getriebe, eingebunden in die nach allen Richtungen wirbelnden und gischtenden Datenströme und zugleich sicher geschützt in den undurchdringlichen Stasisfeldern.
Er fühlte Siwas Händedruck und ließ sich mitziehen, in die anderen Räume des Schiffes und sogar dazwischen, denn in ihrem körperlosen Zustand war feste Materie kein Hindernis. Mannschaftsquartiere, Küchen, Versammlungssäle, Arbeitsräume, Laderäume, die in der Tat gigantisch und weitgehend leer waren, dann ein weiterer gigantischer Raum, den Siwa spöttisch und massiv untertreibend als "Badezimmer" deklarierte, der in Wahrheit den Kühlwasservorrat für den Antrieb enthielt - falls der Antrieb jemals Wasser zum Kühlen benötigen sollte, was jedoch bisher noch nie geschehen war, wie Siwa ihn wissen ließ - und so groß, daß im badewannenwarmen Wasser ein ganzes belebtes Korallenriff samt Palmeninsel und Sandstrand Platz hatte, die unter einer ewig scheinenden künstlichen Tropensonne lagen.
"Das können wir bei Gelegenheit leibhaftig ausprobieren." versprach Siwa dazu. "Ohne anwesende Weiblichkeit brauchen Sie nicht mal eine Badehose. Nur Gummienten sollten Sie nicht mitbringen... die werden nämlich immer von den Seeschlangen gefressen und bereiten den armen Tieren dann Bauchschmerzen."
Und Frans glaubte ihm aufs Wort, weil er das bunte, wimmelnde Getier in den Tiefen des "Badewassers" einschließlich der erwähnten Seeschlangen mit eigenen immateriellen Augen sehen konnte, als seine Sehnerven kurzfristig automatisch auf ein paar Cyder-Augen unter Wasser geschaltet wurden, sobald er sie in seiner immateriellen Form berührte.
Danach führte Siwa ihn in einen anderen interessanten Raum, nämlich die Krankenabteilung, wo Frans etwas entdeckte, was er sofort wiedererkannte, und er fühlte sich prompt wie im falschen Film. Abermals lachte Siwa, kein hörbares Lachen, sondern eine telepathische Übertragung, warm und gleichzeitig prickelnd wie Champagner, die Frans angenehm durchlief.
"Stimmt, da haben die Kollegen vom DCD sich von dem Film inspirieren lassen. Sie werden es nicht glauben, aber das Ding funktioniert sogar. Einen Doc haben wir auch, der sieht aber nicht ganz so gut aus wie der Holodoc aus der Star-Trek-Reihe. Sehen Sie, die Cyber da, das ist unser Doc." Sie sahen das Cybertier, abermals eine Riesenspinne, jedoch mit auffallend grellen gelb-rot-schwarzen Farbmarkierungen und einem platten, vertieften Rücken zwischen den zahlreichen Beinen und Greifern, der als Transportplattform für einen Patienten verwendet werden konnte. Ruhend, da es für sie gerade nichts zu tun gab, saß sie in einem typisch nach Spinnenart mit weichem Gespinst ausgekleideten Loch und träumte vielleicht von ihrem nächsten Patienten oder ging virtuelle Krankenakten durch.
"So, und jetzt führe ich Sie zum Heiligtum." versprach Siwa. "Der Antrieb des Schiffes, das Herz, von dem diese ganzen Energien hier stammen."
Frans hatte es schon geahnt, weil die ganzen energetischen Strukturen um sie herum von einem einzigen Ort zu kommen schienen, dem sie sich zunehmend näherten. Und dann konnte er es sehen, in einem kugelförmigen Raum und eingesperrt hinter energetischen Mauern, die sogar für sie in ihrem geisterhaften Zustand undurchdringlich waren.
"Da wollen Sie gar nicht hinein, glauben Sie mir. Da drin würden Sie verglühen wie eine Schneeflocke in einem Hochofen." erklärte sein fleißiger Fremdenführer, während sie ihre immateriellen Hände auf die glasartig wirkende, jedoch absolut unzerstörbare Barriere legten und staunten über die flammende energetische Hölle, die dahinter tobte. Frans sah und spürte diese gigantische, pulsierende, dreizehnteilige Herz, fühlte es mit jede Fiber seiner Existenz auf eine Art, wie er noch niemals zuvor gefühlt hatte, er fühlte diese unglaubliche Macht, die über jeden simplen Maschinenantrieb, den er kannte, weit hinausging, mehr als selbst ein Atomreaktor, nicht weniger als das Innere einer lebendigen, aktiven Sonne und sogar noch mehr, und das alles auf eine handliche Ausgabe von etwa zwanzig Metern Durchmesser zusammengepreßt...
"Hier wo wir jetzt sind, kommt sonst niemand her. Das alles hier ist hermetisch abgeschirmt und abgeriegelt, selbst die Besatzung einschließlich uns beiden bekommt niemals körperlichen Zutritt gewährt, da wäre nämlich viel zu gefährlich. Und es gibt hier auch keine Cyders, die würden schon hier draußen, außerhalb der eigentlichen "Hot Zone" bei lebendigem Leibe geröstet werden. Die einzigen, die in diesem Raum überleben können, sind Benu, und die sind es auch, die in der Werft den Antrieb zusammensetzen, konfigurieren und dann zünden. Und sobald der mal gezündet ist, läuft er dauerhaft, das Schiff braucht nämlich ständig Energie, mal mehr und mal weniger. Ein Abschalten für Reparaturen oder so ist nicht möglich. Der Arbeitskranz kann allenfalls deaktiviert werden, wenn eine der Matrizen beschädigt wird, was eigentlich nur durch eine extreme Überlastung passieren kann, aber so etwas ist bis jetzt noch nie geschehen, soviel ich weiß. Sollte es aber mal geschehen, dann steht für alle Fälle ein Ersatzkranz an Matrizen zur Verfügung, der irgendwo in der Nähe gut versteckt ist. Fragen Sie mich aber nicht wo, das ist eines der vielen Geheimnisse der Hammer-SyMOrs, die selbst die Piloten nicht erfahren. Aber jetzt wollen wir mal. Sind Sie bereit für den Start?"
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 22. August 2013, 21:24:19 Uhr
Frans nickte nur, wie auch immer das gehen mochte in seinem geisterhaften Zustand, er war immer noch überwältigt. Siwa schien seine Bewegung trotzdem wahrgenommen zu haben, er streckte die Hand in Richtung des Herzens aus, und irgendwie! - zog er eine winzigkleine Menge an Energie aus der Flammenhölle, ohne sich selbst dabei zu verbrennen, und verschob die abgezwackte Menge an einen anderen Ort irgendwo im Schff - und als nächstes saß Frans wieder als ein geisterhafter Pickel oben auf dem Schiff und sah das Dock um sich herum, aber diesmal sah er mehr. Nämlich daß das ganze Schiff unter ihm und um ihn herum jetzt von einer Art bläulich leuchtendem Energiefeld umhüllt war. Zugleich hörte er die Kommunikation mit, die Siwa mit dem zuständigen Tower der Stationsdocks führte, und sie klang gar nicht so unähnlich den Gesprächen zwischen einer Flugzeugbesatzung und einem Tower irgendwo auf der Erde, wie er es aus diversen Filmen kannte. Er sah sich um, fühlte sich einsam und abgehängt, irgendwie wollte er zu Siwa gelangen - und da war er schon im nächsten Augenblick, zu seiner Überraschung in einer Umgebung, die jetzt in der Tat viel Ähnlichkeit mit einem Flugzeugcockpit hatte. Da waren die ganze Anzeigen, Instrumente, Monitore, Schalter und Hebel, die er vermißt hatte, eine große Frontscheibe mit Ausblick auf das Dock, und da war auch Siwa direkt neben ihm in einem normalen Pilotensitz. Er trug auf einmal eine Kapitäns-Uniform, die der des geschniegelten Andreou glich. Siwa lachte ihn fröhlich an, ließ sich aber nicht in seinem Verkehr mit der Flugleitzentrale beirren, der interessanterweise nicht über ein Mikrophon in der Instrumentenkonsole, sondern über einen altmodischen Kopfhörer samt Kehlkopfmikrophon lief, den Siwa trug. Die Genehmigung für das Ablegemanöver kam umgehend, und Siwa zeigte Frans einen hochgestreckten Daumen.
"Hammer-SyMOrs bekommen immer Startpriorität. Mein Lehrer Carolus hat ihnen nämlich schon ein paarmal die Docktore herausgerissen, wenn er es eilig hatte, und die Dinger sind verdammt schwer zu ersetzen." erklärte er grinsend, als er ein paar Sekunden Luft hatte.
"Es gibt also doch ein normales Cockpit." machte Frans fragend. Warum dann die Show mit diesen Löchern?
"Täuschen Sie sich nicht. Unsere Umgebung samt uns beiden hier ist ein rein virtuelles Konstrukt, eine Art Hologramm, das unseren Vorstellungen davon entspringt, wie ein Cockpit gefälligst auszusehen habe. Eine Krücke für Lehrlinge, gewissermaßen, damit wir uns langsam einfühlen können und nicht zu viel Input auf einmal bekommen. Die erfahrenen alten Hasen unter den Piloten brauchen so etwas nicht mehr, die gehen direkt über die echten Schiffssysteme, und die sehen ganz anders aus. Und fühlen sich auch ganz anders an."
Also wieder mal hereingefallen. Frans beschloß ab sofort lieber seinen Mund zu halten, bevor er sich noch öfter als Dummkopf outete, und vergaß seinen Schwur sofort wieder, als sich das Schiff in Bewegung setzte. Siwa hatte, irgendwie, abermals ein bißchen Energie aus dem Herzen geholt und drückte damit, irgendwie, gegen ihre Umgebung, insbesondere nach unten gegen den Boden, wo sich ein Feld wie die Luftschicht unter einem Luftkissenboot aufbaute, und die Hammer-SyMOr begann rückwärts zu rutschen, durch das große Schott hinter ihr, das sich geöffnet hatte, und keine einzige der vielen Schuppen an diesem Raumschiffskörper stellte sich quer und hinderte die Bewegung...
"Wie funktioniert das?" wollte Frans sofort wissen. Siwa wußte, was er meinte, weil er damals beim erstem Mal in diesem engen Dock genau die gleiche Frage gestellt hatte.
"Das Energiefeld um uns herum hüllt uns perfekt ein, das wirkt wie eine Art energetisches Gleitmittel. Wir können gar nicht hängenbleiben, selbst wenn wir es mit Gewalt versuchen würden. Allerdings gibt es noch ein paar andere Tricks, wie man aus einer Zwickmühle herauskommt, das DCD läßt sich in jeder Lebenslage ein paar Hintertürchen offen. Die zeige ich Ihnen aber ein andernmal, wenn Sie die Grundlagen begriffen haben."
Sie durchquerten nicht ein, sondern drei dicke Sicherheitsschotten, bevor sie endlich draußen waren, im Weltall. Und dann saß Frans abermals schlagartig auf der Schiffshülle, weil es da was zu sehen gab, viel mehr als er durch die virtuelle Fensterscheibe des virtuellen Cockpits hatte erkennen können.
"Verdammt, wie kann ich das steuern?" maulte er laut, in der Hoffnung, Siwa könne ihn durch die perfekte Laut-Losigkeit des Weltraums hindurch hören.
"Sie müssen sich darauf konzentrieren, wo Sie hinwollen, und was Sie zu tun gedenken. Die Kay reagiert auf Ihre Gedanken. Mimetisch, erinnern Sie sich?" hörte er prompt Siwas Stimme. Und  - "Nein, ich komme jetzt nicht zu Ihnen hinaus, ich muß das Schiff erst ein Stück von der Station wegbringen, der Platz hier wird wieder gebraucht. Jede Liegezeit kostet Geld, wissen Sie?"
Solchermaßen beruhigt sah Frans sich um, beobachtete in aller Seelenruhe das Gewimmel von kleinen Zubringern und Exoskeletten samt Arbeitern in Raumanzügen, die um einige außen angedockte viel größere Raumschiffe herumwimmelten, er sah die erschreckend flammende Riesenscheibe einer viel zu nah wirkenden Sonne, ohne geblendet zu werden, und die Außenhülle der Station selbst, die keineswegs dem silber- und chromblitzenden Image diverser Science-Fiction-Raumstationen entsprach, sondern größtenteils in eine grauschwarze Masse von Felsen hineingebaut zu sein schien, mit nur wenigen daraus hervorlugenden Metallkonstruktionen und offenstehenden Andockluken. Zugleich fühlte er, wie das Schiff sich weiter bewegte, getrieben von der Energie, die Siwa aus dem Herz geholt hatte und die sich jetzt allmählich verbrauchte. Doch im Vakuum des Weltraums gab es keinen Luftwiderstand, der ihre Vorwärtsbewegung langsam abgebremst hätte, mit dieser langsamen Vorwärtsbewegung hätten sie für alle Zeiten durch das Weltall driften können, wenn nicht gerade die Schwerkraft der Sonne oder des graubraunen Planeten, in dessen Orbit sie unübersehbar hingen, sie vorzeitig einfing. Die tentakelbestückte Schnauze des Schiffes schwang herum, bis sie auf den Planeten wies, und gleichzeitig nahm Frans wahr, daß sie sich mit zunehmender Geschwindigkeit von der Station entfernten. Siwa beschleunigte sachte. Aber zugleich tauchten plötzlich Graphiken und Zahlen, manche davon in Bändern ablaufend wie im Film "Matrix", rings um ihn herum vor dem Hintergrund leeren Weltalls auf, und er begriff, daß es sich dabei um projizierte Hologramme handelte, die nicht etwa vom Schiff hinaus in den Weltraum projiziert wurden, sondern die nur er aus seiner virtuellen Sicht zusammen mit seiner Umgebung wahrnahm.
"Das sind unsere Kursangaben für den Abstecher nach Sonabir." hörte er wieder Siwas Erklärungen. "Die hat uns die Flugleitzentrale von Otrona Eins soeben übermittelt und mir damit die Arbeit erspart. Da die beiden Otronas den Planeten umkreisen, fühlen sich ihre Zentralen für solche Sachen zuständig. Unsere Kay hat die Daten sicherheitshalber gegengerechnet und abgecheckt, damit wir nicht "rein versehentlich" gegen einen anfliegenden Transporter von Sonabir knallen oder so. Trau schau wem auf Otrona Eins, wissen Sie, da können die Gangster überall sitzen, sogar in der Flugleitzentrale. Und die sind sich keineswegs zu fein dafür, einen Feind oder Konkurrenten mit gefälschten Flugdaten ins Verderben zu schicken."
Frans nickte nur als Zeichen, daß er verstanden hatte, und versuchte, wenigstens ein paar von den eingeblendeten Daten zu begreifen. Das erwies sich als leichter als gedacht, weil die Daten ziemlich narrensicher angeordnet waren, Siwa als Pilot brauchte den Angaben zu Richtung, Geschwindigkeit, Eintrittwinkel etcetera eigentlich nur blind zu folgen.
"Aber selbst wenn wir gegen irgendein Hindernis fliegen würden, würde uns nicht viel passieren." hörte Frans ihn wieder. "Hammer-SyMOrs sind ziemlich widerstandsfähig. Wenn wir gegen einen Berg knallen, hat der Berg anschließend ein Loch, und wir keinen Kratzer. Das läuft über sogenannte Relativ-Schutzfelder, aber um zu erklären, wie die funktionieren, müßte ich Sie erst tiefer in die Geheimnisse von uns Matrixtechnikern einweihen, das fällt nämlich unter höhere Physik, M-Tec-Version."
Sie stürzten auf den Planeten herab, scheinbar langsam, weil das Rund vor ihnen nur langsam größer wurde, aber in Wahrheit mit einer erschreckend hohen Geschwindigkeit, als Frans die entsprechenden Daten las.
"Ein irdisches Shuttle Ihrer Zeit durfte mit nicht mehr als Mach vierundzwanzig in die Erdatmosphäre eindringen und auch dann nur mit der besonders gepanzerten und bremsenden Unterseite voran, sonst wäre es durch die Reibungshitze verglüht, aber erstens hat Sonabir eine viel dünnere Atmosphäre als die Erde und zweitens hält unser Schutzfeld sehr viel mehr Reibungshitze aus als der primitive Hitzeschutzschild eines Shuttles Ihrer Zeit, deshalb können wir schneller runter."
Frans saß wieder in dem virtuellen Cockpit und sah zu seiner Verwunderung, daß Siwa die Daten über antike Shuttles gemütlich schmökernd einem dicken, ledergebundenen Uralt-Lexikon entnahm, wenn er doch eigentlich die Hände auf den Steuerhebeln haben sollte. Auf seinen verweisenden Blick hin wurde er nur erneut angelacht, und er begriff, daß er sich wieder einmal hatte täuschen lassen. Selbstverständlich hatte Siwa alles im Griff, und was hier als sperrige ledergebundene Schwarte auftauchte, war in Wahrheit eine kleine Info-Datei, die Siwa nicht mehr als einen mentalen Seitenblick im Zeitfenster eines Sekundenbruchteils abverlangte.
"Da wir uns nur die Landschaft mal anschauen, aber nicht auf dem Gelände von einer der Siedlungen landen wollen, brauchen wir auch da unten keine spezielle Genehmigung für den Anflug. Mit anderen Worten, uns steht der gesamte Planet zur Verfügung, solange wir uns von den gekennzeichneten Verkehrswegen und Sperrzonen fernhalten. Da auf der sonnenzugewandten Seite allerdings die Strahlungswerte ziemlich hoch sind und die Nachtseite mangels Mond ziemlich finster ist, sollten wir uns auf die Zwielichtzone dazwischen konzentrieren. Sonabir braucht mehrere irdische Tage für eine einzige Umdrehung, deshalb haben wir Zeit genug für einen ausgedehnten Spaziergang bei Sonnenauf- oder -untergang. Sehen Sie irgendwas, was Sie speziell interessiert?"
Inzwischen waren sie tief genug, daß kleinere Landmarken sichtbar wurden, Gebirgszüge, Krater, große leere Ebenen... und da und dort ein winziger Fleck, mit virtuellen Leuchtmarkierungen gekennzeichnet, die Bergbau- und Forschungssiedlungen auf dieser Welt und die von ihnen ausgehenden Flugrouten. So etwa wie Vegetation gab es nicht, hatte sich auf dieser seit ihrer Entstehung lebensfeindlichen merkurähnlichen Welt nie entwickeln können. Auch tief eingegrabene Spuren von Wasser, von Flußsystemen wie auf der Erde, gab es nicht, nur viel kleinere aber ähnlich aussehende Strukturen, die vermutlich von Lavaströmen veursacht worden waren, weil sie immer in Verbindung mit Kratern standen. Siwa glich den Anflugwinkel etwas an, sie stürzten nicht mehr senkrecht hinunter, sondern beschrieben eine zunehmend flacher werdende Bahn, die sie über einen weiten Teil des Planeten führen würde, und außerdem begann er abzubremsen, was Frans nur an dem Gezeitenwechsel in den Datenströmen um sich herum wahrnahm, aber nicht durch Andruckkräfte irgendeiner Art.
"Da drüben wäre was interessantes." schlug Siwa vor, weil Frans immer noch nichts sagte, und deutete schräg nach links vorne.
"Ein alter Doppelkrater, ich war da schon mal, der ist gut geeignet zum Sammeln von Souvenirs. Der eine, große Krater war mal ein Vulkan und hat bei einem Ausbruch echte Diamanten ausgespuckt, der zweite, jüngere ist nur ein kleines Loch im großen verwitterten Krater, der wurde von einem einschlagenden Meteoriten verursacht und hat den Sand in der Gegend zu sogenanntem Wüstenglas zusammengeschmolzen. Mit dem, was da herumliegt, können Sie bei jedem Mineraliensammler Respekt einheimsen, sowas gibt es nur höchst selten."
Frans nickte eifrig, das hörte sich in der Tat verlockend an. Ganz auf die fremdartige, tote Umgebung konzentriert, hörte er nur mit einem Ohr hin, wie Siwa mit den nächstliegenden Bodenstationen kurz Kontakt aufnahm und erklärte, warum sie nicht einen der offiziellen Landeplätze anflogen. Die Leute mußten schließlich Bescheid wissen, daß sie mit Absicht mitten in der Pampa landeten und nicht etwa einen Defekt hatten oder aus anderem Grund Hilfe benötigten.
Aber dann. Wieder hatte Siwa abgebremst, mit Hilfe der Energien, die er immer wieder mit bewundernswertem Geschick in homöopathischen Dosen aus dem flammenden Herz des Schiffs zog, und ein kleines Restchen verwendete er nun dazu, endgültig zu stoppen und das Schiff mustergültig sanft auf dem kahlen, aus nacktem Sand und kleinen Felsbrocken bestehenden Boden zu landen. Ein Blick auf eine virtuelle Borduhr bewies Frans, daß die Vier-Stunden-Frist noch nicht ganz verstrichen war, obwohl es ihm jetzt viel länger vorkam.
"So, Zeit zum Ausklinken. Und - tschüssi!" winkte Siwa grinsend in seinem virtuellen Cockpit, und --
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 21. Februar 2014, 12:49:44 Uhr
verwundert, daß es auf einmal pechschwarz um ihn herum war, zwinkerte Frans, und merkte erst dann, daß es so schwarz gewesen war, weil er schlicht die Augen zugehabt hatte. Er war wieder n dem höhlenartigen Raum und saß ganz real und körperlich in dem Loch, gerade sah er noch letzte grüne Tentakelspitzen in Löchern und Ritzen rings um ihn in den Wänden seines Lochs verschwinden. Das Geflecht aus teilorganischen Sensoren hatte ihn freigegeben, und dafür war er dankbar. Verdammt, das war jetzt ein Erlebnis gewesen, von dem er den Rest seines Lebens zehren konnte, sofern es nicht nur ein extrem bizarrer Traum gewesen war, nur wie man dahin kam fand er nicht so angenehm, obwohl die Tentakel ihm offenbar nichts angetan hatten... er tastete sich trotzdem erst einmal auf Blessuren ab und entdeckte dabei ein Stück weit entfernt Siwas Gesicht, das ihn aus einem anderen Loch im Boden angrinste.
"Alles noch dran?" fragte der Junge ihn spöttisch. Doch als Siwa sich dann zu bewegen begann und mit steifen, mühsamen Bewegungen aus seinem Loch herausquälte, erkannte Frans, daß er sich nicht als einziger auf einmal so seltsam fühlte, so beschränkt, so unzulänglich, so langsam und steif und irgendwie halb blind...
"Und jetzt wissen Sie auch, was die Piloten der Hammer-SyMOrs als After-Party-Blues oder Flieger-Turkey bezeichnen." erklärte Siwa mit schrägem Grinsen und machte ein paar Stretch-Übungen, um wieder ein Gefühl für seinen echten Körper zu bekommen.
"Es dauert eine Weile, bis man von dem ganzen Dateninput wieder herunterkommt, wie ein Junkie von seinem Trip. Und deshalb ist diese Vier-Stunden-Frist so wichtig, ohne eine Zwangsbeschränkung würde man das System spätestens beim zweiten Mal nie wieder verlassen. SyMOr-Fliegen hat ein höllisches Suchtpotential, gewöhnliche Rauschgifte sind ein Nichts dagegen."
Vor allem weil alles daran real war und kein Drogentraum. Langsam und staksig folgte Frans seinem Gastgeber, der mit zunehmender Geschmeidigkeit voranging, hinaus aus dem Cockpit und abermals durch breite Gänge, bis sich erneut eine zahngerahmte Tür vor ihnen öffnete und sie einen größeren Raum betraten. Direkt gegenüber lag eine weitere zahnige Tür, die geschlossen war und mit buntleuchtenden Warnsignalen überzogen - sie befanden sich in einer Art Schleuse, mit nur noch eben dieser Tür zwischen sich und dem, was da draußen auf sie wartete. 
"Bereit für einen kleinen Spaziergang?" fragte Siwa und strich mit den Händen über gerippte Oberflächen, die sich zu beiden Seiten der Türen erstreckten. Als diese Oberflächen sich daraufhin öffneten wie eine im Zeitraffer aufklappende Fliegenfalle, entdeckte Frans, daß es sich ganz simpel um Schränke handelte, in denen Ausrüstung untergebracht war, unter anderem etwas, was definitiv Raumanzüge sein mußten. Obwohl sie nicht so aussahen wie die Raumanzüge, die er von den Bildern der NASA her kannte, plastikweiß und freundlich und definitiv künstlich. Diese hier sahen mehr aus wie ein Mix aus altmodischer Tiefseemontur und noch altmodischeren Ritterrüstungen, schwer und mit viel Grau und Schwarz. Das Anlegen von solch einem Ding mußte ein Buch mit sieben Siegeln sein, und sich darin zu bewegen noch viel schwieriger... was Siwa aber keineswegs abhielt.
"Also, erste Regel im Umgang mit diesen Raumanzügen. Legen Sie alles ab, was spitz oder scharf ist und potentiell den Anzug aufreißen könnte. Sogar eine scharfkantige Gürtelschnalle könnte gefährlich werden, zu spitze Schuhe, Metallbeschläge, scharfe Kanten, alles was reibt oder Löcher bohrt..."
Frans zeigte nur seine leeren Overalltaschen, er hatte nichts derartiges an sich. Siwa nickte, klopfte sich selbst auf vergessenes Zeug in seinen Taschen ab und musterte sicherheitshalber seinen Ring, daß der keine scharfe Kante an der Einfassung des Steins zeigte.
"Müssen Sie vorher noch mal? Da draußen ist nämlich nicht so gut pinkeln... nein? Also gut, dann los."
Einer der offenstehenden "Schränke", die reichlich Fassungsvermögen hatten, war leer, was aber keineswegs ein Irrtum von Siwa war. Der Junge stellte sich nämlich einfach in das Gelaß hinein, und abermals - so wie vorher in den Pilotenlöchern - schoß jäh ein Etwas in geschecktem Gelb und Rot aus den Wänden des "Schrankes" hervor und begann Siwa einzuhüllen, nur daß diesmal noch sein Kopf daraus hervorlugte. Seelenruhig hob er erst sein eines Bein, dann das andere, damit das sonderbare gewebeartige Etwas auch seine Füße komplett einwickeln konnte, und als er dann wieder aus dem "Schrank" heraustrat, trug er zur großen Verblüffung des Schauspielers direkt über seiner normalen Kleidung so etwas wie einen Taucheranzug, der ihm bis zum Hals reichte und alles darunter perfekt und lückenlos bedeckte. Siwa drehte sich um sich selbst, damit Frans ihn von allen Seiten begutachten konnte. Abgesehen von dem organisch gewachsen aussehenden Fleckenmuster aus Gelb und Rot und der Tatsache, daß sie weder Nähte noch Reißverschlüsse oder ähnliches aufwies, hätte die Umhüllung ein irdischer Taucheranzug sein können, und sie fühlte sich auch durchaus gummiartig an, als Frans sie betastete, trocken, glatt und nachgiebig. Siwa zeigte seine Hände, wo die Hülle etwas dünner war, damit er in der Umhüllung noch etwas fühlen konnte, sie lag unmittelbar auf seiner eigenen Haut auf wie eine zweite künstliche Hautschicht.
"Das ist ein Nano-Anzug, die Unterwäsche gewissermaßen, die wird Ihnen perfekt auf den Leib geschneidert von dieser nützlichen kleinen Einheit hier. Er ist in gewissem Rahmen strahlungsabweisend, selbsttätig temperaturregelnd und auch bis zu einem gewissen Maß selbstreparierend, aber im Weltall ist Vorsicht die Mutter der Porzellankiste, da kann jeder kleine Fehler der eine kleine Fehler zu viel sein. Jetzt sind Sie dran, bitte Füße heben und Finger spreizen, und dann gehen wir den nächsten Schritt."
Unbekümmert schubste Siwa ihn auf den "Schrank" zu, und bevor Frans es sich versah, trug auch er die "Unterwäsche", die sich durchaus nicht lästig anfühlte über seinem Overall, anders als manche echten Taucheranzüge.
"So, jetzt kommt die zweite Komponente, der Panzer. Unterwäsche und Panzer sind in Wahrheit eine symbiotische Einheit, man hat sie nur getrennt untergebracht, damit man sie leichter anlegen kann." plauderte Siwa fröhlich weiter. Statt die Teile aus dem Schrank zu holen, stellte er sich nur unmittelbar davor, den Rücken zum Panzer gewandt, und irgendwelche Servosysteme schoben die grauschwarzen Panzerteile hervor und über Siwas Körper, wo sich die Teile sofort mit der Unterwäsche zu einer Einheit verbanden. Abermals mußte er die Füße heben, als sich schwere Sicherheitsschuhe, Bestandteile des Panzers, über seine eigene Fußbekleidung samt Umhüllung schoben, und dann stand mit einem Mal kein Sporttaucher mehr vor Frans, sondern ein gewappneter junger Ritter aus der Tafelrunde von König Artus.
Oder so sah es jedenfalls aus, ganz martialisch mit scheinbar metallischen Arm- und Beinschienen, einem enganliegenden und doch sehr beweglichen Körperharnisch, Schulterschützern, sogar die Handrücken bis über die Knöchel trugen eine panzerartigen Schutz, der sich nicht auf die Finger, die ja zum Greifen und Tasten notwendig waren, fortsetzte... der Helm, der im Stil perfekt dazu paßte, nur mit einer umlaufenden Sichtscheibe, wie sie kein Ritter je getragen hätte, war das letzte Tüpfelchen auf dem i. Auf Siwas Nicken hin atmete Frans durch und stellte sich vor den anderen Schrank mit einer Rüstung, so wie Siwa es getan hatte. Und abermals wurde diese unheimliche organisch wirkende Maschinerie aktiv, forderte ihn auf, nacheinander erst das eine, dann das andere Bein zu heben, damit die Stiefel - die ebenfalls aus mehreren ineinander beweglichen Komponenten bestanden - angepaßt werden konnten, die einzelnen Panzerbestandteile schienen regelrecht mit der "Unterwäsche" zu verwachsen, sobald sie auf seinen Körper aufgesetzt waren, und dann stand auch Frans voll gepanzert da. Natürlich erwartete er, beim ersten Schritt sofort auf die Nase zu fallen, sah das Ding doch verdammt schwer aus... aber das war es nicht, stellte er zu seiner Überraschung fest. Was aussah wie Metall war gar keines, vielleicht Horn oder eine andere organisch erzeugte Substanz, oder vielleiht ein Kohlefaser- oder Kevlar-Amalgam, ein hypermoderner Kunststoff, genauso stabil wie ein Panzer aus Metall, aber mit nur einem Bruchteil des Gewichts. Genau wie Siwa reckte und streckte und drehte er sich, hob die Arme zur Decke und tat ein paar Schritte, um den perfekten Sitz des Anzugs zu testen, und er fühlte sich gar nicht so belastet, wie er es erwartet hatte.
"Äh, und was mache ich, wenn ich jetzt doch mal muß?" fragte er scherzhaft. 
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 26. März 2014, 12:41:51 Uhr
Siwa grinste ihn an. „Das zeige ich Ihnen, sobald wir zu den Helmen kommen. Größeres Geschäft wäre peinlich, da brauchen Sie hinterher frische Unterwäsche... aber für das kleine gibt es einen netten Trick, es kann nämlich vorkommen, daß man längere Zeit in so einem Anzug steckt und kein klimatisiertes Häuschen in erreichbarer Nähe steht. Das wichtigste, was ich Ihnen jetzt zeige, ist das kleine Gerät da am Gürtel.“ Siwa deutete auf sein eigenes, ein kleines Kästchen mit einem simplen Drehschalter, das irgendwie ziemlich altmodisch aussah. Frans hatte das gleiche Modell an seinem eigenen Gürtel. „Das ist ein Schwerkraftneutralisator. Es enthält eine kleine Menge Gravium, das bei Anlegen einer elektrischen Spannung die Schwerkraft um Sie herum verändert, Sie können sich damit nach Belieben schwerer oder leichter machen, Sie sehen die Zeichen Plus und Minus hier, einfach den Schalter in die entsprechende Richtung drehen. Leichter macht man zum Beispiel, wenn nach ein paar Stunden die Rüstung doch zu drücken beginnt, wenn Sie etwas schweres tragen müssen oder wenn Sie sich einfach schneller fortbewegen wollen. Auch bei einem Sturz ist es ratsam, sofort die Schwerkraft zu verringern, auf diese Weise können Sie sich Verletzungen und eine Beschädigung Ihres Anzugs ersparen. Allerdings sollte man es nicht dauernd benutzen, weil das Gravium relativ schnell verbraucht wird, und das Zeug ist erheblich teurer als Gold. Schwerer macht man sich, wenn man auf einem kleinen Asteroiden oder einem Kometen landet, wo es nicht genug Schwerkraft gibt und jeder unbedachte Schritt Sie in den Weltraum hinausschießen könnte. Im Augenblick werden wir die Geräte nicht brauchen, weil Sonabir ohnehin eine geringere als Schwerkraft als die Erde hat, die das Gewicht der Anzüge ausgleicht, aber Sie können es gerne mal testen.“ Das tat Frans, und war erstaunt, als er bei Einstellung Plus tatsächlich in die Knie sackte, plötzlich ein mehrfaches als sein eigenes Körpergewicht spürend, während er bei Einstellung Minus eine Art Schwindel im Kopf spürte, als sein Gleichgewichtssinn auf die ungewohnte verringerte Schwerkraft hin begann, verrückt zu spielen. Hastig drehte er den Schalter wieder in Aus-Stellung.
„Gut, kommen wir zum nächsten Schritt.“ fuhr Siwa grinsend aber gnadenlos fort. Statt gleich nach den Helmen zu greifen, holte er erst etwas anderes aus den Halterungen in den „Schränken“, was wie leblose zerstückelte Riesenschlangen aussah, etwa armlange, dicke Schläuche mit auffälligem Zickzackmuster in Orange und Schwarz. „Die Anzüge samt Helme besitzen eine eigene Lufterneuerungsanlage, die aktiv wird, sobald die Helme geschlossen sind, aber in den Weltraum geht man grundsätzlich nur doppelt und dreifach gesichert, weil Murphys Gesetz hier besonders gern zuschlägt, und meistens gleich mit tödlicher Wirkung. Das hier sind zusätzliche Lufterneuerungsgeräte, die man anstelle der altmodischen Lufttanks Ihrer Zeit an die Anzüge anschließt. Da sie Zusatzgeräte sind, kann man im Notfall auch eines abtrennen und beispielsweise an jemand anderen weitergeben, dessen eigene Geräte aus irgendeinem Grund versagen. Drehen Sie sich mal um.“ Und Siwa befestigte mehrere dieser „Riesenschlangen“ irgendwo auf dem Rückenpanzer von Frans, was das Gesamtgewicht aber nicht nennenswert erhöhte, die Dinger waren ebenfalls ziemlich leicht.  Anschließend bekam Frans drei weitere Exemplare in die Hand gedrückt, die er nach Anweisung auf Siwas Panzer befestigen mußte. „Es gibt auch hier vorne am Helm einen Anschluß,“ sagte Siwa dann und zeigte ihm die Stelle, „wenn man sich allein damit ausstatten muß. Ist alles ziemlich narrensicher konstruiert, wie Sie sehen. Wie das alles kontrolliert und überprüft wird, sehen Sie gleich, wenn wir die Helme aufsetzen. Und bevor Sie sich fragen, nein, das hier sind Spezialanzüge, die nur den Passagieren einer Hammer-SyMOr zur Verfügung stehen. Die normalen Raumanzüge von der Erde sind viel komplizierter und dabei weniger sicher gebaut, in denen hab ich auch schon ein paarmal dringesteckt.“  Frans verkniff sich dazu jede Frage und nickte nur und wartete auf den nächsten Teil der Vorlesung, die Helme. Siwa führte vor, wie man das Teil aufsetzte und sicher befestigte, und Frans ahmte gehorsam jeden Handgriff nach. Kaum war der Helm sicht- und durch ein leises Zischen von Sauerstoff auch hörbar mit dem Anzugteil verschmolzen, erschienen sofort holographische Displays auf der Sichtscheibe des Helms, nicht unähnlich jenen, die Frans zuvor bei seinem Ritt durchs Weltall gesehen hatte. Siwa, der die gleichen Anzeigen in seinem Helm hatte, ging mit Frans sorgfältig alle Displays durch. Mix und Dichtigkeit aller Gase im Anzug - okay. „Es gibt gute Gründe, warum Raumfahrer einen weiten Bogen um Knoblauch und ähnliche Dinge machen...“ begann Siwa harmlos und brachte Frans damit zum Lachen, wie würden wohl diese Werte aussehen, wenn er etwa einen fahren ließ? Siwa, der seine  Gedanken sehr wohl erriet, schlug spaßeshalber ein Chili-Wettessen vor ihrem nächsten Weltraumbummel vor. „Dann leuchten Ihre Anzeigen wie ein Weihnachtsbaum!" versprach er.
"Das will ich sehen!" stimmte Frans begeistert zu. „Äh, und wie geht jetzt das mit dem Pissen...?“ Auch dazu wurde er aufgeklärt, offenbar gab es in bestimmten Teilen des Anzugs so etwas wie Nano-Roboter, die postwendend für eine porentiefe Entsorgung anfallender organischer Abfallstoffe sorgten, sogar durch die normale Kleidung hindurch. „Falls  Sie extrem schwitzen oder brechen müssen - der Helm hat auch so eine Einrichtung, da kommt so eine Art bläulicher Schleim zum Vorschein, der Ihnen den Unrat von der Haut frißt. Ist nur für ein paar Sekunden naß und unangenehm, und hinterher sind Sie sauberer als eine Fernsehdiva nach dem Tiefen-Peeling, also machen Sie sich nicht noch extra ins Hemd, wenn es mal passieren sollte.“ Danach ging Siwa die anderen Anzeigen des Helmdisplays durch, und wie Frans mit Hilfe der Armbandpads, die in den Schutzpanzer seiner Unterarme eingelassen waren, diverse Funktionen aufrufen oder ändern konnte. Zusätzlich gab es eine Sprachsteuerung, und sogar eine Handvoll jener grüner Tentakel, wie sie im Cockpit für die Kommunikation zwischen Pilot und Schiff sorgten, also abermals eine Mehrfach-Absicherung. Und natürlich gab es ein kleines Zusatzsystem, das Nährstoffröhrchen und einen kleinen Wasservorrat enthielt, falls man nicht rechtzeitig zum Essen zurück im Schiff war. „Notfalls kann auch aus dem Urin wieder trinkbares Wasser gewonnen werden, das reicht ungefähr für eine Woche, danach wird es kritisch.“ erklärte Siwa und zeigte ihm die entsprechenden Systeme, die die Filter steuerten.  „Ein trainierter Raumfahrer kann ganz unmögliche Dinge mit so einem Anzug anstellen. Aber wir wollen heute noch nicht unmöglich, wir gehen nur ein wenig spazieren. Jetzt kommt noch der letzte Teil, die Energieaufladung.“ Und schon steckte er seine gepanzerten Hände in zwei Röhren, die neben den „Schränken“ in die Wand hineinführten, und die Frans bisher für irgendein Schlupfloch für Cyders gehalten hatte. Stattdessen begannen Teile seines Anzugs, auch Stellen auf den grauen Panzerplatten, zu leuchten, zuerst schwach, dann immer stärker, bis strahlende Muster den ganzen Anzug überzogen. „Mann, das sieht ja aus wie in „Tron“!“ staunte Frans.
„Hab ich mir auch beim ersten Mal gesagt.“ antwortete Siwa. „Ja, ich kenne diese ganzen alten Filme aus Ihrer Zeit. Irgendwelche Fassungen haben immer die ganzen Jahrhunderte überlebt, manches ist auch nachgedreht oder neu inszeniert worden, die gelten heute als Klassiker. Und die Techniker auf Nh´Nafress lassen sich nicht selten in ihren Entwürfen davon inspirieren, deshalb wundern Sie sich nicht, wenn Sie hin und wieder auf etwas Bekanntes stoßen sollten. Nur daß das hier und heute keine Filmrequisiten sind. Wenn etwas von Nh´Nafress stammt, dann funktioniert es auch, da können Sie sicher sein.“ Inzwischen leuchtete auch der Anzug von Frans, in geringfügig anderen Mustern, die erfahrene Weltraumgänger vermutlich unterscheiden konnten, so daß sie sich untereinander auch in der Lichtlosigkeit des Weltalls oder in der rabenschwarzen Nacht eines mondlosen Planeten identifizieren konnten.
„So, jetzt noch eine letzte kleine Sicherheitsmaßnahme, die nur ich und andere Matrixtechniker machen können. Aber im Weltraum geht man immer auf Nummer Sicher, man sichert lieber dreifach als doppelt und läßt grundsätzlich niemals eine Sicherheitsmaßnahme aus, die einem zur Verfügung steht. “ Er hob die gepanzerte Hand, und Frans konnte dort, wo er unter dem Anzugmaterial Siwas phantastischen Ring wusste, ein leichtes blaues Leuchten sehen, das den Anzug offenbar ganz ungehindert durchdrang und sich ausdehnte. Wie eine weitere dünne Schicht legte sich das Leuchten über Siwas gesamten Anzug und verblasste sofort wieder, und dann bekam auch Frans eine solche Ladung ab.
„Ich habe uns einen extra Matrixschutz verpaßt, eine Art Mini-Schutzschirm für Arme. Jetzt könnten wir uns die Anzüge nicht mehr beschädigen, selbst wenn wir es mit Gewalt versuchten. Also? Wollen wir?“ 
Frans nickte, er war bereit. Trotzdem schlug sein Herz hoch, als Siwa sich vor das äußere Schleusentor stellte und ohne ein Wort oder eine Geste, vermutlich über eine Funktion seines Anzugs, von der Kay das Öffnen der Tür anforderte. Er hörte kein Zischen oder ähnliches vom Druckausgleich, und fühlte auch keinen Windzug auf seinem Anzug, offenbar hatte die Kay bereits ganz automatisch für einen Ausgleich der Werte gesorgt, als sich das zahngespickte Schleusentor öffnete und sein erster Blick aus eigenen Augen auf die tote Landschaft draußen fiel.
„Hier, eine Einkaufstüte.“ machte Siwa und reichte Frans einen stabilen Beutel, den er aus einem weiteren versteckten Fach neben der Schleuse geholt hatte, einen weiteren befestigte er an seinem eigenen Anzuggürtel, zusammen mit einem kurzen Stock, der sich bei einem Test als Teleskop-Stab von knapp zwei Metern Länge in ausgefahrenem Zustand entpuppte. „Packen Sie einfach alles ein, was Sie interessant finden. Um eine nötige Dekontamination oder Analyse auf gefährliche Stoffe kümmert sich die Kay bei unserer Rückkehr, die merkt es schon, wenn wir etwas mitbringen, was vielleicht gefährliche Gase oder Strahlung abgeben könnte. Mit biologischen Risiken müssen wir auf Sonabir nicht rechnen, aber auch da kann man auf fremden Himmelskörpern nie vorsichtig genug sein.“ Sie stiegen die Gangway hinunter, die diesmal nicht von monströsen Wächtern flankiert wurde, entweder weil die Riesen-Cyders die Atmosphäre nicht vertrugen oder weil es in dieser Umgebung vermutlich nichts gab, was dem Schiff gefährlich werden konnte. Und dann stand Frans zum ersten Mal auf dem Boden einer völlig fremden Welt, hörte das Knirschen des groben Sandes unter seinen Stiefeln durch seine Helmmikrophone, und konnte die Gefühle eines gewissen Neil Armstrong absolut nachvollziehen. Nur an klugen Sprüchen wollte ihm im Augenblick nichts einfallen, sein Gehirn war wie leergefegt, er war zu überwältigt von dieser Erfahrung.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 17. April 2014, 15:47:18 Uhr
Siwa ließ ihm Zeit, das Erlebnis zu verarbeiten. Er selbst drehte schon mal eine kurze Runde, um sich an den Anzug zu gewöhnen, und hielt Ausschau nach Dingen, die vielleicht einen genaueren Blick wert waren. Der versprochene Doppelkrater mit seiner interessanten geologischen Struktur lag hinter ein paar höheren Bodenwellen verborgen, die schon äußere Ausläufer des eigentlichen Einschlagskraters waren. Frans betrachtete den Boden, auf dem er stand, dunkelbräunlicher grober Sand, der vielleicht vulkanischen Ursprungs war oder normaler Sand, durch Beimengungen von Eisenoxyd dunkel gefärbt wie auf dem Mars, und verfluchte sich fast dafür, sich nie näher für Geologie interessiert zu haben. Verdammt, jetzt verstand er diesen Romanhelden Captain Future, daß der zwangsläufig ein Wissenschaftler geworden war, da er in einer vergleichbaren Umgebung aufwuchs...  und dann kam er sich beinahe ein wenig wie dieser Roboter aus dem Film „Planet 51“ vor, als er seine ersten Schritte tat und sich zuerst auf jeden einzelnen Stein konzentrierte, der auf seinem Weg lag, da jeder davon in seiner bröseligen Unscheinbarkeit für ihn nichts weniger darstellte als ein unbegreifliches weil außerirdisches Wunder. Aber bald hatte er sich an die Umgebung gewöhnt, und er folgte Siwa, der ihn in Richtung Krater führte. Siwas Handschuh leuchtete wieder blau. „Ich lasse meine Matrix gerade nach kristallisiertem Kohlenstoff Ausschau halten, mit anderen Worten, nach Diamanten. Wenn zu unseren Füßen ein größerer Brocken herumliegen sollte, bekomme ich ein Signal. Wenn Sie etwas sehen, was wie geschmolzenes farbiges Glas in Grün, Braun oder Schwarz aussieht, haben Sie nicht etwa einen Diamanten, sondern einen sogenannten Tektit vor sich, das ist normaler Sand, der im Moment des Impaktes geschmolzen und als glutflüssiger Tropfen weggeschleudert wurde. Das Glas im Krater selbst wird als Wüstenglas bezeichnet, weil solches Wüstenglas bereits in historischen Zeiten auf der Erde in der lybischen Wüste gefunden wurde, auch dort gab es mal einen solchen Impakt.“ Sie überschritten eine der Bodenwellen, dann eine zweite, deutlich steilere, und dann konnten sie hinab in den Krater blicken. Die tiefsten Stellen im Krater sahen aus wie ein zu Millionen von Scherben zersplitterter, unregelmäßig geformter Spiegel, dessen Trümmer das Zwielicht des viele Stunden dauernden Sonnenaufgangs widerspiegelten. „Unmittelbar nach dem Impakt war das eine einzige glatte Glasfläche, entstanden aus dem durch die Hitze zerschmolzenen Sand.“ erklärte Siwa. „Aber die ständigen Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht und die Erosion haben die Glasschicht schnell splittern lassen. Hin und wieder lassen sich Souvenirjäger von den Bergbausiedlungen oder andere Besucher des Planeten hier blicken, deren Spuren werden wir auch hier finden, nicht daß Sie glauben, hier treiben sich feindselige Aliens herum.“
„Sie wissen erstaunlich viel.“
Siwa lächelte, sein Gesicht war hinter der Helmscheibe gut zu erkennen, weil die Lichtverhältnisse in der Zwielichtzone das Aktivieren der Verspiegelung nicht nötig machten.
„Lernen ist mir immer leicht gefallen, auch ohne Hypnoprogramme. Vor allem für völlig unnützes Zeug scheine ich ein phänomenales Gedächtnis zu haben, wie die Sache mit dem Wüstenglas. Da freue ich mich, wenn es sich hin und wieder doch noch als brauchbar erweist.“ Sie waren weitergegangen und fanden schließlich so etwas wie einen Trampelpfad zwischen dem zertrümmerten, uneben aufgetürmten Gestein des inneren Kraterrandes, den zweifellos besagte frühere Besucher verursacht hatten, und der sie nach unten in den Krater bis an ihr erstes Ziel führte.
„Da hat man sich schon fleißig bedient.“ meinte Siwa und deutete auf den Rand der zersplitterten Glasfläche, der irgendwie löchrig und zerrupft aussah, ohne daß die fehlenden Teile irgendwo herumgelegen hätten, weil die sich zweifellos längst in irgendwelchen Vitrinen von Forschungsinstituten und Mineraliensammlern auf einem halben Dutzend Planeten befanden. Auch Frans bediente sich, er suchte und fand einen kleineren Brocken, der halbwegs glatt und ohne gefährlich scharfe Kanten aussah, und drehte ihn vorsichtig in seinen behandschuhten Händen. Das Wüstenglas war keineswegs klar und durchsichtig, wie man es von Glas erwartete, es war von einer milchig-grünlichen Färbung, die stellenweise zu milchig-bräunlich oder marmoriertem Grau spielte, an einigen Stellen wirkte es auch porös, ohne das unverkennbare Gewicht von Glas hätte er es für zusammengeschmolzene mehrfarbige Plastikreste halten können. Siwa hatte sich einen etwas größeren Brocken ausgesucht, aber seine Matrix arbeitete wieder, und Frans beobachtete voll Erstaunen, wie sich das Glas in Siwas Händen veränderte, es schien zu schmelzen, verlor hier eine scharfe Kante, nahm dort eine neue Form an, wurde rund und glatt und wölbte sich, bis aus dem ungeformten Trümmerteil eine kleine, primitiv aussehende Götzenfigur geworden war, und das ganz ohne daß das scheinbar halbflüssig und somit heiß gewordene Glas Siwas Handschuhe verbrannt hätte.
Siwa grinste wieder und reichte Frans die Figur. „Souvenir vom Planeten Sonabir.“ sagte er. „Nehmen Sie, es ist nicht mal warm geworden.“ fügte er hinzu, als Frans zögerte, die Figur an sich zu nehmen. „Kalte Manipulation der Bindungskräfte der Moleküle, das gehört zu den ersten Techniken, die jeder M-Tec-Lehrling lernt. Schenken Sie einem M-Tec niemals etwas, was aus Glas besteht, außer Sie sind selber Matrixtechniker und haben es selbst gebastelt, nach ein paar Wochen Anfänger-Übungskurs hat nämlich jeder Lehrling gelernt, das Material aus tiefster Seele zu hassen. Da aber diese Übungen wichtige Grundlagen für eine Vielzahl von späteren Anwendungen sind, sind sie unverzichtbar, da muß jeder Lehrling durch.“   
Frans nickte und steckte die Figur zu seinem eigenen Brocken in seinen Sammelbeutel. Siwa hatte sich inzwischen einem dickeren und ziemlich großen Brocken zugewandt, und abermals arbeitete seine Matrix. Ein ganzes kantiges Teil des Brockens fiel ab, wie von einer unsichtbaren Riesensäge sauber abgetrennt, und dann löste sich eine weitere, diesmal sehr dünne Scheibe. Siwas Hand fing sie auf, bevor sie auf dem Boden zersplittern konnte. Er reichte das Teil weiter an Frans, es war ein sauber geschnittener Dünnschliff, in dem man selbst im Zwielicht durchscheinend die wolkigen Strukturen der farbigen Glasmassen erkennen konnte. Ähnliche geschnittene und polierte Steinstücke konnte man auf Mineralienbörsen erwerben oder in Museen betrachten, und Frans steckte auch dieses Teil ein, sorgsam darauf achtend, daß seine anderen Andenken die Scheibe nicht zerkratzen oder zwischen sich zerbrechen konnten. Dann umrundeten sie langsam den glasgefüllten Krater. „Da hineinzuwandern ist nicht ratsam, selbst mit unseren Schutzfeldern nicht, weil dieser Glasboden da drin unter jedem einzelnen Schritt einbrechen könnte, da sind mit Sicherheit zahlreiche Hohlräume unter dem Glasschutt.“ warnte Siwa, und Frans nickte wieder, obwohl es ihn durchaus gelüstet hätte, diesen sonderbaren Glasboden auf seine Schrittfestigkeit zu testen. „Sie sagten, es soll in dieser Gegend auch Diamanten geben?“
Sofort grinste der Junge wieder. „Das ist natürlich das Wichtigste, oder? Na, dann will ich Sie mal nicht warten lassen. Aber bevor wir hier einen eigenen Bergbau aufmachen, um danach zu suchen, nehmen wir die einfachere Methode. Meine Matrix eignet sich nämlich als Suchgerät für so ziemlich alles, worauf ich sie eiche. In diesem Fall also auf die spezifischen Eigenschaften von kristallinem Kohlenstoff, Diamanten sind nämlich nichts anderes.“ Diesmal bildete das blaue Licht, das aus dem Kristall an seinem Ring herauskroch, so etwas wie einen Nebelschleier, der rollend und in sich wallend und beinahe wie ein lebendiges Wesen davonkroch, ausgehend von dem Nullpunkt an Siwas Hand davonschwärmte und sich dabei in schmalem Winkel allmählich ausbreitete und verdünnte, doch im Halbdämmer des viele Stunden andauernden Sonabir-Morgens noch lange sichtbar blieb, bis er sich in der Distanz scheinbar auflöste... abgesehen von einigen winzig kleinen Irrlichtern, die hier und da auf dem Boden übriggeblieben waren wie hängengebliebene Energiereste. „Die Matrixenergie sucht nur an der Oberfläche, wir wollen uns ja nicht mit Graben abmühen. Sehen Sie diese kleinen Glühwürmchen-Lichter überall, wo die Energie bereits war? Überall dort sind Diamanten, aber alle nur mikroskopisch klein, die würden Sie mit bloßem Auge gar nicht sehen, und wir wollen ja ein größeres Exemplar. Die Matrixenergie markiert jede größere Ansammlung von Kohlenstoffkristallen, weil ich sie so programmiert habe, auf eine Distanz bis zu zwei Kilometern. - Sieht so aus, als wäre das auf Anhieb nichts gewesen. Die Energie hat die festgelegte Grenze erreicht, und wir haben nichts als Glühwürmchen. Also lösche ich das jetzt, und auf ein Neues direkt daneben. Irgendwann haben wir schon einen Treffer.“ Auf ein Aufblitzen aus der Matrix hin erloschen die Glühwürmchen, die nie lebendig gewesen waren, und erneut quoll blau leuchtender Nebel hervor, der sich auf die Suche machte, räumlich versetzt zu dem bereits erfolglos abgesuchten Gebiet. Diesmal sproß in etwa einem Kilometer Entfernung ein stärkeres Licht auf, und sie machten sich sofort auf den Weg dorthin, während der Such-Nebel noch den Rest der einprogrammierten Zone überstrich. Sie mußten gar nicht graben, ihr Ziel lag einfach offen im Sand, herausgewittert aus dem Gestein von den regelmäßigen drastischen Temperaturwechseln auf diesem sonnennahen Planeten und freigelegt von irgendeinem vergangenen Sturm. Etwas Muttergestein hing noch an dem Diamanten, der so gar nicht aussah wie ein perfekt geschliffenes, Reflexe sprühendes Schmuckstück bei einem Juwelier, als Frans ihn in die Hand nahm, mehr wie ein unscheinbares Stück Quarzeinschluß, unregelmäßig geformt, ganz und gar nicht glatt, und offenbar gelblich in der Färbung, was bei dem Dämmerlicht nicht so genau zu erkennen war.
