Autor Thema: Baby  (Gelesen 49 mal)

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Offline DAOGA

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Baby
« am: 12. September 2018, 10:51:08 Uhr »
Der Ausweis von Senior Agent Fox öffnete ihnen den Weg durch die Straßensperre.
Schon auf diese Distanz war ein unheilvoll wirkendes Flackern von jenseits des baumbewachsenen Horizonts zu erkennen, obwohl die Sonne inzwischen aufgegangen war und von einem fast wolkenlosen blauen Himmel lachte. Ein Flackern, das eindeutig nicht von Rettungswägen stammte, da zu unregelmäßig und zu weißlich, manchmal sogar wie ein bodenständiger Blitz bis in den Himmel hinausgreifend, züngelnd, hektisch, unruhig, aber immer am gleichen Ort bleibend.
Ihr Wagen schlich weiter, bis ein Mann in Sheriffsuniform ihnen bedeutete, zu stoppen.
“Weiter geht es nicht, Gentlemen, sorry, außer Sie wollen, daß Ihnen der Motor verreckt und Sie später abgeschleppt warden müssen.” erklärte er wie entschuldigend. Wie die anderen Offiziellen vor Ort war er informiert worden, daß Washington Experten schicken würde, doch daß das so schnell gehen würde, hatte man nicht erwartet.
“Lassen Sie alle elektronischen Geräte hier, Handys, Armbanduhren, Taschenrechner, sonst können Sie die alle hinterher in die Mülltonne werfen. Die Energiestrahlung ist immens, sie zerstört alles was elektrische Schaltkreise hat, wirkt wie ein Mini-EMP. Organischen Lebewesen scheint sie nichts zu tun, jedenfalls konnten unsere Geigerzähler kein gefährliches Maß an Radioaktivität feststellen. Für metallische Implantate würde ich allerdings nicht die Hand ins Feuer legen, also hören Sie lieber auf Ihre Zahnkronen und ziehen sich sofort zurück, falls Sie was spüren sollten. Personen mit Herzschrittmachern sollten sich komplett fernhalten. Ansonsten fragen Sie, wenn Sie was brauchen sollten, wir wurden angewiesen, Ihnen jede mögliche Hilfeleistung zukommen zu lassen.” Er schob seinen Stetson in den Nacken, sein Gesichtsausdruck der gleiche Mix aus ratlos und Faszination wie bei den anderen Personen, an denen die Besucher aus Washington vorbeigekommen waren, denn zumindest einen Blick auf das Objekt aus sicherer Distanz hatte sich niemand verkneifen können.
Fox, Wylie und ein gewisser Tom Richards falteten sich aus der Mietlimousine, die sie von Amarillo aus hierher gebracht hatte. Bis Amarillo hatte Tom den Weg in seiner Drachengestalt per zeitloser Teleportation zurückgelegt, mit seinen zwei Agenten als mutigen Drachenreitern auf dem Sattel, auf diese Weise hatten sie massiv Zeit gespart zwischen dem Anruf über den mutmaßlichen UFO-Absturz, der im frühen Morgen bei der Federal Security Agency eingegangen war, und ihrer Ankunft hier.
“Es ist schräg über die Hügel hier heruntergekommen, hat etliche Bäume und stellenweise die Hügel selbst wegrasiert und ist dann da vorne aufgeschlagen.” deutete Sheriff Mason Hardy mit beiden Händen in die Landschaft, während die Agenten sich gehorsam von allen schadensanfälligen modernen Apparaten entblößten. Tom Richards trug nichts dergleichen bei sich, da sich sein Werkzeug ohnehin nicht mit Elektronik vertrug.
“Hat einen ordentlichen Krater verursacht, und da ist es jetzt, und blitzt und blinkt, als ob es jeden Moment in die Luft fliegen wird. Wir haben schon versucht, die Neugierigen zu verscheuchen, aber hier draußen gibt es nicht gerade viel Abwechslung, und der Absturz hat sich herumgesprochen wie ein Lauffeuer. Während es in der Nacht herunterkam, soll es kurzfristige Störungen gegeben haben, in elektrischen Geräten und Ausfälle in den Stromleitungen in der Umgebung, wie bei einem starken Gewitter. Jetzt passiert nichts mehr, wenn man nicht zu nahe herangeht.”
Da man näher an der Absturzstelle mit Maschinen und Geräten nicht mehr weiterkam, hatten die Einheimischen pragmatisch reagiert und sich mit vierbeinigen Transporten beholfen. Pferde gab es hier auf fast jeder Farm im Umkreis, schließlich befand man sich im texanischen "Panhandle".