„Na, da haben Sie Ihren Diamanten.“ sagte Siwa. „Soll ich noch weitersuchen, oder reicht Ihnen der da?“
„Wollen Sie etwa keinen?“ wunderte sich der Schauspieler. Sie standen hier mitten in einer offenbar reichen Lagerstätte, selbst wenn die meisten Diamanten nur Miniaturausführungen waren, und der Junge zeigte so gar kein Jagdfieber? Er sah, wie der Junge weiter grinste und mit der einen Hand auf seinen anderen Handschuh tippte, unter dem sich der Ring verbarg. „Mit meiner Matrix kann ich mir selber Diamanten basteln, alles was ich brauche ist etwas Holzkohle oder Graphit und reichlich Druck im Inneren eines Kraftfeldes, das mir die Matrix liefert. Und vielleicht noch ein paar Spurenelemente von bestimmten Chemikalien, wenn ich Farbdiamanten haben will. Das ist übrigens ein Trick, den jeder Anfänger in Matrixtechnologie ziemlich schnell lernt, weil es einfach mehr Spaß macht, als sich mit Glas herumzuärgern, mit Diamanten kann man einfach mehr Eindruck schinden. Auf Nh´Nafress, wo sich das Ausbildungszentrum für Matrixtechniker befindet, müssen die Holzkohlevorräte, die für die Grillparties gedacht sind, schärfer bewacht werden als die Goldvorräte, die es dort auch gibt. Das Gold kann dort offen herumliegen, daran vergreift sich niemand, weil es auf Nh´Nafress reichlich vorkommt und keinen Geldwert hat, aber wenn man einen Sack Kohle einen Moment aus den Augen läßt, ist er weg.“ Noch mehr Gegrinse. „Einmal, das war noch vor meiner Zeit, haben Lehrlinge eine ganze Raumschiffsladung Graphit in die Finger bekommen. Das Zeug war für industrielle Zwecke in den Fabriken gedacht, aber zwei Tage später waren in einer Nacht-und-Nebel-Aktion alle Kieswege um das Ausbildungszentrum herum mit Diamanten statt Kies gepflastert. Die Lehrer waren nicht amüsiert, wie Sie sich vorstellen können, Graphit ist nämlich teuer. Die Schuldigen mußten das Zeug wieder abtragen und irgendwo auf dem Gelände verbuddeln, per Hand versteht sich, und da liegt es bis heute. Hin und wieder spielen andere Lehrlinge Goldgräber, wenn sie Diamanten für irgendwelche Schleifübungen brauchen... aber selber basteln macht mehr Spaß und geht schneller als ausgraben, und deshalb liegt immer noch ein Riesenhaufen dort. Diamonds are forever, und essen kann man sie nun mal nicht.“ gab er eine bekannte M-Tec-Anekdote zum Besten. Und Frans begann allmählich zu verstehen, daß die Menschen dieser Zeit, oder zumindest jemand wie Siwa, ein ganz anderes Verhältnis zu bestimmten Begriffen wie etwa „Reichtum“ hatte als jemand vom Ende des zwanzigsten Jahrhunderts. Und dann wurden seine Augen auf einmal riesengroß, als er in der Ferne, weit hinter seinem Begleiter, etwas entdeckte. „Äh, sagten Sie nicht, daß auf dieser Welt nichts lebt?“ stotterte er dann. Siwa hatte seinen Gesichtsausdruck schon bemerkt und sich suchend umgedreht, aber als Frans ihm dann ins Gesicht sah, sah er, daß der Junge hinter der Helmscheibe über das ganze Gesicht lachte.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 27. Mai 2014, 15:56:38 Uhr
„Oonarks! Das glaube ich jetzt nicht!“ stieß er hervor und ging auch schon los, geradewegs auf die unerwarteten Besucher zu, die gerade mit sehr gemächlichen Bewegungen über eine Bodenwelle herankamen.
„Was sind Oonarks?“ rief Frans und eilte hinterher.
„Oonark heißt übersetzt so viel wie Mondwolf. Sie sind eine Lebensform vom Mond Durekey, eine der wenigen Lebensformen von dort, die harmlos genug waren um auch auf andere Welten exportiert zu werden. Es sind Lebensformen auf Siliziumbasis, also keine Kohlenstoffformen wie wir, und sie ernähren sich auch hauptsächlich von siliziumhaltigen Sachen, mit anderen Worten, von Sand und Steinen. Mit kohlenstoffhaltigem Futter, also mit Fleisch oder Pflanzen, können sie nichts anfangen, was sie für ihre Innenskelette, die zum Teil aus Kohlefaser bestehen, an Kohlenstoff brauchen ziehen sie aus der Luft. Sie sind für uns total ungenießbar und wir für Sie, und das wissen sie auch. Sie sollten sich aber trotzdem von den Mäulern fernhalten. Wenn die Tiere noch nie einen Menschen gesehen haben, könnten sie auf die Idee kommen, uns auf unsere Genießbarkeit zu testen, und das würden unsere Anzüge nicht überstehen.“ Je näher sie an die drei Tiere herankamen, das größte zuvorderst und jedes dahinter deutlich kleiner als das vorige, um so besser konnte Frans sie betrachten. Sie sahen einfach - bizarr aus. Gerade so, als seien sie aus zwei verschiedenen Tieren zusammengesetzt worden. Das Vorderteil war einigermaßen schlank, die nackte, zähe Haut bedeckt mit einem Muster von langen schwarzweißen Streifen. Die vier starken, irgendwie gummiartig wirkenden Beine endeten in vierzehigen Füßen, deren schwarze Farbe von einem seltsamen graublauen Metallschimmer durchsetzt war. Der Kopf war keilförmig und bestand in erster Linie aus einem furchterregend großen, von kräftigen Muskeln umgebenen Maul, in dem Reihe um Reihe um Reihe von starken Mahlzähnen steckten, ein echter Steinbrechapparat. Darüber glühten vier Augen in intensivem Rot, als wären die winzigen Hirne der Tiere mit glühenden Kohlen gefüllt. Das beleibt wirkende Hinterteil dagegen, das nochmals vier Beine aufwies, schien von einer Plüschfigur zu stammen, es war nämlich mit einem Pelz aus langen reinweißen Borsten besetzt, die absolut unnatürlich und gar nicht wie Haare, sondern mehr wie Kunststoff aussahen, vergleichbar den starren weißen Borsten eines Kunststoffschrubbers.
„Macht denen die Luft hier nichts aus?“ wollte Frans wissen. Die Tiere reagierten auf ihre Annäherung, die furchterregenden Köpfe drehten sich in ihre Richtung, aber an ihrem Schleichtempo änderte sich nichts. Ganz gemächlich setzten sie weiter Fuß vor Fuß vor Fuß, offenbar sorgsam darauf bedacht, daß immer so viele Füße wie möglich am Boden blieben, als hätten sie Angst plötzlich abzuheben.
„Oonarks atmen nicht wie wir. Das bißchen Sauerstoff, das sie für ihren Stoffwechsel brauchen, synthetisieren sie in ihren Mägen, die sowas wie Chemielabore sind. Kohlenstoff ziehen sie aus dem Kohlendioxid der Luft, wie gesagt, und das Silizium bekommen sie hier überall. Vermutlich ist das große Exemplar mal von einem Raumfahrer hier ausgesetzt worden, als es ihm über den Kopf wuchs, und es hat sich vermehrt. Das läuft asexuell durch Sprossen, und natürliche Feinde gibt es hier nicht für sie. Die weißen Haare am Hinterteil sind übrigens sowas wie Glasfaserkabel, sie sammeln alle Arten von Strahlung, von sichtbarem Licht bis hin zu kosmischer Strahlung, die in der Haut in brauchbare Energie für das Tier umgewandelt wird. Wenn es Tag wird, drehen sie der Sonne den Hintern zu und gewinnen so Energie für die Nacht, und sobald es ihnen zu heiß wird, graben sie sich irgendwo ein. Aber bis sie sich so weit vermehrt haben, daß sie den Planeten ernsthaft gefährden könnten mit ihrem Steinchenfressen, wird es noch viele Millionen Jahre dauern.“
„Woher wissen Sie das alles?“ staunte Frans mal wieder.
„Ein Bekannter von mir hat einen Oonark als Haustier. Und einen ausreichend großen Steingarten dazu als Futterquelle. Die Kinder aus der ganzen Nachbarschaft reiten begeistert auf dem Tier, aber immer schön nach Oonark-Art im Schneckentempo. Oonark sind vieles, stark und widerstandsfähig und genügsam und langlebig, aber schnell sind sie nicht. Ihr Höchsttempo entspricht dem eines alten Mannes am Krückstock, ein gesunder Mensch kann selbst einem ausgewachsenen Exemplar wie diesem hier mühelos davonlaufen. Solange Sie sich also nicht gerade ein Bein brechen oder aus Leichtsinn lange genug stehenbleiben, daß er Sie aus Neugier anknabbern kann, sind Sie sicher vor ihm.“ Und um seine Worte zu beweisen, tat er die letzten Schritte auf das größte der Tiere zu und tätschelte ihm die nackte schwarzweiße Flanke, kurz vor der Trennlinie zum borstig-weißen Hinterteil. Der Schädel mit dem furchterregenden Maul und den flammenden Augen schwang herum, jedoch langsam genug, daß Siwa in bequemem Fußgängertempo ausweichen konnte.
„Sehen Sie, ist nichts dabei. Und wenn wir lange genug hierblieben, daß sie sich an uns gewöhnen, könnten wir auf ihnen sogar Rodeo reiten, aber so langsam, daß Sie dabei wahrscheinlich einschlafen würden.“ 
Frans lächelte zurück, so ein originelles Tierchen hätte er gerne als Haustier mitgenommen. Aber es war wohl besser, diese kleine außerirdische Familie beisammen zu lassen in dieser überwältigenden Einsamkeit. So ließen sie sie unbehelligt weiterziehen in dieser toten, leeren Welt, die sie vielleicht in ein paar Millionen Jahren ganz erobert haben würden, und das ganz friedlich und in gemächlichem Schneckentempo, immer ein Bein vor das andere...  und die menschlichen Besucher setzten ihren Spaziergang fort. „Gibt es hier noch andere Sehenswürdigkeiten?“ fragte Frans bald. Die Erregung des Neuen klang schnell ab, und ehrlich gesagt, hier sah es auch nicht viel anders aus als in irgendeiner Wüste auf der Erde, im Tal des Todes vielleicht, bei Sonnenauf- oder untergang. Jede Menge kahle, öde Landschaft, Steine, Felsen, Hügelketten und ferne Berge, dafür keine einzige Pflanze, nicht einmal ein einsamer Kaktus, und über allem der in einer Richtung heller rötlich gefärbte, endlose Himmel, der die nahende gnadenlose Hitze der viel zu nahen Sonne ankündigte... nach spätestens ein paar Stunden hatte man an so einem Ort einfach alles gesehen, was es zu sehen gab, Diamantenvorkommen hin oder her.
„Ja, die gibt es. Es gibt riesige Höhlensysteme, regelrechte Wälder aus Kristallen, offen zutage liegende Metallvorkommen mit sehr absonderlichen Strukturen und ein paar aktive Vulkane, die sich anderswo als Touristenmagneten eignen würden. Die sind aber über den ganzen Planeten verteilt und liegen meistens in Nähe von Bergbausiedlungen, weil es üblicherweise Prospektoren sind, die mit ihren Suchdrohnen oder ganz altmodisch in eigener Person den Planeten nach brauchbaren Rohstoffen absuchen und dabei solche Sachen entdecken. Die Gesamtbevölkerung von Sonabir beläuft sich auf nicht mehr als etwa fünfzigtausend Personen zu jeder Zeit, bei so einer dünnen Besiedlung ist jede Entdeckung ein Zufallsfund.“
„Verstehe.“ So hatte Frans auch nichts dagegen, daß nach einiger Zeit wieder ihr Raumschiff in der Ferne auftauchte, sie hatten einen weiten Bogen geschlagen quer durch den riesigen Krater hindurch und näherten sich ihm aus einer anderen Richtung. Nach dem rötlichen Zwielicht-Dämmer der kahlen toten Welt kam Frans das gelblichgrüne freundliche Licht und der Waldgeruch in der Hammer-Symor wie Heimat vor, als sie endlich zurück im Schiff waren und die Helme absetzten.
„So, jetzt muß ich aber wirklich für Königstiger.“ meinte er, während eine unbekannte Maschinerie in den Schleusen-Wandschränken ihn von Panzer und „Taucheranzug“ befreite.
„Halten Sie noch ein paar Minuten durch.“ scherzte Siwa. „Die nächsten Mannschaftsquartiere sind nicht weit weg. Wir können essen, ausruhen, uns ein Sim ansehen, und danach starten wir irgendwann nach Otrona II. Solange ich keine neuen Anweisungen von oben bekomme, können wir eigentlich machen, was wir wollen.“ 
Die Mannschaftsquartiere erwiesen sich als durchaus für menschliche Bewohner geeignet, die Einrichtung vergleichbar mit der des Appartments auf Otrona I, wenn man davon absah, daß auch hier hin und wieder eine Cyder hindurchwuselte oder -flog. „Die Kay ist übrigens auf Diskretion programmiert.“ erklärte Siwa amüsiert. „Solange nicht gerade ein absoluter Notstand ausgerufen wird, brauchen Sie also keine Angst haben, daß Sie in Ihren privatesten Lebensäußerungen ausspioniert werden, selbst die Sicht des jeweiligen Captains wird verschleiert, wenn er versucht, Sie in Ihrem ´heimlich Gemach´ zu beobachten. Das einzige was er bekommen darf ist die Angabe, daß mit Ihren Vitalfunktionen alles in Ordnung ist. Aus Sicht der Cyders sind wir auch nur weitere Bestandteile des Raumschiffs, die hier leben, ihren Geschäften nachgehen, essen und Häufchen machen und sich vielleicht sogar vermehren, meistens beachten sie uns gar nicht.“ 
Das war beruhigend. Abermals gönnten sie sich ein opulentes Mahl, nachdem Frans sein unmittelbares Bedürfnis befriedigt hatte, dann führte Siwa ihn in die Benutzung eines modernen dreidimensionalen Holo-Sims ein, für das ein Computernerd aus Fransens Eigenzeit zweifellos seine Seele verkauft hätte, und anschließend war ein ausgiebiges Nickerchen angesagt. Niemand hetzte sie, keine dringenden Termine warteten, es war so verdammt geruhsam draußen im Weltall, weit weg von der Erde... ein Abenteuerurlaub von der Sorte, die Frans liebte.
Als sie viel später wieder zu neuen Schandtaten bereit waren und Siwa sichergestellt hatte, daß zwischenzeitlich keine neuen Anweisungen über seinen Laptop eingetroffen waren, konnten sie zu ihrer nächsten Etappe aufbrechen.
„Otrona II ist die andere Hälfte von Otrona I, die mal in einem Krieg verlorenging und seitdem solo existiert. Es sieht genauso aus wie der andere Teil, nur die Belegschaft ist deutlich angenehmer.“ erzählte Siwa. „Bis auf den Obermotz, was Sie wörtlich nehmen können, Ektheb ist ein Ekelpaket ersten Ranges. Lassen Sie sich nie auf eine Rauferei mit ihm ein, er ist ein Halbdhoanor, ein Mischling, und sehr viel stärker und schneller als ein Mensch. Er weiß zwar, daß Sie unter dem Schutz der Benu stehen, aber das wird ihn sicher nicht daran hindern, Ihnen eine Abreibung zu verpassen, nur so, aus Spaß an der Freude. Er liebt uns Benuna nämlich so innig wie Krätze, und ein wenig verbeulen darf er Sie, das würden die Benu durchgehen lassen, nur wenn er Sie umbringen würde, bekäme er mächtig Ärger. A propos, wie gut sind Sie in einem Kampf? In einem richtigen, wohlgemerkt?“
„Nun ja, abgesehen von ein paar kleinen Prügeleien in meiner Highschool-Zeit... ich habe ein paar Jahre Judo gemacht, es dann aber wieder aufgegeben, als ich von der Schule abging. Ging zeitlich einfach nicht mehr, Sie verstehen.“
„Fein, Judo macht beweglich. Könnte aber nicht schaden, Ihnen trotzdem ein kleines Extra zu besorgen, nur so für alle Fälle, falls Ektheb Ihnen nachstellen sollte.“ Siwa hatte seinen Wunder-Laptop wieder aufgeklappt und tippte jetzt irgendetwas. „Ich frage gerade nach, ob es okay ist, wenn ich Ihnen ein „offenes“ Lehrprogramm verpasse. Die Dinger funktionieren nicht ganz so schnell wie im Film „Matrix“, aber Ihnen wird hinterher trotzdem ordentlich der Schädel brummen. Bei uns M-Tecs gehört Selbstverteidigung zum offiziellen Lehrstoff, eben weil wir uns immer wieder unserer Haut wehren müssen, allerdings verleiht uns unsere Matrix gewisse Vorteile, die andere nicht haben. Deshalb konnte ich mir Ektheb auch immer vom Leib halten, ich bin noch einen Tick schneller als er.“ Wieder ein Grinsen, und dann war offenbar schon die Antwort da.
„Sie schicken eine Datei speziell für Sie, wird gerade hochgeladen, und dann können Sie sich mal daran versuchen.“  Siwa schob Frans das Gerät hinüber. „Allerdings  muß ich mich für die Dauer Ihres Kurses verdünnisieren, ich habe nämlich kein Interesse an einer Dosis Migräne. Aber ich wollte sowieso mal die Bestände im hinteren Laderaum durchsehen... rufen Sie mich einfach über den Bordcom, wenn Sie fertig sind. Die Kay reagiert auf mündliche Befehle, auch von hier aus. Sie brauchen nur rufen, das geht wie im „Raumschiff Enterprise“, die Serie kennen Sie doch sicher, oder?“
„Ja. Wie lange wird das ungefähr dauern?“ fragte Frans, doch etwas besorgt, wo sie doch eigentlich sofort nach Otrona II weiterfliegen wollten...
„Nur etwa eine Stunde, wenn es ein voller Kurs ist. Aber uns hetzt ja keiner, es ist egal, ob wir ein paar Stunden später auf Otrona II ankommen.“ versprach Siwa. 
„Sagen Sie, woher wissen Sie eigentlich so viel über Filme und Fernsehserien meiner Zeit?“
„Erstens, weil mich diese nostalgische Zeug schon immer angesprochen hat, das hatte einfach noch Charakter und Charme damals, nicht so wie vieles, was danach kam... und zweitens habe ich mich noch mal schlau gemacht, während Sie schliefen. Wahrscheinlich hat man mich gerade wegen meines Interesses an alten Kamellen für Sie ausgesucht.“ Siwa wich lachend zurück, noch bevor es bei Frans funken konnte, machte winke-winke von der Tür aus und war verschwunden, überließ seinen Gast seinem Lehrprogramm.
Der Schauspieler schüttelte nur den Kopf und lächelte vor sich hin. Siwa gefiel ihm, der junge Benuna schien ein patenter Kerl zu sein, frech nur dann, wenn es angebracht war, und bereits vernünftig genug, Verantwortung für ein Raumschiff und vieles andere zu tragen. Aber wahrscheinlich war er bereits älter als er aussah, dachte Frans abermals. Und dann griff er mutig nach dem außerirdischen Wundergerät, um das berüchtigte Lehrprogramm zu starten... 
„Na, ist das Hirn noch ganz?“
Frans blinzelte verwundert. Er hatte doch gerade eben erst...
Verdutzt starrte er Siwa an, der hereinkam und sich dabei ein imaginäres Stäubchen vom Laderaum von der Hose wischte. Wenn Siwa schon wieder hier war, mußte die Stunde um sein - hatte er einen Filmriß gehabt? Er runzelte die Stirn. So hirntot wie der Junge es ihm prophezeit hatte fühlte er sich nicht... aber er erinnerte sich einfach nicht!
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 21. April 2015, 18:10:32 Uhr
Siwa lächelte, kannte diese verdutzte Miene wahrscheinlich von anderen Gelegenheiten her einschließlich sich selber, wenn er selber regelmäßig solche Lehrprogramme durchmachte. Und dann guckte Frans abermals verdutzt, aber nach unten, weil seine Hand sich auf einmal selbständig gemacht hatte. Völlig ohne Vorwarnung hatte Siwa nach ihm geschlagen - und Fransens Hand hatte den Hieb abgestoppt, ganz ohne daß Frans bewußt etwas dazu getan hätte!
„Na sehen Sie, es wirkt schon.“ machte Siwa zufrieden und zog angelegentlich seine Faust zurück. „Das steckt jetzt alles in Ihrem Unterbewußtsein, Sie müssen es nur noch bewußt herauslassen und unter Kontrolle bekommen. Machen wir ein paar Übungsrunden? Es gibt hier auch einen Trainingsraum...“
„Verdammt, was haben die mir ins Hirn gepflanzt?“ stieß der Schauspieler hervor, ohne sich zu rühren.
„Nichts von dem unsere Bosse nicht annehmen würden, daß Sie es brauchen werden. Sie gehen sehr effektiv vor, wissen Sie. Aber was das genau ist müssen Sie selber herausfinden. Learning by doing und so, die Software ist jetzt vorhanden, aber die Hardware muß auch geschult werden. Also kommen Sie.“
Frans starrte den Jungen an, der sich wieder zur Tür begeben hatte und ihn jetzt anschaute, darauf wartend, daß er sich endlich bewegte. Aber Frans meditierte gerade darüber, einmal kurz und sehr dramatisch aus der Rolle zu fallen, indem er einen Panikanfall markierte - verdammt, er mochte es einfach nicht, so manipuliert zu werden, bis hin zu Zeiten, an die er später keine Erinnerung mehr hatte!
Siwa schien zu begreifen, was in ihm vorging. „Sie erinnern sich nicht an die letzte Stunde, nicht wahr?“ fragte er. „Das kann vorkommen, vor allem bei den ersten Kursen. Aber Sie können sicher sein, wenn etwas enthalten gewesen wäre, was Ihnen gegen den Strich geht, wären Sie an dieser Stelle ausgestiegen. Sie müssen nicht widerstandslos alles fressen, was man Ihnen vorsetzt, das ist ein Lehrprogramm und keine Hirnwäsche. Mit gehirngewaschenen Zombies können die Benu nichts anfangen, die sind viel zu langweilig für sie. Wir sollen ruhig ein wenig widerborstig sein und eigene Ideen entwickeln, sonst macht das Spiel keinen Spaß.“
„Ein Spiel?“ dehnte Frans, der gar nicht mehr wusste, ob er verblüfft oder lieber sauer sein wollte.
„Die Götter wollen Unterhaltung. Und wir sind die Bauern auf dem Spielbrett, ob uns das gefällt oder nicht. Hohes Risiko, aber auch hohe Gewinnchancen, wie das Leben halt so ist.“ erklärte Siwa ruhig. „Als Benuna sind wir im Spotlight der Geschichte. Aber Sie sind Schauspieler, da müßten Sie es eigentlich gewöhnt sein, im Scheinwerferlicht zu stehen.“
„Nur bei den --“  Frans stoppte. „Nur bei den Aufnahmen“, hatte er sagen wollen, sein Privatleben wollte er gefälligst weitab von allen Paparazzis und Scheinwerfern schön privat und anonym leben. Aber über all dem Neuen hier hatte er eine Sache vergessen - das hier war seine Probezeit, sein Vorsprechen für die Rolle, seine Testaufnahme! Ganz unwillkürlich sah er sich um, ob da irgendwo eine Kamera lauerte - und dann fiel ihm ein, daß die Wesen, die alles hier orchestrierten, nicht auf klotzige und gut sichtbare Kameras angewiesen waren, jede einzelne Cyder, die sich gerade hier im Raum befand, konnte sie gerade im Visier haben und jede ihrer Regungen festhalten. Und abermals schien Siwa seine Gedanken genau zu erraten.
„Machen Sie sich nicht ins Hemd, und verfallen Sie nicht in Paranoia. Die Benu suchen sich genau das heraus, was sie für das Projekt brauchen, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und da man sich offenbar viel von Ihnen erhofft, bekommen Sie auch etwas mehr als Vorschuß. Die meiste Zeit sind wir ziemlich unüberwacht, und wenn ein Benu wirklich etwas wissen will, dann holt er es sich direkt aus unseren Gehirnen, Subtilität ist nicht unbedingt ihre Stärke. Das passiert aber zum Glück nur selten. Also entspannen Sie sich, und machen Sie immer einen Schritt vor den anderen, wie Sie es gewohnt sind. Wenn wir nach Meinung unserer Bosse links gehen sollen, wo wir normalerweise rechts gehen möchten, wird uns das entweder jemand rechtzeitig sagen, oder es soll ihn der Teufel holen.“ 
Abermals war es Siwas Nonchalance, die Frans überzeugte. Eine gehörige Portion Kaltschnäuzigkeit gehörte wohl im Umgang mit übermächtigen Halbgöttern aus dem All dazu.
„Trainingsrunde?“ fragte Siwa abermals, und Frans nickte, stand endlich auf und folgte ihm.
„Wie wird das ablaufen mit den Dreharbeiten?“ fragte er, während sie durch weitere Korridore marschierten.
„Da muß ich mich überraschen lassen, ich habe davon viel weniger Ahnung als Sie. Ein Filmprojekt hatten wir bis jetzt noch nie. Aber das ist für Matrixtechniker-Lehrlinge wie mich normal, daß wir aus heiterem Himmel ins kalte Wasser eines völlig neuen Projekts geworfen werden und dann das beste daraus machen sollen. Lassen wir es einfach auf uns zukommen, schlimmer als falsch machen können wir es nicht.“ antwortete Siwa beruhigend und öffnete eine Tür, hinter der sich ein riesiger Saal erstreckte, der an den Markierungen auf dem Boden und den zahlreichen herumstehenden Geräten als Trainingsraum zu erkennen war. Spinde an den Wänden enthielten Trainingsanzüge, und nach wenigen Minuten standen sie sich umgekleidet auf der Matte gegenüber.
„Habe ich das gerade richtig verstanden, es würde nichts ausmachen, wenn der Film ein Flop würde?“ fragte Frans, als sie sich in Position begaben und sich zuerst einmal, wie beim Judo, voreinander verbeugten. Dann winkte Siwa, Frans solle ihn angreifen. Schlag, Abwehr, Nachstoß, Drehung, Tritt, Ausweichen, Gegenstoß - was in mäßigem Tempo eigentlich mit Judo beginnen sollte, das sie beide beherrschten, steigerte sich schon in der ersten Runde zu einem Catch-as-catch-can aller möglichen Kampfsportarten. Noch wußten sie beide nicht, was und wie viel der andere beherrschte, sie tasteten sich langsam aneinander heran, den anderen fordernd, jedoch bemüht, ihn nicht zu überfordern. Was gerade für Siwa nicht leicht war, der sonst mit seinem Lehrer Carolus Rye zu sparren pflegte, und Carolus war nicht dafür bekannt, seinem Lehrling im Ring etwas zu schenken. Außerdem mußte das Wissen, das jetzt in Fransens Schädel steckte, erst herausgelockt werden, der Körper mußte erst lernen, den instinktiven Reaktionen Folge zu leisten. 
Frans atmete etwas schneller, als sie sich trennten, Siwa wirkte völlig ungerührt, zehn Minuten im Schneckentempo brachten ihn noch nicht in Wallung. „Sehr gut, aber noch keine Zigarre, das ist immer noch Anfängerniveau bei uns M-Tecs. Und um Ihre Frage zu beantworten, ums Geldscheffeln geht es bei diesem Projekt mit Sicherheit nicht, davon hat die Firma mehr als genug. Kein Wunder, wenn ihr ein ganzer Planet gehört und auch anderswo noch einiges. Ich halte es aber für sehr verdächtig, daß man Sie aufwendig aus der Vergangenheit hierhergeholt hat, statt irgendein heutiges Nachwuchstalent oder eine komplett computergenerierte Figur zu benutzen. Daß man Ihnen damit potentiell das Leben gerettet hat, ist nur ein netter Nebeneffekt, in Wahrheit geht es vermutlich darum, daß die Benu eine Manipulation der Vergangenheit vorhaben. Aber ich werde den Teufel tun und danach fragen, in die Brennesseln setzen kann ich mich auf angenehmere Weise.“
Frans lächelte, die Art in der Siwa über seine „Bosse“ sprach, ließ die gefürchtetsten Regisseure seiner eigenen Zeit wie gute Kumpel aussehen. 
Ring frei für die zweite Runde, diesmal schon etwas schneller. Danach war Frans hochgradig erstaunt, erstens über sich selber, weil er auf einmal Dinge beherrschte, Stöße, Tritte, Ausweichmanöver und jede Menge hinterhältiges Zeug, das ihm seine früheren Judolehrer mit Sicherheit nicht beigebracht hatten, das war Freestyle-Kampfsport, das beste und fieseste aus sämtlichen Disziplinen zusammengemixt. Und zweitens staunte er über Siwa, der jeden dieser neuentdeckten Tricks mit müheloser Leichtigkeit parierte.
„Warten Sie, bis sich Carolus oder ein anderer Kollege von mir blicken läßt, dann zeigen wir Ihnen mal, wie ein Match unter M-Tecs aussieht. Da werden Sie Bauklötze staunen!“ versprach Siwa. „Wir benutzen im Kampf die sogenannte Schnellzeit. Das sieht aus wie im Film „Matrix“ - den kennen Sie, ja?“ Und Frans nickte bestätigend.
Nach der dritten Runde war Frans fix und fertig, und es war ihm immer noch nicht gelungen, einen einzigen Treffer anzubringen. Dafür hatte er einige Bewegungsabläufe bestaunen dürfen, die er bisher für reine Filmtricks gehalten hatte, wie das Hochlaufen an Wänden. Aber Siwa beherrschte das, und er hielt sich keineswegs für den besten Sportler unter seinesgleichen. 
„Sie machen sich gut, aber Ihnen fehlt einfach die Übung.“ meinte Siwa später, als er ihm zeigte, wo die Duschen versteckt waren. „Sie kennen jetzt ein paar Tricks, sind aber noch viel zu langsam, die wirklich guten Sachen anzuwenden, die Hardware will eben auch erst mal trainiert sein. Lassen Sie sich also vorerst lieber nicht auf eine Auseinandersetzung mit Ektheb ein. Sie können ihn vielleicht mit etwas Unerwartetem überraschen und die Zeit nutzen um sich abzusetzen, wenn er eklig wird, aber wenn er Sie zu packen bekommt sind Sie fällig. Und, ja, ich rede da aus Erfahrung.“
Erfrischt und angenehm ermattet von der Anstrengung trotteten sie anschließend in Richtung Cockpit. Und diesmal freute sich Frans auf seinen zweiten Flug als Copilot. Diesmal zeigte er keine Angst mehr, als die Tentakel aus ihren Löchern fuhren und nach ihm haschten, er hieß sogar den kurzen Blackout willkommen der folgte, während er mit den Schiffssystemen verbunden wurde -
und da war wieder das virtuelle Cockpit und Siwa in seiner Kapitänsuniform, der ihn anlachte. „Wie wäre es, wollen Sie den Start übernehmen? Ich führe Sie durch die einzelnen Schritte, und dann versuchen Sie es. Falsch machen können Sie nichts, ich bin ja da und kann notfalls eingreifen, und hier gibt es auf tausend Meilen im Umkreis keinen Flugverkehr, dem wir in die Quere kommen könnten.“ Dabei zeigte er auf einen riesigen runden Radarschirm mitten auf der Steuerkonsole vor sich, der beim ersten Flug garantiert noch nicht da gewesen war  - aber es handelte sich ja nur um eine Simulation, die sich jederzeit ändern konnte, fiel Frans wieder ein. Abermals fühlte er leichten Bammel, aber inzwischen vertraute er Siwa, der würde bestimmt nichts tun, was das Schiff in Gefahr brachte.
„Also, als erstes muß Ihnen klar sein, daß Sie es hier nicht mit einem normalen düsen- oder propellergetriebenen Fahrzeug zu tun haben.“ begann der Junge. „Dort drückt man auf ein paar Knöpfe, und als Reaktion läuft der Motor und liefert Schub, oder auch nicht. Eine Hammer-SyMOr dagegen arbeitet mit reiner Energie, einmal mit den Energien, die das Herz, der Matrixkranz, erzeugt oder besser gesagt, aus anderen Dimensionen in unsere überträgt, und einmal mit den Energien, die von außen kommen, mit Gravitation, Sonnenwinden, Magnetfeldern und all den anderen Kräften, mit denen selbst das Vakuum des Alls erfüllt ist. In den Zeiten vor der Ihren sprach man vom „Äther“, heute drückt man es wissenschaftlicher aus, meint aber im Wesentlichen das gleiche. Sie schwimmt quasi in all diesen Energien und benutzt die eigene interne Energiequelle, um die anderen Energien zu manipulieren, anzureichern oder von sich zu stoßen, so daß wir dahin kommen wo wir hin möchten. Bei einem langen Flug im interstellaren Raum surfen wir quasi auf den Gezeiten der Schwerkraftwellen, die ständig durch das Universum wandern, und das fühlt sich wirklich cool an. Können Sie sich das soweit vorstellen?“
Frans nickte, vor allem weil Siwa zu seinen Worten ein Mini-Modell des Schiffes aus bunten Lichtlinien hatte entstehen lassen, das scheinbar vor seiner Nase in der Luft schwebte, umgeben von leuchtenden, sich bewegenden Lichtfeldern und Wellenlinien in anderen Farben, die die genannten Kräfte darstellen sollten.
„Wenn ich also das Schiff starten will, hole ich mir einfach aus dem Herzen die richtige Menge Energie, die gebraucht wird, um das Schiff entgegen der Schwerkraft dieses Planeten zu bewegen, und drücke damit nach oben, damit wir frei werden von besagter Schwerkraft. Aber noch bevor ich das mache, sollte ich den Kurs anlegen. Das kann man natürlich auch später machen, aber immer wenn Sie von einem Hafen aus starten wollen, wird vorausgesetzt, daß Sie einen genauen Flugplan vorlegen, damit man später nachforschen kann, wenn Sie unterwegs aus irgendeinem Grund verschüttgehen sollten. Und zumindest im engeren Orbit bewohnter Welten sollte man sich tunlichst genau an vorgeschriebene Flugrouten halten, weil man sonst leicht mit anderen Luftfahrzeugen oder mit Satelliten aneinandergerät, und die Dinger kommen verdammt teuer, wenn man sie aus purem Leichtsinn verschrottet und ersetzen muß. Vom möglichen Verlust an Menschenleben, wenn das andere Teil bemannt war, gar nicht zu reden. Zum Glück ist die Eingabe des Kurses in einer Hammer-SyMOr ein Kinderspiel, die Kay weiß nämlich immer, wo sie sich gerade befindet, und wie man von dort zu einem anderen Ort kommt, den sie ebenfalls kennt, und mit jedem neuen Flug lernt sie dazu, ergänzt oder überschreibt veraltete Daten. Sie hat einen ziemlich ausführlichen Bestand an Informationen zu Flugbahnen, Kursberechnungen, Landeplätzen, den Eigenbewegungen stellarer Körper und sogar zu den gesetzlichen Vorschriften im Luftverkehr, die an den jeweiligen Orten gelten. Mit anderen Worten, wenn Sie irgendwo zu schnell hereinkommen oder militärischen Luftraum verletzen, um nur zwei Möglichkeiten zu nennen, werden Sie von der Kay dezent darauf hingewiesen, außerdem welche Alternativrouten Sie wählen können, und welche Strafen Sie zu erwarten haben, wenn Sie nicht umgehend Abhilfe schaffen. Wenn Sie also von einem bekannten Standort zu einem bekannten Landeort wollen, müssen Sie dem Schiff das nur sagen, und es bringt Sie ganz von selbst dahin, ohne daß Sie viel dazutun müssen, die Kay berechnet alles selbständig. Aber von einem echten, ausgebildeten Raumnavigator wird selbstverständlich erwartet, daß er die Daten eigenständig auf ihre Korrektheit überprüfen kann, ein hundertprozentiges Verlassen auf eine Künstliche Intelligenz ist nicht erwünscht.“ Neue Lichtbahnen bildeten sich um Siwa herum, und an den leuchtenden außerirdischen Schriftzeichen, die daneben in der Luft hingen, konnte Frans ablesen, daß es sich um eine einfache Simulation ihres Kurses nach Otrona II handelte.
„Zu Raumflügen muß man wissen, daß im Weltraum die kürzeste Verbindung zwischen A und B nicht unbedingt immer die günstigste ist. Bei einem Start von einem Himmelskörper wie Sonabir etwa muß man sich fragen, in welcher Richtung der Start der günstigste ist, indem man die Eigenrotation des Himmelskörpers mit einberechnet, ob man mit oder gegen die Rotation starten will oder neutral, das heißt in schräger Richtung über einen Pol, wo man es dann allerdings mit einem planetaren Magnetfeld zu tun bekommen könnte, das an den Polen besonders stark wirkt. Im Weltall selbst muß man die Anziehungskräfte naher und fernerer Himmelskörper, beispielsweise Sonnen und Planeten, und deren Bahnen berücksichtigen. Beim engen Vorbeifliegen an einem stark massehaltigen Planeten etwa ergibt sich durch dessen Anziehungskraft eine Art Schleudereffekt, der einem ganz ohne eigenes Zutun zusätzlichen Schub und einen neuen Kurs bescheren kann. Zu Ihrer Zeit war die Berücksichtigung solcher Phänomene samt korrekter Kursberechnung besonders wichtig, als man auf Raumflügen noch mit jedem einzelnen Pfund Treibstoff geizen mußte, und man legte Starts meist auf enge Zeitfenster, in denen die Umgebungsbedingungen besonders förderlich für einen Start waren. Eine Hammer-SyMOr hat eigentlich mehr als genug Energie, so daß sie diese Dinge im Notfall auch ignorieren kann, aber einen guten Kapitän erkennt man daran, daß er in jeder Lebenslage mit seinen Ressourcen haushalten kann, er verwendet niemals mehr als er tatsächlich muß.“
Frans hatte abermals jedes Wort verstanden, weil Siwa weiterhin leuchtende Simulationen von Sonnen, Planeten und Miniatur-Raumschiffsmodellen um sich herumtanzen ließ, dazu eine Flut von bunten Pfeilen, die Bewegungsrichtungen und deren Veränderungen durch variable Geschwindigkeiten und Abstände von Schwerkraftzentren markierten. Er mußte jedoch angesichts des dargebotenen Wissens etwas zu anbetend dreingeschaut haben, weil Siwa fröhlich erklärte: „Was ich Ihnen gerade erzähle, gehört alles zum Anfängerkurs Weltraumnavigation für Dummies. Wenn Sie auf handfeste mathematische und physikalische Kenntnisse scharf sind, mit denen man das alles ohne Hilfe einer Kay selbst berechnen kann, können Sie eine Hypnoschulung dazu machen. Das ist alles keine Hexerei, die mathematischen Grundlagen waren schon in Ihrer Zeit bekannt. Mathematik ändert sich nun mal nicht im Lauf der Zeit, sie ist universell gültig. - Wollen wir?“  Dabei blickte er Frans auffordernd an, und der ließ sich nicht lange bitten, er nickte, zu jeder Schandtat bereit.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 29. Oktober 2015, 18:16:31 Uhr
„Die Kay ist jetzt auf Jungfernflug geschaltet, das heißt, sie gibt Ihnen alle Werte, die Sie brauchen werden, in narrensicherer Form vor und wird Ihnen hilfreich unter die Arme greifen, wenn Sie einen wichtigen Mindestwert unterscheiten sollten. Und ich bin ja auch noch da. Also - los!“
Und gehorsam griff Frans hinein ins Herz, das er irgendwie, scheinbar instinktiv, in seiner Reichweite spürte, und beobachtete die überall um ihn herum fließenden Datenströme, die ihm genau anzeigten, wieviel er da an Energie umleitete und wann er jeweils das minimal notwendige Level erreichte, aber Siwa hatte ihm ja zu verstehen gegeben, daß er nicht an Stoff sparen mußte, also füllte er auch noch die angegebenen Reserven auf, bis jede einzelne Anzeige das tödliche Rot, das warnende Grün überschritten und auch das Weiß guten Durchschnitts hinter sich gelassen hatte und ein befriedigendes Blau maximaler Versorgung erreichte. Blau als positive Farbe anstelle des Grün, das hier Warnfunktion besaß, hatte wohl etwas mit der außerirdischen Herkunft dieses Schiffes zu tun, dachte Frans, der unwillkürlich an die seltsamen Augenfarben der katzenartigen Außerirdischen denken mußte. Jetzt kam der zweite Teil der Aufgabe, nämlich jedem der unzähligen Bestandteile des Schiffes, das an einem Startvorgang beteiligt war, seinen Teil der Energie zuzuweisen. Ein Signal der Kay, daß der Aufbruch bevorstand, hatte all diese Teile aus ihrem Landungsschlummer aufgeweckt, und mit einem Mal schienen tausend weit aufgerissene Mäuler um Frans herumzusein wie tausend frischgeschlüpfte Küken, die alle sperrend nach Atzung gierten. Für einen Moment glaubte er sie sogar sehen zu können, tausende von flauschig-gelben Federbällchen mit weit geöffneten Schnäbeln, die beinahe größer als der Rest des Körpers waren, manche davon winzig, andere so groß wie ausgewachsene Lämmergeier, manche so groß wie Kühe, und dazwischen ein paar besonders wichtige, wie die Systeme des Hauptantriebs, die aussahen wie quietschgelb-plüschige Blauwale, die sich gut getarnt in die Kükenschar eingeschmuggelt hatten und genauso eifrig nach ihrem Löwenanteil an Futter verlangten. Und Frans ließ sich nicht lange bitten, füllte jeden Schnabel mit exakt der Menge, die hineinpaßte, weil sie dafür bestimmt war.
„Küken!“ gluckste Siwa begeistert. Er lachte wieder einmal über das ganze Gesicht, der Junge schien überhaupt eine Frohnatur zu sein. „Sie müssen aufpassen, wenn Sie in einer Kay Ihre Phantasie spazierengehen lassen, das bleibt nämlich hängen und teilt sich auch anderen mit, die ins System eingeklinkt sind. Ab sofort werden Sie ein energiehungriges System immer als ein piepsendes Küken wahrnehmen, dafür sorgt die Kay schon, wiwiwiwi!“ machte er lachend das Gepiepse nach. „A propos, sehen Sie die verfärbten? Das ist ein dezenter Hinweis der Kay, daß die betreffenden Einheiten nicht voll funktionsfähig, also wahrscheinlich gerade in Reparatur sind. Die Idee mit den Küken ist aber nicht schlecht, man kann sie weder übersehen noch überhören.“
Frans versagte sich die Frage, was Siwa in seiner eigenen Variante anstelle von Küken sah. Und die wenigen andersfarbigen Küken hatte er eigentlich für Ausgeburten seiner eigenen Phantasie gehalten, nicht für einen sehr realen Hinweis der künstlichen Intelligenz des Schiffes. „Solange ich nicht hinterher den ganzen Hühnerstall ausmisten muß...“ entgegnete er fröhlich und hörte Siwas leises Lachen. In Lyon´s Home, wo Siwa aufgewachsen war, hielt man noch Hühner, er wusste also, was die Tiere zu hinterlassen pflegten. Und jetzt, da jedes System mit Energie versorgt war, fühlte Frans geradezu, wie die Hammer-SyMOr erwartungsfreudig ihre Muskeln dehnte, den Start in ihre natürliche Umgebung, für die sie erschaffen worden war, den Weltraum, herbeisehnte, und Frans als momentaner Bestandteil ihres Gehirns fieberte mit. Er leitete den Start ein, drückte all die Energie in den Antriebseinheiten nach unten, und dann, als sich das Schiff tatsächlich mit seinem gewaltigen Gewicht gehorsam vom Boden hob, gab er nach und nach auch ein wenig in Richtung nach hinten und spürte, wie das Schiff in schrägem Winkel nach oben schoß.
„Gut so. Fliegen Sie einfach geradeaus.“ Wieder Siwa. „Ich sorge schon dafür, daß uns nichts in die Quere kommt, und vor uns müßte alles frei sein. Vor kleinen kosmischen Geschossen, die weiter oben hin und wieder in die Atmosphäre eindringen, muß uns nicht Bange sein, die fängt der Schutzschirm ab. Aber selbst wenn wir mit etwas Größerem kollidieren sollten, erleidet der Gegner mehr Schäden als wir, dafür sorgen die Relativschirme um uns herum. Sehen Sie sie?“
Und Frans sah sie, die wie extrem dünne Matroschkapuppen ineinandergestaffelten energetischen Schutzschirme, von denen jeder seine eigene Funktion hatte und die alle zusammen wie ein aus vielen Lagen Kevlar gebildeter Panzer einen praktisch perfekten Schutz für das Schiff ergaben.  Damit hätte man sogar durch das Herz einer aktiven Sonne fliegen können, ohne Schaden zu erleiden.
„Wir sind schon fast im Orbit. Ich gebe Ihnen jetzt die Kursdaten vor, und Sie versuchen unseren Kurs anzupassen, indem Sie den Antrieb entsprechend steuern. Außerdem können Sie die Beschleunigung verringern, weiter weg vom Planeten und seiner Anziehungskraft braucht man nicht mehr so viel Dampf, um vorwärtszukommen.“
Frans nickte nur, als vor ihm und rings um ihn auf einmal Zahlenströme erschienen, blau die vorberechneten Kursdaten, rot die momentanen Bewegungsvektoren, und gehorsam dämpfte er den Energieausstoß des Antriebs ein wenig, in der einen Richtung ein wenig mehr als in der anderen und änderte so ihre Bewegungsrichtung, bis die unterschiedlich gefärbten Zahlen einander annäherten. Die Kay reagierte, indem sie sämtliche Daten fortwährend anpaßte und darauf hinwies, wenn es an einem Punkt noch mangelte.
Frans hatte sich das eigentlich so vorgestellt, daß er ein Lenkrad oder einen Joystick bewegen mußte, oder zumindest die Simulation eines solchen, aber stattdessen hatte er das Gefühl, ein Dirigent zu sein, der ganz ohne Stock, nur mit Bewegungen seiner Hände und Finger, ein ganzes Orchester auf Trab hielt. Abermals glaubte er sie beinahe sehen zu können, Instrumente diesmal statt der Küken von vorhin, alle aufs feinste gestimmt und in tausend Farbtönen schimmernd, die von ihrer Bereitschaft für ihren pünktlichen Einsatz kündeten. So zu fliegen und das Schiff zu steuern, während er zugleich das Sternenmeer und alles andere draußen wahrnahm, als würde er wieder auf der Schiffshülle sitzen und schwere- und körperlos durch den Weltraum gleiten, war ein einzigartiges, faszinierendes Erlebnis. Beinahe haßte er es, als er Siwas Stimme hörte: „Das machen Sie sehr gut. Aber jetzt muß ich wieder übernehmen, weil wir uns unserem Ziel nähern. Für das Manövrieren in Nähe einer Raumstation und das Anlegen selbst braucht es Fingerspitzengefühl, das Sie noch nicht haben. Man teilt mir gerade mit, daß die Innendocks alle belegt sind, wir müssen draußen andocken. Macht auch keinen großen Unterschied, solange man der Station keinen zu deftigen Stoß verpaßt, man muß sich einfach millimeterweise anschleichen, bis die Greifer zupacken können und den Rest erledigen. Das Gewicht unseres Schiffes auszutarieren ist der Stationsbelegschaft überlassen. Die müssen nämlich dafür sorgen, daß sich das Umdrehungsmoment von Otrona II nicht durch die dranhängende zusätzliche Masse ändert, weil sonst alle Bewohner der Station von den Füßen gerissen werden und Dinge durch die Gegend fliegen. Aktion entspricht Reaktion, ganz wichtig beim Manövrieren im All.“
Frans nickte nur, er hatte bisher nicht geahnt, daß im Weltraum zu fliegen soooo kompliziert war! Aber zum Glück war er mit Siwa an einen sehr guten Lehrer geraten.
Er fühlte, irgendwie, wie Siwa das Steuer wieder übernahm, und beobachtete gespannt, wie sie sich mit ständig abnehmender Geschwindigkeit an die Raumstation heranpirschten. Wegen des großen Gewichts ihres Schiffes, ließ Siwa ihn wissen, erhielten sie Anweisung, an der Polkuppel anzudocken, also direkt „von oben“ auf dem „Deckel“ der grob mülltonnenförmigen Station, wo sich das Schiff dann gemächlich mit der Station um die eigene Längsachse drehen würde, bis sie wieder ablegten. Während sie sich wirklich im Schneckentempo die letzten Meter an das Dock heranschlichen, bewegten sich seitlich bereits Auswüchse der Station auf das Schiff zu, die die größere Frachtluke im Visier hatten. Es wurden also mindestens zwei Verbindungen zwischen Schiff und Station geschaffen. „Haben wir etwa Fracht...“ begann Frans neugierig, und unterbrach sich, weil er im gleichen Moment schon die Daten bekam, die Kay reagierte echt fix auf seine Anfrage.
„Haben wir, selbstverständlich.“ erwiderte Siwa. „Raumfahrt ist verdammt teuer, selbst wenn sie mit beinahe selbstversorgenden Raumschiffen wie einer Hammer-SyMOr stattfindet. Deshalb achtet jeder Kapitän darauf, die einzelnen Häfen so sparsam und gewinnbringend wie möglich anzufliegen und zu jeder Zeit die Frachträume mit Nutzlast gefüllt zu haben, so viel wie die Triebwerke gerade noch verkraften. Außer Fracht haben wir auch Post und Neuigkeiten dabei, alles auf Datenträgern natürlich. Vor allem auf Raumstationen herrscht immer Bedarf an so ziemlich allem was Sie sich vorstellen können, von Biomasse für die Biokonverter bis zum neusten Klatsch und Tratsch von anderen Welten. Während wir dem Chef von Otrona II unsere Aufwartung machen, wird automatisch entladen, was für die Station bestimmt ist, und alles eingeladen, was wir zurück nach Nh´Nafress oder später nach Dhoan-Sek oder zur Erde mitnehmen sollen. Natürlich überprüft die Kay alles auf unerwünschte Bestandteile, von Ungeziefer über blinde Passagiere bis zu Bomben. In dieser Hinsicht kann man nie vorsichtig genug sein.“ 
Gleich danach war das Andockmanöver vollzogen, und Siwa und Frans quälten sich abermals mit ihren unzulänglichen menschlichen Körpern ab, sobald ihre Direktverbindung mit dem Schiff unterbrochen war. Abermals machte Siwa kein Zeremoniell aus dem Aussteigen, er prüfte lediglich, ob die Dockverbindung auch tatsächlich sicher mit Druck und Atmosphäre versorgt war - halte im Weltraum niemals etwas für selbstverständlich, bevor du es nicht selbst überprüft hast, meinte er dazu - und dann glitt schon das zweite dicke Schleusentor vor ihnen auf, und sie standen in der fremden Station. Zumindest der Dockteil sah auch nicht anders aus als in Otrona I, befand Frans bald, während sie die geschäftige Zone durchquerten.
„Die Besatzung von Otrona II ist im Schnitt etwas anständiger als die auf der Schwesterstation. Die echten Gangster haben sich damals bei der Invasion alle auf Eins geflüchtet, und später haben wir darauf geachtet, „wir“ heißt die Sfarrk, die Matrixtechniker und ein paar andere, daß von den wirklich üblen Delinquenten keiner zurückkehren konnte. Sollten Sie mal auf einem Otrona in die Bredouille kommen, flüchten Sie zu den Sfarrk, die sind uns M-Tecs grundsätzlich wohlgesonnen.“ erzählte Siwa auf ihrem Weg. Abermals wußte er genau, wo er hinwollte, wo es Durchgänge gab und wie man auf der Station am schnellsten vorwärts kam. 

Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 2. Dezember 2015, 09:28:26 Uhr
„Sagen Sie mal, was ist das für ein Ding da?“ deutete Frans. „Das folgt uns hartnäckig, seit wir hier angekommen sind. Ist das eine Drohne oder so?“
Siwa sah sich um, konnte aber nichts entdecken, was wie eine Drohne aussah.
„Wo?“ fragte er. „Wie sieht es aus?“
„Na, da.“ deutete Frans wieder. So auffällig wie das Teil hinter ihnen herschwebte, fragte er sich, wie Siwa es übersehen konnte. „Sieht aus wie... na ja, wie ein altmodischer Digitalwecker. Nur daß es schwebt und die Zahlen rückwärts ablaufen. Ist das ein Countdown - eine Bombe vielleicht?“ Machte der „Stern der Verbrecher“ etwa ausgerechnet jetzt seinem Namen alle Ehre?