Der Braune des Sheriffs war ein paar Meter weiter an einem Baum angeleint und knabberte völlig unberührt von der menschlichen Nervosität ringsum an einem Grasbüschel. Hardy nahm die Zügel, stieg aber nicht auf, das Tier führend marschierte er seinen Gästen voran. Andere Reiter wurden zwischen den Bäumen sichtbar, und sie alle waren bewaffnet und auf das konzentriert, was für die Gäste im Moment noch unsichtbar jenseits einer kleinen Bodenerhebung in einer Senke liegen mußte.
“Wir wissen echt nicht, womit wir es hier zu tun haben. Eine Flugmaschine ist das wohl nicht, keine irdische jedenfalls. Es sieht mehr aus wie ein riesiger, konzentrierter Kugelblitz, obwohl Blitze normalerweise nicht so lange leben, oder? Jedenfalls hat es verdammt viel Saft drauf, so wie es abstrahlt. Und ich habe verdammte Angst, das Ding könnte jeden Moment in die Luft fliegen, denn wenn das passieren sollte - Mann, keine Ahnung, aber schön wird´s vermutlich nicht.” Man sah ihm an, daß er sich nicht wohl in seiner Haut fühlte.
« Letzte Änderung: 28. September 2018, 11:09:29 Uhr von DAOGA »

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Re: Baby
« Antwort #1 am: 13. September 2018, 16:26:57 Uhr »
Die elektrischen Entladungen, die bis hoch in die Luft stiegen, waren schon jetzt deutlich zu sehen, und sie spürten alle, wie sich in der aufgeladenen Atmosphäre ihre Haare aufstellten und metallische Gegenstände sich aufzuladen begannen. Ozongeruch hing schwer in der Luft. Und dann waren sie am höchsten Punkt des Weges angekommen und konnten hinabsehen in den schwarzverkohlten Krater, der überraschenderweise zwar groß, aber nicht besonders tief zu sein schien - weil nämlich das, was ihn geschlagen hatte, und bei seinem ungewöhnlich flachen Anflugswinkel eine lange Narbe an Zerstörung in der Landschaft hinterließ, nicht im Krater lag, sondern knapp über dem Boden schwebte.
Und es sah in der Tat nicht wie irgendeine Art von Flugmaschine aus, sondern mehr wie eine riesige zusammengeballte Ansammlung von sehr zornigen Blitzen, die irgendeine unbekannte Macht aus den Wolken heruntergezwungen hatte und die jetzt verzweifelt versuchten, unter jeder Menge Lichtentwicklung und jähen Strahlungsausbrüchen in jede beliebige Richtung zu entfleuchen. 
“Ist das - ist das sowas wie ein psionischer Schock?” fragte Agent Fox in Richtung seines Leib- und Magen-Experten.
Weil er sich erinnerte, was Tom einmal erzählt hatte, von einer psionischen Schockwelle, die beim Aufschlag auf einer Planetenoberfläche wie ein materielles Objekt sehr reale Schäden hinterlassen hatten, die diesen hier nicht unähnlich gewesen waren.
“Nein, ich kann nichts spüren. Weder im Hirn noch im Magen.” antwortete der Mann mit der ungewöhlich langen blonden Haarmähne. Weil nämlich seine Eingeweide immer sein erster Körperteil waren, der mit akutem Unwohlsein auf nahende psionische Schocks reagierte, was Fox wußte.
“Alles was ich im Moment spüren kann, ist verdammt viel Energie. Meine Schlüssel können nichts wirklich gefährliches anmessen, außer daß man lebendig gebraten würde, wenn man ungeschützt näher herangeht. Aber ich habe das Empfinden, daß da Strukturen vorhanden sind - geordnete Strukturen, sowas wie ein Bewußtsein … ich muß mir das genauer anschauen.”
Und er schritt voran, auf das Riesenknäuel aus energetischen Entladungen zu.
“Was macht er da, he Sie, bleiben Sie stehen!” rief Sheriff Hardy ihm nach, bis er die Hand von Fox an seinem Arm fühlte.
“Lassen Sie ihn, er ist unser Experte für alles, was  aus der Twilight Zone stammt. Er weiß schon, was er tut.”
“Aber er trägt nicht mal einen Schutzanzug! Wie will er da am Leben bleiben?”