Siwa zwinkerte verdutzt, starrte dorthin, wo Frans hinwies, und drehte sich dann zu ihm. „Geben Sie mir Ihre Hand.“ forderte er.
„Häh?“ machte Frans, aber gehorchte. Händchenhaltend, guckte Siwa noch mal hin, und dann fiel hörbar der metaphorische Groschen. Er lachte, und drehte sich wieder Frans zu. „Sorry, das konnte ich nicht sehen, weil das Ding nur Ihnen ins Hirn eingepflanzt wurde, es ist eine Art ins Hirn einprogrammierte Fata Morgana, vermutlich ist das während des Lehrprogramms passiert. Erst durch diese Berührung kann ich es per telepathischen Kontakt ebenfalls wahrnehmen. Hat man Ihnen irgendeine Frist mitgeteilt, wie lange Sie hierbleiben würden?“
Frans überlegte, und dann erinnerte er sich. „Drei Tage Probezeit, hieß es auf dem Vertrag. Sie meinen...“
„Die Uhr ist ein dezenter Hinweis darauf, wie lange Ihnen hier noch bleibt, bevor man Sie zurückschickt. Sobald die Frist abgelaufen ist, verschwindet die Illusion. Sieben Stunden ist nicht gerade viel.“ Denn so viel zeigte der rückwärts laufende Countdown noch an. „Das reicht nicht mehr, die Ladearbeiten abzuwarten, darauf zu warten, daß Carolus wieder auftaucht und den Start nach Nh´Nafress einzuleiten. Also suchen wir erst Ektheb heim und gehen danach auf Sightseeing, so viel die Station hergibt. Wie wäre es, zum Beispiel die Sfarrk zu besuchen, die Brutmutter in ihrer gut gesicherten Höhle? Das bekommen Sie sonst auf keiner Touristentour zu sehen, die Sfarrk lassen längst nicht jeden zu ihrer Königin.“
Das klang interessant. Frans nickte. „Sagen Sie, was haben die mir sonst noch alles ins Gehirn gepflanzt?“ fragte er aber mit Besorgnis.
„Keine Ahnung, aber mit Sicherheit nur Dinge, die Sie brauchen könnten oder werden. Bei Anfängern halten sich die Benu mit ihren hinterhältigen Streichen noch zurück, sie verschwenden ihre fiesen Ideen nicht an Personen, die noch nicht gelernt haben sie wertzuschätzen.“ Und dazu zog Siwa eine lustige Grimasse, weil er damit anscheinend schon Erfahrungen hatte.
Da konnte Frans einfach nicht böse sein, er entspannte sich wieder. Und ließ sich gerne von Siwa weiter durch die Station führen. Es dauerte dann nicht mehr lange, bis sie ihr Ziel irgendwo in der Mitte der in viele Sektoren aufgeteilten Station erreichten.
„Da drüben geht es zur hiesigen Version des Parlamentssitzes. Drüben auf Eins heißt das Gebäude übrigens „Can Tuan“, weil es ursprünglich eine üble Räuberkneipe mit diesem Namen war, wo die Piratenhäuptlinge von Otrona residierten und regierten, während sie sich die Birnen zusoffen.“ deutete Siwa mit Wink zur historischen Vergangenheit der Raumstation. „Ich habe im Anflug die Termine abgefragt, im Moment stehen keine Versammlungen oder andere Termine des Stationsrats an, weshalb wir Ektheb wahrscheinlich bei sich zuhause antreffen. Er weiß bestimmt schon, daß mein Schiff hier angelegt hat, aber ein Anstandsbesuch gehört sich eben. Vor allem wenn ich einen Gast auf die Station mitbringe.“
„Warum bleibt er eigentlich, oder wird geduldet, wenn er doch explizit ein Gangster ist?“
Abermals schnitt Siwa eine Grimasse, aber diesmal sah sie nicht erfreut aus. „Ektheb hat sich etwas eingefangen, worauf sowohl die Benu als auch die M-Tec ein Auge haben, deshalb ist er hier quasi interniert.“ verriet er. „Er würde für sein Leben gern auf Eins mitmischen, den dortigen Chef Andreou, den er für ein Weichei hält, entthronen und dann die Puppen tanzen lassen, aber er weiß inzwischen, daß es auch zu seinem eigenen Wohl ist, wenn er hierbleibt. Also mimt er nach außen hin den Chef von Zwo, geduldet von uns M-Tecs, und liegt im wesentlichen auf der faulen Haut, weil er in Wahrheit wenig zu melden hat, weil der größte Teil der Amtsgewalt in den Händen des Rates und der Sfarrk liegt. Und solange wir keinen Weg finden, ihn von seiner unerwünschten Last zu befreien - was wir sofort täten, wenn wir wüßten wie - wird sich am Status Quo nichts ändern.“
Frans spürte, daß Siwa ihm soeben nicht alles erzählte, was es darüber zu sagen gab, aber er ließ es durchgehen. „Ist es ansteckend?“ fragte er sicherheitshalber. „Was er sich eingefangen hat, meine ich.“
„Jein.“ grinste Siwa schon wieder. „Sobald diese Gefahr eintritt, kommt er sofort in Einzelhaft, und wir lassen nur jemanden zu ihm, der sich der Sache würdiger erweist als Ektheb. Das was er hat und gerne loswerden möchte, möchten nämlich andere für ihr Leben gern haben und können nicht. - Dumm gelaufen, die ganze Geschichte.“ Und mit dieser kryptischen Bemerkung trat er ein, durch eines der dicken Schotts, die auf der Raumstation als Haustüren Standardausstattung waren, nickte in die Richtung, in der vermutlich eine Überwachungskamera eingebaut war, und kündigte laut an: „Siwa Hendricks und ein Gast von der Erde, Frans Hauser. Zu Ektheb, bitte.“
Ein darauf folgendes elektronisches Geräusch bestätigte, daß irgendeine versteckte Sicherheitsautomatik die Identität der beiden erfaßt, sie bestätigt beziehungsweise im Fall von Frans neu abgespeichert hatte, und daß der Wohnungsinhaber per Signal über die Besucher informiert worden war. Ein anderer elektronischer Ton zeigte an, daß der Zutritt erlaubt war, erneut öffnete sich eine Drucktür, die zusammen mit der Außentür eine komplette Schleuse bildete und somit einen Schutz für die dahinterliegenden Wohnräume, falls der Gang draußen aus irgendeinem Grund plötzlich seine Atmosphäre verlor - womit auf einer verletzlichen Raumstation immer zu rechnen war. Hinter dieser zweiten Tür lag ein Gang, von dem eine Reihe von Türen abzweigten, die Standardmaß besaßen, das hier um einiges größer war als bei Eingangstüren auf der Erde, jedoch individuell gestaltet mit Farbe und aufgetragenen Reliefs. Siwa tigerte schon auf eine der Türen zu, die sich bei seiner Annährung öffnete. 
Dahinter erstreckte sich ein für die Verhältnisse einer Raumstation relativ großer Raum, in dessen Mitte ein am Boden befestigter ziemlich großer Tisch bewies, daß dieser Raum des öfteren als inoffizielle Versammlungsstätte genutzt wurde. Zu allen Seiten gingen Türen ab, die größtenteils offen standen und hinter denen sich Schlafgemächer, Wohnzimmer, eine Küche und die hiesige Version des „heimlich Gemach“ befanden. Herumliegende Kleidungsstücke und Essensbehälter und bunt herumgepuzzelte andere Besitztümer bewiesen, daß der Bewohner dieses Appartments es nicht so sehr mit Ordnung hatte, alles in allem also eine typische Junggesellen-Bude. Für die allernötigste Sauberkeit sorgten vermutlich auch hier kleine technische Heinzelmänner.
Der Herr über das alles stand am Kopfende des langen Tisches, die Hände in die Hüften gestemmt, und blickte ihnen entgegen, und Frans hatte den Eindruck, daß sie ihn gerade aus dem Bett geworfen hatten, obwohl er komplett angekleidet war. Vielleicht hatte er vom Dock her eine interne Vorwarnung erhalten, daß Siwa zu ihm unterwegs war. Frans musterte den Fremden voll Interesse, diesen Chef einer außerirdischen Raumstation -- und zwinkerte verblüfft, weil er sofort, beim ersten Anblick des „Gangsterhäuptlings“, ein unverkennbares Déjà-Vu hatte. Verdammt, er kannte diesen Mann, diesen außerirdischen Mischling, er hatte ihn schon irgendwo einmal gesehen, so unmöglich das schien, er zermarterte sich das Gehirn über das wo und wie - und erst dann fiel es ihm ein. Ektheb war ein vollkommenes lebendiges Ebenbild der Figur „Sabertooth“ aus den Marvel-Comics, die Frans zuhause hin und wieder an Comicständen erblickte. Die blonde Haarmähne, die breite, kräftige Figur mit schwellenden Muskeln unter dem dünnen, eng anliegenden Overall, das breite, katzenähnliche Gesicht mit der breiten Katzennase und den spitzen Ohren, dazu die nicht ganz einziehbaren langen und spitzen Krallen an den Händen - Ektheb hätte kein einziges Quentchen Schminke oder gar eine Maske benötigt, um in einem „Wolverine“ - Film den bösen Antagonisten zu spielen.
Und als jetzt Ektheb den Mund öffnete, um etwas zu sagen, waren sogar die deutlich verlängerten Reißzähne, die Sabertooth seinen Namen verliehen hatten, deutlich zu sehen.
Der Sabertooth der Comics war ein gnadenloser Killer, erinnerte sich Frans ernüchtert, jemand, der aus reinem Vergnügen tötete und sich danach das Blut seiner Opfer von den Krallen leckte. Kein Wunder, daß Siwa ihn gewarnt hatte -- und jetzt würde es ihm bestimmt nicht schwerfallen, in Ekthebs Nähe jederzeit wachsam zu bleiben.
„Schau mal an, was die Katze anschleppt.“ spottete Ektheb als Begrüßung. „Der Speichellecker der großen Bosse. Daß du dich auch mal wieder blicken läßt. Bist wohl zu fein geworden für die Ganoven von Otrona, was?“
„Leck mich, Alter. Als ob mich der Anblick deiner Visage hertriebe.“ revanchierte Siwa  sich grinsend.
Frans merkte sofort, die beiden verstanden sich prächtig, wie alte Kumpane der Landstraße, die so manchen Strauß zusammen ausgefochten hatten. Ekthebs Blick konzentrierte sich auf Frans.
„Und wer sind Sie?“ Das kam ziemlich herablassend, angemessen der Begleitung von Frans. Subtilität war nicht gerade Ekthebs Stärke.
„Guten Tag, mein Name ist Frans Hauser. Siwa hat mich auf Otrona Eins aufgelesen, wo die Benu mich ohne mein Zutun und ohne Vorwarnung abgesetzt hatten, und das ist so ungefähr die ganze Geschichte.“ Auf ein Händeschütteln oder zumindest Nähertreten verzichtete Frans lieber, da Siwa gleichfalls darauf verzichtet hatte, zu Ektheb aufzurücken. Ein höflicher Gruß samt leichter Verbeugung, nicht ganz so wie bei den Sfarrk, aber ansatzweise, mußte genügen, bis Frans sein Gegenüber besser einschätzen konnte.
„Was hat er Ihnen über mich erzählt?“ fragte Ektheb neugierig.
„Daß Sie ein Gangster sind und ich mich von Ihnen fernhalten soll.“ Mr. Mangelnde Subtilität, triff dein Gegenstück. Ein Blick zu Siwa - aber der grinste frech und streckte Ektheb die Zunge heraus, was er sich leisten konnte, weil er ja ein paar Meter entfernt stand, vermutlich knapp jenseits der Distanz, die der Halb-Dhoanor mit einem einzigen Sprung zurücklegen konnte.
„Ha!“ lachte Ektheb, und er sah nicht verschnupft aus, soweit Frans das beurteilen konnte, eher amüsiert. 
„Ein Mann, der sich wahre Worte auszusprechen traut. Was machen Sie beruflich?“
„Ich bin Schauspieler. Die Benu haben mich engagiert, um eine Rolle zu spielen. Die eines Weltraumhelden aus uralten billigen Romanen von der Erde.“
„Ha!“ machte Ektheb abermals. „Echsen, die sich für Helden halten, haben wir auf der Station genug. Dafür hätten sie niemand von der Erde herschicken müssen.“ - Und zu Siwa gewandt: „Und du, deine Tracht Prügel kannst du dir später abholen.“
„Fang mich erst mal, alter Mann!“ gab Siwa frech zurück. Er blieb wo er war, dachte gar nicht daran, sich näher an Ektheb heranzuwagen. 
„Die Jugend von heute.“ seufzte Ektheb, wie vertraulich an Frans gewandt. „Man hätte sie noch im Nest erwürgen sollen.“
Frans schluckte, aber die Bemerkung schien rhetorisch gemeint.
„Die Benu machen jetzt auch TriVi?“ fragte Ektheb. Smalltalk, die Antwort interessierte ihn sichtlich nicht.
„Ich weiß nicht, ob es TriVi wird oder ein klassischer Film fürs Kino. Die ersten Testaufnahmen haben jedenfalls ganz gut ausgesehen.“ antwortete Frans.
„Der Hauptteil der Aufnahmen wird auf Nh´Nafress stattffinden.“ erklärte Siwa, um anzudeuten, daß  sie für die meiste Zeit aus Ekthebs Haaren heraus sein würden. „Vielleicht fängt man hier ein bißchen Lokalkolorit ein, Weltraumspaziergänge, eine kleine Verfolgungsjagd mit Bösewichten oder so. Das Drehbuch ist noch nicht fertiggestellt. Es könnte aber sein, daß man Motive der Invasion von damals mit einbaut, zusammen mit ein paar Sachen, die auf Nh´Nafress vorgefallen sind.“
Da gingen bei Ektheb sichtbar die Ohren hoch. „Na hoffentlich kriegen sie das ordentlich hin. Wenn das ein Film für irdisches Publikum wird, werden am Ende die Invasoren noch als Helden dargestellt, oder was?“
„Keine Panik, ich war damals auch dabei, wie du weißt. Ich werde ein Auge oder zwei auf die historische Korrektheit haben.“ dämpfte Siwa ihn sofort. „Außerdem geht es vermutlich mehr um die Hintergründe. Dieser komische Aztekenpriester hat mir schon damals zu denken gegeben, und später, nach Nh´Nafress, hätte ich schwören mögen, daß der unbekannte Feind da die Hände im Spiel hatte. Und ich werde das Gefühl nicht los, daß mehr hinter dem ganzen Filmprojekt steckt. Frans stammt nämlich nicht von heute, sondern aus der irdischen Vergangenheit, er wurde extra per Zeitreise hierherteleportiert, um seine Rolle zu spielen.“
Da machte Ektheb große Augen, mit denen er Frans erneut anstarrte.
„Zeitreise.“ machte er dann tonlos. Verdammt großer Aufwand für zwei Stunden Flimmerzone, sagte er nicht laut, aber das mußte er auch nicht.
„Also gut.“ sagte er dann abrupt, ohne weitere Fragen zu stellen, und wedelte mit beiden Pranken. „Anstandsbesuch akzeptiert, raus mit euch beiden. Ich hab noch zu tun.“
Das ließ sich Siwa nicht zweimal sagen, winkte Frans per Fingerzeig zu sich und zog ab, bevor  Ektheb es sich anders überlegen konnte. Erst draußen, vor der äußeren Eingangstür und jenseits der Hörweite der Mikrophone des Eingangs, tat er den Mund auf.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 22. August 2016, 17:55:00 Uhr
„Na, das lief ganz gut. Beim ersten Beschnuppern von Neuankömmlingen versucht Ektheb immer, sich zivilisiert zu geben, das könnte allerdings bei der nächsten Begegnung schon ganz anders aussehen. Das mit den Sfarrk als Schauspieler war übrigens eine Beleidigung, aber Sie haben zum Glück nicht darauf reagiert. Er hält nicht viel von den Sfarrk, im Unterschied zu mir. Ich weiß genau, was wir hier auf Otrona an ihnen haben, ohne sie würde hier binnen kurzem alles zusammenbrechen. Jetzt hat er aber erst mal etwas, auf dem er herumkauen kann, mit dem Filmprojekt, Ihrer Herkunft und der Verwicklung mit dem unbekannten Feind. Ektheb hat die Invasion damals verdammt krumm genommen, schließlich war er bis dahin und zur Sprengung von Otrona der Herr im Haus, und er reagiert verdammt allergisch auf alles, was mit dem unbekannten Feind zu tun haben könnte. Ihm schwant jetzt wahrscheinlich schon, daß dieses Filmprojekt vielleicht als Köder dienen soll, um Agenten des unbekannten Feindes aus der Deckung zu locken, und da will er bestimmt mitmischen wollen, wenn es soweit ist. - - So lautet jedenfalls meine Einschätzung. --“
Auch Frans hatte gemerkt, wie die Erwähnung des unbekannten Feindes samt Zeitreise Ektheb stocken ließ. Das letztere Prinzip schien ihm vertraut, kein Wunder vermutlich, wenn der Gangster jemanden wie Siwa kannte, der für jede Art von Schwachsinn gut war.
„Das mit dem Köder - meinen Sie das wirklich so?“
„Anders kann ich mir diesen Aufwand nicht erklären, und Ektheb ebensowenig. Ich bin echt gespannt, was nach Ablauf Ihrer Frist hier passiert. Vermutlich schickt man Sie erst mal zurück in Ihre Zeit, um Ihre Sachen dort zu erledigen, mit dem Brand und was man sonst für wichtig hält. Die Dreharbeiten sollen ja hier stattfinden, denn zu Ihrer Zeit hatte man die Holo-Technologie noch nicht, die in dieser Zeit fürs TriVi selbstverständlich ist. Denken Sie an die Testaufnahmen, die wir gesehen haben.“ Frans erinnerte sich - verdammt, war das wirklich erst gestern gewesen? Die Zeit flog hier nur so, bei all dem Neuen, das er in jeder Minute lernte...
„Wie haben Sie Ektheb kennengelernt?“
„Wir kannten uns schon vor der Invasion. Ich wollte mal Archäologe werden, bevor das mit den M-Tecs aufkam, wissen Sie, oder wenigstens ein Indiana-Jones-Verschnitt, Abenteurer und Grabräuber wie einige meiner Vorfahren. Und dabei geriet ich mit Ektheb aneinander, der es auf das gleiche kostbare antike Fundstück abgesehen hatte wie ich. Er war ein wenig schneller. Aber bald stellte sich heraus, daß etwas weniger Gier von seiner Seite für ihn besser gewesen wäre, denn das Fundstück entpuppte sich als hinterhältiger Trojaner, der Ektheb das verpaßte, woran er seitdem leidet. Dumm gelaufen.“ grinste Siwa wieder.
„Er sah aber gar nicht krank aus.“
„Es ist auch keine Krankheit, jedenfalls nicht, wenn man keine daraus macht. Das erkläre ich Ihnen aber ein anderes Mal, weil das eine wirklich lange und unglaubliche Geschichte ist. Und stellenweise auch peinlich für alle Betroffenen.“ Er feixte weiter, ihm schien es keineswegs peinlich zu sein.
„Wo sind wir hier gerade?“ Weil ihre Umgebung irgendwie - fabrikmäßig wirkte, kaum noch Eingänge zu Wohneinheiten auf beiden Seiten, dafür lange kahle Wände, hin und wieder unterbrochen von Toren, die breit genug waren für die elektrischen Transporter, die hier und da mit Containern und anderer Fracht beladen ihrer Wege fuhren, und es gab auch keine Grünanlagen mehr, die in den Wohnvierteln für Luftverbesserung sorgten, vermutlich weil man hier den Platz in den Gängen für rangierende Fahrzeuge brauchte. Die wenigen Personen, die zu sehen waren, wirkten geschäftig und trugen zumeist grobe Arbeitsanzüge, und die meisten von ihnen waren Sfarrk, die auf der Station für alle Arten von manueller Tätigkeit zuständig zu sein schienen.
„Das ist das Fabrikviertel.“ bestätigte Siwa. „Die Rohstoffe, die auf Sonabir gewonnen werden, werden dort gleich ausgeschmolzen oder sonstwie gereinigt, anschließend werden sie hier weiterverarbeitet und in manchen Fällen zu Teilfertigerzeugnissen weiterveredelt. Auf diese Weise bleibt wenigstens ein Teil der Wertschöpfung auf Otrona, die Raumstationen leben zu einem guten Teil davon, nachdem die traditionelle Freibeuterei hier draußen so gut wie nichts bringt. Dann wird alles verpackt und mit dem nächsten abfliegenden Raumschiff an sein Ziel geschickt. Sie haben draußen sicher die Schiffe mit der Piratenflagge gesehen, das sind die Schiffe, für die die beiden Otronas Heimathafen sind. Aber auch jedes andere Schiff, das hier anlegt, erhält seinen Teil der Fracht zugewiesen, je nachdem wohin es anschließend fliegt. Wenn ich später zum „Feuerzahn“ zurückkehre, werden bestimmt schon jede Menge Charterverträge für Lieferungen nach Shive, Dhoan-Sek und Nh´Nafress auf mich warten, die ich überprüfen und absegnen muß.“
„Ist das Ihr Berufswunsch, Raumschiffskapitän?“ fragte Frans neugierig.
„Nein, das nicht gerade.“ lächelte Siwa. „Aber es kommt mit dem Job als M-Tec, weil wir ziemlich oft allein irgendwohin geschickt werden, da wäre es praktisch, selber fliegen zu können. Und mit einer Hammer-SyMOr und den ganzen Hypno-Programmen ist das ja nicht gerade schwierig, wie Sie schon gemerkt haben. In ein normales Raumschiff von der Erde dürften Sie mich damit allerdings nicht setzen, die benötigen wirklich gute und erfahrene Piloten.“
Dann trat er vor und sprach eine Sfarrk an, die gerade ihrer Wege ging. Dabei war er genauso höflich wie die Sfarrk, verbeugte sich zuerst und entschuldigte sich für die Belästigung, bevor er sein Anliegen vorbrachte. Und die Sfarrk ließ sich nicht lumpen und verbeugte sich eifrig retour, während sie versprach, das Anliegen schleunigst weiterzugeben. Ein blondhaariger Junge von der Erde und eine außerirdische braungeschuppte, vierarmige,  aufrechtgehende, schlanke Eidechse mit scharfen Krallen und Zähnen - und sie gingen miteinander um wie zwei Klischee-Japaner, lieber eine Verbeugung zu viel als zu wenig und so höflich und förmlich wie es nur ging. Deshalb bemühte sich auch Frans mit einer Verbeugung, als die Augen der Echse sich neugierig auf ihn richteten, bevor sie jäh davonschoß.
„Sfarrk sind fix, das dauert nicht lange, bis wir eine Antwort bekommen.“ grinste Siwa locker. „Diese Echsen sind übrigens alles Arbeitsdrohnen. Die echten reinrassigen Sfarrk, also die Kaste der oberen Zehntausend, sehen aus wie abgebrochene Tyrannosaurier, aber von denen gibt es hier auf Otrona keine ständigen Bewohner. Nur Shastisa, der Botschafter des Sfarrk-Imperiums, der für Kontakte mit Menschen und Dhoanor zuständig ist, läßt sich des öfteren mal auf Eins blicken, weil er gut Freund mit Andreou ist. Mit ihm wagen die Piraten von Eins nicht anzubinden, weil sein Botschafterkahn für hiesige Begriffe riesengroß und bis zu den Zähnen bewaffnet ist. Mit den großen Städteraumschiffen der Sfarrk könnte man den Film „Independence Day“ nachspielen, so riesig sind die. Deshalb, unterschätzen Sie niemals die Sfarrk, egal wie devot sie sich geben, sie sind ein ernstzunehmender Machtfaktor in diesem Teil der Milchstraße.“
„Gibt es auch Auseinandersetzungen? Sternenkriege?“ fragte Frans.
Siwa schüttelte den Kopf. „Unterschiedliche Spezies bedeuten unterschiedliche Bedürfnisse, unterschiedliche Interessen und Einstellungen. Deshalb kommt man mit ein wenig Verhandlungen meistens klar. Anfängern in interstellarer Diplomatie wird immer das alte Gleichnis von den drei Typen erzählt, die sich um einen Korb Obst stritten. Am Ende stellt sich heraus, daß der eine das Obst wegen seines Fruchtfleisches haben will, aus dem er Saft macht, der zweite will die Kerne haben, und der dritte braucht die Schalen. Mit einer vernünftigen Übereinkunft profitieren alle drei, ohne daß einer übervorteilt wird oder sie sich Konkurrenz machen. Notfalls wird eine weitere Partei als Vermittler eingeschaltet, wenn es Übersetzungsprobleme gibt oder rassenspezifische Denkblockaden entdeckt werden. Die einzige Macht, die ein echtes Problem ist, ist der Unbekannte Feind, weil dessen Beweggründe unbekannt sind und er immer wieder aus dem Hinterhalt zuschlägt. Mit Wesen, die nicht kommunizieren wollen, kann man nicht verhandeln.“
„Und die Benu?“
„Die gelten als unberechenbare Querschläger, die gerne mal althergebrachte Strukturen durcheinanderrütteln, um neue Richtungen aufzuzeigen oder neue Entwicklungen anzustoßen. Frei nach dem Motto, es muß zuerst wehtun, damit es heilen kann, und man kriegt kein Omelette ohne zerschlagene Eier. Für die Betroffenen akut jeweils unerfreulich, aber auf lange Sicht meistens nützlich. Ich habe ja schon erwähnt, daß diese Wesen einen ganz besonderen Einblick in Zeitabläufe haben, sie wissen um die möglichen Folgen jeder Handlung, noch bevor sie überhaupt stattfindet, und können dementsprechend ihren Interessen gemäß manövrieren.“
Während sie hier gewichtige Informationen austauschten, waren sie weitergeschlendert, und jetzt trat ihnen eine auffällig hell gefärbte Echse in den Weg. Eine mit Bedeutung, weil sie eine Art Schärpe trug, wie sie schon auf der alten Erde die Würdenträger auszeichnete. 
Sie sprach Siwa in ihrer Sprache an, wobei sie sich eifrig verbeugte und mit allen vier Armen gestikulierte. Und Siwa antwortete in gleicher Zunge, wobei er die Verbeugungen ausführlich zurückgab und mit seinen zwei Armen zu wenig tat, was er konnte. Frans verstand natürlich kein Wort, weder mündlich noch in Gesten, aber jedesmal wenn es ihm angemessen schien oder die Sfarrk ihn anzusehen schien, imitierte er die Verbeugungen. Wie bei den Japanern, dachte er wieder und fühlte sich trotz der exotischen Szenerie ganz und gar nicht fremd. 
Dann sagte Siwa zu ihm: „Das ist die Wächterin der inneren Tore, die unmittelbaren Zugang zur Brutmutter hat. Es ist eine große Ehre, daß sie sich aus dem Nest herausbewegt, um uns selbst zu begrüßen und zu führen, aber ich sagte ja schon, daß wir M-Tecs bei den Sfarrk einen hohen Stellenwert haben. Ein Neuling wie Sie ist immer interessant, vor allem wenn ich ihn einführe, weil ich seit der Invasion damals als ein Beschützer des Nests gelte. Das ist ein Titel, den Nicht-Sfarrk nur selten erwerben können.“
Die Sfarrk winkte ihnen zu folgen, und sie folgten. Durch ein unscheinbares Druckschott in einer genauso unscheinbaren Seitengasse des Industriekomplexes, und dann ging es durch ein Gewirr von Gängen, über Treppen und durch Durchschlüpfe über technische Vorrichtungen hinweg und darunter hindurch, die die hochgewachsene, schlanke Sfarrk mit bewundernswerter Behendigkeit hinter sich brachte, Frans mit seinen breiten Schultern dagegen eckte mehrfach an.
„Machen Sie sich nicht die Mühe, sich den Weg zu merken.“ bemerkte Siwa unterwegs. „Die Sfarrk bringen uns auch wieder hinaus, und gleich darauf werden alle Wege, die wir gegangen sind, so gut versiegelt, als hätten sie nie existiert. Das ist hier drin wie in diesem alten Spiel vom verrückten Labyrinth, alles ist beweglich oder leicht abzuriegeln und die wenigen Besucher gehen nie den gleichen Weg zweimal. Wir werden auch nicht in die eigentliche Brutkammer geführt, sondern nur in eine weit abgelegene Audienzkammer, die danach abgeschottet und zu ganz anderen Zwecken benutzt wird. Die Sfarrk sind sehr auf Sicherheit aus, wenn es um das Herz ihres Staates geht, das gilt für die Drohnen genauso wie für die reinrassigen Exemplare auf ihrer Heimatwelt. In ihr Nest kommt niemand ohne ausdrückliche Erlaubnis. Wer es doch versuchen sollte, muß sich mit Unmengen an Fallen, Sackgassen und scharfen Zähnen und Krallen aus allen Richtungen auseinandersetzen.“
„Noch irgendwelche Ratschläge?“
„Machen Sie mir einfach alles nach. Je höher der Würdenträger, mit dem wir es zu tun bekommen, um so tiefer die Verbeugungen. Der Rang ist erkennbar an der Menge an roten Verzierungen in den Gesichtern. Überlassen Sie mir das Reden, und antworten Sie nur, wenn Sie direkt angesprochen werden. Versuchen Sie nicht zu protzen oder zu übertreiben, das kommt bei Sfarrk gar nicht gut, schon gar nicht wenn es als Übertreibung erkennbar ist. Vornehm tiefstapeln lautet hier die Devise, und immer noch ein Stück tiefer, gutes altes englisches Understatement.“
Ein von zwei bewaffneten Sfarrk links und rechts bewachtes Metallschott öffnete sich vor ihnen, und dann standen sie in dem Audienzraum. Dem mit reichlich samtenen Vorhängen an allen Wänden, angenehme Düfte absondernden verschnörkelten Gefäßen, Zierpflanzen und einer ganzen Landschaft aus Teppichen und Lederkissen auf dem Boden eine Art altorientalisches Flair verliehen worden war. In dieser Landschaft stand entlang der Wände ein ganzer Halbkreis aus Sfarrk, die ihnen entgegenblickte, und an den verwittert wirkenden Häuten der Echsen und dem vielen blutigen Rot an ihren Schnauzen, ein Mix aus Farbe und dauerhaften Tätowierungen, die von den persönlichen Errungenschaften jedes Individuums sprachen, erkannte selbst Frans, daß er es hier mit wichtigen Persönlichkeiten zu tun hatte. Die Sfarrk waren ihrem Rang nach aufgereiht, und sofort begann ein eifriges gegenseitiges Verbeugen,  vom Niedersten bis zum Höchsten, bei dem Frans eifrig imitierte, was Siwa vorgab. Sicherheitshalber verneigte er sich noch ein wenig tiefer als sein Begleiter, das konnte nicht schaden, dachte er sich, weil Siwa den Sfarrk bekannt war, er jedoch nicht. 
Anschließend bedeutete Siwa seinem mitgebrachten Gast, daß sie sich zu setzen hatten, auf dicken Matten an einer der niedrigsten Stellen im Raum. Die dicken Lederkissen waren für die Alien-Würdenträger reserviert, die deswegen weit über den Besuchern aufragten, wie es Sitte war bei den Sfarrk.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 23. August 2016, 16:55:31 Uhr
Nachdem die Begrüßung ordnungsgemäß vollzogen war, stellte Siwa seinen Gast vor. Er sprach Dhoanor, so daß auch Frans den Inhalt verstand, allerdings eine spezielle förmliche Sorte, die für offizielle Anlässe geschaffen und weitaus komplexer war als das lässige, kurz abgehackte Pidgin-Dhoanor, das Frans bisher gehört und benutzt hatte.
„Sie (hochgeehrte Persönlichkeiten) sehen hier vor sich (genannt) Frans (aus der Brutstelle) Hauser vom (Herkunft) Planeten Erde, Heimat der (Spezies) Menschen.“ begann Siwa mit dem komplexen Sermon.
„Auserwählt wurde er für eine wichtige Aufgabe von den (Spezies) Benu, gebracht durch (Zauber) Teleportation nach (Schwesternest) Otrona Eins. Empfangen von (mir) (genannt)Siwa (aus der Brutstelle) Hendricks, Diener der (Spezies)Benu und (Ehrentitel)Schützer der Nester. Hergebracht über (Umweg)(Rohstoff)Sonabir, um (genannt)Ennar (aus der Brutstelle)Ektheb zu (bewittern)treffen. Die Überlieferung der (böses Ereignis)Invasion vor einigen Stationsjahren soll nach Wunsch (dringend, mächtig) der (Spezies)Benu als Köder (Beutefang) dienen. Geplant ist ein Köder visueller Art, nach Art von (Spezies, Spezies)Mensch/Dhoanor- TriVi. Das ist die vorrangige Aufgabe (Bestimmung) von (genannt)Frans.“
Ungefähr so ließ sich die Vorstellung mit allen Inhalten und Wortbedeutungen übersetzen.
„Allerdings haben die Benu offengelassen, daß Frans vielleicht dauerhaft in ihre Dienste übernommen wird, wenn er sich als würdig erweist. Meine designierte Aufgabe ist bis dahin, ihm so lange als Führer und Lehrer zu dienen, bis ein anderer bestimmt wird. Sein Aufenthalt heute ist begrenzt auf etwa noch fünf Varilax, danach wird er vermutlich erst einmal nach Hause zurückgeschickt, bis eine Entscheidung von höherer Stelle getroffen wird.“
Nach dieser ausführlichen Erklärung schwieg Siwa erst einmal und wartete ab, damit die Drohnen-Würdenträger sich untereinander austauschen konnten. Das geschah wortlos, nur durch gemäßigtes Gestikulieren der jeweils vier Arme jeder Echse.
„Köder Frans. Wir sind geehrt.“ sagte dann die zweite im Rang, und nickte in Richtung Frans. Denn dem jeweils Höchstrangigen vor Ort geziemte es nicht, selbst das Wort an einen noch Fremden zu richten.
Der Schauspieler begriff zum Glück, wie das leichte Nicken gemeint war, auch ohne daß Siwa ihm einen Knuff verpassen mußte, und antwortete mit einer weiteren Verneigung. So wie das Wort „Köder“ ausgesprochen worden war, wurde es als Ehrentitel aufgefaßt, nicht als Beleidigung. Unter fleischfressenden Raubtieren wie den Sfarrk mit ihrem ganz eigenen Ehrenkodex mochte es tatsächlich eine Ehre sein, als Köder die Aufmerksamkeit von gefährlichen Beutetieren auf sich zu lenken, damit die Jäger sich unbemerkt von hinten anpirschen konnten. So gesehen hatte Siwa ihn hier gleich auf ziemlich hohem Niveau eingeführt, genauso wie vorher bei Ektheb. 
Er blieb still, darauf gespannt, wie die Echse fortfahren würde.
„In welchen Revieren wird die geplante Jagd stattfinden?“
 Die Frage galt Frans und Siwa gleichermaßen.
„Wir planen die Beute aus jedem Nest hochzuscheuchen, egal wo sich dieses befindet. Auf den Welten dieses Systems, auf Nh´Nafress oder auf der Erde. Und auch hier, falls sich hier ein neues Nest gebildet hat.“ antwortete Siwa, weil er den Inhalt der Frage begriff. „Zuerst jedoch muß der Köder in Form des TriVi-Produkts gefertigt werden. Die genauen Einzelheiten dazu werden Ihnen übermittelt, sobald sie festgelegt sind, weil zweifellos Ihre Unterstützung dazu erbeten wird.“ 
„Wir fühlen uns geehrt.“ entgegnete die Echse, und es folgte eine neue Runde Verbeugen.
Auf diese Weise wurden wichtige Punkte anerkannt und besiegelt, erkannte Frans.
„Ennar Ektheb wurde bereits von uns informiert. Auch er brennt darauf, an der Jagd teilzunehmen.“ fügte Siwa der Höflichkeit halber an, obwohl die Sfarrk das dank ihres umfassenden Nachrichtendienstes längst wußten.
„Eine Viele-Rassen-Jagd. Benu, Menschen, Dhoanor, das Volk. Selten und anmutig. Wir sehen den Anweisungen freudig entgegen.“
Worauf es an Frans und Siwa lag, per Verneigung das Gesprochene zu bestätigen. Aber... hatte nicht soeben die höchstrangige Echse gesprochen? Was nur bedeuten konnte, daß ein noch größerer Hai im Becken war... der jetzt erst beschloß, sich zu offenbaren.
Der Samtvorhang, der scheinbar die hintere Wand kaschierte, wurde nach beiden Seiten weggezogen, und dahinter, geschützt durch eine unsichtbare Kraftbarriere, die Siwa über seinen Ring anmessen konnte, kam eine Fortsetzung dieses Raums zum Vorschein, ebenfalls eine orientalisch wirkende Landschaft aus Teppichen, Kissen und Samtvorhängen, und über die ganze Länge der Lederkissenfront ausgestreckt lag eine Art Berg-und-Tal-Landschaft aus etwas Massigem, Dunkelbraunem, das nach oben in einem gezackten Kamm auslief... ein geradezu gigantisches Reptil von etlichen Metern Länge. Keine Sfarrk-Echse, sondern etwas anderes, viel größeres und dunkler gefärbtes, das Frans nach kurzem Überlegen in die nahe Verwandtschaft der Gattung Spinosaurus einordnete, der zweibeinigen Raubsaurier mit langem, flachem, alligatorähnlichen Kopf, langem Schwanz und dem auffallenden Rückensegel, hier allerdings mit einem viel flacher geratenen Rückenkamm, der wie ein zackiges Gebirge in die Höhe stand.
Er bemerkte, daß Siwa in seiner hockenden Sitzstellung den Kopf zwischen die Knie nahm, und folgte sofort der Bewegung. Bei solch einer tiefen Verbeugung konnte das nur bedeuten, daß er hier soeben der Brutkönigin selbst begegnete. Und einer Königin konnte man schon mal Ehre erweisen, selbst wenn sie eine Echse war.
Ein paar kleine und ungewöhnlich hell in gelblichen und hellgrünen Tönen gefärbte Echsen, die persönlichen Nest-Dienerinnen der Königin, waren um sie herum, bereit, jeden ihrer Wünsche sofort zu erfüllen. Aber sie verließ sich nicht nur auf Dienerinnen, sondern hatte auch einiges an technischen Geräten, insbesondere Bildschirmen um sich herum, die ihr vermutlich in ihrem abgeschiedenen, tausendfach gesicherten Leben im Nest die nötigen Informationen von außerhalb und auch jede Art von Unterhaltung lieferten.
Mikrophone in beiden Hälften des geteilten Raums übertrugen die Laute der Königin, ein tiefes Knurren und Grollen, Quietschen und zwitscherndes Pfeifen bis zu ihrer Runde. Anders als ihre Untergebenen bemühte sie sich nicht, Dhoanor zu sprechen, obwohl sie die Sprache ohne jeden Zweifel beherrschte. Siwa lauschte aufmerksam. Da er oft mit der Rasse zu tun bekam, hatte er sich ein Hypnoprogramm zum Erlernen der Sfarrk-Sprache einverleibt und bekam daher zumindest einen Teil des Gesprochenen mit.
Die Königin war selbstverständlich neugierig auf diesen Gast, den die Benu und Siwa ihr ins Nest geschleppt hatten, und wollte Einzelheiten wissen.
Nach der angemessenen Höflichkeitsfrist in der Verbeugung richtete Siwa sich wieder in seine sitzende Stellung auf, und Frans folgte seinem Beispiel, gespannt, wie der übersetzte Kommentar der Königin lauten würde.
„Sie stammen von der Erde, Köder Frans?“ fragte die höchstrangige Echse in dieser Hälfte des Raumes.
„Von der Erde der Vergangenheit, siebenhundert Jahre von hier.“ antwortete Frans wahrheitsgetreu.
„Wir denken, daß es eine tiefere Bedeutung hat, wenn die Benu durch die Zeit zurückgreifen, um eine geeignete Person hierherzubringen für diese Jagd.“ fügte Siwa ergänzend hinzu. „Die Beute scheint an mehr Orten zu sein, als uns hier zugänglich sind. Oder in mehr Zeiten.“
Siwa wußte, daß seine Mutmaßungen, was die Zeitdifferenzen zwischen dieser Dimension und der des „Unsichtbaren Feindes“ betraf, auch an die Ohren der Sfarrk gedrungen waren.
„Die Beute folgt dem Köder. Vielleicht schon heute, wenn die Jagd durch die Zeiten geht.“ begriff die Sfarrk, und dann folgte eine längere stumme Kommunikation unter den Eidechsen, sorgfältig beobachtet von ihrer Königin, die alle Gesten über ihre Kamera-Batterie sehen konnte.
„Was geschah vor siebenhundert Jahren auf der Erde?“ fragte die Echse dann.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 25. August 2016, 16:07:53 Uhr
„Das war eine Zeit allgemeinen Fortschritts, kurz nach zwei Weltkriegen und kurz vor noch viel gewaltigeren Umbrüchen, die die ganze Menschheit veränderten... und an denen möglicherweise Agenten des Feindes Anteil hatten. Eine Zeit, in der kleine Eingriffe gewaltige Veränderungen zur Folge haben könnten.“
„Die Benu planen Veränderungen der irdischen Vergangenheit?“
„Verborgene Veränderungen, die uns nicht auffallen würden, weil alles was in der Vergangenheit geschieht, bereits geschehen ist.“ erinnerte Siwa, der sich seit der Entdeckung der Zeitmaschine mit Zeit-Theorien intensiv auseinandergesetzt hatte. Und er wußte genau, daß die Sfarrk ab sofort alles an Informationen abfischen würden, was sie über die irdische Vergangenheit bekommen konnten.
„Aber vielleicht gibt es andere Zeitlinien, in denen alles ganz anders abläuft, die jederzeit verändert werden könnten.“
Und er erwähnte, daß Frans eigentlich in seiner Zeit einem Brand zum Opfer fallen mußte.  Den er jetzt die Chance hatte zu verhindern, vorausgesetzt daß er zurückkehrte, und vorausgesetzt, daß er sich dort an seinen Aufenthalt in der Zukunft erinnerte.
Abermals stumme Diskussion.
„Haben Sie Neuigkeiten aus Ihrem Nest, Nestbeschützer Siwa?“ lautete die nächste Frage.
 „Meine Aufgabe hier ist nur, auf Frans aufzupassen, während er hier beweist, daß er für seine Aufgabe tauglich ist. Ich habe noch keine Neuigkeiten von Nh´Nafress erhalten. Aber ich bin ziemlich sicher, daß auch ich auf die Jagd gehen werde, sobald sich die Beute zeigt. Ich habe den Unsichtbaren Feind schon einmal gejagt, wie Sie wissen, und ich werde nicht zögern loszuspringen, wenn mir etwas vor die Zähne kommt.“
Dazu zeigte er ein bewußt zahniges Grinsen, das von der Echsenrunde erwidert wurde, es war das Zeichen von Angriffswillen.
„Bestehen Gefahren für diese Station?“
„Im Augenblick ist mir und meinem Nest nichts bekannt, sonst hätte man mich informiert. Die Sfarrk haben tausend Augen und Ohren, wir bauen auf Ihre Wachsamkeit. Wir alle wissen, auf welche Weise sich der Unsichtbare Feind zu erkennen gibt.“
Da Siwa besser als die meisten anderen über die Fähigkeiten der Sfarrk Bescheid wußte, hatte er frühzeitig dafür gesorgt, daß alles Wissenswerte über die Vorgänge auf Nh´Nafress auch an die Brutköniginnen weitergeleitet wurde, denn bessere Aufpasser als die Sfarrk gab es nicht. Als nichthumanoide und zugleich sehr kommunikationsfreudige Lebensformen, die jeden ungewöhnlichen Vorgang sofort weitermeldeten, waren sie auch durch Dementorfelder und ähnlich hinterhältige Tricks des Feindes nicht so leicht zu beeinflussen wie insbesondere Menschen, die lieber an Sinnestäuschungen glauben wollten, als Gefahr zu laufen, ausgelacht zu werden.
„Welche Aufgabe erfüllen Sie in Ihrer Zeit, Köder Frans?“ fragte dann eine der niedrigerrangigen Echsen.
Was für Siwa hieß, daß man nach Austausch der wichtigeren Informationen jetzt zum Smalltalk überging, wie es bei den Sfarrk üblich war. Ab sofort hörten die Höchstrangigen nur noch zu und schnappten sich hin und wieder Brocken heraus, die sich auf ihre Weise als wichtig erweisen konnten.
„Ich bin Schauspieler. Einer der vielen, die in irdischen TriVi-Sendungen so tun als ob. Vor meiner Ankunft in dieser Zeit hatte ich noch nie Kontakt zu nichtmenschlichen Spezies, deshalb verzeihen Sie mir bitte, falls ich in meiner Unwissenheit Fehler begehen sollte, und scheuen Sie sich nicht, mich darauf hinzuweisen.“ antwortete Frans und verneigte sich wieder. Denn ein kleiner Hinweis auf seinen Mangel an Erfahrung konnte im direkten Gespräch sicher nicht schaden. Der geschuppte Fragesteller verneigte sich prompt zurück, der Punkt war ange-kommen.
„Die Benu lieben es, Leute ohne Vorwarnung ins kalte Wasser zu werfen, und diesmal hat es Frans erwischt.“ ergänzte Siwa genüßlich.
Echsenmäuler verzogen sich in die Breite, sie kannten die irdische Metapher, und das Humorverständnis der Benu schien auch den Sfarrk zu liegen.
Die nächsten Fragen galten Siwa, es ging um geplante oder zu erwartende Flugrouten des „Feuerzahn“, um Frachtverträge und Lieferungen, um technische und andere Neuerungen, die die Sfarrk zu erwerben gedachten oder liefern konnten.  Frans schwieg, hörte zu und lernte. Kooperation unter verschiedenartigen Rassen zum gegenseitigen Nutzen schien auf der Raumstation üblich zu sein - oder zumindest zwischen den Benuna, vertreten durch Siwa, und den Sfarrk. Die Verantwortung für die Vereinbarungen schien voll bei Siwa zu liegen, da dessen Lehrer und Vorgesetzter sich bis jetzt nicht hatte blicken lassen, aber die Aliens schienen aus Erfahrung zu wissen, daß die Sache bei dem jungen Mann gut aufgehoben war.
Und dann waren sie irgendwann fertig, Siwa verneigte sich abermals tief, tiefer, am tiefsten gegenüber der Königin hinter ihrer Schutzwand, Frans imitierte die Bewegung, und der Vorhang schloß sich lautlos.
Siwa erhob sich, etwas staksig vom langen Sitzen, und verneigte sich jetzt der Reihe nach gegen die Sfarrk im Raum, wobei er lauten Dank für die Audienz äußerte. Dann war Frans an der Reihe. „Ich danke Ihnen höflichst für diese einzigartige Erfahrung, die wohl keinem anderen Menschen meiner Zeit jemals vergönnt sein wird.“ sprach er, und verneigte sich, wie er es sich von Siwa abgeguckt hatte.
Die Sfarrk gaben die Verbeugungen zurück, jede so tief, wie es ihrem oder seinem Rang gebührte, und dann wurden die zwei Menschenjungen von der Hüterin der inneren Tore zurück nach draußen geführt, so weit man inmitten einer Raumstation von „draußen“ sprechen konnte.
„Draußen“ auf der Gasse dann eine höfliche Verabschiedung von ihrer Führerin, und dann war dieser Pflichttermin erledigt.
Frans atmete tief durch, er merkte erst jetzt, welchen Streß diese Begegnung der außerirdischen Art bei ihm verursacht hatte, da das Adrenalin langsam abgebaut wurde.
„Bitte nicht noch einen Alien-Termin!“ bat er seufzend, eine Hand auf sein aufgeregt flatterndes Herz gedrückt, bevor Siwa sich ein weiteres Highlight ausdenken konnte. „Das reicht erst einmal für meine angegriffenen Nerven!“
Der Junge lachte ihn nur an, aber er war solche Begegnungen natürlich gewöhnt und machte sich nicht mehr ins Hemd, wenn er zähnestarrenden, geschuppten und sehr fremdartigen Gesprächspartnern gegenübersaß. 
„Ist Ihnen bei dieser Besprechung was aufgefallen?“
„Hm... daß man uns nichts zu essen angeboten hat?“
„Gut erkannt.“ grinste Siwa. „Sfarrk bei einer Mahlzeit, das wollen Sie gar nicht miterleben, glauben Sie mir. Die bevorzugen ihr Futter am Stück und noch zappelnd, wenn Sie verstehen. Und umgekehrt ist ihnen ein Rätsel, wie wir mit längst toter Nahrung zurechtkommen. Deshalb wird bei Besprechungen mit anderen Rassen generell auf Snacks verzichtet, das macht es für alle Seiten angenehmer. Bei längeren Runden werden nur Getränke gereicht und ist es für unsereiner ratsam, vorher auf Vorrat zu essen. Da fällt mir ein, holen wir uns was, bevor Sie zurückgeschickt werden? Wir wissen ja nicht, wie lange dieser Transfer dauern wird, und Jägerglück gibt´s hier in Mengen.“
Da das Zeug beim ersten Mal nicht übel geschmeckt hatte für eine rein vegetarische Mahlzeit, ließ Frans sich gerne überreden. Siwa kannte natürlich die Lokale der Raumstation und suchte eines aus, wo nicht mit ätzenden Alien-Spirituosen zu rechnen war.
„Dhoanor begießen sich eher selten die Nase, das scharfe Zeugs gibt es in speziellen Bars.“ erklärte er Frans. „Hier trinkt man Wasser, Less, Tee oder andere nichtalkoholische Sachen.“   
Sie nahmen auf den dicken Lederpolstern nach Dhoanor-Art Platz und inspizierten die Inhalte der Speisekarten, die als Hologramme vor ihnen auftauchten.
„Bestellen Sie was Sie wollen. Ein bestimmter Tagessatz an Credits für Lebensmittel ist in den allgemeinen Kosten für einen Aufenthalt auf der Station inbegriffen, und für den Rest steht mein Arbeitgeber, die Benu Incorporated gerade. Benuna haben hier immer Kredit, das wird automatisch abgerechnet.“ forderte er Frans auf.
Also blätterte Frans die immaterielle Speisekarte durch, fragte ein paarmal nach, weil er sich unter bestimmten Bezeichnungen für einheimische Gerichte nichts vorstellen konnte - die Siwa geduldig erläuterte - und traf seine Wahl. Er bewies Mut, indem er sich auf Spezialitäten einließ, deren Existenz er bis dahin noch nicht einmal geahnt hatte und die vermutlich von einem halben Dutzend fremder Welten stammten, aber Siwa versicherte nochmal, daß hier alles für menschliche Geschmacksnerven und Mägen geeignet war, nur etwas grobfaserig, wenn es sich um ein Dhoanor-Gericht handelte, weil die Katzenartigen gerne Widerstand zwischen den Reißzähnen spürten.
„Die Speisekarten werden nach Rasse des Kunden ausgegeben. Bei potentiell Unbekömmlichem finden Sie einen Warnhinweis.“ bemerkte er dazu, und in der Tat enthielt die Speisekarte auch derartige Vermerke, die Frans genau studierte.   
„Was macht die Uhr?“ fragte Siwa dann, als sie auf ihre Bestellungen warteten.
„Noch zwei Stunden.“ antwortete Frans nach einem Blick auf den Zeitmesser, den nur er sehen konnte. „Haben wir wirklich so viel Zeit bei den Sfarrk verbracht?“
„Und bei Ektheb vorher, und unterwegs. Die Zeit rast auf diesen Raumstationen, als säße man auf einem Stern aus exotischer Materie.“ Er nippte an seiner Tasse Less, das Getränk, das auch Frans diesmal zu probieren wagte. Es schmeckte wie verdünnte warme Milch mit einer Vanille-Note, kein Wunder, daß die katzenartigen Dhoanor es sehr gern tranken.
„Was meinen Sie wird passieren, wenn die Zeit abgelaufen ist?“
„Man wird Sie zurückschicken, genauso wie man Sie hergeholt hat, vermute ich mal. Damit Sie dort Ihre Angelegenheiten ordnen... und natürlich diesen Brand aus der Welt schaffen können.“
Der Brand, das hatte Frans fast vergessen, oder eher verdrängt? Er konnte nur beten, daß nicht irgendein böser Trick der Zeit ihm diese Erinnerung aus dem Hirn löschte...
Die Vorspeise kam, und Frans kostete, zuerst vorsichtig, dann mit zunehmendem Genuß.
„Oh, das ist lecker.“ machte er, und die nächsten Minuten gebührten allein dem Essen. So schlecht lebte es sich nicht an Bord einer außerirdischen Raumstation, dachte er. Der Hauptgang entsprach der Vorspeise in Qualität. Frans hatte sich eine Probierplatte bestellt, die kleine Portionen verschiedener Gerichte, von deftig bis süß, enthielt, und Frans fand sie alle ganz akzeptabel. Manches stammte ursprünglich von der Erde, anderes war undefinierbar, aber er vertraute auf die Auszeichnungssysteme des Restaurants und auf Siwa, der ihn vor unbekömmlichem sicher gewarnt hätte.
„Vielleicht sollte ich nicht so viel essen vor meiner Rückreise.“ sagte er irgendwann, bedauernd auf die verbliebenen Leckerbissen blickend. Vielleicht wurde ihm unterwegs ja übel, wenn sein Magen so voll war.
„Stellen Sie sich nicht zu viele Horrorbilder vor, sonst könnte das eine oder andere davon wahr werden.“ warnte Siwa ihn prompt. „Sie dürfen nie vergessen, Feind hört potentiell mit.“ Dabei deutete er mit dem Daumen nach oben, Richtung Weltraum - der von hier aus in allen Richtungen gleichermaßen lag. „Die Benu sind berüchtigt für ihren fiesen Humor, also geben Sie ihnen nicht noch Steilvorlagen, was für fiese Sachen sie mit Ihnen anstellen könnten, wenn sie Ihnen Ihre Gedanken aus dem Hirn pflücken. Die sorgen sonst für Achterbahnfahrt oder schlimmeres auf Ihrer Rückreise. Halten Sie Ihre Phantasie immer im Zaum, während Sie in dieser Zeit weilen.“
„Ja, richtig.“ Wenn Siwa es sagte - der Junge mußte es wissen. Und die Realität hier war ja eigentlich phantastisch genug, da mußte Frans nicht extra schwarzmalen. Nachdenklich blickte er wieder auf die Uhr, die nur er wahrnehmen konnte, solange Siwa ihn nicht berührte. Und mußte feststellen, daß die allerletzte Stunde bereits lief. Wo war nur die Zeit geblieben? Oder lief diese Uhr nach einer anderen Zeiteinteilung, sprang nach Belieben vorwärts oder dehnte und stauchte die Minuten? Nachdenklich pickte er die letzten Reste von seinem Teller, denn übriglassen wollte er nichts von den Köstlichkeiten.
„Ich fürchte, wir müssen bald abschiednehmen.“ sagte er dann, nachdem er das Geschirr zur Seite geschoben und vornehm die Serviette benutzt hatte. Auch Siwa war mit seiner Mahlzeit inzwischen fertig.
Die beiden sahen sich ruhig und ernst an. In der kurzen Zeit dieser drei Tage - waren es wirklich nur drei irdische Tage gewesen? Es wirkte wie Wochen, jetzt im Nachhinein -- hatten sie sich aneinander gewöhnt und hätten gerne noch mehr Zeit miteinander verbracht, mehr Abenteuer erlebt, mehr neues voneinander gelernt. Aber wenn Frans sich als würdig erwiesen hatte, würde ihre Trennung hoffentlich nicht für immer sein --
Frans stand auf. „Ich danke Ihnen für diese drei Tage, Siwa.“ sagte er und verbeugte sich, wie er es in dieser Zeit gelernt hatte, so förmlich wie die Sfarrk, oder so gut es ihm möglich war.
„War mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen, Frans.“ sagte Siwa und streckte ihm die Hand entgegen, die Frans nahm und drückte. „Auf ein Wiedersehen, und hoffentlich bald.“
Und was Frans bisher schon vermutet hatte, geschah, denn die Zeitanzeige auf der Uhr veränderte sich. Er hatte sich schon vorher gedacht, daß mit dieser Illusion etwas nicht stimmte, denn aus den dreißig Minuten, die noch übrig waren, wurden mit einem Schlag drei letzte Sekunden - eine kleine Gemeinheit der Benu? Oder hatte Frans schlicht alle Anforderungen erfüllt, so daß der Rest der Zeit nicht mehr benötigt wurde, da keine Bedingungen mehr zu erfüllen waren? --
--- und da war der Wirbel wieder, den er schon einmal gefühlt hatte, aber diesmal vergleichsweise dezent, wie eine lockere Brise, die um ihn herumwirbelte, sanft und doch machtvoll genug, ihn in die Luft zu heben, weg von Siwa, dessen staunende graue Augen und ein dezentes Winken seiner Hand das letzte waren, das er von dieser Zeit wahrnahm---
 
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Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 26. August 2016, 12:22:23 Uhr
Zurück in der Gegenwart

---Und dann öffnete er seine Augen, wobei er nicht wußte, wann - oder wo? - er sie geschlossen hatte. Es war unangenehm warm, und er fand sich halbnackt bis auf seine Shorts, die übrigens seine eigenen waren ...
Er war wieder zuhause. In seiner kleinen, von der Sonne den ganzen Tag aufgeheizten Bude unter dem Dach eines alten, gewöhnlichen Backsteinhauses auf der Erde, irgendwo in L.A.
... ein Ort, der ihm im ersten Moment fremder vorkam als das Restaurant irgendwo in einem anderen Teil der Galaxis, auf jeden Fall beengter, primitiver, altmodischer, einfacher, überhitzter...
Hatte er das ganze nur geträumt? Ein besonders intensiver kurzer Traum, ausgelöst von der drückenden Schwüle in seiner Bude nach einem langen mühevollen Tag auf der Suche nach Arbeit?
Er sah sich um, aber nichts schien verändert zu sein. Der Becher Erdbeermilch stand da, wie er ihn aus dem Kühlschrank geholt hatte, unverändert, nicht einmal der dünne Beschlag mit Kondenswasser auf der Oberfläche war inzwischen verdampft. Aber dann entdeckte er...
... vor ihm auf dem Boden stehend -, da war der bunte Kunststoffbeutel, in dem sich seine „Souvenirs“ von Sonabir befanden, den er doch gar nicht bei dem Spaziergang auf Otrona dabeigehabt, sondern im Schiff zurückgelassen hatte? ---
-- Und neben dem grellbunten Beutel und noch viel prominenter stand ein weiterer Gegenstand, kastenartig und weinrot mit einem Emblem in Gold, ein aufsteigender Phönix, nein, ein Benu... Siwas Laptop???
Jetzt war er völlig verwirrt. Siwa war doch dort zurückgeblieben, warum hatte er Frans seinen Laptop mit- oder hinterhergeschickt? --
...aber da war doch noch etwas, was er in seiner Eigenzeit erledigen mußte - wie lange war das jetzt her, und wie viel Zeit blieb ihm noch, wenige Minuten, drei Tage oder gar mehr als sieben Jahrhunderte?...
...der Brand! Frans schoß hoch, und ohne sich etwas überzuziehen, raste er aus seiner Wohnung. Zwei Stockwerke tiefer war das Feuer ausgebrochen, durch einen vergessenen Topf auf dem Herd... die Wohnung links konnte er vergessen, das Ehepaar arbeitete den ganzen Tag, wenn die an diesem Morgen etwas auf dem Herd vergessen hätten, hätte es schon vor Stunden gebrannt. Aber rechts wohnte der alte Mr. Broszinsky, der zunehmend schusseliger wurde, ein echter Vergessens-Kandidat. Frans läutete, und als sich nichts tat, trommelte er an die Tür.
Wieder nichts, Broszinsky schien ausgegangen zu sein, als Rentner liebte er geruhsame Spaziergänge. Frans schnüffelte an den Türritzen. Wenn es da drin schon lichterloh gebrannt hätte, hätte er es riechen müssen, so dicht schlossen die Türen in diesem Haus nicht. Aber da war kein Rauchgeruch, also war es noch ungefährlich einzudringen, er mußte noch nicht damit rechnen, daß ihm eine Feuerwalze entgegensprang.
Die Wände in diesem Haus waren dünn und die Türen noch dünner. Der zweite energische Tritt ließ das Sperrholz rings um das Schloß splittern, nach einem dritten Tritt stand Frans in der Wohnung. Kein Brandgeruch, aber etwas anderes, intensiv-metallisch... er hielt sicherheitshalber die Luft an. In der Küche kam ihm Hitze entgegen, mehr als in dieser zur Zeit der Sonne abgewandten Wohnung normal war. Auf dem eingeschalteten Elektroherd stand ein Metalltopf, der vermutlich nichts anderes als Wasser enthalten hatte, weil es nicht verschmort roch, nur zunehmend metallisch, weil das Wasser sich längst verflüchtigt hatte und die Hitze jetzt dem Topf selbst zusetzte, sowohl die Unterseite des Topfs wie auch das Kochfeld glühten bereits in beginnendem dezentem Rot. Mit einem Satz war Frans am Herd und schaltete ihn ab. Dann umwickelte er seine Hand mit einem Handtuch und schob den Topf auf eines der abgeschalteten Felder. Er mußte dazu Kraft aufwenden, der Topfboden hatte bereits damit begonnen, mit dem Herdfeld zu verbacken.
Und jetzt - reichte das, oder mußte er noch etwas tun? Der Ofen mußte von selbst abkühlen. Aber da er nicht wusste, ob in dem älteren Modell schon die Isolierungen schmorten und erste Flämmchen leckten, verzichtete er auch darauf, das Fenster zu öffnen, um dem Metallgestank nach draußen zu lassen. Wenn da wirklich was zu brennen gedachte, sollte es nicht zusätzlichen Sauerstoff erhalten. Ein Löschen ohne Feuerwehr wäre ohnehin schwierig gewesen, weil es die Vermieterin bis heute vermieden hatte, die eigentlich vorgeschriebenen Feuerlöscher oder Feuerwehrschläuche samt Anschluß im Hausflur zu installieren.
Er sah sich prüfend um. Die Umgebung des Herdes war gefliest, ein Überbleibsel der Zeit, als in diesem Haus noch Kohlefeuerung üblich war - gut, da konnte sich die Hitze nicht so schnell fortpflanzen. Und so modern, daß es einen Dampfabzug über dem Herd, übrigens einer der häufigsten Brandherde in modernen Küchen, gegeben hätte, war dieses Haus nicht, dafür gab es ganz altmodisch ein Küchenfenster.
Sicherheitshalber räumte er diverse Handtücher und andere Dinge, die leicht brannten, von der nächsten Umgebung des Herdes weg, und da hörte er hinter sich auch schon Schritte und Stimmen. Seine Demontage der Tür war nicht unbemerkt geblieben.
 „Sorry. Mr. Broszinsky hatte was auf dem Herd vergessen. Das wäre fast schief gegangen!“ erklärte er seinem glotzenden Publikum draußen auf dem Flur. Und erst dann erinnerte er sich wieder, daß er etwas dürftig bekleidet war, und verfügte sich mit einigen Entschuldigungen zurück in seine eigene Wohnung. Bei so viel Aufmerksamkeit konnte da unten nichts mehr passieren. Denn wie Frans wusste, würden die lieben Mitbewohner die Gelegenheit nutzen, um die Wohnung des vergeßlichen Mr. Broszinsky unter die Lupe zu nehmen, bis die Tür ersetzt war. Da konnten sie auch gleich auf den abkühlenden Herd aufpassen. Auf ihn wartete etwas viel interessanteres - ein Laptop aus dem 28. Jahrhundert...
Als er sich wieder auf seine Couch begeben hatte und sich das Gerät näher besah, bemerkte er, daß auf der Unterseite etwas klebte. Es war ein ganz normaler Zettel, mit Klebeband befestigt, und darauf stand handschriftlich vermerkt: „Bei Problemen Tom Richards anrufen, Federal Security Agency“. Die saubere, gut lesbare Schrift war vielleicht die von Siwa. An einen Tom Richards konnte Frans sich nicht erinnern, und auch nicht, daß Siwa ihn erwähnt hätte. Aber Federal Security Agency, das kam ihm bekannt vor. Das war ein Geheimdienst, wenn er sich nicht irrte, einer von der ganz geheimen Sorte. Hatte Siwa dort etwa einen frühen Verwandten?
Er beschloß, die Spekulationen erst einmal sein zu lassen, und versuchte den Laptop aufzuklappen. Aber das funktionierte nicht. Das Gerät schien irgendwie versperrt zu sein, realisierte er nach ein paar Minuten, in denen er vergeblich irgendeinen versteckten Öffnungsmechanismus suchte - neben dem offensichtlichen, der nicht funktionierte. Bei einem High-Tech-Gerät aus der Zukunft ging er davon aus, daß es sich nicht um einen einfachen Defekt handelte. Aber er konnte auch nirgendwo an dem kofferähnlichen Gerät ein Schlüsselloch finden, von einem Schlüssel ganz zu schweigen. Möglicherweise brauchte man für das Gerät irgendeinen elektronischen Schlüssel, den er aber nicht besaß.
Nach einigen weiteren Minuten des Nachdenkens, in denen er seine Bananenmilch trank, bevor sie in der brütenden Hitze seiner Wohnung schlecht wurde, entschied er, abermals den metaphorischen Stier bei den Hörnern zu packen und sich den mysteriösen Mr. Richards vorzunehmen. Einfach so bei einem Geheimdienst anzurufen, schmeckte Frans ganz und gar nicht, aber leider war Tom Richards ein Allerweltsname, insbesondere in einer Großstadt, und der Mann konnte genausogut auch im weiteren Umland oder ganz woanders leben, deshalb blieb Frans gar nichts anderes übrig.
Die Dame von der Auskunft brauchte etwas, bis sie sich wieder meldete. „Ich stelle Sie durch zur Zentrale der Agency in Washington D.C., wenn Ihnen das recht ist.“ flötete sie. Washington, das paßte. Pentagon, Maryland, Fort Meade, das Herz des Landes einschließlich sämtlicher Geheimdienste... er gab seinen Wunsch an die nächste Dame in der FSA-Zentrale durch.
„Ich möchte gern mit einem Mr. Tom Richards sprechen. Den gibt es doch bei Ihnen, oder?“ Er wurde prompt weiterverbunden, der Name schien bekannt zu sein.
„Mr. Smith?“ fragte er dann verdutzt zurück, als sich jemand meldete. Oh, wie passend. Gestatten, Smith und Miller, Geheimdienst, Herren in korrekten dunklen Anzügen mit dicken Wummen im Schulterhalfter... sogar Frans wusste, wie es dort lief, er sah ja hin und wieder fern. Sein Gegenüber in der Leitung klang amüsiert, als er erwiderte: „John Smith, ja, das  ist mein Name. Und er ist sogar echt. Was kann ich für Sie tun?“
Offenbar war Frans nicht der erste, der darüber stolperte. Ein Geheimdienster namens Smith, das lud schräge Witze geradezu ein.
„Äh, sorry. Ich suche einen gewissen Tom Richards. Arbeitet der bei Ihnen?“   
„Was wollen Sie von ihm, wenn ich fragen darf?“
Klar, Geheimdienst. Da bekam man nicht so einfach Auskünfte.
„Mir wurde geraten, mich bei Problemen an ihn zu wenden, aber ich habe seine Nummer nicht. Und ich habe ein Problem, bei dem ich ihn konsultieren möchte.“
„Warten Sie bitte einen Moment.“ Smith legte den Hörer zur Seite. Als er wieder dran war, konnte er Frans mit einer weiteren Telefonnummer in Washington D.C. dienen. Und vermutlich hatte er inzwischen den Anruf zurückverfolgen lassen und wusste inzwischen alles über Frans samt Schuhgröße und sexueller Vorlieben. Frans wusste ja dank Hollywood, wie es lief.
„Unter dieser Nummer erreichen Sie entweder Mr. Richards persönlich oder jemanden, der ihm eine Nachricht zukommen lassen kann. Mr. Richards ist viel auf Reisen, und übrigens, er ist kein Angestellter der Agency. Nur um das klarzustellen.“
Frans hatte die Nummer notiert, dankte und legte auf. Er hatte nicht den Mut gehabt, noch weitere dumme Fragen zu stellen und damit vielleicht schlafende Hunde zu wecken. So, dieser Tom Richards war in der Agency zwar gut bekannt, wie es aussah, aber kein Angestellter. Das bedeutete vielleicht...
Das Schrillen der Türklingel rief seine Gedanken von Washington zurück in eine schwülheiße Dachgeschoßwohnung in L.A.. War der überhitzte Herd etwa doch in Flammen aufgegangen, und das Haus wurde geräumt? Aber die Hausbewohner, die draußen standen, allen voran natürlich Mrs. Strangewell, echauffierten sich nur wegen der eingetretenen Tür. Frans machte ihnen klar, wie dicht das ganze Haus vor einer Feuerkatastrophe gestanden hatte angesichts der gesetzlich vorgeschriebenen aber leider fehlenden Notausrüstung und brachte die meisten von ihnen damit auf seine Seite. Nur Mrs. Strangewell laberte ungeniert weiter von Strafanzeigen und Polizei, bis Frans ihr mit einem lautstarken „Jawoll!“ das Wort abschnitt und die Tür vor ihrer Nase zuknallte. Verdammt, er hatte besseres zu tun... zumindest ließ sie ihn jetzt in Ruhe, nachdem sie ihr Pulver verschossen hatte, es läutete nicht noch einmal. 
„Lyonshome Manor. Ja bitte?“ meldete sich eine Männerstimme. Sie klang etwas schläfrig, was kein Wunder war, denn hier war es Abend, und Washington war schon ein paar Stunden weiter.
„Verzeihung, ist Mr. Tom Richards zu sprechen?“ fragte Frans. „Mr. Schwer-zu-kriegen“ wäre ein besserer Name, dachte er zynisch. Aber bei Botschaften aus der fernen Zukunft konnte man wohl keine Telefonnummern von Anfang einundzwanzigstes Jahrhundert erwarten. Und bei seinem Glück weilte dieser Mr. Richards vielleicht gerade in Australien oder auf der dunklen Seite des Mondes.
„Sie haben Glück, Sir. Mr. Richards ist anwesend. Ich stelle Sie durch.“
Lyonshome Manor. Klang nach einem schnieken altmodischen Herrensitz... oder einem Pflegeheim, vielleicht sogar einer Anstalt? überlegte Frans noch, da hörte er eine andere Männerstimme. „Tom Richards am Apparat.“
„Äh, hallo. Hier spricht Frans Hauser. Ich glaube nicht, daß wir uns kennen. Aber ich bekam den Rat, mich an Sie zu wenden, wenn ich Probleme habe.“
„Probleme welcher Art?“ Die Stimme des Mr. Richards klang ruhig und angenehm.
„Ich habe hier einen Laptop, der sich nicht öffnen läßt. Einen Laptop der Benu Incorporated.“
Am anderen Ende der Leitung blieb es erst einmal still. Frans glaubte ein hastiges Durchatmen zu hören, dann noch einmal --
„Sind Sie noch dran?“ fragte er, erschreckt von dem Gedanken, der andere könne einfach auflegen, ohne Frans eine Antwort zu liefern, ohne ihm Gelegenheit zu geben, sich seine Erlebnisse von der Seele zu reden...
„Entschuldigen Sie, aber ich bin so überrascht. Sind Sie sicher, daß es ein Laptop der Benu ist?“ Die plötzliche, kaum unterdrückte Erregung in der Stimme sagte Frans, daß mit einem Auflegen wohl nicht zu rechnen war. Er war beruhigt.
„Riesiger weinroter Kasten mit goldenem Firmenemblem?“ fragte er zurück, und diese Beschreibung schien zu reichen.
„Wer - wie - ach, ich bin so überrascht, ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Können wir uns irgendwo treffen?“ Aufgeregt, ohne Zweifel. Ob im Guten oder im Bösen, mußte sich erst noch herausstellen.
„Sie wissen also, wo der Laptop herstammt?“
„Von wann, wollten Sie sagen.“ kam die überraschende Antwort und bewies, daß dieser Mr. Richards Bescheid wusste. „Und ob! Wir müssen uns treffen!“
Von Washington aus dauerte es ein paar Stunden bis nach L.A., selbst wenn einer von ihnen sich sofort ins Flugzeug setzte. „Wann können Sie denn hier sein, oder soll ich lieber zu Ihnen kommen? Von mir aus eilt es nicht.“
„Ich komme zu Ihnen, das geht schneller. Morgen vormittag, nach Ihrer Ortszeit? Dann kann ich vorher noch eine Mütze voll Schlaf nehmen, ich hatte heute einen aufreibenden Tag.“
„Dito hier.“ seufzte Frans. Verdammt, hatte er wirklich drei volle Tage in der Zukunft verbracht in einer Zeitdauer, die hier nicht mehr als ein paar Minuten gewesen sein konnte? Denn seine Bananenmilch war immer noch so kalt gewesen, wie er sie erst kurz vorher aus dem Kühlschrank geholt hatte...
Sie vereinbarten die Zeit und einen Treffpunkt. Ein kleines Restaurant in der Nähe, das Frans kannte, und in dem man gut und billig essen konnte. Seine Wohnung wollte er seinem Besucher lieber nicht zumuten.
„Wissen Sie übrigens, was der Laptop bedeutet?“ fragte Richards.
„Daß man von der Firma eingestellt wird?“ Er hörte leises Lachen am anderen Ende.
„Genau das. Aber es bedeutet viel mehr. Auch für mich. Aber darüber reden wir morgen. Ich hoffe, Sie können gut schlafen, denn ich kann es jetzt bestimmt nicht mehr.“ Er legte auf.
Frans stutzte, noch den Hörer in der Hand. Zeitdifferenz zwischen den Städten, Abstand zwischen Ost- und Westküste, Zeitpunkt ihres Termins... aber vermutlich war Richards ein vielgereister Vielflieger und besaß die Gabe, in einem Flugzeug schlafen zu können, sonst blieben ihm in der Tat nicht viele Stunden Nachtruhe. Nachdenklich legte er den Hörer auf die Gabel.


Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 29. August 2016, 10:43:31 Uhr
Am nächsten Tag war Frans schon vorzeitig in dem Restaurant. Nur für alle Fälle, falls die Nähe von Richards zum Geheimdienst (kein Angestellter, aber gut bekannt...?) zum Problem werden sollte, hatte er seinem Agenten Bescheid gesagt. Nur daß er hier einen potentiellen Auftraggeber an der Angel hatte, mehr nicht, und er hatte Ricks Angebot, ihn zu begleiten, abgelehnt. Schweren Herzens, Rick hätte ihm Rückendeckung geben können, aber diesem Mr. Richards wollte er nicht sofort mit seinem Agenten auf die Nerven fallen, wenn es nur um ein erstes Beschnuppern ging. Die Mitteilung war auch nur für den Fall, daß er abermals spurlos verschwinden sollte...
Auffallend rothaarig, so hatte er sich selbst im gestrigen Gespräch beschrieben, und außer ihm gab es heute keinen Gast in dem Lokal mit dieser Haarfarbe, deshalb fiel es Richards nicht schwer, ihn ausfindig zu machen, als er pünktlich auftauchte. In einer Hand trug er einen altmodischen silbernen Gehstock mit gläsernem Knauf, in der anderen eine kleine Reisetasche, in der sich vermutlich alles Nötige für einen kurzen Aufenthalt in L.A. befand, also war er offenbar direkt vom Flughafen hierhergekommen ohne den Umweg über ein Hotel. Der korrekte helle Anzug, den er trug, sprach von einem teuren Privatschneider, unter Geldmangel schien er nicht eben zu leiden.
Frans erkannte auf den ersten Blick, daß der Mann mit Siwa verwandt sein mußte, die familiäre Ähnlichkeit - mit einem Abstand von etwa dreißig Jahren - war unverkennbar, sie ähnelten sich wie Vater und Sohn. Und noch etwas war auffällig an dem mutmaßlichen Endvierziger, er besaß auffällig langes naturblondes Haar, das ihm zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden bis auf den Hintern fiel. Mit Stock, Anzug und Pferdeschwanz wirkte er wie ein exzentrischer Modedesigner, ein reicher Müßiggänger, oder wie ein potentieller Finanzier für ein Filmprojekt. Ein Regisseur war er jedenfalls nicht, so viel wusste Frans. Er hatte nämlich Rick dazu befragt, und dem war der Name nicht geläufig gewesen. Und was hätte der Geheimdienst auch mit Filmemachern zu tun...
Sie begrüßten sich. Richards´ Händedruck war fest, aber nicht fordernd, und sie musterten sich gegenseitig. Sicherheitshalber hatte auch Frans sich in Schale geworfen, mit seinem besten Anzug.
„Wollen Sie etwas bestellen, oder wollen wir woanders hingehen?“ fragte er dann. Er hatte nur ein Wasser gehabt und gleich bezahlt, vielleicht hatte Mr. Richards ja eigene Pläne.
„Nein, hier ist es gut.“ Frans beobachtete den Besucher, während der sich setzte. Er hatte seinen Tisch mit voller Absicht gewählt ... ja, es war, wie er es vermutete. Umsehen, Platzwahl so, daß Ausgänge und Fenster sich immer im Blick befanden und nichts unerwartet von hinten kommen konnte, die klassischen Verhaltensregeln eines vorsichtigen Menschen, eines Gangsters, Geheimagenten oder erfahrenen Krisenreporters...
letztere Rolle hatte Frans nämlich mal gespielt, nur eine Nebenrolle, aber auch dafür hatte er sich vorher informiert. Deshalb erkannte er jetzt, warum Richards sich wie setzte, seinen Koffer so stellte, daß er ihm nicht zwischen die Beine geraten konnte, und den Stock jederzeit griffbereit abstellte, als handle es sich um eine Waffe, was vermutlich sogar der Fall war, in einer geübten Hand konnte sogar ein simpler Stock zu einem effektiven Mordinstrument werden. Der Blonde gab seine Bestellung ab, zahlte sofort und wandte sich dann Frans zu. Der nickte und holte unter dem Tisch hervor, was er selbst mitgebracht hatte, den Laptop.
Der sich nach wie vor beharrlich weigerte, sich öffnen zu lassen.
Richards betrachtete das Firmenemblem, den in Gold eingeprägten aufsteigenden Phönix im Flammenkranz, machte aber keine Anstalten, nach dem Gerät zu greifen.
„Ich kann ihn nicht öffnen.“ sagte Frans.
„Selbstverständlich können Sie das nicht. Sie haben den Vertrag noch nicht unterzeichnet.“
„Vertrag?“ Was für ein Vertrag?
„Der, mit dem Sie sich für den Rest Ihres Lebens an die Benu verkaufen.“ Richards lachte ihn fröhlich an. „Das muß man sich sehr gut überlegen, wissen Sie. Haben Sie ausreichend darüber nachgedacht?“ 
Das hatte er, verdammt, die ganze Zeit über seit seiner Rückkehr gestern. Aber er war nicht in der Lage, ein großzügiges Angebot auszuschlagen. Und woher wusste Richards überhaupt von einem Vertrag?
„Das klingt so, als müßte ich meine Seele verkaufen. Muß ich den Vertrag auch mit meinem Blut unterschreiben?“
Tom lachte nur. „Tinte reicht völlig für lebenslängliche Sklaverei. Was Sie nach Ihrem Ableben mit Ihrer Seele tun, ist Ihre Sache.“
Ehrlich schien der Mann zu sein, ein Pluspunkt für ihn.
„Da gibt es nur ein Problem. Ich habe keinen Vertrag erhalten.“ Außer Werbung und wieder mal einer Rechnung war heute früh nichts in der Post gewesen, und den anderen, den Vorvertrag über die Testphase, konnte er nicht meinen.
„Der Vertrag steckt im Laptop.“ meinte Richards amüsiert. „Und Sie kommen an den Vertrag nicht heran, weil sich der Laptop nicht öffnen läßt, solange Sie den Vertrag nicht unterschrieben haben... eine klassische Logikschleife. Eine der üblichen kleinen Gemeinheiten der Benu, allerdings haben die alle einen tieferen Sinn. In diesem Fall ist es ein Anfängerschutz, bevor Sie bei uns ein offizieller Anfänger sind. Diese Laptops sind nämlich heiß begehrt, und nicht nur von anständigen Leuten. Wenn meine Freunde von der FSA davon wüßten, wäre garantiert schon ein Vertreter von ihnen hier. Und ich bin mir ziemlich sicher, daß sie es wissen, die Bastarde zapfen nämlich für ihr Leben gern mein Telefon an. Hin und wieder werfe ich sie hinaus, putze die Leitungen durch... aber das hält nie lange vor.“
Ein Geheimagent, hier? Frans riß die Augen auf und sah sich um. Keiner der anderen Gäste gönnte ihnen seine Aufmerksamkeit oder sah auf den ersten Blick so aus, wie man sich einen Agenten so vorstellte. Aber wenn man einen Agenten auf den ersten Blick erkannt hätte, wäre er wohl nicht lange Agent geblieben.
„Keine Panik. Der Laptop ist für jeden Dieb nutzlos, solange er nicht geöffnet werden kann. Eine Matrix-Verschlüsselung der Stufe Drei ist mit normalen Werkzeugen nicht zu überwinden. Auf diesem Baby hier,“ der Blonde deutete auf den Kasten, „könnten Sie eine Atombombe hochjagen, und es hätte nicht mal einen Kratzer im Lack. Aber natürlich bekommt nicht jeder Mitarbeiter der Benu einen. Nur wir ZBVler, die Mitarbeiter zur besonderen Verwendung. Oder mit anderen Worten, die eierlegenden Wollmilchsäue und lebenslänglichen Galeerensklaven der Benu Incorporated.“
Frans starrte sein Gegenüber an. Richards gehörte also auch dazu... aber das ergab Sinn.
„Wie sind Sie an den Laptop gekommen? Denn daß er Ihnen gehört, das spüre ich, Sie haben ihn nicht einfach gestohlen.“
Also erzählte Frans die ganze unglaubliche Geschichte. In leisem Ton, schließlich hatte Richards angedeutet, daß ungebetene Mithörer anwesend waren. Von dem Filmprojekt, seiner unerwarteten Zeitreise, von Siwa und den Aliens in der Raumstation... aber anders als er erwartet hatte, unterbrach Richards ihn kein einziges Mal und zeigte auch kein Zeichen von Unglauben. Stattdessen zeigte sein Blick einen unbewußten Ausdruck von... Sehnsucht?
„Was sind Sie, Mister?“ fragte Frans unerwartet. „Auch ein Zeitreisender?“
„Der Kandidat hat hundert Punkte. Gebt dem Mann eine Zigarre.“ lobte Tom und lächelte. „Aber aus Gründen, die wir ein andernmal erörtern können, sitze ich hier fest. Und ich weiß auch gar nicht, ob ich es mir wünschen würde, von den Benu zurückgebracht zu werden. Ich habe hier Aufgaben und ein Leben, wissen Sie. Siwa muß allein zurechtkommen. Und das wird er, schätze ich, vielleicht mit meiner Hilfe hier und da. Aber erst dann, und bis dahin ist es noch ein langer Weg für mich. Ich bin nämlich sehr langlebig und werde dann vermutlich noch am Leben sein, so viel weiß ich. Aber nicht mehr. Im Augenblick ist die Zukunft noch nicht festgeschrieben, und Siwa und seine ganze Welt sind nur diffuse Wahrscheinlichkeiten im Quantenfluß des Universums.“
Frans langte in seine Tasche und zog den Zettel heraus. Die Schrift darauf war unverändert, hatte sich nicht aufgelöst oder verändert wie das Foto in „Zurück in die Zukunft“. Richards nahm den Zettel entgegen und blickte darauf, immer noch mit diesem Ausdruck von Sehnsucht. „Das ist Siwas Handschrift. Darf ich den Zettel behalten?“
Frans zögerte, und nickte dann. Vermutlich besaß Richards die Mittel, ihm den Wisch notfalls auch mit Gewalt abzunehmen, wenn sein Herz daran hing. Und er sah im Moment so aus, als wolle er sich daran festhalten, als Garant einer fernen Zukunft, die er kannte, die aber im Augenblick nicht mehr als eine weit entfernte Wahrscheinlichkeit war...
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 1. September 2016, 09:18:12 Uhr
„Zurück zum Laptop.“ forderte Tom, nachdem er den Zettel sorgfältig eingesteckt hatte, und lächelte wieder, seine Melancholie überwindend. „Also, Sie haben hier eine Logikschleife. Die Sie als Anfänger schützen soll, denn Sie können den Laptop nicht öffnen, und deshalb kann auch kein Dieb des Laptops Sie dazu zwingen, egal welche Mittel er einsetzt. In Fällen mit Logikschleifen gibt es aber immer Ausnahmeregelungen, und die sieht hier so aus, daß der Laptop geöffnet werden kann, wenn jemand anwesend ist, der Ihnen als Anfänger gegenüber weisungs- und lehrbefugt ist. Jemand mit der Macht, Sie und den geöffneten Laptop auch vor Bösewichten  zu beschützen, wenn es notwendig sein sollte, solange bis der Vertrag unterschrieben ist und der normale Anfängerschutz greift, der von den Benu selbst verliehen wird. Dieser Jemand, der weisungsbefugt ist, bin ich, Sie haben es vermutlich erraten.“
„Eine Frage... was haben Sie mit dem Geheimdienst zu tun?“
Richards schien schwer aus der Ruhe zu bringen zu sein, und es war offenbar noch schwerer, ihm mit einer Querfrage die gute Laune zu rauben. „Die haben irgendwann mitbekommen, daß ich als Matrixtechniker für sonderbare Ereignisse aller Art gut bin, und mich als Berater engagiert. Als offiziellen Mitarbeiter mit Marke wollen sie mich nicht, weil ich nichts für mich behalten kann... behaupten sie zumindest, aber ich würde ohnehin nicht beitreten, sie haben als Staatsdiener zu viele Beschränkungen, die ich mir nicht leisten kann. Es ist eine Art Haßliebe. Sie brauchen mich hin und wieder, aber sie trauen mir nicht über den Weg. Ich bin ihnen zu mächtig und wahrscheinlich auch zu ehrlich, ich hasse nämlich Lügen und Hinterhältigkeiten aller Art, insbesondere die von der Geheimdienst-Sorte. Von meiner Herkunft wissen sie übrigens, wir haben deshalb ein paar Vereinbarungen auf Gegenseitigkeit laufen, mit denen beide Seiten leben können. Aber ein Benu-Laptop in den Händen eines wehrlosen  Anfängers, das könnte sie reizen, ihre Befugnisse in meinem  Revier zu überschreiten. Sie ahnen nämlich zumindest, wofür die Dinger gut sind. Deshalb sollten wir das hier flüssig und ohne Verzögerung über die Bühne bringen... öffnen wir das Überraschungspaket.“
Richards tippte mit dem Finger auf den Glasknauf seines Stocks, in den so etwas wie ein blauer Kristall eingelassen war, und etwas wie ein kleiner elektrischer Funken schlug über, vom Knauf auf den Laptop. Zum großen Erstaunen des Schauspielers wuchs sich dort der Funken zu einem regelrechten Geflecht aus farbigen Linien aus, die sich rings um den ganzen Kasten erstreckten und sich auch noch umeinander und ineinander bewegten, in regelmäßigen Takten wie ein laufendes kompliziertes Uhrwerk aus Laserlicht, oder wie ein menschlicher Herzschlag...
„Das hier ist Ihr Siegel. Das Sie als den Eigentümer des Laptops ausgewiesen hat. Ich habe es gleich gespürt, als ich eintrat, für jemanden der aurasichtig ist, strahlt so ein Siegel wie ein Leuchtfeuer. Machen Sie sich keine Mühe, sich das Aussehen zu merken, das kann am Anfang keiner. Wenn Sie telepathisch begabt sind, werden Sie irgendwann die winzigen Unterschiede zwischen den Siegeln erkennen und Ihnen einen Namen geben. Mein Lehrer Carolus beispielsweise hatte ein Siegel, das für mich aussah wie eine Blume. Die Siegel werden hauptsächlich zum Verschließen von Schutzfeldern benutzt, wie bei diesem Gerät, oder um telepathische Botschaften zu signieren. Das kriegen Sie aber im Lauf Ihrer Ausbildung noch mit.“
„Ich habe eine Ausbildung.“ Stolz zählte Frans die Schauspielschule auf, die er besucht hatte, die Theatergruppen im College und danach und eine Reihe von kleineren Rollen, die er bis jetzt ausgefüllt hatte. Nichts darunter war wirklich bemerkenswert, das wusste er, er war halt nur ein kleines Licht unter vielen im von unzähligen Stars und Sternchen strahlenden Hollywood.
„Schön für Sie, und die Schauspielerei können Sie gern als Hobby beibehalten, wenn sie Ihnen so viel bedeutet. Ein hübsches Steckenpferd zur Ablenkung vom stressigen Beruf ist bei uns sogar Pflicht, wissen Sie. Aber wenn Sie unserem Verein beitreten, müssen Sie noch viel mehr lernen. Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, warum man Sie ausgesucht hat, ich kenne Ihre Fähigkeiten noch nicht. Abgesehen davon, daß Sie offenbar die Rolle des Filmhelden passend spielen können. Aber die Dreharbeiten werden nicht ewig dauern, ein paar Monate vielleicht, und was danach kommt... keine Ahnung. Die Leute, die nur vorübergehend engagiert werden, bekommen normalerweise keinen Laptop, verstehen Sie, das Ding beweist, daß man sich von Ihnen mehr erhofft. Und ich will mir nicht vorwerfen lassen, ich hätte Sie nicht ausreichend ausgebildet in der Zeit, die man uns läßt.“
Der kleine Funken aus dem Knauf seines Stockes hatte das sogenannte Siegel nicht lange illuminiert, es war fast schon wieder unsichtbar geworden.
„Also helfe ich Ihnen jetzt, das Ding zu öffnen, und dann sehen wir weiter. Sie können es sich übrigens jederzeit noch anders überlegen, ich schätze mal, daß die Anfängerfrist für Sie auf die Dauer der Dreharbeiten festgelegt ist. In dieser Zeitspanne können Sie jederzeit aussteigen. Danach wird es schwierig, dann gehören Sie der Firma mit Haut und Haar, und die lassen Sie dann nicht mehr so ohne weiteres aussteigen. Aber bevor Sie fragen - ich habe noch von keinem Aussteiger gehört. Die Zukunfts- und Entfaltungschancen, die die Benu bieten können, finden Sie nirgendwo sonst, nicht auf dieser und nicht auf einer anderen mir bekannten Welt.“
Ein neues Antippen lockte einen weiteren Funken aus dem Knauf, doch dieser hier sprang nicht über, sondern schwebte gehorsam über Toms offener Handfläche. Er erweiterte sich, zerfaserte nach allen Seiten, bis Frans eine Miniaturversion des pulsierenden Siegels erkennen konnte, wie es über dem Laptop lag.
„Das hier ist mein Siegel. Es unterscheidet sich von dem Ihren, aber ich kann Ihnen nicht sagen wie. Wenn Sie dafür veranlagt sind, werden Sie es früher oder später spüren, und dann werden Sie eine eigene Bezeichnung dafür finden, als eine Eigenschaft oder als ein Ding. Lassen Sie sich nicht von der Größe täuschen, Größenmaßstäbe sind bei Siegeln unerheblich. Ich könnte es auch auf Planetengröße aufblasen, wenn Ihnen das besser gefiele, aber wir wollen nicht mehr auffallen als unbedingt nötig.“
Und wie um den letzten Satz zu konterkarieren, fuhr er einen Gast am Nebentisch, der nicht als einziger im Raum angesichts der Mini-Lightshow auf diesem Tisch Stielaugen machte, mit gerade noch erlaubter Lautstärke an: „Würden Sie sich bitte um Ihre eigenen Angelegenheiten kümmern, Sir? Das hier sind meine Zaubertricks, suchen Sie sich bitte Ihre eigenen!“
Frans verkniff sich die Bemerkung, daß er das in der Tat gerne sehen würde, ein Siegel von Planetengröße. Er amüsierte sich über Richards´ simple Methode, die anderen Gäste davon zu überzeugen, daß es sich nur um einen vorgeführten Zaubertrick aus der Klamottenkiste von Las Vegas handelte. Sie schien aber zu funktionieren, jedenfalls taten alle anderen ab sofort zumindest so, als würden sie ihnen keine Beachtung mehr schenken.
„Agentenhandbuch für Anfänger, wie bremst man feindliche Agenten aus Lektion Eins: Fallen Sie maximal auf und sorgen Sie dafür, daß wirklich jeder um Sie herum Sie im Auge behält!“ klärte Richards ihn grinsend mit leiser Stimme auf. „Und jetzt: Sesam öffne dich!“
Er setzte sein Siegel auf das von Frans, das für einen Sekundenbruchteil noch einmal aufglomm und zeigte, wie beide Siegel ineinandergriffen, zu interagieren und zu arbeiten begannen wie das komplizierte Innenleben eines Kombinationsschlosses an einem Safe, und dann hörte er ein leises Knacken, als der Verschluß des Laptops sich öffnete. Vorsichtig griff er nach dem Gerät und klappte den Deckel hoch, und da sah er schon die beschrifteten Blätter, die ihm entgegenquollen. Viel mehr als in den engen Zwischenraum zwischen den beiden Hälften des Laptops eigentlich passen durften, wohlgemerkt. 
 „Übrigens, noch eine Frage. Was ist mit Ihrem Lehrer passiert, den Sie erwähnt haben?“ Es war ein Talent, wie nebenbei dahingesagte Kleinigkeiten aufzufassen und sie unerwartet zum neuen Gesprächsthema zu machen, das wusste Frans. Vielleicht hätte er ja besser Detektiv oder Vernehmungsbeamter werden sollen, dachte er nicht zum ersten Mal.
„Der sitzt gemütlich in der Zukunft und zwiebelt Siwa.“ feixte Richards. „Sofern er ihn überhaupt noch zu fassen bekommt. Siwa hat inzwischen so viele Pflichten, er müßte sich eigentlich zehn Klone machen lassen, um alles abzudecken. Da habe ich es an diesem Ende der Zeit besser, ich kann mir Zeit lassen. Meistens jedenfalls.“
Frans studierte die ersten Seiten. Es war der versprochene Vertrag.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 2. September 2016, 12:49:31 Uhr
„Bitte gründlich durchlesen, und ganz besonders auf fiese Klauseln im Kleingedruckten achten. Obwohl die bei ZBV-Lehrlingen relativ selten vorkommen, aber sicher ist sicher.“ erklärte Richards.
„Kann ich das erst meinem Agenten vorlegen?“ wollte Frans wissen.
„Klar können Sie. Ganz zuletzt kommt ein leeres Blatt - wenn Ihnen etwas auffällt, etwas nicht klar ist oder Sie eine Frage oder einen Änderungswunsch haben, dann schreiben Sie das auf das Blatt, mit dem Stift da.“ Er deutete auf das Schreibgerät, das in einer kleinen Halterung hing und zusätzlich durch eine dünne Nabelschnur aus Plastik mit dem Laptop verbunden war, damit es nicht verloren ging. Auch der Stift war rot und trug das goldene Firmenlogo.
„Ich empfehle allerdings, den Laptop wieder zuzumachen, bevor Sie Ihren Agenten aufsuchen. Die Versiegelung funktioniert nur, solange das Ding geschlossen ist. Wenn es offen herumsteht, könnten Unbefugte sich daran zu schaffen machen, und das hat die Firma gar nicht gern. Deshalb lautet die allererste Lektion im Umgang mit dem Laptop: Deckel zu. Immer und in jeder Lebenslage. Die Dinger werden oft schneller geklaut, als Sie gucken können, Sie brauchen sich vielleicht nur einmal umdrehen, wenn Sie kurz abgelenkt werden, und das Gerät ist weg. Und Sie müssen auch durchaus damit rechnen, daß jemand versucht, es Ihnen mit Gewalt abzunehmen. Das macht aber nichts, wenn der Deckel zu ist.
Deshalb lautet Lektion Nummer Zwei: Begeben Sie sich niemals in Gefahr, und bringen Sie natürlich auch nicht andere in Gefahr, um einen geschlossenen Laptop zu verteidigen oder ihn wiederzubeschaffen. Ihre einzige Handlung, die Sie riskieren sollten, muß darin bestehen, gegebenenfalls den Deckel zuzuschlagen. Sie brauchen übrigens keine Angst haben, daß dadurch Daten verlorengehen, so simpel sind die Dinger nicht gestrickt.
In der Zukunft sorgt übrigens die Firma dafür, daß ein gestohlenes Gerät bald wieder zu seinem rechtmäßigen Benutzer zurückkehrt, in dieser Zeit hier werde wohl ich dafür sorgen dürfen. Für diesen Zweck sind die Geräte mit einem Peilsender ausgestattet, über den man sie nötigenfalls sogar am Grund des Ozeans aufspüren könnte. Und solange das Ding geschlossen ist, kann kein Dieb an die Daten oder die Hardware heran, die Versiegelung ist mit herkömmlichen Werkzeugen nicht zu knacken.
Deshalb machen Sie sich keinen Kopf, wenn das Ding mal verschwindet, und machen Sie keine Dummheiten, wenn ein Dieb Sie bedroht, sondern händigen Sie es ihm einfach aus. Geschlossen natürlich. Dann kann ich nämlich anschließend auf die Jagd gehen und dem Typ die Hammelbeine langziehen.“ Er grinste fies und rieb sich die Hände, die Aussicht schien ihm allen Ernstes Freude zu bereiten.
„Sie klangen aufgeregt, als ich Sie anrief.“
Sein Gegenüber lachte froh. „Und ob ich das war. Wissen Sie, was Ihr Laptop für mich bedeutet?“
Frans sah ihn nur aufmerksam an. Worauf wollte Richards hinaus - eine Bestätigung der Zukunft, wie er sie kannte und erhoffte? Wollte er ihm das Gerät vielleicht abnehmen, nun, da es gerade offen war? Oder war es etwas ganz anderes?
„Es bedeutet, daß ich meinen ersten offiziellen Lehrling habe!“ Richards strahlte über das ganze Gesicht, er freute sich sichtlich.
„Wohlgemerkt, ich habe ein paar Lehrlinge, aber keiner von ihnen ist von der Firma anerkannt. Geht auch gar nicht, logischerweise, weil es die Firma in dieser Zeit noch gar nicht gibt. Ich kann die anderen nur so gut wie es mir möglich ist ausbilden, damit sie mir dann, wenn es soweit ist, keine Schande machen. Aber mit Ihnen ist es was anderes. Sie sind mein offiziell anerkannter Padawan, ich bin Ihr Meister, ganz wie bei den Jedirittern. Ihre Unterschrift natürlich vorausgesetzt. Das Ausbildungssystem in der Firma ist nämlich streng hierarchisch aufgebaut, die Lehrlinge und Gesellen der vierten und fünften Stufe sind zuständig für die Ausbildung des Nachwuchses bis zur Meisterprüfung auf Stufe drei, es gibt immer einen Schüler und einen Meister. Das mit den verschiedenen Stufen sagt Ihnen im Augenblick noch nichts, ich weiß. Aber da ich selbst ein Lehrling der Stufe fünf bin und der Firma der Zukunft bekannt, wusste ich schon, daß sich irgendwann jemand mit einem Laptop, der nicht aufgeht, bei mir melden würde. Es ist die Aufgabe des auserwählten Ausbilders, sein Privilieg, für die erste Öffnung des Laptops zu sorgen. Ich hatte aber damit gerechnet, daß das frühestens in zweihundert Jahren oder so der Fall sein würde.“
„Sie sind echt verrückt, wissen Sie das?“ Was anderes fiel Frans darauf gar nicht ein. Und abermals war Richards nicht verschnupft. „Das sagt mir Wylie, einer meiner Kontakte bei der Agency, ständig. Verrückter als ein Märzhase, wie er zu sagen pflegt.“ grinste er. 
„Wenn ich Ihr Lehrling werden soll,“ - verdammt, das klang so altmodisch! - „werde ich wohl zu Ihnen umziehen müssen?“
Tom nickte. „Sie kommen erst mal bei mir unter, in Washington, bis man Sie irgendwann abholt, damit Sie Ihre Rolle spielen können. In Lyonshome Manor gibt es Platz genug. Wird ein Umzug für Sie umständlich sein?“
Frans schüttelte den Kopf. Wie viele Schauspielerkollegen, die quasi auf ständigen Abruf warteten, an irgendeinen speziellen Drehort - irgendwo anders im Land oder nicht selten sogar in Kanada - reisen zu müssen, beschränkte sich seine persönliche Habe auf das, was in zwei große Reisetaschen paßte. Ein paar materiell wertlose, aber für ihn persönlich kostbare Erinnerungsstücke an seine Eltern hatte er in einem Schließfach deponiert, das er langfristig gemietet hatte. Er war also ungebunden und konnte jederzeit aufbrechen, wenn man ihm eine Stunde zum Zusammenpacken und Auschecken bei Mrs. Strangewell ließ, und das sagte er seinem neugewonnenen „Meister“. Aber vorher wollte er erst noch mit seinem Agenten sprechen...
„Wenn es tatsächlich zu einer Dauerstellung bei den Benu kommt, wird Ihr Agent natürlich eine Abfindung erhalten.“ sagte Richards, bevor Frans das Thema anschneiden konnte.
Richards schien erstens sehr reich zu sein und zweitens im direkten Auftrag der Benu Inc. zu agieren, wenn er darüber nicht einmal diskutierte, dachte er.
„Darf ich?“ fragte er, das Handy zückend.
„Selbstverständlich. Wenn wir das heute noch über die Bühne bringen können, können wir zum Abendessen schon in Washington sein. Ich habe nämlich noch kein Hotelzimmer gemietet, weil ich selbst geflogen bin.“
Entweder war Mr. Richards optimistisch, oder er liebte sehr späte Imbisse, überlegte Frans eingedenk des Zeitunterschieds zwischen L.A. und Washington, der für eine kleine Privatmaschine wahrscheinlich noch länger war als für einen großen Linienflug, während er Rick anläutete.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 5. September 2016, 11:00:46 Uhr
Eine dreiviertel Stunde später saßen sie im Büro des Agenturmitarbeiters, und Tom übte sich in Geduld, während Rick Summersby den vorgelegten Vertrag prüfte und sich hin und wieder leise mit Frans Hauser unterhielt. Frans hatte ihm bereits gesagt, daß es sich um sehr ungewöhnliche Umstände handelte, die vielleicht in einer Daueranstellung mündeten, aber erneut machte Richards keine Fisimatenten betreffend Ricks Honorar. Die geforderte Summe würde postwendend bezahlt werden, und Frans konnte schon das Bedauern in Ricks Gesicht lesen, daß er nicht mehr verlangt hatte.
Was allerdings einige kleinere Änderungen in der Vetragsgestaltung anging, auf denen Rick bestand, die schienen die Befugnisse von Richards als Vertreter der Benu Inc. zu überschreiten. Statt darüber zu verhandeln, verwies er abermals auf das leere Blatt Papier aus dem Laptop, der aufgeklappt auf dem Schreibtisch lag. Erneut hatte Richards geholfen, das versiegelte Gerät zu öffnen, diesmal aber ohne die auffallende Lightshow, nur mit einer unauffälligen Handbewegung, die Rick wahrscheinlich gar nicht bemerkt hatte.
„Bitte legen Sie das Blatt zusammen mit den beanstandeten Seiten in den Laptop,“ sagte er, als Rick und Frans sich einig waren, was geändert werden sollte, und Richards selbst, der auch einiges von der Materie zu verstehen schien, keine Einwände dagegen fand.
„Und dann schließen Sie den Deckel.“
Zwar verstanden weder der Schauspieler noch sein Agent, was das bedeuten sollte, aber Frans hatte inzwischen gelernt, rätselhafte Anweisungen zu befolgen und unmögliche Dinge zu akzeptieren. Erstaunlicherweise ließ sich der Deckel danach wieder öffnen, die Versiegelung war diesmal nicht eingerastet. Er zog die Blätter wieder heraus... das am Anfang leere und dann in ihrer beider Handschrift beschriftete Blatt war wieder makellos weiß und unbeschriftet, und die anderen Seiten hatten sich verändert.
Das waren nicht mehr die Seiten, deren Text sie durchgegangen waren, der Text war jetzt anders, enthielt die geforderten Änderungen.
Zwei Augenpaare glotzten Richards fassungslos an, der nur unschuldig die Schultern hochzog und sie angrinste. „Fragen Sie mich nicht, was da für eine Technik dahintersteckt, ich bin selber nur Lehrling, wissen Sie. Ich kenne noch längst nicht alle Tricks.“
Erneut wurde der vollständige Vertrag durchstudiert. Bei einer Firma, die mit solch hinterhältigen Methoden arbeitete - die selbst für Hollywood-Verhältnisse eine neue Dimension bedeuteten - prüfte Rick lieber doppelt und dreifach.
Obendrein befanden sich unter den geänderten Blättern drei neue, das Schwanzende des Vertrags, wo die Unterschriften draufzusetzen waren, gleich in dreifacher Ausfertigung für Kunden, Auftraggeber und Agent. Diese Seiten bestanden aber aus anderem Papier, schwerem handgefertigtem Büttenpapier, das als Wasserzeichen das Emblem der Benu Inc. trug.
„Keine Sorge. Wenn Sie das hier unterschreiben, bekommen Sie dauerhafte Ausfertigungen, die mit dem letzten Entwurf identisch sind und sich nicht mehr ändern.“ besaß Richards die Unverfrorenheit anzumerken.
Er feixte immer noch, das deutlich sichtbare Mißtrauen der beiden war ihm nicht entgangen.
 „Solche Hinterhältigkeiten hat die Firma nicht nötig, und außerdem geht es nach wie vor nur um eine Probephase. Während der Ausbildungszeit“ - die, wie auch vertraglich festgehalten war, sich auf die Ausbildung bei Richards und die anschließenden Dreharbeiten erstreckte - „können Sie jederzeit und ohne Gefahr von Gegenforderungen kündigen.“
So wie es im Vertrag festgehalten worden war, aber es schadete nicht, nochmals darauf hinzuweisen. „Das werden Sie aber bestimmt nicht, soviel garantiere ich Ihnen.“
Abermals ließ er ihnen Zeit, den Vertrag zum x-ten mal durchzugehen, bis Frans schließlich meinte, die Unterschrift riskieren zu wollen. Auf Anweisung von Richards schob er den ganzen Vertrag in den Laptop, der das Papier fraß wie ein Reißwolf - nur um nach abermaligem Deckelzuklappen einen Stapel ganz anderen Papiers, abermals edles Büttenpapier, auszuspucken wie ein unerschöpfliches Wunderhorn. Und wieder wurde nachkontrolliert, ob jeder einzelne Buchstabe im endgültigen Vertrag da war, wo er zu sein hatte. 
„Klasse. Jetzt gehören Sie mir, mit Haut und Haaren!“ freute sich Richards, als selbst Rick nichts mehr einwenden konnte. Schließlich war er nur ein bezahlter Berater und Auftragsbeschaffer, und Frans derjenige, der die Entscheidung traf. Übermütlich und deutlich beschwingt schüttelte Tom seinem frischgebackenen Lehrling, und dann auch dem Agenten die Hand.