“Er hat seine eigenen Methoden. Wenn er sich nicht selber schützen kann, dann hilft ihm auch kein Anzug mehr. Lassen Sie ihn erst mal machen, er wird es uns schon irgendwie wissen lassen, wenn es gefährlich werden oder wenn er Hilfe brauchen sollte.”
Fox konnte erkennen, daß sich ein mildes bläuliches Leuchten um die Gestalt von Tom Richards gelegt hatte, ein normalerweise undurchdringliches Schutzfeld, das die gegnerischen Energien ablenkte und fernhielt. In der einen Hand trug Tom seinen unverzichtbaren silbernen Stock, in dessen Knauf die Energiematrix eingelassen war, die die Kraft für das Schutzfeld lieferte. Jetzt hob er beide Hände, die mit dem Stock und die freie, den vor ihn tobenden Energien entgegen, als wolle er sie im uralten ägyptischen Ritus anbeten - oder mit ihnen eine Kommunikation aufnehmen. Zumindest Fox konnte sich denken, was er tat, nämlich mit Hilfe seines Werkzeugs erst mal anmessen und abschätzen, mit was er es ungefähr zu tun hatte.
Das dauerte wohl seine Zeit, die Fox auf eigene Weise nutzen wollte. Die aufdringliche Anwesenheit von zu viel scharf geladener Hardware in den Armen der Reiter und sonstigen Schaulustigen im weiten Umkreis um das fremde Objekt gefiel ihm nämlich ganz und gar nicht, am liebsten hätte er einen sehr ausführlichen Bannkreis um das ganze Geschehen gezogen und jeden nach Hause geschickt, der hier nichts verloren hatte. Und das nicht nur aus Gründen der Geheimhaltung, denn die war eh schon den Bach hinuntergegangen, noch bevor die Agency heute morgen von dieser Sache erfahren hatte.

Offline DAOGA

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Re: Baby
« Antwort #2 am: 28. September 2018, 10:47:29 Uhr »
“Sheriff Hardy,” sprach er darum, “wir wissen nicht, was gleich passieren wird, aber ich weiß, daß unser Experte es gar nicht mag, wenn ahnungslose Leute aus Unwissenheit oder Nervosität querschießen, im Sinne des Wortes.”
Er blickte vielsagend auf die Schrotflinte, die der Sheriff für alle Fälle mit sich herumtrug.
“Ich möchte mir deshalb ausbitten, daß die Leute hier nur dann losballern, wenn sie einen ausdrücklichen Befehl von mir dazu erhalten, aber unter keinen anderen Umständen. Solange kein Befehl kommt, sollen sie ihre Waffen gesichert halten und unter keinen Umständen von sich aus mit dem Schießen anfangen. Ganz egal was passiert. Wenn irgendetwas bedrohlich wirkt, sollen sie sich in Sicherheit bringen, aber auf keinen Fall schießen.
Im ersten Kontakt mit fremdartigen Mächten ist Feigheit vor dem Feind keine Schande, denn wer heute überlebt und erst mal dazulernt, was überhaupt Sache ist, kann morgen dafür um so besser kämpfen, und es ist ohnehin nicht sicher, ob gewöhnliche Waffen überhaupt eine Wirkung zeigen würden. Können Sie das so weitergeben?”
“Wenn Sie das so sagen, Sir.” bestätigte der Sheriff, obwohl ihm der Zweifel ins Gesicht geschrieben stand. Er kannte schließlich seine Mitbürger, die als typische Texaner am liebsten zuerst schossen und hinterher erst die Fragen stellten, aber nur falls die Antworten dann überhaupt noch relevant waren.
“Haben Sie hier sowas wie einen nichtelektronischen Signalgeber?”
“Und ob ich den habe. Dachte mir doch, daß wir hier sowas brauchen könnten.” Der Sheriff präsentierte Fox ein gasgetriebenes Signalhorn. Eines der wirklich lauten Dinger, dessen Ton man zweifellos quer über den ganzen Krater hinweg hören konnte.
“Es funktioniert, ich habe es schon ausprobiert.”
“Perfekt!” freute sich Fox und nahm die Tröte entgegen. “Sagen Sie den Leuten, einmal tröten heißt weglaufen, nur zweimal tröten heißt schießen. Für unsere Truppe ist das Weglaufen von Zivilisten der bessere Teil der Tapferkeit, verstehen Sie, das Kämpfen soll den Experten vorbehalten bleiben. Wenn wir mit etwas nicht fertigwerden, schaffen die Leute hier das erst recht nicht.”
“Klingt als hätten Sie schon Erfahrung, Sir.”