„Sagen Sie, wo bekommt man so einen Wunderkasten?“ fragte Rick, immer noch fassungslos. Er starrte abwechselnd Tom und das Gerät an.
„Nur von der Benu Incorporated, und die sucht sich ihre Leute selber. Da kann man sich nicht bewerben, man kann sich nur von Mitarbeitern wie mir anwerben lassen, oder von den Bossen der Firma selber, und ich glaube, im Augenblick haben wir keinen Bedarf an Agenten, sonst hätte man mir das mitgeteilt. Sorry. - Wie schnell können Sie Ihren Hausstand auflösen, Frans?“ Damit schob er seinen neugewonnenen Frischling auch zur Tür hinaus, er schien es jetzt eilig zu haben.
Vor dem Haus, das heute immer noch stand dank Frans, trennten sie sich. Bevor der Schauspieler nach oben fuhr, um zu packen - der Lift geruhte zu funktionieren - sagte Richards zu ihm: „Übrigens, wir nehmen keinen Linienflug. Ich fliege selber, wie ich Ihnen schon gesagt habe. Achten Sie darauf, daß Ihre Reisekoffer fest schließen, legen Sie lieber eine dicke Jacke an und nehmen Sie Handschuhe, Schal und eine enganliegende Mütze mit, es könnte kühl werden während des Fluges. Auch eine Sonnen- oder Schutzbrille, falls Sie eine haben. Und es könnte auch nicht schaden, ein Paar frische Unterwäsche griffbereit zu halten. Nur für alle Fälle.“
Er grinste verschmitzt. Er verzichtete aber darauf, mit nach oben zu kommen, gedachte sich die Zeit des Wartens lieber hier unten zu vertreiben, mit was auch immer sein Interesse in dieser abgelegenen Seitenstraße erregt hatte.
Welche Maschine flog er wohl, einen alten Doppeldecker, oder irgendetwas aus dem Zweiten Weltkrieg? Auf jeden Fall etwas mit offener Pilotenkanzel und reichlich Zugluft, sonst wäre er nicht auf die Kleidung hingewiesen worden, dachte sich Franz, als er einpackte und sich umzog. In den Staaten gab es genug reiche und exzentrische Flugzeugnarren, die sich mit dem Luxus in einem fremd pilotierten modernen Privatjet nicht zufriedengaben und selber ans Steuer uralter, aber säuberlich restaurierter Kisten setzten, wenn der Terminkalender es erlaubte. Aber er hatte nicht danach gefragt, da wollte er gerne mitspielen und sich überraschen lassen.
Als er auch mit Mrs. Strangewell alles geklärt hatte und mit seinen zwei Reisetaschen unten aus der Tür kam, dachte Richards nicht daran, ein Taxi zu rufen, das sie beide zu einem Flughafen brachte. Stattdessen ging er voran zu einer Einfahrt, hinter der er das gefunden hatte, was er jetzt benötigte - einen abgeschlossenen, unfrequentierten Hinterhof, der zu drei Vierteln aus fensterlosen Brandmauern bestand und wo mit etwas Glück nicht allzuviel neugierige Augen aus den wenigen verschmutzten Fensterscheiben des restlichen Viertels lugten.
„Habe ich Ihnen schon gesagt, daß ich als Hobby unter anderem die Kunst der Zauberei betreibe?“ fragte er munter, als sie in dem hoffnungslos vermüllten, pflanzenlosen Hof standen und Frans sich schon wieder fragte, was sein neuer Brötchengeber diesmal vorhatte.
„Ich zeige Ihnen jetzt meinen besten Trick, und ich garantiere Ihnen, daß Sie Bauklötze staunen werden! Aber haben Sie keine Angst, Ihnen geschieht nichts. Versprochen.“
Er stellte seine Reisetasche bei Franz ab und zog sich bis in die Mitte des Hinterhofs zurück, steckte seinen Stock unter seinen Gürtel wie ein Japaner sein Schwert - jetzt wusste Frans auch, warum der Gürtel, der so gar nicht zu dem teuren Anzug paßte, so abgenutzt aussah, er schien das häufig zu tun - stellte sich ruhig hin und schloß die Augen.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 7. September 2016, 10:05:51 Uhr
Und erschlaffte, als hätte er das Bewußtsein verloren. Doch statt zusammenzusinken, hing er reglos in der Luft wie an unsichtbaren Fäden und begann langsam emporzuschweben, wie von einem unsichtbaren Aufzug hochgehoben...
während Frans dastand und versuchte, hinter den Trick zu kommen, verblaßte der Mann vor seinen Augen. Um von etwas viel größerem ersetzt zu werden, zuerst diffus wie eine große Nebelwolke, dann aber an Masse und Formen und Farbe - einem hellen Blau, durchmischt mit Gelb und Orange und Schwarz und einem Flecken Braun - gewinnend und eine ganz spezielle Gestalt annehmend, und als dieses Ding dann entgültig materialisert war, im langsamen Herabschweben den Boden berührte und seine Augen öffnete, fand Frans es äußerst angemessen, sich langsam, sehr langsam und vorsichtig, in Richtung der Einfahrt zurückzuziehen...
„Keine Bange, ich fresse Sie nicht. Ich bin es immer noch, ich habe nur einen anderen Körper angenommen.“ nahm er die Stimme von Richards wahr. Aber nicht mit seinen Ohren, nur in seinem Kopf, irgendwie... telepathisch?
„Wie ich Ihnen gerade gesagt habe, betreibe ich als eines meiner vielen Hobbys die Zauberei. Ich bin sogar Ehrenmitglied der angesehenen Society of American Magicians. So eine Ehrenmitgliedschaft bekommt man aber nicht für simple Kartentricks und eine zersägte Jungfrau hier und da. Wie ich zu diesem Trick hier gekommen bin, erkläre ich Ihnen ein anderes mal, das ist nämlich eine längere Geschichte. Für den Augenblick ist das unser Transportmittel. Ich bin so gekommen, und so werden wir auch nach Washington reisen. Wir werden auf jeden Fall zum Abendessen dort ankommen, selbst wenn wir vorher noch ein paar Umwege machen.“
Das Ding hatte sich niedergekauert, ganz unbekümmert um den Abfall unter ihm, den es mit seinem Tonnengewicht geräuschvoll zusammenpreßte wie ein falsch geparkter Großcontainer, und Frans sah jetzt deutlich, daß der braune Fleck eine Art von Sattel war, den es festgeschnallt auf dem Nacken trug, mit dem aufgestickten Namen “Azure“ auf einer Seite. Dick gepanzerte Augenlider zwinkerten über vielfarbig gemusterten Augen, gewaltige Schwingen schrammten fast die Hofwände entlang, obwohl sie eng an den schlanken, geschuppten Reptilienleib gefaltet waren, und die Krallen mächtiger handähnlicher Pranken hinterließen helle Marken in dem verwitterten Betonboden des Hofes.
„Ich sagte doch, Sie brauchen ein frisches Paar Unterwäsche.“ kommentierte die Richards-Stimme deutlich amüsiert, als Frans sich immer noch nicht zu regen wagte. „Und jetzt kommen Sie her und laden Sie Ihr Gepäck auf, und meine Tasche bitte mit, wenn Sie schon dabei sind. Na los, bewegen Sie sich, sonst hängen wir morgen früh noch hier herum, und dann kann ich mich gleich als Sehenswürdigkeit vermieten.“
Der blaue Drache hatte sein Maul etwas geöffnet, so daß die mächtigen Fleischfresser-Reißzähne zu sehen waren, jeder einzelne so lang wie ein Unterarm und verdammt viele davon, aber genauso wie bei der hilfsbereiten Sfarrk im Einwanderungsbüro von Otrona hatte Frans das Gefühl, daß er gerade freundlich angelacht wurde, in einem zähnestarrenden Drachengrinsen. Und, verdammt, der ganze Aufwand, den Richards bisher betrieben hatte, war einfach zu groß, als daß er Frans einfach als Drachenfutter vorgesehen hatte. Vielleicht kam das ja irgendwann später und war der Grund, warum es keine „Aussteiger“ in der Firma gab...
er faßte die Taschen fester und sich selbst ein Herz, und wagte es näherzutreten. Verdammt, das Ding, der Drache, Azure, schien irgendwie ständig größer zu werden, je näher er ihm kam...
„Klettern Sie hinauf. Benutzen Sie die Haltegriffe, aber fassen Sie auf keinen Fall die Schuppen an, deren Kanten sind nämlich scharf wie Rasiermesser. Der Sattel hat einen speziellen Schutz davor, sonst wäre er nach einem einzigen Flug schon auseinandergeschnitten. Befestigen Sie zuerst das Gepäck, packen Sie es am besten in diese Lederhüllen, die da hängen, und schnallen Sie alles gut fest, daß nichts herausfallen kann, wenn ich beispielsweise einen Looping fliege.“
 Leises Gelächter hallte in Fransens Kopf wider, als das Wesen seine Gedanken zu erraten schien. „Keine Sorge. Drachenflüge sind meistens weniger aufregend als eine Achterbahnfahrt. Außer Sie wollen es aufregend, das läßt sich machen.“
Statt auf das dargebotene Vorderbein zu steigen und auf den Sattel hochzuklettern, sah Frans direkt zum Kopf des Drachen empor. Er scheute immer noch vor einer Berührung zurück, und das Ding, zu dem Richards geworden war, wusste warum.
„Sie sind nicht der erste Lehrling, der mir aufs Kreuz steigt, und Sie werden garantiert nicht der letzte sein. Die anderen sind übrigens alle noch am Leben, und ihre Mägen haben es auch überstanden. Für Notfälle gibt es Spucktüten, im Handschuhfach vorne im Sattelhorn.“ Immer noch klang es definitiv amüsiert. „Da ich selber mein schnellstes verfügbares Transportmittel bin, geht es gar nicht anders, und ein paar von den Lehrlingen sind inzwischen begeisterte Drachenreiter. Warten Sie nur ab, bis Sie Agent Wylie begegnen. Der will gar nicht mehr von mir herunter, wenn er mal darf.“
„Der Agent? Der weiß davon?“ Abermals war Frans verblüfft.
„Ein paar von den Bundesagenten wissen davon. Und ihr Oberboss, General Wade. Der möchte mich am liebsten für sich selber haben. Meine Drachenform jedenfalls, meine menschliche Version ist ihm schon zu sehr auf den Wecker gegangen.“ Abermals leises telepathisches Gelächter, warm und prickelnd wie Champagner, und abermals wurde Frans an Siwa erinnert. „Aber jetzt hoch mit Ihnen!“
Diesmal wagte Frans es. Eine mächtige Drachenpranke, die sich mit katzenartiger Geschmeidigkeit in alle möglichen Richtungen verbiegen konnte, hievte ihm die Taschen und den Laptop hoch wie ein Gabelstapler, und er verstaute sie in den clever angebrachten mächtigen Satteltaschen aus Leder und befestigte alles mit den vorhandenen starken Lederschnallen.
„Sitzt alles gut?“ fragte der Drache, der dank seines langen Halses mühelos seinen Kopf nach hinten wenden konnte und Frans dabei beobachtete, wie er auf seinem Nacken herumturnte.
„Dann setzen Sie sich in den vorderen Sattel, schließen Sie die Chaps“ - hüfthohe Lederfutterale, die die Beine des Reiters gegen kalte Zugluft während des Fluges schützten, ähnliche Lederchaps, nur viel kleiner, wurden von Cowboys benutzt, wenn sie häufig durch dorniges Unterholz reiten mußten, wusste Frans  - „und schnallen Sie sich gut fest. Sind Sie dick genug angezogen?“ Das war Frans, der in Erwartung eines altmodischen Flugzeugs standesgemäß ein weißes Tuch um den Hals geschlungen trug und darunter bereits deutlich transpirierte. In diesem Hof staute sich die Hitze fast so intensiv wie in seiner Wohnung. Eine Fliegerkappe besaß er logischerweisen nicht, da mußte eine simple Wollmütze aushelfen, die er zum Glück - es war ja Sommer - beim letzten Kofferausleeren vergessen hatte zu entsorgen, und eine ganz normale Sonnenbrille vervollständigte das Outfit.
„Boaah eyyh!!“ Der Ausruf ließ zwei Köpfe herumfahren, einen menschlichen und einen ziemlich großen geschuppten. Drei Jugendliche mit Fahrrädern standen in der Einfahrt und starrten sie aus riesengroßen Augen an.
„Wir haben Publikum.“ hörte Frans prompt Richards´ amüsierten Kommentar. „Soll ich sie fressen?“
Frans wollte erschreckt hochfahren, und merkte erst dann, daß Richards ihn auf den Arm nahm, denn abermals fühlte er ein Lachen wie eine warme Woge in seinem Geist. Der Mann war einfach ein Witzbold, sogar in seiner anderen Gestalt.
„Die Jugend von heute ist zäh und chronisch ungenießbar, da kriegen Sie nur Bauchgrimmen von.“ erklärte er laut. „Ich bin festgeschnallt. Wollen wir?“ Er war jetzt echt gespannt, wie Richards aus diesem engen Hof, in dem er nicht einmal die Flügel ausbreiten konnte, starten wollte. Durch die Einfahrt ging es nämlich auch nicht, außer der Drache robbte auf seinen Bauchschuppen hindurch wie ein Kadett beim Drill. 
„Dann halten Sie sich mal gut fest und beißen Sie die Zähne zusammen.“ Die riesige bewegliche Masse unter dem Schauspieler-Hintern beschrieb eine Drehung, bis der Drache die höchste der Brandwände fixierte, dann tat er ein paar Schritte auf die Mauer zu - und bog sich nach oben, zuerst der Kopf, dann der Hals, parallel zur Wand, und dann folgte der Rest des langen, biegsamen Reptilienkörpers samt Schwanz, einfach senkrecht hinauf. Lediglich die Spitzen seiner Krallen in die Wand hakend, lief er die Hausfront einfach hoch, mit erstaunlicher Geschwindigkeit und scheinbar völlig unbelastet durch Reiter und Fracht, so leicht, als wäre er schwerelos, wie ein großer bizarrer Luftballon mit Beinen, der an der Wand hochglitt. Frans war im Moment nur noch dankbar für das Netzwerk von Sicherheitsgurten, die ihn im Sattel hielten, dazu klammerte er sich verzweifelt mit sämtlichen verfügbaren Gliedmaßen an den Griffen fest, ständig in entsetzlicher Erwartung, daß sie jeden Moment das Übergewicht bekamen und hintenüber zurück in den Hof stürzten. So einfach wie im Film „Eragon“, wo der Reiter schon beim ersten Ausflug freihändig auf seinem Drachen herumbalancierte, war das also keineswegs, fiel ihm der passende Vergleich ein. Und da war schon das Dach des Gebäudes unter ihnen, verwittert, schon in die Jahre gekommen und keineswegs mehr fähig, ein Gewicht von mehreren Tonnen zusätzlich zu verkraften - aber so lange, daß es hätte Schaden nehmen können, verweilten sie gar nicht, weil Azure blitzschnell und ohne anzuhalten die Flügel spreizte und im nächsten Moment die ersten gewaltigen Schläge dieser Schwingen sie hochtrugen, während Frans voller Erleichterung zurück in eine aufrechte Haltung kippte. Weit unter sich zurück ließen sie drei minderjährige Zuschauer, die wahrscheinlich immer noch ihren Augen nicht trauten. Und immer höher hinauf ging es, in den weißlichen, smogverhangenen Himmel, der Sonne entgegen...
und dann war es auf einmal völlig schwarz, still und leer...
und sie waren wieder da, blaustrahlender Himmel und Sonne über sich, aber das Land lag viel tiefer unter ihnen, ihr Startplatz gar nicht mehr erkennbar in dem Gewimmel von Mikrohäuschen, die den Boden in seltsamen Mustern überzogen, verschleiert vom unvermeidlichen braunen Smog von L.A.. In einem einzigen schwarzen, leeren Sekundenbruchteil hatten sie einen gewaltigen Höhenunterschied überwunden, und Frans mußte schlucken, um den Druck in seinen Ohren loszuwerden. Kühler Flugwind pfiff ihm um dieselben und minderte das Stechen der Sonne, und er war jetzt dankbar für das schützende Halstuch, das ihm vermutlich eine Verkühlung ersparte. Was war das eben gewesen? Hatte er einen kurzen Blackout gehabt, mit Betonung auf „Black“, oder...
„Ich bin teleportiert. Wir nennen es „blinken“, meine Reiter und ich, das geht schneller als reines Fliegen. Gibt es hier jemanden, den Sie noch schnell beeindrucken wollen, bevor wir auf Kurs Washington gehen?“ hörte er Richards´ Stimme. „Dann haben Sie jetzt die Gelegenheit dazu.“
Der Schauspieler hörte einen gewissen Unterton von Vorfreude heraus, Azure wartete geradezu darauf, sich ein wenig aufzuspielen.
O ja, Frans fielen da durchaus ein paar Personen ein, und ein Ort dazu. Ein Ort, von dem er wusste, daß dort um diese Tageszeit vermutlich gedreht wurde, bei makellosem Wetter unter freiem Himmel... ein ganzes Stadtviertel, das im wesentlichen aus Kulissen bestand. Straßenszenen für Fernsehserien wurden gerne an Originalschauplätzen gedreht, die Behörden und viele Privatpersonen im weiteren Einzugsbereich von Hollywood waren für kurze Szenen - und mehr brauchte man meistens nicht, um einer Episode den Hauch des Realen zu verleihen - sehr kulant, aber wenn es Explosionen und sorgfältig choreographierte Schießereien oder Massenszenen gab oder sich Autos eine Verfolgungsjagd lieferten, wich man für Detailaufnahmen lieber auf die gesicherte „Kunststadt“ auf einem weitläufigen Studiogelände mit ihren jederzeit veränderbaren Hausfassaden und Straßenflächen aus. In den Drehpausen kurvte zuweilen eine kleine Touristenbahn auf gummibereiften Rädern herum, damit zahlende Gäste vor Ort und live erleben konnten, wie ihre Lieblingsserien und andere Filmproduktionen entstanden.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 25. Oktober 2016, 18:28:33 Uhr
Frans mußte nichts sagen, sein telepathisch begabtes Reittier pflückte ihm die Gedanken einfach aus dem Gehirn und befand sie für gut. Eine kurze Frage - nach einem besonders auffallenden Gebäude, das Azure als Bezugspunkt ansteuern konnte - und eine schwarze/leere Sekunde später glitten sie bereits über das Gelände. Wo im Moment alles perfekt zusammenkam, eine Aufnahme gerade abgeschlossen war, wie Frans fachkundig an dem Menschengewusel erkannte, und die Touristenbahn in Sichtweite, jedoch mit genug Abstand vom Geschehen, um Aufnahmeleiter und Schauspieler nicht zu stören, ihre Runde drehte.
Als Schauspieler mit Leib und Seele hätte Frans es gehaßt, in eine laufende Aufnahme hineinzuplatzen. Aber es war gerade eine Pause, die ideale Zeit, etwas dazwischenzufunken... Erste Köpfe da unten drehten sich, als sie über sie hinwegglitten.
Azure beschrieb eine elegante Wende und flog erneut an, tiefer diesmal, und diesmal brüllte er lautstark, ein uriger Ton, der schier die Luft zum Erzittern brachte und weiter unten alles zum Stillstand. Die Touristenbahn stoppte. Jetzt guckte alles da unten, die Touristen samt Fahrer, die Schauspieler und das ganze Filmteam, vom Aufnahmeleiter bis zum geringsten Kabelschlepper.
Azure teilte mit, wo er zu landen gedachte, und Frans stimmte grinsend zu. Was für ein Spaß!  Allmählich begann er zu verstehen, warum Agent Wylie so gerne auf Richards´ Drachen ritt.
Nur wenige Meter hinter der kleinen Elektrobahn, die keine Schienen brauchte, setzten sie elegant auf, mit keinem Flügelschlag zu viel. Im gemütlichen Schlendergang spazierte Azure dahin, dicht an der Bahn vorbei, die Touristen sollten gefälligst was zu gucken haben. Amüsiert lauschten sie den fast hysterischen Anweisungen des Fahrzeugführers, sich unter keinen Umständen aus dem Fahrzeug zu lehnen oder das Tier zu reizen.
Frans ließ sich seinerseits die Chance für ein wenig Angeberei nicht entgehen, er lüpfte die Mütze und verbeugte sich zum Publikum, oben im Sattel thronend, und sein rotes Haar flammte in der Sonne. Die Leute glotzten mit offenstehenden Mündern und Augen so groß wie Untertassen, die psychisch stabileren Zeitgenossen ließen ihre Kameras klicken und surren, filmten geradewegs in Azures grinsend geöffneten Rachen hinein, als er den Kopf auf Augenhöhe der Wageninsassen senkte.
„Gar nicht schlecht für jemanden, der eigentlich schon tot sein sollte, nicht wahr?“ sagte Frans zu dem Drachen.
„Allemal besser als das Leichenschauhaus.“ stimmte Richards´ vergnügte Stimme zu. Sie trotteten weiter, dorthin, wo die echten, großen Filmkameras standen. Die Kameraleute riskierten einen Anpfiff vom Aufnahmeleiter wegen der Verschwendung von Filmmaterial, sie hatten ihre Apparate geschwenkt und hielten auf den ungewöhnlichen Anblick. Irgendwer erkannte den Drachenreiter, kein Wunder bei seinen auffälligen Haaren.
„Das ist Frans Hauser!“ ging es herum. Den meisten sagte der Name nichts, Frans war nur einer unter abertausenden aspirierenden Schauspielern, die nie über Minirollen hinauskamen und die Masse zur Klasse machen mußten. Bis jetzt jedenfalls, denn jetzt hätte so mancher ihn vom Fleck weg engagiert, vorausgesetzt daß er seinen geflügelten Untersatz zu den Dreharbeiten mitbrachte.
Aber Frans war nur für eines hier, um sich von denen, die er hier kannte, zu verabschieden. Frans befreite sich von seinen Gurten, sobald Azure sich niederlegte, um ihn abzusteigen zu lassen. Und dann war der Schauspieler umringt von seinen Bekannten und noch viel mehr Leuten, die ihn nicht kannten, das aber im Moment sehr gern ändern wollten.
„Sorry, Ladies and Gentlemen, ihr werdet mich so bald nicht mehr zu sehen bekommen. Ich habe ein neues Engagement, wie ihr sehen könnt.“ tönte er angeberisch. „Die nächsten hundert Jahre Drachenscheiße schippen, vermutlich...“
Ein kleiner Seitenblick auf Azure, aber inzwischen wusste Frans schon, daß Azure beziehungsweise sein Alter Ego einen Spaß verstanden. Das Grinsen des Drachenmauls war jedenfalls noch um einige Handspannen gewachsen.
„Nein, ich bin nicht sein Eigentümer, und ich glaube auch nicht, daß er für Aufnahmen zur Verfügung steht, aber ich kann ja mal seinen Agenten fragen.“ Frans grinste jetzt fast so breit wie sein Transportmittel. Sie beide genossen die Szene.
Dann tat Frans, wofür er zumindest pro forma gekommen war, nämlich sich von ein paar Bekannten zu verabschieden und dabei groß anzugeben, wobei in diesem Augenblick jeder so tun wollte, als sei er mit Frans ganz dick Freund, das übliche Verhalten in L.A., wo jede Chance auf einen vielversprechenden Kontakt sofort genutzt wurde...
Dann legte Azure sich wieder gehorsam hin und bot Frans ein Vorderbein als Aufstieghilfe an wie ein gut dressierter, wenn auch zu groß geratener und falsch gefärbter Elefant mit Flügeln. Wieder oben thronend, sah der Schauspieler keine ängstlichen Gesichter mehr da unten, nur noch Bewunderung und blanken Neid. Und er nahm sich vor, Richards später dringend danach zu fragen, was er eigentlich mit den ganzen lästigen Drachen-Groupies machte, die sich doch sicher ansammelten. So ein Drachen hatte doch garantiert einen gesunden Appetit, oder? ....

Und dann waren sie wieder in der Luft, nachdem sein Reittier für den Start effektheischend eine der höheren Kulissen hinaufgelaufen war, so schwerelos wie vorher die Mauer des Hinterhofs und ohne die leichtgebaute Hausimitation umzuwerfen oder zum Einsturz zu bringen, und Azure ging auf Ostkurs.
Frans war zuerst einmal ganz still und schweigsam. Nicht etwa weil er sich bei den Aufschneidereien gerade eben verausgabt hätte, sondern weil er sich über sich selbst wunderte. Irgendwie hatte er plötzlich, bei dem zweiten Ritt seines Lebens!, das Gefühl, als hätte er schon sein ganzes Leben im Sattel eines Drachens verbracht, als gehöre er hier hin, er genoß es einfach, selbst die geringste Bewegung dieses mächtigen Leibes unter seinem Hintern fühlen zu können, und selbst beim Aufsteigen vorhin, dem zweiten Mal überhaupt in seinem Leben, hatte er keine Nervosität mehr verspürt. Und das hatte vermutlich nicht daran gelegen, daß er selbst etwas aufgedreht gewesen war.
Die Stimme von Richards schwieg gleichermaßen, er wollte ihm wohl Zeit lassen, die Sache zu verdauen.
Plötzlich „blinkte“ Azure, vermutlich weil ihm die Landschaft unter ihm zu langweilig wurde, und dann waren sie ganz anders, an einem Ort, den Frans von oben nicht erkannte. Unter ihnen erstreckte sich eine Struktur, die auf Anhieb an den Meteoritenkrater in Arizona erinnerte, aber viel flacher und größer und im Inneren grün bewachsen, während die Kraterränder und das höhergelegene Land darum herum ziemlich karg und öde und vertrocknet aussahen, obwohl das Land in weiterer Ferne wieder fruchtbar grün und dicht bewaldet wirkte, und im Zentrum dieses kahlen Kraters, genau unter ihnen, lag so etwas wie ein mittelalterlich anmutendes Dorf, kreisrund eingeschlossen von etwas, was nach einer gut erhaltenen ununterbrochenen Wehrmauer aussah. Genau in der Mitte dieses Dorfes stand ein mächtig hochaufragender schwarzer Turm, der selbst bei diesem schönen Wetter aussah, als stamme er direkt aus dem Dekor eines Hammer-Gruselfilms.
„Wo sind wir?“ fragte er.
„Ein ganzes Stückchen weiter.“ lautete die Antwort. „Das da unten ist Lyon´s Home in Pennsylvanien. Dort bin ich aufgewachsen, aber wir werden heute nicht dort landen. Ich wollte es Ihnen nur kurz von oben zeigen, vielleicht besuchen wir es ein andernmal.“
Pennsylvanien, das war schon fast Ostküste, daher also Richards´ unverkennbarer Ostküsten-Akzent.
„Sagen Sie, wie weit können Sie „blinken“?“ wollte Frans wissen.
„So weit wie ich will, jedenfalls auf der Erde.“ lautete die Antwort. „Ob ich im Weltall noch viel weiter käme... keine Ahnung, aber ich glaube nicht, daß ich über Lichtjahre hinweg teleportieren kann. Bis zum Mond käme ich vielleicht, aber ich will Azure nicht sorglos aus Spiel setzen. Er ist viel zu kostbar. Das werden Sie aber alles noch erfahren als mein Lehrling.“ Er blinkte erneut, und -
diesmal erkannte Frans einige Landmarken in der Ferne sofort, jeder Amerikaner hätte sie sofort erkannt. Azure flog noch ein Stück, um Frans noch ein paar Minuten Fluggenuß zu gönnen und begann dann über einer Stelle zu kreisen, sie hatten ihr Ziel erreicht.
„Wir sind da. Das da ist Lyonshome Manor, das ich übrigens nach Lyon´s Home benannt habe.“
Unter ihnen lag ein stattliches Anwesen, das in der heutigen Zeit und in dieser Lage nahe der Hauptstadt Washington vermutlich ein Vermögen wert war. Das Herzstück war ein riesiges Herrenhaus, das sicher schon vor 1850 errichtet worden war, mit zahlreichen alten und neueren Nebenflügeln, ehemaligen Ställen und Scheunen und Gärten außen herum. Ein paar Personen, vermutlich Bedienstete des Anwesens, waren gerade im Freien unterwegs und blickten nach oben, als sie den anfliegenden Giganten bemerkten. Azure steuerte die Rückseite des Herrenhauses an, wo ein weiter Innenhof genug Platz für ihn bot. Während der Drache mit knapp bemessenen Flügelschlägen niedersank, konzentrierte sich Frans auf die Gesichter der Leute, die stehengeblieben waren und ihnen zusahen.
Das großäugige Staunen der Leute, die sie auf dem Filmgelände heimgesucht hatten, blieb hier aus, man schien an Besuche großer Reptilien gewöhnt zu sein. Stattdessen glaubte er bei den Leuten einen seltsamen Mix wahrnehmen zu können aus Ehrfurcht?, Freude? - die sich vermutlich auf die sichere Rückkehr ihres Herrn und Meisters bezog - und vielleicht sogar so etwas wie Besitzerstolz, und Frans erinnerte sich an die Psychologiekurse, die er zur Vorbereitung auf seine Theaterausbildung besucht hatte.
Darin war unter anderem das Verhältnis zwischen Diener und Herrschaft thematisiert worden, weil es in Theaterstücken relativ häufig vorkam. Der symbiotische Zustand langjähriger Dienstverhältnisse pflegte nicht selten dazu zu führen, daß die Diener im Lauf der Zeit ihre Herren regelrecht als ihr persönliches Eigentum zu betrachten begannen, das im Austausch für Lohn und Wohnung gehegt und gepflegt und notfalls auch verteidigt werden mußte. Übrigens in Analogie zum Tierreich, zu den Arbeiterinnen und Soldaten in Ameisen- und Termitenstaaten, die vermutlich auch einen persönlichen Besitzanspruch auf ihr gesamtes Nest samt der Königin geltend gemacht hätten, wenn man mit ihnen hätte reden können.
Noch wusste Frans nicht, daß Tom selbst dieses umgekehrte Besitzverhältnis zuweilen in seiner ironischen Art thematisierte, indem er sich selbst mit einem kostbaren alten Möbelstück verglich, das von einer Dienergeneration an die nächste weitervererbt und hin und wieder abgestaubt und gelüftet wurde und einen weiten Bogen um jeden Flohmarkt machen mußte, weil irgendwer vielleicht tatsächlich mal auf die Idee kam, es an einen reichen Sammler zu verticken.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 26. Oktober 2016, 15:28:23 Uhr
Aber das im Augenblick definitiv vorherrschende Gefühl bei ihren Zuschauern war reine Neugier. Neugier nicht etwa auf den Drachen, sondern auf den fremden Reiter in Azures Sattel. Sie wußten, daß er ein Neuzugang war und von Richards persönlich ausgesucht, weil nicht jeder auf dem Rücken des Hausherrn geduldet wurde.
Von Azure kam kein Kommentar, als er sich niederlegte, um Frans das Absteigen zu ermöglichen. Abermals half ein Gabelstapler in Form einer Drachenpranke, das Gepäck zu bewegen. Sobald Frans selbst auf dem Boden stand und die Taschen aufgenommen hatte, zog er sich zurück. Richards wollte sicher nicht in seiner Drachengestalt bleiben, und für die Rückverwandlung brauchte er bestimmt Platz.
Und er täuschte sich nicht. Azure schloß seine Augen, sein Kopf sank herab, als wolle er schlafen - und der ganze erschlaffende Drachenleib hob sich, schwebte ein Stück empor, während er schon durchsichtig wurde... und kurz danach materialisierte ein gleichfalls schlaffer, vielleicht bewußtloser Tom Richards, komplett mit Stock und Anzug und langem blondem Pferdeschwanz, und sank dem Boden entgegen. Er erwachte zum Leben und öffnete die Augen, kurz bevor seine Füße aufsetzten. Als er dann stand, atmete er tief durch, und ein Lächeln flog über sein Gesicht, als er die Zuschauer sah.
Die übrigens abermals kein großäugiges Staunen zeigten, stattdessen die Faszination von Personen, die einem Zaubertrick zusahen, den sie bereits kannten, der aber jedesmal von neuem beeindruckte.
Aber ohne große Begrüßung seiner Bediensteten - schließlich war er erst am Vormittag örtlicher Zeit abgeflogen - strebte Richards anschließend auf Frans zu.
„Kommen Sie. Jetzt suchen wir erst ein Zimmer für Sie, und dann gibt es einen Imbiß.“ Munter schob er ihn in Richtung des Hintereingangs des Haupthauses, einer mächtigen metallbeschlagenen Holztür, die aussah, als habe sie im Mittelalter als Burgtor gedient. Die Schlösser waren teils alt, teils neu und insgesamt sehr solide, keine Chance für Einbrecher, außer sie benutzten mindestens eine Panzerfaust.
Das ganze Hauptgebäude bewies sein Alter in seiner Wehrhaftigkeit, die einst vielleicht nötig gewesen war, im ganzen untersten Stockwerk gab es in den massiven, dicken Mauern nur schmale, hochliegende Fenster, die obendrein vergittert waren. Handgeschmiedete Gitter gab es auch an den größeren Fenstern weiter oben, und als Frans seinen ersten Blick durch die Tür tat, hatte er sofort den Eindruck, ein altehrwürdiges Gebäude irgendwo in Europa zu sehen, sowohl was die Ausstattung anging - alt, gediegen, kultiviert und gut gepflegt - als auch den „Hausgeruch“, der ihm entgegenwehte, ein Mix aus dem süßlichen Weihrauchduft von altem Holz, einem leichten Hauch von kühlem Kellergeruch aus dem gefliesten Flur und etwas Essensduft aus einer Küche, aber keine Andeutung von billigem Sperrholz oder Kunststoff. Er mußte aber seine kunsthistorischen Betrachtungen hintenan stellen, weil er als erstes dem japanisch aussehenden Butler und einer Japanerin, seiner Ehefrau, vorgestellt wurde, die von der Rückkehr ihres Herren samt Ankunft eines Gastes erfahren hatten und sich vor ihnen beiden verneigten.
„Das ist Frans Hauser, bis auf Weiteres mein neuer Lehrling - Larry Kiromoto, meine rechte Hand und Mädchen für alles. Und seine Ehefrau, Moriko Matsuhara, die zuständige Dame des Hauses, da ich zur Zeit ungebunden bin.“ Tom grinste. Die beiden Japaner verzogen keine Miene, als sie sich anmutig vor dem Gast verneigten, und Frans wußte, daß sie ihrem Brötchengeber die kleine Unverschämtheit nicht übel nahmen, sie wußten längst, wie sie Tom zu nehmen hatten und daß er es in seiner amerikanischen Flapsigkeit nicht böse meinte.
„Alle anderen werden Sie früher oder später noch kennenlernen. Wundern Sie sich nicht über den Betrieb, es wohnen ziemlich viele Leute hier, und es ist ein ständiges Kommen und Gehen.“ Tom trennte sich bald von ihnen, vermutlich hatte er etwas zu erledigen, und Frans folgte weiter dem japanischen Haushofmeister. Er verlor schon nach der dritten Treppe und dem ungefähr fünften Flur die Orientierung, der Gebäudekomplex war das reinste Labyrinth. Larry ging voran und führte ihn zu einem Zimmer, das für den neuen Mitbewohner vorbereitet worden war.
„Wenn Sie etwas brauchen sollten oder etwas nicht nach Ihrem Geschmack ist, lassen Sie es mich bitte wissen, ich kümmere mich darum.“ sagte der Halbjapaner vornehm, und Frans verbeugte sich dankend, wie er es bei den Sfarrk, den Japanern des Weltalls, gelernt hatte.
Die Einrichtung war altmodisch-rustikal, ließ jedoch auch moderne Erleichterungen nicht vermissen. Insbesondere das Badezimmer ließ nichts zu wünschen übrig, stellte Frans fest, als er sich frischmachte und umzog. Als er fertig war und den Kopf zur Tür hinausstreckte, wartete da nicht Larry auf ihn, sondern ein Knirps mit dunkler Haut und schwarzem Kraushaar, der ihn trotzdem irgendwie sofort an „Moses“, die kleine Sfarrk-Echse, erinnerte.
„Hi, Sie sind Mr. Hauser, nicht wahr?“ grüßte der Kleine ihn auf lässige amerikanische Art. „Ich bin Billy. Ich soll Sie zum Speisesaal bringen, sonst verlaufen Sie sich. Hier verläuft sich am Anfang jeder. Sind Sie echt ein Filmschauspieler?“ 
„Ja, bin ich, aber nur ein ganz unberühmter.“ lächelte Frans und ließ sich gerne Fragen stellen, während er abermals durch das Zimmerlabyrinth geführt wurde. Billy brachte ihn in den Speisesaal des Anwesens, wo eine Art Büffett aufgebaut war, zahlreiche Speisen und Getränke der verschiedensten Art, gewärmt oder gekühlt und alle unter schützenden Kunststoffhauben, dazu Stapel von Tellern und Besteck. Es gab im Saal kleine Einzeltische und größere Sitzgruppen, teilweise abgetrennt durch Paravents und üppig wuchernde Hängepflanzen, und eine entspannte Restaurantatmosphäre herrschte, nur daß Frans keine Kellner sah, hier war Selbstbedienung angesagt. Ein paar Leute waren anwesend, ließen es sich schmecken oder unterhielten sich bei einem Kaffee. Einige davon waren vermutlich Bedienstete des Anwesens, weil sie Arbeitskleidung trugen, von den anderen ließ es sich nicht sagen, auch ein paar Kinder waren dabei, beschäftigten sich miteinander oder machten Hausaufgaben auf ihren Tischen und benahmen sich erstaunlich gesittet. Eine weitere Person betrat den Saal, direkt nach Frans und Billy, es war der Hausherr selbst, der sich sofort zu Frans gesellte, ohne besondere Aufmerksamkeit bei den anderen Anwesenden zu erwecken. Billy zeigte Frans einen hochgereckten Daumen und verschwand, da sein Job erledigt war, nicht ohne noch schnell ein Stück Kuchen von der Auslage mitgehen zu lassen.
„Gibt es eine Feier?“ fragte Frans, auf das Büffett weisend. Gleich neben dem Saal lag die Küche, die breite Durchreiche stand offen, und er sah eine Köchin und ihre Gehilfen werken in Vorbereitung des Abendessens.
„Nein, das sieht hier immer so aus. Auf diesem Grundstück arbeiten und wohnen eine Menge Leute, und es gibt außerdem eine Menge Angehörige meiner Bediensteten, die den größten Teil des Tages auswärts sind und zu den unterschiedlichsten Zeiten zurückkehren. Es wäre ein zu großer Aufwand, die Mahlzeiten nur zu festen Zeiten auszugeben und die Leute dazu in ein starres Zeitkorsett zu zwängen. Also sind hier rund um die Uhr ein paar Kleinigkeiten zu finden, zu den Hauptessenszeiten gibt es ein zusätzliches Angebot, und jeder, der es durch die Sicherheitskontrollen an der Eingangstür hereinschafft, wird auch mit durchgefüttert.“
Tom hatte sich einen Teller genommen und lud sich auf, was ihm gerade gefiel, eine bunte Mischung aus Süßem und Handfestem, alles auf den gleichen Teller, wählte sich einen Saft dazu aus und forderte Frans auf, es ihm gleichzutun. 
„Gibt das kein Problem mit den Kindern, wenn sie so unbegrenzt Zugang zu Kuchen und Süßigkeiten haben?“ fragte Frans mit einer Kopfbewegung zu dem Tisch im Hintergrund.
Tom lächelte. „Kinder haben einen feinen Instinkt, was sie brauchen und wie viel davon. Am Anfang schlagen sie natürlich über die Stränge, schlemmen Kuchen und Schokolade, bis sie umfallen. Aber das gibt sich bald. Ständige Verfügbarkeit macht Süßes schnell langweilig, da probieren sie lieber was neues aus. Das Angebot wechselt ständig, es gibt immer wieder neue kulinarische Entdeckungen zu machen, dank unseres guten Küchenteams... und fett wird hier keiner, dafür gibt es zu viel zu tun und zu erleben. Wer nicht gerade arbeitet, geht seinen Hobbys nach. Wir haben einen Trainingsraum hier, der keine Wünsche offen läßt, Larry und die Sicherheitsleute veranstalten regelmäßig Kurse, es gibt Sauna und Swimmingpool und genug Platz auf dem Anwesen für Jogging und Tennis. Nur mit Football und Basketball habe ich es nicht, aber da sind die Sportplätze nicht weit weg.“
Sie aßen. „Das muß doch unheimlich viel kosten, der Unterhalt von dem allen hier.“
„Ich bin reich. Verdammt reich sogar, ich hatte genug Zeit, mir ein immenses Vermögen zu erwerben, und es wächst immer noch. Aber ich sitze nicht auf den Geldsäcken wie Dagobert Duck, sondern ich investiere. In alles, was mir wichtig erscheint, auch in menschliche Arbeitskraft. Die Leute, die hier mit mir zusammenleben, befinden sich alle in einer Vertrauensstellung. Eine Stellung, die auch Gefahr in sich birgt, denn jemand wie ich hat logischerweise auch Feinde. Mehr und heimtückischere, als Sie sich im Moment vorstellen können. Sie werden das alles noch erfahren, so nach und nach. Und Sie werden meine Lehrlinge kennenlernen. Im Moment ist keiner anwesend, die Ärzte sind im Hospital und Paul, Scott und Mai Lin bei ihren Familien. „Meine“ Geheimdienstler sind im Augenblick auch nicht da... aber die wissen bestimmt schon von Ihrer Existenz und tauchen morgen auf, um Sie zu beschnuppern.“ Er grinste fröhlich und widmete sich den gebackenen Mini-Kartoffeln, der Gedanke an Agentenbesuch in seinem Heim schien ihm keine Bauchschmerzen zu verursachen.
„Und was haben Sie mit mir vor, wenn ich fragen darf?“
„Ich werde Sie schleifen. Gnadenlos. Ich werde Sie testen, in jede Richtung, die mir einfällt. Ich werde Wissen in Ihren Schädel hineinzwängen, bis Sie nicht mehr wissen werden, wo oben und wo unten ist. Ich werde Sie durch alle sieben Höllen des Wahnsinns zerren, und behaupten Sie ja nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.“ Tom grinste fies. „Betrachten Sie es als gründliche Vorbereitung auf Ihre Rolle. Da es eine actionbetonte Rolle ist, wird Ihnen ein wenig Training nicht schaden. Dafür werden Larry und die anderen sorgen. Auf Otrona scheinen Sie sich ja gut geschlagen zu haben, sonst hätte die Firma Sie als ungeeignet eingestuft und ohne den Laptop zurückgeschickt.“
„Was wollten die eigentlich testen, dort auf der Raumstation?“
„In erster Linie wahrscheinlich, ob Sie nervlich mit Aliens kompatibel sind. Das packt nämlich nicht jeder Homo Sapiens, und in dem Film werden vermutlich echte Außerirdische mitspielen, wie ich die Benu kenne.“
Er wirkte auf einmal abgelenkt, und Frans folgte seinem Blick. Eine Küchenhilfe tauschte gerade geleerte Gefäße durch neue gefüllte aus, darunter zwei große Suppenkessel. Tom war sofort auf den Beinen, um die Lieferung zu inspizieren. „Es ist Bouillabaisse!“ stellte er fest und schnappte sich schon das größte Geschirr, das er finden konnte. „Greifen Sie zu, die ist köstlich!“
Frans stand eigentlich nicht auf Meeresfrüchte, aber Tom hatte recht, seine Köchin verstand ihr Handwerk. Während sie Suppe löffelten und das frische Weißbrot kauten, registrierte der Schauspieler, daß Richards beim Essen ein ähnliches Fassungsvermögen besaß wie sein Verwandter in der Zukunft.
„Sagen Sie, Ihr Verwandter Siwa - wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen? Ist er Ihr Sohn?“
Tom schüttelte den Kopf. „Das ist komplizierter und genauso unglaublich wie vieles andere. Erzähle ich Ihnen auch ein andernmal. Nur soviel, ich stamme von ihm ab und nicht umgekehrt.“
Dann mußte Tom sich leider rar machen, weil er Pflichten zu erfüllen hatte. Frans gabelte Billy wieder auf und ließ sich von ihm den Rest des Tages lang das Haus zeigen und alles andere was relevant erschien, wobei sich Billy als erstklassiger Fremdenführer erwies, der die beeindruckende Vergangenheit des Gebäudekomplexes glänzend zu präsentieren wußte.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 11. November 2016, 13:51:44 Uhr
Am nächsten Morgen war Frans dann ziemlich nervös, weil Tom ihm versichert hatte, daß als erstes „seine“ Bundesagenten auftauchen würden, um den Neuzugang zu begutachten.
„Keine Panik.“ erklärte Tom dazu, sein Standard- und Lieblingsspruch, als sie beim Frühstück mit frischen Croissants, Obst und jeder Menge Leckereien saßen, das Frans trotzdem nicht recht schmecken wollte.
„Mit General Wade und seinen Leuten kann man gut leben, vor allem mit „unseren“ drei, Wylie, Fox und Smith. Benjamin Wylie ist nicht sonderlich bedarft, jedenfalls wenn es nach Fox geht, aber er kann Befehle befolgen, ist lernfähig und besitzt insgeheim ein Herz aus Gold. Zur Agency kam er übrigens nur, weil General Wade zufällig ein Verwandter von ihm ist.
George Fox hatte früher einen ziemlich üblen Ruf als skrupelloser Bürokrat, der für seine Karriere über Leichen geht, aber nach einer psychotischen Episode, die auf ein Vietnam-Trauma zurückging, hat er sich völlig verändert und auf seine alten Tage seine sanfteren Seiten entdeckt, was seiner Gesundheit gut tut. Einen scharfen Spürsinn für alles, was irgendwie aus der Reihe tanzt, hat er aber immer noch, er hat eine ziemlich gute Leistungsbilanz in der Agency. Er ist ein geborener Jäger, der nicht gern hinterm Schreibtisch sitzt.
John Smith, der dritte im Bunde, heißt angeblich wirklich so, das können Sie jetzt glauben oder bleiben lassen.“ Er grinste. Das war also der Mann, mit dem Frans am Telefon gesprochen hatte.
„Er ist der Typ korrekter Beamter, der gern alles in dreifacher Ausfertigung hat. Im Einsatz geht er durchaus mal ein Risiko ein, aber er ist nicht leichtsinnig, weder Rambo noch James Bond. Er ist noch jung und intelligent und macht bestimmt Karriere, wenn er sich nicht irgendein Laster einzufängt. Vielleicht wird er sogar mal der Nachfolger des Generals. Wade ist ein alter Haudegen und zäher Knochen, der macht es noch ein paar Jahre. Bis der in Pension geht, könnte Smith die nötigen Stufen auf der Karriereleiter schon erklommen haben.“
Solchermaßen vorgewarnt, brachte Frans die Begegnung kurz danach hinter sich, ohne auch nur ein einziges Mal in Panik auszubrechen. Bundesagenten waren tatsächlich ganz normale Menschen, erkannte er schnell, anders als Richards selbst, sein Verwandter in der Zukunft und einige sonderbare Zeitgenossen, die zum Inventar von Lyonshome Manor gehörten. An diesem und in den darauf folgenden Tagen lernte Frans auch Toms Lehrlinge kennen.
Die normalsten unter ihnen waren zweifellos die drei Ärzte aus seinem Privathospital, Dr. Thaum, Dr. Maurice und Dr. Terrell, die sich als fähig für die Benutzung einer Matrix erwiesen hatten und von denen Tom hoffte, daß sie sich mindestens bis zur dritten Stufe der Matrixtechniker hochlernen und -arbeiten konnten und würden, dem Standardlevel für universell einsetzbare Techniker. Das war, wie Tom erklärte, eine Fähigkeit, die nicht jedes menschliche Wesen besaß, die meisten blieben schon auf Level Eins hängen, sofern sie überhaupt die notwendige psychische Qualifikation für die Benutzung einer Matrix besaßen.
Dann waren da Scott Hayden und sein Vater, Paul Forrester, Toms „Haustier-Alien“ vom Planeten Algieba. Für Frans, der mit außerirdischen Eidechsen parliert und einen Drachen geritten hatte, besaßen ein intelligenter blauer Kugelblitz in einem menschlichen Klonkörper und sein beinahe-menschlicher Sohn keinen besonderen Exotik-Faktor, zumal Paul sich als absolut harmlos, als hingebungsvoller Familienmensch und freundlicher und naiv-weiser Gesprächspartner entpuppte, mit dem sich hervorragend philosophieren ließ.
Scott stand mitten im Studium, auch er wollte Arzt werden, ein gutaussehender, aber zurückhaltender, manchmal sogar scheu und etwas traurig wirkender junger Mann, auf den die weiblichen Studenten nur so flogen.
Er wurde auch dem letzten Neuzugang vor ihm vorgestellt, einer bildhübschen jungen Chinesin namens Mai Lin Wong, deren kohlrabenschwarzer Drache Renying die Gefährtin von Azure war. Die Wongs waren in China als Dissidenten verfolgt worden und als illegale Immigranten in die Staaten gelangt. Doch sobald General Wade von Tom erfuhr, was es mit Mai Lin auf sich hatte, regnete es Aufenthaltsgenehmigungen. Einige Mitglieder der Familie Wong hatten inzwischen die Hürden für eine rechtsgültige Einbürgerung überwunden, der Rest würde es bald tun. Für den General war das ein billiger Handel, eine Gruppe arbeits- und leistungswilliger Einwanderer zu akzeptieren, damit er den Schatz namens Renying beanspruchen und gleichzeitig den verdammten Roten in Beijing eins auswischen konnte.
Wade war ein überzeugter Kommunistenfresser alter Schule und deswegen hocherfreut, als sich bei einem Überfall einer fremdländischen Macht auf Lyonshome Manor (die übrigens des öfteren stattfanden, wenn Frans Toms Worten glauben wollte) chinesische Agenten als Urheber erwiesen, die zur Abwechslung mal nicht Tom Richards selbst oder Paul Forrester, sondern Mai Lin Wong im Visier gehabt hatten. Jedenfalls holten sich die Chinesen zuerst bei Toms geschulten Sicherheitskräften blutige Nasen und landeten dann zur hochnotpeinlichen Behandlung in Wades Verhörräumen. Was danach mit ihnen geschah, ob Wade sie einfach mit einem Tritt in den Hintern nach Hause schickte oder sie gegen aufgeflogene amerikanische Agenten austauschte, interessierte Richards nicht, das war Sache der Regierung. Jedenfalls zog Wade mit seiner Agency regelmäßig Profit aus den Kuhhändeln, die er mit Tom geschlossen hatte, weil diese Anhäufung von Aliens, Drachen und anderen Anomalien ausgerechnet in Washington, direkt vor seiner Haustür, der beste Köder für feindliche Mächte war, den er sich wünschen konnte.
Was Frans am Anfang verwunderte, war die Nonchalance, mit der die Beteiligten selber damit umgingen. Der „innere Kreis“ um Tom Richards wusste über alles Bescheid, Außerirdische, Matrixtechnologie, Drachen, Toms Langlebigkeit und seine Herkunft aus der Zukunft und vieles anderes mehr - sie wußten es und akzeptierten es und betrachteten es keineswegs als Grund, die Mäuler aufzureißen und ihre Weisheit der ganzen Welt kundzutun. Es war halt so, man war stolz darauf, lebte damit und basta. Und wenn sich daraus mal das eine oder andere Abenteuer ergab, Kabbeleien mit Agenten, Gangstern, fiesen Invasoren aus dem Weltall und anderen unangenehmen Zeitgenossen, um so besser. Als Hasenfüße konnte man die Leute, mit denen Richards sich umgab, nicht gerade bezeichnen, sie waren gut trainiert und wußten, wie sie bei Zwischenfällen zu reagieren hatten.
Was Wylie und die anderen Bundesagenten anging, so hatten sie eigentlich den Auftrag, Richards und seine Machenschaften für ihre Agency und die Regierung der Vereinigten Staaten im Auge zu behalten und notfalls zu bremsen, wenn er über die Stränge schlug, waren aber inzwischen gut Freund geworden mit Toms wilder Truppe und gleichberechtigt eingebunden in so manches, was hier ablief. Wahrscheinlich war es der reine Unterhaltungswert, der die Agenten so gern nach Lyonshome Manor kommen ließ, dachte Frans sich irgendwann, als er wieder einem schier unglaublichen aber garantiert wahren Garn über Toms verrückte Abenteuer lauschte, das der alte Dawson, selber ein pensionierter Ex-Geheimdienstler vom Schlag und Ruf eines realen James Bond, von sich gab. Mit dem, was in der Umgebung von Tom Richards so alles passierte, konnte selbst Hollywood kaum mithalten, und die Agenten bekamen regelmäßig ihr Teil davon ab.
Die Hausangestellten, allen voran der Butler Larry Kiromoto, ein Halbjapaner und ehemaliger Yakuza, waren nicht nur in ihren täglichen Pflichten geübt, sondern auch in allen Arten von Selbstverteidigung und der Benutzung einer ganzen Reihe von konventionellen bis unorthodoxen Waffen, die sich gut versteckt und jederzeit griffbereit in den jeweiligen Tätigkeitsbereichen finden ließen. In Sachen kämpferischer Schlagkraft war Lyonshome Manor besser ausgerüstet als so manches Polizeirevier in den Problemvierteln von Washington, und das war leider auch nötig angesichts der wiederholten Angriffe und Überfälle.
Von Rechts wegen hätte sich der größte Teil der Schutz- und Sicherungsmaßnahmen auf Tom Richards selbst beziehen müssen, denn wie Frans auch irgendwann von Dawson erfuhr, war Richards offiziell zum ersten schützenswerten lebendigen Kulturgut und Nationalerbe in menschlicher Form erklärt worden, analog zu den menschlichen Nationalschätzen, die etwa in Japan bewahrt wurden, jedoch völlig unüblich für amerikanische Verhältnisse, wo eigentlich nur Baudenkmäler, Naturwunder, Kunstgegenstände, hervorragende Exemplare der Flora und Fauna des Landes und immaterielle Güter wie etwa das Rezept für Coca-Cola als nationale Kulturgüter anerkannt werden durften, aber grundsätzlich keine lebenden Personen.
Thomas Adalmar Richards der Dritte, so sein voller Name, den er in dieser Zeit führte (er hatte viele andere getragen in der Vergangenheit) war in einer regelrechten Nacht-und-Nebel-Aktion in die Listen eingeschmuggelt worden.
Allerdings war Richards nicht der Typ, der sich bei Gefahr in einen sicheren Tresor sperren ließ. Wenn Action geboten war, konnte man sicher sein, daß man ihn im dicksten Gewühl wiederfand, und er besaß auch die besten Methoden, sich selbst zu schützen. Deshalb galten die Schutzmaßnahmen zuerst den hilflosen Personen im Haus, den Kindern, einigen wenigen Alten, die aus dem kampffähigen Alter heraus waren, und Forrester samt Familie, weil Paul als Mitglied einer hundertprozentig pazifistischen Rasse nicht fähig gewesen wäre, Gewalt anzuwenden, um sich selbst und andere zu beschützen.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 15. November 2016, 12:34:07 Uhr
Wie gut Richards im Kampf war, erfuhr Frans, als er zu seiner ersten Trainingsstunde zitiert wurde und er ein Match zwischen Tom und seinem Butler Larry beobachten durfte. Larry war ein Yakuza gewesen, bevor Richards ihn rekrutiert hatte, und er hatte noch nichts verlernt, was original fernöstliche Kampf- und Mordtechniken anging, aber sein Boss war ihm hoffnungslos überlegen. Die beiden benutzten für die Übung nur Kendostöcke, keine echten Schwerter, Frans hätte aber trotzdem nicht zwischen die beiden geraten mögen, weil keiner der beiden Probleme gehabt hätte, ihn innerhalb weniger Sekunden auf mindestens zehn verschiedene Arten umzubringen und zusätzlich sauber zu häuten und filetieren. Und erst die Geschwindigkeit, mit der alles ablief... bis jetzt hatte der Schauspieler solche Szenen nur in gut choreographierten Eastern gesehen, wo mit Kameratricks und später wegretuschierten Seilen fleißig nachgeholfen worden war. Tom bewegte sich wie Neo in „Matrix“ - und wie Frans kurz danach von Tom selbst erfuhr, war das gar nicht weit von der Wahrheit entfernt. Tom konnte nämlich einen speziellen Trick benutzen, die sogenannte Schnellzeit, die nur geübten Matrixtechnikern wie ihm (und vielleicht einigen vergeistigten Kampfmönchen in China) zugänglich war, in der die Zeit viel langsamer ablief als normal.
Ein weiterer Trick, den Frans bis jetzt nur aus fernöstlichen Filmen kannte und nicht für real gehalten hatte, war Toms Benutzung seines langen Haares, das zeitweise ein regelrechtes Eigenleben anzunehmen schien und sich als bestens geeignet entpuppte, einen Gegner zu verwirren oder sogar zu fesseln.
„Haar-Kung Fu,“ erklärte Tom hinterher grinsend. „Extrem schwer zu lernen, unmöglich auszuführen. Man braucht eine monstermäßige Aura, um es richtig hinzubekommen, aber zu meinem Glück besitze ich so eine. Und natürlich braucht man das richtige Equipment.“ Und streichelte selbstgefällig seinen langen Pferdeschwanz, immer noch grinsend. Um anschließend, gnadenloser Sklaventreiber der er war, Frans in den Ring zu schicken, damit der bei ein paar leichten Übungen zeigte, was er so an Selbstverteidigungstechniken kannte, dank des Laptop-Kurses aus der Zukunft.
Allerdings nicht mit Larry, sondern mit Benjamin Wylie, dem Geheimdienst-Agenten und begeisterten Drachenreiter. Da war die Blamage  für Frans nicht ganz so groß, weil auch Wylie noch als Anfänger zählte. Inzwischen wusste Frans schon, daß Tom mehrere Male in streng geheime Geheimdienstaktionen verwickelt gewesen war, in denen seine ganz speziellen Fähigkeiten gefragt gewesen waren, und er dadurch ein enges Band zu Wylie und den anderen Agenten geknüpft hatte.
Da aber niemand ausschließen konnte, daß es in der Zukunft weitere derartige Situationen geben würde, hatte Tom mit General Wade, dem obersten Chef dieser Geheimdienstabteilung, ein Abkommen über gegenseitige Fortbildungsmaßnahmen geschlossen, um ihre Schlagkraft beim nächsten Einsatz zu verbessern. Tom und seine Crew drillten die Agenten in fortgeschrittenen und manchmal auch reichlich schmutzigen Kampftechniken und anderen nützlichen Tricks und erhielten im Gegenzug die Erlaubnis, sich mit den Agenten in deren Einrichtungen fortzubilden.
Auf diesem Weg bekam Frans schon ein paar Tage nach seiner Ankunft die Gelegenheit, auf Fürsprache von Richards zwei Wochen zusammen mit den Bundesagenten auf der berühmt-berüchtigten und immer noch streng geheimen „Farm“ zu verbringen, wo sonst hauptsächlich Mitglieder der CIA ausgebildet wurden. Dort lehrte man natürlich nicht nur den bewaffneten und unbewaffneten Kampf samt Schießtraining, sondern auch alles andere, was ein Geheimdienstler wissen mußte, Observierungen und Verhörtechniken, Kryptographie, Fahrzeug- und Waffenkunde, Notfallmedizin, Überlebenstechniken, Weltpolitik, Gesetzeskunde und  technische Kenntnisse bis hin zur Identifizierung und Entschärfung von Bomben... und Frans stellte sich keineswegs sehr viel ungeschickter an als die echten Agenten, die mit ihm gekommen waren. Viele Kenntnisse echter ausgebildeter Agenten fehlten ihm, das war klar, aber als Schauspieler war er kompensations- und anpassungsfähig, und es war in der Tat ein exzellentes Training für jeden Film, der im Agenten- oder Behördenmilieu spielte.
„Ich schätze, ich muß aufpassen, daß der General Sie mir nicht einfach abwirbt.“ scherzte Richards nach seiner Rückkehr von der „Farm“. Wade war sehr interessiert an jedem von Toms Lehrlingen, über deren ungewöhnliche Fähigkeiten er genauestens im Bilde war, auch wenn er im Fall des Schauspielers bis jetzt darauf verzichtet hatte, ihn persönlich ins Hauptquartier der Agency zu zitieren.
„Danke, es reicht mir, wenn ich es auf der Leinwand glaubwürdig ´rüberbringe.“ antwortete Frans, auf einen Satz Spielkarten konzentriert, die vor ihm als Fächer in der Luft schwebten, ganz ohne unsichtbare Fäden, ohne Netz und doppelten Boden. Sie saßen gerade zusammen in einem der betonierten Kellerräume unter den Nebentrakten, der als Übungsraum für die angehenden Matrixtechniker unter Toms Lehrlingen diente. Irgendwo in der Nähe, aber sehr viel tiefer und obendrein einbruchs- und bombensicher geschützt durch eine Dimensionsfalte, die nur für Tom selbst zugänglich war, befand sich die „Schatzkammer“ des Hausherrn, in die Frans einmal einen Blick hatte tun dürfen, und in der Toms wertvollste Besitztümer untergebracht waren, die er selbst einem renommierten Museum nicht anvertraut hätte.
Nicht einmal Larry konnte den Raum betreten, wenn Tom Richards ihm nicht sein spezielles Permit erteilte.
Und der Inhalt rechtfertigte die Sicherungsmaßnahmen. Herzstück der Sammlung waren nämlich Gemälde aus verschiedenen Jahrhunderten, von namhaften Künstlern angefertigt, Rembrandt, Dürer, Goya, Picasso, Hokusai, Giotto und viele andere, die zweifellos berühmt, aber Frans zum Teil nicht mal dem Namen nach bekannt waren - Gemälde, die jedoch alle das gleiche Motiv zeigten: sie waren allesamt Portraits. Portraits von ein und derselben Person, über die Jahrhunderte hinweg. Portraits eines Mannes, der sich heute Thomas Adalmar Richards der Dritte nannte, jedoch viele andere Namen getragen hatte im Lauf der Zeit... es war aber kein Fall von krassem Narzissmus, der ihn dazu bewogen hatte, wie Tom bemerkte, nun ja, vielleicht ein bißchen... aber er hatte immer das Gefühl gehabt, daß es eines Tages mal wichtig sein könnte, seine Identität über mehr als tausend Jahre hinweg beweisen zu können, und was gab es da besseres als eine Kette von Passbildern in der Form von der Kunstwelt bis dato unbekannter, jedoch absolut echter Gemälde, die jeder wahre Kenner des jeweiligen Künstlers zu identifizieren imstande war - und wenn nicht die Kenner, dann eben moderne Verfahren wie Dendrochronologie, C14-, Röntgen-, Stil- und Pigmentanalyse? 
Soeben fügten sich die Karten zu einem perfekten Stapel zusammen, sauber nach Farben und Werten sortiert, und sanken auf den Tisch herab, ohne daß Frans oder Tom sie berührt hätten. Es war allein die Kraft der Einsermatrix in dem Ring, den Frans an der rechten Hand trug, die die Karten bewegt hatte.
„Gut gemacht.“ lobte Tom. „Und jetzt die Kerze bitte. Aber lassen Sie diesmal die Wand ganz.“ Er grinste fies, als Frans übertrieben aufstöhnte. Eine neue Kerze stand da, weißglänzend und unschuldig, wo ihre Vorgängerin kurz vorher ihre Existenz in einem unvermuteten sekundenlang andauernden Feuersturm ausgehaucht hatte.
Frans konzentrierte sich erneut. Beim letzten Mal hatte er eindeutig zu viel Energie investiert, der riesige schwarzverkohlte Fleck auf Wand und Boden war der Beweis dafür. Diesmal wollte er es besser machen. Nur ein Pünktchen Energie, ein winziges Fünkchen, ein energetischer Nadelstich... er fühlte, wie der Docht entflammte, gute zehn Meter entfernt, Frans unterbrach die Energiezufuhr sofort - und dann brannte die Kerze, wie sie sollte, und er hatte nicht einmal das Wachs zum Schmelzen gebracht.
„Perfekt!“ freute sich Tom. „Langsam haben Sie den Bogen raus. Morgen gehen wir dann über zu den Eiern.“
Eine Aussicht, die Frans erneut zum Stöhnen brachte, sein erster Versuch mit den Eiern war eine Katastrophe gewesen. Aber Tom grinste nach wie vor.
„Ist alles nur eine Frage des Fingerspitzengefühls. Das lernen Sie noch. Einen X-Wing-Starfighter aus einem Sumpf zu pflücken ist leicht, die wahre Meisterschaft erweist sich aber erst, wenn man die Macht zum Spalten eines einzelnen Haars einsetzen kann.“
Sichtlich gut gelaunt sah er zu, wie Frans sich widerstrebend den Ring mit der deaktivierten Matrix vom Finger zog. Bedauernd sah der Schauspieler, wie Tom das kostbare Instrument entgegennahm, mit einer Hand, die mit einem dichtgewebten Seidentuch vor direktem Kontakt geschützt war, und wie er den Ring sorgsam einwickelte und dann einsteckte. Aber Frans wusste, daß er genauso wenig wie die anderen Lehrlinge „seinen“ Ring außerhalb der Übungsstunden behalten durfte, solange Tom noch nicht davon überzeugt war, daß er auch in jeder Lebenslage korrekt damit umgehen konnte. Solange er noch bei jedem zweiten Versuch weit über das Ziel hinausschoß und seine Umgebung entweder abfackelte oder sonstwie deformierte, durfte der Zauberlehrling noch nicht den Besen zum Wasserholen schicken. 
„Mann, warum die Eier? Sowas muß man heute nicht mehr in Echt machen, für solche Sachen gibt es heute Computertricks, so wie in den  „Harry Potter“-Filmen, wissen Sie?“ maulte Frans gespielt, als sie sich auf den Weg nach oben machten. Selbstverständlich hätte er nicht darauf verzichtet, und wenn er hinterher noch so viel Rührei wegputzen mußte. Aber ein wenig Spaß mußte sein.
„Nennen Sie mich altmodisch. Aber auf die Eier muß ich leider bestehen.“ scherzte Tom zurück. Er wusste natürlich, daß Frans am liebsten Tag und Nacht mit seinem neuen Spielzeug geübt hätte, nachdem er nun den Dreh heraushatte, egal ob sein Meister anwesend war oder nicht. Aber Fingerspitzengefühl, genaue Kenntnis der Eigenschaften seines Werkzeugs und sehr, sehr viel Vorsicht, das waren die wichtigsten Punkte, die jeder Einserlehrling zutiefst verinnerlichen mußte, bevor man ihn mit einer Matrix auf eine ahnungslose Menschheit loslassen konnte.
„Übrigens, könnten Sie auch Küken aus so einem Ei zaubern?“
„Ich nicht ohne faule Tricks, aber Paul kann es. Er beherrscht die Kunst, einen Klon innerhalb kürzester Zeit heranwachsen zu lassen. Allerdings kostet ihn das immense Kraft, wenn er es allein tun soll, und deshalb sollten Sie ihn nicht darum bitten, nur einfach so zum Spaß, Sie wissen ja, daß er einfach nicht nein sagen kann. Im Krankenhaus kann er diese Fähigkeit viel nutzbringender einsetzen. Ich sehe lieber Nieren statt Küken heranwachsen.“
Frans nickte, inzwischen erkannte er, wann Tom einen direkten Befehl erteilte. Das war soeben einer gewesen, den Mann vom anderen Stern nicht aus simpler Neugier zu belästigen. Stattdessen sollte er einfach die Gelegenheit ergreifen und zusehen, wenn Paul das nächste Mal eine Niere, ein Auge oder ein anderes Körperteil für einen Patienten des DeVille Memorial Hospitals heranzüchtete. Obwohl so ein piepsendes, flauschiges Küken natürlich auch ganz cool gewesen wäre.
„Aber ich bleibe dabei. Computertricks sind heute der letzte Schrei!“ setzte er die Auseinandersetzung fort.
„Die chronische Faulheit der Lehrlinge leider nicht.“ parierte Tom amüsiert. „Die war sogar schon vor meiner Zeit bekannt.“
Touché, dachte Frans, der diese aberwitzigen Streitgespräche genauso genoß wie sein derzeitiger Chef.
Auf dem Weg in Toms Arbeitszimmer sahen sie in der Überwachungszentrale vorbei, wo die Computerfreaks Charly und Henry mit ihren Mitarbeitern den weltweiten Datenverkehr überwachten, interessante Neuigkeiten für ihren Boss abfischten und ein wenig herumhackten. Der alte Dawson Lynch war von ihnen so weit ausgebildet worden, daß er den Datenabgleich der Außenüberwachung des Grundstücks übernehmen konnte. Die zahlreichen Kamera- und sonstigen Überwachungssysteme, die Lyonshome Manor auf allen Seiten umgaben, besaßen die modernsten Gesichtserkennungssysteme, die es gab, und das war wichtig, weil die meisten Gangster und Agenten, die das Anwesen zu überfallen gedachten, sich erst einige Tage in der Umgebung herumtrieben, um die Örtlichkeiten kennenzulernen, Fluchtwege festzulegen und die Bewohner des Anwesens zu beobachten. Wenn darum das gleiche Gesicht einer fremden Person immer wieder auf den Aufnahmen von der Umgebung auftauchte, war es für Lynchs Truppe Zeit, diese Person einmal zu überprüfen. Die Anwohner, Lieferanten, Straßenpolizisten und regelmäßige Besucher der näheren Umgebung waren selbstverständlich bekannt, wurden aber trotzdem hin und wieder - von ihnen selbst völlig unbemerkt  - nach einem von Tom Richards selbst entwickelten Verfahren gescannt, ob sie tatsächlich noch „sie“ waren oder vielleicht durch einen feindlichen Doppelgänger ersetzt. Was übrigens auch schon vorgekommen war, die Gegner von Tom Richards arbeiteten mit allen Schikanen.
Aber heute schien es ruhig zu sein. Keine ungewöhnlichen Vorkommnisse, die Tarnschilde nach oben,  die neugierigen Himmelsspähern, von Satelliten bis zu überfliegenden Hubschraubern, Fluggleitern und unbemannten Drohnen den Tag vermiesten waren intakt, es gab keine Notrufe und keine Zwischenfälle an den Eingängen zum Anwesen, wo ebenfalls gut getarnte und von Tom gepimpte Scanner auf feindselige Eindringlinge warteten.
Zu schade, dachte Frans, der ehrlich nicht wusste, ob er sich einen Zwischenfall irgendwann mal wünschen sollte oder nicht. Er hätte nämlich zu gern erfahren, was in so einem Fall im Haus alles los war, weil der alte Lynch immer wieder fröhliche Andeutungen machte, ohne jemals konkret zu werden.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 29. November 2016, 13:34:26 Uhr
Jetzt trennten sie sich erst einmal, um ihre jeweiligen Zimmer aufzusuchen und sich umzuziehen. Eine halbe Stunde später trafen sie sich am Eingang, wo eines der Autos aus Toms Fuhrpark bereits vorgefahren worden war.
Tom Richards konnte zwar ein Auto fahren, haßte es aber, selbst am Steuer zu sitzen, insbesondere im Stadtverkehr, und überließ darum gern Frans diese Tätigkeit. Er stamme definitiv aus dem falschen Jahrhundert, um sich mit Benzinkutschen, Verkehrsregeln und Ampeln herumzuärgern, hatte er dazu erklärt, als er Frans das erste Mal als seinen Chauffeur mißbrauchte. Den größten Teil der letzten tausend Jahre hatte er sich auf den Verstand von Pferden und anderem Getier verlassen, wenn er schneller als auf Schusters Rappen vorwärts kommen wollte, und in der fernen Zukunft sorgten hochintelligente Transportsysteme ganz ohne Eingriffe eines menschlichen Fahrers für eine sichere Reise. Die heutige Fahrt ging aber nicht weit, weil Richards nur sein Privathospital aufsuchen wollte, das gleichfalls in der Gegend lag. Er hatte Termine für ein paar Heilungen, zusammen mit Forrester und seinen anderen Lehrlingen, die in Medizin machten, und wollte Frans als Zuschauer dabei haben.
„Ihr Filmheld ist ja sowas wie ein Hansdampf in allen Gassen, auch in der Medizin.“ erklärte er dazu. Selbstverständlich hatte er sich informiert, welche Rolle Frans Hauser spielen sollte, und er war davon genauso begeistert gewesen wie sein Verwandter in der Zukunft.
„Sie sind aber selbst so ein Allroundgenie wie dieser Captain,“ hatte Frans erwidert. „Können Sie auch ein Raumschiff fliegen?“
Tom hatte gelächelt über den schmeichelhaften Vergleich. „Man wird nicht so alt wie ich, ohne hier und da ein paar Kenntnisse aufzuschnappen. Ich habe ein paarmal echten Raumschiffspiloten über die Schulter gesehen und ein paar Anfängerkurse gemacht, als Vorbereitung für einen eigenen Flugschein. Aber ich war noch lange nicht soweit, als ich von meinem anderen Ich in der Zukunft getrennt wurde. Dafür habe ich aber in der Vergangenheit eine Zeitlang ein Schiff kommandiert, das ganz klassisch auf dem Wasser fuhr. Sie war klein für ihre Zeit, aber ich hatte ihr ein paar fiese Zähne verpaßt, und deshalb habe ich sie auf den Namen „Piranha“ getauft.“ erzählte er dann, in Erinnerungen versunken.
„Ihren Zeitgenossen galt sie als ein Schiff des Satans persönlich, einmal weil ich mich damals deVille nannte, einem alten Freund zu Ehren - da war der Gedankensprung nicht weit - und dann weil sie auch bei Flaute und sogar bei Gegenwind schnelle Fahrt machen konnte, ohne einen Fetzen Leinwand gesetzt zu haben, weil sie nach Rauch und Schwefel stank und zuweilen Geräusche machte, die man damals von Schiffen nicht gewohnt war, und weil sie ein paarmal erheblich größere und stärkere Gegner aufgebracht oder auf den Meeresgrund befördert hat, ohne ihre regulären Kanonen einzusetzen.
Des Rätsels Lösung ist natürlich eine einfache. Ich hatte mein Wissen aus der Zukunft ganz schamlos benutzt und ihr einen selbstgebastelten Dieselantrieb verpaßt, der für die Geschwindigkeit, den Gestank und den Lärm verantwortlich war, und ihre Bewaffnung bestand außer aus zwei zeitgemäßen Kanonen, mit denen allein sie für damalige Verhältnisse total unterbewaffnet gewesen wäre, aus einer Gatling für Nahgefechte, mehreren Stalinorgeln, die dank ihres genialen chinesischen Konstrukteurs verblüffend weit und zielgenau feuerten, und sogar einer primitiven Laserkanone, die hin und wieder sogar zu funktionieren geruhte, alle natürlich gleichfalls Marke Eigenbau. Damals bestanden Schiffe im wesentlichen aus Holz und Leinwand, wissen Sie, und wenn ein Laserstrahl oder eine gut gezielte Rakete tief genug in den Laderaum vordrang, um die Pulverkammer zu erreichen, war der Kampf vorbei.
Obwohl das Versenken eines Gegners damals als ernsthafter Kunstfehler galt. Sowas konnte man sich vielleicht in militärischen Seegefechten leisten, aber in den üblichen Duellen mit Kaperfahrern verfeindeter Nationen ging es in erster Linie darum, eine „Prise“ zu machen, das heißt Beute in Form von Fracht und eines hoffentlich weitgehend unbeschädigten Feindschiffs, die sich zu Geld machen ließen, und in Form von Passagieren und Schiffsbesatzung, die entweder gegen Lösegeld ausgetauscht wurden oder manchmal auch zur eigenen Besatzung überliefen. Die Seefahrer der damaligen Zeit, insbesondere die einfachen Matrosen, waren ein ziemlich eingeschworener Haufen, und das mußten sie auch sein in einer Zeit, in der die Unterscheidung zwischen legaler Seefahrt und Piraterie meistens nur darin bestand, welche Flagge welcher Nation man führte... und über die Planke geschickt wurde damals nur sehr selten, aus genau demselben Grund, anders als heutige Piratenfilme das darstellen.
Da gehörte schon ein ziemlich übles Delikt dazu, denn selbst an Bord von ausgewiesenen Piratenschiffen war Zucht und Ordnung hoch im Kurs. Für geringere Delikte gab es die Peitsche, für ganz üble das Kielholen, das hat nicht jeder überlebt, und wer es überstanden hat, war meistens für den Rest seines Lebens davon gezeichnet. Sie haben keine Ahnung, wie die scharfkantigen Muscheln unten auf dem Schiffsrumpf einen Menschen zurichten können, wenn er mit Gewalt darübergeschleift wird. Und wenn dann das Blut noch ein paar Haifische anlockt...“ Er schauderte, hatte das alles vermutlich mit eigenen Augen mitangesehen.
„Was ist mit dem Schiff passiert?“ fragte Frans, als nichts mehr nachzukommen schien. Dieselmotor und Laserkanone auf einem Schiff aus dem ausgehenden Mittelalter, das war eine Sensation und ein gefundenes Fressen für jeden Unterwasser-Archäologen...
„Sie hat ein ehrliches Seemannsbegräbnis in den Outer Banks erhalten. Ist in einem Sturm gesunken, als ich nicht an Bord war. Sie lag zu dicht unter der Küste, und der Mannschaft ist es nicht gelungen, rechtzeitig den Diesel anzuwerfen. Das war nämlich immer ein Gefiesel. Der Wind hat sie in die Untiefen gedrückt, und die Wellen haben sie in Stücke geschlagen. War ein schwerer Verlust für mich, ich habe ihr lange nachgetrauert.“
Aber kein Wort über die Besatzung. Da hatte es wohl Diskrepanzen zwischen der Mannschaft und ihrem Kapitän gegeben, ahnte Frans, und Tom war vielleicht nicht ganz freiwillig an Land gewesen, als der Sturm losbrach. Er fragte nicht mehr weiter, weil er aus Toms Miene lesen konnte, daß ihm die Sache immer noch nachging, nach mehr als zwei Jahrhunderten.
„Aber jedesmal, wenn ich wieder auf Schiffsplanken stehe, kommen die alten Erinnerungen wieder hoch. Heute ist Seefahrt kein anspruchsvolles Geschäft mehr, mit den ganzen technischen Einrichtungen, die ich damals nicht zur Verfügung hatte, GPS, Funk, weltweite Wetterberichte und den ganzen Kram. Der Ruderstand eines modernen Schiffs sieht fast aus wie das Cockpits eines Flugzeugs, Sie können heute die meisten Funktionen in Simulationsprogrammen lernen, ohne jemals auf dem Wasser gewesen zu sein.“
Vor allem in Sims wie jenen, die der Laptop von Frans zu bieten hatte. Sie funktionierten nicht ganz so schnell wie die Systeme, die im Film „Matrix“ in Sekundenschnelle irrsinnige Mengen an Wissen in die Gehirne der Menschen pumpten, und das war ein Glück, weil Frans sonst wahrscheinlich schon nach dem ersten Sim der Kopf explodiert wäre. Auch so war er nahe dran gewesen, nach dem ersten Einführungs-Sim für Anfänger, das eine Stunde dauerte, und er hatte begriffen, warum Tom ihn davor gewarnt hatte. Denn diesmal hatte ihm nicht diese Stunde hinterher einfach gefehlt wie in dem anderen Sim, das er in der Zukunft getestet hatte.
„Ich habe auch so einen Laptop und weiß genau, wie es sich anfühlt.“ hatte Tom dazu schmunzelnd erklärt. „Aber verraten Sie das bloß nicht unseren Agenten, sonst habe ich keine ruhige Minute mehr. Die glauben nämlich, da wären alle Weisheiten der Zukunft drin gespeichert... nun ja, ganz unrecht hätten sie damit nicht mal.“
Frans verstand und hielt also den Mund darüber. Er und Tom waren das Inhaltsverzeichnis seines Laptops durchgegangen, und Toms Kommentar dazu war: „Wenn Sie diese Programme alle durchhaben, können Sie sich gleich rechtmäßig als Captain Future ausgeben. Das ist das volle Ausbildungsprogramm für Matrixtechniker plus einiges Zeug, was es selbst bei uns nur als freiwilliges Angebot gibt. Wenn Sie die durchhaben, brauchen Sie nur noch ein Raumschiff, um abzuheben... und ich möchte wetten, das bekommen Sie von der Hammer-Werft auf Nh´Nafress nachgeworfen.“ Er grinste schräg.
„Die erwarten wohl, daß Sie regelmäßig das Universum retten oder so... na, trösten Sie sich. Das verlangen sie von allen von uns.“
Solche ermutigenden Kommentare zu Rolle des Schauspielers, die offenbar sehr viel größer ausfallen sollte als gedacht und auch weit entfernt von allen Kameras, gab Tom regelmäßig von sich. Frans war fast sicher, daß da ein leiser Neid mitspielte. Richards sehnte sich nach der fernen Zukunft, in der sein Original aufgewachsen war, aber er hatte Angst davor, nochmals in Kontakt mit der Zeitmaschine zu kommen, die ihn damals als Avatar von Siwa Hendricks erschaffen hatte. Oder mit einer anderen Zeitmaschine, die ihn vielleicht als zeitliche Anomalie erkannte und kurzerhand „löschte“. 


Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 14. Dezember 2016, 15:26:04 Uhr
Bald erreichten sie das Hospital, und Frans folgte seinem Chef in den OP, wo sie tätig werden würden. Paul Forrester, der Außerirdische von Algieba, und sein Sohn, Scott Hayden, waren schon anwesend, die Wohnung, in der sie mit Mrs. Forrester-Hayden zusammen lebten, lag in der Nähe des Krankenhauses.
Die „Wunderheilungen“, die dieses Trio unter Mithilfe ihrer Lehrlinge vollführte, blieben an diesem Tag zum Glück unblutig. Da Frans im Umgang mit seiner Matrix noch viel zu ungeübt war und auch von Medizin - noch - keine Ahnung hatte, blieb er auch nur Zuschauer. Eingebettet als Dämpfer und simpler Energielieferant im Arbeitskreis, beobachtete er fasziniert, wie eine Querschnittslähmung kuriert wurde - eine von abertausenden, die noch bevorstanden, wie Scott ihm seufzend erklärte -, ein komplizierter Hirntumor durch gezielte Überhitzung entschärft und eine schwere Brandverletzung zur schnelleren Heilung stimuliert wurde. Zum Abschluß gab es anstelle eines Klon-Kükens einen Satz neuer Sehnerven für einen bis dato nach einer Tumoroperation vollerblindeten Patienten, und danach waren alle Teilnehmer der Heilerrunde erschöpft genug, um diesen Arbeitstag für abgeschlossen zu erklären.
Zufrieden über die geleistete Arbeit zogen sie sich in den kleinen Raum oberhalb der Krankenhauslobby zurück, von wo man einen guten Ausblick in den Eingangssaal des Hospitals hatte, und ließen Details der Arbeit noch mal Revue passieren, bevor man sich auf den Nachhauseweg machte. Frans sah auf die Uhr, entdeckte, wie früh es noch war, und fragte sich ein weiteres mal, warum bei Arbeiten mit einer Matrix das Zeitgefühl so radikal abhanden kam. Manchmal verging die Zeit wie im Fluge, und ein anderesmal, so wie heute, schien sie völlig stehengeblieben zu sein, denn angesichts der Leistungen, die der Arbeitskreis heute gebracht hatte, hätte es schon weit später sein müssen.
Tom lächelte Frans an, abgespannt wie die anderen, aber genauso zufrieden aussehend, als die drei anwesenden Ärzte fröhlich vor sich hin fachsimpelten und der Schauspieler mal wieder nur Bahnhof verstand. „Machen Sie sich keinen Kopf. Sobald Sie die ersten paar Sims in Medizin durchhaben, können Sie auch mitreden.“
„Frustriert Sie das nicht?“ fragte Frans zurück. Wieder eine seiner unerwarteten Fragen, die nur indirekt mit dem Thema zu tun hatten - aber oft mehr ins Herz des Problems vorstießen als alle anderen Fragen, die er stellen könnte. „Vier Patienten ganz oder teilweise geheilt, und ... wieviel Millionen mit genau den gleichen Leiden, die noch zu heilen wären, in diesem Land und weltweit? Und unzählige neue Patienten, die jeden Tag dazukommen? Sie werden niemals fertig werden mit der Arbeit, ist Ihnen das klar?“
Tom nickte nur darauf. „Klar erkannt. Aber wir paar hier sind nur der Anfang. Matrixtechniker wachsen nicht auf Bäumen, und sie kommen auch nicht fertig ausgebildet auf die Welt. In der Zukunft wird das anders sein, da gibt es genug von uns, daß es für die wichtigsten Belange reicht, und die normale Medizintechnik wird sich auch weiterentwickeln. Wir sind die Keimzelle, der Ursprung von allem. Ich setze meinen Ehrgeiz darein, wenigstens diesen Job richtig zu erledigen. Ich kann nicht alles allein tun, ich bin kein Gott, auch wenn jeder von mir Wunder erwartet. Ich kann hier nur den Nachwuchs ausbilden und dabei mein bestes geben. Mag die Nachwelt mich dafür verfluchen oder mir Denkmäler errichten, ist mir beides herzlich egal.“
Hier stehe ich, ich kann nicht anders, das war eines der vielen Mottos, nach denen Tom Richards handelte. Frans konnte nicht anders, er bewunderte den Mann maßlos. Mit dieser Machtfülle hätte er längst der Herr der Welt sein können, das wußten sie beide, aber Tom hatte sich dagegen entschieden, um den Lauf der Geschichte nicht zu sehr zu verändern und, wie Frans irgendwann erkannte, um sich selbst nicht noch mehr zu belasten, denn er war auch so bereits völlig ausgebucht, er zerriß sich schier zwischen seinen Firmen und sonstigen Unternehmungen, dem Krankenhaus mit seinen Lehrlingen, für die er immer und jederzeit ein offenes Ohr hatte, den alltäglichen Hausproblemen, die ihm allerdings Larry und Dawson und die anderen Dauerbewohner nach Möglichkeit vom Leibe hielten, und seinen ungewöhnlicheren Aktivitäten, von denen manche angenehmer waren als andere.
Wie zum Beispiel der Besuch der jährlichen Convention der Society of American Magicians, bei der Frans interessehalber und Scott Hayden als Toms in dieser Hinsicht vielversprechendster Lehrling teilnehmen durften.
„Im letzten Jahr habe ich meinen schönsten neuen Trick vorgeführt, meine Verwandlung in Azure,“ grinste Tom, als sie ein paar Tage später und an einem ganz anderen Ort den Arbeitern zusahen, die die wenigen Requisiten für Toms Auftritt vorbereiteten.
Sonst waren es die Magier meist selbst oder ihre in die Tricks eingeweihten Helfer, die mit den Requisiten umgingen und mit Argusaugen darauf achteten, daß ja kein Fremder - und schon gar kein Konkurrent oder Spion eines solchen - auch nur in die Nähe kam, bei Tom jedoch durften es normale Arbeiter sein, weil es an den wenigen Teilen nichts getrickstes gab, was geheim gewesen wäre - eine große Röhre aus feuerfestem Sicherheitsglas und ein passendes, flüssigkeitsfestes metallenes Unterteil dazu, flüssigkeitsfest deshalb, weil es gleich mit einer bestimmten Menge an leicht brennbarem Spiritus gefüllt werden würde. Oben an der Glasröhre befanden sich Aussparungen, in denen bereits die Seile befestigt waren, mit deren Hilfe das Teil über einen Bühnenkran nach oben gezogen werden konnte, sobald das Feuer darin erloschen war. 
„Die Leute waren baff, kann ich Ihnen sagen, als sie merkten, daß der Drache echt ist, das war mal was anderes als weiße Tiger oder indische Elefanten. Ich bin sicher, sie möchten am liebsten den Trick dieses Jahr wieder sehen. Aber ich habe es mir zur Regel gemacht, alle paar Jahre einen von meinen alten Tricks wieder neu vorzuführen, als Beweis gewissermaßen, daß ich immer noch der gleiche alte Thomas der Unglaubliche bin wie vor fünfzig oder neunzig Jahren. Dieses Jahr ist der „Phönix“ dran. Den habe ich übrigens schon beherrscht, als ich weder Azure noch meine Matrix hatte. Da er aber trotzdem unter die Rubrik der Matrixtechniker-Tricks fällt, er ist nämlich ein auragebundener Trick, läuft er außer Konkurrenz, wie immer.“ 
Auch das war eines von Toms Prinzipien, er hielt sich eisern an die Regeln, die in seiner Zukunft für Matrixtechniker galten, obwohl an diesem Ende der Zeit noch niemand außer ihm selbst etwas davon wusste. Und eine dieser Regeln lautete, daß Matrixtechniker mit ihren matrix- und auragestützten Tricks in der Gilde der Illusionisten und Magier nichts zu suchen hatten, außer sie verpflichteten sich strengstens, auf alle derartigen Tricks zu verzichten und auf die „normale“ Weise zu zaubern, mit faulen Tricks, flinken Fingern und doppelten Böden, eine Frage simpler Chancengleichheit und Fairness, was allerdings für die Matrixtechniker meist allein schon aus Sicherheitsgründen nicht machbar war, sie hatten zu viele Feinde, die ihnen ans Leder wollten und die Schwäche, die aus einem Verzicht auf die Matrix bestand, gnadenlos ausgenutzt hätten.
Tom hatte den einfacheren Weg beschritten, indem er zwar seine Tricks zur Erbauung des Publikums und der anwesenden Kenner zum Besten gab, jedoch immer außerhalb der Konkurrenz und jenseits aller Auszeichnungen, die ihm in seiner inzwischen mehr als hundertjährigen Karriere als bühnenbekannter Zauberkünstler immer wieder angetragen worden waren. Eine ganze Reihe von weltberühmten Zauberkünstlern hatten heute und in den vergangenen drei Tagen bereits ihre besten Illusionen vorgeführt, Tom als ein Senior der Zunft gehörte zum Feuerwerk des Schlußprogramms.
Wie üblich beschränkte er sich auf einen einzigen Trick, der heute der „Phönix“ sein würde, und die Vorbereitungen waren simpel und schnell durchzuführen. Doch beginnen würde er seinen Auftritt als Putzmarie.
Vor ihm war nämlich „Senior Saross“ aufgetreten, der zwar gleichfalls ein Magier allererster Kategorie war, jedoch auf Bühnen gefürchtet wegen des Drecks, den er zu hinterlassen pflegte, Unmengen von abgebrannten Resten kleiner bengalischer Feuer, Lametta, Konfetti, Plastikblumen und anderer kleinteiliger Überreste, die normalerweise anschließend eine kleine Pause im Ablauf der Show erforderten, damit die Reinigungskräfte tätig werden konnten. Tom allerdings hatte sich das heute ausdrücklich verbeten, er wollte den Dreck gezielt in seinen eigenen Auftritt mit einbeziehen.
Deshalb sah die Bühne noch aus wie eine Privatwohnung nach einer aus den Fugen geratenen Party, als der Ansager in gewohnter Großspurigkeit verkündete: „... und nun einer der Stargäste unserer Veranstaltung. Die Legende. Der Mythos. Der unvergleichliche...
Thomas der Unsterbliche!“
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 22. Dezember 2016, 15:11:12 Uhr
Die Flutlichter flammten auf und konzentrierten sich auf Tom, der unmittelbar vor dem hinteren Vorhang auf der Bühne stand. Anstelle eines konservativen Anzugs oder eines glitzernden Bühnenfummels trug er ein weißes Gewand, das wie eine Robe oder eher ein Bademantel aus Baumwolle aussah, jedoch in Wahrheit nur aus Papier von der Qualität festeren Toilettenpapiers bestand, wie seine zwei Helfer im Publikum, Frans Hauser und Scott Hayden, wußten, weil das wichtig war für den eigentlichen Trick, den „Phönix“. In seiner Hand trug er seinen berühmten „Zauberstab“, seinen silbernen Gehstock mit der mächtigen Energiematrix im Knauf, die er zumindest jetzt gleich zu benutzen gedachte, für den eigentlichen Trick brauchte er sie nicht.
„Oh Mann. Hat die Putzfrau heute Ausgang oder was?“ fragte er jetzt laut und blickte in übertriebener Gestik nach unten, auf den müllübersäten Boden vor ihm, den er mit seinen sichtbar bloßen Füßen wohl nicht betreten wollte. Das kleine Mikrophon, das an seiner Robe festgeknipst war, verstärkte seine Stimme, so daß sie bis in die hintersten Reihen gut zu verstehen war.
„Das muß ja eine tolle Party gewesen sein! Warum hat man mich nicht dazu eingeladen?“ motzte er in gespielter Schockiertheit. Das Fachpublikum schmunzelte, es wartete eifrig, worauf Tom hinaus wollte. Denn auf diese Weise hatte „Thomas der Unsterbliche“ bisher noch keinen seiner Auftritte begonnen.
Er blickte nach links und rechts, wo sich an den Rändern der Bühne gerade noch sichtbar die Männer der Putztruppe blicken ließen, und wies auffordernd auf den Dreck zu seinen Füßen, doch die Männer winkten deutlich sichtbar ab und verschränkten die Arme. Einer von ihnen hielt ein großes Pappschild hoch. „Wir streiken!“ stand darauf zu lesen, was Gekicher im Publikum hervorrief.
Tom zuckte sichtbar die Achseln. Da war wohl nichts zu machen, hieß das.
„Nun, da heute offenbar nicht gereinigt wird, muß ich mir wohl selbst helfen. Wozu hat man einen Zauberstab, wenn man nicht mal damit herumspielen kann?“ fragte er in den Zuschauerraum und hob seinen Stock.
„Da Sie alle mit den magischen Künsten wohlvertraut sind, kennen Sie das vermutlich aus eigener Erfahrung. Oder zumindest die Singles unter Ihnen, die keine angetraute Putzkraft haben.“
Abermals leises Gelächter, aber diesmal klang es etwas nervös. Frans und Scott merkten, wie die Spannung unter den Zuschauern wuchs. Vermutlich jeder von ihnen hatte schon von den Wunderdingen gehört, die Toms Stock zugeschrieben wurden und von denen nicht einmal die Hälfte gelogen war, allerdings setzte „der Unsterbliche“ dieses Werkzeug eher selten auf der Bühne ein. Was unter anderem daran lag, daß er den Stock in dieser Form - mit einer Matrix - noch nicht allzu lange besaß, seine früheren Gehhilfen waren für Auftritte mit Tricks der herkömmlichen Sorte bestückt gewesen.
Tom hob seinen Stock, dessen Knauf auf einmal blaues Licht flammte. Hinter ihm kamen jetzt die Männer in Overalls auf die Bühne, jeder von ihnen mit einem leeren Müllsack in der einen Hand und dem Griff eines gefüllten Wassereimers in der anderen, nur der in der Mitte hielt nach wie vor sein Schild in die Höhe. Sie stellten sich in einer Reihe hinter Tom auf, stellten ihre Eimer ab und hielten ihre Säcke hoch.
Tom trat einen Schritt vor, in den Müll hinein, den er jedoch nicht mehr berührte, denn auf einmal begann er zu schweben, über dem Unrat auf dem Boden und bei jedem folgenden Schritt etwas höher, nicht nur scheinbar, sondern ganz real getragen von den Kräften seines Stocks, den er erhoben hielt und der jetzt stärker sein blaues Licht ausstrahlte. Und auf einmal begann völlig aus dem Nichts um ihn herum eine Art Mini-Sturm zu tosen, der den ganzen Unrat vom Boden hoch- und um den schwebenden Mann herumwirbeln ließ, jedoch ohne ihm auch nur ein einziges Staubkörnchen gegen die Kleidung oder in die Augen zu blasen. Zielsicher, wie von einem Magneten angezogen, schoß der ganze Dreck in die Öffnungen der Müllsäcke, die die Arbeiter aufhielten, und sobald das letzte Partikel sicher verstaut war, ließ auch der Wind aus dem Nichts, der es transportiert hatte, schlagartig nach.
Doch Tom schien noch nicht ganz zufrieden mit der Sauberkeit der Bühne, denn er schwebte immer noch mit seinem leuchtenden Stock und blickte mißbilligend nach unten. Die Arbeiter hatten ihre mäßig gefüllten Säcke mit geübten Bewegungen zugebunden und stellten sie ab, griffen stattdessen nach den Wassereimern, deren Inhalt sie mit Schwung Tom entgegenschütteten.
Doch kein einziger der Wassergüsse traf den Mann in seiner dünnen Gewandung. Genauso wie der dreckbeladene Sturmwind vorher, so schossen jetzt die Wassermassen wie von unsichtbaren Kräften gelenkt um ihn herum, über ihn hinweg und auch unter ihm durch und leckten über den Bühnenboden, immer und immer wieder in wilden Bögen und Brandungen, bis auch das letzte Schmutzpartikel weggewaschen sein mußte, und wieder hoch, um Tom herum und sogar über ihn hinweg, ohne daß auch nur ein einziger Tropfen ihn benetzt hätte, und schließlich nach hinten, zurück in die hingehaltenen Eimer, und kein einziges Tröpfchen wagte dort überzuschwappen.
Und während die Arbeiter im Triumphzug hinter die Kulissen zurückwanderten, spärlich gefüllte Müllsäcke in der einen und Eimer mit Schmutzwasser in der anderen Hand und der letzte von ihnen, der die Bühne verließ, noch einmal demonstrativ sein Streikschild schwenkte, was erneut für Heiterkeit im Publikum sorgte, ließ eine erneute, aber diesmal dezentere Brise aus dem Nichts die letzte Feuchtigkeit von der Bühne trocknen, bis Tom deren Zustand endlich für akzeptabel befand und sich hinabsinken ließ, bis seine nackten Füße den Boden berührten.
Applaus ertönte. Unter dem Publikum war keiner, den die Vorstellung bisher nicht beeindruckt hätte, denn jeder der geübten Illusionisten wusste, wie extrem schwer gerade Wasser in voller Bewegung unter Kontrolle zu halten war, vor allem in einer Weise, wie sie es soeben miterlebt hatten.
Und nur Frans und Scott wußten, daß bei dieser Nummer nicht mit komplizierten Druckluftsystemen unter der Bühne oder ähnlichen Tricks nachgeholfen worden war, sondern daß Tom die gesamte Choreographie für Wind und Wasser quasi aus dem Handgelenk heraus innerhalb von einer Viertelstunde als Programm für seine Matrix geschaffen hatte.
Aber jetzt kam er zum eigentlichen Teil seiner Vorführung, und diesmal erwiesen sich die vorher so faulen Arbeiter als fleißig, das Streik-Schild kam nicht mehr zum Einsatz.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 2. Januar 2017, 18:02:47 Uhr
Tom trat ganz nach vorne bis an den Bühnenrand trat und stellte dort seinen „Zauberstab“ auf, wo der Stock ganz von selber senkrecht stehen blieb.
„Die Elemente, Ladies and Gentlemen,“ begann er eine kurze Ansprache. „Wasser und Feuer, Luft und Erde. Zwei davon, Luft und Wasser, haben Sie soeben in Aktion erlebt. Das dritte ist immer bei uns, wohin wir auch gehen, denn es ist die Erde, die uns durch ihre Schwerkraft an sich gedrückt hält wie eine liebeswütige Matrone, weshalb ich sie hier aus Taktgründen auch nicht weiter erwähnen möchte.“
Abermals Gekicher im Publikum, Toms altmodische Art kam bei den Leuten vom Fach gut an.
„Doch nun erleben Sie auch das vierte Element, das Feuer, und meine Herrschaft über dasselbe. Sehr geehrtes Publikum und insbesondere, liebe Kinder, macht das bloß nicht zuhause nach, Feuer ist gefährlich und Brandwunden sind extrem schmerzhaft.“
So sprach er, in Tonlage und Gestik geschickt die Stimmung anheizend. Währenddessen wurde hinter ihm das metallene Unterteil hereingefahren, ein Bühnenkran lieferte die Röhre, beides wurde auf der Bühne vor den Augen der Zuschauer von geschickten Helferhänden zusammengefügt und eine gewisse Menge an schnell brennbarer Flüssigkeit - Spiritus, den Gestank von Benzin wollte Tom weder sich selbst noch den Zuschauern zumuten - durch ein kleines Einlaßventil in das Unterteil eingefüllt. Dann legte Tom auch sein Mikrophon ab und ergriff ein Seil, das von dem Kran herabhing, und ließ sich hochziehen. Sein durchtrainierter Körper hing mühelos an einer Hand, während der Kranfahrer hinter der Bühne ihn über die Röhre manövrierte und ihn dort hinein hinabließ. Unbekümmert stieg er mit nackten Füßen in die Flüssigkeit, mit angehaltenem Atem, um die benebelnden Alkoholdämpfe nicht einzuatmen, die aber nicht mehr lange vorhanden sein würden... Dann, noch ehe das Licht im Saal ganz abgedimmt war, flog von oben ein brennender Fidibus in die Röhre, den ein Helfer mit Hilfe eines langen Greifarms nach oben praktiziert hatte, und der Spiritus entflammte im Nu. Zusammen mit dem Papiergewand, das Tom trug.
Eine gleißende Flammensäule stand in der Röhre, die mitten auf der Bühne stand. Nicht für lange, nur lange genug, bis sowohl der Spiritus als auch der Sauerstoff in der Röhre verbraucht waren, was insgesamt keine drei Minuten dauerte, dann fiel die Flamme zusammen, und Tom wurde wieder sichtbar.
Er hatte die Hände vor das Gesicht gehalten, um seine Augen vor der Glut zu schützen, und sein Papiergewand war ihm komplett vom Leib gebrannt worden, abgesehen von einer hauteng anliegenden, hautfarbenen Schamkapsel, die seine edelsten Teile verbarg, trug er nichts mehr. Seine langen Haare hatte er vorher zusammengesteckt, um sie vor dem Feuer zu schützen, jedoch hätte selbst das nicht zuverlässig geholfen, wenn sie zu weit aus seiner Aura herausgeragt hätten, deshalb hatte er sich für alle Fälle eine unsichtbare „Badekappe“ aus Matrixenergie angelegt, um seine geliebte lange Haarpracht nicht versehentlich einzubüßen.
Die letzten Flammenreste erstickten schnell an Nahrungs- und Sauerstoffmangel, und es hätte eigentlich finster werden müssen in dem völlig abgedunkelten Vorführsaal - doch eine Lichtquelle blieb.
Es war Tom Richards selbst, dessen beinahe nackter und absolut wohlproportionierter Körper auf einmal aus sich selbst heraus leuchtete, als sei etwas von dem Gleißen des Feuers in ihm zurückgeblieben, nicht etwa in dem kränklich-gelblichen Ton von simpler Leuchtfarbe, sondern in einem angenehmen,  ätherischen, fast überirdisch zu nennenden Weiß.
Zwei Helfer, kaum sichtbar in der Finsternis, öffneten die Klammern, die Röhre und Metallunterteil zusammenhielten, und die Röhre wurde hochgezogen. Nur die Helfer konnten Toms tiefe, hastige Atemzüge hören, als er nach mehreren Minuten des Luftanhaltens endlich wieder Atem schöpfen durfte. Aber der Akt war noch nicht vorbei.
Denn, kaum von der Röhre befreit, veränderte sich das weiße Leuchten um Tom herum. Es wuchs nach beiden Seiten, nahm die unverkennbare Form zweier riesiger, leuchtender Flügel an, die Schwingen eines Engels... oder von einem Phönix, der aus der Asche emporstieg...
und Tom wusste diese Flügel zu nutzen, er tat einen schnellen Schritt nach vorne und stieß sich mit dem nächsten ab,
und so leicht wie eine Feder aber zielgenau wie ein fliegender Vogel stieg er empor, schwebte hinein in den Zuschauerraum, getragen von Schwingen aus purem Licht, wo das Publikum großäugig und mit offenstehenden Mündern staunte und fast schon überzeugt davon war, gerade einem Wunder beizuwohnen, denn es war eindeutig erkennbar, daß Tom an seinem beinahe unziemlich nackten und leuchtenden Körper keinerlei Vorrichtung trug, die das Fliegen hätte erklären können.
Tom hatte Scott und Frans, seine zwei Helfer, mit voller Absicht unter den Zuschauern plaziert. Jeder von ihnen hatte einen bunten Leuchtstab als „Landemarkierung“ und ein simples Holzbrett dabei, einen Meter in der Länge und etwa zwanzig Zentimeter breit, die sollten sie gerade und eben in die Höhe halten wie eine Landebahn, und soeben setzten seine Füße perfekt auf dem ersten Brett auf, das Scott unter ihm in die Höhe hielt.
Scott mußte sich dabei keineswegs anstrengen, ihn zu halten, denn der Levitationseffekt, der das Fliegen ermöglichte, wirkte noch, wodurch Toms Körpergewicht im Augenblick dem eines großen Luftballons entsprach. Selbst den Abstoß der Füße, als Tom wieder abhob, um das Brett von Frans auf der anderen Seite des Zuschauerraums anzusteuern, fühlte Scott kaum.
Und abermals konnte das Publikum den Flug des „Phönix“ quer durch den ganzen Zuschauerraum beobachten, und wie er auf der zweiten hingehaltenen Sitzstange landete und dort zur allgemeinen Ergötzung seinen eigenen Trick parodierte, indem er eine kurze aber gelungene Imitation des Tweety aus den Zeichentrickfilmen produzierte.
Danach flog er zurück auf die Bühne und nahm dort den Applaus der begeisterten Menge entgegen, sich formvollendet tief verneigend, während seine Lichtschwingen unter dem aufgleißenden Licht der Spots dahinschwanden und sich auflösten. Ein Helfer reichte ihm einen Bademantel, und er bedeckte sich, begleitet von ein paar sehr bedauernden und gut vernehmlichen Seufzern aus der Zuschauermenge, die aber nicht alle danach klangen, als kämen sie nur von der anwesenden Weiblichkeit.
Danach ergriff er seinen Stock, verbeugte sich noch einmal und ging ab.
Auch Frans applaudierte begeistert. Verdammt, so etwas hätte sich gut mit seiner geplanten Rolle verstanden, in der Episode mit einem Weltraumzirkus, der Auftritt des Zauberkünstlers... aber Tom als fieser Ul Quorn, das ging ja wohl nicht, oder? Trotzdem beschloß er die Idee im Hinterkopf zu behalten und sie mit Siwa zu diskutieren, falls er ihn wiedertraf.
„Und was werden Sie nächstes Jahr vorführen?“ fragte er neugierig, als er Tom danach hinter der Bühne traf.
„Ich plane etwas neues, was mit Schlüsseln zu tun hat. Die Leute werden Stielaugen machen, wenn ich aus dem Nichts die unmöglichsten Dinge hervorzaubere.“
Frans wusste inzwischen, was er mit Schlüsseln meinte, nämlich nicht die herkömmlichen, die für Schlösser aller Art geeignet waren, sondern jene kleinen, in inaktivem Zustand meist sogar immateriellen Matrixprogramme, die von Matrixtechnikern wie Tom oder Siwa als „Schlüssel“ bezeichnet wurden. Geübte Matrixtechniker konnten solche immateriellen Schlüssel in ihrer ausgeprägten Körperaura unterbringen und jederzeit bei Bedarf hervorziehen, und niemand, der nicht erstklassig aurasichtig war, würde jemals herausfinden, woher all die Dinge materialisierten, die Tom vorher in Form solcher Schlüssel an seinem Körper verstaut hatte. Da man allerdings eine hochrangige Matrix benötigte, um solche Schlüssel zu produzieren, hatte Tom diesen Trick bisher noch nie vorführen können, weil er seine Fünfermatrix erst vor einigen Jahren erhalten hatte.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 11. Januar 2017, 09:28:33 Uhr
Nach ihrer Rückkehr nach Washington erhielt Frans einen Anruf, der ihn bewog, das American Geosciences Institute in Alexandria aufzusuchen. Kurz nach seinem Umzug nach Lyonshome Manor hatte er nämlich als Gasthörer einem Vortrag in Geologie beigewohnt, um sich anschließend mit der Vorträgerin, einer Geologin namens Dr. Marija Stern, kurz unterhalten zu können.