“Haben wir. Nicht genau mit sowas wie dem hier, das hier ist was neues, aber mit ähnlichen Fällen.” So viel konnte und durfte Fox verraten, ohne Geheimnisverrat zu begehen.
Da Hardys Deputy und ein paar andere Männer, die die Ankunft der Experten aus Washington mitbekommen hatten, neugierig mitgehört hatten, brauchte der Sheriff nur ein paar Anweisungen zu geben, um die offizielle Order in beide Richtungen rund um den Krater weiterzuleiten.
Bei Richards schien sich inzwischen was zu tun. Die Entladungen des Blitzknäuels schwächten sich merklich ab, das hektische energetische Pulsieren verringerte sich, aber zugleich verlor die winzige Figur, die Tom Richards neben dieser lebendigen und sehr aktiven Gewitterwolke war, die Bodenhaftung und schwebte langsam empor, die beiden Arme immer noch erhoben. Und zugleich begann auch das riesige energetische Gebilde langsam sich vom Boden zu entfernen, den es seit seinem Aufprall nicht wieder ganz berührt hatte.
“Wie ist das möglich?” staunte Hardy. Einen schwebenden Mann hatte er noch nie erlebt.
“Haben Sie das bläuliche Leuchten um ihn herum gesehen? Das war ein Schutzfeld, mit dem er sich gegen die fremde Energie geschützt hat. Vermutlich gibt es eine magnetische Wechselwirkung. Sie haben bestimmt schon mal die Fotos von diesen Fröschen gesehen, die man in einem Magnetfeld hat schweben lassen. Ist hier genau dasselbe, nur daß unser Frosch hier Tom Richards heißt.”
Höchstwahrscheinlich hatte der gute Sheriff aus der tiefsten texanischen Pampa keinen blassen Schimmer von schwebenden Fröschen, geschweige denn das Bild in einem Wissenschafts-Magazin gesehen, aber Fox hatte inzwischen aus diversen Richards-Fällen gelernt, daß die übliche Geheimdienst-Geheimniskrämerei in Einsätzen der übernatürlichen Art die Phantasie der Menschen erst recht anheizte. Was aus Sicht der Agency keineswegs wünschenswert war, weil es wiederum die Presse und das öffentliche Interesse befeuerte und auf Dinge lenkte, die man vielleicht lieber unter dem Teppich belassen wollte.
Also dämpfte man besagte Phantasie am besten gleich von vornherein durch hochkompliziert klingende pseudowissenschaftliche Erklärungen, ergänzt um subtile Androhungen, genauer ins Detail gehen zu wollen, was wissenschaftlich uninteressierte oder fachfremde Personen meistens schon dazu veranlaßte, die Schotten dicht zu machen und die Ohren fortan auf Durchzug zu stellen.
Falls Fox doch mal auf jemanden stoßen sollte, der es besser zu wissen meinte, konnte er ihn immer noch mit semantischen Spitzfindigkeiten verwirren und gegen sich selbst ausspielen. Diesen Trick beherrschte der Senior Agent aus dem Eff-Eff, darauf war er in langen Geheimdienstjahren gedrillt worden.
Übrigens wußte auch Fox selbst über die schwebenden Frösche nicht mehr als das, was er dem Sheriff soeben erzählt hatte, schließlich war er selbst kein Wissenschaftler. Da er aber inzwischen die üblichen Handlungen und Reaktionsweisen eines Tom Richards kannte, hatte er sich eine kleine Sammlung von Anekdoten aus Wissenschaft oder Trivialkultur zusammengestellt, aus der er in passenden Situationen zitieren konnte.
Sein früherer Assistent Wylie, ein selbsterklärter Nerd, hatte mit dieser Technik zu arbeiten begonnen und zur großen Überraschung von Fox und ihrem gemeinsamen Vorgesetzten, General Wade, gute Erfolge im Umgang mit Zivilisten erzielt.
Nein, man log die Öffentlichkeit damit nicht direkt an … aber man lenkte sie zumindest über nachvollziehbare weil einschlägig bekannte Konzepte und Ideen ab von den Dingen, die wirklich vorgingen. Die menschliche Phantasie war so gemacht, unwillig, von sich aus einen neuen Weg einzuschlagen, wenn ihr ein scheinbar eingefahrener und einfacherer auf dem Silbertablett serviert wurde.
Mit genug absichtlich offengelassenen Lücken natürlich, an denen sich die Phantasie auch ausreichend festkrallen konnte, um nicht dort tätig zu werden, wo es der Agency wehgetan hätte.