„Studieren Sie Geologie oder nur allgemein interessiert, Mr. ...“ hatte sie ihn gefragt, als er nach dem Vortrag nach vorne kam und sie darum bat, ihr ein paar Fragen stellen zu dürfen.
„Hauser. Frans Hauser.“ lächelte er freundlich. „Nein, ich bin kein Student, ich bin nur hier, weil ich einige Fragen zu Gesteinsproben hätte, die ich hier mitgebracht habe.“ Dabei hielt er einen bunten Kunststoffbeutel hoch, der zwar nicht allzu groß, aber dafür sichtlich schwer war.
„Ja bitte, fragen Sie.“ Es kam häufiger vor, daß Leute sie wegen Gesteinsproben um Auskunft baten - häufig weil man auf Erdöl, Gold oder andere wertvolle Funde auf dem eigenen Grundstück hoffte, was sie jedoch immer abschlagen mußte, weil es dafür eigene spezialisierte Labors gab, die natürlich gegen Gebühr ausgiebige Analysen anstellten.
„Sagen Sie, machen Sie auch eigene Untersuchungen? Chemische Analysen, Strahlungswerte und all das.“
„Ja, selbstverständlich. Wenn Sie jetzt allerdings von mir wissen wollen, ob Sie auf Ihrem eigenen Grundstück...“
„Nein, nicht das.“ unterbrach er sofort. „Können Sie bei so einer Analyse feststellen, ob Gestein von diesem Planeten oder einem anderen, genau gesagt einer merkurähnlichen Welt außerhalb unseres Sonnensystems stammt?“
Jetzt wurde sie aufmerksam. Der junge Mann sah nicht so aus, als wollte er sie auf den Arm nehmen, er blickte sie durchaus ernst an.
„Selbstverständlich. Gestein von anderen Welten unterscheidet sich signifikant von irdischen Gesteinen, sei es durch die reine Zusammensetzung der Elemente, durch bestimmte Isotope, die im Weltall häufig, auf der Erde jedoch in diesen Mengen und im Verhältnis zu anderen Isotopen gesehen äußerst selten vorkommen, durch die Veränderungen, denen Gestein durch die ungefilterte Einwirkung von kosmischer Strahlung unterliegt, und natürlich durch das Fehlen von Veränderungen, die durch irdischen Sauerstoff oder organische Einwirkung, also durch Lebensformen entstehen. Vorausgesetzt natürlich, das Gestein stammt nicht von dem Planeten, von dem die kleinen grünen Männchen kommen, denn die sind vermutlich auch Sauerstoffatmer und organischer Natur.“ Sie lächelte amüsiert.
„Grau, Ma´am. Sie sind grau, nicht grün, deshalb heißen sie Grays. Sagt jedenfalls mein Arbeitgeber, der laut eigenen Worten diese Biester haßt und ihnen die kleinen grauen Ärsche versohlt, wenn sie sich jemals bei ihm blicken lassen sollten.“ lächelte Frans zurück. „Aber deswegen bin ich nicht hier. Ich lernte ihn erst kennen, nachdem ich diese Proben erhielt. Darf ich sie Ihnen zeigen?“
Sie nickte. Sie hatte noch etwas Zeit, und ein freundlicher UFO-Gläubiger, der sie nicht gleich zu missionieren versuchte, sondern nur ein paar Steine dabei hatte, die vielleicht sogar interessant waren, obwohl die Wahrscheinlichkeit sehr gering war, war nicht der schlechteste Zeitvertreib. Wer wußte, vielleicht hatte der junge Mann ja tatsächlich einen interessanten Meteoriten aufgetrieben...
Frans holte ein Bündel braunes Packpapier nach dem anderen aus dem Beutel und öffnete sie nacheinander.
Die ersten Teile sahen fast aus wie zusammengeschmolzenes milchig-grünliches und bräunliches Plastik, teils blasengefüllte, teils glasig-splittrige, scharfkantig gebrochene Klumpen mit eingebetteten dunklen Verunreinigungen aus Sand und kleinen Steinen, dazu ein sauber ausgeführter Dünnschliff des gleichen Materials und eine Art Götzenfigur, so lang wie zwei Handspannen und dem steinzeitlichen „Löwenmenschen“ aus Europa nicht unähnlich, nur vollständiger als dieser.
„Man sagte mir, das sei sogenanntes „Wüstenglas“, das entstand, als bei einem Impakt ganz normaler Wüstensand zu Glas zerschmolz. Die Figur ist übrigens kein antikes Artefakt, sie wurde vor meinen Augen aus dem Wüstenglas hergestellt.“ Er packte weiter aus, Steine verschiedener Färbung und Konsistenz, die aber kein Wüstenglas waren, meistens rostig-bräunlich, gelblich oder grau, einer war schwarz mit Sprenkeln und erinnerte an dunklen Granit. „Die stammen auch alle aus dem Krater, wo das Wüstenglas herkam.“ sagte er dazu. Zum Schluß packte er etwas aus, was zur besseren Unterscheidung in weißes Papier eingeschlagen war. „Das hier möchte ich nach der Untersuchung gerne wiederbekommen, wenn es möglich ist. Man hat mir gesagt, es handle sich um einen Rohdiamanten. Der Impaktkrater mit dem Wüstenglas befand sich nämlich in einem viel größeren, fast völlig verwitterten Vulkankrater, der Diamanten ausgespuckt hat.“ Der unscheinbare gelbliche Kristall, der noch in einem Rest Muttergestein steckte, konnte auf den ersten Blick genauso ordinärer Quarz sein, aber Marija wollte den jungen Mann nicht sofort enttäuschen.
Sie nickte. „Ich nehme die Proben mit und lasse sie untersuchen. Es könnte aber einige Zeit dauern, da Institutssprojekte immer vorrangig sind. Sind Sie damit einverstanden?“
„Ja, selbstverständlich. Danke, Ma´am.“ Er zückte eine Visitenkarte, die er ihr reichte, eine weitere legte er in den Beutel zu den wieder eingewickelten Proben, damit die Eigentümerschaft feststand.
„Übrigens können Sie auch den Stoff des Beutels untersuchen lassen, falls die Untersuchung der Steine positiv ausfällt. Der stammt nämlich auch nicht von hier, wenn Sie verstehen, was ich meine.“ 
Auch das versprach sie ihm, und behielt nach der Verabschiedung noch eine Weile seinen hoffnungsvollen Blick in Erinnerung, neben dem auffällig roten Haarschopf. Später übergab sie den Beutel samt Inhalt ihrem Laborassistenten, der sich darum kümmern würde, sobald er etwas Luft hatte. „Von einem UFO-Gläubigen. Soll angeblich von einem anderen Planeten stammen.“ erklärte sie amüsiert, was Dan mit einem Lachen quittierte.
Doch als sie eine Woche später nach einem erholsamen Wochenende am frühen Montag im Labor vorbeisah, um die jüngsten Daten aus Parkfield zu überreißen, lachte Dan Mendoza nicht mehr, er sah ihr blaß und mit großen fiebrigen Augen entgegen und hielt ihr einen Packen Ausdrucke entgegen.
„Das UFO-Zeugs, Marija. Bevor Sie fragen, ich habe alles dreifach überprüft, ich sitze seit Samstag daran. Scheint so, als habe der Typ nicht gelogen mit seinem Außerirdisch.“
Sie nahm die Ausdrucke entgegen und überflog die Zahlen. Einmal sah sie kurz hoch - aber sie wußte, daß Dan zuverlässig und erfahren war, wenn er es alles dreifach geprüft hatte, wollte sie an den Daten nicht zweifeln.
Die Daten warfen keine organischen Stoffe oder Verunreinigungen aus, die sich nicht durch Kontakt mit der Erdatmosphäre und menschliche Berührungen erklären ließen - aber eindeutige Mißverhältnisse in den anorganischen Grundzusammensetzungen und Isotopenverhältnissen der untersuchten Proben. Sie wußte sofort, Steine dieser Zusammensetzung fand man nirgendwo auf dem Planeten Erde, selbst Meteoriten oder andere Boten aus der Frühzeit dieses Sonnensystems, die man vor allem in der Antarktis in ziemlich unverfälschter Form fand, besaßen nicht diesen unverkennbaren chemischen „Fingerabdruck“. Nein, dieses Material mußte in der Tat aus Zonen jenseits des irdischen Sonnensystems stammen.
„Ich habe es in der Datenbank verglichen - keine Übereinstimmung mit Gesteinen vom Mars oder Mond, geschweige denn mit irdischen Gesteinen. Das Zeug stammt definitiv aus einem fremden Sonnensystem, dessen Geburtsnebel eine völlig andersartige Zusammensetzung an schwereren Elementen besaß. Wo sagten Sie, hat der UFO-Fritze das Zeug her?“ 
„Er sagte etwas von einem merkurähnlichen Planeten außerhalb unseres Systems.“ erinnerte sie sich. „Und daß der Beutel, in dem die Proben waren, ebenfalls nicht von hier sei.“ Das hatte sie Dan nicht gesagt, weil sie nicht damit gerechnet hatte, daß die Analyse der Gesteine etwas ungewöhnliches erbrachte.
„Der Beutel?“ Dan suchte danach und fand ihn. Neugierig betrachtete er ihn, ein ganz normales, modernes, buntes Kunststoffgewebe von dichter, fester Konsistenz, vermutlich sogar wasserdicht und gut geeignet für das Sammeln schwerer Steinproben. Er konnte nichts ungewöhnliches daran feststellen, abgesehen von dem fehlenden Markenlabel, ähnliche Beutel konnte man vermutlich in jedem Laden erstehen, der Outdoorausrüstung und Taschen aller Art führte. Aber er war Laborassistent für Geologie und kannte sich mit Gesteinen und Erdkunde aus, Textilkunde war nicht sein Metier.
„Die Jungs vom Department schulden uns noch einen Gefallen für diese Erdproben,“ sagte er zu Marija, „die wissen, wo man den Stoff analysieren lassen kann. Ich schlage vor, wir warten erst diese Untersuchung noch ab, bevor Sie den UFO-Fritzen anrufen.“
Sie nickte, und Dan tätigte ein paar Anrufe. „Ich bringe den Beutel in meiner Mittagspause selbst vorbei.“ sagte er dann, und sie nickte abermals, weil sie sicher sein konnte, daß dieses Beweisstück dann gleich in der richtigen Stelle landete. Das Metropolitan Police Department benötigte öfter Analysen von Textilien bei der Bearbeitung von Kriminalfällen, da fiel eine kleine Gegengefälligkeit für die Geologen nicht ins Gewicht.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 13. Januar 2017, 09:09:35 Uhr
Da Dan ein paar Stunden später bei seinem Besuch im Polizeilabor einige Andeutungen fallen ließ, der Stoff könne vielleicht ein paar Überraschungen bergen, arbeiteten die Laborratten dort recht fix. Schon am folgenden Tag erhielt Marija einen Anruf, der ähnlich überrascht klang wie Dan am Montag.
„Wo haben Sie diesen Beutel her?“ fragte niemand anderer als der Laborleiter Dr. Tenaki selbst.
„Wären Sie überrascht, wenn ich behaupte, er stamme aus einer fliegenden Untertasse?“ fragte Marija ruhig.
„Ehrlich gesagt, nein.“ kam die Antwort. „Solch ein Material haben wir noch nie gesehen, und wir haben mittlerweile Textilien aus der ganzen Welt in unserer Datenbank. Wußten Sie, daß es nicht nur luftdicht ist, sondern auch bis zu einem gewissen Maß selbstreparierende Eigenschaften besitzt? Es ist eine Art Nanotech-Gewebe, das absolut weltraumtauglich wäre, es wäre auch für Raumanzüge zu gebrauchen. Und unserer Untersuchung zufolge war es mindestens schon einmal im All, weil es bestimmte Eigenarten aufweist, die auf Abnutzung durch kosmische Strahlung zurückzuführen sind. So etwas würde ich allenfalls unserem Militär zutrauen, oder der NASA, im Laden bekommen Sie so etwas nirgendwo. Wo haben Sie es her?“
„Es kam als Verpackung einer Ladung Gesteinsproben, deren Spuren Sie sicher zwischen den Textilfasern entdeckt haben.“ erklärte Marija wahrheitsgemäß. „Außerirdische Gesteinsproben, die nicht aus unserem Sonnensystem stammen.“
„Der Lieferant war nicht zufällig klein und grün und hatte spitze Ohren?“
Sie lächelte. „Klein und grau, meinen Sie. Deshalb nennt man sie Grays.“ zitierte sie fröhlich. „Aber nein. Der junge Mann, der mir die Proben brachte, sah vollkommen menschlich aus. Er wartet übrigens auf die Ergebnisse unserer Untersuchungen. Wollen Sie dabei sein, wenn ich mit ihm spreche?“
„Auf alle Fälle! Die Untersuchungsergebnisse haben meine Leute ziemlich in Rotation versetzt, so ungewöhnlich ist das Material. Wenn irgendwelche Firmen oder ein Geheimdienst davon erfährt, und das ist immer irgendwann der Fall, wie Sie sich denken können, dann ist hier der Teufel los. Dieses Material wäre verdammt viel wert, wenn man es reproduzieren könnte. Also möchte ich mir die Quelle lieber selbst ansehen, bevor hier das Männleinlaufen beginnt.“
Marija versprach ihm, ihn über den Termin mit Frans Hauser zu informieren, und tätigte dann den Anruf.
Eine Stunde später begrüßten sie, Dan und Dr. Tenaki den jungen Mann mit dem auffälligen brandroten Haarschopf. Die gegenseitige Neugier war fast mit bloßen Händen zu greifen.
„Also, wo haben Sie die Steine her?“ platzte Dan heraus, kaum daß sie saßen.
„Und den Beutel.“ fügte Marija hinzu.
„Würden Sie mir glauben, wenn ich sage, daß ich von Außerirdischen entführt wurde?“ fragte Frans lächelnd zurück.
„Angesichts der Untersuchungsergebnisse müssen wir das wohl.“ antwortete Marija. „Waren sie klein und grau?“
Frans schüttelte den Kopf. „Meine Entführer werden in menschlicher Sprache als Benu bezeichnet, nach dem ägyptischen Wort für den Vogel Phönix, weil sie Energiewesen sind, die in ihrer natürlichen Form aussehen wie riesige feurige Vögel. Vor ihnen hat sogar mein Chef mächtig Respekt, anders als vor den Grauen, von denen er spricht wie von Ungeziefer. Persönlich gesehen habe ich meine Entführer nicht, was wahrscheinlich mein Glück war. Man sagte mir nämlich, daß das ein wahrhaft erschreckendes Erlebnis wäre, selbst wenn man daran gewöhnt ist, weil sie eine absolut übermächtige Ausstrahlung besitzen, so daß man hinterher jedesmal einen Satz frischer Unterwäsche benötigt.“ Er grinste jungenhaft.
 „Ich habe allerdings eine Filmaufnahme von einem Benu gesehen, der die Ausstrahlung zum Glück fehlte. So seltsam es klingen mag, um einen Film ging es bei der Entführung auch, ich bin nämlich Schauspieler von Beruf, und die Benu scheinen sehr spielfreudige Wesen zu sein.
Mein Empfangskomitee  auf der anderen Seite war gar nicht überrascht, als er von seinen eigenen Bossen erfuhr, daß es offenbar um ein Filmprojekt geht, an dem die Benu aus irgendeinem Grund sehr viel Interesse zeigen. Er war übrigens ein Mensch, es gibt dort, wo ich war, auch ein paar Menschen unter jeder Menge Aliens.
Meine Entführer haben mich auf einer außerirdischen Raumstation abgesetzt, in einem fremden Sonnensystem, etwa fünfunddreißigtausend Lichtjahre von hier. Die Proben habe ich später bei einem Ausflug zum nächstgelegenen Planeten eingesammelt, eine tote, merkurähnliche Welt, die ziemlich dicht an ihrer Sonne dran liegt. Zu den besiedelten Welten dieses Systems kam ich nicht, weil ich bald wieder auf die Erde zurückgebracht wurde, wie weiß ich nicht, aber wahrscheinlich genau so, wie ich entführt wurde, vermutlich per Teleportation oder sowas ähnlichem, weil ich mich nicht an irgendein Raumschiff erinnern kann. Und das ist im wesentlichen die ganze Geschichte, ob Sie mir das alles glauben wollen oder nicht.“
Seine Zuhörer verkniffen sich das ungläubige Kopfschütteln gerade so, Frans konnte es ihnen ansehen.
„Und was sollte das ganze? Ein Filmprojekt - gibt es dort tatsächlich sowas wie unsere Kinofilme?“ fragte der Laborassistent.
„O ja, aber natürlich besser, dreidimensionale Filme und immaterielle holographische Simulationen sind dort ganz normaler Stand der Technik. Dieser geplante Film soll allerdings noch mal eine Stufe besser werden, ich bekam erste Testaufnahmen zu sehen, noch ohne Schauspieler, nur ein paar Landschaftsaufnahmen, um ein bißchen die Wirkung zu testen. Eine totale Rundum-Illusion, man glaubt wirklich real im Film drin zu sein, wenn man sich auf die Täuschung einläßt, sogar mit sensorischen Effekten hier und da, wo man das Gefühl hat, Dinge berühren oder riechen zu können.
Warum allerdings dazu ein drittklassiger Schauspieler wie ich dazugeholt wird, wenn sich Wesen wie die Benu doch jederzeit die besten und berühmtesten Schauspieler der Erde holen könnten, da dürfen Sie mich nicht fragen. Man hat mir gesagt, daß die Benu nicht nach menschlichen Maßstäben zu messen sind, und ich scheine, wenigstens nach ihrem Verständnis, der Rolle des Helden im Film genau zu entsprechen. - Der ist nämlich auffällig rothaarig, so wie ich.“
Er fuhr sich durch die Mähne, die in letzter Zeit gewachsen war. Frans gab es nicht zu, aber die lange Haarpracht von Richards, die manchmal nach Art einer Medusa ein Eigenleben zu entwickeln schien und von diesem per sogenanntem Haar-Kung-Fu („extrem schwer zu lernen, unmöglich auszuführen“) sogar in Kampfübungen eingesetzt wurde, imponierte ihm, weshalb der Friseur Frans in den letzten Monaten nur noch selten zu Gesicht bekommen hatte. Für den geplanten Film mußte der Überschuß vermutlich wieder weichen, aber das sollten die Maskenbildner entscheiden, die wußten sowieso immer am besten, wie sie es haben wollten. 
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 23. Januar 2017, 10:41:54 Uhr
„Was ist das für eine Rolle?“ fragte Dan interessiert.
„Sie werden es nicht glauben: Retro-Science Fiction. Eine alte Pulpserie aus den vierziger Jahren namens Captain Future, der Held des Universums, Hexenmeister der Wissenschaft und so weiter. Keine Ahnung, wie Außerirdische gerade auf sowas kommen... aber mein Kontakt dort war total begeistert, sobald er sich informiert hat. Der zumindest fährt auf Retro voll ab. Auf Science Fiction übrigens auch, obwohl er doch zeitweise auf einer echten Raumstation lebt und mit echten außerirdischen Raumschiffen fliegen kann. Ist aber irgendwie schön zu wissen, daß unser Hollywood sogar in einem anderen Teil der Milchstraße ein Begriff ist, nicht?“
„Und gab es dort auch... sexuelle Kontakte? Sie wissen schon?“
Das trieb dem Assistenten etwas die Röte ins Gesicht, aber Frans lächelte weiter.
„Nicht daß ich wüßte, ich kann mich jedenfalls nicht erinnern, daß eine außerirdische Dame etwas von mir wollte. Meine Kontaktperson hat mir auch keine Avancen gemacht, also gehe ich davon aus, daß er hetero ist.“
„Hatten Sie Angst?“
„Eigentlich nicht. Nach meiner Ankunft dort dachte ich zuerst, man hätte mich in ein aufwendig gemachtes Filmset verschleppt. Bis ich meinem ersten Alien über den Weg lief und erkannte, daß kein Maskenbildner auf der Welt so etwas fertigbringen kann. Danach habe ich erst einmal versucht herauszufinden, wo ich eigentlich bin und warum ich dort gelandet bin. Anscheinend hat man mir erst einmal Freiraum gegeben, um herauszufinden, ob ich für genügend Eigeninitiative und Anpassung geeignet bin.
Mit etwas Herumfragen und Kombinieren ist es mir dann tatsächlich gelungen, meine Kontaktperson aufzuspüren, bevor der losziehen mußte, um mich zu suchen. Ich war also eigentlich die ganze Zeit zu beschäftigt, um Angst zu spüren. Und danach wurde mir alles erklärt, was ich wissen wollte. Siwa wußte auch nicht alles, aber er konnte sich einiges zusammenreimen. Er war dann der Meinung - genauso wie mein jetziger Chef danach - daß da sehr viel mehr dahintersteckt als nur ein weiterer Film, wenn diese Außerirdischen ihre Klauen im Spiel haben. Sie vermuten, daß der Film als eine Art Köder benutzt werden soll, um Gegner der Benu aus der Deckung zu locken. Aber wie genau das aussehen wird, da waren auch sie überfragt. Einfach mitmachen und abwarten, ist ihre Devise, und mir wird da auch nichts anderes übrigbleiben. Denn mitmachen werde ich auf jeden Fall, dafür ist die ganze Sache einfach zu interessant.“
„Und was machen Sie, wenn die „Men in Black“ davon erfahren?“ bohrte Dan fröhlich weiter.
Da lachte Frans. „Die wissen längst Bescheid.“ erklärte er vergnügt und zur großen Verblüffung nicht nur des Assistenten. „Mein Chef ist gut Freund mit dem Leiter der Federal Security Agency, die ihren Sitz in Washington hat, und ein paar von seinen Agenten. Man schlägt sich und verträgt sich, aber am Ende zieht man immer am selben Strang. Ich glaube, da läuft es wirklich ab wie in dem Film, gegen friedliche Aliens hat niemand was einzuwenden, die werden beaufsichtigt und beschützt, falls sich welche hier ansiedeln wollen, und wenn sich mal Bösewichte blicken lassen sollten, dann zeigt man ihnen gleich, wo der Hammer hängt. Die Herrschaften werden selbstverständlich alles abstreiten, wenn Sie sie fragen sollten, aber ich glaube, das ganze Thema liegt bei ihnen in guten und professionellen Händen. Vor allem wenn mein Chef involviert ist, denn der läßt sich nicht mal von der Regierung etwas vormachen, wenn er es besser weiß.“ 
„Wie heißt Ihr Chef denn?“
„Sein Name ist Thomas Richards der Dritte. Alteingesessener Washingtoner Quasi-Adel seit Gründung der Stadt. Seine organisch gewachsene Privatvilla wird von Leuten, die mal drin waren, wegen ihrer Größe und Unübersichtlichkeit mit dem Labyrinth des Minotaurus verglichen, seine Dienstmädchen finden angeblich hin und wieder die Skelette verlorengegangener Besucher in abgelegenen Winkeln des Hauses, oder zumindest behauptet er das. Er ist Arzt, Geschäftsmann und ein Hansdampf in vielen anderen Gassen und vermutlich reicher als Scrooge McDuck. Allerdings neigt er nicht zum Protz, wenn er es vermeiden kann, und wenn man ihn danach fragen würde, würde man wahrscheinlich zur Antwort bekommen, daß auch er nur einen Mund zum Essen, einen Rücken zum Draufliegen und einen Hintern zum Siewissenschonwas hat. Humor besitzt er nämlich auch, und er ist nicht der Typ, der einen einsamen Witz am Wegesrand stehen läßt.“
Fransens Publikum grinste bereits reihum, und er setzte fröhlich noch einen drauf:
„Und dann reitet er das arme Ding, bis es tot umfällt, um einen seiner Agenten zu zitieren. Die Beschäftigung mit Aliens, Monstern, fremden Dimensionen und so und den Schutz der Menschheit vor feindlichen Aliens samt Schutz der freundlichen Aliens vor uns betrachtet er als seine Lebensaufgabe, und deswegen arbeitet er auch mit der Agency zusammen, weil es in Einsätzen einfach praktisch ist, einen Typen dabei zu haben, der mit seiner Hundemarke herumwedeln kann. Originalzitat Mr. Richards.“ (Noch mehr Gegrinse.)
 „Und er hat mindestens einen Verwandten, der in einem ganz anderen Teil der Milchstraße herumgurkt, deswegen weiß er was Sache ist. Siwa hat mir seinen Namen mitgeteilt, samt Angabe, wo er aufzutreiben ist, und als ich Mr. Richards von der Entführung erzählte, hat er kein Wort davon angezweifelt, weil er selbst schon mal dort war, auf dieser Raumstation. Und dann hat er mich vom Fleck weg engagiert, um mir all das beizubringen, was ich seiner Einschätzung nach für diese ganz besonderen Dreharbeiten brauchen werde. Nicht das Schauspielern, obwohl er als Schauspieler auch Talent hätte, sondern alles, was mir im Umgang mit Aliens nützlich sein könnte. Die Dreharbeiten sollen nämlich auf einem anderen Planeten stattfinden, eine marsähnliche Welt mit vielen Kuppelstädten, in denen man so ziemlich jede Umgebung simulieren kann, und wo auch Aliens leben.
Auf diese Welt bin ich echt schon gespannt, weil mir beide, Siwa und Mr. Richards, viel davon vorgeschwärmt haben. Sie waren mal dort für Ausbildungszwecke, und da soll es heiß hergegangen sein, weil sie es mit einer echten außerirdischen Invasion zu tun bekamen. Die taucht möglicherweise als Motiv im Film auf, aber beim letzten Stand der Dinge stand das genaue Drehbuch noch nicht fest.“
„Jetzt gestatten Sie mir eine Frage, Mr. Hauser.“ sagte Ms. Stern. „Warum haben Sie sich an mich und mein Institut gewandt, wenn Sie doch direkte Kontakte zu einem Experten und einem Geheimdienst haben? Diese Leute haben doch sicher eigene Labors und Fachleute für Analysen?“
Frans lächelte sie etwas verschmitzt an. „Weil ich dringend ein paar Worte der Vernunft brauchte. Wenn ich Mr. Richards oder seinen Agenten etwas erzähle, dann glauben die das unbesehen, egal wie unglaubwürdig es klingt, nicken zu allem und lassen meine Proben auf Nimmerwiedersehen in irgendeiner streng geheimen Geheimdienst-Katakombe verschwinden.
Ich wollte einfach mal eine unabhängige Meinung hören, die noch nicht vom Alltags-Irrsinn eines Mr. Richards infiziert ist, verstehen Sie?
Und wenn ich Ihnen einen Rat geben darf, halten Sie sich von ihm fern. Er hat so eine Art, einem von einem Moment auf den anderen das ganze Weltbild auf den Kopf zu stellen. Was um so gefährlicher ist, weil er nie lügt, und weil man bei ihm sicher sein kann, daß alles, was er erzählt, die Wahrheit und nichts als die reine Wahrheit ist. Manchmal macht er zwar Scherze, aber die sind immer leicht zu durchschauen, er ist nicht der Typ, der andere nur um des Lügens willen auf den Holzweg schickt. Bei ihm hat alles Hand und Fuß, und das macht es zuweilen um so schwerer zu verdauen.“
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 17. Februar 2017, 09:59:18 Uhr
„Hat nicht ein Präsident vor einigen Jahren öffentlich behauptet, er wüßte nichts von der Existenz von Außerirdischen? Hat der Typ dann gelogen?“ stichelte Dan vergnügt. Anscheinend hatte er bei dieser Wahl für einen anderen Kandidaten gestimmt.
Aber Frans lächelte weiter. „Wer sagt denn, daß der alles erfährt, was irgendwo in seinen Geheimdiensten vorgeht? Viele Leute denken, da der Präsident beinahe allmächtig ist, müßte er auch allwissend sein. Aber er ist in Wahrheit auch nur ein bezahlter Staatsdiener, der nach vier oder spätestens acht Jahren wieder weg vom Fenster ist, und auch bei ihm gilt das Prinzip, er bekommt nur Auskunft, wenn er in Ausübung seines Amtes fragt. Also entweder hat er nicht gefragt, oder vielleicht gar nicht fragen wollen, weil er die Antwort nicht wissen wollte, um glaubwürdig alles abstreiten zu können, oder er hat zwar davon erfahren, aber er bekam keine glaubwürdigen Beweise dazu geliefert.
Was glauben Sie, würde die amerikanische Bevölkerung als Beweis akzeptieren - die Aussagen eines Mannes, dessen geistige Gesundheit zumindest zu bezweifeln ist - und damit meine ich jetzt nicht den Präsidenten - oder Proben wie die, die Sie von mir bekommen haben, die aber nur für Experten wie Sie aussagekräftig sind, die aber für einen normalen Bürger auch nicht anders aussehen wie ganz normale Steine vom nächsten Acker? Oder wäre der perfekte Beweis eine fliegende Untertasse, die vor dem Weißen Haus landet?
Selbst da würden viele Leute einfach sagen, das ist ein Trick aus Hollywood und die grauen Männchen, die da aussteigen, sind Filmtricks oder verkleidete Liliputaner. Die Menschen glauben das, was sie glauben wollen, und da ist es schwer, etwas zu ändern. Wer an Aliens glauben will, tut das jetzt schon, ohne Beweise. Und wer nicht an sie glauben will, würde sich vermutlich erst umorientieren, wenn so ein Alien direkt vor ihm in Reichweite steht. Was wir aber im Moment nicht liefern können, was für ein Pech. -
Sie dagegen sind Wissenschaftler.“ erinnerte Frans dann.
„Sie glauben an das, was Ihre Meßgeräte Ihnen bestätigen können. Alles was ich Ihnen sonst dazu erzählen könnte oder erzählt habe, nehmen Sie zwar zur Kenntnis, aber Sie verbuchen es unter Hörensagen, so ohne weitere Beweise. Vielleicht glauben Sie mir ja, weil ich so ein hübsches Gesicht habe“, er strich sich expressiv über dasselbe, was die Zuhörer wieder zum Grinsen brachte, „oder vielleicht stufen Sie mich jetzt als einen der vielen überspannten Charaktere ein, die in der Filmindustrie herumlaufen. In dieser Hinsicht halte ich es mit Mr. Richards, der ständig vor genau der gleichen Frage steht, und der sagt dazu einfach: ist mir ...egal.“ (Die vielsagenden Punkte malte er mit den Händen in die Luft.)
 „Ich müßte gar nicht hier sein, wenn ich nicht hier sein wollte. Verstehen Sie das?“       
Sie nickten. Denn sie alle hatten die Beweise in Form ihrer eigenen Untersuchungsergebnisse gesehen, und die ließen sich nicht wegleugnen.
„Also müssen wir ständig mit einem Todesstrahler rechnen, der genau auf die Erde zielt?“ fragte Dan, nur halb im Scherz.
„Ich schätze, da hätten Mr. Richards und seine außerirdischen Freunde, die Benu, ein Wörtchen mitzureden. Er vergleicht das Verhältnis der Benu zur Menschheit gerne mit einem Kind, das mit einem Ameisenhaufen spielt. Wir sind das Spielzeug, und laut Mr. Richards lassen sich die Benu nicht gerne ein interessantes Spielzeug wegnehmen. Falls da draußen jemand einen Todesstrahler baut, muß er damit rechnen, daß die Benu ihm auf die Füße treten. Dieses Verhältnis mag also für uns nicht besonders schmeichelhaft sein, aber es dient letztendlich unserem Schutz. Er erwähnte mal einen solchen Vorfall auf einem anderen Planeten, der für die andere Seite gar nicht gut ausging, weil die Benu sehr mächtig sind, und wenig Nachsicht mit Gegenspielern haben.“
„Ich weiß nicht... Kind... Ameisenhaufen... gibt es dann auch eine Lupe, die einzelne Ameisen zu Tode grillt?“
„Nur Ameisen, die es echt verdient haben. Laut unserem Experten besitzen die Benu einen ziemlich abartigen Humor, aber zugleich einen sehr hohen moralischen Standard. Wegen denen macht er sich erheblich weniger Sorgen als wegen ihrer Gegenspieler, eine Macht, die als der unbekannte oder unsichtbare Gegner bezeichnet wird, weil man über ihre Motive bis heute nichts weiß und manche ihrer Agenten die Fähigkeit besitzen, sich unsichtbar machen zu können. Sogar für die Augen meines Chefs, und das ist alles andere als einfach, weil er die Schliche dieser Wesen kennt. Ein paar dieser Agenten treiben sich auch auf der Erde herum, mit bösen Absichten gegenüber der Menschheit, und das nimmt Mr. Richards nicht auf die leichte Schulter.“
„Wie findet man diese Agenten dann, wenn man sie nicht sehen kann?“ fragte Dan voller Interesse.
„Sie machen sich selber unsichtbar, hinterlassen aber in der Regel eine Fährte seltsamer Vorfälle. Tiermutationen, Licht- oder Spukerscheinungen, verschwundene Personen oder Leute, die plötzlich geistige Ausfälle erleiden, mit fehlenden Erinnerungen oder stereotypen Handlungen, die typischen UFO-Phänomene eben. Immer wenn sowas auftritt, möchte mein Chef sofort darüber Bescheid wissen, damit er sich die Sache genauer ansehen kann. Er stuft diese Agenten als verdammt gefährlich ein. Und das ist auch der Grund, warum er mit der FSA zusammenarbeitet, weil die ein gutes Informantennetz haben und ihn in einem Einsatz unterstützen können. Zumindest hier im Land, aber die feindlichen Agenten können überall auf der Welt tätig werden. Zu unser aller Glück passiert das aber nicht oft.“
„Und was machen Sie dabei?“
Darauf grinste Frans abermals. „Meinen Job, hoffe ich. Ich bin Schauspieler, ich tu nur so als ob. Das echte Weltenretten überlasse ich lieber denen, die das besser können als ich.“

... Fromme Worte in Gottes Ohr. Ein Tom Richards hätte bei dieser Aussage prompt ungute Ahnungen bekommen, aber Frans Hauser besaß noch nicht genügend Erfahrung im Umgang mit übernatürlichen Mächten, um zu ahnen, was ein leichtfertig dahergesagter Satz alles anrichten konnte. --
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 20. Februar 2017, 16:03:58 Uhr
Ms. Stein fragte ihn nach den Daten des Sonnensystems, aus dem die Proben stammten, und Frans teilte sie mit, weil er sich selbstverständlich nach seinem Weltraumausflug erkundigt hatte, wo genau er da gewesen war. Die unscheinbare Durchschnittssonne vom G-Typ, die wegen der Distanz von 35.000 Lichtjahren von der Erde aus nur per gutem Teleskop zu sehen war, besaß nicht mal einen Namen, sondern nur eine Referenznummer in den Sternenkatalogen. Aber für die Geologin und die Astrophysiker, mit denen sie sich zweifellos bald danach kurzschließen würde, waren diese Angaben äußerst wertvoll, gaben sie doch interessante Hinweise auf die kosmologischen Entwicklungen in der Gegend dieses fremden Sonnensystems.
Anschließend erklärte Frans sich bereit, seine Proben, mit Ausnahme des Diamanten, der zu seinen privaten Erinnerungen ins Schließfach wandern sollte und sich übrigens tatsächlich als echter Diamant erwiesen hatte, dem Institut als Dauerleihgabe zu überlassen, zusammen mit dem Beutel, so daß die Sorge um das vorhergesagte „Männleinlaufen“ daran interessierter Stellen ebenfalls der Universität und damit Dr. Marija Stern, Dr. Tenaki und ihren Mitarbeitern oblag. Frans glaubte damit auch im Interesse von Tom Richards zu handeln, der ebenso gerne mal großzügige „Geschenke“ aus der Zukunft verteilte, wenn er damit der Wissenschaft und Forschung dieses Jahrhunderts etwas auf die Sprünge zu helfen können glaubte.
Falls die Wissenschaftler irgendwann Ärger mit Regierungsstellen bekommen sollten wegen ihrem original außerirdischen Material... auch dann sollten sie sich getrost an Richards wenden, weil der keine Hemmungen besaß, sich insbesondere mit der wissenschaftlichen Abteilung des CIA anzulegen, die des öfteren Ansprüche auf ihn anzumelden versuchte. Die FSA hatte er eh in der Tasche, und falls die Daten an unbefugte Dritte gelangten, hatte Richards auf jeden Fall seinen Spaß damit, fröhlich auf die Jagd zu ziehen.
So endete das Treffen in gegenseitigem Wohlwollen, und Frans konnte zufrieden seine gute Tat für heute im Kalender abstreichen. Was sich daraus entwickeln wollte... würde man sehen.

                                                                                    x

... Und dann, einige Wochen nach der Show, war Frans Hauser plötzlich nicht mehr auffindbar, obwohl alle seine Sachen noch in seinem Zimmer waren, und selbst Tom, der ihm und seinem Laptop je einen Marker angehängt hatte, konnte beide mit Hilfe seiner Matrix nicht mehr auf diesem Planeten ausmachen.
Da war ihm klar, daß Frans abgeholt worden war, um endlich seine Rolle zu spielen. Und er fragte sich, ob er seinen ersten „echten“ Lehrling so bald oder überhaupt jemals wieder zu Gesicht bekommen würde... 

Und ein weiteres Mal stand Frans Hauser plötzlich an einem fremden Ort, ohne eine Ahnung zu haben, wie er dorthingekommen war. Im einen Moment war er noch in Lyonshome Manor gewesen - und auf einmal stand er im Grünen, den blauen Himmel über sich.
Er blinzelte verdutzt und sah sich um, und merkte sofort, daß viele der Bäume und Sträucher um ihn herum seltsam aussahen, irgendwie...  Wie exotische Gewächse aus fremden, unbekannten Ländern ... oder von einem anderen Stern.
Da ahnte er schon, was passiert war. Er sah an sich herab, und entdeckte, daß er wieder fremde Kleidung trug, ein Shirt mit dem Aufdruck des Benuna-Emblems, eine leichte Jacke und Jeans, nur seine bequemen Schuhe hatte man ihm gelassen. Und diesmal war er gleich auf den Füßen stehend „gelandet“, man war wohl davon ausgegangen, daß er beim zweiten Mal nicht mehr so desorientiert reagieren würde. Abermals sah er auf, zum blauen Himmel, weil er ahnte, wohin es ihn verschlagen hatte. Und er täuschte sich nicht, denn wenn er genau hinsah, vor allem in eine Richtung, wo zwischen den Bäumen ein erkennbarer Streifen Himmel sich dem verborgenen Horizont zuneigte, erkannte er eine Art feines Raster- oder Gittermuster im leuchtenden Blau. Dieser Himmel war kein gewöhnlicher, sondern die Innenseite einer riesigen Schutzkuppel, wie er sie auf den Filmaufnahmen vom Planeten Nh´Nafress gesehen hatte. Er befand sich also entweder auf Nh´Nafress oder auf einer anderen Welt, auf der gleichfalls solche Kuppelbauten existierten.
Das war schon mal beruhigend. Denn so riesig diese Kuppelbauten auch waren, unendlich waren sie nicht, und deshalb konnte man sich hier auch kaum verlaufen, wenn man nicht gerade hartnäckig im Kreis lief. Bei geradem Kurs mußte er irgendwann die Kuppelmauer erreichen oder unterwegs auf Gebäude oder irgendwelche andere Anlagen stoßen. Also schritt er munter fürbaß durch die außerirdische Parkanlage, und es dauerte tatsächlich nicht lange, bis hinter dem Grün und Gelb und Blau und Violett der Pflanzen das Weiß eines hochaufragenden, klotzartigen Gebäudes sichtbar wurde. Als er durch das Unterholz näher herankam, sah er auch die teils gepflasterte, teils rasenbedeckte Zone rings um das Haus, das deutlich größer war, als er zuerst angenommen hatte, wo Menschen und Aliens sich ergingen, Fahrzeuge parkten, Kinder auf einem Spielplatz im Freien tobten und ein Gärtner in müßigem Tempo seiner Tätigkeit nachging. Frans musterte die Kleidung der Personen, die ein bunter Mix aus allen möglichen Stilen war. Hier schien sich jeder nach Lust und Laune anzuziehen, also nahm er an, daß er in seinem Aufzug vermutlich auch nicht auffiel.
Handwerker wußten immer am besten, wo wer oder was zu finden war, deshalb wandte er sich an den Gärtner, der sich gerade um ein paar junge Bäumchen kümmerte.
„Entschuldigen Sie, mein Herr,“ begann er höflich in der Dhoanor-Sprache, die er in den letzten Monaten mit Richards geübt hatte, um nichts zu vergessen,  „ich bin neu hier und soll mich bei den Matrixtechnikern melden. Können Sie mir da bitte weiterhelfen?“
Der Mann musterte ihn neugierig, das Emblem auf Fransens T-Shirt und seinen linken Arm, an dem er nicht das hier allgemein übliche Multifunktionsgerät trug. Dann deutete er auf den nächsten Eingang des Gebäudes.
„Im Eingang befindet sich eine Rufzelle. Lassen Sie sich einfach von der Echse an die M-Tecs durchstellen, die sind meistens in der Werft oder im Medical Center zu finden. Warum hat man Ihnen nicht am Hafen einen Com gegeben?“
„Ich kam nicht über den Hafen. Die Benu beliebten mich im Park da hinten abzusetzen.“ erwiderte Frans wahrheitsgemäß, mit dem Daumen nach hinten deutend.
„Benu-Wurfpost.“ kommentierte der Mann mit Spott in der Stimme, aber Hochachtung im Blick. „Dann müssen Sie verdammt wichtig sein, das kommt nicht oft vor.“ Er blickte auf die Hände von Frans, aber Frans trug keinen Matrixring am Finger. Was nichts heißen wollte, weil hochrangige M-Tecs ihre Sternensteine oft woanders versteckten.
Frans dankte dem Mann und verfügte sich zu der hiesigen Version einer öffentlichen Telefonzelle, die erstens deutlich sauberer war als die Telefonzellen, die Frans kannte, zweitens kostenlos zu benutzen und um einige moderne Funktionen erweitert war, unter anderem konnte man darin auch Holo-Sims vom Gesprächspartner oder aus anderen Quellen abrufen, stellte er bei Durchsicht des fremdartigen Benutzermenüs fest. Aber Frans wollte nur sowas wie eine Vermittlung, die er auch schnell bekam, und die Vermittlung war tatsächlich eine Echse, also eine Sfarrk, und nicht die automatische Auskunft, die er an einem hochtechnologischen Ort wie Nh´Nafress eigentlich erwartet hatte.
„Ist vielleicht ein Matrixtechniker namens Siwa Hendricks zu erreichen, oder dessen Lehrer Carolus Rye?“ fragte er die freundliche Echse.
“Bitte warten Sie einen Moment, ich überprüfe.“ bekam er Antwort. Und gleich darauf - „Ich stelle Sie durch. Vielen Dank für Ihren Anruf.“
Und dann hatte Frans schon Siwa in der Leitung und sah ihn über den Holoschirm.
„Frans, sind Sie das?“ Siwa sah verstrubbelt aus, vielleicht kam er gerade aus dem Bett. Hinter ihm war jedenfalls Einrichtung wie in einem Wohnappartment zu erkennen. „Mann, wo stecken Sie?“
„Keine Ahnung, in irgendeiner Kuppel, ich wurde von den Benu per Luftpost hier abgesetzt, so wie beim ersten Mal.“ Frans freute sich auch, den Jungen wiederzusehen.
„Macht nichts, ich kann Ihren Standort feststellen lassen. Bleiben Sie einfach, wo Sie sind, ich komme Sie abholen. Das könnte aber so eine Stunde dauern, je nachdem wo Sie stecken.“
„Sie brauchen sich nicht beeilen, hier ist es ganz lauschig. Ich setze mich einfach draußen vor den Eingang und schlage bis zu Ihrer Ankunft die Zeit tot.“
„K. Bis dann.“ Und der Bildschirm erlosch.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 1. März 2017, 15:13:30 Uhr
Frans seufzte erleichtert und freute sich. An diesem Ende der Zeit schien man insgesamt recht unkompliziert zu sein, fand er. Keine Frage nach Einwanderungspapieren oder Ausweisen, keine Angst vor hiesigen Behörden, das Shirt mit dem Benu-Emblem hatte dem Gärtner völlig als Legitimierung ausgereicht. Sobald man auf dem Boden von Nh´Nafress stand, war man anscheinend sorgenfrei.
Er verfügte sich wieder nach draußen, wo er beim Spielplatz einen Sitzplatz fand, von wo aus er den Eingang des Gebäudes mit der Telefonzelle im Auge behalten konnte, denn dort würde Siwa ihn zuerst suchen. Müßig beobachtete er den Nachwuchs von Nh´Nafress, Menschen und Dhoanor und Sfarrk in bunter Mixtur, die sich mit verschiedenem Spielzeug amüsierten und anscheinend prächtig miteinander klarkamen, auch wenn die menschlichen Kinder mit ihrer dünneren Haut den einen oder anderen Kratzer von ihren scharfkralligen Kumpanen abbekamen.
Als er Appetit verspürte, weil er ein paar Kinder bei einer Brotzeit beobachtete, fragte er den Erstbesten, wo man eine Mahlzeit schnorren konnte, da er ja nicht über Geld verfügte, und wurde an eine Ausgabe für Essen nicht weit entfernt verwiesen, wo sein Benu-Emblem völlig reichte, um umsonst eine Art Hotdog zu erhalten. Anscheinend war die Grundversorgung auf Nh´Nafress generell umsonst, so wie er es in viel kleinerem Maßstab in Lyonshome Manor kennengelernt hatte, nur für Extrawünsche mußte in der einheimischen Währung namens C, kurz für Credit, gelöhnt werden. Er parkte sich wieder am Spielplatz, seinen Hotdog verspeisend, und war gar nicht überrascht, daß irgendwann danach sich die Blicke der anwesenden Personen nach oben richteten und gleich danach ein aus dieser Richtung kommender Siwa leichtfüßig neben ihm landete.
Die flammende Matrix in dem goldenen Ring an seiner Hand zeigte an, woher die Energie für seinen Superman-Flug gekommen war.
„Hi, Frans!“ begrüßte der Junge ihn freudig. „Hat ja nicht lange gedauert, bis man Sie wieder geschickt hat. Haben Sie den Brand verhindert?“
„Habe ich. Allerdings dürften wir jetzt von dem Brand gar nichts mehr wissen, da er doch nie stattgefunden hat, oder?“ Das war eine Frage, die Frans schon seit geraumer Zeit beschäftigt hatte.
Siwa lächelte nur. „Das gehört zu den Geheimnissen des Zeitreisens. Ich schätze, wenn wir die Benu fragen würden, würden sie sagen, daß der Brand in irgendeiner der unendlich vielen möglichen Parallelwelten trotzdem stattgefunden hat und wir durch die Verhinderung eine neue Zeitlinie aufgemacht haben, eine Parallel-Zeit gewissermaßen, und die Mitteilung stammt aus der anderen, alten Zeitlinie, die nebenbei immer noch irgendwo existiert, nur eben bei uns nicht mehr.“
Frans nickte, wieder einmal ergab Siwas Auskunft Sinn. Trotzdem gruselig, die Vorstellung, daß in einer von vielen möglichen Welten mindestens ein Frans Hauser, also er selbst, bei diesem Brand umgekommen war, umkommen mußte, damit mindestens eine seiner vielen anderen Versionen den Brand verhindern und selbst überleben konnte.
„Sie sagen, es hat nicht lange gedauert? Wieviel Zeit ist hier vergangen, seit wir auf Otrona waren?“
„Ein paar Tage. Wieviel bei Ihnen?“
„Ein halbes Jahr. Tom Richards hat mich bei sich aufgenommen und mich als Lehrling eingewiesen, so gut er konnte.“
„Fein, dann brauche ich Ihnenn nicht allzuviel erzählen. Wollen Sie zuerst Ihre Unterkunft beziehen, oder schauen wir gleich mal in der Werft vorbei, was die Leute dort alles für den Dreh vorbereitet haben?“
„Wenn das keine Umstände macht.“ antwortete Frans, dem es bisher auf Nh´Nafress recht gut gefiel und der gerne mehr davon sehen wollte, dem aber allmählich die Dreharbeiten abgingen. Er war nun mal Schauspieler und für die Kamera geboren.   
Siwa nickte und ging voran, hinein in das riesige Gebäude, das hinter den offenstehenden mächtigen Schottentüren des Eingangs wie ein Mix aus Einkaufszentrum und großem Bürozentrum auf der Erde wirkte, wenn man die luftdichten Panzerglasscheiben und Drucktüren überall abzog. Über ein Laufband ging es in die Tiefe, ziemlich weit hinunter an zahlreichen unterirdischen Stockwerken vorbei, bis sie einen Untergrund-Bahnhof erreichten.
„Bis hierher bin ich mit meiner Matrix geflogen, aber für zwei für den Rückweg würde das vielleicht zu anstrengend, also fahren wir mit der Tube. Die Kuppelstädte sind alle per Untergrundbahn miteinander verbunden, was möglich ist, weil Nh´Nafress über keine Plattentektonik und kaum noch Vulkanismus verfügt. Und es dient auch der Sicherheit, falls die oberirdischen Anlagen durch irgendetwas bedroht oder beschädigt werden sollten, dann können sich die Menschen hier herunterflüchten. Normalerweise sind das Vakuumröhren, weil dadurch die Transporte schneller gehen, aber man kann sie auch unter Druck setzen und mit Luft befüllen.“
Es dauerte nicht lange, bis der nächste Zug kam, dessen einzelne Abteile - jedes mit eigener Schleuse gegen das Vakuum in den Röhren und ohne Fenster, da man unterwegs eh nichts zu sehen bekam - jeweils ihre Bestimmung seitlich in Leuchtschrift anzeigten. Ein Zug, verschiedene Ziele, also wurden diese Abteile an jedem Bahnhof je nach Bestimmung neu zusammengestellt und durcheinandergewürfelt. Sie stiegen in ein passendes Abteil ein, in dem schon würdig ein älterer Dhoanor mit dichter Löwenmähne saß. Siwa machte eine knappe Verbeugung prompt gefolgt von Frans, und der Katzenmensch nickte zurück. Höflich war man in dieser Zukunft jedenfalls, und Frans wurde wieder einmal an Japan mit seinen Umgangsformen erinnert.
„Fahrtzeit eine Stunde. Unterhalten wir uns, oder gucken wir ein Sim?“ fragte Siwa.
„Lieber Unterhaltung.“ meinte Frans, der sich freute, wieder in der Zukunft zu sein, und sich gerade sehr lernfreudig fühlte. „Das hier ist also Nh´Nafress, von dem Sie und Tom mir so viel erzählt haben. Sieht fast wie ein Utopia aus, was ich bisher zu sehen bekommen habe.“
„Kein Wunder bei einer Privatgründung, an der weder ein Staat noch irgendwelche Politiker Anteil hatten, schon gar nicht solche wie zu Ihrer Zeit.“ grinste Siwa sofort zurück. „Jetzt rufe ich doch ein Sim auf, das Ihnen die Grundlagen von Nh´Nafress erklären wird.“
Und damit verbrachten sie die nächste Zeit, bis Frans alles wußte, was er jemals über diese Welt und ihre Bewohner wissen wollte. Von der ersten Besiedlung durch die Dhoanor in deren zweiter Expansionswelle vor knapp dreizehntausend Jahren, die diese unscheinbare marsähnliche Welt als Relaisstation von ihrer weitere zwanzigtausend Lichtjahre entfernten Heimatwelt sowohl zur Erde als auch in Sonnensysteme, die heute wie Nh´Nafress selber dem wachsenden Sfarrk-Territorium zuzurechnen waren als auch in weitere, noch nicht wiederentdeckte Systeme benutzten, bis zur heutigen Besiedlung, die vor ein paar Jahrhunderten im Auftrag der Benu Incorporated stattgefunden hatte.
Da die Firma mit den Sfarrk als Hausherrn den Pachtvertrag abgeschlossen hatte, gehörte der Planet quasi den Benu beziehungsweise ihren Bediensteten, und diese ganze Welt konnte als Firmengelände definiert werden, auf dem sich unter anderem die berühmte Hammer-Werft befand, die als ihr gen- und matrixtechnologisches Spitzenprodukt die Hammer-SyMOrs herstellte. Damit waren auch alle Menschen und Aliens, die auf Nh´Nafress lebten und arbeiteten, automatisch Angestellte der Firma, und wie sich Frans schon überzeugen konnte und Siwa nochmals bestätigte, war der Firma für das Wohl ihrer Angestellten nichts zu teuer, die Lebensbedingungen hier galten als exzellent, außerdem gab es regelmäßige Weltraumflüge zu anderen Welten, die von dort die neusten Produkte und Informationen mitbrachten, so daß es den Bewohnern dieser Welt an nichts mangelte. Ein Paradies unter den schützenden Schwingen der Benu, auf einer öden, toten Welt unter einer sterbenden roten Sonne. Ein Paradies allerdings, das von fremden Mächten, dem Unsichtbaren Feind, schon einmal bedroht worden war. Siwa erzählte Frans die ganze Geschichte, und damit brachten sie den Rest der ereignislosen Fahrt hinter sich.
„Zielstation Hammer-Werft. Wir sind bald da.“
Die Schleusentüren glitten auf, und sie traten auf den hellerleuchteten Bahnsteig hinaus. Das Dekor erinnerte ein wenig an das Innere einer Hammer-SyMOr, weil Wände und Decken in Reliefs einen sonnendurchströmten Wald unter blaustrahlendem  Tageshimmel imitierten, man glaubte fast das Rauschen des Windes in den Wipfeln und die Stimmen unzähliger Waldtiere zu hören.
Der Bahnsteig war mäßig besucht, die Leute, wieder Menschen und Aliens bunt gemixt, trugen überwiegend was sich als Arbeitskleidung definieren ließ, von Laborkitteln bis zu klassischen Blaumännern, nicht selten aufgemotzt um alle möglichen Arten von technischen Gimmicks an Gürteln und Schultern und einmal sogar um eine Frau herumschwebend wie bizarre Hornissen.
Die Bahnstation befand sich noch ein Stück außerhalb der Kuppel, aus Sicherheitsgründen, wie Siwa erklärte, weil es auf diese Weise schwieriger war für einen potentiellen Feind, etwa eine Bombe per Bahn direkt ins wichtige Herz dieser Welt, die Werft, zu schicken. Man mußte erst umsteigen in einen kleineren Zubringer, der die Kuppelwand unterquerte. Diese Station war in klinischem Weiß mit klassischen Jugendstil-Formen gehalten, darin das Emblem der Hammerwerft und anderer Zierrat eingelassen in Form von bunten Mosaiken.
Über eine weitere Rolltreppe erreichten sie den Ausgang.
„Fliegen wir ein Stück?“ fragte Siwa, auf den Matrixring an seinem Finger deutend.
Auf Nh´Nafress konnte er es sich ohne Hemmungen leisten, anders als Tom Richards auf der alten Erde, der zwar auch sehr gern flog, aber sich immer zuerst gegen ungebetene Zuschauer absichern mußte, weil es sonst einfach zu viel Aufmerksamkeit erregte, wenn Menschen einfach so durch die Luft flogen wie irgendwelche Comichelden.
„Gerne.“ Ein erhöhter Standort würde einen besseren Überblick über die Inhalte dieser Kuppel bieten, dachte sich Frans, und er wußte, daß Siwa sie nicht fallen lassen würde. 
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 3. März 2017, 10:09:32 Uhr
Sofort fühlte er diese Andeutung von Schwerelosigkeit, die immer bei Beginn eines Fluges mit Matrixkraft eintrat, und sah wie sie beide gleichzeitig vom Boden abhoben. Neugierig sah er sich um und betrachtete die riesigen, langgestreckten und oft sehr hohen Gebäude, Hallen, Fabrikanlagen, die diese Kuppel ausfüllten und in denen die Wunderwerke der Hammer-Werft entstanden.
„Da ist die SyMOr-Werft.“ erklärte Siwa und deutete voraus. „Halle sieben, ein Raumschiff namens Comet. Sie ist gerade fertig geworden, hat aber mehr als dreißig Jahre im Vorlauf gebraucht. Das heißt, daß dieses Filmprojekt mindestens schon so lange geplant war. Aber auf unserer Seite der Zeit hat man Zeit genug, Dinge nach Plan und geordnet umzusetzen.“
„Komisch, das sagt Tom auch immer, daß er auf seiner Seite der Zeit Zeit genug hat. Wann ist denn mal nicht genug Zeit?“ überlegte Frans.
„Wenn wir in Einsätze gehen, denn dann überschlägt sich oft alles.“ Sie landeten soeben auf dem Platz vor dem riesigen Eingang, in dem eine eingelassene kleinere Tür, die immer noch groß genug für Lieferwagen war, einladend offenstand. Arbeiter beobachteten sie bei ihrer Landung, neugierig, jedoch keineswegs überrascht, vermutlich weil hier ziemlich oft Matrixtechniker einfach so vom Himmel herabkamen wie anderswo Engel oder Marsmenschen.
Sie betraten die riesige Halle, deren Seitenwände zugeparkt waren mit allen Arten von technischem Equipment, doch anstelle von verschiedenen aufgebauten Props für den Film, die Frans erwartet hatte und wie er sie von Filmsets kannte, stand nur ein einziges riesiges Objekt in der Mitte der Halle, und das war eine Hammer-SyMOr, vergleichbar dem Feuerzahn ... und doch wieder nicht.
„Moment mal. Das ist ein echtes Raumschiff?“ fragte Frans verdutzt.
„Selbstverständlich! Das hier ist schließlich eine echte Raumschiffswerft. Wenn zu Ihrer Zeit ein Filmemacher für viel Geld große Teile der Titanic in Originalgröße nachbauen ließ, um den Film so echt wie möglich zu gestalten, warum soll man dann in einer echten Werft nicht gleich ein echtes Raumschiff bauen lassen, das nach den Dreharbeiten regulär in Dienst gestellt wird? Für die Tüftler und Arbeiter hier war das eine Herausforderung, es der Romanbeschreibung und der Filmvorlage so weit wie möglich anzupassen. Zum Dank dafür hat man ihnen erlaubt, alles in das Projekt hineinzustopfen, was sie vorher niemals gewagt hätten, zusammen in ein einziges Raumschiff hineinzustopfen.
Ganz hat das mit der Vorlage nicht hingehauen, wie Sie sehen, die ursprüngliche Beschreibung war mit  „klein und tropfenförmig mit Raketen“ ja nicht unbedingt detailliert, und die Zeichentrickversion mag zwar auf dem Bildschirm toll aussehen, hätte aber real miserable Flugeigenschaften gehabt und wäre obendrein extrem schadensanfällig gewesen mit diesen abstehenden Raketentriebwerken. Aber zumindest ein paar Einzelheiten hat man in diese echte Version hinübergerettet, wie Sie sehen.“
Frans erinnerte sich, wie das gezeichnete Raumschiff ausgesehen hatte - wie ein sehr lang ausgezogener Tropfen mit einem kleineren Tropfen am Ende und vier abstehenden kombinierten Kanonen/Triebwerkssätzen, deren Streben in der Tat viel zu fragil gewesen wären, um die Bodenberührung einer einfachen Landung heil zu überstehen, ganz zu schweigen von diversen Bruchlandungen in der Serie oder dem ganz normalen Rückstoß eines laufenden Triebwerks oder abgefeuerten Geschützes.
Hier waren diese vier Triebwerkssätze zwar noch vorhanden, aber als kurze, massige, durchaus stabile und seltsam krumm verformte Ausläufer des immer noch grob tropfenförmigen, kompakten Leibes des Schiffes, das nach Art einer Hammer-SyMOr eher wie ein organisch gewachsenes bizarres Lebewesen aus den Ozeanen einer fernen Welt wirkte als wie ein geschniegeltes und hochglanzpoliertes technisches Gefährt a la Enterprise.
Genauso wie die Filmvorlage waren die vorderen Enden der Ausläufer mit glasigem Material überzogen, aber anstelle von jeweils einem einzigen Strahlengeschütz schienen sich unter der Abdeckung wie große Pockennarben die Mündungsrohre von jeweils einer ganzen Batterie von Kanonen verschieden Kalibers zu erstrecken.
„Sagen Sie, sind diese Waffen da auch echt?“ fragte Frans, auf die Stellen deutend, und Siwa nickte sofort.
„Eine Hammer-SyMOr wäre in einer Raumschlacht niemals ein leichter Gegner, aber diesem Baby hat man eine Extraportion `Bums´ verpaßt. Damit könnten Sie einen ganzen Planeten in Schutt und Asche legen, wenn Sie wollten. Sie ist klein und fies, ganz wie bestellt.“
In der Farbgebung hatte man sich an der Vorlage orientiert, das Schiff war unscheinbar metallisch hellgrau gefärbt, mit Abtönungen hier und da in Braun und Blau, was den Eindruck eines fremden Lebewesens aber nur verstärkte. Die ausfahrbare aerodynamische Flosse am Bug der Zeichentrickversion fand sich hier wieder, verkleinert und angepaßt an die stumpfe Schnauze dieses Gefährts, ebenso die ausklappbaren „Antennen“, die hier jedoch unbeweglich zu einem ganzen Array von Bugsensoren gehörten, die eher einem ganzen Feld bizarrer Insektenaugen glichen. Als „klein“ hätte Frans das Schiff nicht unbedingt bezeichnet, es war geschätzte achtzig Meter lang und entsprechend hoch bei kompaktem Baustil, zumal er wusste, daß auch diese SyMOr vermutlich in eine andere Dimension „hineingebaut“ und innen erheblich größer als außen war.
„Kommen Sie, begrüßen Sie die Kay!” forderte Siwa auf, der schon fröhlich auf das Schiff zulatschte.
„Guten Tag, Captain Future!“ hörte Frans unerwartet eine freundliche weibliche und durchaus sexy klingende Stimme aus Richtung des Schiffes.
„Oder soll ich Sie anders nennen?“
Verwirrt blickte Frans zu Siwa, der ihm vielsagend zuzwinkerte und ihn angrinste. 
„Ja, das ist die Kay. Die Stimme läßt sich selbstverständlich nach persönlichem Geschmack anpassen. Wenn Sie mehr auf die Stimme der Kay der „Enterprise“ stehen, oder auf HAL aus „2001“, oder auf die Stimme eines Schauspielers Ihrer Zeit - alles was sich in den Datenbanken finden läßt, läßt sich auch reproduzieren. Auch was die Anrede und die tägliche Kommunikation angeht, können Sie Ihr Wunschprogramm einstellen. Ob sie salopp sein darf oder lieber höflich und distanziert. Manche Leute wollen einfach, daß eine Maschine auch wie eine Maschine klingt, okay?“
„Ooo -- kay,“ dehnte Frans, etwas überwältigt. Und dann sagte er in Richtung des Schiffes: „Mein Name ist Frans Hauser, und du kannst mich gerne mit Frans und Du anreden. Captain Future ist nur meine Filmrolle.“
„Verstanden, Frans. Willkommen an Bord.“ antwortete die Stimme. Und die geschlossene Luke des Schiffes öffnete sich, genauso wie Monate/Tage vorher beim „Feuerzahn“ mit einer scheinbar herableckenden Zunge zwischen auseinanderfahrenden zahnstarrenden Gebissen, die sich zu einer bequem zu erklimmenden Gangway versteifte, sobald die Spitze den Boden berührte.
Und wie beim „Feuerzahn“ krabbelten zwei gigantische schwarze Spinnen - nein, Cyders!  - heraus, kaum daß die Luke offenstand, um sich als furchterregende Türsteher beiderseits der offenen Luke zu postieren.
„Sagen Sie, kann man das mit den Cyders auch abstellen?“ fragte Frans, mit dem Finger deutend.
„Selbstverständlich. Hier und heute ist das nur zum Eindruckschinden,“ erklärte Siwa verschmitzt, „aber grundsätzlich läßt man die Wächter immer heraus, wenn man die Türe eine Weile offen lassen muß und sicher sein will, daß sich nichts ungebetenes hineinverirrt. Was für menschliche Anhalter oder Einbrecher genauso gilt wie für Ungeziefer aller Art, von Ratten bis zu krankheitsübertragenden Insekten, die werden von den beiden nämlich ebenfalls draußengehalten. Man sieht das zwar nicht, aber das Viehzeug bekommt die Abwehrfelder zu spüren.“
„Verstehe.“ nickte Frans. Klar, daß das mit den Cyders seinen guten Grund hatte, vor allem wenn das Schiff auf unterschiedlichen Welten mit unterschiedlichen und vermutlich sehr exotischen Krankheitsüberträgern landete. Abermals stellte er fest, daß Matrixtechniker sehr pragmatisch und effektiv zu denken und handeln pflegten, was sich auch in ihren Produkten wiederspiegelte.
„Kommen Sie zu den Quartieren, ich will Sie jemandem vorstellen.“ sagte Siwa, kaum daß sie im Schiff waren. „Den Rest schauen wir uns später an, abgesehen von ein paar Einzelheiten unterscheidet er sich nicht vom „Feuerzahn.“
Er stiefelte voran, und schnell wurde klar, daß dieses Schiff tatsächlich ebenfalls viel größer war, als es von außen den Anschein hatte.
„Verglichen mit dem „Feuerzahn“ ist die „Comet“ noch winzig, sie ist ja gerade erst fertiggestellt worden. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß Hammer-SyMOrs jedes Jahr um ein paar Räume wachsen, oder?“ bemerkte Siwa dazu. „Und deshalb, da sind wir schon.“
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 8. März 2017, 16:06:53 Uhr
Die Tür vor ihnen glitt auf, und sie betraten einen Wohnraum, in dem jemand auf sie wartete. Ein junger Mann, nicht älter als Siwa und ihm in der schlanken Statur ähnlich, aber mit schwarzen Haaren und Augen und dunklerer Hautfarbe.
„Darf ich vorstellen, Frans Hauser - Signy Karas. Signy wird den Otho spielen. Das Brainstorming unserer Chefs hat ergeben, daß für diese Rolle niemand außer Signy in Frage kommt.“
„Freut mich.“  Frans streckte die Hand aus, die der andere, der bis zu ihrem Eintreten anscheinend ruhelos und sehr nervös im Raum herumgetigert war, überhastet ergriff und schüttelte. Dabei blickte der junge Mann Frans fast verängstigt an, so daß der Schauspieler sich unwillkürlich fragte, was an ihm so furchterregend sein mochte, wenn der andere - als mutmaßlicher Bewohner dieses Planeten an Aliens und Matrixtechniker gewöhnt und obendrein die bereits sichere Besetzung der Rolle - dermaßen auf ihn reagierte.
„Signy hat bis jetzt noch keine Schauspielerfahrung, was wir mit ein paar Lehrprogrammen und Ihrer freundlichen Unterstützung hoffentlich hinbekommen. Dafür hat er aber andere Qualitäten, die ihn zur Idealbesetzung machen. - Zeig es ihm, Schlangenauge.“
Signy nickte eifrig - und veränderte sich.
Schlagartig stand da nicht mehr der junge dunkelhaarige Mann, sondern eine weiße, haarlose und obendrein nackte Gestalt, immer noch menschlich aussehend, jedoch geschlechtslos und mit einem Gesicht, das eher grob geformt wirkte, wie eine nicht allzu lebensecht gestaltete Schaufensterpuppe.
Frans beherrschte sich gerade noch, bei dem erschreckenden Anblick nicht reflexhaft zurückzuzucken - -

„Signy ist ein Golem. Also gar nicht weit weg vom Androiden, den er spielen soll.
Lassen Sie sich von der Bezeichnung Golem nicht täuschen, er besteht aus erheblich mehr als ein wenig feuchte Gartenerde mit  einer Schriftrolle drin. Abgesehen von der Tatsache, daß er eine künstlich erschaffene Lebensform ist, ist er in allen Dingen einem Menschen gleichgestellt, er besitzt Vernunft, Charakter, Individualität  - was man vielleicht so als Seele bezeichnet - und zweifellos auch die eine oder andere unvernünftige Eigenart.
Ein Serienkiller, der nachts zum Monster mutiert und nach Beute sucht, ist er aber nicht, bei den Golems wird darauf geachtet, daß sie hohe ethische Standards verinnerlicht haben. Allerdings ist er auch kein unerschütterlicher Pazifist, das Robotergesetz, daß Menschen unter gar keinen Umständen getötet werden oder zu Schaden kommen dürfen, gilt bei Golems nicht. Seine Verwandlungsfähigkeit entstammt übrigens einer mittelrangigen Matrix, die ihm eingepflanzt ist und die ihm quasi sein Leben verleiht, und noch ein paar anderen Tricks, die sie aber niemandem verraten. Wesen wie ihn bezeichnen wir M-Tecs als „Gestalt“, also Geschöpfe, die aus einem Mix aus Matrixenergie und materiellen Technologien bestehen, genauso wie beispielsweise diese Hammer-SyMOr hier.“
„Oder wie Toms Drachen.“ erinnerte Frans sich.
„Exakt.“ grinste Siwa. „Meinen Sie, Sie kommen mit Signy zurecht?“
Er meinte natürlich, damit, daß Signy kein Mensch war. Aber Frans war bereits mit Aliens, Zeitreisen, Matrixtechnikern, Geheimagenten, intelligenten Raumschiffen und Drachen zurechtgekommen, da machte ein hoffentlich freundlicher und lernwilliger Golem nur mehr einen weiteren Posten auf einer wachsenden Liste. 
Er nickte. “Ich freue mich auf eine hoffentlich gute und lehrreiche Zusammenarbeit.“
Und streckte Signy abermals die Hand entgegen, die dieser nun schon deutlich ruhiger und grobschlächtig lächelnd nahm. Mit einer Hand, die sich warm und weich wie jede normale menschliche Hand anfühlte, Frans paßte diesmal genau auf, da war kein Gefühl von kaltem, hartem Kunststoff oder eklig wachsähnlichem Material, auf das Signys ungetarnte Erscheinung schließen ließ. 
“Darf ich eine Frage stellen?” fragte er dann.
“Natürlich, nur zu.” antwortete Siwa, weil Signy im Moment noch etwas schüchtern wirkte.
“Wie nannten Sie ihn vorhin, Schlangenauge? Wie kommt man an so einen Spitznamen, wenn ich fragen darf?”
Weil Signys Tarnung, die soeben wieder erschien, so gar nichts an sich hatte, was diese Bezeichnung verdient hätte, die - simulierten - schwarzen Augen des Jungen blickten im Gegenteil sehr freundlich drein. Aber auch seine reale Gestalt vorher hatte keinerlei Ähnlichkeit mit einer Schlange besessen, nur mit einer Schaufensterpuppe.
Signy verzog sein simuliertes Gesicht zu einem schiefen Grinsen und erklärte:
“Als ich mit Siwa und den anderen Lehrlingen zum ersten Mal zusammentraf, benahm ich mich leider nicht sehr höflich. Die anderen schätzten mich deshalb als eiskalt, überheblich und hochnäsig ein, aber das war ich nicht. Ich hatte in Wahrheit Angst. Wirklich schreckliche Angst, weil ich bis dahin noch nie längere Zeit mit organischen Menschen zusammengewesen war und mir absolut nicht vorstellen konnte, wie ich das durchstehen sollte.”
“Klar. Weil wir M-Tec-Lehrlinge schließlich jeden Tag arme kleine Golems foltern, vierteilen und am Spieß braten.” ätzte Siwa prompt, aber es kam mit einem freundlichen Lächeln. 
“Wir wußten das damals übrigens nicht, daß er eine Gestalt ist, weil er selbstverständlich getarnt war. Für uns war er nur ein weiterer Einserlehrling, so wie Büro und Bonecat.” erklärte er dann zu Frans gewandt.
“Red und Elfe waren Zweier, und Morningstar, die wir später auf tragische Weise verloren, eine junge Dreier. Mein Spitzname war Web, wegen des Kokons, der an meiner Aura hängt, ich hatte damals gerade meinen Sprung zum Dreier geschafft.
Unsere Lehrer, die auch ihre Spitznamen haben, waren alle Vierertechniker oder Fünfer-Lehrlinge, wie es üblich ist. Alle bis auf Merlin, der ein Sonderfall ist, weil er seinem Spitznamen alle Ehre macht, der gilt als stärker als ein gewöhnlicher Fünfer.”
“Und Büro stellte sich später als ein getarnter Fünfer-Meister heraus, der als Agent der Meister unter uns weilte.” verriet Signy. “Wir nannten ihn “Büro” wegen seiner “aufgeräumten” Aura, aber seine Tarnung als Einserlehrling war einfach Klasse. Selbst ich habe nicht daran gezweifelt, obwohl ich doch unter meinesgleichen jeden Tag Tarnungen sehe.”
Frans konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen. Diese ganze Szene war einfach zu verrückt. Er war wieder hier, siebenhundert Jahre in der Zukunft, auf einem fremden Planeten, parlierte gerade mit einem künstlichen, intelligenten Wesen in einem Raum, der in ein weiteres künstliches intelligentes Wesen hineingebaut war, und er verstand sogar alles, was hier gesprochen wurde! Unglaublich! --
„Werde ich auch einen Spitznamen bekommen?“ fragte er interessiert. Bei dieser munteren Truppe wollte er gerne mitmachen, wenn sie ihn ließen!
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 9. März 2017, 14:57:33 Uhr
„Was hat Tom ihnen alles beigebracht?“ fragte Siwa.
 „Ich kann Schutzfelder erzeugen, Kerzen entzünden, Spielkarten durch die Gegend schweben lassen und Glas kalt schmelzen. In die Aurasicht hat er mich gerade eingeführt, als ich hierhergeschickt wurde.“
„Also haben Sie die ersten Schritte als Einserlehrling schon getan.“ entgegnete Siwa zufrieden. „Für die weiteren Lektionen werden wir Sie unter die Fittiche nehmen, soweit die Dreharbeiten uns Zeit dafür lassen, bis unsere Bosse über Ihren neuen Lehrer hier entschieden haben. Vielleicht macht es sogar Carolus, mein eigener Lehrer, weil er mit mir nicht allzuviel Arbeit hat und wir wohl ohnehin ständig aufeinanderhocken werden.“
„Carolus Rye, genannt Darth Vader?“
Siwa grinste breit. „Den Spitznamen hat ihm Agent Wylie in Ihrer Zeit verpaßt. Hier in dieser Zeit heißt er der Galgenvogel, wegen seiner düsteren Erscheinung. Aber erkundigen Sie sich bitte immer vorher, welchen unserer Lehrer Sie mit seinem Spitznamen anreden dürfen und wen nicht, bei Signys Lehrer, der Whitey genannt wird, riskieren Sie da nämlich eine Freiflugstunde ganz ohne Flugschein. Merlin dagegen fühlt sich gebauchpinselt, wenn man ihn so nennt. Aber ich glaube, Carolus hat gegen den Darth Vader nichts einzuwenden. Er ist auch ein Fan der alten Serie, wissen Sie.“
„Wonach werden die Spitznamen ausgewählt?“ fragte Frans. Mit Spitznamen hatte er zu Schulzeiten ungute Erfahrungen gemacht, wobei er mit seinen auffälligen Haaren als „Feuermelder“ und ähnliches noch halbwegs gut davongekommen war. Aber einige Spitznamen, die Schulkameraden angehängt worden waren, waren wirklich nicht mehr fein gewesen. Kinder waren oft grausam.
„Unter Telepathen, also M-Tecs wie wir, werden die internen Kennungen meistens beim ersten telepathischen Gruppenkontakt vergeben, weil die Spitznamen sich oft auf Eigenschaften beziehen, die erst beim Aurenkontakt erkennbar werden. Signy beispielsweise hätte sich auch einen Nickname wie „Eiszapfen“ oder „Eiskaktus“ einfangen können, so eiskalt und stachlig war er bei unserem ersten Kontakt. Und Elfe, die Sie sicher auch bald kennenlernen werden, weil sie hier auf Nh´Nafress lebt, sieht erstens tatsächlich aus wie eine nordische Elfe und hat zweitens eine Aura, die nicht nach außen abstrahlt, weshalb sie immer unsichtbar zu werden scheint, wenn man sich nicht bewußt auf sie konzentriert, wie eine Elfe im Märchen. Obwohl sie echt ein Hingucker ist.“ Er lächelte, genauso wie Signy. „Keine Sorge, gegen einen zu üblen Spitznamen können Sie Einspruch einlegen, das verspreche ich. Aber was quatschen wir hier. Wollen Sie sich das Schiff ansehen? Immerhin wird hier drin gefilmt werden.“
Er winkte Frans, ihm zu folgen. Hinaus auf den breiten Gang, der die wichtigsten Teile des Schiffes miteinander verband, und geradewegs zur Steuerzentrale, mit Signy im Schlepptau.
Die Steuerzentrale war für Frans eine Überraschung, weil sie keineswegs so aussah wie die Tropfsteinhöhle im „Feuerzahn“. Was er hier vorfand, war fast eine perfekte Übernahme des Vorbilds aus den Zeichentrickfilmen, mit der riesigen runden Frontscheibe, verteilten Pilotensitzen mit Instrumentenpulten und vielen, vielen Instrumenten.
 „Ich habe doch gesagt, die bekommen das auch ohne die Tentakel hin.“ freute sich Siwa. „Die Grundprinzipien, mit Einklinken ins System und einem Schutzfeld drumherum, wurden aber voll beibehalten. Mit anderen Worten, diese ganzen schönen und verwirrenden Gerätschaften hier sind zwar voll funktionstüchtig, aber im Normalfall nur Dekoration, weil bei weitem nicht so umfassend oder schnell zu bedienen wie in direkter Interaktion mit der Kay. Bei den Dreharbeiten müssen Sie natürlich so tun als ob. Und jetzt - gibt es eine weitere Überraschung. Nämlich ein weiterer Schauspieler nach Signy. Kay, würdest du bitte?“
„Selbstverständlich, Geselle Siwa.“ antwortete die wohlklingende synthetische Frauenstimme. Und Siwa verzog das Gesicht, weil -- „Das ´Geselle´ hat irgendein Spaßvogel in der Werft einprogrammiert. Läßt sich einfach nicht herauslöschen.“ erklärte er Frans. „Stimmt zwar technisch gesehen, gefällt mir aber trotzdem nicht. Klingt irgendwie so hochtrabend. Oder herablassend, je nachdem.“
Ein Stück vor ihnen bewegte sich die Luft, als plötzlich dort etwas wie in einem kleinen Wirbel materialisierte. Grau und metallisch glänzend, bildete sich etwas aus, scheinbar aus der leeren Luft heraus, wuchs Stück um Stück aus dem Mini-Tornado heran, nahm humanoide Form an, größer als Frans und Siwa, die beide die Einsneunzig an Größe erreichten. Am Ende war es etwa zwei Meter dreißig hoch, breit und wuchtig, doch immer noch humanoid in der Form, mit rötlich glühenden Augen, prankenartig breiten Händen und silbrig glänzender Oberfläche.
„Da haben Sie Ihr zweites Besatzungsmitglied nach Otho, Grag den Roboter.“ stellte ein übers ganze Gesicht feixender Siwa vor. „Im Film wird er natürlich der etwas tumbe Roboter aus den Romanen sein, aber in Wahrheit ist er ein kleiner Ableger der Kay, mit direktem Zugriff auf alle Daten, die in den Speichern abgelegt sind, und in ständigem Kontakt zu ihr, das heißt er ist genauso intelligent und lernfähig wie seine Mutter. Und genauso wie die Kay ist er darauf programmiert, Ihren Befehlen zu gehorchen, zumindest für die Dauer der Dreharbeiten. Das Schauspielern allerdings müssen wohl Sie ihm beibringen, dafür hat die Kay nämlich bis jetzt noch keine Datensätze erhalten. Na, was sagen Sie? Treten Sie ruhig näher, er beißt nicht. Außer Sie programmieren ihn darauf.“
- Und wie auf Kommando veränderte der bislang humanoide Roboter seine Form, in einer unglaublich fließenden, geschmeidigen Bewegung entstand aus dem silbernen Giganten blitzartig ein nicht weniger beeindruckender, bedrohlicher, metallener Kampfhund. Der sich im nächsten Moment schon wieder in seine erste Gestalt zurückverwandelte.

Frans brauchte eine Weile, seinen herabhängenden Unterkiefer wieder in die anatomisch richtige Lage zu bringen.
 „Das - das ist - das sieht aus wie --“ brachte er dann als erstes heraus.
„Wie dieser - Flüssigmetallroboter - aus dem zweiten Terminator-Film.“ kam dann endlich ein vollständiger Satz.
„Nicht ganz verkehrt, der Vergleich.“ lächelte Siwa. „Er besteht aus unzähligen winzigen Einheiten aus Nanometall, die sich nach Belieben umarrangieren können wie ein mechanischer Bienenschwarm. Natürlich hat man dabei auch mit Matrixtechnologie ein wenig nachgeholfen, er ist also ebenfalls eine Gestalt. Er kann auch autonom und unabhängig von der Kay agieren, ist dann aber in seinen Möglichkeiten stark eingeschränkt, weshalb die Verbindung immer aufrecht erhalten werden sollte.“
„Moment, Moment mal!“ stotterte Frans verdutzt. „Das soll doch ein Film werden, und in Filmen arbeitet man mit Tricks. Aber das hier ist alles so -- echt?“
Siwa grinste noch breiter. „Das klingt ja fast, als wäre das ein Fehler.“ stellte er vergnügt fest. „Aber dem DCD tut es ganz gut, wenn sie mal gefordert werden und gründlich die Sau durchs Dorf treiben können. Jeden Tag nur Organe für Verpflanzungen oder teilorganische Maschinenteile züchten macht auf die Dauer auch keinen Spaß.“
„Tun die sowas?“ murmelte Frans. Soeben zerlegte sich wieder einmal sein ganzes gewohntes Weltbild, weil er wieder daran erinnert wurde, daß er sich ein paar Jahrhunderte in der Zukunft befand, auf einer Welt, wo ganz selbstverständlich und alltäglich war, wovon in seiner eigenen Zeit nur die Science-Fiction-Autoren träumten.
„Na los, fassen Sie ihn an.“ forderte Siwa ihn auf. „Während des Drehs müssen Sie ganz natürlich mit ihm interagieren, schließlich ist Ihr Charakter mit diesem Roboter als Familienmitglied aufgewachsen. Da dürfen Sie nicht jedesmal zurückzucken oder über Ihre Schulter blicken, sonst massakriert Sie der Regisseur irgendwann.“
„Tut mir leid. Aber er sieht dem T-1000 irgendwie zu ähnlich. Nicht daß ihm plötzlich scharfe Klingen wachsen, oder so.“ entschuldigte sich Frans, der in der Tat gerade an einem Déjà-Vu zum zweiten Terminator-Film litt -- was insbesondere die chronische Mordlust des Antagonisten in dem Film betraf.
„Na schön. Kay, können wir „Grag“ hier ein bißchen mehr retro machen? Nur ein kleines bißchen, damit er nicht mehr ganz so silbern und geschniegelt wirkt?“
„Verstanden, Geselle Siwa.“ antwortete die Frauenstimme prompt. Und „Grag“ veränderte sich - das metallische Silber wurde matter, zu viel mehr Grau und scheinbaren Abnutzungsspuren, dazu bildeten sich Vertiefungen, Rillen, Linien und Kanten, wo bisher stromlinienförmige Glätte gewesen war. Und dann stand da anstelle des eleganten T-1000 ein kantiger, mit wenig Sachverstand zusammengeschweißter Steampunk-Roboter, der schon die eine oder andere Schlacht hinter sich zu haben schien.
„Na wer sagt´s denn.“ machte Siwa zufrieden. „Ist es so genehm?“
„Viel besser!“ nickte Frans. Und jetzt traute er sich, ganz vorsichtig, zuerst einen Finger und dann eine ganze Hand auf das Metall des Roboters zu legen. Er erwartete Bewegungen zu spüren von den unzähligen Mikro-Robotern, aus denen sich „Grag“ zusammensetzte, doch stattdessen spürte er -
„Er ist warm?“ stellte er überrascht fest.
„In dieser Menge zusammengeballt produzieren die Naniten einiges an überschüssiger Hitze. Die läßt sich natürlich auch auf andere Weise ableiten, wenn es nicht gewollt ist, daß er warm ist - etwa in einer Eiswüste, wo er sich selbst in die Tiefe schmelzen würde - aber normalerweise stört es nicht. An kalten Wintertagen könnte so ein wandelnder Handwärmer vielleicht sogar nützlich sein.“ scherzte Siwa.
Lächelnd sah er zu, wie Frans langsam um den Roboter herumkreiste und alle Einzelheiten genau musterte, obwohl er jetzt wußte, daß die Form sich jederzeit ändern konnte.
„Und jetzt, wie wäre es mit einer kleinen Spritztour?“ fragte Siwa dann, als er merkte, daß Fransens Neugier fürs erste gestillt war. „Das Schiff ist so weit fertiggestellt. Fracht oder anderen Ballast haben wir bis jetzt noch nicht, aber das wird sich im Lauf der Zeit von selbst ansammeln. Also?“
Und deutete auf die Pilotensitze.
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 30. Mai 2017, 17:45:02 Uhr
Frans sah ihn an, dann Signy, der ebenfalls auffordernd grinste und nickte, und sich gleich darauf in den Sitz schwang, der in den Zeichentrickfilmen für „Otho“ bestimmt war. Er blickte wieder zurück zu Siwa -
„Okay!“
Denn er wußte ja, daß Siwa ihn wie beim ersten Mal im „Feuerzahn“ anleiten würde, wenn es für ihn etwas zu tun gab. Hammer-SyMOrs waren idiotensicher gebaut, da konnte selbst ein unbedarfter Schauspieler nichts falsch machen.
Siwa deutete ihm, den Sitz zu nehmen, der im Film für den Captain reserviert war. Er selbst nahm den Platz von „Grag“ ein, dem Navigator. Frans schaute fragend nach hinten, zum echten Roboter, der starr und stumm herumstand.
„Den brauchen wir im Moment nicht, wir klinken uns ja direkt ins System ein.“ erklärte Siwa ihm. „Aber es ist besser, wenn er draußen bleibt, damit Sie sich an ihn gewöhnen können.“
„Verstehe.“ Und er ließ sich auf seinen Sitz nieder, gespannt, was gleich passieren würde. Würden hier auch diese grünen Tentakel als totaler Stilbruch auftauchen? Er versuchte, sich geistig zu entspannen, so wie bei ihrem ersten Flug im „Feuerzahn“...
Und schwebte auf einmal unter der Decke, von wo er auf drei stille Gestalten in ihren Sitzen und einen still dastehenden Retro-Roboter herunterblicken konnte. Er sah sich um, und bemerkte auf der einen Seite ein schwebendes, wolkenähnliches, etwas zerrupft aussehendes Gespinst, in das ein riesiger Smaragd eingewoben zu sein schien. Das war „Web“, Siwas Avatargestalt mit dem schlummernden Drachen in seinem Kokon, Tom Richards hatte ihm davon erzählt. Über Signys Sitz hing eine fußballgroße silberne Kugel, in deren makellos polierter Oberfläche sich die ganze Umgebung wiederspiegelte - der Avatar des Golems.
Ein Gedankenbefehl brachte Frans näher an die Kugel heran, so daß er seine eigene Erscheinungsform begutachten konnte, denn in normalen Spiegeln oder Kameras konnte man Geist-Avatare nicht sehen. Was er da sah, brachte ihn zum Grinsen, denn er sah - ein großes dreidimensionales Cartoon-Fragezeichen in relaxtem Blauton.
Aber Tom hatte ihm schon erzählt, daß sich Avatare ganz nach Stimmung ausbildeten und veränderten und sogar mit anderen Avataren verschmelzen konnten, wenn Matrixtechniker in einen Arbeitskreis eingebunden waren.
Und im Moment hatte er in der Tat jede Menge Fragen. 
Und er hörte das geistige Gekicher der zwei anderen, die sich über seinen Avatar amüsierten.
„Keine Sorge, das lernen Sie noch, Ihren Avatar unter Kontrolle zu halten.“ hörte er dann Siwa. „Sie sind nicht dazu gezwungen, Ihre jeweilige Befindlichkeit lautstark hinauszuposaunen.  Wie wäre es, wenn Sie sich jetzt zuerst mal Ihren Grag näher ansehen? Dann lernen Sie ihn nämlich auf ganz andere Art kennen.“
Aha, Vertrauensbildung, dachte Frans. Und näherte sich dem stillen Roboter, dessen ständigen Kommunikationsfluß mit der Kay und dem ganzen Schiff er jetzt sehr deutlich als dünne farbige und pulsierende Fäden aus Licht erkennen konnte, in einer Umgebung, die vollkommen aus derartigen Fäden, Flächen, dicken und dünnen Leitungen aus Licht zu bestehen schien, da alles an diesem ungewöhnlichen Raumschiff in irgendeiner Hinsicht lebendig war und vor latenter oder aktiver Energie leuchtete.
Vorsichtig berührte er den Roboter mit einer geistigen Hand - und war schlagartig eingebunden in die Datenströme, die die Naniten, die den vermeintlichen Metallkörper bildeten, ständig miteinander austauschten. Wie bei seinem letzten Flug mit dem „Feuerzahn“ schwirrte plötzlich eine Vielzahl an holografischen Anzeigen um ihn herum, die ihm das Lesen und Verstehen der Daten erleichtern sollten. Das meiste davon schien Business as usual zu sein, Anzeigen für Standort und momentane Funktion jedes einzelnen Nano-Partikels, die der Kay mitteilten, daß alles nach Plan verlief und keine Änderung oder Nachjustierung benötigt wurde. Aber Frans spürte mehr, nämlich daß die Naniten auf seine Anwesenheit reagierten, sie nahmen ihn sehr wohl wahr, oder besser seine geistige Anwesenheit. Er hatte das Gefühl, plötzlich inmitten eines Bienenschwarms zu stehen, der überall um ihn herum seine Botschaften brummte - freundliche Botschaften, denn er empfand ein Gefühl des Willkommenseins.
Grag/die Kay freuten sich, ihren ersten Herrn begrüßen zu können, von dem ihnen in den langen Monaten in der Werft, während sie konstruiert, wieder und wieder getestet und schließlich fertiggestellt wurden, schon berichtet worden war. Und sie erzählten ihm, was sie von ihm erwarteten, daß er sie hinausbrachte ins All, für das sie bestimmt waren, auf fremde Welten, ihnen Aufregung und Abenteuer bot, viele Abenteuer in vielen Jahren, die da kommen sollten...
„Moment mal. Bin da ich etwa gemeint?“ fragte Frans verdutzt, der an eine Verwechslung glaubte. Denn als Raumschiffskapitän hatte er sich ja nun nicht verdingt, oder?
„Benu. Zeitreise. Sie verstehen?“ hörte er Siwas Seufzen durch das Schwarmgebrumm hindurch. „Selbstverständlich haben die Benu Sie vorher schon auf Herz und Nieren getestet, bevor man Sie überhaupt hergeholt hat.
Die wissen, was in Ihnen alles steckt oder stecken könnte. Wenn man Sie als ZBVler herholt, dann erwartet man einiges von Ihnen, viel mehr als nur eine Rolle in einem Film. Tom hat Sie über diesen Punkt schon aufgeklärt, oder?“
„Ja, hat er. Aber - wäre ich einer solchen Herausforderung überhaupt gewachsen?“ zweifelte Frans laut. Verdammt, er war Schauspieler, kein echter Captain Future!
„Wenn die Benu meinen, daß Sie der Aufgabe gewachsen sind, dann sind Sie es auch. Lassen Sie es einfach auf sich zukommen, und wachsen Sie rein. Wenn es hart auf hart kommt, können Sie immer noch um Hilfe schreien. Sie dürfen nie vergessen, auch ich bin kein heuriger Hase mehr, ich hatte auch schon meine Scharmützel, und auch ich bin kein Held aus längst vergessenen Pulps.“
Tom hatte Frans davon erzählt, was Siwa in seiner Zeit alles erlebt hatte. Ungewollt und ohne eigene Schuld war er immer wieder in irrsinnige Situationen geraten, die sich jedoch im Nachblick als nützlich, da informativ und lehrreich entpuppt hatten. Orchestrierungen einer unbekannten, übergeordneten Macht im Vorblick auf viel größere Ereignisse, die noch kommen sollten? Laut Tom Richards war das keineswegs ausgeschlossen.
„Wie kann ich in sowas hineinwachsen?“ Im Moment schienen sich unendlich hohe Mauern aufzutürmen, in welche Richtung Frans auch blickte. Das konnte unmöglich real sein, unmöglich ernst gemeint sein...
„Indem Sie einfach einen Fuß vor den anderen setzen und alles mitnehmen, was Ihnen des Mitnehmens für wert erscheint. Gehen Sie die Wege, die sich vor Ihnen auftun und tun Sie einfach, was Ihnen als das Richtige erscheint, ignorieren Sie die dräuenden Fata Morganas am fernen Horizont. Wenn Sie irgendwo links gehen, wo jemand anderes meint, Sie müßten rechts gehen, dann soll er Ihnen das gefälligst sagen, oder ihn soll der Teufel holen. Seien Sie pragmatisch, und lassen Sie sich nicht zu schnell einschüchtern.
Dieses Denken verstehen die Benu, und sie reagieren auch darauf. Im Moment haben Sie sowieso Welpenschutz, vorläufig wird man Ihnen noch keine schweren Aufgaben übertragen. Das kommt erst dann, wenn Sie bereit sind. Und dann beginnt die Sache auch Spaß zu machen. Manchmal jedenfalls, manchmal wird es aber auch haarig. Warten Sie es einfach ab, und machen Sie sich jetzt noch keinen Kopf deswegen.“
„Ich fühle mich irgendwie so - hilflos.“ Es schmeckte Frans nicht, nicht zu wissen, woran er war. Er mochte es, wenn einem ein Regisseur klipp und klar sagte, wo er einen haben wollte und welche Gefühlsregungen gezeigt werden sollten. Ins Blaue hinein zu schauspielern lag ihm nicht, und hier ging es nicht einmal um ein so tun als ob, wenn ihm der wirbelnde Nanitenschwarm um ihn herum etwas ganz anderes versprach. 
Daß „Grag“ sich in seine Bestandteile aufgelöst hatte, hatte er zwar registriert, aber seiner Geistform konnte dieser metallische Schwarm ja nichts anhaben, oder?
„Oh, täuschen Sie sich nicht. Diese Naniten und die Kay, die an ihnen dranhängt, könnten auch unseren Avataren ordentlich Dampf machen, wenn sie es als notwendig erachten würden.“ kam prompt von Siwa und bewies, daß sie wieder in einem telepathischen Kollektiv vereint waren.
„Unterschätzen Sie die Kay nicht, sondern lernen Sie, mit ihr zu arbeiten, sie als Ihren vergrößerten Körper zu betrachten. Dieser Körper verfügt über Sinnesorgane und Mittel, von denen Sie im Moment noch nicht mal träumen können, und von denen auch ich noch viel zu wenig weiß. Lassen Sie ruhig Ihre Phantasie mal spielen, und überprüfen Sie dann, ob irgendetwas davon hier bereits verwirklicht ist, da werden Sie zweifellos die eine oder andere Überraschung erleben.“
Frans erinnerte sich an den Gegenstand, der - voll funktionstüchtig, laut Siwa - in der Spinnenhöhle des Schiffsdocs im „Feuerzahn“ stand, und begriff. Ein Raumschiff, mit hochgezüchteter außerirdischer Technologie unter Mitwirkung von zumindest ein paar sehr irdischen Nerds erschaffen...  da gab es vermutlich nichts, was es nicht gab, und selbst davon noch einiges. 
Titel: Re: CF der Film - Version 2772
Beitrag von: DAOGA am 14. November 2017, 12:18:46 Uhr
„Hat dieses Schiff auch eine Zeitmaschine?“ fragte er, nur halb im Scherz, weil er sich an die Zeitreisegeschichte der Captain-Future-Serie erinnerte.
„Die offen zugänglichen Bestandsverzeichnisse sagen nichts darüber aus, allerdings ist der größte Teil des wirklich interessanten Zeugs nicht im offenen Verzeichnis vermerkt, die ganzen Ostereier soll man gefälligst selber suchen. Ich würde deshalb kein Geld darauf verwetten, daß keine an Bord ist.“ Siwa hatte also selbstverständlich selber schon nachgesehen, in allen Verzeichnissen, die ihm zugänglich waren. Aber das waren bei weitem nicht alle, die es gab, wie er Frans telepathisch wissen ließ.
Frans stöhnte. „Also gut, ein Fuß vor den anderen. Was machen wir jetzt?“
„Wir starten erst mal, und dann zeige ich Ihnen was neues. Wir erforschen die älteste Siedlung auf dem Planeten, mit Hilfe der Kay und ihrer externen Einheiten. Sind Sie bereit für den Start?“
Frans konzentrierte sich, und dann saß er direkt neben Siwa in seinem Pilotensitz. Oder genauer, sein Avatar saß in einem immateriellen Sitz in einer Simulation des Cockpits, während ihre beiden realen Körper in ihren realen Sitzen im realen Cockpit in ihren Schutzfeldern ruhten. Ein sonderbares Gefühl, so doppelt vorhanden zu sein. Nicht schlecht oder unangenehm, nur sonderbar.
„Sie holen die Energie, ich öffne das Hangardach.“ wies Siwa ihn an. Und während Frans gehorsam ins flammende Herz des Schiffes griff - das hier nicht aus dreizehn Teilen wie beim „Feuerzahn“ bestand, sondern aus zweiundfünfzig! - Eine echte Overkillkapazität! Wofür in aller Welt benötigte ein relativ kleines Raumschiff so viel Energie? Das mußte sich ja anfühlen, wie auf einer scharfen Atombombe, nein, einer Supernova zu reiten! - sandte Siwa das kurze Kommando an den Dachmechanismus des Werftgebäudes. Sofort begannen die Dachsegmente in einer Kaskade wegzuklappen, mit Bewegungen, die denen eines primitiveren Nanitenschwarms nicht unähnlich waren, bis der Weg nach oben frei war.
„Bereit?“
Frans fütterte seine Küken, die alle gehorsam sperrten, das Orchester war bereit für die Ouvertüre. „Bereit.“
„Und ab.“
Und Frans drückte mit der Energie nach unten, überwand die geringere Schwerkraft dieser marsähnlichen Welt. Er ließ das Schiff zuerst schwerelos ein paar Meter ganz sachte in die Höhe gleiten, balancierte es aus - noch keine Fracht oder anderer Ballast, als ob das bei einer SyMOr von Bedeutung gewesen wäre - und ließ es dann immer noch langsam und dezent, aber mit zunehmender Geschwindigkeit nach oben steigen.
Ein kurzer Gedanke, die Kay reagierte sofort - ja, die Türwächter waren selbstverständlich drinnen, alle Luken geschlossen.
"Die Kay denkt selbständig mit. Der Pilot ist für wichtige Entscheidungen da, nicht für Kleinigkeiten wie Licht ausschalten und Wasserhahn zudrehen, oder ob alle Cyders beim Start an Bord sind.“ grinste ihn Siwa an. „Spricht aber für Sie, daß Sie an Kleinigkeiten überhaupt denken. Ein Auge für Details kann in einem Einsatz lebensrettend sein, deshalb lassen Sie diese Fähigkeit bitte niemals unter den Tisch fallen.“
Frans nickte, ganz auf den Start konzentriert. Mit steigender Geschwindigkeit schwebte das Schiff senkrecht nach oben, bis die externen Augen die ganze Umgebung mit ihren Gebäuden und ihrem Pflanzenwuchs zeigten, und noch viel mehr, da Infrarot und andere Sinne auch die verborgenen unterirdischen Bauwerke zeigten, die Untergrundbahn und vieles mehr... aber da war der Schutzschirm als Hindernis nach oben. Wie sollte der überwunden werden, ohne entweder den Schirm zu beschädigen - mit dem Risiko, daß die Luft aus der Kuppel entwich! - oder aber das Schiff selber, dem diese energetisch pulsierenden Strukturen vielleicht gefährlich werden konnten?
„Da ist die Schleuse. Ich übernehme das Steuer.“ sagte Siwa, und tatsächlich, da war ein Stück seitlich von ihnen eine Art gigantische Taschenkonstruktion, anders konnte Frans es nicht definieren, wie der Klappmechanismus einer ordinären Damenhandtasche, man flog auf der einen Seite ein, das Ding schloß sich, und dann wurde man auf der anderen Seite ausgespuckt. Wie Schleusen halt üblicherweise funktionierten. Siwa flog mit angemessen dezenter Geschwindigkeit an, und kurz danach waren sie auch schon draußen, außerhalb der Kuppel, die sich hinter ihnen über dem Planetenboden erstreckte wie ein riesiges, glänzendes, vielfach facettiertes Juwel. Und jenseits davon erstreckte sich die erschreckende Ödnis der rötlichen marsähnlichen Welt, die niemals so etwas wie eine eigene Vegetation hervorgebracht hatte, oder eine Atmosphäre, die dicht genug gewesen wäre, eigenen Lebensformen eine Entwicklung auf der Planetenoberfläche zu ermöglichen.
„Ist nicht weit, wir fliegen nur auf die andere Seite des Planeten. Dort wurde vor etwa dreihundert Jahren die erste Siedlung in moderner Zeit gegründet. Es gab schon mal ältere Stationen, zur Zeit der ersten Expansion der Dhoanor, aber die wurden in dem Krieg gegen den Unsichtbaren Feind vor fast dreizehntausend Jahren zerstört, ein paar Atomkrater aus dieser Zeit sind immer noch sichtbar. Das Sfarrk-Imperium, zu dem dieses System heute gehört, hat es erst ein paar tausend Jahre später übernommen. Heute dient Nh´Nafress als Relais-Station für Hypersprünge sowohl nach Dhoan-Sek als auch ins Sfarrk-Territorium, von der Erde aus gesehen, weil alle Parteien ungefähr gleich weit von hier entfernt sind.“ wiederholte Siwa ein paar Einzelheiten aus dem Sim ihrer Zugfahrt, während eine schwebende dreidimensionale Sternenkarte, auf der die einzelnen Sonnensysteme und Machtbereiche bunt aufleuchteten, seine Worte unterstrichen. 
„In dem ganzen Gebiet eingestreut sind verschiedene Systeme, wo die Draina, eine weitere Alienrasse, gerade Welten terraformieren, so daß sie anschließend für Sauerstoffatmer wie uns nutzbar sind. Die Draina sind Gestaltwandler und haben in dieser Hinsicht phantastische Eigenschaften, weil ihre Genetik extrem wandelbar ist, es heißt, wenn man einen Draina und ein paar Millionen Jahre Zeit hat, entsteht aus einem leblosen Klotz von Erdformat ein blühendes Paradies. Bei mehr von den Draina geht es natürlich schneller, aber ein paar tausend Jahre muß man mindestens investieren. Langzeit-Anlagen im Sinne des Wortes. Die Draina sind so langlebig, weil sie ihre Alterungsprozesse unter Kontrolle haben und außerdem immer ein paar Ersatzkörper in Reserve haben, so wie Tom und ich unsere Drachen. Und sie haben noch ein paar weitere Überlebens-Tricks drauf, die sie niemandem verraten.“
In gemütlicher Fahrt und reichlicher Höhe, obwohl die dünne Atmosphäre keinen nennenswerten Widerstand bot, umkreisten sie den Planeten, so daß Frans in aller Ruhe die verstreuten glitzernden Juwelen der Kuppelstädte auf der toten, staubtrockenen Oberfläche bewundern konnte. Und dann ging Siwa schon wieder tiefer, steuerte aber die nächstliegende Kuppelstadt nicht unmittelbar an.
„Die allererste kleine Siedlung hat man nach Errichtung der ersten Kuppel aufgegeben, ihre Überreste stehen heute außerhalb der Kuppel in der Wüste, quasi als Sehenswürdigkeit für Leute, die mal imaginär Wüstenluft schnuppern wollen.“ sagte Siwa zur Begründung.
„Wir landen gleich daneben, die Landegenehmigung ist schon erteilt. Und dann zeige ich Ihnen, was man mit den Cyders alles anstellen kann. Einige davon sind nämlich für Einsätze in ungenießbaren Atmosphären und im Weltraum geeignet, mit ihrer Hilfe schauen wir uns die alten Häuser an.“
Also kein Aussteigen in diesen schicken Raumanzügen diesmal, dachte Frans und ließ sich abermals gerne überraschen. Federleicht setzte das gewiß tausende von Tonnen wiegende Raumschiff auf einer sandigen, felsübersäten Ebene auf, nicht weit von dem Ort entfernt, an dem die Siedlung, auf einer kleinen eingeblendeten Karte abgebildet, liegen sollte.
„Einklinken in externe Scout-Systeme.“ befahl Siwa der Kay laut, obwohl ein Gedankenbefehl gereicht hätte. Aber Frans sollte ja mitbekommen, was vor sich ging.
Neue holographisch projizierte Fenster mit Daten und Befehlsoptionen taten sich auf.
„Wir haben externe, lenkbare oder programmierbare Systeme für alle nur erdenklichen Zwecke. Ob Sie die moderne Form einer Brieftaube verschicken wollen, wenn die normalen Kommunikationskanäle abgehorcht werden, oder wenn Sie einem Gegner einen Spion und Peilsender anhängen wollen, oder wenn Sie eine fremde und potentiell gefährliche Welt auf sichere Distanz mit beweglichen Sensoreinheiten untersuchen wollen, weil Sie sich dort eine Landung aus Sicherheitsgründen lieber verkneifen, das ist alles kein Problem. Im Zweifel opfert man in einer Notsituation lieber eine Cyder als gleich das ganze Schiff, verstehen Sie? Obwohl es im Normalfall schick ist, wenn Sie nicht mehr Cyders als unbedingt nötig irgendwo verschusseln. Das sind schließlich mehr oder weniger halborganische Lebewesen, die auch froh sind, wenn sie den Feierabend in ihren Nestern verbringen können, Mitbewohner dieser riesigen Wohngemeinschaft, die opfert man nicht ohne Notwendigkeit. Alles verstanden?“
„Ja.“ nickte Frans. Und machte sich ein weiteres Mal klar, daß Siwa recht hatte und dieses ganze phantastische Schiff eine einzige riesige symbiotische Einheit war, eine lebendige pulsierende Großstadt aus Lebewesen mechanisch-organischer Natur, in der alles aufs feinste aufeinander abgestimmt war und sie beide als Menschen keineswegs die wichtigsten Bestandteile darstellten. Sie gaben nur den Kurs vor, dem der ganze Rest folgen sollte, sie waren die Navigatoren und der lenkende, denkende Verstand eines riesigen Lebewesens mit unglaublichen Fähigkeiten, die ihm den Zweck seiner Existenz verliehen.